Angelo Nigro




World without Profit
Dieses Buch wurde digital nach dem neuen „book on demand“ Ver-
fahren gedruckt. Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor
verantwortlich.


Für die Bücher in der deutschen Sprache
© 2009 edition nove, Neckenmarkt

Printed in the European Union
ISBN 978-3-85251-534-2

Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem
Papier.


                      www.editionnove.de
1.Auflage


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ersatz. Alle Personen und Namen sind frei erfunden. Der Roman
ist reine Fiktion. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse
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                                5
Ein herzliches Dankeschön an alle, die an diesem
Buch mitgewirkt haben, insbesondere an meine Frau
Véronique.




                        7
Einleitung

oder

Die Entstehung dieses Buches



Nach einem Traum der mich lange beschäftigt und
von dem ich nicht wusste was er zu bedeuten hatte,
bin ich wie von Geisterhand geleitet zum Schreiben
gekommen.
In dem Traum vor etwa zwei Jahren war immer wie-
der die Rede vom „Salz der Erde“. Dieser Satz wurde
in meinem Traum mehrmals wiederholt. Ich konnte
damals nicht verstehen was es damit auf sich hatte und
habe lange in Büchern, Zeitschriften und im Internet
nach Salz, Wasser, Salzkristall, Papst, ägyptische Pyra-
miden, Maya und andere Hochkulturen, NA Cl und
halt alles was damit zu tun haben könnte recherchiert.
Ich bin vom Himalaja Salz bis in die Weltmeere vor-
gedrungen. Von Energie-Erzeugung und Elektrolyse
bis zur Osmose. Bis vor einigen Tagen… als das Buch
praktisch geschrieben war, mir das Motiv oder der
Sinn dieses Werkes bewusst wurde und wie Schuppen
von den Augen fiel.
Worum es im meinem Traum ging, war schlicht und
einfach die Bedeutung und den Platz des Menschen
auf unserem Planeten und im Universum zu verste-
hen. Unabhängig von seinem Glauben, seiner Her-
kunft und Couleur. Hier steht der Mensch im Mittel-
punkt der Diskussion. Er ist „das Salz der Erde“.
Dieser Traum hat mir die Möglichkeit gegeben ein
Buch zu schreiben. Ich habe mal früher darüber

                           9
nachgedacht, dies eines Tages zu tun, aber nie richtig
daran geglaubt.
Was mich wundert ist, dass ich dabei ein für die Be-
griffe einiger Leser komplett utopisches, unrealis-
tisches wie illusionäres Buch geschrieben habe. Die
darin beschriebene VISION kann aber gar nicht so
einfach abgetan werden. Denn mein logisches Den-
ken sagt mir und wahrscheinlich vielen von Ihnen, so
abwegig ist das Ganze gar nicht, wenn die Menschheit
überhaupt eine Chance haben will in Zukunft diesen
Planeten weiter zu besiedeln.
Unser Ziel darf nicht nur stur auf dem Weg des mate-
riellen Glücks weiter ausgebaut werden.
Dieser Weg müsste mit unserem klaren Menschenver-
stand mittlerweile als der falsche Weg verstanden wer-
den, egal wo er hinführen mag. Wenn jeder Einzelne
sich damit auseinandersetzen würde, kommt er sehr
schnell zum Entschluss, wir laufen entweder in eine
Sackgasse oder in unser Verderben.Wir sollten uns be-
sinnen und uns selber eingestehen, so weit und nicht
weiter.Wir müssen für unsere Kinder etwas tun, wenn
es überhaupt noch eine Zukunft für uns Menschen
geben soll auf diesem wunderschönen Himmelskör-
per.
Was wollen wir ihnen und anderen überhaupt hinter-
lassen?
Lesen Sie selbst.




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Vorwort



In diesem Buch möchte ich alle Nationen, Politiker,
Religionen, Mediziner, Wirtschaftsbonzen und Ak-
tionäre bitten, sich zu mäßigen und zu besinnen, der
Menschheit nicht den Weg für eine (bessere) Zukunft
zu versperren mit ihren Unersättlichkeiten und Lü-
gen.
Die Schätze dieser Erde gehören sowohl den Men-
schen als auch den Tieren und den Pflanzen. Letz-
tere müssen wir wie unsere eigenen Kinder schüt-
zen, denn sie können sich nicht wehren. Da unsere
Atmosphäre so zerbrechlich ist wie Glas, sollten wir
sie mit äußerster Vorsicht behandeln. Alle Menschen
haben das Recht, teilzuhaben am Wohlstand, egal,
welchem Land, welcher Farbe oder Gesinnung sie
angehören. Unsere Kinder brauchen ein Vorbild und
wir müssen sie schützen vor jeglicher Ungerechtig-
keit. Daher gilt es, der Armut massiv und konsequent
entgegenzuwirken. Wir sollten Gott dem Allmächti-
gen dienen, damit die Verantwortlichen einsehen, dass
dies der einzig richtige Weg ist. Dies sind keine leeren
Worte, sondern die Botschaft Gottes, durch Nächs-
tenliebe und Toleranz ein besseres Verständnis unter
den Menschen auf diesem Planeten zu erreichen.
Täglich lernen wir von der Natur oder ahmen sie
nach. Aber ist es nicht dennoch schön, nach allen
technischen Errungenschaften zurück zur Natur zu
finden und nach einem warmen Sommerregen den
Duft von Gras einzuatmen? In kalten Wintertagen
morgens beim Aufstehen die eisige klare Luft und den
kalten Schnee zu fühlen? An einer Quelle, umringt

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von Frühlingsblumen, unbekümmert den Durst zu
löschen?
Also lasst uns alle miteinander etwas tun, damit dies
alles für unsere Kinder erhalten bleibt und nicht eines
Tages nur noch eine Gutenachtgeschichte darstellt.




                          12
Unter dem Druck des Klimawandels




2013

Angesichts der multimedialen Möglichkeiten ließ
sich der nun besser informierte Mensch nicht mehr
so einfach durch die Lügenmatrix der Konzerne ein-
wickeln, die sich mit billigen Tricks weiter bereichern
wollten. Es kam zu einem Machtkampf mit gewissen
skrupellosen Geschäftemachern, die bislang gemeint
hatten, mit den Rohstoffen und Bodenschätzen unse-
rer Erde alles tun und machen zu können, wie es ih-
nen beliebte, weil sie das nötige Kapital besaßen.
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen war es gelun-
gen, zukünftig nicht mehr alles mit Kapital oder Fusio-
nen erwerben zu können, da die Regeln und Gesetze
sich zum Wohle der Allgemeinheit geändert hatten,
zumal eine Umweltkatastrophe, die unwiderruflich
auf die Menschheit zurollte, mit allen Konsequenzen
drohte. Wir mussten versuchen, sie mit all unserer In-
telligenz und unserem Wissen zu verhindern, sei es
durch Fahrzeugreduzierungen, Stromeinsparungen
oder Rationalisierung gewisser Rohstoffe und Pro-
dukte. Wir mussten lernen, bewusster mit alldem um-
zugehen und mit der Gemeinschaft zu teilen.
Da die meisten fossilen Brennstoffe und Bodenschät-
ze sich ihrem Ende zuneigten oder bereits erschöpft
waren, lohnten sich Kriege – zumindest deswegen
– einfach nicht mehr. Die Zukunft musste sich auf
erneuerbare Energien, einen veränderten Lebenswan-
del und neue Strukturen unseres alltäglichen Lebens
konzentrieren und sich daran orientieren.

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Hitze, Dürren, Überschwemmungen und Orkane
waren ein fester Bestandteil unseres Alltags gewor-
den, dazu kam das Schmelzen der Gletscher. Fast alle
Tiere drohten auszusterben, weil das natürliche Um-
feld ohne Hemmungen zerstört worden war. Zudem
mangelte es zusehends an Wasser, unserem kostbarsten
Gut, denn die Gletscher waren verschwunden und nur
noch im Winter auf den Nordkappen anzutreffen.
Doch das schlimmste Problem stellte die Atmosphäre
dar, die so verunreinigt war, dass das Kohlendioxid die
Oberhand übernommen hatte und der Sauerstoffan-
teil in der Luft schwand. Die überforderten Wissen-
schaftler wussten keine Lösungen. Vermutet wurde,
dass wir das Ozonloch unterschätzt hatten und der
Sauerstoff ins All entwich, wobei der Sauerstoffan-
teil in der Luft zurückging. Die Jagd nach Sauerstoff
war somit eröffnet. An einigen Stellen standen bereits
Sauerstoffzapfsäulen, nur für besser Betuchte natür-
lich, während die Bevölkerung in den höheren Lagen
und in den Städten über Müdigkeit, Kopfschmerzen,
Schwindelanfälle und viele andere Gesundheitsschä-
den klagte. Ein Rückgang der Belastbarkeit der Men-
schen machte sich bemerkbar. Großes Unheil stand
vor der Tür.
Wenn die Politik zuließ, dass sich die Konzerne wei-
terhin bereicherten und nichts dagegen unternahm,
schien eine universelle Katastrophe unabwendbar zu
sein. Wiederum andere, die die prekäre Situation ver-
harmlosten, mussten ausgeschaltet werden; jetzt galt
es, der Forschung alle Mittel zur Verfügung zu stellen,
damit schnell eine Lösung gefunden wurde.




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Die Erpresser

Mittlerweile war es März geworden. Wir, mein Kol-
lege Jan, mein Schwager Guiglelmo und ich, hatten
unsere Forschungsarbeiten von damals weiter ausge-
baut und Erstaunliches herausgefunden.
Es klingelte an der Tür. Zwei Männer standen da und
wollten wissen, wo die Unterlagen der Forschungs-
arbeiten respektive die Untersuchungen geblieben
seien. Sie würden sich für die Organismen in den
Untersuchungen interessieren und für eine Firma
arbeiten, die nicht genannt werden wolle, aber bereit
sei, viel Geld dafür zu zahlen. Sie machten mir ein
Angebot. Mir kam das Ganze nach mehr als sechzehn
Jahren spanisch vor. Dabei hatte ich das Patent an das
Pharmaunternehmen Medpharma für noch weitere
zwei Jahre abgetreten, in dem ich leitender Laborchef
war seit meinem Abschluss vor acht Jahren.
„Die habe ich bei meinem letzten Umzug verloren“,
versuchte ich beide abzuwimmeln.
„So, und das sollen wir glauben?“ antwortete der
Schmächtige mit blonden Haaren und stieß mich zur
Seite. „Mal sehen, ob du die Wahrheit sagst.“
Während er eintrat, hielt mich der Dickere fest und
meinte mit ruhiger Stimme: „Mach keinen Ärger,
Kumpel, ansonsten müssen wir andere        Methoden
anwenden.“
Ich entschied mich, keinen Widerstand zu leisten, da
sich ohnehin nichts im Haus befand, was die Unter-
lagen betraf. Nur mein Diplom hing an der Wand
meines Büros, das sie, ohne lange zu zaudern, im Nu
verwüstet hatten.
„Und jetzt zu dem Code vom Safe … Den hast du
doch noch, hoffe ich“, sagte der Dickere drohend.

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„Ja klar, der ist 294 293“, gab ich sofort weiter.
„Guter Junge“, kam die Antwort, während er auch
schon den Code in die Tastatur vom Safe eintippte,
wo vorher der nun runtergeschmissene eingerahm-
te Maya-Kalender gehangen hatte. Zum Glück nur
eine Kopie. Er holte alle Papiere heraus und stöberte
sie durch, ohne fündig zu werden. Den Geldscheinen
schenkten sie keine Beachtung.
Der Dicke drehte sich zu mir um und meinte: „Wir
kommen wieder, dann gibst du sie uns schon – frei-
willig, wollen wir wetten …? Dagegen war dies nur
ein höflicher Besuch, mein Herr. – Komm, wir hau-
en ab!“, sagte er zu seinem Kumpan und beide ver-
schwanden ohne weiteren Kommentar in Richtung
Tür.
So, Brink, jetzt hast du ein Problem am Hals, dachte ich.
Du besitzt den Schlüssel zur Produktion von Sauerstoff und
Energie. Das verleiht viel Macht. Das darf niemals in falsche
Hände geraten.
Das hatte ich immer befürchtet. Sie waren jetzt hin-
ter mir her. Jemand schien ausgepackt zu haben. Wer
wohl? Mein Leben stand plötzlich auf dem Kopf, auch
wenn es zugegebenermaßen so hatte kommen müs-
sen. Eigentlich hatte ich zuerst eine Anlage errichten
wollen, bevor Profitgeier sich über mich und das Pro-
jekt stürzten. Doch nun war ich gezwungen, einen
anderen Weg zu nehmen. Aber welchen? Mir drehte
sich der Kopf.
Ich musste handeln, und zwar schnell, so wie damals
auf Spitzbergen. In jenen Tagen hatte das Wissen mei-
ne Neugier entfacht, ein Feuer zum Lodern gebracht
und mich unvermittelt losgeschickt, um zu erfahren,
was dahintersteckte. Einen Tag später hätte ich viel-
leicht anders entschieden. Doch es war nicht mehr

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dasselbe wie damals. Jetzt hatten sie sich an meine
Fersen geheftet. So machte das keinen Spaß.
Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als ich mir meiner
Lage bewusst wurde. Ich war kein Held, sie würden
mich jagen, um zu erfahren, was ich wusste. Ich muss-
te etwas unternehmen, aber was? Mit wem konnte
ich reden, wen ins Vertrauen ziehen? Wer hatte etwas
ausgeplaudert? Jan, Guiglelmo, León Almeida? Meine
Frau Teresa? Möglich wäre auch Fiona, meine Schwä-
gerin. Fragen, Fragen und nochmals Fragen.
Schließlich war es kein Geheimnis, wie es um unse-
ren Planeten und die Atmosphäre stand. Die fossilen
Brennstoffe gingen zur Neige, ganz zu schweigen von
den Naturkatastrophen, die uns tagtäglich über die
Medien vor Augen geführt wurden. Man hätte sich
fast an die Bilder gewöhnen können, wären sie nicht
so brutal. Die Unzufriedenheit führte weltweit zu
vielen Unruhen unter den Völkern, und es war keine
Einigung in Sicht, wobei die Amerikaner die Terror-
anschläge einfach nicht mehr in den Griff bekommen
konnten. Die ungleiche Verteilung griff noch mehr
um sich, sodass die Hoffnungen auf eine Besserung
völlig zu schwinden drohten.
An diesem Märzabend musste ich an meine jungen
Jahre denken und wie alles gekommen war. Schon
1996 ein Wettlauf in puncto Jobsuche. Das mobile
Telefonieren und dann das Medium Internet. Bereits
damals ein Leben voll Stress und Hektik. Die Men-
schen erlebten Diktaturen und Kriege. Der Terroris-
mus brach über die ganze Welt herein. Selbstmord-
kommandos, die sich und unzählige Unschuldige,
Kinder und Erwachsene, mit in den Tod rissen. Die
wilde Jagd auf Osama Bin Laden, dem die Tat vom 11.
September 2001 zugeschrieben wurde, als das Unfass-

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bare passierte und die Türme des World Trade Centers
in Schutt und Asche zerfielen. Bis heute der fünfte
Nahostkrieg. Israel und die Palästinenser hatten ein-
fach keinen gleichnamigen Nenner gefunden, sogar
die Sunniten und Schiiten bekriegten einander. Die
Politik war in ihren unermüdlichen Friedensbemü-
hungen gescheitert, egal, wer die Macht innehatte.
Wie oft hatte man Friedenstruppen gesendet. Alles
vergebens. Die Araber wollten Israel als eigenständi-
gen Staat nicht anerkennen und waren untereinander
zerstritten, da sich die Völker im eigenen Land zu sehr
unterschieden. Die Korruption zu offensichtlich. Der
Graben zwischen Arm und Reich klaffte unüberwind-
bar auseinander. Jeder noch so kleine (falsche) Schritt
der westlichen Welt wurde mit heftigen Demonstra-
tionen und Ausschreitungen von der islamischen Welt
bekämpft. Obwohl wir dringend Frieden brauchten,
ließen uns der Fanatismus und der Stolz beider Seiten
nicht zueinanderfinden.

Das Telefon klingelte. Es war Teresa.
„Liebling, wir sind soeben in Köln gelandet. Wo
bleibst du?“
„Ja, ich hab dich nicht vergessen, es ist bloß etwas da-
zwischengekommen. Tut mir leid. Nimm dir ein Taxi
und fahr zu meiner Mutter.Wo sind die Kinder?“, gab
ich mit ruhiger Stimme zurück. Ich hatte sie ganz ver-
gessen und griff geistesgegenwärtig zur Notlüge. „Ich
muss nur dringend ins Labor, einige Papiere fertigstel-
len, da morgen ein neuer Termin anberaumt wurde.
Ich hol dich später bei meiner Mutter ab, okay?“ Ich
wollte sie nicht beunruhigen. „Ich beeile mich.“
„Gut, mach nicht zu spät. Ich bereite etwas bei Mut-
ti zu essen vor, die Kinder lassen grüßen. Also bis

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dann.“
„Ciao, ciao, bis gleich!“, gab ich zurück und beendete
das Gespräch, bevor ich mich noch verriet.
Ach ja, die Kinder, soweit man das so sagen konn-
te. Tommaso, mein Sohn, war inzwischen mit seinen
sechsundzwanzig Jahren genauso erwachsen wie seine
zwei Jahre jüngere Schwester Marcella. Meine Frau
Teresa war Italienerin und noch sehr hübsch mit ihren
sechsundvierzig Jahren. Ich dagegen hatte mit meinen
achtundvierzig Jahren bereits graue Haare, und man
sah auch schon ein bisschen Bauchspeck, was mich
jedoch in keiner Weise störte. Meine Forschungen be-
deuteten mir viel, und ich war mit mir, meiner Fa-
milie und meinem Job als leitender Pharmadesigner
bei Medpharma in Köln sehr zufrieden. Der Aufstieg
vom Laborassistenten zum Pharmadesigner verschaff-
te mir sehr viel Ansehen, wobei es mich sehr stolz
machte, den Menschen mit neuen pharmazeutischen
innovativen Konzepten und Präparaten das Leben er-
leichtern zu können. Vielleicht war sogar der Eintritt
in den Aufsichtsrat möglich.

Dennoch ließ mich das mulmige Gefühl nicht los.
„Eine Lösung muss her“, stachelte ich mich selbst an.
Doch mit wem konnte ich reden, ohne alles preis-
zugeben oder mich zu verraten? Nur wir drei wuss-
ten von unserem Geheimnis. Jan, Guiglelmo und
ich. Ferner hatte unser Freund León Almeida sicher-
heitshalber einige Dokumente erhalten, ohne die die
Forschungsarbeit nicht enträtselt werden konnte und
nicht umsetzbar war.
Die Lizenzvergabe an Medpharma umfasste nicht
die Produktion von Sauerstoff und Energie, sondern
lediglich Sauerstofftabletten für eine bessere Durch-

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blutung von Lunge und Gehirn. Meine Forschungen
bestanden auch darin, den Zusammenhang zwischen
Alzheimer und dem jahrelangen Verzehr von Lebens-
mitteln und Getränken aus Aluminiumkonservendo-
sen zu untersuchen.
Ich musste Jan anrufen, um nachzufragen, ob sich je-
mand bei ihm gemeldet und nach den Unterlagen ge-
fragt hatte. Seit einigen Wochen hatte ich nicht mehr
mit ihm gesprochen. Bereits beim Anwählen der Tele-
fonnummer legte ich den Hörer wieder auf, weil ich
keinen unnötigen Wirbel auslösen wollte. Unser Ge-
heimnis war bei uns sicher, da wir wussten, was pas-
sieren würde, geriete es in falsche Hände. Wir trauten
uns damals nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen; es
schien einfach noch zu früh zu sein. Bis zum heu-
tigen Tag hatten wir noch Bedenken, ob es wirklich
funktionierte, insbesondere in großen Mengen. Mir
fiel ein, dass ich Guiglelmo in Rom mit dem Vorwand
anrufen könnte, mich zu erkundigen, ob Teresa und
die Kinder bereits abgereist waren.
Ich nahm das Telefon und wählte die Sprechtaste:
„Verbinden mit Guiglelmo jetzt.“
„Pronto, con chi parlo?“, erklang die Stimme von
Fiona, meiner Schwägerin, auf der anderen Seite, als
hätte sie auf den Anruf gewartet.
„Ich bin’s, Jeff, sono io, tuo cognato. Come va? Tut-
to bene? Sind Teresa und die Kinder bereits abgeflo-
gen?“
„Si, si, bereits vor drei Stunden. Sie müssten in Köln
schon gelandet sein“, gab Fiona zurück. „Guiglelmo
hat sie zum Flughafen gebracht und ist noch nicht
zurück. Ich bin etwas beunruhigt, da er nicht gesagt
hat, ob er noch etwas erledigen wollte. Er geht auch
nicht an sein Handy“, klang Fiona etwas besorgt. „Ist

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nicht seine Art.“
Dem musste auch ich zustimmen und versuchte sie zu
beruhigen: „Hat bestimmt jemand getroffen, er wird
sicher bald zu Hause sein! Hör mal, wenn er zurück
ist, soll er mich bitte zurückrufen“, sagte ich schnell,
um sie nicht weiter zu nerven. „Alles Gute, Fiona, bis
bald mal wieder.“
„Ciao, Jeff, ciao, ich sag’s ihm. Ciao.“
Ich legte auf. Obwohl ich mich zwang, ruhig zu blei-
ben, fingen meine Gedanken an zu rasen. Was ist mit
Guiglelmo? Meine Vermutung, dass es da einen Zu-
sammenhang gab, ließ mich nicht mehr los.
Das Telefon klingelte. Es war Fiona, die sagte: „Jeff,
ich wollte dir noch etwas sagen. Vor ein paar Tagen
hat er Teresa ein paar Mal gefragt, ob in Deutschland
alles okay sei. Er schien die letzten Tage etwas nervös
gewesen zu sein. Das kam mir ehrlich gesagt ein biss-
chen komisch vor, da ihr noch vor zwei Tagen mit-
einander telefoniert hattet.“
Ich musste Fiona die Antwort schuldig bleiben und
ihr recht geben. Da war irgendetwas im Busch, aber
was? „Warten wir es ab“, gab ich schnell zurück. „Fio-
na, wie ist das Wetter bei euch?“
„Heute waren es 28 Grad, viel zu warm“, erwiderte
sie.
„Fiona, ich muss auflegen, da ich noch einen Anruf
erwarte, halt mich auf dem Laufenden, ciao.“
Bevor sie noch etwas erwidern konnte, legte ich den
Hörer auf.
Soviel ich wusste, hatte es in Italien seit drei Monaten
nicht geregnet und das Wasser war bereits seit einigen
Jahren rationiert. Lediglich in den Wintermonaten fiel
etwas Regen, sonst herrschte bis in den späten Herbst
hinein nur Trockenheit. Ich kannte die Geschichte

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der letzten acht Jahre nur zu gut. Die Lage hatte sich
besorgniserregend zugespitzt. Weihnachten 24 Grad,
ab 2.500 Meter einige Schneeflocken. Aber es konnte
auch passieren, dass bei einem Wetterumschwung bis
zu drei Meter Schnee in ein paar Tagen runterkamen,
was dann zu Überschwemmungen führte. Dazu ge-
sellte sich die schlechte Versorgung mit Heizöl; immer
wieder kam es zu Verspätungen und zu Preisen von
350 Euro pro Barrel, wenn nicht mehr, je nachdem,
wie die Spekulanten an der Börse kauften oder ver-
kauften. Die Konzerne scherten sich einen Dreck um
kartellartige Verstrickungen und nahmen die langjäh-
rigen Gerichtsverhandlungen lächelnd in Kauf, die
den Bußgeldern folgten. Die OPEC war weltweit nur
auf Expandierung und den schnellen Dollar fixiert.
Wie sollte so eine Politik den Verbrauchern zugute-
kommen und wo sollte das hinführen? Man konnte
schließlich nicht in der Kälte sitzen bleiben.
Wo steckte Guiglelmo bloß? Da ich Fiona nicht wie-
der beunruhigen wollte, versuchte ich es ebenfalls auf
seinem Handy, wurde aber auf die Mailbox verwiesen.
Das stank zum Himmel.




                         22
Die Entführung

Die Geschehnisse entwickelten bereits eine eigene
Dynamik. Alles lief unausweichlich auf Komplikatio-
nen hinaus, was ich jetzt schon spüren konnte und
mir große Sorgen bereitete. Was wussten sie, wer waren
sie?, lauteten meine nächsten Gedanken. Verflucht, das
scheint noch nicht das Ende zu sein, sagte mir mein Ver-
stand, sondern bloß die Spitze des Eisbergs. Aber ruhig,
ich musste überlegen, wie ich der momentanen Si-
tuation Herr werden konnte, ohne Dummheiten zu
machen. Als Erstes durfte ich kein eigenes Telefon be-
nutzen; vielleicht wurde ich ja abgehört. Weiter muss-
te ich unbemerkt das Haus verlassen und Kontakt mit
Jan oder Guiglelmo aufnehmen. Jan wohnte in Frank-
furt, zu weit, um schnell einmal dort hinzufahren. Mit
dem Wagen würde ich obendrein nicht unbemerkt
hier rauskommen. Blieb nur das Hinausschleichen,
bevor ich versuchen wollte, mit der Straßenbahn zu
meiner Mutter zu gelangen.Was sagte ich Teresa? „Ich
bin mit der Straßenbahn hier, um dich abzuholen!“
Lächerlich, ich musste bei der Vorstellung selbst laut
lachen, wie sie mich alle anschauen würden. Der hat
einen Sprung in der Schüssel. Unsere Abwesenheit scheint
ihm nicht gut bekommen zu sein, würden die denken. Ich
saß in der Falle. Sie würden wiederkommen und mich
auseinandernehmen. Ich war doch nicht … RAMBO.
Nein, die warteten auf einen Fehler von mir.
Mir blieb keine Wahl, ich musste handeln, um her-
auszufinden, was mit Jan oder Guiglelmo los war. Ich
durfte auch nicht vergessen, Teresa anzurufen. Wenn
möglich aus einer Telefonkabine. So, es reichte. Es
musste etwas geschehen.
Im selben Augenblick klingelte es an der Tür. Schei-

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ße, sie sind zurückgekommen, ging mir durch den Kopf,
während mein Puls unerwartet in die Höhe schnell-
te. Ich hatte gesehen, mit welchem Wagen sie vorhin
weggefahren waren, und schaute vorsichtig durch die
Gardinen. Aber es war nichts zu sehen. Ding dong, ding
dong … Leise schlich ich zur Tür und schaute mit ra-
sendem Herzschlag durch den Spion. Da stand Jan,
nervös mit den Händen fuchtelnd, als wollte er sagen,
mach bloß schnell auf. Ich riss die Tür auf und zog ihn
am Ärmel zu mir herein.
„Jeff, sie sind seit heute Morgen hinter mir her. Ich
muss mit dir reden. Sie überwachen uns und unsere
Telefone. Bist du alleine? Was ist passiert, dass die hin-
ter uns her sind?“
„Eins nach dem anderen und immer ruhig Blut“, ver-
suchte ich Jan zu beruhigen, obwohl es mir genauso
ging wie ihm. „Setz dich erst mal hin. Möchtest du
etwas trinken?“ Ich spürte eine gewisse Erleichterung,
ihn bei mir zu haben und mit ihm über alles reden zu
können.
Aber er merkte, dass bei mir ebenfalls etwas nicht
stimmte, da noch nicht aufgeräumt war. Er sprang auf-
geregt auf und rief: „Sie waren hier bei dir, nicht wahr,
und du tust, als wäre alles in Butter!“
„Beruhige dich erst mal.“ Ich drückte ihn wieder in
den Sessel zurück. „Ja, mich haben vor einer guten
Stunde zwei Männer aufgesucht. Sie wollten unsere
Forschungsarbeiten von damals, haben aber nichts ge-
funden und drohten damit, wiederzukommen.“
„Wie bei mir, ein dicker und ein schmächtiger Typ in
Anzügen, als wären es Banker.Wer sind sie, was wollen
sie und für wen arbeiten sie?“
„Jan, du hast eine Menge Fragen, die ich auch gerne
beantwortet haben möchte. Also beruhige dich erst

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mal. Wir sind am Leben und gesund. Ich mache mir
ernsthafte Sorgen um Guiglelmo, der heute Mittag,
nachdem er Teresa und die Kinder zum Flughafen ge-
fahren hat, nicht mehr nach Hause zurückgekommen
ist, und Fiona weiß auch nicht, wo er steckt. Er mel-
det sich nicht am Telefon, ich hab’s das letzte Mal vor
einer Viertelstunde probiert. – Aber was wollten die
Typen von dir?“
„Sie fragten, ob ich meine Examenarbeit von damals
verkaufen wolle. Sie würden gut dafür bezahlen. Ich
hab ihnen geantwortet, dass ich kein Interesse an
einem Deal hätte, woraufhin sie mir kurzerhand die
Bude auseinandergenommen und mir gedroht haben,
wiederzukommen.“
„Also genauso wie bei mir, wie du siehst.“
„Ich bin dann sofort aus dem Haus, ab in den erstbes-
ten ICE und weiter mit dem Taxi zu dir. Dreihundert
Meter von hier entfernt bin ich dann ausgestiegen,
bevor ich mich von hinten rangeschlichen habe, damit
mich keiner sieht.“
„Bist du sicher, dass dich keiner gesehen hat?“
„Ganz sicher“, gab er überzeugt zurück.
„Ja gut, und was machen wir jetzt?“
„Ach ja, noch was, Jeff: Etwa fünfzig Meter von hier
um die Ecke steht ein schwarzer Van mit holländi-
schem Kennzeichen und zwei Leuten drin. Aber ich
konnte nicht dicht genug rangehen, um zu erkennen,
ob das dieselben Typen sind, die bei mir waren. Also
Vorsicht. Ich sehe, du hast alle Gardinen vorgezogen
und kein Licht vor dem Haus an.“
„Am besten wir bleiben nicht länger hier, Jan.“
„Aber wo sollen wir hingehen?“, fragte er.
„Wir verschwinden unauffällig und beraten später
unsere nächsten Schritte. Ich hol nur ein paar Sachen

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und meine Jacke.“
„Mach schnell! Wenn die zurückkommen und uns
hier zusammen antreffen, sind wir geliefert!“
Jan hatte den Satz noch nicht richtig zu Ende gespro-
chen, da klingelte es erneut an der Tür.
„Psst“, sagte ich und deutete an, still zu sein, während
ich fieberhaft überlegte, was wir tun konnten.Vorsich-
tig schlich ich zur Tür und schaute durch den Spion,
der allerdings von außen zugehalten wurde.
„Wenn wir abhauen, fallen wir auf“, flüsterte ich Jan
zu. „Vielleicht haben die auch Kanonen. Ich schlage
vor, du verschwindest erst mal, ehe ich aufmache. So
hat wenigstens einer von uns die Chance, davonzu-
kommen. Versteck dich im Gäste-WC und bleib so
lange dort, bis sie reingekommen sind. Ich werde hus-
ten, wenn du raus auf die Straße kannst, nicht vorher,
verstanden?! Dann nimmst du dir ein Taxi, und wir
treffen uns später im Café de Paris, sagen wir mal in
ein oder spätestens zwei Stunden. Solltest du bis dahin
nichts von mir gehört haben, kannst du zur Polizei
gehen. Teresa ist bei meiner Mutter in Bonn. Hast du
verstanden?“
„Alles klar!“
„Ich versuche sie abzuwimmeln, ich schaff das schon.
Bis dann.“
„Viel Glück, Jeff!“ Jan schlug mit seiner Hand in mei-
ne Handfläche, die ich ihm aufhielt, wie früher. Er
verschwand im Gäste-WC.
Draußen wurden die Herren ungeduldig. Sie pochten
laut gegen das Holz.
„Ja, wer ist da?“, tat ich überrascht.
„Mach sofort auf oder wir machen Kleinholz aus
dir!“
Ich meinte die Stimme des Dicklichen wiedererkannt

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zu haben. Wortlos öffnete ich die Tür.
„Na also“, blaffte mich der große Blonde an.
„Wir hätten noch ein paar Fragen, und versuch ja
nicht, uns zu belügen, verstanden, wenn du nicht als
Leiche deinen schönen Teppich schmücken willst.
Also, wo steckt dein Freund Bieberich? Wir möchten
auch deinen Computer checken, wenn du nichts da-
gegen hast“, sagte der Dicke. „Mach schon, wir haben
nicht die ganze Nacht Zeit!“
„Keine Bange, wir wollen dir nichts anhaben, wir sind
hier, um die Unterlagen von deinem Examen abzu-
holen. Allerdings bekommst du keine weitere Chan-
ce mehr, bevor ich die Geduld verliere und dir eine
Kugel in den Kopf jage. Du kannst es dir überlegen.
Entscheide du“, meinte der Blonde, als redete er übers
Wetter.
„Ich, ich … kann jetzt nicht ins Werk, das würde auf-
fallen. Am Eingang befinden sich immer mindestens
drei Posten seit diesen verdammten Terroranschlägen.
Da ist kein Durchkommen.“
„Mach dir mal nicht in die Hose, wir bleiben draußen,
während du die Unterlagen holst, ansonsten rufen wir
Rom an, du weißt schon, warum.“
Sie schauten mich an und warteten auf eine Reak-
tion.
„Wieso Rom, was hat das zu bedeuten?“, tat ich un-
wissend.
Der Dicke ging zur Garderobe neben dem Gäste-WC
und holte meinen Mantel. Einen Moment dachte
ich, er wolle in der Toilette nachsehen. Mir war ganz
schlecht bei dem Gedanken.
Er warf mir den Mantel zu und sagte: „Die Sache mit
dem Computer hat sich erledigt. Wir begleiten dich
zum Werk. Keine faulen Tricks, sonst ist dein Schwa-

                         27
ger die längste Zeit dein Schwager gewesen, ist das
klar, Freundchen!“
Jan musste alles mitgehört haben und wusste somit,
wo ich in den nächsten Stunden sein würde.
„Du brauchst die Unterlagen eh nicht mehr, du hast
ja den Wisch dafür bekommen.“ Er meinte mein Di-
plom. „Was willst du mit den Papieren? Wir werden
gut auf sie aufpassen.“
„Kommt jetzt“, hetzte der Blonde, „wir wollen kei-
ne Zeit verlieren.“ Ich wurde zur Tür geleitet, wo er
fortfuhr: „Wenn wir die Papiere haben, kann dein
Schwager heute Nacht bei seiner Frau schlafen.“
In diesem Augenblick musste ich an Fiona denken
und dann an Teresa, die ganz schön böse auf mich sein
musste, dass ich so lange im Werk blieb. Doch im Au-
genblick blieb mir keine andere Wahl.
Der Blonde zog einen Revolver und versteckte ihn
in seiner Manteltasche, bevor er ihn in meine Seite
bohrte. „Das ist für den Fall, dass du draußen nicht
brav bist. So, gehen wir!“, befahl er. „Aber vorsichtig,
keine übermütigen Bewegungen, ich bin nämlich ein
bisschen nervös.“
Wir gingen auf die andere Straßenseite, wo der Blon-
de nach mir in den Fond des Wagens stieg. Der Di-
cke fuhr sofort los, ohne nach dem Weg zu fragen. Sie
wussten Bescheid und wollten ohne Verletzungen die
Sache hinter sich bringen, damit beim Eingang zum
Werk nichts Auffälliges zu sehen war. Ich hatte es also
mit Profis zu tun, die kein Risiko eingingen und die
Situation im Griff zu haben glaubten. Aber ich sträub-
te mich, einfach aufzugeben, und suchte verzweifelt
nach einem Ausweg.
Ein Geistesblitz ließ mich zum Fahrer sagen: „Können
Sie die Fensterscheibe hier hinten etwas runterlassen,

                          28
mir ist nicht ganz wohl.“
Postwendend ging die Scheibe ein Stück runter, nur
an der anderen Seite, wo der Blonde saß. „Gut so?“,
sagte er daraufhin.
Die wenigen Zentimeter mussten reichen, den Schlüs-
selbund hinauszuschleudern. Aber wie bekam ich ihn
unauffällig aus der Manteltasche, ohne dass sie es so-
fort bemerkten? Zum Glück war es dunkel genug.
Vorsichtig tastete ich in meiner Manteltasche danach,
schloss dann meine Hand, damit der Schlüsselbund
mit dem Büroschlüssel dran nicht raschelte, und hielt
ihn fest umklammert. Jetzt brauchte ich nur noch auf
meine Chance zu warten. Die Straße zog dunkel und
menschenleer an uns vorbei. Ich musste warten, bis
wir durch die Stadt fuhren, wo mehr Verkehr herrsch-
te. Aber wie lange würde er die Fensterscheibe runter
lassen? Mir kam das Ganze vor wie eine Lotterie. Mei-
ne Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als wir die
Stadt erreichten. Langsam füllten sich die Straßen mit
Menschen und Autos. Ich witterte meine Chance. In
der nächsten Linkskurve ließ ich mich durch die Zen-
trifugalkraft auf den Blonden prallen, riss im selben
Moment die linke Hand mit dem Schlüsselbund he-
raus und zwängte ihn durch den geöffneten Fenster-
spalt nach draußen. Zu meinem Glück kam uns genau
rechtzeitig eine Straßenbahn in der Kurve entgegen,
sodass der Dicke nicht bremsen konnte und auswei-
chen musste. Er fluchte, während mich der Blonde
mit voller Wucht auf meinen Platz zurückstieß, dass
meine Schulter schmerzte.
„Du, Schwein, hast die Schlüssel vom Büro rausge-
schmissen. Du willst Ärger und sollst ihn haben“, wü-
tete er und schlug mir voll ins Gesicht.
Ich heulte vor Schmerz auf, während der Wagen mit

                         29
kreischenden Bremsen etwa fünfzig Meter weiter zum
Stehen kam.
„Ich werde dich zermalmen, wenn wir die Schlüs-
sel nicht wiederfinden, du verdammtes Schwein.“
Der Dicke stieg aus. „Du kannst was erleben“, schrie
er. „Ich verspreche dir, dass deine Familie dich nicht
wiedererkennt, du verdammtes Arschloch.“ Er kam
zur Autotür und riss sie fast aus den Scharnieren.
Als er gerade losschlagen wollte, hielt der Blonde sei-
nen Arm fest und meinte: „Jake, ich versprech dir, wir
holen das nach, sobald wir alles hinter uns haben. Eine
Tracht Prügel bekommt er für seine Arroganz, aber
nachher.“
Der Dicke riss mich aus dem Wagen und befahl mir,
die Schlüssel zu suchen. „Wenn wir die Schlüssel nicht
finden, fahren wir woandershin mit dir, hast du ver-
standen, du Idiot. Keine weiteren Tricks, sonst geht’s
dir schlecht, Mister.“
Ein bisschen erschrocken war ich schon, aber meine
Idee hatte funktioniert, bis jetzt zumindest. Ich ging
mit dem Fahrer die kurze Strecke zurück und begann
zu suchen.
Die vorbeigehenden Leute machten Bemerkungen
wie: „Haben Sie etwas verloren?“
„Ja, meine Hausschlüssel“, erwiderte ich und witterte
gleichzeitig meine Chance. „Sie können mir bei der
Suche helfen.“
Der Blonde kam dazu und bemerkte ganz lakonisch:
„Aber gerne.“
Da sagte eine Frauenstimme: „Hier sind sie.“
Ich griff sofort danach und rief ganz erleichtert: „Gott
sei Dank. Sie haben mir das Leben gerettet.“
Meine Entführer starrten sich an, doch bevor etwas
passieren konnte, bedankte ich mich bei der Dame:

                          30
„Herzlichen Dank, so kann ich mich jetzt auf den
Weg machen. Meine Herren, ebenfalls danke für Ihre
Hilfe. Bis vielleicht ein andermal“, drehte mich um
und verschwand in der Menge.
Sie würden nicht schießen, mir aber auf den Fersen
bleiben. Ich bemerkte, wie sie mich verfolgten, und
ergriff sofort meine Chance, als ich an einem Lokal
vorbeikam, das ich vom Bummeln mit Teresa und den
Kindern her kannte. Hier genehmigten wir uns öfter
ein Bier. Ich betrat den ziemlich vollen Raum und
ging schnurstracks am Tresen vorbei zur Treppe, die
zu den Toiletten führte. Anstatt die Männertoilette
aufzusuchen, stiefelte ich zu den Damen rein. Hier
befand sich ein Fenster. Ohne mich um die zwei Da-
men zu kümmern, öffnete ich das Fenster und sprang
in den Hinterhof. Ich kam so hart auf, dass ich mir
beinahe den Knöchel des rechten Beines verstaucht
hätte. Humpelnd lief ich weiter zum Lieferantentor,
bog sofort in die Seitenstraße ein und tauchte in der
Menge unter.
Es verfolgte mich niemand. So konnte ich weiter zur
Fußgängerzone gelangen, wo ich ein Taxi nahm. „Zum
Café de Paris.“ Während der ganzen Fahrt schwieg
ich und dachte nach, was nun mit Guiglelmo passie-
ren würde. Eine knappe Viertelstunde später stieg ich
aus und zahlte. Es herrschte rege Betriebsamkeit, der
Parkplatz vor dem Laden quoll über. Jetzt musste ich
zusehen, dass ich Jan erwischte. Er saß am Tresen und
unterhielt sich mit zwei Damen. Beim Herumdrehen
bemerkte er mich, und ich gab Zeichen, uns etwas
abseits zu sprechen.
„Wie hast du es geschafft?“, fragte er neugierig.
Schnell erzählte ich ihm die ganze Geschichte und
endete: „Wie soll es weitergehen, Guiglelmo ist in

                         31
ernster Gefahr.“
„Wir müssen herausfinden, mit wem wir es zu tun
haben“, schlug Jan vor.
Da konnte ich ihm nur zustimmen. Doch zuallererst
musste ich Fiona anrufen und Teresa warnen. Ich er-
kundigte mich beim Kellner nach einem Telefon.
„Leider nein, da jeder ein Handy hat“, lautete seine
etwas amüsierte Antwort, als ob er sagen wollte, wo
ich in Gottes Namen herkomme.
Was jetzt? Ich fragte Jan, ob die beiden Damen uns
wohl ihr Handy ausleihen würden, woraufhin er sich
prompt auf den Weg machte. Jan stellte mich wenig
später vor, und ich musste zugeben, dass er einen guten
Geschmack hatte. Warum ist er eigentlich nicht ver-
heiratet, sinnierte ich kurz. Seit mehr als fünf Jahren
hatte er zwar eine Freundin, aber sie wohnten nicht
zusammen. Als Bankkauffrau jagte sie in der Welt di-
versen Metallen hinterher. Ob Aluminium oder Stahl,
alles konnte man für die Aktionäre gebrauchen, die
sich in unermesslichem Reichtum ergötzen wollten.
Aber zurück zu den Damen. Jan fragte ohne Um-
schweife, ob sie ein Handy dabeihätten.
„Wenn es nicht lange dauert, gerne.“
Ich nahm dankend und mit einem Lächeln an. „Ich
bezahle die Zeche“, sagte ich und tippte die Nummer
meiner Mutter ein.
Nachdem es zweimal geklingelt hatte, nahm meine
Mutter den Anruf an. „Hallo, hier bei Brink, wer ist
am Apparat?“
„Mama, ich bin’s. Sind Teresa und die Kinder noch
bei dir?“
„Ja, aber sie konnten dich nicht erreichen und warten
jetzt auf ein Taxi.Wo steckst du, Junge?“ Ich war noch
immer der Junge.

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„Kannst du mir Teresa bitte ans Telefon rufen? Ich er-
klär’s lieber nur einmal. Sie kann dir dann alles sagen.
Ich liebe dich, pass gut auf dich auf. Und schließe
abends alles gut ab und öffne keinem Fremden die
Tür“, musste ich noch loswerden.
„Gut, ich ruf sie, bis bald. Ich hätte mich so gefreut
und hatte auch ein Abendessen vorbereitet. Was um
Himmels willen geht da vor? Ja, dann tschüss, hier, ich
geb sie dir.“
„Jeff, wo steckst du?“, kam die aufgeregte Stimme von
Teresa in italienisch-deutschem Akzent, obwohl sie
sehr gut Deutsch sprach. „Kann man denn überhaupt
noch mit dir rechnen? Was ist los? Kannst du mir das
verraten?“
„Hör jetzt gut zu“, sagte ich sehr ruhig. „Du kannst
nicht nach Hause, ich hatte heute Abend Besuch von
zwei Männern. Sie fragten nach meiner Examenar-
beit, bevor sie alles durchwühlt haben. Zu deiner In-
formation, unsere Telefone werden abgehört. Ich be-
finde mich in Sicherheit. Außerdem ist Jan vor ein
paar Stunden bei mir eingetroffen. Den Rest erzähle
ich dir, wenn ich bei Mama ankomme. Bleib auf jeden
Fall auf der Hut und lasst keinen bei euch rein. Es han-
delt sich um Profis, die wohl genau wissen, wo sie uns
finden können. Somit auch die Adresse von Mama.
Es sind sehr gefährliche Leute, die um jeden Preis das
Manuskript haben wollen, und sie sind bewaffnet.
Nimm dir am besten mit Mama und den Kindern
ein Hotel, du weißt welches, da kann ich problemlos
anrufen oder euch aufsuchen. Also bis dann. Ich habe
jetzt keine Zeit, dir im Detail zu erzählen, was los ist.
Mach schnell. In zwei Stunden ruf ich dich im Hotel
wieder an. Also Küsschen, mein Schatz. Ich erkläre dir
alles, wenn ich da bin. Bis dann. Ciao.“

                           33
So, nun musste ich noch Fiona in Rom anrufen. Ohne
lange zu fragen, wählte ich auch ihre Nummer.
Nach langem Klingeln kam eine weinerliche Stimme:
„Pronto chi parla?“
„Ich bin’s Jeff. Was ist los, Fiona?“
„Sie haben die ganze Wohnung durchwühlt und Sa-
chen mitgenommen.“
„Wer … hat was?“
„Zwei Männer. Ich glaube, es waren Holländer.“
„Bei uns vor der Tür stand ebenfalls ein Auto mit
holländischem Nummernschild, in das ich einsteigen
musste. Mensch, bist du sicher, dass es Holländer wa-
ren, und was wollten sie?“
„Keine Ahnung, haben sie nicht gesagt. Nur dass Gu-
iglelmo zurückkäme, wenn alles wieder in Ordnung
sei. Sie haben dich verflucht und gedroht, dich zu er-
schießen, wenn sie dich in die Finger kriegen. Jeff,
kannst du mir sagen, was los ist? Ich hab ein Recht
dazu.“
„Fiona, beruhige dich. Ich kann dir im Augenblick
auch nicht mehr sagen. Wir sitzen in der Klemme. Sie
haben Guiglelmo entführt und wollen Dokumente
von mir erpressen.“
„Welche Dokumente?“
„Meine Examenarbeit von damals.“
„Ach die! Gib sie ihnen, damit Guiglelmo wieder
freikommt. Ich bitte dich!“
„Kann ich nicht, selbst wenn ich wollte, ich besitze
sie nicht mehr. Sie ist in sicheren Händen seit Jahren
und wird auch da bleiben. Keiner hat das Recht, sie
zu besitzen.Wenn Guiglelmo nach Hause will, wird er
es ihnen sagen, mehr vermag ich im Augenblick nicht
zu unternehmen. Ich kann nur versuchen, herauszu-
finden, wo sie ihn versteckt halten. Aber zuerst muss

                         34
ich wissen, mit wem wir es zu tun haben. Tut mir leid,
aber ich muss jetzt auflegen, da es nicht mein Handy
ist und unsere Telefone seit geraumer Zeit abgehört
werden. Ich melde mich, sobald ich kann. Kopf hoch
und geh zu deiner Schwester Roberta, da bist du si-
cher.Versprich es mir.“
Sie antwortete ganz weinerlich. „Jeff, hilf uns bitte,
sie sollen ihre verdammten Papiere haben, wenn sie
ihnen so wichtig sind. Hauptsache, Guiglelmo kommt
wieder frei.“
„Ich verspreche dir, mein Menschenmöglichstes zu
unternehmen, dass er bald frei kommt. Sei vorsichtig,
pack dir einige Sachen ein und nimm dir ein Taxi.
Also, ich melde mich, sobald es was Neues gibt. Kopf
hoch, ciao Fiona. Ich hab dich lieb.“
Ich legte auf und war sichtlich betroffen. Das Ganze
stimmte mich traurig. Ich konnte fühlen, wie es Fiona
ging. Aber zuerst musste ich mit Jan überlegen, was
wir als Nächstes tun konnten. Es war kurz vor Mitter-
nacht, als ich auf meine Armbanduhr schaute.
Bald standen wir auf der Straße. Aber wohin sollten
wir nun gehen, ohne andere zu gefährden? Es war
bitter, sich nicht einmal in seine eigenen vier Wände
zurückziehen zu können. Ich wollte meine Frau und
meine Kinder sehen.
„So, Jan, wir nehmen uns ein Taxi und fahren zum
Hotel.“
In diesem Moment begann es zu regnen.
„Auch das noch“, meinte Jan, „ist es nicht mies ge-
nug?!“
Etwas weiter die Straße runter warteten bereits einige
Taxis auf Kundschaft. Wir stiegen ein und gaben das
Hotel an. „Bitte zum Sheraton.“ Keiner sprach ein
Wort, auch als der Taxifahrer Witze reißen wollte. Er

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bemerkte sofort, dass uns nicht danach zumute war.
Eine halbe Stunde später waren wir an der Rezeption,
wo ich höflich empfangen wurde.
„Ihre Frau ist bereits mit den Kindern oben“, sagte
der Portier.
„Danke.“
„Haben die Herren kein Gepäck dabei?“
„Nein“, gab ich kurz zurück, ehe wir uns am Aufzug
vorbei um die Ecke zur Bar begaben. Wir mussten
noch einiges unter vier Augen besprechen, bevor wir
nach oben gingen. „Jan, was hältst du davon, sollten
wir nicht die verdammten CDs herausgeben?“
„Bist du verrückt! Auf gar keinen Fall. Du weißt, was
dann passieren wird. Niemals in die Hände von Poli-
tikern oder Konzernen, haben wir gesagt – und dabei
bleibt es.“
„Du hast recht. Und Terroristen schon gar nicht“, er-
widerte ich.
Wir bestellten zwei Whiskys, obwohl wir keine Whis-
kytrinker waren und unsere Vorliebe eher einem gu-
ten französischen Rotwein galt. Aber in diesem Mo-
ment tat es gut, unsere Sorgen zu ersaufen.
Ich musste Jan etwas gestehen. „Hör mir mal gut zu:
Ich hab mir damals erlaubt, einige Fehler in unsere
Formel einzubauen, und hab euch das bis heute ver-
schwiegen, aus vielerlei Gründen. Du weißt ja, wie das
ist, man weiß nie im Leben … Leonardo da Vinci ist
ähnlich vorgegangen. Er hat bei den Aufzeichnungen
seiner Erfindungen immer einen Fehler eingeschleust,
damit seine Ideen nicht nachgebaut werden konnten.
Ich hab bereits vorgesorgt für den Fall, dass mir etwas
zustößt. Das Originalteil der Formel befindet sich in
sicheren Händen. Sie würden hingegen die Kopien
mit den Fehlern bekommen. Sollen sie sich nur die

                          36
Birne zermartern. Die verfügen bestimmt über fähi-
ge Leute, die vielleicht in fünfzig Jahren herausfinden,
wie es funktioniert. Bis dahin braucht eh keiner mehr
eine Lösung, wenn wir mit unseren Rohstoffen und
dem Klima so weitermachen. Hör mal, ich weiß sogar,
wo die beiden von heute Abend abgestiegen sind. Ich
habe vorne im Wagen einen bedruckten Umschlag
gesehen mit Novotel. Wir könnten versuchen, heraus-
zufinden, ob in der Parkgarage das Auto der beiden
steht. Irgendwann müssen die doch auch schlafen.“
„Gute Idee!“, stimmte Jan mir zu.
Mir ging’s darum, zu erfahren, mit wem wir es zu tun
hatten. Jemand musste das Gangsterpärchen doch be-
zahlt haben.
Jan war sichtlich müde und wollte abschalten, aber das
ging jetzt nicht. Da er morgen nach Rom reisen sollte,
um dort nach Guiglelmo Ausschau zu halten, brauch-
ten wir Informationen, und die bekamen wir nur im
Novotel. Nachdem wir einen Plan ausgeheckt hatten,
gingen wir auf unsere Zimmer.
Teresa wartete bereits ungeduldig. „Ich hab mit Fiona
telefoniert. Sie ist außer sich und hat nur geheult. Ihr
solltet diesen Leuten die Informationen geben, damit
Guiglelmo wieder freikommt.“
„Keiner kommt frei, weder Guiglelmo noch wir, wenn
wir nicht diese Bande ausschalten oder Hilfe von au-
ßen bekommen. Wir haben jedoch keine Wahl, also
werden wir ihnen die Informationen übergeben.“
Fiona und Teresa sollten von den nicht vollständig ge-
speicherten Daten noch nicht aufgeklärt werden, da
sonst das Risiko bestand, dass sie, bei nicht vorherseh-
baren Komplikationen oder Fragen von den Entfüh-
rern bezüglich der Vollständigkeit des Materials, sich
verquatschten.

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„So bekommen wir zumindest Guiglelmo frei und
Zeit zu verschwinden. Buch schon mal vier Tickets für
uns nach Cancun und für Jan eins nach Rom. Kannst
du das für uns übernehmen? Wir fliegen nach Mexiko
zu Jackie und León, da werden sie uns am wenigsten
vermuten. Ich hab dort noch einiges aufzuklären.“
Sie starrte mich an, als wäre ich ein Außerirdischer.
Aber ich wusste, wovon ich sprach.
„Von Cancun fliegen wir weiter nach Palenque. Ich
möchte mich dort mit León treffen.“
Ich sah hierin unsere einzige Chance. León Almeida
war Maya-Experte. Wir hatten uns vor etwa zwan-
zig Jahren in Mexiko kennengelernt und waren seit-
dem befreundet. Nach einigem Hin und Her hatte
ich, ohne mich mit Jan und Guiglelmo abzusprechen,
León einen wichtigen Teil meiner damaligen Arbeit
übergeben und mit ihm vereinbart, dass er den Me-
morystick mit den codierten Informationen zur An-
lage sehr gut aufbewahren sollte, bis ich ihn brauchte.
Ohne diese wichtigen Details konnten die Anlagen
nicht in Betrieb genommen werden. León ahnte
nicht, welche Informationen dieser Stick beinhaltete.
Aber vielleicht konnte er uns jetzt helfen. Wir muss-
ten an die Öffentlichkeit, damit wir das Projekt star-
ten konnten. Die anderen brauchten mein Wissen, um
noch mehr Macht und Reichtum anzuhäufen. Denen
schien jedes Mittel recht zu sein.
„Es tut mir leid, dich, die Kinder und Fiona mit hi-
neinziehen zu müssen. Aber was soll ich deiner Mei-
nung nach tun? Klein beigeben – dann kannst du
mich morgen tot aus der Gosse fischen. Lieber setz
ich mich zur Wehr und such nach einem Weg, die
Anlagen selbst zu bauen, anstatt es diesen Profithaien
und Spekulanten zu überlassen, die doch nur die ge-

                          38
wonnene Energie an der Börse teuer wiederverkau-
fen werden.“
Teresa unterbrach mich: „Können wir das den Kin-
dern nicht ersparen?“
In diesem Augenblick kam Tommaso herein, ohne an-
zuklopfen. Ich zuckte zusammen.
„Pa, das ist eine ziemliche Scheißgeschichte mit On-
kel Guiglelmo. Was können wir tun?“ Es überraschte
mich, wie locker er ranging. „Ich will euch helfen,
wenn du erlaubst, damit dieser Albtraum schnell zu
Ende geht. Ich hab mir sofort gedacht, dass es um dei-
ne Examenarbeit geht. Wo steckt Jan Bieberich? Ich
hab gehört, er ist auch bei dir.“
„Er hat ein eigenes Zimmer, wenn du erlaubst. So,
und womit willst du mir helfen?“
„Man könnte versuchen, ihre Identität herauszufin-
den, und mit ihnen verhandeln.“
„Daran hätte ich nicht gedacht, mein Junge“, entgeg-
nete ich. „Diese Leute machen keine Verträge, son-
dern nehmen sich, was ihnen in den Kram passt, aber
die Idee ist nicht schlecht. Doch wie willst du das an-
stellen?“ Ich musste grinsen. „Etwa mit einem weißen
Tuch wedeln und sich ergeben?“
„Pa, sei nicht albern! Wie sonst willst du Onkel Gu-
iglelmo da rausholen, außer mit einem Lockvogel zu
Verhandlungen zu gehen. Sie lassen Onkel Guiglelmo
frei, während wir eine gefälschte Examenarbeit ab-
geben.“
„Das dürfte nicht so einfach sein. Sie werden zuerst
sichergehen wollen, dass sie die richtigen Informa-
tionen erhalten haben, und Onkel Guiglelmo nicht
eher freigeben, bis sie sie überprüft haben. Und wenn
ihnen das nicht reicht, knallen sie Onkel Guiglelmo
ab“, fuhr ich fort. „Aber die Richtung stimmt, Junge.

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Aber zu deiner Information, wir fliegen so bald wie
möglich nach Mexiko.“
„Was, Mexiko? Wie? Wieso Mexiko? Was sollen wir
in Mexiko?“
„Ich treffe mich dort mit jemand.“
„Ach so, und wer soll das sein?“
„León Almeida“, antwortete ich meinem noch un-
wissenden Sohn.
Doch ich hatte vor, Tommaso endlich einzuweihen,
damit er León warnen konnte, falls etwas passieren
sollte. Schließlich war er alt genug und die Zeit reif,
ihm einige Vorgänge meiner Erfindung zu unterbrei-
ten.
„Wir haben einen Plan ausgetüftelt. Wenn der hin-
haut, gewinnen wir Zeit, und dein Onkel käme viel-
leicht frei. Du wirst dich aber noch etwas in Geduld
üben müssen und mich in Mexiko begleiten. – So
jetzt brauch ich aber eine Mütze Schlaf. Jan und ich
müssen gegen drei, vier Uhr noch einiges erledigen,
wenn diese verdammten Bastarde nicht vorher heraus-
gefunden haben, wo wir uns aufhalten. Keine Gesprä-
che mit Handys. Sie könnten uns vielleicht dadurch
lokalisieren. Und keine Telefonate mit irgendwelchen
Bekannten und niemals mit Fiona. So können sie uns
nicht zurückverfolgen. Schließlich wissen wir nicht,
mit wem wir es zu tun haben. Ob Privatiers, Unter-
nehmer oder sogar der Geheimdienst und somit die
Regierung, jeder kann dahinterstecken. Und aus wel-
chem Land stammen sie?“
Diese Fragen mussten geklärt werden, und das Novo-
tel könnte uns weiterhelfen.
„Wo ist Marcella?“
„In ihrem Zimmer“, gab Teresa sofort zurück.
„Sie soll mit niemandem telefonieren, kannst du ihr

                          40
das sagen, Teresa!“
Das Zimmertelefon klingelte.
Teresa hob den Hörer ab. „Ja bitte! – Ach, du bist es,
wie geht’s dir? Was? Du willst mit Jeff sprechen? Au-
genblick, ich geb ihn dir. Wir sehen uns aber noch
beim Frühstück?“ Sie reichte mir den Hörer. „Es ist
Jan.“
„Ja, hallo, was gibt’s?“
„Ich glaub, das Beste wäre, sofort zuzuschlagen, Jeff“,
meinte Jan.
„Und wieso?“, fragte ich. „Ich dachte, du wärst
müde.“
„Ich bin nach der Dusche wieder topfit und denke,
wir sollten schnellstens herausfinden, mit wem wir es
zu tun haben. Bis dahin hab ich ja doch keine Ruhe“,
meinte Jan, womit er recht hatte.
„Also los, wir treffen uns draußen vor dem Hotel. Ich
lass uns ein Taxi kommen. Bis in zehn Minuten.“ Ich
legte wieder auf und wählte die Rezeption. „Bitte
ein Taxi in zehn Minuten. – Gut, danke“, sagte ich
und drehte mich zu Teresa und Tommaso. „Ihr habt
es gehört, wir wollen der Sache schon jetzt auf den
Grund gehen und fahren zum Novotel. Falls ich in
zwei Stunden noch nicht zurück bin, musst du diese
Kette zu León bringen.“ Ich zog die Kette über mei-
nen Kopf und gab sie meinem Sohn. „Herr Almeida
wird dir den Memorystick nur im Austausch gegen
dieses Aztekenmedaillon aushändigen, so haben wir
es damals abgemacht, sollte ich ihn nicht persönlich
abholen können. Du holst das Paket aber nur, damit
Onkel Guiglelmo freikommt, gesetzt den Fall, dass es
heute Nacht nicht klappen sollte.“
In diesem Augenblick trat Marcella ins Zimmer, kam
sofort auf mich zu und umarmte mich. „Oh Papa, ich

                          41
hab dich sehr vermisst.“
„Bin auch froh, dich wieder bei mir zu haben, mein
Kind.“
Sie hielt mich noch eine Weile fest und meinte dann:
„Was wollen die von uns? Was ist mit Onkel Guiglel-
mo, kommt er wieder frei? Papa, versprich mir, dass
ihr sehr vorsichtig seid. Kann ich vielleicht auch hel-
fen?“
„Ja, natürlich, du kannst deiner Mutter Gesellschaft
leisten.Wir fliegen, sobald ein Flug nach Cancun geht.
Es wäre lieb, wenn ihr euch darum kümmert.“
Unsere Strategie beruhte jetzt auf gegenseitigem Ver-
trauen, und wenn alle Bescheid wussten, waren wir
ein Team und konnten uns so besser durchsetzen.
„Wir müssen uns nur ein Handy besorgen, ein neut-
rales, was sich nicht zurückverfolgen lässt.“
„Papa, ich hab eins, zwar ein altes, aber es funktioniert
noch.“
„Brauchst du sicher, um deine verschiedenen Freun-
dinnen anzurufen“, bemerkte ich.
Tommaso grinste, ohne sich zu äußern, kramte aus
seiner Jackentasche ein Handy hervor und reichte es
mir.
In diesem Augenblick kam auch Jan ins Zimmer. „So,
ich bin so weit.Von mir aus können wir los. Wie weit
seid ihr?“
„Alles klar“, bestätigte ich und gab noch einige An-
weisungen: „Hört mal gut zu, wir gehen die Sache
noch einmal schnell durch. Also, worum es geht: Wir
versuchen herauszufinden, ohne viel Wirbel und Auf-
sehen, was das für Leute sind und für wen sie arbeiten.
Vielleicht finden wir in ihrem Wagen bereits, wonach
wir suchen, und ziehen uns sofort zurück. Du, Tom-
maso, gibst uns Rückendeckung in der Zeit, wo Jan

                           42
und ich uns an dem Wagen zu schaffen machen. Ist
das okay so?“
„Kein Problem, geht klar! Ihr könnt euch auf mich
verlassen. Es kribbelt schon.“
„Falls wir durch das Hotel schleichen müssen, wird es
nicht einfach, zumal wir sofort auffallen würden. Da
sind bestimmt Kameras aufgestellt“, sagte Jan.
„Um reinzukommen, müssten wir ein Zimmer reser-
vieren. So hätten wir freie Bahn im Hotel“, fiel Tom-
maso plötzlich ein.
„Ja, das scheint mir das Einfachste zu sein“, gab Jan
zu.
„Denk ich auch, gute Idee, Junge! Also los, ich sag den
Frauen Bescheid. Tommaso, nimm zwei Koffer und
steck ein paar Decken rein, damit es echt wirkt – und
ab geht’s. Ich bin sehr gespannt, wer dahintersteckt“,
sagte ich.
„Es müssen Holländer sein. Die hatten einen komi-
schen englischen Akzent“, bemerkte Jan.
„Egal, es nutzt uns nichts, wenn wir herumraten“, er-
widerte ich. „Sie scheinen nicht lockerzulassen.“

Wir gingen runter, verstauten die Koffer im Koffer-
raum und fuhren los Richtung Novotel.Tommaso be-
trat als Erster das Hotel. Nach einigen Minuten folg-
te ich mit Jan. Obwohl es bereits halb zwei in der
Nacht war, wurden wir freundlich empfangen. In der
Bar saßen noch einige Gäste, zum Glück nicht unsere
beiden schrägen Vögel. Tommaso war sofort auf sein
Zimmer gegangen. Auch Jan und ich folgten sofort
und gaben ihm Bescheid, dass es losging. Wir nahmen
den Aufzug zur Tiefgarage, wo nicht allzu viele Autos
parkten. Wir brauchten nicht lange zu suchen, da sah
ich die schwarze Limousine.

                          43
„Jan, da steht der Van, der mich mitgenommen hat.
Aber Vorsicht, dass der Alarm nicht losgeht.“
Wir taten so, als wollten wir einsteigen, ich an der
Fahrerseite und Jan als Beifahrer. Ich fummelte nach
dem vermeintlichen Schlüssel, während Jan sich an-
schickte, die Beifahrertür zu knacken. Es dauerte eine
Weile, bis es so weit war. Sofort ging der Alarm los,
als die Fensterscheibe in Stücke zersprang. Er mach-
te sofort die Tür auf und lehnte sich in den Wagen,
um die Fahrertür zu öffnen. Wir fackelten nicht lan-
ge, steckten alles, was im Handschuhfach lag, in eine
Plastiktüte und fuhren mit dem Aufzug zu Tommasos
Zimmer. Mittlerweile hatte mein Sohn sich schlau ge-
macht, wie wir unauffällig aus dem Hotel verschwin-
den konnten. Da alle Zimmer im Parterre lagen, war
es nicht schwierig, am Ende des Ganges durch den
Notausgang nach draußen zu gelangen, wobei der
Alarm ausgelöst wurde. Schnell und ohne viele Worte
verschwanden wir nach draußen und befanden uns im
Park des Hotels. Lichter wurden angeschaltet. Ohne
Zwischenfälle konnten wir entkommen. Als wir in
einer Nebenstraße angelangt waren, hörten wir in der
Ferne, wie sich Polizeisirenen näherten. Wir mussten
uns trennen und zurück zum Hotel Sheraton fahren.
Im Zentrum nahm jeder ein Taxi.
Im Hotel trafen wir auf etwas nervös wartende Frauen,
die sich aber entspannten, als wir meldeten, dass alles
gut geklappt hätte. Ohne lange zu fackeln, drehte ich
die Tüte auf den Kopf und betrachtete unsere Beu-
te. Autopapiere, eine Mappe, Adresskarten, Anzünder,
Kugelschreiber, Brille und ein kleines Notizbuch, das
ich neugierig aufschlug.
„Ich glaube, wir haben Glück.“
Ich blätterte darin herum und schlug das Datum von

                          44
heute auf. Da waren einige Telefonnummern notiert.
Mir fielen sofort die 0039-Nummer aus Italien und
weitere Nummern aus Holland mit der Vorwahl 0031
auf.
„Sieh mal einer an“, sagte ich. Zügig blätterte ich wei-
ter und fand einen Namen, der mir sehr bekannt vor-
kam, und ich wusste auch, für wen er arbeitete. „Das
ist nicht möglich, ein Ölkonzern scheint an unseren
Unterlagen interessiert zu sein, wenn das stimmen
sollte. Er selbst ist ein ziemlich bekannter Politiker
und verkehrt ganz oben in der Regierung. War früher
sehr lange Berater des Konzerns, was nicht heißt, dass
er dies nicht mehr ist“, fügte ich hinzu.
„Wenn das stimmt, Jeff, haben wir gute Arbeit geleis-
tet“, freute sich Jan zurückhaltend.
„Teresa, ihr bleibt im Hotel. Keiner weiß, wo wir uns
befinden. Sobald die Flugtickets beim Portier vor-
liegen und die Abflugzeit bekannt ist, verschwinden
wir. Du, Jan, musst in Rom in einem Hotel ausstei-
gen und versuchen, Fiona unauffällig zu kontaktie-
ren. Keine Handys bitte, telefonier nur aus dem Hotel.
Diese Telefone können sie schwierig zurückverfolgen.
Verstanden? Wir werden nur von Hotel zu Hotel in
Kontakt treten, ist das klar, egal, was passiert?! Oder
wir hinterlassen eine Nachricht beim Portier, die du
abfragen kannst.“
„Ich werde alles Nötige tun. Ich bin doch nicht le-
bensmüde.“
„Ich werde dir die Dokumente an deine E-Mail-Ad-
resse schicken. Du kannst sie dir dann im Hotel in
Rom auf CD brennen. Das könnte Guiglelmo mit
ein bisschen Glück das Leben retten. Wir müssen alles
versuchen. Tommaso, wir fahren getrennt zum Flug-
hafen. Das heißt, du mit deiner Schwester und ich mit

                          45
deiner Mutter“, schloss ich das Gespräch. „Wir neh-
men noch eine Mütze voll Schlaf, können wir ehrlich
gesagt gebrauchen“, gestand ich. „Wann gehen die
Flüge?“, fragte ich Teresa.
„Morgen zum Frühstück wissen wir Bescheid“, gab
sie zurück. „Ich bin jetzt auch müde, ich möchte ins
Bett, also gute Nacht allerseits.“ Sie ging rüber zum
Schlafzimmer.
Marcella hatte kein Wort gesagt, aber die blanke Angst
stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich möchte bei
Mama schlafen“, sagte sie etwas ängstlich.
„Papa, du kannst ja in meinem Zimmer schlafen“,
sagte Tommaso sofort.
„Nein, ich schlafe hier auf der Couch, es geht schon.
Muss noch einige Sachen erledigen und über man-
ches nachdenken. Wir können uns keine Fehler er-
lauben. Ruht euch gut aus. Wer weiß, was noch alles
kommt.Wir können keinem trauen. Ich muss morgen
früh auch noch im Werk anrufen.“
Mittlerweile war es halb sechs in der Früh geworden
und die Augen brannten mir im Kopf. Die längste
Nacht meines Lebens lag hinter mir, ohne eine Party
gefeiert zu haben.




                         46
Mexiko, hola
	
Es schien alles so unheimlich und unwirklich zu
sein. Ich stand in Cancun mit meiner Familie, ohne
dass Ferienfreude aufgekommen wäre. Glühend heiß
brannte die Sonne vom Himmel, das kannte ich so
nicht vor zehn Jahren. Den Klimawandel spürte man
hier sehr deutlich, genauso wie den Golfstrom, der
noch unerträglicher und heißer geworden war. Hier
waren Hurrikans an der Tagesordnung, es vergingen
keine zwei Wochen, und schon fegte der nächste Or-
kan erbarmungslos über das Meer und das Land.

Im zwölften Stock der Staroil in Rotterdam herrschte
dicke Luft, dort verfolgte man eine andere Realität. Sie
waren zusammengekommen, um die Situation mit all
ihren schiefgelaufenen Einzelheiten zu beurteilen. Die
Gesichter schauten düster drein, während sie auf den
Aufsichtsratsvorsitzenden des zweitgrößten Ölprodu-
zenten des Globus warteten. Aber die Aktien fielen
von Minute zu Minute. Man musste sich entscheiden,
ob sie von der Börse genommen werden sollten. Mitt-
lerweile nichts Neues auf diesem Gebiet. Schon seit
vier Jahren beherrschte das Phänomen des Auf und
Ab weltweit die Börsenparkette. Der einzige Druck,
den die Öl- und Gaslieferanten ausüben konnten, be-
stand darin, den Hahn zuzudrehen oder Lieferstopps
auszusprechen, wenn nicht innerhalb kurzer Zeit bar
gezahlt wurde. Alle Übernahmen hatten nicht dazu
beigetragen, die Aktionäre zu sättigen. Hier lautete das
Motto: fressen oder gefressen werden. Es war nichts Neu-
es, dass auch an dieser Front die Karten neu gemischt
werden mussten, um einigermaßen die Kontrolle der
durstigen Wirtschaftsbonzen zu löschen.

                          47
Nach einigen Minuten des Wartens kamen der Se-
kretär und die Dolmetscherin, um den Vorsitzenden
anzumelden. Die außerordentliche Konferenz sollte
neue Perspektiven öffnen.
„Meine Damen und Herren, sehr verehrte Freunde
und Gäste: der Präsident“, wurde er von einer Dame
angemeldet.
Alle applaudierten und warteten gespannt, was And-
reas van der Heuvel zu sagen hatte. Langsam und ziel-
bewusst begab er sich ans Rednerpult.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie wis-
sen, dies ist eine geschlossene Zusammenkunft. Ich
möchte nicht zu lange ihre Geduld strapazieren und
gleich zum Wesentlichen kommen. Wir haben zwar
einen der drei Protagonisten der Theorie, aber das
nützt uns wenig. Ich bin mir sicher, dass nach den Vor-
fällen im Novotel in Köln die anderen beiden Herr-
schaften bereits über unser Vorhaben Bescheid wissen.
Uns nützt der Tod von Guiglelmo Vaccha wenig, an-
dererseits kann er als Druckmittel verwendet werden.
Was mit ihm passieren soll, wollen wir erst einmal zu-
rückstellen. Da wir die beiden anderen verloren haben,
können wir nur Vermutungen über ihren Aufenthalts-
ort anstellen. Ich möchte, dass sie alles daransetzen,
sie zu finden, andernfalls geraten wir ins Hintertreffen
zur Konkurrenz. Schließlich sind wir sehr großzü-
gig unseren Zahlungen gegenüber der Staroil nach-
gekommen. Wollen Sie, dass wir uns nach fähigeren
Leuten umsehen? Ich möchte unverzüglich Resultate
und die Pläne unverfälscht auf meinem Schreibtisch
sehen. Ich mache keinen Hehl daraus oder ihr seid ab
sofort arbeitslos. Möchte jemand noch etwas sagen?“
Ein junger Mann namens Alex J. Scott hob die Hand
und meinte: „Wie sollen wir arbeiten, wenn keiner

                          48
zu Schaden kommen soll. Früher oder später gelangt
die Angelegenheit an die Presse, wenn wir weiter so
zögern. Nichtsdestotrotz hatten wir alle drei bereits in
unseren Händen. Doch keiner kann jemanden zwin-
gen, die Aufzeichnungen herauszugeben, ohne Druck
zu machen, außer wir machen ernst, bevor die Presse
oder die andere Seite Wind davon bekommt. Schließ-
lich sind Sie politisch geschützt und genießen Immu-
nität.“
„Stimmt nur zum Teil. Sie können nicht zur Polizei
gehen, denn sie vertrauen niemandem, außer viel-
leicht ein paar Leuten, deren Namen ich nun bekannt
geben werde, damit dies ein schnelles Ende findet.Wir
werden sie sofort aus dem Verkehr ziehen, damit Brink
und Bieberich einsehen, wie brenzlig es wird. Wir
können uns keine negative Presse erlauben. Aber ein
Hintertürchen besteht: Schnappt euch León Almeida
und macht ihm klar, dass wir für gar nichts garantieren,
wenn er die Brinks aufnimmt. Und Brinks vertrauter
Mitarbeiter Andreas Gloden bei Medpharma soll so-
fort mit der Sprache herausrücken, was sie zurzeit im
Werk entwickeln und wie weit sie mit der Forschung
sind. Versucht an alle Informationen zu gelangen und
nochmals: Ich sage euch, wann Blut vergossen wer-
den soll. Denn wenn etwas schiefgeht, können wir das
Ganze vergessen. Es ist für uns und unser Land von
enormer Wichtigkeit, die Theorie in unsere Hände zu
bekommen, ohne Aufsehen zu erregen. So, das wäre
alles. Ich will, dass übermorgen um dieselbe Zeit alles
erledigt ist. Wie, ist mir egal. Ihr seid die Profis. Ich
muss weiter die Aktionäre und den Aufsichtsrat be-
ruhigen. Also, achtundvierzig Stunden und keine Mi-
nute mehr. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
Alex J. Scott, ein ziemlich rauer Bursche und gewalt-

                           49
tätig, wollte die Lage mit aller Macht wieder gera-
debiegen. Aber das ging nur, wenn ein paar von der
Mannschaft an seiner Seite und unter seinem Kom-
mando stünden. Er veranlasste ein Treffen außerhalb,
um das weitere Vorgehen zu planen. Er hatte nichts
Gutes, dieser Plan.

Im Hotel Holiday Inn auf Cancun waren die paar
Habseligkeiten schnell aufs Zimmer gebracht.Wir tra-
fen uns anschließend im klimagekühlten Lunchraum.
Die Uhr zeigte halb neun. Draußen war es schon
stockdunkel und schwül bei 40 Grad.
Ich hatte mit Jan telefoniert, der sehr vorsichtig bei
Fiona aufgekreuzt war, um Genaueres zu erfahren. Sie
hatte meinen Rat, zu ihrer Schwester zu gehen, nicht
befolgt. Daher musste sie unbedingt von zu Hause
weg und in Sicherheit gebracht werden, damit keine
weiteren Familienmitglieder in Gefahr gebracht wur-
den. Jan meinte, sie habe sehr mitgenommen ausgese-
hen und gewollt, dass wir unser Wissen herausgaben.
Er hatte sie beruhigt und ihr erklärt, dass wir alles in
unserer Macht Stehende tun würden, um Guiglelmo
freizubekommen, aber bis jetzt hatte sich keiner der
Entführer gemeldet, um den Transfer vorzubereiten.
Wir warteten alle ungeduldig auf Jans Anruf aus
Rom.
Als das Abendessen serviert wurde, kam ein Kellner
und brachte einen Briefumschlag auf einem Tablett.
Ich nahm ihn entgegen und schaute mich im Restau-
rant nach verdächtigen Personen um. Alles war fried-
lich. Gespannt öffnete ich den Brief und las die paar
Sätze.
„Lieber Freund, wenn du diesen Brief in der Hand
hältst, bin ich entweder tot oder auf Chichen Itza im

                          50
Maya-Land-Hotel. Da mir aufgefallen ist, dass eini-
ge Leute mich seit zwei Wochen beobachten, hab ich
mich entschieden, nach unserem Telefonat sofort ab-
zureisen, ohne auf Palenque eine Nachricht zu hin-
terlassen. Bis bald, Junge. León Almeida.“
„So“, sagte ich, „sie wissen Bescheid. León wurde of-
fenbar bereits seit Wochen beschattet. Er ist abgereist
nach Chichen Itza ins Maya-Land-Hotel. Wir fahren
morgen in der Früh sofort dahin. Tommaso, du gehst
mit mir. Die Frauen bleiben hier in einem anderen
Hotel. Es tut mir leid, aber es ist besser so.“
„Jeff, ich werde noch verrückt, wann hört dieses Thea-
ter endlich auf“, bemerkte Teresa aufgeregt.
„Mama, es ist gut, Papa will ja nur, dass wir nicht auch
noch mit reingezogen werden, und er hat recht mit
seiner Vorsicht“, entgegnete Marcella, und zu mir ge-
richtet: „Papa, ich möchte auch mit nach Chichen
Itza, ich bin noch nie dort gewesen.“
„Geht leider nicht, mein Kind, ein andermal viel-
leicht.“
„Ich bin kein Kind mehr. Hör auf damit! Ich werde
auch sehr brav sein.“
„Wir brauchen einen Geländewagen, Tommaso“, ver-
suchte ich abzulenken.
„Eigentlich möchte ich auch dabei sein“, sagte Teresa,
„warum sollen wir Frauen immer ins Wartezimmer
abgeschoben werden. Jeff, wir fahren auch mit!“
Ich musste ihr recht geben. Sie wie rohe Eier zu be-
handeln brachte überhaupt nichts.
„Also gut, wir fahren alle zusammen.“
Unmittelbar nach dem Kaffee gingen wir auf unsere
Zimmer und gingen früh zu Bett. Da ich nicht schla-
fen konnte, rief ich Jan an. Er hatte herausgefunden,
dass es sich bei der italienischen Telefonnummer aus

                          51
dem Notizblock um eine Filiale des holländischen
Ölkonzerns handelte. Morgen wollte er etwas Licht
in die Sache bringen, indem er ein wenig nachforsch-
te. Vielleicht wurde Guiglelmo dort festgehalten. Ein
billiger Trick sollte ihm dabei helfen. Wenn sich die
beiden Männer in dieser Filiale befanden, wussten
wir, dass Guiglelmo nicht weit weg sein konnte. Das
ließ uns hoffen.
Ich traute mich nicht, im Maya-Land-Hotel anzu-
rufen und nach León zu fragen, damit niemand von
unserer Ankunft erfuhr. Irgendwann schlief ich ein.

Unterwegs nach Chichen Itza überraschte uns ein
fürchterlicher Platzregen. Es schüttete wie aus Ei-
mern, sodass wir anhalten mussten. Durch die hef-
tigen Windböen und umgefallenen Bäume verloren
wir viel Zeit. Wieder wurden wir mit den unbere-
chenbaren Folgen des Klimawandels konfrontiert. Am
späten Nachmittag erreichten wir eine der schönsten
Hinterlassenschaften der alten Mayakultur. Die Maya
verschwanden genau auf dem Höhepunkt ihres Da-
seins, als hätte sie der Erdboden verschluckt. So wie
Uxmal, Tulum, Palenque und viele andere Kultstätten.
Als Ursache ihres Verschwindens vermuteten die Wis-
senschaftler eine jahrzehntelange Trockenheit, den-
noch blieb es ein riesiges Geheimnis. Einige Fragen
waren zwar beantwortet worden, aber bei sehr vielen
anderen stocherte man noch im Dunkeln.
Der Zyklus des Maya-Kalenders endete, wenn alles
stimmte, 2012 unserer Zeit, also im vorigen Jahr. Des
Weiteren hatten die Pyramiden mit den acht Stufen
eine symbolische Bedeutung. León und ich waren
davon überzeugt, dass ein gemeinsamer Nenner zwi-
schen all diesen Mythen und Hinterlassenschaften der

                         52
prähistorischen Monumentalgeschichte bestand und
wir es mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu lan-
ger Zeit wissen oder schmerzlich würden erfahren
müssen. Weil die spanischen Konquistadoren sowohl
in Mittel- als auch in Südamerika aus Habgier viel
zerstört und geplündert hatten, standen wir vor kei-
ner leichten Aufgabe, genaue Abläufe dieser Kulturen
nachzuvollziehen.

Der Tzolkin-Kalender,Teil des Maya-Kalenders, stellte
meiner Theorie nach einen Erdenlauf-Zyklus von etwa
sechsundzwanzigtausend Jahren dar, wobei jedes der
dreizehn Zahlenfelder eine Periode von zweitausend
Jahren darstellte. Die zwanzig äußeren Unterteilungen
des kreisförmigen Kalenders, die Hieroglyphen, reprä-
sentierten die bestimmenden, einschneidenden Ereig-
nisse oder Merkmale einer Epoche. Nördlich auf der
Scheibe ist die Hieroglyphe eines Kindgesichts, die als
Menschensohn (Messias) zu verstehen ist, abgebildet.
Unterhalb beginnt gleichzeitig mit der Hieroglyphe
die letzte Zahl, dreizehn. Zu diesem Zeitpunkt wurde
Jesus Christus geboren. Die Hieroglyphe linkerhand
wird übergreifend von der Zahl dreizehn in die Zahl
eins (die neue Erde) dargestellt. Das war genau unse-
re jetzige Zeitperiode. Dies bedeutete, dass wir, die
Menschheit, einer gewaltigen Veränderung entgegen-
schauten. Wann genau dies sein würde, konnte und
sollte keiner bestimmen. Meine neuen Erkenntnisse
diesbezüglich wollte ich León unterbreiten, der seit
mehreren Jahrzehnten Maya-Experte war.

Dann schweiften meine Gedanken in die Gegen-
wart zurück. Die Tatsache, dass der Sauerstoffanteil in
der Luft stetig zurückgegangen war und das Ozon-

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loch immer größer über den Polen klaffte, lag letzt-
endlich nicht an irgendwelchen Sonnenaktivitäten
oder -winden, sondern an der nicht abnehmenden
Verschmutzung und dem Treibhauseffekt durch den
CO2-Ausstoß, den die Menschen verursacht hatten.
Doch die Menschen hatten ihre Augen verschlossen
oder ihnen wurde verschwiegen, dass der immense,
seit 1965 ständig steigende Kohlenmonoxid-Ausstoß
eines Tages seinen Preis fordern würde, wie viele Ex-
perten vorausgesagt hatten, aber die Politik hatte die
Auswirkungen auf Natur und Ernährung systematisch
verharmlost und vertuscht. Sogar unsere Ozeane wa-
ren mittlerweile hochgradig verschmutzt und leer ge-
fischt, wobei vollkommen vergessen wurde, dass sie
seit Millionen von Jahren ein wertvolles Element für
das Leben und unser Klima waren. Doch wenn der
letzte Wal aus dem Meer gefischt war, was dann? Zu-
dem waren unsere Süßwasserreserven, auch Gletscher
genannt, weltweit gänzlich verschwunden und keiner
wollte etwas ändern.
Alle Abläufe, die auf der Erde seit Millionen von Jah-
ren als selbstverständlich galten, durften jetzt nicht
durch einige Mächtige aus Habsucht und Profitgier
nach Lust und Laune zerstört werden. Jeder Mensch
sollte an dieser Welt teilhaben. Aber da viele Machtha-
ber oder Industriepotentaten sich als alleinige Eigen-
tümer der Ressourcen betrachteten, sich das Recht
herausnahmen, diese auszubeuten, und die Politik sie
als Wirtschaftselite auf Kosten der Verbraucher oder
Mittellosen und Unwissenden hochstilisierte, hatten
wir keine Zukunft.
Jeder Mensch sollte täglich an seine eigene Verantwor-
tung erinnert werden. Auf den Werbeplakaten und auf
der Verpackung sollte man auf die Schädlichkeit der

                          54
Produkte hinweisen, wie auf den Zigarettenschach-
teln. Beispielsweise: Autoreifen töten und verpesten unsere
Umwelt. Die Konzerne sollten vom eigenen Personal
ermahnt werden, auf saubere Energien und Produkte
umzurüsten.
Das Kyoto-Abkommen hatte überdies kläglich ver-
sagt und nicht den Hunger nach mehr Energie der
westlichen Zivilisationen und neuen kapitalistischen
Länder, wie China, Indien und Russland, stillen kön-
nen. Dadurch waren noch mehr CO2-Emissionen in
die Atmosphäre gelangt, aber auch Milliarden von
Dollar in die eigenen Taschen der Börsianer geflossen.
Von Abstrafen der Industrieländer keine Rede, weil
sie nach Belieben Zertifikate kaufen, verkaufen und
übertragen konnten. Bis heute hatte sich niemand für
eine Alternative eingesetzt. Das Ganze drohte zu kip-
pen und niemand schien sich darum zu scheren, auch
wenn allerorts viel geredet und dokumentiert wurde.
Aber in sehr naher Zukunft sollte das ein Nachspiel
haben. Die Armen konnten sich nicht verteidigen,
während die Reichen keinen Anlass dazu sahen, zu-
mal sie bereits Sauerstofftanks eingebunkert hatten,
um eine eventuelle Krise zu überstehen. Von Wis-
senschaftlern wurde prognostiziert, dass bis zum Jahr
2030 auf der nördlichen Hälfte des Globus kaum noch
jemand überleben könnte, während die südliche He-
misphäre in Kriege verwickelt sein würde durch Dür-
reperioden, Flüchtlings- und Asylprobleme, Hunger
und Epidemien und nicht zuletzt wegen der unter-
schiedlichen Kulturen und Religionen.
Ich persönlich wollte unbedingt die Zusammenhän-
ge und die Entstehung von Leben vor Millionen von
Jahren verstehen. Die Mythen und Legenden der ver-
gangenen Kulturen hatten uns eine Menge Botschaf-

                            55
ten hinterlassen, die uns helfen konnten, die Vorgänge
der Zeit zu begreifen und eine Lösung zu finden.
Die Beweise erhärteten sich, dass gewisse Leute sich
meines Wissens ermächtigen wollten, um selbst nicht
eines Tages mit ihren Produkten auf dem Trocknen
zu stehen. Wer wollte schon zusehen, wie der andere
bejubelt wurde, während man selbst aufgeben musste.
Meine Theorie von der WWP, World Without Profit
(Welt Ohne Profit), sollte jedem offen gelegt werden,
und es sollte gemeinsam weiter geforscht und nicht
für eigene Interessen genutzt werden. Lieber ver-
brannte ich meine Erkenntnisse oder nahm sie mit
ins Grab.

Ich bemerkte erst jetzt, dass wir fast angekommen
waren. Der Tourismus schien beinahe erloschen zu
sein, seit ich zum letzten Mal diese Kultstätten be-
sucht hatte. Immer weniger Busse waren uns begeg-
net. Mir war es damals schon komisch vorgekommen,
dass Menschen und Kulturen solche Bauwerke für
die Ewigkeit bauten, obwohl sie selbst nach kurzer
Zeit verschwanden. Ich denke, wenn wir zum Beispiel
lange Jahre am Petersdom in Rom nichts reparieren
würden, wäre bereits nach zweihundert Jahren von
diesem Prunkbau nicht mehr viel übrig. Die Bausubs-
tanz war eben nicht dieselbe und konnte die Jahrtau-
sende nicht überdauern.
Wir bogen in die Straße, die uns zum Maya-Land-
Hotel führte. Das Unwetter hatte sich mittlerweile
beruhigt.
Marcella sagte: „Ich wäre doch lieber zu Hause ge-
blieben, wenn es nicht für Onkel Guiglelmo die Ret-
tung bedeuten würde.“
„Du wolltest doch unbedingt mit und jetzt redest du

                         56
so. Ich wäre auch lieber zu Hause geblieben“, meinte
Teresa.
Tommaso dagegen befand sich in seinem Element.
In der Hotellobby wurden wir bereits von den hie-
sigen Mexikanern sehr freundlich empfangen. „Olà
como va señoras e señores?“
„Mui bien, mui bien“, antwortete ich. „El señor Pro-
fessor Almeida està aqui?“, fragte ich sofort an der Re-
zeption.
„Si, esta un correro por usted señor Brink“, sagte der
Mann hinter der Theke, er hätte eine Nachricht von
Professor Almeida.
„Muchas gracias señor“, nahm ich den Brief entgegen.
Ich drehte mich zu Teresa um und sah ihren besorgten
Blick. Ich öffnete den Brief. Die Spannung stand allen
ins Gesicht geschrieben.
„Hallo, allerseits“, las ich laut vor. „Entschuldigt mich,
ich musste mit meiner Familie zu einer Einladung
von Bekannten aus der Nähe. Ich bin so gegen Abend
wieder zurück. Ich habe bereits eine Suite im ersten
Stock reservieren lassen. Entspannt euch inzwischen
etwas von der Reise. Bis später. Grüße, León.“
Erleichtert atmeten wir auf. Dann gingen wir auf
unsere Zimmer, die im Kolonialstil eingerichtet wa-
ren. Es handelte sich um ein altes Hotel aus der spani-
schen Epoche, sehr nach meinem Geschmack. An der
Decke hing ein Ventilator, der langsam seine Runde
drehte, während von draußen tropisches Vogelgeschrei
und sehr sanfte mexikanische Gitarrenmusik herein-
drangen. Die Sonne schien auch wieder.
Marcella und Tommaso wollten im Swimmingpool
eine Runde schwimmen und Teresa zog sich zu einer
Siesta zurück. Somit hatte ich Zeit, Jan anzurufen und
mich nach Neuigkeiten zu erkundigen.

                           57
„Jan, ich bin’s. Ist Fiona bei dir?“, fragte ich sofort.
„Ja, ja, alles so weit okay. Möchtest du mit ihr spre-
chen?“
„Ja später, erzähl du zuerst.“
„Ich hab mich heute Morgen so gegen acht Uhr zum
Büro der Staroil-Filiale hier in Rom aufgemacht und
beobachtet, wer ein- und ausging. Unser nett geklei-
deter Kerl ist drinnen verschwunden und später mit
jemandem weggefahren. Allerdings konnte ich ihn
nicht weiter verfolgen, weil ich zu einer Verabredung
mit Fiona musste. Gestern Abend dagegen schien
hier auf den Büroetagen mächtig was los gewesen zu
sein. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Guiglelmo
hier festgehalten wird, dazu schleiche ich mich heute
Abend nach Feierabend ins Gebäude. Mehr konnte
ich noch nicht tun, zumal ich immer an die Sicherheit
von Guiglelmo zu denken habe.“
„Hast recht, pass auf dich auf! Schreib dir bitte die
Nummer von unserem Hotel hier auf. Also sie lau-
tet: 0052 3654876823. Bis später. Gib mir Fiona.“ Ich
wandte mich um. „Teresa, möchtest du mit ihr reden,
es gibt nichts Neues in der Sache, aber du könntest sie
etwas trösten.“
Sie nahm den Hörer. „Ja gut.“  – “Hallo, Fiona, wie
geht es dir …“
Ich machte mir einen Drink und verschwand auf die
Veranda, ein sehr romantischer Ort, der einen Blick auf
die berühmte Pyramide von Chichen Itza mit ihrem
Gott Chak Mol an der anderen Seite des Platzes, ein
paar hundert Meter von hier, erlaubte. Ich setzte mich
auf einen bequemen Sessel und schlief augenblicklich
ein. Teresa weckte mich zum Abendessen mit einem
zärtlichen Kuss auf die Stirn. Mir war nicht sehr wohl,
am liebsten hätte ich mich umgedreht und weiter-

                          58
geschlafen.
Die Kinder waren schon umgezogen und Teresa
schminkte sich gerade. Draußen war es stockdunkel.
„León ist mit Frau und Tochter schon eingetroffen.
Sie haben vor einer halben Stunde auf dem Zimmer
angerufen. Wir treffen uns gegen halb neun im Foyer
und essen später zusammen.“
„Wie lange hab ich geschlafen?“, fragte ich.
„Es ist jetzt halb sieben“, erwiderte Marcella.
Tommaso war dabei, mit seinem Handy zu spielen.
„Tommaso, du lässt das schön bleiben. Wie bespro-
chen, es werden keine Telefone benutzt, die zurück-
verfolgt werden könnten, einverstanden?“, gebot ich
mit fester Stimme.
„Ja, Pa, ich schau mir nur ein paar SMS an. Sie wollen
alle wissen, wo ich bin, was soll ich denen antwor-
ten?“
„Im Moment nichts, da wir keine weiteren Probleme
gebrauchen können.“
Er gab keine Antwort, er verstand auf Anhieb, worum
es ging. Ich stand auf und ging ins Bad.
Vor dem Abendessen spazierten wir eine Weile durch
den Park. Es war als ob hier die Zeit stehen geblieben
war, es hatte sich wenig geändert. Teresa hielt mich
ganz fest, wobei sie die Erinnerungen von vor mehr
als zwanzig Jahren, als wir auch hier abgestiegen wa-
ren, ein bisschen melancholisch machten. Ich konnte
mich noch genau erinnern. Sie war damals schwanger
mit Marcella. Sehr heiß und schwül war es gewesen.
Sie musste oft das Zimmer hüten, weil es dort eine
Klimaanlage gab.
Teresa und ich schwiegen zumeist und bewunder-
ten die exotischen Pflanzen und Bäume, die von den
Strahlern hell beleuchtet wurden.

                         59
Zu jener Zeit hatte ich León kennengelernt.Wir spra-
chen viel über den Maya-Zeitzyklus und ihr plötzli-
ches Verschwinden. Er machte viele Recherchen be-
züglich des Maya-Kalenders und der Stelen, in riesige
Steine gehauene Inschriften und Abbildungen. Dazu
kamen die exakten astronomischen Kenntnisse dieses
für die damalige Zeit hoch entwickelten Volks. Dass
hier auch Pyramiden gebaut worden waren, mutete
schon merkwürdig an, nicht minder die gemeinsame
Legende einer Sintflut, die sich in vielen Kulturen er-
zählt wurde. Aber wo lag der Schlüssel zu alledem?
Wir gingen langsam den Pfad hinunter und setzten
uns auf die Terrasse. Sofort kamen Kellner und einige
Musikanten und bezirzten uns mit ihrer Musik, die
alle unangenehmen Gedanken verdrängen konnte.
Die Kinder kamen hinzu und hänselten uns.
„Dürfen wir die Verliebten stören oder wollt ihr noch
von vergangenen schönen Stunden träumen?“, fragte
Marcella lachend. „Tommaso, sag was!“
„Ich seh, sie sind verliebt wie damals.“
Teresa errötete ein bisschen, während es mich schmei-
chelte. Es tat gut, alle zusammen hier an diesem Ort
zu sein. Ich gab den Musikern einige Pesos und sie
zogen mit einem Tusch weiter.
In diesem Moment kam León mit seiner Gattin und
seiner Tochter an der Hand auf die Terrasse. Seine
Haare waren vollends ergraut, aber seine Haut zeigte
eine gesunde Farbe, und die sportliche Abendbeklei-
dung ließ ihn interessant aussehen. Seine Frau Jackie
stammte aus guter Familie und sah mit ihren vierund-
fünfzig Jahren blendend aus. Ihre Tochter Serena hätte
ich nach all der Zeit niemals wiedererkannt. Sie hatte
damals mit drei Jahren wochenlang mit Tommaso im
Park des Hotels gespielt. León allerdings hatte ich zu-

                          60
letzt vor drei Jahren auf einer Konferenz in Chicago
gesehen. Ferner trafen wir uns ohne die andere Hälfte
fast alle drei bis fünf Jahre. Wir waren Freunde gewor-
den und telefonierten fast jeden Monat miteinander.
„Wie schön, euch wiederzusehen!“ Ich stand auf, be-
grüßte die Gattin mit Handkuss und gab der hüb-
schen Tochter die Hand. Dann drehte ich mich um
und umarmte León, so wie wir es schon seit Jahren
taten. Die Damen küssten sich auf die Wangen, wäh-
rend Tommaso schüchtern allen die Hand gab. Ich sah,
dass Marcella und Tommaso sich freuten.
„Ich freue mich so, euch wiederzusehen nach all den
Jahren!“, sagte Jackie frohgemut.
„Wir freuen uns auch, Jackie“, entgegnete Teresa lä-
chelnd, die sich nun merklich entspannte.
„Bist du gewachsen“, meinte León nach einem Blick
auf Tommaso, „ein sympathischer junger Mann bist
du geworden. – So ist das, Jeff, und wir werden immer
älter.“
„Kommt, lasst uns Platz nehmen und uns einen Wie-
dersehenstrunk genehmigen“, schlug ich vor. „Was
möchtet ihr trinken?“ Ich hob die Hand.

Sofort war die Bedienung zur Stelle und nahm die
Bestellung auf.
Die jungen Damen hatten sofort genügend Ge-
sprächsstoff, während sich Tommaso merklich zurück-
hielt und, wie mir schien, die Augen nicht von Serena
lassen konnte, die er scheinbar unauffällig musterte.
Es amüsierte mich. Ich hätte in jungen Jahren wahr-
scheinlich dasselbe getan.
„León, mein Alter“, fuhr ich fort, „gut, dass wir uns
sehen. Du weißt ja inzwischen, was vorgefallen ist,
und wir müssen handeln. Bei meinem Schwager, den

                          61
du ja in Chicago kennengelernt hast, geht es um Le-
ben und Tod. Er wurde vor zwei Tagen entführt, und
sie werden ihn erst wieder freilassen, wenn sie unsere
Erfindung in die Hände bekommen, die sie dann pro-
fitabel ausschlachten wollen.“
„Ja, du hast vollkommen recht, es muss schnellstens
etwas geschehen. Wir müssen sie aufhalten und Zeit
gewinnen.“
„Auf jeden Fall sollten sie nie wissen, wo wir uns auf-
halten“, bemerkte ich.
„Aus diesem Grunde haben wir auch sofort das Ho-
tel gewechselt, ohne anzugeben, wo es hingeht“, gab
León bestimmt zurück.
„Wir schweben alle in Gefahr“, meinte Teresa be-
sorgt.
„Aber was geschehen ist, kann nicht ungeschehen ge-
macht werden“, versuchte Jackie zu beschwichtigen.
Sie war eine mutige Frau und hatte ihren Mann all die
Jahre seiner Forschung über die Maya unterstützt.
Nach dem Abendessen wollten wir noch einmal bei
einer Zigarre die weiteren Schritte besprechen. Aber
so weit sollte es nicht kommen.
Es war so gegen halb elf, da nahm die Misere ihren
Lauf – oder war es Schicksal? Vier Männer tauchten
plötzlich in dem bis auf den letzten Platz besetzten
Saal auf, wobei einer laut die Musik der Musikanten
mit der Frage übertönte: „Wer ist Señor Jeff Brink? Er
soll sofort aufstehen, sonst müssen andere dran glau-
ben, die nichts mit der Sache zu tun haben. Keiner
rührt sich, verstanden! Das ist ein Befehl und kein gut
gemeinter Rat.“
Die anderen drei Männer stürmten in die Menge und
rissen einige Stühle um.
„Alles bleibt sitzen. Keiner rührt sich vom Fleck“,

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schrie der erste. „Wir schießen sofort.“
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Tommaso lang-
sam in die Knie rutschte und unter dem großen run-
den Tisch verschwand. Mich wunderte es, dass kei-
ner der vier Männer dies bemerkte. Ich schob seinen
Teller beiseite, damit es nicht so aussah, als hätte dort
jemand gesessen, und mit dem Fuß rückte ich den
Stuhl gegen den Tisch.
Erst redeten alle durcheinander, dann brüllte der erste
Mann: „Still, alle sollen die Klappe halten, hab ich ge-
sagt.“
Eine Salve aus einer automatischen Pistole riss fünf,
sechs Löcher in die Wand. Es staubte, und das zeigte
Wirkung auf alle Anwesenden im Saal. Es wurde so
still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.
„So ist es brav, aber jetzt soll Herr Brink endlich zu
mir kommen, und ihr könnt in aller Ruhe weiter-
machen, meine Damen und Herren.“ Die Worte aus
seinem Mund klangen zynisch und hämisch zugleich.
Ich musste etwas unternehmen, schaute León an und
nickte ihm zu.
„Na also, das ging ja flott. Kommen Sie mit erhobe-
nen Händen hier rüber – und keine falsche Bewe-
gung. Mein Finger juckt.“
Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie ge-
schossen hätten, wollte ich niemanden weiter gefähr-
den, stand mit erhobenen Händen auf und bewegte
mich vorsichtig in seine Richtung.
„Was wollt ihr?“, fragte ich, um sie etwas abzulenken.
„Du weißt ganz genau, was wir wollen.“ Er trat an
mich heran und hielt mir seine Kanone unter das
Kinn.
Ich musste einen Moment auf Zehenspitzen aushar-
ren, bevor mich ein Kinnhaken erwischte. Rücklings

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fiel ich zu Boden. Meine Nase blutete.
Etwas benommen hörte ich, wie er schimpfte: „Du
bist auch noch arrogant, du deutscher Bastard, ty-
pisch für dein Volk.“
Ich schwieg, um sie nicht noch weiter zu reizen.
„So, und jetzt zu den anderen. Überlegt es euch gut,
wenn ihr ihn lebend wiedersehen wollt. Haben wir
uns klar ausgedrückt? Also, in genau vierundzwan-
zig Stunden liegen die Akten in unseren Händen,
und kommt ja nicht auf dumme Gedanken, sonst
könnt ihr ihn begraben.“
Teresa sprang auf und wollte mir zu Hilfe eilen. Eine
weitere Salve knatterte in die Wand hinter ihr.
Sie hielt inne, rief verzweifelt: „Bitte, lasst ihn lau-
fen, ihr könnt alles haben“, und fiel weinend auf die
Knie.
Marcella lief zu ihr hin und kniete nieder, um sie
zu trösten. León hielt bewusst inne, während seine
Frau wie erstarrt dasaß.
Nur Serena wurde blass im Gesicht und verteidigte
mich laut: „Ihr sollt Herrn Brink sofort freilassen,
ansonsten knalle ich sicher zwei von euch ab.“ Sie
hielt mit einem Mal eine Pistole in der Hand. Aber
woher? „Mal sehen, wer hier mit wem heil heraus-
kommt.“
Ich konnte es nicht glauben, als Tommaso unter
dem Tisch hervorkam, ebenfalls mit einer Waffe he-
rumfuchtelte und drohte: „Und ich übernehme die
beiden anderen.“
Der Anführer schien mit einer derart heftigen Re-
aktion, geschweige denn von einer jungen Dame,
nicht gerechnet zu haben, aber er begriff augen-
blicklich den Ernst der Lage, zumal es niemandem
nutzte, wenn hier Kugeln herumflogen.

                          64
„Also gut, diesmal habt ihr gewonnen, aber ab jetzt
habt ihr keine ruhige Minute mehr.“
In diesem Moment vernahmen wir die Sirene eines
sich schnell nähernden Polizeiwagens. Die Gangster
zogen sich postwendend zurück und verschwanden
in der Dunkelheit. Als die Polizei eintraf, war die Ver-
wirrung unter den Gästen noch größer.
„Alle mal herhören“, meinte der Polizeichef.
„Ruhe!“
Weitere Polizeibeamte betraten hinter ihm den Saal.
„Was ist passiert?“ Der Kommissar schaute mich an,
ehe er zu mir kam und mir half, aufzustehen. „Wer
sind Sie?“
„Mein Name ist Brink, deutscher Staatsangehöriger
in Urlaub.“
„Was war hier los?“, fragte er mich weiter.
„Vier bewaffnete Männer wollten mich entführen.“
„Warum denn das? Wer sind Sie wirklich?“
„Brink, Jeff Brink. Dies sind meine Frau und meine
Kinder.“
Tommaso hatte inzwischen die Waffe auf den Stuhl
gelegt, während Serena die ihre in ihre Handtasche
gesteckt hatte.
Der Kommissar näherte sich dem Tisch und meinte
mit total veränderter Stimme: „Señor Almeida? Was
für eine Ehre, Sie bei uns zu haben. Ich versteh zwar
nicht, was vorgefallen ist, aber können Sie ein we-
nig Licht in die Angelegenheit bringen“, meinte er
freundlich.
„Bei den Brinks handelt es sich um Freunde aus
Deutschland. Sie sollten entführt werden.“
„Und dann sind die Entführer grundlos und ohne
Beute abgehauen?“
„Nein, meine Tochter ist, wie Sie wissen, in der Si-

                          65
cherheitsbrigade von L.A. und besitzt eine Waffe. Da-
mit hat sie gedroht, einige zu erschießen. Das kam für
die Gangster völlig unerwartet, sodass sie sich zurück-
gezogen haben, wie Sie sehen.“
„Ist jemand hinter diesen Gangstern her?“, wollte Ja-
ckie wissen.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Die Gegend wird
bereits abgesucht. Uns wurde gemeldet, dass mehrere
bewaffnete Leute das Hotel gestürmt hätten. Kannte
jemand diese Leute?“ Er schaute sich um, ob jemand
sich meldete. Alle schwiegen.
Es war mir ein Rätsel, wie sie uns ausfindig gemacht
hatten, und vor allem so schnell. Nachdem einige
Leute verhört worden waren, zog sich die Polizei nach
einer Stunde ohne nennenswerte Ergebnisse wieder
zurück. Wir konnten sie glauben machen, dass sie nur
Geld von deutschen Touristen erpressen wollten. Den
wahren Grund erfuhren sie nicht.
Obwohl der Kommissar kein dummer Junge war,
musste er sich einstweilen mit unserer Erklärung zu-
friedengeben. Argwöhnisch sagte er, als er ging: „Es
muss noch etwas anderes dahinterstecken. Bei den
Gangstern hat es sich doch eindeutig um Europäer
gehandelt, nach verschiedenen Zeugenaussagen zu
urteilen. Also mir soll’s recht sein. Ich kann Sie aber
so leider nicht hundertprozentig schützen. Es liegt in
Ihrer Verantwortung. Meine Damen, meine Herren,
einen angenehmen Abend noch.“ Dann verschwand
er mit seinen Leuten nach draußen.
Ziemlich fertig gingen wir sofort auf Leóns Zimmer,
um uns zu beraten. León bewohnte eine große Suite,
somit hatten wir genügend Platz für uns alle. Ich wur-
de sofort medizinisch betreut. Ein blauer Fleck wür-
de mich wohl oder übel für ein paar Tage begleiten.

                          66
Der Schmerz hatte jedoch weitgehend nachgelassen.
Ich durfte gar nicht daran denken, was passiert wäre,
wenn die mich verschleppt hätten.
Aber eins war uns deutlich geworden: Wir schienen
nirgendwo mehr sicher zu sein.
„Wir haben Glück gehabt. Und wie kommt ihr an
die Waffen?“, wollte ich wissen.
„Die haben wir in unserer Sommerresidenz in Pa-
lenque zu unserer eigenen Sicherheit und Verteidi-
gung“, antwortete Serena. „Wir wurden vor Jahren
bereits belästigt, seitdem haben wir sie im Hause.“
„Und du hast sie mitgenommen, um uns zu schüt-
zen“, bemerkte ich.
„Ich kann zwar nicht damit umgehen …“, sagte
Tommaso.
„… aber du hast sie überzeugt“, unterbrach Jackie
ihn.
Teresa saß neben mir und hielt meine Hand. León
hatte noch kein Wort gesagt. Er schien abwesend zu
sein und eigene Überlegungen anzustellen.
„León, es ist schlimmer, als ich dachte. Wir müssen
uns entscheiden, wie wir vorgehen sollen, und vor
allem die Frauen und die Kinder in Sicherheit brin-
gen“, sagte ich.
„Ja, denn sie haben mit dem Ganzen nichts zu tun“,
antwortete León.
Tommaso zeigte kein Verständnis und meinte: „Und
ob mich das etwas angeht, wenn man uns bedroht
und nach dem Leben trachtet. Ich schlage vor, dass
Mama und Jackie mit Serena und Marcella nach
Palenque zurückfahren. Ich vermute, da suchen sie
nicht mehr.“
„Das kann gut sein“, stimmte León Tommaso zu.
„Ich bleib bei euch und helfe, wo Not am Mann

                         67
ist“, sagte Tommaso.
„Ich bleib auch“, meinte Serena, „und beschütze
uns.“
Wir waren zerstritten in dieser Situation.
„Ich bin dafür, dass wir alle nach Palenque abreisen
und ihnen die CDs aushändigen, damit das Ganze
endlich ein Ende findet. Sollen sie doch damit ma-
chen, was sie wollen“, schlug Teresa vor.
„Ich möchte nicht, dass einem von uns etwas pas-
siert. Ich könnte mir das nie verzeihen. Da wir mo-
mentan aber keine andere Lösung haben, ist es wohl
das Beste; obwohl sie uns nie in Ruhe lassen wer-
den“, entschied ich.
„Gut, dass Jan in Rom ist. Er kann die Übergabe
organisieren“, stellte Tommaso fest.
„Ich rufe Jan an, damit er alles vorbereiten kann“,
sagte ich zu León.
„In Ordnung. Bis die herausgefunden haben, dass es
nur bedingt klappt, können wir für unser Problem
nach einer Lösung suchen“, sagte León ernst. „Also
ich denke, wir machen Schluss für heute Abend.
Morgen fliegen wir mit einem Privatjet nach Pa-
lenque und erledigen alles. Du, Jeff, kümmerst dich
um Jan, dass alles klappt. Mit der Bande nehmen wir
Kontakt auf.“
„Ich schlage vor, wir übergeben die ersten zwei CDs
in Rom, oder wo auch immer sie sie haben wollen,
und die dritte, wenn sie Guiglelmo freigelassen ha-
ben“, fügte ich hinzu und begab mich zum Telefon.
„Es ist jetzt Abend in Rom, ich erwisch Jan jetzt
sicher bei Fiona oder bei deren Familie.“ Ich tippte
die Nummer ein.
„Si pronto, con chi parlo“, antwortete eine nervöse
Stimme.

                        68
„Ich bin’s, Jeff.“
„Gott sei Dank. Drei bewaffnete Männer haben Jan
vor zwei Stunden mitgenommen. Sie waren sehr ag-
gressiv. Mich haben sie nur bedroht. Ich soll euch
Bescheid geben, aber in Palenque konnte mir keiner
verraten, wo ihr hingegangen seid. Ich war sehr beun-
ruhigt. Jeff, sag auch Señor León, dass es besser wäre,
die CDs auszuhändigen, da nach Guiglelmo jetzt auch
Jan entführt worden ist“, sagte sie außer Atem.
Ich wollte sie nicht beunruhigen und verschwieg
daher unser Vorhaben. „Sie bekommen so bald wie
möglich die CDs“, bemerkte ich.
„Ganz einfach, wir verlangen von denen, sie sollen
Guiglelmo ans Telefon holen. Ihm sagen wir dann, dass
wir alle CDs aushändigen werden und er das Passwort
offenlegen kann. Unsere dritte CD bekommen sie
erst, wenn die Sache mit der Befreiung geklärt ist.“
„Scheint mir eine gute Idee zu sein“, sagte Serena so-
fort.
Wir schauten uns alle an und stimmten zu.
„Ich wollte schon immer nach Europa“, fuhr Serena
fort. „Jemand muss sich doch um die Übergabe küm-
mern. Wir überbringen die dritte CD und ihr macht
euch einen schönen Urlaub. Wie wäre das?“, wollte
sie uns überzeugen.
Obwohl mir dabei nicht geheuer war, hielt ich mich
mit Äußerungen zurück.
León dagegen meinte, seiner Tochter vertrauen zu
können, und sagte etwas zurückhaltend: „Könnte
funktionieren. Es sollen ja keine anderen mit rein-
gezogen werden. Ich hätte nichts dagegen einzuwen-
den.“
„Nichts da“, meinte Jackie, „du bleibst hier.“
„O ja, ich kann euch und auch Tante Fiona sicher

                          69
behilflich sein“, meldete sich nun auch Marcella zu
Wort, „damit sie nicht so alleine ist. Wenn alles vorbei
ist, zeigen wir Serena ein bisschen Rom und fliegen
mit ihr zurück.
Tommaso, schon ganz aufgeregt, traute sich nichts zu
sagen, aber er freute sich offensichtlich auf die Reise
mit Serena und Marcella.
„Na gut“, meinte Teresa, „ich will, dass ihr alle sehr
gut aufpasst und uns immer, ich sage immer, auf der
Höhe des Geschehens haltet. Kommunikation hat hier
höchste Priorität – und keine Alleingänge bitte!“
Jeder schien damit einverstanden zu sein und ich fügte
mich der Mehrheit.
León kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schul-
ter und sagte: „Mach dir nicht allzu viele Sorgen, es
wird schon schiefgehen!“
„Ich vertrau den jungen Leuten, sie wissen schließ-
lich, dass sehr viel auf dem Spiel steht“, schloss ich
mich León an.
„Ich verspreche, die Ladys unversehrt zurückzubrin-
gen. Wir verdanken Serena, dass wir heute Abend so
glimpflich davongekommen sind. Sie hat geistesgegen-
wärtig die Waffe auf den freien Stuhl gelegt, und ich
… ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte“,
meinte Tommaso amüsiert und musste lachen.
Tommasos Lachen lockerte uns alle ein bisschen auf.
„Ich hätte nicht gedacht, dass noch alles gut gehen
würde, nachdem der Gangster meinen Namen im Saal
geschrien hatte“, musste ich zugeben.
Am nächsten Tag standen die Koffer zum Abflug nach
Palenque bereit. Das Wetter war unbeständig und
nicht so angenehm wie gestern Abend. Nach drei
Stunden standen wir vor Leóns und Jackies Villa, ein
sehr ansehnliches Anwesen hinter einer alten Mauer.

                          70
Wir hielten vor der Verandatreppe im Vorgarten. Die
Kinder waren zusammen in einem Wagen gefahren.
Sie hatten sich sofort gut verstanden, und das freute
uns alle. Tommaso und Marcella gefiel Serena, die sich
mit Tommaso unauffällig Blicke zuwarf. Sie dachten
wohl, dass wir es nicht bemerken würden.
Wir bekamen unsere Zimmer gezeigt, die sehr freund-
lich im kolonialen Stil eingerichtet waren. Sogar über
ein eigenes Bad verfügten wir.
Etwas später kam die Haushälterin und entschuldig-
te sich. „Señor Almeida, ich wusste nicht, dass Sie so
schnell zurückkommen würden. Ich musste meine
Kinder noch bei meiner Schwester unterbringen“,
meinte sie.
„Kein Problem, Stefania, ist schon okay. Kümmere
dich um unsere Gäste. Und heute Abend bleiben wir
zu Hause.“
„Si. Señora Almeida, soll ich unser traditionelles Menü
kochen?“, fragte die Haushälterin stolz.
„Ja, gerne“, freute sich Jackie.
Ich erkundigte mich nach einem Telefon und wähl-
te sofort die römische Nummer aus dem Notizbuch.
León stand neben mir, während die Frauen nach oben
gegangen waren, um die Zimmer des Hauses zu be-
sichtigen.
„Ja, hallo, hier Brink aus Köln, kann ich den Verant-
wortlichen sprechen?“, fragte ich.
„Wie war Ihr Name?“, wollte die Sekretärin am an-
deren Ende wissen.
„Brink, Professor der Chemie von der Medpharma
AG.“
„Gut, ich verbinde Sie mit unserem Direktor Marti-
nelli.“
Ich musste eine ganze Minute warten.

                          71
„Martinelli, yes please“, kam in gebrochenem Englisch
und etwas zu freundlich. „How can I help you?“
„Ich will sofort zur Sache kommen, Herr Martinelli,
und auf Ihre Forderungen eingehen. Die beiden ers-
ten CDs haben Sie ja bereits, nehme ich an, von Herrn
Vaccha und Herrn Bieberich. Die dritte wird Ihnen
mein Sohn in Rom aushändigen, an einem Ort, den
wir in letzter Minute mitteilen werden. Sie kommen
mit beiden Herren dort hin und der Tausch kann über
die Bühne gehen.
„Wie soll ich wissen, ob die CD echt ist?“, fragte er
amüsiert. „Aber eine sehr gute Entscheidung, Herr
Brink, wir werden Sie hoch honorieren. Aber wenn
es die falsche ist oder sie getürkt sein sollte, werden
wir Sie über den ganzen Planeten jagen. Sie und Ihre
ehrenwerte Sippschaft. Wir werden der Menschheit
aus dem Schlamassel helfen, das verspreche ich Ihnen,
und Sie werden es nicht bereuen.“
Wir besprachen die Details und legten fest, dass die
Übergabe in zwei Tagen stattfinden sollte. Zudem ver-
langte ich, mit Jan und Guiglelmo sprechen zu kön-
nen, oder zumindest einen anderen Beweis, der mir
bestätigte, dass beide noch am Leben waren. In diesem
Augenblick wünschte ich, ich wäre alleine nach Rom
geflogen, aber es war anders entschieden worden.
León schien mein Unbehagen zu spüren und sagte.
„Ich hätte auch lieber gehabt, wir wären nach Rom
geflogen, um niemanden zu gefährden.“
„León, ich habe gerade dasselbe gedacht.“
Wir zogen uns auf die Veranda zurück.
Wir hatten es nicht mit Idioten zu tun. Sie verfüg-
ten sicherlich über fähige Leute, die peinlich genau
die Untersuchung durchführen würden. Das wusste
León, und das wusste auch ich. Und natürlich Gu-

                          72
iglelmo und Jan. Nur ich kannte den Inhalt der CDs
ganz genau, fest eingebrannt in meinem Gedächtnis.
Ich war stolz auf meine Freunde, die selbst in Ge-
fangenschaft unser Geheimnis, das seit 1998 bestand,
nicht ausgeplaudert hatten. Dabei waren wir erst im
letzten Jahr mit der Erprobung im Labor fertig ge-
worden, die zu unserer Überraschung auf Anhieb ge-
klappt hatte – obwohl, und das wusste nur ich, man
einzelne Anlagen nicht einsetzen konnte, da sie nicht
die nötige Veränderung bringen würden.
Das Ganze bedurfte einer rigorosen gleichzeitigen
Änderung weltweit, damit es überhaupt funktionie-
ren würde. Eine Illusion bei den irdischen Verhältnis-
sen. In unserer katastrophalen Lage müsse man erst die
Erde retten, damit die Menschheit eine Chance habe,
hieß es mittlerweile. Keiner würde mitmachen, und
genau darin lag die Ursache allen Übels. Nichts gegen
kontrollierten Konsum, aber wir sollten nicht die
Erde zerstören. Unsere Mitstreiter, so möchte ich sie
einmal nennen, wollten die Wunderwaffe nur für ihre
Zwecke, zum Machtspiel und zur Alleinherrschaft.
Das wäre in etwa so gewesen, als hätte man damals
Osama Bin Laden eine Atombombe verkauft. Damit
war nicht zu scherzen. Ich will das Ganze nicht pole-
misieren, aber die Verirrung der Sinne zog schwer-
wiegende Folgen für unser tägliches Leben nach sich.
Die Werbung verbreitete im Namen der Konzerne so
viele Lügen und versprach so vieles, ohne es zu hal-
ten. Mit der Politik verhielt es sich ähnlich. In den
Unternehmen zählte nicht der Mensch, sondern nur
was unter dem Strich herauskam. Die Verfassungen
wurden ständig verletzt, sowohl in den Demokra-
tien als auch in den Diktaturregimen. Die Umwelt
wurde rigoros ausgenutzt und verbraucht, Land, Luft

                         73
und Wasser. Ein unversöhnlicher Graben trennte Arm
und Reich. Unendliche Sozialprobleme waren die
Folge. Seuchen griffen erbarmungslos um sich we-
gen mangelnder Hygiene, bedingt durch fehlendes
sauberes Wasser. Die Religionen befanden sich in
einem Glaubenstief und überzeugten nicht, wäh-
rend Extremisten mehr und mehr Zulauf erhielten.
Aber die größte Gefahr drohte aus einer ganz an-
deren Ecke: das unberechenbare Klima. Sogar ein-
fache Leute reagierten aufständisch auf die daraus
resultierenden Missstände.
Wir Menschen hatten, seit den Fünfzigerjahren des
vorigen Jahrhunderts, alles Mögliche getan, um die
Ordnung unseres Planeten zu zerstören, ohne die
Folgen für die nächsten Generationen abzuwägen.
Selbst als die ersten zerstörerischen Naturgewalten
unseren Planeten heimsuchten und komplett durch-
einander wirbelten, wurde uns vorgegaukelt, es wä-
ren einzelne harmlose Phänomene, die nichts zu
bedeuten hätten. Wie schön konnte man doch das
Klimaphänomen El Niño schon allein mit seinem
Namen verharmlosen. Dieses Kind zettelte Aufstän-
de gegen die Menschheit an. Was wir in Tausenden
von Jahren als standhaft angesehen hatten, änder-
te sich von Tag zu Tag. Die Luft ging uns förmlich
aus.
Dafür hatten wir jahrelang geforscht und waren da-
bei auf ein Geheimnis gestoßen.
Manchmal konnte es ganz schön schwierig sein, die
Ruhe zu bewahren. Ich verließ mich auf Tommaso,
dass alles gut gehen würde. Serena war eine enga-
gierte junge Dame, die schon jetzt ihre Seite gewählt
hatte, während Marcella das Ganze als abenteuerlich
und ein bisschen überzogen anzusehen schien.

                         74
Meine Gedankenspiele wurden von León unterbro-
chen: „Wo sind die Kinder?“
„Ich hab sie noch vorhin hinten im Garten gehört“,
antwortete Jackie.
Teresa und Jackie hatten sich zu uns in die bequemen
Sessel gesetzt und genossen still den späten Abend.
Tommaso saß mit Serena alleine auf der Bank im Gar-
ten, wo sie über ihre Hobbys und Freunde plauder-
ten.
„Was machst du zurzeit?“, fragte Serena.
„Ich gehe zur Uni und studiere Rechtswissenschaft.
Muss noch zwei Semester in Heidelberg absolvieren,
und du?“, fragte Tommaso.
„Hab für ein Jahr mein Studium abgebrochen und bin
bei der Regierung Sicherheitsbeamtin im Parlament
von Washington D.C.“, entgegnete sie. „Bin sehr nah
bei unserem Präsidenten. Möchte in ein, zwei Jahren
aber wieder zur Uni und auch Jura studieren.“
„Also wir haben noch viele Probleme zu lösen“, sagte
Tommaso lachend.
Sie besitzt eine charismatische Ausstrahlung, dachte
ich.
Es schien, als hätte sie sich ein wenig in Tommaso ver-
knallt, wollte es aber nicht zeigen.
Die Jacke, die sie umgelegt hatte, fiel ihr von den
Schultern, und als sie sich beide danach bückten, um
sie aufzuheben, berührten sich ihre Hände, und es sah
aus, als wollten sie sich nicht mehr loslassen.
Serena zog die Hand etwas später zurück und sagte:
„Danke,Tommaso, du bist echt okay. Deine Schwester
ist auch sehr lieb. Ich wusste nicht, dass ihr eine so net-
te Familie seid. Papa hat zwar über euch geredet, aber
immer belangloses Zeug. Ich bin sehr traurig über die
Umstände, aber freue mich trotzdem auf Europa.“

                            75
Besorgte Gedanken machten wir uns alle. Was, wenn
nicht alles so laufen würde wie besprochen mit den
Entführern? Würden sie sich an die Abmachungen
halten? Ich fürchtete schon jetzt, dass es uns nicht
ganz gelingen würde, sie abzuschütteln. Auch wenn
wir ein bisschen Zeit gewinnen konnten, bedeutete
es nicht das Ende vom Drama; der Höhepunkt schien
noch nicht in Sicht zu sein. Ganz im Gegenteil, es fing
erst an. Wie konnten wir uns schützen?
„Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt man, wenn alles
überstanden ist.
Unser Geheimnis konnte nicht für immer eines blei-
ben. Aber die Menschheit sträubte sich, der Natur
ihren geforderten und rechtmäßigen Tribut zu zollen.
León und ich zogen uns in die kleine Bibliothek
zurück. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. So
philosophierten wir die nächsten Stunden über die
Sauerstoff- und Energieanlagen.
„Würdest du uns etwas zu trinken holen“, bat ich
León.
„Ist gut, mach ich. Was möchtest du?“
„Etwas, wovon man gut einschlafen kann. Einen gu-
ten Whisky on the rocks.“
„Alles klar.“ León verschwand Richtung Küche.
Als er mit zwei Whiskygläsern zurückkam, fragte er
mich: „Was hast du denn abgeändert, wenn ich fragen
darf?“
„Nur einen Teil der Formel, und zwar an der Stelle,
wo das Meerwasser sich kristallisiert und bei einer be-
stimmten Temperatur vereist. Sie werden erst nach ei-
niger Zeit die Änderungen bemerken und verstehen,
dass der Prozess zwar in Gang kommt, die Sauerstoff-
produktion jedoch in der Salzlösung nicht stabil bleibt
und sich nicht aufrecht hält.“

                          76
Der Zerfall war somit vorprogrammiert und das Re-
sultat nach langer intensiver Arbeit gleich null. Oben-
drein wussten sie nicht, dass das Experiment im Labor
niemals funktionieren würde. Die Anlagen funktio-
nierten nur draußen im natürlichen Umfeld. Diese
letzte Information sollte niemand wissen und war in
meinem Testament für Tommaso an einem sicheren
Ort hinterlegt.

„So können wir etwas Zeit gewinnen und nach einer
Alternative suchen“, sagte León zufrieden.
„Es muss klappen, ohne sofort bemerkt zu werden.
Alle Verträge, die zu der Zeit vom Konzern mit den
Abnehmern geschlossen werden, sind somit nichts
wert. Der Konzern gerät unter Druck, verliert jegli-
ches Vertrauen und wird seine Position auf den Welt-
märkten verlieren. Nur so löst sich das Problem von
selbst. Aber in derselben Zeit müssen wir die UN
überzeugen.“
„Eine neue Identität anzunehmen und abzutauchen
scheint mir die einzige Lösung in diesem Fall zu
sein.“
„Wir werden mit allen reden müssen, ob sie einver-
standen sind“, sagte ich.
„Wenn wir nicht unser Leben riskieren wollen, dann
…“, äußerte León und hob die Schultern. „Oder
bleibt uns etwas anderes?“

„Es ist auf jeden Fall unrealistisch, für mehr als zwölf
Leute neue Papiere zu erhalten. Wir müssen anders
vorgehen und die Finger in der Suppe behalten. Nur
so ist das Ganze kontrollierbar“, antwortete ich über-
zeugt und bestimmt.
„Da hast du wieder recht, mein Freund.“ León sah

                          77
ein, dass es zu diesem Moment keine endgültige Lö-
sung aus dem Schlamassel gab.
Jackie und Teresa waren zu Bett gegangen und auch
Marcella hatte sich zurückgezogen. Serena und Tom-
maso saßen noch immer im Garten und unterhiel-
ten sich. Ihr Lachen und Kichern drang zu uns ins
Arbeitszimmer.

„Wir müssen wohl auf die beiden aufpassen, scheint
mir“, sagte León schmunzelnd.
„Die beiden müssen demnächst auf uns aufpassen“,
gab ich amüsiert zurück.
Wir lachten und entspannten uns für einen Moment.
Es tat gut, Freunde zu haben, denen man vertrauen
konnte.
Draußen im Garten hatte man andere Probleme.
„Hast du eine Freundin?“, fragte Serena mit runden
schüchternen Augen.
„Aber klar, mehrere sogar“, gab Tommaso zum Spaß
zurück.

„Das glaub ich dir sogar.“
„Was hättest du gedacht?“
„Ein Mönch oder vielmehr ein Wolf im Schafspelz.“
Tommaso lachte. „Wie du meinst!“, gab er zurück.
„Aber“, fuhr er fort, „wie sieht es bei dir aus? Du
brauchst auch nicht auf die Suche zu gehen.“
„Zuerst deine Geschichte“, erwiderte sie.
„Bei mir gibt es nicht viel zu erzählen. Es gab mal was
Ernstes, aber das ist zwei Jahre her. Zurzeit beschäf-
tigen mich andere Dinge, wie du siehst“, antwortete
Tommaso.
„Nichts Ernstes auf jeden Fall“, bohrte sie nach.
„Ja.“

                          78
„Ich habe einen Freund“, sagte sie und schaute, wie er
reagieren würde.

Tommaso musste sich zusammenreißen, damit sie
nicht bemerkte, wie enttäuscht er dreinschauen muss-
te. „Ach ja, schön für dich, bist du sehr verliebt?“, er-
kundigte er sich etwas bissig.
„Ja sehr, er ist ein toller Mann, acht Jahre älter und
sehr liebevoll.“
Scheiße, dachte er, was tu ich mir an. Ich versuche die
ganze Zeit, sie für mich zu gewinnen, und jetzt so was.
Aber besser jetzt, als wenn ich mich daran gewöhnt
hätte.
„So haben wir zumindest klare Verhältnisse geschaf-
fen“, sagte er.

„Wie meinst du das?“, wollte sie wissen.
„So wie ich es sage, jeder weiß, wo sein Platz ist“, be-
endete er das Gespräch.
„Ich gehe schlafen“, ergab sich Serena.
„Soll ich dich bis zur Tür begleiten?“
„Ich kann auch alleine den Weg finden, schließlich
bin ich hier zu Hause“, meinte sie. Sie stand auf und
wollte gehen.
Er hielt sie an der Hand fest und sie schreckte auf.
„Tommaso, lass mich los! Lass das!“
Er ließ los.
Sie drehte sich zu ihm und sagte: „Sei mir nicht böse,
es war nicht so gemeint, ich wollte dich nicht ärgern,
gute Nacht, bis morgen, da haben wir noch eine Men-
ge zu erledigen bis zum Abflug“, fügte sie hinzu.
„Ich weiß, ich geh auch schlafen. Gute Nacht, Sere-
na.“
Sie ging mit ihrem geschmeidigen Körper in dem eng

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taillierten Abendkleid zur Tür und verschwand, ohne
sich umzudrehen.




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Florenz – Rom

Tags darauf saßen Tommaso und Serena im Flug-
zeug nach Rom. Marcella hatte, als es ernst wurde,
entschieden, doch bei uns in Mexiko zu bleiben. Sie
wollte jeglichen Komplikationen aus dem Weg gehen.
Beide waren eingeschlafen. Irgendwann wachte Tom-
maso auf und bemerkte, dass Serena mit ihrem Kopf
und der dunklen Mähne auf seiner Brust lag. Es fühlte
sich gut an und er schlief wieder ein.
Als sie wach wurde, stieß sie ihn weg, da er ungewollt
seinen Kopf gegen ihren angelehnt hatte, und bekam
sofort die volle Ladung: „Liegst du gut?“
„Wie…, wieso?“
„Du lagst auf mir“, sagte sie entrüstet.
„Ich? Du lagst an meiner Brust über vier Stunden! Ist
das vielleicht nichts?“, gab er schroff zurück.
„Das glaubst du selbst nicht, das sagst du nur so“, er-
widerte sie überrascht.
„Nichts da. Aber mir hat’s gefallen, und dabei ist nichts
passiert.“
„Und wenn uns jemand fotografiert hat?“
„Ach was, wer soll uns denn hier fotografieren wol-
len?“
„Die Typen da vorne. Wir werden ständig beobach-
tet“, meinte sie. „Hast du Scheuklappen auf den Au-
gen? Die beiden, zwei Reihen vor uns rechts. Die ha-
ben sich ständig nach uns umgedreht.“
Er schaute hinüber zu den zwei Männern, von denen
der eine sich gerade umdrehte und nickte, als wollte
er sagen: „Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“
Tommaso musste gestehen, dass er das alles nicht be-
merkt hatte.
„Siehst du? Wir werden ständig verfolgt, und die wis-

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sen Bescheid. Nur woher?“, fragte Serena wieder.
„Woher? Woher? Wie soll ich das wissen?“, entgegne-
te Tommaso etwas irritiert. „Die lassen nicht locker.
Das wird kein leichtes Spiel.“
„Habe ich auch nicht erwartet. Aber woher bekom-
men sie ihre Informationen? Sie müssen doch nur
noch abwarten und bekommen die CDs.“
„Keine Ahnung“, gab Tommaso ehrlich zurück.
„Wir könnten die Herren vielleicht fragen“, dachte
Serena laut nach.
„Gar keine schlechte Idee. Du bleibst hier und ich
geh hin“, sagte Tommaso und stand auf. Er musste sich
festhalten, wobei er etwas bei der leichten Turbulenz
torkelte.
„Sorry, may I ask you a question, gentlemen? Könnte
ich die Herren etwas fragen?“
„Maybe …, liegt daran, worum es geht“, gab der Di-
cke in gebrochenem Englisch betont desinteressiert
zurück.
„Also tut nicht so, als wüsstet ihr von nichts. Ihr seid
doch hinter uns her“, blaffte sie Tommaso zornig auf
Englisch an.
„Und wenn das so wäre, was wollt ihr tun?“, erwi-
derte der Dicke. „Oder habt ihr vor, euch nicht an
die Abmachung zu halten, die mit Herrn Martinelli
vereinbart wurde?“
Ziemlich frech, uns so offen zu verfolgen, dachte
Tommaso. Sie schienen sich ihrer Sache ziemlich si-
cher zu sein.
Tommaso blieb den Herren keine Antwort schuldig
und meinte ruhig: „Wenn meinem Onkel und Herrn
Bieberich ein Haar gekrümmt wird, könnt ihr euch
auf etwas gefasst machen, oder glaubt ihr im Ernst,
dass wir alles akzeptieren und uns erpressen lassen,

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ohne auch etwas von euch zu erwarten. Ihr wisst ja,
dass euch die dritte CD nur bei voller Gesundheit der
Entführten ausgehändigt wird.“
Er ging zu Serena zurück, die ihn neugierig ausfrag-
te.

In Rom angekommen tauchten die beiden Gauner
in der Menge unter. Die Passkontrolle verlief ohne
Probleme. Serena und Tommaso nahmen ein Taxi und
fuhren Richtung Autobahn A1, dann mit der Bahn
weiter nach Florenz, wie es mit mir und León be-
sprochen war.
Serena äußerte sich ganz begeistert von der Land-
schaft und den Menschen. Sie konnte es nicht fassen,
in Europa zu sein.Tommaso musste sie an den ernsten
und riskanten Hintergrund ihrer Reise wieder erin-
nern. Andererseits wollte er ihr aber die Freude nicht
nehmen. Als sie in den Hauptbahnhof von Florenz
einfuhren, war es bereits vier Uhr nachmittags. Tom-
maso kannte sich einigermaßen gut aus, da er schon
mehrmals hier gewesen war, wenn wir in der Toscana
nahe Greve in Chianti die Ferien verbracht hatten.
Ein Fünftausend-Seelen-Dorf, aber sehr gemütlich
und romantisch. Sie fuhren mit dem Taxi zum Hotel.
Er bat den Taxifahrer, einen kleinen Umweg durch
die Altstadt zu machen, sodass Serena von der Stadt
der Medici und der Renaissance-Paläste einen Ein-
druck bekam.
„Wow, ganz anders als bei uns in Amerika“, sagte sie.
„Ich bin erstaunt von der reichen Architektur.“
In einer Nebenstraße hielt das Taxi an und ließ sie
aussteigen. Sofort kam der Portier aus der Hoteltür
geeilt und nahm die Koffer. Sie wurden erwartet.
„Habt ihr eine gute Reise gehabt?“, fragte ein älterer

                         83
Herr hinter dem Portier.
Tommaso kannte ihn nicht, hatte aber eine Beschrei-
bung von ihm erhalten.
„Sie müssen Herr Rodolfo Chiavari sein?“
„So ist es“, gab er zurück.
„Ich bin Tommaso Brink und dies ist Serena Almei-
da.“
„Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Hattet
ihr eine gute Reise?“
„Ja, die Reise war gut, etwas lang, zumal wir unter
Zeitdruck stehen“, erwiderte Serena.
Rodolfo lachte nur kurz. „Wir werden das Kind
schon schaukeln. Ihr könnt euch erst mal etwas frisch
machen. Gegen halb acht treffen wir uns bei mir in
der Suite Nr. 107 im ersten Stock. Ach ja, ihr wohnt
im dritten Stockwerk, Zimmer 315, nach hinten, ru-
hig und mit Blick auf den Arno. Das ist der Fluss, der
durch Florenz fließt“, ergänzte er seine Anleitung.
„So, ich muss nur einige Sachen erledigen. Wir se-
hen uns später. – Giacomo, übernehmen Sie bitte die
Herrschaften.“
„Si, Signore Chiavari, machen Sie sich keine Sor-
gen.  –  Sie werden sich sehr wohl bei uns fühlen“,
wandte er sich an Tommaso und Serena. „Das Bade-
wasser haben wir schon eingelassen.“
Er merkte, wie Serena zusammenzuckte und Tom-
maso anstieß: „Du, das geht nicht, wir benötigen ein
zweites Zimmer.“
„Herr Rodolfo, wir sind … wir können nicht zusam-
men“, erklärte er sofort.
Signore Chiavari drehte sich um und meinte ruhig:
„Wir können euch aus Sicherheitsgründen nicht al-
leine auf verschiedenen Zimmern lassen. Es ist besser
so. Sie können nebenan auf dem Sofa schlafen, frische

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Bettwäsche wird selbstverständlich gebracht.  –  Gia-
como, du hast es gehört. Die jungen Leute schlafen
getrennt.“
„Si, Signore Chiavari.“
Rodolfo entfernte sich.
Er war ein Physiker der ersten Garde, der mit seinen
siebzig Jahren sehr viel Erfahrung mitbrachte. Er hat-
te mich, Jan und Guiglelmo damals sehr unterstützt
und ermutigt sowie viele Untersuchungen geleitet
und analysiert. Außerdem hatte er die klimatischen
Ereignisse der letzten dreißig Jahre genau aufgelistet
und gehörte dem Gremium für die Aufsicht und die
Einhaltung des Kyotoprotokolls an. Rodolfo stand mit
uns stets in Verbindung. Ferner war er für Guiglelmo
einer der wichtigsten Professoren an der Uni gewe-
sen. Und weil das Ziel Rodolfo ebenfalls interessierte,
hatte er dies bis heute mitgestaltet und uns unterstützt.
Ich hatte ihm vorgestern am Telefon von den Ereig-
nissen erzählt, und er hatte sich sofort bereiterklärt,
uns bei der Befreiung von Guiglelmo und Jan zu hel-
fen. Er würde persönlich mit Tommaso und Serena
die dritte CD übergeben.
Serena schien noch immer Probleme mit der Zusam-
menlegung zu haben und wollte noch einmal protes-
tieren. „Ich werde auf keinen Fall mit dir zusammen
in einem Zimmer wohnen.“
„Du kannst dich ja erst alleine frisch machen, ich
warte unten, bis du fertig bist“, sagte Tommaso be-
schwichtigend, aber ein wenig grimmig.
„Du musst mitgehen, weil du dich mit ihm auf Italie-
nisch verständigen kannst“, deutete sie auf den Zim-
merboy.
Im Stillen wäre er allzu gern mit ihr eine engere Be-
ziehung eingegangen. Er war dabei, sich in sie zu

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verlieben, musste sich aber zusammenreißen, um sie
nicht zu verletzen oder sie liebevoll an sich zu reißen.
Er wusste, sie würde sich wehren, aber nicht lange.
„Du hast ja gehört, weswegen es nicht anders möglich
ist. Ich beiße nicht und schlafe auf dem Sofa“, ver-
suchte er Serena zu beruhigen.
Giacomo begleitete die beiden auf ihr Zimmer und
brachte Serenas Koffer ins Schlafzimmer, nachdem er
Tommasos Koffer neben dem Sofa abgestellt hatte. Er
zeigte ihnen die schlichten Räumlichkeiten. Tomma-
so bedankte sich und steckte ihm etwas zu, bevor er
das Zimmer verließ.
Tommaso musste bei dem Gedanken schmunzeln, bei
Serena zu wohnen.
„Was gibt es da zu grinsen?“, bemerkte sie.
„Ich muss gerade an deinen tollen Freund denken.
Wenn der davon Wind bekommt …“
„Wenn ich mit ihm telefoniere, gehst du aus dem
Zimmer, ist das klar“, gab sie beleidigt zurück.
„Ja klar, ich schlafe auf der Matte vor der Tür. Wie
du befiehlst, gnädige Frau“, entgegnete Tommaso hä-
misch. Dann ging er hinaus, doch nicht ohne ihr noch
zuzurufen: „Liebes, lass mich rufen, wenn du deine
Körperpflege beendet hast. Vielleicht darf ich danach
deinen Rücken massieren.“ Schnell verschwand er
daraufhin im Flur.
Serena schloss sich ein, zur eigenen Sicherheit und vor
Tommasos unverhofftem Eindringen.

Bei der ganzen verworrenen Geschichte mussten wir
alles daransetzen, dass das Material nicht in die fal-
schen Hände geriet, da waren wir uns einig, obwohl
wir alle unser Leben hierfür aufs Spiel setzten. Außer
dem Weltsicherheitsrat durfte niemand die brisanten

                          86
Dokumente in die Hände bekommen, damit sie im
Interesse der Menschheit eingesetzt werden konnten.
Nur so vermochte man weltweit die Regierungen zu
etwas zu bewegen und internationalen Schutz zu ge-
währleisten. Es würde einen Mordswind geben, wenn
sich die Nachricht in allen Ländern verbreitete, vor
allem aber bei den Konzernen, die das Material gerne
an sich reißen würden, um Macht auszuüben und Pro-
fit daraus zu schlagen. Ich war noch skeptisch, ob alles
gelingen würde, zumal wir dem UN-Generalsekretär
schon vor zwei Monaten den Bericht hatten zukom-
men lassen. Auf eine konkrete Antwort warteten wir
allerdings noch, außer dass uns bestätigt worden war,
dass sie sich der Sache annehmen würden.
Aber wie lange konnte das noch dauern?
Der Weltsicherheitsrat wollte die Katze offenbar noch
nicht aus dem Sack lassen. Die Regierungen mussten
erst ihre Interessen und vor allem die Konsequenzen
für ihre Wirtschaft prüfen. Da es darum ging, schnell zu
reagieren, um die Dynamik der Verschlechterung der
Atemluft in der Atmosphäre und der Lebensqualität
von Mensch und Tier zu stoppen, schien das reichlich
dumm zu sein. Die Photosynthese der Pflanzenwelt
reichte bei Weitem nicht mehr aus, den benötigten
Sauerstoffgehalt zu produzieren. Zum einen wegen
der hemmungslosen weltweiten Rodungen, die wir
auf Google Earth gezeigt bekamen, und zum anderen
angesichts des übermäßigen CO2-Ausstoßes, deren
Folgen noch vor sechs Jahren nicht in diesem Aus-
maß erwartet worden waren. Befand man sich einmal
in diesem Strudel, würde die Katastrophe nicht mehr
aufzuhalten sein, und der Kollaps war vorprogram-
miert.
Die gesamte Lebenskette war bedroht, was bedeutete,

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dass mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung, also
fast eine Milliarde Menschen, durch dieses Phänomen
zu Tode kommen würden. Es hieß, Hitzewellen wür-
den sich über den gesamten Planeten ausbreiten und
Naturkatastrophen herbeiführen. Die Erde würde in
einigen hundert Jahren aussehen wie der Mars. Viel-
leicht könnte sich Leben in tieferen Gewässern und
Meeren noch für weitere Jahrhunderte halten, wäh-
rend der Rest zur feindlichen Wüste mutierte.
Mir war klar, dass die Politiker diesen Erkenntnissen
meiner Studie skeptisch gegenüberstehen würden,
bevor sich nicht zumindest die Konzerne einig waren,
so viele Anlagen zu produzieren, bis das Schlimmste
überstanden war. Es war ein Traum oder ein Albtraum,
wie man es nimmt. Ich jedenfalls wollte alles daran-
setzen, dass erst einmal auf allen Gebieten ein Anfang
gemacht wurde, selbst wenn ich es nicht mehr mit-
erleben würde.
Der Weltsicherheitsrat beschloss in diesen Minuten,
dem Ernst der Lage Folge zu leisten und mich einzu-
laden, damit ich vorsprechen konnte.
Das Telefon klingelte und Leóns Frau nahm ab.
„Ja, hallo, wer spricht da?“, fragte eine Stimme.
„Frau Almeida.“
León hatte die Sprechanlage eingeschaltet, damit wir
mithören konnten, was die andere Seite sagte.
„Ich bin der UN-Generalsekretär des Weltsicherheits-
rats, Samuel Nimbouto. Könnte ich mit Ihrem Mann
sprechen?“
„Oh! Einen Augenblick, Herr Generalsekretär“, er-
widerte Jackie sofort.
Jeder im Raum wusste von der Wichtigkeit dieses An-
rufes.
„Herr Generalsekretär, León Almeida am Apparat, was

                         88
kann ich für Sie tun?“, beeilte sich León freundlich
und ernst zu antworten.
„Ist Ihr Freund Professor Brink bei Ihnen?“, erkun-
digte sich Nimbouto gleich. „Ich möchte, dass er mit-
hört, was wir zu sagen haben.“
„Ja, er ist hier und hört mit. Wir haben die Sprech-
anlage eingeschaltet und können Sie auch auf dem
Schirm empfangen, wenn Sie das wünschen.“
„Ja bitte“, erfolgte prompt die Antwort. „Worum es
geht, wissen Sie ja“, fuhr er fort, ohne abzuwarten,
bis die Satellitenleitung bereitstand. „Ich lass Sie beide
sofort abholen, damit Sie persönlich den Mitglieds-
staaten Ihre Arbeit vorstellen können. Ich habe mehr
als die Hälfte aller Regierungsoberhäupter hier ver-
sammelt, die sich gerne über die Funktionstüchtigkeit
ein Bild machen möchten. In einer Stunde steht ein
Jet zur Verfügung, die Damen und die Kinder können
selbstverständlich mitkommen. Es ist alles vorbereitet
und für alles gesorgt.“
„Wir werden da sein, Herr Generalsekretär“, antwor-
tete León knapp und deutlich.




                           89
Vorsprechen bei der UN

In der Zwischenzeit in New York im 23. Stock des
UN-Hauptquartiers.
„Meine Damen und Herren, die Versammlung ist
eröffnet“, sagte der UN-Generalsekretär des Weltsi-
cherheitsrats. „Wir haben heute nicht nur die ständi-
gen Mitglieder in unserer Mitte versammelt, sondern
auch per Videoschaltung alle Regierungschefs, die
nicht direkt teilnehmen können an dieser Konferenz.
Diese Zusammenkunft ist zwar nicht üblich, aber von
höchster Wichtigkeit. Wir sind nach jahrelangem Hin
und Her jetzt aufgefordert, der Menschheit und unse-
rem Planeten die nötige Schuldigkeit zu erweisen, da-
mit es in einigen Jahren wirklich besser geht. Was hier
und heute besprochen wird, soll ohne weiteren Auf-
schub sofort in Kraft treten. Die UN wird sich dieser
Aufgabe gewissenhaft widmen und sich angemessener
Sanktionen bedienen, sollte dies aus anderen Interes-
sen versucht werden zu untergraben.
Es wird hier und heute abgestimmt.
Ich betone, alle sind aufgefordert, dasselbe Ziel an-
zustreben, ganz gleich welchen politischen, religiö-
sen oder wirtschaftlichen Hintergrund Sie haben. In
einigen Stunden, wenn wir die meisten Punkte der
heutigen Zusammenkunft abgehakt haben, spricht ein
Mann zu uns, der uns zeigen wird, dass es vielleicht
noch nicht zu spät ist, die Dinge in den Griff zu be-
kommen.
So, wir kommen zum ersten Punkt: friedlicher Mili-
täreinsatz in Polen zur Bekämpfung von organisierten
Plünderungen in den Städten durch geplante Krawal-
le der hungernden Bevölkerung.“
Sofort kam Bewegung in die Reihen, da solche Ereig-

                          90
nisse auch in anderen Ländern bereits vorgekommen
waren. Die Arbeitslosigkeit trieb die Bevölkerung
immer mehr in die Gesetzlosigkeit, was letztendlich
keinem nutzte. Man benötigte Organisation und Hil-
fe für die Bevölkerung. Die einzelnen Regierungen
konnten dieses Problem nicht mehr ohne Blutvergie-
ßen am eigenen Volk verhindern und mussten bei der
UN um Hilfe ersuchen, da das eigene Militär immer
schärfer verurteilt und durch Schützenjäger aus dem
Hintergrund angegriffen wurde. Bürgerkrieg stellte nur
eines der Probleme dar, die weltweit um sich griffen.

Eine Stunde später wurden wir von zwei Wagen ab-
geholt, die uns zum Flughafen fuhren, wo ein kleiner
Privatjet auf uns wartete mit Ziel New York.
Die Stadt glich einem Schlachtfeld, überall Verfall.
Leute, die nichts Gutes erahnen ließen, säumten die
Bürgersteige, nur mit Polizei und gepanzerten Autos
konnte man hier einigermaßen durchkommen. Über-
all herrschte Chaos. Ein Strom von Menschen aus
ganz Amerika versuchte hier sein Glück.
So fuhren wir zum UN-Hauptquartier, wo alles an-
dere als Feiertagsstimmung herrschte, aber man ver-
suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren und der Lage
Herr zu bleiben. Doch jede Nation wollte zu ihren
Gunsten etwas erreichen oder verhindern, was natür-
lich ins Auge gehen konnte. Wir wurden in den Ple-
narsaal geleitet, während die Frauen in der Loge Platz
nehmen konnten. León und ich wurden direkt zur
Runde geführt und vom Generalsekretär empfangen.
Er stellte uns der Versammlung kurz vor: „Sehr ver-
ehrte UN-Mitglieder, sehr verehrte Gäste, die Herren
Jeff Brink und León Almeida.“
Ein ohrenbetäubender Beifall erklang. Ich war weiß

                          91
Gott kein Angsthase, aber ein bisschen mulmig wurde
mir schon, da ich wusste, dass der ganze Planet in einer
Konferenzschaltung per Satellit Zeuge dieser Rede
war. León machte mir mit einem Zeichen Mut.
Nachdem man mir ein Mikrofon gegeben hatte, war-
teten alle auf meine Rede. Ohne die nötige Vorberei-
tung versuchte ich zunächst, in meinem Kopf Ord-
nung zu schaffen. Dann begann ich.
„Sehr verehrte Anwesenden und Zuschauer da drau-
ßen an den Bildschirmen. Bis vor wenigen Stunden
hätte ich nicht geglaubt, jetzt hier vor Ihnen zu stehen,
und das macht mich stolz. Aber ich bin kein geübter
Redner. Außerdem möchte ich die Zusammenhänge
nicht weiter kommentieren, die unseren Planeten zer-
stören. Stattdessen will ich schildern, was wir dagegen
unternehmen können.“
Sofort bekam ich aufmunternden Beifall.
„Doch zuallererst möchte ich einen Appell an dieje-
nigen richten, die unseren Freund Jan Bieberich und
meinen Schwager Guiglelmo Vaccha festhalten.“
Sofort ging ein Gemurmel los.
„Ja, meine verehrten Damen und Herren, zwei mei-
ner Kollegen werden zurzeit unfreiwillig festgehalten
und riskieren, ermordet zu werden, damit skrupellose
Geschäftemacher an die Formel kommen. Ich möchte
denen sagen, dass ein Alleingang völlig nutzlos ist, um
der Situation Herr zu werden.
Ferner möchte ich keinem zu nahe treten, egal, wel-
cher Ideologie er anhängt, und ganz gleich, aus wel-
chem geografischen Umfeld er kommt. Sicher ist, dass
wir nur zusammen die Lage meistern können.
Der Plan sieht folgendermaßen aus: Ab sofort sollte
jeder die CO2-Emissionen bis zu 90  Prozent redu-
zieren. Die fossilen Ressourcen sollten der UN über-

                           92
geben werden, damit alle davon noch etwas haben
und ein Plan erarbeitet werden kann, wie wir weiter
vorgehen. Alle weltweiten Transporte müssen vermie-
den beziehungsweise neu koordiniert werden, damit
nicht noch mehr Energie sinnlos verschleudert wird.
Die Wasserversorgung muss stabilisiert werden, sodass
jeder teilhaben kann. Um die steigende Kriminalität
einzudämmen, sollte die Nahrung registriert werden,
damit sie gerechter verteilt werden kann.
Unsere geplanten Anlagen können genügend Energie
für mehrere tausend Jahre sichern. Die Unwissenheit
hat unsere schnelle Konsumwelt bestraft, in der wir
uns im vorigen Jahrhundert gewissenlos vom Erdöl
und anderen fossilen Energien bedient haben. Ganz
zu schweigen von der Atomenergie, die als Neben-
produkt Radioaktivität erzeugt, und der Atombombe,
die alles vernichtet und über Jahrhunderte verseucht.
Mit welchem Recht haben die politischen Verant-
wortlichen dies zugelassen? Diese Machthaber lieben
nicht ihre Bevölkerung, sondern nur den Profit.
Meine Studie hat bewiesen, dass wir unerschöpfliche
Energievorräte besitzen, die aus den Meeren kom-
men. Also könnten wir wieder aus dem Vollen schöp-
fen. Aber zuvor müssen wir dafür sorgen, dass uns
nicht der Sauerstoff ausgeht, der wiederum aus den
Algen der Meere gewonnen werden soll. Dazu kann
aus der Sole des Meerwassers und mit der Elektrolyse
von Alessandro Volta die Energiegewinnung für den
ganzen Planeten über Tausende von Jahren gesichert
werden. Anstatt diese Energie in die Atmosphäre ab-
zugeben, wird sie in Strom umgewandelt oder in Rie-
senbatterietanks gespeichert und weiter an den Ver-
braucher geleitet.“
Ich konnte sehen, wie die Zuhörer im Saal die Oh-

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ren spitzten und mehr wissen wollten. Aber da ich
in diesem Augenblick keine weiteren Details abgeben
konnte und wollte, entschied ich mich, mit einigen
abschließenden Bemerkungen zum Ende zu kom-
men.
„Wie Sie feststellen können, ist dies der einzige Weg,
das Klima nicht weiter zu erwärmen, sondern zu
schonen, die Luft zum Atmen zu stabilisieren und den
Energiehunger zu stillen. Ich möchte hinzufügen, dass
es nur mit eisernem Willen gelingt, das Programm
ohne Kompromisse durchzuführen. Die Geschichte,
die in den nächsten Jahren geschrieben wird, trägt
Ihren Namen. Ich bedanke mich, meine Damen und
Herren, und wünsche Ihnen viel Erfolg, die Menschen
in Ihrem Land zu überzeugen. Ich gebe nun das Wort
an meinen guten Freund León Almeida weiter, der
hierzu noch einige Anmerkungen machen möchte.“
León umklammerte das Rednerpult. „Sehr geehrte
Anwesende und Zuschauer an den Bildschirmen, ich
möchte Folgendes sagen: Wenn das Programm Erfolg
haben soll, dürfen diesbezügliche Börsengänge und
Spekulationen auf den internationalen und nationalen
Märkten nicht durchgeführt werden. Man kann etwas,
was jedem gehört, nicht für sich selbst beanspruchen
oder sichern. Das heißt: Alles, was mit diesem Plane-
ten zu tun hat, gehört uns allen und keinem Privi-
legierten, ganz gleich, wie geschickt, schlau oder reich
er ist. Aus diesem Grunde sollten die Regierungen
rasch die erforderlichen gesetzlichen Grundlagen da-
für schaffen. Es kann nicht sein, dass alle Länder dieser
Erde, die nicht an ein Meer münden oder grenzen,
keinen Anspruch auf saubere Luft, saubere Energie
oder eine menschenwürdige Verfassung beanspruchen
können. Ich warne alle, die einen Alleingang planen

                           94
oder ein Hintertürchen gefunden zu haben glauben,
dass das Internationale Tribunal scharf gegen diese
Staaten vorgehen wird. Ich werde persönlich alles in
meiner Macht Stehende tun, um dieses Projekt zu
unterstützen. Außerdem möchte ich mich hiermit an
die Terroristen weltweit sowie die Konzerne und ihre
Aktionäre wenden, die alles versuchen werden, in den
Genuss der neuen Formel zu kommen, um Macht
auszuüben und Geld zu machen.
Und zum Schluss noch ein Wort an die Staroil AG:
Lassen Sie unverzüglich unsere Freunde frei. Vielen
Dank fürs Zuhören.“
Der Präsident ergriff wieder das Wort: „Ich wünsche
den beiden Herren und allen anderen, die dieses Ziel
mit uns verfolgen und bereit sind, alles Menschenmög-
liche dafür zu tun, dass es gelingt, das Projekt unter
der Aufsicht der UN weltweit so schnell wie möglich
umzusetzen. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“
Die Live-Ausstrahlung ging hiermit zu Ende.
Aber in der Konferenzrunde qualmten förmlich die
Köpfe. Die ersten Fragen prasselten auf uns ein.
„Wer garantiert uns den Erfolg dieser Formel?“, warf
der Regierungschef von Kanada auf, dessen ganzes
Land schon seit drei Jahren unter einer gewaltigen
Hitzewelle litt. Die Wälder brannten und die Luft
wurde immer dünner. Sogar die Eisbären waren vom
Aussterben bedroht. Einige wenige konnten noch in
Zoos bewundert werden. Die Buckelwale waren seit
zwei Jahren nicht mehr im nördlichen Polarmeer auf-
getaucht, vermutlich weil sie hier nicht mehr genü-
gend Nahrung fanden und auf dem Grund der Meere
ihr Ende gefunden hatten.
„Wir sehen uns in Spanien an den Küsten unaufhör-
lich Überschwemmungen gegenüber“, äußerte Au-

                         95
ßenminister Gonzalves. „Vom Atlantik rollen immer
neue Tiefdruckgebiete an. Unsere Wirtschaft hat we-
gen des Klimawandels arg zu leiden, durch die Über-
schwemmungen einerseits und die Dürren im Lan-
desinneren andererseits. Die modernde Feuchtigkeit
macht uns krank.“
So hatte jeder der Anwesenden ernsthafte Inlandpro-
bleme. Dazu kamen die ökonomischen und gesund-
heitlichen Lasten.
Ich wusste, es würde verdammt schwer sein, all diese
Sorgen unter einen Hut zu bringen und einen ge-
meinsamen Nenner zu finden. Zumal viele nur an
ihr eigenes Wohlbefinden und Profit dachten, wäh-
rend andere völlig machtlos diesen enormen Verän-
derungen gegenüberstanden. Das Gleichgewicht war
aus den Fugen geraten, und selbst die selbstlose Auf-
opferung vieler Völker auf landwirtschaftlichem Ge-
biet brachte keine nennenswerten Erträge. Durch die
Dürreperioden oder die Niederschläge innerhalb we-
niger Tage fielen die Ernten immer magerer aus.
Wir mussten dafür sorgen, dass die Anlagen unter
strikter Geheimhaltung, Disziplin und einer genauen
Planung gebaut wurden. Jahrelang hatten wir während
der Forschungszeit darüber debattiert und Pläne er-
arbeitet. Es ähnelte der Entwicklung eines neuen Pkw:
Es reichte nicht, nur einen Motor zu entwickeln, der
Wagen musste sich selbstständig ferngesteuert fortbe-
wegen und alle Funktionen von vornherein stimmen.
In unserem Fall hieß das: Die Infrastruktur benötigte
eine grundlegende Erneuerung. Straßen, Regeln, Er-
kenntnisse und zuletzt die Sicherheit jedes einzelnen
Lebens müssten gewährleistet sein. Das Ganze wür-
de Jahre in Anspruch nehmen, um die erneuerbaren
Energien und damit neue Lebensqualität jedermann

                         96
zugänglich zu machen. Zum Glück brauchten wir
keine gefährlichen Rohstoffe herbeizuholen oder zu
erschaffen. Alles befand sich an Ort und Stelle für vie-
le Jahrtausende. Es musste konsequent an der Erfolgs-
geschichte gearbeitet werden. Aber wie schon gesagt,
das war ja nur die Spitze des Eisbergs.
Der Plan musste nur schnell durchgeführt werden.




                          97
Die Zukunft hat heute begonnen

Wir schrieben heute den 20. März 2013. Es war zwan-
zig Uhr dreizehn.
Nur ein Zufall oder ging es jetzt richtig zur Sache?
León und ich fuhren mit unseren Frauen ins Hilton,
wo ein Büfett zu unseren Ehren mit vielen Promi-
nenten stattfand. Die US-Präsidentin Hilary Fletcher
sollte uns auch jeden Augenblick die Ehre erweisen. Es
stellte sich rasch heraus, dass sie eine sehr intelligente
Frau war, Jura studiert und viel Sinn für Humor hatte.
Das brauchte man aber auch in dieser Zeit. Sie lachte
gerne und zeigte viel Verständnis für die Menschen in
Not. Auf der anderen Seite konnte sie sehr energisch
und kompromisslos sein. Wir verbrachten einen sehr
netten Abend mit ihr, ehe sie uns sehr früh wieder ver-
lassen musste. Zuvor lud sie uns für die nächsten zwei
Wochen mit unseren Frauen nach Camp David ein,
um die Pläne durchzusprechen. Würde der UN-Ge-
neralsekretär auch mit von der Partie sein, fragte ich
mich, da ich vermutete, dass die US-Präsidentin nicht
an meiner Person, sondern an meiner Formel interes-
siert war und mich für ihr Land gewinnen wollte.
Aber dies sollte sich in den kommenden Wochen he-
rausstellen.
Mit diesen Gedanken fuhren wir mit einer Eskorte
Richtung Hotel zurück.

In Florenz hatte man unseren Auftritt bei der UN
in den Nachrichten mitbekommen. Tommaso war
bei Signore Chiavari in der Suite eingeladen, um die
Übergabe der ersten zwei CDs zu besprechen, wäh-
rend Serena ein ausgiebiges Bad genossen und sich
eine Stunde schlafen gelegt hatte. Tommaso fand die

                           98
attraktive Frau schlafend auf dem Bett im Morgen-
mantel. Er hätte ihr gerne einen Kuss auf die Stirn
gegeben, musste sich aber zusammenreißen. Ein Bein
schaute sexy aus dem Bademantel hervor. Ihr langes
Haar lag ausgebreitet auf dem Kissen. Er bückte sich
nach vorne, um ihre hübschen Gesichtszüge aus der
Nähe zu betrachten, als sie ihre dunklen Augen öffne-
te und erschrocken aufschrie.
„Aah! Was soll das? Was machst du da?“, schrie sie ihn
an.
„Ich wollte sehen, ob du noch schläfst, und ich wollte
auch noch duschen.“
„Ich hab gar nicht gehört, wie du hereingekommen
bist“, sagte sie nun wieder etwas ruhiger.
„Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe“, er-
widerte er freundlich.
„Schon gut, Tommaso. Willst du dich nicht etwas aus-
ruhen?“
„Eine Viertelstunde könnte Wunder wirken, mehr
brauch ich nicht“, antwortete er ehrlich.
„Leg dich doch zu mir“, lud sie ihn ein.
Er glaubte seinen Ohren nicht und ließ sich wort-
los rücklings aufs Bett auf ihren ausgestreckten Arm
fallen. Sie zog ihn nicht zurück, wie ihm auffiel, den-
noch entschuldigte er sich.
„Sorry, Serena.“
„Ist okay, ruh dich etwas aus“, sagte sie sehr lieb.
„Danke, ich leg mich auch aufs Sofa, wenn es dich
stört.“
„Sei jetzt still und mach deine Siesta“, gab sie zurück
und drückte ihn mit der freien Hand ins Kissen.
Er ließ das ohne Gegenwehr zu und hätte sie gerne
zu sich herangezogen. Sie bückte sich und legte ihre
Wange auf seine. Er spürte ihre zarte Haut, wobei sie

                          99
nach dem Bad sehr angenehm roch. Sie wollte sich
gerade zurückziehen, als er ihren Arm festhielt.
Sie ließ es geschehen, aber meinte sehr sanft: „Noch
nicht, Tommaso, ich bin noch nicht so weit.“
„Du hast recht, entschuldige.“ Er ließ sie los und
drehte ihr den Rücken zu.
„Du brauchst nicht traurig zu sein, ich mag dich, aber
lass uns etwas Zeit, ich muss noch überlegen.Wir ken-
nen uns kaum“, erklärte sie und legte ihre Hand auf
seinen Arm.
Das tut gut, dachte er und ließ die Augen zufallen.
„Weck mich in einer halben Stunde.“
„Okay.“

Tommaso klopfte an die Tür der Suite von Signore
Chiavari. Als niemand öffnete, klopfte er etwas hefti-
ger. Keine Reaktion. Er drückte gegen die Tür, aber
sie war verschlossen. Er schaute auf die Uhr und Sere-
na fragte: „Wie spät ist es?“
„Halb neun.“
„Komisch“, sagte sie, „wir sind doch verabredet. Er
hätte uns auch Bescheid sagen können.“
Tommaso ahnte nichts Gutes und ging den Flur Rich-
tung Treppe, die zur Rezeption führte. „Das riecht
nach Ärger, ich fühle das.“
„Vielleicht ist er nur eingenickt. Der Rezeptionist soll
ihn anrufen.“
Unten angelangt schaute ihnen der graue Herr hinter
der Theke fest in die Augen und sagte: „Ihr seid be-
stimmt die jungen Leute aus Amerika, die mit Signore
Chiavari verabredet waren. Ich habe schlechte Nach-
richten. Herr Chiavari hatte einen Unfall vor einer
Stunde. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie sich an die
Polizei wenden sollen. Commissario Bianchi erwartet

                          100
Sie – zwei Straßen weiter und dann links.“
„Ist er tot?“, wollte Tommaso sofort wissen.
„Kann ich leider nicht sagen. Weitere Informationen
bekommen Sie auf dem Polizeirevier. Es tut mir leid
für ihn, er ist ein sehr guter und hilfsbereiter Mann“,
erwiderte er, ehe er zum nächsten Kunden ging.
„Das gibt es nicht“, entrüstete sich Tommaso.
„Die scheinen nicht aufgeben zu wollen. Bin ge-
spannt, was noch kommt.“
Sie eilten Richtung Ausgang. Draußen war es schon
dunkel und etwas frisch. Nach vierhundert Metern
Fußweg erreichten sie das zuständige Kommissariat.
„Commissario Bianchi, per favore.“
„Worum geht’s?“
„Ich komme wegen Signore Chiavari“, erläuterte
Tommaso.
„Er erwartet Sie“, entgegnete der Carabinieri. „Hier
entlang bitte.“
Sie folgten ihm und wurden dem Commissario vor-
gestellt.
„Signore Commissario, Herr Brink und Fräulein Al-
meida“, meldete der Carabiniere ihr Eintreten.
„Kommen Sie herein“, sagte der Commissario, ehe
er ihnen die Hand reichte. „Si accomoda, Signorina
Almeida, Signore Brink. Piacere di fare la sua cono-
scenza. – Mi dispiace. Tut mir leid“, fuhr er fort.
„Was ist passiert, wo ist Signore Chiavari?“
„Er wurde tot aufgefunden, nicht weit von hier in
einer Seitenstraße.“
„Was? Wieso? Wer hat das getan? Haben Sie den Täter
schon gefasst?“
Obwohl der Commissario über sie Bescheid wusste
und alle Antworten bereits kannte, wurden Tommaso
und Serena trotzdem verhört, um ihre Unschuld zu

                         101
beweisen.
„Herr Brink, woher kannten Sie Herrn Chiavari?“,
fragte er nun misstrauisch.
„Mein Vater und Rodolfo sind, äh waren Freunde seit
sehr vielen Jahren“, antwortete Tommaso vorsichtig,
da ihm bewusst war, dass der Commissario zunächst
einmal alle verdächtigte, sogar Serena und ihn selbst.
„Wo haben Sie sich vor einer Stunde aufgehalten?“,
fragte der Commissario.
„Auf meinem Zimmer.“
Serena mischte sich ins Gespräch. „Er war mit mir auf
unserem Zimmer. Wir sollten uns um halb neun in
Herrn Chiavaris Suite treffen.“
„Warum sind Sie hier?“, bohrte der Commissario
weiter.
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Commissa-
rio.“
„Warum nicht? Jetzt geht es uns auch etwas an.“
„Nun gut. Wir sollten ihm eine Arbeit meines Vaters
übergeben, da er nicht selbst kommen konnte“, sag-
te Tommaso, um den Commissario auf eine falsche
Fährte zu führen und damit Zeit zu gewinnen. Doch
er hatte nicht damit gerechnet, dass der Commissario
vor genau einer halben Stunde die UN-Versammlung
in den Medien mit angehört hatte und über Guiglel-
mos und Jans Entführung Bescheid wusste.
„Und wie geht es Ihrem Onkel Signore Vaccha und
Herrn Bieberich?“, erkundigte er sich scheinbar bei-
läufig. „Wollen Sie und Ihre hübsche Freundin das
alleine erledigen?“
Shit, dachte Tommaso, gut, dass ich ihn nicht ganz be-
logen habe.
Serena, die kein Italienisch verstand, schaute ihn an
und wollte wissen, worum es ging.

                         102
„Miss Almeida“, fuhr der Commissario nun in per-
fektem Englisch – was Tommaso nicht erwartet hätte
– fort. „Könnten Sie mir sagen, welche Aufgabe Sig-
nore Chiavari in dieser Entführung zukam?“
Sie schaute erst Tommaso an, ehe sie dem Commis-
sario sehr überzeugend als Antwort gab: „Soviel ich
weiß, sollte er mit den Entführern in Kontakt treten
und versuchen, die Situation zu entschärfen.“
„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“
„Das Ganze sollte ohne Polizei ablaufen, da sonst das
Leben der beiden gefährdet wäre. So lautete eine der
Forderungen der Entführer“, rechtfertigte Tommaso
ihr Vorgehen.
„Und wissen Sie, wer sie sind oder mit wem Sie es zu
tun haben?“, bohrte er weiter.
Tommaso musste einsehen, dass er den Commissario
nicht so leicht abwimmeln konnte, zumal das Ganze
nun bereits ein Leben gefordert hatte.
„Ich glaube ja“, gab er etwas genervt zurück.
„Und um wen handelt es sich?“, fragte der Commis-
sario weiter.
„Es sollen Leute von der Staroil sein.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja, wir, das heißt, mein Vater hat es durch Zufall her-
ausgefunden“, erwiderte Tommaso. „Genaueres kann
ich jedoch nicht sagen.Wir sollten mit Rodolfo Chia-
varis Hilfe ihren Forderungen nachkommen, um die
beiden freizubekommen“, gab Tommaso zu.
„Sie haben doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass
das geschehen wäre. Sie sehen, wie weit sie gehen,
sie morden bereits im Vorfeld, damit Sie Ihnen bei
der Übergabe keine großen Probleme bereiten. Sie
scheinen gut vorbereitet zu sein und überhaupt, was
wollen die von Ihrem Vater, was fordern die Kidnap-

                          103
per eigentlich?“, forschte der Commissario unbeirrt
weiter.
Sie mussten irgendwie hinbekommen, dass sich die
Polizei heraushielt, um das Leben ihrer Freunde nicht
noch mehr zu gefährden. Die Entführer werden sich
sonst zu sehr bedrängt fühlen und beide ermorden,
dachte Tommaso.
„Herr Brink, ich hab Sie etwas gefragt?“, fuhr der
Commissario fort. Er war aufgestanden und legte die
Aktentasche von Rodolfo auf den Schreibtisch, ohne
darauf einzugehen, um mehr Informationen aus Tom-
maso herauszuholen.
„Ja, soviel ich weiß, die Forschungsarbeiten der letzten
Jahre, die mein Vater gemeinsam mit seinen Freunden
getätigt hat.“
„Das müssen sehr wichtige Ergebnisse sein, wie es
scheint, wenn die UN Ihren Vater zusammen mit den
ständigen Mitgliedern und anderen wichtigen Län-
dern an einem Tisch versammelt.“
„Ich glaub schon, aber wenn Sie alles wissen, warum
fragen Sie dann noch?“ Tommaso bekam ein schlech-
tes Gefühl und schaute Serena an, um ihr anzudeuten,
dass sie hier verschwinden mussten, und zwar schnell.
Die Frage war nur, wie. Er vertraute dem Commissa-
rio nicht ganz, etwas schien im Busch zu sein.
„Wo haben Sie die Akte?“, fragte der Commissario
wieder ganz beiläufig. „Im Hotel?“
„Wir haben nur die Instruktion zu verhandeln, sonst
nichts, Herr Commissario“, entgegnete Tommaso und
schaute Serena erneut an.
Sie merkte, dass etwas nicht stimmte, und fragte
scheinheilig: „Tommaso, können wir jetzt gehen?“
„Ich denke schon.“ Tommaso wandte sich an den
Commissario. „Können wir noch etwas für Sie tun?“

                          104
„Und ob – Sie bleiben im Hotel, bis ich Sie rufe. Zu
Ihrer Sicherheit werde ich zwei Leute auf dem Flur
vor Ihrem Zimmer postieren.“
„Okay“, sagte Tommaso und deutete Serena an, dass
sie gehen könnten.
„Sie schicken uns zwei Leute, um uns zu bewachen
oder zu schützen, ich weiß noch nicht“, flüsterte er
ihr zu.
Serena verstand sofort und schwieg, bis sie draußen
waren.
„Wir dürfen nicht ins Hotel zurück“, gab Tommaso
Serena zu verstehen. „An der nächsten Ecke fangen
wir an zu laufen und verschwinden.“
An der Ecke angekommen studierte Tommaso mit ei-
nigen Blicken, wie sie die beiden Beamten in Zivil
loswerden könnten. Geistesgegenwärtig bemerkte er,
wie gegenüber auf der anderen Straßenseite eine Frau
mit dem Schlüssel in der Hand in ihr Auto steigen
wollte, und zog seine Begleiterin rasch am Arm.
„Rüber zum Wagen, schnell!“, zischte er.
Serena verstand augenblicklich, was er plante, und zö-
gerte nicht lange. Sie liefen hin, Tommaso stieß die
Frau weg und entriss ihr gleichzeitig den Schlüssel-
bund. Die Frau schrie und versuchte sich zu wehren.
Aber Tommaso war bereits eingestiegen und ließ den
Motor aufheulen, während Serena neben ihm Platz
nahm. In letzter Sekunde ließ er die Türsperre ein-
rasten, denn die beiden Beamten versuchten nun mit
wilden Gebärden, die Tür des Wagens zu öffnen.
Die Frau schrie wie am Spieß auf Italienisch: „Ladri,
aiuto, mi rubano la mia auto“ (Räuber, Hilfe, sie klauen
meinen Wagen).
Tommaso und Serena fuhren mit quietschenden Rei-
fen los, wobei die Beamten noch einige Meter hinter-

                          105
herrannten. Aber sie hatten keine Chance.
„Wir fahren zum Hotel. Du gehst rein und holst nur
den Aktenkoffer, der Rest kann da bleiben, verstan-
den! Sonst fällt es dem Portier auf. Schnell, ich parke
in der Seitenstraße und du gehst weiter zu Fuß. Wir
dürfen keine Zeit verlieren.“
„Gut, und wenn bereits Leute im Zimmer sind?“
„Geh an unserem Zimmer erst mal vorbei und schau,
ob da jemand ist.“
Eine Polizeisirene jaulte in einer Nebengasse, dann
noch eine. Sie mussten sich beeilen.
„Pass auf dich auf, Serena.“
„Mach dir keine Sorgen, ich nehm nur den Inhalt und
nicht den Aktenkoffer mit“, sagte sie entschlossen und
verschwand in der Dunkelheit.
Mehr als besorgt duckte er sich in den Sitz für den
Fall, dass eine Polizeipatrouille vorbeikam. Kaum hat-
te er den Kopf eingezogen, kamen schon mehrere
Polizisten die Straße entlanggelaufen und zogen wei-
ter Richtung Hauptstraße. Was für ein Glück, dachte
Tommaso. Fünf Minuten später tauchte jemand neben
dem Wagen auf. Er trug einen Hut und einen langen
Mantel.
„Schnell, lass den Motor an, lass uns abhauen, sie sind
überall.“
Er erkannte Serena an der Stimme und fühlte sich
erleichtert.
„Wie siehst du denn aus?“
„Hab mich in der Garderobe der Bar bedient, um zum
Zimmer zu gelangen“, erläuterte sie amüsiert.
„Diese Mexikaner sind schlimmer als die Italiener“,
bemerkte er spöttisch.
„Aber wohin nun?“, wollte Serena noch ganz außer
Atem wissen.

                         106
„Am besten nach Rom, aber mit dem Zug, dieser Wa-
gen dürfte bereits gesucht werden.“
Sie konnten nicht telefonieren. Zum Glück hatte Se-
rena das Nötigste aus dem Hotel herausschaffen kön-
nen.
Tommaso hielt sie einen Moment lang am Arm fest
und beruhigte sie: „Wir schaffen das schon“, und fuhr
los.
„Am besten wir beschaffen uns irgendwie einen an-
deren Wagen“, schlug sie vor.
„Dachte ich auch gerade“, stimmte Tommaso ihr zu.
Sie ließen den Wagen einige hundert Meter vom Ho-
tel in einer Hauseinfahrt einfach stehen und gingen
zu Fuß weiter, zunächst auf einem Weg, der runter
zum Fluss führte. Ab und an waren Polizeisirenen zu
hören. Zum Glück vermuteten sie sie nicht so nah am
Hotel. Aber ein anderer Wagen musste her.
„Und was war auf der Polizeiwache los?“, erkundigte
sich Serena.
„Ich vermute, dass die Polizei in der Sache drinsteckt,
zumindest hatte ich den Eindruck. Egal, besser mit
niemandem zu kollaborieren, solange wir nicht wis-
sen, auf welcher Seite er steht“, sagte Tommaso über-
zeugt.
Sie liefen am Arno vorbei zum Ponte Vecchio. Alles
war hell erleuchtet. Wahre Menschenmengen tum-
melten sich in den Straßen. Etwas weiter die Uferstra-
ße entlang trafen sie auf geparkte Autos. Er entschied
sich für einen Audi mit deutschem Nummernschild,
ein Auto, das Tommaso gut kannte. Allerdings muss-
te es schnell gehen, da bestimmt der Alarm losgehen
würde; aber bei den Italienern machte das wenig Ein-
druck, und er konnte im schlimmsten Fall vorgeben,
da er Deutsch sprach, dass er die Schlüssel verloren

                         107
habe und sich selbst behelfen müsse. Trotz aller Ange-
spanntheit konnte Serena sich ein Lachen nicht ver-
kneifen. Wie vermutet, heulte sofort die Alarmanlage
auf, sobald er die hintere Seitenscheibe eingerammt
hatte. Er ging bewusst langsam zu Werke, als wollte er
zeigen, dass es sich um seinen Wagen handeln würde,
während er unentwegt auf Deutsch fluchte.
Der einzige Passant, der vorbeikam, schien seinen Är-
ger zu verstehen und sagte: „Schön dumm, wenn man
bei sich selbst einbrechen muss. Sind Sie Deutscher?
Tedesco?“
„Ja, hab die Schlüssel verloren.“
„Viel Glück!“, gab er knapp zurück und ging weiter.
Das konnte er gut gebrauchen in diesem Moment.
In ihrer Nervosität konnte es Serena kaum abwarten,
dass der Motor ansprang und sie ohne aufzufallen
wegkamen.
„Leider kann ich dir heute Abend nicht mehr das ro-
mantische Florenz zeigen. Jammerschade!“, versuchte
Tommaso die Situation etwas aufzulockern. Sie fuhren
los Richtung Autobahn A1. Sie mussten eine Polizei-
patrouille passieren. Serena hatte sich vorsichtshalber
geduckt und gab vor, etwas zu suchen. So sah es aus,
als würde sich nur eine Person im Wagen befinden. Ihr
Augenmerk galt aber zwei Leuten und da die Beamten
an der anderen Seite der zerbrochenen Fensterscheibe
standen und das deutsche Kennzeichen registrierten,
winkten sie den Wagen durch.Wenig später fuhren die
beiden unbeachtet aus der Stadt hinaus.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Serena ein
bisschen verloren. Sie schien sich das Ganze wohl et-
was anders vorgestellt zu haben, doch leider war dar-
aus bitterer Ernst geworden. Sie wussten nicht mehr,
wem sie noch vertrauen konnten.

                         108
„Tante Fiona in Rom wird bestimmt rund um die
Uhr beobachtet.“
„Das glaube ich auch. Ein Glück, dass wir noch ins
Hotel und die Papiere mit den CDs rausholen konn-
ten“, sagte Serena etwas erleichtert.
„Ja, das hast du sehr gut gemacht; überhaupt, hat dich
jemand gesehen?“
„Nein, ich bin sofort zur Toilette, von dort zur Gar-
derobe und dann zum Aufzug und weiter in unser
Zimmer. So konnte mich niemand erkennen.“
„Sehr schlau“, gab Tommaso zurück und hielt ihre
Hand.
Wortlos zog sie seine Hand an sich.
Irgendwann nach Mitternacht fuhr er eine Raststätte
an, hielt sich aber etwas abseits, damit sie ein wenig
verschnaufen konnten. Sie mussten noch heute Nacht
nach Rom und den Wagen loswerden.
„Hast du Hunger, Serena?“
„Ein bisschen“, gab sie ein wenig schlaftrunken zu-
rück.
„Ich hol uns etwas. Willst du Kaffee oder etwas an-
deres?“
„Ein Kaffee wäre gut. Danke.“
„Bis gleich“, sagte Tommaso und verschwand Rich-
tung Bar.
Ein Polizeiwagen drehte seine Runde, aber das war
normal hier auf den Raststätten.
Tommaso suchte erst die Toilette auf, bevor er in den
Autogrill zur Bar ging. Er kaufte ein paar Pizzateil-
chen, etwas zu trinken und zwei Kaffee. Als er hi-
nausgehen wollte, kamen ihm zwei Carabinieri ent-
gegen. Er dachte, jetzt haben sie dich, aber sie gingen
auseinander und ließen ihn passieren. Sein Herz raste.
Draußen blieb er einen Augenblick stehen, um erst

                         109
einmal tief durchzuatmen. Er schaute sich unbemerkt
um. Alles war ruhig, außer ein paar jungen Leuten bei
einem Minibus, die lauthals diskutierten. Mit schnel-
len Schritten erreichte er den Wagen und bemerkte
sofort, dass Serena nicht im Wagen saß.
„Verdammt, auch das noch“, dachte er laut. „Wo steckt
sie bloß, kann sie nicht warten, bis ich zurück bin? „
„Nein, schließlich muss eine Frau auch mal“, kam von
hinten Serenas Stimme.
„Mensch, hast du mich erschreckt. Hier laufen Poli-
zisten herum und du machst einen Spaziergang.“
„Ich war in dem Busch da hinten, da konnte mich
niemand sehen“, gab sie etwas verärgert zurück.
„Okay, ist ja gut. Entschuldigung. Ich hab keine Lust,
noch mehr Ärger zu bekommen. Für den Moment
reicht es mir. Wir wandern sofort in die nächste Zelle,
wenn die uns erwischen.“
Sie stieg in den Wagen und Tommaso hinterher.
Schweigend fuhren sie los. Gegen halb sechs erreich-
ten sie Rom, es wurde bereits hell. Sie parkten in
einer Seitenstraße und schliefen sofort ein. Als es an
der Scheibe klopfte, wurden sie wach.
„He“, machte sich eine Männerstimme bemerkbar,
„wir wollen auf die Baustelle, wenn ihr nichts da-
gegen habt.“
Tommaso schaute sich um und sah, dass sie genau vor
dem Eingang zu einer Baustelle geparkt hatten.
„Wir sind in den Schlaf gefallen. Entschuldigung.“
Er lachte. „Haben sie euch ausgeraubt?“, fragte er mit
Blick auf die kaputte Fensterscheibe.
„Ja, ja, gestern Abend. Wo ist die nächste Audi-Gara-
ge?“, lenkte Tommaso ab.
„Geradeaus etwa vier bis fünf Kilometer auf der lin-
ken Strassenseite.“

                         110
„Ist es noch weit bis ins Zentrum?“
„Etwa noch zehn bis fünfzehn Minuten.“
„Danke, mein Freund.“
Einige Kilometer weiter ließen sie den Wagen irgend-
wo auf einem Parkplatz stehen und fuhren mit der
Straßenbahn ins Zentrum. Es war gegen neun Uhr.
Tommaso wollte gerade nach Amerika anrufen, um
mir Bescheid zu sagen, damit ich mit Martinelli Kon-
takt aufnehmen sollte, da hatte ich im gleichen Mo-
ment aus Mexiko seine Nummer gewählt.
„Tommaso, wo steckst du?“, fragte ich.
„Mitten in Rom in der Straßenbahn“, antwortete er.
„Ist Serena auch bei dir? Geht es euch gut? Was ist
passiert?“
„Pa, alles okay, wenn man so will. Sie haben gestern
Abend Rodolfo umgebracht, man hat ihn mit ein paar
Kugeln im Kopf tot aufgefunden.“
„Ich hab im Hotel angerufen und bereits gehört, dass
ihr flüchtig seid. Erzähl!“
„Pa, als wir bei der Polizei von diesem komischen
Commissario verhört wurden, hatte ich das Gefühl,
dass er mit von der Partie ist. Wir sind daraufhin ab-
gehauen. Die CDs und die Papiere konnten wir Gott
sei Dank mitnehmen, dank Serena.“
„Hör zu, Martinelli scheint verschwunden zu sein,
und von Guiglelmo und Jan fehlt jede Spur. Bleibt
bitte im Hintergrund oder versteckt euch, bis ich
euch Bescheid gebe. Der Geheimdienst wird sich dar-
um kümmern. Seid vorsichtig und geht auch nicht zu
Tante Fiona, denn das könnte gefährlich werden. Hast
du verstanden? Nehmt den Zug nach Neapel und
wartet dort auf mich. Ich werde versuchen so schnell
wie möglich bei euch zu sein. Ich melde mich. Alles
Gute und seid vorsichtig, traut niemandem. Ruft auch

                         111
niemanden an. Ist das klar! Ich melde mich, sobald
ich am Flughafen Fiumicino in Rom angekommen
bin. Tschüss ihr beiden. – Warte noch, León will mit
Serena sprechen.“
Das Handy wechselte die Hand und nach dem Ge-
spräch mit ihrem Vater hatte Serena Tränen in den
Augen.
„Was ist geschehen?“, fragte Tommaso etwas besorgt.
„Nichts, ich vermisse sie nur.“
Wir suchten uns einen Platz auf der Terrasse eines
Café, wo wir nach der stressigen Nacht in Ruhe früh-
stücken konnten. Für die Jahreszeit war es bereits am
Morgen ganz schön heiß. Wir sahen vielerorts Schil-
der, die den Autoverkehr angesichts der hohen Ozon-
werte, des Smogs und der Rußpartikelkonzentration
in der Luft untersagten, was inzwischen überall in
den dicht bevölkerten Ländern so war. Der Smog lag
weltweit wie ein Nebel über den Städten und wollte
einfach nicht weichen. Er gehörte mittlerweile zum
normalen Alltagsbild. Hinzu kam die Rationalisie-
rung von Trinkwasser – schon jetzt im Frühjahr, nicht
wie sonst in den warmen Sommertagen. Immer mehr
Touristen blieben aus einer so schönen Stadt weg, die
sonst Millionen von Gästen im Jahr beherbergte, und
dies nicht nur wegen des Vatikans.
„Ach, wie soll das nur enden?“, seufzte der Oberkell-
ner und kassierte eine viel zu hohe Summe für die
Kaffees und die focaccia, die in keinem Verhältnis zu
dem stand, was man dafür bekam.

Ich hatte der UN die Pläne ohne die Informationen
auf dem Memorystick vorgelegt, und nun wurde da-
rüber debattiert, wie es weitergehen sollte. Ich hatte
bei meinem Vortrag klar und deutlich gemacht, dass

                         112
sie sich nicht untereinander streiten, sondern eine
sofortige Lösung herbeiführen sollten, denn die Zeit
drängte.

Eine ausgelaugte und zutiefst ausgebeutete Erde wür-
de als Hinterlassenschaft zurückbleiben, wenn wir
nicht agierten. Doch wir waren jetzt so weit, der Erde
die nötige Erholung zu verschaffen, wenn uns da nicht
diejenigen dazwischenfunken würden, die nur ihren
Profit und ihre Interessen im Kopf hatten. Daher
musste die UN diesmal alle Staaten davon überzeugen,
dass es auf kurz oder lang keine Zukunft für nieman-
den mehr gab, sollten die Beschlüsse wie sonst igno-
riert oder abgeblockt werden, sei es durch Veto oder
schlappe Sanktionen, die nur halbherzig durchgesetzt
wurden. Es musste ein rigoroser Plan her, der nicht
von Staatengemeinschaften wie Amerika oder Europa
diktiert werden sollte, sondern von unabhängiger Sei-
te her. Wenn der eigene Bruder ein Mörder war, saß
man ja auch nicht selbst auf der Geschworenenbank.
Jeglicher Interessenkonflikt sollte also vermieden wer-
den, auch wenn es schwerfiel. Die Verteidigung sollte
von einem Weltanwalt durchgeführt werden, wodurch
eine neue juristische Dimension entstehen würde. Je-
der Bewohner dieser Erde sollte wie ein verlässlicher
und verantwortungsvoller Elternteil handeln. Die ge-
fällten Entscheidungen mussten zügig umgesetzt wer-
den, schließlich ging es um unseren Planeten und die
Sicherung der Energie, um ein sauberes Klima und
unser wichtigstes Lebensmittel, das Trinkwasser. Ohne
diese drei Elemente sah es für die Menschheit schlecht
aus. Ich konnte einfach nicht glauben, dass Krokodile
Millionen von Jahren überlebt hatten, ohne sich selbst
und die Erde zu zerstören, aber wir Menschen selbst-

                         113
zerstörerisch nur wenige Jahrzehnte hierfür benötigt
hatten.
Es ging zu Ende, wenn wir nicht einsahen, dass es
Gott gibt, der uns mit all seiner Vielfalt jeden Tag
beschenkt, wir jedoch noch immer nach Wundern
schrien. Denn 70 Prozent des Planeten Erde bestehen
aus Wasser. Ebenso die Menschen, Tiere und Pflanzen.
Vom All aus sieht man einen wunderschönen, einzig-
artigen blauen Planeten. Dieses gesamte Bild ist einem
allmächtigen Schöpfer entsprungen, nämlich Gott, der
uns unerschöpfliche Ressourcen schenkte. Nicht nur
für einige Wenige, sondern für die gesamte Mensch-
heit, Tier- und Pflanzenwelt, die uns ihrerseits ernährt
und mit Sauerstoff versorgt. Also, da musste man blöd
sein, wenn man seinen Lebenslieferanten killte.Wasser
gibt es in flüssigem oder gefrorenem Zustand oder
als Wasserdampf. Im Wasser liegt der Schlüssel des Le-
bens.
Somit auch unser Energievorrat. Die Meere boten ge-
nügend Platz, um solche Projekte zu realisieren, und
verfügten über genug Salz, um die Anlagen zu betrei-
ben. Das bedeutete weder Raubbau, welcher Art auch
immer, an Erdöl, Erdgas, Kohle oder anderen fossilen
Brennstoffen noch Waldrodung. Keine umweltfeind-
liche Verbrennung und Belastung für das Klima und
die so wichtige Luft zum Atmen, kein Ozon, keine
Radioaktivität. Letzteres zeugte nur von der Unfä-
higkeit des Menschen, auf lange Sicht etwas zu unse-
ren Gunsten zu verändern, unsere Erfolge waren nur
kurzfristig. Die Genmanipulation beispielsweise wür-
de in erster Instanz kräftigere, widerstandsfähigere, in
allen Bereichen bessere Produkte hervorbringen, aber
in einigen Jahren käme uns das gesundheitlich teu-
er zu stehen, zum Vorteil der Pharmaindustrie, da mit

                          114
ziemlicher Sicherheit unsere Körper in Mitleiden-
schaft gezogen würden. Ökonomisch mag das alles zu
begrüßen sein, aber für den Menschen war es eine
weitere Katastrophe.
Seit wir Menschen unsere Finger mit im Spiel hat-
ten, drohten ganze Arten auszusterben. Wir hatten
ihre Lebensräume vernichtet, ihre Körper verarbeitet,
überzüchtet, sie gequält und sie aus reiner Profitgier
für dubiose Experimente benutzt. Unseren Haus- und
Nutztieren wurden unnatürliche Lebensgewohnhei-
ten aufgezwungen.
Stattdessen hätte man alles daransetzen müssen, die
Tierwelt in ihrem Umfeld positiv zu erforschen und
ihnen nur das Nötigste für unsere Lebenserhaltung
abzuverlangen. Massentierhaltungen gehörten gänz-
lich abgeschafft.
Wir Menschen schienen uns gegenseitig nichts mehr
zu bedeuten, es war nur ein ständiges Nehmen, nur
wenige gaben. Wir beuteten uns selbst auf legale und
illegale Weise aus, brachten so unsere Urahnen um die
Werte Verständnis und soziales Miteinander, während
die Urvölker in den Urwäldern noch vollkommen
diesem Idealbild entsprachen. Sie lebten im Einklang
mit der Natur und dem Planeten. Wissenschaftlich
waren wir auf der Höhe, konnten wir die Materie
und ihre Kräfte erforschen und hätten sie für uns nut-
zen können, ohne späteren Generationen das Recht
auf die gleiche Lebensqualität zu verwehren, was wir
heutzutage nicht gerade behaupten konnten.
Also war ein Umdenken gefragt, erforderlich und
überlebenswichtig für unsere Kinder. Wir mussten
lernen, den Tatsachen in die Augen zu schauen, und
nicht immer nach monetären Gesichtspunkten zu
handeln.

                         115
Alles, was auf der Welt von selbst entstand, gehörte uns
allen. Die Schätze in und auf der Erde wie in der Luft.
Wir hatten hierfür nichts erschaffen müssen.Wenn wir
Kartoffeln pflanzten, versorgten und wachsen ließen,
hatten wir etwas Eigenes entstehen lassen, um unser
Überleben zu garantieren. Handel war erlaubt, wenn
kein Raubbau entstand, zum Beispiel Schuhe, Papier,
Technologie, Bausubstanz. Dabei musste man genau
abwägen, wie viel wir davon brauchten und wie viel
unsere Umwelt ertragen konnte. Die veränderten und
zu jeder Jahreszeit erhältlichen Lebensmittel mussten
verstärkt einer Kontrolle unterworfen werden, genau-
so wie der Pharmaindustrie und den Chemiekonzer-
nen nur erlaubt werden durfte, keine genmanipulier-
ten und ausnahmslos unbehandelte Lebensmittel zu
produzieren.
Die mit verlogener Werbung täglich offerierten Pro-
dukte sollten zudem strenger kontrolliert werden,
wobei der Sumpf von Lügen und Desinformationen
trocken gelegt werden musste.
Aber wen interessierte das schon, wenn die Börsen
satte Gewinne einfuhren. Hauptsache, sie entließen
noch einige tausend Menschen, damit sie noch mehr
Dividende einstreichen konnten.
Die Heilung unserer Umwelt bestand darin, sich be-
wusst zu machen, was wir brauchten oder auch nicht.
Man musste, wie damals bei den Airlines, eine schwar-
ze Liste all jener Konzerne und Politiker anfertigen,
die die Menschen belogen, und sie sanktionieren oder
bestrafen. Man durfte, wie die Gesetzgeber bei Alko-
hol hinter dem Steuer, null Toleranz walten lassen und
nur reine – nicht wirtschaftlich interessante – Projekte
subventionieren. Man musste alle irreführende Wer-
bung verbannen.

                          116
Kurzum: Man musste umdenken und verstehen, was
für die Erde, Natur und Menschen gut war.
Eine Kuh aß vegetarisch und war nie auf Fleisch um-
gestiegen, nur weil kein Gras da war. Wir Menschen
dagegen ließen uns jeden Morgen was aufschwatzen,
was uns letztendlich unsere Gesundheit kostete. Aber
wir wurden schleichend und irreführend innerhalb
von Jahrzehnten mit dem Argument, wie einfach, zeit-
sparend, praktisch und bequem alles war, auf reinen
Konsum umgerüstet und süchtig gemacht, damit we-
nige sich bereicherten. So zum Beispiel unser Handy,
Bankgeschäfte, Kreditkarten oder Internet. Das Inter-
net war mit Sicherheit ein bemerkenswertes Medium,
aber auch hier wusste man nicht mehr, ob alles mit
rechten Dingen zuging. Bei jedem Einschalten musste
man eine neue Software herunterladen die noch opti-
maler und sicherer war gegen Eindringlinge. Für den
Laien komplett undurchsichtig. Wurden nun Daten
herein- oder herausgeschleust, war oft meine Frage.
Solange wir zuließen, dass andere an uns verdienten,
setzten sie alles daran, uns alles zu verkaufen, wovon
wir glaubten, glücklich, schöner oder gesünder zu
werden. Ganze Heere arbeiteten für diese Konzerne
im Hintergrund um unsere Angewohnheiten zu stu-
dieren und wie sie ihre Produkte am Besten vermark-
ten konnten. Es lag also an uns selbst, inwiefern wir es
zuließen, wie weit sie gingen.
Wasser und Sauerstoff würden die nächsten Jahrtau-
sende über unser Leben bestimmen, das nicht von
irgendwelchen fossilen oder chemisch komplizierten
und teuren Abläufen abhängig war. Das Leben basierte
auf einfachen chemischen Reaktionen, die bereits in
der Natur eingebettet waren und keine gefährlichen
Altlasten für nächste Generationen hinterließen.

                          117
Die Erde stand im Einklang mit dem Leben und dem
konnte sich keiner entziehen.

Ich war besorgt und konnte nicht einschlafen. Teresa
schien es ähnlich zu gehen.
„Wir hätten die Kinder nicht alleine weglassen sol-
len!“, sagte sie, als wir im Bett lagen.
„Ich weiß, aber wie hätten wir anders vorgehen sol-
len? Wir können uns schlecht in zehn Stücke teilen.
Sie sollten ja nur bei Rodolfo die CD abgeben“, ver-
suchte ich sie zu beruhigen.
„Ja, aber Rodolfo ist tot, die Kinder sind flüchtig, und
diese Gauner haben sogar die italienische Polizei ge-
kauft.“
„Wir werden so bald wie möglich nach Rom flie-
gen und nach dem Rechten sehen. Ich muss nur noch
mit der UN gewisse Abläufe abklären, wie wir vor-
gehen; den Rest können sie alleine in die Wege leiten.
Wenn alles so weit ist, werden wir in Aktion treten.
Nach den Tests sind nur noch Kontrollen auszuführen,
wobei strenge Vorsichtsmaßnahmen den ungestörten
Verlauf der Sauerstoffproduktion garantieren dürf-
ten“, fuhr ich fort.
„Das heißt, wir müssen zurück nach Amerika. Oder
wo soll die erste Anlage entstehen?“, fragte Teresa.
„Wir haben uns noch nicht festgelegt. So, aber jetzt
versuch ich noch ein paar Stunden zu schlafen, mor-
gen müssen wir gegen 6.30 Uhr schon los zur UN.“
Teresa kuschelte sich gegen meine Brust und wir
schliefen ein.
Das Klingeln des Telefons riss uns beide aus dem
Schlaf.
Schlaftrunken hob ich den Hörer ab: „Ja bitte? Ach, du
bist es, wir sind in einer halben Stunde unten. Danke

                          118
fürs Wecken, bis gleich.“
León und Jackie waren bereits unten beim Früh-
stück.
Wir gesellten uns zu ihnen und tranken nur schnell
einen starken Kaffee, da bereits eine Eskorte auf uns
wartete, die uns zum UN-Tower bringen sollte. Vier
Bodyguards begleiteten uns zu den zwei Limousinen
mit aus Sicherheitsgründen verdunkelten Scheiben.
Ich fuhr mit León, während die Frauen in einem Ab-
stand von einer halben Stunde nachkommen sollten.
So verlangte es die Sicherheit. Kurz zuvor hatte ich
mit Tommaso telefoniert und erfahren, dass sie anstatt
in Neapel von einer Sicherheitsbrigade der UN nach
Sorrento bei Neapel untergebracht worden waren.
Der Geheimdienst vor Ort versuchte herauszufinden,
wo Guiglelmo und Jan versteckt gehalten wurden. Al-
lem Anschein nach außerhalb von Rom. Fiona hatte
mehrmals mit Teresa telefoniert.
„Jeff, wie soll es nun weitergehen? Ich meine mit der
Anlage. Und wo soll sie aufgebaut werden?“, fragte
León.
„Wenn es nach mir ginge, dort, wo das Ganze ange-
fangen hat.“
„Du meinst auf Spitzbergen?“
„Ja genau, was meinst du? Wir hätten unsere Ruhe
und die Familie wäre besser aufgehoben, man könnte
sie effektiver beschützen“, argumentierte ich.
„Da hast du recht, nur etwas abgelegen. Wir haben
unseren Job, aber was sollen die Frauen sechs Monate
lang machen?“
„Ich weiß. Hast du eine bessere Idee?“
„Warum nicht am Mittelmeer bei Monte Carlo, da
unterhalten wir ein Unterwasserlabor wie auf Spitz-
bergen und könnten für uns und unsere Familie von

                         119
den Monegassen politische Immunität bekommen.“
„Wir reden mit dem Präsidenten, mal sehen, was er
dazu sagt“, gab ich zurück.

Im UN-Hauptquartier war einiges los. Vor dem Ge-
bäude wimmelte es nur so von Journalisten und Pres-
seleuten. Wir wurden in das Untergeschoss gefahren
und von dort in die obere Etage geleitet, wo uns der
UN-Generalsekretär bereits erwartete.
„Guten Morgen, meine Herren, gut geschlafen?“
„Herr Generalsekretär, ich hoffe, Sie haben auch gut
geschlafen“, gab ich zurück.
„Guten Morgen. Das Frühstück war ausgezeichnet,
wir können jetzt drei Tage reden, so viel hab ich zu
mir genommen.“ León brachte uns zum Lachen.
„So, meine Herren, der ganze Globus will von uns
wissen, wie schlimm es ist und wie wir das Klima-
problem in den Griff bekommen wollen. Außerdem
interessiert allerorts, wo die Entführer sind und wo die
Geiseln festgehalten werden. Also eine Menge Fragen,
die es zu beantworten gilt. Das Einzige, was noch
nicht durchgesickert ist, ist Chiavaris Tod und warum
er sterben musste. Das ist auch gut so, denn es würde
die Gemüter nur noch mehr aufheizen.“
Ich musste ihm recht geben, obwohl es sehr wehtat.
„Es ist eine verdammte Schweinerei, was sich die Sta-
roil AG da geleistet hat. Aber die haben sich immer
einen Dreck um die Menschheit geschert. Ich erin-
nere nur an das Vorkommnis vor zwei Jahren gegen
Greenpeace auf der Bohrinsel. Da waren auf einmal
zehn Menschen verschwunden, die man Monate spä-
ter tot auf einer kleinen Insel gefunden hat. Keine
Zeugen, keine Beweise, zumal der Konzern nicht ver-
haftet und verhört werden kann, während der Chef

                          120
zweitausend Kilometer weit entfernt in einem Büro
gehockt hat. Ach, lassen wir das. Sie werden ihre Ze-
che am Ende zahlen müssen. Schade nur für die arbei-
tenden Menschen, die nicht wichtig sind.“
„Wichtig ist denen doch bloß der Börsenkurs“, sag-
te der Generalsekretär zu unserer Überraschung. „So,
jetzt aber schnell in den Konferenzsaal.“
Wir gingen den Flur hinunter zur Halle, wo die meis-
ten schon auf uns warteten.
„Guten Morgen und willkommen zum zweiten Teil
der Versammlung. Heute wollen wir versuchen, den
Standort und den Zeitplan der Anlagen per Abstim-
mungsdekret kurzfristig zu bestimmen.“
Es ging alles sehr schnell und man stimmte sofort in
allen Punkten überein. Die Herren konnten sich dies-
mal kein unsinniges Tauziehen erlauben, denn kei-
ner wollte nach Hause reisen, ohne im Interesse der
eigenen Bevölkerung gehandelt zu haben. Schnelles
und reibungsloses Handeln angesichts der Naturka-
tastrophen und raschen Klimaveränderungen lautete
die Parole. Darüber herrschte absolute Einigkeit. León
und ich konnten zufrieden den Saal verlassen.

Die Außenminister mussten nur noch mit den Finanz-
ministern die Ausgaben abstimmen. Das Projekt sollte
anfangs mit fünfzehn Anlagen starten, wovon der erste
Prototyp im offenen Meer etwa fünf Seemeilen vor
Monaco aufgestellt werden sollte.
Die Europäische Union plante, in etwa zehn Jahren
mehrere Tausend solcher Sauerstoffaufbereitungsanla-
gen in der Nordsee, im Atlantischen Ozean und im
Mittelmeer zu betreiben. Die Koordinierung blieb in
den Händen der UN. Die Energieversorgung wäre zu
80 Prozent gedeckt, der Rest würde aus Wind, Sonne

                         121
und anderen sauberen umweltschonenden regenera-
tiven Alternativen gewonnen werden. Die Atommei-
ler sollten nicht wie geplant 2030 vom Netz gehen,
sondern bereits in drei Jahren. Das Ziel der Sauer-
stoffaufbereitung bestand darin, mit 2,5 Milliarden
Kubikmeter pro Anlage und Jahr die Atmosphäre zu
stabilisieren. Des Weiteren sollte der Auto- und Flug-
verkehr reduziert werden, bis Hybridfahrzeuge in
sämtlichen Transportfragen einsatzbereit waren. Alle
fossilen Verbrennungsanlagen von privaten Haushal-
ten, Heizungs-, Klima- und Industrieanlagen mussten
so schnell wie möglich verboten und umgerüstet wer-
den.




                         122
Das globale Umdenken

Nicht der globale Welthandel sollte blühen, sondern
das globale Umdenken. Das war eine immense Anfor-
derung mit positiven Aspekten, nämlich die Erde zu
erhalten und der Menschheit eine Zukunft zu geben.
Viele Industrie- und Handelsunternehmen wollten
aufgrund der enormen Investitionen hiervon nichts
wissen. Aber die UN sollte am Anfang verschärft mit
der schwarzen Liste vorgehen, später die betreffen-
de Regierung und die Konzerne durch Sanktionen
abmahnen bis zur Weigerung des Vertriebs der kom-
pletten Produktpalette der Firmen in ihren Ländern.
Somit wollte man die Sache friedlich aus der Welt
schaffen. Ein neuer Aufbau sollte Beschäftigungsef-
fekte und neuen Schwung in die Ökonomie bringen,
nicht zulasten der Armen. Sowohl die Medizin- als
auch die Rentenreform mussten im Dienste des Vol-
kes progressiv angegangen werden, sodass neue Berufe
und Jobs entstehen konnten. Jedes Individuum sollte
das Recht haben, ärztlich versorgt zu werden. Der un-
kontrollierte Konsum sollte um 90 Prozent reduziert
werden, wodurch Ressourcen eingespart würden bei
gleichzeitiger umweltfreundlicher Herstellung.
Der Hunger nach Strom blieb zwar derselbe, aber mit
den Anlagen betrug der Ausstoß von CO2 in die At-
mosphäre gleich null. Die bereits im Handel befind-
lichen Ressourcen mussten bewusster recycelt und
die Bodenschätze der Erde kontrollierter ausgebeutet
werden.
Es würde Jahrzehnte dauern, um gerade mal die Hälf-
te der verseuchten und belasteten Gebiete einigerma-
ßen wiederherzustellen. Die Lunge unserer Erde, der
Amazonas und andere Naturreservate oder National-

                        123
parks, mussten von der UN kontrolliert werden und
die Urbevölkerungen ihre Kultur und Traditionen zu-
rückerlangen.
Die Autoindustrie musste globalisiert werden. Der
Konkurrenzkampf sollte nicht in der Stärke, aber in
Design und Styling vonstatten gehen, ohne jedoch die
Ressourcen zu strapazieren. Die Ernährung sollte auf
natürliche Basis zurückgeführt werden, sodass in Zu-
kunft nur noch Biologisches von den Menschen kon-
sumiert würde. Kleinen Bauernhöfen galt es, Hilfen
anzubieten. Die Natur sollte geschont und nicht mit
chemischen Düngern überstrapaziert werden.
Unnötige Verpackung musste verbannt und negativ
gelistet werden. Der Handel auf den Wochenmärkten
sollte wieder in den Mittelpunkt rücken, anstatt in
den Supermärkten nach Kisten, Dosen und unleser-
lichen Zutaten zu greifen.
Aber das wichtigste und dringendste Problem stellte
die Wasserversorgung dar, die unter die Verwaltung der
UN zu stellen war, damit zum Beispiel auch Gebiete
rund um die Sahara oder die von Dürre geplagten
Gegenden der Neuzeit problemlos mit Trinkwasser
versorgt werden konnten und jeder Zugang hatte.
Alle diese Sorgen brächten der Gemeinschaft viele
neue Aufgaben und Arbeit in den verschiedenen neu-
en Industriezweigen. Nur wenn wir neue Brücken
schlugen, würden wir nicht perfekt, aber gerechter
leben.
„Tomorrow is another day and we’ll see“, hatten viele
gedacht, was sich jetzt fatal auf unseren Planeten aus-
wirkte. Sogar in Australien tobten verwüstende Hur-
ricans, Dürre herrschte seit Jahren, und Brände von
einer Fläche so groß wie Belgien und Holland zu-
sammen waren an der Tagesordnung.Viele Menschen

                         124
befanden sich auf der Flucht. In diesem Fall kam sogar
jedes globale Umdenken zu spät, um kommende Ge-
nerationen, die Vegetation und Tierwelt zu retten.

Meinem Erachten nach musste die UN die Preistrei-
berei unterbinden. Ansatzpunkte wären die sofortige
Schließung der Börsen und die Ächtung der Ausbeu-
tung der Bodenschätze. Es gab kein logisches Argu-
ment, warum wir für Kaffeebohnen immer mehr zah-
len mussten, obwohl genug davon vorhanden waren,
weil die Klimaforscher uns glauben machen wollten,
dass die nächste Ernte ja durch Überflutung zerstört
werden könnte. Gerade mit solchen Argumenten
wurde zurzeit gekauft und verkauft, was uns das Le-
ben arg erschwerte.
Die Banken, ohne die wir nicht mehr unsere finanziel-
len Transaktionen tätigen konnten, hatten es mittler-
weile so weit getrieben, sich von einem freundlichen
Kundendienstanbieter zu regelrechten Lebenspoli-
zisten für alle Kontoinhaber entwickelt zu haben.
Sie verletzten das Datenschutzgesetz wie andere die
Menschenrechte und versklavten uns mit immer
mehr Abhängigkeit. Manche hatten Stolz, Ehre und
Achtung verloren, mussten mit der Beschämung le-
ben, in den Ruin getrieben worden zu sein, wenn sie
sich aus finanzieller Not heraus nicht selbst das Leben
genommen hatten. Das Geld kannte keine Würde und
menschliches Leiden. Die hohen Zinsen und Schul-
den nahmen dem Menschen den letzten Funken an
Selbstachtung. Hier musste ebenfalls ein Umdenken
stattfinden.
Niemand auf der Welt hatte das Recht, die irdischen
Ressourcen zu besitzen und auszubeuten. Es musste
ein Gesetz erlassen werden, falls man ein solches Erbe

                         125
besaß, dies an das Gemeinwohl zu übergeben, bei-
spielsweise an eine , die den Namen des Erben oder
der Firma ohne Profit weiterträgt.

Meine Augen waren schwer wie Blei und wollten sich
gerade schließen, als León mich aus meiner Schlaf-
trunkenheit weckte.
„Jeff, wir sollten der UN mitteilen, dass wir für die
Freigabe von Jan und Guiglelmo Zugeständnisse ma-
chen und die Staroil auf unsere Seite ziehen würden,
schließlich arbeiten 350 000 Menschen für den Kon-
zern weltweit. Es wäre nicht sinnvoll, diese unschul-
digen Menschen für einige Habgierige büßen zu las-
sen.“
Ich war sofort hellwach. „León, du sprichst mir aus
der Seele, deine Idee ist einfach genial.“
„Also, wir reden mit dem Generalsekretär, er soll die
Sache in die Hand nehmen und die Herren vom Auf-
sichtsrat der Staroil zu uns an den Tisch bitten“, sagte
León leicht geschmeichelt.
„Gut, erledige das“, gab ich zurück, „ich muss dafür
sorgen, dass den Kindern nichts zustößt, du erledigst
die Sache mit dem Generalsekretär. Ich hoffe, dass es
nicht zu spät ist.“
„Okay, wir treffen uns in zwei Stunden unten zum
Briefing“, sagte León und ging zum Telefon. Er muss-
te die Leute überzeugen. Der Treff sollte topgeheim
bleiben, nicht einmal Insider sollten erfahren, was wir
vorhatten.
„Du, wir müssen sehr vorsichtig sein, die Angelegen-
heit sollte topsecret bleiben, bis alles über die Bühne
ist.“
„Du meinst für die Sicherheit der beiden und dass die
Staroil unter Führung der UN die Anlagen betreiben

                          126
soll. Du hast recht“, gab León zurück. „Ist das alles?“
„Ja.“
Ich wusste, dass ich mich auf ihn verlassen konnte.
Dabei fiel mir ein, dass irgendwo ein Leck sein muss-
te, da die Entführer stets wussten, wo wir uns auf-
hielten respektive zu finden waren. Marcella, Jackie
und Teresa übernahmen die Arbeit, unsere Sachen
nach Wanzen oder anderen verräterischen Hinweisen
zu durchsuchen. Die minutiöse anstrengende Suche-
rei ergab nach zwei Stunden keinerlei Resultat. Erst
spät kamen wir auf unser Schuhwerk, und siehe da,
wir waren erfolgreich. Bei jedem von uns befand sich
in den Absätzen ein nadelkopfgroßer Peilsender, der
ständig unseren Aufenthalt verriet. Schon seit Mona-
ten wurden wir förmlich auf Schritt und Tritt kontrol-
liert. Sofort rief ich Tommaso an, Fiona gab ich auch
Bescheid, alle ihre Schuhe zu kontrollieren.

Als Erstes musste nun mit der Staroil neu verhandelt
werden, zusammen mit der UN, natürlich auch, um
Jan und Guiglelmo freizubekommen. Fiona brauchte
moralische Unterstützung und Serena und Tommaso
sollten sich nicht wieder in Gefahr begeben. Sie wuss-
ten bereits von mir, dass wir eine Zusammenarbeit mit
der Staroil anstrebten. Tommaso wollte nicht so recht
an diese Variante glauben, aber dennoch Martinelli,
den Chef der Staroil, in Italien kontaktieren, bis sich
weitere konkrete Lösungen anbieten würden.
Einige Zeit später klingelte das Telefon und Jackie
ging ran.
„Ja, hallo? Hallo, wer ist am Apparat?“, fragte Jackie
mehrmals.
„Ist da Herr Brink?“, fragte eine Männerstimme am
anderen Ende.

                         127
„Hallo, wer ist da?“, äußerte Jackie nochmals.
„Bin ich richtig, ich möchte Herrn Brink sprechen“,
erkundigte sich die Stimme ein weiteres Mal.
„Ja, einen Moment, ich verbinde.“
Jackie tat so, als würde sie das Gespräch weiterleiten,
und sagte: „Ein Herr möchte dich sprechen, hat einen
merkwürdigen Akzent, scheint Italiener zu sein.“
„Gib mir den Hörer bitte.“
Sie reichte mir das Telefon.
„Brink am Apparat. Mit wem spreche ich?“
„Herr Brink, ich bin’s Martinelli. Ich gebe Ihnen noch
ein letztes Ultimatum, dann werden Sie die beiden
nur noch mit einer Kugel im Kopf wiedersehen.“
„Warten Sie. Sie werden bald von Ihrem Vorgesetzten
eine Nachricht bekommen, mehr kann ich jedoch im
Augenblick nicht verraten.“
„Ich stelle hier die Forderungen“, sagte Martinelli
forsch.
„Herr Martinelli, ich kann nicht mit Ihnen verhan-
deln, da es streng geheim ist. Beruhigen Sie sich und
fragen Sie im Hauptquartier nach. Er wird Ihnen alles
erklären.“
„Ich lass mich nicht verarschen, wenn das nicht so ist,
wie Sie sagen … dann … ach … aaah …“ Ein Knall
aus einer Pistole war auf der anderen Seite zu verneh-
men, dann ein dumpfer Aufprall.
Martinelli war bereits tot, als er den Boden berührte.
Man hatte ihn mit einer Kugel im Hinterkopf nieder-
gestreckt.
„Diesen Idioten und Speichellecker sind wir los. Er
wusste schon zu viel“, hörte ich jemand sagen.
„Komm, wir verschwinden, bevor uns noch einer
sieht“, erwiderte eine zweite Männerstimme.
„Wir müssen den jung verliebten Vögelchen in Sor-

                         128
rento einen Besuch abstatten, und zwar noch heute“,
sagte der erste. „Ich hätte gern gewusst, was er meinte
mit ›ich lass mich nicht verarschen …“ Dann wurde
die Leitung unterbrochen.
Shit, dachte ich, die Kinder sind in Gefahr.
Ein Missverständnis hatte sich bei der Übergabe der
CDs eingeschlichen, konnte ich nur vermuten. Die
Entführer dachten, dass Martinelli mit Tommaso ge-
sprochen hatte, und nun wollten sie nach Sorrento,
um da kurzen Prozess mit Serena und Tommaso zu
machen. Martinelli zu töten musste der Auftrag der
Staroil gewesen sein. Sie schienen in der Firma alle
direkten Zeugen ausschalten zu wollen, die ihnen in
den Rücken fallen könnten.
Ich hatte Tommaso und Serena zwar bezüglich des
Senders in den Schuhsohlen bereits gewarnt, aber
sie hielten sich noch in Sorrento auf, sodass ich sie
warnen musste, damit sie von dort verschwanden. Es
konnte sonst für die Kinder fatal werden. Ich rief so-
fort an.
Der Portier nahm ab. „Hotel Belvedere, guten Tag.“
„Können Sie mich mit Zimmer 405 verbinden, Tom-
maso Brink, ich bin sein Vater.“
„Einen Augenblick, Herr Brink … Herzlichen Glück-
wunsch zu Ihrer Rede, Herr Brink“, sagte er und ver-
band mich gleich weiter. Da keiner dranging, wurde
die Verbindung nach zehnmaligem Klingeln zurück
zum Portier geleitet.
„Herr Brink, es hebt leider keiner ab, kann ich den
Herrschaften eine Nachricht hinterlassen?“
„Ja bitte, sie sollen mich unverzüglich anrufen, sobald
sie zurück sind. Könnten Sie mich bitte mit dem Di-
rektor des Hauses verbinden?.“
„Sofort, Herr Brink, guten Tag.“

                         129
Nach einer Minute: „Silvio Guerra, was kann ich für
Sie tun, Herr Brink?“
„Hören Sie, Sie dürfen meinen Sohn und Fräulein Al-
meida nicht auf ihre Zimmer lassen, wenn sie ins Ho-
tel zurückkommen.“ Ich klärte ihn darüber auf, dass
eventuell einige Killer unterwegs seien, um die Kin-
der zu töten, und gab Anweisung, dass er alles unter-
nehmen solle, um das Schlimmste zu verhindern. Die
Wachen und die Kinder sollten in ein anderes Hotel
untergebracht werden.
Er verstand sofort die Lage. „Machen Sie sich keine
Sorgen, Herr Brink, ich verspreche Ihnen, dass den
beiden jungen Leuten kein Haar gekrümmt wird.
Und alles Gute, Herr Brink.“

Tommaso und Serena waren mit dem Boot unterwegs
nach Capri. Er konnte nicht glauben, dass dieses Juwel
irgendwann in naher Zukunft durch tropisches Klima
und Orkane heimgesucht werden sollte, was die Men-
schen vertreiben würde. Sie genossen den noch an-
genehmen Frühlingstag, alles blühte, es war herrlich.
Capri stellte noch ein kleines Paradies in der Hölle
und im Golf von Neapel dar. Sie fuhren weiter mit
dem Taxi nach oben zum Dörfchen Anacapri, wo sie
das Panorama genossen. Auf einigen Metern Abstand
wurden sie von zwei Bodyguards begleitet, sodass sie
nur bedingt ihren Ausflug genießen konnten. Nichts-
destotrotz genossen es die beiden, zusammen zu sein.
Sie warteten auf weitere Angaben von León und mir.
„Du, hättest du Lust, in Europa zu leben? Es gibt hier
sehr schöne paradiesische Plätze“, sagte Tommaso und
schaute aufs Meer hinaus.
„Red nicht so, Tommaso, du weißt ganz genau, dass
das nicht geht, obwohl auch ich es sehr schön hier

                         130
finde. Aber in ein paar Tagen bin ich wieder in Ame-
rika“, erwiderte sie, ohne ihn anzuschauen.
„Natürlich, vielleicht fragst du deinen Freund, ob er
dir mehr von Europa zeigt.“
„Ja, das könnte ich, aber ich tu’s nicht.“
„Ach ja, warum? Soll er sich nicht auch dafür erwär-
men können.“
„Hör auf damit“, gab sie verärgert zurück. „Wir sind
auch glücklich ohne Europa in unserem Fotoalbum.“
„Du, wir haben überhaupt keine Fotos“, sagte Tom-
maso etwas zynisch.
„Ich brauche keine, ich kann’s mir merken.“
Sie gingen weiter zu einer Treppe, die sie in die Fuß-
gängerzone führte und weiter zu einem Restaurant.
„Es ist schön hier. Sollen wir etwas essen, einen Teller
Spaghetti Vongole, willst du?“, fragte Tommaso und
hielt ihre Taille.
Sie zog sich nicht zurück und ließ ihn merken, dass es
ihr genehm war. „Ja gerne, ich habe etwas Hunger“,
sagte sie ziemlich aufgeheitert.
Beim Essen schauten sie sich einen Moment verliebt
in die Augen.
Es ist ein sehr schöner Ort, um sich zu verlieben, dach-
te er. Als auf einmal zwei Männer vor ihrem Tisch auf-
tauchten, war die Träumerei mit einem Mal vorbei.
„Da sind ja unsere Turteltäubchen“, meinte der Blon-
de sarkastisch. „Hat es Ihnen geschmeckt?“
Sie rechneten offensichtlich nicht mit den Body-
guards, die am Nebentisch saßen und etwas tranken.
Einer der Bodyguards zog unter dem Tisch den Re-
volver und hielt ihn genau auf die Gürtelhöhe des
nett Gekleideten.
Tommaso reagierte sofort: „Was wollen Sie?“
„Sie wissen, was wir wollen, und wir können nicht

                          131
länger warten.“
„Ich habe sie nicht bei mir.“
„Nicht nötig“, meinte der Blonde, „dann geben Sie
uns nur die Schlüssel vom Zimmer des Belvedere, den
Rest erledigen wir.“
Da stand der Bodyguard mit gezogener Waffe auf und
sagte: „So, Jungs, wenn ihr nicht sofort verschwindet,
dann bekommt ihr ein paar Kugeln anstatt der Schlüs-
sel.“ Er wandte sich zu seinem Kollegen: „Nimm ih-
nen die Waffen ab.“
„Die Hände schön oben halten, meine Herren, nur
eine kleine Untersuchung und ihr könnt gehen, aber
zu Fuß.“
Er nahm ihnen die Waffen und Börsen ab, während
Tommaso und Serena aufstanden. Tommaso legte
etwas Bargeld auf den Tisch, ehe sie mit den Body-
guards nach draußen in der Menge untertauchten.
Es war ihnen klar, dass die Sender in den Schuhen
ihre Position verraten hatten. Sofort gingen sie zum
nächsten Schuhgeschäft in der Fußgängerzone, um
neue Schuhe zu kaufen. Serena durfte ein bisschen
shoppen, während draußen die Bodyguards wie die
Luchse aufpassten.
Bei ihrer Rückkehr im Belvedere teilte ihnen das
Hotelempfangspersonal mit, dass sie dort nicht mehr
verweilen könnten, sondern in ein anderes Hotel um-
quartiert worden seien. Mehr schienen sie auch nicht
zu wissen. Serena ging auf ihr Zimmer. Tommaso rief
mich an und wollte wissen, was vorgefallen sei und
wann wir nach Europa zurückkommen würden.
„Sobald mit der UN und deren Mitgliedern das wei-
tere Vorgehen beschlossen worden ist, und da hab ich
ein Wörtchen mitzureden, geht es los. Wir wollen
versuchen, die erste Anlage in Küstennähe bei Monte

                         132
Carlo zu installieren. Was hältst du davon?“
„Eine gute Idee, letztendlich könnten wir unser Stu-
dium beenden und dir behilflich sein. Aber womit
hast du sie so schnell überzeugt?“
„Weißt du, die sind auch nicht blöd. Das Ozonloch
ist beträchtlich gewachsen und die Klimaverände-
rung nicht wie noch vor Jahren immer mit denselben
Worten abgetan, solche Phänomene kämen von Zeit
zu Zeit vor. Die Politiker geraten immer mehr unter
Zugzwang und müssen mittlerweile etwas vorweisen,
anstatt Versprechungen abzugeben, die ja doch nicht
eingehalten werden.“
„Wird langsam Zeit.“
„Ich hoffe, dass wir nicht zu spät damit anfangen“, gab
ich zurück.
„Du, wir hatten Glück auf Capri, dass die Bodyguards
da waren, ansonsten wäre es schön eng geworden.“
„Ja, ich hab’s gehört, und das macht mir, deiner Mut-
ter und natürlich Serenas Eltern schwer zu schaffen.“
„Mach dir keine Sorgen, wir werden ab jetzt alles
tun, damit sie uns nicht mehr erwischen, das gesamte
Schuhwerk ist liquidiert. Es müsste jetzt Ruhe eintre-
ten. Aber die haben uns seit Monaten im Visier gehabt.
Wie läuft es bei Tante Fiona, können wir sie in den
nächsten Tagen besuchen?“, wollte er noch wissen.
„Eher nicht, bis wir nicht mit der Staroil zu einem
Kompromiss gekommen sind und mehr über die Frei-
lassung wissen. So, ihr seid jetzt in Sicherheit und ver-
haltet euch unauffällig, bis wir da sind … Ich denke in
ein paar Tagen“, fügte ich hinzu.
„Okay, Pa, bis dann! Grüß Mama und Serenas El-
tern.“

Nachdem die UN intern die Angelegenheit und das

                          133
Programm mit den Vertretern aller Nationen durch-
gesprochen hatte, ereignete sich ein weiterer schwe-
rer Vorfall. Durch die schwere Trockenheit riskierten
Indien und die ganze Himalajaregion bis hin nach
China, ernsthafte Wasserversorgungsprobleme zu be-
kommen, die bis zu 1,5 Milliarden Bewohner aus der
gesamten Region betrafen. Die Wasserkonzerne wie
der Staat waren machtlos gegen diese Nachfrage an
sauberem Trinkwasser. Es hatte schon sieben Monate
nicht geregnet, sodass Flüsse wie der Ganges und der
River Kwai zu Schlammpfützen geschrumpft waren.
Die gesamte Bevölkerung Mittelasiens entfaltete sich
mehr und mehr zu einer brodelnden, gewalttätigen
Masse, zum einen wegen der hohen Wasserpreise,
zum anderen traf die schwere Dürre empfindlich die
Reisproduktion. Das Gleichgewicht drohte zu kip-
pen. Wirtschaftsfachleute hatten vor einem Jahrzehnt
dieser Region ein Wirtschaftswunder prognostiziert,
jedoch hatten sie die Rechnung ohne die klimatische
Entwicklung gemacht. Einerseits die Unruhen der
Bevölkerung, andererseits der Hunger nach Rohstof-
fen, die zu horrenden Preisen an den Börsen gehan-
delt wurden, hemmten die Handlungsfähigkeit.
Bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung befanden
sich in ernsthaften Schwierigkeiten. Ob Überver-
schuldung oder Arbeitslosigkeit, ob Alter oder Krank-
heit, sie konnten mit diesem Lebensrhythmus einfach
nicht mehr mithalten. Der Mensch musste wieder
in den Mittelpunkt rücken und nicht irgendwelche
profitorientierten Institutionen. Die Globalisierung
hatte bereits seit mehreren Jahrzehnten Einzug in alle
möglichen Bereiche des Lebens genommen, dennoch
war es noch nicht einmal gelungen, zu einer ernst-
haften Zusammenarbeit in der Energieversorgung zu

                         134
kommen. Das Kyoto-Abkommen stellte eines dieser
mittelalterlichen Interessenkonflikte dar. Die Energie-
konzerne in gewissen Ländern schienen nicht bereit
zu sein, die nötigen Kräfte zu bündeln und politisch
einen einheitlichen Konsens zu finden. Das meiste
wurde noch über Lobbyisten und Schmiergelder ge-
regelt. Die EU konnte auf die Dringlichkeit der da-
maligen Probleme kaum einwirken, den Energiekon-
zernen in den verschiedenen Ländern die Richtung
vorzugeben. Jeder versuchte, sein eigenes Süppchen
zu kochen, anstatt gemeinsam der Rohstoffknappheit
zu begegnen. Diese Arroganz konnte uns in einigen
Jahren teuer zu stehen kommen.
Es war unvernünftig, die knappen Rohstoffe für Hei-
zen, Fahren und Wirtschaftswachstum zu verschleu-
dern. Aber jeder wollte mit der neuesten Errungen-
schaft angeben können, zur Freude der Reichen.
Außerdem entbehrte es jeder Vernunft, sogar mit Luft
unehrliche Geschäfte zu betreiben, sei es mit saube-
rer Atemluft oder CO2-Ausstoß-Zertifikaten, deren
Kosten wiederum auf die Bürger abgewälzt wurden.
Sie gehörte allen lebenden Organismen.Wie sollte das
bloß funktionieren, wenn keine gemeinsamen Richt-
linien oder Gesetze das Ganze reglementierten? Dabei
wurde keine Einmischung anderer Staaten geduldet,
was und in welcher Menge produziert werden durf-
te. Die Mitarbeiter mussten dieses Geschehen ohne
Murren mit ansehen, sonst wurden sie kurzerhand
entlassen.
Uns war 1960 prophezeit worden, das Zeitalter von
„Big brother is watching you“ sei sehr nah. Nun hat-
ten wir es. Überall wurde der Datenschutz verletzt.
Im Internet musste man sich einloggen und sich mit
den Geschäftsbedingungen einverstanden erklären,

                         135
sonst konnte man nicht am Spiel teilnehmen. Ferner
waren überall Kameras installiert, und damit nicht ge-
nug: Sogar Privat- oder Aktiengesellschaften konnten
Lausch- und Abhöranlagen benutzen. Wenn das nicht
reichte, wurde die Person als nicht kreditwürdig ab-
getan. Keine Kredite, kein elektronisches Zahlungs-
system, keine Arbeit, nur totale Abhängigkeit. Hatte
man die falsche Entscheidung im Leben getroffen,
wurde man ohne eigenes Verschulden ins Abseits ge-
stellt, ohne dass man sich jemals etwas hatte zuschul-
den kommen lassen. Eine Menschenrechtsverletzung,
die man nicht akzeptieren konnte und sollte. Aber
wer setzte sich für solche Menschen ein? Man war am
Ende des Lateins, wie man so schön sagt.




                         136
Die Zeit der Wahrheit

Von höchster Stelle wurde die Staroil eingeladen, um
die Fronten zu klären. Der Aufsichtsratsvorsitzende,
Dr. Joris van der Molen, zeigte sich nicht gerade ko-
operativ, nahm aber die Einladung mit einigem Wi-
derwillen an.
„Mein sehr geschätzter Vorsitzender, ich möchte Sie
im Namen aller bitten, unserem Geheimtreffen zuzu-
stimmen“, sagte der UN-Generalsekretär.
„Ich werde selbstverständlich da sein“, erwiderte der
Vorsitzende übertrieben freundlich, „darf ich meinen
Vertrauten und Ratsvorsitzenden Dr. Nijhuis mitneh-
men?“
„Aber gerne“, gab der UN-Generalsekretär zurück.
„Also bis dann. Hinterlassen Sie meiner Sekretärin die
Details. Es hat mich gefreut.“
„Ganz meinerseits.“
Dr. van der Molen hatte kaum aufgelegt, da gab er
seiner Sekretärin den Befehl: „Ich möchte Herrn Nij-
huis sofort zu mir ins Büro bitten, Annie.“
„Wird sofort erledigt.“
„Danke! Ach, noch etwas, lass für morgen früh unsere
Privatmaschine startklar machen. Ich muss nach New
York.“
„In Ordnung. Fliegen Sie alleine?“
„Nein, Dr. Nijhuis wird mich begleiten. Und behal-
ten Sie alles für sich, außer dem Piloten soll keiner
etwas erfahren. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
„Ja, Sir.“
„Also, dann lass Dr. Nijhuis zu mir kommen.“

Der Flug kostete einige Umwege, da heftige Stürme
über dem Atlantik tobten, und wurde über den Azo-

                         137
ren Richtung Miami und dann an der Küste entlang
nach New York umgeleitet. Immer öfter mussten die
Routen der Fluggesellschaften wie die der Schiffe rie-
sige Umwege erdulden, um jedes Risiko zu meiden.
Im Hauptquartier der UN wurden der Vorsitzende
und sein Sekretär sofort zum Generalsekretär geführt.
„Schön, dass Sie da sind“, ermunterte der General-
sekretär seine Gäste. „Wie war der Flug? Ich hoffe
gut.“
„Mit Umwegen gut, danke“, schüttelte Dr. van der
Molen dem Generalsekretär die Hand. „Darf ich Sie
mit Dr. Nijhuis bekanntmachen. Sein Spezialgebiet ist
das Bauen von Ölplattformen in der Nordsee.“
„Sehr erfreut.“
Sie betrieben ein wenig Small Talk, bis León und ich
und die Außenminister der ständigen Mitglieder ein-
getroffen waren.
„Meine Damen und Herren, wir sind vollzählig und
können auch die Herren der Staroil in unserer Mitte
begrüßen“, sagte der Generalsekretär sehr nüchtern.
„Wir wollen sofort zum Punkt kommen und ver-
suchen, eine Einigung zu erzielen, sodass die Staroil
unseren Auftrag akzeptiert und so übernimmt, wie
wir uns das vorstellen.“
„Sehr geehrter HerrVorsitzender“, übernahm der Prä-
sident der Europäischen Union das Wort, „wir reden
von einem Projekt, das uns sehr weit bringen wird,
aber es bedarf sehr großer Sorgfalt und Kenntnisse im
Bereich der Energiegewinnung auf offenem Meer.
Da Sie bereits mit Ölplattformen weltweit erfolg-
reich sind und viele Kenntnisse besitzen, haben wir
für künftige Projekte an Sie gedacht, wobei die Ener-
gieausbeutung in den Händen der UN verbleibt, die
somit weltweit alleiniger Vertreiber ist. Wir stellen alle

                           138
notwendigen finanziellen Mittel und die Technologie
zur Verfügung, während Sie die Logistik übernehmen.
Sie erhalten für Ihre Arbeit eine Dividende. Mit an-
deren Worten, wir sind der alleinige Aktionär, wenn
man so will, nur sind es diesmal Nationen und keine
Aktionäre. Das kann der Staroil doch egal sein.“
„Als Erstes danke, dass Sie an uns gedacht haben“, sag-
te Dr. van der Molen zurückhaltend. „Aber von wel-
cher technologischen Energieneuheit sprechen Sie?“
„Es ist praktisch wie eine Ölplattform, nur mit dem
Unterschied, dass wir nicht mehr zu bohren brauchen.
Wir können aus dem Vollen schöpfen, und zwar aus
dem Meer. Mit dieser Technologie können wir die
Sauerstoffgewinnung und Stromerzeugung weltweit
zu 80 Prozent decken und schlagen zwei Fliegen mit
einer Klappe. Letztendlich soll das Ganze im Mittel-
meer erprobt werden und ins Netz gehen.Völlig um-
weltfreundlich und schadstofffrei für die Atmosphäre.
Nur bei der Sauerstoffgewinnung besteht das Risiko,
dass es bei Nichteinhaltung der Sicherheitsvorkeh-
rungen zu explosiven Reaktionen kommen könnte“,
erklärte der europäische Präsident.
„Wo soll die erste Plattform entstehen?“, fragte Dr.
Nijhuis.
„Monte Carlo. Rund um das gesamte Mittelmeer und
dann weiter in der Nordsee, Ostsee, im Atlantischen,
Pazifischen, Indischen Ozean, weltweit an allen Küs-
ten“, sagte der chinesische Außenminister Li Yang,
ständiges Mitglied bei der UN.
Gespannt horchten alle, ob der Aufsichtsratsvorsitzen-
de der Staroil annehmen würde.
„Was gewinnen wir dabei?“, wollte er wissen.
„Na ja, einen Ehrentitel gibt es nicht“, antworte-
te León, „aber ein gewisses Prestige als Retter der

                         139
Menschheit und unseres ausgebeuteten Planeten.“
Ich wollte mich da raushalten, da ich wusste, es würde
eine emotionale Debatte werden, musste aber grinsen,
wie zynisch León an den Vorsitzenden heranging.
„Würde das in Ihrem Sinne sein?“, erkundigte sich
der Generalsekretär.
„Ich denke schon, nur muss ich die Sache noch mit
den Aktionären abklären.“
„Das wäre auch in unserem Sinn, denn die Rohstof-
fe würden um 95 Prozent reduziert werden und nur
noch für die verarbeitende Industrie anfallen. Die
Autoindustrie kann dann problemlos auf diese Ener-
gie umgestellt werden, was die schädlichen Emissio-
nen um den gleichen Prozentsatz verringern würde.
Die Kohle- und Gasproduktion käme ganz zum Er-
liegen. Nur die regenerativen Energien wären noch
von Nutzen. Also, wie stehen Sie zu dieser neuartigen
Energiegewinnung? – Und dabei wollten Sie oder Ihr
Unternehmen sie in die Finger bekommen“, fügte
León erbarmungslos hinzu.
Dr. Nijhuis sah man förmlich zusammenzucken, und
er dachte, jetzt kommt’s, und es kam noch dicker.
Der Generalsekretär nahm kein Blatt vor den Mund
und sagte sehr ernst: „Wir können auch anders, Herr
Vorsitzender, denn wenn durchsickert, dass Ihr Kon-
zern vor Entführung und Mord nicht zurückschreckt,
ist es aus mit der Karriere, und den Auftrag könnten
wir bei der Konkurrenz unterbringen.“
„Wir warten“, hakte León nach und schaute van der
Molen fest in die Augen. „Wir möchten, dass Sie so-
fort auf der Stelle die beiden gekidnappten Herren
unversehrt in die Freiheit entlassen. Sie können die
Hunde sofort zurückpfeifen, und es werden nur ge-
ringfügige Konsequenzen entstehen. Anderenfalls

                         140
übergeben wir Sie der Justiz in Den Haag. Sie haben
keine große Wahl.“
Alle im Saal schauten gespannt den Angesprochenen
an.
Der Vorsitzende wirkte mit einem Mal erregt und sehr
nervös. „Dies … äh … ist Erpressung“, stammelte er
etwas gequält hervor. „Ich möchte hierzu nichts sagen
und den Sitzungssaal sofort verlassen, um mich zu be-
raten. Diese Anschuldigungen muss ich nicht hinneh-
men, da ich nicht weiß, was Sie mir zur Last legen.“
Sie staunten allesamt, wie er versuchte, sich herauszu-
mogeln.
Der Generalsekretär drängte: „Hören Sie, wir haben
fünf Zeugen und vielerlei Beweise, dass Ihr Unter-
nehmen dahintersteckt. Wir verhaften Sie nicht, weil
wir noch nicht wissen, ob Sie der Drahtzieher sind,
ansonsten können wir aber sagen, dass Sie Ihren Hut
nehmen werden, egal, wie es hier ausgeht. Also, es
liegt an Ihnen. Ihre Aktionäre dürften noch grausamer
mit Ihnen umgehen als wir, wenn Sie ihnen erzählen
müssen, dass zukünftig keiner mehr Ihr Erdöl haben
will, dann muss Ihr Werk ohnehin schließen und viele
andere, die in dieser Affäre drinhängen.“
„Das ist eine offene Verschwörung gegen meine Per-
son“, schrie er entrüstet.
„Was glauben Sie denn“, fuhr León dazwischen, „es
bleibt nicht ohne Konsequenzen für Sie und gewis-
se Herren. Die Untersuchungen laufen bereits. Aller-
dings werden wir von einer Weiterverfolgung absehen,
wenn unsere Leute freikommen und Ihr Konzern für
uns tätig wird.“
Joris van der Molen musste wohl oder übel klein bei-
geben. Die Geiseln sollten sofort freikommen und die
Staroil würde den Auftrag auf Vertragsebene erfüllen.

                         141
Jetzt blieb nur noch eines abzuklären: Wie sollten
Russland, Amerika und China auf einen gemeinsa-
men Nenner gebracht werden? Erstere wollten zu
diesem Zeitpunkt der Verhandlungen keinem konkre-
ten Ja zu der neuen Energiegewinnung zustimmen,
da sich ihre Gaslieferungen und bestehenden Verträge
mit den Abnehmerstaaten erübrigen würden, wenn es
einmal so weit war.
Das Ziel war, der UN eine von allen Ländern des Pla-
neten legitimierte Vollmacht zu erteilen, ausgestattet
mit den notwendigen finanziellen Mitteln, um einen
gemeinsamen Energievertrieb zu gewähren und eine
diesbezügliche Versorgung zu garantieren. Ein Um-
weltkollaps durch die Erderwärmung musste verhin-
dert, das Ozon reduziert und der Sauerstoffrückgang
gebremst werden. Hier war der Mensch gefordert.
Des Weiteren musste das Trinkwasserproblem als
nächstes Ziel in Angriff genommen werden, um, ge-
nauso wie bei der Energie, allen Völkern den Zugang
zu ermöglichen. Aber davon war die Welt noch weit
weg, weil bei vielen Staaten die nationalen Interes-
sen noch an erster Stelle standen. Wer Wasser besaß,
war nicht oder nur bedingt bereit, es zur Verfügung
zu stellen.
Aber es ging zumindest in die richtige Richtung.
Wenn die Energieversorgung erst einmal geregelt
sein würde, wäre auch mehr Vertrauen für andere
gemeinsame Projekte vorhanden. Frankreich musste
sich auch von seiner Atompolitik verabschieden und
seinen Protektionismus aufgeben. Die unsichere End-
lagerung von radioaktivem Atommüll, die bis zum
heutigen Tag noch nie stattgefunden hatte, sollte sie
nicht triumphieren lassen, indem argumentiert wurde,
dass die Atommeiler kein CO2 in die Atmosphäre ab-

                         142
lassen würden. Nicht einmal die EU konnte in einem
vereinten Europa konkrete Studien vorweisen oder
Orte angeben, wo das Zeug hinsollte. Kein leichtes
Erbe, wenn in 5 000 Jahren keiner mehr wusste, was
es eigentlich mit dem Müll auf sich hatte.
Wie sagt man so schön: Scheiden tut weh, aber ist bitter
notwendig.
Der Tag der Wahrheit nahte. Und auch die Amerika-
ner konnten nicht mehr nur ihre egoistischen Ziele
verfolgen und Jagd auf Erdöl machen, es musste eine
vernünftige gemeinsame Weltenergiepolitik verfolgt
und erzielt werden.




                          143
Licht am Horizont

Der Tag war gekommen, an dem wir Jan und Guig-
lelmo vom Hauptbahnhof in Rom abholen konnten.
Wir hatten alles getan, damit es nicht an die große
Glocke gehängt wurde. Aber irgendwie tauchte die
Presse und jede Menge Mitverfechter am Bahnhof
auf. Ich vermutete, dass irgendjemand im Internet die
E-Mails abgefangen und sich somit die Nachricht ex-
plosionsartig verbreitet hatte.
Es musste daher ganz schnell gehen, der Minibus stand
vor dem Bahnhof. Ich war mit meiner Frau Teresa,
Tommaso und Serena bereits vor Ort. Der Chauffeur
hatte Order, sofort loszufahren, sobald wir eingestie-
gen waren. Eine Polizeieskorte sollte dafür sorgen, dass
die Freigelassenen nicht weiter belästigt wurden.
Ich konnte es nicht glauben, da standen beide um-
ringt von Journalisten und Kameras und die Fragen
prasselten auf sie nieder.
„Herr Vaccha, können Sie uns sagen, von wem Sie
festgehalten wurden? Kennen Sie Ihre Entführer?
Worin lag der Grund Ihrer Entführung?“
„Guiglelmo, hier sind wir. Jan, schnell weg hier“, rief
ich und winkte sie herbei.
„Kein Kommentar, vielleicht später bei der Presse-
konferenz“, antwortete Guiglelmo etwas müde mit
nach unten geneigtem Kopf.
„Schnell, bitte gehen Sie zur Seite.“ Die Polizei ver-
suchte, die Journalisten in Schach zu halten und uns
einen freien Weg zum Lieferwagen zu ermöglichen.
Dort eingestiegen waren wir froh über die getönten
Scheiben. Die übereifrige Presse wollte dennoch nicht
weichen. Nichtsdestotrotz fuhr der Chauffeur lang-
sam, aber zielbewusst davon. Man konnte die Rufe

                          144
noch nach zwanzig Metern hören.
Wir hatten uns viel zu erzählen und freuten uns sehr
über das Wiedersehen. Im Auto umarmten wir uns
stürmisch und konnten es nicht fassen, dass die Ereig-
nisse doch noch zu einem guten Ende geführt hatten.
Uns quälten natürlich eine Menge von Fragen, aber
morgen stand zuallererst das Begräbnis von Rodolfo
Chiavari in Lavagna an, wo er seit Langem zurück-
gezogen gelebt hatte. Wir konnten seine mutige Tat
nicht hoch genug würdigen, dass er uns zur Seite ge-
standen und alles versucht hatte, meine beiden besten
Freunde zu befreien.
Es war eine traurige Begegnung mit seiner ganzen
Familie. Sogar León war herübergeflogen, um beim
letzten Gang dabei zu sein. Auch andere Neugierige
und die Presse hatten sich eingefunden.
Etwas abseits beobachteten einige uns unbekannte Fi-
guren das Ganze, vermutlich der italienische Geheim-
dienst und die beauftragten Hintermänner der Staroil,
die auch Direktor Martinelli auf dem Gewissen hat-
ten.
Der Pfarrer gab dem Toten die letzte Weihung mit
den Worten: „Du warst das Salz der Erde, wir werden
uns immer deiner erinnern. Ein gütiger Mann hat den
Weg zum Herrn aufgenommen. Wir werden immer
stolz auf dich sein. Dein Name wird vielen Familien
in der Region und darüber hinaus unvergesslich im
Gedächtnis bleiben. Der Herr sei dir gnädig und neh-
me dich auf in sein Reich. Amen.“
Wir versammelten uns um Rodolfos Grab, wobei
jeder von uns seiner trauernden Gattin sein Beileid
ausdrückte. Man konnte die Tränen hinter der Brille
schimmern sehen.
Teresa umarmte sie und sagte: „Sobald alles gere-

                         145
gelt ist, kommst du zu uns nach Rom. Fiona und ich
möchten dich gerne bei uns haben. Ruf einfach an.“
Aber trotz des schweren Moments mussten wir wei-
ter.
Schon morgen stand eine Konferenz in Nizza mit der
Staroil und Vertretern der verschiedenen Nationen
auf der Agenda, wo entschieden werden sollte, wann
es losgehen sollte. Die Franzosen und Russen wehrten
sich dagegen, während die Araber nur zusehen konn-
ten, wie ihnen die Petrodollar wegschwammen. Es ge-
hörte viel Diplomatie und Überzeugungskraft dazu,
um diese Länder auf einen gemeinsamen Nenner zu
bringen. Sie mussten endlich begreifen, dass es nur
etwas zu gewinnen gab: Saubere Luft und die Roh-
stoffe konnten noch über Jahrhunderte für wichtigere
Projekte genutzt werden. Auch wenn der Reichtum
sich täglich von selbst multiplizierte, war irgendwann
alles zu Ende.
An dieser Stelle möchte ich Al Gore zitieren, der be-
reits damals, 2006, in seinem Dokumentarfilm gesagt
hatte: „Wenn wir auf der Waage einerseits die Gold-
barren und andererseits unseren wunderschönen
Blauen Planeten haben, wofür würden Sie sich ent-
scheiden?“
Sie wussten alle, dass sowohl Erdöl als auch Erdgas
und Uran nur noch für wenige Jahrzehnte vorhanden
waren. Schon ab 2030 würde es schwierig werden,
an fossile Brennstoffe zu gelangen, zum einen wegen
des Preises, den man dafür bezahlen musste, und zum
anderen wegen ihrer Umweltfeindlichkeit.




                         146
Die Nizza-Konferenz

Tommaso und Serena wollten uns nach Monte Car-
lo begleiten, wo wir eine Zweizimmerwohnung ge-
meinsam mit León hatten reservieren lassen. Teresa,
Jackie und Marcella wollten bei Fiona in Rom blei-
ben, während Jan und Guiglelmo sich einer ärztlichen
Kontrolle unterziehen mussten und einen Tag später
mit einer Eskorte nachkommen sollten.

1. Verhandlungstag

Vor der Versammlung herrschte in den Gängen eine
spürbare Nervosität. Die gekünstelte Freundlichkeit
der Franzosen wirkte fast schleimig.
„Bonjour Messieurs, können wir Ihnen mit etwas be-
hilflich sein?“, fragte ein junger Mann.
„Nein, danke!“, erwiderte ich kurz und bestimmt.
Daraufhin zuckte der junge Mann mit den Schultern,
als wollte er sagen, dann eben nicht! „Pas de problème“,
gab er zurück. „Bonjour!“
„León, was uns hier zugutekommt, ist das Mikroklima.
Auch bei sehr schlechtem Wetter oder Temperatur-
schwankungen liegt die Côte d’Azur ziemlich neutral
und stabil. Es herrscht immer freundliches Wetter.“
„Noch“, gab León zurück. „Was mir aufgefallen ist,
sie haben eine sehr schöne Naturlandschaft.“
„Ja, wir kommen regelmäßig nach Menton, den Kin-
dern gefällt es hier sehr gut“, gab ich zurück.
Leute mit den unterschiedlichsten Nationalitäten
drängten in den Konferenzraum. Unsere Eskorte zeig-
te uns die Sitzplätze und verschwand wieder. Jeder
konnte in seiner eigenen Sprache argumentieren und
seine Rede halten. León und ich saßen in der ersten

                          147
Reihe an einem riesigen ovalen Tisch. Digitale Schil-
der zeigten die Namen und die jeweiligen Länder an;
bei uns beiden nur Ersteres, was neutrale Stellung be-
deutete, neben dem Titel Projekt-Leader-Manager.
Der UN-Generalsekretär, der EU-Präsident und ver-
schiedene Wirtschaftsexperten hatten an unserer Seite
Platz genommen. Gegenüber saßen alle UN-Mitglie-
der, die Kanzler, Präsidenten und Außenminister, die
OPEC und andere Energiebosse.
Es war 9.10 Uhr, schnell ging es zur Tagesordnung
über. Die Konferenz konnte einige Tage dauern.
Draußen waren die Sicherheitsvorkehrungen außer-
gewöhnlich scharf, wobei nur hinter verschlossenen
Türen verhandelt wurde. Selbstverständlich lungerten
die Vertreter von Presse und Fernsehen überall herum,
ohne allerdings die Ursache dieses Treffens zu kennen.
Infolge der strikten Geheimhaltung konnte also nur
spekuliert werden.
Nizza glich einem Bollwerk. Sowohl Helikopter und
Strahljäger als auch Panzer und die Marine der fran-
zösischen Flotte und der italienischen Wehrmacht
befanden sich im Einsatz, wobei die Grenzen streng
kontrolliert wurden. Monte Carlo konnte man nur
per Hubschrauber und mit Spezialpass erreichen, da
die ganze Elite in der Stadt übernachtete. Die Ameri-
kaner hatten einen eigenen Marineflugzeugträger vor
der Küste liegen. Dabei wollten wir doch nur eine
Energiekonferenz mit neuen Energiegewinnungs-
technologien verhandeln. Es war offensichtlich, dass
sie gerne wissen wollten, um welchen Energieträger
es sich handelte, der obendrein ohne jegliche Emis-
sion daherkam. Auch andere Argumente sollten er-
örtert werden, obwohl es in erster Linie nur um das
Überleben des Planeten ging.

                         148
Uns war bewusst, dass der UN-Generalsekretär bei der
letzten Konferenz in New York ganze Arbeit geleistet
und alle Mitgliedstaaten inklusive anderer wichtiger
Länder sowie die OPEC und Physiker, Spezialisten
und Konzernbosse zu dieser Konferenz eingeladen
hatte. Er hatte auf die außerordentlich brisante Lage
unseres Planeten, die Kyoto-Klimaprotokolle mitein-
bezogen, aufmerksam gemacht, damit dieses Treffen
einen Entschluss hervorbringen sollte. Er glaubte an
unsere Sache und wollte diesem ernsthaften Problem,
mit dem sich die Welt konfrontiert sah und das zu
einem Kollaps, ja sogar zu einem Weltkrieg führen
konnte, eine Wendung geben.
Somit begann an diesem Morgen des 25. März 2013
die heiße Phase der Weltmächte, die in den nächsten
Stunden oder Tagen eine Entscheidung zum Wohle
der Erde und der Menschheit treffen mussten. Denn
es brodelte, wohin man schaute.
„Meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste,
herzlich willkommen zu unserem Energietreffen. Wir
kennen mittlerweile unser weltweites Problem. Der
Sauerstoff auf unserem Planeten und in der Atmo-
sphäre ist drastisch zurückgegangen“, eröffnete der
UN-Generalsekretär mit fester Stimme die Konfe-
renz. „Ich möchte vorab jeden hier im Saal darum
bitten, alle persönlichen oder nationalen Interessen
abzulegen, damit wir zu einem realistischen und ein-
sichtigen gemeinschaftlichen Übereinkommen gelan-
gen, bevor wir wieder auseinander gehen.
Keiner wird als Verlierer hinausgehen, wenn wir alles
daransetzen, unseren Planeten zu retten, und damit
die Menschheit, die Tierwelt und natürlich die Natur.
Oder vermag jemand hier im Saal ohne Sauerstoff nur
drei Minuten zu überleben? Wir brauchen einander in

                        149
dieser Stunde und wollen versuchen, einen Konsens
zu finden, um ohne Kriege, Rivalität oder Sanktionen
den wertvollsten Besitz zu erhalten, und zwar unser
Leben und das unserer Kinder. Ich bitte Sie innigst,
genau zuzuhören und nach einem gemeinsamen Weg
für die Zukunft zu suchen. Niemand braucht auf ir-
gendwelche Traditionen, seine Kultur und Menschen-
würde zu verzichten. Es sollte reichen, jeden Tag mit
ansehen zu müssen, wie bereits drei Milliarden Men-
schen würdelos dahinvegetieren, ohne sauberes Was-
ser, ohne genügend Sauerstoff. Heutzutage treffen wir
immer mehr Zapfsäulen an, wo man gegen Bezahlung
Sauerstoff tanken kann. Ist das nicht traurig? Wir soll-
ten aufhören, uns etwas vorzumachen, und alles dar-
ansetzen, diese ausweglose Situation zu ändern.
Aus diesem Grunde habe ich einige Wissenschaftler
eingeladen, die uns erläutern werden, was wir zum
Besten aller in dieser scheinbar ausweglosen Situation
tun können. Lassen Sie uns also hören, was die Herren
Brink und Almeida zu diesem Thema zu sagen haben.
Darüber hinaus habe ich weitere Experten eingela-
den, die uns darlegen werden, wie mit einigen Kom-
promissen, aber ohne direkten wirtschaftlichen Verlust
eventuelle nationale Probleme zu lösen sind.
Aber eins nach dem anderen, bitte, Herr Brink, Sie
haben das Wort“, endete er seine Ansprache.
Ich hatte meine Rede zwar mit León vorbereitet, aber
ich hielt mich nicht immer genau daran, da mir jedes
Mal etwas Neues einfiel, obwohl das Projekt immer
dasselbe war. So zog ich das Mikrofon näher heran
und sprach die ersten Worte etwas holprig aus.
„Vielen Dank für Ihr Vertrauen“, und schaute hinüber
zum UN-Generalsekretär, der mir ein ermunterndes
Lächeln zusandte, als schien er sagen zu wollen: Du

                          150
schaffst das schon, du wirst mit deinen Freunden die
Horde von Wölfen überzeugen, und sie werden dir
aus der Hand fressen. Ich wollte, es wäre so.
„Wie wir alle wissen, ist der Klimawandel in vollem
Gange und wartet nicht auf irgendwelche Zeremo-
nien, sondern wird sich in einigen Monaten oder Jah-
ren unbarmherzig ausdehnen. Die Luft wird zuneh-
mend dünner, die Erwärmung uns schwer zu schaffen
machen. Immer mehr Rußpartikel setzen sich in der
nördlichen Hemisphäre ab, die wiederum zu erhebli-
chen schmutzigen Niederschlägen führen und das Eis
noch schneller zum Schmelzen bringen werden als
vorhergesagt. Dagegen stellt sich eine komplette Dürre
in den äquatorialen Ebenen ein.Wir bekommen Kälte
bis extreme Hitze, Eisschmelze bis neuartige Winter-
einbrüche in den gesamten Vereinigten Staaten sowie
Orkane über Mittelamerika und Europa. Das Ozon-
loch ist um mehr als die Hälfte größer als noch vor
zwei Jahren. Diese Spirale wird sich fortsetzen; und sie
ist schwer einzuschätzen und zu kontrollieren.
Meine Freunde und Kameraden sind sich sicher, dass
wir, wenn nichts unternommen wird, in fünfzehn Jah-
ren massive Probleme bekommen, der Sauerstoffnach-
schub verloren gehen und die Vegetation zu 75 Pro-
zent zerstört sein wird. Des Weiteren wird die fossile
Verbrennung eine beträchtliche Aufwärmung unseres
Planeten herbeiführen.Wenn die Pole schmelzen, sind
unsere Süßwasserreserven unwiederbringlich verloren.
Daher werden die Völker wegen Wasser- und Sauer-
stoffmangel Kriege führen müssen, die keinem nützen
und nur Hass und Zerstörung bringen, und das über
Jahrzehnte, bis der letzte Tropfen geflossen ist.
Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber
wir haben nur eine Chance – und diese sollten wir

                          151
nutzen. Die augenblickliche Lage ist ernst. Dabei wa-
ren die Regierungen bereits vor fünfzehn Jahren über
diese Phänomene informiert, aber die Lobbyisten der
Konzerne und die Aktionäre haben bei der Verschleie-
rung gründliche Arbeit geleistet.
Jetzt sehen wir uns einer unüberwindbaren Mauer von
komplexen Ereignissen gegenüber, die uns zwar psy-
chisch schwer zu schaffen machen, denen wir aber mit
viel Vertrauen und Willen entgegensteuern können.
Ich sage, wir können es schaffen. Wir, meine Freunde
und ich, haben jahrelang in dieser Richtung geforscht
und das Ziel nicht aus den Augen verloren. Unsere
Errungenschaft soll nicht nur uns gehören, sondern
der ganzen Menschheit.
Ich rufe alle auf: Lasst uns die Anlagen gemeinsam bau-
en.Wir haben von dem weltweit größten Konzern auf
dem Gebiet von Bohrplattformen bereits die Zusage
erhalten, für uns tätig zu werden. Es geht darum, auf
offener See in der Nähe aller Kontinente oder Inseln
dieser Erde Sauerstoff- und Energiegewinnungsplatt-
formen zu bauen. Zudem werden sie Süßwasser für
die gesamte Menschheit ohne Einschränkung gewin-
nen.
Ich werde nach Ihrer Zusage mein Versprechen halten
und dafür sorgen, dass meine Erfindung an zukünftige
Generationen weitergegeben wird. Natürlich weiß ich,
dass es für diejenigen nicht einfach sein wird, die gut
an den heutigen Ressourcen verdienen. Aber beden-
ken Sie, morgen sind diese versiegt – und was dann?
Aber so können alle mitverdienen und unseren Pla-
neten retten, indem diese Aufbereitungsanlagen welt-
weit eingesetzt werden. Und worauf zielt das ab: kein
Kohlendioxid-Ausstoß in die Atmosphäre, weniger
Müll, geschützte Wald- oder Naturreservate, bessere

                         152
Bedingungen für die Tierwelt, eingesparte Boden-
schätze, keine radioaktiven Abfälle für uns und kom-
mende Generationen. Es wird noch nicht das Paradies
auf Erden sein, aber die Rettung der Menschheit.
Glauben Sie mir, wir sind einzigartig und sollten alles
daransetzen, unsere Chance nicht zu verpatzen! Hier
will ich zum Ende kommen und das Wort an meinen
Freund León weitergeben. Vielen Dank fürs Zuhö-
ren.“
Riesiger Beifall brandete auf, aber ich machte mir
keine Illusionen. Es war noch nicht so weit.
„Sehr gut, Jeff“, flüsterte León. „Klasse!“
„Danke, mein Freund“, erwiderte ich.
„Meine Damen und Herren, ich unterstütze das Pro-
jekt meines Freundes Jeff Brink seit zwanzig Jahren,
oder?“ Er schaute mich an.
Ich nickte und lächelte.
„Es war nicht immer einfach, glauben Sie mir, aber
wir haben nie aufgegeben. Mein Thema soll jedoch
heute ein anderes sein, aber es wird Sie überzeugen,
hoffe ich, obwohl es noch viele offene Fragen gibt.
Wie wir wissen, besteht unser Planet zu dreiViertel aus
Wasser, Salzwasser genauer gesagt. Bei Menschen oder
Tieren sind es 70 Prozent und bei manchen Pflan-
zen sogar 99 Prozent. Egal, wo wir also hinschauen,
alles, was lebt, besteht aus Wasser. Konklusion: Wasser
bedeutet Leben. Dagegen ist Gas, Erdöl oder Radio-
aktivität tödlich. Wie kann man so einfältig sein, so
etwas freiwillig haben zu wollen und obendrein noch
dafür zu bezahlen. Natürlich werden Sie einwenden,
hätten wir dadurch bis jetzt unsere Wohlfahrt, unse-
re Technologie und unser Leben stark verbessert. Das
hängt davon ab, ob die Kraft aus Wind oder aus einem
Atomreaktor kommt.

                         153
Aber lassen wir das und kommen zum Wesentlichen
dieser Konferenz.
Ein Salzkristall, 400-fach vergrößert, sieht aus wie
eine Pyramide. Handelt es sich bei der Pyramide um
eine Nachricht unserer Vorfahren? Die Bevölkerung
von Atlantis wusste womöglich bereits, dass die Ener-
gie aus dem Meerwasser gewonnen werden konnte.
Oder ist alles nur Zufall? Ich will damit sagen, dass wir
besser daran täten, diesen Nachrichten auf den Grund
zu gehen, um zu erfahren, ob wir doch nicht besser
diesem verlorenen Wissen zum Wohle der Mensch-
heit und zum besseren Verständnis unseres einzigarti-
gen Planeten nachgehen und uns besinnen sollten.
Denken Sie ruhig einmal darüber nach, was an einer
solchen Theorie dran sein könnte. Vielen Dank für
Ihre Aufmerksamkeit.“
Bei Leóns Rede wurde deutlich weniger geklatscht,
aber dafür mehr gegrübelt.
Das Wort ergriff nun der EU-Präsident: „Wenn ich
das richtig verstanden habe, hält Herr Brink eine
Technologie bereit, die uns mit Energie, Sauerstoff
und Trinkwasser versorgen würde ohne jegliche Um-
weltschadstoffe.“
„Genau so ist es“, meinte der UN-Generalsekretär
und schaute zu mir herüber.
„Richtig“, bestätigte ich.
„So, meine Herren, gibt es Fragen zu diesem The-
ma?“, fuhr der UN-Generalsekretär fort und blickte
sich im Kreis um. „Das Wort hat Frankreich als Gast-
geberland.“
Der Außenminister Philippe de la Croix sagte: „Mes-
dames et messieurs, bienvenus au sommet de l’énergie.
Ich möchte Folgendes wissen: Wie soll das Ganze fi-
nanziert und die Erträge verteilt werden?“

                          154
Das Wort übernahm der EU-Vizepräsident: „Wir
denken an einen etwa 90 Prozent geringeren Preis
verglichen zum Atomstrom. Das sollte ungefähr die
Preisrichtlinie sein. Die Finanzierung sollte aus dem
jetzigen Haushalt aller Nationen durch Deaktivieren
der Militärbudgets bestritten werden. Die UN über-
nimmt die Verwaltung des gesamten Süß- respektive
Trinkwassers, was weltweit gratis an die Verbraucher
geht.“
An dieser Stelle konnte man merken, dass viele nicht
ganz einverstanden waren, da die UN eine mächti-
ge Institution zu werden drohte. Aber sich dem zu
entziehen, schien niemand wagen zu wollen, da viel
auf dem Spiel stand und jeder für sich über nicht ge-
nügend Mittel zur Realisierung verfügte. Dieser Spa-
gat von Selbstverwaltung und Nationalinteresse mit
Abgabe von gewissen territorialen Besitztümern fiel
keinem leicht. Das hieße Einmischung.
Ich war gespannt, welche Kompromisse am Ende he-
rauskommen würden. Die Verteilung fand ich in Ab-
sprache mit der UN gerecht und menschenwürdig.
Aber wer wollte schon meine Meinung hören? Jeder
versuchte, die Macht an sich zu reißen und nicht ir-
gendwelchen Herren bei der UN abzutreten, obwohl
jede Nation durch das Abstimmungsverhalten mit-
bestimmen konnte, wobei demokratisch eine Lösung
gefunden werden musste.
Die Debatte lief regelrecht heiß.
„Wie viele Anlagen bräuchte man, um zum Beispiel
ein Land wie unseres mit Energie komplett abzude-
cken“, wollte das spanische Staatsoberhaupt wissen.
„Was kann eine Anlage an Energie überhaupt ab-
geben?“, schob der englische Außenminister sofort
nach.

                        155
„Eine Anlage vermag eine Stadt wie Madrid komplett
mit Strom abzudecken.“
Ein erstauntes Raunen ging durch den Saal.
„Und was kostet eine solche Anlage?“, war von russi-
scher Seite zu hören.
„Wir können nur dann abstimmen, wenn genaue
Daten zur Finanzierung und über den Energieertrag
genaue Endergebnisse vorliegen“, sagte die chinesi-
sche Delegation.
„Meine Herren“, mischte ich mich ein, „wir sollten
als Erstes dafür sorgen, dass eine Abstimmung erfolgt.
Das heißt, sind alle mit dem Gesagten einverstanden,
und wenn dem so ist, werden wir natürlich alle In-
formationen und Zahlen auf den Tisch legen. Es stellt
sich nicht die Frage nach den Kosten der Energie,
sondern der Versorgung, und zwar weltweit. Jeder
sollte innerhalb der nächsten zehn Jahre über diese
Energie verfügen können. Die Koordinierung obliegt
der UN. Die Frage bleibt also, sind Sie einverstanden,
auf nationale Interessen zu verzichten, oder will jeder
im Alleingang weitermachen?
„Wollen Sie damit sagen, dass die UN dann alles re-
gelt und die Macht erhält?“, fragte der deutsche Bun-
deskanzler.
„Ja, in gewisser Weise schon, aber zum Wohle aller
Nationen.“
Die Diskussionen wurden immer heftiger und ver-
worrener. Zu meinem Erstaunen hatten die Ameri-
kaner noch keinen Kommentar abgegeben oder sonst
wie Stellung genommen, genauso wie die OPEC, die
nur zugehört und abgewartet hatten, wie es weiterge-
hen sollte. Die arabischen und andere Öl fördernden
Länder wie Venezuela hielten sich ebenfalls zurück.
Nach zweistündigen Verhandlungen wurde die Kon-

                         156
ferenz unterbrochen, um sich zu internen Beratungen
zurückzuziehen. Man konnte in diesem Augenblick
noch keine Prognose über die Ergebnisse der Kon-
ferenz abgeben. Morgen stand die zweite Runde an.
Man wollte sich am Abend zu einem Bankett in Mon-
te Carlo zusammenfinden. Gegen Nachmittag sollten
auch Guiglelmo und Jan eintreffen.

Tommaso und Serena holten uns zum Mittagessen ab,
nachdem sie bereits eine Spritztour nach Monte Car-
lo hinter sich hatten.
„Onkel Jeff, es ist zauberhaft hier, und ich freue mich,
in Europa zu sein. Am besten hat mir der wunder-
schöne Hafen von Monaco gefallen, die Jachten dort
sind traumhaft, eine schöner als die andere. Wir haben
auch Freunde von Tommaso wiedergesehen und sie
haben uns morgen zu einer Bootsfahrt nach Saint-
Tropez eingeladen.“ Sie schwärmte nur so von der
Côte d’Azur.
Es war auch sehr schön hier, aber wie lange noch? Ich
gönnte der Jugend die Zeit zusammen.
León dagegen äußerte sich vorsichtiger: „Liebling,
denk daran, hier gibt es auch genug Kriminalität. Seid
vorsichtig. Wir können uns keinen unnötigen Ärger
leisten. Die Presse würde sich sofort auf uns stürzen.
Negative Kommentare wären fatal. Tommaso, du ver-
sprichst mir, auf sie aufzupassen. – Hat eigentlich Ste-
ven angerufen?“, fragte León seine Tochter.
„Ich hab vor zwei Stunden mit ihm telefoniert und er
möchte uns vielleicht in zwei Tagen besuchen“, ant-
wortete sie.
Tommaso schaute sie nicht an und schenkte Wein
in unsere Gläser. Es schien ihm nichts auszumachen,
denn er sagte beiläufig: „Es freut mich, deinen Freund

                          157
kennenzulernen.“
„Er ist Architekt und würde hier bestimmt auf seine
Kosten kommen“, sagte León.
Nach dem Essen zog ich mich zu einem Mittags-
schläfchen zurück und León wollte mit den Kindern
ins ozeanologische Museum nach Monaco fahren.
Später gegen fünf Uhr ließ ich mich von unserem
Fahrer zum Bahnhof chauffieren, um Guiglelmo und
Jan abzuholen. Bereits nach kurzem Warten auf dem
Bahnsteig wurde der Zug aus Rom angekündigt.Von
vier Bodyguards flankiert stiegen unsere Freunde aus
und wir umarmten uns.
„Schön, dass ihr da seid. Hier ist die halbe Welt ver-
sammelt. Alle sind zur Konferenz gekommen“, sagte
ich.
„Das kann ich mir vorstellen, nachdem was wir ge-
hört haben.“
Wir fuhren Richtung Hotel und sprachen über den
Umweltgipfel des Weltsicherheitsrats und dass es
schwer sein würde, alle Nationen unter einen Hut zu
bringen. Ich war innerlich aufgewühlt, aber auch froh,
wieder meine Familie und Kameraden um mich zu
haben. Wir nahmen in der Bar Platz, um uns einen
Drink zu genehmigen und anschließend für den
Abend frisch zu machen, als die Fernsehstation BNC,
der British News Channel, ihr Programm unterbrach
und eine wichtige Nachricht ansagte.
„Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unser
Programm, da wir eine wichtige Nachricht zu ver-
melden haben.“
Man sah eine sichtlich erregte Reporterin mitten auf
der Straße, das Mikrofon in der Hand.
„Soeben ist hier in Nizza eine Bombe detoniert. Wir
wissen nur, dass der UN-Generalsekretär mit seiner

                         158
Autoeskorte unterwegs war, die in diese Explosion in-
volviert zu sein scheint. Wir wissen noch nicht, ob
es Tote oder Verletzte gegeben hat. Wenn man die
Wracks so aus dieser Entfernung sieht, ist das nicht
auszuschließen. Wir dürfen leider nicht näher. Ret-
tungshelikopter und gepanzerte Fahrzeuge sind be-
reits vor Ort sowie alle Ambulanzen der Umgebung
und natürlich die Feuerwehr, wie Sie hinter mir sehen
können. Wir warten seit mehr als einer Stunde auf
Details des Geschehens und fragen uns, wo sich der
UN-Generalsekretär zurzeit befindet. Falls es sich um
ein Attentat handelt, drängt es uns natürlich auch zu
wissen, wer die Täter sind.Wir wissen nur, dass ein ge-
heimes Treffen vieler Staatsmänner und der UN über
Energiefragen heute Morgen stattgefunden hat, aber
Genaueres wollte man uns nicht sagen.“
Bumm!, ertönte ein dumpfes Geräusch und Fenster-
scheiben klirrten. Man konnte sehen, wie eine Druck-
welle die Pressesprecherin erreichte, die sie fast um-
gehauen hätte.
„O Gott, weg hier, es hat noch eine Explosion gege-
ben! Was ist geschehen?“
Man sah die Reporterin und die wackeligen Aufnah-
men des Kameramanns.
„Wir unterbrechen für einige Minuten und geben
zurück ins Studio.“
„So, meine Damen und Herren, Sie konnten gerade
live miterleben, dass die Situation noch nicht unter
Kontrolle ist. Wir vermuten einen weiteren Spreng-
satz, der nicht sofort mit der Hauptexplosion hoch-
gegangen ist oder noch versteckt war. Bislang wissen
wir nur, dass wie gesagt heute Morgen ein Energie-
gipfel des Weltsicherheitsrats in Nizza stattgefunden
hat, bei dem sowohl eine OPEC-Delegation als auch

                         159
viele Staatsmänner vertreten waren. Wir können lei-
der zurzeit keine genauen Angaben machen, wo sich
der UN-Generalsekretär befindet und was hinter der
Explosion steckt. Fest steht, dass die Börsen in New
York und Peking heute Morgen nicht eröffnet wur-
den, damit keine weiteren exzessiven Spekulationen
mehr möglich sind. Bleiben Sie dran, nach einer kur-
zen Pause versuchen wir, Ihnen weitere Details der
aktuellen Lage zu übermitteln. Wir halten Sie selbst-
verständlich ständig auf dem Laufenden.“
Ich drehte mich um, um Guiglelmo etwas zu sagen,
und sah León aus dem Augenwinkel in der Tür kopf-
schüttelnd mit Tommaso sprechen. Sie kamen zu uns
herüber und begrüßten Guiglelmo und Jan mit einer
herzlichen Umarmung. Die Freude war jedoch ge-
trübt.
„Habt ihr gesehen, die Sache ist nicht ausgestanden“,
meinte León genervt. „Geben die denn niemals auf?
Haben die etwa nicht verstanden, worum es geht?“
„Komm, beruhig dich, ich sag dir, wir sind hier fehl
am Platz“, sagte Jan. „Wir sollten das Ganze fallen las-
sen und schleunigst verschwinden.“
„Wie soll das gehen?“, fragte ich.
„Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen mit der
Scheiße, haben wir vielleicht darum gebeten?“
„Jetzt mal langsam“, sagte Guiglelmo. „Ich hoffe, dass
keiner zu Schaden gekommen ist.“
„Die Frage ist bloß, inwieweit können die uns schüt-
zen“, wollte ich wissen.
„So wie es aussieht gar nicht“, gab León nüchtern
zurück.
Er hatte recht. Es könnte ausgehen wie damals am 11.
September 2001 und vor drei Jahren in Abu Dhabi.
Druck musste abgelassen werden, egal, aus welcher

                          160
Richtung er kam, terroristisch oder politisch mo-
tiviert. Aber diesmal sah es mehr nach einem öko-
nomischen Hintergrund aus, das heißt, die Erdöl
fördernden Länder wie auch die Großaktionäre der
verschiedenen Konzerne wollten ihre Macht nicht
einfach so abgeben. Also forcierten sie den Druck auf
die Politik. Irgendetwas musste durchgesickert sein.
Wer bezweckte den Tod des UN-Generalsekretärs,
um eine Krise auszulösen? Ich wollte diese Fragen
nicht hier und nicht jetzt mit meinen Freunden be-
sprechen oder analysieren.
„Ich schau mir das Ganze oben im Zimmer noch ein-
mal an, bis dahin wissen wir mehr“, sagte León.
„Nein, ich glaub, ich ruf sofort seine Sekretärin an,
deren Nummer ich heute Morgen erhalten habe“,
sagte ich.
Sie schauten mich fragend an.
„Das wäre gut, um zu wissen, was geschehen ist und
wo er sich jetzt befindet“, erwiderte Guiglelmo nüch-
tern.
Wir bezahlten und gingen alle nach oben in mein
Zimmer. Die Kinder wollten auch dabei sein.
„Tommaso, Serena“, wandte ich mich ihnen zu, „ich
möchte, dass ihr ganz vorsichtig seid. Die spaßen nicht,
wer sie auch sein mögen. Die Schurken wollen nicht,
dass eine andere Firma oder die UN diese Technolo-
gie bekommt. Wir schweben in großer Gefahr.“
„Jeff hat recht. Wir müssen unsere Lage als sehr ernst
ansehen“, meinte Jan.
„Ihr geht nicht mehr allein auf die Straße“, sagte León
und drehte sich zu den Kindern um. „Ich werde alles
veranlassen, damit immer Bodyguards an eurer Seite
sind, auch wenn es lästig ist.“
„So, Ruhe bitte, ich versuche die Sekretärin zu erwi-

                          161
schen“, gebot ich und nahm den Hörer auf. „Verbin-
den Sie mich mit der Nummer 55763589. Danke.“
Ich wartete, bis sich auf der anderen Seite die Stimme
einer Dame meldete.
„Spreche ich mit der Sekretärin vom Generalsekretär?
– Gut. Hier ist Jeff Brink, ich wollte nachfragen, wie
es dem Generalsekretär geht.Wir haben in den Nach-
richten von dem Anschlag gehört.“
Die Sekretärin erzählte kurz die Geschehnisse. Nach
ein paar Minuten war ich auf dem Laufenden und
beendete das Gespräch. „Ich danke vielmals. Auf Wie-
derhören.“ Ich legte auf und schaute in fragende Ge-
sichter.
„Und?“, drängte Jan. „Wie geht es ihm?“
„Er wird im Krankenhaus behandelt, es scheint aber
nichts Ernstes zu sein, nur Verletzungen von Splittern
überall am Körper, da die Bombe wenige Meter hin-
ter ihnen gezündet wurde. Im folgenden Wagen sind
zwei Leute schwer verletzt worden“, erklärte ich ru-
hig.
„Mensch, es hätte ihn wirklich treffen können, doch
die Bombe ist glücklicherweise zu spät gezündet
worden“, meinte Jan, der am meisten irritiert schien.
Nach dem, was er mitgemacht hatte, war das nicht
verwunderlich.
„Aber bis jetzt wissen wir noch nicht, um wen es sich
bei den Tätern handelt, es können Terroristen, Araber,
Amerikaner, Chinesen oder sonst wer sein. Oder will
die Staroil noch immer mit aller Macht verhindern,
dass jemand anders die Führung übernimmt oder dass
die Anlagen überhaupt auf den Markt kommen“, füg-
te ich hinzu.
„Alles ist möglich“, erwiderte Tommaso.
„Ich denke, wir sollten ein Signal aussetzen, um mit

                         162
ihnen in Kontakt zu treten und herauszufinden, wer
dahintersteckt und was sie wollen.“
„Verkaufen“, sagte Tommaso geistreich.
„Einen Versuch wäre es wert“, sagte Guiglelmo, „so
könnten weitere Entführungen oder Anschläge ver-
hindert werden“, fuhr er fort. „Letztendlich wissen
die ja, wo und wer wir sind.“
„Und wie soll das vor sich gehen?“, fragte ich.
Wir besprachen unsere Taktik. Es war gefährlich, aber
so konnte es nicht weitergehen. Schon heute Abend
beim Bankett würde sich uns eine Chance bieten.
Um 20.30 Uhr wurden wir abgeholt und fuhren bei
einem prunkvollen Gebäude vor. Es herrschte viel Be-
wegung und überall war die französische Polizei prä-
sent. Die Wagentüren wurden abgesichert, sodass wir
im Schutz der Agenten aussteigen konnten. Nachdem
wir eine breite Treppe hinaufgegangen waren, befan-
den wir uns in ziemlicher Sicherheit. Ruhige Musik
und Stimmengemurmel drangen an unsere Ohren. Die
Mäntel wurden uns abgenommen und ein Empfangs-
komitee begrüßte uns. Wir erfuhren sogleich, dass der
UN-Generalsekretär auch da sei und es ihm gut gehe.
Gott sei Dank, dachte ich. Dann betraten wir den
Saal. Viele Augen richteten sich auf uns, da jeder die
Hüter der neuen Energiequelle kennenlernen wollte.
Wir bekamen unerwarteten Applaus und fühlten uns
ein wenig verloren bei so viel anwesender Prominenz.
Ich nickte freundlich und deutete meinen Kameraden
mit einem Blick an, gute Miene zu zeigen.
„Guten Abend“, versuchte ich mich in dem lauten
Getuschel verständlich zu machen.
Da kam auch schon der UN-Generalsekretär mit sei-
ner Gattin auf uns zu. Er sah erstaunlich gut aus, außer
einem Pflaster an der Schläfe und einem Verband an

                          163
der Hand war ihm nichts anzumerken.
„Herr Brink, sehr geehrte Herren, wir freuen uns, dass
Sie da sind. Ich habe eine Überraschung. Ihre Gattin-
nen erwarten Sie bereits am Büfett. Würden Sie mir
folgen“, sagte er lächelnd.
Ich stand wie angewurzelt da. Teresa würde mir im-
mer Bescheid sagen, wieso dieses Mal nicht? Ich
wusste aber auch, dass sie Geheimnisse für sich behal-
ten konnte. Ich konnte nicht weiterdenken und ging
grüßend an den geladenen Gästen zum Büfett, wo sie
in ihren langen überteuerten Abendkleidern auf uns
warteten, eine schöner als die andere. Wir konnten
stolz sein auf unsere Frauen. Sogar Marcella war da.
Ich freute mich, es tat einfach gut, zusammen zu sein.
Wir umarmten uns.
„Schatz, wie findest du mich? Wie gefalle ich dir?“,
fragte mich Teresa mit leuchtenden Augen.
„Du siehst hinreißend aus.“
Sie verlor kein Wort darüber, wie sie hierher gekom-
men war. Doch noch ein anderer Gedanke beschäf-
tigte mich: Was sollte aus unserem Plan werden, die
Frauen wussten nichts davon. In dem Moment sah
ich, wie León zu mir herüberschaute, als wollte er sa-
gen: Am besten lassen wir das Ganze. Wir mussten uns
über unser weiteres Vorgehen noch absprechen. Nach
ein paar Begrüßungen und Komplimenten von den
Gästen konnten wir einige Sätze miteinander spre-
chen.
„Was sollen wir machen?“, fragte ich.
„Wir können nicht riskieren, den Frauen nicht Be-
scheid zu sagen, bevor es losgeht“, zischte León in
mein Ohr.
„Nicht nervös werden. Tommaso macht das schon.
Sag deiner Frau, dass es sich um einen Test handelt. Sie

                          164
sollen nicht erschrecken“, flüsterte ich. „Und noch
etwas, gib das auch an Jan und Guiglelmo weiter.“ Ich
musste mich noch um Marcella kümmern und ging
zu ihr. „Marcella, schön siehst du aus, willst du deinen
Daddy nicht begrüßen. Komm her, mein Schatz, du
bist die Schönste heute Abend.“
„Hallo, Dad“, kam es schüchtern und liebevoll zu-
rück.
Sie war mein Augapfel, obwohl ich auch Tommaso
sehr lieb hatte und voll auf ihn zählen konnte. Aber
eine Vater-Tochter-Beziehung ist doch etwas anderes.
Sie umarmte mich. „Das hättest du nicht erwartet.“
„Nein, ehrlich gesagt, nicht einen Moment.“
Sie drückte sich kurz an mich. „Du, ich kann dich
nicht den ganzen Abend so festhalten, auch wenn ich
wollte.“
„Ich verstehe.“ Ich nahm ihre Hand, und wir schlen-
derten zu Teresa, die ganz aufgelöst und glücklich
schien. Sie war einfach stolz auf uns.
„Ich freue mich so, bei dir zu sein, Jeff.“
Ich nahm sie liebevoll beim Arm, bevor wir ein paar
Schritte gingen.
„Du, hör zu …“ Ich erzählte ihr in aller Kürze unser
Vorhaben.
Sie verstand zwar, zeigte sich aber nicht ganz einver-
standen.
Uns blieb nicht die Zeit, darüber zu diskutieren, denn
der UN-Generalsekretär näherte sich uns.
„Haben die Untersuchungen schon etwas ergeben?“,
fragte ich ihn.
„Nein, aber soviel mir bekannt ist, laufen sie auf
Hochtouren. Es wurden auf jeden Fall Spuren ent-
deckt sowie verdächtige Personen festgenommen.
Die hiesige Polizei hat bis morgen Abend eine Nach-

                          165
richtensperre verkündet, damit keine Spuren verloren
gehen. Das war knapp, eine Sekunde später und …“,
sagte er nachdenklich und ließ schweigend eine Weile
vergehen. „Mein lieber Herr Brink, es ist nicht aus-
geschlossen, dass wir uns besser absichern und später
sogar eine neue Identität annehmen müssen, damit
Ruhe eintritt. Sie befinden sich wie wir alle in per-
manenter Gefahr.“
„Herr Generalsekretär, ich will nicht, dass Menschen
zu Schaden kommen. Aber dieses Projekt ist wahr-
scheinlich die einzige Chance, die Erde vor dem
Energie-, Rohstoff- und Klimakollaps zu retten.“
„Ja sicher, aber wie soll sich die Industrie verhalten?
Einerseits Wachstum, andererseits keine schädlichen
Emissionen. Wir müssen die Regierungen und die
Konzerne mit ihren Aktionären empfindlich treffen,
und zwar dort, wo es am meisten schmerzt. Erst dann
werden sie sich kampflos unserem Projekt widmen.
Wenn es eine viel bessere Alternative gibt, ist keiner
mehr bereit, in alte Technologien zu investieren. Nur
so erreichen wir eine Wende. Die Konzerne sollen,
wie bei der Milchproduktion, bei Abschalten ihrer An-
lagen kräftig mit Geldmitteln unterstützt werden und
können ihre Milliarden wiederum in unsere Projekte
investieren. Nur so scheint es möglich, die Situation in
den Griff zu bekommen. Ansonsten, glauben Sie mir,
haben wir keine Chance. Darum geht es morgen. So,
aber jetzt genehmigen wir uns ein Glas Champagner,
Herr Brink.“
Er hatte recht. Wir blieben bis zum Schluss dort,
nachdem alle anderen Gäste sich bereits verabschiedet
hatten. Er selbst war schon früh gegangen, weil seine
Wunden schmerzten und er Ruhe brauchte. Wir hat-
ten inzwischen unseren Plan wieder verworfen, die

                          166
Plattformen an eine private Aktiengesellschaft zu ver-
kaufen und verschiedenen OPEC-Mitgliederstaaten
anzubieten. Das hätte wie eine Bombe eingeschlagen
und alle Verhandlungen der nächsten Tage zunichte-
gemacht. Vielleicht war es gut so. Die OPEC hätte
mit Sicherheit gezahlt, und die Pläne wären erst nach
Versiegen des letzten Tropfen Erdöls aus der Schub-
lade geholt worden, was für unsere Zukunft nicht gut
gewesen wäre.


2. Verhandlungstag

Bereits in der Eingangshalle herrschte reges Treiben.
Heute sollte ein Plan vorgestellt werden, wie die Kos-
ten verteilt sowie Produktion und Start der neuen
Energiegewinnung vonstattengehen sollten. Das Ziel
bestand darin, eine Abstimmung zu erreichen.
Die Politiker sollten dazu bewegt werden, die jetzigen
Rohstoff- und Energielieferanten zum Umdenken
anzuhalten, ihre Energiekapazitäten zu drosseln und
in die Produktion der neuen Technologie zu inves-
tieren.
Allerdings vertrat jeder seine feste Linie, die aufge-
weicht werden musste. Mit der Kyoto-Delegation
wollte die UN am heutigen Verhandlungstag ein wei-
teres kritisches Argument diskutieren und der Politik
sowie der Wirtschaft auftischen.

In Nizzas Nebenstraßen war derweil die Hölle los.
Gruppierungen aller Herren Länder und Couleur, al-
len voran die grünen Parteien, Green Peace und Anti
Global, wollten bei diesem Treffen Luft und Frust ab-
lassen. Die französische Polizei hatte alle Hände voll

                         167
zu tun, mit den mehr als achthunderttausend Men-
schen fertig zu werden.
Zudem tummelte sich die internationale Presse dort
herum, um über den Bombenanschlag auf den UN-
Generalsekretär zu berichten und hinter das Geheim-
nis des Treffens zu gelangen. Es war bereits durchgesi-
ckert, dass es um eine neue Energiequelle ging, die die
heutigen Rohstoffe und die bis jetzt bekannten er-
neuerbaren Energien in den Schatten stellen würde.
Pünktlich ging die zweite Runde in den wortwört-
lich heißen Frühlingstag des 26. März 2013. Bereits
um 9.30 Uhr zeigte das Thermometer 28 °C im
Schatten.
„Meine Damen und Herren“, ertönte eine helle Frau-
enstimme durch das Mikrofon, „wir wollen anfangen.
Ich begrüße Sie sehr herzlich und danke Ihnen allen,
dass Sie anwesend sind, um zu einer besseren Welt bei-
zutragen. Wir begrüßen heute die Kyoto-Delegation,
die sofort ihren Bericht vorstellen wird. Ich gebe das
Wort an Dr. Madeleine Sharp,Vorsitzende des Kyoto-
Abkommens.“
Applaus erklang und eine gut aussehende Vierzigjäh-
rige betrat das Rednerpult.
„Sehr geehrter Generalsekretär, sehr geehrte Gäste.
Mein Kommentar wird kurz, aber leider sehr schmerz-
voll sein“, begann sie und blickte in den Saal, um die
Reaktionen abzuwarten. Man konnte eine Fliege hö-
ren, die sich im Konferenzraum eingeschlichen und
nach Kühlung gesucht hatte. „Eindeutiger können die
Resultate des Klimawandels nicht sein. Bereits in den
letzten zwei Jahren haben wir mehr als drei Millionen
Menschen zu beklagen, die bei Naturkatastrophen
umkamen, weitere fünfhundert Millionen leben in
erbarmungslosen Zuständen. Den Wetternachrichten

                         168
von 7.00 Uhr zufolge treiben in diesem Augenblick
zwölf Orkane ihr Unwesen. Die Zerstörung durch
nicht mehr kontrollierbare Naturphänomene ist an
der Tagesordnung. Diese Liste könnte endlos lang fort-
geführt werden. Die Versicherungen kommen beim
Auszahlen nicht mehr mit und die Politik kann nur
noch Not- und Ausnahmezustandsstufen ausrufen.
Ich kann an dieser Stelle denjenigen, die noch nicht
unterschrieben haben, nur eines sagen: Von interna-
tionalen Organisationen ist keine Hilfe zu erwarten
und bei Nichteinhalten der Emissionen wird die Lage
in fünf bis zehn Jahren noch dramatischer sein. Wir
können dieses Spiel nicht gewinnen. Nicht so. Wir
können der Natur nicht trotzen. Nicht so. Wir kön-
nen die Leute da draußen, die alles verloren haben,
nicht im Stich lassen.“
Ein kurzer Applaus unterbrach ihre Rede.
„Ich wünsche mir, dass dieser Gipfel ein Zeichen setzt
und gemeinsam eine Strategie ausarbeitet, um zu ret-
ten, was noch zu retten ist. Ich möchte jeden darauf
hinweisen, dass weniger Verbrauch und Konsum von-
nöten sind. Lassen Sie uns hier und heute ein Zeichen
setzen und die Zukunft zusammen für jeden besser
gestalten. Ich danke sehr. Wir werden über folgende
Punkte im Laufe des heutigen Tages abstimmen: 1.
Reduzierung der weltweiten Schwertransporte auf
den Straßen um die Hälfte; 2. strenge Kontrollen der
Zulassung von alten und neuen Pkw auf Basis ihrer
Emissionswerte; 3. schärfere Kontrollen der Industrie
und das Anbieten von Beraterfunktionen, wie und wo
Energie eingespart werden kann; 4. Vermittlung von
CO2-armen erneuerbaren Energieauflagen für private
Haushalte; 5. der Aufruf an alle Nationen, die Kont-
rolle zur Einhaltung der festgelegten Parameter des

                         169
CO2-Ausstoßes durch Unabhängige zuzulassen; und
6. Diskussionsvorlagen weiterer Verordnungen über
die Verschmutzung von Gewässern in den nächsten
Monaten. Ich wünsche uns allen ein gutes Gelingen
der Verhandlung.Vielen Dank fürs Zuhören.“
Ein gewaltiges Unterfangen, das musste selbst ich zu-
geben, aber es blieb keine andere Wahl. Frau Sharp
hatte recht, wenn sie die Gewässer- und Bodenver-
seuchung durch Chemiefabriken längs der Flüsse der
Welt zur Sprache brachte und diese aufforderte, die
Verschmutzung einzudämmen. Ich musste an meine
Kollegen bei der Medpharma denken. Ob sie mich
schon vermissten?
In diesem Augenblick kam mir eine Vermutung, wer
uns verraten haben könnte, was Jan und Guiglelmo
fast mit ihrem Leben bezahlt hätten. Zwei Tote waren
bereits zu beklagen, Rodolfo Chiavari und Martinelli,
gestern der Anschlag auf den UN-Generalsekretär, der
zwei Schwerverletzte forderte, und ein Ende war noch
nicht abzusehen. Bei der Suche der Schuldigen tappte
man noch im Dunkeln. Die Medpharma AG, die in
den letzten Jahren zu einem der größten Pharmakon-
zerne der Welt aufgestiegen war, besaß viel Macht. Sie
hatten fast alles aufgekauft, was irgendwie nach Geld
roch, um den Hunger der Aktionäre zu stillen. Zur-
zeit liefen einige ganz große Projekte in China und
Indien, somit fehlte ihnen nur noch Amerika. Hatte
uns vielleicht Dr. Gloden verraten und mit dem halb
entwickelten Produkt bei der Staroil angeklopft, um
an die Akte zu gelangen? Da mich diese Frage nicht
losließ, wollte ich im Anschluss an die Konferenz so-
fort nach Köln reisen, um gewisse Berichte durchzu-
checken und eventuelle Beweise auf Aktionen gegen
uns und den UN-Generalsekretär ausfindig zu ma-

                         170
chen. Ich musste mit Tommaso reden, der Zugang
zum Werk hatte, und in der Pause die Situation mit
den anderen besprechen.
Der UN-Generalsekretär meldete sich zu Wort: „Mei-
ne Damen und Herren, sehr verehrte Gäste, wir be-
ginnen jetzt mit den Ansprachen der einzelnen Re-
gierungen und Delegationen. Ich bitte Sie erstens, so
wie Frau Dr. Sharp, ein Programm vorzulegen, wie
die Emissionen drastisch reduziert werden können,
und zweitens, Ihre Meinung zu einer gemeinsamen
Weltenergieversorgung darzulegen.
Ich überlasse das Wort als Erstes dem Gastgeberland
Frankreich, das, wie wir wissen, 85 Prozent seiner
Energie aus Kraftwerksanlagen bezieht. Bitte, das Wort
an den Herrn Präsidenten François Soisson.“
„Monsieur le Secrétaire, Mesdames et Messieurs, d’ab-
ord je vous souhaite un bon séjour dans notre pays et
à Nice. Bienvenu. Wie ich stehen alle Mitglieder mei-
ner Partei und Frankreich wie vorgegeben zu unseren
Verträgen gegenüber unserer Bevölkerung und Euro-
pa. Wir möchten in keiner Weise jemandem zu nahe
treten, aber Sie müssen wissen, die Kernkraft hat uns
viele Jahre mit Energie versorgt und das mit saube-
ren Emissionswerten. Nur Wasserdampf gelangt in die
Atmosphäre. Die Abfälle sind, verglichen mit anderen
Rohstoffen, gering. Meine Regierung und ich sind
nicht bereit, auf diese Energie zu verzichten. Ich bin,
was die Verschmutzung und den CO2-Ausstoß auf
den Straßen und in der Schwerindustrie angeht, einer
Meinung mit Frau Dr. Sharp. Wir werden alles tun,
um einer Eindämmung Folge zu leisten. Weiter sind
wir bereit, uns mit einem geringeren Anteil an der In-
vestierung der Meerplattformen zu beteiligen. Es soll
alles Mögliche getan werden, dass kein weiterer Scha-

                         171
den am Klima entsteht. Ich bedanke mich.“
Applaus der verschiedenen Delegationen und Regie-
rungen hallte durch den Raum.
„Jetzt geht das Wort an unseren Nachbarn Russ-
land.“
(Auf Russisch die ersten Begrüßungsworte.) „Natür-
lich haben wir Interesse an sauberer Energie, aber wir
können deswegen nicht die Gashähne zudrehen. Wir
tun alles, damit unsere Kunden zufrieden sind, und sie
sind zufrieden bis auf einige, die immer etwas auszu-
setzen haben und sich für eine gerechtere Welt einset-
zen. Dann sollen sie eben frieren, von mir aus.“
Murmeln und Gelächter gingen durch den Saal.
„Ja, meine Damen und Herren, Sie haben die Wahl,
und wir zeigen uns aufgeschlossen gegenüber den
Plänen der neuen Energiegewinnung – aber erst se-
hen, dann glauben. Wir werden unser Bestes tun, um
die Finanzierung in unserem Teil der Erde voranzu-
treiben. Im Moment erkenne ich noch nicht so sehr
den Bedarf. Was die Klimaveränderung angeht, stehen
wir, geografisch gesehen, als Land sehr am Pranger,
und wir benötigen sowohl wirtschaftlich als auch so-
zial Überlebenspotenzial, damit es unserem Volk an
nichts fehlt. Ich glaube, man muss differenzieren, wo
man die Grenze zieht. Wir werden, bis nicht geklärt
ist, wie es konkret weitergehen soll, auf Herkömm-
liches nicht verzichten, und ich denke, Sie werden das
von anderen Regierungen genauso vernehmen. Vie-
len Dank fürs Zuhören.“
Der Präsident von Venezuela übernahm das Wort:
„Okay, wir machen weiter, bis die Anlagen auch vor
unseren Küsten stehen. Aber ob diese dann vor Or-
kanen und Stürmen sicher sind, müssen wir noch
abwarten. Wir können unsere Abmachungen gegen-

                         172
über der OPEC und unserer Kundschaft nicht ein-
fach ignorieren. Die weltweite ökonomische Krise
bekommen wir auf jeden Fall nicht unter Kontrolle.
Wie soll das funktionieren, komplette Industriezwei-
ge schließen? Arbeitslosigkeit und Armut greifen ja
jetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten um sich.
Das komplette Chaos würde ausbrechen und Bürger-
kriege wären vielerorts nicht auszuschließen. Selbst
in den reichen Ländern dieser Erde. Ich empfehle
den Herren dieser so sauberen Energie, sich einmal
Gedanken zu machen, wie das Ganze politisch stabil
durchgeführt werden soll. Es ist ein unwahrschein-
licher Kraftakt der ganzen Menschheit nötig, an den
ich nicht glaube. Wir werden langsam über alternati-
ve Energie nachdenken müssen, aber erst in zwanzig,
dreißig oder vierzig Jahren können wir sie dann auch
einsetzen. Mein Volk müsste hierüber abstimmen, ob
es zu Hause verhungern oder weiter an unseren Erd-
schätzen teilhaben will. Ich bedanke mich fürs Zuhö-
ren“, beendete er seine Rede.
Ich musste zugeben, einfach würde das nicht werden.
Weitere Länder, wie China und Amerika, zeigten sich
zwar sehr interessiert, aber keiner wollte Opfer brin-
gen und schon gar nicht investieren. Es kam mir vor
wie ein Mini-Kyoto-Gipfel.
Ich musste sofort mit dem Generalsekretär sprechen,
um mich zu beraten.
„Meine Damen und Herren“, ergriff ich das Wort,
„ich habe volles Verständnis für Ihre Argumentatio-
nen. Ich möchte aber nicht versäumt haben, dass auf
alle in einigen Jahren eine schwere Last zukommen
wird, falls wir nicht zumindest zu einem einheitlichen
Programm kommen sollten, wenn auch nur unter Li-
zenz und der Kontrolle der Energiebehörden. Sie dür-

                         173
fen somit frei entscheiden, ob es sich lohnt, individu-
ell und ohne Einmischung Dritter die reinste Energie
dieses Planeten anzunehmen und menschenwürdig
zu verteilen. Jedem, unabhängig von Farbe, Herkunft,
Religion, Politik und Reichtum, sollte die Teilhabe
an dieser Energie ermöglicht werden. Es bedarf nur
ein wenig Mut, den Anfang zu wagen, und schnell
wird sich herausstellen, dass es an Arbeit nicht man-
geln wird. Eine neue Ära fängt an, für die Konzerne,
die Automobilindustrie, das Bauwesen und viele an-
dere. Alles muss modernisiert und umgerüstet werden.
Erstens wird dies viele neue Arbeitsplätze schaffen.
Zweitens werden die Preise für Rohstoffe wieder be-
zahlbar sein, und es wird für weitere Hunderte von
Jahren Gas, Erdöl, Holz und andere Rohstoffe geben.
Drittens gäbe es wieder mehr sauberes Wasser auf die-
sem Planeten, das zurzeit noch im Industriebereich
verschwendet wird. Eine Umstrukturierung ist bitter
notwendig, um dem Planeten und uns Menschen, den
Tieren und der Pflanzenwelt eine Chance zu geben.
Ich rufe Sie alle nochmals auf: Tun Sie es für unsere
Mutter Erde. Herzlichen Dank für Ihr Ja bei der Ab-
stimmung zum neuen Energiezeitalter.“
Die Menschen im Saal standen auf und applaudierten.
Meine Rede war zudem live über alle Rundfunk- und
Fernsehanstalten verfolgt worden. Ich hatte zur letzten
Waffe gegriffen und den Generalsekretär überzeugt,
zumindest einen Teil des Gipfels und meine Rede öf-
fentlich auszusenden. Es würde sich bald herausstel-
len, was die Bevölkerung aller Staaten und Nationen
darüber dachte. Schließlich gab es Oppositionsgrup-
pen in den einzelnen Ländern, und ich wollte es nicht
versäumen, diesen Menschen die Nachricht zu über-
bringen.

                         174
Die angeheizte Stimmung führte dazu, dass die Kon-
ferenz auf den darauffolgenden Tag verlegt wurde. Die
unterschiedlichsten Parteien und Gremien sollten be-
raten, über welche Vorgehensweise man sich entschei-
den würde.
Etwas genervt und abgespannt verließen wir den Gip-
fel. Ich rief sofort Tommaso an, um ihn auf den Flug
nach Köln vorzubereiten. Serena wollte ihn begleiten.
León hatte Bedenken, da ihr Verlobter in den nächsten
Tagen aufkreuzen wollte.
„Ich halte es für keine gute Idee“, sagte er zu Jackie.
„Was wollen wir ihm sagen? Deine Freundin ver-
bringt die Ferien mit dem Sohn meines Freundes in
Köln?“
Da Jackie die Auffassung ihres Mannes teilte, versuch-
te sie, ihrer Tochter das Ganze auszureden. Aber sie
wolle noch etwas von Europa sehen, verteidigte sich
Serena, was ihr jedoch keiner abnahm.
„Du musst es wissen. Ruf aber auf jeden Fall an, um
ihm zu sagen, dass du einige Tage nach Köln musst“,
sagte ihre Mutter beschwichtigend.
„Mama, ich kann noch nichts sagen, Tommaso ist ein
sehr lieber Mann“, erwiderte sie zögernd.
„Was soll das heißen? Hast du etwa mit ihm geschla-
fen?“ Jackie sah sie streng an.
„Nein, aber ich muss zugeben, dass ich auf dem besten
Weg bin, mich in ihn zu verlieben.“
„Serena, tu nichts, was dir später leid tun würde. Am
besten du rufst ihn sofort an, er soll kommen, und
du bleibst hier bei uns“, forderte Jackie ihre Tochter
nachdrücklich auf.
„Ich bin kein Kind mehr und werde aufpassen, Tom-
maso nicht wehzutun. Und dabei hat er mich gefragt,
mitzukommen.“

                         175
„Wir wollen nur dein Bestes. Aber frag deinen Va-
ter.“
„Er weiß Bescheid und hat nichts dagegen“, schloss
Serena das Gespräch und ging runter zu Tommaso,
um alles zu besprechen.
Bereits am nächsten Morgen ging ein Flug von Niz-
za nach Köln. Marcella wollte ihre Freundinnen zu
Hause wiedersehen, und so beschloss sie, mitzufliegen,
was uns nicht gerade erfreute, da im Augenblick die
Sicherheit an erster Stelle stand. Leider konnten wir
keinen Bodyguard mitschicken. Sie verstand die miss-
liche Lage und versprach, sich dementsprechend zu
benehmen.
Wir wollten uns heute Abend nach dem Abend-
essen noch mit den amerikanischen und arabischen
Öllieferanten beraten. Obwohl jeder den Ernst und
die Dringlichkeit der Lage verstand, wollte keiner an-
beißen, einen Alleingang zu wagen. Die Regierun-
gen und die Politiker, die an der Macht waren, hatten
einfach nicht den Mumm, die Interessekonflikte über
Bord zu werfen und ein Papier zustande zu bringen.
Aber immer mehr Menschen gingen auf die Straße,
um für eine gerechtere Welt zu demonstrieren. Sie
wollten einfach nicht mehr mit ansehen, was gewis-
se Kreise mit ihnen machten. Der Terror hatte sei-
nen Höhepunkt erreicht, man war völlig hilflos und
konnte mit allen Überwachungskameras und Sicher-
heitsmethoden nicht sicher sein, wann alles in die Luft
flog.

„Wir werden in einer Stunde mit dem Hubschrauber
abgeholt“, sagte ich zu Teresa, „sorg dafür, dass du fer-
tig bist, Schatz.“
„Kein Problem“, kam es aus dem Badezimmer.

                          176
Pünktlich wurden wir auf der Jacht des Ölscheichs
Al Sahim Mohamed Sahid abgesetzt, wo sich auch
verschiedene andere wichtige Persönlichkeiten ein-
gefunden hatten. Die Jacht war mit allen technischen
Raffinessen und komfortablem unbezahlbarem Luxus
ausgestattet. Hier konnte man Monate verbringen,
ohne sich zu langweilen, sogar ein Pool befand sich
an Deck.
Nach dem herzlichen Empfang wurden wir zu einem
Aperitif auf die überdachte Terrasse geführt.
„Das müssen an die hundert Gäste sein“, raunte ich.
Jan konnte es nicht fassen, in welchem Überfluss ge-
wisse Menschen lebten. „Ich hab einiges erlebt, aber
dies ist der Wahnsinn, Toiletten mit Seide und Bild-
schirmen an den Wänden.“
„Hast du auch bemerkt, wie viele Wachen auf und
um das Boot postiert sind?“, äußerte sich Guiglelmo
beeindruckt.
„Hier kommt nicht mal ein Fisch näher als eine Meile
an das Schiff ran, ohne dass er bemerkt wird“, sagte
León zu Jan.
„Wir sitzen praktisch in der Falle“, erwiderte ich sehr
ernst.
Sie schauten mich verdutzt an, wobei die Frauen von
meiner Bemerkung nicht erfreut zu sein schienen. Ich
musste lachen und sie entspannten sich etwas. Aber
eine gewisse Unruhe hatte ich ausgelöst. Wenn die
Amerikaner nicht da gewesen wären, hätte ich der
Einladung nicht zugesagt. Aber mir kam es schon selt-
sam vor, dass die Amerikaner jede Rede mit den Wor-
ten „God bless America“ abschlossen. Nur Amerika?
Sie konnten ihr Spiel blendend spielen.
Wir wurden zu Tisch gebeten, wo man uns nach allen
Regeln der Kunst bewirtete. Der Scheich hatte neben

                         177
meiner Frau Platz genommen und unterhielt sich über
Essen und Köche. Ich saß neben dem amerikanischen
Außenminister, der den Präsidenten entschuldigte, der
beim französischen Staatspräsidenten dinierte. Aber er
versicherte mir, dass der Präsident gerne mit uns ins
Geschäft kommen wolle, zusammen mit Addis Abeba,
den Arabischen Emiraten, Irak und Iran. Jeder hatte
seine Vertreter heute Abend losgeschickt. Mir war klar,
dass sie unter ihren Bedingungen die Anlagen wirt-
schaftlich nutzen wollten und es gefährlich war, in die
Höhle des Löwen einfach so hineinzuspazieren, vor
allem mitten auf dem Wasser und noch dazu alle zu-
sammen. Außer den Kindern waren wir alle da. Ein
Fehler, dachte ich. Ein ungutes Gefühl beschlich mich
und wollte mich nicht wieder loslassen. Ich ahnte, dass
hier ein Deal stattfinden sollte, bei dem ich Farbe be-
kennen musste.
Plötzlich tauchten aus dem Nichts in der Abenddäm-
merung drei Hubschrauber am Horizont auf, ein gro-
ßer und zwei kleinere.
Alle schauten sich an, und einer am Tisch meinte:
„Werden noch mehr Gäste erwartet?“
„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte der amerikanische
Außenminister und blickte rüber zum Scheich.
„Nein“, sagte der Scheich nur.
Er stand auf, ging zum Fenster und gab den Befehl:
„Alle Sicherheitsbeamten auf ihre Posten!“
Da hörten wir auch schon eine Stimme durch den
Lautsprecher des großen Hubschraubers sprechen:
„Wir bitten die Herrschaften, sich ruhig zu verhalten,
sonst sind wir gezwungen, das Schiff in die Luft zu
sprengen und zu entern. Die beiden anderen Hub-
schrauber sind mit Raketen bestückt und zielen ge-
nau in Ihre Richtung.“

                         178
Die Frauen fingen an zu schreien und zu weinen.
„Ruhig bleiben!“, sagte der Scheich beschwörend.
„Ich übernehme das.“
Er ging hinaus aufs Deck, fuchtelte mit den Händen
und schrie irgendetwas, was keiner verstand, während
der große Hubschrauber auf der Landeplattform auf-
setzte. Die Türen wurden aufgerissen und zehn, fünf-
zehn Männer sprangen mit ihrem Anführer und vor-
gehaltenen Waffen heraus. Über uns, in etwa hundert
Meter Entfernung, warteten die beiden anderen Hub-
schrauber, die Raketen konnte man klar erkennen.
Ich drehte mich zu Teresa und meinen Freunden um
und zischte: „Wir müssen sehen, dass sie uns nicht
erwischen. Es wird ernst.“ Mein einziger Gedanke
bestand darin, so schnell wie möglich vom Schiff zu
gelangen. „Habt ihr Taucheranzüge an Bord?“, frag-
te ich die Besatzung. „Wir müssen, bevor sie herein-
kommen, dafür sorgen, dass wir abtauchen können.
Wie viele habt ihr?“
„Etwa zehn Stück.“
„Also los, wo sind sie untergebracht?“ Ich drehte mich
um. „Euch werden sie nichts tun. Sie wollen nur uns.
Schnell in die Umkleidekabine. Helft uns, die Din-
ger anzuziehen. Ihr kommt alle mit. Ihr könnt ja alle
tauchen. Wir machen es so wie auf Spitzbergen, keine
Angst, schnell, schnell.“
Der amerikanische Außenminister wollte sich uns an-
schließen, aber ich gab ihm sofort zu verstehen, dass er
dableiben solle, um die Besatzer zu beruhigen. „Wenn
sie nach uns suchen, sind wir gar nicht hier gewesen,
verstanden!“
Er schien es einzusehen. Ich musste demnach die
Amerikaner nicht verdächtigen und ebenso wenig
die Araber. Doch wer steckte bloß dahinter? Ich hät-

                          179
te schwören können, einen östlichen, vielleicht russi-
schen Akzent bei den ausgestoßenen Drohungen her-
ausgehört zu haben. In diesem Augenblick konnte ich
mich jedoch nicht darauf konzentrieren.
Wir zogen so schnell wie möglich die Taucheranzüge
an und stiegen durch ein Bugfenster ins Wasser. Ich
verließ das Schiff in der Abenddämmerung als Letz-
ter, während ich oben Getöse und schreiende Frauen-
stimmen hören konnte, und ließ mich ins kalte Nass
fallen. Als sie uns bemerkten, ging neben uns augen-
blicklich eine gewaltige Explosion im Wasser hoch.
Wir wurden von der Druckwelle erfasst und tauchten
etwas tiefer in die immer dunkler werdende See. Nach
etwa fünf Minuten, die wir hintereinander schwam-
men, tauchte ich langsam auf, um zu sehen, was los
war und wie weit das Ufer entfernt lag. Seitlich von
uns flogen die beiden Hubschrauber und suchten mit
Scheinwerfern nach uns. Keine hundert Meter rechts
von mir entfernt befand sich die hell erleuchtete Sky-
line von Monte Carlo. Ich tauchte wieder unter und
gab Anweisung, mir zu folgen. In einer felsigen Bucht
erreichten wir etwas später Land. Es war inzwischen
dunkel geworden, was uns zum Vorteil gereichte. Einer
nach dem anderen liefen wir zu den Felsen. Wir fro-
ren in der Kälte. Wir mussten schnellstens an ein Tele-
fon rankommen, um die Polizei zu informieren und
Tommaso zu bitten, uns Kleidung zu besorgen.
Jan wollte sich darum kümmern und lief im Taucher-
anzug über die Straße zu einer Bar.
„Entschuldigung, könnte ich meine Familie anrufen,
ich hatte einen Unfall mit meinem Boot und hab
mich gerade noch retten können“, gab Jan als halbe
Notlüge an.
Der Wirt reichte ihm das Telefon und sagte: „Ein

                         180
Glück, dass keine weiteren Menschen zu Schaden ge-
kommen sind, oder?“
„Nein, nein, ich hatte Glück, das Boot hat einen Fel-
sen erwischt, den ich in der Abenddämmerung über-
sehen habe.“
Er wählte Tommasos Handynummer. „Tommaso, ich
bin’s Jan. Hör zu, wir brauchen Kleidung, und zwar für
uns alle. Ich befinde mich in der Nähe des Cafés de la
Rive in Monte Carlo, rue St. Denis. Ich erwarte dich
an der Ecke, beeil dich! Wir haben nur Taucheranzüge
an. Hast du verstanden?“, flüsterte Jan ins Telefon.
„Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.
„Alles okay, wir erklären dir das später, bis gleich,
mach schnell, es ist ziemlich kalt und ungemütlich in
diesen Dingern.“ Jan legte auf. „Ich werde von der
Familie abgeholt.“ Er bedankte sich und verschwand
im Dunkel der Nacht.

Die Presse hatte Wind von den Hubschraubern be-
kommen, die über der arabischen Jacht vor der Bucht
von Monte Carlo eine Rakete abgefeuert hatten, und
die Meldungen überschlugen sich, da auch bekannt
geworden war, wer sich noch auf dieser Jacht auf-
hielt. Man wusste aber nichts von unserer geglückten
Flucht. Spekulationen machten wieder die Runde,
vielleicht hatten einige Mitarbeiter der Jacht etwas
weitergegeben.
Es wurde Zeit, dass Tommaso klare Anweisungen für
seinen Besuch in Köln bekam.
„Tommaso, mein Junge, ich hab eine ziemlich heikle
Aufgabe für dich.“
„Und die wäre?“
„Ich möchte, dass du zum Werk fährst und in mei-
nem Computer die Akten runterlädst und löschst. Das

                         181
dürfte kein Problem sein, ich werde dein Kommen
anmelden. Du musst außerdem versuchen, eine Ver-
bindung mit dem Zentralcomputer herzustellen und
die Dateien von Dr. Gloden, Adressen und Dokumen-
te, auf den Stick zu laden. Damit finde ich möglicher-
weise unseren Feind oder denjenigen, dem wir unsere
Bespitzelung zu verdanken haben.“
„Ach so ist das“, folgerte Tommaso blitzschnell, „du
vermutest, einer deiner Mitarbeiter könnte in die Sa-
che involviert sein.“
„Und noch etwas, ich würde Serena nicht da mit
reinziehen. Ein gut gemeinter Rat. Ich will nicht, dass
Unruhe in unsere Freundschaft mit Jackie und León
kommt. Sie hat bereits einen Verlobten. Aber ich will
dich nicht bevormunden“, sagte ich offen.
„Bist du in sie verliebt?“, grinste Marcella. „Wie inte-
ressant und geheimnisvoll!“, neckte sie ihn weiter.
„Hört auf, ihr beiden!“, schaltete sich Teresa ein. „Ich
hab da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Dein Paps
hat recht, das könnte Komplikationen geben. Wenn
der Urlaub vorbei und sie zurück in den Staaten ist,
wird sie dich schnell vergessen haben. Am besten ihr
bleibt gute Freunde. Dein Vater war damals auch ein
bisschen in Jackie verliebt, soviel ich mitbekommen
habe. Aber der Verstand hat gewonnen.“
„Ach was, glaub deiner Mutter nicht so einen Blöd-
sinn, bloß weil wir einige Male als junge Menschen
zusammen getanzt haben, heißt das noch lange nichts“,
fügte ich etwas verärgert hinzu.
Sie lachten alle drei und ich musste schmunzeln.
„Sie ist schließlich eine bildhübsche Frau“, sagte Tere-
sa, „und ein Mann kann das ja nicht übersehen.“
„Also was soll das Ganze?“, fragte Tommaso. „Ich bitte
euch, mischt euch nicht in meine Angelegenheiten.

                          182
Ich weiß schon, was ich tue. – Papa, ich werde auf-
passen, aber ich hab ihr bereits zugesagt, dass sie mit-
gehen kann. So, ich muss eine Stunde weg und die Ti-
ckets für Köln abholen. Marcella, willst du mitgehen,
damit du siehst, dass gar nichts an euren Fantastereien
wahr ist?“
Keiner glaubte ihm, die Blicke, die sich Tommaso und
Serena ständig zuwarfen, und das häufige Zusammen-
sein waren verdächtig genug.
Etwas später wurden wir von der hiesigen Polizei über
den Vorfall verhört, der sich auf dem Schiff ereignet
hatte.Wir genossen wie alle diplomatische Immunität,
weswegen wir nur einige Fragen über uns ergehen
lassen mussten.
„Herr Brink“, fragte der Kommissar, der mit zwei an-
deren Gehilfen die Untersuchung leitete, „ist Ihnen
jemand oder etwas Verdächtiges bei dem Überfall auf
dem Schiff aufgefallen?“
„Nein, nichts“, gab ich kurz zurück.
„Wir wollen Sie nicht belästigen, aber jeder Hinweis
mag von enormer Bedeutung sein.“
„Haben Sie denn nichts Konkretes herausgefunden?“,
antwortete ich mit einer Gegenfrage.
„Wir können leider keine Auskunft darüber geben“,
erwiderte der Kommissar sofort.
„Leider kann ich Ihnen nicht behilflich sein, es tut
mir leid“, schloss ich die Unterhaltung. „Wir müssen
zum Gipfel und werden jeden Augenblick abgeholt.“
„Ich will Sie nicht weiter aufhalten, aber eine letzte
Frage: Warum haben Sie nicht gleich die Polizei ge-
rufen, sondern Ihren Sohn?“
Verflixt, dachte ich, was soll ich darauf nur antworten?
„Wir brauchten dringend Kleider anstatt Fragen, und
somit hatte die Gesundheit Priorität, meinen Sie nicht

                          183
auch?“, äußerte ich etwas verärgert. „Darüber hinaus
sind Sie ja sofort zur Stelle gewesen, um Beweise si-
cherzustellen. Also, was sollten wir auf einer Polizei-
wache? Wir waren froh, heil da rausgekommen zu
sein, sonst hätten wir und Sie mehr Schwierigkeiten
gehabt, als uns lieb ist“, versuchte ich ihn nochmals zu
überzeugen.
Es schien ihn zu überzeugen. „Gut, also dann, wenn
Ihnen etwas Wichtiges einfallen sollte, Sie wissen ja,
wo Sie mich erreichen können. Einen weiteren unge-
störten Aufenthalt bei uns. Es tut mir leid. Alles Gute.“
Er drehte sich um und deutete den beiden anderen
Polizeiinspektoren an, dass sie gehen konnten.
Ich ließ sie wortlos hinaus.
Ein Bodyguard kam auf uns zu und sagte, dass der Wa-
gen bereitstand, um uns zum Gipfel zu fahren.
Ich verabschiedete mich von Teresa und Marcella.
„Meine Lieben, ich melde mich, sobald wie möglich.
Versucht in der Zwischenzeit, ruhig zu bleiben, und
bleibt im Hotel. Bitte kein weiteres Risiko. Tschüss.“
„Pass auf dich auf“, flüsterte Teresa. Sie klang besorgt
und traurig. Die ständige Unruhe ging ihr mittler-
weile auf die Nerven. Sie würde mit Jackie und Fiona
zusammen in der Launch einen Kaffee trinken.

3. Verhandlungstag

Der letzte Tag auf dem Gipfel hatte begonnen. Es soll-
te so lange verhandelt werden, bis ein Kompromiss
gefunden wurde.
Es war nicht leicht, die augenblickliche Lage und die
unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu brin-
gen. Wir würden hart kämpfen und argumentieren
müssen, die Finanzierung des Projektes und eine Ver-

                          184
teilung der Energie zu sichern. Ich hatte wenig Ver-
trauen in die Politik, da in den letzten Jahrzehnten zu
viel falsch gemacht worden war, ob bei militärischen
Aktionen, der Terrorismusbekämpfung oder anderen
nicht gehaltenen Versprechen. Das ganze Lügenge-
spinst hatte zu viel Hass unter den Bevölkerungen
geführt. Die Welt war zerstritten. Anstatt am selben
Strang zu ziehen, taten sich die politischen Mächte
schwer, eine gemeinsame Lösung zu finden, damit es
eines Tages besser würde.

Im Konferenzsaal wurde ich wie ein Held begrüßt,
was mir schmeichelte; dennoch blieb ich ernst und
kühl. Wer steckt dahinter?, dachte ich nur. Der UN-
Generalsekretär, der noch immer ziemlich mitgenom-
men aussah, empfing mich und fasste mich bei den
Oberarmen.
„Herr Brink, wir sind stolz auf Sie. Ich habe vom
amerikanischen Kollegen und seinem Außenminister
von Ihrer mutigen Flucht von dem Schiff erfahren.
Unglaublich diese Menschen. Wir müssen und wer-
den alles daransetzen, um zu erfahren, wer diese Leute
sind, die an die Formel wollen. Auf der anderen Seite
bin ich der festen Überzeugung, dass wir jetzt eine
Menge Nationen zusammenbekommen, da sie nun
von der Wichtigkeit Ihrer Energiegewinnung über-
zeugt sein dürften. Wenn ich bitten darf, Sie haben
heute das Wort. Alle brennen darauf, die Nachricht
von Ihnen persönlich zu erfahren.“
„Danke, Herr Generalsekretär“, antwortete ich kurz.
„Ich möchte alle bitten, sofort abzustimmen, anstatt
meine persönliche Kriminalgeschichte zu erzählen.
Aber nach der Abstimmung werde ich dazu etwas sa-
gen.“ Über diese Angelegenheit ließ man besser Gras

                         185
wachsen und schwieg, bevor noch mehr Unheil her-
aufbeschworen wurde.
Die Konferenz erreichte einen weiteren Höhepunkt,
als die chinesische Delegation Stellung nahm.
„Meine verehrten Mitglieder, wir wollen uns an dem
Vorhaben beteiligen und die Finanzierung zu hundert
Prozent übernehmen. Dafür garantieren wir mit Fest-
preisen für die nächsten hundert Jahre. Des Weiteren
wollen wir weltweit auch in Drittländern für die Was-
serversorgung einstehen, was im dritten Millennium
neben der Energieversorgung das zweite zentrale Pro-
blem darstellen dürfte.Wir sind überzeugt davon, diese
beiden Bereiche zusammenzulegen, damit keine wei-
teren Kriege geführt werden müssen. Ferner schlagen
wir vor, Afrika und Südamerika die Entscheidung in
Fragen der Abholzung der Wälder zu übertragen. Die
restlichen Themen, wie Sauerstoff und Klimaverände-
rung, sollen Europa, die Atomüberwachung den Aus-
traliern und dem Nahen Osten die fossilen Brenn-
stoffe in die Hände gelegt werden. Amerika erhält die
Aufsicht über die weltweite Ernährung, Indien über
Technologien und Hightech wie Computer, und an-
dere Ressorts gingen an Mittelamerika und die Phil-
ippinen. Russland würde die Menschenrechtsüberwa-
chung zugeteilt. Auf diese Weise würden alle Aufgaben
weltweit gerechter verteilt, während die Arbeitsweise
alle paar Jahre aufs Neue demokratisch unter die Lupe
genommen würde, was wiederum keinem die Mög-
lichkeit bietet, sie zu seinen Gunsten zu gestalten. Ich
möchte Sie bitten, hierfür eine Resolution zu erlassen.
Damit übergebe ich das Wort wieder an die Leitung
der Konferenz. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“
Es herrschte Stille und einige Sekunden später Ge-
murmel bis aufgebrachte Stimmen. Ich hatte dieser

                          186
Rede ganz genau zugehört und war zu einer positiven
Schlussfolgerung gekommen, auch wenn die vorge-
schlagenen hundert Jahre mir zu lange erschienen, die
Stabilität, aber auch Abhängigkeit brachten. Die Ver-
teilung der Ressorts bei rotierender Führung sprach
mich eher an. Ich wollte versuchen, dieser Tatsache
neutral und geradlinig ins Auge zu schauen. Die an-
deren Gremien, Organisationen, wirtschaftlichen und
politischen Gäste hingegen brachten nur Geplänkel
hervor, das nicht klar und eindeutig definiert umsetz-
bar erschien.
Nun also lag ein konkreter Ansatz zu allen Problemen
auf dem Tisch, dessen Umsetzung natürlich jahrelanges
Verhandeln voraussetzte. Europa, der alte Kontinent,
hatte seine Wurzeln, könnte jedoch an Haarspalterei
und am Eigennutz scheitern. Frankreich zum Beispiel
besaß außer der Aufbereitung der Brennstäbe nichts,
was für Deutschland wichtig wäre.Weder soziale noch
politische Einsichten oder sagen wir mal so, kein fu-
sionstüchtiges Unternehmen. Frankreich beharrte auf
Atomenergie und von einem Ausstieg war man weit
entfernt. In Deutschland hingegen liefen bereits heiße
Debatten, zudem lagen konkrete Pläne zum Stilllegen
gewisser Nuklearanlagen bereits vor, auch wenn dies
nicht der totale Ausstieg bedeutete.
Nach zweistündigem Zuhören war ich an der Reihe.
Angriffslustig wie selten brauchte ich diesen Druck
für meine Rede. Ich hob die Hände und begrüßte die
Anwesenden im Saal.
„Meine Damen und Herren, ich will nur eins: näm-
lich diesen Energiegipfel dazu nutzen, alle Völker
dieser Erde an den Reichtümern unseres einmaligen
Planeten teilhaben zu lassen. Lassen Sie uns zusam-
men das Beste daraus machen und uns vor schwe-

                         187
ren unwiderruflichen Fehlern bewahren. Meine sehr
verehrten Gäste, ich muss eingestehen, solange noch
keine Anlagen gebaut wurden, bleibt meine Theorie
reine Theorie, genauso wie der Vortrag der chinesi-
schen Delegation, bis konkrete Schritte unternom-
men worden sind. Wir sollten uns hier und heute die
Frage stellen, wie man etwas geschichtlich Einmaliges
zustande bringen kann. Eine neue Ära muss einge-
leitet werden. Die Pole schmelzen. Die Wasservorrä-
te schwinden. Die Atmosphäre erhitzt sich stetig. Das
Ozonloch wird zusehends größer. Die Rohstoffe ge-
hen zur Neige. Die Konflikte nehmen zu. Die Kluft
zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Das Le-
ben immer hektischer und schneller.
Wohin gehen wir? Wir rennen geradezu ins Verder-
ben. Aber diejenigen interessiert es nicht, die bislang
bestimmt haben und in ihrer Villa mit Bodyguards vor
den Türen und installierten Kameras auf ihrem Geld
sitzen. Sogar für solche Menschen wird’s irgendwann
brenzlig, wenn auch gegen viel Bezahlung nichts mehr
zu haben und unsere Lebensgrundlage definitiv zer-
stört sein wird. Zum Schluss will ich Ihnen noch eins
ins Stammbuch schreiben: Sie sind verantwortlich für
die Katastrophe, wenn keine klare Entscheidung bei
diesem Gipfel getroffen wird, denn die Zeit läuft uns
davon. Es wäre dumm, sich mit irgendwelchen Argu-
menten davonzuschleichen. Meine Damen und Her-
ren, wir alle in diesem Saal sind dazu auserwählt, etwas
für unsere Völker zu unternehmen.Viel Glück.“
Applaus brandete auf. Ich konnte zufrieden sein, aber
hatten sie alle verstanden und waren sich der Tragwei-
te auch bewusst?
Der Generalsekretär kam ans Rednerpult, schüttel-
te mir die Hand und gratulierte zu dieser Rede. Er

                          188
nahm das Mikrofon. „Meine Damen und Herren,
meine Damen und Herren …“, er musste die Stimme
erheben, „wir wollen uns bei Dr. Brink bedanken für
seinen selbstlosen Einsatz für unseren Planeten.“ Er
schaute mich an und fuhr fort: „Er sollte nicht nur
eine Plattform, sondern auch die Führung des Pro-
jektes bekommen.“
Während ich zu meinem Platz ging, standen viele auf
und klopften mir auf die Schulter oder fassten mich
an als Geste des Einverständnisses.
Der UN-Generalsekretär sprach weiter: „Ich möchte
jetzt zu unserer Abstimmung kommen, will aber allen
Anwesenden die Möglichkeit geben, sich hinter ver-
schlossenen Türen ein weiteres Mal zu beraten. Nach
dem Mittagessen treffen wir uns hier wieder. Vielen
Dank und allen guten Appetit.“




                        189
Die Abstimmung

Die Stimmung war gut. Jeder sah ein, dass etwas unter-
nommen werden musste, aber wie, wenn der eine
dem anderen misstraute. Die Chinesen und die Rus-
sen votierten für einen Alleingang, jeder auf seine Art,
der eine monopolistisch, der andere autoritär. Beide
konnten nicht überzeugen. Die Inder sahen in einer
liberalen Verwaltung den besten Weg. Die Amerika-
ner wollten sich in keine Jacke zwängen lassen und
frei entscheiden, während die Europäer selbstbewusst,
aber nicht festgelegt waren. Die Südamerikaner sahen
eine Chance als fünfter Kontinent voll mitzumischen,
da sie viele ihrer Rohstoffe noch nicht einmal ange-
tastet hatten. Die arabischen Länder mussten mit US-
Dollar alles zurückbezahlen, wollten sie mitmischen.
Afrika schaute hoffnungsvoll in die Zukunft, würde
das Projekt angenommen. Es schien mir so, dass ein
Kompromiss gesucht werden musste, auch wenn die
Verhandlungen ein paar Tage länger dauern würden.
Wie gesagt, die Stimmung war gut.
In den Gängen wurde heftig weiterdebattiert. Den
Atommächten war dies alles ein Dorn im Auge, da
sie saubere Energie produzierten und an keinerlei di-
rekter Luftverschmutzung beteiligt zu sein schienen.
Aber wenn es – wie in Tschernobyl und Krümmel,
Bugey und Kashiwazaki Kariwa, dem größten Atom-
meiler der Welt – zu einem erheblichen Störfall kom-
men sollte, waren die Folgen eklatant.
Man befand sich in einem Teufelskreis. Die Araber
oder Gas und Öl fördernden Länder wollten auf ihre
Einnahmen nicht verzichten, die Politiker nicht auf
die Steuereinnahmen und die Großaktionäre nicht auf
ihren Profit. Erst recht nicht die Konzerne, die sich in

                          190
dieser Branche tummelten oder sie bestimmten. So-
gar als Druckmittel für praktische Ziele eignete sich
der Rohstoff sehr gut. Ohne Rücksicht auf Verluste
schritt indes die Erderwärmung mit Riesenschritten
voran. Erst die Sauerstoff- und Energieanlagen konn-
ten ein Ende herbeiführen.
Zu guter Letzt mussten alle irgendwann mitziehen.
Man konnte die Spannung förmlich spüren, als am
Nachmittag die Delegationen den Konferenzraum
betraten. Eine beklemmende Stille, die die immense
Konzentration und den Erwartungsdruck widerspie-
gelte, war eingetreten. Die Ruhe vor dem Sturm.

Tommaso, der inzwischen mit Serena abgereist war,
wollte sich melden, sobald alles erledigt war. Dr. Glo-
den wie die Leitung waren informiert. Sie hatten zwar
etwas stutzig und kühl auf meine Bitte reagiert, letzt-
endlich aber zugestimmt. Schließlich handelte es sich
um mein Wissen, bereits bevor ich bei Medpharma
gelandet war. Nur die Lizenz war unter ihrer Obhut
angefragt worden, aber unter meinem Namen. Ich
würde also immer der geistige Vater der Erfindung und
dieser wunderbaren erneuerbaren Energie bleiben.
Obwohl frühere Kulturen dazu beigetragen haben
mochten, sie wieder zu erfinden. Ich war mir sicher,
dass die alten Ägypter hierüber schon verfügt hatten
und viele Geheimnisse noch nicht gelüftet waren. Die
monumentalen Hinterlassenschaften konnten nicht
einfach vom Tisch gefegt werden, und auch wenn sie
nicht direkt etwas bewiesen, dienten sie als Weg, uns
rätselhaftes Wissen zu hinterlassen. Ich fragte mich am
Rande, was in 15.000 Jahren von unserem Symbol-
Zeichen radioaktiv übrig bleiben und was geschehen
würde, wenn jemand ungewollt die Fässer öffnete, um

                         191
zu sehen, was drin ist. Wir mussten alles tun, damit so
etwas nicht geschah. Das galt auch für Biowaffen und
andere gefährliche Stoffe oder verseuchte Gebiete.

Die Nachrichten überschlugen sich förmlich seit
meiner Rede. Jeder wollte dabei sein und als Erster
die neue weltweite Energieordnung verkünden. Sie
mussten sich allerdings noch etwas in Geduld üben,
obwohl sie bereits einige spekulative theoretische
Möglichkeiten von dem Konferenzsprecher der UN
erhalten hatten.
„Es scheint, dass Bewegung in den Energiebeschluss
dieses Gipfels gekommen ist. Leider können wir noch
keine genauen Angaben zur künftigen Leitung und
Umsetzung machen. Eine Enthaltung wird von Ame-
rika und den Rohstoff fördernden Ländern erwar-
tet, unter anderem auch Russland. Sie dürften eine
Einmischung in ihre Energiepolitik nicht so einfach
hinnehmen. Andererseits wollen sie die Chance nicht
verpassen, dabei gewesen zu sein, die Zukunft nicht
den anderen überlassen und in fünfzig Jahren mit lee-
ren Händen dastehen. Es ist schon ein merkwürdiges
Hin und Her. Wir werden uns sofort wieder melden,
sobald sich etwas tut „, schloss der Reporter der Fern-
sehstation National & Global TV (N&G).
Alle Nachrichtensender übernahmen jeden noch so
kleinen Hinweis, um die Neuigkeit zu verbreiten. Pa-
rallel liefen die Wetterprognosen, die den Klimawan-
del und die Konsequenzen dokumentierten.
Meine Freunde strahlten Zuversicht aus, außer Jan. Er
sah schwarz. Ich war doch positiver gestimmt, dass es
uns gelingen würde, einen einstweiligen Kompromiss
herauszupressen. Man musste die einzelnen Staaten
auf ihre Schwierigkeiten aufmerksam machen, wenn

                         192
sie versuchten, sich herauszureden oder die Sache zu
bagatellisieren.Weltweit verursachten Wetterkapriolen
nicht nur Milliarden an Kosten, sondern mehr und
mehr Menschen wurden zunehmend hoffnungsloser
und ärmer, da die Hilfen immer später oder gar nicht
in vielen Ländern dieser Erde ankamen. Dadurch
fehlte es insbesondere an sauberem Trinkwasser, sodass
sich neue Epidemien rasend schnell ausbreiten konn-
ten, denen auch die Gesundheitswissenschaft macht-
los gegenüberstand.

Tommaso verließ in diesem Augenblick gerade den
Flughafen Köln-Bonn, als er merkte, dass jemand sie
verfolgte.
„Dreh dich nicht um und gib mir dein Handy. Ich
muss jemand fotografieren“, sagte er beiläufig.
„Wo ist er?“, fragte Serena.
„Nicht umdrehen, ich mach das schon. – So, damit
du ein Bild vom Flughafen bekommst“, sagte er fröh-
lich, fotografierte in Richtung Verfolger und tat so, als
würde er das Gebäude mehrmals aufnehmen.
Man konnte sehen, dass der Typ nicht wusste, wie er
reagieren sollte. Eilig verschwand er in der Eingangs-
tür.
„So, jetzt schnell weg hier. Taxi!“ Er nahm Serena an
der Hand und zog mit der anderen die Reisetasche
ins Taxi, während er die Eingangstür im Auge behielt.
Der Taxifahrer fuhr los und erkundigte sich nach
ihrem Ziel.
„Zu den Medpharma-Werken“, gab Tommaso kurz
zurück.
„Wer war das, kennst du ihn?“
Er schaute zurück und konnte aus der Entfernung er-
kennen, dass der Typ nun telefonierte.

                          193
„Es wird gerade gemeldet, dass wir angekommen
sind.“
Serena schaute mich verdutzt an. „Wer weiß von
unserer Ankunft außer diesem Dr. Gloden, so lautet
doch sein Name, oder?“
„Egal, wir werden beobachtet und müssen vorsichtig
im Werk sein, damit mein Vater die Liste bekommt.“
„Ja klar, aber wie?“, lästerte sie. „Wir können uns nicht
unsichtbar machen.“
„Das ist kein Witz“, sagte Tommaso verärgert. „Die
führen etwas im Schilde und wir sollten aufpassen,
denn es hat bereits Tote gegeben. Ich hab keine Lust,
so früh schon ins Gras zu beißen.“
„Ach, du denkst bloß an dich“, tat Serena etwas be-
leidigt. „Aber ich kann schon selbst auf mich aufpas-
sen.“
„Serena, mach mal halblang.“
Sie lächelte und stieß mit ihrer zierlichen Schulter
gegen seinen Arm. „Ich wollte dich nicht verärgern“,
sagte sie ganz sanft. „Ich freue mich, mit dir zusam-
men reisen zu können. Es ist sehr spannend, wie in
einem Spionagefilm!“
„Als ob wir uns hier auf einer Urlaubsreise befin-
den.“
„Ach, du hast keinen Humor, wie unsere Alten. Nur
die Wissenschaft zählt.“
Tommaso schwieg und schaute nach draußen.
„Bist du beleidigt?“
„Nein“, erwiderte Tommaso. „Du benimmst dich nur
etwas leichtsinnig.“
Sie zuckte mit den Schultern, zog sich auf den Sitz
zurück, lehnte sich gegen die andere Fensterseite und
schwieg. Jetzt schien sie beleidigt zu sein. Sie fuhren
schweigsam durch die Innenstadt und erreichten nach

                          194
einer halben Stunde das Hauptgebäude des Konzerns.
Im obersten Stock erwarteten sie zwei Herren.
„Guten Morgen“, begrüßte sie ein dicklicher älterer
Herr. „Mein Name ist Piersch, Jacob Piersch, und das
ist Dr. Gloden.“ Ein schmächtiger Mann Mitte fünf-
zig. „Nehmen Sie Platz.“
„Guten Morgen, Herr Piersch“, entgegnete Tommaso
und reichte ihm die Hand. Ein fester Griff, den Tom-
maso erwiderte. „Das ist Fräulein Almeida und ich bin
Brink, Tommaso Brink.“
„Guten Tag“, sagte Serena etwas schüchtern und zu-
rückhaltend.
„Ach so, Fräulein Almeida, die Tochter von León Al-
meida nehm ich an“, sagte Dr. Gloden scheinbar in-
teressiert.
„Ja, die bin ich in der Tat“, antwortete Serena stolz.
„So, kommen wir zur Sache, ich muss das Abendflug-
zeug noch erreichen, mein Vater braucht dringend die
Unterlagen“, unterbrach Tommaso geschickt die Vor-
stellung.
„Wofür braucht Herr Brink die Unterlagen?“, wollte
Piersch wissen.
„Da bin ich überfragt“, log Tommaso glaubhaft. „Ich
soll sie auf einen Memorystick runterladen. Ich neh-
me an, Sie haben so etwas im Hause.“
„Ja natürlich“, sagte Dr. Gloden etwas vorsichtig.
„Aber Sie können nicht ohne Begleitung an seinen
Computer.“
„Kein Problem“, gab Tommaso sofort zurück. „Somit
wäre alles geklärt, wo finde ich das Büro meines Va-
ters?“
„Ja, dann wollen wir mal“, meinte Piersch etwas zö-
gerlich. Er schien nicht ganz froh darüber zu sein,
vertrauliche Informationen herausgeben zu müssen.

                         195
Dabei ging es gar nicht um die Unterlagen, sondern
darum, was Dr. Gloden, der vermutlich die Formel für
die eigenen Zwecke missbrauchen wollte, mit den In-
formationen gemacht haben könnte. Ob diese Spuren
zu ihren Feinden führten?
Tommaso und Serena standen auf und wollten sich
sofort an die Arbeit machen.
„Wir sehen uns nachher, wenn Sie wegfahren. Sicher-
heitshalber werden wir Sie zum Flughafen begleiten“,
verabschiedete sich Herr Piersch.
Wenig später schaute sich Tommaso in meinem
Arbeitszimmer interessiert um. Aber da schien nichts
Interessantes zu sein. Hinter meinem Schreibtisch be-
fand sich eine Wand mit geschlossenen Schränken.
Neben meinem Computer, traditionsgemäß, ein Foto
der Familie.Wenn es nicht so gut lief, wandte ich mich
an sie und führte Selbstgespräche. Zwei große Bilder,
die an die Entstehung des Werkes erinnerten, zierten
die Wand. Die Stores waren immer runtergelassen, um
die interne Ruhe zu unterstreichen. Hier konnte ich
gut nachdenken.
Tommaso schaute Dr. Gloden an und sagte: „Können
Sie für mich den Computer starten, das vereinfacht
den Zugang.“
„Hat Ihnen Ihr Vater denn nicht die Codes gegeben?“,
fragte er überrascht.
„Ja sicher“, erwiderte Tommaso.
„Da fehlt aber noch einer, den kenn ich nicht“, be-
merkte Dr. Gloden.
„Den hat mir mein Vater mitgeteilt. Sie können uns
jetzt ruhig alleine lassen und weiter Ihrer Arbeit nach-
gehen, wir möchten Sie nicht aufhalten.“
„Kein Problem, aber …“
Er wollte noch etwas sagen, aber Tommaso unterbrach

                          196
ihn: „Sie können ohnehin nichts mehr für uns tun,
den Rest mach ich alleine. Zudem hab ich eine Ex-
pertin dabei, wenn’s nicht klappen sollte. Fräulein Al-
meida ist eine hervorragende Computeranalytikerin.
Sie wird mit jeder Maschine fertig“, log Tommaso.
„Na gut, aber ich darf Sie nicht alleine lassen, wurde
festgelegt.“
„Gut, dann lassen Sie uns anfangen“, sagte Tommaso
genervt, worauf Dr. Gloden sich hinsetzte und den
Computer startete.
„Gleich haben wir es.“ Nach etwa zwei Minuten
stand der letzte Code zur Eingabe bereit.
„Dr. Gloden, würden Sie bitte etwas zur Seite gehen,
damit ich den Code meines Vaters eingeben kann.“
Ich hatte ihn nirgendwo aufgeschrieben, damit keiner
ihn entwenden konnte, und vermochte die Dateibe-
arbeitung mit einem zweiten Code aufrechtzuerhalten,
sonst würde er sich alle 64 Sekunden selbst ausschal-
ten. Dr. Gloden, der etwas nervös wirkte, stand etwas
abseits und ahnte wohl, dass etwas nicht stimmte.
„Ich werde mich beeilen“, beruhigte Tommaso ihn
und versuchte, in einem versteckten Fenster in den
Computer von Dr. Gloden zu gelangen. Es funktio-
nierte zum Glück auf Anhieb. Seine gesamte Korre-
spondenz der letzten sechs Monate öffnete sich vor
Tommaso, die er sofort herunterlud, zeitgleich mit
einem Teil der Daten meines Terminkalenders. So
konnte man nicht sehen, dass dahinter ein anderes
Programm ablief und downgeloadet wurde.
Dr. Gloden versuchte herauszufinden, wofür die
Daten waren.
„Damit die Konferenz mit dem nötigen Material be-
liefert werden kann“, gab Tommaso zurück.
„Wie läuft’s denn so in Nizza, kann man mit einem

                         197
guten Ergebnis rechnen?“, fragte Dr. Gloden, um ab-
zulenken.
„Kann im Moment keiner sagen.“
„Ist bestimmt nicht einfach, einen Interessenkonflikt
zu umgehen“, fügte Dr. Gloden etwas sarkastisch hin-
zu. Als keine Antwort von Tommaso kam, fuhr er fort:
„Es würde mich nicht wundern, wenn keine Eini-
gung zustande käme.“
„Wie lange arbeiten Sie und mein Vater eigentlich zu-
sammen?“, konterte Tommaso etwas gereizt.
„Nichts für ungut, Ihr Vater und ich haben viele
Stunden zusammen verbracht, aber ich glaube ein-
fach nicht daran, dass diese Welt es so wünscht, wie
Ihr Herr Vater es anbietet. Es sollte einer die Leitung
und die Verteilung des Gesamten übernehmen. Da-
durch wäre man an die Verpflichtungen gebunden,
die vom Vertreiber angegeben werden, und die Inves-
titionen mit entsprechender Rendite könnten an die
Kreditanstalten zurückfließen. Eine Menge Geld und
Arbeitsplätze …“
„… und eine Menge Nichts für denjenigen, der sich
das nicht leisten kann“, fiel Tommaso Dr. Gloden in
die Parade.
Dr. Gloden schwieg. Er hatte verstanden, dass Tom-
maso und ich das Thema ähnlich betrachteten.
In diesem Augenblick traten zwei Männer in den
Raum und postierten sich neben der Tür. Dahinter
kam Herr Piersch.
„So, Fräulein Almeida, Herr Brink junior, ich habe
Anordnung, Sie ohne das Material gehen zu lassen und
Hausverbot für Sie und Ihren Vater zu erteilen. Wei-
teres kann und will ich hierzu nicht sagen. Also, ich
bitte Sie, unser Werk zu verlassen. Ihrem Vater werden
natürlich alle seine Sachen zugeschickt. So, das war’s!

                         198
Kein weiterer Kommentar.“
Die beiden anderen Männer bewegten sich auf Tom-
maso zu, doch Serena sprang ihnen entgegen, um sie
aufzuhalten. Sie blieben stehen, ein Handgemenge
entstand. In dieser Situation bediente Tommaso noch-
mals eine Taste und zog den Stick heraus. Er sprang
nun ebenfalls auf und stemmte sich gegen den Typen,
der auf ihn zukam, dieser torkelte und fiel zu Boden.
Da ließ der andere Serena los und griff nach Tom-
maso. Er duckte sich, griff den Arm von Serena und
sie liefen den Gang hinauf zum Aufzug. Tommaso be-
tätigte den Knopf und die Tür ging auf. Sie wählten
das Erdgeschoss. Zwischen den Schiebetüren tauchte
plötzlich ein Arm auf, und Tommaso musste Gewalt
anwenden, indem er den Mann durch den offenen
Spalt mit einem Fußtritt in den Magen zurückdrängte.
In letzter Sekunde gelang es Tommaso, nochmals auf
den Knopf zu drücken, damit die Türen sich schlos-
sen. Endlich ging es abwärts.
„Das war knapp!“, sagte Serena erleichtert und etwas
bleich im Gesicht.
„Ja! Ich muss den Aufzug im ersten Stockwerk anhal-
ten, wir fliehen dann über die Treppen, das vermuten
sie nicht“, meinte Tommaso und drückte die Taste.
Als der Aufzug anhielt und die Türen sich öffneten,
standen zwei Frauen vor ihnen, die hereinwollten.
Tommaso hielt Serena am Arm.
„Wir fahren in die Tiefgarage, wo wollen Sie hin?“,
erkundigte sich eine der Frauen.
„Ja, wir auch“, gab Tommaso betont freundlich zu-
rück.
„Du fährst vor“, sagte sie zu ihrer Kollegin. „Wir tref-
fen uns dann hinten, okay?“
„Ja, ist gut.“

                          199
In diesem Augenblick änderte Tommaso seinen ur-
sprünglichen Plan, indem er die andere Frau beim
Hinausgehen aus dem Aufzug verfolgte. Serena ver-
stand Tommasos Vorhaben mit kurzer Verzögerung. Er
tat so, als müsste er in dieselbe Richtung. Die Frau
nahm die Fernsteuerung heraus, um den Wagen start-
klar zu machen.
Dann sagte sie: „Tür auf und Radio an, Motor starten
und ausfahren.“
Der Wagen rollte rückwärts aus der Parklücke. In dem
Moment machte Tommaso einen Satz auf sie zu, hielt
ihr den Mund zu und nahm ihr den Kommando-
schlüssel ab, um im Handbetrieb weiterzufahren. Da
der Wagen nur auf die Stimme des Besitzers reagierte,
musste Tommaso verhindern, dass sie dem Wagen an-
dere Befehle gab. Sie musste mit einsteigen, während
Serena sich hinters Steuer setzte.
„Sorgen Sie dafür, dass alles glattgeht und wir heil
rauskommen, sonst seh ich mich gezwungen, Ihnen
wehzutun“, zischte Tommaso. „Verstanden?!“
Die Frau nickte nur. Serena fuhr mit quietschenden
Reifen Richtung Ausgang.
„Tommaso, da ist eine Schranke und einige Männer in
Uniform, was soll ich machen?“
„Fahr drauflos, ohne Rücksicht.“
„Aaaah“, schrie Serena.
Die vier Männer sprangen zur Seite. Wenig später wa-
ren sie draußen auf der Straße. Das Licht blendete alle.
Serena riss das Steuer nach rechts und fuhr Vollgas die
Straße hinunter. Ehrlich gesagt, sie wusste nicht, wo-
hin.
„Wo geht’s zum Bahnhof?“, fragte Tommaso und löste
endlich die Hand vom Mund der Wagenbesitzerin.
„Es wurde auch Zeit! Wissen Sie, mit wem Sie es zu

                          200
tun haben? Und was soll das Ganze? Wer sind Sie und
was wollen Sie?“, sträubte sie sich. Sie schrie nun: „Ich
werde überhaupt keine Auskunft geben. Lassen Sie
mich los, Sie, Sie verdammtes Arschloch. Ich werde
Sie anzeigen.“
„Tun Sie das. Wenn Sie uns verraten, wo sich der
Bahnhof befindet, lassen wir Sie frei, hier und jetzt.“
Sie gab eine brauchbare Wegbeschreibung.
„Darf ich jetzt aussteigen? Was ist mit meinem Wa-
gen?“
„Den können Sie am Bahnhof abholen“, antwortete
Tommaso. „Serena, halt drüben hinter dem roten Wa-
gen an.“
„So, meine Liebe, Sie können hier aussteigen.“ Er
stieg als Erster aus und ließ sie aussteigen. „Es tut mir
leid für die Unannehmlichkeiten, aber Ihre Kollegen
haben uns keine andere Wahl gelassen.“ Er schaute sie
an und bemerkte erst jetzt, dass er eine gut aussehende
Frau vor sich hatte.
„Wie heißen Sie?“, fragte sie.
„Brink. Warum?“
„Um eine Anzeige zu machen“, fuhr sie fort, „Sie …
Sie  …“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und
winkte mit der Hand ab.
„Also dann, Sie finden Ihren Wagen vor dem Bahn-
hof, wenn nichts dazwischenkommt. Geben Sie mir
Ihr Handy, damit sie nicht auf dumme Gedanken
kommen.“
Sie weigerte sich und versicherte, niemanden anzu-
rufen zu wollen, bis sie weit genug waren. Irgendwie
glaubte er ihr und stieg vorn ein.
Er wusste nicht, dass er gerade meiner Lieblings-
mitarbeiterin für die laufenden wissenschaftlichen
Projekte, Fräulein Antonia, den Wagen geklaut oder

                          201
vielmehr ausgeliehen hatte. Darum hatte sie keinen
unnötigen Wirbel gemacht, als sie hörte, dass es sich
um meinen Sohn Tommaso handelte. Sie war Mit-
te dreißig und schon immer hinter mir her gewesen,
aber außer einem Abendessen war nichts dabei her-
umgekommen.Tatsächlich rief sie nicht die Polizei an,
dafür aber im Werk, um mit Piersch zu sprechen.
„Hören Sie, was soll das ganze Theater, mich hat gera-
de der junge Brink mit einer jungen Dame mit mei-
nem eigenen Auto entführt. Ich steh hier mitten in
der Stadt und will von Ihnen wissen, was das soll? Was
ist passiert? Wo befindet sich Dr. Brink?“
„Also beruhigen Sie sich, ich schicke einen Wagen
und werde Ihnen alles erklären.“
„Ich brauch keinen Wagen, ich bin verabredet und
nehme mir ein Taxi.“ Sie beendete das Gespräch und
war richtig sauer auf Piersch.

Serena fuhr Richtung Bahnhof. Tommaso legte die
Hand auf ihre Schulter und versuchte, sie zu beru-
higen und ihr zu erklären, dass sie nach Frankfurt
zum Flughafen fahren sollte. Unterwegs erlebten sie
eine weitere Überraschung. Der Winter hatte wieder
Einzug in Deutschland gehalten, wobei ein Schnee-
sturm mit Schneeverwehungen von über einem Me-
ter für Chaos in der Großregion Frankfurt sorgte. Da
die Autobahnen nicht mehr befahrbar waren, saßen
sie nun in einem 30-Kilometer-Stau fest. Ein Glück,
dass sie die Taschen bei sich hatten. So konnten sie
sich wärmer anziehen, wenn die Brennstoffzelle des
Hybridfahrzeugs leer war. Sie hatten damit gerechnet,
bis Frankfurt zu kommen, aber so würde es in einer
Stunde vorbei sein mit Fahren und Wärme.
„War besser in Mexiko“, sagte Serena.

                         202
„Du wolltest ja unbedingt mit.“
„Dies hattest du auch nicht erwartet, so plötzlich.“
„Nein, aber so weit ist es schon gekommen mit dem
Klimawandel.“
„Da kannst du sehen, unsere Daddys sind auf der rich-
tigen Spur, was die wissenschaftliche Forschung an-
geht“, sagte Serena trocken.
„Da gibt es keinen Zweifel“, bestätigte er. „Ich schalte
alles aus, damit wir die Brennstoffzelle schonen kön-
nen. Wer weiß, wie lange wir hier noch ausharren
müssen.“
„Es scheint noch kein Ende in Sicht zu sein“, bestä-
tigte Serena.
Draußen liefen Menschen hin und her, um sich über
den Ernst der Lage zu informieren und zu erfahren,
wie lange es noch dauern würde.
Tommaso ließ den Sitz in Liegeposition bringen, um
etwas zu schlafen, als jemand in Uniform ans Fenster
klopfte.
„Ihr werdet erfrieren, hier zwei Decken vom Roten
Kreuz. Sie wurden gerade mit Kleinlastern range-
schafft“, sagte ein bärtiger Typ.
„Danke.Wie lange wird es noch dauern, bis die Auto-
bahn frei ist?“, fragte Tommaso.
„Keine Ahnung, gehen Sie davon aus, bis morgen
Früh. Wir bringen später noch heißen Tee. Also dann,
ich muss weiter.“ Er verschwand im Schneetreiben.
„Keine guten Aussichten. Ich trau mich nicht anzu-
rufen“, sagte Tommaso.
Was jetzt ziemlich sicher war, die Verfolger hatten ihre
Spur verloren. Sie nahmen die Decken und kuschel-
ten sich hinein. Serena legte nach einer Weile den
Arm auf seine Brust und kraulte ihn liebevoll. Tom-
maso ließ es geschehen und fühlte eine wohltuende

                          203
Wärme aufsteigen.
„Bleib so, Tommaso“, sagte Serena liebevoll, und er
verstand sofort, dass sie jetzt nicht mehr wollte. Er
streichelte ihre Hand und bald schliefen sie ein.

Die aufgebrachten Russen wollten verhindern, dass es
zu einer Ratifizierung kam, zumal China sie bereits im
internationalen Handel mit dem Westen und Amerika
überholt hatte. China konnte mittlerweile alles liefern,
und das hochwertig, egal, was es war. Eine wirtschaft-
liche Macht wie China sollte nicht auch noch der
Energieversorger der Erde werden, und das hundert
Jahre lang. Daher reichten die Russen ihr Veto ein.
Der Gipfel drohte zu platzen und wieder vertagt zu
werden. Die Ölstaaten wollten sich dem anschließen
und sogar Frankreich war für die Europäische Union
auf einmal ein Querdenker geworden. Das Papier, das
man erarbeitet hatte, war in diesem Moment nicht
einmal die Tinte wert. Ich sagte mir, wenn es zu kei-
nem Kompromiss käme, wäre das ganze Projekt und
die Zukunft unseres Planeten besiegelt. Ein wilder
Konkurrenzkampf seitens der Öl-, Strom- und Was-
serlieferanten würde die Folge sein. Der kleine Mann
könnte die schon jetzt horrenden Preise nicht mehr
bezahlen. Die Lebenshaltungskosten stiegen in enor-
me Höhen. Dazu kamen die Sozial-, Gesundheits- und
Altersversorgung, die nur noch private Gesellschaf-
ten anboten, wobei die einzelnen Staaten seit Jahren
nichts mehr für ihre Bürger zu tun vermochten. Von
einem Sozialstaat konnte schon lange nicht mehr die
Rede sein. Jeder musste zusehen, wo er blieb.
Doch zurück in den Konferenzraum, wo es bei der
Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit benötigte, aber
nur knapp die Hälfte für einen Politikwechsel votie-

                          204
ren würde, wenn nicht noch ein Wunder geschah. Es
schien so, als wollten die Amerikaner den Zug nicht
verpassen. Sie zogen mit einem Mal eine Alternative
aus dem Hut, was mich wunderte, sich andererseits
aber ziemlich positiv anhörte.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir hät-
ten folgendes Angebot zu machen: Wir stimmen zu,
die Ressorts rotieren zu lassen, aber wir wollen auch
unsere Bedenken zu der vorgeschlagenen hundert-
jährigen Verwaltung der Energieversorgung äußern.
Unserer Ansicht nach sollte die Verwaltung unter
internationaler, sprich UN-Kontrolle stehen, wäh-
rend China die Finanzierung übernimmt und die
Steuereinnahmen erhält. Somit wäre der Kuchen für
alle Beteiligten gleichermaßen aufgeteilt. Die Steuer-
einnahmen sichern die Finanzierung, und durch die
internationale Verteilung und Preiskontrolle wird das
Risiko der Eskalation gebannt. Des Weiteren möchte
Amerika die technische Logistik zum Bau der An-
lagen übernehmen, wobei diese an verschiedenen
Standorten gleichzeitig errichtet werden sollten.“
Zustimmendes Murmeln ging durch den Saal. Die
Lösung schien allen plausibel. Aber wir wussten, der
Teufel steckte im Detail.
„Hierzu gründen wir“, fuhr er fort, „einen Ausschuss,
der den Vertrag mit gesetzlichen Vorgaben ausarbeiten
soll. Dieser Vertrag sollte das Fundament der Mensch-
heit darstellen und in die Verfassung aufgenommen
werden. Ich hoffe, dass wir uns einig sind und uns
besinnen, dass wir unserer Mutter Erde etwas zurück-
geben. In diesem Sinne, vielen Dank“, schloss er seine
Rede.
Ein turbulenter Applaus brach los. Ich glaube, wir haben
es geschafft, dachte ich und schaute in die lächelnden

                          205
Gesichter von Guiglelmo und León. Wir konnten mit
dieser Lösung leben. Es musste nur alles organisiert
werden.
Endlich stand die geheime Abstimmung an. Vor der
Auszählung konnten wir im Foyer noch etwas zu uns
nehmen und einige Details besprechen.
Der UN-Generalsekretär gesellte sich zu uns und sag-
te zuversichtlich: „Wenn das nicht klappt, fresse ich
ein Jahr lang Raps.“
Wir mussten lachen.
„Wir können Ihnen welchen besorgen, kein Prob-
lem“, gab ich erfreut zurück.
In Deutschland war Raps einer der wichtigsten Öl-
produzenten der letzten fünf Jahre für die Autoindus-
trie. Man konnte ihn mittlerweile an jeder Zapfsäule
erhalten.
Drinnen wurden indes die Stimmen ausgezählt. Zwei-
hundertfünfundneunzig votierten mit Ja, neunund-
siebzig mit Nein, bei vierzehn Enthaltungen – eine
knappe Dreiviertelmehrheit. Alle applaudierten. Na ja,
nicht alle.
„Meine Damen und Herren, wir sind am Ziel. Heute,
zu dieser Stunde haben wir Geschichte geschrieben.
Wir können stolz sein. Es war ein harter Weg bis hier-
her, damit bald ein sauberer Kreislauf entstehen kann.
Ich empfinde wie damals, als der erste Mensch den
Mond betrat: ›Ein kleiner Schritt für den Menschen,
aber ein großer für die Menschheit.‹
An dieser Stelle möchte ich jedem von Ihnen danken.
Aber uns bleibt wenig Zeit und wir sollten sofort da-
mit anfangen. Herr Brink und seine Mannschaft be-
kommen jede erdenkliche Hilfe und die Mittel, um
das Projekt schnell zu realisieren. Sobald alles abge-
klärt ist, können die ersten Anlagen entstehen. Alle

                         206
sollen davon profitieren, und das zu einem vernünfti-
gen Preis und bis in die abgelegensten Gebiete dieser
Erde. Die verschiedenen Länder und die dazugehöri-
gen Gremien wollen sich zu einer weltumschließen-
den Konferenz treffen und Pläne erarbeiten, um ein
Netz zu schaffen, damit die neue Energie jedem zu-
gutekommt. Hierfür benötigen wir eine transparente
Energieversorgung. Ein jeder sollte hundertprozenti-
gen Einsatz und Verantwortung mitbringen. Nur so
gelingt es uns, eine saubere Umwelt zu schaffen und
alle Krisen und Kriege von uns fernzuhalten. Ich bin
stolz auf diesen Zusammenschluss und wünsche allen
eine bessere Welt. Nun bleibt nur noch, den nächs-
ten Termin festzulegen, bevor wir wieder zu unseren
Familien gehen können. Vielen Dank, Gott behüte
uns.“
Ohrenbetäubender Applaus donnerte durch den
Konferenzsaal. Jeder war aufgestanden. Alle Medien
konnten jetzt informiert werden, die die Nachricht in
Windeseile unter die Bevölkerung bringen würden.
Für uns bedeutete das, in nächster Zeit mit Hoch-
druck zu arbeiten.

Es sollte jedoch alles anders kommen. Wie schon in
der Bibel geschrieben steht: Der Weg war holperig.
Es erforderte Mut, Pioniergeist und junges Denken.
Das Ganze sollte von der Jugend kommen und nicht
von alten Hasen, die in mancher Hinsicht zu viel zu-
rückschauten. Ich wollte diesbezüglich meine Kinder
fördern, wenn sie wollten.

Ich konnte nicht schlafen und stand noch einmal auf.
Tommaso und Serena hatten sich noch nicht gemel-
det. Ich machte mir Sorgen. Als plötzlich Teresa neben

                         207
mir stand, erschrak ich fast.
„Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte sie ermattet.
„Sie gehen nicht ans Telefon, es ist ausgeschaltet. Ist
das gut oder schlecht?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht, um nicht lokalisiert zu
werden. Im Werk haben sie gesagt, sie wären nach
zwei Stunden zum Flughafen gefahren. Denen trau
ich nicht über den Weg.“

Gegen drei Uhr morgens wurden sie geweckt. Es war
eisig.
„Es geht weiter“, informierte sie eine Stimme durch
die Scheibe. „Langsam, aber sicher.“ Der junge Mann
gab die Nachricht auch an die anderen Wagen weiter.
Tommaso ließ den Motor an und fuhr langsam an,
während Serena zusammengerollt auf dem Hintersitz
schlief. Irgendwann gegen sieben Uhr erreichten sie
den Flughafen und buchten zwei Tickets nach Nizza.

Bis zum Mittag hatte die Presse bereits mehrere Inter-
views mit uns gemacht. Es stellte natürlich eine Sensa-
tion dar, dass nach all den World-Economic-Foren die
UN jetzt einen so großen Erfolg verbuchen konnte.
Sie hatte an Ansehen und Macht gewonnen. Ich hoff-
te nur, dass alles gut gehen würde. Es klopfte und noch
ein Pressemann wollte ein Interview.
„Ich hab genug, es reicht für heute. Sie sollen sich
telefonisch anmelden“, sagte ich zu León und den an-
deren.
„Find ich auch“, bestätigte Guiglelmo. Die anderen
nickten.
Jemand versucht sich doch noch Eintritt zu verschaffen,
dachte ich, bis ich die Stimme erkannte. „Dad, seid
ihr da drinnen?“

                         208
„Mensch, das ist Tommaso.“
Jackie lief sofort zur Tür und fragte: „Wo ist Serena?“
„Hier, Mom.“
„Gott sei Dank. Ich hab die ganze Nacht gebetet.“
„Warum habt ihr euch nicht gemeldet?“, wollte León
wissen.
„Ist eine lange Geschichte“, gab Tommaso zurück.
„Die wollten uns ohne die Daten hinausschmeißen.“
„Was ist geschehen?“, fragte Jan. „Diese verdammten
Medpharma-Heuchler“, machte Jan seinem Ärger
Luft.
„Jetzt mal langsam und eins nach dem andern“, sagte
ich. „Bitte, wo seid ihr gewesen?“
„Papa, in letzter Sekunde  …“, erwiderte Tommaso
und Serena erzählte den ganzen Ablauf.
Für mich war wichtig, was sich auf dem Memorystick
befand und welche Kontakte Dr. Gloden hatte. Nach-
dem der Computer eingeschaltet worden war, saßen
wir alle um den Bildschirm herum. Tommaso führte
alle Handlungen durch und gab die Passwörter ein.
Die Terminliste der letzten sechs Monate tauchte auf,
war aber verschlüsselt.
„Scheiße“, sagte León, „und was jetzt?“
„Nicht verzweifeln“, sagte Tommaso, „wir knacken
das schon.“
Er haute in die Tasten und versuchte auf verschiedene
Art und Weise, hinter das Geheimnis der Codierung
der Namen zu kommen. Uhrzeit und Datum waren
uncodiert, aber wir brauchten die Namen, um uns
einen Reim machen zu können.
„Ich hab’s, es fängt mit einem ›S‹ an.“
Der Computer spuckte Tausende von Buchstaben aus
und suchte nach den Silben.
„Ich glaub, ich weiß es“, rief ich. „Versuch Spitzber-

                         209
gen.“
Sobald Tommaso das Wort eingetippt hatte, stoppte
der Computer seine Aktivitäten. Der Schirm verdun-
kelte sich.
Alle sagten enttäuscht: „Nein!“
„Abgestürzt?“, fragte León.
„Oder Neustart?“, hoffte ich.
„Paps, du hast recht.“
Was für eine Hektik, dachte ich.
„Wir haben wieder Kontakt“, rief Jan aus.
„Ja, sieht gut aus“, ermutigte uns Guiglelmo. Für
einen Italiener war er eher ein stiller Mensch, bedacht
und nachdenklich. Er wurde auch immer Dottore
genannt, obwohl er Professor der Physik war. Aber
keiner nahm das in Italien so genau. Mit Titeln wie
Cavaliere, Commentatore, Dottore oder Don wurden
Menschen gerne angesprochen, um jemandem zu
schmeicheln oder als wichtig wirken zu lassen.
Der Schirm wechselte einige Male die Farbe und be-
gann auf einmal Texte zu laden. Jedes Mal tauchte
neben dem Datum auch die Uhrzeit auf sowie die
jeweilige Person oder Telefonnummer der dazugehö-
rigen Firma.
„Das wird nicht leicht“, meinte Jan.
Wir gingen die Namen alle durch. Es befanden sich
zwei russische und drei chinesische Namen darunter.
„Auf diese fünf Namen müssen wir uns konzentrie-
ren: Prokow, Milanosk, Li Ning, Zao Chan, Lu Yen,
um die weiteren kümmern wir uns später“, bemerkte
ich. „Mit diesen Namen steht Medpharma nicht di-
rekt in Kontakt, sie sind mir völlig unbekannt.Von den
anderen kenne ich mehrere.Wir müssen herausfinden,
mit wem sie in Verbindung stehen und zu welchen
Firmen sie gehören. Das könnte eine Spur sein.“

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„Wo fangen wir an?“, wollte León wissen. „Man
könnte im Internet recherchieren. Firmen und Na-
men von Direktoren, Aufsichtsratsvorsitzenden, Ma-
nagern und dergleichen. Ich weiß, das kostet Zeit,
aber wir müssen es versuchen.“
„Eine andere Lösung wäre, Dr. Gloden selbst zu fra-
gen“, lautete Guiglelmos Vorschlag. „Tommaso, du
kennst ihn ja bereits und weißt, wie er aussieht. Wir
könnten ihm einen überraschenden Besuch abstatten.
So wie sie es mit uns gemacht haben“, fuhr Guiglel-
mo etwas aggressiv fort.
„Willst du dich rächen?“, fragte ich ihn.
„Nein, aber ausquetschen werde ich ihn. Wo habt ihr
die Dokumente?“
„Guiglelmo, wir müssen uns beraten. Was meint ihr?“
León drehte sich zu den anderen um.
„Ich bin dafür, dass Gloden ein paar auf die Nüsse be-
kommt“, meinte Jan.
„Und ich bin dafür, jetzt Schluss zu machen“, sagte
Teresa mit fester Stimme. „Ihr wollt doch nicht kri-
minell werden. Es gibt bestimmt einen anderen Weg,
um an diese Leute heranzukommen.“
„Ich hab’s“, kam mir eine Idee. „Tommaso, du hast
doch den Wagen von meiner engsten Mitarbeiterin
Antonia Stevenson mitgenommen. Sie könnte uns
helfen. Sie steht auf unserer Seite, das weiß ich. Das
ist unsere Chance, herauszufinden, wer dahintersteckt.
Ich vertraue ihr und werde sie morgen sofort anrufen.
So, jetzt gehen wir schlafen.“
„Eine gute Nacht allerseits“, sagte Jackie, und alle gin-
gen auf ihre Zimmer.
Tommaso und Serena wollten noch etwas zusammen-
bleiben und verschwanden in seinem Zimmer. Keiner
machte eine Bemerkung.

                          211
Tausende von Gedanken schossen mir durch den
Kopf. Die Gefahr lauerte überall. Nicht, dass ich ner-
vös wurde – aber wie sollten wir uns gegen diese Leu-
te oder Intrigen schützen? Die Gefahr konnte sowohl
von den Konzernen als auch von politischer Seite aus-
gehen. Schlagartig wurde mir bewusst, dass dies nur
der Anfang einer Hetzjagd auf meine Technologie zur
Energieversorgung darstellte. Dass die UN sich der
Sache angenommen hatte, beruhigte mich ein wenig.
Irgendwann musste ich dann eingeschlafen sein.

Ich wurde vom Telefonläuten geweckt. Tastend griff
ich mit der linken Hand zum Hörer. „Ja, wer ist dort?“,
fragte ich mit verschlafener Stimme.
„Gebraucht die Daten von Dr. Gloden nicht, um
rumzuschnüffeln, ansonsten geht es euch dreckig, ihr
arrogantes Pack“, drohte eine etwas verstellte Män-
nerstimme auf der anderen Seite, ehe das Besetztzei-
chen erklang.
Ich schaute verblüfft den Hörer an. Wie waren sie an
unsere Zimmertelefonnummer gekommen, und wo-
her wussten sie, dass wir die Namen besaßen? Mir
wurde sogleich ein bisschen mulmig.
Teresas Stimme holte mich wieder aus meinen Ge-
danken zurück. „Wer war das?“ 
„Falsch verbunden“, log ich, wusste aber nicht, wa-
rum. Wollte ich sie damit beschützen? Sie sollte sich
keine Sorgen machen.
Am Frühstückstisch erwähnte ich, dass wir etwas be-
sprechen mussten, bevor ich Antonia anrufen wollte,
und die Bedrohung nicht auf die leichte Schulter neh-
men sollten. Es war uns nicht sofort aufgefallen, dass
Serena und Tommaso nicht am Frühstückstisch saßen,

                         212
oder alle schienen dasselbe zu denken, bis Marcella
meinte: „Unsere Turteltäubchen schlafen noch.“
Wir wollten lachen, brachten aber nur ein komisches
Grinsen heraus.
„Lass sie doch“, sagte Guiglelmo, „sie verstehen sich
offenbar prima.“
„Aber wir haben nicht das Gegenteil behauptet“, ver-
suchte Jackie ihn zu beruhigen. „Sie müssen wissen,
was sie tun. Sie sind jung und wollen sich auch ein
bisschen amüsieren.“ Es klang abgedroschen.
Ich behielt jeden Kommentar für mich.
Teresa stand auf und verließ wortlos den Speiseraum
Richtung Aufzug. Ich dachte, o weh, jetzt kriegt Tomma-
so etwas zu hören. Ich erwartete, dass er unsere Freund-
schaft mit León und seiner Frau respektierte und sich
zurückhalten würde. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich wollte der Liebesgeschichte zu diesem Zeitpunkt
keine Beachtung schenken. Die Überraschung traf
uns wie ein Blitz, als Teresa mit schnellen Schritten
und verschrecktem Gesicht zurück in den Saal kam.
„Was ist los?“, fragte ich und stand auf, um ihr ent-
gegenzugehen.
Sie hielt sich an mir fest und stammelte: „Das … das
Zimmer ist durchwühlt worden und leer.“
„Oh Gott“, sagte Jackie.
Mittlerweile waren alle aufgestanden und León lief
zum Aufzug. Wir folgten ihm.
„Jetzt reicht’s“, meinte Jan.
Wir liefen den Korridor hinunter zum Zimmer 3605.
Teresa hatte die Tür nur angelehnt und betrat auch als
Erste wieder das Zimmer.
„Schaut, alles durchwühlt!“
„Wer hatte den Stick mit den Daten?“, wollte Jackie
wissen.

                          213
„Tommaso“, erwiderte ich etwas gereizt.
„Scheiße, dann sitzen wir in der Klemme, wenn sie
ihn gefunden haben“, meinte Guiglelmo.
„Schau mal im Computer nach, ob sie gespeichert
sind – und wir werden sofort die Polizei informieren“,
sagte León mit grimmiger Miene und wurde wütend.
„Jan hat recht, mir reicht’s auch, ich steige aus.“
Keiner sagte ein Wort, bis Jackie das Wort ergriff: „Das
hättest du dir eher überlegen sollen. Wir werden alles
tun, um die Kinder gesund zurückzuholen. Außerdem
will ich, dass diese Schufte gefasst werden.“
Das Telefon klingelte. Sofort nahm ich den Hörer ab.
„Schaltet auf keinen Fall die Polizei ein. Verstanden?
Ihr Idioten habt wohl geglaubt, dass wir euch die
Daten einfach so überlassen. Außerdem, Dr. Gloden
braucht nur noch wenige Tage, um auch die Formel
zu besitzen. Es wird also sehr schwer sein, den Be-
weis herzustellen, wem die Formel gehört. Vielleicht
habt ihr sie ihm geklaut, heißt es dann. Wenn ihr ver-
nünftig seid, sind die beiden Vögelchen in ein paar
Tagen, wenn Dr. Gloden fertig ist, wieder bei euch.“
Das Telefon verstummte abrupt, bevor ich etwas sagen
konnte.
„Hallo, hallo, sind Sie noch dran?“
Mensch, was für eine Sauerei. Wir saßen fest. Ich
musste versuchen, sofort mit Antonia Kontakt auf-
zunehmen. Ich nahm mein Handy und wählte ihren
Namen. Erst jetzt merkte ich, dass jeder mich mit fra-
genden Blicken anschaute.
„Entschuldigung, ich muss telefonieren. Es waren die
Entführer“, sagte ich und rekapitulierte das Gespräch.
„Geht es ihnen gut?“, fragte Fiona.
„Das weiß ich nicht.“
„Mein Gott, was sollen wir tun?“, rief Jackie bestürzt

                          214
und hielt Leóns Hände.
„Beruhige dich, Schatz, wir werden gemeinsam bera-
ten, was wir tun können.“ León schaute mich an.
„Ja, ich telefoniere erst mal. Bitte etwas Ruhe.“
Ich wählte die direkte Nummer vom Büro.
„Ja, hier ist Antonia, was kann ich für Sie tun?“
„Ich bin’s, Antonia, Jeff. Hör mal, was ist los bei
euch?“
„Wieso fragst du?“
„Sie haben Tommaso und die Tochter meiner Freunde
letzte Nacht entführt auf der Suche nach den Kopien
von Dr. Glodens Terminen.“
„Ich hab davon gehört. Aber ich muss auflegen, ich
ruf dich in einer Viertelstunde zurück. Er kann jeden
Augenblick hier sein, dein guter Freund Gloden. Ich
trau ihm nicht über den Weg. Seit du weg bist, ist er
ständig oben beim Aufsichtsrat. Also bis gleich.“
„Ja, bis gleich.“ Ich legte den Hörer auf. „Der Tag
fängt ja richtig heavy an“, bemerkte ich. „Dieser ver-
dammte Heuchler will sich die ganze Arbeit unter
den Nagel reißen. Wir müssen das verhindern. Aber
erst die Kinder wieder gesund zurückholen.“
„Wie willst du das anstellen?“, fragte Jan.

Serena und Tommaso erwachten auf einer Pritsche
verschnürt nebeneinander in völliger Dunkelheit in
einem Kellergewölbe nicht weit von Nizza, aber auf
der italienischen Seite der Côte d’Azur. Die Pritsche
quietschte bei jeder Bewegung. Obendrein hatten die
Entführer ihre Münder mit Pflaster zugeklebt, damit
sie nicht miteinander sprechen konnten, nachdem sie
sie betäubt und hierher gebracht hatten. Sie konnten
draußen das Meer vernehmen und ab und zu das Mo-
torengeräusch von Autos. Schritte näherten sich der

                         215
Tür, ehe ein Riegel weggeschoben wurde. Unter der
Tür schien Licht durch, und es waren auch Stimmen
zu hören. Eine Laterne blendete sie, als die Tür auf-
ging.
Eine Männerstimme sagte: „Ich hab euch was zu es-
sen mitgebracht, wenn ihr euch anständig benehmt.“
Ein zweiter Mann stellte ein Tablett aufs Bett. Dann
zog er Serena von der Pritsche, drückte sie bäuchlings
auf die Matratze zurück und machte ihr einen Arm
frei. Sie wehrte sich.
„Bleib still! Verstanden! Sonst bekommen die Hunde
das Essen.“ Er zerrte sie unsanft am Arm und drehte
sie auf den Rücken, die Beine blieben gefesselt. Nach-
dem er ihr das Pflaster vom Mund gerissen hatte, be-
fahl er: „Verhalte dich ruhig, Indianerin, es kann alles
gegen dich verwendet werden.“
Sie schaute ihn mit verzerrten und schmerzvollen Au-
gen an, ohne einen Laut von sich zu geben. „Und er
bekommt nichts zu essen?“, sagte sie, wobei sie mit
dem Kopf auf Tommaso deutete.
„Halt den Rand und iss, solange du Zeit hast!“
Sie hatte keinen Hunger, aber dafür Durst, und fühlte
sich etwas benommen von dem Narkotikum, das man
ihr verabreicht hatte.
„Bist du fertig?“, erkundigte sich der Typ. „Also dann
dreh dich um – und keine Spielchen!“ Er verknotete
Serenas Arm schmerzvoll auf den Rücken, bevor er
ihr ein neues Pflaster verpasste. Sie wehrte sich zwar,
aber es hatte keinen Zweck. Der andere Mann rührte
sich nicht von der Stelle und beobachtete jede Hand-
lung mit einer Waffe im Anschlag. Nun kam Tommaso
an die Reihe.
Er fluchte: „Ihr verdammten Schweine! Sie kriegen
euch schon. Aah!“

                          216
Er bekam eine Faust voll ins Gesicht und schrie vor
Schmerz auf.
„So, das war für dein Benehmen, und wenn du nicht
dein Maul hältst, kannst du nur noch Suppe schlür-
fen.“
Er trank auch nur und spuckte ohne einen weiteren
Kommentar das Wasser wieder aus, da er aus dem
Mund blutete.
„So ist es recht“, sagte der Typ an der Tür.
Nachdem Tommaso wieder verschnürt worden war
und sein Pflaster verpasst bekommen hatte, zogen sie
ab. Die Tür fiel zu, und es war wieder dunkel. Der
Spalt unter der Tür erlaubte es gerade noch, die Ga-
bel zu erkennen, bevor das Licht ausgemacht wurde.
Tommaso hatte sie mit einem Bein verdeckt, als eben
das Tablett umgefallen war, und versuchte nun, sie in
die Finger zu bekommen, indem er sich sitzend, mit
den Händen auf dem Rücken, langsam vorwärtsbe-
wegte. Wenig später fühlte er das kalte Metall, griff
danach und kroch weiter Richtung Serena. Er pickte
sie ins Bein, damit sie verstand, dass er etwas hatte,
womit sie sich befreien konnten. Nach einiger Zeit
konnte er einen Arm von Serena befreien und hören,
wie sie sich das Pflaster vom Mund zog.
„Geschafft“, flüsterte sie. „Wo bist du?“ Sie tastete
sich an ihn heran, bis sie spürte, wo sein Gesicht war
und riss ihm den Klebestreifen vom Mund.
„Diese verdammten Schweine“, lautete sein erster
Kommentar. „Mach mich los, schnell, bevor sie wie-
der auftauchen. Wir müssen versuchen, denen zu ent-
kommen.“
Als er seine Hände freibekommen hatte, stand er auf,
tastete sich zu Serena und hielt sie wenig später in
den Armen. Anschließend löste er die Fessel an ihrem

                         217
anderen Arm.
„So, jetzt versuchen wir mit der Gabel die Tür aufzu-
bekommen.“ Kein leichtes Unterfangen.
Tommaso verbog die Gabel, damit er an den Riegel
kam, und mit Fingerspitzengefühl konnte er im Dun-
keln den Schieberiegel Stück für Stück aufmachen,
ohne laute Geräusche zu verursachen. Die Tür war
Gott sei Dank nicht mit dem Schlüssel abgesperrt
worden, was die Sache vereinfachte und sie Zeit ge-
winnen ließ. Aber sie wussten nicht, was sich im Dun-
keln hinter der Tür befand.
„Bleib dicht hinter mir auf den Knien. Lass uns he-
rausfinden, wo der Ausgang ist“, flüsterte Tommaso
Serena zu.
„Gut, also los, ich halt mich an dir fest, pass auf, dass
du nichts umstößt! Sei vorsichtig!“
Sie tasteten sich vorsichtig vorwärts und merkten
bald, dass sie in einem Korridor steckten. Rechts und
links erspähten sie zwei andere Türen und am Ende
des Gangs eine Holztreppe.
„Wir versuchen es in den anderen Räumen. Die Trep-
pe ist zu gefährlich“, flüsterte Tommaso.
„Denke ich auch. Wir sind offensichtlich in einem
Keller.“
„Ja, scheint mir auch so.“
Die erste Tür war verschlossen, aber der Schlüs-
sel steckte. Er drehte ihn langsam um, stieß die Tür
auf und tastete nach dem Lichtschalter, konnte ihn
aber nirgends finden. Links von ihm fiel ein kleiner
Lichtstrahl in den Raum. Die Augen gewöhnten sich
schnell an die Finsternis und sie konnten schemen-
haft erkennen, dass sie in einer Waschküche waren.
Tommaso näherte sich dem Lichtstrahl und bemerk-
te ein Kellerfenster. Sofort machte er sich am Hebel

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zu schaffen und öffnete die Fensterläden. Ein grelles
Tageslicht erhellte den Raum. Sie mussten aber so-
fort feststellen, dass ein Grill mit einer Kette an einem
Schloss am Boden verankert war, damit man von au-
ßen nicht reinkam.
„Scheiße, auch das noch“, bemerkte er. „Gibt es nichts,
womit wir das Schloss aufbrechen können?“
„Es muss schnell gehen, sie können jeden Augenblick
zurückkommen“, sagte Serena mit ängstlicher und
nervöser Stimme.
Nach kurzem Suchen hatte er Glück, dass er auf einem
Wandregal eine alte Wasserpumpenzange fand. „Na
also, das könnte klappen.“ Er klemmte den Schnabel
in den Schlossring und versuchte mit viel Kraft, den
Eisenring zu sprengen. Nach einigen erfolglosen Be-
mühungen machte er sich an der Kette zu schaffen. Es
gelang schließlich, die Schweißnaht etwas zu öffnen
und den Eisenring so weit aufzumachen, dass er in
den Fensterschacht steigen und gegen den Grill drü-
cken konnte. Er ließ sich einfach anheben. Vorsichtig
schaute er hinaus auf die Gartenanlagen und sah am
Horizont das Meer. Nachdem er nach links und rechts
geblickt hatte, zog er Serena hoch. Auf Knien krochen
sie bis zur Ecke. Dort entdeckten sie den Swimming-
pool mit der wunderschönen Gartenanlage, wo sich
einige männliche wie weibliche Gestalten um den
Pool tummelten und den warmen Tag genossen.
„Hier ist es zu riskant, den Garten zu durchqueren,
vielleicht können wir vorne weg“, flüsterte Tomma-
so.
Sie liefen an der Mauer entlang wieder zurück und
schauten vorsichtig über den Hof, wo einige Wagen
parkten.
„Niemand zu sehen“, stellte Tommaso fest und zog Se-

                          219
rena an der Hand hinter den ersten Wagen Richtung
Toreinfahrt. Aber da standen zwei rauchende Männer
an der Mauer, die in ein Gespräch vertieft waren.
„Pst“, sagte Tommaso, „zwei Leute bewachen den
Ausgang.“
„Was jetzt?“, fragte Serena hastig.
„Wir müssen durch die Sträucher bis zur Mauer krie-
chen. Komm jetzt.“
Als er sie etwas grob hinter sich her zerrte, meinte sie:
„Tommaso, du tust mir weh!“
„Entschuldigung, aber wir müssen schnell verschwin-
den.“
Sie krochen hinter eine Hecke, die als Zierde die etwa
ein Meter achtzig hohe Gutsmauer zusätzlich um-
säumte, und mussten genau in dem Augenblick hi-
nübersteigen, wenn die Typen sich wieder mit dem
Rücken zu ihnen drehten. Sie liefen jetzt auf und ab.
„So, erst du, steig auf meine Hände und schnell weg
hier.“
Sie stemmte ihren Fuß in seine Hände, sodass sie mit
dem Bauch auf die Mauer gelangte und sich auf die
andere Seite fallen lassen konnte. Tommaso schaute
sich um, ob die Wache etwas bemerkt hatte. Im selben
Augenblick schlug jemand in der Villa Alarm.
„Verdammt, Scheiße, sie sind weg!“, schrie eine Stim-
me. „Sie müssen noch auf dem Gelände sein.“
Beide Typen liefen zum Haus und drehten sich um,
um den Garten zu überschauen. Mit gezogenen Waf-
fen behielten sie jede Bewegung im Auge. Tommaso
saß fest, während Serena schon auf der anderen Seite
war. Er konnte nicht hier bleiben. So beschloss er, den
Baum links von ihm hochzuklettern und sich über
einen Ast, der über die Mauer hing, fallen zu lassen.
Als sich der Ast zu weit bog, brach er ab und machte

                          220
einen ziemlich lauten Knacks. Tommaso fiel schmerz-
voll auf den harten Boden. Die Männer schossen
postwendend in die Richtung. Mit einem verzweifel-
ten Satz übersprang er mit letzter Kraft die Mauer. Er
sah, wie Serena mit vor Schreck geweiteten Augen zu
ihm hinstarrte und wie angewurzelt dastand. Tomma-
so stürzte den Grashügel hinunter zum Weg, der zum
Haus führte, bevor sie den Hang hinab zum Meer
rannten. Dort lagen jede Menge Felsbrocken.
In ihrem Rücken vernahmen sie schreiende Stimmen.
„Da unten sind sie!“ – “Ich sehe sie!“ – “Bleibt stehen,
sonst schießen wir!“
Geduckt sprangen sie hinter die Felsen. Dann liefen
sie weiter zur Hauptstraße, wo Tommaso versuchte,
einige Autos anzuhalten. Ein älterer Herr mit einem
Pick-up nahm sie schließlich mit, während die Verfol-
ger ihnen nur wütend nachschauen konnten.
Aber wo um alles in der Welt befanden sie sich?
Tommaso wandte sich dem Fahrer zu und erkundigte
sich in gebrochenem Französisch: „Können Sie uns
sagen, wo genau wir hier sind?“
„Richtung Menton, etwa noch zehn Kilometer.“
„Können Sie uns mitnehmen bis dahin?“
„Ich fahre zum dortigen Markt“, erwiderte der Alte
und zeigte nach hinten zu den Gemüsekisten. „Ihr
seht ziemlich ramponiert aus. Hattet ihr Ärger?“, frag-
te er Tommaso und zeigte auf das verkrustete Blut in
seinem Gesicht.
„Ja leider“, gab er zurück, ohne weiter darauf einzu-
gehen.

Die Sonne brannte vom Himmel und zeigte die Na-
tur längs der Côte d’Azur von ihrer schönsten Seite.
Aber das Bild trog. Hier kamen die Reichen zusam-

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men und spannen ihre Fäden für die nächsten ge-
schäftlichen Strategien, nicht immer zum Wohle der
Gesellschaft, wobei Normalsterblichen der Zutritt zu
einigen Etablissements vielfach untersagt war. Aber
die Bedrohungen der letzten Jahre kamen aus ganz
anderer Richtung.
Ich fragte mich immer öfter, ob wir es schaffen wür-
den, die Erde zu retten. Die Spannungen mit dem Na-
hen Osten, Iran, Irak, Nordkorea würden immer die
westliche Welt bedrohen. Dass es dabei keine Gewin-
ner geben konnte, schien den Anhängern des Islam
nicht klar oder bewusst zu sein. Mit einer Atombombe
war es nicht getan. Die Amerikaner würden mit voller
Kraft zurückschlagen, und wo das hinführte, wussten
wir alle. Es würde sich zu einer unkontrollierten, eine
eigene Dynamik entwickelnden Eskalation von Ge-
walt und Tod ausweiten. Zu Hunger, Seuchen, Epi-
demien. Zu einem Chaos ohne Gesetze mit Terror,
Hass, Lügen, Intrigen auf allen Seiten. Europa würde
als Erstes fallen. Als hätten wir nicht genug mit dem
Klimawandel und den wirtschaftlichen Problemen zu
kämpfen, würden Hunger und Armut infolge ver-
seuchter und verstrahlter Gebiete dazukommen und
ganze Regionen für Jahrhunderte unbewohnbar sein.
Ja, damals in meiner Jugend, wo wir noch unbeküm-
mert aus Quellen getrunken hatten, die aus Felsspal-
ten rieselten, war die Weltordnung noch überschaubar.
Nun hatten technische Errungenschaften im Alltag
zwar alles vereinfacht, aber auch das gesellschaftliche
Miteinanderleben zerstört.Wo aber war die Natur ab-
geblieben? Vielfach konnten wir nur noch in Reser-
vaten oder Schutzzonen spazieren gehen. Wir litten
unter Elektrosmog und Sauerstoffmangel. Die Preise
für die meisten Rohstoffe hatten unerschwingliche

                         222
Höhen erklommen, jene von Benzin und Heizöl sich
verzehnfacht. Da immer mehr Menschen dieser Preis-
spirale nicht mehr folgen konnten, verarmten sie. Die
Politik sah machtlos auf die Fusionen der hungrigen
Konzerne. Die geschwächten Sozialstrukturen brach-
ten kaum noch das Geld für Kranke oder Rentner
auf.
Würden wir das Ruder nicht umgehend herumrei-
ßen, gingen wir im Strudel all dieser Probleme unter.
Keine guten Aussichten also. Was tun? Wir sollten ein
offenes Ohr und Augen für Mutter Natur haben, wo-
bei wir keineswegs an unseren eigenen Erfindungen
scheitern mussten; aber diese mussten besser geplant
und eingesetzt werden. Und wir durften uns nicht
von medialen Lügen beirren lassen.
Eine neue Weltordnung musste her, ohne die traditio-
nellen und kulturellen Eigentümlichkeiten der Men-
schen außer Acht zu lassen. Dazu gehörten auch ein
besseres Verständnis und Respekt für unsere Erde, da-
mit der Tier-, Pflanzen- und Unterwasserwelt wieder
eine bessere Grundlage geboten wurde. Keiner sollte
weichen für irgendwelche ehrgeizigen Projekte oder
Prestigepläne, wie zum Beispiel beim Staudamm in
China, niemand den anderen bedrohen für eigene
Ziele und Zwecke. Ich war überzeugt, dass die Men-
schen, selbst wenn sie ihr Brot bei einem umweltschä-
digenden Unternehmen verdienten, sich zur Wehr
setzen und etwas bewirken konnten.
Das Salz der Erde waren wir und nicht diejenigen, die
über uns bestimmen wollten. Wir mussten ein Güte-
siegel auf Lebensqualität erlassen, nicht nur auf Pro-
dukte und Preise. Nur so konnten wir den Geschäfte-
machern und Spekulanten das Handwerk legen. Die
Milliardengewinne der Pharmaindustrie etwa mussten

                         223
anders verwendet werden, als sie an Aktionäre zu ver-
teilen, ohne auf das Wohl der Patienten und auf effek-
tive Arzneimittel zu achten. Die Produktpalette und
der Konsumzwang durften nicht so schnelllebig ge-
staltet werden, sondern dauerhaft. Dieses Ziel konnte
nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn den Men-
schen bewusst würde, dass die weltweite Energiever-
sorgung unser gemeinsames Erbe war, was kostenlos
angeboten werden musste, ohne Nebenwirkung, wie
in all den letzten Jahrzehnten des fossilen Raubbaus.
Meine Theorie der Energiegewinnung war risikolos
und obendrein auf Jahrtausende und für jedermann
einsetzbar. Der Raubbau der Wälder würde gestoppt,
den Meeren, den Flüssen und der Atmosphäre ein
vollkommen neues Leben eingehaucht und nicht zu-
letzt die drohenden Kriege rund um die letzten Ener-
giereserven entschärft. Die Pyramiden in Ägypten
stellten den Schlüssel für die Nachwelt dar, wo man
diese Energie finden konnte, nämlich in den Meeren,
die vier Fünftel der Erdoberfläche ausmachten.
Ich konnte jedem nur raten, keinen neuen Alleingang
zu versuchen und die erneuerbaren Energien für eige-
ne Zwecke zu missbrauchen, zumal ich davon über-
zeugt war, dass im Salzkristall eine unendliche und
unerschöpfliche Kraft steckte.
Bis jetzt, 2013, haben wir eher in Disharmonie mit
anderen gelebt, wobei die Völker dabei waren, ein
selbstmörderisches Programm durchzuführen. Trotz
des Wissens, das Falsche zu tun, hielten wir die Fahne
hoch für unser Land und die machtgierigen Konzer-
ne, Großaktionäre, Politiker und religiösen Fanatiker.
Wir produzierten Waffen, die irgendwo auf der Welt
verkauft wurden, damit diese morgen gegen uns ver-
wendet werden konnten, ganz zu schweigen von den

                         224
Minenfeldern, eine weitere Absurdität unserer Zeit.
Unsere Feigheit, nichts dagegen unternommen und
andere Ziele und Maßstäbe gesetzt zu haben, würde
uns eines Tages teuer zu stehen kommen. Die Reichen
und Mächtigen würden nichts unversucht lassen, ihre
Ziele durchzusetzen auf Kosten unserer Naivität oder
der Ohnmacht des Einzelnen. Ich strebte keine Anar-
chie, keine Revolution und keinen Bürgerkrieg oder
irgendwelche Auseinandersetzungen mit der Obrig-
keit an, die wir mehr oder weniger gewählt hatten.
Aber die Politiker sollten etwas Konkretes unterneh-
men, damit der eigenen Bevölkerung die Würde zu-
rückgegeben wurde, die mit jedem Gesetz zusehends
schwand. Die Wähler sollten sie vor jeder Wahl einer
strengen Kontrolle unterziehen, um weitgehend zu
vermeiden, dass nach dem Urnengang ein komplett
anderer Politiker aufzutauchen scheint.
Die Globalisierung in den Neunzigerjahren stellte
eine wirtschaftliche Erfindung dar, der besser eine so-
ziale vorangegangen wäre. Aber die Wirtschaft hatte
immer den Vorzug genossen, während die Menschen-
rechte warten konnten.

Serena und Tommaso sah man an, dass der Tag sie er-
schöpft hatte. Dabei waren sie sehr mutig gewesen,
nachdem unsere Gegner wieder zugeschlagen hatten.
Der liebe Herrgott meinte es gut mit uns. Ich schlug
vor, uns an einen geheimen Ort fliegen zu lassen, aber
erst wollte ich in Nizza persönlich mit Antonia spre-
chen, was wir in einem weiteren Telefongespräch ver-
einbart hatten. Danach mussten mit der UN die wei-
teren Schritte abgeklärt werden.
Ich ließ Antonia mit einer Eskorte am Flughafen ab-
holen. Als sie vor mir stand, traute ich meinen Augen

                         225
kaum. Sie war wirklich eine bildschöne Frau. Wir be-
grüßten uns mit zwei Küssen auf die Wange, was wir
noch nie zuvor gemacht hatten. Unsere Zusammen-
arbeit war bislang immer auf Distanz geblieben.
„Ich bin froh, dich wiederzusehen“, sagte ich beinahe
flüsternd.
„Ich bin froh, dass du noch lebst“, antwortete Antonia
mit leuchtenden Augen.
„Ohne weißen Arbeitskittel siehst du ganz anders
aus“, bemerkte ich lächelnd.
„Du hast ja in all den Jahren nur deine Arbeit gese-
hen“, gab sie sarkastisch zurück.
„So, äh … wo fangen wir an?“, wechselte ich das The-
ma, um nicht auf glattes Eis zu geraten. „Ich denke,
ein Drink wäre jetzt angebracht. Wir genehmigen uns
ein Glas Champagner und anschließend lade ich dich
zum Essen ein. Okay?“
„Mir soll’s recht sein, wenn du dich befreien kannst
für einige Stunden“, sagte sie aufgemuntert.
„Kein Problem, wir haben ja schließlich einiges zu
besprechen“, versicherte ich ihr.
In der Bar angekommen bestellte ich zwei Gläser
Champagner.
„Kommt sofort, Monsieur Brink“, kam prompt die
Antwort.Vom Personal kannten mich bereits alle.
„Du, Antonia, ich möchte nicht mit der Tür ins Haus
fallen, aber es ist lebenswichtig geworden für uns alle.
Was ist eigentlich los bei Medpharma und Gloden?
Was will er damit erreichen? Das wird doch niemals
klappen. Bei der Lizenz kann man doch nichts än-
dern, die gehört mir, und Medpharma darf sie benut-
zen, wenn es so weit kommen sollte.“
„Ja klar, du magst ja recht haben. Aber wenn die nur
eine winzige Änderung anbringen – und es gelingt

                          226
denen tatsächlich –, bist du aus dem Rennen. Sie wer-
den dir deine Arbeit vor die Füße werfen und eine
neue Lizenz besitzen.“
„So einfach geht das nicht.“
„Ach nein, denkst du?“, erwiderte sie mit fester Stim-
me.
Ich musste mir demnach ernsthafte Sorgen machen.
Sie wollten mit allen Mitteln an die Akte, sie ent-
schlüsseln und so abändern, dass die Funktionsfähig-
keit nicht beeinträchtigt sein würde. Nur wussten sie
noch nicht so genau, wer über den Schlüssel verfügte.
Sie hatten bis zu diesem Moment alle entführt oder
zumindest zu entführen versucht, um herauszube-
kommen, ob jemand die Unterlagen vom dritten Teil
besaß.
„Ich glaube zu wissen, was Medpharma von uns will
oder derjenige, der dahintersteckt“, sagte ich halblaut
vor mich hin.
„Siehst du das jetzt ein? Sie wollen dich einschüch-
tern. Du wirst nervös und schmeißt alles hin oder
gibst ihnen deine dritte Akte.“
„Einen feuchten Dreck bekommen sie von mir. Ich
werde sie bei der UN anzeigen und Beweise vorlegen,
um so auch andere Verrückte vom Projekt und von
uns fernzuhalten.“
„Ich habe großen Respekt vor dir, Jeff, aber die schei-
nen langsam ungeduldig zu werden, und dann knallt
es richtig“, gab sie zurück. „Du musst wissen, Dr. Glo-
den ist neidisch und habgierig, aber Macht übt je-
mand anderes aus.“
„Und wer soll das sein?“
„Wenn ich es dir verrate, schweben wir alle in Le-
bensgefahr.“
„Darf ich raten?“, fragte ich scheinheilig. „Ich glaub,

                         227
ich weiß es.“
„Oh, und wer ist es deiner Meinung nach?“
„Ein Land im Osten Europas.“
„Könnte hinhauen.“
„Die Russen etwa?“
„Exakt, und es handelt sich um die führenden Köpfe
in der Regierung. Sie sind einige Male sogar im Werk
gewesen, angesichts einer anderen geschäftlichen Zu-
sammenarbeit natürlich. Sie wollen sogar ein solches
Werk in ihrem Land errichten.“
„Was für ein Werk?“, unterbrach ich sie.
„Ein wissenschaftliches Untersuchungsinstitut und
eine Pharmaproduktionsstätte mit vier- bis fünf-
hundert Mann, der Ablenkung wegen. Die komplet-
te Investition übernimmt Moskau. Ist das nicht toll
für Medpharma? Dafür werden viele Mitarbeiter in
Deutschland entlassen.“
„Ja, aber ist das nicht illegal?“, fragte ich sie.
„Nein, aber im Werk werden nun keine Pharmapro-
dukte mehr hergestellt, sondern die Anlagen geplant
und entwickelt.“
„Und Medpharma kann nur die Patentlizenz vorzei-
gen, aber die Energieerzeugung nicht vollkommen
umsetzen, weil ihnen die dritte Akte fehlt.“
„Genau“, gab sie kurz zurück.
Wir schwiegen beide, um über unser weiteres Vorge-
hen gegen diese Widersacher nachzudenken.
Erneut war mir klar geworden, dass unsere besten Er-
findungen auch Negatives beinhalteten. Ohne Erdöl,
Verschmutzer Nummer eins, würden wir auf der Stel-
le treten. Die Kernenergie war eine „saubere Sache“,
nur Wasserdampf gelangte in die Atmosphäre, aber ein
Gau würde für Hunderte von Jahren ganze Gebie-
te radioaktiv verstrahlen. Das Abholzen von großflä-

                        228
chigen Regenwäldern für den Export und für neue
Weiden oder Ackerland verursachte große Schäden
für die Umwelt. Es wurde nicht mehr genug Sauer-
stoff produziert. Die Industrieproduktion verseuchte
unsere Flüsse und nicht zuletzt verdreckte sie unsere
gesamte Umwelt. Ein verflixter Kreislauf.
Das Meer aber gehörte uns allen, so einfach sollte das
sein. Ich war überzeugt, wir würden es schaffen, der
Welt eine neue Vision vorzuführen. Auf diese Erfin-
dung hatte ich hingearbeitet. In jedem Fall bezahlbar
für jedermann.
Antonia schaute mich an und meinte: „Jeff, du siehst
etwas müde aus.“
„Ja, du könntest recht haben. Wie lange kannst du
bleiben?“
„Höchstens bis morgen, sonst würde es auffallen. Für
Medpharma bin ich mit einer Freundin, die sich dort
auch aufhält und auf die ich mich verlassen kann, für
ein, zwei Tage in einem Wellnessressort. Sie hat mein
Handy mit, das mich nach hier weiterschaltet. Es ist
alles bestens geregelt, wie du siehst. Ich wollte kein
Risiko eingehen. Bin von Saarbrücken mit der Lux-
Air geflogen, zunächst bis Bergamo und von dort nach
Nizza. Dabei wollte ich dich wiedersehen. Es ist leer
bei uns ohne Professor Brink.“
„Du schmeichelst mir, Antonia. Ehrlich gesagt, ich
mag dich und hab dich auch lieb wie eine Tochter“,
log ich. Oder meinte ich, was ich jetzt gesagt hatte? Ich
sah, wie sie den Blick nach unten neigte, überwand
mich selbst und fasste sie mit beiden Händen an den
Oberarmen. „Antonia, sei mir nicht böse, ich mag dich
sogar sehr, aber was soll ich machen? Hilf mir, diese
Sache zu Ende zu bringen. Bleib in meiner Nähe. Es
würde mich sehr freuen.“

                          229
Sie lächelte und lehnte sich an mich. „Du hast recht,
ich bin ein bisschen beschwipst, aber ich vertrag kei-
nen Champagner oder sonst welchen Alkohol. – So,
jetzt ist Schluss und wir wollen stark sein. Dein An-
gebot überleg ich mir noch bis morgen, einverstan-
den?“
„Einverstanden.“
Ich hielt ihre Hände fest und begleitete Antonia zum
Aufzug.
„Gute Nacht“, sagte sie verführerisch.
„Antonia, geht’s oder soll ich nicht besser bis zu dei-
nem Zimmer mitkommen?“, fragte ich unsicher.
„Wenn es dir nichts ausmacht, nein. Ich will morgen
ohne Komplikationen aufstehen können.“
„Ich verstehe. Dann schlaf gut. Ich lass jemand im Flur
postieren, also hab keine Angst. Es ist bloß zu deiner
Sicherheit.“
„Danke, ist nicht nötig“, gab sie dankbar zurück.
„Doch, die sind überall, und ich möchte nicht, dass dir
was zustößt.“
Sie drehte sich um und gab mir sanft einen Kuss auf
die Wange. „Ich hoffe auch für dich, dass nichts pas-
siert. Gute Nacht, lieber Kollege.“ Sie verschwand
hinter der schließenden Aufzugtür. Sie war hinrei-
ßend und liebevoll.
Was sollte das Ganze eigentlich? Teresa wartete bereits
seit zwei Stunden auf mich. Ich schloss den Jacken-
knopf meines Anzugs, ehe ich mich auf den Weg zu
ihr und den anderen machte.
Während der Fahrt zum Hotel in der Limousine, die
auf mich wartete, hatte ich viel Zeit, über die letz-
ten Wochen nachzudenken. Der Chauffeur und mein
Bodyguard ließen mich wortlos einsteigen. Antonia
verwirrte mich ein wenig, andererseits wollte ich

                         230
nicht viel Zeit damit verschwenden, unsere Gefühle
zueinander zu analysieren. Natürlich war das Balsam
für die Seele, aber ich liebte meine Teresa und meine
Kinder sehr.
Stattdessen dachte ich darüber nach, wie wir mit der
UN eine reibungslose Instandsetzung der Anlagen
hinbekämen. Die Verzahnung der alten Systeme mit
den neuen innovativen Strukturen bedeutete meiner
Meinung nach allerdings nur Flickschusterei. Man
konnte eine Hose auch nicht endlos ausbessern, ir-
gendwann musste eine neue bessere, stärkere und
nützlichere her.

Die Pyramide war nichts anderes als die tausendfa-
che Vergrößerung eines Salzkristalls, den man durch
ein Mikroskop bei vierhundertfacher Vergrößerung
sah. Woher besaßen die Ägypter dieses Wissen? Oder
andere Zivilisationen weit vor ihnen, wie einige Le-
genden erzählen? Es waren überhaupt keine einzigen
Hieroglyphen und keine Schriften in den Pyramiden
zu finden. Einst soll Afrika mit Südamerika verbun-
den gewesen sein. Vielleicht hatten die Afrikaner und
Indios aus Mittel- und Südamerika gemeinsame Vor-
fahren und verfügten über dieses Wissen.
Gehen wir von der Betrachtung der Sonnenbarke aus,
dazu die mitgeführte Kiste, dann der Schlüssel des
Lebens und die Pyramiden. Möglicherweise handelte
es sich bei der Kiste auf dem Schiff im Meer nahe
Alexandria um eine Anlage, die Energie produzier-
te. Diese Informationen wurden von den Pyramiden
geheimnisvoll gehütet und waren von den Archäolo-
gen und Wissenschaftlern noch nicht in Augenschein
genommen worden. Die Sphinx, der Schatzmeister
der Anlage, wurde nach heutigem Wissen durch eine

                         231
andere Zivilisation vor den Ägyptern gebaut. Dieser
Schatz, also die Anlagen zur Stromerzeugung, befan-
den sich in den Pyramiden. Ich wusste, das war starker
Tobak für die Wissenschaft. Aber warum sonst sollte
das gut sein? Seien wir mal objektiv. Man konnte sich
eine Burg bauen, um sich vor Gegnern zu schützen.
Man konnte ein Schloss wie Versailles erschaffen, um
seinen Wohlstand und seine Macht zu demonstrieren.
Man konnte einen Tempel für spirituelle Handlungen
erbauen, um zu seinem Gott zu beten. Man konn-
te auch ein Denkmal zum Gedenken errichten. Und
genau das stellte einen entscheidenden Aspekt mei-
ner Theorie dar. Von den uns bekannten ägyptischen
Dynastien waren genügend überdimensionale Pha-
raonenstatuen und andere monumentale Bauten, wie
Tempel und Anlagen, zu bewundern, dazu Unmas-
sen von Hieroglyphen an den Wänden der Gräber im
Tal der Könige. Aber keine einzige Hieroglyphe oder
sonstige Inschrift befasste sich mit dem Bau der Pyra-
miden. Nur ein Sarkophag befand sich in der Haupt-
kammer der Cheopspyramide, in der ich persönlich
gestanden hatte, wo mir nach einigen Minuten ein
Kribbeln über den Körper gelaufen war, ein Gefühl
wie bei eingeschlafenen Gliedmaßen. War dort einst
eine Anlage untergebracht? Wie wir wussten, hatten
sich die Könige und Pharaonen im Tal der Könige
bestatten lassen. Also, wie war das zu verstehen? Han-
delte es sich bei den Pyramiden um den Ort, an dem
die Seelen der Verstorbenen aus dem Körper treten
sollten?
Für diese offenbar bewusste Irreführung hatte ich
eine plausible Erklärung. Wie würde man zum Bei-
spiel in fünfzehntausend Jahren die Überreste unse-
rer Atommeiler mit ihren gigantischen Kühltürmen

                         232
interpretieren? Vielleicht als Kultstätten einstiger
Generationen? Wer weiß! Nur eins schien sicher zu
sein: Tage später würden sie an der Radioaktivität er-
kranken, ohne vermutlich den Grund zu kennen, was
dazu führen würde, dass dieser Ort Kultstatus erlangen
würde.
Handelte es sich bei der oft zitierten Sintflut um eine
wahre Geschichte oder um eine Legende? Bedeu-
tete dieses Naturphänomen den Untergang fast jeg-
licher Zivilisation? Möglicherweise musste man um
die Pyramiden herum noch tiefer graben und tief
im Schlamm des Nilbetts gründlich nach Hinweisen
über die damalige Bevölkerung suchen, die dort vor
Tausenden von Jahren verloren gegangen war.
Es wurde auch viel spekuliert über Atlantis, aber ir-
gendwo musste ein Kern von Wahrheit sein. Hatte
gar Platon diese Überlieferung falsch verstanden oder
seine Vorstellungskraft versagt? Niemand kannte den
genauen Standort. Nach meiner Überzeugung war
unsere Erde bereits mehrmals erneuert worden und
Atlantis war die dritte Erde, mit dem Wahrzeichen des
Dreiecks, welche nach Überlieferung untergegangen
war. Dann entstanden auf der vierten Erde, die das
Wahrzeichen des Vierecks trug, die Pyramiden, bevor
alles Leben wieder durch die Sintflut erneuert wur-
de. Das war der Übergang in unsere, die fünfte Erde,
welche das Wahrzeichen des Fünfecks oder des Penta-
gramms trägt: es gibt fünf Kontinente, fünf Konfessio-
nen, es gab seither fünf Weltmächte, davon letztere die
Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Pentagon.
Jeder dieser Zyklen der Erdauflösung und -erneue-
rung dauerte jeweils etwa sechsundzwanzigtausend
Jahre. Den Gegebenheiten dieser Tage zufolge stand
die nächste Erdauflösung, bekannt unter dem Namen

                         233
„Apokalypse“, unmittelbar bevor, welche die sechste
Erdenperiode mit dem Wahrzeichen des Sechsecks, auf
einer höheren geistigen Ebene einläuten würde. Der
Mensch würde ein Fenster in die geistige Welt öffnen
können, gleich den Jüngern Jesu, die, in der Erkennt-
nis des Geistes, ihren Herrn noch nach seinem Tode
sehen konnten. Die Welt würde noch des öfteren ver-
gehen bis die letzte Erdauflösung die Menschheit in
die höchste Ebene und zur vollständigen Vergeistigung
führen würde, d.h. unsere leibliche Hülle überflüssig
sein und wir vollständig im geistigen Reich verweilen
würden. Wie schon in der Schrift der Schriften er-
wähnt wurde: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“.
Unser Leben auf Erden würde zu einer Scheinwelt
erblassen und das Reich Gottes würde als die reale
Welt erscheinen.

Wir waren im Hotel angekommen.

Am nächsten Tag trafen wir in Monte Carlo den UN-
Generalsekretär im Hotel. Antonia traf kurz nach uns
ein und ich machte sie mit den anderen bekannt.
„Danke für die Einladung, Herr Brink“, begrüßte uns
der UN-Generalsekretär. „So können wir inoffiziell
etwas besprechen.“
Nachdem ich ihn mit meinen Kindern und allen an-
deren bekanntgemacht hatte, sagte ich: „Darf ich vor-
stellen, meine jahrelange Mitarbeiterin, Fräulein Ste-
venson.“
„Sehr erfreut“, grüßte Antonia etwas schüchtern.
„Ganz meinerseits, Fräulein Stevenson. Sie und Ihr
Chef haben wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet“,
gab der UN-Generalsekretär freundlich lächelnd zu-
rück.

                         234
„Entschuldigen Sie, Herr Generalsekretär, wenn ich
mit der Tür ins Haus falle. Aber es geht darum, dass
meine Firma bereits mit dem russischen Geheim-
dienst zu Verhandlungen zusammengekommen ist.
Die Hintermänner gehören eindeutig dem Staat an,
der seine Macht ausbauen will. Dies ist mir von Frau
Stevenson gemeldet worden“, erklärte ich.
„Das wäre sehr schlimm, wenn das stimmte, aber was
können wir tun? Außer der Erörterung am Verhand-
lungstisch sehe ich keinerlei Alternative. Und solange
wir nicht genug Beweismaterial vorweisen können,
sind uns die Hände gebunden“, meinte der UN-Ge-
neralsekretär.
„Ich stimme Ihnen zu“, sagte León und fuhr fort:
„Übrigens der gesunde Menschenverstand sagt mir,
dass es nicht leicht wird, alle unter einen Hut zu brin-
gen. Jetzt sind es die Russen, morgen vielleicht die
Engländer oder Holländer … Ich bin dafür, dass die
UN, sollte ein Staat oder eine Firma bei dem Vertrieb
der Energie vertragswidrig handeln, diese sanktioniert
und bestraft, beispielsweise mit einer Verdoppelung
der Grundkosten der Energie für eine festgelegte
Dauer.“
„Die Idee ist nicht verwerflich, aber äußerst brisant,
da wir gleichzeitig die Bevölkerung bestrafen wür-
den“, meinte Guiglelmo.
„Gut, wie dem auch sei, wir müssen Lösungen finden
und erörtern“, sagte der UN-Generalsekretär.
„Ich schlage vor, das Nötige für diesen Teil der Ener-
gieverträge vorzubereiten, damit diese ratifiziert wer-
den können, wobei auch das Strafregister Erwähnung
finden soll. Nicht dass aus welchen Gründen auch
immer wieder alles ins Stocken gerät“, schaltete ich
mich ein.

                          235
„Da bin ich mit Ihnen einer Meinung, Herr Brink.
Ich bedanke mich. Ich muss leider weiter, die Pflicht
ruft. Also, bis in zwei Wochen in New York.“ Er ver-
abschiedete sich freundlich.
Uns blieb nichts anderes übrig, als der Bürokratie den
Vortritt zu lassen, damit in New York in zwei Wochen
die Verträge wie besprochen unterzeichnet würden.
Doch es lag noch ein weiter und beschwerlicher Weg
vor uns.

Das Jahr 2013 hatte es in sich.Viele Regierungen und
ihre Politiker mussten schwere Entscheidungen treffen,
zumal die Ölreserven zusehends abnahmen. Nicht dass
man technische Probleme oder logistische Engpässe
gehabt hätte. Die Russen jonglierten auf unkonven-
tionelle Art mit ihren Gaslieferungen, drehten ohne
Hemmungen rücksichtslos und zur Einschüchterung
den Hahn zu, wenn nicht der geforderte Preis gezahlt
wurde. Bedenkenlos stellten sie sich auch gegen die
anderen wirtschaftlichen Großmächte wie Europa
und Amerika. Die Chinesen unterstützten klamm-
heimlich die Beweggründe der Russen, während die
arabischen Länder eher skeptisch zusahen und ihr Ver-
halten der letzten dreißig Jahre ändern wollten, da sie
jetzt als Atommacht mithalten konnten und ihre eige-
ne Energieversorgung in der Kernspaltung sahen. Es
herrschte ein ziemlicher Druck im Kessel.
Wie sollte man Menschen, die stolz auf ihre Her-
kunft waren und andere Religionen für die falsche
hielten, aber zum selben Gott beteten und vollkom-
men anders dachten, zu einem Dialog der beidseiti-
gen Toleranz bewegen? Vielleicht indem man sie auf
gleicher Ebene und nicht von oben herab als Dritte
Welt behandelte. Man musste nicht nur politische und

                         236
diplomatische Kontakte zueinander pflegen, sondern
engere Freundschaften schließen und bessere Verbin-
dungen knüpfen. Nicht dass dies alles gutheißen soll-
te, aber die Menschen aus der arabischen Welt waren
arm geblieben trotz des immensen Reichtums ihrer
Scheichs. Segen war wie auf anderen Kontinenten nur
wenigen beschieden.
Es roch nach Ärger, und wir mussten alles tun, um zu
beweisen, dass es möglich sein konnte, friedlich mit-
einander auszukommen, da wir alle dasselbe Bedürfnis
hatten. „Auf zu einer besseren Welt!“ Aber der Klima-
wandel war sehr weit fortgeschritten. Die Erderwär-
mung unumkehrbar. Die Gletscher der Alpen waren
bereits seit zehn Jahren verschwunden. Es gab jede
Menge Stürme, siedend heiße Tage und tropische Or-
kane über Deutschland und dem Osten. Überschwem-
mungen standen auf der Tagesordnung. Fakten, die für
sich sprachen und flächendeckend über den ganzen
Erdball zu beobachten waren. Die Überfischung der
Meere hatte uns in eine verteufelte Lage gebracht,
die natürlichen Feinde ausgerottet und die Zahl der
ungenießbaren Meeresfrüchte und die Quallen ver-
zehnfacht. Trinkwasser, inzwischen ein Luxusgut, war
teurer als Diesel und Benzin. Wann würden wir den
Barrel Wasser an der Börse erleben? Aber leider stellte
dies bereits ein Argument zum Führen von Kriegen
dar. Energiekonzerne kauften schon seit einem Jahr-
zehnt Quellen und Marktanteile, wo sie nur konnten.
Man hatte wenig Einfluss alleine gegen diese globalen
Riesen. Bei Milliardengewinnen entließen sie Men-
schen, die bereits zehn bis zwanzig Jahre die Kohlen
aus dem Feuer geholt und den Konzern zu dem ge-
macht hatten, was er war, und trotzdem konnte ein
Sozialplan nicht die Quittung sein. Die Gewerkschaf-

                         237
ten konnten der Entwicklung nur machtlos zusehen,
nur in äußersten Fällen, wie bei der Müllabfuhr oder
bei Krankenhäusern, vermochten sie noch erfolgreich
einzugreifen. Obendrein bat der Staat jeden Einzel-
nen zur Kasse, um die Arbeitslosen zu unterstützen,
während die multinationalen Konzerne hemmungs-
los ihre Produktionsstätten in Billigländer verlagerten.
An oberster Stelle stand der Aktienkurs und nicht die
einzelnen Menschenschicksale, die sich bemühten, at-
traktive Erzeugnisse zu produzieren, wobei sie täglich
der Unsicherheit ihres Jobs ins Auge sahen und der
Leistungsdruck enorm war. Der Zweck der Fusionen
bestand darin, letztendlich mehr Kapital zu schöpfen
und Druck auf den Einzelnen auszuüben, bis alles in
einigen Jahren ganz der einen Macht gehörte, nämlich
den Banken. Die Daten wurden bereits gesammelt,
um jeden Einzelnen zu erfassen, systematisch zu kon-
trollieren und für die eigenen Zwecke zu benutzen.
Die Politik konnte nichts mehr für unser Wohl und
unseren Schutz tun.
Dazu kam die Natur: die Umwelt, die Tiere, die Pflan-
zen, das Meer und viele anderen biologischen Abläufe
auf unserer Erde. Der Glaube stellte neben der Seele
und der Vernunft die einzige Hoffnung auf ein bes-
seres Leben dar. Es war in unser Erbgut eingegeben
worden, einen Gott über uns zu haben und nur ihm,
dem Allmächtigen, zu dienen, und nicht irgendwel-
chen hochgestellten Menschen. Auch die Atheisten
kamen nicht drum herum. Nur der Glaube würde als
Gewinner hervorgehen, wenn unsere rücksichtslose
materialistische kapitalistische Lebensweise der Erde
den Garaus bereiten würde.
Geist, Toleranz, Liebe, Gefühl, Moral, all das ging den
Bach runter. Wir würden massenhaft Tote und Selbst-

                          238
morde in naher Zukunft erleben, da diese Gesellschaft
für die meisten nicht mehr lebenswert erschien, denn
viele saßen in der Falle. Sie trugen das Brandmal der
Überschuldung auf der Stirn und wurden versklavt.
Eine andere Wahl hatten sie nicht.
Alle Maßnahmen, die der Staat erließ, sollten dem
Gemeinwohl dienen, der Kriminalitäts- und Terroris-
musbekämpfung. Aber dass wir hierdurch unsere Frei-
heit gänzlich einigen wenigen Politikern und Draht-
ziehern übergeben hatten, die dank der Informationen
mit uns machen konnten, was sie wollten, hätte keiner
gedacht. Aber was konnten wir tun?
Die Verfassung und der Datenschutz beispielsweise be-
stimmten, dass der einzelne Arbeitnehmer nicht durch
Videokameras oder sonstige Kontrollen an seinem
Arbeitsplatz überwacht werden durfte. Einschüch-
terungen waren ebenfalls gesetzeswidrig. Aber die
Unternehmen drohten schnell damit, ihre Produk-
tionsstätten ins Ausland zu verlagern, was die Frus-
tration der Arbeitnehmer noch erhöhte, zumal ihre
gewählten Politiker keinen Einfluss auf solche Ent-
scheidungen der Konzerne nehmen konnten.
Die persönlichen Daten der Menschen wurden sowohl
bei den Behörden als auch bei den Geldinstituten, im
World Wide Web, den Ärzten und nicht zuletzt bei
den Lebensmittel- und Konsumgüterlieferanten sehr
gut aufbewahrt. Unterdrückung und Kontrolle konn-
ten bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Keine
Bargeldabhebung, kein Kauf, kein Verkauf konnten
mehr stattfinden, ohne dass Finanzämter, Bankinsti-
tute oder Behörden Bescheid wussten. Das Daten-
schutzgesetz glich einer Ziehharmonika. Die Kom-
munikation über E-Mails wurde überwacht und für
längere Zeit gespeichert. Augenirisscan und Finger-

                        239
abdruck jedes einzelnen Mitbürgers lagen vor. Unter
dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung schien
den Politikern und Konsorten jedes Mittel recht zu
sein, unbescholtene Bürger präventiv zu überwachen
und in zunehmender Unfreiheit zu halten. Mit wel-
chem Recht?
Ferner ging mir gegen den Strich, wenn Regierun-
gen unter der Hand Waffen für Kriege verkauften und
die Unverschämtheit besaßen, dann für die Katastro-
phengebiete in medienwirksamer Art und Weise um
Spenden zu bitten. Dabei hätten sie mit dem Geld
für besagte Waffen auf einen Schlag dem Hunger ein
Ende setzen oder Hilfe für den Wiederaufbau bereit-
stellen können. Armut war ein gewolltes Übel und ein
Geschäft. Die Hilfsorganisationen und Unternehmen
teilten die Spenden untereinander auf. Schlimmer
wurde es, wenn Politiker mit aller Macht in die Ana-
len der Geschichte eingehen wollten und gegen alle
Regeln der Demokratie verstießen, um ihre Ideale
durchzusetzen. Hierfür gab die Geschichte Hunderte
von Beispielen.
Meine Gedanken jagten wie die Kugeln eines Flip-
perautomaten durch meinen Kopf. Ich dachte an das
marode Gesundheitssystem, das am allerwenigsten
den Patienten half und sie geradewegs in die Psychi-
atrie schickte. Menschen töteten für Besitztümer und
Kapital.
Jeglicher Sinn für die Realität war verloren gegangen,
Respekt, Diskretion und Zurückhaltung auf der Stre-
cke geblieben. Was war mit unseren Menschenrech-
ten? Was geschah mit der Umwelt?
Wenn es mir gelang, eine einzige Anlage in Betrieb
zu nehmen, könnte ich sehr stolz auf die Mensch-
heit sein. Ich war optimistisch und würde alle Hebel

                         240
in Bewegung setzen, die Realisation der Anlage zu
fördern, damit wir Energie in Hülle und Fülle hätten.
Sie würde unser Sauerstofflieferant sein, zumindest so
lange, bis das Klima sich erholt hätte, und zudem den
Trinkwasserkrieg stoppen.

Mein Handy meldete sich.
„Ja, hallo?“, nahm ich den Anruf entgegen.
„Sie sind uns noch nicht los. Ich rate Ihnen, die Pläne
nicht an die UN zu verscherbeln. Wir können Ihnen
viel bieten oder verbieten“, warnte eine männliche
Stimme mit deutlich russischem Akzent.
„Ich kann mit Menschen, die ich nicht mal kenne,
keine Geschäfte machen. Oder wollen Sie mich er-
pressen.“
„Sie werden es Ihr Leben lang bereuen, wenn Sie
nicht einverstanden sind!“
„Wollen Sie mir drohen?“
„Wie Sie wollen! Sie werden selbst zu uns finden,
wenn alles vorbei ist“, sagte er noch, ehe er den Hörer
auflegte.
Ich stand regungslos da und bemerkte Tommaso, der
hereingekommen war und das Gespräch mitverfolgt
hatte.
„Wer war das?“
„Ach wieder diese verrückten Arschlöcher“, gab ich
verärgert zurück.
„Anstatt dich zu ärgern, sollten wir mehr herausfin-
den und äußerst vorsichtig sein“, riet Tommaso.
„Die scheinen langsam die Geduld zu verlieren.Wenn
ich wüsste, dass Antonia nichts zustößt, könnte sie uns
zu den Leuten führen. Aber ich fürchte, die wissen
schon Bescheid, dass sie hier war. Andererseits bleibt
mir keine andere Wahl“, versuchte ich mir einzureden.

                         241
Ich musste die Sachlage noch einmal mit ihr durch-
gehen, um zumindest die Namen der Hintermänner
zu erhalten.
In diesem Augenblick klingelte mein Handy erneut.
„Ja, wer ist dran?“, fragte ich etwas gereizt.
„Jeff, ich bin’s“, krächzte eine heisere Stimme, die ich
Sekunden später Antonia zuschrieb.
„Antonia, was ist los, wo steckst du?“
Schweigen.
„Die Leitung ist unterbrochen“, sagte ich verdutzt.
„Sie klang etwas verstört. Ich probier mal zurückzu-
rufen.“
Ich drückte die Tasten und wartete vergeblich auf eine
Verbindung.
„Scheiße! Da ist wieder etwas passiert! Ich rufe im
Hotel an, es soll jemand in ihrem Zimmer nachschau-
en“, sagte ich etwas irritiert und nervös zu Tommaso.
„Gut, ich fahr sofort los, sag Mutti und den anderen
Bescheid!“ Ich zog meine Jacke an.
„Papa, ich geh mit. Ich lass dich nicht allein.“
„Nein, das muss ich alleine erledigen. Es reicht jetzt.
Ich werde die Angelegenheit auf meine Weise re-
geln.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„So wie ich es sage.“ Ich duldete keine weiteren Er-
klärungen.
„Ich weiß nicht, ich sollte dich doch begleiten für
den Fall, dass etwas erledigt werden muss“, drängte
Tommaso weiter.
„Also gut, sag deiner Mutter und den anderen Be-
scheid. Inzwischen rufe ich den Dienstwagen.“
„Also, bis gleich“, antwortete Tommaso und ging zur
Tür.
Sobald er weg war, folgte ich ihm und fuhr mit dem

                          242
anderen Aufzug nach unten. Draußen nahm ich ein
Taxi zu Antonias Hotel.
„Zum Hotel Mira Mare bitte.“
„Gut, steigen Sie ein“, gab der Fahrer freundlich zu-
rück.
Als er anfuhr, sah ich, wie Tommaso mir nachwinkte
und wild gestikulierte. Ich weiß, es war nicht korrekt,
aber ich wollte niemanden gefährden. Wenn Antonia
entführt worden war, dann musste ich nach Köln ins
Werk, um ordentlich mit Gloden und Genossen auf-
zuräumen. Was ich übrigens schon längst hätte tun
sollen. Aber ich hatte mir erst Gewissheit verschaffen
wollen, bevor ich eine Dummheit machte und blöd
dastand. Ich würde eine Hausdurchsuchung bei der
Polizei beantragen und mir von meinem Anwalt mei-
ne Akten aushändigen lassen, dann meine Kündigung
einreichen und meine Abfindung einklagen.
Draußen wurde es langsam dunkel, es war bereits
nach achtzehn Uhr. Ich musste fortwährend an An-
tonia denken. Hoffentlich war ihr nichts Ernsthaftes
passiert! Wenn sie sich überhaupt noch im Hotel be-
fand.
Der Taxifahrer faselte von immer höheren Abgaben
und Spritpreisen. Er quatschte weiter, bis er merkte,
dass ich abwesend war. Vor dem Hotel angekommen
sagte er nur noch: „Wir sind da.“
Ich reichte ihm einen Geldschein, während ich auf
die Digitaluhr schaute, und sagte: „Ist gut so, danke.“
„O vielen Dank. Hier mein Kärtchen mit Telefon-
nummer.“
Ich winkte ab und stieg aus.
Als ich die Hotelhalle betrat, sah ich sofort, dass etwas
vorgefallen war. Die Türvorsteher diskutierten drin-
nen heftig mit dem Zimmerpersonal. In diesem Mo-

                          243
ment erklang draußen eine Sirene. Es handelte sich
sicher um die Polizei, die herbeigerufen worden war.
Auf dem Weg zur Rezeption hielt mich eine Zim-
merbedienung auf und sagte: „Tout le monde est de-
hors dans la cour de l’hôtel, Monsieur, vous ne pouvez
pas entrer.“
„Was ist passiert?“, erkundigte ich mich.
„Es hat wahrscheinlich eine Entführung gegeben,
vermutlich eine reiche Dame. Aber Sie dürfen nicht
weiter“, fuhr er etwas nervös fort und wollte mich
nicht zur Rezeption durchlassen.
„Hören Sie, die Dame gehört zu mir, verstehen Sie?“
„O, Pardon Monsieur, was können wir für Sie tun?“,
änderte er seinen Ton.
„Welches Zimmer hatte sie?“, fragte ich.
„Sie liegt bewusstlos auf Zimmer 505, Monsieur, ich
werde Sie begleiten.“
„Nein, danke, ich mach das schon. Wo ist der Aufzug?
Ach ja, ich sehe schon.Vielen Dank, mein Freund.“
„Einen Augenblick, wer sind Sie genau?“, kam eine
feste Stimme von hinten.
Ich drehte mich um und sah in die Augen einer älte-
ren Dame.
„Darf ich Ihren Ausweis sehen, Herr …“
„Können wir die Formalitäten nicht nachher erledi-
gen? Es handelt sich um meine Sekretärin.“
„Ja, aber so geht das nicht. Sie müssen sich leider so-
fort ausweisen, dann begleite ich Sie zu ihr“, gab sie
entschlossen zurück. „Mein Name ist Marie Delvaux,
Inhaberin des Hotels Mira Mare, und Sie sind offen-
sichtlich Herr Brink, ich habe Sie in den Nachrichten
gesehen. Aber trotzdem brauche ich Ihren Ausweis“,
verlangte sie stur.
Ich versuchte erst gar nicht dagegen anzugehen und

                         244
zeigte ihr meinen Reisepass.
„Zufrieden, Madame Delvaux?“
„Gut, gehen wir, sie liegt nicht mehr auf Zimmer 505,
sondern in meinem Appartement. Die Polizei müsste
auch allmählich da sein.“
Wir gingen zum Aufzug, begleitet von zwei jungen
Zimmerboys. Wir stiegen ein und der Lift wurde mit
einem Schlüssel in Bewegung gesetzt.
Oben angekommen sagte sie: „Da wären wir. Jungs,
ihr bleibt hier, bis wir wiederkommen. So, Herr Brink,
helfen Sie mir die paar Stufen hoch, dann wäre ich
Ihnen sehr dankbar. Das Alter ist nichts Schönes, aber
was können wir schon dagegen unternehmen?“
Ich reichte ihr meinen rechten Arm. Sie hakte sich
ein, bevor wir zu einem riesigen Eisentor am Fuß der
Treppen gingen, dann weiter zur Eingangstür, die zur
Wohnung führte.
„Gut, dass Sie da sind. Sie ist gerade aufgewacht und
hat sogleich nach einem Herrn gefragt, dessen Namen
ich aber nicht so genau verstanden habe, Trink oder
so“, sagte der Hausangestellte oder Butler.
„Das ist gut, Herr Brink ist auch da. Dann wollen wir
mal sehen, wie es ihr geht“, sagte sie liebevoll.
Das Appartement war sehr geschmackvoll eingerich-
tet, alles vom Besten aus der Zeit von Roche Bobois,
und strahlte ein liebevolles Ambiente aus. Einfach ge-
mütlich. Wir gingen durchs Wohnzimmer zu einem
Flur und hielten an der ersten Tür an.
Ich konnte es kaum abwarten, Antonia zu sehen und
all meine Fragen zu stellen.
„Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden erwartet, aber
nicht erschrecken.“
„Wieso, was ist mir ihr?“
„Nichts, was nicht wieder in Ordnung käme“, erwi-

                         245
derte sie mit ruhiger Stimme. „Kommen Sie!“
Ich betrat ein Zimmer, das durch die vorgezogenen
Gardinen verdunkelt war. Antonia saß fast aufrecht auf
einem komfortablen rustikalen Bett mit einigen Kis-
sen im Rücken. Sofort fielen mir die angeschwollene
Wange und das Auge auf, obwohl sie sich die Hand
davorhielt.
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte sie tapfer lä-
chelnd.
„Wie konnte das nur passieren, wer hat das getan, An-
tonia?“, erwiderte ich, meinen Groll nur mühsam ver-
bergend, und nahm ihre Hand.
Sie ließ zu, dass ich sie die ganze Zeit über hielt.
„Ist eine lange Geschichte. Sie wollten mir nur Angst
einjagen und alles aus mir herausquetschen, wie du
siehst.“ Sie musste wieder lächeln und unterdrückte
ein „Au“.
„Antonia, sei mir nicht böse, aber es ist am besten, du
hältst dich ab jetzt aus der Sache raus.“
„Das meinst du nicht im Ernst, Jeff“, gab sie bestimmt
zurück. „Zuerst soll ich alles tun, damit wir heraus-
finden, mit wem wir es genau zu tun haben – und
wenn’s brenzlig wird, soll ich so tun, als wäre nichts
geschehen. Das halt ich nicht durch, dazusitzen und
abzuwarten. Ich mach weiter. Ich möchte auch wissen
wer die Hintermänner sind.“
„Was glaubst du denn, mit wem wir es zu tun ha-
ben?“
„Ich glaube, dass wir weiter bei Medpharma suchen
müssen. Aber andere ziehen die Strippen“, antwortete
sie entschlossen.
Ich musste ihr recht geben. Aber Medpharma schien
ebenfalls die Finger mit im Spiel zu haben, denn die
taten auch alles, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen.

                           246
Ich wollte Antonia mit zu uns nehmen, aber Madame
Delvaux zeigte sich nicht einverstanden und wollte
Antonia noch ein, zwei Tage dabehalten, bis sie ganz
wiederhergestellt war. Ich hatte nichts dagegen, da sie
auf jeden Fall hier gut aufgehoben war. Widerwillig
gab Antonia schließlich nach.
„Antonia, ich komme morgen im Laufe des Tages, um
dich abzuholen, einverstanden?“
„Gut, Jeff.“
Ich beugte mich über sie und gab ihr ein Küsschen
auf die Wange. Sie schaute mir tief in die Augen, wo-
bei mir ein warmer Schauer durch den ganzen Körper
lief. Im selben Moment dachte ich an Teresa und ver-
abschiedete mich. Ich musste nachdenken. Sie konnte
auf gar keinen Fall mehr ins Werk zurück. Sie sollte
bei uns bleiben, in meiner Nähe.
Auf der Rückfahrt im Taxi musste ich, wie so oft, an
die vielen Missstände auf der Welt denken.




                         247
Meine persönliche Meinung

Die Politik war in allem gescheitert. Man fragte sich,
ob man sie noch brauchte. Vielleicht genügten Bür-
gerinitiativen, die den kleinen Gemeinschaften um die
Ecke wohl gesonnen waren und verstanden, worum es
ging. Die Politik indes verabschiedete nur noch mehr
unfreiheitliche Gesetze. Der Mensch steckte zwischen
Wirtschaftskonsum und Politik völlig fest, wobei jede
individuelle Handlung als Verstoß vermerkt wurde.
Initiative konnte man genauso wenig zeigen, da die
Genehmigungen von vornherein abgewiesen wurden
oder mit Bürokratie nur so gespickt waren.
Zentraler Punkt war jedoch das Thema Energie. Sie
musste zwei wesentliche Faktoren erfüllen, die wirt-
schaftlichen und die ökologischen, und für jedermann
erschwingbar sein. Die Natur musste fortan höchst
schonend behandelt werden, damit wir nicht eines Ta-
ges vor noch größeren Problemen standen. Es konnte
nicht sein, dass die Politik nichts gegen diesen Raub-
bau unternahm, aber die Mehrwertsteuer zum Laufen
ihres Apparates erhöhte.
Regenerative und saubere Energie stellten ein „Muss“
für die Zukunft dar, damit wir nicht noch mehr Scha-
den an der Natur anrichteten. Die Lösung des Ener-
gieproblems hatte ich vorgestellt und ganz nebenbei
auch das des Sauerstoffs gelöst, ohne den wir nicht
überlebten. Die Frage lautete nun: Entschieden wir
uns für die Wirtschaft oder die Umwelt.
Im ersteren Fall wäre das Schicksal unserer Erde bereits
besiegelt und würde bedeuten: weitermachen bis zum
Untergang. Wenn wir uns aber für die Natur, unse-
re Umwelt und das Leben entschieden, könnten wir
weiter existieren, kostete es auch ein Zehntel unseres

                          248
Bruttoinlandsprodukts. Es lohnte sich allemal, einen
Versuch zu starten und alles wieder in die regulären
Bahnen zu bringen. Wir konnten mit sauberer Ener-
gie beginnen, den Raubbau der Ressourcen stoppen,
den Konsum eindämmen und den Graben zwischen
Arm und Reich ausgleichen. Des Weiteren sollten wir
genmanipulierte Produkte sofort stoppen, um einer
weltweiten Verseuchung entgegenzuwirken und un-
absehbar große Risiken für zukünftige Generationen
zu vermeiden. Den Hunger auf der Welt konnte man
jedenfalls nicht als Argument für diese Lebensmittel
vorbringen. Lebensmittel waren zur Genüge vorhan-
den, nur musste man sie so verteilen, dass nicht auf
einem Teil der Erde der Überschuss auf Müllhalden
landete, während der andere Teil hungerte. Die Ver-
braucher entschieden schließlich ganz allein, was sie
in Zukunft essen und welche Hersteller und Anbie-
ter sie sanktionieren wollten. „Back to nature“, auf
allen Ebenen. Man sollte von vornherein keine Ge-
setze für Produkte verabschieden, die der Natur und
dem Menschen Schaden zufügten. Diese Produkte
und dieser Abfall durften nicht in den Kreislauf der
Natur gelangen, zumal sie nachträglich zwangsläufig
mit Chemie entfernt oder neutralisiert werden muss-
ten. Ähnliches galt für Medikamente, die früher oder
später nur zur Verschlechterung der Gesundheit führ-
ten. „Vorbeugen ist besser als genesen“, sei es bei Aids,
Lebensmitteln, Rohstoffausbeutung, Fehlplanungen,
Verschmutzung, Chemie oder Waffen.
Die Menschheit hatte die Kontrolle verloren und
beugte sich dem Schicksal, wie andere unsere Hei-
mat Erde zu ihrem Zwecke beugten. Auch wenn die
heile Welt vielleicht nie existiert hatte, musste unsere
Intelligenz uns vor mehr Übel warnen. Oder wollten

                          249
diejenigen, die eines Tages übrig blieben, in Steinzeit-
manier wieder von vorne beginnen?
Sobald die Sauerstoff- und Energieproduktion auch
für ärmere Länder gesichert war, konnte man zur Ta-
gesordnung übergehen. Was brauchte der Mensch?
Unsere Erde stellte genügend Nahrungsmittel zur
Verfügung, um alle Erdbewohner zu versorgen.Weiter
brauchten wir eine gesicherte Verpflegung und eine
Gesundheitsreform. Dann eine Arbeit, eine Aufgabe,
einen Beruf und zuletzt ein Heim, um uns selbst zu
verwirklichen. Demokratische Institutionen, Ministe-
rien, Ordnungshüter, eine UN, die alles zum Woh-
le der Menschheit regelte. Grenzenlose Freiheit in
puncto Glauben und Traditionen. Auf gar keinen Fall
durften wir unsere Wurzeln aufgeben.
Die Menschen brauchten nicht auszuwandern, zu
flüchten oder in anderen Ländern um Asyl zu bit-
ten, sei es aus rassistischen, religiösen oder anderen
Gründen. Eine Weltsprache musste her, Gesetze ange-
glichen und gleiche soziale Bedingungen geschaffen
werden. Ferner: verbesserte Konkurrenzbedingungen,
eine Preispolitik, keine Parteien, aber Interessengrup-
pen reduziert auf Gemeindeverwaltungen. Naturfor-
scher, Geologen, Wissenschaftler, Biologen und viele
andere Berufe zur Erhaltung unseres Planeten. Viele
neue Arbeitsplätze würden entstehen, neue Berufe,
die der Menschheit nützten und nicht der Bereiche-
rung. Neue Werte wollten entdeckt werden, ein tole-
rantes Miteinanderleben und keine medialen Lügen.
Eine vernünftige Ausbeutung unserer Boden- und
Meeresschätze. Neue Verkehrs- und Transportpolitik
für Land, Luft und Meer. Die Verschmutzung musste
durch innovative und wiederverwendbare Produk-
te eingedämmt werden, man denke nur an die alten

                          250
Kühlschränke, Verpackungen oder Einkaufstüten. Wir
benötigten neue Bepflanzungen und Holzverarbei-
tung, eine neue Bauweise und Sanierungsorientie-
rung, neue Datenbank- und Datenschutzgesetze, eine
neue Verbrechensbekämpfung, neue Waffengesetze,
neue Gesetze für die Genforschung. Neue Ethik und
Moral.
Eine neue Weltordnung war das Entscheidende und
ein Neuanfang für die Spezies Mensch, wobei ich
mich fragte, ob sie es überhaupt verdiente. Ich per-
sönlich wollte auf jeden Fall nichts unversucht lassen
angesichts dieser misslichen Lage.

Die Kinder und alle anderen hatten bei Teresa auf
mich gewartet. Es war bereits kurz vor Mitternacht,
als ich mit dem Erzählen der Vorfälle fertig war. Wir
kamen zu dem Entschluss, in zwei Wochen in New
York bei der UN einen Gesetzentwurf vorzulegen,
den der UN-Generalsekretär den angebundenen
Staaten vorlegen sollte. Als Vorbild diente das 1958
von Robert Schuman ins Leben gerufene Verfahren
für ein wirtschaftliches Zusammenwachsen der EWG,
nur mit dem Unterschied, ein weltweites soziales Mit-
einanderleben aller Lebewesen zu erzielen sowie die
Natur mit einzubeziehen, damit unser Planet nicht als
schwer kranker Patient einen Kollaps erlitt.
Ich war zuversichtlich an diesem Märztag des Jahres
2013.




                         251
Die Vision einer Welt ohne Profit – WWP



Die letzten sieben Jahre waren wie im Fluge vergan-
gen und die Anlagen zur Energie-, Sauerstoff- und
Trinkwasserversorgung immer zahlreicher gewor-
den. Das Ganze nahm allmählich Gestalt an. Aber zu
unserem Entsetzen waren die Pole in den letzten zwei
Jahren über die Sommermonate komplett eisfrei ge-
worden, bis auf wenige Eisschollen.
Wir saßen in einer Sackgasse fest.
Die Politiker wie die Konzerne hatten wieder Ober-
wasser bekommen, denn sie waren der Meinung, nicht
allein schuldig an der weiter fortschreitenden Klima-
erwärmung zu sein. Stattdessen wurden die nimmer-
satten Verbraucher immer mehr verteufelt.
Wir befanden uns im Juni des Jahres 2021. Trocken-
heit, Dürre und Sommer bis zu 55 °C waren an der
Tagesordnung, die Nächte nur 20 Grad kühler. For-
scher hatten dieses Szenario Anfang des dritten Mill-
enniums vorausgesagt. Die Anzahl der Staubpartikel
in der Atmosphäre lag viel zu hoch. Al Gore, der im
Jahr 2000 beinahe Präsident der USA geworden wäre,
hatte damals mit viel Beifall die Abläufe in seinem
Dokumentarfilm geschildert, aber die maßgeblichen
Stellen nur gelästert und nichts Konkretes unternom-
men. Sogar der UN war nicht mehr zu trauen, seit-
dem Lobbyisten zusammen an einem Tisch mit der
UN-Behörde arbeiteten. Die Erde hatte schlechte
Karten, wobei die Investoren und Bankiers bestimm-
ten, wo es lang ging. Die Menschheit spaltete sich in
mehrere Gruppen auf. Jeder kämpfte gegen jeden um
das blanke Überleben, dabei taten wir so, als wäre alles

                          252
in Butter.
Die Behörden achteten nur noch darauf, dass alles
nach Plan lief, sowohl bei der Steuerabgabe als auch
bei der Polizeiüberwachung. Ihr Anliegen galt schon
seit Jahren verstärkt der Bekämpfung des Terrorismus,
die bereits Milliarden verschwendet hatte, ohne dass
nennenswerte Erfolge erzielt worden wären. Unsere
Rechner wurden ständig überwacht.
Der einzelne Bürger war zum Arbeitstier und zur
Nummer abgestempelt worden. Nur die Besten be-
kamen die besseren Konditionen, was Wohnen oder
Nahrung anging. Der Rest wurde ohne Eigentum
und irgendwelche Kauf- oder Verkaufsrechte gehal-
ten. Die Oberen besaßen zumindest eine Wohnung
und durften mittels eines implantierten Chips unter
der Haut kontrolliert kaufen und verkaufen, verfügten
über einen Rechner zu Hause und mussten die gefor-
derte Arbeit erledigen. Die Niederen dagegen waren
zuständig für die gesamte Produktion und mussten die
ganze Logistik der Oberen und der Mächtigen erledi-
gen. Sie besaßen keinen Rechner und kein Kommu-
nikationssystem. Der implantierte Chip verriet stets,
wo sich eine Person aufhielt, was sie tat und sagte.
Es gab keine Möglichkeit, je zu den Oberen aufzu-
steigen.
Gar keine Frage, das Leben war eine Qual für die
Oberen und die Hölle für die Niederen.

„Du, wann müssen wir wieder zu deinem Sohn? Hast
du es vergessen?“, stichelte Teresa.
„Ich hab es nicht vergessen. Ich wollte mit Tommaso
und den Kindern dieses Wochenende nach Slowenien
fliegen zum Angeln. Die prächtigen Forellen warten
auf uns.”

                        253
Patrick und Daniel, meine Enkelkinder, waren sechs
und vier Jahre alt. Tommaso und Serena hatten 2014
im August geheiratet und waren die Eltern von zwei
prächtigen Jungs geworden.
Als stolzer Opa genoss ich es, die beiden um mich
zu haben. Ich wollte in den Bergen am See Bohins-
jko, nahe St. Furzina, wo wir vor einigen Jahren eine
Berghütte erworben hatten, angeln gehen. Die Luft
war hier noch einigermaßen gut, zumindest besser als
in den Niederungen und Städten.
„Aber leider geht das nicht, mein Schatz”, antwortete
Teresa etwas zynisch.
„Und warum nicht?“, fragte ich irritiert.
„Weil wir eingeladen sind bei Tommaso und Serena.
Jackie und León fliegen nächste Woche zurück nach
Kalifornien, sie wollen uns noch mal sehen, bevor sie
abfliegen”, erinnerte sie mich.
Die Almeidas waren bereits einige Wochen bei ihrer
Tochter aus den Staaten zu Besuch.
„Jetzt weiß ich’s wieder, du hast recht. Könnten wir
denn nicht alle das Wochenende in der Hütte verbrin-
gen?”, gab ich sofort als Anstoß.
„Das musst du selbst regeln”, erwiderte Teresa keines-
falls abgeneigt.
„Gut, ich versuch’s.” Ich ergriff die Fernbedienung
und drückte die Taste, um per Videoschaltung Ver-
bindung aufzunehmen. Die Schaltung wies aber eine
Störung auf der anderen Seite auf. „Hallo, ist keiner
zu Hause?”, fragte ich, zum Schirm gewandt.
„Paps, bist du das?”, kam die rauschende Stimme
von Tommaso verschwommen rüber. Kein Bild, nur
Schnee.
„Ist was mit der Leitung, Tommaso?”
„Paps, hier ist etwas Schreckliches passiert. Sie haben

                         254
die Kinder entführt und die Videoanlage kaputtge-
schlagen, grrrrr … ich … gr … grrr … ich hab … sie
gr… notdürftig repariert. Bleib dran, denn ich kann
gr … selber keine … Aufsch… gr … gr … grrrrr …
einleiten. Gut, dass du anrufst.”
„Was ist los, was ist geschehen?” Teresa hatte das Gan-
ze mit angehört.
„Warte, lass erst deinen Sohn etwas sagen. – Was ist
genau passiert?”, wollte ich inzwischen nervös gewor-
den wissen.
„Eine Guerillapatrouille war hier … grrrr … hat die
Kinder mitgenommen. Ihr müsst die Ordnungshüter
rufen … sollen sofort hierher kommen. Mehr kann
ich nicht sagen.” Die schon sehr schlechte Leitung
drohte nunmehr ganz auszufallen.
„Ich werde alles tun, bleibt ruhig. Wir werden auch
sofort losfahren, ich erledige alles, bis gleich.” Dann
brach die Verbindung ab.
Ich wusste nicht, ob er das noch mitbekommen hat-
te.
Teresa stand neben mir und hielt die Hände beschwö-
rend vor den Mund. „Mein Gott!”, stammelte sie und
fing an zu weinen. „Ich hoffe, dass sie den Kindern
nichts antun!”
„Ich verstehe das nicht. Ich hatte mich doch mit ih-
nen verständigt”, versuchte ich sie zu trösten. „Wir
müssen sofort losfahren, sie müssen etwas herausge-
funden haben und machen ihrem Ärger nun Luft”,
fuhr ich fort.
„Einerlei, es ist eine Sauerei und feige dazu, die Kin-
der zu entführen”, sagte Teresa verächtlich.
„Ja, hast ja recht. Ich werde mit dem Boss reden.” Ich
lief zum Schrank und holte meine Jacke. „Pack ein
paar Sachen ein. Vielleicht müssen wir ein oder zwei

                         255
Tage dort bleiben.”
Unterwegs philosophierten wir darüber, was hinter
der Entführung stecken könnte. Da es sich bei den
Guerilleros nicht um Terroristen handelte, sondern
eher um Regimestreiter, die für eine menschliche
Welt kämpften, hatten sie vor unserer Familie viel
Respekt. Auch wenn kein direkter Kontakt zwischen
uns bestand, tolerierte ich in gewissem Maße ihr Vor-
gehen. Ich hatte ihre Familien mit Nahrung versorgt
und ihnen andere kleine Dienste erwiesen, um ihnen
aus ihrer aussichtslosen Lage zu helfen. Die Streiter
waren arme Schweine, die manchmal nicht ein noch
aus wussten.
Andererseits konnte ich jedoch nicht billigen, dass sie
mordeten. Ich hatte ihnen mehrmals eine diplomati-
sche Lösung vorgeschlagen, sie trauten uns aber nicht.
Die Zeiten hatten sich zu sehr geändert. Es war nicht
leicht, ihnen und ihrer Familie die nötige Würde
zu geben. Sie hatten den Technologien unserer Zeit
abgeschworen, da sie glaubten, damit der Kontrolle
zu entkommen und sich freier bewegen zu können.
Letzteres war jedoch blanke Illusion, schon bald hät-
ten wir Daten und genügend Videobilder, um zu er-
fahren, wo sie die Kinder verschleppt hatten. Darum
musste ich versuchen, mit meinen Möglichkeiten auf
die Ordnungshüter einzuwirken, damit kein unnöti-
ges Blutvergießen entstand. Früher oder später würde
man sie aus ihren Schlupflöchern holen. Sie bestanden
auf ihre Freiheit, die sogar wir nicht einmal besaßen.
Die so gepriesene freiheitliche Demokratie bekam
langsam den Beigeschmack der Unterdrückung. Wir
konnten uns zwar frei bewegen, aber nur soweit die
Sicherheit für die Unversehrtheit unseres Lebens das
vorsah. In meinen Augen war das auch nur eine Un-

                         256
freiheit.
Eine Stunde später standen wir vor Tommasos Tür.
Wir umarmten uns, wobei die Frauen sofort anfingen
zu weinen.
„Ich kann das alles nicht verstehen“, schluchzte Sere-
na, Teresas Hand haltend.
Wir umarmten Jackie und León, ehe ich Tommaso
fest an mich drückte und ihm auf die Schulter klopfte.
„Ich werde versuchen, mit ihnen Kontakt aufzuneh-
men, aber das geht nicht per Videoschaltung, da sie
keine besitzen. Ich muss leider weg, um ein paar von
ihren Leuten aufzutreiben, die mir sagen können, wo
die Kinder sind und was sie bezwecken. Überhaupt,
haben die Kidnapper noch etwas gesagt, warum das
Ganze?“
„Ja und nein. Sie hätten ebenfalls Kinder, die krank
seien und auf alles verzichten müssten, deutete einer
von ihnen an, worauf der Gruppenführer ihm das
Wort verboten hat. Mehr weiß ich auch nicht“, er-
klärte Tommaso.
„Ich denke da an gesundheitliche Probleme in der
Gruppe.Vielleicht wollen sie Medikamente erpressen.
Es muss jemand schwer krank sein, der vermutlich
eine medizinische Versorgung oder sogar eine Opera-
tion benötigt“, erwog León.
„Klingt überzeugend, aber ich muss sie ausfindig ma-
chen, damit sie uns die Kinder zurückgeben. Doch es
wird nicht leicht sein, sich auf ihrem Terrain zu bewe-
gen, ohne erwischt zu werden“, deutete ich an.
„Sie können mich stattdessen nehmen, aber bloß ihre
dreckigen feigen Pfoten von meinen Kindern lassen“,
gab Tommaso wütend zurück.
Die Frauen standen nur da und sahen sehr mitgenom-
men aus.

                         257
„So, ihr bleibt da, ich will sehen, was ich ausrichten
kann. Bitte, alarmiert die Ordnungshüter noch nicht.
Ich brauche nur zwei bis drei Stunden, um heraus-
zufinden, was Sache ist. Okay?  – Wenn ich in etwa
fünf bis sechs Stunden nicht zurück bin, ruft ihr Poli-
zei und Dr. Stamm von der Uniklinik Bonn. Er kann
vielleicht weiterhelfen.“
Dr. Stamm war eine intelligente Person und ein guter
Freund der Familie, dem ich seit vielen Jahren sehr
viel anvertraut hatte. Ich wusste, er würde helfen, falls
die Guerillastreiter ärztliche Hilfe bräuchten.
Gleich darauf ließ ich meinen Fahrer mit dem Wa-
gen kommen und fuhr los. Ich kam mir vor wie der
Hauptdarsteller bei der Verfilmung von Schindlers
List, der nun versuchen sollte, die Probleme der Nie-
deren zu entschärfen und den Widerstand der Gueril-
la zu brechen, damit keine Razzien und Verhaftungen
der Strukturgegner stattfanden. Die Zeiten waren, wie
gesagt, für die Niederen schon schwer genug.
Wir bogen in eine der Straßen ein, wo viele von ih-
nen hausten. Sie besaßen nichts. In diese Gegend ka-
men nur Ordnungshüter mit gepanzerten Fahrzeu-
gen, wenn die Niederen sich verschanzten oder nicht
zur Arbeit erschienen. Am Ende der Straße wohnte
Alonso Marques da Silva, ein ehemaliger leitender
Gewerkschaftler in den Jahren 2006 bis 2012, der aus
Portugal stammte. Er leitete die Untergrundguerilla
und konnte mir vielleicht sagen, wo man meine Enkel
hingebracht hatte.
Der Wagen hielt vor einer Blechtür mit der Nummer
1245. Ich stieg aus und klopfte fest mit der flachen
Hand gegen die Tür.
Nach einer Weile hörte ich eine verärgerte Männer-
stimme fluchen: „Ich hoffe, dass du einen triftigen

                          258
Grund hast, mich in meiner Ruhe zu stören, ver-
dammtes Arschloch.“ Die Blechtür ging einen Spalt-
breit auf und ein unrasierter dicklicher Mann lugte
hervor. „Ach, Sie sind es, Herr Brink, entschuldigen
Sie vielmals. Ich wusste nicht, dass Sie mir so viel Ehre
erweisen und mich in meiner bescheidenen Wohnung
aufsuchen.“
„Alonso, wie geht’s dir? Ich brauch deine Hilfe, kann
ich reinkommen?“
„Aber natürlich.“
Ich drehte mich zum Fahrer, der mir auch sogleich
zunickte, um mir zu verstehen zu geben, dass ich ru-
hig reingehen könne, während er auf mich warten
würde.
„Also, ich hab ein Anliegen. Meine beiden Enkel sind
von deinen Leuten entführt worden, hat man mir er-
zählt. Wie soll ich das verstehen? Und wo sind sie?“,
fragte ich barsch, hinter Alonso herlaufend.
Er stoppte, drehte sich um und schaute mich verdutzt
an. „Sind Sie sicher, Herr Brink, dass es unsere Leute
waren? Wie sahen sie aus?“
„Ich hab die Leute nicht selber gesehen, aber mein
Sohn kann sie dir beschreiben, wenn nötig. Aber wer
soll denn sonst die Frechheit haben, so etwas zu tun?“
Doch im selben Augenblick ging mir ein Licht auf.
„Kann es sein, dass wir beobachtet wurden und je-
mand uns einen Strick daraus drehen will?“
Alonso schaute mich noch verdutzter an. „Das wäre
sehr schlimm, Herr Brink, für Sie und für uns.“
„Nicht auszudenken, was passiert, wenn die davon
Wind bekommen haben“, musste ich feststellen.
„Ich werde sofort nachfragen, ob meine Jungs daran
beteiligt sind.“ Er lief zur Treppe und rief: „Nunes,
Nunes! Kommt sofort runter, ich muss euch was fra-

                          259
gen.“
Ein junger Mann kam ans Fenster. Er schaute mich
an und erkannte mich sofort, wie ich an seinem auf-
leuchtenden Blick sehen konnte. Persönlich kannte
ich ihn nicht. Eine Minute später standen zwei junge
Leute um die zwanzig vor uns.
„Was gibt’s, Papa?“
„Das ist Herr Brink, von dem ich euch erzählt habe,
und keine Lügen, klar! Wisst ihr, ob die anderen die
Kleinen seines Sohnes entführt haben?“
„Nichts davon bekannt. Und warum sollten wir?“
„Bist du sicher? Könntest du das kontrollieren und
bei Mister Ribeiro nachfragen, aber erst heute Abend,
nicht jetzt, es darf keiner sehen, dass was im Busch
ist!“
„Gut, Papa, mach ich.“
„Wenn du Bescheid weißt, bring eine Nachricht zu
Herrn Brinks Sohn Tommaso, aber nicht anklopfen.
Nur ein kurzes Gebell, wenn wir nichts damit zu tun
haben, im anderen Fall Katzengeschrei!“
„Ist gut, Papa. Kann ich jetzt gehen?“
„Okay, gegen neun Uhr wisst ihr Bescheid. Es tut mir
leid, dass ihr bis heute Abend warten müsst, aber si-
cher ist sicher. – Wir trauen niemandem, zumal wir
bereits Ärger mit den Ordnungshütern wegen des
Sohnes meines Bruders haben“, gab mir Alonso zu
verstehen. „Wir müssen höllisch aufpassen“, fuhr er
besorgt fort.
Es konnte wirklich zu einem Riesenproblem für uns
alle werden.
„Ich verlass mich auf dich Alonso“, ermahnte ich ihn
nochmals.
„Versprochen, wenn was sein sollte, hörst du sofort
persönlich von mir!“

                        260
Ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass
sie die Kinder entführt hatten, nach allem, was ich
für Alonsos Sippe getan hatte. Aber wer sonst steckte
dahinter? Wollte uns jemand schaden oder wusste von
meiner Hilfe für die Niederen? Meine Sorge galt den
Kindern und natürlich Tommaso und Serena.
Als ich in den Dienstwagen stieg, meinte der Fahrer
sofort: „Wir werden beobachtet, Herr Brink, was sol-
len wir tun?“
„Wir fahren zurück nach Hause, wohin denn sonst?“,
gab ich etwas unfreundlich zurück. „Entschuldigung,
es ist nicht persönlich … Ab und zu wird es mir auch
ein bisschen zu viel.Wir werden, wie alle, überwacht“,
musste ich noch loswerden.
Der Fahrer blieb stumm und fuhr Richtung Tomma-
sos Haus.
Die Gedanken und die Bilder rasten nur so durch mei-
nen Kopf. Ich musste an die vergangenen Jahre den-
ken. Damals waren sie hinter meiner Energieanlage
her. Heute verfolgten sie mich, weil ich den Niederen
half. Meine Sympathie für sie und die Anonymen, aber
auch meine durchgesickerten Zukunftspläne schienen
vielen ein Dorn im Auge zu sein. Am liebsten würden
sie mich mundtot sehen, da ich in den letzten Jahren
weitere Theorien lanciert hatte, zum Beispiel bezüg-
lich der Pyramiden. Anscheinend wollte die Obrigkeit
nicht, dass das Ganze publik gemacht wurde. Aber die
Publikationen konnte keiner zensieren und sie wur-
den von den Wissenschaftlern und Archäologen wei-
ter mit großem Interesse verfolgt.
Ich hatte über die Pyramiden in den letzten paar Jah-
ren weitere Hypothesen aufgestellt. Es lag nahe, dass sie
früheren Zivilisationen zu einem bestimmten Zweck
gedient hatten. Diese riesigen Bauten mussten eine

                          261
Art Nachricht für kommende Generationen darstel-
len. Wie sollten wir hinter dieses Rätsel kommen, was
doch in all den Jahrtausenden noch niemandem ge-
lungen war? Sogar den Ägyptern blieb nichts anderes
übrig, als sie zu ehren und als ihre Kultstätten zu be-
trachten. Die genaue geometrische Struktur von vier
gleichen symmetrischen Dreiecken mit einem Seiten-
neigungswinkel von 52 Grad entsprach der eines Salz-
kristalls. Wollte diese Form uns etwas vermitteln?
So viel war klar, dass wir heute mit dem im Salz ent-
haltenen Natriumchlorid unsere Energiegewinnung
betreiben konnten, was wir der UN und den dama-
ligen Regierungen verdankten, die damals vor sie-
ben Jahren die Anlagen befürwortet und genehmigt
hatten, nachdem eine katastrophale klimatische Erd-
erwärmung, die weitere Ausdehnung des Ozonlochs
und nicht zuletzt das Schwinden des Sauerstoffgehalts
drohten.
Nichtsdestotrotz hatten sich radikale und soziale Ver-
änderungen breitgemacht, der Faktor Mensch war fast
ganz unter die Kontrolle der Mächtigen geraten. Das
Desaster war sogar noch unmenschlicher als in George
Orwells Roman 1984, da jeglicher Wunschgedanke
bereits im Keim erstickt wurde. Man könne froh sein,
dass es sich so verhielt, ansonsten wären wir bereits
ohne Wasser und Nahrung, und nicht mehr existent,
hieß es. Nur durch die einseitigen Sparmaßnahmen
war es möglich überhaupt noch zu überleben.
Man konnte jetzt Freunde und die Familie virtuell zu
sich einladen, virtuell im Park spazieren gehen, virtu-
ell im Supermarkt einkaufen gehen und sich anschlie-
ßend die Ware nach Hause liefern lassen und vieles
mehr. Man schaute sich nicht, wie damals, ein For-
mel-1-Rennen an, sondern durfte sogar mitfahren. Der

                         262
Vorteil bestand darin, dass das Ganze ohne Spritver-
brauch über die Runden ging und die Helden nur auf
dem Schirm bestanden. Alles war bestens geregelt.
Wie roch eigentlich Heu oder welcher Duft kam
auf nach einem Gewitter im Sommer auf dem Land?
Wusste überhaupt noch jemand, was sich hinter Os-
tern und Weihnachten verbarg? Mit den Jahren waren
viele Traditionen in Vergessenheit geraten. Stattdessen
wurden die Menschen mit Konsummist eingeschlä-
fert, das Ziel eines jeden Marketingmanagers und
Wirtschaftsbonzen. Die Schuld für die ganze Verblö-
dung trugen aber auch die Eltern, die Schule und die
Medien, die wiederum von den Produktfabrikanten
geleitet wurden. Unsere Industrie vergiftete uns mit
allem, was man vermarkten konnte. Dem Trinkwas-
ser wurden erdenklich viele Stoffe hinzugefügt, sodass
es fast kein Trinkwasser mehr enthielt. Dafür bezahl-
ten wir horrende Summen, während die Niederen
zusehen mussten, wie sie auf dem Schwarzmarkt an
anderes Wasser kamen. Die Lebensmittel enthielten
Nitrate, Hormone, Geschmacksverstärker, Konser-
vierungs- und Farbstoffe bis hin zu Antibiotika, was
sie fast zu Arzneien machte. Sie verfügten über ein
Süchtigkeitspotenzial wie Nikotin, Koffein, Alkohol
und die gefährlichen Nebenwirkungen machten uns
kränker statt gesünder.
Die Zustände des Jahres 2021 waren unübersicht-
lich und korrupt. Die Menschen gliederten sich in
die Oberen, die Niederen und die Anonymen, wobei
Letztere nicht registriert waren und weit unter jeder
menschlichen Würde lebten wie Tiere. Und da gab
es noch die Verwalter, die Obrigkeit und die Herr-
lichkeit. Eine perfekte Menschenpyramide. Fazit: Eine
neue Ordnung musste gefunden werden.

                         263
Der Computer begleitete uns überall hin und machte
uns auf alles aufmerksam, was wir aus Vergesslichkeit
falsch machten. Manchmal beschimpfte er uns sogar:
„Du sollst dich an die vorgegebenen Ordnungsregeln hal-
ten.“ Die Niederen, die einen Modulprozessor besa-
ßen, der ihnen den Zugriff auf festgelegte Programme
erlaubte, wurden jeden Tag von diesem genialen Idio-
ten geweckt.
Die Anonymen, früher ganz einfache Leute, Arbeiter,
die mit ihrer Arbeit mehr oder weniger ihren Lebens-
unterhalt bestritten, lebten irgendwo verstreut in der
Unterwelt am Rande der Gesellschaft. Ohne offiziel-
le Papiere wurden sie zu Außenseitern, Kriminellen,
Asozialen, zu einer Bedrohung für die Andersdenken-
den abgestempelt. Eine Zeit lang hatte man sie gedul-
det. Heutzutage wurde Jagd auf diese Regimegegner
gemacht – sie gehörten schließlich nirgendwo mehr
dazu, konsumierten nicht genug zum Wohle der Bes-
sergestellten.
Mit der Zeit wurden es immer mehr, und das beunru-
higte die Obrigkeit. Ein definitiver Plan zur Jagd be-
stand nicht, aber er wurde stillschweigend gefördert.
Tagtäglich häuften sich die Meldungen von Toten und
zerstörten geplünderten Läden und Supermärkten.
Die Niederen und Anonymen waren zu einem Schul-
terschluss gekommen, um das verhasste Regime zu
destabilisieren. Es ging darum, die Strukturen durch
Sabotage und dem Einschleusen falscher Nachrich-
ten zu durchlöchern, was die Obrigkeit ziemlich ver-
unsicherte. Sie mordeten nicht und betrieben keine
Selbstmordattentate, arbeiteten aber effektiv, indem sie
zum Beispiel Strommasten zum Einstürzen brachten
und dadurch ganze Produktionszweige in den Städten
lahmlegten. Falsche Daten wurden eingespeist oder

                          264
falscher Alarm ausgelöst, während an anderen Orten
der Widerstand ausgetragen wurde. Ein Nervenkrieg,
dem keine Armeen oder Ordnungshüter etwas ent-
gegensetzen konnten. Mit Gewalt war da ohnehin
nichts zu machen.
Nichtsdestotrotz wurden von den Regierenden in
ihrer Panik horrende Summen bewilligt und absur-
de Gesetze erlassen, um die Anonymen in Bedrängnis
zu bringen. Kleine Gruppen oder Einzelne wurden
gezielt eingeschleust und operierten undercover. Die
Obrigkeit sollte langsam Ergebnisse vorlegen, wie
man der aktuellen Lage Herr werden konnte. Mehr
Freiheit und Selbstständigkeit wurden gefordert, mehr
Initiativen zur Verwirklichung des eigenen Lebens.
Zwar musste man den Weg nicht gemeinsam gehen,
aber zumindest einander akzeptieren und eine Art des
Miteinanders ermöglichen. Die Gewalt musste be-
endet werden, sei es durch Gesetzgebung oder einen
toleranteren Umgang.

„Herr Brink, wir sind da“, sagte der Fahrer trocken.
„Was? – Ach ja, danke Karl“, kam ich wieder in die
Wirklichkeit zurück. Ich brauchte einen Augenblick,
um wieder klar zu sehen. „Also, dann halten Sie die
Stellung, vielleicht müssen wir noch einiges erledi-
gen“, bereitete ich ihn bereits auf weitere Fahrten
vor.
„Kein Problem, Herr Brink, ich mach das gerne für
Sie.“
„Danke.“
Der Agent am Hauseingang begrüßte mich. Ich ging
mit einem Kopfnicken weiter.
„Hallo, wo seid ihr?“, rief ich, als ich im Flur stand.
„Hier!“, hörte ich Teresa von oben antworten. Ich

                         265
ging zur Treppe und sah, wie Teresa sich über das Ge-
länder beugte und fragte: „Hast du Neuigkeiten von
den Kindern?“
„Teresa, beruhige dich, wir kriegen die Kinder gesund
zurück“, machte ich ihr Mut.
„Weißt du, wo sie sind?“, erkundigten sich Tommaso
und Serena gleichzeitig.
„Noch nicht, aber die Kommunikation ist hergestellt,
und es ist nur noch eine Frage der Zeit“, versuchte ich
die gespannte Atmosphäre zu entschärfen. Ich erzählte
ihnen, ohne Namen zu nennen, dass Freunde sich da-
rum kümmern und wir bis spätestens neun Uhr Be-
scheid bekommen würden. Das schien sie etwas zu
beruhigen.
Die Zeit tropfte nur langsam dahin.
Es war gegen halb sieben abends, als das Telefon klin-
gelte und Tommaso an den Apparat ging.
„Hallo, mit wem spreche ich? – Tut mir leid, wir ha-
ben seit heute Morgen eine Panne, ich kann sie sehr
schlecht verstehen und nur Audio empfangen“, sagte
Tommaso, während er erfolglos versuchte, die Frei-
schaltung am Bildschirm zu aktivieren.
„Ich verstehe Sie sehr gut, Herr Brink. Könnte ich
mit Ihrem Herrn Vater sprechen?“ Die Stimme der
Frau klang ernst.
„Wen darf ich ankündigen?“
„Ich bin’s, Antonia. Ich habe sehr wichtige Neuigkei-
ten!“
Tommaso reichte mir sofort den Hörer.
„Hallo, wer spricht da? – Mensch, was für eine Über-
raschung, wie geht’s dir? Dass ich noch etwas von dir
höre! Wo ist Jan?“
„Hier ist alles okay, aber wir haben weit wichtige-
re Nachrichten. Wir wissen nämlich, wer die Kinder

                         266
entführt hat und wer dahintersteckt.“
„Was?“,  rief ich erregt. „Woher wisst ihr denn, was
hier vor sich geht?“
„Wir haben rein zufällig gerade einen Arbeitsbesuch
bei der russischen ProGasPro beendet, bei dem uns
und anderen mitgeteilt wurde, dass weiterer Druck
auf deine Familie ausgeübt werden soll und endgülti-
ge Beweise für dein Doppelspiel in Sache Obrigkeit
und Niedere auf den Tisch kommen. Sie wissen von
deiner Hilfe für die Niederen und Anonymen und
wollen dich aus der Reserve locken, damit du Fehler
machst und von den Ordnungshütern auf frischer Tat
ertappt wirst. Sie sind scharf auf deinen Untergang
und werden alles tun, um dich auszuschalten.“
„So, so, aber warum haben sie die Kinder und nicht
mich entführt?“
„Ich denke, sie wollen aus dir keinen Märtyrer ma-
chen. Sonst wäre alles dahin, sowohl die geheimnis-
volle Formel als auch die weiteren Entwicklungen
in puncto Sauerstoff- und Energiegewinnung. Sie
möchten dich in Hausarrest sehen, damit du für sie
arbeitest. Die Kinder sind nur ein Vorwand und wer-
den umgehend freigelassen, wenn du dich freiwillig
nach Moskau oder England in die Höhle des Löwen
begibst und dich bedingungslos ergibst. – So, das ist
alles, was ich in Erfahrung bringen konnte. Ich kom-
me morgen früh mit einem Privatjet und hol dich
ab. Ich muss leider aufhören, weil ich noch einiges
bis zu meinem Abflug zu erledigen habe. Wir sehen
uns morgen und reden dann weiter“, beendete sie die
Verbindung.
Also doch die Russen und nicht Alonsos Leute, stellte ich,
einerseits erleichtert, fest. Dennoch musste ich bis
morgen eine eigene Strategie entwickeln. Ich erzähl-

                           267
te den anderen die Neuigkeit und erläuterte meinen
Plan, der sie allerdings nicht zu überzeugen schien.
Aber zumindest bot sich mir eine Alternative, um die
Obrigkeit und unsere Widersacher zu täuschen. Auf
offenem Feld vermochten diese nichts zu unterneh-
men, aber wir konnten einschreiten.
Ich ließ mich zu Alonso fahren. Er hatte mir zwei Män-
ner organisiert, die mir als Bodyguards dienen sollten
und mit denen ich nun in einem zweiten Fahrzeug
Richtung Medpharma-Werke fuhr. Ich wollte mich
dort mit dem Vorstand treffen und versuchen, einen
Dialog zu knüpfen und einen Kompromiss zu suchen.
Karl sollte in der Nähe des Werks, aber ungesehen, in
unserem Wagen warten und später auf den Anruf von
Alonsos Männern hin vorfahren.
Nachdem wir vor dem Werktor einer Kontrolle unter-
zogen worden waren, durften wir hinein. Drinnen
wurde ich von der neuen Sekretärin, Glodens Tochter,
empfangen.
„Hallo, Fräulein Gloden, wir haben vor einer Stun-
de miteinander telefoniert. Ich bin Brink, Jeff Brink“,
stellte ich mich vor.
„Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden bereits erwar-
tet. Die beiden Herren können im Warteraum Platz
nehmen, wenn sie möchten“, sagte die junge Frau so-
fort.
„Gut, danke“, antwortete ich.
„Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“
„Nicht nötig, ich kenne den Weg zu Herrn Glodens
Büro. Sie können aber gerne den Herren den Warte-
raum zeigen.“
Sie schaute beide an und nickte. „Gut, kommen Sie,
meine Herren, es ist am Ende des Flurs.“
Die beiden folgten ihr, und ich konnte noch sehen,

                         268
wie sie von hinten festgehalten und chloroformiert
wurde. Sie wehrte sich nur kurz, ehe sie bewusstlos in
die Knie sackte. Sie gingen mit ihr ins Wartezimmer,
während ich mich an ihrem Computer zu schaffen
machte. Ich öffnete Dr. Glodens Datei und seinen
Terminkalender.
Da schau her. Der gute Dr. Gloden hat wichtige Termine mit
Moskau und England in den nächsten Tagen. Also weiß er
Bescheid, wo sich die Kinder befinden, wenn alles stimmt,
was Antonia mir erzählt hat. Und darauf kann ich mich
vollstens verlassen.
Ich machte mich auf den Weg zum Aufsichtsrats-Kon-
ferenzsaal. Im Aufzug waren Kameras installiert, wie
ich feststellen musste. Im vierundzwanzigsten Stock
stieg ich aus und ging weiter zum Konferenzraum. Es
saßen nur vier Leute am Tisch, während Dr. Gloden,
mir den Rücken zugewandt, am Fenster stand und auf
die Kölner Altstadt und den Rhein schaute, als hätte
er mich nicht bemerkt. Als ich nah genug war, drehte
er sich langsam um.
„Herr Brink, wie schön Sie wiederzusehen! Es ist lan-
ge her, seit Sie im Werk waren. Was verschafft mir die
Ehre?“ Seine Worte klangen ironisch und triumphie-
rend. Er sah sehr mitgenommen und gealtert aus. „Sie
wissen, warum ich hier bin. Ich möchte sofort meine
beiden Enkel sehen und sie nach Hause bringen!“,
sagte ich mit fester Stimme.
Die Herren am Tisch zuckten merklich zusammen.
Als einer von ihnen etwas sagen wollte, hob Dr. Glo-
den die Hand, um anzudeuten, dass er das überneh-
men würde.
„Dr. Brink, Sie unterstellen uns Kindesentführung!
Erstens wissen wir nichts davon und zweitens wollten
Sie sich mit uns doch über etwas ganz anderes unter-

                           269
halten“, gab er ruhig zurück.
„Tun Sie nicht so scheinheilig. Sie wissen, wo die
Kinder sind! Sie täten gut daran, sie freizulassen, wenn
Sie Ihre Tochter gesund zurückhaben möchten“, ant-
wortete ich.
„Was hat meine Tochter damit zu tun?  … Wo ist
Sie? … Was haben Sie vor? … Was haben Sie mit ihr
gemacht?“, brauste er auf und ging zum Tisch, um zu
telefonieren.
„Ihre Tochter ist in diesen Minuten mit meinen Bo-
dyguards bereits unterwegs zu einem geheimen Ort,
bis meine Enkel sicher bei ihren Eltern sind. Ist das
klar, Herr Gloden? Geht das in Ihr verdammtes Hirn
oder haben Sie gedacht, ich würde alles hinnehmen,
was in all den Jahren von Ihnen an Intrigen gespon-
nen wurde? Aber es liegt in Ihrer Hand. Guten Tag.“
Ich drehte mich zum Gehen um.
„Sie sind verrückt, Brink! Das werden Sie mir büßen.
Sie und Ihre ganze Sippe, wenn meiner Tochter etwas
zustößt“, stieß er wütend hervor.
„Ich höre, Sie lieben Ihre Tochter – ja, und wir lieben
unsere Kinder. Also, wo stecken sie?“, fragte ich ihn
noch einmal.
Er blieb stumm.
„Ich werde nur einen Tag warten und Sie dann bloß-
stellen. Ihre ganze Laufbahn bei Medpharma können
Sie dann vergessen. Tun Sie das Richtige“, gab ich im
klar zu verstehen.
Ich war fest entschlossen, über die UN die Russen
und die Medpharma AG zu verklagen; dazu würde ich
etliche Beweise auf den Tisch legen. Mit hasserfüllten
Augen musste er mit ansehen, wie ich aus dem Saal
Richtung Aufzug ging, ohne noch ein weiteres Wort
zu verlieren. Er wusste, dass sein Plan gescheitert war

                          270
und er sich keine weiteren Fehler erlauben durfte, was
sowohl das Werk als auch die Russen Punkte und An-
sehen kostete. Die anderen Herren im Aufsichtsrat
würden ebenfalls die Mission für gescheitert erklären.
Natürlich ahnte er nicht, dass sein Name bei der UN
bereits mehrmals in die Kritik geraten war, da er ver-
sucht hatte, die Anlagen als zu schwach zu definieren,
und angegeben hatte, dank seiner Modifizierungen
ein Vielfaches an Energie produzieren und liefern zu
können. Aber die UN hatte sich entschlossen, welt-
weit kleine Anlagen zu betreiben, um die Sauerstoff-
vertreibung besser und gleichmäßiger zu verteilen. In
diesem Zusammenhang waren auch nationale Inter-
essen in Erwägung gezogen worden. Der Betrieb ei-
niger weniger Riesenzentralen wäre zwar billiger und
effizienter gewesen, aber auch gefährlicher angesichts
der befürchteten Monopolstellung, je nachdem, auf
welchen territorialen Standorten sie sich befunden
hätten.
Die Russen hatten in den letzten Jahren keine Ag-
gressionen mehr gegen uns gezeigt, da ihre Öl- und
Gasvorkommen reichlich Reichtum erwirtschaftet
hatten. Aber seit die UN-Resolution dem Treibhaus-
effekt und dem ungebremsten CO2-Ausstoß mit dras-
tischen Sanktionen begegnete, schienen die Russen es
wieder auf uns abgesehen zu haben.
Amerika musste sich zurzeit mit riesigen Problemen
herumschlagen, und zwar mit Industriesmog und Un-
ruhen in sämtlichen Bundesstaaten. Es drohte sogar die
politische und ökonomische Spaltung der „Vereinig-
ten Staaten“. Selbst bei der Terrorbekämpfung schien
keine Einigung im Senat in Sicht. Ein Übermaß an
kapitalistischer Kraft und die Lobbyisten bedrohten
Amerikas Demokratie, da man dem sozialen Frieden

                         271
einfach nicht gerecht wurde. Nur das Wort Demokrat
lebte noch weiter, doch dass Menschen unter einer so
strengen Aufsicht leben mussten, war nicht mehr im
Sinne Roosevelts.
Europa war noch einigermaßen in seinen Traditionen
eingebunden. Dafür schmückte sich der alte Konti-
nent mit mehr oder weniger verschleierten Demo-
kratien, die die Grundrechte des Menschen vielerorts
missachteten.
Wie dem auch sei, ich hatte im Augenblick andere
Sorgen. Ich wusste nicht, ob der Plan, Glodens Toch-
ter aus dem Werk zu schleusen, geklappt hatte. Meine
Bodyguards sollten das Werk vorzeitig verlassen mit
der Begründung, dass sie anderweitig gebraucht und
jemand anders mich abholen würde. Als ich draußen
vor dem Tor der Medpharma-Werke stand, war mir
wohler. Es hatte sich zu einem nimmersatten, gefrä-
ßigen Monstrum entwickelt, das aus Fusionen und
überteuerten Produkten, wie Dünge- und Arzneimit-
tel, aufgebaut worden war, sich weiter an der Ener-
gie der Welt bereichern wollte und auf Kosten vieler
immer mehr Einfluss, Macht und Gewinn anstrebte.
Medpharmas Strategie, ohne Langzeitstudien phar-
mazeutische Produkte auf den Markt zu werfen, war
mir immer schon ein Dorn im Auge gewesen.
Nicht weit vom Tor wartete mein Fahrer auf mich.
„Ist alles gelaufen wie am Schnürchen. Alonsos Män-
ner sind schon eine Weile weg. Ohne großes Aufsehen
haben sie mit dem jungen Fräulein im Kofferraum das
Tor verlassen.“
Es tat mir leid um Glodens Tochter, aber was hätte
ich anders tun können, um meine Enkel zurückzube-
kommen? Alonso würde sich schon wie besprochen
um ihr Wohlergehen kümmern. Doch das Ganze war

                        272
noch nicht ausgestanden.
Ich musste, sobald ich zu Hause war, den UN-Gene-
ralsekretär anrufen und Bescheid geben, dass die städ-
tische Polizei weitere Schritte gegen diese Verbrecher,
gegebenenfalls gegen den Konzern, einleiten konnte.
Ich genoss weltweit diplomatische Freiheiten und Im-
munität, denn ich hatte vor Jahren, wie die Obrigkeit,
einen speziellen Reisepass erhalten, den ich allerdings
nie für private Zwecke und meine Familie eingesetzt
hatte.
Etwas erleichtert fuhren wir nach Hause zu Tomma-
so.

Was uns in den letzten Jahren am meisten Sorgen be-
reitet hatte, war, dass wir die Ursachen und genauen
Zusammenhänge, die den Klimawandel verursachten,
nicht verstanden hatten. Keiner hätte in den Fünfzi-
ger-, Sechziger- und Siebzigerjahren gedacht, dass die
Schadstoffe uns in eine derart verzwickte Lage brin-
gen würden. Dazu schrillten die Alarmglocken der
Politik viel zu langsam, während es die Wirtschafts-
bosse exzellent verstanden, die Situation zu verharm-
losen. Daher bestand das Kyoto-Protokoll nur aus Ab-
sichtserklärungen und unkonkreten Maßnahmen und
auch andere Aktionen hatten nicht zur Reduzierung
der Schadstoffe geführt, ganz zu schweigen von den
Protagonisten, die das Ganze bewusst als Klimahyste-
rie abgetan hatten.
Das Ozonloch war größer, die Luft zum Atmen noch
dünner geworden, und nur die erneuerbaren Ener-
gien nahmen allmählich Form an, da wir keine ande-
ren Alternativen kannten. Obwohl es für die Zukunft
schlecht aussah, blieb ich optimistisch. Mir taten nur
die Leute leid, die zusehends ärmer wurden.Afrika, wo

                         273
einst die Wiege der Menschheit und das Paradies aller
Tiere lag, befand sich in einem so miserablen Zustand,
dass jetzt der Sensenmann ohne Ausnahme alles weg-
raffte. Dem Kontinent drohte der Kollaps, es gab kein
sauberes Trinkwasser, Hunger, Dürre, Stürme, Armut
und Seuchen. Ein Teufelskreis, den keiner mehr zu
stoppen vermochte. Wir wussten seit Jahrzehnten von
dieser Gefahr und hatten dem geschundenen Konti-
nent nur falsches Mitleid entgegengebracht. Mittler-
weile war damit begonnen worden, viele Tier- und
Pflanzenarten nach Europa umzusiedeln, da die Re-
genzeiten hier noch einigermaßen das Gleichgewicht
der Natur aufrechterhielten, obwohl aufgrund nicht
allzu strenger Winter Überschwemmungen an der Ta-
gesordnung waren.
Sauberes Wasser führte immer mehr zu nationalen und
politischen Konflikten; die Türkei zum Beispiel setzte
durch Staudämme rigoros ihre nationalen Interessen
durch. Die Menschen litten an Magen- und Darmin-
fektionen, wobei es die Kinder am schwersten traf. Da
der menschliche Körper zu siebzig Prozent aus Wasser
besteht, wurde jede Zelle des Organismus angegrif-
fen. Es gab kein lebendiges Wasser mehr, nur noch ein
hochprozentig verseuchtes, in Aufbereitungsanlagen
ständig mit Chemie aufbereitetes, schmutziges Nass.
Dabei besaß Wasser ein ausgeklügeltes Erinnerungs-
vermögen und speicherte alle relevanten Informatio-
nen. Man konnte es nicht waschen – und vor allem
nicht täuschen oder hintergehen. Wir hatten uns zu
lange im Überfluss des kostbaren Nasses gebadet und
es in Zeiten des Wohlstands vergeudet. So wie einst
Salz teurer war als Gold, war das Wasser teurer als
Diamanten geworden. Sauberes Trinkwasser gehörte
zu den Grundrechten und dem Gemeinwohl, dachte

                         274
ich zumindest, aber in dieser Beziehung kämpfte ich
gegen Windmühlenflügel.

Zu Hause angekommen freuten sich die Frauen, uns
wiederzusehen. Uns blieb nun nichts anderes übrig,
als abzuwarten, welche Strategie Gloden und die
Medpharma AG mit den Russen verfolgten. Ich legte
mich ein bisschen aufs Ohr, ehe ich in einer Stunde
in unser Haus nach Bonn zurückfahren wollte, weil
ich dort besser erreichbar war und im Falle weiterer
Entwicklungen näher bei Alonso wäre.
Ich schreckte auf, als ich genau über uns einen Hub-
schrauber donnern hörte, der im Garten zu landen
schien.
Ich hörte, wie León sagte: „Das muss für uns sein, er
ist hier gelandet.“
Ich stand sofort auf und lief zum Fenster. Die Stim-
men draußen wurden vom Lärm der Rotorblätter
des Hubschraubers übertönt. Ich lief in den Garten,
wo sich alle versammelt hatten und durcheinander-
schrien.
Der Lautsprecher des Hubschraubers ertönte: „Hallo,
wir bringen die Kinder. Bleiben Sie ruhig und ma-
chen Sie Platz.“
Wer sind diese Leute und was wollen sie?, ging mir durch
den Kopf. Aus Vorsicht blieb ich daher etwas im Hin-
tergrund.
Die Motoren wurden abgestellt. Nach einiger Zeit
ging die Schiebetür auf und zwei Männer stiegen aus,
gefolgt von einem dritten, den ich sofort erkannte. Es
handelte sich um den EU-Präsidenten Juan da Cun-
ha. Ich rätselte, was der bei uns wollte. Wir hatten uns
einige Male auf Banketts und anderen politischen Er-
eignissen gesehen, aber nie direkt miteinander gespro-

                          275
chen. Er kam auf uns zu und wandte sich an mich.
„Herr Dr. Brink, es tut mir leid, Sie und Ihre Familie
auf diese Art zu belästigen. Könnte ich Sie kurz unter
vier Augen sprechen, wenn Sie gestatten.“
Ich konnte nicht so richtig darauf antworten und
stammelte: „Wie … wie soll ich das verstehen? Ent-
schuldigen Sie, Herr Präsident, worum geht es?“
„Ich wollte die aktuelle Lage bezüglich Ihrer Enkel-
kinder erörtern“, sagte er etwas steif.
„Was ist mit den Kindern?“, rief Serena und kam auf
uns zu.
„Alles in bester Ordnung, Frau Brink, Sie brauchen
sich keine Sorgen zu machen, Ihre Kinder sind bereits
unterwegs hierher. Herr Weimar, der Aufsichtsratsvor-
sitzende der Medpharma AG, hat alles in die Wege ge-
leitet. Aber jetzt möchte ich Herrn Dr. Brink kurz
sprechen“, erwiderte der EU-Präsident sachlich. „So,
wo können wir ungestört ein wenig plaudern?“
Ich traute ihm nicht so richtig, konnte ihm seine Bitte
aber auch nicht verweigern.
„Herr Präsident, wir können drinnen im Büro meines
Sohnes Platz nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben.
Mein enger Freund Herr León Almeida, der ja auch
Großvater der Kinder ist, soll mit dabei sein“, äußerte
ich, entschlossen das Gespräch nicht unter vier Augen
zu führen.
„Wenn es sein muss“, antwortete er nur kurz.
Wir gingen zusammen ins Haus.
„So, da wären wir also, worum geht’s?“
„Die Sache ist etwas delikat, Sie müssen mich nicht
falsch verstehen und mir das nicht persönlich neh-
men. Ich handele im Namen der Europäischen Re-
gierung und möchte Sie bitten, vorsichtig zu sein und
die Gesetze der Obrigkeiten zu befolgen. Sie wissen

                         276
nämlich, dass Sie, Herr Brink, eine Schwäche für die
Niederen und Anonymen haben, und man will dies
nicht länger dulden. Ein weiterer Kontakt würde sie
zwingen, Gegenmaßnahmen zu erwägen, bis hin zu
Ihrer Inhaftierung und Ihnen nahestehender Perso-
nen.Verstehen Sie mich nicht falsch, sollte es zu einer
Konfrontation kommen, riskieren Sie Kopf und Kra-
gen. So, das war meine Nachricht an Sie.
Des Weiteren wollte ich Sie auf unsere Jahrestagung
einladen und Sie bitten, eine Rede zum Klimaschutz
zu halten mit der Bitte, niemanden zu beleidigen. Da-
mit können Sie wieder Terrain und das Vertrauen der
Obrigkeit zurückgewinnen. Ich werde Ihnen selbst-
verständlich die Einladungen, auch für Ihre Begleit-
personen, zukommen lassen. Die Konferenz findet am
29. Juni statt.
Also dann, ich muss weiter meine Herren. Es war mir
ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Auf ein
baldiges Wiedersehen und vor allem unter anderen
Umständen.“
Mir war bis zu diesem Augenblick nichts eingefallen,
was ich hätte sagen können, und ich beließ es dabei.
„Ich werde mich bei den Obrigkeiten melden“, sagte
ich nur und gab ihm die Hand.
„Auf Wiedersehen, Herr Präsident.“ León reichte ihm
ebenfalls die Hand und fuhr fort: „Wenn Sie nichts
dagegen haben, Herr Präsident, bin ich auch mit von
der Partie.“
„Kein Problem, ganz im Gegenteil, es würde mir sehr
schmeicheln. Tschüss, die Herren.“ Er drehte sich um
und verschwand durch die noch offen stehende Tür,
bevor jemand ihn begleiten konnte.
„Was hältst du von diesem Besuch? Höchst merkwür-
dig, nicht wahr?“, fragte ich León.

                         277
„Eins steht fest, sie wissen von deinen Aktivitäten mit
den Niederen und Anonymen und haben dir eine
Galgenfrist gegeben, da sie kein unnötiges Aufsehen
aus der Sache machen wollen. Es scheint eine letzte
Warnung zu sein. Auf der anderen Seite wollen sie,
dass du dich tiefer in die Forschung des Klimaschutzes
und der Erderwärmung einbindest, vermutlich damit
du abgelenkt wirst. Im Gegenzug lassen sie dich dann
in Ruhe. Du solltest dir das genau überlegen, ob du
den Niederen weiter Hilfe zukommen lassen willst
oder ob du der Obrigkeit folgst und dich weiter wis-
senschaftlich nützlich machst, was letztendlich dein
Beruf ist“, resümierte León.
Ich verstand seine Sorge, aber den sozialen Aspekt
meiner Lebensphilosophie wollte ich dennoch nicht
begraben. Bei mir stand der Mensch im Mittelpunkt
und nicht die Interessen der Mächtigen, die mithil-
fe der Banken und anderer Einrichtungen über den
Datenschutz hinweg seit einigen Jahrzehnten Infor-
mationen im großen Stil über ihre Kunden, Mit-
glieder, Besucher, Antragssteller, Patienten und der-
gleichen gesammelt hatten, obwohl laut Gesetz und
der Verfassung für Menschenrechte die persönlichen
Daten nur mit Zustimmung der betroffenen Perso-
nen verarbeitet, abgespeichert, abgefragt und genutzt
werden durften; aber viele Unternehmer fanden im-
mer wieder Wege, die Gesetze dreist zu umgehen. Die
Politik unternahm gar nichts und setzte noch eins
drauf. Also blieb dem Einzelnen keine andere Wahl,
als sich zu wehren.
Bei den ganzen Geschäftsbedingungen, die sich der
Kunde verpflichtete zu akzeptieren, befand er sich
stets im Nachteil. Mit immer neuen Produkten und
Dienstleistungen, die mit stets derselben Masche ge-

                         278
worben wurden – besseres Produkt, besserer Dienst,
der letzte Schrei usw. –, zapften sie immer wieder aufs
Neue unser Portemonnaie an. Was geschah eigentlich,
wenn beispielsweise keine neuen Automobile mehr
gebaut würden, da durch die zunehmende Verarmung
kein Geld für solche kostspieligen Anschaffungen vor-
handen war? Würden diese Konzerne und Zuliefer-
firmen dann schließen müssen? Konnte der Staat die-
se fehlenden Steuereinnahmen mit einer zusätzlichen
Belastung oder Staatsverschuldung wettmachen? Was
passierte, wenn die Weltwirtschaft noch weiter ge-
lähmt würde und die Staatsfinanzierung nicht möglich
war? Die Folgen konnten wir an einer Hand abzählen:
Die Reichen bekämen einige Probleme, während die
Armen noch ärmer würden. Die Politik könnte sogar
ihre Staatsbediensteten nicht mehr bezahlen, was zu
einem Bürgerkrieg führen konnte. Mit Konjunktur-
paketen von Milliarden Garantieblasen und Schulden,
die von den nächsten Generationen mit finanziert
werden sollten, war die Wirtschaft nicht zu stabilisie-
ren. Mit einem privaten Darlehen das unsere Enkel-
kinder abstottern müssten, waren die Banken doch
auch nicht einverstanden. Außerdem waren diese Be-
vorzugungskonsumgüterangebote ungerecht gegen-
über den anderen Ländern und deren Bürgern.
Ein weiterer heikler Punkt war das perfide elektroni-
sche Überwachungssystem. Schon seit Jahren konnte
man nicht mehr durch London gehen, ohne regist-
riert zu werden. Die Möglichkeiten der Videoüber-
wachung waren unbegrenzt: an und in öffentlichen
Gebäuden, auf Marktplätzen und Bahnhöfen, auf
Sportplätzen und um sie herum, in Bussen und Zü-
gen, vor und in Banken, in und im Umkreis von In-
stituten, Universitäten, Museen, Tankstellen, Straßen,

                         279
Kreuzungen und Autobahnen, Hotels, Restaurants,
Cafés, Discos und dergleichen, auf Parkanlagen, in
Schulen, in Einkaufzentren, Supermärkten und Shop-
ping-Promenaden – halt überall, wo sich Menschen
befanden und begegneten. Hierbei handelte es sich
um ein schwerwiegendesVergehen und um einen Ein-
griff in die Privatsphäre der einzelnen Bürger in einer
freiheitlichen Demokratie. Jeder musste das Recht ha-
ben, sich in der Öffentlichkeit frei, unbeobachtet und
unkontrolliert bewegen zu können. Dazu gesellten
sich unverschämterweise die versteckten Kameras am
Arbeitsplatz. Ganz zu schweigen von der Speicherung
von Telefongesprächen, der Arbeitszeitkontrolle, der
Computerüberwachung oder der Zensur des Inter-
netzugangs. Man konnte zwar Einspruch gegen die-
se Überwachung und Datensammlung einlegen, aber
meistens ohne Erfolg. Die Leute wurden immer wie-
der vertröstet. Das Einzige, was jedem Einzelnen noch
übrig blieb, war, sehr vorsichtig mit den persönlichen
Daten umzugehen, öffentliche Stellen zu meiden und
ohne die kommunikativen Mittel zu leben.
Wir mussten Sorge dafür tragen, dass mehr Gerechtig-
keit herrschte, denn Ungerechtigkeit und Machtlosig-
keit heizten die Gemüter und die Gewaltbereitschaft
an. Diese Welt war ungerecht, und die Menschen wa-
ren es leid, dass gewisse skrupellose Machthaber sich
einen Dreck um unsere Gefühle und Sorgen scher-
ten.
Ich wollte alle aufrufen, für eine menschlichere Welt
zum Wohle allen Lebens auf diesem Planeten zu kämp-
fen,Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen,
ob Mensch,Tier oder Pflanze und nicht zuletzt unsere
Umwelt, die dabei war, sich für alle Ungerechtigkei-
ten zu rächen, die wir ihr und damit uns antaten.

                         280
Ich kam langsam wieder zu mir und bemerkte, dass
León mich anstarrte und auf eine Antwort wartete.
Ach ja, ich sollte mich wieder als Wissenschaftler prä-
sentieren und nicht als Prediger, oder war das nicht
die Frage?
„Ich hab nicht zugehört, tut mir leid. Worum
geht’s?“
Tommaso kam in diesem Augenblick herein. „Wir
bleiben hier, bis die Kinder eingetroffen sind. Die Be-
gleiter vom EU-Präsidenten meinten, in ein bis zwei
Stunden wären die Kinder frei. Die Tochter von Glo-
den sollte bis dahin auch wieder zu Hause sein.“
„Gut, wir sollten damit das Kapitel abschließen, ob-
wohl mir das nicht gefällt, da mich gewisse Dinosau-
rier bei der Obrigkeit flügellahm wünschen; aber die
Mächtigen in Russland wollen ja schon mehr als acht
Jahre meine Erfindungen, ohne sich an die Regeln zu
halten. Wie lange noch müssen wir mit der Angst und
Entführungen leben? Man sollte endlich etwas unter-
nehmen und die Mächtigen aus ihren Höhlen zerren,
angefangen bei Gloden, diesem Neider, Verräter und
Speichellecker. Er soll endlich die Hintermänner nen-
nen, damit die Obrigkeit sie zur Raison bringt. Oder
mehr noch, sie ausschaltet!“
Tommaso und León nickten nur. Doch es schien fast
ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, an sie heran-
zukommen. Ich sollte mich zurückziehen und mei-
ne Memoiren schreiben, schließlich hatte ich meinen
Teil zur Rettung unseres Planeten beigetragen. Aber
welcher Wissenschaftler, gerechtigkeits- und friedlie-
bender Mensch konnte sich von seiner Arbeit zurück-
ziehen und zusehen, wie wir untergingen?
Wie gesagt, die Politik war nicht mehr imstande, et-

                         281
was zu verändern. Nur die Wirtschaftsbosse und ihre
Geldgeber hielten die Zügel in der Hand. Sogar in
Kriegsgebieten zogen die Mächtigen heimlich ihre
Strippen, indem sie mit Waffenlieferungen diese Krie-
ge bedienten; wie beispielsweise der Konflikt zwi-
schen der arabischen Welt und den Juden im Nahen
Osten, wo dem Blutvergießen kein Einhalt geboten
werden konnte.
Jeder vernünftige Mensch stellte sich die Frage nach
den Hintergründen. Lag es an der Religion, an wie
immer gearteten Doktrinen, am Hass, an der Hoff-
nungslosigkeit, wenn sich gewisse Völker gegenseitig
über Jahrzehnte umbrachten? Die Gegend um das
Tote Meer hätte längst schon Totes Land heißen müs-
sen, bei all den Tränen und dem Blut der letzten Jahr-
tausende. Die Palästinenser wollten Frieden, aber eine
Minderheit, die durch das Leid zu einer Mehrheit an-
gewachsen war und keine gute wirtschaftliche oder
soziale Zukunft erwartete, konnte sich nur vom Hass
ernähren. Und gewisse skrupellose Mächte nutzten
dies aus. Warum besaßen die Palästinenser überhaupt
noch Waffen und vor wem wollten sie sich schützen?
Es war nicht glaubhaft, dass Israel Palästina vernichten
oder einnehmen wollte, sondern eher ein friedliches
Miteinander in einem gemischten Volk wünschte.
Leider gab es da irgendeine Macht, die die Palästinen-
ser, besser gesagt die Hamas, massiv mit Waffen unter-
stützte und den Stachel des Hasses immer tiefer in das
jüdische Fleisch einbohren wollte, um sie zu provo-
zieren und zu Fehlern zu verleiten. Diese geheimnis-
volle Macht würde bald Farbe bekennen müssen. Zu
unserem Erstaunen kam sie nicht aus der arabischen
Welt.


                          282
Nicht nur in den armen Ländern waren wir nicht im-
stande, für sauberes Trinkwasser zu sorgen, dessen Ver-
sorgung weltweit zu einem Riesenproblem geworden
war. Die Weltenwicklungsfonds und Hilfsorganisatio-
nen standen dem vollkommen machtlos gegenüber.
Die Unternehmen waren korrupt durch die immer
einseitigere, profitorientierte Vorgehensweise, und
die Obrigkeit zeigte kein Interesse an Menschen, an
denen man nichts verdienen konnte und die zu nichts
nutze waren. Eine Weltorganisation für diese Völker
wäre dringend nötig gewesen, zumal ihre katastropha-
len Systeme bestechlich und ohne jegliche Zukunfts-
perspektive waren. Es gaben drei Milliarden Niedere,
fast ein Drittel der Weltbevölkerung, die sich mittler-
weile nur mit Widerwillen den Tatsachen beugten.
Weitere fünf Milliarden mussten mit einem Minimum
auskommen. Ferner starben zweihundertfünfzig Mil-
lionen Menschen jedes Jahr an Hunger und Krank-
heit, davon viele an den Folgen verschmutzten Trink-
wassers.Von den Tieren und Pflanzen ganz abgesehen.
Afrika und Asien schlugen sich mit Seuchen herum.
Die Hauptursachen lagen im Wirtschaftsboom und in
der unkoordinierten Abfallentsorgung, wobei der Ab-
fall überall herumlag oder in die Gewässer abgeleitet
wurde. Der Rest der Menschheit sah dieser Entwick-
lung tatenlos zu und überließ sie ihrem Schicksal.
Die Jugend hatte keinen Glauben, keine Visionen und
keine Vorbilder. Ihr fehlte es an Begleitung, Wissen,
Motivation, Pioniergeist, wissenschaftlicher Erzie-
hung, Moral und Ethik. Nur die Straße war ihr Zu-
hause, wo sie herumlungerte, vom Klauen lebte und
Unruhe stiftete.Wo es keine kulturelle Basis sowie so-
ziale Bindungen für die Selbstverwirklichung gab, war
Selbstbeherrschung und Verantwortung Mangelware.

                         283
Anarchie und Rebellion bestimmten die Tagesord-
nung. Solange diese Jugendlichen sich nicht organi-
sierten, waren sie harmlos. Doch viele hatten sich zu
Banden zusammengeschlossen, in deren Umgebung
sich niemand mehr traute. Ihre Eltern hatten sie auf-
gegeben. Ganze Metropolen waren seit zwei Jahr-
zehnten auf sich selbst gestellt, versanken im Dreck
und in der Kriminalität. Schon lange war jegliche
menschliche Ordnung verloren gegangen.

Aber wir würden uns noch wundern, wenn nicht
gleich auf unserem schönen Planeten etwas geschah.
Die Konsequenzen würden uns hart treffen.
Viele Menschen liefen mit dem implantierten Chip
herum, sodass sie so über den ganzen Planeten ver-
netzt waren. Ein Handy besaßen nur noch wenige.
Doch diese Menschen verhielten sich egozentrisch,
materialistisch, waren nur an sich selbst orientiert. Sie
fanden Erfüllung nun in dem Motto, man lebt nur ein-
mal, und wollten das Leben voll ausschöpfen. Dabei
nahmen sie jede Einschränkung in Kauf, Hauptsache,
sie konnten bedingungslos dem Konsum frönen. Im-
mer das Allerneuste, technisch besser, einfach und be-
quem, hieß die Devise.
Wir, meine Familie und meine Freunde, hatten bis
heute jeglicher Manipulation dieser Art widerstan-
den.
Nicht wenige hatten solche apokalyptischen Folgen
vorhergesagt, womit sie auch Atomschläge, Kriege,
Tod, Seuchen und Chaos meinten. Die Veränderun-
gen unserer Umwelt und Gesellschaft schritten mit
atemberaubendem Tempo voran. Das Ganze hatte
eine eigene Dynamik entwickelt.
Ich dachte an einen Ausschnitt aus der Bibel, und

                          284
zwar an den zweiten Brief des Paulus an seinen Sohn
Timotheus. Hier stand:
Du musst wissen, dass die Zeit vor dem Ende sehr schlimm
sein wird. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, geld-
gierig, großtuerisch und eingebildet. Sie werden Gott und
Menschen beleidigen, ihren Eltern nicht gehorchen und vor
nichts mehr Ehrfurcht haben. Sie sind undankbar, lieblos
und unversöhnlich. Sie werden ihre Mitmenschen verleum-
den und hemmungslos ausleben. Sie sind gewalttätig und
hassen das Gute. Zu jedem Verrat bereit, sie sind leichtsinnig
und werden vom Hochmut verblendet. Sie leben nur für ihr
Vergnügen und kümmern sich nicht um Gott. Sie geben sich
zwar einen frommen Anschein, aber von der Kraft wahrer
Gottesfurcht wollen sie nichts wissen.
In diesem Text, der aus einer Zeit vor mehr als zwei-
tausend Jahren stammte, stand schwarz auf weiß, wie
unsere aktuelle Zivilisation war und was uns erwartete.
Wir würden unvermeidlich geradewegs in unser Ver-
derben laufen, zumal wir jegliche moralische Vernunft
sowie Gottesehrfurcht und Glauben verloren hatten.
Stattdessen folgten wir, ohne mit der Wimper zu zu-
cken, einer kapitalistischen Schimäre. Nichts konnte
mehr darüber hinwegtäuschen, dass es bald zu Ende
ging, wenn nicht ein Wunder geschah.
Die Börsen, Banken und Großbanken fraßen sich
inzwischen gegenseitig auf. Wenn zuletzt nur noch
ein Supergebilde übrig blieb, wie sollte dann noch
Marktwirtschaft oder Konkurrenz möglich sein? Wir
mussten unverzüglich reagieren, ehe es zu spät war
– das betraf auch Klimawandel, Ausbeutung, Armut
und die kriegerischen Auseinandersetzungen. Kneifen
bedeutete das Aus, egal für wen, insbesondere da alle
Weltkonferenzen, Gipfel und Klimaberichte, inklusive
die der UN und IPCC, seit zwei Jahrzehnten keine

                             285
Ergebnisse zeitigten, sondern nur viel Papier und hei-
ße Luft.
Aber was konnte der Einzelne ausrichten? Die künst-
liche Welt und Konsumgesellschaft schien für viele
die einzige Flucht zu sein. Unterhaltung, elektroni-
sche Spiele, Fernsehen, schnelle Fahrzeuge und vieles
andere mehr. Dabei wollten wir nicht einmal wissen,
wohin das führte und was danach auf uns zukam.
Stattdessen verleugneten wir die nachteiligen Neben-
wirkungen. Aus diesem Grunde konnte ich nicht an
eine von Menschen erschaffene Wende glauben, so
sehr wir uns auch anstrengten.

Als eine Limousine vorfuhr, liefen Serena und Tom-
maso zur Tür. Ich hielt mich etwas zurück. Ein älterer
Mann stieg aus und kam zum Haustor. Serena drück-
te auf die Fernsteuerung und das Tor begann sich zu
öffnen. Der Mann lief zurück zum Wagen und öffnete
den Kindern die Wagentür. Sofort kamen sie ange-
laufen, aufgeweckt wie immer. Sie trugen beide gelbe
Jacken.
„Mama, Mama, Papi, wir sind wieder da!“, rief Pat-
rick, als kämen sie gerade aus den Ferien zurück.
Daniel, der ein Spielflugzeug in den Händen hielt,
kam hinterher. Man schien sie gut versorgt zu haben.
„Oh, wie schön, dass ihr wieder da seid!“
Serena und Tommaso umarmten ihre kleinen Lieblin-
ge ganz fest, wobei über Serenas Wangen Freudenträ-
nen liefen. Wir standen gerührt daneben. Ich hätte am
liebsten alles hingeschmissen und einen Strich unter
das Ganze gezogen.
„So, ich hab eine Idee: Wir fahren alle gemeinsam in
unser Haus nach Slowenien und erholen uns ein paar
Tage.“

                         286
„O ja, Opa!“, rief Patrick.
„Ich will auch mit“, schrie Daniel.
„Mami, Papi, Opa, Omi, alle, bitte, bitte lass uns sofort
fahren. Ich hol meine Gummistiefel, dann gehen wir
fischen.“
„Opa, ich nehm mein Fahrrad mit“, sagte Daniel.
„Gut. Dann los! – Teresa, ruf bitte den Wagen. León,
Jackie, kommt, packt ein paar Sachen ein und ab geht
die Post!“
„Gut, wir können dort deine Rede für den Europarat
vorbereiten“, meinte León, sichtlich erleichtert.
„Hatte ich auch so gedacht“, stimmte ich ihm zu.
Die Frauen waren mittlerweile schon mit den Kin-
dern nach oben gegangen und packten ihre Sachen.




                          287
Entspannen und Albtraum am Bohinsjkomeer

In St. Furzina angekommen ging es mit zwei hybriden
Offroadfahrzeugen weiter zur Berghütte am Bohins-
jkomeer, wo sich die Frauen gleich daranmachten, das
Essen zuzubereiten. Wir Männer mussten etwas Holz
fürs Feuer hacken. Tommaso, der dafür gesorgt hatte,
dass Glodens Tochter zurück zu ihrem Vater gebracht
wurde, wollte tags darauf nachkommen, während Se-
rena und die Kinder mit uns geflogen waren.
„León, weißt du, ich könnte ganz auf alles verzich-
ten und mich mit meiner Familie hierher zurückzie-
hen.“
„Glaub ich dir auf Anhieb, ist genau nach meinem Ge-
schmack. Ehrlich gesagt, ich fühl mich auf der Farm
in Mexiko auch sehr wohl. Der Geist braucht Abstand
von den Anforderungen und der uns auferlegten Ver-
antwortung“, sagte León melancholisch und reichte
mir einen Holzscheit.
„Wenn Tommaso morgen kommt, werden wir einen
Plan aufstellen. Er soll einen Teil der Untersuchungen
übernehmen, so kann ich etwas von der Arbeit ab-
geben.“
„Ehrlich gesagt, es wird mir mittlerweile ebenfalls et-
was zu viel“, gab León mir recht.
„Tommaso kann die regelmäßige Kontrolle der An-
lagen übernehmen.“
„Wir müssen nur Jan und Guiglelmo überreden, den
Bau der neuen Anlagen inklusive der Fördermengen
zu übernehmen“, erwiderte León.
„Ich hatte denselben Gedanken. Somit bliebe Raum
für unsere neuen Aufgaben.“
León war Experte auf diesem Gebiet, sein Leben lang
hatte er die Stelen der Maya und die Pyramiden stu-

                         288
diert. Das größte Problem bildeten die Plünderungen,
wodurch viel Wissen nicht mehr aufgeholt werden
konnte. Die Grabräuber hatten durch ihre Habgier
zwar ihr Einkommen aufgebessert, dafür aber die Ge-
schichte für immer unwiderruflich zerstört.
„So, genug Holz für den ersten Tag“, sagte ich etwas
außer Atem von der anstrengenden Arbeit.
„Mach langsam, wir brauchen dich noch“, neckte
mich León lächelnd.
„Ach, etwas Bewegung tut mir gut, deswegen komme
ich so oft es geht hierher. Hier ist weit und breit keine
Menschenseele, die Leute scheinen noch kein Inter-
esse an diesem Ort zu haben.“
„Du darfst hoffen, dass es so bleibt“, bemerkte León
skeptisch.
Wir gingen wieder hinein, jeder mit einem Stapel
Holzscheite auf dem Arm.
„So, meine Damen, wir zünden jetzt den Kamin an,
damit wir es schön gemütlich warm haben. Ich be-
sorg uns eine Flasche guten Wein.“ Ich wandte mich
zu León: „León, was möchtest du trinken? Ich hab da
einen alten Médoc aus dem Jahre 2015, was hältst du
davon?“
„Klingt gut, ich bin dabei“, antwortete er mit einem
Glänzen in den Augen.
„Hier finden wir etwas Ruhe“, bemerkte Serena.
„Ich freue mich immer auf diesen Ort“, schloss sich
Jackie an.
„Ich nicht“, schaltete sich Teresa ein.
„Warum denn?“, fragte Jackie verwundert.
„Die viele Arbeit bleibt immer an mir hängen“, lä-
chelte sie. „Nein! Es macht mir Freude, selbst den
Haushalt zu führen. Hier will ich keine Haushilfe
mitnehmen. Dies gehört zu unserem kleinen Paradies,

                          289
zumal ich endlich meinen Mann und die Kinder ge-
nießen kann. Überhaupt, wo stecken die Kleinen?“
„Sie spielen draußen am Bach“, antwortete Serena.
„Ich werde mal nach ihnen schauen“, sagte ich. „León,
kommst du mit? Wir setzen uns noch ein bisschen auf
die Terrasse und passen auf die Bengel auf.“
„Alles klar“, gab León zurück und griff sich die Fla-
sche.
Ich schnappte mir zwei Gläser: „Möchten die Damen
auch ein Gläschen Wein, bevor wir nach draußen ge-
hen?“
„Nein, danke, lieber erst beim Essen“, antworteten sie
einstimmig.
Da es noch schön warm war, setzten wir uns auf die
Bank vor dem Haus. Hier schien alles in bester Ord-
nung zu sein: reine Luft, Ruhe und eine herrliche
Aussicht auf den See.
„Man könnte meinen, wir wären im Paradies, zu
Hause dagegen in einem falschen Film“, meinte León
nach einer Weile.
Ich nickte zustimmend. Schließlich kannte ich die
Ecke hier. In manchen Wintern konnte man sogar ein
bisschen Langlaufen, eine absolute Besonderheit. So-
gar Wölfe hatte ich in manchen Nächten gehört. Dass
der Tourismus diese Gegend zum größten Teil aus-
sparte, lag daran, dass seit bereits zwölf Jahren keine
Baugenehmigungen mehr erteilt worden waren. Das
gesamte Gebiet war zum Nationalpark ausgerufen
worden und in den Händen eines Milliardärs, der alles
für die Erhaltung der Natur tat.
„Die Slowenier möchten ihr kleines Ländchen vom
Rummel fernhalten“, erklärte ich León.
„Ist auch richtig so“, antwortete er.
Wir genossen den Wein und den Moment. Drinnen

                         290
hörten wir die Frauen lachen, sie waren sichtlich ent-
spannt.
„Manchmal wünschte ich, dass ich mit der ganzen Sa-
che nichts mehr zu tun hätte.“
„Wem sagst du das, aber jemand muss sie wachrüt-
teln“, versuchte León mir Mut zu machen.
„Ja klar, aber mein Ziel ist ein ganz anderes. Aber ich
muss noch etwas ausharren, bis gewisse Leute den
Ernst der Lage verstehen.“
„Mach dir keine Sorgen, die werden einlenken, wenn
alles vor die Hunde geht. Dann haben sie keine Wahl
und keine Argumente mehr. Sie werden überrollt“,
fuhr León fort.
Wir wussten, wovon wir redeten. Um die Menschheit
zu überzeugen, mussten wir noch einige grundlegen-
de Elemente des Lebens erforschen, ehe wir an die
Öffentlichkeit gehen konnten. Wir sahen uns nicht
als Retter, sondern als die Überbringer der Botschaft.
Zurzeit hätten wir keine Chance, da Exzesse und Er-
niedrigungen noch von vielen ertragen wurden. Ein
paar kleinere Gruppen versuchten zwar, auf eigene
Faust Druck zu machen, wurden aber kurzerhand ent-
larvt und mundtot gemacht. Ein solches Ende wollten
wir nicht teilen.
„Essen ist fertig!“, rief Serena durchs Fenster nach
draußen. „Kinder, kommt, Hände waschen, das Essen
steht auf dem Tisch, schnell, der Erste bekommt von
Opa nach dem Essen ein Messer geschnitzt.“
Daniel kam sofort und drückte sich an mich.
„Opa, ich will auch ein Messer.“
„Patrick, komm jetzt, deine Mutti hat gerufen“, sagte
León.
„Nein, ich will nicht essen, hab keinen Hunger“, kam
seine weinerliche Stimme.

                         291
„Du kommst sofort rein und Hände waschen, hopp,
hopp“, warnte Serena und kam zur Tür. „Er isst sehr
schlecht und ist faul.“
Nach einigem Hin und Her saßen wir schließlich alle
am Tisch und genossen das Abendessen bei offenem
Kaminfeuer. Danach zogen León und ich uns wieder
auf die Terrasse zurück. Als die Kinder zu Bett ge-
bracht worden waren, gesellten sich die Frauen zu uns.
Wir diskutierten über die letzten Ereignisse und die
Entführung der Kinder sowie die Bedrohung unserer
Familie und Freunde.Wir mussten, angesichts der Ver-
folgung und dem Risiko, entdeckt zu werden, besser
achtgeben und eine neue Strategie entwickeln.
Später am Abend nahm ich noch Kontakt mit Tom-
maso und Marcella auf, die tags darauf zu uns stoßen
wollten. Jan und Antonia hatten auch zugesagt, dieses
Wochenende vorbeizuschauen.
Was die Rede für den EU-Rat betraf, fiel es mir
schwer überhaupt noch motiviert Stellung zu neh-
men, da ich von diesem Vortrag keine nennenswerten
Erfolge oder ein Einlenken der Obrigkeit erwartete.
Viel lieber war ich bereit, bei der Weltreligionskon-
ferenz in New Delhi vorzusprechen, für die ich eine
Einladung erhalten hatte. Hier konnte ich sinnvoller
auf unsere Weltanschauung eingehen. Der Glaube war
unserer Familie sehr wichtig, während die täglichen
Überlebensprobleme einer Vielzahl von Menschen
keinen Platz für Glaubensfragen ließen. Andere be-
nutzten ihn, um das Töten im Namen Gottes einfach
und bequem zu rechtfertigen. Wiederum andere bas-
telten sich eine Art Religion oder einen Glauben zu-
sammen. Wir jedoch mussten wissen, dass wir Gott
und unseren Nächsten lieben sollten, und dazu ge-
hörte nun einmal auch der Feind, hierin lag die Stärke

                         292
des Glaubens. Eine Frömmigkeit, die nur dazu diente,
sich abseits des Geschehens aufzuhalten, reichte nicht
aus. Man musste ohne Zaudern und Zweifel dazu ste-
hen und den Herrn nicht verleumden.
Die Gesetze der Menschen waren oft zum Nachteil
der Menschheit willkürlich umgeändert worden, was
sie nicht gerade glaubwürdig machte. Es konnte nicht
sein, dass wegen relativ weniger Extremisten oder Ter-
roristen Datenschutzgesetze und Verfassungen ganzer
Nationen umgestaltet und die Menschenrechte mit
Füßen getreten wurden. Die Politiker und unsere Ge-
setzeshüter glaubten aber, das ganze Volk unter Kont-
rolle zu bekommen, indem sie Gesetze zum Nachteil
von Millionen Bürgern ständig anpassten, die kein
Verständnis hierfür zeigten, wobei sie gewisse mili-
tante Gruppen regelrecht ins Ungesetzliche trieben.
Passkontrollen, Fingerabdrücke, DNA-Proben, Über-
wachungskameras, Abhören … – und das wegen ei-
niger weniger Kriminellen. Würden sie ihre Arbeit
gewissenhafter angehen, wäre dies nicht nötig. Und
wer überwachte die Überwacher? Es gab in der Poli-
tik genug Kriminelle und Drogenabhängige, wie auf
einzelnen Toiletten der Behörden nachgewiesen wer-
den konnte. Hingen hier etwa auch überall Überwa-
chungskameras?
Sogar die Heilige Schrift wurde so zurechtgestutzt,
dass sie diesem oder jenem in den Kram passte. Es gab
keinen Staat auf diesem Globus, der sich nicht in ir-
gendeiner Weise schuldig gemacht hatte.Vieles wurde
nach parteiischen Ansichten dogmatisch abgeändert.
Die letzten Jahrzehnte waren die Nationen nach
Wachstumserwägungen und wirtschaftlichen Aspek-
ten geführt worden. Sogar das kommunistische Chi-
na hatte aus ökonomischen Gründen dem Kapitalis-

                         293
mus den Vorzug gegeben, nach jahrelangem Drängen
der westlichen Welt. Was sich menschenrechtlich als
Riesenerfolg erwies, aber klimatisch negative Konse-
quenzen für uns alle hatte, ganz zu schweigen von
den wirtschaftlichen Nachteilen für die Amerikaner,
Europäer und für andere wirtschaftlich starke Län-
der. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Chinesen in
einer Art Diktatur gefangen gewesen, nun aufgeteilt
in Arm und Reich. Wo einst soziale Gerechtigkeit,
Gleichheit und Einigkeit gelehrt und gelebt wurde,
befand sich nun die Kloake der Menschheit, die sich
ohne Hemmungen austobte, als müsste sie alles Ver-
säumte nachholen. Die Folge: ungebremster Konsum
und CO2-Ausstoß, Verschandlung der Landschaften,
Verdrecken von ganzen Regionen, Zerstörung von
lebenswichtigen Wasserreserven und der Natur. In
vielen Bereichen hatten sie in ihrer materialistischen
und kapitalistischen Ideologie sogar die USA über-
holt und all ihre Prinzipien über Bord geworfen für
ein Stück materielles Glück. Die Weltbörse und die
Weltbank konnten nicht genug davon bekommen.
Sogar Europa war in den Schatten dieser Ideologie
geraten. Man kaufte alle Ressourcen weltweit auf,
ohne Rücksicht auf irgendwelche irreparablen Schä-
den. Wer vermochte sie zu stoppen und wie? Solange
die Mächtigen und die Obrigkeit dahinter weiteres
Konsumpotenzial und steigende Aktien und Märk-
te rochen, waren sie nicht aufzuhalten. Alle wollten
mit China in Handelsbeziehungen treten, was zu Be-
stellungen in astronomischen Größen führte und den
Druck auf die westliche Wirtschaft, ihre Börsen und
nicht zuletzt auf die westliche Beschäftigungslage er-
höhte. Ängste vor dem Verlust des eigenen Arbeits-
platzes kamen auf.

                         294
Damals, als es losging, war uns bereits klar, dass uns ein
Albtraum ins Haus stand. Aus offenbar unerschöpf-
lichen Kapitalressourcen kauften sie alles auf. Die
Börsen und Banken gehörten ihnen bereits voll und
ganz, was auch für den afrikanischen Kontinent galt,
den sie scheinbar auf partnerschaftliche Art und Wei-
se infiltrierten. Afrika, dieser wunderschöne tier- und
traditionsreiche Kontinent, war seit Jahrtausenden ein
ausgebeuteter Erdteil. Ich hätte mir gewünscht, hier
eine Staatengemeinschaft wie Europa zu erschaffen,
mit mehr Sozialsinn und Zusammengehörigkeit unter
den Völkern. Aber die Ausbeutung der Rohstoffe
stand an erster Stelle und nur die regierende Elite
hatte das Sagen. Angesichts der höchsten Kriminalität
auf unserem Globus und der erschreckenden Armut
waren die Afrikaner dankbar für jede noch so kleine
Hilfe. Unser Herr, der Allmächtige, musste sich die-
sem Volk annehmen, denn die Obrigkeit interessier-
te das Volk nicht. Die Wasserversorgung lag in ihren
Händen, die medizinische Versorgung war abhängig
von Spenden, und die Medikamente waren abgelau-
fen, falls überhaupt welche zur Verfügung standen. Das
ganze Leid würde eines Tages in Gestalt von Seuchen
zu uns herüberschwappen, wenn wir nichts dagegen
unternahmen.

Infolge des ziemlich anstrengenden Tages waren wir
an diesem Abend nicht allzu spät zu Bett gegangen.
Am Morgen wurde ich vom Motorengeräusch eines
herannahenden Helikopters wach. Es war kurz nach
sieben in der Früh, als ich auf die Uhr auf dem Nacht-
tisch blinzelte. Wer konnte das sein? Jan mit Antonia? Ich
rappelte mich aus dem Bett und ging zum Fenster.
Ein zweiter Hubschrauber näherte sich ebenfalls.

                           295
Ich traute der Sache nicht und rief Teresa zu, die noch
friedlich im Bett schlummerte: „Teresa, weck all die
anderen und zieht euch was über, schnell! Ich bin hin-
ter dem Haus und lass den Motor des Autos anlaufen,
beeil dich!“
„Was ist denn los?“, murmelte sie halb schlaftrunken.
„Ich weiß auch nicht, sondern nur dass da draußen
zwei Hubschrauber sind.“
Sofort war sie hellwach. „Was bedeutet das?“, sagte sie
erschrocken.
„Schnell, weck die anderen und zieht euch was an!“,
wiederholte ich meine Anweisungen.
Ich zog schnell Hose und Hemd an und lief nach
unten. Auf der Treppe kam mir León entgegen.
„Was ist das für ein Höllenlärm da draußen?“, schaute
er mich fragend an.
„Weiß auch nicht, wir müssen uns schnell in Sicher-
heit bringen – ruf Jackie und Serena. Sie soll die Kin-
der anziehen, schnell beeilt euch, ich starte den Mo-
tor!“
„Verdammte Scheiße!“, fluchte León und verschwand
in sein Zimmer. Er war noch im Pyjama, aber er hatte
die Gefahr sofort erkannt.
Ich lief zum Schrank und holte meinen Karabiner aus
früheren Tagen, den ich zum Schutz vor gefährlichen
Tieren hier aufbewahrte. Ich steckte eine Schachtel
Munition in meine Jackentasche und lief nach drau-
ßen, um zu sehen, wer uns in so früher Stunde aus
dem Bett geschmissen hatte. Aus meinem Versteck im
Gebüsch konnte ich sehen, wie der erste Helikopter
etwa zweihundert Meter von der Hütte abdrehte und
hinter den Bäumen verschwand, während der zweite
Hubschrauber etwa fünfhundert Meter entfernt hin-
ter den hohen Fichten runterging. Ich konnte jedoch

                         296
nicht genau sehen, ob er gelandet war. Komisch dachte
ich. Wer sind sie? Gut, dass ich so einen leichten Schlaf
hatte. Ich lief zum Wagen und ließ den Motor laufen.
Jackie kam mit Serena und den Kindern durch die
Hintertür nach draußen.
„So, ihr bleibt mit den Kindern im Wagen. León, setz
du dich hinter das Steuer! Ich werde mich näher an
die Hubschrauber heranpirschen, um zu sehen, was
los ist. Wo steckt Teresa?“
„Kommt sofort, sie wollte noch einiges einpacken“,
versicherte mir Serena.
„Wenn ich einen Schuss abgebe, fährst du sofort los,
León. Runter nach St. Furzina und meldest dich bei
der Gaststätte, Teresa weiß Bescheid, wo die liegt. Ihr
versucht dann, mit Tommaso und Jan Kontakt aufzu-
nehmen. Teresa kennt die Abkürzung durch den Wald,
der Weg ist zwar etwas holpriger, aber der Hubschrau-
ber kann euch nicht so leicht verfolgen und zwischen
dem Gestrüpp und den hohen Bäumen nicht lan-
den.“
„Jeff, was willst du tun, komm einfach mit.“
„Nein, erst will ich herausfinden, um wen es sich bei
den Leuten handelt.“
„Spiel nicht den Helden, hörst du“, erwiderte León.
Er hatte Verständnis für meine Vorgehensweise.
Wir mussten wissen, mit wem wir es zu tun hatten.
Geballte Wut stieg in mir auf. Ich hatte noch nie eine
Waffe auf einen Menschen gerichtet, aber ich war be-
reit, mich zu verteidigen. Es reichte.
„Also, bis gleich.“ Ich lief geduckt durch das Dickicht
in Richtung Rotorblättergeräusch. Zwischen Laub
und Geäst konnte ich den ersten Hubschrauber auf
einer Lichtung ausmachen. Die Motoren liefen noch.
In diesem Augenblick sprangen zwei vermummte

                          297
Männer aus dem Helikopter. Sie trugen Waffen in den
Händen. Verdammt, was mach ich jetzt, ging mir durch
den Kopf. Soll ich sofort einen Schuss abgeben oder
noch einen Moment abwarten? Sie schlichen durch
das Dickicht genau auf mich zu. „Scheiße, auch das
noch“, zischte ich leise.
Sie befanden sich noch etwa fünfzig Meter von mir
entfernt; langsam musste ich etwas unternehmen. Ich
schaute mich um. Ich war etwa zweihundert Meter
vom Haus entfernt und konnte nur einen Teil davon
sehen. Da sah ich auf dem Boden einen Stein liegen.
Ich hob ihn auf und dachte nach. Zum einen konnte
ich versuchen, sie abzulenken, zurücklaufen und mit
den andern ins Dorf fahren, um Hilfe zu holen. Zum
anderen wollte ich mich nicht immer geschlagen ge-
ben und ausweichen. Wut und Ärger hielten mich an
Ort und Stelle fest, unfähig, etwas zu tun. Als sie sich
bereits auf zwanzig Meter genähert hatten, warf ich
den faustgroßen Stein über beide hinweg Richtung
Hubschrauber, wobei ich einen Baumstamm traf, so-
dass es ein dumpfes Geräusch gab. Dann fiel er zwi-
schen den Ästen und den Blättern zu Boden. Sofort
drehten sich beide um und hielten die Waffen im An-
schlag.
„Was war das?“, konnte ich hören.
„Es kam vom Hubschrauber“, antwortete einer der
beiden.
„Wir müssen zurück, nicht dass jemand sich an dem
Hubschrauber zu schaffen macht“, sagte sein Beglei-
ter.
Ich nahm den Karabiner in Anschlag und feuerte
zwei Schüsse hintereinander, damit León nicht los-
fuhr. Einer der beiden Schüsse traf den Hubschrauber
so unglücklich, dass er in Brand geriet und Sekunden

                          298
später mit einem riesigen Knall in die Luft flog. Der
Feuerball schoss über die Bäume empor hoch, wobei
die Explosion eine solch enorme Druckwelle auslöste,
dass Bodenspritzer in meinem Gesicht landeten. Ich
konnte in dem ganzen Getöse und der Wucht der he-
rumfliegenden Teile das Geschrei der Männer hören.
Sie mussten etwas abbekommen haben. Auf dem Bo-
den liegend verhielt ich mich ruhig und lauschte. Ich
vernahm ein Wimmern inmitten des Getöses, das das
lodernde Feuer des Hubschraubers machte.
„Sergej, wo steckst du, es hat mich erwischt!“ Als kei-
ne Antwort kam, rief er: „Sergej, hörst du? Was ist mit
dir? Scheiße, sag doch was?“ Er stöhnte immer mehr,
und ich sah, wie er versuchte aufzustehen. Seine Klei-
dung war zerfetzt, und er blutete stark, wobei er mit
einem Bein über den Boden schleifte. Er hatte die
Waffe fast erreicht, da bewegte ich mich schnell auf
ihn zu und richtete meinen Karabiner auf ihn.
„Ich würde das schön lassen, mein Freund!“
Er drehte sich ruckartig um und stammelte: „Mister,
nicht schießen.“
„Wer seid ihr?“, fragte ich scharf. Ich schaute rüber
zu dem anderen, der mit dem Gesicht zur Seite lag
und offenbar schwer durch einen Ast getroffen war.
Er rührte sich nicht, als ich ihn mit dem Fuß anstieß.
„Es scheint ihn ziemlich schlimm erwischt zu haben.
Eigene Schuld, was sucht ihr hier, komm, raus mit der
Sprache.“
„Wir hatten einen Auftrag, aber mehr kann ich nicht
sagen.“
„Das werden wir ja sehen.“
In diesem Augenblick flog der zweite Hubschrauber
über unsere Köpfe Richtung Haus. Blitzschnell hob
ich das Gewehr, um auf den Hubschrauber zu zielen.

                         299
Im selben Augenblick sah ich aus dem Augenwinkel,
wie sich der Typ auf die Pistole schmeißen wollte.
Reflexartig schoss ich auf ihn und traf seinen Ober-
schenkel. Er schrie wie am Spieß. Gleichzeitig hörte
ich, wie Schüsse beim Haus fielen, und sofort darauf
ertönte eine Detonation. Ich lief rüber zu dem Typen
und verpasste ihm mit dem Kolben des Karabiners
einen Schlag gegen den Schädel. Er fiel ohne einen
Laut in sich zusammen. Dann rannte ich zum Haus,
ohne mich umzudrehen. Ich konnte noch gerade se-
hen, wie der Hubschrauber abdrehte und hinter dem
Gipfel der Bäume verschwand. Ich lief weiter hinter
das Haus und sah, wie León aus dem Wagen stieg und
auf mich zulief.
„Nur weg hier“, rief ich ihm zu. „Ich komme zu Fuß
nach – fahrt los, wenn die zurückkommen, sind wir
dran, die machen Ernst. Ich habe einen der Hub-
schrauber erwischt, und es sind noch zwei Typen da,
der eine ist verletzt und der andere bewusstlos, scheint
mir. Ich will herausfinden, wer sie sind.“
„Jeff, hör auf, den Helden zu spielen“, rief Teresa aus
dem Wagen.
„Komm mit, wir fahren zusammen ins Dorf und ho-
len Hilfe“, mischte sich León ein.
„Nein, ich muss den beiden noch einige Fragen stel-
len und nach den Verletzungen sehen. Ich hol Ver-
bandzeug.“
Teresa stieg aus dem Wagen und kam auf mich zu.
„Ich lasse nicht zu, dass man dich umbringt, du alter
Esel. Siehst du denn nicht, wie egal ihnen das ist. Sie
entführen Kinder und ballern auf uns. Seit Jahren sind
sie hinter uns her, und da willst du die Schurken noch
verpflegen. Also so ein sturer Bock ist mir noch nicht
untergekommen.“

                          300
„Nein, damit lebst du seit dreißig Jahren zusammen“,
erwiderte ich spontan. „Ich will nur herausfinden, wer
hinter dem Ganzen steckt.“
„Dein Kameradenschwein Gloden, wer denn sonst,
und die Hintermänner von der Medpharma AG mit
ProGasPro – was willst du denn noch mehr wissen“,
meinte León. „Ich vermute, dass auch die Staroil ihre
schmutzigen Finger mit ihm Spiel hat“, fuhr er fort.
„Bitte kommt jetzt!“, rief Serena uns beiden zu.
Jackie weinte vor Angst und schluchzte: „Wir sollten
kein weiteres Risiko eingehen. Bitte, lasst uns schnell
wegfahren von hier! Lasst uns wenigstens ins Dorf
fahren, bis Tommaso und Jan da sind.“
„Ihr bleibt im Hotel und wartet dort“, sagte ich be-
stimmt. „Ich muss noch nach den beiden Verwunde-
ten sehen. Anschließend werde ich die Ordnungshüter
rufen, damit sie die Burschen abholen und herausfin-
den können, was der Überfall auf uns zu bedeuten
hat.“
Ohne ein weiteres Wort lief ich vorsichtig zurück zu
der Stelle, wo ich die beiden Verwundeten verlassen
hatte. Der Mann, den ich niedergestreckt hatte, war
verschwunden, und die Waffe auch, die ich vergessen
hatte, mitzunehmen. Ich musste vorsichtig sein und
sofort handeln. Der andere Mann atmete nicht, wobei
aus der klaffenden Kopfwunde viel Blut geflossen war.
Er schien tot zu sein. Ich lief zurück zum Haus.
„León, hört mal alle zu! Einer der Männer ist tot, der
andere spurlos verschwunden; aber er hat eine Waffe
dabei. Ich schlage vor, dass ihr jetzt losfahrt, während
ich versuchen werde, Tommaso zu erreichen oder Jan,
dass sie in St. Furzina im Hotel absteigen. Es tut mir
leid, dass es nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vor-
gestellt haben. Diese Schweinehunde lassen uns ein-

                          301
fach nicht in Ruhe; diesmal gibt es bei der UN einen
Bericht. Der EU-Präsident soll sich der Sache end-
lich annehmen“, redete ich mir die Wut von der See-
le. Was konnten wir sonst unternehmen? „Ich werde
denen niemals meine Formel preisgeben – und wenn
es meinen Kopf kosten sollte.“
„Jeff, hör auf, du gehst mit!“, meinte Teresa mit fes-
ter Stimme, keine Kompromisse duldend. „Ich werde
nicht zulassen, dass du hier allein zurückbleibst. Wir
schließen ab und fahren mit beiden Wagen zurück
nach Hause. Ich will hier weg. Ruf Tommaso und Jan
an und sag ihnen, dass wir zurück nach Hause fliegen.
In Bonn sind wir etwas sicherer vor diesen Verbre-
chern.“
Sie hatte recht. Ich durfte uns alle nicht noch weiter
in Gefahr begeben.
„In Ordnung, also ihr packt, während León und ich
aufpassen und alles aufladen“, stimmte ich zu.
„So …,“ sagte León sichtlich erleichtert, „endlich
wirst du vernünftig, mit Emotionen richten wir hier
ohnehin nichts aus. Wenn die etwas vorsichtiger ge-
wesen wären, wären wir jetzt alle tot. Sie sind zu dicht
an das Haus geflogen und der Wind stand günstig für
uns. Wir haben Glück gehabt, mein Freund, lass uns
das Schicksal nicht herausfordern und schleunigst zu-
rückfliegen.“
„Gut, entschuldigt bitte, aber ich hatte mich so auf
dieses Wochenende mit euch allen gefreut.“




                          302
Zwei Wochen später in Bonn

Die EU-Einladung für die am 29. Juni 2021 statt-
findende Klimaschutzkonferenz war mir zugeschickt
worden. Ich hatte es mir anders überlegt und wollte
teilnehmen, trotz der mir anempfohlenen Einschrän-
kung, verschiedene Namen nicht zu erwähnen. Es
handelte sich um ein europäisches Gipfeltreffen, an
dem auch andere als Beobachter teilhaben durften.
Die Meldung, dass die Engländer einen weiteren
Schritt zum Selbstschutz gesetzlich durchgeboxt hat-
ten, traf Europa schwer. Damit Ruhe herrschte, wollte
man von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens eine
generelle Ausgangssperre für die Niederen und An-
onymen verhängen. Ein kompletter Überwachungs-
staat reichte ihnen nicht aus, jetzt kam auch noch ein
Ausgehverbot hinzu. Dem, der sich widersetzte, droh-
ten Haft und weitere Sanktionen. Die Kinder wurden
ihnen genommen und die Wohnungen in manchen
Fällen bis auf einige Dinge ausgeräumt.
Eine weitere schlechte Nachricht dieser Tage bestand
darin, dass Russland Druck machte auf alle Abneh-
merstaaten, die mit Gas beliefert wurden. Es war ein
Leichtes, den Hahn zuzudrehen oder mehr Geld oder
andere Privilegien einzufordern. Von einem fairen
Geschäft konnte schon lange nicht mehr die Rede
sein. Bereits 2007 hatten die Russen darin die Ge-
legenheit gesehen, Macht und Respekt zu ernten. In
den letzten zehn bis fünfzehn Jahren waren sie ein
kompromissloses Volk geworden mit einer strengen
rationalen Politik. Russische Neureiche schmissen in
der Welt mit Geld nur so um sich. Da sie intern viele
Gegner in den eigenen Reihen hatten, häuften sich
die politischen Unruhen, die erbarmungslos zurück-

                         303
geschlagen wurden, was viele hinter Gitter brachte. Sie
wollten immer mehr Macht; und wenn nötig würden
sie Europa einnehmen, um das zu erreichen. Ein Plan,
der sich rächen würde, wenn ein Funke entstand. Das
konnte sogar den Dritten Weltkrieg bedeuten.

Dieses Wochenende wollten Guiglelmo und Fiona uns
besuchen, die wir eine Ewigkeit nicht mehr gesehen
hatten. Er war mit gleich drei Projekten an der Elfen-
beinküste beauftragt worden, zur Beaufsichtigung und
dem Ausbau der Anlagen.
Der Energievertrag hatte den Bevölkerungen viel
Frieden beschert, da ja jeder von der bezahlbaren
Energiequelle profitierte. Auch wenn die klimatischen
Verhältnisse den Menschen und Tieren zu schaffen
machten, versuchte man alles, um die Lebensqualität
zu verbessern.
Die sozialen und grenzüberschreitenden Streitigkeiten
waren ein Teil der Unsicherheiten. Jeweils entflamm-
ten Guerillakämpfe mit vielen Toten. Es herrschte
eine große Kriegsbereitschaft unter den Clans, deren
Streben nach Eigentum, Reichtum und Macht ge-
waltig war. Die Investoren bedienten sich hemmungs-
los nach Lust und Laune an den Arbeitskräften und
unterdrückten sie, während der soziale Frieden ei-
nigermaßen durch falsche Versprechungen aufrecht-
erhalten wurde.
Letzteres war in der Zwischenzeit jedoch zu einem
weltweiten Phänomen geworden. Obwohl sie wuss-
ten, dass das nicht länger gut gehen konnte, riskierten
die Oberen alles, um noch mehr Besitz zu ergattern.
Das Volk wiederum war sich dessen bewusst, sah sich
dem jedoch macht- und mutlos gegenüber. Dieses
Joch schien der Einzelne niemals wieder abwerfen zu

                         304
können, was in Gefühllosigkeit und Hass endete.
„Kommt rein in die gute Stube“, empfing ich meine
Schwägerin und meinen Schwager.
Wir hielten uns fest umarmt.
„Schön, euch wiederzusehen“, freute sich Guiglelmo.
„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der
Berg zum Propheten“, scherzte er.
„Fiona, schön dich zu sehen, es ist schon eine Weile
her“, entwich ich Guiglelmos Bemerkung.
„Genau ein halbes Jahr“, erwiderte sie freudig.
Teresa meinte: „Sag, Brüderchen, bist etwas dicker ge-
worden.“
„Den Bauch hab ich seit meiner Kindheit“, erwiderte
er und zeigte auf sein Bäuchlein.
„Das Alter ist nichts Schönes“, mischte ich mich ein.
„Musst gerade du sagen, hast dir auch einige Pfunde
zugelegt! Hättest dir besser einen Hund halten sollen
zum Spazierengehen“, lachte Guiglelmo und alle an-
deren mit ihm.
Zum Abendessen kamen Tommaso und Serena mit
den Kindern hinzu. Marcella hielt sich im Ausland in
Diensten der UNICEF auf. Wir sahen sie immer sel-
tener. Fast besessen half sie, wo sie nur konnte um den
ganzen Globus. Ans Heiraten wollte sie noch nicht
denken, solange ihr Freund noch bei den „Ärzten
ohne Grenzen“ tätig war.
„Du“, wandte sich Guiglelmo an mich, „hättest du
Lust, mit uns den Suezkanal zu durchfahren?“
„Wieso?“
„Ich hab ein Mandat von der UN, um Untersuchun-
gen an den Süßwasservorräten vorzunehmen. Das
Ganze dauert etwa drei Wochen, danach reisen wir
weiter nach Israel und zurück nach Rom.“
„Hört sich gut an“, sagte Tommaso.

                         305
Teresa schaltete sich ins Gespräch. „Also ohne mich.
Ich bin es satt, auf der Hut zu sein und ein so hohes
Risiko einzugehen. Außerdem kommt noch hinzu,
dass Tommaso und Serena verreisen und wir die Kin-
der zu uns nehmen, wie sich das für Opa und Oma
gehört. Auch wenn die Zeiten sich geändert haben
und vortreffliche Auffangzentren sich gerne ihrer an-
nehmen würden.“
„Wir könnten mit Onkel Guiglelmo und Tante Fiona
mitfahren. Was hältst du davon?“, sagte Tommaso zu
Serena.
„Weißt du, Liebling, ich wollte unsere Ferien ganz al-
leine mit dir verbringen. Entschuldige, liebe Tante, es
ist nicht persönlich gemeint, aber einmal ohne Kinder
und die immer selben Gespräche täte uns gut. Oder
nicht, Tommaso?“, erwiderte sie spontan und ehrlich.
„Also gut, es bleibt dabei. Entschuldige, Schatz“,
schloss Tommaso das Gespräch, umarmte Serena und
gab ihr einen Kuss.
Wir verbrachten einen schönen Abend, bis sich nach
Mitternacht, als wir gerade zu Bett gehen wollten,
eine Schaltung anmeldete.
„Jeff, Jeff – hört jemand mich?“, kam die Stimme von
Antonia ins Wohnzimmer.
„Was gibt’s, was ist los?“, fragte ich.
„Es geht um Jan, er liegt schwer verletzt auf der Inten-
sivstation hier in Frankfurt, man hat ihn zusammen-
geschlagen.“
„Wann, wieso? Wo bist du jetzt?“
„Bei ihm im Krankenhaus.“
„Was sagen die Ärzte?“
„Es sieht schlimm aus, sie wollen ihn in ein künst-
liches Koma versetzen, damit er die Schmerzen besser
erträgt.“

                          306
Es war wie verhext, das Ganze. Wir entkamen dem
Bösen einfach nicht.
„Antonia, hör mir gut zu! Ich fliege oder komm mit
dem Wagen, so schnell ich kann. Du bleibst im Kran-
kenhaus und gehst nirgendwohin, verstanden? Ich will
nicht noch mehr Ärger.“
„Ist gut. Ich warte hier auf dich“, gab sie zurück und
stellte die Verbindung ein.
„Das kann nicht wahr sein!“, meinte Fiona.
„Was können wir tun?“, wollte Teresa wissen.
„Jeff, ich fahr natürlich mit!“ Guiglelmo war aufge-
standen und ging um den Tisch herum.
„Ich weiß nicht. Es ist vielleicht besser, wenn ich al-
lein fahre.“
„Nein, ihr geht zusammen“, bestimmte Teresa.
„Na gut. Wir nehmen den Wagen. So können wir uns
besser bewegen, wenn nötig“, streckte ich die Waffen.
„Tommaso, du bleibst hier bei den Frauen und hältst
die Stellung. Wir melden uns, sobald wir da sind!“
Guiglelmo und ich packten rasch einige Sachen ein
und eine Viertelstunde später fuhren wir Richtung
Frankfurt.
„Du, die Russen sind dabei, ein böses Spiel mit der
ganzen Welt zu spielen. Sie wollen alles an sich reißen,
sogar unser Wissen, und versuchen seit Jahren, Kurs
auf die Weltherrschaft zu nehmen. Sie haben viele
Verbündete, und es wird gemunkelt, dass sie mit der
Kirche in Rom angeeckt sind und alle in den ehema-
ligen russisch sprechenden Ländern gegen die katho-
lische Kirche opponieren. Der Vatikan hat mehrmals
mit Druck auf die Regierung eingewirkt, weil sie
Christen gerne quälen oder verfolgen lässt. In letzter
Zeit werden sie auch bespitzelt. Die Juden haben be-
reits seit einigen Jahren Reisaus nach Israel, Deutsch-

                          307
land, Frankreich, England und Italien genommen. Sie
befinden sich auf Konfrontationskurs mit der gan-
zen westlichen Welt“, erzählte mir Guiglelmo beim
Fahren. Nach einigen schweigsamen Sekunden fuhr
er fort: „Sie scheinen auf jeden Fall überall die Fin-
ger mit im Spiel zu haben. Bei den arabischen Län-
dern haben sie viel Know-how und Geld investiert.
Unterdessen unterdrücken sie halb Europa mit den
Gas- und Energiezufuhren. Die Lieferungen laufen
nur gegen Bargeld. Die Milliardäre sitzen alle in der
Duma und bilden eine Weltmacht. Deswegen sind sie
hinter unserem Wissen und unseren Anlagen her.“
„Wir sind ernsthaft bedroht“, musste ich Guiglelmo
zustimmen.
Das Bild fing allmählich an, Konturen anzunehmen.
Die Russen drängten überall auf die Kapital- und In-
vestmentmärkte. Von Unternehmen wie Medpharma
oder Staroil, vom Bankwesen bis zu einer eigenstän-
digen Börse. Sie bewegten sich politisch auf der Dik-
taturebene. Das Motto lautete: Wer nicht für mich ist,
ist gegen mich. Am meisten bedrückte ihre aggressive
Haltung gegenüber Europa und den USA, während
sie die Investitionen und ihre Zuneigung zu den arabi-
schen Ländern rund um das ganze Mittelmeer weiter
bis nach Indien, Pakistan und Afghanistan ausbauten.
Die Chinesen zogen noch nicht so ganz mit, da sie
volle Auftragsbücher aufwiesen. Mittlerweile wurde
jedes zweite Auto in China entworfen und produziert.
Daher waren sie mit sich selbst beschäftigt und hatten
keine Zeit, ihre Energie durch Aggressionen gegen
andere zu vergeuden. Nur wenn es um die Rohstoffe
ging, verhielten sich die Chinesen wie besessen, denn
der Hunger war groß, wobei das eigene Volk zumeist
auf der Strecke blieb.

                         308
Im ganzen Durcheinander schien eines klar zu sein:
Russland wollte auf Teufel komm raus wieder eine
Weltmacht sein, wie nach dem Zweiten Weltkrieg.
Überall suchten sie nach Verbündeten, indem sie sie
mit Gas und Technologien beschenkten. Den Iran,
Syrien, Ägypten, Algerien, Libyen bis hin zu Marok-
ko. Sie hatten es nie verkraftet oder vergessen, dass
viele osteuropäische Länder zur EU übergewechselt
waren. Man konnte fast meinen, sie wollten sich welt-
weit wieder Respekt verschaffen. Eine sehr gefährli-
che und angespannte Situation, zumal viele das nicht
wahrhaben wollten.
Wir beredeten noch das eine oder andere während
der Fahrt, zum Beispiel wie die Kriege sich wie ein
Lauffeuer ausbreiten konnten; wie der Hass gegen ein
kleines Volk, das seit jeher außer einem allmächtigen
Gott nichts vorzuweisen hatte, eine ganze Welt be-
drohte; wie dieses von Gott auserwählte Volk bis heu-
te alle Angriffe überstanden hatte.
In diesem Augenblick erreichten wir das Kranken-
haus. Guiglelmo hielt auf dem Parkstreifen.
„So, da wären wir“, meinte er trocken.
„Ich will nicht wissen, was wir jetzt von Jan vorfinden.
Ich hoffe, dass alles gut geht und er schnell wieder auf
die Beine kommt.“
Jan bot keinen schönen Anblick. Eine Haube über der
Decke registrierte alle physikalischen Veränderungen,
während ein Computer, eine der letzten Errungen-
schaften im Gesundheitswesen, alle nötigen Schritte
steuerte. Diagnose erstellen, Röntgenbilder anferti-
gen, Sauerstoffzufuhr regeln, bis hin zur künstlichen
Ernährung. Operationen wurden bis auf wenige Ein-
griffe nicht mehr von Ärzten oder Chirurgen, sondern
von Maschinen erledigt. Die Daten konnte man an

                          309
den Schirmen ablesen. Zwei Überwachungskameras
kommunizierten über einen Schirm nach draußen.
Eine Computerstimme ertönte: „Sie können nur
noch fünf Minuten bleiben. Bitte nichts anfassen. Ich
wünsche einen guten Aufenthalt.“
Neben Jans Bett stand ein weiterer Monitor, der es
ermöglichte, die Gehirnfunktionen des Komapati-
enten einzusehen. Er lag friedlich da, hatte mehrere
Platzwunden im Gesicht, die mit Lichtionen schnell
zur Heilung gebracht worden waren. Seine Kopfver-
letzungen machten uns mehr Sorgen. Was passierte,
wenn er wieder zu sich kam? Würde er uns wieder-
erkennen? Welche Schäden blieben? All diese Fragen
gingen uns durch den Kopf. Wir erfuhren, dass man
Jan erst in zwei Wochen aus dem künstlichen Koma
herausholen würde.
Die Indizien und Spuren aus der Wohnung konnten
uns vielleicht weiterhelfen, um das Geschehene zu re-
kapitulieren.
„Antonia muss uns noch einiges berichten“, meinte
Guiglelmo.
Ich nickte nur fassungslos. „Ich hoffe, er wird wieder
gesund, das ist die Hauptsache. Diese miesen Ratten
von Ungeheuern schrecken aber auch vor nichts zu-
rück“, machte ich meinem Zorn Luft.
Die Tür ging auf und Antonia trat atemlos ins Kran-
kenzimmer. „Entschuldigt bitte, ich musste kurz zur
Wohnung, um ein paar Sachen zu holen.“
„Hallo! Es tut mir sehr leid. Kannst du uns verraten,
was genau geschehen ist?“, fragte ich sie flüsternd, ob-
wohl uns keiner hören konnte. Es war ein Reflex, um
Jan nicht zu wecken.
„Erzähl ich euch später! Der Arzt meinte, es dauert
noch Wochen oder Monate bis Jan wieder auf die

                          310
Beine kommt. Und auch dann würde die weitere Ent-
wicklung noch offen bleiben“, sagte sie etwas mutlos.
Jan und Antonia waren seit nunmehr fünf Jahren zu-
sammen und wollten demnächst heiraten, was ich von
Jan als eingefleischtem Junggesellen nie für möglich
gehalten hätte. Aber die Liebe war geheimnisvoll und
unberechenbar, wenn sie zuschlug. Ich freute mich für
die beiden. Ohnehin waren wir alle wie eine große
Familie.
„Antonia, wir gehen nach draußen, dann kannst du
uns erzählen, was passiert ist“, sagte Guiglelmo nach
einem stillen und nachdenklichen Moment.
Wir konnten für Jan wenig oder gar nichts tun, son-
dern uns in Geduld üben und darauf vertrauen, dass
alles gut gehen mochte.
Draußen auf dem Flur sagte Antonia: „Es waren wie-
der die Russen. Sie wollen nicht, dass ihr weiter über
die Anlagen bestimmt, denn solange können sie nichts
ändern. Außerdem neigen sich ihre Gasreserven lang-
sam, aber sicher dem Ende entgegen. Sie können nur
Druck machen, wenn sie die Börsen aufmischen. So-
wohl die Medpharma AG als auch die Automobil-
industrie und die Telekommunikation befinden sich
bereits in ihren Händen. Sogar die einstmalige Deut-
sche Bank, die so mächtig schien, ist zu fünfundsech-
zig Prozent russisch, und die restlichen Anteile teilen
sich die Chinesen und die Inder.“
Das Tier mit den vielen Köpfen, das vor fünfzig Jahren
proklamiert worden war, zeigte vollen Einsatz. Damit
meinte ich die Banken, die ihre Finger überall mit im
Spiel hatten. Sie besaßen mittlerweile etwa drei Vier-
tel des Erdreichtums. Nur die UN und die EU wa-
ren davon verschont geblieben, denn dies hätte einen
dritten Weltkrieg zur Folge gehabt.

                         311
„Sie haben wie immer aus heiterem Himmel zu-
geschlagen“, fuhr sie fort. „Während des Frühstücks
klingelte es an der Tür und ein Typ an der Hauska-
mera gab sich als Kurier aus. Jan ließ ihn ohne Be-
denken herein. Er sagte noch: ‚Das müssen die Befunde
der Proben aus den Salzstöcken sein, die ich erwarte für die
Endlagerung der Brennstäbe.’“
Jan arbeitete seit einiger Zeit für die Regierung in
Sache Endlagerung des radioaktiven Abfalls.
„Ein fataler Fehler, sie waren zu viert und haben erst
zugeschlagen, ehe sie die Fragen stellten. Mich ver-
schonten sie mit der Drohung, dass es uns allen so er-
gehen würde.“ Sie hielt inne und fing an zu weinen,
ich hielt sie fest. Sie legte ihren Kopf gegen meine
Schulter.
Wir entschlossen uns dazu, sie mit nach Köln zu neh-
men. Aber sie wollte bei Jan bleiben, was meiner Mei-
nung nach verständlich war.
„Ich will bei ihm sein, auch wenn er im Koma
liegt.“
„Du hast recht, ich werde alle paar Tage nach Frank-
furt kommen, Antonia. Oder Teresa mit Serena. Ich
versprech es dir. Wir werden an eurer Seite stehen,
okay?“, versuchte ich sie zu beruhigen.
„Danke, Jeff, danke, Guiglelmo“, schluchzte sie wei-
ter.
Wir waren praktisch schutzlos diesen machtgierigen
Verbrechern ausgeliefert. Ach, nichts schien mehr
normal zu sein, seit wir diese erneuerbare Energie
hatten patentieren lassen.
Die Menschen trugen die Schuld an dem Ganzen. So-
gar unsere Kirche und das Papsttum heuchelten wie
immer. Sie hätten viel Leid aus der Welt schaffen kön-
nen, aber zählten auf Almosen und Spenden derjeni-

                            312
gen, die selbst nichts besaßen. Ihr Gewissen wollte ich
nicht teilen. Sie äußerten sich vorsichtig und fromm
hinsichtlich unserer Missstände, unternahmen jedoch
nichts. Das Ganze stellte für sie auch nur ein Geschäft
dar, wo ihre Hilfsorganisationen die Spenden verwal-
teten. Dabei taten sie so, als kämen die Gelder aus
ihrer eigenen Tasche. Eine solche Firma konnte jeder
eröffnen. Das hatte nichts mit Glauben zu tun. Es gab
nichts auf dieser Welt, was „Babylon, die Große“ nur
ansatzweise in dem Maße repräsentieren konnte wie
die Kirche. Sie wurde überhäuft mit Geld und Besitz-
tümern. Jeder wurde empfangen, egal, wie viel Blut
an seinen Händen klebte. Die Amtierenden kleideten
sich in Purpur und Gold, obwohl Jesus Christus ge-
sagt hatte, nichts sei von dieser Welt. Sie beteten Göt-
zen und Holzstatuen an, die nicht sehen, reden oder
gehen konnten. Wie sollten sie uns helfen? Du sollst
keine anderen Götter neben mir haben, so lautete das erste
Gebot.
Wie konnte der Papst als Heiliger Vater oder Eure Hei-
ligkeit betitelt werden, während er sich seinen Ring
mit einem Kniefall küssen ließ? Nur Prominenz und
Könige ließ er zu einer privaten Audienz vor. Alles
Lüge und Heuchlerei.
Die schwere Anklage Christi: „Ihr Theologen, ihr geist-
lichen Pharisäer, ihr habt das Wort Gottes ungültig gemacht
um eurer Überlieferung willen.“ Jesaja spricht: „Dieses
Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit ent-
fernt von mir.Vergeblich ehren sie mich, indem sie als Lehren
Menschengebote lehren.“ Kirchen predigten unentwegt:
„Denkt an die Armen“, aber selbst besaßen sie blutbe-
sudelte Reichtümer. Der Papst ließ sich feiern wie ein
Superstar an seinem Geburtstag. In seinem Palast und
draußen bei den Menschen schottete er sich ab durch

                            313
ein rigoroses Aufgebot an Polizei, Leibwächtern, Mi-
litär und Bodyguards. Er empfing in königlichem
Pump diejenigen, die mit Geschenken anreisten. Jeder
bekam seinen Segen, Hauptsache, die Kasse stimmte.
Im Gegenzug erhielten seine Gäste eine Bibel. Was
hatte denn die Kirche mit der Bibel noch gemein?
Über Jahrtausende hinweg wurde alles verdreht. Blut
vergossen, gemordet in Gottes Namen.
Es war an Gott zu richten beim Jüngsten Gericht. Es
stimmte, wir waren wie Wölfe im Schaffell.

Zu Hause warteten alle angespannt auf unsere Rück-
kehr, obwohl es bereits nach Mitternacht war. Das
Vorgefallene machte alle nervös und traurig, beson-
ders Teresa. Mich sorgte die Tatsache, dass irgendwann
jemand von uns zu Grabe getragen würde, wenn das
so weiterging, die Wahrheit nie vollends ans Licht
kommen und die Hintermänner nie ihre Strafe be-
kommen würden. Wir gingen anschließend müde
und ausgelaugt zu Bett.
Ich wollte am folgenden Tag mit dem UN-General-
sekretär telefonieren und nachforschen, wie wir ohne
Schaden die Russen mit diplomatischen Mitteln von
ihrem Vorhaben abhalten konnten, uns und die An-
lagen ständig zu bedrohen.
„Es scheint aussichtslos zu sein, aber einen Versuch ist
es dennoch wert“, gab der UN-Generalsekretär mir
zu verstehen. „Herr Brink, ich gehe davon aus, dass
Sie nächste Woche wie vereinbart beim Klimaschutz-
gipfel teilnehmen werden und eine Rede halten. Ich
will allerdings nicht, dass mehr als nötig gesagt wird.
Wir werden alles veranlassen, damit in naher Zukunft
ein Treffen stattfindet. So, Sie entschuldigen mich, ich
habe zu tun. Schönen Tag noch.“

                          314
„Ihnen auch“, konnte ich gerade noch erwidern.
Es war für mich nicht leicht, nach allem, was passiert
war, eine Rede zu halten, ohne emotional zu wer-
den.
Die Presse hatte gestern Abend heimlich unsere An-
kunft mit ihren Kameras verfolgt. Es wunderte mich,
dass bis jetzt um halb elf Uhr morgens noch keiner
angerufen oder ein Interview verlangt hatte. Just in
diesem Moment wurde vom Haustor eine Schaltung
angekündigt.
„Möchten Sie aufmachen?“, fragte die Computerstim-
me.
„Ja“, gab ich zurück.
Es erschien ein junges Paar auf dem Monitor. „Ja bitte,
was kann ich für Sie tun?“, fragte ich.
„Herr Brink, wir möchten Ihnen einige Fragen stel-
len, wenn sie gestatten. Wir sind von der TZ.“
„Worum geht’s?“
„Wir wollten mit Ihnen über Ihre neuen Erkenntnis-
se bezüglich der Pyramiden sprechen.“
„Ganz kurz, einverstanden! Ich mach das Tor auf und
lass Sie abholen“, gab ich zurück. Als sie dann in mei-
nem Arbeitszimmer standen, fackelte die junge Dame
nicht lange und sagte: „Zuerst zum Fall Bieberich.
Wie geht es ihm?“
„Nicht sehr gut, die Ärzte können noch nichts sagen“,
antwortete ich, ohne in Details abzuschweifen.
„Wissen Sie, wer ihm das angetan hat und warum?“
„Ich kann hierzu leider keine Stellung nehmen, da
von den Ordnungshütern noch geprüft wird, wer da-
hintersteckt. Es ist noch zu früh“, log ich einfach.
„Wir wissen aus vertraulichen Quellen, dass die Rus-
sen seit mehreren Jahren ihre Finger mit im Spiel ha-
ben.“

                         315
„Das kann ich nicht verleugnen, aber bei Herrn Bie-
berich müssen noch einige Fakten ausgewertet wer-
den, bevor wir Stellung nehmen können. Sonst noch
Fragen? Sie sagten doch, sie wollten einige Antworten
bezüglich des Pyramidenprojekts haben, reden aber
über etwas ganz anders mit mir“, wollte ich sie ab-
wimmeln.
„Ja, wir wollten wissen, was es auf sich hat mit ihrem
geheimen Projekt. Hat sich da etwas getan, sind neue
Erkenntnisse zu verzeichnen?“, fragte sie munter wei-
ter.
„Nichts Nennenswertes, es sind noch andere Spezia-
listen dabei, die Theorie auszuwerten, bevor man zu
den praktischen physikalischen Experimenten über-
geht. Wir gehen davon aus, dass der Zeitraum ihrer
Entstehung vor mehr als fünfundzwanzigtausend Jah-
ren gewesen sein muss. Für den letztendlichen Nut-
zen und die Verwendung der Pyramiden gibt es noch
keine handfesten Beweise. Auf jeden Fall handelt es
sich um eine clevere Kultur, die bis zu den Dynas-
tien der Ägypter wiederum in Vergessenheit geraten
ist. Wie schon viele andere Kulturen in Syrien, Iran,
Irak. Sie werden für immer unter dem Wüstensand
verschwunden bleiben. Sei es, dass sie durch Erdbeben
verschüttet oder durch Kometeneinschläge vernichtet
wurden. Es sind bereits mehrmals ganz neue Konti-
nente entstanden, und schon mehrfach wurde alles
Leben für lange Zeit zerstört. Wer kann schon sagen,
wie oft Gott die Erde neu erschaffen hat?
Sicher ist, was in nächster Zukunft auf uns zukommt,
wenn… ja wenn nicht etwas Grundneues geschieht.
Die Menschen sollten endlich Farbe bekennen und
unserem Herrn etwas zurückgeben. Nächstenliebe an
erster Stelle. Wir Menschen scheinen nicht imstande

                         316
zu sein, eine gerechte Welt zu leiten.Wir können nicht
einfach ungestört all das vernichten, was unser Leben
in dieser Welt lebenswert macht. Keiner wird seiner
gerechten Strafe entkommen. Aber vor Gott sind alle
gleich und wir werden nach unseren Taten auf der
Erde bewertet. Da macht Reichtum, Eitelkeit, Farbe
oder Herkunft keinen Unterschied.
Ich weiß, Sie wollen wissen, wie und wann alles zu
Ende geht. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin
kein Hellseher. Jesus, der Sohn Gottes, wusste es auch
nicht. Nur Gott, der Vater, weiß das. – Okay, das war’s.
Ich begleite Sie zur Tür“, schloss ich unsere Unter-
redung.
„Ja, aber Sie arbeiten doch auch am Projekt“, meinte
die junge Dame.
„Wer sagt das?“ fragte ich.
„Na ja, wir gehen davon aus, da Sie ständig in die-
sen Kreisen verkehren“, startete der junge Mann noch
einen Versuch.
Ich blieb stumm und lief bereits aus dem Zimmer.
„Dürfen wir gelegentlich wiederkommen, Herr
Brink?“
„Kein Problem, es hat mich gefreut“, gab ich freund-
lich zu erkennen.
Irgendwann würde eine höhere Macht einschreiten
und dies alles zurechtbiegen, da wir nicht imstande
waren, uns vor dieser wunderschönen Vielfalt unseres
Planeten zu verbeugen und für diesen großen Reich-
tum dankbar zu sein.
Was GOTT von uns wollte, war nur eins: LIEBE für
ihn und uns alle. War das vielleicht zu viel verlangt?
Gott hatte nur zehn Gebote herausgegeben, die pro-
blemlos auf eine DIN-A4-Seite passten. Sie standen
für alles gerade. War das nicht einfach, schön, bequem,

                          317
stressfrei und machte uns dazu frei, froh, glücklich
und unabhängig. Er würde, da war ich mir sicher, sich
unser aller annehmen. Der Tag war nicht fern, dann
würde Gott über uns richten, und ich glaubte fest an
diese einzige Gerechtigkeit.

Der UN-Generalsekretär hatte mich gebeten vor der
EU-Klimakonferenz bei der UNO vorzusprechen um
meine Vision der WWP auf den Prüfstand zu stellen.
Ich wollte für meine Vorträge gut vorbereitet sein und
flog unter strenger Geheimhaltung nach Italien, ge-
nauer gesagt Cinque Terre. Ein wunderschönes Stück-
chen Erde, am Mittelmeer gelegen. Ich wollte Teresa
und mir einige Tage Ruhe gönnen und an den Re-
den feilen. Wir waren froh, dem ganzen Rummel der
letzten Zeit für eine Weile zu entfliehen. Ich konnte
ohnehin nicht viel für Jan tun. Guiglelmo und Fiona
waren zum Roten Meer abgereist, Tommaso und Se-
rena wollten nach unserer kleinen Erholung auch ver-
reisen. Marcella hielt sich in Afrika auf und León war
mit Jackie zurück nach Kalifornien geflogen.
Heute war der 19. Juni 2021. Wir saßen auf der Ter-
rasse, genossen die Aussicht auf Portovenere und die
leichte, angenehm kühle Brise, die vom Meer herü-
berwehte. Ich ließ mich gerne so treiben. Keine Eile,
kein Stress. Meiner Rede sah ich gelassen entgegen,
da mir viel einfiel. Dagegen beunruhigten mich die
Nachrichten der letzten Tage. Es wurden nicht nur
ständig russische U-Boote in der Ost- und Nordsee
gesichtet, sondern auch verstärkt im Ärmelkanal. Die
Beziehungen zwischen England und Russland waren
auf den tiefsten Punkt der letzten sechzig Jahre ange-
langt, weil sie beidseitig immer wieder Spionageskan-
dale mit tödlichem Ausgang provozierten. Die Ner-

                         318
ven lagen blank. Zurzeit stellte dies ein Pulverfass dar,
zumal noch beide Öl ins Feuer gossen. Obwohl sich
die UN jedes Mal eingeschaltet hatte, blieb ein kon-
kretes Ergebnis aus. Ein Eingreifen war nicht möglich,
da sowohl Amerika als auch die Europäische Union
für friedliche Lösungen plädierten und beide zur Ver-
nunft mahnten. Bis heute war keinem gelungen, die
Lage zu entschärfen.




                          319
Der UN-Gipfel

Tommaso begleitete mich nach seinem Urlaub nach
New York.
Ich ging ans Rednerpult. Nach der Begrüßung und
Einleitung fing ich an: „Wir sind Verlierer im Wettlauf
gegen die Armut, wir sind Verlierer gegenüber dem
Klimawandel, wir sind Verlierer in der globalen Sozial-
politik, wir sind Verlierer in der Verbrechensbekämp-
fung, wir sind Verlierer in allen Lebensbereichen au-
ßer in der Ausbeutung unseres Planeten. Hier nämlich
haben wir mit der Technik wahre Wunder vollbracht
und gezeigt, wie wir unsere Umwelt kurzerhand zer-
stören können. Ich erinnere mich, als kleiner Junge
in einer Zeitschrift gelesen zu haben, wie die ältere
Generation damals im neunzehnten Jahrhundert über
die Dampflokomotive dachte. Teufelswerk, hieß es da,
das Ende der Welt. Die Schnelligkeit könnten die Pas-
sagiere gar nicht vertragen, wurde behauptet.
Meine Damen und Herren, wie recht hatten diese
Leute! Verstehen Sie mich nicht falsch, denn die Me-
daille hat bekanntlich zwei Seiten. Jeder Fortschritt
hat so manchem viel Reichtum beschert, dem ande-
ren nicht einmal die nötige Menschenwürde gebracht.
Die Welt steckt in der Sackgasse und in einer tiefen
Krise, nicht nur wirtschaftlich, sondern mittlerweile
auch existenziell. Immer mehr Autos verdrecken und
verstopfen die Straßen, zusehends fehlt es an sauberem
Wasser und sauberer Luft zum Atmen. Die Banken
und Börsen haben in ihrer Rationalität vortreffliche
Geschäftsjahre hingelegt, aber dem Menschen – mit
Ausnahme einiger weniger, denen es sowieso egal sein
dürfte, ob eine Milliarde mehr oder weniger in der
Kasse ist – nichts gebracht. Sogar bei Hilfsaktionen

                         320
haben sich die Banken nicht zurückgehalten, ihre Ge-
schäfte getätigt und Gewinne auf Kosten der Spender
eingefahren. Die Hilfsbedürftigen sind weiterhin arm
und mittellos geblieben. Ich frage Sie: Ist dies viel-
leicht der Weg in eine bessere Welt oder Zukunft? Wir
sägen an unserem eigenen Ast, liebe Zuhörer, und sind
dabei, wie der Dalai Lama sagte, Selbstmord zu be-
gehen. Bloß diesmal, muss ich hinzufügen, nehmen
wir unseren Planeten gleich mit in den Tod. Nur die
Hoffnung, dass es uns nicht jetzt und heute selbst trifft,
und das Argument, dass wir eines Tages doch alle ein-
mal gehen müssen, sollte uns nicht davon abhalten,
konkrete Schritte zu unternehmen.
Wer aber wird vorangehen und die Richtung weisen?
Also, nach meinem Gefühl tun wir gar nichts, um den
Klimawandel zu bremsen, ganz im Gegenteil. Nur
wirtschaftliches Wachstum ist in unserer technisierten
Welt das Credo, nicht der Mensch oder die Natur,
und schon gar nicht das Klima.
Lassen Sie uns daher über mögliche Fortschritte und
bessere Konditionen für die Menschheit in den nächs-
ten Jahren reden. Mich wundert, dass wir Lösungen bei
einem Beinbruch haben, bei den unterschiedlichsten
Schmerzen Linderung verschaffen können, aber bei
Abfällen, bei Smog, bei verseuchten Gewässern und
ganzen Landstrichen nicht in der Lage sind, dies zu
verhindern oder rückgängig zu machen. Warum?, frag
ich mich. Liegt es vielleicht daran, dass es uns nicht
direkt betrifft oder dass wir nicht intelligent genug
sind, diese Situationen schon von vornherein besser zu
übersehen oder zu berechnen und das Risiko zu de-
finieren? Wir leben und arbeiten auf demselben Boot,
das sich Planet Erde nennt, ohne Ausnahme. Der eine
hat vielleicht ein schöneres oder größeres Zimmer als

                           321
der andere, aber das Boot ist dasselbe.
Mir leuchtet nicht ein, warum wir nichts unter-
nehmen, damit der Gestank aufhört. Der moderne
Mensch müsste längst herausgefunden haben, dass
eine Tonne Müll pro Woche und das weltweit bei je-
dermann, zum Himmel stinkt. Immer neue Produkte,
immer neue „bahnbrechende“ Erzeugnisse. Wozu all
dieser Mist und Müll?
Ich stelle mich weiß Gott nicht gegen durchdachte
raffinierte Technologien, aber würden sie ein Medika-
ment schlucken, das nicht einmal getestet worden ist?
Ich jedenfalls nicht. Fragen wir doch die Saubermän-
ner, die sie zusammengebraut haben und sich nicht
scheuen, sie in der Dritten Welt an unschuldigen Kin-
dern ohne Genehmigung des Staates zu testen, und
daran auch noch Milliardensummen zu verdienen.
Alle neuen Pharmaprodukte sollten gewissenhaft
untersucht werden und nicht vorzeitig ohne Sicher-
heitsgarantie auf den Markt gelangen. Eine komplette
Transparenz muss angestrebt werden. Vorteil für den
Verbraucher: ein sicheres Produkt und kein unnötiger
Müll. Ich fordere bessere Regelungen für den Verbrau-
cher, denn damit schützen wir nicht nur den Konsu-
menten, sondern auch gleichzeitig die Umwelt.
Und aus diesem Grunde stehe ich hier und zähle
mögliche Lösungen zum Vorteil unseres Planeten auf,
denn geht es ihm gut, geht es uns besser.
Aber wem wollen wir all die riesigen Berge von Ab-
fällen, Waffen, Chemie und vielen anderen Giften
sowie Radioaktivität hinterlassen? Unseren Kindern
oder vielleicht unseren Enkelkindern? Wir können
hier und jetzt über alles reden und debattieren, aber
geben Sie mir, meine Damen und Herren, nur eine
Antwort auf das Ganze, ohne eine neue Frage aufzu-

                        322
werfen. Wir laufen unser Leben lang hinter etwas her,
was weder unserem Geist noch unserem Wohlbefin-
den dient oder sonst welche Vorteile bringt.
Wenn das Wort „Geldsucht“ als ernsthafte Krankheit
abgestempelt würde, wie zum Beispiel „Schizophre-
nie“, wäre unser Planet eine einzige Psychiatrie. Gäbe
es dieses Phänomen Geld nicht, würden wir glauben,
in einem Vakuum zu leben und nicht mehr denken zu
können. Das Leben hätte keinen Sinn mehr.
Aber ganz im Gegenteil, meine lieben Zuhörer. Wir
würden gerne aufstehen, um den Tag zu genießen, an-
deren zu helfen und an der Freude des Lebens teilzu-
haben. Denn wir hätten viel mehr Zeit füreinander.
Nehmen Sie als Beispiel die verbliebenen Stämme
der Urvölker unserer Erde. Ich will damit nicht sagen,
dass wir in die Steinzeit zurückkehren sollten. Aber
ihr Gemeinschaftssinn und ihre Zusammengehörig-
keit sind unübertrefflich und stehen im Einklang mit
der Natur. Hieraus können wir wieder lernen, die
heutige Leere zu füllen, unsere Pflichten zu überneh-
men und uns an den Sorgen unserer Mitmenschen zu
beteiligen. Jeder kann sich eine eigene Aufgabe auf-
erlegen, und das im Dienst der Allgemeinheit und der
Gemeinschaft, damit jeder an allem teilhaben kann.
Nehmen wir einmal all die ehrenamtlich Tätigen, han-
delt es sich dabei etwa um Unmenschen oder sind die
blöd? Ganz und gar nicht, meine Damen und Herren.
Ich bewundere sie, wie sie älteren, kranken, bedürfti-
gen Menschen und Kindern beistehen und in vielen
anderen karitativen en tätig sind, um den Betroffenen
das Leben zu erleichtern. Wäre es nicht wünschens-
wert diese Aufgaben hauptberuflich ausführen zu
können, das heißt, mit ihrer Ausübung seinen Lebens-
unterhalt bestreiten zu können? So kann man sein Le-

                         323
ben stressfreier gestalten, es bleibt für jedermann mehr
Zeit und Raum, um sich manchmal der Muße hinge-
ben zu können, vielleicht zu beten oder zu meditie-
ren. Das ist Freiheit, das ist sich Gott nahe fühlen, sich
erkenntlich zeigen und Ihm huldigen für den Frieden.
Wie lange das aufrechterhalten bleibt, liegt an uns und
nicht an Gott. Er wird uns dafür belohnen.
„Lasst all eure Besitze und Geschäfte liegen und folgt mir,
zu meinem Vater, unserem Herrn.“ Ich plädiere für diese
Variante, weil ich weiß, der Endzeit werden wir nicht
entkommen. „Wer aber an mich glaubt, geht ein in mein
Reich“, gab uns Jesus noch als Botschaft mit auf den
Weg.
Sie sehen, die Wahrheit liegt im Glauben an Gott, nicht
in der Brieftasche. Das dürften wir noch früh genug
erfahren, wenn wir erst einmal vor Gott stehen.
Aber nennen Sie mich ruhig einen Träumer. Ich den-
ke,Träume erfüllen unser Glücksgefühl, und wenn das
eintrifft, sind wir wie Kinder, und so sollte unsere Zu-
kunft sein. Kinder Gottes! Ich muss zugeben, einfach
wird das nicht, aber schrittweise und mit einem star-
ken Willen können wir es schaffen.
So oder so, die Ressourcen gehen zu Ende und gehö-
ren bald der Vergangenheit an, und dann werden Sie
die Träumer sein. Die Genmanipulationen an Pflanzen
müssen verboten werden. Keiner soll Gott spielen und
die bereits vollkommene Welt in ihrer biologischen,
von Gott erschaffenen Perfektion übertreffen wollen.
Wir dürfen keine selbst gebastelten Religionen und
Götter zulassen. Vielmehr müssen wir der Jugend ein
Leben in Liebe und Toleranz mit auf den Weg geben,
ohne dass sie etwas zurückerwarten, und die Welt res-
pektieren, als wäre sie ein Bruder und eine Schwester.
Ferner müssen wir die Tierwelt in ihren Paradiesen in

                           324
Frieden leben lassen, denn wir haben uns über Jahr-
tausende an ihnen nach Belieben bedient.
Ich kann nur wiederholen:Wir sollten alles unterneh-
men, um den Planeten zu retten, damit zur Beloh-
nung bald der Himmel nicht nur über uns, sondern
bereits hier auf Erden ist.
„Es gibt viel zu tun, packen wir es an.“ Aber dieser Wer-
beslogan gilt nicht mehr für den Raubbau an unserer
Natur. Das war damals das Motto der reichen Konzer-
ne, deren Mitarbeiter die Kohle aus dem Feuer geholt
haben gegen kleines Entgelt. Stattdessen sollten wir es
unterlassen, uns weiterhin die Menschen untertan zu
machen. Wir müssen ihnen die Würde zurückgeben,
die sie verdienen, damit endlich Gerechtigkeit einzieht
für jeden einzelnen von uns auf diesem Planeten.
Ich stehe hier vor Ihnen, um einen Teil meiner Kraft
einzubringen. Wir haben die Chance friedlich und
glücklich miteinander zu leben, doch ein ums andere
Mal schaffen wir es, uns in Kriege zu verstricken; und
erst in die Kirche zu laufen und nach Gott und Erlö-
sung zu rufen, wenn das Kind im Brunnen liegt oder
die Leiden nicht mehr zu ertragen sind. Die Techno-
logie hat sicher große Fortschritte und neue Erkennt-
nisse gebracht. Aber die Vernetzung der Bürger geht
schlichtweg zu weit. Die Kontrollmöglichkeiten sind
allumfassend, doch zum Glück kann noch niemand
unsere Gedanken lesen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Erfolg
bei Ihrer Wahl. Ich habe mich für Gott unseren Herrn
entschieden.“

Im Raum herrschte Stille. O weh, was habe ich gesagt?,
dachte ich.
Ich schaute in die Menge und sah die Ruhe in den

                          325
Gesichtern, als ob sie fragen wollten, bist du schon fertig?
Wir wollen noch mehr von deinem Gott hören. Und dann
plötzlich ein Anfang, ein spärliches Händeklatschen
– und es wurde immer mehr, immer stärker, immer
lauter. Es wollte nicht aufhören. Ich bekam Standing
Ovations von allen Anwesenden im Kongresssaal. Sie
schrien und jubelten mir zu. Ich konnte die Aufre-
gung gar nicht verstehen. Dabei hatte ich nur gesagt,
was in meinem Herzen brannte.
Zu meinem Erstaunen hatte ich keine einzige Zeile
meiner vorbereiteten Rede übernommen.
Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich niemand getraut, in
einem so wichtigen Vortrag über die Weltordnung bei
der UN über Gott zu sprechen. Die meisten hatten
bis dato nur Zahlen, Profite und Statistiken vorge-
bracht, wie noch mehr Raubbau betrieben oder mit
Vetos das weitere Vorantreiben notwendiger Maß-
nahmen ausgebremst werden konnte. So verhielt es
sich auch damals beim G-8-Gipfel in Heiligendamm
wo die Inder und Chinesen auf Wachstum und mehr
Wohlstand beharrten, obwohl alle wussten, dass die
Konsequenzen weltweit in einigen Jahren zu sehen
sein würden. Aber keiner hatte das Rückgrat, diese
Fehlentscheidung einzugestehen, selbst als sich die
Klimakatastrophe 2013 bewahrheitete.
Nach dem Abebben des Beifalls fuhr ich mit meiner
Rede fort, denn ich war noch nicht fertig.
„Ich bedanke mich für Ihre Zustimmung, ich dan-
ke für Ihr Verständnis, ich danke für Ihre Einsicht, ich
danke für Ihre Hilfe, um dies alles neu zu schaffen.
Denn noch ist nicht aller Tage Abend, auch wenn die
Nord- und Südpole nur noch ein Schatten ihrer selbst
sind. Denn noch vor zwanzig Jahren bildeten sie unse-
re unerschöpflichen Trinkwasservorräte. Was heutzu-

                            326
tage immer mehr angezweifelt werden darf.
Dennoch, wir können und werden es schaffen. So viel
Zeit bleibt uns noch, die Erde zu retten und das Le-
ben für die gesamte Menschheit und Tierwelt wieder
erträglicher zu machen. Es soll keiner mehr dursten,
hungern, leiden oder verstoßen werden. Jeder soll in
Frieden mit seinem Nachbarn leben dürfen. Denn der
Mensch wurde nicht geboren, um sich selbst oder an-
dere zu vernichten, sondern um nach Geborgenheit
und Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu suchen.
So, nun komme ich zu den wichtigsten Punkten, die
wir sofort angehen müssen:
Als Erstes müssen wir die Wasserversorgung, worauf
jeder ein Recht hat, wiederherstellen und sichern.
Dann soll jeder Brot und andere Lebensmittel erhal-
ten, die nicht mit irgendwelchen beigefügten chemi-
schen Stoffen angereichert oder genmanipuliert sind,
denn Untersuchungen haben deutlich die Folgen von
geschädigten Gehirnfunktionen bei älteren Menschen
nachgewiesen. Des Weiteren bitte ich die Menschen
um Mithilfe, die toxische und nicht biologische Er-
nährungskette zu sanieren. Alle Konzerne, egal, welche
Monopolstellung sie haben, sollen ferner untersucht
und mit Schadenersatzforderungen bis hin zur Schlie-
ßung bestraft werden. Die Energien müssen jedem in
vernünftigem Maß zugänglich gemacht werden …“
Ich schaute zum UN-Generalsekretär, um mich zu
vergewissern, wie viel Zeit mir noch für meine Rede
blieb. Er nickte nur und deutete an, ich solle weiter-
machen.
„Sie sehen, meine Damen und Herren, ich bin bereit,
das Leben aller zu erleichtern und jedem das zurück-
zugeben, worauf er ein Anrecht hat. Jetzt und hier
werden wir die Menschheit vor weiteren Dummhei-

                         327
ten bewahren und ein menschenwürdiges Dasein in
die Wege leiten. Ab heute soll jeder seinen Platz in der
Gemeinschaft erhalten. Ich stelle keine Bedingungen,
erteile keine Befehle und will auch niemandem mei-
ne Gedanken aufzwingen. Jeder soll selbst entschei-
den, wozu er gehören möchte.
Die Erde wird sich weiterdrehen, auch wenn wir nicht
mehr von dieser Welt sind.Wir sollten unser Vertrauen
in Gottes Hände legen und auf die Vernunft setzen.
Der Herr schütze uns und unsere Welt.
Ich möchte Sie bitten, keine übereilten Entscheidun-
gen zu treffen und diese Wahl ruhig anzugehen, bis
wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, um
unser Leben zu retten und das unseres Planeten. Ich
frage Sie, wo sind die Menschen aus Atlantis, die eine
so disziplinierte und intelligente Kultur hatten? Wo
die Babylonier, die chinesischen Dynastien, die Ägyp-
ter, die Griechen? Wo sind die Maya abgeblieben?
Lauter vergängliche Kulturen. Wo sind die Marxisten
und viele andere politische wie religiöse Mächte? Wo
sind sie geblieben? Wenn all diese Kulturen einen Gott
gehabt hätten, wären sie noch da.
Denn Gott, der einzig Wahre und Allmächtige, liebt
sein Volk.
Aber jetzt zurück zur Tagesordnung. Nehmen wir
einmal an, wir würden die ganze Wirtschaft in eine
WWP umwandeln, was so viel wie „World Without
Profit“ bedeutet. Ähnlich einer oder Treuhandgesell-
schaft für die nächsten fünftausend Jahre. Ziel ist die
Abschaffung jeglichen gewinnorientierten Handelns.
Die Gesellschaft soll schrittweise in eine gerechte
Struktur übergeführt werden. Jeder Erwachsene be-
kommt gleich viel und darf nach Belieben, wenn er
sich verantwortungsvoll verhält, damit umgehen und

                          328
sich ernähren, kleiden und bescheiden wohnen nach
moderner, aber nicht verschwenderischer Art, ohne
die Natur zu strapazieren. Qualität sollte vor Quanti-
tät stehen. Jeder sollte in eine Gemeinschaftsstruktur
eingegliedert sein. Sei es im Sozialen wie im Wirt-
schaftlichen. Alles, was der Umwelt und der Natur,
der Tierwelt und den Menschen schadet, muss radi-
kal und kompromisslos abgeschafft werden, wobei die
Vielfalt natürlich erhalten bleibt, damit unser Leben
nicht grau und eintönig wird. Die Menschenrechte
sollen weltweit geschützt und respektiert werden. Alle
Menschen rufe ich auf, an einer gerechten, mensch-
lichen WWP aktiv mitzuwirken. Deswegen brauchen
wir nicht weniger Chirurgen, Ingenieure, Lehrperso-
nal, Bürokräfte und viele andere mehr. Nur auf Inves-
toren, Aktionäre, Spekulanten, Könige oder Macht-
haber können wir verzichten. Alle sollen zukünftig
mitbestimmen, was getan werden muss.
Sie sehen, ich spreche von Aufgaben für die Mensch-
heit und nicht von Pflicht oder Arbeit.
Alle Waffen werden eingeschmolzen, gespeicherte
Daten gelöscht. Keiner soll mehr das Recht haben,
irgendwelche Daten einzusehen. Jeder Mensch be-
kommt eine neue Chance, sich in unserer Gemein-
schaft einzurichten, außer Schwerverbrecher und
Mörder.
Die Gebote Gottes müssen befolgt werden. Wir wol-
len Gott dienen und den neuen Aufgaben mit Stolz
und Mut entgegentreten.
Hier möchte ich nun endgültig zum Schluss kommen.
Ich hoffe und bete zu Gott, dass Ihre Wahl zu unserem
Herrn führt. Ich möchte mich bei meinen Freunden
wie Feinden fürs Zuhören recht herzlich bedanken.“
Wiederum herrschte zunächst Stille, bis ein langsa-

                         329
mes, immer stärker werdendes Gemurmel durch das
Gebäude zog. Jeder sprach mit jedem und versuchte
sich zu artikulieren. Dies ist gewiss ein Schritt zu viel des
Guten gewesen, dachte ich und verließ klammheimlich
den Saal.

Das Ganze sorgte für viel Wirbel und Aufruhr bei den
Mächtigen. Die Armen standen somit nicht mehr ganz
allein da. Die Elite würde nach meinen Vorstellungen
zur Verantwortung gezogen werden für ihre illegal
eingenommenen Unsummen an Gewinnen, die sie
die letzten Jahrzehnte dank ihrer marktbeherrschen-
den Stellung und fortwährenden Fusionierungen ein-
gestrichen hatten. Die Frage war nun, wie würden
andere Mitglieder der UN und die restliche Welt dazu
stehen und reagieren?
Die WWP würde zudem auch Kapitalverbrechen
und andere Arten von Kriminalität unterbinden. Es
lag ein langer und steiniger Weg vor uns, bei dem ein
gewaltiger Kraftakt durchzustehen war. Aber ich war
zuversichtlich, da der Mensch nach den beiden Welt-
kriegen bewiesen hatte, wozu er mit seiner Wieder-
aufbauarbeit imstande war.Viele erinnerten sich noch
an die Zeit des Wirtschaftswunders. Leider konnten
die Menschen damals nicht vorausahnen, dass dabei
die Erde und das Klima so stark in Mitleidenschaft
gezogen würden. Nichtsdestotrotz würden wir diese
Fehler mit der VISION der WWP wieder gutmachen
können. Man brauchte viel Ausdauer, musste viel
Überzeugungsarbeit leisten und Regeln definieren,
bevor eine solche WWP real arbeiten konnte. Aber
darüber machte ich mir weniger Sorgen, denn wenn
der Mensch dahinterstand und die VISION ihn an-
sprach, stellte jede Anstrengung kein Problem dar. So

                            330
ist es seit jeher gewesen: bei den Eroberungen Ale-
xanders des Großen, bei der Entdeckung Amerikas
bis hin zum Apolloprogramm mit dem Betreten des
Mondes.

Nachdem wir in Brüssel gelandet waren überholte
uns auf der Autobahn eine Patrouille Ordnungshüter,
die uns aufforderte, an der Seite zu halten. Wir folgten
ihrer Aufforderung. Zwei bewaffnete Männer in Zivil
stiegen aus ihrem Dienstfahrzeug, von denen einer zu
uns ans Seitenfenster kam und seine Marke sehen ließ.
Tommaso drehte die Scheibe etwas herunter.
Der Agent sagte: „Gehe ich recht in der Annahme,
dass Sie Herr Brink sind!“
„Ja“, antwortete Tommaso und stieß mich, von den
Beamten unbemerkbar, mit seinem Ellenbogen leicht
an.
„Was gibt’s, hab ich etwas falsch gemacht oder bin ich
zu schnell gefahren?“
„Nein“, gab er zu verstehen. „Aber ich möchte, dass
Sie mit uns kommen. Sie werden im Präsidium er-
wartet. Es ist dringend.“
„Wer sind Sie?“, fragte Tommaso.
„Kann ich leider nicht sagen.“
Der zweite Mann schaute mich an und schien zu
überlegen, wo er mich schon einmal gesehen hatte.
Sofort reagierte Tommaso. „Also gut“, wandte er sich
an mich und schaute mich durchdringend an, also ob
er sagen wollte, halt den Mund, Vater. „Dann musst du
leider den Weg alleine zurückfahren.“
 „Prima, also wo geht’s hin?“, fragte er den Ordungs-
hüter.
Ich kochte vor Wut und wollte ihn in einer solch
prekären Lage nicht alleine gehen lassen, obwohl er

                          331
natürlich recht hatte, dass sie uns nicht gleich beide
einsacken sollten.
„Hören Sie zu, ich bin Jeff Brink, dies ist mein Fah-
rer“, gab ich mich zu erkennen.
„Du Idiot, was soll das, siehst du denn nicht, dass sie
vom Geheimdienst sind?“
Sofort zogen die beiden Männer ihre Spezial-Pistolen
und einer schrie: „Beide raus aus dem Wagen, aber
vorsichtig, sonst bin ich gezwungen zu schießen. Also
bleiben Sie ruhig und steigen Sie aus, Hände schön
brav oben halten.“
Der andere kam langsam auf meine Seite und öffnete
die Autotür. „So, schön langsam und die Hände auf
die Motorhaube.“
Der andere folgte seinem Beispiel auf Tommasos Sei-
te. Er holte aus seiner Innentasche den Fingerscanner
und sagte: „Stecken Sie bitte Ihren rechten Zeigefin-
ger in den Scanner.“
Das Ganze funktionierte wie ein Handy, sofort wurden
die Daten abgerufen und auf dem Schirm erschienen
die Personalien. Dasselbe taten sie mit Tommaso.
„Interessant, Vater und Sohn! Guter Fang!“, infor-
mierte er seinen Kollegen.
Shit, das hört sich nicht gut an, dachte ich. Was jetzt wohl
folgen wird?
„Na, dann los die Herrschaften. Sie begleiten uns aufs
Präsidium. Den Wagen lassen wir abholen. Flynn, hol
die Handschellen.“
„Also, das ist nicht nötig, wir kommen auch so mit,
meine Herren“, beteuerte ich.
Aber sie wollten nicht so recht daran glauben.
„Wenn’s Probleme gibt, verpasse ich Ihnen eine Ku-
gel, verstanden? So, jetzt aber einsteigen.“
Wir wurden beide in den hinteren Teil des Wagens

                            332
verfrachtet, wobei ein Gitter und eine Glasscheibe
uns von der Fahrerkabine trennten. „Oh, Gott, hilf
uns“, entwischte es mir unbewusst.Wir fuhren zurück
Richtung Brüssel. Als wir schließlich in die Stadt ein-
fuhren, wurden innen die Scheiben automatisch ver-
dunkelt, sodass wir nicht mehr nach draußen sehen
konnten. Nur die Notbeleuchtung gab ein spärliches
Licht von sich. Nach einer halben Stunde Fahrt kreuz
und quer durch die Stadt wurden die Fenster wieder
erhellt.
Wir standen in einem Hof, umringt von hohen Mau-
ern, einem Schloss ähnlich. Inmitten des Hofes befand
sich ein Springbrunnen wie auf einer italienischen
Piazza, der vor sich hin plätscherte. Plötzlich öffnete
sich ein Tor und wir fuhren in die Passageneinfahrt.
Vier Männer kamen zum Wagen, der neben einer rie-
sigen breiten Treppe hielt, die nach oben führte. Die
Türen wurden geöffnet und jeder von uns wurde
wortlos, von zwei Herren flankiert, am Arm festge-
halten und die Treppe hoch nach oben geleitet. Dann
gingen wir einen breiten Gang hinunter, bis wir vor
einer drei Meter hohen Tür ankamen, die von einer
davorstehenden Person sogleich geöffnet wurde. Wir
betraten einen dämmerigen Raum.
„Herr Präsident, hier ist Mister Jeff Brink mit seinem
Sohn“, meinte einer der beiden, die uns verhaftet hat-
ten.
„Gut, danke! Ihr könnt vor der Tür warten, bis wir
euch benötigen“, hörte ich eine mir sehr bekannte
Stimme sagen.
„Mensch“, entwischte es mir. „Sind Sie es, Herr Prä-
sident?“
„Ja, meine Stimme ist wohl unverkennbar! EU-Präsi-
dent Juan da Cunha.“

                         333
„Warum haben die Leute nicht Bescheid gesagt, dass
Sie uns erwarten?“, fragte ich ihn etwas misstrauisch.
„Ja, mein lieber Jeff, so einfach war das nicht, und die
Herrschaften wussten nichts davon“, gab er etwas un-
schuldig zurück.
„Worum geht’s denn, Herr Präsident?“, wollte Tom-
maso etwas beleidigt wissen.
„Wissen Sie, Herr Tommaso, es geht uns darum, kei-
nen Bürgerkrieg anzuzetteln, aber Ihr Vater ist auf dem
besten Weg dahin. Wie wollen Sie dies nach so einer
Rede anders erklären? Wir wissen, dass Sie keiner Par-
tei angehören. Aber das heißt noch lange nicht, dass
man die Bevölkerungen weltweit in Aufruhr versetzen
soll. Sie wissen, wir leben auf einem Pulverfass. Viele
sind unzufrieden. Die Probleme werden zunehmend
unüberwindbarer. Obwohl ich durchaus Verständnis
für Ihre Argumentation habe, kann ich ein solches
Verhalten nicht dulden. Nach Ihrer Rede wurde ich
zur Rechenschaft gezogen, weil ich Ihnen den Auf-
tritt ermöglicht habe. Und nun fühle ich mich ver-
antwortlich für Sie. Dabei sind Sie mir seit Jahren ein
guter Freund. Diese unnötige Hetzkampagne müssen
wir umgehend entschärfen, und ich wünsche nur, dass
Sie schon morgen in den Medien einen von uns redi-
gierten Text vorlesen. Wir müssen einige Änderungen
einbringen, um einige explosive Aussagen bezüglich
der Umwelt zu entschärfen. In einigen Wochen, hof-
fen wir, ist Gras darüber gewachsen.
Sie wissen, was ich meine und worauf es ankommt,
oder wollen Sie Ihre Familie gefährden?“
„Herr Präsident, das sind wir mittlerweile gewohnt.
Ich werde daher nichts dergleichen unternehmen, zu-
mal ich den Leuten nur reinen Wein eingeschenkt und
nicht nur leere Versprechen gemacht habe wie so viele

                          334
andere. Wollen Sie, dass es so weitergeht? Die Chan-
cen liegen nicht etwa in noch mehr Technologien,
sondern darin, uns zu mäßigen sowie in der geistigen
Stärke und im Glauben an unseren Gott. Wir müssen
aufhören, unsere Erde unwiderruflich zu plündern.
Nein, Herr Präsident, das Theater, das Sie veranstalten
wollen, mach ich nicht mit. Und damit basta“, ließ ich
meiner Wut freien Lauf.
„Ich kenne Ihre Philosophie, aber damit kommen Sie
nicht weit. Die Menschheit ist nicht mehr zu retten.
Das ist ein Traum …“
„Und Träume können wahr werden“, unterbrach ich
ihn.
„Kann sein, aber nicht in dem Maße. Um die ganze
Menschheit zu diesem Schritt zu bewegen, müssen
andere Geschütze aufgefahren werden“, fuhr da Cun-
ha fort.
„Gott wird sich unserer annehmen, wenn wir Ihn da-
rum bitten und Ihm dienen.“
Der EU-Präsident hatte ein Problem mit meiner
Rede und meinem Handeln.
„Ich bitte Sie doch nur, Schadensbegrenzung zu be-
treiben“, bat er mich noch einmal.
„Nein, Herr Präsident, das hilft keinem, da viele mit
mir einverstanden sind. Es muss endlich etwas gesche-
hen. Die Menschheit hat es satt, nur als Zuschauer zu
fungieren. So wie die Bessergestellten auf ihr Eigen-
tum pochen, sind die Ärmeren bereit, ihr Leben zu
opfern für die Zukunft ihrer Kinder. Ist das vielleicht
falsch?“
„Nein! Ich verstehe Ihre Handlungsweise, aber ich
kann sie nicht billigen, da sie irrational ist. Sie können
nicht erwarten, dass sich etwas ändern wird. Aber dass
Sie sich in Schwierigkeiten befinden, ist eine Tatsa-

                           335
che“, gab er mir unverhohlen zu verstehen.
Ich war mir über die Konsequenzen bewusst. Auch
wenn es nur der Tropfen auf dem sprichwörtlichen
heißen Stein war, ich wollte nicht mehr mit ansehen,
wie manche vor unseren Augen verreckten und an-
dere mit ihrer Eitelkeit, ihrem Reichtum und ihrer
überheblichen Art diese Ungerechtigkeit einfach nur
so abtaten. Diejenigen, die das Sagen hatten, fürchte-
ten sich davor, uns zu vertrauen, und versteckten sich
deshalb hinter Gesetzen und Statutenklauseln, um uns
zu beeindrucken, einzuschüchtern und, wenn irgend-
wie möglich, uns mit Besserwissereien zu schikanie-
ren. Wir sollten nicht weiter als zum Schalter gelan-
gen und in Reih und Glied warten, während sie sich
hinter Panzerglas und nicht transparenten Tätigkeiten
verbarrikadierten. Zum Schutz ihrer Bosse und ihrer
selbst. Diese Erniedrigung würde in naher Zukunft
als gleichberechtigter Mensch keiner mehr erfahren
müssen.
„Die Rede hat viele Gemüter erhitzt und Debatten
angefacht“, sagte Juan da Cunha. „Sie müssen diese
beruhigen – oder wollen Sie, dass es in Bürgerkrieg
und Massenmord ausartet?“
„Nein, aber Sie müssen zugeben, dass dies schon längst
von den Verantwortlichen hätte in die richtigen Bah-
nen geleitet werden können. Aber man hat die Bürger
bewusst weiter belogen, betrogen, unterjocht und in
den Ruin getrieben. Jetzt bekommen sie die geball-
te Wut des einfachen Fußvolks zu spüren, vergleich-
bar mit der Französischen Revolution damals im 18.
Jahrhundert, nur diesmal sind die Ereignisse um ein
Vielfaches schlimmer. Eine Verbesserung der Lebens-
bedingungen ist durch die Klimaerwärmung unmög-
lich geworden, da sind sich Experten, Wissenschaft-

                         336
ler, Klimaforscher, Mediziner und Politiker einig. Das
wissen auch die Niederen und Anonymen. Wenn es
zu einer Eskalation kommt, ist mit vielen Toten auf
beiden Seiten zu rechnen. Wieder ein Argument, uns
zur WWP zu bekennen, damit ein dritter Weltkrieg,
wenn nicht sogar das Ende unseres Planeten und der
Menschheit, verhindert werden soll.
Wie Sie wissen, wurde die symbolische Uhr letzte
Woche ein weiteres Mal vorgestellt und steht nun auf
fünfzehn Sekunden vor zwölf. Dies bedeutet, nicht
viele werden überleben. Nur wenige werden nach
der Prophezeiung in das Himmelreich eingehen. Wer
diese Zeichen ignoriert, ist meinem Erachten nach
ein Dummkopf oder schert sich einen Dreck um sei-
ne Mitmenschen. Wie wollen wir noch weiter mehr
als neun Milliarden Menschen besänftigen, sich den
wenigen entgegenzustellen, die die Fäden in ihren
Händen halten? Sehen Sie, mein Freund, das ist eine
Tatsache. Wenn nicht schnellstens etwas passiert, wer-
den Sie und all Ihre Enkel, falls Sie welche haben, die
nächsten zwei Jahre nicht mehr erleben. Glauben Sie
mir. Flucht ist aussichtslos, egal wohin.“
Der Präsident schwieg und schien sich einen Reim
auf meine Predigt zu machen.
„Nur wenn wir an einer neuen Weltordnung arbeiten
und den Machthabern deutlich machen, dass es aus-
sichtslos ist, die Seele im Kapital und in der Unter-
drückung ganzer Nationen zu suchen, können wir es
schaffen. Das Elend und die Probleme sind einfach zu
gewaltig“, schloss ich.
Er wusste, wovon ich sprach. Seit fünf Jahren hatte der
Nordpol von seinem ewigen Eis immer mehr einge-
büßt. Somit konnte kein Trinkwasser für alle garantiert
werden. Die Meere waren um mehr als einen Me-

                         337
ter angestiegen, sodass viele Städte in der nördlichen
Hemisphäre mit einem provisorischen Wall gegen
die Überflutung geschützt worden waren. Ansons-
ten wären Städte wie Antwerpen, Amsterdam, Lon-
don, Hamburg, New York, Boston, Bordeaux, Bilbao,
Porto, Lissabon, Kapstadt, Hongkong, Shanghai und
viele andere Metropolen auf der ganzen Welt in den
Meeresfluten versunken. Und jedes Jahr kamen neue
hinzu, was natürlich einen enormen bautechnischen
und finanziellen Aufwand mit sich brachte. Nur mit
Flugzeugen, Booten und Brücken konnte man diese
modernen Venedige noch erreichen.
Die Weltmeere mussten immer mehr CO2 verkraften,
obwohl in vielen Bereichen versucht wurde, den Aus-
stoß zu verringern. Ihr Temperaturanstieg war nicht
mehr zu bremsen. Die PH-Werte waren auf unter 6,9
gefallen, wobei die Übersäuerung zu einer wahren
Katastrophe für alles Leben in den Tiefen der Seen
und Meere führte.
„So, und wie soll das Ganze vor sich gehen?“, riss da
Cunha mich aus meinen Gedanken.
„Ganz einfach. Sie sind doch ein Visionär des drit-
ten Millenniums. Setzen Sie sich mit dem General-
sekretär und den Mitgliedern der UN an einen Tisch
und überdenken Sie mal meine VISION, die ich bei
meiner Rede vorgestellt habe. Die WWP ist die ein-
zige Lösung, um aus der Misere zu kommen. Die Zeit
drängt. Wir wollen auch niemanden enteignen, aber
wie beim Euro einen vernünftigen Übergang einlei-
ten, bevor alles den Bach runtergeht. Nur eine sozial-
wirtschaftliche Lösung kann uns aus dieser verflixten
Situation retten. Dazu gehören viel Mut, Fantasie und
Umsetzungsvermögen. Gegenschläge müssen wir mit
einkalkulieren und versuchen zu bereinigen.“

                         338
„Sie spinnen, Herr Brink!“
Tommaso schaltete sich ein. „Ich würde für mei-
ne Kinder alles tun, damit sie eine Zukunft haben“,
wandte er sich an da Cunha.
„Die machen bei so etwas niemals mit“, gab der EU-
Präsident zurück.
„Ja klar, wer will auch schon freiwillig alles aufgeben?
Aber die Armen besitzen nichts, was sie aufgeben
müssten, und haben obendrein nichts zu verlieren.
Die Weltmächte dagegen sind dabei, sich gegenseitig
zu erpressen. Die Rohstoffreserven neigen sich dem
Ende entgegen, und die Abnehmerstaaten sind über-
fordert, ihrer Bevölkerung gerecht zu werden. Diese
Staaten wären wohl einverstanden, auf einen solchen
Dialog einzugehen. Das wäre ja ein Anfang oder?“,
gab Tommaso zu verstehen.
„Ich stimme meinem Sohn zu. – Aber was passiert
eigentlich mit uns? Können wir jetzt endlich zu unse-
ren Familien?
Rufen Sie mich an, wenn Sie meine Unterstützung
brauchen. Ich habe alle Pläne und Unterlagen für die
Realisierung. Sie können mich auch wegsperren las-
sen, aber nicht die Welt, nicht die Ungerechtigkeit,
nicht die Armut, nicht die Menschen, die Sie mit Vor-
würfen in den Augen auf Ihre Schuldigkeit hinwei-
sen“, sagte ich, ohne auch nur die kleinste Kompro-
missbereitschaft anzudeuten.
„So, das war’s!“, meinte Tommaso und nahm mich
beim Arm, um zu gehen.
Das Gespräch hatte zu keinem Ergebnis geführt. Wir
wurden zu unserem Wagen begleitet und fuhren nach
Hause.Tommaso hatte Serena über unsere Verspätung in
Kenntnis gesetzt. Er blieb noch zum Abendessen bei uns
in Bonn und fuhr später nach Köln zu seiner Familie.

                          339
Wir wussten, dass wir dem Wasser alles zu verdan-
ken hatten. Als Lebensmittel Nummer eins hat es un-
ermessliche Fähigkeiten. Jeder Tropfen enthält viele
Substanzen. Hier finden alle biophysikalischen und
chemischen Reaktionen statt, aus denen das Univer-
sum besteht. Es bindet sozusagen physikalische Ma-
terie wie Gefühle und ist dazu noch intelligent, da es
sich, auch wenn es die Substanz nicht mehr in sich
trägt, daran erinnert. Es reinigt die Atmosphäre, die
Böden und den Körper, da es sich durch einen per-
fekten Kreislauf erneuert. Es gibt der Vegetation, dem
Menschen und allem Leben die Dynamik. Ein harter
Felsen kann dies nicht bewirken.Wasser will immer in
Bewegung sein. Es trägt die von Gott gewollte Infor-
mation vom Leben in sich.
Im Wasser können wir alles auflösen, durch Trinken
alle Giftstoffe aus unserem Körper spülen. Wenn Was-
ser gefriert, sich also vom flüssigen in den festen Zu-
stand wandelt, müsste es sich ja zusammenziehen, aber
genau das Gegenteil passiert. Wenn eine Schneeflocke
schmilzt und wieder gefriert, nimmt sie wieder ge-
nau dieselbe Eiskristallform an wie vorher. Das Was-
ser vermag mithin Informationen zu speichern und
zu übermitteln. Wasser leitet Energie, jedes Molekül
hat seine eigene Identität. Wasser ist fähig zu heilen.
Heilige Quellen gibt es an vielen Orten dieser Welt.
Nur Wasser, das aus der Erde als Quelle entspringt, ist
gesund und lebendig. Ohne Wasser können wir nicht
funktionieren, nicht denken, nicht fühlen, nicht emp-
finden.

Doch die einstmalige Selbstverständlichkeit, schier
unendlich über das Element verfügen zu können, ge-
hörte der Vergangenheit an. Seine Qualität wurde an-

                         340
gesichts verseuchter Gewässer in den letzten Jahren
immer mehr zum Problem.

Dazu kommt das weiße Gold der Erde, das Salz. Es
ist genauso lebensnotwendig für unseren Körper wie
Wasser. Ohne Wasser und Salz ist kein Leben möglich.
Kristallsalz enthält sämtliche Mineralien und Spuren-
elemente, die unser Körper braucht. Vor Jahrtausen-
den wurden seinetwegen Kriege geführt. Die Asche
des Menschen besteht aus reinem Salz. Die Osmo-
se in unserem Körper wird durch das Salz gesteuert.
Natürliches Salz ist notwendig, um vitale Funktio-
nen aufrechtzuerhalten. Im Kristallsalz sind Minera-
lien enthalten, mikroskopisch kleine Teilchen, die von
unseren Zellen gut aufgenommen werden können.
Ein perfektes Ineinandergreifen vieler biologischer
Prozesse.
Das heutige Kochsalz dagegen, raffiniert und che-
misch gereinigt, hat mit dem ursprünglichen Salz das
wir zum Leben benötigen, nichts gemein und schadet
unseren Zellen. Es besteht im Gegensatz zum Kristall-
salz nur aus Natriumchlorid.
Es ist jedoch von unvorstellbarem Nutzen für mei-
ne Erfindung, die in diesen Tagen für Sauerstoff und
Energie sorgte und sich auf Natrium und Chlorid
stützte. Bei der Zusammenführung dieser zwei Ele-
mente entsteht eine Explosion, die bei meinen An-
lagen zur Energieerzeugung genutzt wurde.

Ich wollte mich in Zukunft voll und ganz mit meiner
Frau, meiner Familie und meinen Freunden für die
Idee einer weltweiten WWP verwenden und alles da-
ran setzen, diese zu realisieren. Zu allererst musste den
Armen oder Bedürftigen dieser Erde geholfen wer-

                          341
den, indem sich meine VISION wie ein Lauffeuer um
die ganze Erde ausbreiten sollte. Nur so konnten wir
in Frieden und Respekt miteinander leben.
War es nicht verrückt, dass in diesem Augenblick mehr
zerstört als aufgebaut wurde? Unumkehrbar für die
Menschen,Tiere und Pflanzen. Man musste jede noch
so kleine Veränderung an der Natur vermeiden und
jeglichem verschwenderischen Konsum abschwören,
zum Erhalt der Natur.
„Tu anderen nicht an, was du selber nicht willst, dass dir
angetan wird.“
Es war zwecklos auf den anderen zu zeigen und ihm
die Schuld zuzuweisen.
„Wer sündenfrei ist, soll den ersten Stein werfen.“
Es würde nicht einfach werden, aber „wo ein Wille ist,
ist auch ein Weg“.

Die WWP sollte zur Entspannung aller Differenzen
unter den Menschen genutzt werden, vor allem aber,
um der Jagd auf immer mehr wertvolle Ressourcen
und Rohstoffe Einhalt zu gebieten, um der Krimina-
lität und der Betrügerei vorzubeugen, um die Trans-
parenz aller Dienste zu gewährleisten, eine gerechte
Verteilung der Lebensgrundlagen durchzusetzen, dem
Neid und der Missgunst die Nahrung zu entziehen,
unnötige Erzeugnisse auf jedem Niveau einzudäm-
men.
Darüber hinaus sollten sich keine Konzerne oder poli-
tischen Parteien daran bereichern können, was von
Anbeginn unterbunden werden musste. Denn kaum
war bekannt, dass die Erderwärmung nicht mehr auf-
zuhalten war und die fossilen Energien so weit wie
möglich zurückgedrängt werden mussten, wollten
sich skrupellose Banken und Investoren an der Son-

                           342
nenenergie bereichern.
Ein Zitat aus einer Werbung aus dem Jahre 2007
von einem Konzern, der die Windenergie sein eigen
nannte, lautete wie folgt: „Wer Wind sät, erntet Energie:
Wir haben die Produktion unserer Windparks um das Acht-
zigfache erhöht verglichen mit dem Jahr 2000.“ Weiter
stand auf dieser Seite: „Wenn ihr beim Umblättern dieses
Magazins ein bisschen Wind aufsteigen fühlt, kommt dies,
weil wir in den letzten Jahren viel in Windenergie investiert
haben und dies weiter tun werden … bla, bla, bla …“ Zum
Schluss hieß es da noch: „Die wahre Revolution ist, die
Welt nicht zu verändern.“
Es war einfach nicht zu fassen, mit welchen Tricks
und welcher Arroganz diese Konzerne arbeiteten, als
gehöre ihnen der Wind und als hätten sie unsere Welt
nicht bereits revolutioniert und verändert mit ihrer
Atomenergie.

Ich war noch nicht am Ende meiner Gedanken an-
gelangt, da schreckte ich auf.
„Jeff, eine Videoschaltung aus New York für dich“,
rief Teresa mir aus dem Obergeschoss zu.
„Wer ist dran?“
„Der UN-Generalsekretär.“
„Gut, schalte durch.“
Am Schirm konnte ich den UN-Generalsekretär mit
einigen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen se-
hen.
„Schönen guten Abend, Herr Brink!“, kam prompt
die Stimme des Generalsekretärs. „Entschuldigen Sie
die Störung! Könnte ich Sie kurz etwas fragen, es
dauert nicht lange. Ich habe hier ein paar fähige Leute
um mich versammelt, um Ihre Theorie zu studieren.
Wir sind zu einem interessanten Ergebnis gekommen.

                            343
Wenn Sie erlauben, hätten wir noch einige Fragen an
Sie.“
„Schießen Sie los!“
„Was soll mit den Börsen geschehen?“
„Gute Frage! Die sollen ihre Tore schließen. Es handelt
sich ja doch nur um Spekulationssummen. Die Aktio-
näre haben genug davon, sonst würden sie schließlich
nicht solche Risiken eingehen. Heute hier, morgen
da. Einen solchen Sport können wir Menschen uns in
Zukunft nicht mehr leisten. Sie wissen schon, was ich
meine“, lautete meine eindeutige Antwort.
„Ja, aber damit wird keiner einverstanden sein“, ver-
suchte er mir klarzumachen.
„Verstehe ich sehr gut. Aber wenn kein Profit mehr
herauskommt, hat sich das Ganze in weniger als
einem Jahr sowieso erledigt. Sie haben in dieser Zeit
die Möglichkeit, die erwirtschafteten Erträge an eine
zu übergeben für ihren Eigennutz oder anderen zugu-
tekommen zu lassen in Form von Spenden. Deswegen
müssen gewerbliche Betriebe oder andere Instanzen
nicht schließen.“
„Ich verstehe. Die Aktionäre gehen nicht ganz leer
aus“, erwiderte er.
„Genau, sie, ihre Familien und Angestellten gehen
nicht leer aus und stehen plötzlich keineswegs auf der
Straße.Wenn das Projekt sich zukünftig lohnt, werden
wir es weiterführen. Ich will keine armen Aktionäre.“
Ich musste lachen.
Auf der anderen Seite kam auch Gelächter auf. „Hört
sich gut an, Ihre Theorie, aber wo fangen wir an?“
„Da, wo der Profit aufhört!“, erwiderte ich.
„Und das wäre?“
„Bei den Konzernen. Wenn sie keine hohen Gewin-
ne mehr erwirtschaften, ziehen sich die Aktionäre

                         344
zurück, und der ungebremsten Preistreiberei wird
somit ein Riegel vorgeschoben. Die reellen Gewin-
ne werden nach Abstimmung den Gemeinschaften
übertragen, wobei die neue Plattform besser in den
politischen Gremien mit den Gewerkschaften aus-
gearbeitet werden sollte, damit die Verteilung genau
abgestimmt werden kann. Wir sollten die Menschen
an ihren Standorten belassen. Nur die Kontrolle der
Realisierung muss von Professionellen abgesichert
und begleitet werden“, erklärte ich ihm.
„Wie wollen Sie die Aktionäre mobilisieren, denn sie
tun jetzt bereits alles Mögliche! Spenden, Sponsoring,
en und vieles mehr“, argumentierte der UN-General-
sekretär.
„Ich glaube, das brauchen wir nicht. In einigen Jahren
wird die Natur ihren Tribut einfordern. Wir werden
dann sehen, auf welche Seite sich die Aktionäre schla-
gen. – Und noch etwas, soll dass Ihr Ernst sein, taten-
los zuzusehen, wie die ganze Menschheit draufgeht
… Wohl verstanden alle“, fügte ich schnell hinzu.
Er schaute mich kopfschüttelnd an, da er es nicht
fassen oder ertragen konnte, wie rabiat ich mit ihm
sprach. Dann drehte er sich zu seinen Leuten oder
Experten um, und diese bestätigten ihm, dass etwas
Wahres dran war an meiner Geschichte.
„Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Brink, haben
wir keine Wahl.“
„Nein!“, erwiderte ich kurz und knapp.
„Und wenn wir von nun an die Projekte kontrollie-
ren, weltweit versteht sich?“, probierte er noch einen
anderen Weg aus.
„Das wäre nur aufgeschoben und käme einem Selbst-
mord gleich. Damit hätten wir aber nicht das Problem
gelöst. Also, was wollen Sie tun?“, fragte ich trocken.

                         345
„Wir werden die Lage beraten und möchten Sie bit-
ten, sich freizuhalten im Falle, dass wir Sie brauchen.
Ich danke vorerst. Auf Wiedersehen.“ Er wartete eine
Antwort meinerseits nicht mal ab. Die Verbindung
wurde abrupt abgebrochen.
Teresa, die das Ganze mitbekommen hatte, meinte:
„Jeff, du begibst dich immer mehr in die Höhle des
Löwen. Die sind doch nicht ehrlich an deiner Mei-
nung und deinen Visionen interessiert!“
„Kann sein, aber jemand muss diese Horde von Heuch-
lern zumindest ein bisschen in ihre Schranken weisen.
Sie wissen doch ganz genau, die Politik wird immer
mehr von den Konzernen überrollt. Zumindest wird
die UN, wenn sie sich organisiert und alle Kräfte mo-
bilisiert, vielleicht erreichen, dass dieses gefräßige Tier
uns nicht ganz verschlingt. Gemeinsame Sache mit
den Lobbyisten zu machen, hilft den Politikern auf
lange Sicht auch nicht, da sonst die Demokratie und
die warmen Plätze der Politiker schnell von Revolu-
tionären und im schlimmsten Fall von Terrorgruppen
eingenommen werden. Da ist ein Machtkampf auf
Dauer ehe kontraproduktiv. Auf beiden Seiten wür-
de es viele Tote geben. Der Staat soll endlich Farbe
bekennen und seine Bürger schützen. Ganz einfach,
durch eine gute Kommunikation. In unserem Kör-
per funktioniert es doch auch bei Abermilliarden von
Zellen. Jede Zelle hat ihre Funktion, ob Leber-, Nie-
ren-, Herz-, Gehirn- oder Hautzelle. Bei Angriff wird
sofort Alarm geschlagen und das Nötige zum Wohle
des Körpers, der Seele und des Geistes unternommen.
Das alles kann nur dann funktionieren, wenn sich ein
gesunder Geist in einem gesunden Körper entwickeln
kann. Das heißt, wenn der Staat als Körper fungiert,
kann der Geist, der die Bevölkerung darstellt, zufrie-

                           346
den sein. Das bedeutet, beide gehören zusammen und
sind unzertrennlich.“
„Du hast recht, nur bringt es uns viel Ärger ein.“ Sie
verschwand wieder nach oben.
Typisch Frau, dachte ich. Aber da steckte ein Körnchen
Wahrheit drin.

Ich wollte bei der EU-Klimakonferenz nicht alleine
antreten. Guiglelmo und Tommaso sollten mich be-
gleiten, während León nicht teilnehmen konnte oder
wollte.
Ich arbeitete mit Hochdruck an meinem WWP-Pro-
jekt.
„Jeff, bist du zu Hause?“
Ich gab den Befehl, mich per Videoschaltung zu ver-
binden: „Schaltung annehmen.“ Sofort konnte ich
Antonias Gesicht übergroß am Schirm bewundern.
Ich empfand wieder eine tiefe Zuneigung.
„Ja, wo brennt’s?“, fragte ich.
„Ich komme gerade aus der Reha. Du, er hat seine
ersten Wörter gesprochen. Er lässt grüßen und will so
bald wie möglich eine Aufschaltung mit dir haben.“
„Freut mich, grüß ihn herzlich von mir und sag ihm,
dass ich mit Teresa am Samstag zu euch komme.“
Sie konnte die Freude über diese Nachricht nicht
unterdrücken und Tränen liefen über ihre Wangen.
„Jeff, ich freu mich so! Es ist nicht einfach für Jan, aber
für mich ist es auch nicht leicht. Ich reserviere einen
Tisch, vielleicht darf Jan dabei sein! Okay?“
„Sehr gerne!“, gab ich zurück.
„Aber was ich dich noch fragen wollte: Ich hab von
Guiglelmo gehört, dass du in Brüssel vorsprechen
musst, und wollte nachfragen, ob du eine Sekretärin
brauchst?“

                           347
Ich war ein bisschen überrascht und wollte ablenken,
ließ sie aber weiter sprechen.
„Du musst wissen, ich unterstütze dein Projekt. Es ist
eine Schande, wie die Menschheit auf diesem Plane-
ten behandelt und ausgebeutet wird. Ein wahrer Alb-
traum.“
„Es ist einfacher, jemanden zu betrügen, als ihn vor
der Gefahr zu warnen“, erwiderte ich.
„Wir werden diese VISION per Schneeballeffekt ins
Rollen bringen. Deswegen will ich dich als Sekretärin
unterstützen.“
„Gut, was ist denn mit Jan?“
„Ich kann ihm bei euch in der Nähe eine Wohnung
und einen Therapieplatz suchen. Die Sekretärin muss
ja nicht überall mitgehen. Ich wollte dir nur die Tele-
fongespräche und den Kleinkram vom Halse halten“,
versuchte sie mich zu überzeugen.
„Also gut, dann aber schnell, sagen wir morgen
früh!“
Sie lachte und freute sich wie ein kleines Kind.
„Du, ich hab bereits eine Wohnung in Aussicht, etwa
zehn Minuten Autofahrt von euch. Ich versuch Jan in
Köln unterzubringen oder fahr ihn täglich zur Thera-
pie dorthin.“
„Ich möchte mich bedanken, du bekommst einen
Kuss, wenn wir uns wieder sehen. Ich muss Schluss
machen. Melde mich, sobald ich Neuigkeiten habe.“
„Ciao, ciao!“
„Ciao, Antonia!“ Ich beendete die Schaltung mit den
Worten: „Trennen.“ Ich musste an sie denken. Als jun-
ges Ding war sie zugeschnürter gewesen. Ich hatte da
eine Idee, aber wollte sie erst mit Teresa besprechen.

Guiglelmo und Fiona waren auf dem Flughafen Köln/

                         348
Bonn angekommen. Ich ließ beide von unseren Leu-
ten abholen. Wir wollten gut für unsere Rede vor-
bereitet sein. Gleichzeitig trafen Tommaso und Serena
mit den Kindern bei uns ein. Fast hätte ich vergessen,
ihnen die gute Nachricht zu erzählen, dass Jan und
Antonia für unbefristete Zeit bei uns wohnen wür-
den.
Ich hatte unsere Anliegerwohnung einrichten lassen.
So bekam Jan die nötige Ruhe und wir waren trotz-
dem alle beisammen. Antonia, die vor Freude nicht zu
bändigen war, hielt sich ständig in meiner Nähe auf,
was mir schmeichelte, aber Teresa irritierte. Irgend-
wie spürte sie, dass Antonia etwas für mich alten Esel
empfand. Ich hatte mir geschworen, ihr nie Avancen
zu machen und auch keine zuzulassen, allein schon
wegen Teresa und Jan. Antonia und ich wussten, dass
wir bei der Arbeit ein gutes Gespann abgaben. Na gut,
es wurde allmählich etwas eng bei uns, bei den vielen
Leuten, die zurzeit bei uns verweilten. Gut, dass Mar-
cella bis auf Weiteres nicht zu Hause war.
Abends saßen wir gemeinsam am Tisch und sprachen
über vergangene Zeiten. Jan war mit von der Partie.
Man sah ihm an, dass er sich anstrengte, die Lage zu
erfassen. Nur langsam kam die Erinnerung zurück.
Er wiederholte immer dieselben Fragen, da er sehr
schnell vergaß, was wir gerade geredet hatten.
Ständig zischte er: „Scheiß Russen! Scheiß Russen!“
Tommaso musste ihn fortwährend beruhigen, denn
er wandte sich immer an ihn. Vieles schien ihm ent-
schwunden zu sein. Wir hofften alle, dass er bald wie-
der gesund wurde.
Fiona begleitete Teresa und half ihr in der Küche. Sie
war halt eine Italienerin und achtete immer darauf,
dass das Essen nur aus natürlichen Lebensmitteln be-

                         349
stand und keine manipulierten Substanzen enthielt.
Gut für uns alle.
„Fiona, du denkst nur ans Essen“, bemerkte ich.
„Eh, da quando mio marito e invecchiato non o altro.“
Was soviel hieß wie: Seit mein Mann ein alter Knacker
ist, bleibt mir nichts anderes. „Vero, amore?“ Nicht wahr,
mein Schatz. Alle lachten und sie verschwand wieder
in der Küche.
Es war schön, alle wieder beisammen zu haben. Aller-
dings hatten wir wenig Zeit, da wir in den nächsten
vier Tagen die Planung und Vorgehensweise genau ab-
stimmen mussten. Es war nicht leicht.Wir saßen zwölf
Stunden am Stück im Büro, bis irgendwann die Da-
men uns mit dem Ruf aus der Küche „Essen ist fer-
tig“ wieder auf den Boden der Tatsachen holten. Und
sofort danach ging es weiter.
Gerade hatte ich mich verabschiedet, um zu Bett zu
gehen, als an der Tür jemand die Klingel betätigte.
Ich schaute auf den Monitor. Die Kameras waren auf
Wunsch der Ordnungshüter installiert worden. Ich
konnte drei maskierte Männer erkennen, die versuch-
ten, mir etwas zu sagen. Nachdem ich die Audiofunk-
tion eingeschaltet hatte, konnte ich einen von ihnen
hören.
„Wenn du Scheißkerl das Tor nicht aufmachst, lassen
wir einen Sprengsatz hochgehen. Lass uns sofort rein,
wir wollen mit dir reden, jetzt und ohne Ordnungs-
hüter! Erspar dir den Ärger. Wir sind bereit, die Bude
in Schutt und Asche zu legen, du Arschloch. Aber wir
können auch vernünftig miteinander reden. Also, es
liegt an dir.“
Hinter mir tauchte auf einmal Tommaso auf. Er flüs-
terte: „Was ist los?“
„Keine Ahnung, da stehen drei Typen und wollen das

                           350
Haus in die Luft jagen, wenn wir sie nicht reinlas-
sen.“
„Also wird’s bald? Ich zähle bis fünf, dann könnt ihr
selber sehen, was passiert. Siehst du, was da hinter uns
steht?“
Ich lenkte das Zoom der einen Kamera in die Rich-
tung, die er anzeigte, und konnte schemenhaft ein
Fahrzeug ausmachen.
„Mensch, das ist ja ein Panzer!“, musste ich mit Ent-
setzen zur Kenntnis nehmen. Wo kommt der denn auf
einmal her?
„Na siehst du, also aufmachen!“, kam die Stimme
wieder. „Du brauchst die anderen nicht zu wecken,
wenn du nicht aufmachen willst. Dann merken sie
auch nicht, wie sie zu deinem Gott kommen, du Voll-
idiot. Zum letzten Mal! Ich fang an zu zählen: eins,
zwei … du entscheidest … drei …“
Wo sind bloß die zwei Bodyguards abgeblieben, die sich
beim Tor abwechselten, ging mir durch den Kopf, und der
Chauffeur?
Ich drückte auf den Knopf und das Tor schob sich
langsam auf.
„Guter Junge, mach das Tor ganz auf, damit unser
Baby etwas näher rankommen kann.“ Er zeigte in die
Richtung des Panzers.
Ich hörte, wie er in ein Handy sprach. Es schien mir,
als erteilte er Befehle in russischer Sprache, die ich
nicht verstehen konnte. Der Panzer fuhr an. Tomma-
so und ich verfolgten das Manöver auf dem Monitor.
Das Rohr war exakt auf unser Haus gerichtet. Er blieb
genau zwischen Tor und Straße stehen, sodass das Tor
nicht wieder geschlossen werden konnte.
„Kein Licht, bitte! Das könnte vom Panzer falsch ver-
standen werden. Du tust jetzt genau das, was ich dir

                          351
sage, verstanden!“, fuhr die Stimme fort.
„Warum schießt ihr nicht, dann haben wir es hinter
uns“, versuchte ich ihn etwas aus der Reserve zu lo-
cken.
„Dein Großmaul stopf ich dir gleich, mein Freund!
Mal sehen, ob du dann noch so große Töne spuckst
wie bei der UN“, kam die Stimme rüber. „So, jetzt
machst du schön die Tür auf! Jede verdächtige Bewe-
gung sehe ich als Widerstand an und ich betätige den
Knopf zum Schießen. Auch wenn wir drinnen sind,
denn unser Leben ist uns einen Scheißdreck wert.
Hast du kapiert? Gib Antwort!“
„Ja“, war das Einzige, was ich herausbekam.
Tommaso ging zur Tür und öffnete sie.
„Hände oben!“ Zwei Leute standen im Haus. Woher
sie kamen, konnte ich nicht verstehen. Sie haben uns
die ganze Zeit beobachtet und gewartet, bis wir zu Bett
wollten, schoss mir durch den Kopf, und draußen an
der Hauswand gestanden. Aber was wollten die von uns
oder hauptsächlich von mir?
Schnell kamen zwei andere Männer herbei, von denen
einer mit seinem Knüppel mit einem unerwarteten
Ruck auf meinen Arm schlug, den ich reflexartig ver-
teidigend angehoben hatte.
„Du Scheißkerl, wo sind die anderen?“
Die Frauen fingen drinnen an zu schreien.
„Jeff … aah, aah, lass mich los, du Widerling“, klang
die durchdringende Stimme von Teresa.
„Alle zuhören!“, befahl der Mann mit dem Baseball-
schläger. „Hört auf zu schreien!“, donnerte die Stim-
me nochmals ermahnend. „So ist es brav.“
Es herrschte Totenstille, die Kinder waren glücklicher-
weise nicht aufgewacht, aber das konnte sich noch än-
dern. Wir standen da in Pyjama und Morgenmantel,

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Tommaso in Shorts und Hemdchen. Schön sahen wir
vor diesen Gangstern nicht gerade aus. Die Russen,
schoss es mir wieder durch den Kopf. Die Medphar-
ma AG hatte noch nicht lockergelassen. Und tatsäch-
lich.
„Wir haben noch nicht vergessen, wie du im Werk
mit uns umgesprungen bist, aber jetzt sind wir an der
Reihe. Du hast nur eine Chance: hier und jetzt die
Anlagenpapiere zu hinterlegen. Lange haben wir auf
diesen Tag gewartet. Entweder bekommen wir die
Unterlagen oder du kannst mit deiner Sippschaft das
andere Leben antreten. Dies soll ja ewig sein, wie ich
hörte… Und die anderen werden denken, ihr wärt
wegen deiner wahnsinnigen Idee, die Welt zu verän-
dern, von Industriebonzen umgebracht worden. So,
genug der Reden. Jetzt will ich nur das, wofür ich
gekommen bin, Brink!“
„Aber die Unterlagen befinden sich nicht im Haus“,
versuchte ich ihnen klarzumachen. Was auch stimm-
te.
Sofort trat er näher, um noch einmal zuzuschlagen, als
Tommaso dazwischenschritt.
„Ist gut, du bekommst alles. Hör auf, Wehrlose zu
schlagen!“

„Der Herr Sohn. Spielt den Helden. Hier – das ist für
dich!“ Er schlug Tommaso voll ins Gesicht. Die Platz-
wunde über dem linken Auge blutete stark.
„Ihr Feiglinge, das gefällt euch, uns zu schikanieren.
Bringt uns um, wenn ihr wollt, so bekommt ihr nichts,
gar nichts!“, schrie ich dem maskierten Anführer wü-
tend ins Gesicht, woraufhin er mir einen Schlag in
den Magen verpasste, dass ich vor Schmerzen in die
Knie ging. „Du Bastard, wer schickt dich, können

                         353
die Herren nicht selber kommen? Du bist ja nur der
Handlanger. Sag ihnen, dass sie sich jederzeit bei mir
melden können. Meine Sekretärin gibt ihnen irgend-
wann einen Termin, je nachdem, worum es sich han-
delt“, zischte ich frech. „Aber sie lassen die Drecks-
arbeit lieber von solchen Typen wie euch erledigen.“
Ich richtete mich schmerzvoll wieder auf.
Dem Anführer war diese Verächtlichkeit gegenüber
seiner Person unangenehm und er fauchte seine Leu-
te an. „Was glotzt ihr so blöd, durchsucht alles, macht
aus allem Kleinholz, und dann brennen wir die Bude
nieder!“
„Damit kannst du aber nicht bei deinem Chef an-
kommen: Wir haben alles kurz und klein geschlagen!“,
versuchte ich sie zu reizen.
Er raste vor Wut. „Leute, macht, was ich euch ge-
sagt habe! Um dich kümmere ich mich persönlich“,
wandte er sich an mich. „Los, du blöder Hund! Du
gehst mit!“ Er packte mich beim Arm und stieß mich
Richtung Türausgang. „Tjerno, du kommst mit und
behältst ihn im Auge! Eine falsche Bewegung und du
knallst ihn ab, verstanden!“

Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Tom-
maso Tjernos Arm griff und ihm die Waffe entriss.
Sie fiel auf den Boden. Tommaso konnte sie als Erster
erreichen, hob sie auf und trat seinem überraschten
Gegner mit dem rechten Fuß zwischen die Beine. Er
krümmte sich vor Schmerz und rang nach Luft.
Tommaso stand da, die Waffe auf den Anführer ge-
richtet, und schrie: „Lass den Knüppel fallen, sonst
fällst du!“
Einen Augenblick schaute er verdutzt in den Lauf der
Waffe. „Du Idiot, hab ich nicht gesagt, dass mir mein

                         354
Leben einen Dreck wert ist?“ Er wollte zu irgendet-
was in seiner Hosentasche greifen, als ein Schuss aus
Tommasos Pistole losging und seinen Kopf traf. Er fiel
um wie ein gefällter Baum.
Sofort drehte sich Tommaso zu den anderen um und
zögerte nicht, einem der anderen ins Bein zu schie-
ßen. „Wer sich rührt, wird erschossen!“
Keiner traute sich, etwas zu tun. Guiglelmo, der bis
zu diesem Augenblick wie erstarrt dagestanden hat-
te, kam in Bewegung und nahm den anderen zwei
Männern die Waffen aus der Hand, die dies zuließen,
ohne sich zu wehren. Ich nahm dem Verletzten eben-
falls vorsichtig die Waffe weg, ehe ich mit dem Fuß
die Waffe des erschossenen Anführers weit in den Flur
hineinstieß.
„So, meine Herren, wer sich traut, kann jetzt sein
Todesurteil aussprechen. Teresa, ruf die Ordnungshü-
ter!“
Die Spannung wollte nicht weichen, da der Panzer
noch draußen in Position stand. Ich ging zu einem
der Männer.

„Sag deinem Freund draußen, dass er rückwärts das
Tor freimachen soll, sonst knallen wir euch alle ab.“
Er sah mir an, dass ich Ernst machen würde, dennoch
wollte er sich nicht ganz ohne Gegenwehr ergeben.
Er sagte etwas auf Russisch, was wir nicht verstan-
den. Nur Antonia verstand die Sprache ein wenig. Sie
stand da wie angewurzelt und stammelte.
„Du kannst ihn ja selber darum bitten, hat er ge-
sagt.“
Ich nahm das Handy aus seiner Hemdtasche, damit
er nicht auf dumme Gedanken kam und einen Be-
fehl zum Panzer schickte, drehte mich zu Teresa und

                         355
Serena und sagte: „Dann machen wir es anders.“ Ich
sprach die nächsten Sätze auf Französisch. Ich wusste,
dass Teresa und Guiglelmo mich verstehen würden.
„Prenez les enfants, nous allons sortir par la porte du
jardin. Teresa, dehors tu téléphones aux gardes de la
ville! Allez, vite, moi et Tommaso nous nous occupons
des mecs. Nous vous suivrons dans quelques instants!
Attendez-nous derrière, auprès de la rivière.T’as com-
pris?“ Ich hatte Anweisung gegeben, die Kinder zu
holen und uns durch die Hintertür zum Garten zu
entfernen. „Tommaso, va chercher une corde dans le
débarras en dessous de l’escalier. On va en faire des
beaux paquets!“ Ich wollte die Gauner fesseln, damit
wir uns davonmachen konnten. Die Ordnungshüter
würden sich schon um sie kümmern. Schlimmsten-
falls würde der Panzer einen Schuss abgeben und die
Sache wäre somit erledigt. Wir mussten uns beeilen.
Als sie alle gefesselt am Boden lagen, taten sie mir
leid, aber ich wollte nichts riskieren. Die Ordnungs-
hüter würden in einigen Minuten da sein. Ich lief
mit Tommaso in den Garten zum Gartenhäuschen,
als wir einen ungeheuren Knall hörten und vor dem
Haus ein riesiger Feuerball emporstieg. Gleichzeitig
flog Schutt durch die Luft. Wir schrien alle auf, ließen
uns zu Boden fallen oder verschanzten uns unter dem
Gartentisch.
Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Die Kinder
weinten, die Frauen schrien vor Angst. Wir lagen ge-
duckt auf dem Boden.
„Nicht bewegen, nicht dass er noch einen Schuss ab-
feuert“, rief ich ihnen zu.
Alles blieb ruhig. In der Ferne näherten sich mit heu-
lenden Sirenen mehrere Fahrzeuge der Ordnungshü-
ter und Feuerwehr. Wir hörten auch, wie der Panzer-

                          356
wagen heranrückte. Oh Gott, dachte ich, der will quer
durchs Haus zu uns gelangen. Der Typ hatte recht, es war
ein Selbstmordkommando, was mir erst jetzt bewusst
wurde.
„Schnell weg hier! Zum Gartentor und nichts wie
weg!“, rief ich den anderen zu. „Diese verrückte Ban-
de macht vor nichts halt!“
„Wir müssen Jan aus dem Nebengebäude holen“, rief
Antonia in den Lärm hinein.
„Antonia, dazu ist jetzt keine Zeit“, rief ich ihr zu.
„Nein, ich lass ihn nicht allein!“
„Du gehst nirgendwo hin, schnell, wir müssen weg!“,
befahl ich ihr. „Sie vermuten ihn da nicht“, versuchte
ich Antonia zu erklären.
Fiona und Serena griffen sich die beiden Kinder, und
Teresa hielt das Gartentor auf, das zum Bach führte.
Ein kleiner Weg führte hinter den Häusern entlang.
Wir hörten überall Schreie und sahen Lichter ange-
hen. Die Explosion hatte mehrere Fensterscheiben
in der Nachbarschaft zu Bruch gehen lassen. Überall
kamen die Nachbarn aus den Häusern und schrien
durcheinander.
„Was ist passiert?“
„Ich glaube, bei den Brinks ist die Gasleitung explo-
diert.“
Es konnte ja keiner ahnen, dass ein Panzer im Haus
wütete. Dann folgte eine weitere Detonation und das
Gartenhaus gab es nicht mehr.
Antonia kreischte: „Sie werden das Nebengebäude
genauso in die Luft sprengen!“
„Wir lassen ihn nicht im Stich“, sagte Tommaso ru-
hig.
„Wir warten ab, was noch passiert, und holen ihn
dann da raus“, versicherte ich Antonia.

                          357
Ich war wütend auf die Medpharma, aber auch auf
mich, da ich uns alle in eine gefährliche Situation ge-
bracht hatte. Ich hoffte, dass es gut ausgehen würde.
Wir mussten in ein Hotel umquartiert werden. Das
Haus war komplett verwüstet und viele Erinnerungen
mit ihm. Das Vertrauen auf eine bessere Zukunft war
wie weggeblasen. Übrig blieben nur Trauer, Entsetzen
und eine einzige Frage: „Warum tu ich mir und meinen
Lieben und Freunden das nur an?“
Jan wurde später in dieser Nacht von den Ordnungs-
hütern aus dem Nebengebäude befreit und von einem
Krankenwagen in unser neues Quartier gebracht. Er
hatte, den Umständen entsprechend, alles gut über-
standen.

Wir hatten in den letzten Tagen viel debattiert und
mit einigen Niederen gesprochen. Die meisten woll-
ten nicht mehr lange ihre Unterdrückung hinneh-
men.
„Wir sind doch kein Stück Vieh“, hatte mein Freund
Alonso gemeint.
Die Alten wurden im Stich gelassen, die jungen Leute
verfolgt und geächtet, weil sie nicht mit einem Chip
herumlaufen wollten. Die Welt lebte in Depression
und Verzweiflung. Viele vegetierten ohne Zukunfts-
perspektiven und warteten auf ein Licht am Ende des
Tunnels, das eines Tages kommen würde. Diese Hoff-
nung schweißte uns zusammen und gab uns die Kraft,
alles zu versuchen. Der Ehrgeiz und der Wille, etwas
Linderung in die vermeintlich aussichtslose Situation
zu bringen, hielten uns aufrecht.

An diesem Morgen sollten wir von unseren Anwälten
und vom Innenministerium erfahren, was an diesem

                         358
schicksalhaften Tag passiert war. Wie kam überhaupt
ein Panzer unbemerkt vor meine Haustür und wer
steckte dahinter? Was bezweckten sie mit meiner da-
maligen Arbeit, da ja bereits über fünftausend Anla-
gen gebaut worden waren und von der UN verwaltet
wurden? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
War es vielleicht nur Rache, oder steckte ein Interesse
dahinter, das Projekt auf profitablere Art zu nutzen?
In privaten Händen war es gewiss Milliarden wert.
Die UN hatte damals klare Verträge mit allen Län-
dern abgeschlossen. Es blieb noch viel zu tun, aber im
Großen und Ganzen lief es nach Wunsch, wie wir das
vorgesehen hatten.

Wir mussten alles tun, damit die Anlagen uns nicht
abhanden kamen und für eigennützige und erpresse-
rische Zwecke benutzt wurden. Tommaso wollte den
Drahtziehern auf die Spur kommen, während ich mich
voll und ganz mit Guiglelmo um die ersten Schritte
der WWP-Agenturen kümmern sollte. Da die WWP
wissentlich noch in den Kinderschuhen steckte, wa-
ren noch viele Gegenschläge bis hin zu Sabotage zu
erwarten. Obwohl die Frauen dagegen waren, muss-
ten sie einsehen, dass wir helfen mussten, wo wir nur
konnten, auch wenn wir manchmal haarscharf dem
Tod entgangen waren. Auf die Unterstützung von
Regierungsseite für den Schaden an unserem Haus
würden wir gewiss noch Jahre warten. Klar war nur,
dass es abgerissen werden musste und ein neues Ob-
jekt an seiner Stelle gebaut werden sollte. Ich hatte
jedoch meine Zweifel, ob wir jemals in dieses neue
Haus einziehen würden.Wir mussten nach einer neu-
en Bleibe suchen.
Trotz aller Nervosität blieb ich standhaft, da ich mor-

                         359
gen in Brüssel vorsprechen sollte. Wir hatten ein an-
nehmbares Programm vorzulegen. Es ermöglichte die
ersten einschneidenden Schritte in Wirtschaft und
Industrie. Ich konnte natürlich nichts an der Weltre-
gierung ändern. Aber wenn es sein musste, wollte ich
von Staat zu Staat reisen und mich anbieten, um die
Menschen und die Völker von unserem Vorhaben zu
überzeugen.

Die Konferenz des morgigen Tages fiel auf meinen
Geburtstag. Er möge mir Glück bringen, hoffte ich.




                         360
Die EU-Klimakonferenz

Erster Tag

Wir wurden zum Konferenzsaal geleitet. Auf den Flu-
ren herrschte reges und hektisches Durcheinander.
Antonia, Tommaso und Guiglelmo begleiteten mich.
Teresa, Fiona, Serena und die Kinder wollten später
am Tag anreisen. Wir hatten die uns angebotene Es-
korte abgelehnt, da wir nicht wie Privilegierte an-
reisen wollten.
Als wir den Saal betraten, verstummten die Stimmen,
und alles schaute in unsere Richtung. Ich erlaubte mir
ein freundliches Lächeln mit einem leichten Kopfni-
cken.
Sofort kam der EU-Präsident da Cunha auf mich zu
und rief die Pagen, die uns die Plätze zuweisen soll-
ten.
„Hallo, Herr Brink, ich freue mich, dass Sie gekom-
men sind, meine Dame, meine Herren.“ Er drückte
meine Hand fest. Fast überzeugend. „Ich wünsche mir
für Sie viel Erfolg. Und noch etwas: Es gibt Neuigkei-
ten den Überfall in Bonn betreffend. – Wollen Sie mir
die schöne Dame nicht vorstellen?“ lenkte er ab.
„Ja, das ist Miss Stevenson, meine Sekretärin. Die Her-
ren kennen Sie ja bereits.“
„Einen wunderschönen guten Morgen Ihnen allen!
So, ich lass Sie zu Ihren Plätzen begleiten“, bemüh-
te er sich äußerst freundlich zu wirken. „Ich komme
nachher auf einen Sprung vorbei, um einige Dinge
abzustimmen.“
„Ich hätte auch noch ein paar Fragen zu der chinesi-
schen und der russischen Haltung.“
„Gut.“ Er verschwand in der Menge.

                         361
Der EU-Präsident eröffnete den Gipfel zum 25. Jah-
restag der Klimakonferenz: „Sehr verehrte Damen
und Herren Delegierten. Ich möchte mich in dieser
Ansprache kurz fassen, da in den nächsten drei Tagen
hier bei uns in der europäischen Hauptstadt noch viel
Arbeit auf uns wartet. Ich heiße jeden willkommen
und wünsche einen angenehmen Aufenthalt.“
Applaus hallte durch den Saal. Es war schon spannend,
denn wir wollten diese drei Tage mit einer realisti-
schen Definition der Lage und Handlungsanweisun-
gen beenden und nicht mit einem Stück Papier, das
nur Erklärungen und heiße Luft enthielt.
„Ich möchte das Wort an unseren UN-Generalsekre-
tär weitergeben.“
„Danke.“ Er schaute zu mir herüber und fuhr fort.
„Meine sehr geschätzten Damen und Herren! Ich
wäre untröstlich, wenn wir ohne Erfolg aus diesem
Gipfel herauskommen würden. Und ich möchte auch
nicht drängeln oder eigene Ziele verfolgen. Aber dies
ist kein normaler Gipfel. Er darf nicht scheitern. Um
der Menschheit willen.
Wie wir von allen Erdteilen wissen, hat sich die Lage
in den letzten fünf Jahren um ein Mehrfaches ver-
schlechtert. Was die sozialen Fragen betrifft, sind wir
noch nicht weitergekommen; das Klima ist zusehends
unberechenbarer geworden; die natürlichen Ressour-
cen sind quasi am Ende. Der WWF hat einen nieder-
schmetternden Bericht in dieser Konferenz vorzutra-
gen. Ich will dem nicht vorgreifen, aber eines steht
jetzt schon fest: Der World Wide Fund for Nature
zeigt großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit
der WWP, da er hierin die einzige Möglichkeit sieht,
die unwiederbringliche Zerstörung unserer wichtigs-
ten Ressourcen zu verhindern. Ich appelliere an all

                         362
diejenigen, die uns unterstützen wollen, nicht zu zau-
dern, sondern Taten folgen zu lassen. Ich appelliere an
alle finanzkräftigen Konzerne und Menschen dieser
Erde, endlich Vernunft walten zu lassen und nicht nur
ihre egoistischen Ziele und Interessen zu verfolgen.
Sie müssen wissen, meine Damen und Herren, wir
haben zurzeit weltweit mehr als fünfzig Länder, die in
Kriege,Terror und Untergrundkämpfe verstrickt sind,
die vielen persönlichen Schicksale und bürgerkriegs-
ähnlichen Zustände in den meisten Ländern nicht
mitgezählt. Unmöglich, dies alles unter einen Hut
zu bringen, werden Sie sagen. Aber glauben Sie mir,
wenn wir immer noch nationalistisch denken, können
wir uns die Zeit sparen und nach Hause fahren. Aber
dann gnade uns Gott. Wir wollen, wir müssen alles
tun, um unseren Planeten wieder auf Vordermann zu
bringen.“
Ein riesiger Applaus brandete auf.
„Ich habe hierzu alle eingeladen, die einen Plan, eine
Idee oder ein Programm vorzubringen haben, um den
Abermilliarden von Menschen ein menschenwürdi-
ges Dasein zu ermöglichen. Jeder sollte mitwirken
an diesem Traum für uns und unsere Kinder, in allen
Schichten und Kontinenten dieser Erde.
In dieser globalen Welt sollte auch ein globales Ge-
wissen und Solidarität geboren werden. Wir können
die Augen nicht mehr verschließen, sondern müssen
uns um unsere Schwestern und Brüder kümmern. Es
kann nicht sein, dass unser Leben von einer dünnen
Hautschicht abhängt oder vom Glück, am rechten
Ort und zur rechten Zeit geboren zu sein! Es kann
nicht sein, dass uns außer unserem eigenen Leben alles
andere nichts mehr angeht. Hören wir auf, uns etwas
vorzumachen und kommen wir zum Wesentlichen.

                         363
Wir alle tragen die Schuld an den globalen Missstän-
den, daher steht es mir auch nicht zu, mit dem Finger
auf Sie zu zeigen. Aber wir müssen endlich zu Lösun-
gen kommen. Denn was wollen wir unseren Kindern
sagen, wenn sie uns fragen: „Was habt ihr mit der Erde
gemacht?“
Ich bitte Sie alle, in den nächsten Tagen die richtigen
Entscheidungen zu fällen – für den Frieden auf der
Erde. Vielen Dank. Gott soll uns führen!“ Die Hände
gegen den Himmel gerichtet beendete er seine Rede.

Überraschenderweise waren viele außerhalb der
europäischen Staatengemeinschaft angereist. Themen
unter anderem: die komplette Gletscherschmelze in
den Alpen, dem Zentralmassiv und den Pyrenäen;
das Vegetationsaussterben; die besondere Sommer-
hitze der letzten sieben Jahre und die katastrophalen
Überschwemmungen im Osten wie im Westen. Hol-
land und Deutschland waren als Anrainerstaaten der
Nordsee in besonderem Maße betroffen, da der Mee-
resspiegel in den letzten fünfzehn Jahren um einiges
gestiegen war, sodass viele Dämme und Schleusen
neu projektiert und realisiert werden mussten. Der
Europäischen Union fehlten die Gelder für innova-
tive Projekte. Die Budgets schienen nur noch dazu
da zu sein, zu retten, was noch zu retten war. Viele
Gebiete wurden im Ausnahmezustand mit Freiwil-
ligen und Militärhilfe über Monate einigermaßen
im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser gehalten.
Hierdurch waren Verarmung und Vandalismus gestie-
gen. Viele private Unternehmen mussten schließen,
da es hierfür keine Subventionen gab, im Gegensatz
zu öffentlichen Investitionen, die ohne Probleme mit
Steuergeldern finanziert wurden. Man konnte der

                         364
Lage kaum Herr werden. Die Unzufriedenheit brach-
te scharenweise Menschen auf die Straßen. Aufstände
und Proteste prägten die Tagesordnung. Viele hatten
in den letzten zehn Jahren ihr ganzes Hab und Gut
verloren. Der soziale Frieden war nur noch mit einem
Übermaß an Dialogen und Hilfsaktionen zu retten.
Die Freiheit der Menschen schrumpfte zusehends, da-
für waren die Kontrollen allgegenwärtig. Obwohl die
fossilen Brennstoffe seit drei Jahren rationiert waren,
galt das nicht für die Obrigkeit.
Aber das Schlimmste stand uns noch bevor. Die Mel-
dungen sprachen immer öfter von verseuchtem Trink-
wasser. Dabei hatte man es in der Vergangenheit noch
gerade so geschafft, viele diesbezügliche Auseinan-
dersetzungen im letzten Moment zu verhindern. Die
Energiekonzerne machten mit der Wasserversorgung
zurzeit noch bessere Geschäfte als mit Heizöl und
Benzin; das Wasser war an der Börse auf runde sechs-
hundert Euro pro Hektoliter gestiegen, und es schien
kein Ende in Sicht zu sein. Riesige Entsalzungsan-
lagen sollten die Preise etwas stabilisieren. Aber wer
hatte schon Interesse daran, weniger zu verdienen?
Das Geschäft mit dem Wasser boomte.
Fast alle mussten zugeben, dass es an uns selbst lag.
Doch die eher rationalen und ausschließlich finan-
ziellen Argumente überwogen bei den Reden. Alles
musste mit Geld abgewogen werden. Welche Kosten
würde dieses und jenes mit sich bringen – und zu gu-
ter Letzt passierte gar nichts.Wer zu spät kam oder die
finanziellen Mittel nicht aufbringen konnte, den bis-
sen die Hunde. Man wollte alles reduzieren, nur nicht
bei sich selbst. Keiner wollte auf den eigenen Komfort
und Lebensstil verzichten. Jeder gab dem anderen die
Schuld.

                         365
Der erste Tag verging wie im Fluge. Bis in die späten
Abendstunden, mit einigen Unterbrechungen, traten
unter anderem Venezuela, Mexiko, Indonesien und
Taiwan vor, um bei einer maximal viertelstündigen
Rede ihre Ansichten vorzutragen. Im Namen Tibets
sprach der Dalai Lama zu uns und rief seine Nation
auf, in diesen schweren Stunden für die Menschheit
zu beten.
Die Amerikaner hielten sich verdächtig zurück.
Aus all den verschiedenen Vorträgen trat ein wesent-
licher Punkt deutlich hervor: Die Ungerechtigkeit auf
unserem Planeten war Verursacher Nummer eins des
Misstrauens unter den Menschen. Globalisierung ja,
aber eine gerechtere Verteilung des Wohlstands, war
immer wieder zu hören.

Zweiter Tag

Die Überraschung war groß, als ich feststellen musste,
dass Gloden, mein Erzrivale, die Delegation der Rus-
sen anführte. Ich hatte seit Jahren nichts von der Med-
pharma AG gehört, die ganz in den Besitz Russlands
übergegangen war.
Solche kriminellen Elemente waren auf diese Kon-
ferenz eingeladen? Das machte mich wütend, zumal
ich erst vor ein paar Tagen mein Heim verloren hat-
te. Solche Leute hier auf dem Gipfel herumspazieren
zu sehen konnte ich nicht ertragen. War das die gute
Nachricht, von der der EU-Präsident gesprochen
hatte? Ach ja, er hatte sich auch gestern nicht mehr
bei uns blicken lassen. Er wollte sicher meine heuti-
ge Rede abwarten und dann Stellung nehmen. Man
konnte keinem trauen, und es war in diesem Moment
auch gut, ein wenig Skepsis aufkommen zu lassen, et-

                         366
was Selbstkritik tat der Sache gut. Ich beriet mich mit
meinem Stab, und wir waren der Meinung, nicht so-
fort alle Karten auf den Tisch zu legen. Aber wie sollte
dies funktionieren?
Wir wollten doch allen reinen Wein in punkto WWP
einschenken, damit jeder unser Programm kennen-
lernte und verstand. Ich musste mir eingestehen, all
diese Gegenschläge schienen nun doch ihre Wirkung
zu zeigen.
Die Amerikaner gestanden ein, in der Vergangenheit
Fehler begangen zu haben, und versprachen Besse-
rung. Wie schön. Doch sie schlugen sich offensicht-
lich mit anderen Problemen herum und konnten kein
konkretes Konzept vorlegen. Die Großaktionäre und
Kapitalbonzen hatten die Politik fest im Griff.
Die Chinesen dagegen wollten nach jahrelangen Ent-
behrungen nicht mitmachen, weil sie nicht wieder
der Dritten Welt angehören wollten. Das betraf fast
zwei Milliarden Menschen, die mittlerweile neben
den Russen pro Kopf am meisten konsumierten und
investierten. Sie hatten die Europäer und Amerikaner
längst überholt. Dabei wussten sie von den negativen
Konsequenzen unserer Wirtschaftsstrukturen.
Hier ging es darum, endlich neue Impulse zu setzen
und die Leute zu überzeugen, dass dies nicht alles war.
Der Papst, wie auch andere Religionshüter und Ober-
hirten, sollte mit gutem Beispiel vorangehen und sich
das Zitat aus der Bibel zu Herzen nehmen, als Jesus
zu den Geschäftsleuten sagte, sie sollten alles stehen
und liegen lassen und ihm in das Haus seines Vaters
folgen. Die Kirchen sollten quasi als Vorbild all ihre
Besitztümer zurückgeben, da sie die Reichtümer die-
ser Welt nicht brauchten, denn das Reich Gottes war
nicht von dieser konsumsüchtigen Welt. Der Papst

                          367
sollte den Ring ablegen und uns in Gottes Himmel-
reich führen. Aber vor lauter Pomp und Bewachung
konnte man ihn nur per Audienz oder gelegentlich
auf dem Balkon hinter gepanzertem Glas bewundern.
Ich wollte ihm gerne in die Augen schauen, um he-
rauszufinden, wie er sich eine bessere Welt vorstellte.
Nicht mit Abschottung, die Missstände fern von sich
haltend, Augen und Ohren schließend. Eine solche
Heuchelei musste ein für alle Mal unterbleiben. Ge-
nauso verhielt es sich mit den Königshäusern und den
anderen Mächtigen.
Die Uhr tickte und der Countdown war in vollem
Gang. Bei meinem Vortrag wollte ich versuchen, die
WWP zu illustrieren. Ich wollte keine Revolution
entfachen, nicht als Aufrührer, sondern als ein Mensch,
der erkannt hatte, dass keinem geholfen war, solange
das Geld den Lauf der Welt bestimmte. Die Menschen
und ihre Nachkommen brauchten eine neue Stabili-
tät. Ich wollte jedoch nicht nur das Kapital entwaffnen,
sondern auch die Atomwaffen und alle anderen Waf-
fenarsenale von der Erde tilgen, im Sinne Gottes und
der Nächstenliebe. Mit Fakten wollte ich die Mächti-
gen dieser Erde, als die Verantwortlichen, überzeugen,
mit mehr Achtung für das Leben des Einzelnen zu
handeln und etwas gegen die Missstände zu tun, um
die neue Ära des dritten Millenniums einzuläuten. Mit
mehr Gerechtigkeit konnte man die unüberwindbare
Mauer niederreißen und den unüberwindbaren Gra-
ben bewältigen. Es musste uns gelingen, ein wirklich
menschenwürdiges Dasein für den Einzelnen und die
Natur anzustreben.
Das waren die letzten Gedanken vor meinem Auftritt
bei diesem Gipfel, der in meinen Augen nicht mehr
einfach nur als „Klimakonferenz“ betitelt werden

                          368
konnte. Er musste ein regelrechtes Erdbeben in den
Herzen der Menschen entfachen und als der größte
Kongress der menschlichen Geschichte in Erinnerung
bleiben. Er musste die Globalisierung der sozialwirt-
schaftlichen Reformen ins Leben rufen, rundum den
ganzen Erdball. Die Menschheit musste zusammen-
stehen und an erster Stelle der globalen Erderwär-
mung entgegentreten, womit die Fundamente für die
neue Zivilisation gelegt wären. Es musste eine gesun-
de Ökologie zur Stabilisierung des Klimas geschaffen
und die Wasserversorgung in Angriff genommen wer-
den, sodass jeder das Recht auf sauberes Trinkwasser
bekam. Die Verfassung und die Grundrechte des Men-
schen mussten im Einklang mit der Natur und nicht
von der Natur getrennt behandelt werden, denn wir
brauchten einander. Somit konnten sogar bis zu fünf-
undzwanzig Milliarden Menschen ihr Dasein teilen.
Nach den Begrüßungsworten kam ich sofort zur Sa-
che: „Ich möchte diesem Gipfel einen neuen Namen
geben, und zwar:

World Without Profit

„Nehmen wir einmal an, meine Damen und Her-
ren, wir würden dem Profit widerstehen und voll
und ganz auf effiziente Art versuchen, das allen zu-
gute Kommende ehrlich zu verteilen. Nehmen wir
an, wir würden die notwendigen Strukturänderungen
voll umsetzen. Auf diesen Fundamenten sollen die
Säulen des dritten Millenniums stehen. Wir und die
Natur brauchen einander. Die Natur würde uns mit
einer sauberen Umwelt belohnen und ein friedliches
Zusammenleben ermöglichen. Denn woher kommen
all diese Missstände und Kriege, die im Moment auf

                         369
der Welt herrschen beziehungsweise geführt werden?
Dadurch, dass nicht genug sauberes Wasser vorhanden
ist. Eine gerechtere Verteilung der Ressourcen kann
dies verhindern.
Demzufolge bleibt nur ein radikales Umdenken in al-
len Bereichen unseres Lebens. Das heißt aber nicht,
dass wieder neue Kriege entstehen sollen, was al-
lerdings nur dann geht, wenn alle, ohne Ausnahme,
dasselbe wollen. Oder sollen wir weiter Räuber und
Gendarm spielen, bis wir eines Besseren belehrt wer-
den?
Doch dann, meine Damen und Herren, könnte das
Szenario folgendermaßen aussehen: Unsere Welt wird
zerstört durch Dürre, Hunger, Kriege, Armut, Elend
und Wassermangel, unkontrollierbare Katastrophen
erstehen durch die Klimaerwärmung, und zum un-
guten Schluss folgt der atomare Untergang, wenn sich
einer der Mächtigen in die Enge getrieben fühlt.
Aber wie können wir dem entgegenwirken? Wir wis-
sen aus der Geschichte, ob unter Nero, Lenin, Mao,
Hitler, Saddam Hussein, Idi Amin und allen anderen,
die die Fäden wie Götter in der Hand hielten, dass
nichts dabei herausgekommen ist außer Elend, jah-
relanger Hass und Aufbegehren der Völker. Nun, in-
zwischen sind andere Elemente dazugekommen, die
uns bedrohen, wie die komplette Unterjochung der
Menschen, die fehlende Freiheit, Versklavung durch
das Kapital einiger weniger Finanzkonglomerate, die
ihre vielfältige Macht ausnutzen, machtbesessen alles
zu kontrollieren und die Globalisierung zu monopoli-
sieren. Sie spielen Monopoly mit den Erdteilen. We-
der der Staat noch die Politiker können diesen kom-
plizierten Konzernstrukturen beikommen, und somit
gerät das Ganze für viele außer Kontrolle. Niemand

                        370
kann die entscheidend Verantwortlichen ausmachen.
Also rollt lediglich ein Vorstandskopf, der obendrein
satte fünfzig Millionen Dollar Abfindung erhält, wenn
er seinen Hut nimmt, aber ändern tut sich nichts. Das
Roulettspiel geht weiter.
Die maßgeblichen Leute jedoch halten sich geschickt
im Hintergrund und lassen andere mit astronomi-
schen Gehältern ihre Ziele verfolgen, für mehr Profit
und Macht. Wo diese Großaktionäre überall ihre Fin-
ger im Spiel haben, wissen wir nicht.
Ich weiß, meine Damen und Herren, Sie mögen diese
Art von Reden nicht. Doch die Wahrheit muss in die-
sem – vielleicht letzten – Stadium der Weltgeschichte
bedingungslos ausgesprochen werden. Ich jedenfalls
lasse mir den Mund nicht verbieten oder mich be-
vormunden. Nur vollständige Transparenz kann noch
helfen.
Zum Wohle unserer Erde sollten drastische und kla-
re Entscheidungen getroffen und Gesetze neu ge-
schrieben werden. Alles, was direkt von Mutter Erde
kommt, gehört nun einmal ihr. Pflanzen, Tiere und
Menschen. Das heißt, die Natur soll so weit es geht
unangetastet bleiben, die Tierwelt ihre natürlichen
Lebensräume behalten und wir Menschen unsere
Umwelt respektieren. Unser Dasein liegt nicht in der
Hand einiger weniger. Es darf kein Entgelt für diese
Produkte gefordert oder Profit mit diesen Produkten
gemacht werden. Ein Beispiel: Auf Erdöl sollte kein
Eigentumsanspruch erhoben werden. Die natürlichen
Ressourcen gehören der gesamten Menschheit. Ferner
muss der Abbau der Rohstoffe planmäßiger durchge-
führt werden. Ab dem Moment des Entstehens, der
Entwicklung, der Produktion oder des Anbaus muss
für diese und die damit einhergehenden Tätigkeiten

                        371
ein entsprechendes Entgelt gezahlt werden, damit die
Gemeinschaft mit anderen Gemeinschaften Produk-
te austauschen und erwerben kann. Dazu gehören
Lebensmittel, wie Mais, Korn, Reis, Kartoffeln und
anderes Gemüse, Obst, Kaffee, Tee und dergleichen,
oder technologische Erzeugnisse, wie Computer,
Autos, Haushaltsartikel, Maschinen, Flugobjekte. Der
Mensch wird als Mitgestalter, Begleiter oder Teil-
nehmer an der Produktion eines Fabrikats oder als
Entwickler innovativer Projekte mit einem geringen
Anteil am Profit, zur Befriedigung eigener Bedürfnis-
se, einmalig belohnt. Er leistet einen Beitrag in Form
seiner Mitwirkung, was der Gemeinschaft wie dem
Einzelnen eine bessere Lebensgrundlage ermöglichen
soll. Der Mensch wird nicht als Lohnempfänger, nicht
als Selbstständiger, nicht als Nummer oder Arbeitstier
und nicht als Verbraucher oder Konsument in der Ge-
sellschaft angesehen, sondern als Teilhaber des Gesam-
ten. Dies soll zukünftig zu einer WWP zusammenge-
schweißt werden. Es darf nicht das Gefühl entstehen,
ausgebeutet zu werden oder sich als kleiner Mann im
Hamsterrad zu drehen.“
Auch wenn meine Zeit für die Rede bereits über-
schritten war, ließ man mich weitersprechen.
„Die Menschheit muss langsam mithilfe der UN auf
einen gemeinsamen Nenner kommen, um ein siche-
res und gesundes Zusammenleben zu erreichen. Mit
Mut, Geduld und Ausdauer ist das alles zu schaffen.
Viele Erfindungen sind wegen Unwirtschaftlichkeit in
irgendeiner Schublade gelandet. Etwa das Wasserauto
oder Glasmetall. Letzteres stellt ein unzerstörbares,
unverwüstliches Material dar, das nur eingeschmolzen
werden kann. Also warum nicht auf solche Produkte
setzen, die keinen materiellen Verschleiß haben und

                         372
für die nicht ständig neue Rohstoffe benötigt werden.
Lieber verkaufen wir beispielsweise einen kompletten
3in1-Printer für einen Dollar und die dazugehörigen
Tintenpatronen für fünfzig Dollar. Wir leben von der
Marktwirtschaft und nicht von der Sozialwirtschaft.
Ich gebe zu, es ist nicht einfach, diesen Weg einzu-
schlagen. Aber wollen wir unseren Kindern einmal
diese Welt vermachen? Sollen unsere Kinder in einer
Welt aufwachsen, die nur noch aus blankem Horror,
Terror, Fels und Sand besteht? Vielleicht werden sie
die Erde niemals richtig betreten können, weil sie
unter Glaspalästen leben müssen, da draußen alles zer-
stört oder radioaktiv verstrahlt ist. Es gibt genügend
Orte auf unserem Planeten, wo ganze Regionen ab-
gesperrt worden sind. Ich will diese Zustände keinem
zumuten. Sie vielleicht?“
Ich schaute mich um und musste feststellen, dass na-
türlich keiner auf diese rhetorische Frage antworten
wollte und alle gespannt darauf warteten, was noch
kam.
„Na gut. Wir können sofort mit der neuen Welt be-
ginnen, hier und jetzt, und Regeln entwerfen, wie
wir alle unsere Probleme mit weniger Umweltver-
schmutzung und weniger Gesetzen angehen können.
Denn die Zehn Gebote Gottes sollten normalerweise
ausreichen, wenn auf Profit verzichtet wird. So kann
jeder geben, bevor er etwas vom anderen nimmt. Wir
wollen den Bedürftigen und Armen dieser Welt die
Hilfe zukommen lassen, die sie benötigen, ohne Fra-
gen zu stellen oder etwas dafür zu verlangen, dazu
Wasser, Nahrung und Aufgaben bereitstellen, damit
sie selbstständig werden und auch ihresgleichen helfen
können. Ich glaube, diese VISION sollte als Chance
angesehen werden, die man ergreifen muss, bevor die

                         373
Nacht über den ganzen Planeten hereinbricht.
Selbstverständlich kann dies nicht heißen, dass wir in
einem Selbstbedienungsladen alles gratis bekommen.
Ganz im Gegenteil. Es werden Regeln aufgestellt, wie
die Aufgaben aufgeteilt und realisiert werden, zum
Wohle der Gemeinschaft. Für erbrachte Leistungen
gibt es jedoch kein Entgelt. Ich wäre mit der Idee von
David Dror einverstanden. Dieser VISIONÄR wollte
2004 mit nur zwei Dollar pro Jahr eine neue Form
von Gesundheitsabsicherung für die Armen einrich-
ten. Ich will hier noch weiter gehen und beanspruche
dies für alle Menschen auf dieser Erde, und zwar gra-
tis. Gandhi war damals ein prominenter Befürworter
und die UN ebenfalls.
Wo sind sie geblieben, unsere PIONIERE und VI-
SIONÄRE?
Obwohl wir uns spätestens 2012 über die Klimaer-
wärmung im Klaren waren, wurde zu wenig getan.
Stattdessen trieben uns weltliche Dinge an, wobei die
Marketing- und Werbemacher uns jede Menge inno-
vative Flausen in den Kopf setzten. Das Resultat ist
bekannt. Moral und Ethik gehören der Vergangenheit
an. Die Jugend glaubt uns nicht mehr, egal, was wir
anstellen. Alles wird mit Gewinn und Zahlen verbun-
den. Betrachten wir nur die Ölscheichs. Die OPEC
dreht am Ölhahn und diktiert die Preise. Mal mehr,
mal weniger. Einfach nach Belieben.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen Gedanken-
sprung.
Eine Art Elektromensch soll in den nächsten zehn
Jahren auf den Markt kommen. Er kann, gesteuert
durch elektronische Impulse im Gehirn, bestimmte
Handlungen ausführen und ständig sein Wissen ab-
rufen. Nur dann haben wir neben den Millionen von

                         374
Fahrzeugen auch noch Millionen von Bediensteten,
die wiederum Energie benötigen und unsere Erde
vollends überlaufen lassen. Doch es geht letztendlich
nur darum, ein globales Superhirn zu konstruieren,
das alles und jeden kontrolliert und uns sagt, was das
Gros der Menschen zu tun und zu lassen hat. Bequem
ist es, aber ob das die Lösung ist, mag ich bezweifeln.
Was danach kommt, will ich gar nicht erst erleben.
Ich glaube vielmehr, dass wir uns dadurch dieser schö-
nen und wundervollen Welt vollends entfremden. Die
Maschine Mensch darf einfach nicht unser Ziel sein,
damit später über den Homo sapiens nicht Folgendes
gesagt werden kann: Damals waren sie nur zweibeinige
Kreaturen, heute nach einigen hundert Jahren haben wir ih-
nen dank der Forschung der Stammzellen Flügel verliehen
und die Engel in unsere Mitte gebracht.“
Ich schaute im Saal nur in verdutzte und interessierte
Gesichter, die auf etwas zu warten schienen. Aber es
war alles gesagt.
„Ich will meine VISION in einem Prozess umsetzen,
in dem wir Menschen unsere eigene Vielfalt und die
Vielfalt der Natur so natürlich und jungfräulich er-
halten, wie sie uns von Gott gegeben wurde. Es sollen
die ersten Ansätze entstehen, damit die bereits be-
stehenden en, auch in der Marktwirtschaft, funktio-
nieren – mit denselben Mannschaften und demsel-
ben Wissen, nur halt ohne Profit oder mit geringem
Profit zur Belohnung für die Anstrengung und die
Qualität der Produkte. Einige Produkte und Diens-
te werden als überflüssig ausscheiden und wiederum
andere neu entstehen. Wir werden kein Kapital, keine
Kredite, Zinsen, Fonds,Wertpapiere oder sonst welche
Subventionen benötigen, sondern nur das Okay der
UN als Weltregulator des gesamten Planeten. Ohne

                           375
Pyramidenstruktur, aber als Plattform der Menschheit
mit all ihren Sorgen, Problemen, Verbesserungen und
Angeboten, die im Sinne Gottes zum Wetteifern mo-
tivieren sollen, ohne Neid und Missgunst.
Ich möchte Sie nicht langweilen mit Gott, aber was
können wir dem Werk unseres Herrn schon in dieser
Welt entgegensetzen, außer ein paar Flugobjekten, die
unsere Atmosphäre verschmutzen?
Meine Hochachtung gilt allen Pionieren und VISIO-
NÄREN, die einst über Einzelleistungen spätere ge-
meinschaftliche VISIONEN schafften.Visionen sollen
uns eine bessere und gerechtere Weltordnung brin-
gen. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn wir
die Gebote Gottes befolgen – nicht mit Kriegen und
Lügen, die unsere gesamte Umwelt zerstören, nicht
durch die vielen unnötigen Veränderungen und ernst-
haften Einschnitte in die Natur bis hin zu unserer
Selbstzerstörung. Gott hat uns seinen Sohn gesandt,
um uns den Weg zu zeigen. Jesus ist vielfach zitiert,
aber nicht erhört worden, da wir einen anderen Weg
gefunden zu haben glaubten, um unser Glück zu su-
chen“, schloss ich meine Rede. „Liebet und achtet ei-
nander“ ist meine Botschaft an die Welt. Vielen Dank
fürs Zuhören.“
Eine breite Zustimmung herrschte daraufhin im Saal,
gemessen am Applaus, was ich nach dieser Rede nicht
erwartet hätte. Ich war zufrieden und bekam von
überall Beifall. Einige klopften mir auf die Schulter, als
ich zu meinem Platz ging, wo Tommaso und Guiglel-
mo mich mit leuchtenden Augen und einem breiten
Lächeln empfingen. Sie schienen sehr zufrieden und
stolz zu sein.

Die Konferenz nahm ihren Lauf, und es wurden gute

                           376
Ideen erörtert. Unter anderem die Öffnung aller staat-
lichen Grenzen weltweit. Es wurde gemunkelt, dass
man noch zwei Tage an den Gipfel dranhängen wollte.
Das bedeutete, dass wir noch weit entfernt von einem
Kompromiss oder einer Vereinbarung waren, zumal bis
zum heutigen Abend kein erwähnenswertes Konzept
auch nur annährend betrachtet worden war. Das wie-
derum hieß, mein Entwurf war quasi vom Tisch. Ich
konnte dem praktisch nichts entgegensetzen, da dies
demokratisch beschlossen worden war. Mit blieb nur,
eine neue emotionsvollere Rede vor den Mitgliedern
der Weltorganisation vorzubringen. Ich hoffte, dass die
kommenden Tage etwas Neues bringen würden.
In Gedanken versunken spürte ich plötzlich die Hand
des UN-Generalsekretärs auf meiner Schulter, der
sich erkundigte: „Wo kann man hier gut essen gehen,
ohne viel zahlen zu müssen?“
„Wo immer Sie wollen, wenn Sie uns einladen“, ant-
wortete ich prompt auf seine scherzhafte Frage.
„Kein Problem, also Sie wählen und ich bezahle, vo-
rausgesetzt, meine Frau isst ihren Teller leer, einver-
standen?“, sagte er amüsiert.
„Gut, wer ist sonst noch mit von der Partie?“, wollte
ich neugierig wissen.
„Ich denke, ohne Ihre Freunde sind wir etwa zehn
Personen. Also es lohnt sich, ein gutes Restaurant aus-
zuwählen, da könnten Sie punkten. Bitte ein diskretes
Lokal ohne viel Schnickschnack, okay?“, gab er mir
einen letzten Hinweis und wollte sich verabschieden,
indem er sagte: „Denken Sie daran, es sind auch Leute
von der Presse dabei!“
„Wieso das?“
„Das werden Sie noch erfahren. Ciao, gnädige Frau“,
wandte er sich an Antonia, ehe er Tommaso und Gu-

                         377
iglelmo zunickte. „Meine Herren, bis zwanzig Uhr
dreißig heute Abend.“ Mit diesem letzten Satz ging
er weiter zu den vielen Gästen, die mit ihm noch das
eine oder andere besprechen wollten.
So war das in den Pausen. Ich musste mir wirklich
Gedanken machen über den Verlauf des heutigen
Abends. Und vor allem: Was sollte die Presse dort?

Ich suchte nach den Vorgaben ein Restaurant außer-
halb von Brüssel aus: ländlich einfach, wobei alles aus
eigener Produktion stammte.
Als wir gegen halb zwölf mit dem Abendessen fertig
waren, hatte die First Lady des UN-Generalsekretärs
tatsächlich alles schön brav aufgegessen. Ich konnte
mit meiner Wahl sehr zufrieden sein.
Die Schiebetür des hinteren Saals, wo wir diskret
unter uns gewesen waren, ging auf und einige Leute
mit Aufnahmeapparaten kamen herein. Der UN-Ge-
neralsekretär hatte einige Medienvertreter eingeladen,
um über die bisherigen Ergebnisse des Gipfels zu be-
richten.
„Ruhe bitte!“, erhob er sich und tickte mit einem
Messer gegen ein Champagnerglas, das vor ihm auf
dem Tisch stand. „Ich habe mit Ihrer Erlaubnis die
Herren von der Presse her gebeten, damit Sie einige
Fragen bezüglich des Gipfels beantwortet bekommen.
Aber zuerst möchte ich mich bei Herrn Brink für
die gelungene Auswahl des Restaurants bedanken.
Das Essen war sehr köstlich. Ferner möchte ich mich
herzlich bedanken bei allen, die der Einladung gefolgt
sind, und möchte die lieben Gäste bitten, den Medien
Ihren Eindruck der letzten beiden Tage zu schildern.
Darf ich bei einem Drink oder Kaffee dazu ins Foyer
bitten.“

                         378
Als wir zusammen in einem großen Halbkreis vor der
Presse standen ergriff der UN-Generalsekretär wie-
der das Wort: „Meine sehr verehrten Gäste, wie Sie
sehen, sind wir eine bunte Mischung von Diplomaten
aus China, Südafrika, Südamerika, Australien, Euro-
pa, Amerika und Israel. Wir haben viele Vorträge in
den letzten Tagen gehört und die Presse möchte ei-
nige Fragen dazu stellen. Sie müssen nicht antworten,
wenn Sie nicht wollen oder sich noch keine eigene
Meinung gebildet haben. So, ich überlasse Sie der
Presse.Vielen Dank!“ Er wandte sich an die Reporte-
rin von All In One Channel, AIO.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben
ein paar Fragen zusammengestellt, deren Antworten
draußen sehnsüchtig erwartet werden. Wir sind er-
staunt und bestürzt über die Vorkommnisse weltweit.
Erste Frage: Wie gedenken Sie, das ganze Ausmaß in
den Griff zu bekommen?“ Sie schaute uns an. „Ich
heiße Sabine Hermann. Sie dürfen mich duzen“, füg-
te sie noch hinzu.
Der Botschafter von Argentinien meldete sich zu
Wort. „Buenas tardes, señora Sabine. Ich kann nur
eins sagen:Wenn wir nicht sofort etwas unternehmen,
ist unser Planet verloren. Seit Jahren versuchen wir
in unserem Land, die Gesetze der Natur zu befolgen.
Wir haben sogar die Viehzucht gedrosselt, die für die
Ökonomie der argentinischen Bevölkerung wie auch
für den Welthandel lebenswichtig ist.
Wir konnten darüber hinaus den Tourismus und
unseren Verbrauch an fossilen Brennstoffen auf ein
Minimum reduzieren. Aber der Hunger der Städte an
Energie ist nicht zu bändigen. Die Anlagen von Herrn
Brink reichen nicht aus, um der Luftverschmutzung
Herr zu werden. Die Kriminalität und Verarmung sind

                        379
weiter gestiegen. Ganze Regionen sind von Waldster-
ben und Dürreperioden bedroht. Die restliche Ve-
getation ist nicht mehr fähig, den CO2-Ausstoß auf-
zunehmen. Dazu haben wir viele fremde Investoren
und Industrien, die täglich nach neuen Ressourcen
Ausschau halten. Die Korruption ist in jedem noch
so kleinen Business anzutreffen. Die Menschen sind
vielerorts verzweifelt, und die Gesundheitsfürsorge
kann nur noch mit extremem Aufwand aufrecht-
erhalten werden, da uns immer neue Viren zu schaffen
machen, die resistent sind und sich zu einer Pandemie
ausbreiten können. Wie damals in Indonesien. In letz-
ter Minute konnte dort eine Katastrophe verhindert
werden.
Fazit: Wir sind am Ende, wenn es so weitergeht. Die
Konzerne, die Banken, die Industrie und nicht zuletzt
die Armut erschweren es sehr, auf allen Fronten aktiv
zu sein oder Erfolge verbuchen zu können. Die Fi-
scherei ist ferner wegen der Übersäuerung der Meere
komplett unseren Händen entglitten. Lasst mich noch
einen letzten Satz hinzufügen: Schuld daran trägt das
Kapital. Zu viel Gewicht auf dieses Übel. Ich möchte
dies unterstreichen!“
„Haben wir denn zumindest Aussichten, das Ganze zu
stabilisieren?“, fragte Sabine.
Der südamerikanische Präsident für Energiefragen
ergriff das Wort: „Sehr schwierig zu sagen, da viele
schon angefangen haben, sich passiv zu verhalten, und
das kleine bisschen, das übrig bleibt, mit niemandem
teilen wollen. Ich denke, es ist vieles falsch gelaufen
in den letzten dreißig Jahren. Zuallererst wurde das
Ausmaß der Katastrophe bewusst verharmlost und
zum Teil verschwiegen oder nicht dokumentiert. Es
sind ja immer die anderen, die es als Erste trifft. Selbst

                           380
kann einem das nicht passieren, denken viele. Dann
das böse Erwachen. Die Präsidenten vieler Nationen
wollten etwas tun, andere jedoch nicht. Somit wurde
vor etwa sechs Jahren unter erheblichem Druck an
den Anlagen für Sauerstoff und Strom gebaut – mit
vollem Erfolg; die betreffenden Staaten haben sich be-
reiterklärt, sie hundertprozentig zu subventionieren,
sodass die Verbraucher sie voll nutzen können. Wie
lange diese Subventionen gewährt werden, ist aller-
dings noch nicht geklärt.“
Ein Beifall aller bewies ihre Zustimmung. In diesem
Moment verstand ich, was mir der UN-Generalsekre-
tär mit dem heutigen Abend unmissverständlich sagen
und beweisen wollte. Der Funke hatte auch ihn er-
reicht, er hatte Feuer gefangen.
„Wie soll dies bewerkstelligt werden?“, fragte Sabine
Hermann und schaute in die Runde.
Ich wollte nicht antworten, sondern mir weiter an-
hören, was andere zu sagen hatten. Der Gesandte für
urbanistische Studien aus Australien meldete sich zu
Wort.
„Ich stimme meinen Kollegen zu, lege jedoch noch
einen drauf. Komplett neue Siedlungen müssen ent-
stehen. Das heißt: alle raus aus den Städten. Denn
dieser Teil der Bevölkerung muss alles angeliefert be-
kommen, zumeist aus Monokulturen. Diese wieder-
um schlucken zu viel Dünger, wodurch Unmengen
an Nitrate in die Gewässer und Weltmeere geraten
und den sauren Regen nähren, der den Kreislauf be-
endet. Die Städter zerstören jeglichen Kraftakt der
Menschen auf dem Land. Durch vorgegebene Kor-
ridore längs der fruchtbaren Böden können wir die
Ballungszentren abbauen und mit vollkommen neuen
Technologien die Probleme aufhalten, die uns über-

                         381
rollen, denn unsere schmutzige Luft wird durch zu
viele konzentrierte Städte verursacht.
Städte wie Mexico City oder Sydney mit mehr als
dreißig Millionen Einwohnern verlangen zu viel und
erbringen zu wenig. Durch Auflockerung der Bal-
lungsgebiete wird ebenfalls die unmenschliche Mas-
sentierhaltung überflüssig. Jede kleinere Gemeinschaft
kann sich direkt aus der lokalen Tierhaltung und
Landwirtschaft ernähren. Man muss nicht alles aus der
ganzen Welt von weit her angeliefert bekommen. So
spart man viel Energie sowohl in der Logistik als auch
in der Lagerung und in der Verpackung. Wir müssen
moderater anbauen und ökologischer leben.
Der Aufwand an Energie wird wesentlich vereinfacht
und der CO2-Ausstoß der Ballungsgebiete entschärft.
Auf diese Weise kann auch den Ärmsten der Armen
geholfen werden, die ihr Glück in den Großstädten
suchen und auf den Müllhalden leben oder die To-
iletten der Reichen reinigen, um ihren Unterhalt zu
verdienen. Denn wir wissen, jedermanns Traum ist ein
menschenwürdiges Dasein und ein Zuhause zu besit-
zen, und das dürfen wir niemandem vorenthalten. So-
mit bin ich mit Herrn Brink einverstanden und seiner
WWP“, schloss er seine VISION.
Die Rede schlug ein wie eine Bombe. Alle applau-
dierten begeistert dem Herrn aus Australien, dem ich
heute Abend zum ersten Mal begegnet war.
„Wie heißen Sie?“, fragte Sabine.
„Jan Stevens.“
„Herr Stevens, das würde ja Unmengen an Material
und Kosten mit sich bringen“, bohrte sie weiter.
„Warum? Über welches Kapital und welche Mate-
rialien sprechen wir denn hier?“, beantwortete er die
Frage mit einer Gegenfrage. „WWP basiert doch auf

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Menschlichkeit und Nächstenliebe. Durch den Zwang,
immer mehr innovative Produkte auf den Markt zu
bringen, damit mehr erwirtschaftet wird, entstehen
viele sinnlose Produkte. Dabei schlagen wir eine im-
mer schnellere Gangart an. Hier hingegen müssen
keine Gewinne mehr erzielt werden, man unterliegt
nicht mehr dem Kapital oder der Preiskalkulation. Al-
les geschieht auf Basis von ökologischem Denken und
Handeln, das heißt mit Verantwortung für sich und
die anderen.“
Der Abend offenbarte noch weitere interessante Ana-
lysen und VISIONEN der Anwesenden. Ich freute
mich über diese Einsichten und konnte feststellen, dass
eine Wende möglich war, wenn die Menschen nur an
diese VISIONEN glaubten. Denn der Countdown bis
zum Untergang der menschlichen Rasse hatte längst
begonnen, vielleicht blieb uns nur noch ein Jahrzehnt.
Man brauchte über keine hellseherischen Fähigkeiten
zu verfügen.
Als die Reporter mit diesen brisanten Neuigkeiten,
die eigentlich keine waren, da ich bereits auf dem
Gipfel alles gesagt hatte – nur war ich heute Nacht
von mehreren Leuten bestätigt und unterstützt wor-
den –, wieder abgezogen waren, setzte sich der UN-
Generalsekretär zu uns. Wir philosophierten noch
eine Stunde über diese mögliche neue VISION für
die Menschheit. Denn nicht die Figuren sollten auf
der Weltbühne ausgewechselt werden, sondern die
Ordnung, in der wir jeden Tag lebten. Das Tempo war
für jeden von uns ein nicht enden wollender Kampf
geworden. Sogar dem Tod hatten wir ins Gesicht ge-
sehen.
Meine VISION konnte die entscheidenden Impulse
geben und darüber hinaus den armen Ländern, die der

                         383
WWP angehören wollten, helfen. Ohne Verpflichtun-
gen, Auflagen oder Beitrittsforderungen. Die anderen
konnten ja mit den Personen weitermachen, die sie
die ganzen Jahrzehnte ausgebeutet hatten, inklusive
ihrer eigenen Regierungschefs, Diktatoren oder Kö-
nigen, die behandelt werden wollten wie Götter, aber
ihr eigenes Volk unterjochten, betrogen oder sogar
umbringen ließen. Sie machten Geschäfte mit hung-
rigen Konzernen, die nur eins wollten: ihre Reserven,
ihre Ressourcen und Reichtümer.
Wir von der WWP wollten uns und die anderen aus
der verzweifelten Lage befreien und strebten ein öko-
logisches Gleichgewicht an, damit niemand mehr
hungern musste, ausgebeutet, erniedrigt und un-
gerecht behandelt wurde. Jetzt drehte sich alles da-
rum, die verschiedenen Interessengemeinschaften zu
bündeln. Pazifisten, Wissenschaftler, Mitdenker, fähi-
ge Menschen, die für eine stressfreie und ausgegli-
chene Welt einstanden. Leute, die andere Ideologien
verfolgten, würde man nicht ausgrenzen oder weg-
schicken, sondern ihnen bewusst machen, dass dieses
Werk WWP alle von der Geldsucht befreien und sich
um den Einzelnen kümmern würde.
Eines war klar, bei der UN war ich ein willkommener
Gast. Mittlerweile. Was ich allerdings erst einmal mit
Vorsicht genießen wollte. Ich akzeptierte ihren Ein-
satz, sich in dieser Welt endgültig zu etablieren und
die vielen Projekte auf dem Erdball anzuschieben.
Nur bei den Friedensmissionen haperte es mir an Ver-
ständnis.
Wie wollte man mit Waffengewalt aus Feinden Freun-
de machen? Die Menschen sollten wieder miteinan-
der reden und sich mit Worten ihre Meinung sagen.
Denn zum einen verletzte man die Integrität des Lan-

                         384
des. Zum anderen marschierten die UN-Friedens-
truppen oder die NATO ein. Friede konnte nicht mit
Kriegswerkzeugen erzielt werden. Ging eine Anfrage
bei der UN ein, sollte man alle denkbaren friedlichen
Maßnahmen aus der Schublade hervorholen, ohne
gleich irgendwelche ständigen Mitglieder der UN um
ihre Meinung zu bitten, die dann später mittels ihres
Vetorechts die dringend notwendige Hilfe verweiger-
ten.Wenn die UN eine unabhängige Weltorganisation
sein wollte, musste das Vetorecht abgeschafft werden.
Spannungen gab es zur Genüge auf der Erde. Die
Hamas in Palästina, dann die Sunniten und Schiiten
in der gesamten islamischen Welt, ganz zu schwei-
gen von Afghanistan und dem Libanon. Obwohl es
sich dabei zumeist um arabische Probleme handelte,
spannten die Saudis und Ägypter, die Syrer und Liba-
nesen und andere islamische Länder die Weltmächte
und Industrieländer vor den Karren, um mit Riesen-
aufwand, militärischer Präsenz, UN-Mandaten und
Friedenstruppen zu helfen, anstatt selbst etwas für ihre
Religionsbrüder zu tun. Es wurden Unsummen für
staatliche Fördermaßnahmen und den Wiederaufbau
freigesetzt, die letztendlich nur in dunkle Kanäle flos-
sen, ohne dass diese Länder zu weniger Armut oder
zu mehr Demokratie gelangten. Ein Fass ohne Bo-
den in jede erdenkliche Richtung. Dabei finanzierten
beispielsweise die Taliban mit dem Drogenanbau, die
einzige Einnahmequelle eines dieser heruntergewirt-
schafteten Länder, wieder neue Waffen, um im Namen
Allahs einen neuen Krieg unter Religionsbrüdern zu
führen. Waffen, um die UN- und IVOR-Friedens-
truppen von Rechtsradikalen, Terroreinheiten oder
Selbstmordattentätern aus dem Hinterhalt zu erschie-
ßen. Ein von Irrsinnigen betriebener Kreislauf, in dem

                          385
keine logische Vernunft herrschte.
Die politischen Verwalter hatten schon lange das In-
teresse an einer Besserung verloren, lebte es sich doch
gut mit westlichem Kapital. Ich nannte es den mil-
liardenschweren Dollar-Albtraum. Wäre es nicht bes-
ser, Friedenstruppen aus dem eigenen Land in einem
westlichen Land auszubilden und fit zu machen, um
sie dann in ihren eigenen Ländern friedlich einzu-
setzen? Hauptargumente dafür waren die Beseitigung
der Barrieren sowie Sprache, Tradition, Kultur und
der tägliche Ablauf, was oft zu Missverständnissen und
Unbeliebtheit bei den herkömmlichen UN-Friedens-
truppen führte. Das würde der Allgemeinheit und der
UN viel weniger kosten. Und zu guter Letzt lernten
sie das friedliche Miteinander.
Es gab viele Widersprüche und politische Fehlent-
scheidungen der westlichen Welt, zumeist aus wirt-
schaftlichen Interessen, sodass es nicht zum Wieder-
aufbau und zur Normalität kam.
In der Regel wurde mit zweierlei Maß gemessen.
Nur die UN mit ihrer Weltpolitik schien ein offenes
Ohr für die Menschheit zu haben. Denn man wusste,
dass der globale Klimawandel und die Erderwärmung
überall mit Riesenschritten vorangingen und jeder
davon betroffen war. Man versuchte alles zu tun, da-
mit es nicht noch schlimmer kam.
Das Geschäft boomte unterdessen mit dem Klima-
wandel. Die Anbieter versuchten den Verbrauchern
mit allen erdenklichen Tricks die erneuerbaren Tech-
nologien teuer zu verkaufen. Ein wahrer neuer Segen
für die Industrie. Sei es ein energieverbraucharmer
Kühlschrank oder ein effizientes Warmwasserrohr.




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Der dritte Tag und kein Ende

Am 3. Tag berichteten alle Medien von meinem
Vortrag. Ich wollte mich einerseits den Journalisten
stellen, andererseits war es noch zu früh, von großen
endgültigen Schritten zu sprechen. Ich hielt mich be-
deckt, als ich mit Tommaso und Guiglelmo aus dem
Hotel trat, um zum Gipfel zu fahren.
„Herr Brink, können wir Ihnen einige Fragen stellen
bezüglich ihrer VISION der WWP?“
„Kein Kommentar. Noch ist nichts entschieden. Wir
wollen doch keinen Champagner auf ungelegte Eier
trinken.“ Ich versuchte, durch die Menge dem Re-
porter zu entkommen.
„Was passiert mit den Staatsbeamten überall auf der
Erde?“, lautete eine andere Frage. „Was geschieht mit
der Waffenlobby und all den Waffen?“
„Einschmelzen und schönere Sachen produzieren“,
entgegnete ich.
„Herr Brink, wir wünschen Ihnen viel Glück“, sagte
ein ältere Dame, die mir entgegenkam.
„Danke, Madame.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln
nicht verkneifen.
Eine Horde von Journalisten schrie mir ihre Fragen
entgegen und versuchte verzweifelt, mir ihre Mikro-
fone in dem Durcheinander entgegenzuhalten. Als
wir endlich im Auto saßen und langsam wegfuhren,
konnten wir sie noch hören, bis wir um die Ecke bo-
gen.
Neben der UN, UNICEF, WHO, Greenpeace, WFP
(Welternährungsprogramm), UNHCR                (Hoher
Flüchtlingskommissar der UN), UNDP (Entwick-
lungsprogramm der UN) und WWF wollte ich viele
andere Weltorganisationen und en an diesem histori-

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schen Datum des 29. Juni 2021 in die WWP einfüh-
ren, zum Wohle der Menschheit.
WWP stand für „WORLD WITHOUT PROFIT“.
Hiermit wollten wir allen Kriminellen und Geschäf-
temachern, die sich auf Kosten der Umwelt und der
Menschheit bereicherten, ein Ende setzen. Wozu
brauchten wir Gewinne? Sie nützten doch nur we-
nigen als Beherrschungs- und Unterdrückungsmit-
tel. Hiermit sollte all dem ein Riegel vorgeschoben
werden. Eine Punkte-Gesellschaft mit voller Gleich-
berechtigung sollte entstehen, denn viele empfanden
ihr Dasein als absolut ungerecht und fühlten sich ge-
demütigt. Unsere Rechte wurden zunehmend in un-
freiheitliche Gesetze umgewandelt.
Ich hatte das Gefühl, dass heute noch mehr Leute am
Klimagipfel teilnehmen würden. Tatsächlich hatten
sich weitere Delegationen und Politiker aus allen Erd-
teilen angemeldet.
Als wir vor dem Sitzungsgebäude aus dem Wagen
stiegen hörte ich jemanden hinter mir rufen: „Hallo,
Herr Brink, ich drück Ihnen die Daumen!“
„Sie haben meine Stimme und meinen Segen“, mel-
dete sich ein anderer aus der Menge.
Ich drehte mich um und schaute in ein Lächeln von
zwei Reihen weißer Zähne, die einem schwarzen, tra-
ditionell gekleideten, französisch sprechenden Afrika-
ner gehörten.
„Merci Monsieur“, lächelte ich zurück und ging wei-
ter.
Die Blicke waren alle auf uns gerichtet. Die Entwick-
lung schien zum ersten Mal eine eigene Dynamik an-
zunehmen.
Es wurde allmählich ernst. Ich musste mich zusam-
menreißen, denn es sah alles danach aus, dass meine

                         388
Theorie oder VISION immer stärker akzeptiert wur-
de.
„Du, Papa, sie wollen alle deine Theorie hören. Siehst
du die Plakate und Schriften da drüben?“, sagte Tom-
maso.
Ich drehte mich zum Publikum hin, denn bis jetzt
waren wir Richtung Podium gelaufen und hatten die
Transparente nicht lesen können. Im gleichen Augen-
blick ertönten auch schon das Geschrei und die Stim-
men der Menschen im Konferenzsaal.
„WWP, WWP, WWP! Wir wollen die WWP, wir
wollen die WWP! Now, now, now!“ Sie tobten und
stampften mit ihren Füßen. „WWP, WWP, wir wollen
die WWP, wir wollen die WWP!“
Ich traute meinen Ohren und Augen kaum. Dann
vernahm ich meinen Namen.
„Jeff Brink, Jeff Brink, how, how, how! Jeff Brink! Wir
wollen die WWP, wir wollen die WWP!“
Mir fehlten die Worte. Ich schaute mich um und
merkte, dass nur ein inszeniertes Lächeln von meinen
Lippen abging, als fürchtete ich, mich vor dieser ra-
senden Menschenmasse zu zeigen.
Ich war ein solches Auftreten nicht gewohnt. So-
fort umringten mich Sicherheitsbeamte, um mich
zu schützen. Wir wurden alle drei zum Rednerpult
geführt, wo der EU-Präsident auf uns wartete. Wir
schauten uns das ganze Schauspiel einige Zeit lang an.
Dann eröffnete er die Konferenz.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren …“ Er
hielt inne. „Meine sehr verehrten Damen und Her-
ren. Ich bitte um Ruhe und Ihre Aufmerksamkeit
… Bitte!“, erklang nun seine Stimme etwas strenger.
„Lassen Sie uns fortfahren.“ Er holte tief Luft. „Ich
möchte den brasilianischen Botschafter als nächsten

                         389
Gast zu mir rufen.“
Botschafter Vieira lief bereits zum Rednerpult und
gab dem EU-Präsidenten zur Begrüßung die Hand.
„Hallo! Ich habe an sich nichts hinzuzufügen und
würde mir wünschen, dass wir diese VISION von
Herrn Brink etwas näher unter die Lupe nehmen. Ich
werde zu Hause das Ganze mit meinem Sozialpartner
ausdiskutieren. Wir werden dies dann der Regierung
vortragen“, schloss er seine kurze Rede, kam zu uns
herüber und gab uns allen die Hand mit den Worten:
„Gott soll Ihnen beistehen bei der VISION. Ich bin an
Ihrer Seite und werde alles tun, damit unser Volk nach
Jahren der Bürgerkriege und Entbehrungen endlich
ein Licht am Horizont erblickt.“
Ich freute mich: „Ich werde Sie auch unterstützen
und, wenn es so weit kommen sollte, Ihr Land besu-
chen und mich bedanken.“
„Hättest du das gedacht?“, fragte ich Guiglelmo.
„Niemals“, gab er mit einem etwas verzogenen Ge-
sicht zurück.
Tommaso entgegnete: „Haben wir eine andere Wahl?
Die Menschheit steht doch mit dem Rücken zur
Wand. Ich hoffe, dass die Einsicht und die Vernunft
siegen werden.“
Wir mussten an diesem Morgen vielen Menschen die
Hand schütteln und einige Worte wechseln. Es tat gut,
strengte aber auch an. Wir wussten noch nicht, wo
unsere Feinde steckten, obwohl die Antwort schon in
meinem Hinterkopf brodelte. Und ich sollte recht be-
halten.
Am Nachmittag kamen die Russen an die Reihe. Da-
bei kann einfach nichts Gutes herauskommen, schoss mir
durch den Kopf. Aber in einem demokratischen Fo-
rum sollte jeder seine Ansichten vortragen und die

                         390
Konferenz überzeugen können. Der Außenminister
Dobrov Michaelovic übernahm diese Rede, nachdem
er die Gäste begrüßt hatte.
„Mein Land hat sich bereits entschieden. Wir werden
nicht solchen Träumereien, Spinnereien oder VISIO-
NEN hinterherrennen, damit noch mehr Zeit ver-
schwendet wird. Fakt ist, dass dies ökonomisch un-
denkbar ist und die Menschheit erst recht ins Chaos
stürzen würde. Ich frage Sie, wer will denn überhaupt
produktive Leistungen erbringen, ohne angemessen
dafür entlohnt zu werden? Viele werden ihre Besitz-
tümer nicht kampflos dem Allgemeinwohl überlassen,
das würde zu einem weltweiten Aufstand führen. Und
haben wir nicht ein ganzes Jahrhundert gebraucht, um
dies auszuprobieren? Wohin das Ganze geführt hat,
brauche ich ja nicht extra zu erwähnen. Die Mensch-
heit würde mit einem Schlag zurück ins Mittelalter
katapultiert werden, wenn es keine Marktwirtschaft
mehr geben sollte. Chaos, Aufstände und Panik wären
die Folgen.
Und wer, frage ich Sie, soll darüber bestimmen? Also
meine Regierung glaubt nicht an einen Erfolg. Wenn
es dennoch dazu kommen sollte, wehren wir uns da-
gegen und werden alle Verträge, Vereinbarungen, Lie-
ferungen von Gas und Erdöl und andere Ausfuhren
stoppen. Eine solche Idee wird die Probleme der
Menschheit nicht lösen. Daher appelliere ich an alle
Teilnehmer, diesen Irrsinn zu boykottieren und die-
sen Brink sofort vom Klimagipfel zu entfernen. Eine
verrückte, verwirrte Person wie er hat hier nichts zu
suchen. Er gehört in die Klapsmühle, das ist meine
Meinung.Vielen Dank fürs Zuhören.“
Die Chancen standen schlecht, wenn sich jetzt auch
noch die Chinesen und Amerikaner abwandten. Von

                        391
Südamerika, Mittelamerika, Indien, Australien, Neu-
seeland, Afrika, Europa, Indonesien und vielen klei-
neren Staaten kamen positive Signale. Nur, wie gesagt,
die Welt war gespalten, denn die arabischen Länder
wollten sich weder der schlimmen Lage beugen noch
in Frieden mit der westlichen Welt leben. Andererseits
hatte der Islam viel gemeinsam mit unserer Religion
und mit Gott.
Meine Zweifel ließen mich nicht los.
Ich müsse noch eine Rede halten, schlug der UN-
Generalsekretär vor. Wenn nötig noch heute am spä-
ten Nachmittag; aber dafür war ich noch nicht vor-
bereitet.Tommaso konnte für mich mit einem Projekt
antreten, das wir mit den Schweizern und Luxembur-
gern vor fünf Jahren erfolgreich durchgeführt hatten,
obwohl es damals heftige Kritik gehagelt hatte. Die
drastische Umsetzung von damals fruchtete jetzt erst.
Nach Rücksprache mit dem EU-Präsidenten betrat
Tommaso am Ende des Konferenztages das Redner-
pult. Er begrüßte die Gipfelteilnehmer, nachdem er
vom EU-Präsidenten vorgestellt worden war.
„Meine sehr verehrten Gäste. Ich möchte Ihnen eine
Erfolgsgeschichte, obwohl viele diese bereits kennen,
nochmals in Erinnerung rufen. Nach meinem Stu-
dium damals 2014 erhielt ich von der Akademie sowie
von der Schweizer und luxemburgischen Regierung
den Auftrag, den CO2-Anteil über ihren Territorien
um sechzig Prozent zu reduzieren. Nach etwa einem
Jahr legte ich den Regierungen die mit meinem Team
und meinem Vater ausgearbeitete Studie vor. Bereits
zwei Jahre später konnte unser Plan umgesetzt wer-
den. Heute haben wir sogar mehr als die sechzig Pro-
zent Reduktion erreicht, was für uns ein voller Erfolg
bedeutet, ohne dass die Menschen in irgendwelcher

                         392
Weise darunter hätten leiden müssen. Obendrein
konnte die Wirtschaft um zwanzig Prozent zulegen,
die Einnahmen wurden verdoppelt und die Einspa-
rungen sind in allen Bereichen, ökonomisch wie öko-
logisch, beispielhaft.
Eine wahrhaft beeindruckende Erfolgsstory, wie ich
meine, und für viele nachahmungsfähig. Nur einige
zeigten sich nicht erfreut darüber, nämlich diejenigen,
die an diesem Geschäft schlagartig nicht mehr par-
tizipierten, da die Auto- und Zulieferbetriebe sowie
die Tankstellen zum Teil schließen mussten. Die verlo-
renen Arbeitsplätze konnten jedoch locker durch die
urbanistische Umstrukturierung wettgemacht wer-
den, ja mehr noch. Die Staatseinnahmen haben sich
verdoppelt. Den Menschen wurde eine bessere Le-
bensqualität beschert. Sie atmen eine bessere Luft.
Dass diese beiden Länder den Nobelpreis für eine
saubere Erde bekommen haben, sagt doch alles. Da-
mals war mehr als die Hälfte der Bevölkerung dagegen,
aber willens, die Erde und die Natur zu schonen.
Aber wie konnte das Projekt am besten bewerkstel-
ligt werden? Unsere Zielsetzung bestand darin, Pkw
und Lkw zu fünfundsiebzig Prozent von der Straße
verschwinden zu lassen. Wenn wir zudem für die rest-
lichen fünfundzwanzig Prozent des noch übrig ge-
bliebenen notwendigen Verkehrsaufkommens erneu-
erbare Energien einsetzen würden, erhielten wir eine
fünfundachtzigprozentige Effizienz. Diejenigen, die
ganz auf ein eigenes Fahrzeug verzichten würden, er-
hielten erhebliche Steuervorteile. Das bedeutet: Nur
die unverzichtbare Logistik ist erhalten geblieben.
Wie konnte dies alles umgesetzt werden, ohne die
Bürger zu vergrämen und ihre Bewegungsfreiheit
einzuschränken? Zum Glück handelt es sich bei dem

                         393
Großherzogtum Luxemburg um einen relativ klei-
nen Staat. Als Erstes haben wir für den von außen
anreisenden Verkehr die Grenzen zugemacht und die
bestehenden Autobahnen komplett umgerüstet. Aber-
tausende von Verkehrsschildern wurden somit über-
flüssig. Diese Gäste aus dem Ausland können nun ihre
Autos auf P+R-Parkflächen abstellen und mit einer
Jahresvignette weiter mit Trambussen oder mit der
Bahn einreisen und sich kreuz und quer auf dem lu-
xemburgischen Territorium bewegen. Diese Hybrid-
fahrzeuge sind CO2-frei, getrieben von Elektromoto-
ren. Ihr Strom wird aus erneuerbaren Energiequellen,
aus Windrädern und Photovoltaikanlagen, gewonnen.
Die Personen oder Güter werden im Minutentakt von
verschiedenen Anlaufstellen an den Grenzen weiter-
transportiert. Durchreisende bekommen einen elekt-
ronischen Pass, vergleichbar mit der Maut einige Jahre
zuvor auf den deutschen Straßen. Da dies eine ziem-
lich teure Angelegenheit ist, verhindert sie die Einreise
vieler Fahrer. Ergebnis: Die avisierte Reduzierung von
CO2 wurde sogar noch überschritten. Allerdings wird
dies bis zum heutigen Tag nur auf nationaler Ebene
so gehandhabt. Nach dem gleichen Prinzip kann man
in allen Ländern, Provinzen, Kantonen, Departements
und Regionen vorgehen.
Ein zweites Anliegen lag darin, die einheimische Be-
völkerung, die sich täglich durch das Ländchen be-
wegte, zu sensibilisieren und ihre Verkehrsmittel
einzuschränken. Sie müssen wissen, durch die hohe
Kaufkraft der Luxemburger verfügte damals jeder
Haushalt durchschnittlich über zweieinhalb Pkw, was
dringend reduziert werden musste. Dies haben wir er-
reicht, indem die Infrastruktur der öffentlichen Ver-
kehrsmittel ausgebaut und ein System installiert wur-

                          394
de, nach dem nur Autos mit einer bestimmten Zahl
am Ende des Kennzeichens fahren durften. Das heißt,
anhand der Endziffern wird bestimmt, an welchen Ta-
gen und Stunden sie genutzt werden dürfen. Ferner
haben wir das Alleinfahren in den Autos sanktioniert.
Prämierungen und sonstige Begünstigungen unterlie-
gen den regionalen Instanzen. Der Staat konnte etwa
siebzig Prozent der Ausgaben für die Instandsetzung
von Straßen einsparen. In Luxemburg gibt es keine
einzige Verkehrsampel mehr. Dasselbe wurde vor drei
Jahren in der Schweiz schrittweise eingeführt und der
Erfolg lässt sich sehen.
Sie sehen, meine Damen und Herren, es funktio-
niert.
Heute will kein Bürger mehr an verstopfte Städte und
Autobahnen zurückdenken.
Angesichts des Problems fehlenden sauberen Trink-
wassers haben wir zusätzlich der Landwirtschaft gera-
ten, die Tierhaltung auf die nationalen Bedürfnisse zu
beschränken und ausschließlich auf natürliche Weise
Ackerbau und Viehzucht, damals BIO genannt, zu be-
treiben. Die Genmanipulation ist gänzlich eingestellt
worden und das Wort „Bio“ in diesem Sinne gibt es
hier nicht mehr, weil dies eine Zweiklassengesellschaft
gefördert hätte.
Viele kleine Gemeinden europaweit haben sich die-
sem Modell angeschlossen. Mit viel Erfolg bis heute.
Ich will damit sagen, wir können etwas tun und wir
sollten auf diesem Weg weitermachen. So können wir
auch ärmere Gebiete auf dieser Erde für unsere inno-
vativen Projekte gewinnen. Sicherlich ist es nicht ein-
fach, die weltweiten Probleme in den Griff zu bekom-
men. Aber Bequemlichkeit und Kostenkalkulationen
sollten nicht der Grund sein, es zu unterlassen.

                         395
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wollte
mit diesen Beispielen zeigen, dass auch kleine ver-
nünftige Schritte zum Erfolg und zum Schutz unserer
Umwelt führen können. Ich bedanke mich fürs Zu-
hören“, schloss Tommaso seine erste Rede ab, und das
auf diesem Gipfel von solcher Bedeutung.
Ich war stolz auf meinen Sohn. Die Anwesenden ho-
norierten es mit beispiellosem Beifall für diesen jun-
gen Mann, der sich so einsetzte. Überhaupt plädier-
te ich dafür, auch junge Menschen mit ins Boot zu
nehmen. Je früher, desto besser, lautete meine Devise.
Aber auch die Alten durften sich nicht einfach auf
ihren Lorbeeren ausruhen und sollten auch im ho-
hen Alter noch aktiv an der Zukunft mitgestalten. Das
hielt sie jung.

Am Abend berichteten die Medien bereits von den
Geschehnissen des Gipfels und trugen sie so in die
Haushalte. Die Gemüter waren aufgeheizt. Aber ein
Entschluss, wie es weitergehen sollte, lag noch in wei-
ter Ferne, obwohl wir auf eine schriftliche Nieder-
legung drängten.Viele Delegationen wollten noch bis
spät in die Nacht auf eine Lösung hinarbeiten. Mit
gemischten Gefühlen fuhren wir gegen Mitternacht
ins Hotel zurück, ohne eine Einigung erzielt zu ha-
ben. Es deutete alles darauf hin, dass mein Projekt zu-
mindest teilweise übernommen wurde. Man durfte
die Hoffnung niemals aufgeben. Schließlich ging es
um das Fortbestehen unseres Planeten.
Mitten in der Nacht ließen wir uns einige kalte Ge-
richte und Getränke aufs Zimmer bringen.
„Wie lange müssen wir noch hierbleiben?“, fragte Te-
resa.
„Vielleicht zwei oder drei Tage“, gab Tommaso noch

                         396
ziemlich frisch zurück.
Wir sahen uns die Tagesthemen des Gipfels vom vori-
gen Tag an. Sie strahlten die Rede des Russen und den
Vortrag von Tommaso aus. Wir verfolgten gespannt
die vielen Medienfragen und die Meinungen der Be-
fragten draußen in der Welt zu unserem Programm.
Viele reagierten positiv.
„Wenn es so weit kommt, sind die Aussichten nicht
schlecht“, meinte eine Passantin.
Weil ich noch eine Rede für den kommenden Tag
vorbereiten musste, setzte ich mich noch eine halbe
Stunde mit Guiglelmo und Tommaso vorne in die
Suite. Die Vorbereitung dauerte länger als gedacht.
Die Gretchenfrage lautete:Wie konnten wir die Ame-
rikaner und die Russen zusammen an einen Tisch
bekommen und zum Mitmachen umstimmen? Das
würde für die UN einiges vereinfachen.
Nach zwei Stunden hatten wir die Strategie meiner
Rede zu Papier gebracht. Das Telefon klingelte und
bat um eine Freischaltung. Es war Marcella aus Ke-
nia.
„Hallo, entschuldige, dass ich so spät noch anrufe. Ich
habe gerade die Nachrichten verfolgt und Tommaso
gesehen. Bin stolz auf euch, wollte ich nur sagen. Das
war’s. Ich liebe euch. Melde mich noch. Gute Nacht
allerseits, ciao.“ Die Schaltung endete, ohne dass wir
etwas antworten konnten. Wir schauten uns verdutzt
an.
„Das war sehr kurz“, bemerkte Guiglelmo. „Gut, sie
zu hören. Ist schon eine Zeit her, dass ich sie gesehen
habe. Sie ist ja eine richtige Kämpferin geworden!“
„Ja, was soll ich sagen? Sie ist eben meine Tochter! Es
war doch schön. Sie wollte uns wissen lassen, dass sie
an uns denkt.“

                         397
„Genau“, meinte Guiglelmo.
„Ich zieh mich zurück und wünsche noch ein paar
geruhsame Stunden. Gute Nacht.“
„Gute Nacht“, antworteten Guiglelmo und Tommaso
gleichzeitig.

Tags darauf saßen wir zusammen beim Frühstück
und warteten auf Guiglelmo und Fiona, als ein junger
Mann in Regenjacke zu uns herüberkam und fragte:
„Wer von Ihnen ist Herr Brink, Jeff Brink, genauer
gesagt?“
Schon als ich meine Hand hob, überkam mich ein
ungutes Gefühl. Alle schauten zu mir herüber und
wieder zurück zu dem jungen Mann.
„Ich bin Kommissar der Sektion West, Brüssel, und
muss Ihnen leider eine schlechte Nachricht übermit-
teln. Wir wurden vor Kurzem von der Hotelleitung
benachrichtigt, dass auf Zimmer 703 ein Paar auf den
Namen Vaccha abgestiegen sei. Durch den Anruf einer
Person, die wir nicht identifizieren konnten, wurden
zwei Tassen Kaffee mit zwei Brötchen auf dieses Zim-
mer bestellt. Als die Kellnerin zur Tür kam, bemerkte
sie, dass diese nur angelehnt war. Nachdem sie sich
angemeldet hatte und keiner antwortete, ist sie hin-
eingegangen und hat zwei Personen in einer Blut-
lache auf dem Bett vorgefunden. Daraufhin hat die
Hotelleitung uns benachrichtigt und wir sind sofort
hierher geeilt. Die Spurensicherung ist gerade dabei,
alles Wichtige sicherzustellen, um den Tatvorgang zu
rekonstruieren und zu untersuchen, wer an einem sol-
chen Verbrechen beteiligt sein könnte. Ich wollte Sie
bitten, mich zu begleiten, um die beiden zu identi-
fizieren. Es tut mir leid.“
Keiner traute sich zu atmen, geschweige denn zu spre-

                        398
chen. Aber dann sprang Teresa wie von der Tarantel
gestochen auf und schrie außer sich mit weit aufge-
rissenen Augen: „Sag, dass es nicht wahr ist! … Sag …
dass … es nicht wahr ist!“ Sie weinte und flehte den
Ordnungshüter förmlich an.
Ich stand auf, um sie festzuhalten und an mich zu drü-
cken.
„Ich kann’s nicht glauben“, weinte sie bitterlich wei-
ter und drehte sich mir zu: „Jeff, sag doch was! Sie
haben meinen Bruder und Fiona umgebracht.“
Ich hielt sie fest, während in mir Schuldgefühle hoch-
stiegen, die meine Kraftlosigkeit noch verstärkten. Auf
der anderen Seite aber stiegen eine immense Wut und
Trauer in mir auf. Die Gefühlsküche brodelte, es war
nicht zu beschreiben.
„Teresa, es tut mir so leid. – Bitte beruhige dich, mein
Schatz!“
„Wie soll das gehen, frag ich dich? Gut … beruhige
dich“, redete sie sich verzweifelt selbst ein.
Ich schaute dem Kommissar in die Augen und fragte:
„Muss das jetzt gleich sein?“
„Ja bitte“, sagte er ruhig.
„Gut, wenn’s denn sein muss“, antwortete ich etwas
nervös.
Ich wusste, dass wir im Fadenkreuz der Russen und
einiger Konzerne waren, aber jetzt schwammen mir
die Felle weg. Jan war noch schwer krank. Es hatte be-
reits mehrere Tote gegeben, und jetzt meine Familie.
Nein, das ging zu weit.
Tommaso eilte herüber zu seiner Mutter. „Mama, hör
zu, Papa muss mit“, versuchte er zu erklären.
„Ich geh mit. Ich will sie noch einmal sehen“, klang
sie auf einmal ruhig. „Es geht schon“, meinte sie.
„Natürlich gehst du mit“, beruhigte ich sie. „Tomma-

                          399
so, wir sind bald zurück. Ruf bitte den UN-General-
sekretär und den EU-Präsidenten an und versuch die
Sachlage diskret zu behandeln, verstanden!“
„Ist okay, Papa, mach dir keine Sorgen deswegen.“
Oben angekommen liefen allerlei Leute im Zimmer
ein und aus.
Der untersuchende Arzt meinte zum Kommissar: „Sie
sind, ohne geweckt worden zu sein, mit einer Kugel in
den Kopf aus nächster Nähe erschossen worden. Sie
haben nichts mitbekommen.“
„Verstehe! – Was sagt die Spurensuche?“, fragte der
Kommissar seine beiden Mitarbeiter.
„Der Täter ist über den Balkon ins Zimmer gelangt
und konnte unbemerkt seine Arbeit verrichten.“
„Sucht weiter, vielleicht findet ihr noch irgendwel-
che Hinweise oder Spuren. Ich will, dass jeder Qua-
dratzentimeter unter die Lupe genommen wird.“ Er
drehte sich zu uns und wir gingen ins Zimmer.
Ein schrecklicher, aber doch ruhiger Anblick bot sich
uns. Beide lagen da, als würden sie friedlich neben-
einander schlafen. Nur das Blut auf beiden Kopfkissen
verriet die Tat. Teresa weinte bitterlich.
„O fratello mio, o cara, cara Fiona, cosa vi hanno fat-
to.“ (Oh mein lieber Bruder, oh meine liebe, liebe
Fiona, was haben sie euch angetan.) Sie schluchzte
und ließ ihrer Trauer freien Lauf. Anders als wir Nord-
europäer, die alles rational angingen. Sie hatte sich an
mich gedrückt.
Ich sagte zum Kommissar: „Ja, es sind Fiona und Gu-
iglelmo Vaccha.“
Wir blieben noch ein paar Minuten, als die Leichen-
bestatter die Bahren heranbrachten.
„Kann man eine Zeit feststellen, wann es passiert ist“,
fragte ich.

                          400
„Nach den Untersuchungen des Arztes muss es gegen
4.45 Uhr heute Morgen passiert sein. Das ist die Zeit,
wo im Allgemeinen jeder in einem Tiefschlaf liegt.
So konnte der Mörder seine Arbeit in aller Ruhe
durchführen“, erwiderte der Kommissar. „Wir wer-
den Ihnen nach der Autopsie Bescheid geben. – Und
nochmals, mein Beileid. Ich habe Sie gestern noch
zusammen in den Nachrichten gesehen.“
„Danke“, brachte ich noch hervor, ehe wir aus dem
Zimmer begleitet wurden.
„Hatten Frau und Herr Vaccha Kinder?“
„Nein“, antwortete ich.
„Herr Brink, kümmern Sie sich um den Rest? Ich
werde ihnen alles zukommen lassen, was wir nicht
mehr benötigen.“
„Gut.“
Sie würden uns sehr fehlen, ging mir ständig durch
den Kopf. Nicht nur bei unseren Ideen, sondern als
sehr liebe Verwandte. Und die vielen Abenteuer, die
wir seit unserer Jugend gemeinsam erlebt hatten, als
wir gemeinsam studiert und ich seine Schwester Te-
resa kennengelernt hatte. Eine schöne Zeit ging hier
und heute zu Ende. Es schien, als wollte man uns den
Boden unter den Füßen entreißen, damit wir unse-
re Projekte aufgeben würden. Alles deutete auf die
Pharmaindustrie, die Erdöllieferanten und die Russen
hin. Wer letztendlich dahinterstecken mochte, es war
ihnen gelungen, uns ins Herz zu treffen. Es kam eine
ungewisse Zeit auf uns zu.
Bereits eine Stunde später rief mich der EU-Präsident
da Cunha an.
„Mein Beileid, Herr Brink, auch an Ihre Frau. Ich
habe nach dem Anruf Ihres Sohnes mit dem UN-Ge-
neralsekretär gesprochen. Er vertritt die Meinung, das

                         401
Ganze bis nach dem Gipfel zurückzuhalten. Emotio-
nen und Gefühle sollten bis auf Weiteres aus dem Spiel
gehalten werden. Wir werden uns zu einem späteren
Zeitpunkt darum kümmern. Nichtsdestotrotz muss
der Fall selbstverständlich weiter untersucht und die
Täter schnellstens gefasst werden. Sie verstehen mich,
hoffe ich.“
„Ja, ja, aber ich werde noch heute abreisen und mich
aus Respekt vor meiner Schwägerin und meinem
Schwager aus allem zurückziehen“, antwortete ich
müde und ausgelaugt.
„Sollen diese Gauner etwa recht behalten? Und sol-
len wir zuschauen, wie die ganze Welt vor die Hunde
geht?“, redete er mir ins Gewissen.
Ich konnte nicht mehr klar denken.
„Nein, das können Sie nicht, mein Freund. Allein
schon um Ihres Schwagers willen. Er hätte dies gewiss
nicht gewollt. Glauben Sie mir. Es kann nicht sein, dass
wir den Kopf in den Sand stecken. Das hilft nieman-
dem. Ich habe Verständnis für Ihr Vorgehen und Ihre
Gefühle. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir wollen
der Menschheit ein Vorbild sein, nach der Konferenz.
Sie sollen nicht umsonst gestorben sein“, beteuerte er
und versuchte mir Mut zu machen.
Das Telefon klingelte an diesem Morgen unentwegt.
Einige Reporter hatten Wind bekommen, obwohl
noch nichts Konkretes an die Öffentlichkeit geraten
war. Aber es dürfte eine Sache von Stunden sein, dann
würde die ganze Welt von dem Vorfall und dem Tod
von Guiglelmo, dem Mitdenker der WWP, wissen.
Was konnte und was sollte ich machen? Ich wollte
Antonia, die noch am gleichen Tag anreisen wollte,
abwarten, um einiges zu besprechen.
Gegen Mittag traf sie ein, und wir konnten unsere

                          402
Trauer nur kurz austauschen, denn wir mussten han-
deln. Mit Teresa, Tommaso, Serena und Antonia war
ein kleines unversehrtes Häuflein übrig geblieben,
während León und Jackie erst morgen Nachmittag
ankommen würden. León hatte schon am Telefon
anklingen lassen, dass er auch aufgeben und sich zu-
rückziehen wollte. Ich hatte Verständnis für seine Ent-
scheidung. Schließlich war es ein ungleicher Kampf.
Man würde sich der Ökonomie und der Marktwirt-
schaft niemals komplett entziehen können, hatte er
argumentiert. Er hatte recht. Aber wie sollte denn
unsere VISION eines Tages Realität werden, wenn
nicht durch den festen Glauben an Gott und an eine
gerechtere Welt? Gott würde uns bestrafen, wenn wir
nichts gegen all die Ungerechtigkeiten unternehmen
würden, doch auch diejenigen belohnen, die an ihn
glaubten und den Mut hatten, etwas zu tun, und ihnen
helfen, diese schwierigen Momente durchzustehen.
Einige Verblendete glaubten tatsächlich noch daran,
eines Tages zu den Oberen aufsteigen zu können, und
nahmen diese Versprechungen für bare Münze – und
mussten für gewisse Missstände den Kopf hinhalten.
Viele wollten nichts davon wissen, dass es unserem
Planeten zusehends schlechter ging, und erlagen der
perfiden Verführungskunst der Mächtigen. „Wir müs-
sen vorausschauen“, lautete die Parole. Diese Menschen
konnten nichts dafür, sie schienen blind und taub zu
sein und würden in den Abgrund stürzen, wenn nicht
jemand sie zurückhielt, bevor sie den entscheidenden
falschen Schritt machten.
Also mussten wir sie retten und dafür sorgen, dass sie
wieder ihre fünf Sinne benutzten. Aber wie? Die Ant-
wort lag klar auf der Hand. Wir von der WWP woll-
ten nicht mit Gewalt oder Protestmärschen zum Ziel

                         403
gelangen, sondern mit friedlichen Diskussionen, ohne
andere zu belästigen oder mit lockenden Parolen und
Werbung einzuschläfern.
Die Gegenseite wusste sehr wohl, was sie uns antun
wollte. Abhängig machen mit allen Mitteln der Kunst,
koste es, was es wolle. Nur so konnten sie an unser
Fleisch herankommen, aber nicht an unsere Herzen,
trotz aller Versprechungen, die sie ohnehin nicht ein-
mal ansatzweise einhalten konnten. Denn sie waren
keine Götter, sondern unterlagen ebenfalls dem Ge-
setz Gottes. Gott war der einzige Schöpfer des Uni-
versums und konnte alles verhindern oder alles zum
Guten wandeln.
Aber wir hatten bereits alles verspielt, als er seinen
Sohn Jesus Christus zu uns gesandt hatte, um uns zur
Umkehr zu bewegen. Es war uns gelungen seine Bot-
schaft zu verdrehen.Viele Kriege hatte die Menschheit
im Namen Gottes geführt, obwohl Gott niemandem
befohlen hatte zu töten.
Was mich immer wunderte, war, dass sogar diejeni-
gen, die an gar nichts glaubten und nur auf Evolu-
tion setzten, sobald etwas nicht funktionierte, das
Wort Gott in den Mund nahmen: „Mein Gott, wie
konnte das geschehen?“ – „Mein Gott, was hab ich falsch
gemacht?’’  –  „Mein Gott, hilf mir!’’  –  „Mein Gott, lass
mich nicht allein!“ – „Um Gottes willen!“ – „In Gottes
Namen!“ oder „Dem Himmel sei Dank!“ Wo kamen
denn diese immer wiederkehrenden Gottesanbetun-
gen her? Sie waren weltweit tief in unserer Sprache
verwurzelt.

Die Gier und Überheblichkeit der weißen Rasse wur-
de offenkundig in der Geschichte Afrikas und Ame-
rikas der letzten fünfhundert Jahre, wo wir, ohne mit

                           404
der Wimper zu zucken und ohne die Ureinwohner zu
fragen oder einzustimmen, den dort lebenden Men-
schen ohne jeglichen Grund alles weggenommen
hatten. Obwohl sie uns empfingen wie Gleichberech-
tigte, uns gaben, was wir von ihnen verlangten, und
ihr Land gerne mit uns Weißen teilen wollten. Aber
mit unverfrorener Arroganz hatten wir alles niederge-
macht und sie rücksichtslos ermordet. Ganze Stämme
waren mit ihren Traditionen und Kulturen unwieder-
bringlich ausgelöscht worden. Wir, die weiße Rasse,
hatten viel Blut an unseren Händen.
Diese Gedanken kamen bei mir auf, selbst jetzt in die-
ser schweren Stunde, in der ich entscheiden musste,
wie mein Leben zukünftig aussehen sollte. Ich musste
dem EU-Präsidenten recht geben: Es wäre ein Feh-
ler, die VISION aufzugeben oder fallen zu lassen. Die
Arbeit musste fortgeführt werden. Ich wollte Tomma-
so und Antonia mehr Verantwortung übertragen.
In der Suite saßen wir alle beieinander und gingen die
möglichen Varianten durch.
„Antonia, du müsstest auch mal ans Rednerpult, damit
die Leute sehen, dass mehr Menschen an die VISION
glauben“, versuchte ich sie zu überzeugen.
„Jeff, ich mach alles, was du willst, aber nicht das! Ich
kann das nicht vortragen. Tommaso soll das überneh-
men, solange dir das nicht möglich ist und du dich
nicht besser fühlst.“
„Papa, ich mach das, wenn du das möchtest“, bot sich
Tommaso an.
„Versteht doch, wir brauchen mehr Überzeugungs-
kraft für die Debatten nach den Vorträgen. Bis jetzt
hat es sich bloß um eine Neuigkeit gehandelt. Ab jetzt
werden sie sich auf uns stürzen, Freunde wie Fein-
de. Dabei geht es beiden Lagern doch nur um ihre

                          405
eigenen Interessen. Man wird wieder Kapital daraus
schlagen wollen.“
„Ja, aber dann sollten wir die ganze VISION fallen
lassen, wenn es letztendlich bloß um dasselbe geht wie
immer. Die Welt zu spalten bringt keinem etwas“, ar-
gumentierte Tommaso.
Antonia stimmte ihm zu. „Finde ich auch.Wie soll et-
was zum Besseren gewendet werden, wenn die Men-
schen sich nicht einig sind oder respektieren wollen,
was der andere für richtig hält?“
„Aber genau darum geht es ja. Ich will nicht, dass noch
mehr Unruhen entstehen, als wir ohnehin schon ha-
ben, sondern möchte, dass jeder die Möglichkeit hat,
sich zu entscheiden, ob er so weitermachen will wie
bisher oder unseren Weg in die WWP mitgeht. Die
anderen können später immer noch zu uns stoßen.
Erstes Gebot: Es soll keiner gegen seinen Willen in die
WWP eintreten“, gab ich zu verstehen.
„Aber das macht doch keinen Sinn. Dadurch retten
wir weder die Menschheit noch unseren Planeten.
Die einen tun so, als wäre nichts geschehen, während
wir von der WWP die Folgen der Verschmutzung und
dergleichen weiter erdulden müssen!“, äußerte Anto-
nia skeptisch.
„Ich glaube, dass wir mehr Zuwendung, Verständnis
und Unterstützung erhalten werden, als wir jetzt an-
nehmen“, ermutigte uns Tommaso.
Serena meldete sich zu Wort: „Ich würde nicht auf-
geben. Tante Fiona und Onkel Guiglelmo und andere
sind für ihre Überzeugungen gestorben. Aber noch
mehr Tote oder sogar Märtyrer nützen der WWP
nicht. Wir brauchen keinen Petrus oder Paulus, um
eine Kirche zu bauen und unseren Glauben an Gott
wieder einer irdischen Macht zu übergeben. Wir

                         406
brauchen keine großen Führer. Wir brauchen keine
Elite. Und wir brauchen keine Ausbeuter. Wir brau-
chen nur unsere einfachen Zehn Gebote, die uns den
Weg zu einem menschlicheren Zusammenleben und
zu gegenseitigem Respekt zeigen.Wir brauchen keine
Terror- oder Unruhestifter, sondern friedliche Mit-
gestalter. Früher oder später werden die Ungläubigen
einsehen, dass ihr Weg geradewegs ins Verderben führt
und sie sich selbst in den Verstrickungen ihrer eige-
nen Gesetze und Erfindungen verfangen haben. Man
kann keine Geschäfte machen mit dem Gesetz oder
ein Gesetz über ein Gesetz erlassen. All das müssen
wir erwähnen und uns von solchen Praktiken ent-
schieden distanzieren!“
Erstaunt mussten wir ihr alle zustimmen.
Tommaso gab ihr einen Schmatz und lobte sie: „Du
hast recht, mein Schatz. Ich sehe das genauso. Du soll-
test das Plädoyer unserer Verteidigung halten!“
Teresa hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt zurückge-
halten, hatte nach dem Geschehen letzte Nacht je-
des Gefühl dafür verloren, was richtig oder falsch war.
Sie wollte mir und sich selbst in diesem Moment der
Trauer keine unnötigen Gefühlsausbrüche oder emo-
tionalen Äußerungen zumuten.
Wir beschlossen, die mit Guiglelmo vorbereitete Rede
wie geplant vorzutragen. Nur dass Tommaso die Rede
übernehmen sollte. Ich war zu negativ geladen, um
die Menschen positiv zu bewegen oder zu überzeu-
gen. Unsere VISION sollte deswegen nicht scheitern.
Um Fionas und Guiglelmos, der anderen Toten und
der Menschheit willen.

Am Nachmittag trafen wir uns im Hochhaus, wo der
Gipfel noch keine klaren Ziele hervorgebracht hat-

                         407
te. Ich nahm an einer privaten Besprechung mit dem
UN-Generalsekretär und dem EU-Präsidenten teil.
Die Stimmung war angespannt nach den Ereignissen.
Vor allem wollte man wissen, wer hinter dem Anschlag
steckte und ob ich mehr sagen konnte, denn die bel-
gische Staatsanwaltschaft war auch anwesend, um die
Untersuchung gegen Unbekannt aufzunehmen.
Die Verantwortlichen wären nicht so einfach zu fas-
sen, wollte die Staatsanwaltschaft uns glauben ma-
chen.Vielleicht könnten sie einen kleinen Fisch ding-
fest machen, mehr aber auch nicht. Ich bezweifelte,
dass überhaupt etwas getan wurde. Zu mächtig waren
die Positionen der Konzerne in der Marktwirtschaft
und ihre Verstrickungen in der Politik, um den Ver-
antwortlichen den Prozess zu machen.
Obwohl ich der festen Überzeugung war, dass sie sich
eines Tages vor Gott würden verantworten müssen,
wollte ich die Sache dennoch nicht auf sich beruhen
lassen. Die verächtliche Art der Machthaber, ihr ver-
meintliches Recht, sich die Niederen und Anonymen
untertan zu machen, sprach für sich selbst, wo die
kranke Gesellschaft angelangt war.




                        408
Das Referendum

Die Konferenz am Nachmittag ging mit dem Plä-
doyer der afrikanischen Länder weiter. Dort war die
Todesrate weltweit am höchsten, weil Wassermangel,
Hunger, Epidemien, Armut, Kriege, Elend, Ausbeu-
tung, Analphabetismus herrschten. Die Dürreperio-
den konnten mehrere Jahre andauern. Die Menschen
wollte man am liebsten vergessen. Die Gelder der
Hilfsprojekte versickerten im Ungewissen. Obwohl
Afrika sehr reich an Rohstoffen war, wurden diese
von den multinationalen Konzernen systematisch ge-
plündert, dem Kontinent selbst blieb nichts. Für die
Bevölkerung wurde nicht einmal ein Stück trockenes
Brot vom Budget der Hilfsorganisationen bereitge-
stellt.
Am späten Nachmittag erfolgte Tommasos Auftritt. Ich
war müde und nervös. Es ging mir nicht sonderlich
gut. Am liebsten hätte ich alles eingepackt und mit der
ganzen Familie den Gipfel verlassen. Aber so funk-
tionierte das Ganze nicht. Die VISION sollte weiter-
verfolgt werden, um wenigstens einen Anfang zu ma-
chen und eine schrittweise Umsetzung zu beginnen.
Sie musste von den Staatsoberhäuptern am letzten Tag
ratifiziert und von der UN abgesegnet werden. Dabei
zeigten die Mitgliedsländer am wenigsten Interesse.
„Die Botschaft des heutigen Tages wird wohl jeder
mit gemischten Gefühlen in sich aufnehmen“, begann
Tommaso seinen Vortrag. Er würde die Herrscher, die
Obrigkeit und die einfachen Leute zum Einlenken
ermutigen. Dies war unser Ziel.
„Meine Damen und Herren und alle Zuschauer da
draußen in der Welt. Ich habe Ihnen eine VISION zu
vermitteln. Wir haben keine andere Wahl. Die Erde

                         409
leidet zusehends an den Folgen des Klimawandels und
der Umweltverschmutzung, keine Frage.
Aber wollen wir überhaupt noch etwas dagegen tun,
frage ich Sie?
Die Menschheit und die Erde würden uns belohnen.
Wie Sie wissen, wollen wir eine WWP ins Leben ru-
fen, die es uns ermöglicht, der Ungerechtigkeit auf der
Erde ein Ende zu setzen. Wir wollen jeglichen Profit
abschaffen. Doch das geht nur, wenn auf alles, was wir
erwerben, keine Gewinne mehr erzielt werden. Dafür
werden wir anstatt Geld Punkte vergeben, mit denen
jedes Individuum auf diesem Planeten Produkte er-
werben kann. Aus Sicherheitsgründen werden diese
Punkte jedem Einzelnen bis zu seinem Ableben auf
seinen Namen ausgestellt; das geschieht nach strengen
Regeln, was den Kauf und Verkauf aller Produkte und
Dienste betrifft, die gewisse Kriterien erfüllen müssen,
das heißt, ob diese Leistungen in unsere neue Zeit
passen oder notwendig sind. Alles Unwichtige oder
Schädliche für unseren Planeten soll über Bord ge-
worfen werden wie bei einem Schiff, das mitten im
Meer in Seenot geraten ist und sich vom Ballast tren-
nen muss. Ab und zu können auch wertvolle Sachen
dabei sein, von denen man sich nicht trennen möchte.
Aber zur Gefahrenabwehr mag es trotzdem notwen-
dig sein. Denn alles kommt dem Klima und der Ver-
geudung wichtiger Rohstoffe zugute.
Des Weiteren müssen wir uns aus den Städten zurück-
ziehen und näher an der Natur in Gemeinschaften le-
ben. Ein wesentlicher Beitrag ist die Abschaffung von
überflüssigen Gesetzen. Die Verfassung wird neu ge-
schrieben oder in vielen Punkten abgeändert. Über-
menschen, Diktatoren, Könige, Sportler, Schauspieler,
Künstler, Präsidenten und Bosse, die uns vormachen,

                          410
nach welchen Richtlinien wir unser Leben zu le-
ben haben, brauchen wir als Vorbilder nicht mehr.
Der Konsum wird reduziert und für jeden in etwa
gleich festgelegt, sodass nicht mehr dieser Graben
zwischen Arm und Reich besteht. Die Profite sollen
gänzlich eingestellt werden. Börsengänge werden der
Vergangenheit angehören, da sie nur ein künstliches
wirtschaftliches Wachstum hervorrufen. Öffentliche
Institutionen, wie Krankenhäuser, Altersheime oder
Schulen, die Wissenschaft und Schienen- und Stra-
ßenprojekte, die der Menschheit einen höheren Wohl-
stand bringen, werden durch Punkteabgabe geregelt.
Wir müssen ein Miteinander mit der Natur finden.
Natürlich bedarf dies vielerlei Planung und Sorgfalt
bei der Verteilung und Selbstbestimmung der Ge-
meinschaften.
Ich glaube, in diesem Augenblick ist keiner dieser
Herren bereit, etwas von ihrem Besitz abzugeben.
Aber sie werden sehr bald von selbst zu uns stoßen,
falls es nicht für alle schon zu spät ist. Zu spät ist es,
wenn jeder Tag ein Welt-Aids-Tag und jeder Tag ein
Welthungertag sein wird, wenn die Demokratie sich
nur noch in den Köpfen einiger Träumer wiederfin-
det, wenn die letzte Schlacht geschlagen wurde, wenn
wir uns zu spät besinnen. Und wenn Gott genug hat
von dem, was wir hier tun.
Ab jetzt sollten wir jährlich eine Woche für unseren
Heimatplaneten ausrufen und Gott danken, dass er uns
nicht das Licht wegnimmt, womit wir Sonnenener-
gie produzieren. An diesen Tagen sollte der Mensch
komplett auf alles verzichten und die Erde aufatmen
lassen. Nicht zum Wohle der Menschheit, sondern
als Dank an unseren Schöpfer. Kein Wasser benutzen,
kein Strom, kein Auto, kein Essen, nicht viel sprechen,

                           411
nicht arbeiten, Rohstoffe und Produktion runter-
fahren. Über die ganze Welt sollten totale Stille und
Ruhe herrschen. An diesen Tagen sollte jeder sich be-
sinnen und unseren schönen Planeten, das Geschenk
Gottes, in seiner unendlichen Vielfalt feiern. An die-
sen Tagen sollte jeder an die Erde denken, meditieren,
entspannen. Es sollte totaler Frieden herrschen. An
diesen Tagen sollte jeglicher Zank und Unfriede ru-
hen. Die Verschmutzung sollte gestoppt werden, egal
welcher Art. Jedermann sollte mitmachen. Das erin-
nert mich an die Indianer Amerikas, die tagelang das
Erntedankfest feierten. An diesen Tagen sollte alles auf
ein Minimum reduziert werden, Strom, Technik, wie
der jüdische Sabbat zu Ehren unseres Herrn.
Denn nur so können wir schrittweise die Mächtigen
zur Raison bringen. Dann mit Nächstenliebe und gu-
ten Argumenten die Veränderungen schrittweise an-
gehen, bis hin zur einer Welt ohne Profit, gleicher-
maßen für jeden. Das ist unsere VISION.
Unsere einzige Chance, meine Damen und Herren,
endlich der Natur und den armen Menschen dieser
Erde etwas zurückzugeben. Denn wir verzichten auf
das Geld der Reichen und der Banken, wollen des-
wegen auch keine Kriege mehr anzetteln.
Wir haben in der Vergangenheit einzelne Aktionen
in Afrika, Südamerika, Indien, Bangladesch quer über
den ganzen Planeten zur Genüge erprobt. Können
mir die hier Anwesenden etwas Positives darüber be-
richten? Außer dem Bau einer Schule, eines Kranken-
hauses oder anderen Einzelaktionen, die nur der be-
rühmte Tropfen auf dem heißen Stein sind, konnte bis
heute nichts bewirkt werden. Eine Veränderung ha-
ben diese Armen und Kranken meines Wissens nach
nicht erfahren. Im Gegenteil. Die Lage ist nicht nur

                          412
ernst, sondern katastrophal. Wenn sich ein neuer Er-
reger ausbreitet, ist dies dramatisch und tausendmal
schlimmer als eine Atombombe.
Aber lassen wir solche Hypothesen. Viele Tropfen
aber können ein Bächlein entstehen, dieses weiter zu
einem reißenden Fluss anwachsen lassen und so jeder-
mann vor dem Durst retten. Dies ist die VISION der
WWP. Sie sehen, es muss mehr passieren, damit dieses
Unrecht aufhört und die Würde der Menschen wie-
derhergestellt ist.
Ich möchte, dass nach meiner Rede ein erstes Refe-
rendum stattfindet. Hier und jetzt. Wir werden Ihnen
gerne unsere Pläne zur WWP und die Unterlagen
übergeben. Dieses Resultat ist dann im World Wide
Web zu sehen. Die Menschheit kann sich weltweit
an diesem Referendum zur WWP beteiligen und ihre
Meinung dazu frei äußern, ohne jegliche Verpflich-
tung, aber mit der Hoffnung auf diese wunderbare
VISION.“
Tommaso schaute sich im Saal um, ehe er fortfuhr.
„Dies kann entscheidend sein für den zukünftigen
Kurs, den wir nehmen. Wir müssen nicht mehr fra-
gen: ‚Wo kommen wir her?’, denn die Antwort kennt
nur Gott. Zumindest wissen wir spätestens in einigen
Wochen nach der Auszählung, wo wir alle hinwollen.
Dies ist entscheidend für unsere Kinder und Enkel.
Ich bedanke mich fürs Zuhören.
Mit Gott in unseren Herzen ist die Zukunft mit
uns.“

Ein solches Plädoyer hatte sich keiner träumen las-
sen. Tommaso wurde mit Standing Ovations förm-
lich überhäuft, was mich freute und die Umstände für
einen Moment vergessen ließ. Er deutete mit seinen

                        413
Händen an, dass er noch etwas sagen wollte. Er schau-
te mich an, und ich konnte nur erahnen, was er noch
loswerden wollte.
„Meine Damen und Herren, sehr geehrte Anwesen-
de. Ich möchte noch eine sehr traurige Mitteilung
machen. Wir haben seit einigen Stunden die ersten
Märtyrer in der WWP zu beklagen. Meine Tante
Fiona und mein Onkel Guiglelmo Vaccha sind letzte
Nacht feige und brutal ermordet worden. Zwei liebe
Menschen, die bis zur letzten Minute für die WWP
gekämpft haben. Diese beiden Toten sollten die letz-
ten sein, wünsche ich mir und meiner Familie. Die
VISION gehört der Menschheit und sollte niemals
unterdrückt werden, egal von wem und aus welchem
Umfeld er stammt. Er soll hier und jetzt seine Version
vortragen, wenn er den Mut aufbringt, und ich werde
persönlich dafür sorgen, dass er Strafminderung be-
kommt.“
Damit war die Bombe geplatzt und das Unvermeid-
liche nahm seinen Lauf.
Das Referendum wurde im Anschluss an Tommasos
Rede sofort in die Wege geleitet. Mir fiel auf, dass
viele Anwesenden den Saal verließen. Was das bedeu-
ten sollte, konnte ich nur erraten. Sie wollten nicht
abstimmen und gegenüber ihrem Brotgeber schlecht
dastehen, sondern zogen den einfachen und beque-
men Weg vor und nutzten die Freiheit aus, nicht bei
der Abstimmung mitzumachen. Vielleicht hatten sie
Angst, sie würde nicht anonym abgehalten werden
und ihre Namen würden an die Öffentlichkeit gelan-
gen. Denn diese Wahlen waren nicht vollends geheim.
Von den 3.250 Teilnehmern hatten demnach 1.421
den Gipfel verlassen.
Die restlichen Delegierten waren bei allem Verständ-

                         414
nis für die schlechte Lage zwar voll und ganz für eine
radikale Änderung, aber einige fanden es überzogen,
andere verfrüht, der WWP, so wie wir sie präsentiert
hatten, zuzustimmen. Dennoch konnten wir das Re-
ferendum durchführen. Es ging darum, festzustellen,
ob unsere VISION bei der Bevölkerung überhaupt
Einklang fand. Denn mit 5  Prozent Zustimmung
konnten wir bereits eine Umsetzung realisieren und
einen Durchbruch verbuchen. Das Resultat war mit
Abstand besser als erwartet, denn 12  Prozent hatten
mit Ja gestimmt, 40 Prozent mit Nein. Der Rest hatte
sich enthalten. Was nicht bedeutete, dass es sich nicht
noch welche anders überlegen würden. Zudem konn-
te man keine abschließenden Konklusionen ziehen,
denn die Wahl, an der sich jeder weltweit elektronisch
beteiligen konnte anhand des Verfassungsstatutfor-
mulars der WWP-Foundation, war nur knappe acht
Stunden offen, und innerhalb von drei Tagen konnte
sich noch vieles ändern.

Als wir Richtung Hotel fuhren, wurde im Wagen hef-
tig diskutiert, ohne eine endgültige Erklärung für das
Dilemma zu finden. Klar war, dass sich viele in diesem
Moment die gewaltige Änderung nicht zutrauten.
Beim Abendessen wurden wir nach einer Gedenk-
und Trauerminute für unsere lieben Verstorbenen von
einem Mann aus Togo, Afrika, angesprochen, der an
unseren Tisch gekommen war und sich als Teilnehmer
des Gipfeltreffens vorgestellt hatte.
„Meine Damen und Herren!“ Er schaute mich und
Tommaso an. „Ich wollte Ihnen die letzten Nachrich-
ten aus den Medien und dem Internet nicht vorent-
halten. Es sieht so aus, als hätte Ihre Rede wie eine
Bombe eingeschlagen. Mehr als 800 Millionen Men-

                         415
schen haben zurzeit im Internet mit Ja für die WWP
gestimmt, obwohl bis dato nicht alle Menschen infor-
miert sind und einen Zugang haben. Ich kann jetzt
schon sagen: Ich bin an Ihrer Seite.“
Unvorhersehbarerweise hatten sich demnach etwa
10 Prozent für die neue Welt entschieden. Wir saßen
da, ohne zu wissen, wie wir auf eine solche Nachricht
reagieren sollten.
„Freuen Sie sich denn gar nicht?“, kam die Frage.
Wie war sein Name doch gleich? Niemand hatte ihn
verstanden, als er sich vorgestellt hatte. Hatte er sich
überhaupt vorgestellt?
„Sie können sich gerne selbst überzeugen und die
Lage bei uns in der Suite am Computer verfolgen.“
Er sah wohl, dass wir ihm nicht so richtig glauben
wollten.
„Ja gerne, Herr …“
„Sahim Nmbo aus Togo, Herr Brink“, stellte er sich
nochmals vor.
Ich reichte ihm die Hand. In seiner Suite auf dem
Couchtisch stand ein Computer, und an der Wand
zwischen zwei Sesseln hing der Schirm, wo wir
gleichzeitig die Internet-Resultate und die Sendung
auf Channel Peace, an das ich exklusiv die Senderechte
vergeben hatte, verfolgen konnten.
Die von einer Menschenmenge eingekesselte Repor-
terin schrie ins Mikrofon zur Kamera hin: „Ich kann
meine eigene Stimme nicht verstehen. Die Menschen
feiern und wollen nach einer Umfrage sofort einen
solchen Ruhetag einläuten. Sie sind von der Idee fas-
ziniert und sehen, dass endlich ein Schritt in die rich-
tige Richtung getan wird. Die Ordnungshüter sind
noch bis zu diesem Augenblick auf Abstand geblieben
und scheinen abzuwarten, was von oben entschieden

                          416
wird. Ich gebe zurück ins Studio, wo mein Kollege ein
ähnliches Bild zeigen kann.“
„Jennifer Laval, hier Channel Peace aus Brüssel … die
Menschen sind überwältigt …“
Auf allen Sendern war Ähnliches zu beobachten.
Menschen wollten ihre Stimme für die neue VISION
abgeben und teilhaben an der Welt und nicht am
Untergang, weil gewisse Kreise einfach nicht genug
bekommen konnten. Die Machthaber benutzten die
Niederen und Armen, um ihren Wohlstand weiter auf-
rechtzuerhalten. Hier wiederholte sich die Geschichte
des 19. Jahrhunderts, als die weißen Amerikaner Ge-
biete an die mexikanischen Großgrundbesitzer abtra-
ten, die sich freuten mit den Worten: „Es ist gut, die
Indianer zu besitzen. Sie bestellen die Felder und sorgen
für unser Vieh, und die indianischen Frauen kochen, put-
zen und kümmern sich sehr gut um unsere Kinder.“ Da-
mals steckte man die Indianer in Reservate. Später, als
ihr Unterhalt zu teuer wurde, da die Reservate kein
fruchtbares Land boten und nur aus Stein und Wüs-
te bestanden, wurden die Indianer samt ihrem Land
verkauft und versklavt, was ein sehr dunkles Kapitel
des amerikanischen weißen Mannes darstellte. Alle
Bisons wurden zu jener Zeit abgeschlachtet und so
den Indianern ihre Lebensgrundlage entzogen. Die-
se Tiere lieferten den Menschen Fleisch, Behausung,
Bekleidung, Öl, Fette, Werkzeuge und vieles mehr. So
konnte man sehen, wie die Amerikaner jahrhunderte-
lang in ihrem eroberten Land gewütet hatten und sich
später weltweit, bis heute, auf gleiche Art die Mensch-
heit untertan machen wollten.
Mich würde es nicht überraschen, wenn sich all dies
eines Tages rächen würde. Nichts lag mir ferner, als
Aufstände, Terror oder sogar einen Bürgerkrieg anzu-

                          417
zetteln. Meine Bedenken waren ganz anderer Natur.
Was wäre, wenn die Flüsse kein Wasser mehr führen,
wenn in den Wäldern keine Bäume mehr stehen, in
den Meeren keine Fische mehr schwimmen und die
nächste Ernte ausbleiben würde?
Man musste der Menschheit mehr ins Gewissen reden
und sie wachrütteln.




                       418
Der Durchbruch

Im Internet konnten wir anhand der Besucherzahlen
unserer Homepage fast eine Milliarde Stimmen zäh-
len. Eine gewisse Unruhe übermannte mich.
Das Handy klingelte.
„Herr Brink“, sagte der UN-Generalsekretär, „ist ein
Bildschirm in Ihrer Nähe? Haben Sie mitbekommen,
was in der Welt los ist? Dies bringt Unruhen quer
über den ganzen Planeten. Die Nachricht, dass beim
Gipfel für eine WWP-Gesellschaft entschieden wurde,
läuft auf allen Kanälen. Dabei haben Sie nur 12 Pro-
zent erreicht, und das auch noch, nachdem ein Drit-
tel gegangen war. – Wo stecken Sie jetzt? Wir müssen
schnell eine Besprechung einberufen. Ich möchte, dass
Sie alle dabei sind, ist das klar! Meine Leute werden
den Rest veranlassen. Sagen wir in drei Stunden im
Konferenzsaal!“
Er legte auf, und ich sah, wie sie mich anstarrten.
„Also, was wollte er?“, fragte Antonia.

Knappe zwei Stunden später saßen Tommaso, Antonia
und ich wieder im Sitzungssaal. Die Reporter drau-
ßen wollten jede einzelne noch so kleine Nachricht
sofort melden. Es tat sich etwas. Sie hatten im Saal
einen riesigen Schirm und etwa zwanzig kleinere ins-
tallieren lassen, damit wir auf dem Laufenden gehalten
wurden und alle Stimmen, die auf unserer Homepage
hinzukamen, ablesen konnten. Die Zahl war bereits
auf 1.324.375.412 Stimmen angewachsen, während
der Zähler unaufhaltsam weiterlief. Im Saal redeten
alle durcheinander. Wir warteten auf den EU-Präsi-
denten und den UN-Generalsekretär.
Ich schaute mich um. Ich hätte darauf wetten können,

                         419
da waren Leute und Lobbyisten im Saal, die am liebs-
ten diese Homepage verschwinden lassen würden. Die
Spannung wuchs ins Unermessliche. Viele Anhänger
umringten uns und stellten viele Fragen. Wir gaben
aber zu verstehen, dass dies nur mit der UN und der
EU auf dem Weg der gesetzlichen Verordnung gehen
konnte. Andere äußerten auch ihre Bedenken. Mei-
ne Sorge bestand darin, dass diese Konfrontation zu
handfesten Auseinandersetzungen ausarten würde.
Um eine Katastrophe zu verhindern, musste ich ver-
suchen, die Gemüter zu beruhigen. In meiner Rede
wollte ich darauf hinweisen, wie es nun konkret wei-
tergehen würde.
Der EU-Präsident und der UN-Generalsekretär tra-
ten mit mir und Tommaso vor die Gipfelmitglieder
und eröffneten die Konferenz. Es sollte eine lange
Nacht werden. Nach einer kleinen Erläuterung der
UN-Spitze rief er mich zum Rednerpult.
„Ich möchte das Wort an unseren Partner und Lei-
ter der VISION einer Welt ohne Profit weitergeben. Ich
wünsche Ihnen, mein lieber Herr Brink, viel Erfolg!
Danke, meine Damen und Herren.“
Ich übernahm das Rednerpult mit den vielen Mikro-
fonen.
„Wenn das stimmt, was sich gerade da draußen in der
Welt abspielt, könnte das bedeuten, dass wir und unse-
re Erde eine reelle Chance haben und das Schlimmste
verhindert werden kann. Ich möchte jeden im Saal
und die Menschen da draußen einladen, an unserer
VISION mitzuarbeiten und eine niemals in der Ge-
schichte da gewesene Einigung der Menschheit zu er-
möglichen.
Unsere VISION steht sogar über der VISION der
NASA, den Menschen den Mond betreten zu las-

                         420
sen. Damals haben Millionen vor den Fernsehschir-
men die ersten Schritte eines Menschen auf einem
fremden Planeten verfolgt, und alle, aber auch alle, ob
Amerikaner, Europäer, Asiaten, Afrikaner und alle an-
deren Bewohner auf der Erde, waren sich einig, diesen
Schritt zu machen – und das mit Erfolg.
Die Frage lautet hier und heute: Welche Welt und
welche Zukunft wollen wir uns oder unseren Kin-
dern hinterlassen? Wenn wir so weitermachen wie
bisher, erwartet unsere Nachkommen Folgendes: eine
gottlose Menschheit, viel Materialismus, viel Konsum,
viele Egoisten und viele Lügen. Eine unaufhörliche
Spirale des immer Mehr, die zu schwerwiegenden
Folgen geführt hat; und es wird so weitergehen. Dann
bleibt nur:
eine Erde ohne Ressourcen und Rohstoffe,
eine bald radioaktiv verstrahlte Erde,
eine feindliche Erde,
eine ausgeschlachtete Erde,
eine Erde ohne Tiere,
eine Erde ohne Vegetation,
eine von wenigen Mächtigen unterdrückte Erde,
eine sich ständig im Krieg befindliche Erde,
eine Erde ohne sauberes Trinkwasser,
eine mit Angst und Leid erfüllte Erde,
eine hungernde Erde,
eine abgebrannte Erde,
eine Erde ohne Träume,VISIONEN oder Zukunft,
eine hoffnungslose Erde.

Ein nicht ausdenkbarer Leidensweg für jeden von uns.
Wem können wir so etwas zumuten oder hinterlas-
sen? , lautet die letzte aller Fragen.
Wenn wir dies vermeiden wollen, müssen wir von

                         421
unseren so gepriesenen Gewohnheiten und falschen
Hoffnungen Abstand nehmen. Wie die Hoffnung
eines Einzelnen auf einen Lottogewinn, eines Tages
reich zu sein. Wir müssen die Sucht nach ständig
mehr Geld, Macht, Umsätzen und Wachstum begra-
ben und uns befreien von all diesen Süchten, die uns
versklaven, vollkommen abhängig machen und uns
dazu bringen, uns unser Leben lang für etwas einzu-
setzen, was wir nicht mit ins Grab oder sonst wohin
mitnehmen können. Dann erst können wir uns die
Erde untertan machen, so wie Gott es gewollt hat. Ein
Zusammenleben mit der Natur und im Dienste aller
Lebewesen. Dazu gehört, Zeit für unseren Herrn, den
Schöpfer des Universums, und für Muse zu schaffen.
Ich glaube fest daran, dass dann ein Paradies auf Erden
möglich ist. Wir sollten all diesen kurzweiligen käuf-
lichen Glücksmachern widerstehen und in Frieden
zusammenleben. Es ist genug für jeden da, aber nur
wenn wir das alles gerecht und mit Würde verteilen.
Ich wünsche der Erde und den Lebewesen dafür alles
Gute.“

Alle saßen da und schauten mich nachdenklich an.
Erst als sie sich bewusst wurden, dass die Rede zu
Ende war, fingen sie langsam, einer nach dem ande-
ren, an zu klatschen, bis der Applaus den ganzen Saal
erfüllte.

In dieser Nacht vom 7. Juli 2021 war die WWP ein
fester Bestandteil unserer Menschheit und unserer
Zukunft geworden, auch wenn unsere VISION erst
nach zwei Jahren langsam umgesetzt werden sollte.
Uns blieb ja auch keine andere Wahl.
Ein Wettlauf mit der Zeit begann.

                         422
Die ultimative Zeit unseres Planeten Erde
Der Schreck

Es war das Jahr 2023. Überall wo man hinschaute war
das Leben nur noch ein Scherbenhaufen. Die Mensch-
heit saß in einer Sackgasse. Sie litt immer mehr unter
den Gesetzen der Obrigkeit und Herrlichkeit. Die
Machthaber hielten die Fäden fest in ihren Händen.
Die einstige Demokratie oder freiheitliche Ordnung
war wie einst das römische Reich dahin. Die Welt be-
fand sich in einem schleichenden Sterben. Von sozia-
lem Verständnis und Gerechtigkeit war jegliche Spur
verloren gegangen. Genauso verhielt es sich mit der
Moral und der Ethik bis hin zu einem würdevollen
Leben.
Unser Klima hatte sich bis zum heutigen Tag weiter
verschlechtert. Die hemmungslose Verschwendung
hatte keiner aufhalten können. Es war zu befürchten,
dass die Prophezeiung der Apokalypse nicht mehr
lange auf sich warten ließ, wenn nicht ein Wunder
geschah.
Die Leidenden waren die Niederen und die Anony-
men die weit ins Abseits abgedrängt worden waren.
Sie überlebten dank der Spenden, Almosen und Ab-
fälle die sie auskramten. Schließlich waren sie keine
potentiellen Kunden für die Obrigkeit. Nach Schät-
zung lebte mehr als die Hälfte der Menschheit in die-
sen unwürdigen Zuständen, ohne Aussicht auf Besse-
rung.
Die Tierwelt war aus verschiedenen Gründen, die
den Menschen zuzuschreiben waren, vom Aussterben
bedroht.

Auch nach tausenden von Publikationen die ich ge-

                         423
macht hatte und den vielen Reisen kreuz und quer
über den ganzen Planet war nichts Konkretes dabei
herausgekommen außer, dass jeder Bescheid wusste
wo die Menschelt hinsteuerte, wenn wir nicht etwas
unternehmen würden. Wir liefen ins eigene Verder-
ben.
Die Foren waren zwar immer gut besucht aber kei-
ner der Verantwortlichen wollte etwas tun oder ent-
gegensetzen. Sie gaben immer als Entschuldigung an
nicht teilnehmen zu können da ihnen meine VISION
nicht realisierbar schien. Nur einige Teile der WWP
fruchteten, da die freiwilligen Helfer bedingungslos
an eine Besserung glaubten, was Linderung für viele
Bedürftige bedeutete.

Die Menschheit wollte nicht akzeptieren, dass wenn
wir nicht massiv entgegensteuerten, wir nicht nur uns
selbst, aber alles Leben mit in den Untergang rissen.
Keiner hatte eine Patentlösung bereit oder wollte ir-
gendetwas an seinen Gewohnheiten ändern. Ungezü-
gelter und hemmungsloser Fortschritt war ihr Credo.
Dabei war alles so einfach. Nächstenliebe und der Glau-
be an Gott und schon war die Formel fertig. Das muss-
te die erste Voraussetzung sein. Dies bedeutete keine
faulen Tricks oder Kompromisse zu tolerieren. Nur so
konnte man eine fundamentale Transparenz und Ver-
trauen aufbauen. Das hieß auch nicht, dass das Ganze
Honigschlecken war. Da waren noch immer die täg-
lichen Sorgen, Aufgaben, die Betreuung der Kinder,
die Unterstützung der älteren Generationen und der
Pflegebedürftigen. Zusammen mit demselben Ziel
war jeder individuell für sein Leben verantwortlich.
Was in der einen Gemeinschaft beschlossen wurde,
konnte in den anderen Gemeinschaften demokra-

                         424
tisch angenommen oder verworfen werden, je nach
Lage und geographischer Gegebenheit vor Ort. Sogar
die kulturellen Veranstaltungen wie Traditionen und
Religionen wurden ausgeklammert und waren doch
Bestandteil der Diskussionen, wenn nötig. Dabei war
ein Schiedsgericht zuständig zur Dialogisierung und
zur Zusammenführung der einzelnen Gemeinschafts-
probleme. Ziel war, im Einklang mit Gott, unserem
Schöpfer, und der Natur zu leben. Die Liebe zu pro-
klamieren, Untaten zu verzeihen. Die Verständigung,
und nicht die Ausgrenzung, wurde gefördert.

Es war bitter kalt. Seit Wochen drang kein Sonnen-
licht durch die dunkle Staubwolke. Dunkelheit die
nicht weichen wollte. Ein Erdbeben und vulkani-
sche Eruptionen hatten ganz Südeuropa erschüttert.
Stromausfall und elektromagnetische Destabilisierung
hatten alle elektronischen Apparate gebrauchsunfä-
hig gemacht, so dass keinerlei Hilfe angefragt werden
konnte und die totale, von Menschen verursachte
Katastrophe, noch weiter eskaliert war. Da konnte kei-
ner mehr helfen. Die Menschen verbrannten alles was
brennbar war, um nicht zu erfrieren. Denn die Tempe-
raturen waren, nachdem sie extrem angestiegen waren
in den letzten fünfzehn Tagen, jetzt drastisch gesunken
auf minus acht Grad Celsius. Von den anderen Erd-
teilen wie Amerika und Asien war es unmöglich ge-
worden Hilfsgüter zu bekommen. Ob per Luft, Was-
ser oder Land. Die Wirtschaft war wie gelähmt. Die
komplette Versorgung war zum Stillstand gekommen.
Das Importieren und Exportieren von Lebensmitteln
hatte jetzt Folgen für den ganzen Kontinent. Die-
se Tradition von Gütertransport hatte jetzt schwer-
wiegende Folgen für jedermann. Selbst der Reichste

                         425
war betroffen und konnte seine Versorgung an Le-
bensmitteln und Wasser nicht mehr aufrecht erhalten
oder schützen. Alles war außer Kontrolle geraten. Die
Supermärkte waren bereits nach einer Woche ausge-
plündert und man bekam nichts, aber auch gar nichts
mehr. Weglaufen war auch nicht möglich. Wohin und
wie? Der blanke Chaos und Terror waren ausgebro-
chen, egal wo man hinschaute. Überall bettelnde und
kranke Menschen in den Strassen die nichts Gutes ah-
nen ließen. Der Kälte wegen in Fetzen gekleidet oder
so vermummt, dass man regelrecht Angst bekam, da
man niemanden wieder erkannte.Von den Flutwellen
gar nicht zu sprechen, die einige Stunden nach dem
Erdbeben ganze Küstengebiete samt der Bevölkerung
weggerafft hatten. Mein Herz raste und mein Atem
ging schwer. Ich war komplett erschöpft. Mit etwas
Proviant auf dem Rücken schleppte ich mich den
steilen Weg aus dem Nachbarsdorf hoch. Auf einmal
umringten mich zahlreiche schmutzige und abgema-
gerte Menschen um mir die Beute abzujagen. Mit
Stöcken und anderem Zeug gingen sie auf mich los.
Der Kreis wurde immer enger. Ich versuchte einen
Ausweg zu finden. Aber es gab kein Durchkommen.
Angst und Schrecken übermannten mich.

Mit einem Schlag wurde ich wach. Komplette Dun-
kelheit um mich herum. Wo war ich? Was war ge-
schehen? Ich schaute mich um und röchelte „Licht“.
Sofort ging das Licht an und ich schaute mich schlaf-
trunken und schweißgebadet im Raum um. Ich sah
wie Teresa ruhig auf der Seite lag und fest schlief.
Mensch…was war das… bloß ein Traum… bin ich erschro-
cken… Ich brauchte noch eine Minute um einen kla-
ren Kopf zu bekommen. Nicht auszudenken wenn das

                        426
jetzt tatsächlich so wäre... Ich versuchte wieder Ruhe
einkehren zu lassen. Aber der Traum ließ mich nicht
los. Er war so real gewesen, ich hätte sie alle anfassen
können, so klar hatte ich alles empfunden.
Ich stand auf und holte mir ein Glas Wasser um meine
trockene Kehle zu spülen. Ich stand da in der Küche
und war noch wie vor den Kopf gestoßen. Ein sol-
ches Szenario hatte ich noch nicht erlebt, nicht mal
im Kino. Die Traumfabrik „Gehirn“ hatte mich ge-
täuscht.

Sofort waren meine Sinne wieder scharf und ich über-
legte, wenn dem wirklich so wäre, was dann? Nicht
auszudenken. Das Ende eines ganzen Kontinents und
das, weil der Klimawandel mit all seiner Wucht zuge-
schlagen hatte. Die heftigen Wassermassen und dann
die extreme Dürre beeinflussten die geologischen
Bodenstrukturen bis in die Tiefen und die Folgen
reichten von Erdbeben und Erdverschiebungen bis zu
Vulkanausbrüchen, von der Eifel bis in die südlichen
Mittelmeerregionen. Eine riesige Staub- und Asche-
wolke hatte sich am Himmel über den ganzen euro-
päischen Kontinent ausgebreitet, die für Monate oder
sogar für Jahre alles im Dunkel ließ. Die Konsequen-
zen konnte man sich kaum vorstellen.
In solch einer Situation war man aufeinander ange-
wiesen, sollte man meinen. Aber die Menschheit ver-
hielt sich in dieser aussichtslosen Lage noch egoisti-
scher.
Bei einem radioaktiven Supergau hätte man nicht die
Möglichkeit das verseuchte Gebiet wieder zu betreten
und neu aufzubauen, da es für hunderte von Jahren
verseucht und verloren wäre. Das hatte ich auch nie
verstanden, dass gewisse Politiker ein so großes Ri-

                          427
siko auf die Menschheit geladen hatten und so taten
als wäre alles sicher und sauber dazu. Kein CO2, wie
nett, dafür aber Tonnen von radioaktiv verseuchtem
Material jedes Jahr und das bei jedem Reaktor. Ob-
wohl es keine vernünftige Endlagerung gab und es
nie eine hundertprozentige Sicherheit gab, waren sie
dennoch bereit dieses Risiko einzugehen. Das Ganze
war nur fürs Geschäft bombensicher. Der Steuerzah-
ler musste den Kopf hinhalten, zuerst um die Sub-
sidien zu gewährleisten, dann bei der Abnahme von
Strom, wobei Milliardengewinne von den Vertreibern
erwirtschaftet wurden. Die Politik wie die Vertreiber
würden ansonsten die Finger davon lassen. Das Ge-
schäft war einfach zu lukrativ. Da es aber auf unserem
Planet nur so von Erdbeben und Vulkanausbrüchen
wimmelte, war es schon merkwürdig, dass man dies
zugelassen hatte. Aber gegen Terroristen wollte man
sich wappnen, es klang lächerlich. Wieder ein totales
Paradox der Politik und der Vertreiber. Mit geballter
Wucht würde die Natur sich eines Tages zurückholen
was ihr gehörte. Ein ganzer Kontinent wäre innerhalb
kurzer Zeit zerstört und komplett erobert. In einigen
Jahrzehnten konnte man vielleicht wieder zurück-
kehren. Mit der Kernenergie dagegen erst nach eini-
gen tausend Jahren, wenn überhaupt noch Menschen
auf der Erde lebten. Wir brauchten unsere Natur zum
Überleben und das waren wir unseren nächsten Ge-
nerationen schuldig. Aber vielleicht wussten wir alle
insgeheim, dass es bald Schluss war mit dem Ganzen.
Denn diese hemmungslose Art wie die Menschen sich
auslebten war doch ein Vorbote des Untergangs. Wie
wollten wir die Natur mit der unermüdlichen techno-
logischen Spirale der Errungenschaften und des ver-
schwenderischen Konsums zum Wohle Aller aufrecht

                         428
erhalten? Wir würden bekommen was wir oben hin-
einschütteten, oder Zitat: „Man erntet was man sät“.
Der Beweis lag klar auf der Hand. Die Natur konnte
sich jederzeit alles zurücknehmen, egal was wir so an
Prachtbauten oder so genannten Vorwarnanlagen ein-
gerichtet hatten. Es lohnte und rechnete sich einfach
nicht sein Leben lang Kapital oder Besitztümer an-
zuhäufen, um diese dann ein Leben lang zu schützen,
und wenn es sein musste mit Kriegen.
Das war die Welt der Marktwirtschaft und des Ka-
pitals. Die Misswirtschaft der Machthaber, der Politi-
ker, der Banken und Börsen. Denn sie bedienten sich
immer mehr unehrlicher, skrupelloser und unseriöser
Praktiken um dem Kunden das letzte Hemd abzu-
knöpfen und ihn gefügig zu machen. Der Einzelne
stand all diesem Schwindel machtlos gegenüber.

Das alles hatte mich die ganzen Jahre getrieben für
eine menschlichere Zukunft zu kämpfen und nach
Lösungen zu suchen. Für eine neue weltweite Gesell-
schaftsstruktur ohne Ausbeutung und hemmungslo-
sen Profit zu plädieren, was jedem ein besseres Dasein
gewährte. Ohne Stress oder hinter Geld oder sonst
welchen unnötigen und unsinnigen materialistischen
Konsumgütern zu rennen. All dies sollte in der Ver-
fassung der Gemeinschaften festgeschrieben werden.
Für ein gerechtes und würdevolles Leben. Hier war
der Slogan „Zeit ist Geld“ vollkommen fehl am Platz,
ja sogar lächerlich. Ich war neugierig wie viele zu uns
stoßen würden. Auch wenn es nur eine Million Men-
schen waren die sich bereit erklärten mit zu gehen,
hatten wir bereits gewonnen.
Keine Gesetze die bei Übertretung auf Geldbußen
ausgerichtet waren. Aber Regeln und Sanktionen die

                         429
den Zusammenhalt der Gemeinschaft förderten. Die
Verfassung sollte neu geschrieben werden. Die Men-
schenrechte endlich respektiert werden. Jeder war
wichtig und hatte seine Funktion und Verantwortung
etwas beizusteuern. Jeder konnte jederzeit zu uns sto-
ßen und mitwirken, ohne Ausnahme. Die Kriminellen
hatten auch ihre Chance, jedoch sollten sie keine Pri-
vilege, aber weiter ihre Strafe bekommen. Streng aber
gerecht. Das Phänomen Kapital und Verbrechen sollte
drastisch aus unserer Gemeinschaft verbannt werden,
da viele dieser Untaten aus genau diesen Gründen,
nämlich Geldgier, Betrügerei, Neid und Missgunst
geschahen. Für Geld tat man fast alles und bekam man
fast alles.
Wir wollten dies ändern zugunsten der Nächstenlie-
be, Solidarität, Toleranz, Mitgefühl,Verständnis fürein-
ander. Transparenz, Ehrlichkeit und Vertrauen mussten
wieder hergestellt werden.
Das Leben jedes Einzelnen musste in der Verfassung
absolute Priorität haben und war der Grundstein
unserer Zivilisation. An diese Werte sollten wir zu-
rückerinnert werden und uns entsprechend verhal-
ten. Mit Respekt vor der Meinung anderer. Seien es
Menschen, Tiere, Pflanzen oder Mutter Erde die uns
von Gott geschenkt wurde.
Das war das Elementare an der neuen Verfassung. Es
sollte nicht nur der Mensch angesprochen werden
aber alles was ihn umgab. Der Himmel und die Erde
mit all ihrer Vielfalt.
Weiter sollte Eigentum weiter bestehen für alle. Jeder
war frei sein Leben so zu gestalten wie es ihm pass-
te und wie er es vermochte. Nur etwas bescheidener
und auf keinen Fall in diesem irrsinnigen Tempo der
letzten hundert Jahre.

                          430
Unsere Grundregeln dagegen waren bis zum heuti-
gen Tag unverändert. Die zehn Gebote Gottes immer
noch aktuell. Sie erlaubten uns zusammen in Frieden
mit Gott und der Erde zu leben.

Beim Frühstück erzählte ich Teresa von meinem
Traum den sie besorgnisvoll als unheilverkündend
deutete.

Die UNO hatte demnach den Auftrag eine globale
Weltverfassung für den gesamten Planet aufzustellen
nach dem biblischen Zitat: „Geht und macht euch die
Erde untertan“. Genau das Gegenteil ist jedoch dar-
aus geworden. Die Erde hat sich den Menschen un-
tertan gemacht, so wie vom Gegner beabsichtigt: die
Menschen sind der Materie gefügig geworden. Wir
mussten uns unserer Aufgabe unbedingt wieder be-
wusst werden und zu Ersterem zurückgelangen, was
wiederum nicht gleichzusetzen sein sollte mit rück-
sichtsloser Ausbeutung.
Anstatt mich endlich in meinen bequemen Sessel zu-
rückzulehnen war schon die nächste Herausforderung
an mich gestellt worden. Für einen Moment wollte
ich ablehnen. Aber da ich vor zwei Jahren selbst den
Stein ins Rollen gebracht hatte wollte man mich un-
bedingt dabei haben. Teresa war damit gar nicht ein-
verstanden. Aber was sollte ich machen? Tatenlos zu-
sehen war nicht mein Ding.
Tommaso war voll begeistert von unserem Auftrag.
Antonia wollte auch mit von der Partie sein. Nur Jan
konnte nicht mit einsteigen da er immer noch unter
den Folgen seiner Verletzungen litt. Die Schuldigen
hatte man bis heute nicht bestraft. Aber aufgeschoben
ist nicht aufgehoben. Man würde sie fassen, egal wo

                        431
sie sich verkrochen hatten. Genauso verhielt es sich
mit dem Tod meiner Schwägerin Fiona und meines
Schwagers Guiglelmo. Auch Rodolfo Chiavari und
die vielen, vielen anderen die etwas auf dieser Welt
verändern wollten.

Vor einigen Wochen hatte mich der UN-Generalse-
kretär angerufen um mir mitzuteilen, dass es einen
gemeinsamen Nenner gab für die WWP.
Dieser Auftrag sollte mein abschließendes Lebens-
werk werden. Ich war entschlossen und viele andere
mit mir. Auch ohne meine Person würde die VISION
realisiert werden.
Mit Hilfe von Gesetzeshütern und Fachleuten jeder
Couleur: Biologen, Chemiker, Ingenieure, Naturschüt-
zer, Theologen, Mediziner, Forscher, Wissenschaftler
und Physiker. Ziel war es auf dem gesamten Globus
die Menschheit zurück zur Schöpfungsordnung zu
führen und eine neue Lebensqualität zu schenken. Al-
len, außer Politikern, Militärs und Machthabern oder
Fundamentalisten die uns im Namen Gottes in Krie-
ge verstrickt und in die jetzige Lage gebracht hatten
mit ihren ewigen Lügen und heuchlerischem Taktie-
ren gegenüber Menschenleben auf der ganzen Welt.
Was konnte man schon von einem Diktator, Macht-
besessenen oder General erwarten außer viel Elend,
Unterdrückung, Hunger und Misere? Und wozu das
alles?

Viele Diskussionen und Besprechungen waren not-
wendig um den richtigen und gerechten Weg für alle
zu finden.
Wie dem auch sei, wir wollten alles daran setzen um
unser Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Denn

                        432
sollte sich alles was in den Worten Jesus Christus, dem
Sohn Gottes, oder in der Bibel mit den Offenba-
rungen der Apokalypse wie auch von Bertha Dudde
(1891-1965) und all der vielen anderen Apostel, Pro-
pheten und Vorhersager verkündet wurde, bewahrhei-
ten, dann gnade uns Gott. Wir konnten dem Tier und
dem Drachen widerstehen. Wie schon Jesus damals
predigte: „Gib den Römern was den Römern gehört
und Gott was Gott gehört“. Ich hatte mich für Letz-
teres entschieden.
Denn so wie wir jetzt lebten, mit einem implantierten
Chip gekennzeichnet, waren wir dem Teufel komplett
ausgeliefert und das bis in den Tod. Aber eher als unter
diesen trügerischen und verlogenen Bedingungen le-
ben zu müssen, verzichtete ich auf all den Kapitalis-
mus und Materialismus.
Unser Ziel sollte ein Neuanfang sein. In Frieden und
in gegenseitiger Nächstenliebe. In der neuen Welt
konnten wir dies alles bekommen. Gott ist der All-
mächtige und der Schöpfer des Universums. Wie
konnten wir uns bloß anmaßen alles zu untersuchen
und zu manipulieren und zu verbessern als hätte Gott
alles falsch gemacht. Welche Unverschämtheit unse-
rerseits Gott spielen zu wollen ohne die Konsequen-
zen auch nur annähernd einschätzen zu können, wie
bei den Nebenwirkungen der Medikamente. Von der
Stammzellenforschung bis zu deren Manipulation.
Die errungenen Erkenntnisse wurden uns vorenthal-
ten und vertuscht. Die Pflanzen trugen kein Saatgut
mehr, Fehlgeburten waren häufiger als Geburten und
unsere Lebensmittel waren vergiftet. Strafe konnte nur
gerecht sein nachdem wir alles verschmutzt und zer-
stört hatten was Gott uns an Lebenswertem, in all den
Jahrtausenden hatte zukommen lassen, auf materieller

                          433
wie auch auf geistiger und spiritueller Ebene.

Die Menschen die dies alles geplant hatten und uns
versklaven wollten aus Machthunger und Habsucht
sollten mit ihrem Satan für immer und ewig von der
Erde verbannt werden.
Der Gegner Gottes hatte schon manches übernom-
men von unserem freien Willen. Seine Gier sich die
Menschheit gefügig zu machen war nicht zu sättigen
und er fiel über die Menschen her, denn seine Zeit
war beinahe abgelaufen. Er würde alles tun und ver-
suchen so viel wie nur möglich mit ihm ins Verderbnis
zu reißen. Viele würden ihm nicht widerstehen kön-
nen, denn er würde vieles versprechen und Wunder
vollbringen um sie zu überzeugen. Nur wenige wür-
den gerettet werden, wurde prophezeit, und in Gottes
Haus aufgenommen werden.

Ich war überzeugt wir würden wie seit jeher auch
ohne das materielle Glück und ohne Elektronik und
totale Überwachung im Leben weiter kommen.
Gott würde uns vor allem Übel und allen Gefahren
beschützen und uns retten, wenn wir nur in Liebe zu
unserem Nächsten und zu unserem Herrn dem All-
mächtigen ehrlich und aufrichtig sein würden und an
Ihn glaubten.




                         434
Die neue Erde

Präambel vom Grundgesetz

In Liebe und im Bewusstsein seiner Verantwortung
vor GOTT, dem allmächtigen Schöpfer des Univer-
sums, der Natur, der Tierwelt, der Pflanzenwelt und
den Menschen, vom freien Willen beseelt, als gleich-
berechtigtes Glied in einer vereinten Erde dem Frieden
der Welt zu dienen und mit all seiner Kraft Unheil von
Allen abzuwenden verpflichtet sich jeder Einzelne die-
ses Grundgesetz zu befolgen.
Die Menschheit in den Gemeinschaften der Erde hat
in freier Selbstbestimmung und in freiem Willen die
Einheit und Freiheit vollendet. Damit gilt es für den
gesamten Planeten und die dazu gehörige Menschheit
Gott zu ehren und Jesus Christus als Gottessohn, der
uns von der Ursünde befreit hat, zu erkennen und im
Glauben an Ihn stets zu beten und alle Gebote Gottes
zu ehren und zu befolgen bis in den leiblichen Tod.
Der Liebe, der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu die-
nen damit keine Finsternis mehr unser Leben betrübt.
Den Irrlehren weltweit abzuschwören. Den Hass und
die Lügen aus unseren Herzen zu verbannen. In ste-
tiger Liebe und Nächstenliebe Gott unserem ewigen
Vater, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen
Geist voll und ganz gerecht zu werden.
-Schutz der Familie und der Kinder
-Schutz der Armen und Kranken
-Schutz des Einzelnen
-Schutz der Ehe
-Schutz der Kinder
-Schutz der älteren Generationen
-Schutz der Kranken und der Pflegebedürftigen

                         435
-Schutz der gesamten Tierwelt
-Schutz der Natur und der Vegetation
-Schutz der Gewässer und der Meere
-Schutz der Rohstoffe, Ressourcen und Bodenschätze
-Schutz der Luft und der Atmosphäre
-Schutz des Klimas
-Schutz der Urvölker (ihrer Traditionen und kulturellen
Eigenheiten)
-Schutz des gesamten Planeten ERDE

u.s.w.


Wir wollen dem gesamten Planeten den Schutz ge-
währen den wir selber als Menschen nicht mehr ge-
nießen, da die unumkehrbare schwierige und drama-
tische Lage unseres Planeten nicht mehr zu meistern
ist. Wir versuchen das Beste daraus zu machen.

Aber schon sind da die nächsten Widersacher, die da-
mit ein großes Problem haben. Sie wollen nichts von
ihrer Habe abgeben, rationalisieren oder teilen oder
sonst welche Kompromisse eingehen. Sie wollen ihr
Heim nicht verlassen obschon das Feuer bereits vor
dem Haus steht. Lieber sterben sie in den Flammen.

Mit Hochdruck arbeiten wir an einer Lösung zu je-
dermanns Zufriedenheit. Der Knackpunkt sind die
Wahrung der Integrität aller denkenden Lebewesen,
eine reibungslose Funktion von Warenaustausch, ohne
Diskriminierung oder Rassentrennung bis hin zu den
Verfassungsregeln sowie Handlungs-, Religions- und
Redefreiheit und freier Meinungsaustausch. Eine
hundertprozentige Gleichgestelltheit.

                         436
Das System der nominativen Einheitenvergabe schrei-
tet langsam voran, da keiner so richtig daran glaubt
und das Interesse gering ist. Der Egoismus ist in dieser
finsteren Zeit sehr ausgeprägt.

Wir gehen davon aus, diese Einheiten an alle Perso-
nen zu verteilen, so dass jeder sein Leben vernünftig
bestreiten und seine privaten Wünsche einigermaßen
erfüllen kann.
Jeder bekommt sein Leben lang monatlich eine X-
Anzahl Einheiten gutgeschrieben. Diese werden für
soziale Abgaben (vergleichbar mit den jetzt bekann-
ten Steuern) für Schule, Gesundheit, Krankenhaus,
Strassen, Umwelt, Energie, Wasser, etc..., für persön-
liche Anforderungen wie Lebensmittel, Konsumgüter,
Kleider, Wohnen, etc… und für die Beanspruchung
etwaiger Dienstleistungen genutzt. So wie wir das be-
reits kennen. Nur diesmal ohne ständige Preissteige-
rungen und Gewinnorientierung. Der Profit soll auf
den Produkten, Abgaben und Dienstleistungen gänz-
lich entfallen.
Die Einheiten werden jeden Monat neu ausgetragen.
Jeder ist frei zu entscheiden wie er sie ausgeben möch-
te. Es gibt keinen Kredit oder Zinsen oder negatives
Saldo. Sind alle Einheiten aufgebraucht, sind keine
weiteren Anschaffungen oder Ausgaben mehr mög-
lich. Die Einheiten die während des laufenden vori-
gen Monats nicht aufgebraucht worden sind werden
addiert, können aber nur maximal 2 Jahre aufbewahrt
werden und für eine Reise, ein Hobby oder sonstige
Anschaffungen genutzt werden.
Die Einheiten sind nominativ, d.h. auf den Namen
der Personen ausgetragen und sind nicht an andere
Personen übertragbar.

                          437
Zur Motivation für einen extremen Einsatz oder sons-
tige besondere Taten wird derjenige mit etwas mehr
Einheitenvergabe belohnt. Dies wird von Fall zu Fall
von der Gemeinschaft geprüft, ob ein einmaliger Bo-
nus anfallen sollte, der ebenfalls innerhalb einer be-
stimmten Zeit aufgebraucht werden muss.
Die Einheiten werden wie bei herkömmlicher Buch-
führung genau aufgeführt. Dies bedeutet, man weiß
genau wie viel die Person ausgegeben hat und wofür.
Dabei entfallen jegliche weiteren persönlichen Daten
und jegliches Datenschutzgehabe und Kontrollen.
Jeder Erwachsene besitzt einen eigenen Code der
sonst keinem zugänglich ist. Er wird per Zufallsgene-
rator erteilt und steht nirgendwo vermeldet. Nur die
Eltern kennen den Code ihrer Kinder. Diesen Code
können sie dann nach dem 16. Lebensjahr selber ab-
ändern. Sollte dieser verloren gehen oder vergessen
werden, hat man einen zweiten und einen dritten.
Nur so kann man seine Einheiten steuern und ver-
walten.
Bei besonderen Wünschen schalten sich die leitenden
oder führenden Personen der Gemeinschaft ein, die
dies beurteilen, gewähren oder verweigern und mit
exakter Grundvorgabe demjenigen transparent mittei-
len müssen, ohne Daten zu speichern oder zu irgend-
welchen missbräuchlichen Aktivitäten zu nutzen.
In Zukunft wird genau geprüft und darauf geachtet
was und wie viel wovon produziert, importiert oder
exportiert wird. Somit kann man den Konsum ein-
schränken, Rohstoffe und Ressourcen schonen und
den Verbrauch von Energie konsequent eindämmen.
Dafür werden Daten genutzt und gespeichert ohne
Personenangaben. Die Logistik soll umweltgerecht
gestaltet werden.

                         438
Sie sehen, man muss sich umstellen, was nicht negativ
aufzufassen ist. Der Umwelt zuliebe haben wir keine
andere Wahl, bei mehr als zwölf Milliarden Menschen.
Ob einem das passt oder nicht.
Die Zeiten da wenige alles haben und die anderen
noch nicht mal sauberes Wasser sollen der Vergangen-
heit angehören. Keine Privilegien für niemanden.
Dabei geht es prinzipiell nur darum, Gerechtigkeit
walten zu lassen und Kriegen, Unzufriedenheit und
Elend entgegenzuwirken.
Ich wiederhole, hierbei geht es nicht darum, den Ein-
zelnen zu schikanieren, aber darum, ein soziales, die
Menschenrechte respektierendes Zusammenleben zu
erreichen das unserer Umwelt in Zukunft gerecht
wird und unseren Nachkommen einen lebensfähigen
Planeten beschert.
Die lange destruktive Marktwirtschaft hat somit ein
Ende.

Unsere Gewässer müssen wieder sauberes Wasser füh-
ren. Kein einziges Bächlein auf der ganzen Welt ist
nicht mal mehr fürs Fußbaden geeignet, geschweige
denn zum Fischen. Also was reden wir herum? Die
Politiker und die anderen Verantwortlichen in den
Gemeinden und Kommunen haben sich in den ver-
gangenen Jahren nur halbherzig bis gar nicht darum
gekümmert was (von dem Unternehmer XY) ins
Wasser abgeleitet oder auf Deponien klammheimlich
abtransportiert wurde. Wie wir wissen haben die Ein-
wohner in New York bis heute nicht die blasse Ah-
nung wie der Müll jede Nacht aus ihrer Metropole
abtransportiert und weiter sauber entsorgt wird. Fest
steht, am anderen Morgen sind die Strassen einiger-
maßen frei von Abfällen. Aber was genau passiert mit

                         439
den aber Tonnen von Dreck bestehend aus tausend
verschiedenen Substanzen und toxischer Chemie,
seien es Friseurlacke oder Haarfarbstoffe und vieles
mehr? Nicht gesprochen von dem was in die Gewäs-
ser abgelassen wird und so über den ganzen Planet,
Tag für Tag.
So verhält sich die Industrie. Man hat zu spät reagiert
und nicht geklärt wo der ganze Dreck abgelassen oder
wie er entsorgt werden sollte. Aber mit Geld kann
man bekanntlich viel vertuschen und im Glanz er-
strahlen lassen. Solange die Profite sprudeln ist alles
nur eine Bagatelle. Wann werden wir wach oder zu-
mindest stutzig über die Überangebote der Industrie
und die nie endenden Werbekampagnen? Und das
im Namen unserer Millionen Dollar schweren Elite,
Sportler, Schauspieler und andere wichtige Persön-
lichkeiten, die so noch mehr Geld verdient auf Kos-
ten der Verbraucher und der Umwelt. Umsätze und
Gewinne, das ist das Wichtigste seit den letzten sech-
zig bis hundert Jahren. Der Faktor Mensch und unser
schöner Planet werden systematisch ausgeschlachtet
und bleiben auf der Strecke. Die Banken tun mit ge-
frorener Miene ihres dazu. Immer mehr Kredite und
Wucher an den Börsen haben vielen das Leben zur
Hölle gemacht.

Wir haben nur bedingt Zeit zur Natur und zur Ge-
rechtigkeit umzukehren. Unsere Politiker oder Volks-
vertreter haben all die Jahre nur alles politisiert und
kein bisschen Ahnung worum es geht und haben den
Weisen oder Experten kaum zugehört.
Eine simple Frage: Wie kann ein Doktor der Medizin
Karriere machen in der Politik und auf einem Vertei-
digungsministerposten landen? Mit welchen Kennt-

                         440
nissen, mit welcher Moral oder Vorgehensweise führt
er die Wehrmacht oder sein Land? Gut, er hat Exper-
ten um sich, die ihn beraten, sagen die einen. Aber
schließlich ist er der Chef und entscheidet, oder? Ist
er glaubhaft?
Was ist das für eine Welt wenn alles im eigenen partei-
politischen Interesse abgetan wird und nur Lügen und
falsche Versprechen bereits den Amtsantritt einläuten?
Der Schwur „alle Misere vom Volk fern zu halten“ ist
schon ein Meineid und damit gefängnisreif. Denn
schon Wochen später werden sofort die Steuern er-
höht und gleich mit die eigenen Diäten. „Wer´s glaubt
wird selig“. In Zukunft brauchen wir solche Leute
nicht mehr. Dafür eine Gemeinschaft die gleich im
Dorf den richtigen Ansprechpartner hat um die loka-
len wie kommunalen Probleme zu lösen.
Auf Landesebene werden unsere Gemeinschaftsspre-
cher oder Vertreter die Lage mit anderen Kollegen
erörtern und die nötigen Schritte einleiten. Wozu
brauchen wir da noch Politiker und Investoren oder
Aktionäre, Machthaber und Könige?
Die Gemeinschaftsdelegation wird in Zukunft genau
hierfür geschult sein und nicht aus irgendwelchen Am-
bitionen oder Wahlen hervorgehen. Schlimmstenfalls,
weil der Kandidat kapitalträchtig ist und eine gute Fi-
gur macht. Also was soll das? Er muss kompetent und
vom Fach sein. Das heißt hierfür geschult sein.

Ohne die Vielfalt einzubüssen werden weiter Inge-
nieure wie Ärzte, Facharbeiter wie Ordnungshüter im
Einsatz sein. Die Kneipe wie das Kulturzentrum wer-
den weiter dafür sorgen, dass das Leben normal ab-
läuft, ohne hemmungslose Exzesse in jeder Richtung
unseres Daseins.

                         441
Die Berufe werden nicht aussterben, im Gegenteil.
Endlich können wir uns erfreuen das zu tun wovon
wir als Kinder immer geträumt haben.
Im neuen Einheiten-System sind auch feste Beträ-
ge wie Straßengebühren oder öffentliche wie sozia-
le Strukturen zu entschädigen. Nichts wird anders.
Außer, alles was schief gelaufen ist unter Kontrolle zu
bringen. Die Abzocke-Methoden sind vorbei. Die
Spirale des immer mehr, immer heftiger, immer neuer
und immer teurer ist endgültig vorbei und begraben.
Bei einem solchen System wird der Gemeinschaftssinn
sensibilisiert. Keiner hat Interesse daran den anderen
übers Ohr zu hauen oder besser da zu stehen. Der
einzige Unterschied ist der Intelligenzquotient. Aber
da ist nichts dagegen einzuwenden und das entspricht
der Natur. Wir wollen doch nicht alle in grauen Uni-
formen laufen und vor den Machthabern paradieren.
Diese Zeit ist endgültig vorbei.

Dies ist kein Marxismus oder Kommunismus, keine
Diktatur. Sondern pure Freiheit mit Respekt gegen-
über den Mitmenschen und der Natur. Keine from-
men Worte, aber Tatsachen für das globale Zusam-
menstehen zur Sache. Dazu kommt, dass Schul-, wie
Sport- und Entspannungskomplexe der Bevölkerung
frei zur Verfügung stehen und fest in die Gemein-
schaftsstruktur gehören.
Auf alle 50.000 bis 100.000 Einwohner sollen öffent-
liche Gebäude entstehen wie Krankenhäuser, Haus-
arztpraxen, Ordnungshüterbüros für Gesetzeshüter,
Industrieparks, Sportplätze, Schulen, usw….

Die Rohstoffe so wie die Ressourcen und andere Bo-
denschätze gehören der Gemeinschaft, werden aber

                         442
von der UNO reglementiert und sind gegen Steuer-
abgaben frei erhältlich. Dies gilt auch für den Ge-
brauch von Sonnenenergie, Windenergie, Wasser oder
Holz.Wird eine gewisse Menge überschritten, müssen
zusätzliche Einheiten abgegeben werden.

Der Aufgabenbereich (Arbeit) wird in der Gemein-
schaft aufgeteilt und eingeteilt so wie man es benötigt.
Vorbei sind dann die Zeiten wo Kinder bei Frem-
den gegen Bezahlung verweilen müssen, weil Vater
und Mutter zur Arbeit müssen um Haus, Auto und
Schulden wie Steuern und noch mal Steuern auf die
Steuern zu zahlen, weil die Politiker und das Beam-
tentum wie die Finanzämter sich in Paragraphen und
Alphabeten wälzen und als Reiter hoch zu Ross mit
der Bevölkerung umspringen.
Wir sollten uns wirklich schämen einem Kind das
Spielen oder die Jugend zu nehmen, weil es der Fa-
milie mithelfen muss diese zu ernähren. Auch hier ist
die Gemeinschaft gefordert eine gerechte Verteilung
und eine Rahmenbedingung zu schaffen. Ich wün-
sche mir, dass dies in Zukunft besser wird.
Die Politiker können nur reden und reformieren und
absurde Gesetze verabschieden, die nur noch mehr
Papierkram produzieren, jedoch nicht direkt in den
Arbeitsmarkt eingreifen können oder wollen, wo die
Preise der Konsumgüter und Dienste täglich steigen.
Die Korruption ist ein anderes schwerwiegendes
Thema und nicht in den Griff zu bekommen. Sie ver-
dienen ja mit beim Strom, beim Abfall, bei den Ver-
sicherungen, bei der Mehrwertsteuer, bei der Luxus-
steuer. Bei allem was wir tun oder nicht tun werden
wir ständig zur Kasse gebeten. „ …oder stirb. “
Eine feine Art den eigenen Bürger auszurauben, bis

                          443
hin zum Lausch- und Schnüffelangriff auf die Privat-
sphäre.
Eine menschenunwürdige und ungerechte Welt ist
das Resultat.
Die Kriminalität wird mit der WWP mit ziemlicher
Sicherheit um 95% zurückgehen.
Die urbanistische Struktur wird wohl oder übel über-
dacht werden müssen da wir keine Strassen und Städ-
te in diesem Umfang mehr brauchen. „Zurück zur Na-
tur“ wird dann das Leitmotiv sein.

Hier ein Vorschlag für die Einheitenverteilung in der
WWP:
1. Familienvater 10.000 Einheiten
2. Mutter 10.000 Einheiten
3. Kind 5.000 Einheiten
4. Alleinstehender 12.500 Einheiten
5. Alleinerziehender 12.500 Einheiten
6. Kinderlose Ehepaare 18.000 Einheiten
7. Pflegebedürftige, Rentner, Invaliden, Kranke 7.500
Einheiten
8. Alleinlebende Rentner 8.500 Einheiten
9.Witwe(r) mit Eigentum aus der Ehe 12.500 Einhei-
ten (zum Unterhalt der Immobilie; nach freiwilliger
Aufgabe 8.500 Einheiten)
Von diesen Einheiten sind Abgaben von 25% an die
Gemeinschaft zu verrichten.
Es werden Regeln aufgestellt, welche Möglichkei-
ten für die jeweilige Konstellation vorhanden sind.
Für eine Familie oder Alleinstehende, ältere Ehepaa-
re, Pflegebedürftige, Straftäter, … . Sei es im Bereich
Wohnen oder Leben in der Gemeinschaft. Im guten
Einverständnis und in Nächstenliebe. Z.B. eine Fami-
lie mit Kind/ern hat die Möglichkeit zu wählen zwi-

                         444
schen einem Einfamilienhaus oder einer Wohnung.
Weitere Möglichkeiten bestehen bei der Zusammen-
führung mit den Großeltern.
Die Wohnung sollte der Größe der Familie angepasst
sein.
Die Immobilie kann man erwerben und ist Eigen-
tum nach Abzahlung, nur ohne Zinsen zu verrech-
nen. Es gibt jedoch keine Erbschaftsrechte. Für den
Wohnungserwerb gilt eine Abgabe von 1000 bis 2000
Einheiten pro erwachsene Person. Diese gehen an die
Gemeinschaft, die so die Baumaterialien erwerben
kann, wenn nötig auf den Märkten anderer Gemein-
schaften.

Ab dem 16. Lebensjahr erhalten die Kinder 10.000
Einheiten und beteiligen sich an allen Abgaben. Der
Kreis von Einnahmen und Ausgaben wird durch den
Zentralrechner der Gemeinschaft weiter in die Welt
gesteuert und so kann man sehen wo, was, wie und
von wem gekauft wurde. Man darf ohne Erlaubnis
von der Gemeinschaft nichts mehr selber verkaufen,
aber eventuell Gebrauchsgegenstände tauschen. Hier-
für sind bestimmte Regeln zu befolgen welche nur
den Gemeinschaften unterstellt sind. Diese können
kaufen und verkaufen, entscheiden was und wie viel
produziert werden darf um unnötige Verschwendung
und Produktionsüberkapazität zu vermeiden die nie-
mandem nützt.
Dies gilt für alle Produkte und Dienstleistungen der
Mitglieder in der Gemeinschaft. Von den leitenden
Verantwortlichen bis zum Rentner.

Wir wollen somit vermeiden, dass kein Wildwuchs,
unnötiges Unrecht, eine Vetternwirtschaft oder Profit

                        445
entsteht. Diese „Weniger ist mehr- Philosophie“ soll
für mehr Qualität sorgen. Für uns und die Umwelt.
Wenn wir das Geld als Übeltäter all unserer Probleme
entlarvt haben, können wir vieles ändern zum Wohle
der Erde und jedes Einzelnen von uns. Wir sollten an
morgen und an die nächsten Generationen denken,
auch wenn es uns nicht gelingt für die Ewigkeit zu
planen.

Das Einheiten-Zahlsystem hätte folgende positive
Auswirkungen auf die Menschheit und die Welt:
Die Freiheit wird dadurch für jedes Individuum ge-
währleistet da kein direkter Konkurrenzkampf entste-
hen kann.
Keine Immigrationen oder Flüchtlinge wegen sozia-
ler Umstände oder Bürgerkriegen.
Bessere und gerechtere Lebensbedingungen für alle.
Keine Ausbeutung des eigenen Volks.
Keine Kinderarbeit.
Familienfreundliches Zusammenleben.
Keine Hungersnöte.
Weniger Kriminalität durch Kapitaldelikte.
Weniger Missgunst, Neid oder andere Form von
Hass.
Keine Diskriminierung wegen des Sozialstandes.
Keine Kriege für Rohstoffe, Wasser und andere Bo-
denschätze.
Weniger Belastung fürs Klima.
Keine Lügen wegen Profit.
Keine Schleichwerbung.
Keine Korruption.
Transparenz weltweit.
Keine einseitigen Privilegien.
Die Natur wird geschont.

                        446
Die Tierwelt hat bessere Aussichten auf Überleben.
Kein Raubbau oder sinnloses Zerstören unserer Um-
welt.
Bessere Verteilung der Grundnahrung weltweit.
Bessere Verteilung unseres Trinkwassers.
Weniger Krankheiten, physisch wie psychisch.
Weniger Selbstmorde oder Amokläufer.

Diese Liste kann unendlich vervollständigt werden




                           447
1001 Argumente, um die WWP zu fördern

Um der WWP volle Unterstützung zukommen zu
lassen, gibt es bei Gott tausende Argumente.
Ich möchte hier einige hervorheben:
Als Allererstes geht es in unserer Welt seit mehr als
5.000 Jahren nur um GELD und PROFIT.
Man kann in fast 93  Prozent der Fälle ohne Geld
nichts mehr tun, was dazu geführt hat, dass sich alles
in rasendem Tempo verändert hat zum Wohle einiger
wenigen und zum Leid der Menschen und unseres
Planeten.
Deswegen scheint mir, sollten wir uns von dieser
DROGE schleunigst abwenden, von dieser LÜGE
und HEUCHELEI …
Dafür wurde und wird gemordet.
Dafür wurde und wird man zum Kriminellen.
Dafür wurde und wird man beneidet und gehasst.
Dafür wurde und wird man benutzt, versklavt und
unterdrückt.
Dafür wurde und wird man betrogen, belogen, be-
klaut.
Dafür wurde und wird der Mensch ungerecht behan-
delt.
Dafür wurde und wird den Armen die letzte Würde
genommen.
Dafür wurden und werden die Menschenrechte und
die Verfassung mit Füßen getreten.
Dafür wurde und wird das Ganze immer hemmungs-
loser weitergehen.
Dafür wurde und wird die Erde bis zum Schluss aus-
geschlachtet und ausgebeutet.
Dafür wurde und wird unsere Umwelt, die Natur und
die Tierwelt, zerstört.

                         448
Am Wirtschaftswachstum und an den Börsenzahlen
werden wir eines Tages kläglich scheitern, wenn wir
dem nicht Einhalt gebieten und uns nicht einem ein-
facheren und ausgeglichenen Leben zuwenden. Wir
sind Schuld an dem vielen Elend und am Niedergang
unseres Planeten. An dem egoistischen Verhalten jedes
Einzelnen wird die Erde zugrunde gehen, wenn nicht
bald etwas geschieht und wir unsere Dummheit ein-
sehen, dass wir für wenige Reiche unsere Welt und die
unserer Nachfahren ohne Umkehr vernichten. Denn
nur diejenigen, die verstanden haben, dass wir ohne
Geld ein viel friedlicheres Dasein erreichen können,
haben den Sinn des Lebens verstanden. Denn eines
ist sicher, die Erde wird sich auch ohne uns weiter
drehen.




                        449
Eine gute Nachricht an alle die an ein allmäch-
tiges Wesen über uns glauben; Sinn und Zweck
unseres Erdenlebens ist…


Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Dies
allein kann bewirken, dass der Mensch sich wandelt
und in der Wahrheit und somit im Licht anstatt in der
Finsternis weilt. Zudem geht es auf unserem letzten
Erdenweg als Mensch darum, dass wir nicht dem ver-
gänglichen Körper, Besitz oder sonst welchen Subs-
tanzen Rechnung tragen, aber durch Geisteserhellung
der Seele, die wir nicht spüren, sehen, riechen oder
fassen können, alles Recht zugestehen, denn nur Letz-
teres führt uns ins ewige Leben nach dem leiblichen
Tod. Eine Seele voller Sünde, die, im vollen Verstand
und aus dem freiem Willen heraus zu tun und zu las-
sen was wir wollen ohne den Sinn und Zweck des
Lebens zu hinterfragen, während des Erdenlebens gar
nicht bedacht wurde ist fatal und bringt nur den geis-
tigen Tod ein, der im Jenseits Qual und unsägliches
Leiden bedeutet. Wir leben zuviel mit dem Verstand
und lassen dabei unser Herz außer Acht, wo der Tem-
pel Gottes und der Liebe ist. Denn würden wir den
weltlichen Erdengang viel mehr nach unserem Innern,
nach unseren Herzen, ablaufen, würden wir den Ver-
stand nur zum Prüfen benötigen und voller Vertrauen
an uns selbst und an ein Wesen da draußen glauben,
das die Liebe, die pure Liebe, ist. Unvorstellbar, aber
probieren wir es doch mal aus und schon läuft alles
nach der Schöpfungsordnung. Hingegen mit List und
Lüge wird sofort alles zerstört. So einfach ist das. Als
Menschen bestreiten wir unseren letzten Erdengang
und sind ausgestattet mit drei Eigenschaften welche

                          450
Tiere und Pflanzen nicht besitzen, nämlich mit Ge-
danke,Verstand und dem freien Willen zum Handeln.
Jedes Mal können wir diese hinterfragen und bei rich-
tiger Entscheidung führt uns dies näher zu Gott in die
Vollkommenheit und lässt uns selig werden schon auf
der Erde, die nur eine vergängliche Scheinwelt dar-
stellt. Unser Leben auf der Erde ist letztendlich nur
eine Schule die der Seele zum Ausreifen verhelfen soll
um nach unserem leiblichen Tod in das Reich Gottes
zu gelangen, wo das ewige Leben auf unsere Seele
wartet und wir in Liebe miteinander schaffen können
und stets höher aufsteigen.




                         451
Man muss nicht immer alles hinnehmen!
Das Projekt Strike-Bike

Hier ein sehr schönes wie dramatisches Beispiel wie
unsere Wirtschaft die Moral der Menschen zerstört
oder wie man sich wehren kann.
Urteilen Sie selbst.
Eine wahre Geschichte aus dem Jahre 2007
Aller Anfang ist schwer.
Eine so genannte Fahrradfabrik wurde von einem
amerikanischen Privatinvestor in Deutschland über-
nommen und nach einiger Zeit für ein Viertel des
eigentlichen Werts verscherbelt. Darauf folgte prompt
eine Insolvenz und 200 Mitarbeiter oder vielmehr
einzelne Schicksale saßen von einem Tag auf den an-
deren auf der Strasse. Hier sehen wir die Unfähig-
keit unseres Systems und unserer Politik und was sich
ein einzelner Kapitalinvestor mit den Menschen er-
lauben kann und darf. Die Belegschaft jedoch wollte
dies nicht akzeptieren und hat gestreikt (Frauen) bis
die Idee aufkam auf eigene Faust und Kraft weiter
Fahrräder zu bauen, denn das war das einzige was
diese Leute wirklich konnten um ihre Familien zu
ernähren. Somit lancierten sie einen verzweifelten
Versuch mit dem Projekt Strike-Bike und siehe da,
nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es diesen
Menschen ohne Chef oder Vorstand eine eigene Pro-
duktion auf die Beine zu stellen. Nach einiger Zeit
wurden wieder volle Auftragsbücher vermeldet.

Hiermit will ich beweisen, dass es geht und wir die-
se Geier oder Heuschrecken, wie man sie heutzutage
nennt, nicht mehr nötig haben und die Gemeinschaft
hat bewiesen, dass es funktioniert mit der WWP.

                        452
Ende




 453
Angelo Nigro



Dafür müsste man einen weiteren Roman oder eine
Autobiographie schreiben. Aber kurz, ich bin durch
und durch Europäer oder Bürger dieser Erde. Ich
habe während meines Lebens viele Länder bereist und
in verschiedenen sogar einige Jahre gelebt. Durch die-
se Möglichkeit habe ich mehrere Sprachen und die
Menschen vor Ort kennen gelernt. Ich muss dazu sa-
gen oder vielmehr habe ich festgestellt…wie viel Not
sich in jeder Hinsicht da draußen immer mehr aus-
breitet und was die Menschen bewegt und bedrückt.
Die Beweggründe werden fast immer von der Politik
verharmlost und von den Medien falsch dargestellt.
Die Menschheit wirkt dabei wie ein Wollknäuel der
sich gelöst hat und, nun verworren, nicht imstande ist
den Weg zurück zu finden und sich immer weiter in
die falsche Richtung verstrickt. Sie kämpft aber weiß,
dass sie verloren ist, da jeder in seinem Egoismus und
Materialismus glaubt, in der Wahrheit zu stehen. Aber
nur wenige bestimmen das Schicksal vieler auf diesem
Planeten. Ich habe aus diesem Grund mein Leben aus
freiem Willen vor einigen Jahren radikal geändert und
raus aus dem Konsumrausch „das Beste ist mir gerade
gut genug“ zur Nächstenliebe und zum täglichen Ge-
bet zu unserem Vater, dem Schöpfer des Universums,
und seinem geliebten Sohn Jesus Christus gefunden.
Jetzt kann ich aus Überzeugung wieder in Liebe und
Wahrheit leben.




                         454

Buch worldwithoutprofit

  • 3.
  • 4.
    Dieses Buch wurdedigital nach dem neuen „book on demand“ Ver- fahren gedruckt. Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich. Für die Bücher in der deutschen Sprache © 2009 edition nove, Neckenmarkt Printed in the European Union ISBN 978-3-85251-534-2 Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem Papier. www.editionnove.de
  • 5.
    1.Auflage Das Werk isteinschließlich aller seiner Teile urheberechtlich ge- schützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung wie Verfilmung, sind vorbehalten! Ohne ausdrückliche schrift- liche Erlaubnis des Autors darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zum Beispiel manuell oder mit Hilfe elektronischer und mechani- scher Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schaden- ersatz. Alle Personen und Namen sind frei erfunden. Der Roman ist reine Fiktion. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Autors und Verla- ges. Der Verlag übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten. 5
  • 7.
    Ein herzliches Dankeschönan alle, die an diesem Buch mitgewirkt haben, insbesondere an meine Frau Véronique. 7
  • 9.
    Einleitung oder Die Entstehung diesesBuches Nach einem Traum der mich lange beschäftigt und von dem ich nicht wusste was er zu bedeuten hatte, bin ich wie von Geisterhand geleitet zum Schreiben gekommen. In dem Traum vor etwa zwei Jahren war immer wie- der die Rede vom „Salz der Erde“. Dieser Satz wurde in meinem Traum mehrmals wiederholt. Ich konnte damals nicht verstehen was es damit auf sich hatte und habe lange in Büchern, Zeitschriften und im Internet nach Salz, Wasser, Salzkristall, Papst, ägyptische Pyra- miden, Maya und andere Hochkulturen, NA Cl und halt alles was damit zu tun haben könnte recherchiert. Ich bin vom Himalaja Salz bis in die Weltmeere vor- gedrungen. Von Energie-Erzeugung und Elektrolyse bis zur Osmose. Bis vor einigen Tagen… als das Buch praktisch geschrieben war, mir das Motiv oder der Sinn dieses Werkes bewusst wurde und wie Schuppen von den Augen fiel. Worum es im meinem Traum ging, war schlicht und einfach die Bedeutung und den Platz des Menschen auf unserem Planeten und im Universum zu verste- hen. Unabhängig von seinem Glauben, seiner Her- kunft und Couleur. Hier steht der Mensch im Mittel- punkt der Diskussion. Er ist „das Salz der Erde“. Dieser Traum hat mir die Möglichkeit gegeben ein Buch zu schreiben. Ich habe mal früher darüber 9
  • 10.
    nachgedacht, dies einesTages zu tun, aber nie richtig daran geglaubt. Was mich wundert ist, dass ich dabei ein für die Be- griffe einiger Leser komplett utopisches, unrealis- tisches wie illusionäres Buch geschrieben habe. Die darin beschriebene VISION kann aber gar nicht so einfach abgetan werden. Denn mein logisches Den- ken sagt mir und wahrscheinlich vielen von Ihnen, so abwegig ist das Ganze gar nicht, wenn die Menschheit überhaupt eine Chance haben will in Zukunft diesen Planeten weiter zu besiedeln. Unser Ziel darf nicht nur stur auf dem Weg des mate- riellen Glücks weiter ausgebaut werden. Dieser Weg müsste mit unserem klaren Menschenver- stand mittlerweile als der falsche Weg verstanden wer- den, egal wo er hinführen mag. Wenn jeder Einzelne sich damit auseinandersetzen würde, kommt er sehr schnell zum Entschluss, wir laufen entweder in eine Sackgasse oder in unser Verderben.Wir sollten uns be- sinnen und uns selber eingestehen, so weit und nicht weiter.Wir müssen für unsere Kinder etwas tun, wenn es überhaupt noch eine Zukunft für uns Menschen geben soll auf diesem wunderschönen Himmelskör- per. Was wollen wir ihnen und anderen überhaupt hinter- lassen? Lesen Sie selbst. 10
  • 11.
    Vorwort In diesem Buchmöchte ich alle Nationen, Politiker, Religionen, Mediziner, Wirtschaftsbonzen und Ak- tionäre bitten, sich zu mäßigen und zu besinnen, der Menschheit nicht den Weg für eine (bessere) Zukunft zu versperren mit ihren Unersättlichkeiten und Lü- gen. Die Schätze dieser Erde gehören sowohl den Men- schen als auch den Tieren und den Pflanzen. Letz- tere müssen wir wie unsere eigenen Kinder schüt- zen, denn sie können sich nicht wehren. Da unsere Atmosphäre so zerbrechlich ist wie Glas, sollten wir sie mit äußerster Vorsicht behandeln. Alle Menschen haben das Recht, teilzuhaben am Wohlstand, egal, welchem Land, welcher Farbe oder Gesinnung sie angehören. Unsere Kinder brauchen ein Vorbild und wir müssen sie schützen vor jeglicher Ungerechtig- keit. Daher gilt es, der Armut massiv und konsequent entgegenzuwirken. Wir sollten Gott dem Allmächti- gen dienen, damit die Verantwortlichen einsehen, dass dies der einzig richtige Weg ist. Dies sind keine leeren Worte, sondern die Botschaft Gottes, durch Nächs- tenliebe und Toleranz ein besseres Verständnis unter den Menschen auf diesem Planeten zu erreichen. Täglich lernen wir von der Natur oder ahmen sie nach. Aber ist es nicht dennoch schön, nach allen technischen Errungenschaften zurück zur Natur zu finden und nach einem warmen Sommerregen den Duft von Gras einzuatmen? In kalten Wintertagen morgens beim Aufstehen die eisige klare Luft und den kalten Schnee zu fühlen? An einer Quelle, umringt 11
  • 12.
    von Frühlingsblumen, unbekümmertden Durst zu löschen? Also lasst uns alle miteinander etwas tun, damit dies alles für unsere Kinder erhalten bleibt und nicht eines Tages nur noch eine Gutenachtgeschichte darstellt. 12
  • 13.
    Unter dem Druckdes Klimawandels 2013 Angesichts der multimedialen Möglichkeiten ließ sich der nun besser informierte Mensch nicht mehr so einfach durch die Lügenmatrix der Konzerne ein- wickeln, die sich mit billigen Tricks weiter bereichern wollten. Es kam zu einem Machtkampf mit gewissen skrupellosen Geschäftemachern, die bislang gemeint hatten, mit den Rohstoffen und Bodenschätzen unse- rer Erde alles tun und machen zu können, wie es ih- nen beliebte, weil sie das nötige Kapital besaßen. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen war es gelun- gen, zukünftig nicht mehr alles mit Kapital oder Fusio- nen erwerben zu können, da die Regeln und Gesetze sich zum Wohle der Allgemeinheit geändert hatten, zumal eine Umweltkatastrophe, die unwiderruflich auf die Menschheit zurollte, mit allen Konsequenzen drohte. Wir mussten versuchen, sie mit all unserer In- telligenz und unserem Wissen zu verhindern, sei es durch Fahrzeugreduzierungen, Stromeinsparungen oder Rationalisierung gewisser Rohstoffe und Pro- dukte. Wir mussten lernen, bewusster mit alldem um- zugehen und mit der Gemeinschaft zu teilen. Da die meisten fossilen Brennstoffe und Bodenschät- ze sich ihrem Ende zuneigten oder bereits erschöpft waren, lohnten sich Kriege – zumindest deswegen – einfach nicht mehr. Die Zukunft musste sich auf erneuerbare Energien, einen veränderten Lebenswan- del und neue Strukturen unseres alltäglichen Lebens konzentrieren und sich daran orientieren. 13
  • 14.
    Hitze, Dürren, Überschwemmungenund Orkane waren ein fester Bestandteil unseres Alltags gewor- den, dazu kam das Schmelzen der Gletscher. Fast alle Tiere drohten auszusterben, weil das natürliche Um- feld ohne Hemmungen zerstört worden war. Zudem mangelte es zusehends an Wasser, unserem kostbarsten Gut, denn die Gletscher waren verschwunden und nur noch im Winter auf den Nordkappen anzutreffen. Doch das schlimmste Problem stellte die Atmosphäre dar, die so verunreinigt war, dass das Kohlendioxid die Oberhand übernommen hatte und der Sauerstoffan- teil in der Luft schwand. Die überforderten Wissen- schaftler wussten keine Lösungen. Vermutet wurde, dass wir das Ozonloch unterschätzt hatten und der Sauerstoff ins All entwich, wobei der Sauerstoffan- teil in der Luft zurückging. Die Jagd nach Sauerstoff war somit eröffnet. An einigen Stellen standen bereits Sauerstoffzapfsäulen, nur für besser Betuchte natür- lich, während die Bevölkerung in den höheren Lagen und in den Städten über Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelanfälle und viele andere Gesundheitsschä- den klagte. Ein Rückgang der Belastbarkeit der Men- schen machte sich bemerkbar. Großes Unheil stand vor der Tür. Wenn die Politik zuließ, dass sich die Konzerne wei- terhin bereicherten und nichts dagegen unternahm, schien eine universelle Katastrophe unabwendbar zu sein. Wiederum andere, die die prekäre Situation ver- harmlosten, mussten ausgeschaltet werden; jetzt galt es, der Forschung alle Mittel zur Verfügung zu stellen, damit schnell eine Lösung gefunden wurde. 14
  • 15.
    Die Erpresser Mittlerweile wares März geworden. Wir, mein Kol- lege Jan, mein Schwager Guiglelmo und ich, hatten unsere Forschungsarbeiten von damals weiter ausge- baut und Erstaunliches herausgefunden. Es klingelte an der Tür. Zwei Männer standen da und wollten wissen, wo die Unterlagen der Forschungs- arbeiten respektive die Untersuchungen geblieben seien. Sie würden sich für die Organismen in den Untersuchungen interessieren und für eine Firma arbeiten, die nicht genannt werden wolle, aber bereit sei, viel Geld dafür zu zahlen. Sie machten mir ein Angebot. Mir kam das Ganze nach mehr als sechzehn Jahren spanisch vor. Dabei hatte ich das Patent an das Pharmaunternehmen Medpharma für noch weitere zwei Jahre abgetreten, in dem ich leitender Laborchef war seit meinem Abschluss vor acht Jahren. „Die habe ich bei meinem letzten Umzug verloren“, versuchte ich beide abzuwimmeln. „So, und das sollen wir glauben?“ antwortete der Schmächtige mit blonden Haaren und stieß mich zur Seite. „Mal sehen, ob du die Wahrheit sagst.“ Während er eintrat, hielt mich der Dickere fest und meinte mit ruhiger Stimme: „Mach keinen Ärger, Kumpel, ansonsten müssen wir andere Methoden anwenden.“ Ich entschied mich, keinen Widerstand zu leisten, da sich ohnehin nichts im Haus befand, was die Unter- lagen betraf. Nur mein Diplom hing an der Wand meines Büros, das sie, ohne lange zu zaudern, im Nu verwüstet hatten. „Und jetzt zu dem Code vom Safe … Den hast du doch noch, hoffe ich“, sagte der Dickere drohend. 15
  • 16.
    „Ja klar, derist 294 293“, gab ich sofort weiter. „Guter Junge“, kam die Antwort, während er auch schon den Code in die Tastatur vom Safe eintippte, wo vorher der nun runtergeschmissene eingerahm- te Maya-Kalender gehangen hatte. Zum Glück nur eine Kopie. Er holte alle Papiere heraus und stöberte sie durch, ohne fündig zu werden. Den Geldscheinen schenkten sie keine Beachtung. Der Dicke drehte sich zu mir um und meinte: „Wir kommen wieder, dann gibst du sie uns schon – frei- willig, wollen wir wetten …? Dagegen war dies nur ein höflicher Besuch, mein Herr. – Komm, wir hau- en ab!“, sagte er zu seinem Kumpan und beide ver- schwanden ohne weiteren Kommentar in Richtung Tür. So, Brink, jetzt hast du ein Problem am Hals, dachte ich. Du besitzt den Schlüssel zur Produktion von Sauerstoff und Energie. Das verleiht viel Macht. Das darf niemals in falsche Hände geraten. Das hatte ich immer befürchtet. Sie waren jetzt hin- ter mir her. Jemand schien ausgepackt zu haben. Wer wohl? Mein Leben stand plötzlich auf dem Kopf, auch wenn es zugegebenermaßen so hatte kommen müs- sen. Eigentlich hatte ich zuerst eine Anlage errichten wollen, bevor Profitgeier sich über mich und das Pro- jekt stürzten. Doch nun war ich gezwungen, einen anderen Weg zu nehmen. Aber welchen? Mir drehte sich der Kopf. Ich musste handeln, und zwar schnell, so wie damals auf Spitzbergen. In jenen Tagen hatte das Wissen mei- ne Neugier entfacht, ein Feuer zum Lodern gebracht und mich unvermittelt losgeschickt, um zu erfahren, was dahintersteckte. Einen Tag später hätte ich viel- leicht anders entschieden. Doch es war nicht mehr 16
  • 17.
    dasselbe wie damals.Jetzt hatten sie sich an meine Fersen geheftet. So machte das keinen Spaß. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als ich mir meiner Lage bewusst wurde. Ich war kein Held, sie würden mich jagen, um zu erfahren, was ich wusste. Ich muss- te etwas unternehmen, aber was? Mit wem konnte ich reden, wen ins Vertrauen ziehen? Wer hatte etwas ausgeplaudert? Jan, Guiglelmo, León Almeida? Meine Frau Teresa? Möglich wäre auch Fiona, meine Schwä- gerin. Fragen, Fragen und nochmals Fragen. Schließlich war es kein Geheimnis, wie es um unse- ren Planeten und die Atmosphäre stand. Die fossilen Brennstoffe gingen zur Neige, ganz zu schweigen von den Naturkatastrophen, die uns tagtäglich über die Medien vor Augen geführt wurden. Man hätte sich fast an die Bilder gewöhnen können, wären sie nicht so brutal. Die Unzufriedenheit führte weltweit zu vielen Unruhen unter den Völkern, und es war keine Einigung in Sicht, wobei die Amerikaner die Terror- anschläge einfach nicht mehr in den Griff bekommen konnten. Die ungleiche Verteilung griff noch mehr um sich, sodass die Hoffnungen auf eine Besserung völlig zu schwinden drohten. An diesem Märzabend musste ich an meine jungen Jahre denken und wie alles gekommen war. Schon 1996 ein Wettlauf in puncto Jobsuche. Das mobile Telefonieren und dann das Medium Internet. Bereits damals ein Leben voll Stress und Hektik. Die Men- schen erlebten Diktaturen und Kriege. Der Terroris- mus brach über die ganze Welt herein. Selbstmord- kommandos, die sich und unzählige Unschuldige, Kinder und Erwachsene, mit in den Tod rissen. Die wilde Jagd auf Osama Bin Laden, dem die Tat vom 11. September 2001 zugeschrieben wurde, als das Unfass- 17
  • 18.
    bare passierte unddie Türme des World Trade Centers in Schutt und Asche zerfielen. Bis heute der fünfte Nahostkrieg. Israel und die Palästinenser hatten ein- fach keinen gleichnamigen Nenner gefunden, sogar die Sunniten und Schiiten bekriegten einander. Die Politik war in ihren unermüdlichen Friedensbemü- hungen gescheitert, egal, wer die Macht innehatte. Wie oft hatte man Friedenstruppen gesendet. Alles vergebens. Die Araber wollten Israel als eigenständi- gen Staat nicht anerkennen und waren untereinander zerstritten, da sich die Völker im eigenen Land zu sehr unterschieden. Die Korruption zu offensichtlich. Der Graben zwischen Arm und Reich klaffte unüberwind- bar auseinander. Jeder noch so kleine (falsche) Schritt der westlichen Welt wurde mit heftigen Demonstra- tionen und Ausschreitungen von der islamischen Welt bekämpft. Obwohl wir dringend Frieden brauchten, ließen uns der Fanatismus und der Stolz beider Seiten nicht zueinanderfinden. Das Telefon klingelte. Es war Teresa. „Liebling, wir sind soeben in Köln gelandet. Wo bleibst du?“ „Ja, ich hab dich nicht vergessen, es ist bloß etwas da- zwischengekommen. Tut mir leid. Nimm dir ein Taxi und fahr zu meiner Mutter.Wo sind die Kinder?“, gab ich mit ruhiger Stimme zurück. Ich hatte sie ganz ver- gessen und griff geistesgegenwärtig zur Notlüge. „Ich muss nur dringend ins Labor, einige Papiere fertigstel- len, da morgen ein neuer Termin anberaumt wurde. Ich hol dich später bei meiner Mutter ab, okay?“ Ich wollte sie nicht beunruhigen. „Ich beeile mich.“ „Gut, mach nicht zu spät. Ich bereite etwas bei Mut- ti zu essen vor, die Kinder lassen grüßen. Also bis 18
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    dann.“ „Ciao, ciao, bisgleich!“, gab ich zurück und beendete das Gespräch, bevor ich mich noch verriet. Ach ja, die Kinder, soweit man das so sagen konn- te. Tommaso, mein Sohn, war inzwischen mit seinen sechsundzwanzig Jahren genauso erwachsen wie seine zwei Jahre jüngere Schwester Marcella. Meine Frau Teresa war Italienerin und noch sehr hübsch mit ihren sechsundvierzig Jahren. Ich dagegen hatte mit meinen achtundvierzig Jahren bereits graue Haare, und man sah auch schon ein bisschen Bauchspeck, was mich jedoch in keiner Weise störte. Meine Forschungen be- deuteten mir viel, und ich war mit mir, meiner Fa- milie und meinem Job als leitender Pharmadesigner bei Medpharma in Köln sehr zufrieden. Der Aufstieg vom Laborassistenten zum Pharmadesigner verschaff- te mir sehr viel Ansehen, wobei es mich sehr stolz machte, den Menschen mit neuen pharmazeutischen innovativen Konzepten und Präparaten das Leben er- leichtern zu können. Vielleicht war sogar der Eintritt in den Aufsichtsrat möglich. Dennoch ließ mich das mulmige Gefühl nicht los. „Eine Lösung muss her“, stachelte ich mich selbst an. Doch mit wem konnte ich reden, ohne alles preis- zugeben oder mich zu verraten? Nur wir drei wuss- ten von unserem Geheimnis. Jan, Guiglelmo und ich. Ferner hatte unser Freund León Almeida sicher- heitshalber einige Dokumente erhalten, ohne die die Forschungsarbeit nicht enträtselt werden konnte und nicht umsetzbar war. Die Lizenzvergabe an Medpharma umfasste nicht die Produktion von Sauerstoff und Energie, sondern lediglich Sauerstofftabletten für eine bessere Durch- 19
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    blutung von Lungeund Gehirn. Meine Forschungen bestanden auch darin, den Zusammenhang zwischen Alzheimer und dem jahrelangen Verzehr von Lebens- mitteln und Getränken aus Aluminiumkonservendo- sen zu untersuchen. Ich musste Jan anrufen, um nachzufragen, ob sich je- mand bei ihm gemeldet und nach den Unterlagen ge- fragt hatte. Seit einigen Wochen hatte ich nicht mehr mit ihm gesprochen. Bereits beim Anwählen der Tele- fonnummer legte ich den Hörer wieder auf, weil ich keinen unnötigen Wirbel auslösen wollte. Unser Ge- heimnis war bei uns sicher, da wir wussten, was pas- sieren würde, geriete es in falsche Hände. Wir trauten uns damals nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen; es schien einfach noch zu früh zu sein. Bis zum heu- tigen Tag hatten wir noch Bedenken, ob es wirklich funktionierte, insbesondere in großen Mengen. Mir fiel ein, dass ich Guiglelmo in Rom mit dem Vorwand anrufen könnte, mich zu erkundigen, ob Teresa und die Kinder bereits abgereist waren. Ich nahm das Telefon und wählte die Sprechtaste: „Verbinden mit Guiglelmo jetzt.“ „Pronto, con chi parlo?“, erklang die Stimme von Fiona, meiner Schwägerin, auf der anderen Seite, als hätte sie auf den Anruf gewartet. „Ich bin’s, Jeff, sono io, tuo cognato. Come va? Tut- to bene? Sind Teresa und die Kinder bereits abgeflo- gen?“ „Si, si, bereits vor drei Stunden. Sie müssten in Köln schon gelandet sein“, gab Fiona zurück. „Guiglelmo hat sie zum Flughafen gebracht und ist noch nicht zurück. Ich bin etwas beunruhigt, da er nicht gesagt hat, ob er noch etwas erledigen wollte. Er geht auch nicht an sein Handy“, klang Fiona etwas besorgt. „Ist 20
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    nicht seine Art.“ Demmusste auch ich zustimmen und versuchte sie zu beruhigen: „Hat bestimmt jemand getroffen, er wird sicher bald zu Hause sein! Hör mal, wenn er zurück ist, soll er mich bitte zurückrufen“, sagte ich schnell, um sie nicht weiter zu nerven. „Alles Gute, Fiona, bis bald mal wieder.“ „Ciao, Jeff, ciao, ich sag’s ihm. Ciao.“ Ich legte auf. Obwohl ich mich zwang, ruhig zu blei- ben, fingen meine Gedanken an zu rasen. Was ist mit Guiglelmo? Meine Vermutung, dass es da einen Zu- sammenhang gab, ließ mich nicht mehr los. Das Telefon klingelte. Es war Fiona, die sagte: „Jeff, ich wollte dir noch etwas sagen. Vor ein paar Tagen hat er Teresa ein paar Mal gefragt, ob in Deutschland alles okay sei. Er schien die letzten Tage etwas nervös gewesen zu sein. Das kam mir ehrlich gesagt ein biss- chen komisch vor, da ihr noch vor zwei Tagen mit- einander telefoniert hattet.“ Ich musste Fiona die Antwort schuldig bleiben und ihr recht geben. Da war irgendetwas im Busch, aber was? „Warten wir es ab“, gab ich schnell zurück. „Fio- na, wie ist das Wetter bei euch?“ „Heute waren es 28 Grad, viel zu warm“, erwiderte sie. „Fiona, ich muss auflegen, da ich noch einen Anruf erwarte, halt mich auf dem Laufenden, ciao.“ Bevor sie noch etwas erwidern konnte, legte ich den Hörer auf. Soviel ich wusste, hatte es in Italien seit drei Monaten nicht geregnet und das Wasser war bereits seit einigen Jahren rationiert. Lediglich in den Wintermonaten fiel etwas Regen, sonst herrschte bis in den späten Herbst hinein nur Trockenheit. Ich kannte die Geschichte 21
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    der letzten achtJahre nur zu gut. Die Lage hatte sich besorgniserregend zugespitzt. Weihnachten 24 Grad, ab 2.500 Meter einige Schneeflocken. Aber es konnte auch passieren, dass bei einem Wetterumschwung bis zu drei Meter Schnee in ein paar Tagen runterkamen, was dann zu Überschwemmungen führte. Dazu ge- sellte sich die schlechte Versorgung mit Heizöl; immer wieder kam es zu Verspätungen und zu Preisen von 350 Euro pro Barrel, wenn nicht mehr, je nachdem, wie die Spekulanten an der Börse kauften oder ver- kauften. Die Konzerne scherten sich einen Dreck um kartellartige Verstrickungen und nahmen die langjäh- rigen Gerichtsverhandlungen lächelnd in Kauf, die den Bußgeldern folgten. Die OPEC war weltweit nur auf Expandierung und den schnellen Dollar fixiert. Wie sollte so eine Politik den Verbrauchern zugute- kommen und wo sollte das hinführen? Man konnte schließlich nicht in der Kälte sitzen bleiben. Wo steckte Guiglelmo bloß? Da ich Fiona nicht wie- der beunruhigen wollte, versuchte ich es ebenfalls auf seinem Handy, wurde aber auf die Mailbox verwiesen. Das stank zum Himmel. 22
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    Die Entführung Die Geschehnisseentwickelten bereits eine eigene Dynamik. Alles lief unausweichlich auf Komplikatio- nen hinaus, was ich jetzt schon spüren konnte und mir große Sorgen bereitete. Was wussten sie, wer waren sie?, lauteten meine nächsten Gedanken. Verflucht, das scheint noch nicht das Ende zu sein, sagte mir mein Ver- stand, sondern bloß die Spitze des Eisbergs. Aber ruhig, ich musste überlegen, wie ich der momentanen Si- tuation Herr werden konnte, ohne Dummheiten zu machen. Als Erstes durfte ich kein eigenes Telefon be- nutzen; vielleicht wurde ich ja abgehört. Weiter muss- te ich unbemerkt das Haus verlassen und Kontakt mit Jan oder Guiglelmo aufnehmen. Jan wohnte in Frank- furt, zu weit, um schnell einmal dort hinzufahren. Mit dem Wagen würde ich obendrein nicht unbemerkt hier rauskommen. Blieb nur das Hinausschleichen, bevor ich versuchen wollte, mit der Straßenbahn zu meiner Mutter zu gelangen.Was sagte ich Teresa? „Ich bin mit der Straßenbahn hier, um dich abzuholen!“ Lächerlich, ich musste bei der Vorstellung selbst laut lachen, wie sie mich alle anschauen würden. Der hat einen Sprung in der Schüssel. Unsere Abwesenheit scheint ihm nicht gut bekommen zu sein, würden die denken. Ich saß in der Falle. Sie würden wiederkommen und mich auseinandernehmen. Ich war doch nicht … RAMBO. Nein, die warteten auf einen Fehler von mir. Mir blieb keine Wahl, ich musste handeln, um her- auszufinden, was mit Jan oder Guiglelmo los war. Ich durfte auch nicht vergessen, Teresa anzurufen. Wenn möglich aus einer Telefonkabine. So, es reichte. Es musste etwas geschehen. Im selben Augenblick klingelte es an der Tür. Schei- 23
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    ße, sie sindzurückgekommen, ging mir durch den Kopf, während mein Puls unerwartet in die Höhe schnell- te. Ich hatte gesehen, mit welchem Wagen sie vorhin weggefahren waren, und schaute vorsichtig durch die Gardinen. Aber es war nichts zu sehen. Ding dong, ding dong … Leise schlich ich zur Tür und schaute mit ra- sendem Herzschlag durch den Spion. Da stand Jan, nervös mit den Händen fuchtelnd, als wollte er sagen, mach bloß schnell auf. Ich riss die Tür auf und zog ihn am Ärmel zu mir herein. „Jeff, sie sind seit heute Morgen hinter mir her. Ich muss mit dir reden. Sie überwachen uns und unsere Telefone. Bist du alleine? Was ist passiert, dass die hin- ter uns her sind?“ „Eins nach dem anderen und immer ruhig Blut“, ver- suchte ich Jan zu beruhigen, obwohl es mir genauso ging wie ihm. „Setz dich erst mal hin. Möchtest du etwas trinken?“ Ich spürte eine gewisse Erleichterung, ihn bei mir zu haben und mit ihm über alles reden zu können. Aber er merkte, dass bei mir ebenfalls etwas nicht stimmte, da noch nicht aufgeräumt war. Er sprang auf- geregt auf und rief: „Sie waren hier bei dir, nicht wahr, und du tust, als wäre alles in Butter!“ „Beruhige dich erst mal.“ Ich drückte ihn wieder in den Sessel zurück. „Ja, mich haben vor einer guten Stunde zwei Männer aufgesucht. Sie wollten unsere Forschungsarbeiten von damals, haben aber nichts ge- funden und drohten damit, wiederzukommen.“ „Wie bei mir, ein dicker und ein schmächtiger Typ in Anzügen, als wären es Banker.Wer sind sie, was wollen sie und für wen arbeiten sie?“ „Jan, du hast eine Menge Fragen, die ich auch gerne beantwortet haben möchte. Also beruhige dich erst 24
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    mal. Wir sindam Leben und gesund. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um Guiglelmo, der heute Mittag, nachdem er Teresa und die Kinder zum Flughafen ge- fahren hat, nicht mehr nach Hause zurückgekommen ist, und Fiona weiß auch nicht, wo er steckt. Er mel- det sich nicht am Telefon, ich hab’s das letzte Mal vor einer Viertelstunde probiert. – Aber was wollten die Typen von dir?“ „Sie fragten, ob ich meine Examenarbeit von damals verkaufen wolle. Sie würden gut dafür bezahlen. Ich hab ihnen geantwortet, dass ich kein Interesse an einem Deal hätte, woraufhin sie mir kurzerhand die Bude auseinandergenommen und mir gedroht haben, wiederzukommen.“ „Also genauso wie bei mir, wie du siehst.“ „Ich bin dann sofort aus dem Haus, ab in den erstbes- ten ICE und weiter mit dem Taxi zu dir. Dreihundert Meter von hier entfernt bin ich dann ausgestiegen, bevor ich mich von hinten rangeschlichen habe, damit mich keiner sieht.“ „Bist du sicher, dass dich keiner gesehen hat?“ „Ganz sicher“, gab er überzeugt zurück. „Ja gut, und was machen wir jetzt?“ „Ach ja, noch was, Jeff: Etwa fünfzig Meter von hier um die Ecke steht ein schwarzer Van mit holländi- schem Kennzeichen und zwei Leuten drin. Aber ich konnte nicht dicht genug rangehen, um zu erkennen, ob das dieselben Typen sind, die bei mir waren. Also Vorsicht. Ich sehe, du hast alle Gardinen vorgezogen und kein Licht vor dem Haus an.“ „Am besten wir bleiben nicht länger hier, Jan.“ „Aber wo sollen wir hingehen?“, fragte er. „Wir verschwinden unauffällig und beraten später unsere nächsten Schritte. Ich hol nur ein paar Sachen 25
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    und meine Jacke.“ „Machschnell! Wenn die zurückkommen und uns hier zusammen antreffen, sind wir geliefert!“ Jan hatte den Satz noch nicht richtig zu Ende gespro- chen, da klingelte es erneut an der Tür. „Psst“, sagte ich und deutete an, still zu sein, während ich fieberhaft überlegte, was wir tun konnten.Vorsich- tig schlich ich zur Tür und schaute durch den Spion, der allerdings von außen zugehalten wurde. „Wenn wir abhauen, fallen wir auf“, flüsterte ich Jan zu. „Vielleicht haben die auch Kanonen. Ich schlage vor, du verschwindest erst mal, ehe ich aufmache. So hat wenigstens einer von uns die Chance, davonzu- kommen. Versteck dich im Gäste-WC und bleib so lange dort, bis sie reingekommen sind. Ich werde hus- ten, wenn du raus auf die Straße kannst, nicht vorher, verstanden?! Dann nimmst du dir ein Taxi, und wir treffen uns später im Café de Paris, sagen wir mal in ein oder spätestens zwei Stunden. Solltest du bis dahin nichts von mir gehört haben, kannst du zur Polizei gehen. Teresa ist bei meiner Mutter in Bonn. Hast du verstanden?“ „Alles klar!“ „Ich versuche sie abzuwimmeln, ich schaff das schon. Bis dann.“ „Viel Glück, Jeff!“ Jan schlug mit seiner Hand in mei- ne Handfläche, die ich ihm aufhielt, wie früher. Er verschwand im Gäste-WC. Draußen wurden die Herren ungeduldig. Sie pochten laut gegen das Holz. „Ja, wer ist da?“, tat ich überrascht. „Mach sofort auf oder wir machen Kleinholz aus dir!“ Ich meinte die Stimme des Dicklichen wiedererkannt 26
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    zu haben. Wortlosöffnete ich die Tür. „Na also“, blaffte mich der große Blonde an. „Wir hätten noch ein paar Fragen, und versuch ja nicht, uns zu belügen, verstanden, wenn du nicht als Leiche deinen schönen Teppich schmücken willst. Also, wo steckt dein Freund Bieberich? Wir möchten auch deinen Computer checken, wenn du nichts da- gegen hast“, sagte der Dicke. „Mach schon, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!“ „Keine Bange, wir wollen dir nichts anhaben, wir sind hier, um die Unterlagen von deinem Examen abzu- holen. Allerdings bekommst du keine weitere Chan- ce mehr, bevor ich die Geduld verliere und dir eine Kugel in den Kopf jage. Du kannst es dir überlegen. Entscheide du“, meinte der Blonde, als redete er übers Wetter. „Ich, ich … kann jetzt nicht ins Werk, das würde auf- fallen. Am Eingang befinden sich immer mindestens drei Posten seit diesen verdammten Terroranschlägen. Da ist kein Durchkommen.“ „Mach dir mal nicht in die Hose, wir bleiben draußen, während du die Unterlagen holst, ansonsten rufen wir Rom an, du weißt schon, warum.“ Sie schauten mich an und warteten auf eine Reak- tion. „Wieso Rom, was hat das zu bedeuten?“, tat ich un- wissend. Der Dicke ging zur Garderobe neben dem Gäste-WC und holte meinen Mantel. Einen Moment dachte ich, er wolle in der Toilette nachsehen. Mir war ganz schlecht bei dem Gedanken. Er warf mir den Mantel zu und sagte: „Die Sache mit dem Computer hat sich erledigt. Wir begleiten dich zum Werk. Keine faulen Tricks, sonst ist dein Schwa- 27
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    ger die längsteZeit dein Schwager gewesen, ist das klar, Freundchen!“ Jan musste alles mitgehört haben und wusste somit, wo ich in den nächsten Stunden sein würde. „Du brauchst die Unterlagen eh nicht mehr, du hast ja den Wisch dafür bekommen.“ Er meinte mein Di- plom. „Was willst du mit den Papieren? Wir werden gut auf sie aufpassen.“ „Kommt jetzt“, hetzte der Blonde, „wir wollen kei- ne Zeit verlieren.“ Ich wurde zur Tür geleitet, wo er fortfuhr: „Wenn wir die Papiere haben, kann dein Schwager heute Nacht bei seiner Frau schlafen.“ In diesem Augenblick musste ich an Fiona denken und dann an Teresa, die ganz schön böse auf mich sein musste, dass ich so lange im Werk blieb. Doch im Au- genblick blieb mir keine andere Wahl. Der Blonde zog einen Revolver und versteckte ihn in seiner Manteltasche, bevor er ihn in meine Seite bohrte. „Das ist für den Fall, dass du draußen nicht brav bist. So, gehen wir!“, befahl er. „Aber vorsichtig, keine übermütigen Bewegungen, ich bin nämlich ein bisschen nervös.“ Wir gingen auf die andere Straßenseite, wo der Blon- de nach mir in den Fond des Wagens stieg. Der Di- cke fuhr sofort los, ohne nach dem Weg zu fragen. Sie wussten Bescheid und wollten ohne Verletzungen die Sache hinter sich bringen, damit beim Eingang zum Werk nichts Auffälliges zu sehen war. Ich hatte es also mit Profis zu tun, die kein Risiko eingingen und die Situation im Griff zu haben glaubten. Aber ich sträub- te mich, einfach aufzugeben, und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Ein Geistesblitz ließ mich zum Fahrer sagen: „Können Sie die Fensterscheibe hier hinten etwas runterlassen, 28
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    mir ist nichtganz wohl.“ Postwendend ging die Scheibe ein Stück runter, nur an der anderen Seite, wo der Blonde saß. „Gut so?“, sagte er daraufhin. Die wenigen Zentimeter mussten reichen, den Schlüs- selbund hinauszuschleudern. Aber wie bekam ich ihn unauffällig aus der Manteltasche, ohne dass sie es so- fort bemerkten? Zum Glück war es dunkel genug. Vorsichtig tastete ich in meiner Manteltasche danach, schloss dann meine Hand, damit der Schlüsselbund mit dem Büroschlüssel dran nicht raschelte, und hielt ihn fest umklammert. Jetzt brauchte ich nur noch auf meine Chance zu warten. Die Straße zog dunkel und menschenleer an uns vorbei. Ich musste warten, bis wir durch die Stadt fuhren, wo mehr Verkehr herrsch- te. Aber wie lange würde er die Fensterscheibe runter lassen? Mir kam das Ganze vor wie eine Lotterie. Mei- ne Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als wir die Stadt erreichten. Langsam füllten sich die Straßen mit Menschen und Autos. Ich witterte meine Chance. In der nächsten Linkskurve ließ ich mich durch die Zen- trifugalkraft auf den Blonden prallen, riss im selben Moment die linke Hand mit dem Schlüsselbund he- raus und zwängte ihn durch den geöffneten Fenster- spalt nach draußen. Zu meinem Glück kam uns genau rechtzeitig eine Straßenbahn in der Kurve entgegen, sodass der Dicke nicht bremsen konnte und auswei- chen musste. Er fluchte, während mich der Blonde mit voller Wucht auf meinen Platz zurückstieß, dass meine Schulter schmerzte. „Du, Schwein, hast die Schlüssel vom Büro rausge- schmissen. Du willst Ärger und sollst ihn haben“, wü- tete er und schlug mir voll ins Gesicht. Ich heulte vor Schmerz auf, während der Wagen mit 29
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    kreischenden Bremsen etwafünfzig Meter weiter zum Stehen kam. „Ich werde dich zermalmen, wenn wir die Schlüs- sel nicht wiederfinden, du verdammtes Schwein.“ Der Dicke stieg aus. „Du kannst was erleben“, schrie er. „Ich verspreche dir, dass deine Familie dich nicht wiedererkennt, du verdammtes Arschloch.“ Er kam zur Autotür und riss sie fast aus den Scharnieren. Als er gerade losschlagen wollte, hielt der Blonde sei- nen Arm fest und meinte: „Jake, ich versprech dir, wir holen das nach, sobald wir alles hinter uns haben. Eine Tracht Prügel bekommt er für seine Arroganz, aber nachher.“ Der Dicke riss mich aus dem Wagen und befahl mir, die Schlüssel zu suchen. „Wenn wir die Schlüssel nicht finden, fahren wir woandershin mit dir, hast du ver- standen, du Idiot. Keine weiteren Tricks, sonst geht’s dir schlecht, Mister.“ Ein bisschen erschrocken war ich schon, aber meine Idee hatte funktioniert, bis jetzt zumindest. Ich ging mit dem Fahrer die kurze Strecke zurück und begann zu suchen. Die vorbeigehenden Leute machten Bemerkungen wie: „Haben Sie etwas verloren?“ „Ja, meine Hausschlüssel“, erwiderte ich und witterte gleichzeitig meine Chance. „Sie können mir bei der Suche helfen.“ Der Blonde kam dazu und bemerkte ganz lakonisch: „Aber gerne.“ Da sagte eine Frauenstimme: „Hier sind sie.“ Ich griff sofort danach und rief ganz erleichtert: „Gott sei Dank. Sie haben mir das Leben gerettet.“ Meine Entführer starrten sich an, doch bevor etwas passieren konnte, bedankte ich mich bei der Dame: 30
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    „Herzlichen Dank, sokann ich mich jetzt auf den Weg machen. Meine Herren, ebenfalls danke für Ihre Hilfe. Bis vielleicht ein andermal“, drehte mich um und verschwand in der Menge. Sie würden nicht schießen, mir aber auf den Fersen bleiben. Ich bemerkte, wie sie mich verfolgten, und ergriff sofort meine Chance, als ich an einem Lokal vorbeikam, das ich vom Bummeln mit Teresa und den Kindern her kannte. Hier genehmigten wir uns öfter ein Bier. Ich betrat den ziemlich vollen Raum und ging schnurstracks am Tresen vorbei zur Treppe, die zu den Toiletten führte. Anstatt die Männertoilette aufzusuchen, stiefelte ich zu den Damen rein. Hier befand sich ein Fenster. Ohne mich um die zwei Da- men zu kümmern, öffnete ich das Fenster und sprang in den Hinterhof. Ich kam so hart auf, dass ich mir beinahe den Knöchel des rechten Beines verstaucht hätte. Humpelnd lief ich weiter zum Lieferantentor, bog sofort in die Seitenstraße ein und tauchte in der Menge unter. Es verfolgte mich niemand. So konnte ich weiter zur Fußgängerzone gelangen, wo ich ein Taxi nahm. „Zum Café de Paris.“ Während der ganzen Fahrt schwieg ich und dachte nach, was nun mit Guiglelmo passie- ren würde. Eine knappe Viertelstunde später stieg ich aus und zahlte. Es herrschte rege Betriebsamkeit, der Parkplatz vor dem Laden quoll über. Jetzt musste ich zusehen, dass ich Jan erwischte. Er saß am Tresen und unterhielt sich mit zwei Damen. Beim Herumdrehen bemerkte er mich, und ich gab Zeichen, uns etwas abseits zu sprechen. „Wie hast du es geschafft?“, fragte er neugierig. Schnell erzählte ich ihm die ganze Geschichte und endete: „Wie soll es weitergehen, Guiglelmo ist in 31
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    ernster Gefahr.“ „Wir müssenherausfinden, mit wem wir es zu tun haben“, schlug Jan vor. Da konnte ich ihm nur zustimmen. Doch zuallererst musste ich Fiona anrufen und Teresa warnen. Ich er- kundigte mich beim Kellner nach einem Telefon. „Leider nein, da jeder ein Handy hat“, lautete seine etwas amüsierte Antwort, als ob er sagen wollte, wo ich in Gottes Namen herkomme. Was jetzt? Ich fragte Jan, ob die beiden Damen uns wohl ihr Handy ausleihen würden, woraufhin er sich prompt auf den Weg machte. Jan stellte mich wenig später vor, und ich musste zugeben, dass er einen guten Geschmack hatte. Warum ist er eigentlich nicht ver- heiratet, sinnierte ich kurz. Seit mehr als fünf Jahren hatte er zwar eine Freundin, aber sie wohnten nicht zusammen. Als Bankkauffrau jagte sie in der Welt di- versen Metallen hinterher. Ob Aluminium oder Stahl, alles konnte man für die Aktionäre gebrauchen, die sich in unermesslichem Reichtum ergötzen wollten. Aber zurück zu den Damen. Jan fragte ohne Um- schweife, ob sie ein Handy dabeihätten. „Wenn es nicht lange dauert, gerne.“ Ich nahm dankend und mit einem Lächeln an. „Ich bezahle die Zeche“, sagte ich und tippte die Nummer meiner Mutter ein. Nachdem es zweimal geklingelt hatte, nahm meine Mutter den Anruf an. „Hallo, hier bei Brink, wer ist am Apparat?“ „Mama, ich bin’s. Sind Teresa und die Kinder noch bei dir?“ „Ja, aber sie konnten dich nicht erreichen und warten jetzt auf ein Taxi.Wo steckst du, Junge?“ Ich war noch immer der Junge. 32
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    „Kannst du mirTeresa bitte ans Telefon rufen? Ich er- klär’s lieber nur einmal. Sie kann dir dann alles sagen. Ich liebe dich, pass gut auf dich auf. Und schließe abends alles gut ab und öffne keinem Fremden die Tür“, musste ich noch loswerden. „Gut, ich ruf sie, bis bald. Ich hätte mich so gefreut und hatte auch ein Abendessen vorbereitet. Was um Himmels willen geht da vor? Ja, dann tschüss, hier, ich geb sie dir.“ „Jeff, wo steckst du?“, kam die aufgeregte Stimme von Teresa in italienisch-deutschem Akzent, obwohl sie sehr gut Deutsch sprach. „Kann man denn überhaupt noch mit dir rechnen? Was ist los? Kannst du mir das verraten?“ „Hör jetzt gut zu“, sagte ich sehr ruhig. „Du kannst nicht nach Hause, ich hatte heute Abend Besuch von zwei Männern. Sie fragten nach meiner Examenar- beit, bevor sie alles durchwühlt haben. Zu deiner In- formation, unsere Telefone werden abgehört. Ich be- finde mich in Sicherheit. Außerdem ist Jan vor ein paar Stunden bei mir eingetroffen. Den Rest erzähle ich dir, wenn ich bei Mama ankomme. Bleib auf jeden Fall auf der Hut und lasst keinen bei euch rein. Es han- delt sich um Profis, die wohl genau wissen, wo sie uns finden können. Somit auch die Adresse von Mama. Es sind sehr gefährliche Leute, die um jeden Preis das Manuskript haben wollen, und sie sind bewaffnet. Nimm dir am besten mit Mama und den Kindern ein Hotel, du weißt welches, da kann ich problemlos anrufen oder euch aufsuchen. Also bis dann. Ich habe jetzt keine Zeit, dir im Detail zu erzählen, was los ist. Mach schnell. In zwei Stunden ruf ich dich im Hotel wieder an. Also Küsschen, mein Schatz. Ich erkläre dir alles, wenn ich da bin. Bis dann. Ciao.“ 33
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    So, nun mussteich noch Fiona in Rom anrufen. Ohne lange zu fragen, wählte ich auch ihre Nummer. Nach langem Klingeln kam eine weinerliche Stimme: „Pronto chi parla?“ „Ich bin’s Jeff. Was ist los, Fiona?“ „Sie haben die ganze Wohnung durchwühlt und Sa- chen mitgenommen.“ „Wer … hat was?“ „Zwei Männer. Ich glaube, es waren Holländer.“ „Bei uns vor der Tür stand ebenfalls ein Auto mit holländischem Nummernschild, in das ich einsteigen musste. Mensch, bist du sicher, dass es Holländer wa- ren, und was wollten sie?“ „Keine Ahnung, haben sie nicht gesagt. Nur dass Gu- iglelmo zurückkäme, wenn alles wieder in Ordnung sei. Sie haben dich verflucht und gedroht, dich zu er- schießen, wenn sie dich in die Finger kriegen. Jeff, kannst du mir sagen, was los ist? Ich hab ein Recht dazu.“ „Fiona, beruhige dich. Ich kann dir im Augenblick auch nicht mehr sagen. Wir sitzen in der Klemme. Sie haben Guiglelmo entführt und wollen Dokumente von mir erpressen.“ „Welche Dokumente?“ „Meine Examenarbeit von damals.“ „Ach die! Gib sie ihnen, damit Guiglelmo wieder freikommt. Ich bitte dich!“ „Kann ich nicht, selbst wenn ich wollte, ich besitze sie nicht mehr. Sie ist in sicheren Händen seit Jahren und wird auch da bleiben. Keiner hat das Recht, sie zu besitzen.Wenn Guiglelmo nach Hause will, wird er es ihnen sagen, mehr vermag ich im Augenblick nicht zu unternehmen. Ich kann nur versuchen, herauszu- finden, wo sie ihn versteckt halten. Aber zuerst muss 34
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    ich wissen, mitwem wir es zu tun haben. Tut mir leid, aber ich muss jetzt auflegen, da es nicht mein Handy ist und unsere Telefone seit geraumer Zeit abgehört werden. Ich melde mich, sobald ich kann. Kopf hoch und geh zu deiner Schwester Roberta, da bist du si- cher.Versprich es mir.“ Sie antwortete ganz weinerlich. „Jeff, hilf uns bitte, sie sollen ihre verdammten Papiere haben, wenn sie ihnen so wichtig sind. Hauptsache, Guiglelmo kommt wieder frei.“ „Ich verspreche dir, mein Menschenmöglichstes zu unternehmen, dass er bald frei kommt. Sei vorsichtig, pack dir einige Sachen ein und nimm dir ein Taxi. Also, ich melde mich, sobald es was Neues gibt. Kopf hoch, ciao Fiona. Ich hab dich lieb.“ Ich legte auf und war sichtlich betroffen. Das Ganze stimmte mich traurig. Ich konnte fühlen, wie es Fiona ging. Aber zuerst musste ich mit Jan überlegen, was wir als Nächstes tun konnten. Es war kurz vor Mitter- nacht, als ich auf meine Armbanduhr schaute. Bald standen wir auf der Straße. Aber wohin sollten wir nun gehen, ohne andere zu gefährden? Es war bitter, sich nicht einmal in seine eigenen vier Wände zurückziehen zu können. Ich wollte meine Frau und meine Kinder sehen. „So, Jan, wir nehmen uns ein Taxi und fahren zum Hotel.“ In diesem Moment begann es zu regnen. „Auch das noch“, meinte Jan, „ist es nicht mies ge- nug?!“ Etwas weiter die Straße runter warteten bereits einige Taxis auf Kundschaft. Wir stiegen ein und gaben das Hotel an. „Bitte zum Sheraton.“ Keiner sprach ein Wort, auch als der Taxifahrer Witze reißen wollte. Er 35
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    bemerkte sofort, dassuns nicht danach zumute war. Eine halbe Stunde später waren wir an der Rezeption, wo ich höflich empfangen wurde. „Ihre Frau ist bereits mit den Kindern oben“, sagte der Portier. „Danke.“ „Haben die Herren kein Gepäck dabei?“ „Nein“, gab ich kurz zurück, ehe wir uns am Aufzug vorbei um die Ecke zur Bar begaben. Wir mussten noch einiges unter vier Augen besprechen, bevor wir nach oben gingen. „Jan, was hältst du davon, sollten wir nicht die verdammten CDs herausgeben?“ „Bist du verrückt! Auf gar keinen Fall. Du weißt, was dann passieren wird. Niemals in die Hände von Poli- tikern oder Konzernen, haben wir gesagt – und dabei bleibt es.“ „Du hast recht. Und Terroristen schon gar nicht“, er- widerte ich. Wir bestellten zwei Whiskys, obwohl wir keine Whis- kytrinker waren und unsere Vorliebe eher einem gu- ten französischen Rotwein galt. Aber in diesem Mo- ment tat es gut, unsere Sorgen zu ersaufen. Ich musste Jan etwas gestehen. „Hör mir mal gut zu: Ich hab mir damals erlaubt, einige Fehler in unsere Formel einzubauen, und hab euch das bis heute ver- schwiegen, aus vielerlei Gründen. Du weißt ja, wie das ist, man weiß nie im Leben … Leonardo da Vinci ist ähnlich vorgegangen. Er hat bei den Aufzeichnungen seiner Erfindungen immer einen Fehler eingeschleust, damit seine Ideen nicht nachgebaut werden konnten. Ich hab bereits vorgesorgt für den Fall, dass mir etwas zustößt. Das Originalteil der Formel befindet sich in sicheren Händen. Sie würden hingegen die Kopien mit den Fehlern bekommen. Sollen sie sich nur die 36
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    Birne zermartern. Dieverfügen bestimmt über fähi- ge Leute, die vielleicht in fünfzig Jahren herausfinden, wie es funktioniert. Bis dahin braucht eh keiner mehr eine Lösung, wenn wir mit unseren Rohstoffen und dem Klima so weitermachen. Hör mal, ich weiß sogar, wo die beiden von heute Abend abgestiegen sind. Ich habe vorne im Wagen einen bedruckten Umschlag gesehen mit Novotel. Wir könnten versuchen, heraus- zufinden, ob in der Parkgarage das Auto der beiden steht. Irgendwann müssen die doch auch schlafen.“ „Gute Idee!“, stimmte Jan mir zu. Mir ging’s darum, zu erfahren, mit wem wir es zu tun hatten. Jemand musste das Gangsterpärchen doch be- zahlt haben. Jan war sichtlich müde und wollte abschalten, aber das ging jetzt nicht. Da er morgen nach Rom reisen sollte, um dort nach Guiglelmo Ausschau zu halten, brauch- ten wir Informationen, und die bekamen wir nur im Novotel. Nachdem wir einen Plan ausgeheckt hatten, gingen wir auf unsere Zimmer. Teresa wartete bereits ungeduldig. „Ich hab mit Fiona telefoniert. Sie ist außer sich und hat nur geheult. Ihr solltet diesen Leuten die Informationen geben, damit Guiglelmo wieder freikommt.“ „Keiner kommt frei, weder Guiglelmo noch wir, wenn wir nicht diese Bande ausschalten oder Hilfe von au- ßen bekommen. Wir haben jedoch keine Wahl, also werden wir ihnen die Informationen übergeben.“ Fiona und Teresa sollten von den nicht vollständig ge- speicherten Daten noch nicht aufgeklärt werden, da sonst das Risiko bestand, dass sie, bei nicht vorherseh- baren Komplikationen oder Fragen von den Entfüh- rern bezüglich der Vollständigkeit des Materials, sich verquatschten. 37
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    „So bekommen wirzumindest Guiglelmo frei und Zeit zu verschwinden. Buch schon mal vier Tickets für uns nach Cancun und für Jan eins nach Rom. Kannst du das für uns übernehmen? Wir fliegen nach Mexiko zu Jackie und León, da werden sie uns am wenigsten vermuten. Ich hab dort noch einiges aufzuklären.“ Sie starrte mich an, als wäre ich ein Außerirdischer. Aber ich wusste, wovon ich sprach. „Von Cancun fliegen wir weiter nach Palenque. Ich möchte mich dort mit León treffen.“ Ich sah hierin unsere einzige Chance. León Almeida war Maya-Experte. Wir hatten uns vor etwa zwan- zig Jahren in Mexiko kennengelernt und waren seit- dem befreundet. Nach einigem Hin und Her hatte ich, ohne mich mit Jan und Guiglelmo abzusprechen, León einen wichtigen Teil meiner damaligen Arbeit übergeben und mit ihm vereinbart, dass er den Me- morystick mit den codierten Informationen zur An- lage sehr gut aufbewahren sollte, bis ich ihn brauchte. Ohne diese wichtigen Details konnten die Anlagen nicht in Betrieb genommen werden. León ahnte nicht, welche Informationen dieser Stick beinhaltete. Aber vielleicht konnte er uns jetzt helfen. Wir muss- ten an die Öffentlichkeit, damit wir das Projekt star- ten konnten. Die anderen brauchten mein Wissen, um noch mehr Macht und Reichtum anzuhäufen. Denen schien jedes Mittel recht zu sein. „Es tut mir leid, dich, die Kinder und Fiona mit hi- neinziehen zu müssen. Aber was soll ich deiner Mei- nung nach tun? Klein beigeben – dann kannst du mich morgen tot aus der Gosse fischen. Lieber setz ich mich zur Wehr und such nach einem Weg, die Anlagen selbst zu bauen, anstatt es diesen Profithaien und Spekulanten zu überlassen, die doch nur die ge- 38
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    wonnene Energie ander Börse teuer wiederverkau- fen werden.“ Teresa unterbrach mich: „Können wir das den Kin- dern nicht ersparen?“ In diesem Augenblick kam Tommaso herein, ohne an- zuklopfen. Ich zuckte zusammen. „Pa, das ist eine ziemliche Scheißgeschichte mit On- kel Guiglelmo. Was können wir tun?“ Es überraschte mich, wie locker er ranging. „Ich will euch helfen, wenn du erlaubst, damit dieser Albtraum schnell zu Ende geht. Ich hab mir sofort gedacht, dass es um dei- ne Examenarbeit geht. Wo steckt Jan Bieberich? Ich hab gehört, er ist auch bei dir.“ „Er hat ein eigenes Zimmer, wenn du erlaubst. So, und womit willst du mir helfen?“ „Man könnte versuchen, ihre Identität herauszufin- den, und mit ihnen verhandeln.“ „Daran hätte ich nicht gedacht, mein Junge“, entgeg- nete ich. „Diese Leute machen keine Verträge, son- dern nehmen sich, was ihnen in den Kram passt, aber die Idee ist nicht schlecht. Doch wie willst du das an- stellen?“ Ich musste grinsen. „Etwa mit einem weißen Tuch wedeln und sich ergeben?“ „Pa, sei nicht albern! Wie sonst willst du Onkel Gu- iglelmo da rausholen, außer mit einem Lockvogel zu Verhandlungen zu gehen. Sie lassen Onkel Guiglelmo frei, während wir eine gefälschte Examenarbeit ab- geben.“ „Das dürfte nicht so einfach sein. Sie werden zuerst sichergehen wollen, dass sie die richtigen Informa- tionen erhalten haben, und Onkel Guiglelmo nicht eher freigeben, bis sie sie überprüft haben. Und wenn ihnen das nicht reicht, knallen sie Onkel Guiglelmo ab“, fuhr ich fort. „Aber die Richtung stimmt, Junge. 39
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    Aber zu deinerInformation, wir fliegen so bald wie möglich nach Mexiko.“ „Was, Mexiko? Wie? Wieso Mexiko? Was sollen wir in Mexiko?“ „Ich treffe mich dort mit jemand.“ „Ach so, und wer soll das sein?“ „León Almeida“, antwortete ich meinem noch un- wissenden Sohn. Doch ich hatte vor, Tommaso endlich einzuweihen, damit er León warnen konnte, falls etwas passieren sollte. Schließlich war er alt genug und die Zeit reif, ihm einige Vorgänge meiner Erfindung zu unterbrei- ten. „Wir haben einen Plan ausgetüftelt. Wenn der hin- haut, gewinnen wir Zeit, und dein Onkel käme viel- leicht frei. Du wirst dich aber noch etwas in Geduld üben müssen und mich in Mexiko begleiten. – So jetzt brauch ich aber eine Mütze Schlaf. Jan und ich müssen gegen drei, vier Uhr noch einiges erledigen, wenn diese verdammten Bastarde nicht vorher heraus- gefunden haben, wo wir uns aufhalten. Keine Gesprä- che mit Handys. Sie könnten uns vielleicht dadurch lokalisieren. Und keine Telefonate mit irgendwelchen Bekannten und niemals mit Fiona. So können sie uns nicht zurückverfolgen. Schließlich wissen wir nicht, mit wem wir es zu tun haben. Ob Privatiers, Unter- nehmer oder sogar der Geheimdienst und somit die Regierung, jeder kann dahinterstecken. Und aus wel- chem Land stammen sie?“ Diese Fragen mussten geklärt werden, und das Novo- tel könnte uns weiterhelfen. „Wo ist Marcella?“ „In ihrem Zimmer“, gab Teresa sofort zurück. „Sie soll mit niemandem telefonieren, kannst du ihr 40
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    das sagen, Teresa!“ DasZimmertelefon klingelte. Teresa hob den Hörer ab. „Ja bitte! – Ach, du bist es, wie geht’s dir? Was? Du willst mit Jeff sprechen? Au- genblick, ich geb ihn dir. Wir sehen uns aber noch beim Frühstück?“ Sie reichte mir den Hörer. „Es ist Jan.“ „Ja, hallo, was gibt’s?“ „Ich glaub, das Beste wäre, sofort zuzuschlagen, Jeff“, meinte Jan. „Und wieso?“, fragte ich. „Ich dachte, du wärst müde.“ „Ich bin nach der Dusche wieder topfit und denke, wir sollten schnellstens herausfinden, mit wem wir es zu tun haben. Bis dahin hab ich ja doch keine Ruhe“, meinte Jan, womit er recht hatte. „Also los, wir treffen uns draußen vor dem Hotel. Ich lass uns ein Taxi kommen. Bis in zehn Minuten.“ Ich legte wieder auf und wählte die Rezeption. „Bitte ein Taxi in zehn Minuten. – Gut, danke“, sagte ich und drehte mich zu Teresa und Tommaso. „Ihr habt es gehört, wir wollen der Sache schon jetzt auf den Grund gehen und fahren zum Novotel. Falls ich in zwei Stunden noch nicht zurück bin, musst du diese Kette zu León bringen.“ Ich zog die Kette über mei- nen Kopf und gab sie meinem Sohn. „Herr Almeida wird dir den Memorystick nur im Austausch gegen dieses Aztekenmedaillon aushändigen, so haben wir es damals abgemacht, sollte ich ihn nicht persönlich abholen können. Du holst das Paket aber nur, damit Onkel Guiglelmo freikommt, gesetzt den Fall, dass es heute Nacht nicht klappen sollte.“ In diesem Augenblick trat Marcella ins Zimmer, kam sofort auf mich zu und umarmte mich. „Oh Papa, ich 41
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    hab dich sehrvermisst.“ „Bin auch froh, dich wieder bei mir zu haben, mein Kind.“ Sie hielt mich noch eine Weile fest und meinte dann: „Was wollen die von uns? Was ist mit Onkel Guiglel- mo, kommt er wieder frei? Papa, versprich mir, dass ihr sehr vorsichtig seid. Kann ich vielleicht auch hel- fen?“ „Ja, natürlich, du kannst deiner Mutter Gesellschaft leisten.Wir fliegen, sobald ein Flug nach Cancun geht. Es wäre lieb, wenn ihr euch darum kümmert.“ Unsere Strategie beruhte jetzt auf gegenseitigem Ver- trauen, und wenn alle Bescheid wussten, waren wir ein Team und konnten uns so besser durchsetzen. „Wir müssen uns nur ein Handy besorgen, ein neut- rales, was sich nicht zurückverfolgen lässt.“ „Papa, ich hab eins, zwar ein altes, aber es funktioniert noch.“ „Brauchst du sicher, um deine verschiedenen Freun- dinnen anzurufen“, bemerkte ich. Tommaso grinste, ohne sich zu äußern, kramte aus seiner Jackentasche ein Handy hervor und reichte es mir. In diesem Augenblick kam auch Jan ins Zimmer. „So, ich bin so weit.Von mir aus können wir los. Wie weit seid ihr?“ „Alles klar“, bestätigte ich und gab noch einige An- weisungen: „Hört mal gut zu, wir gehen die Sache noch einmal schnell durch. Also, worum es geht: Wir versuchen herauszufinden, ohne viel Wirbel und Auf- sehen, was das für Leute sind und für wen sie arbeiten. Vielleicht finden wir in ihrem Wagen bereits, wonach wir suchen, und ziehen uns sofort zurück. Du, Tom- maso, gibst uns Rückendeckung in der Zeit, wo Jan 42
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    und ich unsan dem Wagen zu schaffen machen. Ist das okay so?“ „Kein Problem, geht klar! Ihr könnt euch auf mich verlassen. Es kribbelt schon.“ „Falls wir durch das Hotel schleichen müssen, wird es nicht einfach, zumal wir sofort auffallen würden. Da sind bestimmt Kameras aufgestellt“, sagte Jan. „Um reinzukommen, müssten wir ein Zimmer reser- vieren. So hätten wir freie Bahn im Hotel“, fiel Tom- maso plötzlich ein. „Ja, das scheint mir das Einfachste zu sein“, gab Jan zu. „Denk ich auch, gute Idee, Junge! Also los, ich sag den Frauen Bescheid. Tommaso, nimm zwei Koffer und steck ein paar Decken rein, damit es echt wirkt – und ab geht’s. Ich bin sehr gespannt, wer dahintersteckt“, sagte ich. „Es müssen Holländer sein. Die hatten einen komi- schen englischen Akzent“, bemerkte Jan. „Egal, es nutzt uns nichts, wenn wir herumraten“, er- widerte ich. „Sie scheinen nicht lockerzulassen.“ Wir gingen runter, verstauten die Koffer im Koffer- raum und fuhren los Richtung Novotel.Tommaso be- trat als Erster das Hotel. Nach einigen Minuten folg- te ich mit Jan. Obwohl es bereits halb zwei in der Nacht war, wurden wir freundlich empfangen. In der Bar saßen noch einige Gäste, zum Glück nicht unsere beiden schrägen Vögel. Tommaso war sofort auf sein Zimmer gegangen. Auch Jan und ich folgten sofort und gaben ihm Bescheid, dass es losging. Wir nahmen den Aufzug zur Tiefgarage, wo nicht allzu viele Autos parkten. Wir brauchten nicht lange zu suchen, da sah ich die schwarze Limousine. 43
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    „Jan, da stehtder Van, der mich mitgenommen hat. Aber Vorsicht, dass der Alarm nicht losgeht.“ Wir taten so, als wollten wir einsteigen, ich an der Fahrerseite und Jan als Beifahrer. Ich fummelte nach dem vermeintlichen Schlüssel, während Jan sich an- schickte, die Beifahrertür zu knacken. Es dauerte eine Weile, bis es so weit war. Sofort ging der Alarm los, als die Fensterscheibe in Stücke zersprang. Er mach- te sofort die Tür auf und lehnte sich in den Wagen, um die Fahrertür zu öffnen. Wir fackelten nicht lan- ge, steckten alles, was im Handschuhfach lag, in eine Plastiktüte und fuhren mit dem Aufzug zu Tommasos Zimmer. Mittlerweile hatte mein Sohn sich schlau ge- macht, wie wir unauffällig aus dem Hotel verschwin- den konnten. Da alle Zimmer im Parterre lagen, war es nicht schwierig, am Ende des Ganges durch den Notausgang nach draußen zu gelangen, wobei der Alarm ausgelöst wurde. Schnell und ohne viele Worte verschwanden wir nach draußen und befanden uns im Park des Hotels. Lichter wurden angeschaltet. Ohne Zwischenfälle konnten wir entkommen. Als wir in einer Nebenstraße angelangt waren, hörten wir in der Ferne, wie sich Polizeisirenen näherten. Wir mussten uns trennen und zurück zum Hotel Sheraton fahren. Im Zentrum nahm jeder ein Taxi. Im Hotel trafen wir auf etwas nervös wartende Frauen, die sich aber entspannten, als wir meldeten, dass alles gut geklappt hätte. Ohne lange zu fackeln, drehte ich die Tüte auf den Kopf und betrachtete unsere Beu- te. Autopapiere, eine Mappe, Adresskarten, Anzünder, Kugelschreiber, Brille und ein kleines Notizbuch, das ich neugierig aufschlug. „Ich glaube, wir haben Glück.“ Ich blätterte darin herum und schlug das Datum von 44
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    heute auf. Dawaren einige Telefonnummern notiert. Mir fielen sofort die 0039-Nummer aus Italien und weitere Nummern aus Holland mit der Vorwahl 0031 auf. „Sieh mal einer an“, sagte ich. Zügig blätterte ich wei- ter und fand einen Namen, der mir sehr bekannt vor- kam, und ich wusste auch, für wen er arbeitete. „Das ist nicht möglich, ein Ölkonzern scheint an unseren Unterlagen interessiert zu sein, wenn das stimmen sollte. Er selbst ist ein ziemlich bekannter Politiker und verkehrt ganz oben in der Regierung. War früher sehr lange Berater des Konzerns, was nicht heißt, dass er dies nicht mehr ist“, fügte ich hinzu. „Wenn das stimmt, Jeff, haben wir gute Arbeit geleis- tet“, freute sich Jan zurückhaltend. „Teresa, ihr bleibt im Hotel. Keiner weiß, wo wir uns befinden. Sobald die Flugtickets beim Portier vor- liegen und die Abflugzeit bekannt ist, verschwinden wir. Du, Jan, musst in Rom in einem Hotel ausstei- gen und versuchen, Fiona unauffällig zu kontaktie- ren. Keine Handys bitte, telefonier nur aus dem Hotel. Diese Telefone können sie schwierig zurückverfolgen. Verstanden? Wir werden nur von Hotel zu Hotel in Kontakt treten, ist das klar, egal, was passiert?! Oder wir hinterlassen eine Nachricht beim Portier, die du abfragen kannst.“ „Ich werde alles Nötige tun. Ich bin doch nicht le- bensmüde.“ „Ich werde dir die Dokumente an deine E-Mail-Ad- resse schicken. Du kannst sie dir dann im Hotel in Rom auf CD brennen. Das könnte Guiglelmo mit ein bisschen Glück das Leben retten. Wir müssen alles versuchen. Tommaso, wir fahren getrennt zum Flug- hafen. Das heißt, du mit deiner Schwester und ich mit 45
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    deiner Mutter“, schlossich das Gespräch. „Wir neh- men noch eine Mütze voll Schlaf, können wir ehrlich gesagt gebrauchen“, gestand ich. „Wann gehen die Flüge?“, fragte ich Teresa. „Morgen zum Frühstück wissen wir Bescheid“, gab sie zurück. „Ich bin jetzt auch müde, ich möchte ins Bett, also gute Nacht allerseits.“ Sie ging rüber zum Schlafzimmer. Marcella hatte kein Wort gesagt, aber die blanke Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich möchte bei Mama schlafen“, sagte sie etwas ängstlich. „Papa, du kannst ja in meinem Zimmer schlafen“, sagte Tommaso sofort. „Nein, ich schlafe hier auf der Couch, es geht schon. Muss noch einige Sachen erledigen und über man- ches nachdenken. Wir können uns keine Fehler er- lauben. Ruht euch gut aus. Wer weiß, was noch alles kommt.Wir können keinem trauen. Ich muss morgen früh auch noch im Werk anrufen.“ Mittlerweile war es halb sechs in der Früh geworden und die Augen brannten mir im Kopf. Die längste Nacht meines Lebens lag hinter mir, ohne eine Party gefeiert zu haben. 46
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    Mexiko, hola Es schienalles so unheimlich und unwirklich zu sein. Ich stand in Cancun mit meiner Familie, ohne dass Ferienfreude aufgekommen wäre. Glühend heiß brannte die Sonne vom Himmel, das kannte ich so nicht vor zehn Jahren. Den Klimawandel spürte man hier sehr deutlich, genauso wie den Golfstrom, der noch unerträglicher und heißer geworden war. Hier waren Hurrikans an der Tagesordnung, es vergingen keine zwei Wochen, und schon fegte der nächste Or- kan erbarmungslos über das Meer und das Land. Im zwölften Stock der Staroil in Rotterdam herrschte dicke Luft, dort verfolgte man eine andere Realität. Sie waren zusammengekommen, um die Situation mit all ihren schiefgelaufenen Einzelheiten zu beurteilen. Die Gesichter schauten düster drein, während sie auf den Aufsichtsratsvorsitzenden des zweitgrößten Ölprodu- zenten des Globus warteten. Aber die Aktien fielen von Minute zu Minute. Man musste sich entscheiden, ob sie von der Börse genommen werden sollten. Mitt- lerweile nichts Neues auf diesem Gebiet. Schon seit vier Jahren beherrschte das Phänomen des Auf und Ab weltweit die Börsenparkette. Der einzige Druck, den die Öl- und Gaslieferanten ausüben konnten, be- stand darin, den Hahn zuzudrehen oder Lieferstopps auszusprechen, wenn nicht innerhalb kurzer Zeit bar gezahlt wurde. Alle Übernahmen hatten nicht dazu beigetragen, die Aktionäre zu sättigen. Hier lautete das Motto: fressen oder gefressen werden. Es war nichts Neu- es, dass auch an dieser Front die Karten neu gemischt werden mussten, um einigermaßen die Kontrolle der durstigen Wirtschaftsbonzen zu löschen. 47
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    Nach einigen Minutendes Wartens kamen der Se- kretär und die Dolmetscherin, um den Vorsitzenden anzumelden. Die außerordentliche Konferenz sollte neue Perspektiven öffnen. „Meine Damen und Herren, sehr verehrte Freunde und Gäste: der Präsident“, wurde er von einer Dame angemeldet. Alle applaudierten und warteten gespannt, was And- reas van der Heuvel zu sagen hatte. Langsam und ziel- bewusst begab er sich ans Rednerpult. „Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie wis- sen, dies ist eine geschlossene Zusammenkunft. Ich möchte nicht zu lange ihre Geduld strapazieren und gleich zum Wesentlichen kommen. Wir haben zwar einen der drei Protagonisten der Theorie, aber das nützt uns wenig. Ich bin mir sicher, dass nach den Vor- fällen im Novotel in Köln die anderen beiden Herr- schaften bereits über unser Vorhaben Bescheid wissen. Uns nützt der Tod von Guiglelmo Vaccha wenig, an- dererseits kann er als Druckmittel verwendet werden. Was mit ihm passieren soll, wollen wir erst einmal zu- rückstellen. Da wir die beiden anderen verloren haben, können wir nur Vermutungen über ihren Aufenthalts- ort anstellen. Ich möchte, dass sie alles daransetzen, sie zu finden, andernfalls geraten wir ins Hintertreffen zur Konkurrenz. Schließlich sind wir sehr großzü- gig unseren Zahlungen gegenüber der Staroil nach- gekommen. Wollen Sie, dass wir uns nach fähigeren Leuten umsehen? Ich möchte unverzüglich Resultate und die Pläne unverfälscht auf meinem Schreibtisch sehen. Ich mache keinen Hehl daraus oder ihr seid ab sofort arbeitslos. Möchte jemand noch etwas sagen?“ Ein junger Mann namens Alex J. Scott hob die Hand und meinte: „Wie sollen wir arbeiten, wenn keiner 48
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    zu Schaden kommensoll. Früher oder später gelangt die Angelegenheit an die Presse, wenn wir weiter so zögern. Nichtsdestotrotz hatten wir alle drei bereits in unseren Händen. Doch keiner kann jemanden zwin- gen, die Aufzeichnungen herauszugeben, ohne Druck zu machen, außer wir machen ernst, bevor die Presse oder die andere Seite Wind davon bekommt. Schließ- lich sind Sie politisch geschützt und genießen Immu- nität.“ „Stimmt nur zum Teil. Sie können nicht zur Polizei gehen, denn sie vertrauen niemandem, außer viel- leicht ein paar Leuten, deren Namen ich nun bekannt geben werde, damit dies ein schnelles Ende findet.Wir werden sie sofort aus dem Verkehr ziehen, damit Brink und Bieberich einsehen, wie brenzlig es wird. Wir können uns keine negative Presse erlauben. Aber ein Hintertürchen besteht: Schnappt euch León Almeida und macht ihm klar, dass wir für gar nichts garantieren, wenn er die Brinks aufnimmt. Und Brinks vertrauter Mitarbeiter Andreas Gloden bei Medpharma soll so- fort mit der Sprache herausrücken, was sie zurzeit im Werk entwickeln und wie weit sie mit der Forschung sind. Versucht an alle Informationen zu gelangen und nochmals: Ich sage euch, wann Blut vergossen wer- den soll. Denn wenn etwas schiefgeht, können wir das Ganze vergessen. Es ist für uns und unser Land von enormer Wichtigkeit, die Theorie in unsere Hände zu bekommen, ohne Aufsehen zu erregen. So, das wäre alles. Ich will, dass übermorgen um dieselbe Zeit alles erledigt ist. Wie, ist mir egal. Ihr seid die Profis. Ich muss weiter die Aktionäre und den Aufsichtsrat be- ruhigen. Also, achtundvierzig Stunden und keine Mi- nute mehr. Hab ich mich klar ausgedrückt?“ Alex J. Scott, ein ziemlich rauer Bursche und gewalt- 49
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    tätig, wollte dieLage mit aller Macht wieder gera- debiegen. Aber das ging nur, wenn ein paar von der Mannschaft an seiner Seite und unter seinem Kom- mando stünden. Er veranlasste ein Treffen außerhalb, um das weitere Vorgehen zu planen. Er hatte nichts Gutes, dieser Plan. Im Hotel Holiday Inn auf Cancun waren die paar Habseligkeiten schnell aufs Zimmer gebracht.Wir tra- fen uns anschließend im klimagekühlten Lunchraum. Die Uhr zeigte halb neun. Draußen war es schon stockdunkel und schwül bei 40 Grad. Ich hatte mit Jan telefoniert, der sehr vorsichtig bei Fiona aufgekreuzt war, um Genaueres zu erfahren. Sie hatte meinen Rat, zu ihrer Schwester zu gehen, nicht befolgt. Daher musste sie unbedingt von zu Hause weg und in Sicherheit gebracht werden, damit keine weiteren Familienmitglieder in Gefahr gebracht wur- den. Jan meinte, sie habe sehr mitgenommen ausgese- hen und gewollt, dass wir unser Wissen herausgaben. Er hatte sie beruhigt und ihr erklärt, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun würden, um Guiglelmo freizubekommen, aber bis jetzt hatte sich keiner der Entführer gemeldet, um den Transfer vorzubereiten. Wir warteten alle ungeduldig auf Jans Anruf aus Rom. Als das Abendessen serviert wurde, kam ein Kellner und brachte einen Briefumschlag auf einem Tablett. Ich nahm ihn entgegen und schaute mich im Restau- rant nach verdächtigen Personen um. Alles war fried- lich. Gespannt öffnete ich den Brief und las die paar Sätze. „Lieber Freund, wenn du diesen Brief in der Hand hältst, bin ich entweder tot oder auf Chichen Itza im 50
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    Maya-Land-Hotel. Da miraufgefallen ist, dass eini- ge Leute mich seit zwei Wochen beobachten, hab ich mich entschieden, nach unserem Telefonat sofort ab- zureisen, ohne auf Palenque eine Nachricht zu hin- terlassen. Bis bald, Junge. León Almeida.“ „So“, sagte ich, „sie wissen Bescheid. León wurde of- fenbar bereits seit Wochen beschattet. Er ist abgereist nach Chichen Itza ins Maya-Land-Hotel. Wir fahren morgen in der Früh sofort dahin. Tommaso, du gehst mit mir. Die Frauen bleiben hier in einem anderen Hotel. Es tut mir leid, aber es ist besser so.“ „Jeff, ich werde noch verrückt, wann hört dieses Thea- ter endlich auf“, bemerkte Teresa aufgeregt. „Mama, es ist gut, Papa will ja nur, dass wir nicht auch noch mit reingezogen werden, und er hat recht mit seiner Vorsicht“, entgegnete Marcella, und zu mir ge- richtet: „Papa, ich möchte auch mit nach Chichen Itza, ich bin noch nie dort gewesen.“ „Geht leider nicht, mein Kind, ein andermal viel- leicht.“ „Ich bin kein Kind mehr. Hör auf damit! Ich werde auch sehr brav sein.“ „Wir brauchen einen Geländewagen, Tommaso“, ver- suchte ich abzulenken. „Eigentlich möchte ich auch dabei sein“, sagte Teresa, „warum sollen wir Frauen immer ins Wartezimmer abgeschoben werden. Jeff, wir fahren auch mit!“ Ich musste ihr recht geben. Sie wie rohe Eier zu be- handeln brachte überhaupt nichts. „Also gut, wir fahren alle zusammen.“ Unmittelbar nach dem Kaffee gingen wir auf unsere Zimmer und gingen früh zu Bett. Da ich nicht schla- fen konnte, rief ich Jan an. Er hatte herausgefunden, dass es sich bei der italienischen Telefonnummer aus 51
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    dem Notizblock umeine Filiale des holländischen Ölkonzerns handelte. Morgen wollte er etwas Licht in die Sache bringen, indem er ein wenig nachforsch- te. Vielleicht wurde Guiglelmo dort festgehalten. Ein billiger Trick sollte ihm dabei helfen. Wenn sich die beiden Männer in dieser Filiale befanden, wussten wir, dass Guiglelmo nicht weit weg sein konnte. Das ließ uns hoffen. Ich traute mich nicht, im Maya-Land-Hotel anzu- rufen und nach León zu fragen, damit niemand von unserer Ankunft erfuhr. Irgendwann schlief ich ein. Unterwegs nach Chichen Itza überraschte uns ein fürchterlicher Platzregen. Es schüttete wie aus Ei- mern, sodass wir anhalten mussten. Durch die hef- tigen Windböen und umgefallenen Bäume verloren wir viel Zeit. Wieder wurden wir mit den unbere- chenbaren Folgen des Klimawandels konfrontiert. Am späten Nachmittag erreichten wir eine der schönsten Hinterlassenschaften der alten Mayakultur. Die Maya verschwanden genau auf dem Höhepunkt ihres Da- seins, als hätte sie der Erdboden verschluckt. So wie Uxmal, Tulum, Palenque und viele andere Kultstätten. Als Ursache ihres Verschwindens vermuteten die Wis- senschaftler eine jahrzehntelange Trockenheit, den- noch blieb es ein riesiges Geheimnis. Einige Fragen waren zwar beantwortet worden, aber bei sehr vielen anderen stocherte man noch im Dunkeln. Der Zyklus des Maya-Kalenders endete, wenn alles stimmte, 2012 unserer Zeit, also im vorigen Jahr. Des Weiteren hatten die Pyramiden mit den acht Stufen eine symbolische Bedeutung. León und ich waren davon überzeugt, dass ein gemeinsamer Nenner zwi- schen all diesen Mythen und Hinterlassenschaften der 52
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    prähistorischen Monumentalgeschichte bestandund wir es mit ziemlicher Sicherheit in nicht allzu lan- ger Zeit wissen oder schmerzlich würden erfahren müssen. Weil die spanischen Konquistadoren sowohl in Mittel- als auch in Südamerika aus Habgier viel zerstört und geplündert hatten, standen wir vor kei- ner leichten Aufgabe, genaue Abläufe dieser Kulturen nachzuvollziehen. Der Tzolkin-Kalender,Teil des Maya-Kalenders, stellte meiner Theorie nach einen Erdenlauf-Zyklus von etwa sechsundzwanzigtausend Jahren dar, wobei jedes der dreizehn Zahlenfelder eine Periode von zweitausend Jahren darstellte. Die zwanzig äußeren Unterteilungen des kreisförmigen Kalenders, die Hieroglyphen, reprä- sentierten die bestimmenden, einschneidenden Ereig- nisse oder Merkmale einer Epoche. Nördlich auf der Scheibe ist die Hieroglyphe eines Kindgesichts, die als Menschensohn (Messias) zu verstehen ist, abgebildet. Unterhalb beginnt gleichzeitig mit der Hieroglyphe die letzte Zahl, dreizehn. Zu diesem Zeitpunkt wurde Jesus Christus geboren. Die Hieroglyphe linkerhand wird übergreifend von der Zahl dreizehn in die Zahl eins (die neue Erde) dargestellt. Das war genau unse- re jetzige Zeitperiode. Dies bedeutete, dass wir, die Menschheit, einer gewaltigen Veränderung entgegen- schauten. Wann genau dies sein würde, konnte und sollte keiner bestimmen. Meine neuen Erkenntnisse diesbezüglich wollte ich León unterbreiten, der seit mehreren Jahrzehnten Maya-Experte war. Dann schweiften meine Gedanken in die Gegen- wart zurück. Die Tatsache, dass der Sauerstoffanteil in der Luft stetig zurückgegangen war und das Ozon- 53
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    loch immer größerüber den Polen klaffte, lag letzt- endlich nicht an irgendwelchen Sonnenaktivitäten oder -winden, sondern an der nicht abnehmenden Verschmutzung und dem Treibhauseffekt durch den CO2-Ausstoß, den die Menschen verursacht hatten. Doch die Menschen hatten ihre Augen verschlossen oder ihnen wurde verschwiegen, dass der immense, seit 1965 ständig steigende Kohlenmonoxid-Ausstoß eines Tages seinen Preis fordern würde, wie viele Ex- perten vorausgesagt hatten, aber die Politik hatte die Auswirkungen auf Natur und Ernährung systematisch verharmlost und vertuscht. Sogar unsere Ozeane wa- ren mittlerweile hochgradig verschmutzt und leer ge- fischt, wobei vollkommen vergessen wurde, dass sie seit Millionen von Jahren ein wertvolles Element für das Leben und unser Klima waren. Doch wenn der letzte Wal aus dem Meer gefischt war, was dann? Zu- dem waren unsere Süßwasserreserven, auch Gletscher genannt, weltweit gänzlich verschwunden und keiner wollte etwas ändern. Alle Abläufe, die auf der Erde seit Millionen von Jah- ren als selbstverständlich galten, durften jetzt nicht durch einige Mächtige aus Habsucht und Profitgier nach Lust und Laune zerstört werden. Jeder Mensch sollte an dieser Welt teilhaben. Aber da viele Machtha- ber oder Industriepotentaten sich als alleinige Eigen- tümer der Ressourcen betrachteten, sich das Recht herausnahmen, diese auszubeuten, und die Politik sie als Wirtschaftselite auf Kosten der Verbraucher oder Mittellosen und Unwissenden hochstilisierte, hatten wir keine Zukunft. Jeder Mensch sollte täglich an seine eigene Verantwor- tung erinnert werden. Auf den Werbeplakaten und auf der Verpackung sollte man auf die Schädlichkeit der 54
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    Produkte hinweisen, wieauf den Zigarettenschach- teln. Beispielsweise: Autoreifen töten und verpesten unsere Umwelt. Die Konzerne sollten vom eigenen Personal ermahnt werden, auf saubere Energien und Produkte umzurüsten. Das Kyoto-Abkommen hatte überdies kläglich ver- sagt und nicht den Hunger nach mehr Energie der westlichen Zivilisationen und neuen kapitalistischen Länder, wie China, Indien und Russland, stillen kön- nen. Dadurch waren noch mehr CO2-Emissionen in die Atmosphäre gelangt, aber auch Milliarden von Dollar in die eigenen Taschen der Börsianer geflossen. Von Abstrafen der Industrieländer keine Rede, weil sie nach Belieben Zertifikate kaufen, verkaufen und übertragen konnten. Bis heute hatte sich niemand für eine Alternative eingesetzt. Das Ganze drohte zu kip- pen und niemand schien sich darum zu scheren, auch wenn allerorts viel geredet und dokumentiert wurde. Aber in sehr naher Zukunft sollte das ein Nachspiel haben. Die Armen konnten sich nicht verteidigen, während die Reichen keinen Anlass dazu sahen, zu- mal sie bereits Sauerstofftanks eingebunkert hatten, um eine eventuelle Krise zu überstehen. Von Wis- senschaftlern wurde prognostiziert, dass bis zum Jahr 2030 auf der nördlichen Hälfte des Globus kaum noch jemand überleben könnte, während die südliche He- misphäre in Kriege verwickelt sein würde durch Dür- reperioden, Flüchtlings- und Asylprobleme, Hunger und Epidemien und nicht zuletzt wegen der unter- schiedlichen Kulturen und Religionen. Ich persönlich wollte unbedingt die Zusammenhän- ge und die Entstehung von Leben vor Millionen von Jahren verstehen. Die Mythen und Legenden der ver- gangenen Kulturen hatten uns eine Menge Botschaf- 55
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    ten hinterlassen, dieuns helfen konnten, die Vorgänge der Zeit zu begreifen und eine Lösung zu finden. Die Beweise erhärteten sich, dass gewisse Leute sich meines Wissens ermächtigen wollten, um selbst nicht eines Tages mit ihren Produkten auf dem Trocknen zu stehen. Wer wollte schon zusehen, wie der andere bejubelt wurde, während man selbst aufgeben musste. Meine Theorie von der WWP, World Without Profit (Welt Ohne Profit), sollte jedem offen gelegt werden, und es sollte gemeinsam weiter geforscht und nicht für eigene Interessen genutzt werden. Lieber ver- brannte ich meine Erkenntnisse oder nahm sie mit ins Grab. Ich bemerkte erst jetzt, dass wir fast angekommen waren. Der Tourismus schien beinahe erloschen zu sein, seit ich zum letzten Mal diese Kultstätten be- sucht hatte. Immer weniger Busse waren uns begeg- net. Mir war es damals schon komisch vorgekommen, dass Menschen und Kulturen solche Bauwerke für die Ewigkeit bauten, obwohl sie selbst nach kurzer Zeit verschwanden. Ich denke, wenn wir zum Beispiel lange Jahre am Petersdom in Rom nichts reparieren würden, wäre bereits nach zweihundert Jahren von diesem Prunkbau nicht mehr viel übrig. Die Bausubs- tanz war eben nicht dieselbe und konnte die Jahrtau- sende nicht überdauern. Wir bogen in die Straße, die uns zum Maya-Land- Hotel führte. Das Unwetter hatte sich mittlerweile beruhigt. Marcella sagte: „Ich wäre doch lieber zu Hause ge- blieben, wenn es nicht für Onkel Guiglelmo die Ret- tung bedeuten würde.“ „Du wolltest doch unbedingt mit und jetzt redest du 56
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    so. Ich wäreauch lieber zu Hause geblieben“, meinte Teresa. Tommaso dagegen befand sich in seinem Element. In der Hotellobby wurden wir bereits von den hie- sigen Mexikanern sehr freundlich empfangen. „Olà como va señoras e señores?“ „Mui bien, mui bien“, antwortete ich. „El señor Pro- fessor Almeida està aqui?“, fragte ich sofort an der Re- zeption. „Si, esta un correro por usted señor Brink“, sagte der Mann hinter der Theke, er hätte eine Nachricht von Professor Almeida. „Muchas gracias señor“, nahm ich den Brief entgegen. Ich drehte mich zu Teresa um und sah ihren besorgten Blick. Ich öffnete den Brief. Die Spannung stand allen ins Gesicht geschrieben. „Hallo, allerseits“, las ich laut vor. „Entschuldigt mich, ich musste mit meiner Familie zu einer Einladung von Bekannten aus der Nähe. Ich bin so gegen Abend wieder zurück. Ich habe bereits eine Suite im ersten Stock reservieren lassen. Entspannt euch inzwischen etwas von der Reise. Bis später. Grüße, León.“ Erleichtert atmeten wir auf. Dann gingen wir auf unsere Zimmer, die im Kolonialstil eingerichtet wa- ren. Es handelte sich um ein altes Hotel aus der spani- schen Epoche, sehr nach meinem Geschmack. An der Decke hing ein Ventilator, der langsam seine Runde drehte, während von draußen tropisches Vogelgeschrei und sehr sanfte mexikanische Gitarrenmusik herein- drangen. Die Sonne schien auch wieder. Marcella und Tommaso wollten im Swimmingpool eine Runde schwimmen und Teresa zog sich zu einer Siesta zurück. Somit hatte ich Zeit, Jan anzurufen und mich nach Neuigkeiten zu erkundigen. 57
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    „Jan, ich bin’s.Ist Fiona bei dir?“, fragte ich sofort. „Ja, ja, alles so weit okay. Möchtest du mit ihr spre- chen?“ „Ja später, erzähl du zuerst.“ „Ich hab mich heute Morgen so gegen acht Uhr zum Büro der Staroil-Filiale hier in Rom aufgemacht und beobachtet, wer ein- und ausging. Unser nett geklei- deter Kerl ist drinnen verschwunden und später mit jemandem weggefahren. Allerdings konnte ich ihn nicht weiter verfolgen, weil ich zu einer Verabredung mit Fiona musste. Gestern Abend dagegen schien hier auf den Büroetagen mächtig was los gewesen zu sein. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Guiglelmo hier festgehalten wird, dazu schleiche ich mich heute Abend nach Feierabend ins Gebäude. Mehr konnte ich noch nicht tun, zumal ich immer an die Sicherheit von Guiglelmo zu denken habe.“ „Hast recht, pass auf dich auf! Schreib dir bitte die Nummer von unserem Hotel hier auf. Also sie lau- tet: 0052 3654876823. Bis später. Gib mir Fiona.“ Ich wandte mich um. „Teresa, möchtest du mit ihr reden, es gibt nichts Neues in der Sache, aber du könntest sie etwas trösten.“ Sie nahm den Hörer. „Ja gut.“  – “Hallo, Fiona, wie geht es dir …“ Ich machte mir einen Drink und verschwand auf die Veranda, ein sehr romantischer Ort, der einen Blick auf die berühmte Pyramide von Chichen Itza mit ihrem Gott Chak Mol an der anderen Seite des Platzes, ein paar hundert Meter von hier, erlaubte. Ich setzte mich auf einen bequemen Sessel und schlief augenblicklich ein. Teresa weckte mich zum Abendessen mit einem zärtlichen Kuss auf die Stirn. Mir war nicht sehr wohl, am liebsten hätte ich mich umgedreht und weiter- 58
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    geschlafen. Die Kinder warenschon umgezogen und Teresa schminkte sich gerade. Draußen war es stockdunkel. „León ist mit Frau und Tochter schon eingetroffen. Sie haben vor einer halben Stunde auf dem Zimmer angerufen. Wir treffen uns gegen halb neun im Foyer und essen später zusammen.“ „Wie lange hab ich geschlafen?“, fragte ich. „Es ist jetzt halb sieben“, erwiderte Marcella. Tommaso war dabei, mit seinem Handy zu spielen. „Tommaso, du lässt das schön bleiben. Wie bespro- chen, es werden keine Telefone benutzt, die zurück- verfolgt werden könnten, einverstanden?“, gebot ich mit fester Stimme. „Ja, Pa, ich schau mir nur ein paar SMS an. Sie wollen alle wissen, wo ich bin, was soll ich denen antwor- ten?“ „Im Moment nichts, da wir keine weiteren Probleme gebrauchen können.“ Er gab keine Antwort, er verstand auf Anhieb, worum es ging. Ich stand auf und ging ins Bad. Vor dem Abendessen spazierten wir eine Weile durch den Park. Es war als ob hier die Zeit stehen geblieben war, es hatte sich wenig geändert. Teresa hielt mich ganz fest, wobei sie die Erinnerungen von vor mehr als zwanzig Jahren, als wir auch hier abgestiegen wa- ren, ein bisschen melancholisch machten. Ich konnte mich noch genau erinnern. Sie war damals schwanger mit Marcella. Sehr heiß und schwül war es gewesen. Sie musste oft das Zimmer hüten, weil es dort eine Klimaanlage gab. Teresa und ich schwiegen zumeist und bewunder- ten die exotischen Pflanzen und Bäume, die von den Strahlern hell beleuchtet wurden. 59
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    Zu jener Zeithatte ich León kennengelernt.Wir spra- chen viel über den Maya-Zeitzyklus und ihr plötzli- ches Verschwinden. Er machte viele Recherchen be- züglich des Maya-Kalenders und der Stelen, in riesige Steine gehauene Inschriften und Abbildungen. Dazu kamen die exakten astronomischen Kenntnisse dieses für die damalige Zeit hoch entwickelten Volks. Dass hier auch Pyramiden gebaut worden waren, mutete schon merkwürdig an, nicht minder die gemeinsame Legende einer Sintflut, die sich in vielen Kulturen er- zählt wurde. Aber wo lag der Schlüssel zu alledem? Wir gingen langsam den Pfad hinunter und setzten uns auf die Terrasse. Sofort kamen Kellner und einige Musikanten und bezirzten uns mit ihrer Musik, die alle unangenehmen Gedanken verdrängen konnte. Die Kinder kamen hinzu und hänselten uns. „Dürfen wir die Verliebten stören oder wollt ihr noch von vergangenen schönen Stunden träumen?“, fragte Marcella lachend. „Tommaso, sag was!“ „Ich seh, sie sind verliebt wie damals.“ Teresa errötete ein bisschen, während es mich schmei- chelte. Es tat gut, alle zusammen hier an diesem Ort zu sein. Ich gab den Musikern einige Pesos und sie zogen mit einem Tusch weiter. In diesem Moment kam León mit seiner Gattin und seiner Tochter an der Hand auf die Terrasse. Seine Haare waren vollends ergraut, aber seine Haut zeigte eine gesunde Farbe, und die sportliche Abendbeklei- dung ließ ihn interessant aussehen. Seine Frau Jackie stammte aus guter Familie und sah mit ihren vierund- fünfzig Jahren blendend aus. Ihre Tochter Serena hätte ich nach all der Zeit niemals wiedererkannt. Sie hatte damals mit drei Jahren wochenlang mit Tommaso im Park des Hotels gespielt. León allerdings hatte ich zu- 60
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    letzt vor dreiJahren auf einer Konferenz in Chicago gesehen. Ferner trafen wir uns ohne die andere Hälfte fast alle drei bis fünf Jahre. Wir waren Freunde gewor- den und telefonierten fast jeden Monat miteinander. „Wie schön, euch wiederzusehen!“ Ich stand auf, be- grüßte die Gattin mit Handkuss und gab der hüb- schen Tochter die Hand. Dann drehte ich mich um und umarmte León, so wie wir es schon seit Jahren taten. Die Damen küssten sich auf die Wangen, wäh- rend Tommaso schüchtern allen die Hand gab. Ich sah, dass Marcella und Tommaso sich freuten. „Ich freue mich so, euch wiederzusehen nach all den Jahren!“, sagte Jackie frohgemut. „Wir freuen uns auch, Jackie“, entgegnete Teresa lä- chelnd, die sich nun merklich entspannte. „Bist du gewachsen“, meinte León nach einem Blick auf Tommaso, „ein sympathischer junger Mann bist du geworden. – So ist das, Jeff, und wir werden immer älter.“ „Kommt, lasst uns Platz nehmen und uns einen Wie- dersehenstrunk genehmigen“, schlug ich vor. „Was möchtet ihr trinken?“ Ich hob die Hand. Sofort war die Bedienung zur Stelle und nahm die Bestellung auf. Die jungen Damen hatten sofort genügend Ge- sprächsstoff, während sich Tommaso merklich zurück- hielt und, wie mir schien, die Augen nicht von Serena lassen konnte, die er scheinbar unauffällig musterte. Es amüsierte mich. Ich hätte in jungen Jahren wahr- scheinlich dasselbe getan. „León, mein Alter“, fuhr ich fort, „gut, dass wir uns sehen. Du weißt ja inzwischen, was vorgefallen ist, und wir müssen handeln. Bei meinem Schwager, den 61
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    du ja inChicago kennengelernt hast, geht es um Le- ben und Tod. Er wurde vor zwei Tagen entführt, und sie werden ihn erst wieder freilassen, wenn sie unsere Erfindung in die Hände bekommen, die sie dann pro- fitabel ausschlachten wollen.“ „Ja, du hast vollkommen recht, es muss schnellstens etwas geschehen. Wir müssen sie aufhalten und Zeit gewinnen.“ „Auf jeden Fall sollten sie nie wissen, wo wir uns auf- halten“, bemerkte ich. „Aus diesem Grunde haben wir auch sofort das Ho- tel gewechselt, ohne anzugeben, wo es hingeht“, gab León bestimmt zurück. „Wir schweben alle in Gefahr“, meinte Teresa be- sorgt. „Aber was geschehen ist, kann nicht ungeschehen ge- macht werden“, versuchte Jackie zu beschwichtigen. Sie war eine mutige Frau und hatte ihren Mann all die Jahre seiner Forschung über die Maya unterstützt. Nach dem Abendessen wollten wir noch einmal bei einer Zigarre die weiteren Schritte besprechen. Aber so weit sollte es nicht kommen. Es war so gegen halb elf, da nahm die Misere ihren Lauf – oder war es Schicksal? Vier Männer tauchten plötzlich in dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal auf, wobei einer laut die Musik der Musikanten mit der Frage übertönte: „Wer ist Señor Jeff Brink? Er soll sofort aufstehen, sonst müssen andere dran glau- ben, die nichts mit der Sache zu tun haben. Keiner rührt sich, verstanden! Das ist ein Befehl und kein gut gemeinter Rat.“ Die anderen drei Männer stürmten in die Menge und rissen einige Stühle um. „Alles bleibt sitzen. Keiner rührt sich vom Fleck“, 62
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    schrie der erste.„Wir schießen sofort.“ Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Tommaso lang- sam in die Knie rutschte und unter dem großen run- den Tisch verschwand. Mich wunderte es, dass kei- ner der vier Männer dies bemerkte. Ich schob seinen Teller beiseite, damit es nicht so aussah, als hätte dort jemand gesessen, und mit dem Fuß rückte ich den Stuhl gegen den Tisch. Erst redeten alle durcheinander, dann brüllte der erste Mann: „Still, alle sollen die Klappe halten, hab ich ge- sagt.“ Eine Salve aus einer automatischen Pistole riss fünf, sechs Löcher in die Wand. Es staubte, und das zeigte Wirkung auf alle Anwesenden im Saal. Es wurde so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. „So ist es brav, aber jetzt soll Herr Brink endlich zu mir kommen, und ihr könnt in aller Ruhe weiter- machen, meine Damen und Herren.“ Die Worte aus seinem Mund klangen zynisch und hämisch zugleich. Ich musste etwas unternehmen, schaute León an und nickte ihm zu. „Na also, das ging ja flott. Kommen Sie mit erhobe- nen Händen hier rüber – und keine falsche Bewe- gung. Mein Finger juckt.“ Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie ge- schossen hätten, wollte ich niemanden weiter gefähr- den, stand mit erhobenen Händen auf und bewegte mich vorsichtig in seine Richtung. „Was wollt ihr?“, fragte ich, um sie etwas abzulenken. „Du weißt ganz genau, was wir wollen.“ Er trat an mich heran und hielt mir seine Kanone unter das Kinn. Ich musste einen Moment auf Zehenspitzen aushar- ren, bevor mich ein Kinnhaken erwischte. Rücklings 63
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    fiel ich zuBoden. Meine Nase blutete. Etwas benommen hörte ich, wie er schimpfte: „Du bist auch noch arrogant, du deutscher Bastard, ty- pisch für dein Volk.“ Ich schwieg, um sie nicht noch weiter zu reizen. „So, und jetzt zu den anderen. Überlegt es euch gut, wenn ihr ihn lebend wiedersehen wollt. Haben wir uns klar ausgedrückt? Also, in genau vierundzwan- zig Stunden liegen die Akten in unseren Händen, und kommt ja nicht auf dumme Gedanken, sonst könnt ihr ihn begraben.“ Teresa sprang auf und wollte mir zu Hilfe eilen. Eine weitere Salve knatterte in die Wand hinter ihr. Sie hielt inne, rief verzweifelt: „Bitte, lasst ihn lau- fen, ihr könnt alles haben“, und fiel weinend auf die Knie. Marcella lief zu ihr hin und kniete nieder, um sie zu trösten. León hielt bewusst inne, während seine Frau wie erstarrt dasaß. Nur Serena wurde blass im Gesicht und verteidigte mich laut: „Ihr sollt Herrn Brink sofort freilassen, ansonsten knalle ich sicher zwei von euch ab.“ Sie hielt mit einem Mal eine Pistole in der Hand. Aber woher? „Mal sehen, wer hier mit wem heil heraus- kommt.“ Ich konnte es nicht glauben, als Tommaso unter dem Tisch hervorkam, ebenfalls mit einer Waffe he- rumfuchtelte und drohte: „Und ich übernehme die beiden anderen.“ Der Anführer schien mit einer derart heftigen Re- aktion, geschweige denn von einer jungen Dame, nicht gerechnet zu haben, aber er begriff augen- blicklich den Ernst der Lage, zumal es niemandem nutzte, wenn hier Kugeln herumflogen. 64
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    „Also gut, diesmalhabt ihr gewonnen, aber ab jetzt habt ihr keine ruhige Minute mehr.“ In diesem Moment vernahmen wir die Sirene eines sich schnell nähernden Polizeiwagens. Die Gangster zogen sich postwendend zurück und verschwanden in der Dunkelheit. Als die Polizei eintraf, war die Ver- wirrung unter den Gästen noch größer. „Alle mal herhören“, meinte der Polizeichef. „Ruhe!“ Weitere Polizeibeamte betraten hinter ihm den Saal. „Was ist passiert?“ Der Kommissar schaute mich an, ehe er zu mir kam und mir half, aufzustehen. „Wer sind Sie?“ „Mein Name ist Brink, deutscher Staatsangehöriger in Urlaub.“ „Was war hier los?“, fragte er mich weiter. „Vier bewaffnete Männer wollten mich entführen.“ „Warum denn das? Wer sind Sie wirklich?“ „Brink, Jeff Brink. Dies sind meine Frau und meine Kinder.“ Tommaso hatte inzwischen die Waffe auf den Stuhl gelegt, während Serena die ihre in ihre Handtasche gesteckt hatte. Der Kommissar näherte sich dem Tisch und meinte mit total veränderter Stimme: „Señor Almeida? Was für eine Ehre, Sie bei uns zu haben. Ich versteh zwar nicht, was vorgefallen ist, aber können Sie ein we- nig Licht in die Angelegenheit bringen“, meinte er freundlich. „Bei den Brinks handelt es sich um Freunde aus Deutschland. Sie sollten entführt werden.“ „Und dann sind die Entführer grundlos und ohne Beute abgehauen?“ „Nein, meine Tochter ist, wie Sie wissen, in der Si- 65
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    cherheitsbrigade von L.A.und besitzt eine Waffe. Da- mit hat sie gedroht, einige zu erschießen. Das kam für die Gangster völlig unerwartet, sodass sie sich zurück- gezogen haben, wie Sie sehen.“ „Ist jemand hinter diesen Gangstern her?“, wollte Ja- ckie wissen. „Machen Sie sich keine Sorgen. Die Gegend wird bereits abgesucht. Uns wurde gemeldet, dass mehrere bewaffnete Leute das Hotel gestürmt hätten. Kannte jemand diese Leute?“ Er schaute sich um, ob jemand sich meldete. Alle schwiegen. Es war mir ein Rätsel, wie sie uns ausfindig gemacht hatten, und vor allem so schnell. Nachdem einige Leute verhört worden waren, zog sich die Polizei nach einer Stunde ohne nennenswerte Ergebnisse wieder zurück. Wir konnten sie glauben machen, dass sie nur Geld von deutschen Touristen erpressen wollten. Den wahren Grund erfuhren sie nicht. Obwohl der Kommissar kein dummer Junge war, musste er sich einstweilen mit unserer Erklärung zu- friedengeben. Argwöhnisch sagte er, als er ging: „Es muss noch etwas anderes dahinterstecken. Bei den Gangstern hat es sich doch eindeutig um Europäer gehandelt, nach verschiedenen Zeugenaussagen zu urteilen. Also mir soll’s recht sein. Ich kann Sie aber so leider nicht hundertprozentig schützen. Es liegt in Ihrer Verantwortung. Meine Damen, meine Herren, einen angenehmen Abend noch.“ Dann verschwand er mit seinen Leuten nach draußen. Ziemlich fertig gingen wir sofort auf Leóns Zimmer, um uns zu beraten. León bewohnte eine große Suite, somit hatten wir genügend Platz für uns alle. Ich wur- de sofort medizinisch betreut. Ein blauer Fleck wür- de mich wohl oder übel für ein paar Tage begleiten. 66
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    Der Schmerz hattejedoch weitgehend nachgelassen. Ich durfte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn die mich verschleppt hätten. Aber eins war uns deutlich geworden: Wir schienen nirgendwo mehr sicher zu sein. „Wir haben Glück gehabt. Und wie kommt ihr an die Waffen?“, wollte ich wissen. „Die haben wir in unserer Sommerresidenz in Pa- lenque zu unserer eigenen Sicherheit und Verteidi- gung“, antwortete Serena. „Wir wurden vor Jahren bereits belästigt, seitdem haben wir sie im Hause.“ „Und du hast sie mitgenommen, um uns zu schüt- zen“, bemerkte ich. „Ich kann zwar nicht damit umgehen …“, sagte Tommaso. „… aber du hast sie überzeugt“, unterbrach Jackie ihn. Teresa saß neben mir und hielt meine Hand. León hatte noch kein Wort gesagt. Er schien abwesend zu sein und eigene Überlegungen anzustellen. „León, es ist schlimmer, als ich dachte. Wir müssen uns entscheiden, wie wir vorgehen sollen, und vor allem die Frauen und die Kinder in Sicherheit brin- gen“, sagte ich. „Ja, denn sie haben mit dem Ganzen nichts zu tun“, antwortete León. Tommaso zeigte kein Verständnis und meinte: „Und ob mich das etwas angeht, wenn man uns bedroht und nach dem Leben trachtet. Ich schlage vor, dass Mama und Jackie mit Serena und Marcella nach Palenque zurückfahren. Ich vermute, da suchen sie nicht mehr.“ „Das kann gut sein“, stimmte León Tommaso zu. „Ich bleib bei euch und helfe, wo Not am Mann 67
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    ist“, sagte Tommaso. „Ichbleib auch“, meinte Serena, „und beschütze uns.“ Wir waren zerstritten in dieser Situation. „Ich bin dafür, dass wir alle nach Palenque abreisen und ihnen die CDs aushändigen, damit das Ganze endlich ein Ende findet. Sollen sie doch damit ma- chen, was sie wollen“, schlug Teresa vor. „Ich möchte nicht, dass einem von uns etwas pas- siert. Ich könnte mir das nie verzeihen. Da wir mo- mentan aber keine andere Lösung haben, ist es wohl das Beste; obwohl sie uns nie in Ruhe lassen wer- den“, entschied ich. „Gut, dass Jan in Rom ist. Er kann die Übergabe organisieren“, stellte Tommaso fest. „Ich rufe Jan an, damit er alles vorbereiten kann“, sagte ich zu León. „In Ordnung. Bis die herausgefunden haben, dass es nur bedingt klappt, können wir für unser Problem nach einer Lösung suchen“, sagte León ernst. „Also ich denke, wir machen Schluss für heute Abend. Morgen fliegen wir mit einem Privatjet nach Pa- lenque und erledigen alles. Du, Jeff, kümmerst dich um Jan, dass alles klappt. Mit der Bande nehmen wir Kontakt auf.“ „Ich schlage vor, wir übergeben die ersten zwei CDs in Rom, oder wo auch immer sie sie haben wollen, und die dritte, wenn sie Guiglelmo freigelassen ha- ben“, fügte ich hinzu und begab mich zum Telefon. „Es ist jetzt Abend in Rom, ich erwisch Jan jetzt sicher bei Fiona oder bei deren Familie.“ Ich tippte die Nummer ein. „Si pronto, con chi parlo“, antwortete eine nervöse Stimme. 68
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    „Ich bin’s, Jeff.“ „Gottsei Dank. Drei bewaffnete Männer haben Jan vor zwei Stunden mitgenommen. Sie waren sehr ag- gressiv. Mich haben sie nur bedroht. Ich soll euch Bescheid geben, aber in Palenque konnte mir keiner verraten, wo ihr hingegangen seid. Ich war sehr beun- ruhigt. Jeff, sag auch Señor León, dass es besser wäre, die CDs auszuhändigen, da nach Guiglelmo jetzt auch Jan entführt worden ist“, sagte sie außer Atem. Ich wollte sie nicht beunruhigen und verschwieg daher unser Vorhaben. „Sie bekommen so bald wie möglich die CDs“, bemerkte ich. „Ganz einfach, wir verlangen von denen, sie sollen Guiglelmo ans Telefon holen. Ihm sagen wir dann, dass wir alle CDs aushändigen werden und er das Passwort offenlegen kann. Unsere dritte CD bekommen sie erst, wenn die Sache mit der Befreiung geklärt ist.“ „Scheint mir eine gute Idee zu sein“, sagte Serena so- fort. Wir schauten uns alle an und stimmten zu. „Ich wollte schon immer nach Europa“, fuhr Serena fort. „Jemand muss sich doch um die Übergabe küm- mern. Wir überbringen die dritte CD und ihr macht euch einen schönen Urlaub. Wie wäre das?“, wollte sie uns überzeugen. Obwohl mir dabei nicht geheuer war, hielt ich mich mit Äußerungen zurück. León dagegen meinte, seiner Tochter vertrauen zu können, und sagte etwas zurückhaltend: „Könnte funktionieren. Es sollen ja keine anderen mit rein- gezogen werden. Ich hätte nichts dagegen einzuwen- den.“ „Nichts da“, meinte Jackie, „du bleibst hier.“ „O ja, ich kann euch und auch Tante Fiona sicher 69
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    behilflich sein“, meldetesich nun auch Marcella zu Wort, „damit sie nicht so alleine ist. Wenn alles vorbei ist, zeigen wir Serena ein bisschen Rom und fliegen mit ihr zurück. Tommaso, schon ganz aufgeregt, traute sich nichts zu sagen, aber er freute sich offensichtlich auf die Reise mit Serena und Marcella. „Na gut“, meinte Teresa, „ich will, dass ihr alle sehr gut aufpasst und uns immer, ich sage immer, auf der Höhe des Geschehens haltet. Kommunikation hat hier höchste Priorität – und keine Alleingänge bitte!“ Jeder schien damit einverstanden zu sein und ich fügte mich der Mehrheit. León kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schul- ter und sagte: „Mach dir nicht allzu viele Sorgen, es wird schon schiefgehen!“ „Ich vertrau den jungen Leuten, sie wissen schließ- lich, dass sehr viel auf dem Spiel steht“, schloss ich mich León an. „Ich verspreche, die Ladys unversehrt zurückzubrin- gen. Wir verdanken Serena, dass wir heute Abend so glimpflich davongekommen sind. Sie hat geistesgegen- wärtig die Waffe auf den freien Stuhl gelegt, und ich … ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte“, meinte Tommaso amüsiert und musste lachen. Tommasos Lachen lockerte uns alle ein bisschen auf. „Ich hätte nicht gedacht, dass noch alles gut gehen würde, nachdem der Gangster meinen Namen im Saal geschrien hatte“, musste ich zugeben. Am nächsten Tag standen die Koffer zum Abflug nach Palenque bereit. Das Wetter war unbeständig und nicht so angenehm wie gestern Abend. Nach drei Stunden standen wir vor Leóns und Jackies Villa, ein sehr ansehnliches Anwesen hinter einer alten Mauer. 70
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    Wir hielten vorder Verandatreppe im Vorgarten. Die Kinder waren zusammen in einem Wagen gefahren. Sie hatten sich sofort gut verstanden, und das freute uns alle. Tommaso und Marcella gefiel Serena, die sich mit Tommaso unauffällig Blicke zuwarf. Sie dachten wohl, dass wir es nicht bemerken würden. Wir bekamen unsere Zimmer gezeigt, die sehr freund- lich im kolonialen Stil eingerichtet waren. Sogar über ein eigenes Bad verfügten wir. Etwas später kam die Haushälterin und entschuldig- te sich. „Señor Almeida, ich wusste nicht, dass Sie so schnell zurückkommen würden. Ich musste meine Kinder noch bei meiner Schwester unterbringen“, meinte sie. „Kein Problem, Stefania, ist schon okay. Kümmere dich um unsere Gäste. Und heute Abend bleiben wir zu Hause.“ „Si. Señora Almeida, soll ich unser traditionelles Menü kochen?“, fragte die Haushälterin stolz. „Ja, gerne“, freute sich Jackie. Ich erkundigte mich nach einem Telefon und wähl- te sofort die römische Nummer aus dem Notizbuch. León stand neben mir, während die Frauen nach oben gegangen waren, um die Zimmer des Hauses zu be- sichtigen. „Ja, hallo, hier Brink aus Köln, kann ich den Verant- wortlichen sprechen?“, fragte ich. „Wie war Ihr Name?“, wollte die Sekretärin am an- deren Ende wissen. „Brink, Professor der Chemie von der Medpharma AG.“ „Gut, ich verbinde Sie mit unserem Direktor Marti- nelli.“ Ich musste eine ganze Minute warten. 71
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    „Martinelli, yes please“,kam in gebrochenem Englisch und etwas zu freundlich. „How can I help you?“ „Ich will sofort zur Sache kommen, Herr Martinelli, und auf Ihre Forderungen eingehen. Die beiden ers- ten CDs haben Sie ja bereits, nehme ich an, von Herrn Vaccha und Herrn Bieberich. Die dritte wird Ihnen mein Sohn in Rom aushändigen, an einem Ort, den wir in letzter Minute mitteilen werden. Sie kommen mit beiden Herren dort hin und der Tausch kann über die Bühne gehen. „Wie soll ich wissen, ob die CD echt ist?“, fragte er amüsiert. „Aber eine sehr gute Entscheidung, Herr Brink, wir werden Sie hoch honorieren. Aber wenn es die falsche ist oder sie getürkt sein sollte, werden wir Sie über den ganzen Planeten jagen. Sie und Ihre ehrenwerte Sippschaft. Wir werden der Menschheit aus dem Schlamassel helfen, das verspreche ich Ihnen, und Sie werden es nicht bereuen.“ Wir besprachen die Details und legten fest, dass die Übergabe in zwei Tagen stattfinden sollte. Zudem ver- langte ich, mit Jan und Guiglelmo sprechen zu kön- nen, oder zumindest einen anderen Beweis, der mir bestätigte, dass beide noch am Leben waren. In diesem Augenblick wünschte ich, ich wäre alleine nach Rom geflogen, aber es war anders entschieden worden. León schien mein Unbehagen zu spüren und sagte. „Ich hätte auch lieber gehabt, wir wären nach Rom geflogen, um niemanden zu gefährden.“ „León, ich habe gerade dasselbe gedacht.“ Wir zogen uns auf die Veranda zurück. Wir hatten es nicht mit Idioten zu tun. Sie verfüg- ten sicherlich über fähige Leute, die peinlich genau die Untersuchung durchführen würden. Das wusste León, und das wusste auch ich. Und natürlich Gu- 72
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    iglelmo und Jan.Nur ich kannte den Inhalt der CDs ganz genau, fest eingebrannt in meinem Gedächtnis. Ich war stolz auf meine Freunde, die selbst in Ge- fangenschaft unser Geheimnis, das seit 1998 bestand, nicht ausgeplaudert hatten. Dabei waren wir erst im letzten Jahr mit der Erprobung im Labor fertig ge- worden, die zu unserer Überraschung auf Anhieb ge- klappt hatte – obwohl, und das wusste nur ich, man einzelne Anlagen nicht einsetzen konnte, da sie nicht die nötige Veränderung bringen würden. Das Ganze bedurfte einer rigorosen gleichzeitigen Änderung weltweit, damit es überhaupt funktionie- ren würde. Eine Illusion bei den irdischen Verhältnis- sen. In unserer katastrophalen Lage müsse man erst die Erde retten, damit die Menschheit eine Chance habe, hieß es mittlerweile. Keiner würde mitmachen, und genau darin lag die Ursache allen Übels. Nichts gegen kontrollierten Konsum, aber wir sollten nicht die Erde zerstören. Unsere Mitstreiter, so möchte ich sie einmal nennen, wollten die Wunderwaffe nur für ihre Zwecke, zum Machtspiel und zur Alleinherrschaft. Das wäre in etwa so gewesen, als hätte man damals Osama Bin Laden eine Atombombe verkauft. Damit war nicht zu scherzen. Ich will das Ganze nicht pole- misieren, aber die Verirrung der Sinne zog schwer- wiegende Folgen für unser tägliches Leben nach sich. Die Werbung verbreitete im Namen der Konzerne so viele Lügen und versprach so vieles, ohne es zu hal- ten. Mit der Politik verhielt es sich ähnlich. In den Unternehmen zählte nicht der Mensch, sondern nur was unter dem Strich herauskam. Die Verfassungen wurden ständig verletzt, sowohl in den Demokra- tien als auch in den Diktaturregimen. Die Umwelt wurde rigoros ausgenutzt und verbraucht, Land, Luft 73
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    und Wasser. Einunversöhnlicher Graben trennte Arm und Reich. Unendliche Sozialprobleme waren die Folge. Seuchen griffen erbarmungslos um sich we- gen mangelnder Hygiene, bedingt durch fehlendes sauberes Wasser. Die Religionen befanden sich in einem Glaubenstief und überzeugten nicht, wäh- rend Extremisten mehr und mehr Zulauf erhielten. Aber die größte Gefahr drohte aus einer ganz an- deren Ecke: das unberechenbare Klima. Sogar ein- fache Leute reagierten aufständisch auf die daraus resultierenden Missstände. Wir Menschen hatten, seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, alles Mögliche getan, um die Ordnung unseres Planeten zu zerstören, ohne die Folgen für die nächsten Generationen abzuwägen. Selbst als die ersten zerstörerischen Naturgewalten unseren Planeten heimsuchten und komplett durch- einander wirbelten, wurde uns vorgegaukelt, es wä- ren einzelne harmlose Phänomene, die nichts zu bedeuten hätten. Wie schön konnte man doch das Klimaphänomen El Niño schon allein mit seinem Namen verharmlosen. Dieses Kind zettelte Aufstän- de gegen die Menschheit an. Was wir in Tausenden von Jahren als standhaft angesehen hatten, änder- te sich von Tag zu Tag. Die Luft ging uns förmlich aus. Dafür hatten wir jahrelang geforscht und waren da- bei auf ein Geheimnis gestoßen. Manchmal konnte es ganz schön schwierig sein, die Ruhe zu bewahren. Ich verließ mich auf Tommaso, dass alles gut gehen würde. Serena war eine enga- gierte junge Dame, die schon jetzt ihre Seite gewählt hatte, während Marcella das Ganze als abenteuerlich und ein bisschen überzogen anzusehen schien. 74
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    Meine Gedankenspiele wurdenvon León unterbro- chen: „Wo sind die Kinder?“ „Ich hab sie noch vorhin hinten im Garten gehört“, antwortete Jackie. Teresa und Jackie hatten sich zu uns in die bequemen Sessel gesetzt und genossen still den späten Abend. Tommaso saß mit Serena alleine auf der Bank im Gar- ten, wo sie über ihre Hobbys und Freunde plauder- ten. „Was machst du zurzeit?“, fragte Serena. „Ich gehe zur Uni und studiere Rechtswissenschaft. Muss noch zwei Semester in Heidelberg absolvieren, und du?“, fragte Tommaso. „Hab für ein Jahr mein Studium abgebrochen und bin bei der Regierung Sicherheitsbeamtin im Parlament von Washington D.C.“, entgegnete sie. „Bin sehr nah bei unserem Präsidenten. Möchte in ein, zwei Jahren aber wieder zur Uni und auch Jura studieren.“ „Also wir haben noch viele Probleme zu lösen“, sagte Tommaso lachend. Sie besitzt eine charismatische Ausstrahlung, dachte ich. Es schien, als hätte sie sich ein wenig in Tommaso ver- knallt, wollte es aber nicht zeigen. Die Jacke, die sie umgelegt hatte, fiel ihr von den Schultern, und als sie sich beide danach bückten, um sie aufzuheben, berührten sich ihre Hände, und es sah aus, als wollten sie sich nicht mehr loslassen. Serena zog die Hand etwas später zurück und sagte: „Danke,Tommaso, du bist echt okay. Deine Schwester ist auch sehr lieb. Ich wusste nicht, dass ihr eine so net- te Familie seid. Papa hat zwar über euch geredet, aber immer belangloses Zeug. Ich bin sehr traurig über die Umstände, aber freue mich trotzdem auf Europa.“ 75
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    Besorgte Gedanken machtenwir uns alle. Was, wenn nicht alles so laufen würde wie besprochen mit den Entführern? Würden sie sich an die Abmachungen halten? Ich fürchtete schon jetzt, dass es uns nicht ganz gelingen würde, sie abzuschütteln. Auch wenn wir ein bisschen Zeit gewinnen konnten, bedeutete es nicht das Ende vom Drama; der Höhepunkt schien noch nicht in Sicht zu sein. Ganz im Gegenteil, es fing erst an. Wie konnten wir uns schützen? „Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt man, wenn alles überstanden ist. Unser Geheimnis konnte nicht für immer eines blei- ben. Aber die Menschheit sträubte sich, der Natur ihren geforderten und rechtmäßigen Tribut zu zollen. León und ich zogen uns in die kleine Bibliothek zurück. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. So philosophierten wir die nächsten Stunden über die Sauerstoff- und Energieanlagen. „Würdest du uns etwas zu trinken holen“, bat ich León. „Ist gut, mach ich. Was möchtest du?“ „Etwas, wovon man gut einschlafen kann. Einen gu- ten Whisky on the rocks.“ „Alles klar.“ León verschwand Richtung Küche. Als er mit zwei Whiskygläsern zurückkam, fragte er mich: „Was hast du denn abgeändert, wenn ich fragen darf?“ „Nur einen Teil der Formel, und zwar an der Stelle, wo das Meerwasser sich kristallisiert und bei einer be- stimmten Temperatur vereist. Sie werden erst nach ei- niger Zeit die Änderungen bemerken und verstehen, dass der Prozess zwar in Gang kommt, die Sauerstoff- produktion jedoch in der Salzlösung nicht stabil bleibt und sich nicht aufrecht hält.“ 76
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    Der Zerfall warsomit vorprogrammiert und das Re- sultat nach langer intensiver Arbeit gleich null. Oben- drein wussten sie nicht, dass das Experiment im Labor niemals funktionieren würde. Die Anlagen funktio- nierten nur draußen im natürlichen Umfeld. Diese letzte Information sollte niemand wissen und war in meinem Testament für Tommaso an einem sicheren Ort hinterlegt. „So können wir etwas Zeit gewinnen und nach einer Alternative suchen“, sagte León zufrieden. „Es muss klappen, ohne sofort bemerkt zu werden. Alle Verträge, die zu der Zeit vom Konzern mit den Abnehmern geschlossen werden, sind somit nichts wert. Der Konzern gerät unter Druck, verliert jegli- ches Vertrauen und wird seine Position auf den Welt- märkten verlieren. Nur so löst sich das Problem von selbst. Aber in derselben Zeit müssen wir die UN überzeugen.“ „Eine neue Identität anzunehmen und abzutauchen scheint mir die einzige Lösung in diesem Fall zu sein.“ „Wir werden mit allen reden müssen, ob sie einver- standen sind“, sagte ich. „Wenn wir nicht unser Leben riskieren wollen, dann …“, äußerte León und hob die Schultern. „Oder bleibt uns etwas anderes?“ „Es ist auf jeden Fall unrealistisch, für mehr als zwölf Leute neue Papiere zu erhalten. Wir müssen anders vorgehen und die Finger in der Suppe behalten. Nur so ist das Ganze kontrollierbar“, antwortete ich über- zeugt und bestimmt. „Da hast du wieder recht, mein Freund.“ León sah 77
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    ein, dass eszu diesem Moment keine endgültige Lö- sung aus dem Schlamassel gab. Jackie und Teresa waren zu Bett gegangen und auch Marcella hatte sich zurückgezogen. Serena und Tom- maso saßen noch immer im Garten und unterhiel- ten sich. Ihr Lachen und Kichern drang zu uns ins Arbeitszimmer. „Wir müssen wohl auf die beiden aufpassen, scheint mir“, sagte León schmunzelnd. „Die beiden müssen demnächst auf uns aufpassen“, gab ich amüsiert zurück. Wir lachten und entspannten uns für einen Moment. Es tat gut, Freunde zu haben, denen man vertrauen konnte. Draußen im Garten hatte man andere Probleme. „Hast du eine Freundin?“, fragte Serena mit runden schüchternen Augen. „Aber klar, mehrere sogar“, gab Tommaso zum Spaß zurück. „Das glaub ich dir sogar.“ „Was hättest du gedacht?“ „Ein Mönch oder vielmehr ein Wolf im Schafspelz.“ Tommaso lachte. „Wie du meinst!“, gab er zurück. „Aber“, fuhr er fort, „wie sieht es bei dir aus? Du brauchst auch nicht auf die Suche zu gehen.“ „Zuerst deine Geschichte“, erwiderte sie. „Bei mir gibt es nicht viel zu erzählen. Es gab mal was Ernstes, aber das ist zwei Jahre her. Zurzeit beschäf- tigen mich andere Dinge, wie du siehst“, antwortete Tommaso. „Nichts Ernstes auf jeden Fall“, bohrte sie nach. „Ja.“ 78
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    „Ich habe einenFreund“, sagte sie und schaute, wie er reagieren würde. Tommaso musste sich zusammenreißen, damit sie nicht bemerkte, wie enttäuscht er dreinschauen muss- te. „Ach ja, schön für dich, bist du sehr verliebt?“, er- kundigte er sich etwas bissig. „Ja sehr, er ist ein toller Mann, acht Jahre älter und sehr liebevoll.“ Scheiße, dachte er, was tu ich mir an. Ich versuche die ganze Zeit, sie für mich zu gewinnen, und jetzt so was. Aber besser jetzt, als wenn ich mich daran gewöhnt hätte. „So haben wir zumindest klare Verhältnisse geschaf- fen“, sagte er. „Wie meinst du das?“, wollte sie wissen. „So wie ich es sage, jeder weiß, wo sein Platz ist“, be- endete er das Gespräch. „Ich gehe schlafen“, ergab sich Serena. „Soll ich dich bis zur Tür begleiten?“ „Ich kann auch alleine den Weg finden, schließlich bin ich hier zu Hause“, meinte sie. Sie stand auf und wollte gehen. Er hielt sie an der Hand fest und sie schreckte auf. „Tommaso, lass mich los! Lass das!“ Er ließ los. Sie drehte sich zu ihm und sagte: „Sei mir nicht böse, es war nicht so gemeint, ich wollte dich nicht ärgern, gute Nacht, bis morgen, da haben wir noch eine Men- ge zu erledigen bis zum Abflug“, fügte sie hinzu. „Ich weiß, ich geh auch schlafen. Gute Nacht, Sere- na.“ Sie ging mit ihrem geschmeidigen Körper in dem eng 79
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    taillierten Abendkleid zurTür und verschwand, ohne sich umzudrehen. 80
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    Florenz – Rom Tags darauf saßenTommaso und Serena im Flug- zeug nach Rom. Marcella hatte, als es ernst wurde, entschieden, doch bei uns in Mexiko zu bleiben. Sie wollte jeglichen Komplikationen aus dem Weg gehen. Beide waren eingeschlafen. Irgendwann wachte Tom- maso auf und bemerkte, dass Serena mit ihrem Kopf und der dunklen Mähne auf seiner Brust lag. Es fühlte sich gut an und er schlief wieder ein. Als sie wach wurde, stieß sie ihn weg, da er ungewollt seinen Kopf gegen ihren angelehnt hatte, und bekam sofort die volle Ladung: „Liegst du gut?“ „Wie…, wieso?“ „Du lagst auf mir“, sagte sie entrüstet. „Ich? Du lagst an meiner Brust über vier Stunden! Ist das vielleicht nichts?“, gab er schroff zurück. „Das glaubst du selbst nicht, das sagst du nur so“, er- widerte sie überrascht. „Nichts da. Aber mir hat’s gefallen, und dabei ist nichts passiert.“ „Und wenn uns jemand fotografiert hat?“ „Ach was, wer soll uns denn hier fotografieren wol- len?“ „Die Typen da vorne. Wir werden ständig beobach- tet“, meinte sie. „Hast du Scheuklappen auf den Au- gen? Die beiden, zwei Reihen vor uns rechts. Die ha- ben sich ständig nach uns umgedreht.“ Er schaute hinüber zu den zwei Männern, von denen der eine sich gerade umdrehte und nickte, als wollte er sagen: „Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“ Tommaso musste gestehen, dass er das alles nicht be- merkt hatte. „Siehst du? Wir werden ständig verfolgt, und die wis- 81
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    sen Bescheid. Nurwoher?“, fragte Serena wieder. „Woher? Woher? Wie soll ich das wissen?“, entgegne- te Tommaso etwas irritiert. „Die lassen nicht locker. Das wird kein leichtes Spiel.“ „Habe ich auch nicht erwartet. Aber woher bekom- men sie ihre Informationen? Sie müssen doch nur noch abwarten und bekommen die CDs.“ „Keine Ahnung“, gab Tommaso ehrlich zurück. „Wir könnten die Herren vielleicht fragen“, dachte Serena laut nach. „Gar keine schlechte Idee. Du bleibst hier und ich geh hin“, sagte Tommaso und stand auf. Er musste sich festhalten, wobei er etwas bei der leichten Turbulenz torkelte. „Sorry, may I ask you a question, gentlemen? Könnte ich die Herren etwas fragen?“ „Maybe …, liegt daran, worum es geht“, gab der Di- cke in gebrochenem Englisch betont desinteressiert zurück. „Also tut nicht so, als wüsstet ihr von nichts. Ihr seid doch hinter uns her“, blaffte sie Tommaso zornig auf Englisch an. „Und wenn das so wäre, was wollt ihr tun?“, erwi- derte der Dicke. „Oder habt ihr vor, euch nicht an die Abmachung zu halten, die mit Herrn Martinelli vereinbart wurde?“ Ziemlich frech, uns so offen zu verfolgen, dachte Tommaso. Sie schienen sich ihrer Sache ziemlich si- cher zu sein. Tommaso blieb den Herren keine Antwort schuldig und meinte ruhig: „Wenn meinem Onkel und Herrn Bieberich ein Haar gekrümmt wird, könnt ihr euch auf etwas gefasst machen, oder glaubt ihr im Ernst, dass wir alles akzeptieren und uns erpressen lassen, 82
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    ohne auch etwasvon euch zu erwarten. Ihr wisst ja, dass euch die dritte CD nur bei voller Gesundheit der Entführten ausgehändigt wird.“ Er ging zu Serena zurück, die ihn neugierig ausfrag- te. In Rom angekommen tauchten die beiden Gauner in der Menge unter. Die Passkontrolle verlief ohne Probleme. Serena und Tommaso nahmen ein Taxi und fuhren Richtung Autobahn A1, dann mit der Bahn weiter nach Florenz, wie es mit mir und León be- sprochen war. Serena äußerte sich ganz begeistert von der Land- schaft und den Menschen. Sie konnte es nicht fassen, in Europa zu sein.Tommaso musste sie an den ernsten und riskanten Hintergrund ihrer Reise wieder erin- nern. Andererseits wollte er ihr aber die Freude nicht nehmen. Als sie in den Hauptbahnhof von Florenz einfuhren, war es bereits vier Uhr nachmittags. Tom- maso kannte sich einigermaßen gut aus, da er schon mehrmals hier gewesen war, wenn wir in der Toscana nahe Greve in Chianti die Ferien verbracht hatten. Ein Fünftausend-Seelen-Dorf, aber sehr gemütlich und romantisch. Sie fuhren mit dem Taxi zum Hotel. Er bat den Taxifahrer, einen kleinen Umweg durch die Altstadt zu machen, sodass Serena von der Stadt der Medici und der Renaissance-Paläste einen Ein- druck bekam. „Wow, ganz anders als bei uns in Amerika“, sagte sie. „Ich bin erstaunt von der reichen Architektur.“ In einer Nebenstraße hielt das Taxi an und ließ sie aussteigen. Sofort kam der Portier aus der Hoteltür geeilt und nahm die Koffer. Sie wurden erwartet. „Habt ihr eine gute Reise gehabt?“, fragte ein älterer 83
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    Herr hinter demPortier. Tommaso kannte ihn nicht, hatte aber eine Beschrei- bung von ihm erhalten. „Sie müssen Herr Rodolfo Chiavari sein?“ „So ist es“, gab er zurück. „Ich bin Tommaso Brink und dies ist Serena Almei- da.“ „Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen. Hattet ihr eine gute Reise?“ „Ja, die Reise war gut, etwas lang, zumal wir unter Zeitdruck stehen“, erwiderte Serena. Rodolfo lachte nur kurz. „Wir werden das Kind schon schaukeln. Ihr könnt euch erst mal etwas frisch machen. Gegen halb acht treffen wir uns bei mir in der Suite Nr. 107 im ersten Stock. Ach ja, ihr wohnt im dritten Stockwerk, Zimmer 315, nach hinten, ru- hig und mit Blick auf den Arno. Das ist der Fluss, der durch Florenz fließt“, ergänzte er seine Anleitung. „So, ich muss nur einige Sachen erledigen. Wir se- hen uns später. – Giacomo, übernehmen Sie bitte die Herrschaften.“ „Si, Signore Chiavari, machen Sie sich keine Sor- gen.  –  Sie werden sich sehr wohl bei uns fühlen“, wandte er sich an Tommaso und Serena. „Das Bade- wasser haben wir schon eingelassen.“ Er merkte, wie Serena zusammenzuckte und Tom- maso anstieß: „Du, das geht nicht, wir benötigen ein zweites Zimmer.“ „Herr Rodolfo, wir sind … wir können nicht zusam- men“, erklärte er sofort. Signore Chiavari drehte sich um und meinte ruhig: „Wir können euch aus Sicherheitsgründen nicht al- leine auf verschiedenen Zimmern lassen. Es ist besser so. Sie können nebenan auf dem Sofa schlafen, frische 84
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    Bettwäsche wird selbstverständlichgebracht.  –  Gia- como, du hast es gehört. Die jungen Leute schlafen getrennt.“ „Si, Signore Chiavari.“ Rodolfo entfernte sich. Er war ein Physiker der ersten Garde, der mit seinen siebzig Jahren sehr viel Erfahrung mitbrachte. Er hat- te mich, Jan und Guiglelmo damals sehr unterstützt und ermutigt sowie viele Untersuchungen geleitet und analysiert. Außerdem hatte er die klimatischen Ereignisse der letzten dreißig Jahre genau aufgelistet und gehörte dem Gremium für die Aufsicht und die Einhaltung des Kyotoprotokolls an. Rodolfo stand mit uns stets in Verbindung. Ferner war er für Guiglelmo einer der wichtigsten Professoren an der Uni gewe- sen. Und weil das Ziel Rodolfo ebenfalls interessierte, hatte er dies bis heute mitgestaltet und uns unterstützt. Ich hatte ihm vorgestern am Telefon von den Ereig- nissen erzählt, und er hatte sich sofort bereiterklärt, uns bei der Befreiung von Guiglelmo und Jan zu hel- fen. Er würde persönlich mit Tommaso und Serena die dritte CD übergeben. Serena schien noch immer Probleme mit der Zusam- menlegung zu haben und wollte noch einmal protes- tieren. „Ich werde auf keinen Fall mit dir zusammen in einem Zimmer wohnen.“ „Du kannst dich ja erst alleine frisch machen, ich warte unten, bis du fertig bist“, sagte Tommaso be- schwichtigend, aber ein wenig grimmig. „Du musst mitgehen, weil du dich mit ihm auf Italie- nisch verständigen kannst“, deutete sie auf den Zim- merboy. Im Stillen wäre er allzu gern mit ihr eine engere Be- ziehung eingegangen. Er war dabei, sich in sie zu 85
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    verlieben, musste sichaber zusammenreißen, um sie nicht zu verletzen oder sie liebevoll an sich zu reißen. Er wusste, sie würde sich wehren, aber nicht lange. „Du hast ja gehört, weswegen es nicht anders möglich ist. Ich beiße nicht und schlafe auf dem Sofa“, ver- suchte er Serena zu beruhigen. Giacomo begleitete die beiden auf ihr Zimmer und brachte Serenas Koffer ins Schlafzimmer, nachdem er Tommasos Koffer neben dem Sofa abgestellt hatte. Er zeigte ihnen die schlichten Räumlichkeiten. Tomma- so bedankte sich und steckte ihm etwas zu, bevor er das Zimmer verließ. Tommaso musste bei dem Gedanken schmunzeln, bei Serena zu wohnen. „Was gibt es da zu grinsen?“, bemerkte sie. „Ich muss gerade an deinen tollen Freund denken. Wenn der davon Wind bekommt …“ „Wenn ich mit ihm telefoniere, gehst du aus dem Zimmer, ist das klar“, gab sie beleidigt zurück. „Ja klar, ich schlafe auf der Matte vor der Tür. Wie du befiehlst, gnädige Frau“, entgegnete Tommaso hä- misch. Dann ging er hinaus, doch nicht ohne ihr noch zuzurufen: „Liebes, lass mich rufen, wenn du deine Körperpflege beendet hast. Vielleicht darf ich danach deinen Rücken massieren.“ Schnell verschwand er daraufhin im Flur. Serena schloss sich ein, zur eigenen Sicherheit und vor Tommasos unverhofftem Eindringen. Bei der ganzen verworrenen Geschichte mussten wir alles daransetzen, dass das Material nicht in die fal- schen Hände geriet, da waren wir uns einig, obwohl wir alle unser Leben hierfür aufs Spiel setzten. Außer dem Weltsicherheitsrat durfte niemand die brisanten 86
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    Dokumente in dieHände bekommen, damit sie im Interesse der Menschheit eingesetzt werden konnten. Nur so vermochte man weltweit die Regierungen zu etwas zu bewegen und internationalen Schutz zu ge- währleisten. Es würde einen Mordswind geben, wenn sich die Nachricht in allen Ländern verbreitete, vor allem aber bei den Konzernen, die das Material gerne an sich reißen würden, um Macht auszuüben und Pro- fit daraus zu schlagen. Ich war noch skeptisch, ob alles gelingen würde, zumal wir dem UN-Generalsekretär schon vor zwei Monaten den Bericht hatten zukom- men lassen. Auf eine konkrete Antwort warteten wir allerdings noch, außer dass uns bestätigt worden war, dass sie sich der Sache annehmen würden. Aber wie lange konnte das noch dauern? Der Weltsicherheitsrat wollte die Katze offenbar noch nicht aus dem Sack lassen. Die Regierungen mussten erst ihre Interessen und vor allem die Konsequenzen für ihre Wirtschaft prüfen. Da es darum ging, schnell zu reagieren, um die Dynamik der Verschlechterung der Atemluft in der Atmosphäre und der Lebensqualität von Mensch und Tier zu stoppen, schien das reichlich dumm zu sein. Die Photosynthese der Pflanzenwelt reichte bei Weitem nicht mehr aus, den benötigten Sauerstoffgehalt zu produzieren. Zum einen wegen der hemmungslosen weltweiten Rodungen, die wir auf Google Earth gezeigt bekamen, und zum anderen angesichts des übermäßigen CO2-Ausstoßes, deren Folgen noch vor sechs Jahren nicht in diesem Aus- maß erwartet worden waren. Befand man sich einmal in diesem Strudel, würde die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten sein, und der Kollaps war vorprogram- miert. Die gesamte Lebenskette war bedroht, was bedeutete, 87
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    dass mehr alszehn Prozent der Weltbevölkerung, also fast eine Milliarde Menschen, durch dieses Phänomen zu Tode kommen würden. Es hieß, Hitzewellen wür- den sich über den gesamten Planeten ausbreiten und Naturkatastrophen herbeiführen. Die Erde würde in einigen hundert Jahren aussehen wie der Mars. Viel- leicht könnte sich Leben in tieferen Gewässern und Meeren noch für weitere Jahrhunderte halten, wäh- rend der Rest zur feindlichen Wüste mutierte. Mir war klar, dass die Politiker diesen Erkenntnissen meiner Studie skeptisch gegenüberstehen würden, bevor sich nicht zumindest die Konzerne einig waren, so viele Anlagen zu produzieren, bis das Schlimmste überstanden war. Es war ein Traum oder ein Albtraum, wie man es nimmt. Ich jedenfalls wollte alles daran- setzen, dass erst einmal auf allen Gebieten ein Anfang gemacht wurde, selbst wenn ich es nicht mehr mit- erleben würde. Der Weltsicherheitsrat beschloss in diesen Minuten, dem Ernst der Lage Folge zu leisten und mich einzu- laden, damit ich vorsprechen konnte. Das Telefon klingelte und Leóns Frau nahm ab. „Ja, hallo, wer spricht da?“, fragte eine Stimme. „Frau Almeida.“ León hatte die Sprechanlage eingeschaltet, damit wir mithören konnten, was die andere Seite sagte. „Ich bin der UN-Generalsekretär des Weltsicherheits- rats, Samuel Nimbouto. Könnte ich mit Ihrem Mann sprechen?“ „Oh! Einen Augenblick, Herr Generalsekretär“, er- widerte Jackie sofort. Jeder im Raum wusste von der Wichtigkeit dieses An- rufes. „Herr Generalsekretär, León Almeida am Apparat, was 88
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    kann ich fürSie tun?“, beeilte sich León freundlich und ernst zu antworten. „Ist Ihr Freund Professor Brink bei Ihnen?“, erkun- digte sich Nimbouto gleich. „Ich möchte, dass er mit- hört, was wir zu sagen haben.“ „Ja, er ist hier und hört mit. Wir haben die Sprech- anlage eingeschaltet und können Sie auch auf dem Schirm empfangen, wenn Sie das wünschen.“ „Ja bitte“, erfolgte prompt die Antwort. „Worum es geht, wissen Sie ja“, fuhr er fort, ohne abzuwarten, bis die Satellitenleitung bereitstand. „Ich lass Sie beide sofort abholen, damit Sie persönlich den Mitglieds- staaten Ihre Arbeit vorstellen können. Ich habe mehr als die Hälfte aller Regierungsoberhäupter hier ver- sammelt, die sich gerne über die Funktionstüchtigkeit ein Bild machen möchten. In einer Stunde steht ein Jet zur Verfügung, die Damen und die Kinder können selbstverständlich mitkommen. Es ist alles vorbereitet und für alles gesorgt.“ „Wir werden da sein, Herr Generalsekretär“, antwor- tete León knapp und deutlich. 89
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    Vorsprechen bei derUN In der Zwischenzeit in New York im 23. Stock des UN-Hauptquartiers. „Meine Damen und Herren, die Versammlung ist eröffnet“, sagte der UN-Generalsekretär des Weltsi- cherheitsrats. „Wir haben heute nicht nur die ständi- gen Mitglieder in unserer Mitte versammelt, sondern auch per Videoschaltung alle Regierungschefs, die nicht direkt teilnehmen können an dieser Konferenz. Diese Zusammenkunft ist zwar nicht üblich, aber von höchster Wichtigkeit. Wir sind nach jahrelangem Hin und Her jetzt aufgefordert, der Menschheit und unse- rem Planeten die nötige Schuldigkeit zu erweisen, da- mit es in einigen Jahren wirklich besser geht. Was hier und heute besprochen wird, soll ohne weiteren Auf- schub sofort in Kraft treten. Die UN wird sich dieser Aufgabe gewissenhaft widmen und sich angemessener Sanktionen bedienen, sollte dies aus anderen Interes- sen versucht werden zu untergraben. Es wird hier und heute abgestimmt. Ich betone, alle sind aufgefordert, dasselbe Ziel an- zustreben, ganz gleich welchen politischen, religiö- sen oder wirtschaftlichen Hintergrund Sie haben. In einigen Stunden, wenn wir die meisten Punkte der heutigen Zusammenkunft abgehakt haben, spricht ein Mann zu uns, der uns zeigen wird, dass es vielleicht noch nicht zu spät ist, die Dinge in den Griff zu be- kommen. So, wir kommen zum ersten Punkt: friedlicher Mili- täreinsatz in Polen zur Bekämpfung von organisierten Plünderungen in den Städten durch geplante Krawal- le der hungernden Bevölkerung.“ Sofort kam Bewegung in die Reihen, da solche Ereig- 90
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    nisse auch inanderen Ländern bereits vorgekommen waren. Die Arbeitslosigkeit trieb die Bevölkerung immer mehr in die Gesetzlosigkeit, was letztendlich keinem nutzte. Man benötigte Organisation und Hil- fe für die Bevölkerung. Die einzelnen Regierungen konnten dieses Problem nicht mehr ohne Blutvergie- ßen am eigenen Volk verhindern und mussten bei der UN um Hilfe ersuchen, da das eigene Militär immer schärfer verurteilt und durch Schützenjäger aus dem Hintergrund angegriffen wurde. Bürgerkrieg stellte nur eines der Probleme dar, die weltweit um sich griffen. Eine Stunde später wurden wir von zwei Wagen ab- geholt, die uns zum Flughafen fuhren, wo ein kleiner Privatjet auf uns wartete mit Ziel New York. Die Stadt glich einem Schlachtfeld, überall Verfall. Leute, die nichts Gutes erahnen ließen, säumten die Bürgersteige, nur mit Polizei und gepanzerten Autos konnte man hier einigermaßen durchkommen. Über- all herrschte Chaos. Ein Strom von Menschen aus ganz Amerika versuchte hier sein Glück. So fuhren wir zum UN-Hauptquartier, wo alles an- dere als Feiertagsstimmung herrschte, aber man ver- suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren und der Lage Herr zu bleiben. Doch jede Nation wollte zu ihren Gunsten etwas erreichen oder verhindern, was natür- lich ins Auge gehen konnte. Wir wurden in den Ple- narsaal geleitet, während die Frauen in der Loge Platz nehmen konnten. León und ich wurden direkt zur Runde geführt und vom Generalsekretär empfangen. Er stellte uns der Versammlung kurz vor: „Sehr ver- ehrte UN-Mitglieder, sehr verehrte Gäste, die Herren Jeff Brink und León Almeida.“ Ein ohrenbetäubender Beifall erklang. Ich war weiß 91
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    Gott kein Angsthase,aber ein bisschen mulmig wurde mir schon, da ich wusste, dass der ganze Planet in einer Konferenzschaltung per Satellit Zeuge dieser Rede war. León machte mir mit einem Zeichen Mut. Nachdem man mir ein Mikrofon gegeben hatte, war- teten alle auf meine Rede. Ohne die nötige Vorberei- tung versuchte ich zunächst, in meinem Kopf Ord- nung zu schaffen. Dann begann ich. „Sehr verehrte Anwesenden und Zuschauer da drau- ßen an den Bildschirmen. Bis vor wenigen Stunden hätte ich nicht geglaubt, jetzt hier vor Ihnen zu stehen, und das macht mich stolz. Aber ich bin kein geübter Redner. Außerdem möchte ich die Zusammenhänge nicht weiter kommentieren, die unseren Planeten zer- stören. Stattdessen will ich schildern, was wir dagegen unternehmen können.“ Sofort bekam ich aufmunternden Beifall. „Doch zuallererst möchte ich einen Appell an dieje- nigen richten, die unseren Freund Jan Bieberich und meinen Schwager Guiglelmo Vaccha festhalten.“ Sofort ging ein Gemurmel los. „Ja, meine verehrten Damen und Herren, zwei mei- ner Kollegen werden zurzeit unfreiwillig festgehalten und riskieren, ermordet zu werden, damit skrupellose Geschäftemacher an die Formel kommen. Ich möchte denen sagen, dass ein Alleingang völlig nutzlos ist, um der Situation Herr zu werden. Ferner möchte ich keinem zu nahe treten, egal, wel- cher Ideologie er anhängt, und ganz gleich, aus wel- chem geografischen Umfeld er kommt. Sicher ist, dass wir nur zusammen die Lage meistern können. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Ab sofort sollte jeder die CO2-Emissionen bis zu 90  Prozent redu- zieren. Die fossilen Ressourcen sollten der UN über- 92
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    geben werden, damitalle davon noch etwas haben und ein Plan erarbeitet werden kann, wie wir weiter vorgehen. Alle weltweiten Transporte müssen vermie- den beziehungsweise neu koordiniert werden, damit nicht noch mehr Energie sinnlos verschleudert wird. Die Wasserversorgung muss stabilisiert werden, sodass jeder teilhaben kann. Um die steigende Kriminalität einzudämmen, sollte die Nahrung registriert werden, damit sie gerechter verteilt werden kann. Unsere geplanten Anlagen können genügend Energie für mehrere tausend Jahre sichern. Die Unwissenheit hat unsere schnelle Konsumwelt bestraft, in der wir uns im vorigen Jahrhundert gewissenlos vom Erdöl und anderen fossilen Energien bedient haben. Ganz zu schweigen von der Atomenergie, die als Neben- produkt Radioaktivität erzeugt, und der Atombombe, die alles vernichtet und über Jahrhunderte verseucht. Mit welchem Recht haben die politischen Verant- wortlichen dies zugelassen? Diese Machthaber lieben nicht ihre Bevölkerung, sondern nur den Profit. Meine Studie hat bewiesen, dass wir unerschöpfliche Energievorräte besitzen, die aus den Meeren kom- men. Also könnten wir wieder aus dem Vollen schöp- fen. Aber zuvor müssen wir dafür sorgen, dass uns nicht der Sauerstoff ausgeht, der wiederum aus den Algen der Meere gewonnen werden soll. Dazu kann aus der Sole des Meerwassers und mit der Elektrolyse von Alessandro Volta die Energiegewinnung für den ganzen Planeten über Tausende von Jahren gesichert werden. Anstatt diese Energie in die Atmosphäre ab- zugeben, wird sie in Strom umgewandelt oder in Rie- senbatterietanks gespeichert und weiter an den Ver- braucher geleitet.“ Ich konnte sehen, wie die Zuhörer im Saal die Oh- 93
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    ren spitzten undmehr wissen wollten. Aber da ich in diesem Augenblick keine weiteren Details abgeben konnte und wollte, entschied ich mich, mit einigen abschließenden Bemerkungen zum Ende zu kom- men. „Wie Sie feststellen können, ist dies der einzige Weg, das Klima nicht weiter zu erwärmen, sondern zu schonen, die Luft zum Atmen zu stabilisieren und den Energiehunger zu stillen. Ich möchte hinzufügen, dass es nur mit eisernem Willen gelingt, das Programm ohne Kompromisse durchzuführen. Die Geschichte, die in den nächsten Jahren geschrieben wird, trägt Ihren Namen. Ich bedanke mich, meine Damen und Herren, und wünsche Ihnen viel Erfolg, die Menschen in Ihrem Land zu überzeugen. Ich gebe nun das Wort an meinen guten Freund León Almeida weiter, der hierzu noch einige Anmerkungen machen möchte.“ León umklammerte das Rednerpult. „Sehr geehrte Anwesende und Zuschauer an den Bildschirmen, ich möchte Folgendes sagen: Wenn das Programm Erfolg haben soll, dürfen diesbezügliche Börsengänge und Spekulationen auf den internationalen und nationalen Märkten nicht durchgeführt werden. Man kann etwas, was jedem gehört, nicht für sich selbst beanspruchen oder sichern. Das heißt: Alles, was mit diesem Plane- ten zu tun hat, gehört uns allen und keinem Privi- legierten, ganz gleich, wie geschickt, schlau oder reich er ist. Aus diesem Grunde sollten die Regierungen rasch die erforderlichen gesetzlichen Grundlagen da- für schaffen. Es kann nicht sein, dass alle Länder dieser Erde, die nicht an ein Meer münden oder grenzen, keinen Anspruch auf saubere Luft, saubere Energie oder eine menschenwürdige Verfassung beanspruchen können. Ich warne alle, die einen Alleingang planen 94
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    oder ein Hintertürchengefunden zu haben glauben, dass das Internationale Tribunal scharf gegen diese Staaten vorgehen wird. Ich werde persönlich alles in meiner Macht Stehende tun, um dieses Projekt zu unterstützen. Außerdem möchte ich mich hiermit an die Terroristen weltweit sowie die Konzerne und ihre Aktionäre wenden, die alles versuchen werden, in den Genuss der neuen Formel zu kommen, um Macht auszuüben und Geld zu machen. Und zum Schluss noch ein Wort an die Staroil AG: Lassen Sie unverzüglich unsere Freunde frei. Vielen Dank fürs Zuhören.“ Der Präsident ergriff wieder das Wort: „Ich wünsche den beiden Herren und allen anderen, die dieses Ziel mit uns verfolgen und bereit sind, alles Menschenmög- liche dafür zu tun, dass es gelingt, das Projekt unter der Aufsicht der UN weltweit so schnell wie möglich umzusetzen. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“ Die Live-Ausstrahlung ging hiermit zu Ende. Aber in der Konferenzrunde qualmten förmlich die Köpfe. Die ersten Fragen prasselten auf uns ein. „Wer garantiert uns den Erfolg dieser Formel?“, warf der Regierungschef von Kanada auf, dessen ganzes Land schon seit drei Jahren unter einer gewaltigen Hitzewelle litt. Die Wälder brannten und die Luft wurde immer dünner. Sogar die Eisbären waren vom Aussterben bedroht. Einige wenige konnten noch in Zoos bewundert werden. Die Buckelwale waren seit zwei Jahren nicht mehr im nördlichen Polarmeer auf- getaucht, vermutlich weil sie hier nicht mehr genü- gend Nahrung fanden und auf dem Grund der Meere ihr Ende gefunden hatten. „Wir sehen uns in Spanien an den Küsten unaufhör- lich Überschwemmungen gegenüber“, äußerte Au- 95
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    ßenminister Gonzalves. „VomAtlantik rollen immer neue Tiefdruckgebiete an. Unsere Wirtschaft hat we- gen des Klimawandels arg zu leiden, durch die Über- schwemmungen einerseits und die Dürren im Lan- desinneren andererseits. Die modernde Feuchtigkeit macht uns krank.“ So hatte jeder der Anwesenden ernsthafte Inlandpro- bleme. Dazu kamen die ökonomischen und gesund- heitlichen Lasten. Ich wusste, es würde verdammt schwer sein, all diese Sorgen unter einen Hut zu bringen und einen ge- meinsamen Nenner zu finden. Zumal viele nur an ihr eigenes Wohlbefinden und Profit dachten, wäh- rend andere völlig machtlos diesen enormen Verän- derungen gegenüberstanden. Das Gleichgewicht war aus den Fugen geraten, und selbst die selbstlose Auf- opferung vieler Völker auf landwirtschaftlichem Ge- biet brachte keine nennenswerten Erträge. Durch die Dürreperioden oder die Niederschläge innerhalb we- niger Tage fielen die Ernten immer magerer aus. Wir mussten dafür sorgen, dass die Anlagen unter strikter Geheimhaltung, Disziplin und einer genauen Planung gebaut wurden. Jahrelang hatten wir während der Forschungszeit darüber debattiert und Pläne er- arbeitet. Es ähnelte der Entwicklung eines neuen Pkw: Es reichte nicht, nur einen Motor zu entwickeln, der Wagen musste sich selbstständig ferngesteuert fortbe- wegen und alle Funktionen von vornherein stimmen. In unserem Fall hieß das: Die Infrastruktur benötigte eine grundlegende Erneuerung. Straßen, Regeln, Er- kenntnisse und zuletzt die Sicherheit jedes einzelnen Lebens müssten gewährleistet sein. Das Ganze wür- de Jahre in Anspruch nehmen, um die erneuerbaren Energien und damit neue Lebensqualität jedermann 96
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    zugänglich zu machen.Zum Glück brauchten wir keine gefährlichen Rohstoffe herbeizuholen oder zu erschaffen. Alles befand sich an Ort und Stelle für vie- le Jahrtausende. Es musste konsequent an der Erfolgs- geschichte gearbeitet werden. Aber wie schon gesagt, das war ja nur die Spitze des Eisbergs. Der Plan musste nur schnell durchgeführt werden. 97
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    Die Zukunft hatheute begonnen Wir schrieben heute den 20. März 2013. Es war zwan- zig Uhr dreizehn. Nur ein Zufall oder ging es jetzt richtig zur Sache? León und ich fuhren mit unseren Frauen ins Hilton, wo ein Büfett zu unseren Ehren mit vielen Promi- nenten stattfand. Die US-Präsidentin Hilary Fletcher sollte uns auch jeden Augenblick die Ehre erweisen. Es stellte sich rasch heraus, dass sie eine sehr intelligente Frau war, Jura studiert und viel Sinn für Humor hatte. Das brauchte man aber auch in dieser Zeit. Sie lachte gerne und zeigte viel Verständnis für die Menschen in Not. Auf der anderen Seite konnte sie sehr energisch und kompromisslos sein. Wir verbrachten einen sehr netten Abend mit ihr, ehe sie uns sehr früh wieder ver- lassen musste. Zuvor lud sie uns für die nächsten zwei Wochen mit unseren Frauen nach Camp David ein, um die Pläne durchzusprechen. Würde der UN-Ge- neralsekretär auch mit von der Partie sein, fragte ich mich, da ich vermutete, dass die US-Präsidentin nicht an meiner Person, sondern an meiner Formel interes- siert war und mich für ihr Land gewinnen wollte. Aber dies sollte sich in den kommenden Wochen he- rausstellen. Mit diesen Gedanken fuhren wir mit einer Eskorte Richtung Hotel zurück. In Florenz hatte man unseren Auftritt bei der UN in den Nachrichten mitbekommen. Tommaso war bei Signore Chiavari in der Suite eingeladen, um die Übergabe der ersten zwei CDs zu besprechen, wäh- rend Serena ein ausgiebiges Bad genossen und sich eine Stunde schlafen gelegt hatte. Tommaso fand die 98
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    attraktive Frau schlafendauf dem Bett im Morgen- mantel. Er hätte ihr gerne einen Kuss auf die Stirn gegeben, musste sich aber zusammenreißen. Ein Bein schaute sexy aus dem Bademantel hervor. Ihr langes Haar lag ausgebreitet auf dem Kissen. Er bückte sich nach vorne, um ihre hübschen Gesichtszüge aus der Nähe zu betrachten, als sie ihre dunklen Augen öffne- te und erschrocken aufschrie. „Aah! Was soll das? Was machst du da?“, schrie sie ihn an. „Ich wollte sehen, ob du noch schläfst, und ich wollte auch noch duschen.“ „Ich hab gar nicht gehört, wie du hereingekommen bist“, sagte sie nun wieder etwas ruhiger. „Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe“, er- widerte er freundlich. „Schon gut, Tommaso. Willst du dich nicht etwas aus- ruhen?“ „Eine Viertelstunde könnte Wunder wirken, mehr brauch ich nicht“, antwortete er ehrlich. „Leg dich doch zu mir“, lud sie ihn ein. Er glaubte seinen Ohren nicht und ließ sich wort- los rücklings aufs Bett auf ihren ausgestreckten Arm fallen. Sie zog ihn nicht zurück, wie ihm auffiel, den- noch entschuldigte er sich. „Sorry, Serena.“ „Ist okay, ruh dich etwas aus“, sagte sie sehr lieb. „Danke, ich leg mich auch aufs Sofa, wenn es dich stört.“ „Sei jetzt still und mach deine Siesta“, gab sie zurück und drückte ihn mit der freien Hand ins Kissen. Er ließ das ohne Gegenwehr zu und hätte sie gerne zu sich herangezogen. Sie bückte sich und legte ihre Wange auf seine. Er spürte ihre zarte Haut, wobei sie 99
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    nach dem Badsehr angenehm roch. Sie wollte sich gerade zurückziehen, als er ihren Arm festhielt. Sie ließ es geschehen, aber meinte sehr sanft: „Noch nicht, Tommaso, ich bin noch nicht so weit.“ „Du hast recht, entschuldige.“ Er ließ sie los und drehte ihr den Rücken zu. „Du brauchst nicht traurig zu sein, ich mag dich, aber lass uns etwas Zeit, ich muss noch überlegen.Wir ken- nen uns kaum“, erklärte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. Das tut gut, dachte er und ließ die Augen zufallen. „Weck mich in einer halben Stunde.“ „Okay.“ Tommaso klopfte an die Tür der Suite von Signore Chiavari. Als niemand öffnete, klopfte er etwas hefti- ger. Keine Reaktion. Er drückte gegen die Tür, aber sie war verschlossen. Er schaute auf die Uhr und Sere- na fragte: „Wie spät ist es?“ „Halb neun.“ „Komisch“, sagte sie, „wir sind doch verabredet. Er hätte uns auch Bescheid sagen können.“ Tommaso ahnte nichts Gutes und ging den Flur Rich- tung Treppe, die zur Rezeption führte. „Das riecht nach Ärger, ich fühle das.“ „Vielleicht ist er nur eingenickt. Der Rezeptionist soll ihn anrufen.“ Unten angelangt schaute ihnen der graue Herr hinter der Theke fest in die Augen und sagte: „Ihr seid be- stimmt die jungen Leute aus Amerika, die mit Signore Chiavari verabredet waren. Ich habe schlechte Nach- richten. Herr Chiavari hatte einen Unfall vor einer Stunde. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie sich an die Polizei wenden sollen. Commissario Bianchi erwartet 100
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    Sie – zweiStraßen weiter und dann links.“ „Ist er tot?“, wollte Tommaso sofort wissen. „Kann ich leider nicht sagen. Weitere Informationen bekommen Sie auf dem Polizeirevier. Es tut mir leid für ihn, er ist ein sehr guter und hilfsbereiter Mann“, erwiderte er, ehe er zum nächsten Kunden ging. „Das gibt es nicht“, entrüstete sich Tommaso. „Die scheinen nicht aufgeben zu wollen. Bin ge- spannt, was noch kommt.“ Sie eilten Richtung Ausgang. Draußen war es schon dunkel und etwas frisch. Nach vierhundert Metern Fußweg erreichten sie das zuständige Kommissariat. „Commissario Bianchi, per favore.“ „Worum geht’s?“ „Ich komme wegen Signore Chiavari“, erläuterte Tommaso. „Er erwartet Sie“, entgegnete der Carabinieri. „Hier entlang bitte.“ Sie folgten ihm und wurden dem Commissario vor- gestellt. „Signore Commissario, Herr Brink und Fräulein Al- meida“, meldete der Carabiniere ihr Eintreten. „Kommen Sie herein“, sagte der Commissario, ehe er ihnen die Hand reichte. „Si accomoda, Signorina Almeida, Signore Brink. Piacere di fare la sua cono- scenza. – Mi dispiace. Tut mir leid“, fuhr er fort. „Was ist passiert, wo ist Signore Chiavari?“ „Er wurde tot aufgefunden, nicht weit von hier in einer Seitenstraße.“ „Was? Wieso? Wer hat das getan? Haben Sie den Täter schon gefasst?“ Obwohl der Commissario über sie Bescheid wusste und alle Antworten bereits kannte, wurden Tommaso und Serena trotzdem verhört, um ihre Unschuld zu 101
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    beweisen. „Herr Brink, woherkannten Sie Herrn Chiavari?“, fragte er nun misstrauisch. „Mein Vater und Rodolfo sind, äh waren Freunde seit sehr vielen Jahren“, antwortete Tommaso vorsichtig, da ihm bewusst war, dass der Commissario zunächst einmal alle verdächtigte, sogar Serena und ihn selbst. „Wo haben Sie sich vor einer Stunde aufgehalten?“, fragte der Commissario. „Auf meinem Zimmer.“ Serena mischte sich ins Gespräch. „Er war mit mir auf unserem Zimmer. Wir sollten uns um halb neun in Herrn Chiavaris Suite treffen.“ „Warum sind Sie hier?“, bohrte der Commissario weiter. „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Commissa- rio.“ „Warum nicht? Jetzt geht es uns auch etwas an.“ „Nun gut. Wir sollten ihm eine Arbeit meines Vaters übergeben, da er nicht selbst kommen konnte“, sag- te Tommaso, um den Commissario auf eine falsche Fährte zu führen und damit Zeit zu gewinnen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der Commissario vor genau einer halben Stunde die UN-Versammlung in den Medien mit angehört hatte und über Guiglel- mos und Jans Entführung Bescheid wusste. „Und wie geht es Ihrem Onkel Signore Vaccha und Herrn Bieberich?“, erkundigte er sich scheinbar bei- läufig. „Wollen Sie und Ihre hübsche Freundin das alleine erledigen?“ Shit, dachte Tommaso, gut, dass ich ihn nicht ganz be- logen habe. Serena, die kein Italienisch verstand, schaute ihn an und wollte wissen, worum es ging. 102
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    „Miss Almeida“, fuhrder Commissario nun in per- fektem Englisch – was Tommaso nicht erwartet hätte – fort. „Könnten Sie mir sagen, welche Aufgabe Sig- nore Chiavari in dieser Entführung zukam?“ Sie schaute erst Tommaso an, ehe sie dem Commis- sario sehr überzeugend als Antwort gab: „Soviel ich weiß, sollte er mit den Entführern in Kontakt treten und versuchen, die Situation zu entschärfen.“ „Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“ „Das Ganze sollte ohne Polizei ablaufen, da sonst das Leben der beiden gefährdet wäre. So lautete eine der Forderungen der Entführer“, rechtfertigte Tommaso ihr Vorgehen. „Und wissen Sie, wer sie sind oder mit wem Sie es zu tun haben?“, bohrte er weiter. Tommaso musste einsehen, dass er den Commissario nicht so leicht abwimmeln konnte, zumal das Ganze nun bereits ein Leben gefordert hatte. „Ich glaube ja“, gab er etwas genervt zurück. „Und um wen handelt es sich?“, fragte der Commis- sario weiter. „Es sollen Leute von der Staroil sein.“ „Sind Sie sicher?“ „Ja, wir, das heißt, mein Vater hat es durch Zufall her- ausgefunden“, erwiderte Tommaso. „Genaueres kann ich jedoch nicht sagen.Wir sollten mit Rodolfo Chia- varis Hilfe ihren Forderungen nachkommen, um die beiden freizubekommen“, gab Tommaso zu. „Sie haben doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass das geschehen wäre. Sie sehen, wie weit sie gehen, sie morden bereits im Vorfeld, damit Sie Ihnen bei der Übergabe keine großen Probleme bereiten. Sie scheinen gut vorbereitet zu sein und überhaupt, was wollen die von Ihrem Vater, was fordern die Kidnap- 103
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    per eigentlich?“, forschteder Commissario unbeirrt weiter. Sie mussten irgendwie hinbekommen, dass sich die Polizei heraushielt, um das Leben ihrer Freunde nicht noch mehr zu gefährden. Die Entführer werden sich sonst zu sehr bedrängt fühlen und beide ermorden, dachte Tommaso. „Herr Brink, ich hab Sie etwas gefragt?“, fuhr der Commissario fort. Er war aufgestanden und legte die Aktentasche von Rodolfo auf den Schreibtisch, ohne darauf einzugehen, um mehr Informationen aus Tom- maso herauszuholen. „Ja, soviel ich weiß, die Forschungsarbeiten der letzten Jahre, die mein Vater gemeinsam mit seinen Freunden getätigt hat.“ „Das müssen sehr wichtige Ergebnisse sein, wie es scheint, wenn die UN Ihren Vater zusammen mit den ständigen Mitgliedern und anderen wichtigen Län- dern an einem Tisch versammelt.“ „Ich glaub schon, aber wenn Sie alles wissen, warum fragen Sie dann noch?“ Tommaso bekam ein schlech- tes Gefühl und schaute Serena an, um ihr anzudeuten, dass sie hier verschwinden mussten, und zwar schnell. Die Frage war nur, wie. Er vertraute dem Commissa- rio nicht ganz, etwas schien im Busch zu sein. „Wo haben Sie die Akte?“, fragte der Commissario wieder ganz beiläufig. „Im Hotel?“ „Wir haben nur die Instruktion zu verhandeln, sonst nichts, Herr Commissario“, entgegnete Tommaso und schaute Serena erneut an. Sie merkte, dass etwas nicht stimmte, und fragte scheinheilig: „Tommaso, können wir jetzt gehen?“ „Ich denke schon.“ Tommaso wandte sich an den Commissario. „Können wir noch etwas für Sie tun?“ 104
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    „Und ob –Sie bleiben im Hotel, bis ich Sie rufe. Zu Ihrer Sicherheit werde ich zwei Leute auf dem Flur vor Ihrem Zimmer postieren.“ „Okay“, sagte Tommaso und deutete Serena an, dass sie gehen könnten. „Sie schicken uns zwei Leute, um uns zu bewachen oder zu schützen, ich weiß noch nicht“, flüsterte er ihr zu. Serena verstand sofort und schwieg, bis sie draußen waren. „Wir dürfen nicht ins Hotel zurück“, gab Tommaso Serena zu verstehen. „An der nächsten Ecke fangen wir an zu laufen und verschwinden.“ An der Ecke angekommen studierte Tommaso mit ei- nigen Blicken, wie sie die beiden Beamten in Zivil loswerden könnten. Geistesgegenwärtig bemerkte er, wie gegenüber auf der anderen Straßenseite eine Frau mit dem Schlüssel in der Hand in ihr Auto steigen wollte, und zog seine Begleiterin rasch am Arm. „Rüber zum Wagen, schnell!“, zischte er. Serena verstand augenblicklich, was er plante, und zö- gerte nicht lange. Sie liefen hin, Tommaso stieß die Frau weg und entriss ihr gleichzeitig den Schlüssel- bund. Die Frau schrie und versuchte sich zu wehren. Aber Tommaso war bereits eingestiegen und ließ den Motor aufheulen, während Serena neben ihm Platz nahm. In letzter Sekunde ließ er die Türsperre ein- rasten, denn die beiden Beamten versuchten nun mit wilden Gebärden, die Tür des Wagens zu öffnen. Die Frau schrie wie am Spieß auf Italienisch: „Ladri, aiuto, mi rubano la mia auto“ (Räuber, Hilfe, sie klauen meinen Wagen). Tommaso und Serena fuhren mit quietschenden Rei- fen los, wobei die Beamten noch einige Meter hinter- 105
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    herrannten. Aber siehatten keine Chance. „Wir fahren zum Hotel. Du gehst rein und holst nur den Aktenkoffer, der Rest kann da bleiben, verstan- den! Sonst fällt es dem Portier auf. Schnell, ich parke in der Seitenstraße und du gehst weiter zu Fuß. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ „Gut, und wenn bereits Leute im Zimmer sind?“ „Geh an unserem Zimmer erst mal vorbei und schau, ob da jemand ist.“ Eine Polizeisirene jaulte in einer Nebengasse, dann noch eine. Sie mussten sich beeilen. „Pass auf dich auf, Serena.“ „Mach dir keine Sorgen, ich nehm nur den Inhalt und nicht den Aktenkoffer mit“, sagte sie entschlossen und verschwand in der Dunkelheit. Mehr als besorgt duckte er sich in den Sitz für den Fall, dass eine Polizeipatrouille vorbeikam. Kaum hat- te er den Kopf eingezogen, kamen schon mehrere Polizisten die Straße entlanggelaufen und zogen wei- ter Richtung Hauptstraße. Was für ein Glück, dachte Tommaso. Fünf Minuten später tauchte jemand neben dem Wagen auf. Er trug einen Hut und einen langen Mantel. „Schnell, lass den Motor an, lass uns abhauen, sie sind überall.“ Er erkannte Serena an der Stimme und fühlte sich erleichtert. „Wie siehst du denn aus?“ „Hab mich in der Garderobe der Bar bedient, um zum Zimmer zu gelangen“, erläuterte sie amüsiert. „Diese Mexikaner sind schlimmer als die Italiener“, bemerkte er spöttisch. „Aber wohin nun?“, wollte Serena noch ganz außer Atem wissen. 106
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    „Am besten nachRom, aber mit dem Zug, dieser Wa- gen dürfte bereits gesucht werden.“ Sie konnten nicht telefonieren. Zum Glück hatte Se- rena das Nötigste aus dem Hotel herausschaffen kön- nen. Tommaso hielt sie einen Moment lang am Arm fest und beruhigte sie: „Wir schaffen das schon“, und fuhr los. „Am besten wir beschaffen uns irgendwie einen an- deren Wagen“, schlug sie vor. „Dachte ich auch gerade“, stimmte Tommaso ihr zu. Sie ließen den Wagen einige hundert Meter vom Ho- tel in einer Hauseinfahrt einfach stehen und gingen zu Fuß weiter, zunächst auf einem Weg, der runter zum Fluss führte. Ab und an waren Polizeisirenen zu hören. Zum Glück vermuteten sie sie nicht so nah am Hotel. Aber ein anderer Wagen musste her. „Und was war auf der Polizeiwache los?“, erkundigte sich Serena. „Ich vermute, dass die Polizei in der Sache drinsteckt, zumindest hatte ich den Eindruck. Egal, besser mit niemandem zu kollaborieren, solange wir nicht wis- sen, auf welcher Seite er steht“, sagte Tommaso über- zeugt. Sie liefen am Arno vorbei zum Ponte Vecchio. Alles war hell erleuchtet. Wahre Menschenmengen tum- melten sich in den Straßen. Etwas weiter die Uferstra- ße entlang trafen sie auf geparkte Autos. Er entschied sich für einen Audi mit deutschem Nummernschild, ein Auto, das Tommaso gut kannte. Allerdings muss- te es schnell gehen, da bestimmt der Alarm losgehen würde; aber bei den Italienern machte das wenig Ein- druck, und er konnte im schlimmsten Fall vorgeben, da er Deutsch sprach, dass er die Schlüssel verloren 107
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    habe und sichselbst behelfen müsse. Trotz aller Ange- spanntheit konnte Serena sich ein Lachen nicht ver- kneifen. Wie vermutet, heulte sofort die Alarmanlage auf, sobald er die hintere Seitenscheibe eingerammt hatte. Er ging bewusst langsam zu Werke, als wollte er zeigen, dass es sich um seinen Wagen handeln würde, während er unentwegt auf Deutsch fluchte. Der einzige Passant, der vorbeikam, schien seinen Är- ger zu verstehen und sagte: „Schön dumm, wenn man bei sich selbst einbrechen muss. Sind Sie Deutscher? Tedesco?“ „Ja, hab die Schlüssel verloren.“ „Viel Glück!“, gab er knapp zurück und ging weiter. Das konnte er gut gebrauchen in diesem Moment. In ihrer Nervosität konnte es Serena kaum abwarten, dass der Motor ansprang und sie ohne aufzufallen wegkamen. „Leider kann ich dir heute Abend nicht mehr das ro- mantische Florenz zeigen. Jammerschade!“, versuchte Tommaso die Situation etwas aufzulockern. Sie fuhren los Richtung Autobahn A1. Sie mussten eine Polizei- patrouille passieren. Serena hatte sich vorsichtshalber geduckt und gab vor, etwas zu suchen. So sah es aus, als würde sich nur eine Person im Wagen befinden. Ihr Augenmerk galt aber zwei Leuten und da die Beamten an der anderen Seite der zerbrochenen Fensterscheibe standen und das deutsche Kennzeichen registrierten, winkten sie den Wagen durch.Wenig später fuhren die beiden unbeachtet aus der Stadt hinaus. „Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Serena ein bisschen verloren. Sie schien sich das Ganze wohl et- was anders vorgestellt zu haben, doch leider war dar- aus bitterer Ernst geworden. Sie wussten nicht mehr, wem sie noch vertrauen konnten. 108
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    „Tante Fiona inRom wird bestimmt rund um die Uhr beobachtet.“ „Das glaube ich auch. Ein Glück, dass wir noch ins Hotel und die Papiere mit den CDs rausholen konn- ten“, sagte Serena etwas erleichtert. „Ja, das hast du sehr gut gemacht; überhaupt, hat dich jemand gesehen?“ „Nein, ich bin sofort zur Toilette, von dort zur Gar- derobe und dann zum Aufzug und weiter in unser Zimmer. So konnte mich niemand erkennen.“ „Sehr schlau“, gab Tommaso zurück und hielt ihre Hand. Wortlos zog sie seine Hand an sich. Irgendwann nach Mitternacht fuhr er eine Raststätte an, hielt sich aber etwas abseits, damit sie ein wenig verschnaufen konnten. Sie mussten noch heute Nacht nach Rom und den Wagen loswerden. „Hast du Hunger, Serena?“ „Ein bisschen“, gab sie ein wenig schlaftrunken zu- rück. „Ich hol uns etwas. Willst du Kaffee oder etwas an- deres?“ „Ein Kaffee wäre gut. Danke.“ „Bis gleich“, sagte Tommaso und verschwand Rich- tung Bar. Ein Polizeiwagen drehte seine Runde, aber das war normal hier auf den Raststätten. Tommaso suchte erst die Toilette auf, bevor er in den Autogrill zur Bar ging. Er kaufte ein paar Pizzateil- chen, etwas zu trinken und zwei Kaffee. Als er hi- nausgehen wollte, kamen ihm zwei Carabinieri ent- gegen. Er dachte, jetzt haben sie dich, aber sie gingen auseinander und ließen ihn passieren. Sein Herz raste. Draußen blieb er einen Augenblick stehen, um erst 109
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    einmal tief durchzuatmen.Er schaute sich unbemerkt um. Alles war ruhig, außer ein paar jungen Leuten bei einem Minibus, die lauthals diskutierten. Mit schnel- len Schritten erreichte er den Wagen und bemerkte sofort, dass Serena nicht im Wagen saß. „Verdammt, auch das noch“, dachte er laut. „Wo steckt sie bloß, kann sie nicht warten, bis ich zurück bin? „ „Nein, schließlich muss eine Frau auch mal“, kam von hinten Serenas Stimme. „Mensch, hast du mich erschreckt. Hier laufen Poli- zisten herum und du machst einen Spaziergang.“ „Ich war in dem Busch da hinten, da konnte mich niemand sehen“, gab sie etwas verärgert zurück. „Okay, ist ja gut. Entschuldigung. Ich hab keine Lust, noch mehr Ärger zu bekommen. Für den Moment reicht es mir. Wir wandern sofort in die nächste Zelle, wenn die uns erwischen.“ Sie stieg in den Wagen und Tommaso hinterher. Schweigend fuhren sie los. Gegen halb sechs erreich- ten sie Rom, es wurde bereits hell. Sie parkten in einer Seitenstraße und schliefen sofort ein. Als es an der Scheibe klopfte, wurden sie wach. „He“, machte sich eine Männerstimme bemerkbar, „wir wollen auf die Baustelle, wenn ihr nichts da- gegen habt.“ Tommaso schaute sich um und sah, dass sie genau vor dem Eingang zu einer Baustelle geparkt hatten. „Wir sind in den Schlaf gefallen. Entschuldigung.“ Er lachte. „Haben sie euch ausgeraubt?“, fragte er mit Blick auf die kaputte Fensterscheibe. „Ja, ja, gestern Abend. Wo ist die nächste Audi-Gara- ge?“, lenkte Tommaso ab. „Geradeaus etwa vier bis fünf Kilometer auf der lin- ken Strassenseite.“ 110
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    „Ist es nochweit bis ins Zentrum?“ „Etwa noch zehn bis fünfzehn Minuten.“ „Danke, mein Freund.“ Einige Kilometer weiter ließen sie den Wagen irgend- wo auf einem Parkplatz stehen und fuhren mit der Straßenbahn ins Zentrum. Es war gegen neun Uhr. Tommaso wollte gerade nach Amerika anrufen, um mir Bescheid zu sagen, damit ich mit Martinelli Kon- takt aufnehmen sollte, da hatte ich im gleichen Mo- ment aus Mexiko seine Nummer gewählt. „Tommaso, wo steckst du?“, fragte ich. „Mitten in Rom in der Straßenbahn“, antwortete er. „Ist Serena auch bei dir? Geht es euch gut? Was ist passiert?“ „Pa, alles okay, wenn man so will. Sie haben gestern Abend Rodolfo umgebracht, man hat ihn mit ein paar Kugeln im Kopf tot aufgefunden.“ „Ich hab im Hotel angerufen und bereits gehört, dass ihr flüchtig seid. Erzähl!“ „Pa, als wir bei der Polizei von diesem komischen Commissario verhört wurden, hatte ich das Gefühl, dass er mit von der Partie ist. Wir sind daraufhin ab- gehauen. Die CDs und die Papiere konnten wir Gott sei Dank mitnehmen, dank Serena.“ „Hör zu, Martinelli scheint verschwunden zu sein, und von Guiglelmo und Jan fehlt jede Spur. Bleibt bitte im Hintergrund oder versteckt euch, bis ich euch Bescheid gebe. Der Geheimdienst wird sich dar- um kümmern. Seid vorsichtig und geht auch nicht zu Tante Fiona, denn das könnte gefährlich werden. Hast du verstanden? Nehmt den Zug nach Neapel und wartet dort auf mich. Ich werde versuchen so schnell wie möglich bei euch zu sein. Ich melde mich. Alles Gute und seid vorsichtig, traut niemandem. Ruft auch 111
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    niemanden an. Istdas klar! Ich melde mich, sobald ich am Flughafen Fiumicino in Rom angekommen bin. Tschüss ihr beiden. – Warte noch, León will mit Serena sprechen.“ Das Handy wechselte die Hand und nach dem Ge- spräch mit ihrem Vater hatte Serena Tränen in den Augen. „Was ist geschehen?“, fragte Tommaso etwas besorgt. „Nichts, ich vermisse sie nur.“ Wir suchten uns einen Platz auf der Terrasse eines Café, wo wir nach der stressigen Nacht in Ruhe früh- stücken konnten. Für die Jahreszeit war es bereits am Morgen ganz schön heiß. Wir sahen vielerorts Schil- der, die den Autoverkehr angesichts der hohen Ozon- werte, des Smogs und der Rußpartikelkonzentration in der Luft untersagten, was inzwischen überall in den dicht bevölkerten Ländern so war. Der Smog lag weltweit wie ein Nebel über den Städten und wollte einfach nicht weichen. Er gehörte mittlerweile zum normalen Alltagsbild. Hinzu kam die Rationalisie- rung von Trinkwasser – schon jetzt im Frühjahr, nicht wie sonst in den warmen Sommertagen. Immer mehr Touristen blieben aus einer so schönen Stadt weg, die sonst Millionen von Gästen im Jahr beherbergte, und dies nicht nur wegen des Vatikans. „Ach, wie soll das nur enden?“, seufzte der Oberkell- ner und kassierte eine viel zu hohe Summe für die Kaffees und die focaccia, die in keinem Verhältnis zu dem stand, was man dafür bekam. Ich hatte der UN die Pläne ohne die Informationen auf dem Memorystick vorgelegt, und nun wurde da- rüber debattiert, wie es weitergehen sollte. Ich hatte bei meinem Vortrag klar und deutlich gemacht, dass 112
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    sie sich nichtuntereinander streiten, sondern eine sofortige Lösung herbeiführen sollten, denn die Zeit drängte. Eine ausgelaugte und zutiefst ausgebeutete Erde wür- de als Hinterlassenschaft zurückbleiben, wenn wir nicht agierten. Doch wir waren jetzt so weit, der Erde die nötige Erholung zu verschaffen, wenn uns da nicht diejenigen dazwischenfunken würden, die nur ihren Profit und ihre Interessen im Kopf hatten. Daher musste die UN diesmal alle Staaten davon überzeugen, dass es auf kurz oder lang keine Zukunft für nieman- den mehr gab, sollten die Beschlüsse wie sonst igno- riert oder abgeblockt werden, sei es durch Veto oder schlappe Sanktionen, die nur halbherzig durchgesetzt wurden. Es musste ein rigoroser Plan her, der nicht von Staatengemeinschaften wie Amerika oder Europa diktiert werden sollte, sondern von unabhängiger Sei- te her. Wenn der eigene Bruder ein Mörder war, saß man ja auch nicht selbst auf der Geschworenenbank. Jeglicher Interessenkonflikt sollte also vermieden wer- den, auch wenn es schwerfiel. Die Verteidigung sollte von einem Weltanwalt durchgeführt werden, wodurch eine neue juristische Dimension entstehen würde. Je- der Bewohner dieser Erde sollte wie ein verlässlicher und verantwortungsvoller Elternteil handeln. Die ge- fällten Entscheidungen mussten zügig umgesetzt wer- den, schließlich ging es um unseren Planeten und die Sicherung der Energie, um ein sauberes Klima und unser wichtigstes Lebensmittel, das Trinkwasser. Ohne diese drei Elemente sah es für die Menschheit schlecht aus. Ich konnte einfach nicht glauben, dass Krokodile Millionen von Jahren überlebt hatten, ohne sich selbst und die Erde zu zerstören, aber wir Menschen selbst- 113
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    zerstörerisch nur wenigeJahrzehnte hierfür benötigt hatten. Es ging zu Ende, wenn wir nicht einsahen, dass es Gott gibt, der uns mit all seiner Vielfalt jeden Tag beschenkt, wir jedoch noch immer nach Wundern schrien. Denn 70 Prozent des Planeten Erde bestehen aus Wasser. Ebenso die Menschen, Tiere und Pflanzen. Vom All aus sieht man einen wunderschönen, einzig- artigen blauen Planeten. Dieses gesamte Bild ist einem allmächtigen Schöpfer entsprungen, nämlich Gott, der uns unerschöpfliche Ressourcen schenkte. Nicht nur für einige Wenige, sondern für die gesamte Mensch- heit, Tier- und Pflanzenwelt, die uns ihrerseits ernährt und mit Sauerstoff versorgt. Also, da musste man blöd sein, wenn man seinen Lebenslieferanten killte.Wasser gibt es in flüssigem oder gefrorenem Zustand oder als Wasserdampf. Im Wasser liegt der Schlüssel des Le- bens. Somit auch unser Energievorrat. Die Meere boten ge- nügend Platz, um solche Projekte zu realisieren, und verfügten über genug Salz, um die Anlagen zu betrei- ben. Das bedeutete weder Raubbau, welcher Art auch immer, an Erdöl, Erdgas, Kohle oder anderen fossilen Brennstoffen noch Waldrodung. Keine umweltfeind- liche Verbrennung und Belastung für das Klima und die so wichtige Luft zum Atmen, kein Ozon, keine Radioaktivität. Letzteres zeugte nur von der Unfä- higkeit des Menschen, auf lange Sicht etwas zu unse- ren Gunsten zu verändern, unsere Erfolge waren nur kurzfristig. Die Genmanipulation beispielsweise wür- de in erster Instanz kräftigere, widerstandsfähigere, in allen Bereichen bessere Produkte hervorbringen, aber in einigen Jahren käme uns das gesundheitlich teu- er zu stehen, zum Vorteil der Pharmaindustrie, da mit 114
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    ziemlicher Sicherheit unsereKörper in Mitleiden- schaft gezogen würden. Ökonomisch mag das alles zu begrüßen sein, aber für den Menschen war es eine weitere Katastrophe. Seit wir Menschen unsere Finger mit im Spiel hat- ten, drohten ganze Arten auszusterben. Wir hatten ihre Lebensräume vernichtet, ihre Körper verarbeitet, überzüchtet, sie gequält und sie aus reiner Profitgier für dubiose Experimente benutzt. Unseren Haus- und Nutztieren wurden unnatürliche Lebensgewohnhei- ten aufgezwungen. Stattdessen hätte man alles daransetzen müssen, die Tierwelt in ihrem Umfeld positiv zu erforschen und ihnen nur das Nötigste für unsere Lebenserhaltung abzuverlangen. Massentierhaltungen gehörten gänz- lich abgeschafft. Wir Menschen schienen uns gegenseitig nichts mehr zu bedeuten, es war nur ein ständiges Nehmen, nur wenige gaben. Wir beuteten uns selbst auf legale und illegale Weise aus, brachten so unsere Urahnen um die Werte Verständnis und soziales Miteinander, während die Urvölker in den Urwäldern noch vollkommen diesem Idealbild entsprachen. Sie lebten im Einklang mit der Natur und dem Planeten. Wissenschaftlich waren wir auf der Höhe, konnten wir die Materie und ihre Kräfte erforschen und hätten sie für uns nut- zen können, ohne späteren Generationen das Recht auf die gleiche Lebensqualität zu verwehren, was wir heutzutage nicht gerade behaupten konnten. Also war ein Umdenken gefragt, erforderlich und überlebenswichtig für unsere Kinder. Wir mussten lernen, den Tatsachen in die Augen zu schauen, und nicht immer nach monetären Gesichtspunkten zu handeln. 115
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    Alles, was aufder Welt von selbst entstand, gehörte uns allen. Die Schätze in und auf der Erde wie in der Luft. Wir hatten hierfür nichts erschaffen müssen.Wenn wir Kartoffeln pflanzten, versorgten und wachsen ließen, hatten wir etwas Eigenes entstehen lassen, um unser Überleben zu garantieren. Handel war erlaubt, wenn kein Raubbau entstand, zum Beispiel Schuhe, Papier, Technologie, Bausubstanz. Dabei musste man genau abwägen, wie viel wir davon brauchten und wie viel unsere Umwelt ertragen konnte. Die veränderten und zu jeder Jahreszeit erhältlichen Lebensmittel mussten verstärkt einer Kontrolle unterworfen werden, genau- so wie der Pharmaindustrie und den Chemiekonzer- nen nur erlaubt werden durfte, keine genmanipulier- ten und ausnahmslos unbehandelte Lebensmittel zu produzieren. Die mit verlogener Werbung täglich offerierten Pro- dukte sollten zudem strenger kontrolliert werden, wobei der Sumpf von Lügen und Desinformationen trocken gelegt werden musste. Aber wen interessierte das schon, wenn die Börsen satte Gewinne einfuhren. Hauptsache, sie entließen noch einige tausend Menschen, damit sie noch mehr Dividende einstreichen konnten. Die Heilung unserer Umwelt bestand darin, sich be- wusst zu machen, was wir brauchten oder auch nicht. Man musste, wie damals bei den Airlines, eine schwar- ze Liste all jener Konzerne und Politiker anfertigen, die die Menschen belogen, und sie sanktionieren oder bestrafen. Man durfte, wie die Gesetzgeber bei Alko- hol hinter dem Steuer, null Toleranz walten lassen und nur reine – nicht wirtschaftlich interessante – Projekte subventionieren. Man musste alle irreführende Wer- bung verbannen. 116
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    Kurzum: Man mussteumdenken und verstehen, was für die Erde, Natur und Menschen gut war. Eine Kuh aß vegetarisch und war nie auf Fleisch um- gestiegen, nur weil kein Gras da war. Wir Menschen dagegen ließen uns jeden Morgen was aufschwatzen, was uns letztendlich unsere Gesundheit kostete. Aber wir wurden schleichend und irreführend innerhalb von Jahrzehnten mit dem Argument, wie einfach, zeit- sparend, praktisch und bequem alles war, auf reinen Konsum umgerüstet und süchtig gemacht, damit we- nige sich bereicherten. So zum Beispiel unser Handy, Bankgeschäfte, Kreditkarten oder Internet. Das Inter- net war mit Sicherheit ein bemerkenswertes Medium, aber auch hier wusste man nicht mehr, ob alles mit rechten Dingen zuging. Bei jedem Einschalten musste man eine neue Software herunterladen die noch opti- maler und sicherer war gegen Eindringlinge. Für den Laien komplett undurchsichtig. Wurden nun Daten herein- oder herausgeschleust, war oft meine Frage. Solange wir zuließen, dass andere an uns verdienten, setzten sie alles daran, uns alles zu verkaufen, wovon wir glaubten, glücklich, schöner oder gesünder zu werden. Ganze Heere arbeiteten für diese Konzerne im Hintergrund um unsere Angewohnheiten zu stu- dieren und wie sie ihre Produkte am Besten vermark- ten konnten. Es lag also an uns selbst, inwiefern wir es zuließen, wie weit sie gingen. Wasser und Sauerstoff würden die nächsten Jahrtau- sende über unser Leben bestimmen, das nicht von irgendwelchen fossilen oder chemisch komplizierten und teuren Abläufen abhängig war. Das Leben basierte auf einfachen chemischen Reaktionen, die bereits in der Natur eingebettet waren und keine gefährlichen Altlasten für nächste Generationen hinterließen. 117
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    Die Erde standim Einklang mit dem Leben und dem konnte sich keiner entziehen. Ich war besorgt und konnte nicht einschlafen. Teresa schien es ähnlich zu gehen. „Wir hätten die Kinder nicht alleine weglassen sol- len!“, sagte sie, als wir im Bett lagen. „Ich weiß, aber wie hätten wir anders vorgehen sol- len? Wir können uns schlecht in zehn Stücke teilen. Sie sollten ja nur bei Rodolfo die CD abgeben“, ver- suchte ich sie zu beruhigen. „Ja, aber Rodolfo ist tot, die Kinder sind flüchtig, und diese Gauner haben sogar die italienische Polizei ge- kauft.“ „Wir werden so bald wie möglich nach Rom flie- gen und nach dem Rechten sehen. Ich muss nur noch mit der UN gewisse Abläufe abklären, wie wir vor- gehen; den Rest können sie alleine in die Wege leiten. Wenn alles so weit ist, werden wir in Aktion treten. Nach den Tests sind nur noch Kontrollen auszuführen, wobei strenge Vorsichtsmaßnahmen den ungestörten Verlauf der Sauerstoffproduktion garantieren dürf- ten“, fuhr ich fort. „Das heißt, wir müssen zurück nach Amerika. Oder wo soll die erste Anlage entstehen?“, fragte Teresa. „Wir haben uns noch nicht festgelegt. So, aber jetzt versuch ich noch ein paar Stunden zu schlafen, mor- gen müssen wir gegen 6.30 Uhr schon los zur UN.“ Teresa kuschelte sich gegen meine Brust und wir schliefen ein. Das Klingeln des Telefons riss uns beide aus dem Schlaf. Schlaftrunken hob ich den Hörer ab: „Ja bitte? Ach, du bist es, wir sind in einer halben Stunde unten. Danke 118
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    fürs Wecken, bisgleich.“ León und Jackie waren bereits unten beim Früh- stück. Wir gesellten uns zu ihnen und tranken nur schnell einen starken Kaffee, da bereits eine Eskorte auf uns wartete, die uns zum UN-Tower bringen sollte. Vier Bodyguards begleiteten uns zu den zwei Limousinen mit aus Sicherheitsgründen verdunkelten Scheiben. Ich fuhr mit León, während die Frauen in einem Ab- stand von einer halben Stunde nachkommen sollten. So verlangte es die Sicherheit. Kurz zuvor hatte ich mit Tommaso telefoniert und erfahren, dass sie anstatt in Neapel von einer Sicherheitsbrigade der UN nach Sorrento bei Neapel untergebracht worden waren. Der Geheimdienst vor Ort versuchte herauszufinden, wo Guiglelmo und Jan versteckt gehalten wurden. Al- lem Anschein nach außerhalb von Rom. Fiona hatte mehrmals mit Teresa telefoniert. „Jeff, wie soll es nun weitergehen? Ich meine mit der Anlage. Und wo soll sie aufgebaut werden?“, fragte León. „Wenn es nach mir ginge, dort, wo das Ganze ange- fangen hat.“ „Du meinst auf Spitzbergen?“ „Ja genau, was meinst du? Wir hätten unsere Ruhe und die Familie wäre besser aufgehoben, man könnte sie effektiver beschützen“, argumentierte ich. „Da hast du recht, nur etwas abgelegen. Wir haben unseren Job, aber was sollen die Frauen sechs Monate lang machen?“ „Ich weiß. Hast du eine bessere Idee?“ „Warum nicht am Mittelmeer bei Monte Carlo, da unterhalten wir ein Unterwasserlabor wie auf Spitz- bergen und könnten für uns und unsere Familie von 119
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    den Monegassen politischeImmunität bekommen.“ „Wir reden mit dem Präsidenten, mal sehen, was er dazu sagt“, gab ich zurück. Im UN-Hauptquartier war einiges los. Vor dem Ge- bäude wimmelte es nur so von Journalisten und Pres- seleuten. Wir wurden in das Untergeschoss gefahren und von dort in die obere Etage geleitet, wo uns der UN-Generalsekretär bereits erwartete. „Guten Morgen, meine Herren, gut geschlafen?“ „Herr Generalsekretär, ich hoffe, Sie haben auch gut geschlafen“, gab ich zurück. „Guten Morgen. Das Frühstück war ausgezeichnet, wir können jetzt drei Tage reden, so viel hab ich zu mir genommen.“ León brachte uns zum Lachen. „So, meine Herren, der ganze Globus will von uns wissen, wie schlimm es ist und wie wir das Klima- problem in den Griff bekommen wollen. Außerdem interessiert allerorts, wo die Entführer sind und wo die Geiseln festgehalten werden. Also eine Menge Fragen, die es zu beantworten gilt. Das Einzige, was noch nicht durchgesickert ist, ist Chiavaris Tod und warum er sterben musste. Das ist auch gut so, denn es würde die Gemüter nur noch mehr aufheizen.“ Ich musste ihm recht geben, obwohl es sehr wehtat. „Es ist eine verdammte Schweinerei, was sich die Sta- roil AG da geleistet hat. Aber die haben sich immer einen Dreck um die Menschheit geschert. Ich erin- nere nur an das Vorkommnis vor zwei Jahren gegen Greenpeace auf der Bohrinsel. Da waren auf einmal zehn Menschen verschwunden, die man Monate spä- ter tot auf einer kleinen Insel gefunden hat. Keine Zeugen, keine Beweise, zumal der Konzern nicht ver- haftet und verhört werden kann, während der Chef 120
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    zweitausend Kilometer weitentfernt in einem Büro gehockt hat. Ach, lassen wir das. Sie werden ihre Ze- che am Ende zahlen müssen. Schade nur für die arbei- tenden Menschen, die nicht wichtig sind.“ „Wichtig ist denen doch bloß der Börsenkurs“, sag- te der Generalsekretär zu unserer Überraschung. „So, jetzt aber schnell in den Konferenzsaal.“ Wir gingen den Flur hinunter zur Halle, wo die meis- ten schon auf uns warteten. „Guten Morgen und willkommen zum zweiten Teil der Versammlung. Heute wollen wir versuchen, den Standort und den Zeitplan der Anlagen per Abstim- mungsdekret kurzfristig zu bestimmen.“ Es ging alles sehr schnell und man stimmte sofort in allen Punkten überein. Die Herren konnten sich dies- mal kein unsinniges Tauziehen erlauben, denn kei- ner wollte nach Hause reisen, ohne im Interesse der eigenen Bevölkerung gehandelt zu haben. Schnelles und reibungsloses Handeln angesichts der Naturka- tastrophen und raschen Klimaveränderungen lautete die Parole. Darüber herrschte absolute Einigkeit. León und ich konnten zufrieden den Saal verlassen. Die Außenminister mussten nur noch mit den Finanz- ministern die Ausgaben abstimmen. Das Projekt sollte anfangs mit fünfzehn Anlagen starten, wovon der erste Prototyp im offenen Meer etwa fünf Seemeilen vor Monaco aufgestellt werden sollte. Die Europäische Union plante, in etwa zehn Jahren mehrere Tausend solcher Sauerstoffaufbereitungsanla- gen in der Nordsee, im Atlantischen Ozean und im Mittelmeer zu betreiben. Die Koordinierung blieb in den Händen der UN. Die Energieversorgung wäre zu 80 Prozent gedeckt, der Rest würde aus Wind, Sonne 121
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    und anderen sauberenumweltschonenden regenera- tiven Alternativen gewonnen werden. Die Atommei- ler sollten nicht wie geplant 2030 vom Netz gehen, sondern bereits in drei Jahren. Das Ziel der Sauer- stoffaufbereitung bestand darin, mit 2,5 Milliarden Kubikmeter pro Anlage und Jahr die Atmosphäre zu stabilisieren. Des Weiteren sollte der Auto- und Flug- verkehr reduziert werden, bis Hybridfahrzeuge in sämtlichen Transportfragen einsatzbereit waren. Alle fossilen Verbrennungsanlagen von privaten Haushal- ten, Heizungs-, Klima- und Industrieanlagen mussten so schnell wie möglich verboten und umgerüstet wer- den. 122
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    Das globale Umdenken Nichtder globale Welthandel sollte blühen, sondern das globale Umdenken. Das war eine immense Anfor- derung mit positiven Aspekten, nämlich die Erde zu erhalten und der Menschheit eine Zukunft zu geben. Viele Industrie- und Handelsunternehmen wollten aufgrund der enormen Investitionen hiervon nichts wissen. Aber die UN sollte am Anfang verschärft mit der schwarzen Liste vorgehen, später die betreffen- de Regierung und die Konzerne durch Sanktionen abmahnen bis zur Weigerung des Vertriebs der kom- pletten Produktpalette der Firmen in ihren Ländern. Somit wollte man die Sache friedlich aus der Welt schaffen. Ein neuer Aufbau sollte Beschäftigungsef- fekte und neuen Schwung in die Ökonomie bringen, nicht zulasten der Armen. Sowohl die Medizin- als auch die Rentenreform mussten im Dienste des Vol- kes progressiv angegangen werden, sodass neue Berufe und Jobs entstehen konnten. Jedes Individuum sollte das Recht haben, ärztlich versorgt zu werden. Der un- kontrollierte Konsum sollte um 90 Prozent reduziert werden, wodurch Ressourcen eingespart würden bei gleichzeitiger umweltfreundlicher Herstellung. Der Hunger nach Strom blieb zwar derselbe, aber mit den Anlagen betrug der Ausstoß von CO2 in die At- mosphäre gleich null. Die bereits im Handel befind- lichen Ressourcen mussten bewusster recycelt und die Bodenschätze der Erde kontrollierter ausgebeutet werden. Es würde Jahrzehnte dauern, um gerade mal die Hälf- te der verseuchten und belasteten Gebiete einigerma- ßen wiederherzustellen. Die Lunge unserer Erde, der Amazonas und andere Naturreservate oder National- 123
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    parks, mussten vonder UN kontrolliert werden und die Urbevölkerungen ihre Kultur und Traditionen zu- rückerlangen. Die Autoindustrie musste globalisiert werden. Der Konkurrenzkampf sollte nicht in der Stärke, aber in Design und Styling vonstatten gehen, ohne jedoch die Ressourcen zu strapazieren. Die Ernährung sollte auf natürliche Basis zurückgeführt werden, sodass in Zu- kunft nur noch Biologisches von den Menschen kon- sumiert würde. Kleinen Bauernhöfen galt es, Hilfen anzubieten. Die Natur sollte geschont und nicht mit chemischen Düngern überstrapaziert werden. Unnötige Verpackung musste verbannt und negativ gelistet werden. Der Handel auf den Wochenmärkten sollte wieder in den Mittelpunkt rücken, anstatt in den Supermärkten nach Kisten, Dosen und unleser- lichen Zutaten zu greifen. Aber das wichtigste und dringendste Problem stellte die Wasserversorgung dar, die unter die Verwaltung der UN zu stellen war, damit zum Beispiel auch Gebiete rund um die Sahara oder die von Dürre geplagten Gegenden der Neuzeit problemlos mit Trinkwasser versorgt werden konnten und jeder Zugang hatte. Alle diese Sorgen brächten der Gemeinschaft viele neue Aufgaben und Arbeit in den verschiedenen neu- en Industriezweigen. Nur wenn wir neue Brücken schlugen, würden wir nicht perfekt, aber gerechter leben. „Tomorrow is another day and we’ll see“, hatten viele gedacht, was sich jetzt fatal auf unseren Planeten aus- wirkte. Sogar in Australien tobten verwüstende Hur- ricans, Dürre herrschte seit Jahren, und Brände von einer Fläche so groß wie Belgien und Holland zu- sammen waren an der Tagesordnung.Viele Menschen 124
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    befanden sich aufder Flucht. In diesem Fall kam sogar jedes globale Umdenken zu spät, um kommende Ge- nerationen, die Vegetation und Tierwelt zu retten. Meinem Erachten nach musste die UN die Preistrei- berei unterbinden. Ansatzpunkte wären die sofortige Schließung der Börsen und die Ächtung der Ausbeu- tung der Bodenschätze. Es gab kein logisches Argu- ment, warum wir für Kaffeebohnen immer mehr zah- len mussten, obwohl genug davon vorhanden waren, weil die Klimaforscher uns glauben machen wollten, dass die nächste Ernte ja durch Überflutung zerstört werden könnte. Gerade mit solchen Argumenten wurde zurzeit gekauft und verkauft, was uns das Le- ben arg erschwerte. Die Banken, ohne die wir nicht mehr unsere finanziel- len Transaktionen tätigen konnten, hatten es mittler- weile so weit getrieben, sich von einem freundlichen Kundendienstanbieter zu regelrechten Lebenspoli- zisten für alle Kontoinhaber entwickelt zu haben. Sie verletzten das Datenschutzgesetz wie andere die Menschenrechte und versklavten uns mit immer mehr Abhängigkeit. Manche hatten Stolz, Ehre und Achtung verloren, mussten mit der Beschämung le- ben, in den Ruin getrieben worden zu sein, wenn sie sich aus finanzieller Not heraus nicht selbst das Leben genommen hatten. Das Geld kannte keine Würde und menschliches Leiden. Die hohen Zinsen und Schul- den nahmen dem Menschen den letzten Funken an Selbstachtung. Hier musste ebenfalls ein Umdenken stattfinden. Niemand auf der Welt hatte das Recht, die irdischen Ressourcen zu besitzen und auszubeuten. Es musste ein Gesetz erlassen werden, falls man ein solches Erbe 125
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    besaß, dies andas Gemeinwohl zu übergeben, bei- spielsweise an eine , die den Namen des Erben oder der Firma ohne Profit weiterträgt. Meine Augen waren schwer wie Blei und wollten sich gerade schließen, als León mich aus meiner Schlaf- trunkenheit weckte. „Jeff, wir sollten der UN mitteilen, dass wir für die Freigabe von Jan und Guiglelmo Zugeständnisse ma- chen und die Staroil auf unsere Seite ziehen würden, schließlich arbeiten 350 000 Menschen für den Kon- zern weltweit. Es wäre nicht sinnvoll, diese unschul- digen Menschen für einige Habgierige büßen zu las- sen.“ Ich war sofort hellwach. „León, du sprichst mir aus der Seele, deine Idee ist einfach genial.“ „Also, wir reden mit dem Generalsekretär, er soll die Sache in die Hand nehmen und die Herren vom Auf- sichtsrat der Staroil zu uns an den Tisch bitten“, sagte León leicht geschmeichelt. „Gut, erledige das“, gab ich zurück, „ich muss dafür sorgen, dass den Kindern nichts zustößt, du erledigst die Sache mit dem Generalsekretär. Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist.“ „Okay, wir treffen uns in zwei Stunden unten zum Briefing“, sagte León und ging zum Telefon. Er muss- te die Leute überzeugen. Der Treff sollte topgeheim bleiben, nicht einmal Insider sollten erfahren, was wir vorhatten. „Du, wir müssen sehr vorsichtig sein, die Angelegen- heit sollte topsecret bleiben, bis alles über die Bühne ist.“ „Du meinst für die Sicherheit der beiden und dass die Staroil unter Führung der UN die Anlagen betreiben 126
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    soll. Du hastrecht“, gab León zurück. „Ist das alles?“ „Ja.“ Ich wusste, dass ich mich auf ihn verlassen konnte. Dabei fiel mir ein, dass irgendwo ein Leck sein muss- te, da die Entführer stets wussten, wo wir uns auf- hielten respektive zu finden waren. Marcella, Jackie und Teresa übernahmen die Arbeit, unsere Sachen nach Wanzen oder anderen verräterischen Hinweisen zu durchsuchen. Die minutiöse anstrengende Suche- rei ergab nach zwei Stunden keinerlei Resultat. Erst spät kamen wir auf unser Schuhwerk, und siehe da, wir waren erfolgreich. Bei jedem von uns befand sich in den Absätzen ein nadelkopfgroßer Peilsender, der ständig unseren Aufenthalt verriet. Schon seit Mona- ten wurden wir förmlich auf Schritt und Tritt kontrol- liert. Sofort rief ich Tommaso an, Fiona gab ich auch Bescheid, alle ihre Schuhe zu kontrollieren. Als Erstes musste nun mit der Staroil neu verhandelt werden, zusammen mit der UN, natürlich auch, um Jan und Guiglelmo freizubekommen. Fiona brauchte moralische Unterstützung und Serena und Tommaso sollten sich nicht wieder in Gefahr begeben. Sie wuss- ten bereits von mir, dass wir eine Zusammenarbeit mit der Staroil anstrebten. Tommaso wollte nicht so recht an diese Variante glauben, aber dennoch Martinelli, den Chef der Staroil, in Italien kontaktieren, bis sich weitere konkrete Lösungen anbieten würden. Einige Zeit später klingelte das Telefon und Jackie ging ran. „Ja, hallo? Hallo, wer ist am Apparat?“, fragte Jackie mehrmals. „Ist da Herr Brink?“, fragte eine Männerstimme am anderen Ende. 127
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    „Hallo, wer istda?“, äußerte Jackie nochmals. „Bin ich richtig, ich möchte Herrn Brink sprechen“, erkundigte sich die Stimme ein weiteres Mal. „Ja, einen Moment, ich verbinde.“ Jackie tat so, als würde sie das Gespräch weiterleiten, und sagte: „Ein Herr möchte dich sprechen, hat einen merkwürdigen Akzent, scheint Italiener zu sein.“ „Gib mir den Hörer bitte.“ Sie reichte mir das Telefon. „Brink am Apparat. Mit wem spreche ich?“ „Herr Brink, ich bin’s Martinelli. Ich gebe Ihnen noch ein letztes Ultimatum, dann werden Sie die beiden nur noch mit einer Kugel im Kopf wiedersehen.“ „Warten Sie. Sie werden bald von Ihrem Vorgesetzten eine Nachricht bekommen, mehr kann ich jedoch im Augenblick nicht verraten.“ „Ich stelle hier die Forderungen“, sagte Martinelli forsch. „Herr Martinelli, ich kann nicht mit Ihnen verhan- deln, da es streng geheim ist. Beruhigen Sie sich und fragen Sie im Hauptquartier nach. Er wird Ihnen alles erklären.“ „Ich lass mich nicht verarschen, wenn das nicht so ist, wie Sie sagen … dann … ach … aaah …“ Ein Knall aus einer Pistole war auf der anderen Seite zu verneh- men, dann ein dumpfer Aufprall. Martinelli war bereits tot, als er den Boden berührte. Man hatte ihn mit einer Kugel im Hinterkopf nieder- gestreckt. „Diesen Idioten und Speichellecker sind wir los. Er wusste schon zu viel“, hörte ich jemand sagen. „Komm, wir verschwinden, bevor uns noch einer sieht“, erwiderte eine zweite Männerstimme. „Wir müssen den jung verliebten Vögelchen in Sor- 128
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    rento einen Besuchabstatten, und zwar noch heute“, sagte der erste. „Ich hätte gern gewusst, was er meinte mit ›ich lass mich nicht verarschen …“ Dann wurde die Leitung unterbrochen. Shit, dachte ich, die Kinder sind in Gefahr. Ein Missverständnis hatte sich bei der Übergabe der CDs eingeschlichen, konnte ich nur vermuten. Die Entführer dachten, dass Martinelli mit Tommaso ge- sprochen hatte, und nun wollten sie nach Sorrento, um da kurzen Prozess mit Serena und Tommaso zu machen. Martinelli zu töten musste der Auftrag der Staroil gewesen sein. Sie schienen in der Firma alle direkten Zeugen ausschalten zu wollen, die ihnen in den Rücken fallen könnten. Ich hatte Tommaso und Serena zwar bezüglich des Senders in den Schuhsohlen bereits gewarnt, aber sie hielten sich noch in Sorrento auf, sodass ich sie warnen musste, damit sie von dort verschwanden. Es konnte sonst für die Kinder fatal werden. Ich rief so- fort an. Der Portier nahm ab. „Hotel Belvedere, guten Tag.“ „Können Sie mich mit Zimmer 405 verbinden, Tom- maso Brink, ich bin sein Vater.“ „Einen Augenblick, Herr Brink … Herzlichen Glück- wunsch zu Ihrer Rede, Herr Brink“, sagte er und ver- band mich gleich weiter. Da keiner dranging, wurde die Verbindung nach zehnmaligem Klingeln zurück zum Portier geleitet. „Herr Brink, es hebt leider keiner ab, kann ich den Herrschaften eine Nachricht hinterlassen?“ „Ja bitte, sie sollen mich unverzüglich anrufen, sobald sie zurück sind. Könnten Sie mich bitte mit dem Di- rektor des Hauses verbinden?.“ „Sofort, Herr Brink, guten Tag.“ 129
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    Nach einer Minute:„Silvio Guerra, was kann ich für Sie tun, Herr Brink?“ „Hören Sie, Sie dürfen meinen Sohn und Fräulein Al- meida nicht auf ihre Zimmer lassen, wenn sie ins Ho- tel zurückkommen.“ Ich klärte ihn darüber auf, dass eventuell einige Killer unterwegs seien, um die Kin- der zu töten, und gab Anweisung, dass er alles unter- nehmen solle, um das Schlimmste zu verhindern. Die Wachen und die Kinder sollten in ein anderes Hotel untergebracht werden. Er verstand sofort die Lage. „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Brink, ich verspreche Ihnen, dass den beiden jungen Leuten kein Haar gekrümmt wird. Und alles Gute, Herr Brink.“ Tommaso und Serena waren mit dem Boot unterwegs nach Capri. Er konnte nicht glauben, dass dieses Juwel irgendwann in naher Zukunft durch tropisches Klima und Orkane heimgesucht werden sollte, was die Men- schen vertreiben würde. Sie genossen den noch an- genehmen Frühlingstag, alles blühte, es war herrlich. Capri stellte noch ein kleines Paradies in der Hölle und im Golf von Neapel dar. Sie fuhren weiter mit dem Taxi nach oben zum Dörfchen Anacapri, wo sie das Panorama genossen. Auf einigen Metern Abstand wurden sie von zwei Bodyguards begleitet, sodass sie nur bedingt ihren Ausflug genießen konnten. Nichts- destotrotz genossen es die beiden, zusammen zu sein. Sie warteten auf weitere Angaben von León und mir. „Du, hättest du Lust, in Europa zu leben? Es gibt hier sehr schöne paradiesische Plätze“, sagte Tommaso und schaute aufs Meer hinaus. „Red nicht so, Tommaso, du weißt ganz genau, dass das nicht geht, obwohl auch ich es sehr schön hier 130
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    finde. Aber inein paar Tagen bin ich wieder in Ame- rika“, erwiderte sie, ohne ihn anzuschauen. „Natürlich, vielleicht fragst du deinen Freund, ob er dir mehr von Europa zeigt.“ „Ja, das könnte ich, aber ich tu’s nicht.“ „Ach ja, warum? Soll er sich nicht auch dafür erwär- men können.“ „Hör auf damit“, gab sie verärgert zurück. „Wir sind auch glücklich ohne Europa in unserem Fotoalbum.“ „Du, wir haben überhaupt keine Fotos“, sagte Tom- maso etwas zynisch. „Ich brauche keine, ich kann’s mir merken.“ Sie gingen weiter zu einer Treppe, die sie in die Fuß- gängerzone führte und weiter zu einem Restaurant. „Es ist schön hier. Sollen wir etwas essen, einen Teller Spaghetti Vongole, willst du?“, fragte Tommaso und hielt ihre Taille. Sie zog sich nicht zurück und ließ ihn merken, dass es ihr genehm war. „Ja gerne, ich habe etwas Hunger“, sagte sie ziemlich aufgeheitert. Beim Essen schauten sie sich einen Moment verliebt in die Augen. Es ist ein sehr schöner Ort, um sich zu verlieben, dach- te er. Als auf einmal zwei Männer vor ihrem Tisch auf- tauchten, war die Träumerei mit einem Mal vorbei. „Da sind ja unsere Turteltäubchen“, meinte der Blon- de sarkastisch. „Hat es Ihnen geschmeckt?“ Sie rechneten offensichtlich nicht mit den Body- guards, die am Nebentisch saßen und etwas tranken. Einer der Bodyguards zog unter dem Tisch den Re- volver und hielt ihn genau auf die Gürtelhöhe des nett Gekleideten. Tommaso reagierte sofort: „Was wollen Sie?“ „Sie wissen, was wir wollen, und wir können nicht 131
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    länger warten.“ „Ich habesie nicht bei mir.“ „Nicht nötig“, meinte der Blonde, „dann geben Sie uns nur die Schlüssel vom Zimmer des Belvedere, den Rest erledigen wir.“ Da stand der Bodyguard mit gezogener Waffe auf und sagte: „So, Jungs, wenn ihr nicht sofort verschwindet, dann bekommt ihr ein paar Kugeln anstatt der Schlüs- sel.“ Er wandte sich zu seinem Kollegen: „Nimm ih- nen die Waffen ab.“ „Die Hände schön oben halten, meine Herren, nur eine kleine Untersuchung und ihr könnt gehen, aber zu Fuß.“ Er nahm ihnen die Waffen und Börsen ab, während Tommaso und Serena aufstanden. Tommaso legte etwas Bargeld auf den Tisch, ehe sie mit den Body- guards nach draußen in der Menge untertauchten. Es war ihnen klar, dass die Sender in den Schuhen ihre Position verraten hatten. Sofort gingen sie zum nächsten Schuhgeschäft in der Fußgängerzone, um neue Schuhe zu kaufen. Serena durfte ein bisschen shoppen, während draußen die Bodyguards wie die Luchse aufpassten. Bei ihrer Rückkehr im Belvedere teilte ihnen das Hotelempfangspersonal mit, dass sie dort nicht mehr verweilen könnten, sondern in ein anderes Hotel um- quartiert worden seien. Mehr schienen sie auch nicht zu wissen. Serena ging auf ihr Zimmer. Tommaso rief mich an und wollte wissen, was vorgefallen sei und wann wir nach Europa zurückkommen würden. „Sobald mit der UN und deren Mitgliedern das wei- tere Vorgehen beschlossen worden ist, und da hab ich ein Wörtchen mitzureden, geht es los. Wir wollen versuchen, die erste Anlage in Küstennähe bei Monte 132
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    Carlo zu installieren.Was hältst du davon?“ „Eine gute Idee, letztendlich könnten wir unser Stu- dium beenden und dir behilflich sein. Aber womit hast du sie so schnell überzeugt?“ „Weißt du, die sind auch nicht blöd. Das Ozonloch ist beträchtlich gewachsen und die Klimaverände- rung nicht wie noch vor Jahren immer mit denselben Worten abgetan, solche Phänomene kämen von Zeit zu Zeit vor. Die Politiker geraten immer mehr unter Zugzwang und müssen mittlerweile etwas vorweisen, anstatt Versprechungen abzugeben, die ja doch nicht eingehalten werden.“ „Wird langsam Zeit.“ „Ich hoffe, dass wir nicht zu spät damit anfangen“, gab ich zurück. „Du, wir hatten Glück auf Capri, dass die Bodyguards da waren, ansonsten wäre es schön eng geworden.“ „Ja, ich hab’s gehört, und das macht mir, deiner Mut- ter und natürlich Serenas Eltern schwer zu schaffen.“ „Mach dir keine Sorgen, wir werden ab jetzt alles tun, damit sie uns nicht mehr erwischen, das gesamte Schuhwerk ist liquidiert. Es müsste jetzt Ruhe eintre- ten. Aber die haben uns seit Monaten im Visier gehabt. Wie läuft es bei Tante Fiona, können wir sie in den nächsten Tagen besuchen?“, wollte er noch wissen. „Eher nicht, bis wir nicht mit der Staroil zu einem Kompromiss gekommen sind und mehr über die Frei- lassung wissen. So, ihr seid jetzt in Sicherheit und ver- haltet euch unauffällig, bis wir da sind … Ich denke in ein paar Tagen“, fügte ich hinzu. „Okay, Pa, bis dann! Grüß Mama und Serenas El- tern.“ Nachdem die UN intern die Angelegenheit und das 133
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    Programm mit denVertretern aller Nationen durch- gesprochen hatte, ereignete sich ein weiterer schwe- rer Vorfall. Durch die schwere Trockenheit riskierten Indien und die ganze Himalajaregion bis hin nach China, ernsthafte Wasserversorgungsprobleme zu be- kommen, die bis zu 1,5 Milliarden Bewohner aus der gesamten Region betrafen. Die Wasserkonzerne wie der Staat waren machtlos gegen diese Nachfrage an sauberem Trinkwasser. Es hatte schon sieben Monate nicht geregnet, sodass Flüsse wie der Ganges und der River Kwai zu Schlammpfützen geschrumpft waren. Die gesamte Bevölkerung Mittelasiens entfaltete sich mehr und mehr zu einer brodelnden, gewalttätigen Masse, zum einen wegen der hohen Wasserpreise, zum anderen traf die schwere Dürre empfindlich die Reisproduktion. Das Gleichgewicht drohte zu kip- pen. Wirtschaftsfachleute hatten vor einem Jahrzehnt dieser Region ein Wirtschaftswunder prognostiziert, jedoch hatten sie die Rechnung ohne die klimatische Entwicklung gemacht. Einerseits die Unruhen der Bevölkerung, andererseits der Hunger nach Rohstof- fen, die zu horrenden Preisen an den Börsen gehan- delt wurden, hemmten die Handlungsfähigkeit. Bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung befanden sich in ernsthaften Schwierigkeiten. Ob Überver- schuldung oder Arbeitslosigkeit, ob Alter oder Krank- heit, sie konnten mit diesem Lebensrhythmus einfach nicht mehr mithalten. Der Mensch musste wieder in den Mittelpunkt rücken und nicht irgendwelche profitorientierten Institutionen. Die Globalisierung hatte bereits seit mehreren Jahrzehnten Einzug in alle möglichen Bereiche des Lebens genommen, dennoch war es noch nicht einmal gelungen, zu einer ernst- haften Zusammenarbeit in der Energieversorgung zu 134
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    kommen. Das Kyoto-Abkommenstellte eines dieser mittelalterlichen Interessenkonflikte dar. Die Energie- konzerne in gewissen Ländern schienen nicht bereit zu sein, die nötigen Kräfte zu bündeln und politisch einen einheitlichen Konsens zu finden. Das meiste wurde noch über Lobbyisten und Schmiergelder ge- regelt. Die EU konnte auf die Dringlichkeit der da- maligen Probleme kaum einwirken, den Energiekon- zernen in den verschiedenen Ländern die Richtung vorzugeben. Jeder versuchte, sein eigenes Süppchen zu kochen, anstatt gemeinsam der Rohstoffknappheit zu begegnen. Diese Arroganz konnte uns in einigen Jahren teuer zu stehen kommen. Es war unvernünftig, die knappen Rohstoffe für Hei- zen, Fahren und Wirtschaftswachstum zu verschleu- dern. Aber jeder wollte mit der neuesten Errungen- schaft angeben können, zur Freude der Reichen. Außerdem entbehrte es jeder Vernunft, sogar mit Luft unehrliche Geschäfte zu betreiben, sei es mit saube- rer Atemluft oder CO2-Ausstoß-Zertifikaten, deren Kosten wiederum auf die Bürger abgewälzt wurden. Sie gehörte allen lebenden Organismen.Wie sollte das bloß funktionieren, wenn keine gemeinsamen Richt- linien oder Gesetze das Ganze reglementierten? Dabei wurde keine Einmischung anderer Staaten geduldet, was und in welcher Menge produziert werden durf- te. Die Mitarbeiter mussten dieses Geschehen ohne Murren mit ansehen, sonst wurden sie kurzerhand entlassen. Uns war 1960 prophezeit worden, das Zeitalter von „Big brother is watching you“ sei sehr nah. Nun hat- ten wir es. Überall wurde der Datenschutz verletzt. Im Internet musste man sich einloggen und sich mit den Geschäftsbedingungen einverstanden erklären, 135
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    sonst konnte mannicht am Spiel teilnehmen. Ferner waren überall Kameras installiert, und damit nicht ge- nug: Sogar Privat- oder Aktiengesellschaften konnten Lausch- und Abhöranlagen benutzen. Wenn das nicht reichte, wurde die Person als nicht kreditwürdig ab- getan. Keine Kredite, kein elektronisches Zahlungs- system, keine Arbeit, nur totale Abhängigkeit. Hatte man die falsche Entscheidung im Leben getroffen, wurde man ohne eigenes Verschulden ins Abseits ge- stellt, ohne dass man sich jemals etwas hatte zuschul- den kommen lassen. Eine Menschenrechtsverletzung, die man nicht akzeptieren konnte und sollte. Aber wer setzte sich für solche Menschen ein? Man war am Ende des Lateins, wie man so schön sagt. 136
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    Die Zeit derWahrheit Von höchster Stelle wurde die Staroil eingeladen, um die Fronten zu klären. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Dr. Joris van der Molen, zeigte sich nicht gerade ko- operativ, nahm aber die Einladung mit einigem Wi- derwillen an. „Mein sehr geschätzter Vorsitzender, ich möchte Sie im Namen aller bitten, unserem Geheimtreffen zuzu- stimmen“, sagte der UN-Generalsekretär. „Ich werde selbstverständlich da sein“, erwiderte der Vorsitzende übertrieben freundlich, „darf ich meinen Vertrauten und Ratsvorsitzenden Dr. Nijhuis mitneh- men?“ „Aber gerne“, gab der UN-Generalsekretär zurück. „Also bis dann. Hinterlassen Sie meiner Sekretärin die Details. Es hat mich gefreut.“ „Ganz meinerseits.“ Dr. van der Molen hatte kaum aufgelegt, da gab er seiner Sekretärin den Befehl: „Ich möchte Herrn Nij- huis sofort zu mir ins Büro bitten, Annie.“ „Wird sofort erledigt.“ „Danke! Ach, noch etwas, lass für morgen früh unsere Privatmaschine startklar machen. Ich muss nach New York.“ „In Ordnung. Fliegen Sie alleine?“ „Nein, Dr. Nijhuis wird mich begleiten. Und behal- ten Sie alles für sich, außer dem Piloten soll keiner etwas erfahren. Hab ich mich klar ausgedrückt?“ „Ja, Sir.“ „Also, dann lass Dr. Nijhuis zu mir kommen.“ Der Flug kostete einige Umwege, da heftige Stürme über dem Atlantik tobten, und wurde über den Azo- 137
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    ren Richtung Miamiund dann an der Küste entlang nach New York umgeleitet. Immer öfter mussten die Routen der Fluggesellschaften wie die der Schiffe rie- sige Umwege erdulden, um jedes Risiko zu meiden. Im Hauptquartier der UN wurden der Vorsitzende und sein Sekretär sofort zum Generalsekretär geführt. „Schön, dass Sie da sind“, ermunterte der General- sekretär seine Gäste. „Wie war der Flug? Ich hoffe gut.“ „Mit Umwegen gut, danke“, schüttelte Dr. van der Molen dem Generalsekretär die Hand. „Darf ich Sie mit Dr. Nijhuis bekanntmachen. Sein Spezialgebiet ist das Bauen von Ölplattformen in der Nordsee.“ „Sehr erfreut.“ Sie betrieben ein wenig Small Talk, bis León und ich und die Außenminister der ständigen Mitglieder ein- getroffen waren. „Meine Damen und Herren, wir sind vollzählig und können auch die Herren der Staroil in unserer Mitte begrüßen“, sagte der Generalsekretär sehr nüchtern. „Wir wollen sofort zum Punkt kommen und ver- suchen, eine Einigung zu erzielen, sodass die Staroil unseren Auftrag akzeptiert und so übernimmt, wie wir uns das vorstellen.“ „Sehr geehrter HerrVorsitzender“, übernahm der Prä- sident der Europäischen Union das Wort, „wir reden von einem Projekt, das uns sehr weit bringen wird, aber es bedarf sehr großer Sorgfalt und Kenntnisse im Bereich der Energiegewinnung auf offenem Meer. Da Sie bereits mit Ölplattformen weltweit erfolg- reich sind und viele Kenntnisse besitzen, haben wir für künftige Projekte an Sie gedacht, wobei die Ener- gieausbeutung in den Händen der UN verbleibt, die somit weltweit alleiniger Vertreiber ist. Wir stellen alle 138
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    notwendigen finanziellen Mittelund die Technologie zur Verfügung, während Sie die Logistik übernehmen. Sie erhalten für Ihre Arbeit eine Dividende. Mit an- deren Worten, wir sind der alleinige Aktionär, wenn man so will, nur sind es diesmal Nationen und keine Aktionäre. Das kann der Staroil doch egal sein.“ „Als Erstes danke, dass Sie an uns gedacht haben“, sag- te Dr. van der Molen zurückhaltend. „Aber von wel- cher technologischen Energieneuheit sprechen Sie?“ „Es ist praktisch wie eine Ölplattform, nur mit dem Unterschied, dass wir nicht mehr zu bohren brauchen. Wir können aus dem Vollen schöpfen, und zwar aus dem Meer. Mit dieser Technologie können wir die Sauerstoffgewinnung und Stromerzeugung weltweit zu 80 Prozent decken und schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Letztendlich soll das Ganze im Mittel- meer erprobt werden und ins Netz gehen.Völlig um- weltfreundlich und schadstofffrei für die Atmosphäre. Nur bei der Sauerstoffgewinnung besteht das Risiko, dass es bei Nichteinhaltung der Sicherheitsvorkeh- rungen zu explosiven Reaktionen kommen könnte“, erklärte der europäische Präsident. „Wo soll die erste Plattform entstehen?“, fragte Dr. Nijhuis. „Monte Carlo. Rund um das gesamte Mittelmeer und dann weiter in der Nordsee, Ostsee, im Atlantischen, Pazifischen, Indischen Ozean, weltweit an allen Küs- ten“, sagte der chinesische Außenminister Li Yang, ständiges Mitglied bei der UN. Gespannt horchten alle, ob der Aufsichtsratsvorsitzen- de der Staroil annehmen würde. „Was gewinnen wir dabei?“, wollte er wissen. „Na ja, einen Ehrentitel gibt es nicht“, antworte- te León, „aber ein gewisses Prestige als Retter der 139
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    Menschheit und unseresausgebeuteten Planeten.“ Ich wollte mich da raushalten, da ich wusste, es würde eine emotionale Debatte werden, musste aber grinsen, wie zynisch León an den Vorsitzenden heranging. „Würde das in Ihrem Sinne sein?“, erkundigte sich der Generalsekretär. „Ich denke schon, nur muss ich die Sache noch mit den Aktionären abklären.“ „Das wäre auch in unserem Sinn, denn die Rohstof- fe würden um 95 Prozent reduziert werden und nur noch für die verarbeitende Industrie anfallen. Die Autoindustrie kann dann problemlos auf diese Ener- gie umgestellt werden, was die schädlichen Emissio- nen um den gleichen Prozentsatz verringern würde. Die Kohle- und Gasproduktion käme ganz zum Er- liegen. Nur die regenerativen Energien wären noch von Nutzen. Also, wie stehen Sie zu dieser neuartigen Energiegewinnung? – Und dabei wollten Sie oder Ihr Unternehmen sie in die Finger bekommen“, fügte León erbarmungslos hinzu. Dr. Nijhuis sah man förmlich zusammenzucken, und er dachte, jetzt kommt’s, und es kam noch dicker. Der Generalsekretär nahm kein Blatt vor den Mund und sagte sehr ernst: „Wir können auch anders, Herr Vorsitzender, denn wenn durchsickert, dass Ihr Kon- zern vor Entführung und Mord nicht zurückschreckt, ist es aus mit der Karriere, und den Auftrag könnten wir bei der Konkurrenz unterbringen.“ „Wir warten“, hakte León nach und schaute van der Molen fest in die Augen. „Wir möchten, dass Sie so- fort auf der Stelle die beiden gekidnappten Herren unversehrt in die Freiheit entlassen. Sie können die Hunde sofort zurückpfeifen, und es werden nur ge- ringfügige Konsequenzen entstehen. Anderenfalls 140
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    übergeben wir Sieder Justiz in Den Haag. Sie haben keine große Wahl.“ Alle im Saal schauten gespannt den Angesprochenen an. Der Vorsitzende wirkte mit einem Mal erregt und sehr nervös. „Dies … äh … ist Erpressung“, stammelte er etwas gequält hervor. „Ich möchte hierzu nichts sagen und den Sitzungssaal sofort verlassen, um mich zu be- raten. Diese Anschuldigungen muss ich nicht hinneh- men, da ich nicht weiß, was Sie mir zur Last legen.“ Sie staunten allesamt, wie er versuchte, sich herauszu- mogeln. Der Generalsekretär drängte: „Hören Sie, wir haben fünf Zeugen und vielerlei Beweise, dass Ihr Unter- nehmen dahintersteckt. Wir verhaften Sie nicht, weil wir noch nicht wissen, ob Sie der Drahtzieher sind, ansonsten können wir aber sagen, dass Sie Ihren Hut nehmen werden, egal, wie es hier ausgeht. Also, es liegt an Ihnen. Ihre Aktionäre dürften noch grausamer mit Ihnen umgehen als wir, wenn Sie ihnen erzählen müssen, dass zukünftig keiner mehr Ihr Erdöl haben will, dann muss Ihr Werk ohnehin schließen und viele andere, die in dieser Affäre drinhängen.“ „Das ist eine offene Verschwörung gegen meine Per- son“, schrie er entrüstet. „Was glauben Sie denn“, fuhr León dazwischen, „es bleibt nicht ohne Konsequenzen für Sie und gewis- se Herren. Die Untersuchungen laufen bereits. Aller- dings werden wir von einer Weiterverfolgung absehen, wenn unsere Leute freikommen und Ihr Konzern für uns tätig wird.“ Joris van der Molen musste wohl oder übel klein bei- geben. Die Geiseln sollten sofort freikommen und die Staroil würde den Auftrag auf Vertragsebene erfüllen. 141
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    Jetzt blieb nurnoch eines abzuklären: Wie sollten Russland, Amerika und China auf einen gemeinsa- men Nenner gebracht werden? Erstere wollten zu diesem Zeitpunkt der Verhandlungen keinem konkre- ten Ja zu der neuen Energiegewinnung zustimmen, da sich ihre Gaslieferungen und bestehenden Verträge mit den Abnehmerstaaten erübrigen würden, wenn es einmal so weit war. Das Ziel war, der UN eine von allen Ländern des Pla- neten legitimierte Vollmacht zu erteilen, ausgestattet mit den notwendigen finanziellen Mitteln, um einen gemeinsamen Energievertrieb zu gewähren und eine diesbezügliche Versorgung zu garantieren. Ein Um- weltkollaps durch die Erderwärmung musste verhin- dert, das Ozon reduziert und der Sauerstoffrückgang gebremst werden. Hier war der Mensch gefordert. Des Weiteren musste das Trinkwasserproblem als nächstes Ziel in Angriff genommen werden, um, ge- nauso wie bei der Energie, allen Völkern den Zugang zu ermöglichen. Aber davon war die Welt noch weit weg, weil bei vielen Staaten die nationalen Interes- sen noch an erster Stelle standen. Wer Wasser besaß, war nicht oder nur bedingt bereit, es zur Verfügung zu stellen. Aber es ging zumindest in die richtige Richtung. Wenn die Energieversorgung erst einmal geregelt sein würde, wäre auch mehr Vertrauen für andere gemeinsame Projekte vorhanden. Frankreich musste sich auch von seiner Atompolitik verabschieden und seinen Protektionismus aufgeben. Die unsichere End- lagerung von radioaktivem Atommüll, die bis zum heutigen Tag noch nie stattgefunden hatte, sollte sie nicht triumphieren lassen, indem argumentiert wurde, dass die Atommeiler kein CO2 in die Atmosphäre ab- 142
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    lassen würden. Nichteinmal die EU konnte in einem vereinten Europa konkrete Studien vorweisen oder Orte angeben, wo das Zeug hinsollte. Kein leichtes Erbe, wenn in 5 000 Jahren keiner mehr wusste, was es eigentlich mit dem Müll auf sich hatte. Wie sagt man so schön: Scheiden tut weh, aber ist bitter notwendig. Der Tag der Wahrheit nahte. Und auch die Amerika- ner konnten nicht mehr nur ihre egoistischen Ziele verfolgen und Jagd auf Erdöl machen, es musste eine vernünftige gemeinsame Weltenergiepolitik verfolgt und erzielt werden. 143
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    Licht am Horizont DerTag war gekommen, an dem wir Jan und Guig- lelmo vom Hauptbahnhof in Rom abholen konnten. Wir hatten alles getan, damit es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Aber irgendwie tauchte die Presse und jede Menge Mitverfechter am Bahnhof auf. Ich vermutete, dass irgendjemand im Internet die E-Mails abgefangen und sich somit die Nachricht ex- plosionsartig verbreitet hatte. Es musste daher ganz schnell gehen, der Minibus stand vor dem Bahnhof. Ich war mit meiner Frau Teresa, Tommaso und Serena bereits vor Ort. Der Chauffeur hatte Order, sofort loszufahren, sobald wir eingestie- gen waren. Eine Polizeieskorte sollte dafür sorgen, dass die Freigelassenen nicht weiter belästigt wurden. Ich konnte es nicht glauben, da standen beide um- ringt von Journalisten und Kameras und die Fragen prasselten auf sie nieder. „Herr Vaccha, können Sie uns sagen, von wem Sie festgehalten wurden? Kennen Sie Ihre Entführer? Worin lag der Grund Ihrer Entführung?“ „Guiglelmo, hier sind wir. Jan, schnell weg hier“, rief ich und winkte sie herbei. „Kein Kommentar, vielleicht später bei der Presse- konferenz“, antwortete Guiglelmo etwas müde mit nach unten geneigtem Kopf. „Schnell, bitte gehen Sie zur Seite.“ Die Polizei ver- suchte, die Journalisten in Schach zu halten und uns einen freien Weg zum Lieferwagen zu ermöglichen. Dort eingestiegen waren wir froh über die getönten Scheiben. Die übereifrige Presse wollte dennoch nicht weichen. Nichtsdestotrotz fuhr der Chauffeur lang- sam, aber zielbewusst davon. Man konnte die Rufe 144
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    noch nach zwanzigMetern hören. Wir hatten uns viel zu erzählen und freuten uns sehr über das Wiedersehen. Im Auto umarmten wir uns stürmisch und konnten es nicht fassen, dass die Ereig- nisse doch noch zu einem guten Ende geführt hatten. Uns quälten natürlich eine Menge von Fragen, aber morgen stand zuallererst das Begräbnis von Rodolfo Chiavari in Lavagna an, wo er seit Langem zurück- gezogen gelebt hatte. Wir konnten seine mutige Tat nicht hoch genug würdigen, dass er uns zur Seite ge- standen und alles versucht hatte, meine beiden besten Freunde zu befreien. Es war eine traurige Begegnung mit seiner ganzen Familie. Sogar León war herübergeflogen, um beim letzten Gang dabei zu sein. Auch andere Neugierige und die Presse hatten sich eingefunden. Etwas abseits beobachteten einige uns unbekannte Fi- guren das Ganze, vermutlich der italienische Geheim- dienst und die beauftragten Hintermänner der Staroil, die auch Direktor Martinelli auf dem Gewissen hat- ten. Der Pfarrer gab dem Toten die letzte Weihung mit den Worten: „Du warst das Salz der Erde, wir werden uns immer deiner erinnern. Ein gütiger Mann hat den Weg zum Herrn aufgenommen. Wir werden immer stolz auf dich sein. Dein Name wird vielen Familien in der Region und darüber hinaus unvergesslich im Gedächtnis bleiben. Der Herr sei dir gnädig und neh- me dich auf in sein Reich. Amen.“ Wir versammelten uns um Rodolfos Grab, wobei jeder von uns seiner trauernden Gattin sein Beileid ausdrückte. Man konnte die Tränen hinter der Brille schimmern sehen. Teresa umarmte sie und sagte: „Sobald alles gere- 145
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    gelt ist, kommstdu zu uns nach Rom. Fiona und ich möchten dich gerne bei uns haben. Ruf einfach an.“ Aber trotz des schweren Moments mussten wir wei- ter. Schon morgen stand eine Konferenz in Nizza mit der Staroil und Vertretern der verschiedenen Nationen auf der Agenda, wo entschieden werden sollte, wann es losgehen sollte. Die Franzosen und Russen wehrten sich dagegen, während die Araber nur zusehen konn- ten, wie ihnen die Petrodollar wegschwammen. Es ge- hörte viel Diplomatie und Überzeugungskraft dazu, um diese Länder auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sie mussten endlich begreifen, dass es nur etwas zu gewinnen gab: Saubere Luft und die Roh- stoffe konnten noch über Jahrhunderte für wichtigere Projekte genutzt werden. Auch wenn der Reichtum sich täglich von selbst multiplizierte, war irgendwann alles zu Ende. An dieser Stelle möchte ich Al Gore zitieren, der be- reits damals, 2006, in seinem Dokumentarfilm gesagt hatte: „Wenn wir auf der Waage einerseits die Gold- barren und andererseits unseren wunderschönen Blauen Planeten haben, wofür würden Sie sich ent- scheiden?“ Sie wussten alle, dass sowohl Erdöl als auch Erdgas und Uran nur noch für wenige Jahrzehnte vorhanden waren. Schon ab 2030 würde es schwierig werden, an fossile Brennstoffe zu gelangen, zum einen wegen des Preises, den man dafür bezahlen musste, und zum anderen wegen ihrer Umweltfeindlichkeit. 146
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    Die Nizza-Konferenz Tommaso undSerena wollten uns nach Monte Car- lo begleiten, wo wir eine Zweizimmerwohnung ge- meinsam mit León hatten reservieren lassen. Teresa, Jackie und Marcella wollten bei Fiona in Rom blei- ben, während Jan und Guiglelmo sich einer ärztlichen Kontrolle unterziehen mussten und einen Tag später mit einer Eskorte nachkommen sollten. 1. Verhandlungstag Vor der Versammlung herrschte in den Gängen eine spürbare Nervosität. Die gekünstelte Freundlichkeit der Franzosen wirkte fast schleimig. „Bonjour Messieurs, können wir Ihnen mit etwas be- hilflich sein?“, fragte ein junger Mann. „Nein, danke!“, erwiderte ich kurz und bestimmt. Daraufhin zuckte der junge Mann mit den Schultern, als wollte er sagen, dann eben nicht! „Pas de problème“, gab er zurück. „Bonjour!“ „León, was uns hier zugutekommt, ist das Mikroklima. Auch bei sehr schlechtem Wetter oder Temperatur- schwankungen liegt die Côte d’Azur ziemlich neutral und stabil. Es herrscht immer freundliches Wetter.“ „Noch“, gab León zurück. „Was mir aufgefallen ist, sie haben eine sehr schöne Naturlandschaft.“ „Ja, wir kommen regelmäßig nach Menton, den Kin- dern gefällt es hier sehr gut“, gab ich zurück. Leute mit den unterschiedlichsten Nationalitäten drängten in den Konferenzraum. Unsere Eskorte zeig- te uns die Sitzplätze und verschwand wieder. Jeder konnte in seiner eigenen Sprache argumentieren und seine Rede halten. León und ich saßen in der ersten 147
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    Reihe an einemriesigen ovalen Tisch. Digitale Schil- der zeigten die Namen und die jeweiligen Länder an; bei uns beiden nur Ersteres, was neutrale Stellung be- deutete, neben dem Titel Projekt-Leader-Manager. Der UN-Generalsekretär, der EU-Präsident und ver- schiedene Wirtschaftsexperten hatten an unserer Seite Platz genommen. Gegenüber saßen alle UN-Mitglie- der, die Kanzler, Präsidenten und Außenminister, die OPEC und andere Energiebosse. Es war 9.10 Uhr, schnell ging es zur Tagesordnung über. Die Konferenz konnte einige Tage dauern. Draußen waren die Sicherheitsvorkehrungen außer- gewöhnlich scharf, wobei nur hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde. Selbstverständlich lungerten die Vertreter von Presse und Fernsehen überall herum, ohne allerdings die Ursache dieses Treffens zu kennen. Infolge der strikten Geheimhaltung konnte also nur spekuliert werden. Nizza glich einem Bollwerk. Sowohl Helikopter und Strahljäger als auch Panzer und die Marine der fran- zösischen Flotte und der italienischen Wehrmacht befanden sich im Einsatz, wobei die Grenzen streng kontrolliert wurden. Monte Carlo konnte man nur per Hubschrauber und mit Spezialpass erreichen, da die ganze Elite in der Stadt übernachtete. Die Ameri- kaner hatten einen eigenen Marineflugzeugträger vor der Küste liegen. Dabei wollten wir doch nur eine Energiekonferenz mit neuen Energiegewinnungs- technologien verhandeln. Es war offensichtlich, dass sie gerne wissen wollten, um welchen Energieträger es sich handelte, der obendrein ohne jegliche Emis- sion daherkam. Auch andere Argumente sollten er- örtert werden, obwohl es in erster Linie nur um das Überleben des Planeten ging. 148
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    Uns war bewusst,dass der UN-Generalsekretär bei der letzten Konferenz in New York ganze Arbeit geleistet und alle Mitgliedstaaten inklusive anderer wichtiger Länder sowie die OPEC und Physiker, Spezialisten und Konzernbosse zu dieser Konferenz eingeladen hatte. Er hatte auf die außerordentlich brisante Lage unseres Planeten, die Kyoto-Klimaprotokolle mitein- bezogen, aufmerksam gemacht, damit dieses Treffen einen Entschluss hervorbringen sollte. Er glaubte an unsere Sache und wollte diesem ernsthaften Problem, mit dem sich die Welt konfrontiert sah und das zu einem Kollaps, ja sogar zu einem Weltkrieg führen konnte, eine Wendung geben. Somit begann an diesem Morgen des 25. März 2013 die heiße Phase der Weltmächte, die in den nächsten Stunden oder Tagen eine Entscheidung zum Wohle der Erde und der Menschheit treffen mussten. Denn es brodelte, wohin man schaute. „Meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste, herzlich willkommen zu unserem Energietreffen. Wir kennen mittlerweile unser weltweites Problem. Der Sauerstoff auf unserem Planeten und in der Atmo- sphäre ist drastisch zurückgegangen“, eröffnete der UN-Generalsekretär mit fester Stimme die Konfe- renz. „Ich möchte vorab jeden hier im Saal darum bitten, alle persönlichen oder nationalen Interessen abzulegen, damit wir zu einem realistischen und ein- sichtigen gemeinschaftlichen Übereinkommen gelan- gen, bevor wir wieder auseinander gehen. Keiner wird als Verlierer hinausgehen, wenn wir alles daransetzen, unseren Planeten zu retten, und damit die Menschheit, die Tierwelt und natürlich die Natur. Oder vermag jemand hier im Saal ohne Sauerstoff nur drei Minuten zu überleben? Wir brauchen einander in 149
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    dieser Stunde undwollen versuchen, einen Konsens zu finden, um ohne Kriege, Rivalität oder Sanktionen den wertvollsten Besitz zu erhalten, und zwar unser Leben und das unserer Kinder. Ich bitte Sie innigst, genau zuzuhören und nach einem gemeinsamen Weg für die Zukunft zu suchen. Niemand braucht auf ir- gendwelche Traditionen, seine Kultur und Menschen- würde zu verzichten. Es sollte reichen, jeden Tag mit ansehen zu müssen, wie bereits drei Milliarden Men- schen würdelos dahinvegetieren, ohne sauberes Was- ser, ohne genügend Sauerstoff. Heutzutage treffen wir immer mehr Zapfsäulen an, wo man gegen Bezahlung Sauerstoff tanken kann. Ist das nicht traurig? Wir soll- ten aufhören, uns etwas vorzumachen, und alles dar- ansetzen, diese ausweglose Situation zu ändern. Aus diesem Grunde habe ich einige Wissenschaftler eingeladen, die uns erläutern werden, was wir zum Besten aller in dieser scheinbar ausweglosen Situation tun können. Lassen Sie uns also hören, was die Herren Brink und Almeida zu diesem Thema zu sagen haben. Darüber hinaus habe ich weitere Experten eingela- den, die uns darlegen werden, wie mit einigen Kom- promissen, aber ohne direkten wirtschaftlichen Verlust eventuelle nationale Probleme zu lösen sind. Aber eins nach dem anderen, bitte, Herr Brink, Sie haben das Wort“, endete er seine Ansprache. Ich hatte meine Rede zwar mit León vorbereitet, aber ich hielt mich nicht immer genau daran, da mir jedes Mal etwas Neues einfiel, obwohl das Projekt immer dasselbe war. So zog ich das Mikrofon näher heran und sprach die ersten Worte etwas holprig aus. „Vielen Dank für Ihr Vertrauen“, und schaute hinüber zum UN-Generalsekretär, der mir ein ermunterndes Lächeln zusandte, als schien er sagen zu wollen: Du 150
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    schaffst das schon,du wirst mit deinen Freunden die Horde von Wölfen überzeugen, und sie werden dir aus der Hand fressen. Ich wollte, es wäre so. „Wie wir alle wissen, ist der Klimawandel in vollem Gange und wartet nicht auf irgendwelche Zeremo- nien, sondern wird sich in einigen Monaten oder Jah- ren unbarmherzig ausdehnen. Die Luft wird zuneh- mend dünner, die Erwärmung uns schwer zu schaffen machen. Immer mehr Rußpartikel setzen sich in der nördlichen Hemisphäre ab, die wiederum zu erhebli- chen schmutzigen Niederschlägen führen und das Eis noch schneller zum Schmelzen bringen werden als vorhergesagt. Dagegen stellt sich eine komplette Dürre in den äquatorialen Ebenen ein.Wir bekommen Kälte bis extreme Hitze, Eisschmelze bis neuartige Winter- einbrüche in den gesamten Vereinigten Staaten sowie Orkane über Mittelamerika und Europa. Das Ozon- loch ist um mehr als die Hälfte größer als noch vor zwei Jahren. Diese Spirale wird sich fortsetzen; und sie ist schwer einzuschätzen und zu kontrollieren. Meine Freunde und Kameraden sind sich sicher, dass wir, wenn nichts unternommen wird, in fünfzehn Jah- ren massive Probleme bekommen, der Sauerstoffnach- schub verloren gehen und die Vegetation zu 75 Pro- zent zerstört sein wird. Des Weiteren wird die fossile Verbrennung eine beträchtliche Aufwärmung unseres Planeten herbeiführen.Wenn die Pole schmelzen, sind unsere Süßwasserreserven unwiederbringlich verloren. Daher werden die Völker wegen Wasser- und Sauer- stoffmangel Kriege führen müssen, die keinem nützen und nur Hass und Zerstörung bringen, und das über Jahrzehnte, bis der letzte Tropfen geflossen ist. Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber wir haben nur eine Chance – und diese sollten wir 151
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    nutzen. Die augenblicklicheLage ist ernst. Dabei wa- ren die Regierungen bereits vor fünfzehn Jahren über diese Phänomene informiert, aber die Lobbyisten der Konzerne und die Aktionäre haben bei der Verschleie- rung gründliche Arbeit geleistet. Jetzt sehen wir uns einer unüberwindbaren Mauer von komplexen Ereignissen gegenüber, die uns zwar psy- chisch schwer zu schaffen machen, denen wir aber mit viel Vertrauen und Willen entgegensteuern können. Ich sage, wir können es schaffen. Wir, meine Freunde und ich, haben jahrelang in dieser Richtung geforscht und das Ziel nicht aus den Augen verloren. Unsere Errungenschaft soll nicht nur uns gehören, sondern der ganzen Menschheit. Ich rufe alle auf: Lasst uns die Anlagen gemeinsam bau- en.Wir haben von dem weltweit größten Konzern auf dem Gebiet von Bohrplattformen bereits die Zusage erhalten, für uns tätig zu werden. Es geht darum, auf offener See in der Nähe aller Kontinente oder Inseln dieser Erde Sauerstoff- und Energiegewinnungsplatt- formen zu bauen. Zudem werden sie Süßwasser für die gesamte Menschheit ohne Einschränkung gewin- nen. Ich werde nach Ihrer Zusage mein Versprechen halten und dafür sorgen, dass meine Erfindung an zukünftige Generationen weitergegeben wird. Natürlich weiß ich, dass es für diejenigen nicht einfach sein wird, die gut an den heutigen Ressourcen verdienen. Aber beden- ken Sie, morgen sind diese versiegt – und was dann? Aber so können alle mitverdienen und unseren Pla- neten retten, indem diese Aufbereitungsanlagen welt- weit eingesetzt werden. Und worauf zielt das ab: kein Kohlendioxid-Ausstoß in die Atmosphäre, weniger Müll, geschützte Wald- oder Naturreservate, bessere 152
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    Bedingungen für dieTierwelt, eingesparte Boden- schätze, keine radioaktiven Abfälle für uns und kom- mende Generationen. Es wird noch nicht das Paradies auf Erden sein, aber die Rettung der Menschheit. Glauben Sie mir, wir sind einzigartig und sollten alles daransetzen, unsere Chance nicht zu verpatzen! Hier will ich zum Ende kommen und das Wort an meinen Freund León weitergeben. Vielen Dank fürs Zuhö- ren.“ Riesiger Beifall brandete auf, aber ich machte mir keine Illusionen. Es war noch nicht so weit. „Sehr gut, Jeff“, flüsterte León. „Klasse!“ „Danke, mein Freund“, erwiderte ich. „Meine Damen und Herren, ich unterstütze das Pro- jekt meines Freundes Jeff Brink seit zwanzig Jahren, oder?“ Er schaute mich an. Ich nickte und lächelte. „Es war nicht immer einfach, glauben Sie mir, aber wir haben nie aufgegeben. Mein Thema soll jedoch heute ein anderes sein, aber es wird Sie überzeugen, hoffe ich, obwohl es noch viele offene Fragen gibt. Wie wir wissen, besteht unser Planet zu dreiViertel aus Wasser, Salzwasser genauer gesagt. Bei Menschen oder Tieren sind es 70 Prozent und bei manchen Pflan- zen sogar 99 Prozent. Egal, wo wir also hinschauen, alles, was lebt, besteht aus Wasser. Konklusion: Wasser bedeutet Leben. Dagegen ist Gas, Erdöl oder Radio- aktivität tödlich. Wie kann man so einfältig sein, so etwas freiwillig haben zu wollen und obendrein noch dafür zu bezahlen. Natürlich werden Sie einwenden, hätten wir dadurch bis jetzt unsere Wohlfahrt, unse- re Technologie und unser Leben stark verbessert. Das hängt davon ab, ob die Kraft aus Wind oder aus einem Atomreaktor kommt. 153
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    Aber lassen wirdas und kommen zum Wesentlichen dieser Konferenz. Ein Salzkristall, 400-fach vergrößert, sieht aus wie eine Pyramide. Handelt es sich bei der Pyramide um eine Nachricht unserer Vorfahren? Die Bevölkerung von Atlantis wusste womöglich bereits, dass die Ener- gie aus dem Meerwasser gewonnen werden konnte. Oder ist alles nur Zufall? Ich will damit sagen, dass wir besser daran täten, diesen Nachrichten auf den Grund zu gehen, um zu erfahren, ob wir doch nicht besser diesem verlorenen Wissen zum Wohle der Mensch- heit und zum besseren Verständnis unseres einzigarti- gen Planeten nachgehen und uns besinnen sollten. Denken Sie ruhig einmal darüber nach, was an einer solchen Theorie dran sein könnte. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“ Bei Leóns Rede wurde deutlich weniger geklatscht, aber dafür mehr gegrübelt. Das Wort ergriff nun der EU-Präsident: „Wenn ich das richtig verstanden habe, hält Herr Brink eine Technologie bereit, die uns mit Energie, Sauerstoff und Trinkwasser versorgen würde ohne jegliche Um- weltschadstoffe.“ „Genau so ist es“, meinte der UN-Generalsekretär und schaute zu mir herüber. „Richtig“, bestätigte ich. „So, meine Herren, gibt es Fragen zu diesem The- ma?“, fuhr der UN-Generalsekretär fort und blickte sich im Kreis um. „Das Wort hat Frankreich als Gast- geberland.“ Der Außenminister Philippe de la Croix sagte: „Mes- dames et messieurs, bienvenus au sommet de l’énergie. Ich möchte Folgendes wissen: Wie soll das Ganze fi- nanziert und die Erträge verteilt werden?“ 154
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    Das Wort übernahmder EU-Vizepräsident: „Wir denken an einen etwa 90 Prozent geringeren Preis verglichen zum Atomstrom. Das sollte ungefähr die Preisrichtlinie sein. Die Finanzierung sollte aus dem jetzigen Haushalt aller Nationen durch Deaktivieren der Militärbudgets bestritten werden. Die UN über- nimmt die Verwaltung des gesamten Süß- respektive Trinkwassers, was weltweit gratis an die Verbraucher geht.“ An dieser Stelle konnte man merken, dass viele nicht ganz einverstanden waren, da die UN eine mächti- ge Institution zu werden drohte. Aber sich dem zu entziehen, schien niemand wagen zu wollen, da viel auf dem Spiel stand und jeder für sich über nicht ge- nügend Mittel zur Realisierung verfügte. Dieser Spa- gat von Selbstverwaltung und Nationalinteresse mit Abgabe von gewissen territorialen Besitztümern fiel keinem leicht. Das hieße Einmischung. Ich war gespannt, welche Kompromisse am Ende he- rauskommen würden. Die Verteilung fand ich in Ab- sprache mit der UN gerecht und menschenwürdig. Aber wer wollte schon meine Meinung hören? Jeder versuchte, die Macht an sich zu reißen und nicht ir- gendwelchen Herren bei der UN abzutreten, obwohl jede Nation durch das Abstimmungsverhalten mit- bestimmen konnte, wobei demokratisch eine Lösung gefunden werden musste. Die Debatte lief regelrecht heiß. „Wie viele Anlagen bräuchte man, um zum Beispiel ein Land wie unseres mit Energie komplett abzude- cken“, wollte das spanische Staatsoberhaupt wissen. „Was kann eine Anlage an Energie überhaupt ab- geben?“, schob der englische Außenminister sofort nach. 155
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    „Eine Anlage vermageine Stadt wie Madrid komplett mit Strom abzudecken.“ Ein erstauntes Raunen ging durch den Saal. „Und was kostet eine solche Anlage?“, war von russi- scher Seite zu hören. „Wir können nur dann abstimmen, wenn genaue Daten zur Finanzierung und über den Energieertrag genaue Endergebnisse vorliegen“, sagte die chinesi- sche Delegation. „Meine Herren“, mischte ich mich ein, „wir sollten als Erstes dafür sorgen, dass eine Abstimmung erfolgt. Das heißt, sind alle mit dem Gesagten einverstanden, und wenn dem so ist, werden wir natürlich alle In- formationen und Zahlen auf den Tisch legen. Es stellt sich nicht die Frage nach den Kosten der Energie, sondern der Versorgung, und zwar weltweit. Jeder sollte innerhalb der nächsten zehn Jahre über diese Energie verfügen können. Die Koordinierung obliegt der UN. Die Frage bleibt also, sind Sie einverstanden, auf nationale Interessen zu verzichten, oder will jeder im Alleingang weitermachen? „Wollen Sie damit sagen, dass die UN dann alles re- gelt und die Macht erhält?“, fragte der deutsche Bun- deskanzler. „Ja, in gewisser Weise schon, aber zum Wohle aller Nationen.“ Die Diskussionen wurden immer heftiger und ver- worrener. Zu meinem Erstaunen hatten die Ameri- kaner noch keinen Kommentar abgegeben oder sonst wie Stellung genommen, genauso wie die OPEC, die nur zugehört und abgewartet hatten, wie es weiterge- hen sollte. Die arabischen und andere Öl fördernden Länder wie Venezuela hielten sich ebenfalls zurück. Nach zweistündigen Verhandlungen wurde die Kon- 156
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    ferenz unterbrochen, umsich zu internen Beratungen zurückzuziehen. Man konnte in diesem Augenblick noch keine Prognose über die Ergebnisse der Kon- ferenz abgeben. Morgen stand die zweite Runde an. Man wollte sich am Abend zu einem Bankett in Mon- te Carlo zusammenfinden. Gegen Nachmittag sollten auch Guiglelmo und Jan eintreffen. Tommaso und Serena holten uns zum Mittagessen ab, nachdem sie bereits eine Spritztour nach Monte Car- lo hinter sich hatten. „Onkel Jeff, es ist zauberhaft hier, und ich freue mich, in Europa zu sein. Am besten hat mir der wunder- schöne Hafen von Monaco gefallen, die Jachten dort sind traumhaft, eine schöner als die andere. Wir haben auch Freunde von Tommaso wiedergesehen und sie haben uns morgen zu einer Bootsfahrt nach Saint- Tropez eingeladen.“ Sie schwärmte nur so von der Côte d’Azur. Es war auch sehr schön hier, aber wie lange noch? Ich gönnte der Jugend die Zeit zusammen. León dagegen äußerte sich vorsichtiger: „Liebling, denk daran, hier gibt es auch genug Kriminalität. Seid vorsichtig. Wir können uns keinen unnötigen Ärger leisten. Die Presse würde sich sofort auf uns stürzen. Negative Kommentare wären fatal. Tommaso, du ver- sprichst mir, auf sie aufzupassen. – Hat eigentlich Ste- ven angerufen?“, fragte León seine Tochter. „Ich hab vor zwei Stunden mit ihm telefoniert und er möchte uns vielleicht in zwei Tagen besuchen“, ant- wortete sie. Tommaso schaute sie nicht an und schenkte Wein in unsere Gläser. Es schien ihm nichts auszumachen, denn er sagte beiläufig: „Es freut mich, deinen Freund 157
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    kennenzulernen.“ „Er ist Architektund würde hier bestimmt auf seine Kosten kommen“, sagte León. Nach dem Essen zog ich mich zu einem Mittags- schläfchen zurück und León wollte mit den Kindern ins ozeanologische Museum nach Monaco fahren. Später gegen fünf Uhr ließ ich mich von unserem Fahrer zum Bahnhof chauffieren, um Guiglelmo und Jan abzuholen. Bereits nach kurzem Warten auf dem Bahnsteig wurde der Zug aus Rom angekündigt.Von vier Bodyguards flankiert stiegen unsere Freunde aus und wir umarmten uns. „Schön, dass ihr da seid. Hier ist die halbe Welt ver- sammelt. Alle sind zur Konferenz gekommen“, sagte ich. „Das kann ich mir vorstellen, nachdem was wir ge- hört haben.“ Wir fuhren Richtung Hotel und sprachen über den Umweltgipfel des Weltsicherheitsrats und dass es schwer sein würde, alle Nationen unter einen Hut zu bringen. Ich war innerlich aufgewühlt, aber auch froh, wieder meine Familie und Kameraden um mich zu haben. Wir nahmen in der Bar Platz, um uns einen Drink zu genehmigen und anschließend für den Abend frisch zu machen, als die Fernsehstation BNC, der British News Channel, ihr Programm unterbrach und eine wichtige Nachricht ansagte. „Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unser Programm, da wir eine wichtige Nachricht zu ver- melden haben.“ Man sah eine sichtlich erregte Reporterin mitten auf der Straße, das Mikrofon in der Hand. „Soeben ist hier in Nizza eine Bombe detoniert. Wir wissen nur, dass der UN-Generalsekretär mit seiner 158
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    Autoeskorte unterwegs war,die in diese Explosion in- volviert zu sein scheint. Wir wissen noch nicht, ob es Tote oder Verletzte gegeben hat. Wenn man die Wracks so aus dieser Entfernung sieht, ist das nicht auszuschließen. Wir dürfen leider nicht näher. Ret- tungshelikopter und gepanzerte Fahrzeuge sind be- reits vor Ort sowie alle Ambulanzen der Umgebung und natürlich die Feuerwehr, wie Sie hinter mir sehen können. Wir warten seit mehr als einer Stunde auf Details des Geschehens und fragen uns, wo sich der UN-Generalsekretär zurzeit befindet. Falls es sich um ein Attentat handelt, drängt es uns natürlich auch zu wissen, wer die Täter sind.Wir wissen nur, dass ein ge- heimes Treffen vieler Staatsmänner und der UN über Energiefragen heute Morgen stattgefunden hat, aber Genaueres wollte man uns nicht sagen.“ Bumm!, ertönte ein dumpfes Geräusch und Fenster- scheiben klirrten. Man konnte sehen, wie eine Druck- welle die Pressesprecherin erreichte, die sie fast um- gehauen hätte. „O Gott, weg hier, es hat noch eine Explosion gege- ben! Was ist geschehen?“ Man sah die Reporterin und die wackeligen Aufnah- men des Kameramanns. „Wir unterbrechen für einige Minuten und geben zurück ins Studio.“ „So, meine Damen und Herren, Sie konnten gerade live miterleben, dass die Situation noch nicht unter Kontrolle ist. Wir vermuten einen weiteren Spreng- satz, der nicht sofort mit der Hauptexplosion hoch- gegangen ist oder noch versteckt war. Bislang wissen wir nur, dass wie gesagt heute Morgen ein Energie- gipfel des Weltsicherheitsrats in Nizza stattgefunden hat, bei dem sowohl eine OPEC-Delegation als auch 159
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    viele Staatsmänner vertretenwaren. Wir können lei- der zurzeit keine genauen Angaben machen, wo sich der UN-Generalsekretär befindet und was hinter der Explosion steckt. Fest steht, dass die Börsen in New York und Peking heute Morgen nicht eröffnet wur- den, damit keine weiteren exzessiven Spekulationen mehr möglich sind. Bleiben Sie dran, nach einer kur- zen Pause versuchen wir, Ihnen weitere Details der aktuellen Lage zu übermitteln. Wir halten Sie selbst- verständlich ständig auf dem Laufenden.“ Ich drehte mich um, um Guiglelmo etwas zu sagen, und sah León aus dem Augenwinkel in der Tür kopf- schüttelnd mit Tommaso sprechen. Sie kamen zu uns herüber und begrüßten Guiglelmo und Jan mit einer herzlichen Umarmung. Die Freude war jedoch ge- trübt. „Habt ihr gesehen, die Sache ist nicht ausgestanden“, meinte León genervt. „Geben die denn niemals auf? Haben die etwa nicht verstanden, worum es geht?“ „Komm, beruhig dich, ich sag dir, wir sind hier fehl am Platz“, sagte Jan. „Wir sollten das Ganze fallen las- sen und schleunigst verschwinden.“ „Wie soll das gehen?“, fragte ich. „Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen mit der Scheiße, haben wir vielleicht darum gebeten?“ „Jetzt mal langsam“, sagte Guiglelmo. „Ich hoffe, dass keiner zu Schaden gekommen ist.“ „Die Frage ist bloß, inwieweit können die uns schüt- zen“, wollte ich wissen. „So wie es aussieht gar nicht“, gab León nüchtern zurück. Er hatte recht. Es könnte ausgehen wie damals am 11. September 2001 und vor drei Jahren in Abu Dhabi. Druck musste abgelassen werden, egal, aus welcher 160
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    Richtung er kam,terroristisch oder politisch mo- tiviert. Aber diesmal sah es mehr nach einem öko- nomischen Hintergrund aus, das heißt, die Erdöl fördernden Länder wie auch die Großaktionäre der verschiedenen Konzerne wollten ihre Macht nicht einfach so abgeben. Also forcierten sie den Druck auf die Politik. Irgendetwas musste durchgesickert sein. Wer bezweckte den Tod des UN-Generalsekretärs, um eine Krise auszulösen? Ich wollte diese Fragen nicht hier und nicht jetzt mit meinen Freunden be- sprechen oder analysieren. „Ich schau mir das Ganze oben im Zimmer noch ein- mal an, bis dahin wissen wir mehr“, sagte León. „Nein, ich glaub, ich ruf sofort seine Sekretärin an, deren Nummer ich heute Morgen erhalten habe“, sagte ich. Sie schauten mich fragend an. „Das wäre gut, um zu wissen, was geschehen ist und wo er sich jetzt befindet“, erwiderte Guiglelmo nüch- tern. Wir bezahlten und gingen alle nach oben in mein Zimmer. Die Kinder wollten auch dabei sein. „Tommaso, Serena“, wandte ich mich ihnen zu, „ich möchte, dass ihr ganz vorsichtig seid. Die spaßen nicht, wer sie auch sein mögen. Die Schurken wollen nicht, dass eine andere Firma oder die UN diese Technolo- gie bekommt. Wir schweben in großer Gefahr.“ „Jeff hat recht. Wir müssen unsere Lage als sehr ernst ansehen“, meinte Jan. „Ihr geht nicht mehr allein auf die Straße“, sagte León und drehte sich zu den Kindern um. „Ich werde alles veranlassen, damit immer Bodyguards an eurer Seite sind, auch wenn es lästig ist.“ „So, Ruhe bitte, ich versuche die Sekretärin zu erwi- 161
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    schen“, gebot ichund nahm den Hörer auf. „Verbin- den Sie mich mit der Nummer 55763589. Danke.“ Ich wartete, bis sich auf der anderen Seite die Stimme einer Dame meldete. „Spreche ich mit der Sekretärin vom Generalsekretär? – Gut. Hier ist Jeff Brink, ich wollte nachfragen, wie es dem Generalsekretär geht.Wir haben in den Nach- richten von dem Anschlag gehört.“ Die Sekretärin erzählte kurz die Geschehnisse. Nach ein paar Minuten war ich auf dem Laufenden und beendete das Gespräch. „Ich danke vielmals. Auf Wie- derhören.“ Ich legte auf und schaute in fragende Ge- sichter. „Und?“, drängte Jan. „Wie geht es ihm?“ „Er wird im Krankenhaus behandelt, es scheint aber nichts Ernstes zu sein, nur Verletzungen von Splittern überall am Körper, da die Bombe wenige Meter hin- ter ihnen gezündet wurde. Im folgenden Wagen sind zwei Leute schwer verletzt worden“, erklärte ich ru- hig. „Mensch, es hätte ihn wirklich treffen können, doch die Bombe ist glücklicherweise zu spät gezündet worden“, meinte Jan, der am meisten irritiert schien. Nach dem, was er mitgemacht hatte, war das nicht verwunderlich. „Aber bis jetzt wissen wir noch nicht, um wen es sich bei den Tätern handelt, es können Terroristen, Araber, Amerikaner, Chinesen oder sonst wer sein. Oder will die Staroil noch immer mit aller Macht verhindern, dass jemand anders die Führung übernimmt oder dass die Anlagen überhaupt auf den Markt kommen“, füg- te ich hinzu. „Alles ist möglich“, erwiderte Tommaso. „Ich denke, wir sollten ein Signal aussetzen, um mit 162
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    ihnen in Kontaktzu treten und herauszufinden, wer dahintersteckt und was sie wollen.“ „Verkaufen“, sagte Tommaso geistreich. „Einen Versuch wäre es wert“, sagte Guiglelmo, „so könnten weitere Entführungen oder Anschläge ver- hindert werden“, fuhr er fort. „Letztendlich wissen die ja, wo und wer wir sind.“ „Und wie soll das vor sich gehen?“, fragte ich. Wir besprachen unsere Taktik. Es war gefährlich, aber so konnte es nicht weitergehen. Schon heute Abend beim Bankett würde sich uns eine Chance bieten. Um 20.30 Uhr wurden wir abgeholt und fuhren bei einem prunkvollen Gebäude vor. Es herrschte viel Be- wegung und überall war die französische Polizei prä- sent. Die Wagentüren wurden abgesichert, sodass wir im Schutz der Agenten aussteigen konnten. Nachdem wir eine breite Treppe hinaufgegangen waren, befan- den wir uns in ziemlicher Sicherheit. Ruhige Musik und Stimmengemurmel drangen an unsere Ohren. Die Mäntel wurden uns abgenommen und ein Empfangs- komitee begrüßte uns. Wir erfuhren sogleich, dass der UN-Generalsekretär auch da sei und es ihm gut gehe. Gott sei Dank, dachte ich. Dann betraten wir den Saal. Viele Augen richteten sich auf uns, da jeder die Hüter der neuen Energiequelle kennenlernen wollte. Wir bekamen unerwarteten Applaus und fühlten uns ein wenig verloren bei so viel anwesender Prominenz. Ich nickte freundlich und deutete meinen Kameraden mit einem Blick an, gute Miene zu zeigen. „Guten Abend“, versuchte ich mich in dem lauten Getuschel verständlich zu machen. Da kam auch schon der UN-Generalsekretär mit sei- ner Gattin auf uns zu. Er sah erstaunlich gut aus, außer einem Pflaster an der Schläfe und einem Verband an 163
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    der Hand warihm nichts anzumerken. „Herr Brink, sehr geehrte Herren, wir freuen uns, dass Sie da sind. Ich habe eine Überraschung. Ihre Gattin- nen erwarten Sie bereits am Büfett. Würden Sie mir folgen“, sagte er lächelnd. Ich stand wie angewurzelt da. Teresa würde mir im- mer Bescheid sagen, wieso dieses Mal nicht? Ich wusste aber auch, dass sie Geheimnisse für sich behal- ten konnte. Ich konnte nicht weiterdenken und ging grüßend an den geladenen Gästen zum Büfett, wo sie in ihren langen überteuerten Abendkleidern auf uns warteten, eine schöner als die andere. Wir konnten stolz sein auf unsere Frauen. Sogar Marcella war da. Ich freute mich, es tat einfach gut, zusammen zu sein. Wir umarmten uns. „Schatz, wie findest du mich? Wie gefalle ich dir?“, fragte mich Teresa mit leuchtenden Augen. „Du siehst hinreißend aus.“ Sie verlor kein Wort darüber, wie sie hierher gekom- men war. Doch noch ein anderer Gedanke beschäf- tigte mich: Was sollte aus unserem Plan werden, die Frauen wussten nichts davon. In dem Moment sah ich, wie León zu mir herüberschaute, als wollte er sa- gen: Am besten lassen wir das Ganze. Wir mussten uns über unser weiteres Vorgehen noch absprechen. Nach ein paar Begrüßungen und Komplimenten von den Gästen konnten wir einige Sätze miteinander spre- chen. „Was sollen wir machen?“, fragte ich. „Wir können nicht riskieren, den Frauen nicht Be- scheid zu sagen, bevor es losgeht“, zischte León in mein Ohr. „Nicht nervös werden. Tommaso macht das schon. Sag deiner Frau, dass es sich um einen Test handelt. Sie 164
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    sollen nicht erschrecken“,flüsterte ich. „Und noch etwas, gib das auch an Jan und Guiglelmo weiter.“ Ich musste mich noch um Marcella kümmern und ging zu ihr. „Marcella, schön siehst du aus, willst du deinen Daddy nicht begrüßen. Komm her, mein Schatz, du bist die Schönste heute Abend.“ „Hallo, Dad“, kam es schüchtern und liebevoll zu- rück. Sie war mein Augapfel, obwohl ich auch Tommaso sehr lieb hatte und voll auf ihn zählen konnte. Aber eine Vater-Tochter-Beziehung ist doch etwas anderes. Sie umarmte mich. „Das hättest du nicht erwartet.“ „Nein, ehrlich gesagt, nicht einen Moment.“ Sie drückte sich kurz an mich. „Du, ich kann dich nicht den ganzen Abend so festhalten, auch wenn ich wollte.“ „Ich verstehe.“ Ich nahm ihre Hand, und wir schlen- derten zu Teresa, die ganz aufgelöst und glücklich schien. Sie war einfach stolz auf uns. „Ich freue mich so, bei dir zu sein, Jeff.“ Ich nahm sie liebevoll beim Arm, bevor wir ein paar Schritte gingen. „Du, hör zu …“ Ich erzählte ihr in aller Kürze unser Vorhaben. Sie verstand zwar, zeigte sich aber nicht ganz einver- standen. Uns blieb nicht die Zeit, darüber zu diskutieren, denn der UN-Generalsekretär näherte sich uns. „Haben die Untersuchungen schon etwas ergeben?“, fragte ich ihn. „Nein, aber soviel mir bekannt ist, laufen sie auf Hochtouren. Es wurden auf jeden Fall Spuren ent- deckt sowie verdächtige Personen festgenommen. Die hiesige Polizei hat bis morgen Abend eine Nach- 165
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    richtensperre verkündet, damitkeine Spuren verloren gehen. Das war knapp, eine Sekunde später und …“, sagte er nachdenklich und ließ schweigend eine Weile vergehen. „Mein lieber Herr Brink, es ist nicht aus- geschlossen, dass wir uns besser absichern und später sogar eine neue Identität annehmen müssen, damit Ruhe eintritt. Sie befinden sich wie wir alle in per- manenter Gefahr.“ „Herr Generalsekretär, ich will nicht, dass Menschen zu Schaden kommen. Aber dieses Projekt ist wahr- scheinlich die einzige Chance, die Erde vor dem Energie-, Rohstoff- und Klimakollaps zu retten.“ „Ja sicher, aber wie soll sich die Industrie verhalten? Einerseits Wachstum, andererseits keine schädlichen Emissionen. Wir müssen die Regierungen und die Konzerne mit ihren Aktionären empfindlich treffen, und zwar dort, wo es am meisten schmerzt. Erst dann werden sie sich kampflos unserem Projekt widmen. Wenn es eine viel bessere Alternative gibt, ist keiner mehr bereit, in alte Technologien zu investieren. Nur so erreichen wir eine Wende. Die Konzerne sollen, wie bei der Milchproduktion, bei Abschalten ihrer An- lagen kräftig mit Geldmitteln unterstützt werden und können ihre Milliarden wiederum in unsere Projekte investieren. Nur so scheint es möglich, die Situation in den Griff zu bekommen. Ansonsten, glauben Sie mir, haben wir keine Chance. Darum geht es morgen. So, aber jetzt genehmigen wir uns ein Glas Champagner, Herr Brink.“ Er hatte recht. Wir blieben bis zum Schluss dort, nachdem alle anderen Gäste sich bereits verabschiedet hatten. Er selbst war schon früh gegangen, weil seine Wunden schmerzten und er Ruhe brauchte. Wir hat- ten inzwischen unseren Plan wieder verworfen, die 166
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    Plattformen an eineprivate Aktiengesellschaft zu ver- kaufen und verschiedenen OPEC-Mitgliederstaaten anzubieten. Das hätte wie eine Bombe eingeschlagen und alle Verhandlungen der nächsten Tage zunichte- gemacht. Vielleicht war es gut so. Die OPEC hätte mit Sicherheit gezahlt, und die Pläne wären erst nach Versiegen des letzten Tropfen Erdöls aus der Schub- lade geholt worden, was für unsere Zukunft nicht gut gewesen wäre. 2. Verhandlungstag Bereits in der Eingangshalle herrschte reges Treiben. Heute sollte ein Plan vorgestellt werden, wie die Kos- ten verteilt sowie Produktion und Start der neuen Energiegewinnung vonstattengehen sollten. Das Ziel bestand darin, eine Abstimmung zu erreichen. Die Politiker sollten dazu bewegt werden, die jetzigen Rohstoff- und Energielieferanten zum Umdenken anzuhalten, ihre Energiekapazitäten zu drosseln und in die Produktion der neuen Technologie zu inves- tieren. Allerdings vertrat jeder seine feste Linie, die aufge- weicht werden musste. Mit der Kyoto-Delegation wollte die UN am heutigen Verhandlungstag ein wei- teres kritisches Argument diskutieren und der Politik sowie der Wirtschaft auftischen. In Nizzas Nebenstraßen war derweil die Hölle los. Gruppierungen aller Herren Länder und Couleur, al- len voran die grünen Parteien, Green Peace und Anti Global, wollten bei diesem Treffen Luft und Frust ab- lassen. Die französische Polizei hatte alle Hände voll 167
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    zu tun, mitden mehr als achthunderttausend Men- schen fertig zu werden. Zudem tummelte sich die internationale Presse dort herum, um über den Bombenanschlag auf den UN- Generalsekretär zu berichten und hinter das Geheim- nis des Treffens zu gelangen. Es war bereits durchgesi- ckert, dass es um eine neue Energiequelle ging, die die heutigen Rohstoffe und die bis jetzt bekannten er- neuerbaren Energien in den Schatten stellen würde. Pünktlich ging die zweite Runde in den wortwört- lich heißen Frühlingstag des 26. März 2013. Bereits um 9.30 Uhr zeigte das Thermometer 28 °C im Schatten. „Meine Damen und Herren“, ertönte eine helle Frau- enstimme durch das Mikrofon, „wir wollen anfangen. Ich begrüße Sie sehr herzlich und danke Ihnen allen, dass Sie anwesend sind, um zu einer besseren Welt bei- zutragen. Wir begrüßen heute die Kyoto-Delegation, die sofort ihren Bericht vorstellen wird. Ich gebe das Wort an Dr. Madeleine Sharp,Vorsitzende des Kyoto- Abkommens.“ Applaus erklang und eine gut aussehende Vierzigjäh- rige betrat das Rednerpult. „Sehr geehrter Generalsekretär, sehr geehrte Gäste. Mein Kommentar wird kurz, aber leider sehr schmerz- voll sein“, begann sie und blickte in den Saal, um die Reaktionen abzuwarten. Man konnte eine Fliege hö- ren, die sich im Konferenzraum eingeschlichen und nach Kühlung gesucht hatte. „Eindeutiger können die Resultate des Klimawandels nicht sein. Bereits in den letzten zwei Jahren haben wir mehr als drei Millionen Menschen zu beklagen, die bei Naturkatastrophen umkamen, weitere fünfhundert Millionen leben in erbarmungslosen Zuständen. Den Wetternachrichten 168
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    von 7.00 Uhrzufolge treiben in diesem Augenblick zwölf Orkane ihr Unwesen. Die Zerstörung durch nicht mehr kontrollierbare Naturphänomene ist an der Tagesordnung. Diese Liste könnte endlos lang fort- geführt werden. Die Versicherungen kommen beim Auszahlen nicht mehr mit und die Politik kann nur noch Not- und Ausnahmezustandsstufen ausrufen. Ich kann an dieser Stelle denjenigen, die noch nicht unterschrieben haben, nur eines sagen: Von interna- tionalen Organisationen ist keine Hilfe zu erwarten und bei Nichteinhalten der Emissionen wird die Lage in fünf bis zehn Jahren noch dramatischer sein. Wir können dieses Spiel nicht gewinnen. Nicht so. Wir können der Natur nicht trotzen. Nicht so. Wir kön- nen die Leute da draußen, die alles verloren haben, nicht im Stich lassen.“ Ein kurzer Applaus unterbrach ihre Rede. „Ich wünsche mir, dass dieser Gipfel ein Zeichen setzt und gemeinsam eine Strategie ausarbeitet, um zu ret- ten, was noch zu retten ist. Ich möchte jeden darauf hinweisen, dass weniger Verbrauch und Konsum von- nöten sind. Lassen Sie uns hier und heute ein Zeichen setzen und die Zukunft zusammen für jeden besser gestalten. Ich danke sehr. Wir werden über folgende Punkte im Laufe des heutigen Tages abstimmen: 1. Reduzierung der weltweiten Schwertransporte auf den Straßen um die Hälfte; 2. strenge Kontrollen der Zulassung von alten und neuen Pkw auf Basis ihrer Emissionswerte; 3. schärfere Kontrollen der Industrie und das Anbieten von Beraterfunktionen, wie und wo Energie eingespart werden kann; 4. Vermittlung von CO2-armen erneuerbaren Energieauflagen für private Haushalte; 5. der Aufruf an alle Nationen, die Kont- rolle zur Einhaltung der festgelegten Parameter des 169
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    CO2-Ausstoßes durch Unabhängigezuzulassen; und 6. Diskussionsvorlagen weiterer Verordnungen über die Verschmutzung von Gewässern in den nächsten Monaten. Ich wünsche uns allen ein gutes Gelingen der Verhandlung.Vielen Dank fürs Zuhören.“ Ein gewaltiges Unterfangen, das musste selbst ich zu- geben, aber es blieb keine andere Wahl. Frau Sharp hatte recht, wenn sie die Gewässer- und Bodenver- seuchung durch Chemiefabriken längs der Flüsse der Welt zur Sprache brachte und diese aufforderte, die Verschmutzung einzudämmen. Ich musste an meine Kollegen bei der Medpharma denken. Ob sie mich schon vermissten? In diesem Augenblick kam mir eine Vermutung, wer uns verraten haben könnte, was Jan und Guiglelmo fast mit ihrem Leben bezahlt hätten. Zwei Tote waren bereits zu beklagen, Rodolfo Chiavari und Martinelli, gestern der Anschlag auf den UN-Generalsekretär, der zwei Schwerverletzte forderte, und ein Ende war noch nicht abzusehen. Bei der Suche der Schuldigen tappte man noch im Dunkeln. Die Medpharma AG, die in den letzten Jahren zu einem der größten Pharmakon- zerne der Welt aufgestiegen war, besaß viel Macht. Sie hatten fast alles aufgekauft, was irgendwie nach Geld roch, um den Hunger der Aktionäre zu stillen. Zur- zeit liefen einige ganz große Projekte in China und Indien, somit fehlte ihnen nur noch Amerika. Hatte uns vielleicht Dr. Gloden verraten und mit dem halb entwickelten Produkt bei der Staroil angeklopft, um an die Akte zu gelangen? Da mich diese Frage nicht losließ, wollte ich im Anschluss an die Konferenz so- fort nach Köln reisen, um gewisse Berichte durchzu- checken und eventuelle Beweise auf Aktionen gegen uns und den UN-Generalsekretär ausfindig zu ma- 170
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    chen. Ich musstemit Tommaso reden, der Zugang zum Werk hatte, und in der Pause die Situation mit den anderen besprechen. Der UN-Generalsekretär meldete sich zu Wort: „Mei- ne Damen und Herren, sehr verehrte Gäste, wir be- ginnen jetzt mit den Ansprachen der einzelnen Re- gierungen und Delegationen. Ich bitte Sie erstens, so wie Frau Dr. Sharp, ein Programm vorzulegen, wie die Emissionen drastisch reduziert werden können, und zweitens, Ihre Meinung zu einer gemeinsamen Weltenergieversorgung darzulegen. Ich überlasse das Wort als Erstes dem Gastgeberland Frankreich, das, wie wir wissen, 85 Prozent seiner Energie aus Kraftwerksanlagen bezieht. Bitte, das Wort an den Herrn Präsidenten François Soisson.“ „Monsieur le Secrétaire, Mesdames et Messieurs, d’ab- ord je vous souhaite un bon séjour dans notre pays et à Nice. Bienvenu. Wie ich stehen alle Mitglieder mei- ner Partei und Frankreich wie vorgegeben zu unseren Verträgen gegenüber unserer Bevölkerung und Euro- pa. Wir möchten in keiner Weise jemandem zu nahe treten, aber Sie müssen wissen, die Kernkraft hat uns viele Jahre mit Energie versorgt und das mit saube- ren Emissionswerten. Nur Wasserdampf gelangt in die Atmosphäre. Die Abfälle sind, verglichen mit anderen Rohstoffen, gering. Meine Regierung und ich sind nicht bereit, auf diese Energie zu verzichten. Ich bin, was die Verschmutzung und den CO2-Ausstoß auf den Straßen und in der Schwerindustrie angeht, einer Meinung mit Frau Dr. Sharp. Wir werden alles tun, um einer Eindämmung Folge zu leisten. Weiter sind wir bereit, uns mit einem geringeren Anteil an der In- vestierung der Meerplattformen zu beteiligen. Es soll alles Mögliche getan werden, dass kein weiterer Scha- 171
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    den am Klimaentsteht. Ich bedanke mich.“ Applaus der verschiedenen Delegationen und Regie- rungen hallte durch den Raum. „Jetzt geht das Wort an unseren Nachbarn Russ- land.“ (Auf Russisch die ersten Begrüßungsworte.) „Natür- lich haben wir Interesse an sauberer Energie, aber wir können deswegen nicht die Gashähne zudrehen. Wir tun alles, damit unsere Kunden zufrieden sind, und sie sind zufrieden bis auf einige, die immer etwas auszu- setzen haben und sich für eine gerechtere Welt einset- zen. Dann sollen sie eben frieren, von mir aus.“ Murmeln und Gelächter gingen durch den Saal. „Ja, meine Damen und Herren, Sie haben die Wahl, und wir zeigen uns aufgeschlossen gegenüber den Plänen der neuen Energiegewinnung – aber erst se- hen, dann glauben. Wir werden unser Bestes tun, um die Finanzierung in unserem Teil der Erde voranzu- treiben. Im Moment erkenne ich noch nicht so sehr den Bedarf. Was die Klimaveränderung angeht, stehen wir, geografisch gesehen, als Land sehr am Pranger, und wir benötigen sowohl wirtschaftlich als auch so- zial Überlebenspotenzial, damit es unserem Volk an nichts fehlt. Ich glaube, man muss differenzieren, wo man die Grenze zieht. Wir werden, bis nicht geklärt ist, wie es konkret weitergehen soll, auf Herkömm- liches nicht verzichten, und ich denke, Sie werden das von anderen Regierungen genauso vernehmen. Vie- len Dank fürs Zuhören.“ Der Präsident von Venezuela übernahm das Wort: „Okay, wir machen weiter, bis die Anlagen auch vor unseren Küsten stehen. Aber ob diese dann vor Or- kanen und Stürmen sicher sind, müssen wir noch abwarten. Wir können unsere Abmachungen gegen- 172
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    über der OPECund unserer Kundschaft nicht ein- fach ignorieren. Die weltweite ökonomische Krise bekommen wir auf jeden Fall nicht unter Kontrolle. Wie soll das funktionieren, komplette Industriezwei- ge schließen? Arbeitslosigkeit und Armut greifen ja jetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten um sich. Das komplette Chaos würde ausbrechen und Bürger- kriege wären vielerorts nicht auszuschließen. Selbst in den reichen Ländern dieser Erde. Ich empfehle den Herren dieser so sauberen Energie, sich einmal Gedanken zu machen, wie das Ganze politisch stabil durchgeführt werden soll. Es ist ein unwahrschein- licher Kraftakt der ganzen Menschheit nötig, an den ich nicht glaube. Wir werden langsam über alternati- ve Energie nachdenken müssen, aber erst in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren können wir sie dann auch einsetzen. Mein Volk müsste hierüber abstimmen, ob es zu Hause verhungern oder weiter an unseren Erd- schätzen teilhaben will. Ich bedanke mich fürs Zuhö- ren“, beendete er seine Rede. Ich musste zugeben, einfach würde das nicht werden. Weitere Länder, wie China und Amerika, zeigten sich zwar sehr interessiert, aber keiner wollte Opfer brin- gen und schon gar nicht investieren. Es kam mir vor wie ein Mini-Kyoto-Gipfel. Ich musste sofort mit dem Generalsekretär sprechen, um mich zu beraten. „Meine Damen und Herren“, ergriff ich das Wort, „ich habe volles Verständnis für Ihre Argumentatio- nen. Ich möchte aber nicht versäumt haben, dass auf alle in einigen Jahren eine schwere Last zukommen wird, falls wir nicht zumindest zu einem einheitlichen Programm kommen sollten, wenn auch nur unter Li- zenz und der Kontrolle der Energiebehörden. Sie dür- 173
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    fen somit freientscheiden, ob es sich lohnt, individu- ell und ohne Einmischung Dritter die reinste Energie dieses Planeten anzunehmen und menschenwürdig zu verteilen. Jedem, unabhängig von Farbe, Herkunft, Religion, Politik und Reichtum, sollte die Teilhabe an dieser Energie ermöglicht werden. Es bedarf nur ein wenig Mut, den Anfang zu wagen, und schnell wird sich herausstellen, dass es an Arbeit nicht man- geln wird. Eine neue Ära fängt an, für die Konzerne, die Automobilindustrie, das Bauwesen und viele an- dere. Alles muss modernisiert und umgerüstet werden. Erstens wird dies viele neue Arbeitsplätze schaffen. Zweitens werden die Preise für Rohstoffe wieder be- zahlbar sein, und es wird für weitere Hunderte von Jahren Gas, Erdöl, Holz und andere Rohstoffe geben. Drittens gäbe es wieder mehr sauberes Wasser auf die- sem Planeten, das zurzeit noch im Industriebereich verschwendet wird. Eine Umstrukturierung ist bitter notwendig, um dem Planeten und uns Menschen, den Tieren und der Pflanzenwelt eine Chance zu geben. Ich rufe Sie alle nochmals auf: Tun Sie es für unsere Mutter Erde. Herzlichen Dank für Ihr Ja bei der Ab- stimmung zum neuen Energiezeitalter.“ Die Menschen im Saal standen auf und applaudierten. Meine Rede war zudem live über alle Rundfunk- und Fernsehanstalten verfolgt worden. Ich hatte zur letzten Waffe gegriffen und den Generalsekretär überzeugt, zumindest einen Teil des Gipfels und meine Rede öf- fentlich auszusenden. Es würde sich bald herausstel- len, was die Bevölkerung aller Staaten und Nationen darüber dachte. Schließlich gab es Oppositionsgrup- pen in den einzelnen Ländern, und ich wollte es nicht versäumen, diesen Menschen die Nachricht zu über- bringen. 174
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    Die angeheizte Stimmungführte dazu, dass die Kon- ferenz auf den darauffolgenden Tag verlegt wurde. Die unterschiedlichsten Parteien und Gremien sollten be- raten, über welche Vorgehensweise man sich entschei- den würde. Etwas genervt und abgespannt verließen wir den Gip- fel. Ich rief sofort Tommaso an, um ihn auf den Flug nach Köln vorzubereiten. Serena wollte ihn begleiten. León hatte Bedenken, da ihr Verlobter in den nächsten Tagen aufkreuzen wollte. „Ich halte es für keine gute Idee“, sagte er zu Jackie. „Was wollen wir ihm sagen? Deine Freundin ver- bringt die Ferien mit dem Sohn meines Freundes in Köln?“ Da Jackie die Auffassung ihres Mannes teilte, versuch- te sie, ihrer Tochter das Ganze auszureden. Aber sie wolle noch etwas von Europa sehen, verteidigte sich Serena, was ihr jedoch keiner abnahm. „Du musst es wissen. Ruf aber auf jeden Fall an, um ihm zu sagen, dass du einige Tage nach Köln musst“, sagte ihre Mutter beschwichtigend. „Mama, ich kann noch nichts sagen, Tommaso ist ein sehr lieber Mann“, erwiderte sie zögernd. „Was soll das heißen? Hast du etwa mit ihm geschla- fen?“ Jackie sah sie streng an. „Nein, aber ich muss zugeben, dass ich auf dem besten Weg bin, mich in ihn zu verlieben.“ „Serena, tu nichts, was dir später leid tun würde. Am besten du rufst ihn sofort an, er soll kommen, und du bleibst hier bei uns“, forderte Jackie ihre Tochter nachdrücklich auf. „Ich bin kein Kind mehr und werde aufpassen, Tom- maso nicht wehzutun. Und dabei hat er mich gefragt, mitzukommen.“ 175
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    „Wir wollen nurdein Bestes. Aber frag deinen Va- ter.“ „Er weiß Bescheid und hat nichts dagegen“, schloss Serena das Gespräch und ging runter zu Tommaso, um alles zu besprechen. Bereits am nächsten Morgen ging ein Flug von Niz- za nach Köln. Marcella wollte ihre Freundinnen zu Hause wiedersehen, und so beschloss sie, mitzufliegen, was uns nicht gerade erfreute, da im Augenblick die Sicherheit an erster Stelle stand. Leider konnten wir keinen Bodyguard mitschicken. Sie verstand die miss- liche Lage und versprach, sich dementsprechend zu benehmen. Wir wollten uns heute Abend nach dem Abend- essen noch mit den amerikanischen und arabischen Öllieferanten beraten. Obwohl jeder den Ernst und die Dringlichkeit der Lage verstand, wollte keiner an- beißen, einen Alleingang zu wagen. Die Regierun- gen und die Politiker, die an der Macht waren, hatten einfach nicht den Mumm, die Interessekonflikte über Bord zu werfen und ein Papier zustande zu bringen. Aber immer mehr Menschen gingen auf die Straße, um für eine gerechtere Welt zu demonstrieren. Sie wollten einfach nicht mehr mit ansehen, was gewis- se Kreise mit ihnen machten. Der Terror hatte sei- nen Höhepunkt erreicht, man war völlig hilflos und konnte mit allen Überwachungskameras und Sicher- heitsmethoden nicht sicher sein, wann alles in die Luft flog. „Wir werden in einer Stunde mit dem Hubschrauber abgeholt“, sagte ich zu Teresa, „sorg dafür, dass du fer- tig bist, Schatz.“ „Kein Problem“, kam es aus dem Badezimmer. 176
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    Pünktlich wurden wirauf der Jacht des Ölscheichs Al Sahim Mohamed Sahid abgesetzt, wo sich auch verschiedene andere wichtige Persönlichkeiten ein- gefunden hatten. Die Jacht war mit allen technischen Raffinessen und komfortablem unbezahlbarem Luxus ausgestattet. Hier konnte man Monate verbringen, ohne sich zu langweilen, sogar ein Pool befand sich an Deck. Nach dem herzlichen Empfang wurden wir zu einem Aperitif auf die überdachte Terrasse geführt. „Das müssen an die hundert Gäste sein“, raunte ich. Jan konnte es nicht fassen, in welchem Überfluss ge- wisse Menschen lebten. „Ich hab einiges erlebt, aber dies ist der Wahnsinn, Toiletten mit Seide und Bild- schirmen an den Wänden.“ „Hast du auch bemerkt, wie viele Wachen auf und um das Boot postiert sind?“, äußerte sich Guiglelmo beeindruckt. „Hier kommt nicht mal ein Fisch näher als eine Meile an das Schiff ran, ohne dass er bemerkt wird“, sagte León zu Jan. „Wir sitzen praktisch in der Falle“, erwiderte ich sehr ernst. Sie schauten mich verdutzt an, wobei die Frauen von meiner Bemerkung nicht erfreut zu sein schienen. Ich musste lachen und sie entspannten sich etwas. Aber eine gewisse Unruhe hatte ich ausgelöst. Wenn die Amerikaner nicht da gewesen wären, hätte ich der Einladung nicht zugesagt. Aber mir kam es schon selt- sam vor, dass die Amerikaner jede Rede mit den Wor- ten „God bless America“ abschlossen. Nur Amerika? Sie konnten ihr Spiel blendend spielen. Wir wurden zu Tisch gebeten, wo man uns nach allen Regeln der Kunst bewirtete. Der Scheich hatte neben 177
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    meiner Frau Platzgenommen und unterhielt sich über Essen und Köche. Ich saß neben dem amerikanischen Außenminister, der den Präsidenten entschuldigte, der beim französischen Staatspräsidenten dinierte. Aber er versicherte mir, dass der Präsident gerne mit uns ins Geschäft kommen wolle, zusammen mit Addis Abeba, den Arabischen Emiraten, Irak und Iran. Jeder hatte seine Vertreter heute Abend losgeschickt. Mir war klar, dass sie unter ihren Bedingungen die Anlagen wirt- schaftlich nutzen wollten und es gefährlich war, in die Höhle des Löwen einfach so hineinzuspazieren, vor allem mitten auf dem Wasser und noch dazu alle zu- sammen. Außer den Kindern waren wir alle da. Ein Fehler, dachte ich. Ein ungutes Gefühl beschlich mich und wollte mich nicht wieder loslassen. Ich ahnte, dass hier ein Deal stattfinden sollte, bei dem ich Farbe be- kennen musste. Plötzlich tauchten aus dem Nichts in der Abenddäm- merung drei Hubschrauber am Horizont auf, ein gro- ßer und zwei kleinere. Alle schauten sich an, und einer am Tisch meinte: „Werden noch mehr Gäste erwartet?“ „Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte der amerikanische Außenminister und blickte rüber zum Scheich. „Nein“, sagte der Scheich nur. Er stand auf, ging zum Fenster und gab den Befehl: „Alle Sicherheitsbeamten auf ihre Posten!“ Da hörten wir auch schon eine Stimme durch den Lautsprecher des großen Hubschraubers sprechen: „Wir bitten die Herrschaften, sich ruhig zu verhalten, sonst sind wir gezwungen, das Schiff in die Luft zu sprengen und zu entern. Die beiden anderen Hub- schrauber sind mit Raketen bestückt und zielen ge- nau in Ihre Richtung.“ 178
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    Die Frauen fingenan zu schreien und zu weinen. „Ruhig bleiben!“, sagte der Scheich beschwörend. „Ich übernehme das.“ Er ging hinaus aufs Deck, fuchtelte mit den Händen und schrie irgendetwas, was keiner verstand, während der große Hubschrauber auf der Landeplattform auf- setzte. Die Türen wurden aufgerissen und zehn, fünf- zehn Männer sprangen mit ihrem Anführer und vor- gehaltenen Waffen heraus. Über uns, in etwa hundert Meter Entfernung, warteten die beiden anderen Hub- schrauber, die Raketen konnte man klar erkennen. Ich drehte mich zu Teresa und meinen Freunden um und zischte: „Wir müssen sehen, dass sie uns nicht erwischen. Es wird ernst.“ Mein einziger Gedanke bestand darin, so schnell wie möglich vom Schiff zu gelangen. „Habt ihr Taucheranzüge an Bord?“, frag- te ich die Besatzung. „Wir müssen, bevor sie herein- kommen, dafür sorgen, dass wir abtauchen können. Wie viele habt ihr?“ „Etwa zehn Stück.“ „Also los, wo sind sie untergebracht?“ Ich drehte mich um. „Euch werden sie nichts tun. Sie wollen nur uns. Schnell in die Umkleidekabine. Helft uns, die Din- ger anzuziehen. Ihr kommt alle mit. Ihr könnt ja alle tauchen. Wir machen es so wie auf Spitzbergen, keine Angst, schnell, schnell.“ Der amerikanische Außenminister wollte sich uns an- schließen, aber ich gab ihm sofort zu verstehen, dass er dableiben solle, um die Besatzer zu beruhigen. „Wenn sie nach uns suchen, sind wir gar nicht hier gewesen, verstanden!“ Er schien es einzusehen. Ich musste demnach die Amerikaner nicht verdächtigen und ebenso wenig die Araber. Doch wer steckte bloß dahinter? Ich hät- 179
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    te schwören können,einen östlichen, vielleicht russi- schen Akzent bei den ausgestoßenen Drohungen her- ausgehört zu haben. In diesem Augenblick konnte ich mich jedoch nicht darauf konzentrieren. Wir zogen so schnell wie möglich die Taucheranzüge an und stiegen durch ein Bugfenster ins Wasser. Ich verließ das Schiff in der Abenddämmerung als Letz- ter, während ich oben Getöse und schreiende Frauen- stimmen hören konnte, und ließ mich ins kalte Nass fallen. Als sie uns bemerkten, ging neben uns augen- blicklich eine gewaltige Explosion im Wasser hoch. Wir wurden von der Druckwelle erfasst und tauchten etwas tiefer in die immer dunkler werdende See. Nach etwa fünf Minuten, die wir hintereinander schwam- men, tauchte ich langsam auf, um zu sehen, was los war und wie weit das Ufer entfernt lag. Seitlich von uns flogen die beiden Hubschrauber und suchten mit Scheinwerfern nach uns. Keine hundert Meter rechts von mir entfernt befand sich die hell erleuchtete Sky- line von Monte Carlo. Ich tauchte wieder unter und gab Anweisung, mir zu folgen. In einer felsigen Bucht erreichten wir etwas später Land. Es war inzwischen dunkel geworden, was uns zum Vorteil gereichte. Einer nach dem anderen liefen wir zu den Felsen. Wir fro- ren in der Kälte. Wir mussten schnellstens an ein Tele- fon rankommen, um die Polizei zu informieren und Tommaso zu bitten, uns Kleidung zu besorgen. Jan wollte sich darum kümmern und lief im Taucher- anzug über die Straße zu einer Bar. „Entschuldigung, könnte ich meine Familie anrufen, ich hatte einen Unfall mit meinem Boot und hab mich gerade noch retten können“, gab Jan als halbe Notlüge an. Der Wirt reichte ihm das Telefon und sagte: „Ein 180
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    Glück, dass keineweiteren Menschen zu Schaden ge- kommen sind, oder?“ „Nein, nein, ich hatte Glück, das Boot hat einen Fel- sen erwischt, den ich in der Abenddämmerung über- sehen habe.“ Er wählte Tommasos Handynummer. „Tommaso, ich bin’s Jan. Hör zu, wir brauchen Kleidung, und zwar für uns alle. Ich befinde mich in der Nähe des Cafés de la Rive in Monte Carlo, rue St. Denis. Ich erwarte dich an der Ecke, beeil dich! Wir haben nur Taucheranzüge an. Hast du verstanden?“, flüsterte Jan ins Telefon. „Was ist passiert?“, fragte er erschrocken. „Alles okay, wir erklären dir das später, bis gleich, mach schnell, es ist ziemlich kalt und ungemütlich in diesen Dingern.“ Jan legte auf. „Ich werde von der Familie abgeholt.“ Er bedankte sich und verschwand im Dunkel der Nacht. Die Presse hatte Wind von den Hubschraubern be- kommen, die über der arabischen Jacht vor der Bucht von Monte Carlo eine Rakete abgefeuert hatten, und die Meldungen überschlugen sich, da auch bekannt geworden war, wer sich noch auf dieser Jacht auf- hielt. Man wusste aber nichts von unserer geglückten Flucht. Spekulationen machten wieder die Runde, vielleicht hatten einige Mitarbeiter der Jacht etwas weitergegeben. Es wurde Zeit, dass Tommaso klare Anweisungen für seinen Besuch in Köln bekam. „Tommaso, mein Junge, ich hab eine ziemlich heikle Aufgabe für dich.“ „Und die wäre?“ „Ich möchte, dass du zum Werk fährst und in mei- nem Computer die Akten runterlädst und löschst. Das 181
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    dürfte kein Problemsein, ich werde dein Kommen anmelden. Du musst außerdem versuchen, eine Ver- bindung mit dem Zentralcomputer herzustellen und die Dateien von Dr. Gloden, Adressen und Dokumen- te, auf den Stick zu laden. Damit finde ich möglicher- weise unseren Feind oder denjenigen, dem wir unsere Bespitzelung zu verdanken haben.“ „Ach so ist das“, folgerte Tommaso blitzschnell, „du vermutest, einer deiner Mitarbeiter könnte in die Sa- che involviert sein.“ „Und noch etwas, ich würde Serena nicht da mit reinziehen. Ein gut gemeinter Rat. Ich will nicht, dass Unruhe in unsere Freundschaft mit Jackie und León kommt. Sie hat bereits einen Verlobten. Aber ich will dich nicht bevormunden“, sagte ich offen. „Bist du in sie verliebt?“, grinste Marcella. „Wie inte- ressant und geheimnisvoll!“, neckte sie ihn weiter. „Hört auf, ihr beiden!“, schaltete sich Teresa ein. „Ich hab da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Dein Paps hat recht, das könnte Komplikationen geben. Wenn der Urlaub vorbei und sie zurück in den Staaten ist, wird sie dich schnell vergessen haben. Am besten ihr bleibt gute Freunde. Dein Vater war damals auch ein bisschen in Jackie verliebt, soviel ich mitbekommen habe. Aber der Verstand hat gewonnen.“ „Ach was, glaub deiner Mutter nicht so einen Blöd- sinn, bloß weil wir einige Male als junge Menschen zusammen getanzt haben, heißt das noch lange nichts“, fügte ich etwas verärgert hinzu. Sie lachten alle drei und ich musste schmunzeln. „Sie ist schließlich eine bildhübsche Frau“, sagte Tere- sa, „und ein Mann kann das ja nicht übersehen.“ „Also was soll das Ganze?“, fragte Tommaso. „Ich bitte euch, mischt euch nicht in meine Angelegenheiten. 182
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    Ich weiß schon,was ich tue. – Papa, ich werde auf- passen, aber ich hab ihr bereits zugesagt, dass sie mit- gehen kann. So, ich muss eine Stunde weg und die Ti- ckets für Köln abholen. Marcella, willst du mitgehen, damit du siehst, dass gar nichts an euren Fantastereien wahr ist?“ Keiner glaubte ihm, die Blicke, die sich Tommaso und Serena ständig zuwarfen, und das häufige Zusammen- sein waren verdächtig genug. Etwas später wurden wir von der hiesigen Polizei über den Vorfall verhört, der sich auf dem Schiff ereignet hatte.Wir genossen wie alle diplomatische Immunität, weswegen wir nur einige Fragen über uns ergehen lassen mussten. „Herr Brink“, fragte der Kommissar, der mit zwei an- deren Gehilfen die Untersuchung leitete, „ist Ihnen jemand oder etwas Verdächtiges bei dem Überfall auf dem Schiff aufgefallen?“ „Nein, nichts“, gab ich kurz zurück. „Wir wollen Sie nicht belästigen, aber jeder Hinweis mag von enormer Bedeutung sein.“ „Haben Sie denn nichts Konkretes herausgefunden?“, antwortete ich mit einer Gegenfrage. „Wir können leider keine Auskunft darüber geben“, erwiderte der Kommissar sofort. „Leider kann ich Ihnen nicht behilflich sein, es tut mir leid“, schloss ich die Unterhaltung. „Wir müssen zum Gipfel und werden jeden Augenblick abgeholt.“ „Ich will Sie nicht weiter aufhalten, aber eine letzte Frage: Warum haben Sie nicht gleich die Polizei ge- rufen, sondern Ihren Sohn?“ Verflixt, dachte ich, was soll ich darauf nur antworten? „Wir brauchten dringend Kleider anstatt Fragen, und somit hatte die Gesundheit Priorität, meinen Sie nicht 183
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    auch?“, äußerte ichetwas verärgert. „Darüber hinaus sind Sie ja sofort zur Stelle gewesen, um Beweise si- cherzustellen. Also, was sollten wir auf einer Polizei- wache? Wir waren froh, heil da rausgekommen zu sein, sonst hätten wir und Sie mehr Schwierigkeiten gehabt, als uns lieb ist“, versuchte ich ihn nochmals zu überzeugen. Es schien ihn zu überzeugen. „Gut, also dann, wenn Ihnen etwas Wichtiges einfallen sollte, Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können. Einen weiteren unge- störten Aufenthalt bei uns. Es tut mir leid. Alles Gute.“ Er drehte sich um und deutete den beiden anderen Polizeiinspektoren an, dass sie gehen konnten. Ich ließ sie wortlos hinaus. Ein Bodyguard kam auf uns zu und sagte, dass der Wa- gen bereitstand, um uns zum Gipfel zu fahren. Ich verabschiedete mich von Teresa und Marcella. „Meine Lieben, ich melde mich, sobald wie möglich. Versucht in der Zwischenzeit, ruhig zu bleiben, und bleibt im Hotel. Bitte kein weiteres Risiko. Tschüss.“ „Pass auf dich auf“, flüsterte Teresa. Sie klang besorgt und traurig. Die ständige Unruhe ging ihr mittler- weile auf die Nerven. Sie würde mit Jackie und Fiona zusammen in der Launch einen Kaffee trinken. 3. Verhandlungstag Der letzte Tag auf dem Gipfel hatte begonnen. Es soll- te so lange verhandelt werden, bis ein Kompromiss gefunden wurde. Es war nicht leicht, die augenblickliche Lage und die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu brin- gen. Wir würden hart kämpfen und argumentieren müssen, die Finanzierung des Projektes und eine Ver- 184
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    teilung der Energiezu sichern. Ich hatte wenig Ver- trauen in die Politik, da in den letzten Jahrzehnten zu viel falsch gemacht worden war, ob bei militärischen Aktionen, der Terrorismusbekämpfung oder anderen nicht gehaltenen Versprechen. Das ganze Lügenge- spinst hatte zu viel Hass unter den Bevölkerungen geführt. Die Welt war zerstritten. Anstatt am selben Strang zu ziehen, taten sich die politischen Mächte schwer, eine gemeinsame Lösung zu finden, damit es eines Tages besser würde. Im Konferenzsaal wurde ich wie ein Held begrüßt, was mir schmeichelte; dennoch blieb ich ernst und kühl. Wer steckt dahinter?, dachte ich nur. Der UN- Generalsekretär, der noch immer ziemlich mitgenom- men aussah, empfing mich und fasste mich bei den Oberarmen. „Herr Brink, wir sind stolz auf Sie. Ich habe vom amerikanischen Kollegen und seinem Außenminister von Ihrer mutigen Flucht von dem Schiff erfahren. Unglaublich diese Menschen. Wir müssen und wer- den alles daransetzen, um zu erfahren, wer diese Leute sind, die an die Formel wollen. Auf der anderen Seite bin ich der festen Überzeugung, dass wir jetzt eine Menge Nationen zusammenbekommen, da sie nun von der Wichtigkeit Ihrer Energiegewinnung über- zeugt sein dürften. Wenn ich bitten darf, Sie haben heute das Wort. Alle brennen darauf, die Nachricht von Ihnen persönlich zu erfahren.“ „Danke, Herr Generalsekretär“, antwortete ich kurz. „Ich möchte alle bitten, sofort abzustimmen, anstatt meine persönliche Kriminalgeschichte zu erzählen. Aber nach der Abstimmung werde ich dazu etwas sa- gen.“ Über diese Angelegenheit ließ man besser Gras 185
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    wachsen und schwieg,bevor noch mehr Unheil her- aufbeschworen wurde. Die Konferenz erreichte einen weiteren Höhepunkt, als die chinesische Delegation Stellung nahm. „Meine verehrten Mitglieder, wir wollen uns an dem Vorhaben beteiligen und die Finanzierung zu hundert Prozent übernehmen. Dafür garantieren wir mit Fest- preisen für die nächsten hundert Jahre. Des Weiteren wollen wir weltweit auch in Drittländern für die Was- serversorgung einstehen, was im dritten Millennium neben der Energieversorgung das zweite zentrale Pro- blem darstellen dürfte.Wir sind überzeugt davon, diese beiden Bereiche zusammenzulegen, damit keine wei- teren Kriege geführt werden müssen. Ferner schlagen wir vor, Afrika und Südamerika die Entscheidung in Fragen der Abholzung der Wälder zu übertragen. Die restlichen Themen, wie Sauerstoff und Klimaverände- rung, sollen Europa, die Atomüberwachung den Aus- traliern und dem Nahen Osten die fossilen Brenn- stoffe in die Hände gelegt werden. Amerika erhält die Aufsicht über die weltweite Ernährung, Indien über Technologien und Hightech wie Computer, und an- dere Ressorts gingen an Mittelamerika und die Phil- ippinen. Russland würde die Menschenrechtsüberwa- chung zugeteilt. Auf diese Weise würden alle Aufgaben weltweit gerechter verteilt, während die Arbeitsweise alle paar Jahre aufs Neue demokratisch unter die Lupe genommen würde, was wiederum keinem die Mög- lichkeit bietet, sie zu seinen Gunsten zu gestalten. Ich möchte Sie bitten, hierfür eine Resolution zu erlassen. Damit übergebe ich das Wort wieder an die Leitung der Konferenz. Ich bedanke mich fürs Zuhören.“ Es herrschte Stille und einige Sekunden später Ge- murmel bis aufgebrachte Stimmen. Ich hatte dieser 186
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    Rede ganz genauzugehört und war zu einer positiven Schlussfolgerung gekommen, auch wenn die vorge- schlagenen hundert Jahre mir zu lange erschienen, die Stabilität, aber auch Abhängigkeit brachten. Die Ver- teilung der Ressorts bei rotierender Führung sprach mich eher an. Ich wollte versuchen, dieser Tatsache neutral und geradlinig ins Auge zu schauen. Die an- deren Gremien, Organisationen, wirtschaftlichen und politischen Gäste hingegen brachten nur Geplänkel hervor, das nicht klar und eindeutig definiert umsetz- bar erschien. Nun also lag ein konkreter Ansatz zu allen Problemen auf dem Tisch, dessen Umsetzung natürlich jahrelanges Verhandeln voraussetzte. Europa, der alte Kontinent, hatte seine Wurzeln, könnte jedoch an Haarspalterei und am Eigennutz scheitern. Frankreich zum Beispiel besaß außer der Aufbereitung der Brennstäbe nichts, was für Deutschland wichtig wäre.Weder soziale noch politische Einsichten oder sagen wir mal so, kein fu- sionstüchtiges Unternehmen. Frankreich beharrte auf Atomenergie und von einem Ausstieg war man weit entfernt. In Deutschland hingegen liefen bereits heiße Debatten, zudem lagen konkrete Pläne zum Stilllegen gewisser Nuklearanlagen bereits vor, auch wenn dies nicht der totale Ausstieg bedeutete. Nach zweistündigem Zuhören war ich an der Reihe. Angriffslustig wie selten brauchte ich diesen Druck für meine Rede. Ich hob die Hände und begrüßte die Anwesenden im Saal. „Meine Damen und Herren, ich will nur eins: näm- lich diesen Energiegipfel dazu nutzen, alle Völker dieser Erde an den Reichtümern unseres einmaligen Planeten teilhaben zu lassen. Lassen Sie uns zusam- men das Beste daraus machen und uns vor schwe- 187
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    ren unwiderruflichen Fehlernbewahren. Meine sehr verehrten Gäste, ich muss eingestehen, solange noch keine Anlagen gebaut wurden, bleibt meine Theorie reine Theorie, genauso wie der Vortrag der chinesi- schen Delegation, bis konkrete Schritte unternom- men worden sind. Wir sollten uns hier und heute die Frage stellen, wie man etwas geschichtlich Einmaliges zustande bringen kann. Eine neue Ära muss einge- leitet werden. Die Pole schmelzen. Die Wasservorrä- te schwinden. Die Atmosphäre erhitzt sich stetig. Das Ozonloch wird zusehends größer. Die Rohstoffe ge- hen zur Neige. Die Konflikte nehmen zu. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Das Le- ben immer hektischer und schneller. Wohin gehen wir? Wir rennen geradezu ins Verder- ben. Aber diejenigen interessiert es nicht, die bislang bestimmt haben und in ihrer Villa mit Bodyguards vor den Türen und installierten Kameras auf ihrem Geld sitzen. Sogar für solche Menschen wird’s irgendwann brenzlig, wenn auch gegen viel Bezahlung nichts mehr zu haben und unsere Lebensgrundlage definitiv zer- stört sein wird. Zum Schluss will ich Ihnen noch eins ins Stammbuch schreiben: Sie sind verantwortlich für die Katastrophe, wenn keine klare Entscheidung bei diesem Gipfel getroffen wird, denn die Zeit läuft uns davon. Es wäre dumm, sich mit irgendwelchen Argu- menten davonzuschleichen. Meine Damen und Her- ren, wir alle in diesem Saal sind dazu auserwählt, etwas für unsere Völker zu unternehmen.Viel Glück.“ Applaus brandete auf. Ich konnte zufrieden sein, aber hatten sie alle verstanden und waren sich der Tragwei- te auch bewusst? Der Generalsekretär kam ans Rednerpult, schüttel- te mir die Hand und gratulierte zu dieser Rede. Er 188
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    nahm das Mikrofon.„Meine Damen und Herren, meine Damen und Herren …“, er musste die Stimme erheben, „wir wollen uns bei Dr. Brink bedanken für seinen selbstlosen Einsatz für unseren Planeten.“ Er schaute mich an und fuhr fort: „Er sollte nicht nur eine Plattform, sondern auch die Führung des Pro- jektes bekommen.“ Während ich zu meinem Platz ging, standen viele auf und klopften mir auf die Schulter oder fassten mich an als Geste des Einverständnisses. Der UN-Generalsekretär sprach weiter: „Ich möchte jetzt zu unserer Abstimmung kommen, will aber allen Anwesenden die Möglichkeit geben, sich hinter ver- schlossenen Türen ein weiteres Mal zu beraten. Nach dem Mittagessen treffen wir uns hier wieder. Vielen Dank und allen guten Appetit.“ 189
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    Die Abstimmung Die Stimmungwar gut. Jeder sah ein, dass etwas unter- nommen werden musste, aber wie, wenn der eine dem anderen misstraute. Die Chinesen und die Rus- sen votierten für einen Alleingang, jeder auf seine Art, der eine monopolistisch, der andere autoritär. Beide konnten nicht überzeugen. Die Inder sahen in einer liberalen Verwaltung den besten Weg. Die Amerika- ner wollten sich in keine Jacke zwängen lassen und frei entscheiden, während die Europäer selbstbewusst, aber nicht festgelegt waren. Die Südamerikaner sahen eine Chance als fünfter Kontinent voll mitzumischen, da sie viele ihrer Rohstoffe noch nicht einmal ange- tastet hatten. Die arabischen Länder mussten mit US- Dollar alles zurückbezahlen, wollten sie mitmischen. Afrika schaute hoffnungsvoll in die Zukunft, würde das Projekt angenommen. Es schien mir so, dass ein Kompromiss gesucht werden musste, auch wenn die Verhandlungen ein paar Tage länger dauern würden. Wie gesagt, die Stimmung war gut. In den Gängen wurde heftig weiterdebattiert. Den Atommächten war dies alles ein Dorn im Auge, da sie saubere Energie produzierten und an keinerlei di- rekter Luftverschmutzung beteiligt zu sein schienen. Aber wenn es – wie in Tschernobyl und Krümmel, Bugey und Kashiwazaki Kariwa, dem größten Atom- meiler der Welt – zu einem erheblichen Störfall kom- men sollte, waren die Folgen eklatant. Man befand sich in einem Teufelskreis. Die Araber oder Gas und Öl fördernden Länder wollten auf ihre Einnahmen nicht verzichten, die Politiker nicht auf die Steuereinnahmen und die Großaktionäre nicht auf ihren Profit. Erst recht nicht die Konzerne, die sich in 190
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    dieser Branche tummeltenoder sie bestimmten. So- gar als Druckmittel für praktische Ziele eignete sich der Rohstoff sehr gut. Ohne Rücksicht auf Verluste schritt indes die Erderwärmung mit Riesenschritten voran. Erst die Sauerstoff- und Energieanlagen konn- ten ein Ende herbeiführen. Zu guter Letzt mussten alle irgendwann mitziehen. Man konnte die Spannung förmlich spüren, als am Nachmittag die Delegationen den Konferenzraum betraten. Eine beklemmende Stille, die die immense Konzentration und den Erwartungsdruck widerspie- gelte, war eingetreten. Die Ruhe vor dem Sturm. Tommaso, der inzwischen mit Serena abgereist war, wollte sich melden, sobald alles erledigt war. Dr. Glo- den wie die Leitung waren informiert. Sie hatten zwar etwas stutzig und kühl auf meine Bitte reagiert, letzt- endlich aber zugestimmt. Schließlich handelte es sich um mein Wissen, bereits bevor ich bei Medpharma gelandet war. Nur die Lizenz war unter ihrer Obhut angefragt worden, aber unter meinem Namen. Ich würde also immer der geistige Vater der Erfindung und dieser wunderbaren erneuerbaren Energie bleiben. Obwohl frühere Kulturen dazu beigetragen haben mochten, sie wieder zu erfinden. Ich war mir sicher, dass die alten Ägypter hierüber schon verfügt hatten und viele Geheimnisse noch nicht gelüftet waren. Die monumentalen Hinterlassenschaften konnten nicht einfach vom Tisch gefegt werden, und auch wenn sie nicht direkt etwas bewiesen, dienten sie als Weg, uns rätselhaftes Wissen zu hinterlassen. Ich fragte mich am Rande, was in 15.000 Jahren von unserem Symbol- Zeichen radioaktiv übrig bleiben und was geschehen würde, wenn jemand ungewollt die Fässer öffnete, um 191
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    zu sehen, wasdrin ist. Wir mussten alles tun, damit so etwas nicht geschah. Das galt auch für Biowaffen und andere gefährliche Stoffe oder verseuchte Gebiete. Die Nachrichten überschlugen sich förmlich seit meiner Rede. Jeder wollte dabei sein und als Erster die neue weltweite Energieordnung verkünden. Sie mussten sich allerdings noch etwas in Geduld üben, obwohl sie bereits einige spekulative theoretische Möglichkeiten von dem Konferenzsprecher der UN erhalten hatten. „Es scheint, dass Bewegung in den Energiebeschluss dieses Gipfels gekommen ist. Leider können wir noch keine genauen Angaben zur künftigen Leitung und Umsetzung machen. Eine Enthaltung wird von Ame- rika und den Rohstoff fördernden Ländern erwar- tet, unter anderem auch Russland. Sie dürften eine Einmischung in ihre Energiepolitik nicht so einfach hinnehmen. Andererseits wollen sie die Chance nicht verpassen, dabei gewesen zu sein, die Zukunft nicht den anderen überlassen und in fünfzig Jahren mit lee- ren Händen dastehen. Es ist schon ein merkwürdiges Hin und Her. Wir werden uns sofort wieder melden, sobald sich etwas tut „, schloss der Reporter der Fern- sehstation National & Global TV (N&G). Alle Nachrichtensender übernahmen jeden noch so kleinen Hinweis, um die Neuigkeit zu verbreiten. Pa- rallel liefen die Wetterprognosen, die den Klimawan- del und die Konsequenzen dokumentierten. Meine Freunde strahlten Zuversicht aus, außer Jan. Er sah schwarz. Ich war doch positiver gestimmt, dass es uns gelingen würde, einen einstweiligen Kompromiss herauszupressen. Man musste die einzelnen Staaten auf ihre Schwierigkeiten aufmerksam machen, wenn 192
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    sie versuchten, sichherauszureden oder die Sache zu bagatellisieren.Weltweit verursachten Wetterkapriolen nicht nur Milliarden an Kosten, sondern mehr und mehr Menschen wurden zunehmend hoffnungsloser und ärmer, da die Hilfen immer später oder gar nicht in vielen Ländern dieser Erde ankamen. Dadurch fehlte es insbesondere an sauberem Trinkwasser, sodass sich neue Epidemien rasend schnell ausbreiten konn- ten, denen auch die Gesundheitswissenschaft macht- los gegenüberstand. Tommaso verließ in diesem Augenblick gerade den Flughafen Köln-Bonn, als er merkte, dass jemand sie verfolgte. „Dreh dich nicht um und gib mir dein Handy. Ich muss jemand fotografieren“, sagte er beiläufig. „Wo ist er?“, fragte Serena. „Nicht umdrehen, ich mach das schon. – So, damit du ein Bild vom Flughafen bekommst“, sagte er fröh- lich, fotografierte in Richtung Verfolger und tat so, als würde er das Gebäude mehrmals aufnehmen. Man konnte sehen, dass der Typ nicht wusste, wie er reagieren sollte. Eilig verschwand er in der Eingangs- tür. „So, jetzt schnell weg hier. Taxi!“ Er nahm Serena an der Hand und zog mit der anderen die Reisetasche ins Taxi, während er die Eingangstür im Auge behielt. Der Taxifahrer fuhr los und erkundigte sich nach ihrem Ziel. „Zu den Medpharma-Werken“, gab Tommaso kurz zurück. „Wer war das, kennst du ihn?“ Er schaute zurück und konnte aus der Entfernung er- kennen, dass der Typ nun telefonierte. 193
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    „Es wird geradegemeldet, dass wir angekommen sind.“ Serena schaute mich verdutzt an. „Wer weiß von unserer Ankunft außer diesem Dr. Gloden, so lautet doch sein Name, oder?“ „Egal, wir werden beobachtet und müssen vorsichtig im Werk sein, damit mein Vater die Liste bekommt.“ „Ja klar, aber wie?“, lästerte sie. „Wir können uns nicht unsichtbar machen.“ „Das ist kein Witz“, sagte Tommaso verärgert. „Die führen etwas im Schilde und wir sollten aufpassen, denn es hat bereits Tote gegeben. Ich hab keine Lust, so früh schon ins Gras zu beißen.“ „Ach, du denkst bloß an dich“, tat Serena etwas be- leidigt. „Aber ich kann schon selbst auf mich aufpas- sen.“ „Serena, mach mal halblang.“ Sie lächelte und stieß mit ihrer zierlichen Schulter gegen seinen Arm. „Ich wollte dich nicht verärgern“, sagte sie ganz sanft. „Ich freue mich, mit dir zusam- men reisen zu können. Es ist sehr spannend, wie in einem Spionagefilm!“ „Als ob wir uns hier auf einer Urlaubsreise befin- den.“ „Ach, du hast keinen Humor, wie unsere Alten. Nur die Wissenschaft zählt.“ Tommaso schwieg und schaute nach draußen. „Bist du beleidigt?“ „Nein“, erwiderte Tommaso. „Du benimmst dich nur etwas leichtsinnig.“ Sie zuckte mit den Schultern, zog sich auf den Sitz zurück, lehnte sich gegen die andere Fensterseite und schwieg. Jetzt schien sie beleidigt zu sein. Sie fuhren schweigsam durch die Innenstadt und erreichten nach 194
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    einer halben Stundedas Hauptgebäude des Konzerns. Im obersten Stock erwarteten sie zwei Herren. „Guten Morgen“, begrüßte sie ein dicklicher älterer Herr. „Mein Name ist Piersch, Jacob Piersch, und das ist Dr. Gloden.“ Ein schmächtiger Mann Mitte fünf- zig. „Nehmen Sie Platz.“ „Guten Morgen, Herr Piersch“, entgegnete Tommaso und reichte ihm die Hand. Ein fester Griff, den Tom- maso erwiderte. „Das ist Fräulein Almeida und ich bin Brink, Tommaso Brink.“ „Guten Tag“, sagte Serena etwas schüchtern und zu- rückhaltend. „Ach so, Fräulein Almeida, die Tochter von León Al- meida nehm ich an“, sagte Dr. Gloden scheinbar in- teressiert. „Ja, die bin ich in der Tat“, antwortete Serena stolz. „So, kommen wir zur Sache, ich muss das Abendflug- zeug noch erreichen, mein Vater braucht dringend die Unterlagen“, unterbrach Tommaso geschickt die Vor- stellung. „Wofür braucht Herr Brink die Unterlagen?“, wollte Piersch wissen. „Da bin ich überfragt“, log Tommaso glaubhaft. „Ich soll sie auf einen Memorystick runterladen. Ich neh- me an, Sie haben so etwas im Hause.“ „Ja natürlich“, sagte Dr. Gloden etwas vorsichtig. „Aber Sie können nicht ohne Begleitung an seinen Computer.“ „Kein Problem“, gab Tommaso sofort zurück. „Somit wäre alles geklärt, wo finde ich das Büro meines Va- ters?“ „Ja, dann wollen wir mal“, meinte Piersch etwas zö- gerlich. Er schien nicht ganz froh darüber zu sein, vertrauliche Informationen herausgeben zu müssen. 195
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    Dabei ging esgar nicht um die Unterlagen, sondern darum, was Dr. Gloden, der vermutlich die Formel für die eigenen Zwecke missbrauchen wollte, mit den In- formationen gemacht haben könnte. Ob diese Spuren zu ihren Feinden führten? Tommaso und Serena standen auf und wollten sich sofort an die Arbeit machen. „Wir sehen uns nachher, wenn Sie wegfahren. Sicher- heitshalber werden wir Sie zum Flughafen begleiten“, verabschiedete sich Herr Piersch. Wenig später schaute sich Tommaso in meinem Arbeitszimmer interessiert um. Aber da schien nichts Interessantes zu sein. Hinter meinem Schreibtisch be- fand sich eine Wand mit geschlossenen Schränken. Neben meinem Computer, traditionsgemäß, ein Foto der Familie.Wenn es nicht so gut lief, wandte ich mich an sie und führte Selbstgespräche. Zwei große Bilder, die an die Entstehung des Werkes erinnerten, zierten die Wand. Die Stores waren immer runtergelassen, um die interne Ruhe zu unterstreichen. Hier konnte ich gut nachdenken. Tommaso schaute Dr. Gloden an und sagte: „Können Sie für mich den Computer starten, das vereinfacht den Zugang.“ „Hat Ihnen Ihr Vater denn nicht die Codes gegeben?“, fragte er überrascht. „Ja sicher“, erwiderte Tommaso. „Da fehlt aber noch einer, den kenn ich nicht“, be- merkte Dr. Gloden. „Den hat mir mein Vater mitgeteilt. Sie können uns jetzt ruhig alleine lassen und weiter Ihrer Arbeit nach- gehen, wir möchten Sie nicht aufhalten.“ „Kein Problem, aber …“ Er wollte noch etwas sagen, aber Tommaso unterbrach 196
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    ihn: „Sie könnenohnehin nichts mehr für uns tun, den Rest mach ich alleine. Zudem hab ich eine Ex- pertin dabei, wenn’s nicht klappen sollte. Fräulein Al- meida ist eine hervorragende Computeranalytikerin. Sie wird mit jeder Maschine fertig“, log Tommaso. „Na gut, aber ich darf Sie nicht alleine lassen, wurde festgelegt.“ „Gut, dann lassen Sie uns anfangen“, sagte Tommaso genervt, worauf Dr. Gloden sich hinsetzte und den Computer startete. „Gleich haben wir es.“ Nach etwa zwei Minuten stand der letzte Code zur Eingabe bereit. „Dr. Gloden, würden Sie bitte etwas zur Seite gehen, damit ich den Code meines Vaters eingeben kann.“ Ich hatte ihn nirgendwo aufgeschrieben, damit keiner ihn entwenden konnte, und vermochte die Dateibe- arbeitung mit einem zweiten Code aufrechtzuerhalten, sonst würde er sich alle 64 Sekunden selbst ausschal- ten. Dr. Gloden, der etwas nervös wirkte, stand etwas abseits und ahnte wohl, dass etwas nicht stimmte. „Ich werde mich beeilen“, beruhigte Tommaso ihn und versuchte, in einem versteckten Fenster in den Computer von Dr. Gloden zu gelangen. Es funktio- nierte zum Glück auf Anhieb. Seine gesamte Korre- spondenz der letzten sechs Monate öffnete sich vor Tommaso, die er sofort herunterlud, zeitgleich mit einem Teil der Daten meines Terminkalenders. So konnte man nicht sehen, dass dahinter ein anderes Programm ablief und downgeloadet wurde. Dr. Gloden versuchte herauszufinden, wofür die Daten waren. „Damit die Konferenz mit dem nötigen Material be- liefert werden kann“, gab Tommaso zurück. „Wie läuft’s denn so in Nizza, kann man mit einem 197
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    guten Ergebnis rechnen?“,fragte Dr. Gloden, um ab- zulenken. „Kann im Moment keiner sagen.“ „Ist bestimmt nicht einfach, einen Interessenkonflikt zu umgehen“, fügte Dr. Gloden etwas sarkastisch hin- zu. Als keine Antwort von Tommaso kam, fuhr er fort: „Es würde mich nicht wundern, wenn keine Eini- gung zustande käme.“ „Wie lange arbeiten Sie und mein Vater eigentlich zu- sammen?“, konterte Tommaso etwas gereizt. „Nichts für ungut, Ihr Vater und ich haben viele Stunden zusammen verbracht, aber ich glaube ein- fach nicht daran, dass diese Welt es so wünscht, wie Ihr Herr Vater es anbietet. Es sollte einer die Leitung und die Verteilung des Gesamten übernehmen. Da- durch wäre man an die Verpflichtungen gebunden, die vom Vertreiber angegeben werden, und die Inves- titionen mit entsprechender Rendite könnten an die Kreditanstalten zurückfließen. Eine Menge Geld und Arbeitsplätze …“ „… und eine Menge Nichts für denjenigen, der sich das nicht leisten kann“, fiel Tommaso Dr. Gloden in die Parade. Dr. Gloden schwieg. Er hatte verstanden, dass Tom- maso und ich das Thema ähnlich betrachteten. In diesem Augenblick traten zwei Männer in den Raum und postierten sich neben der Tür. Dahinter kam Herr Piersch. „So, Fräulein Almeida, Herr Brink junior, ich habe Anordnung, Sie ohne das Material gehen zu lassen und Hausverbot für Sie und Ihren Vater zu erteilen. Wei- teres kann und will ich hierzu nicht sagen. Also, ich bitte Sie, unser Werk zu verlassen. Ihrem Vater werden natürlich alle seine Sachen zugeschickt. So, das war’s! 198
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    Kein weiterer Kommentar.“ Diebeiden anderen Männer bewegten sich auf Tom- maso zu, doch Serena sprang ihnen entgegen, um sie aufzuhalten. Sie blieben stehen, ein Handgemenge entstand. In dieser Situation bediente Tommaso noch- mals eine Taste und zog den Stick heraus. Er sprang nun ebenfalls auf und stemmte sich gegen den Typen, der auf ihn zukam, dieser torkelte und fiel zu Boden. Da ließ der andere Serena los und griff nach Tom- maso. Er duckte sich, griff den Arm von Serena und sie liefen den Gang hinauf zum Aufzug. Tommaso be- tätigte den Knopf und die Tür ging auf. Sie wählten das Erdgeschoss. Zwischen den Schiebetüren tauchte plötzlich ein Arm auf, und Tommaso musste Gewalt anwenden, indem er den Mann durch den offenen Spalt mit einem Fußtritt in den Magen zurückdrängte. In letzter Sekunde gelang es Tommaso, nochmals auf den Knopf zu drücken, damit die Türen sich schlos- sen. Endlich ging es abwärts. „Das war knapp!“, sagte Serena erleichtert und etwas bleich im Gesicht. „Ja! Ich muss den Aufzug im ersten Stockwerk anhal- ten, wir fliehen dann über die Treppen, das vermuten sie nicht“, meinte Tommaso und drückte die Taste. Als der Aufzug anhielt und die Türen sich öffneten, standen zwei Frauen vor ihnen, die hereinwollten. Tommaso hielt Serena am Arm. „Wir fahren in die Tiefgarage, wo wollen Sie hin?“, erkundigte sich eine der Frauen. „Ja, wir auch“, gab Tommaso betont freundlich zu- rück. „Du fährst vor“, sagte sie zu ihrer Kollegin. „Wir tref- fen uns dann hinten, okay?“ „Ja, ist gut.“ 199
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    In diesem Augenblickänderte Tommaso seinen ur- sprünglichen Plan, indem er die andere Frau beim Hinausgehen aus dem Aufzug verfolgte. Serena ver- stand Tommasos Vorhaben mit kurzer Verzögerung. Er tat so, als müsste er in dieselbe Richtung. Die Frau nahm die Fernsteuerung heraus, um den Wagen start- klar zu machen. Dann sagte sie: „Tür auf und Radio an, Motor starten und ausfahren.“ Der Wagen rollte rückwärts aus der Parklücke. In dem Moment machte Tommaso einen Satz auf sie zu, hielt ihr den Mund zu und nahm ihr den Kommando- schlüssel ab, um im Handbetrieb weiterzufahren. Da der Wagen nur auf die Stimme des Besitzers reagierte, musste Tommaso verhindern, dass sie dem Wagen an- dere Befehle gab. Sie musste mit einsteigen, während Serena sich hinters Steuer setzte. „Sorgen Sie dafür, dass alles glattgeht und wir heil rauskommen, sonst seh ich mich gezwungen, Ihnen wehzutun“, zischte Tommaso. „Verstanden?!“ Die Frau nickte nur. Serena fuhr mit quietschenden Reifen Richtung Ausgang. „Tommaso, da ist eine Schranke und einige Männer in Uniform, was soll ich machen?“ „Fahr drauflos, ohne Rücksicht.“ „Aaaah“, schrie Serena. Die vier Männer sprangen zur Seite. Wenig später wa- ren sie draußen auf der Straße. Das Licht blendete alle. Serena riss das Steuer nach rechts und fuhr Vollgas die Straße hinunter. Ehrlich gesagt, sie wusste nicht, wo- hin. „Wo geht’s zum Bahnhof?“, fragte Tommaso und löste endlich die Hand vom Mund der Wagenbesitzerin. „Es wurde auch Zeit! Wissen Sie, mit wem Sie es zu 200
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    tun haben? Undwas soll das Ganze? Wer sind Sie und was wollen Sie?“, sträubte sie sich. Sie schrie nun: „Ich werde überhaupt keine Auskunft geben. Lassen Sie mich los, Sie, Sie verdammtes Arschloch. Ich werde Sie anzeigen.“ „Tun Sie das. Wenn Sie uns verraten, wo sich der Bahnhof befindet, lassen wir Sie frei, hier und jetzt.“ Sie gab eine brauchbare Wegbeschreibung. „Darf ich jetzt aussteigen? Was ist mit meinem Wa- gen?“ „Den können Sie am Bahnhof abholen“, antwortete Tommaso. „Serena, halt drüben hinter dem roten Wa- gen an.“ „So, meine Liebe, Sie können hier aussteigen.“ Er stieg als Erster aus und ließ sie aussteigen. „Es tut mir leid für die Unannehmlichkeiten, aber Ihre Kollegen haben uns keine andere Wahl gelassen.“ Er schaute sie an und bemerkte erst jetzt, dass er eine gut aussehende Frau vor sich hatte. „Wie heißen Sie?“, fragte sie. „Brink. Warum?“ „Um eine Anzeige zu machen“, fuhr sie fort, „Sie … Sie  …“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und winkte mit der Hand ab. „Also dann, Sie finden Ihren Wagen vor dem Bahn- hof, wenn nichts dazwischenkommt. Geben Sie mir Ihr Handy, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen.“ Sie weigerte sich und versicherte, niemanden anzu- rufen zu wollen, bis sie weit genug waren. Irgendwie glaubte er ihr und stieg vorn ein. Er wusste nicht, dass er gerade meiner Lieblings- mitarbeiterin für die laufenden wissenschaftlichen Projekte, Fräulein Antonia, den Wagen geklaut oder 201
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    vielmehr ausgeliehen hatte.Darum hatte sie keinen unnötigen Wirbel gemacht, als sie hörte, dass es sich um meinen Sohn Tommaso handelte. Sie war Mit- te dreißig und schon immer hinter mir her gewesen, aber außer einem Abendessen war nichts dabei her- umgekommen.Tatsächlich rief sie nicht die Polizei an, dafür aber im Werk, um mit Piersch zu sprechen. „Hören Sie, was soll das ganze Theater, mich hat gera- de der junge Brink mit einer jungen Dame mit mei- nem eigenen Auto entführt. Ich steh hier mitten in der Stadt und will von Ihnen wissen, was das soll? Was ist passiert? Wo befindet sich Dr. Brink?“ „Also beruhigen Sie sich, ich schicke einen Wagen und werde Ihnen alles erklären.“ „Ich brauch keinen Wagen, ich bin verabredet und nehme mir ein Taxi.“ Sie beendete das Gespräch und war richtig sauer auf Piersch. Serena fuhr Richtung Bahnhof. Tommaso legte die Hand auf ihre Schulter und versuchte, sie zu beru- higen und ihr zu erklären, dass sie nach Frankfurt zum Flughafen fahren sollte. Unterwegs erlebten sie eine weitere Überraschung. Der Winter hatte wieder Einzug in Deutschland gehalten, wobei ein Schnee- sturm mit Schneeverwehungen von über einem Me- ter für Chaos in der Großregion Frankfurt sorgte. Da die Autobahnen nicht mehr befahrbar waren, saßen sie nun in einem 30-Kilometer-Stau fest. Ein Glück, dass sie die Taschen bei sich hatten. So konnten sie sich wärmer anziehen, wenn die Brennstoffzelle des Hybridfahrzeugs leer war. Sie hatten damit gerechnet, bis Frankfurt zu kommen, aber so würde es in einer Stunde vorbei sein mit Fahren und Wärme. „War besser in Mexiko“, sagte Serena. 202
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    „Du wolltest jaunbedingt mit.“ „Dies hattest du auch nicht erwartet, so plötzlich.“ „Nein, aber so weit ist es schon gekommen mit dem Klimawandel.“ „Da kannst du sehen, unsere Daddys sind auf der rich- tigen Spur, was die wissenschaftliche Forschung an- geht“, sagte Serena trocken. „Da gibt es keinen Zweifel“, bestätigte er. „Ich schalte alles aus, damit wir die Brennstoffzelle schonen kön- nen. Wer weiß, wie lange wir hier noch ausharren müssen.“ „Es scheint noch kein Ende in Sicht zu sein“, bestä- tigte Serena. Draußen liefen Menschen hin und her, um sich über den Ernst der Lage zu informieren und zu erfahren, wie lange es noch dauern würde. Tommaso ließ den Sitz in Liegeposition bringen, um etwas zu schlafen, als jemand in Uniform ans Fenster klopfte. „Ihr werdet erfrieren, hier zwei Decken vom Roten Kreuz. Sie wurden gerade mit Kleinlastern range- schafft“, sagte ein bärtiger Typ. „Danke.Wie lange wird es noch dauern, bis die Auto- bahn frei ist?“, fragte Tommaso. „Keine Ahnung, gehen Sie davon aus, bis morgen Früh. Wir bringen später noch heißen Tee. Also dann, ich muss weiter.“ Er verschwand im Schneetreiben. „Keine guten Aussichten. Ich trau mich nicht anzu- rufen“, sagte Tommaso. Was jetzt ziemlich sicher war, die Verfolger hatten ihre Spur verloren. Sie nahmen die Decken und kuschel- ten sich hinein. Serena legte nach einer Weile den Arm auf seine Brust und kraulte ihn liebevoll. Tom- maso ließ es geschehen und fühlte eine wohltuende 203
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    Wärme aufsteigen. „Bleib so,Tommaso“, sagte Serena liebevoll, und er verstand sofort, dass sie jetzt nicht mehr wollte. Er streichelte ihre Hand und bald schliefen sie ein. Die aufgebrachten Russen wollten verhindern, dass es zu einer Ratifizierung kam, zumal China sie bereits im internationalen Handel mit dem Westen und Amerika überholt hatte. China konnte mittlerweile alles liefern, und das hochwertig, egal, was es war. Eine wirtschaft- liche Macht wie China sollte nicht auch noch der Energieversorger der Erde werden, und das hundert Jahre lang. Daher reichten die Russen ihr Veto ein. Der Gipfel drohte zu platzen und wieder vertagt zu werden. Die Ölstaaten wollten sich dem anschließen und sogar Frankreich war für die Europäische Union auf einmal ein Querdenker geworden. Das Papier, das man erarbeitet hatte, war in diesem Moment nicht einmal die Tinte wert. Ich sagte mir, wenn es zu kei- nem Kompromiss käme, wäre das ganze Projekt und die Zukunft unseres Planeten besiegelt. Ein wilder Konkurrenzkampf seitens der Öl-, Strom- und Was- serlieferanten würde die Folge sein. Der kleine Mann könnte die schon jetzt horrenden Preise nicht mehr bezahlen. Die Lebenshaltungskosten stiegen in enor- me Höhen. Dazu kamen die Sozial-, Gesundheits- und Altersversorgung, die nur noch private Gesellschaf- ten anboten, wobei die einzelnen Staaten seit Jahren nichts mehr für ihre Bürger zu tun vermochten. Von einem Sozialstaat konnte schon lange nicht mehr die Rede sein. Jeder musste zusehen, wo er blieb. Doch zurück in den Konferenzraum, wo es bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit benötigte, aber nur knapp die Hälfte für einen Politikwechsel votie- 204
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    ren würde, wennnicht noch ein Wunder geschah. Es schien so, als wollten die Amerikaner den Zug nicht verpassen. Sie zogen mit einem Mal eine Alternative aus dem Hut, was mich wunderte, sich andererseits aber ziemlich positiv anhörte. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir hät- ten folgendes Angebot zu machen: Wir stimmen zu, die Ressorts rotieren zu lassen, aber wir wollen auch unsere Bedenken zu der vorgeschlagenen hundert- jährigen Verwaltung der Energieversorgung äußern. Unserer Ansicht nach sollte die Verwaltung unter internationaler, sprich UN-Kontrolle stehen, wäh- rend China die Finanzierung übernimmt und die Steuereinnahmen erhält. Somit wäre der Kuchen für alle Beteiligten gleichermaßen aufgeteilt. Die Steuer- einnahmen sichern die Finanzierung, und durch die internationale Verteilung und Preiskontrolle wird das Risiko der Eskalation gebannt. Des Weiteren möchte Amerika die technische Logistik zum Bau der An- lagen übernehmen, wobei diese an verschiedenen Standorten gleichzeitig errichtet werden sollten.“ Zustimmendes Murmeln ging durch den Saal. Die Lösung schien allen plausibel. Aber wir wussten, der Teufel steckte im Detail. „Hierzu gründen wir“, fuhr er fort, „einen Ausschuss, der den Vertrag mit gesetzlichen Vorgaben ausarbeiten soll. Dieser Vertrag sollte das Fundament der Mensch- heit darstellen und in die Verfassung aufgenommen werden. Ich hoffe, dass wir uns einig sind und uns besinnen, dass wir unserer Mutter Erde etwas zurück- geben. In diesem Sinne, vielen Dank“, schloss er seine Rede. Ein turbulenter Applaus brach los. Ich glaube, wir haben es geschafft, dachte ich und schaute in die lächelnden 205
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    Gesichter von Guiglelmound León. Wir konnten mit dieser Lösung leben. Es musste nur alles organisiert werden. Endlich stand die geheime Abstimmung an. Vor der Auszählung konnten wir im Foyer noch etwas zu uns nehmen und einige Details besprechen. Der UN-Generalsekretär gesellte sich zu uns und sag- te zuversichtlich: „Wenn das nicht klappt, fresse ich ein Jahr lang Raps.“ Wir mussten lachen. „Wir können Ihnen welchen besorgen, kein Prob- lem“, gab ich erfreut zurück. In Deutschland war Raps einer der wichtigsten Öl- produzenten der letzten fünf Jahre für die Autoindus- trie. Man konnte ihn mittlerweile an jeder Zapfsäule erhalten. Drinnen wurden indes die Stimmen ausgezählt. Zwei- hundertfünfundneunzig votierten mit Ja, neunund- siebzig mit Nein, bei vierzehn Enthaltungen – eine knappe Dreiviertelmehrheit. Alle applaudierten. Na ja, nicht alle. „Meine Damen und Herren, wir sind am Ziel. Heute, zu dieser Stunde haben wir Geschichte geschrieben. Wir können stolz sein. Es war ein harter Weg bis hier- her, damit bald ein sauberer Kreislauf entstehen kann. Ich empfinde wie damals, als der erste Mensch den Mond betrat: ›Ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer für die Menschheit.‹ An dieser Stelle möchte ich jedem von Ihnen danken. Aber uns bleibt wenig Zeit und wir sollten sofort da- mit anfangen. Herr Brink und seine Mannschaft be- kommen jede erdenkliche Hilfe und die Mittel, um das Projekt schnell zu realisieren. Sobald alles abge- klärt ist, können die ersten Anlagen entstehen. Alle 206
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    sollen davon profitieren,und das zu einem vernünfti- gen Preis und bis in die abgelegensten Gebiete dieser Erde. Die verschiedenen Länder und die dazugehöri- gen Gremien wollen sich zu einer weltumschließen- den Konferenz treffen und Pläne erarbeiten, um ein Netz zu schaffen, damit die neue Energie jedem zu- gutekommt. Hierfür benötigen wir eine transparente Energieversorgung. Ein jeder sollte hundertprozenti- gen Einsatz und Verantwortung mitbringen. Nur so gelingt es uns, eine saubere Umwelt zu schaffen und alle Krisen und Kriege von uns fernzuhalten. Ich bin stolz auf diesen Zusammenschluss und wünsche allen eine bessere Welt. Nun bleibt nur noch, den nächs- ten Termin festzulegen, bevor wir wieder zu unseren Familien gehen können. Vielen Dank, Gott behüte uns.“ Ohrenbetäubender Applaus donnerte durch den Konferenzsaal. Jeder war aufgestanden. Alle Medien konnten jetzt informiert werden, die die Nachricht in Windeseile unter die Bevölkerung bringen würden. Für uns bedeutete das, in nächster Zeit mit Hoch- druck zu arbeiten. Es sollte jedoch alles anders kommen. Wie schon in der Bibel geschrieben steht: Der Weg war holperig. Es erforderte Mut, Pioniergeist und junges Denken. Das Ganze sollte von der Jugend kommen und nicht von alten Hasen, die in mancher Hinsicht zu viel zu- rückschauten. Ich wollte diesbezüglich meine Kinder fördern, wenn sie wollten. Ich konnte nicht schlafen und stand noch einmal auf. Tommaso und Serena hatten sich noch nicht gemel- det. Ich machte mir Sorgen. Als plötzlich Teresa neben 207
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    mir stand, erschrakich fast. „Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte sie ermattet. „Sie gehen nicht ans Telefon, es ist ausgeschaltet. Ist das gut oder schlecht?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht, um nicht lokalisiert zu werden. Im Werk haben sie gesagt, sie wären nach zwei Stunden zum Flughafen gefahren. Denen trau ich nicht über den Weg.“ Gegen drei Uhr morgens wurden sie geweckt. Es war eisig. „Es geht weiter“, informierte sie eine Stimme durch die Scheibe. „Langsam, aber sicher.“ Der junge Mann gab die Nachricht auch an die anderen Wagen weiter. Tommaso ließ den Motor an und fuhr langsam an, während Serena zusammengerollt auf dem Hintersitz schlief. Irgendwann gegen sieben Uhr erreichten sie den Flughafen und buchten zwei Tickets nach Nizza. Bis zum Mittag hatte die Presse bereits mehrere Inter- views mit uns gemacht. Es stellte natürlich eine Sensa- tion dar, dass nach all den World-Economic-Foren die UN jetzt einen so großen Erfolg verbuchen konnte. Sie hatte an Ansehen und Macht gewonnen. Ich hoff- te nur, dass alles gut gehen würde. Es klopfte und noch ein Pressemann wollte ein Interview. „Ich hab genug, es reicht für heute. Sie sollen sich telefonisch anmelden“, sagte ich zu León und den an- deren. „Find ich auch“, bestätigte Guiglelmo. Die anderen nickten. Jemand versucht sich doch noch Eintritt zu verschaffen, dachte ich, bis ich die Stimme erkannte. „Dad, seid ihr da drinnen?“ 208
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    „Mensch, das istTommaso.“ Jackie lief sofort zur Tür und fragte: „Wo ist Serena?“ „Hier, Mom.“ „Gott sei Dank. Ich hab die ganze Nacht gebetet.“ „Warum habt ihr euch nicht gemeldet?“, wollte León wissen. „Ist eine lange Geschichte“, gab Tommaso zurück. „Die wollten uns ohne die Daten hinausschmeißen.“ „Was ist geschehen?“, fragte Jan. „Diese verdammten Medpharma-Heuchler“, machte Jan seinem Ärger Luft. „Jetzt mal langsam und eins nach dem andern“, sagte ich. „Bitte, wo seid ihr gewesen?“ „Papa, in letzter Sekunde  …“, erwiderte Tommaso und Serena erzählte den ganzen Ablauf. Für mich war wichtig, was sich auf dem Memorystick befand und welche Kontakte Dr. Gloden hatte. Nach- dem der Computer eingeschaltet worden war, saßen wir alle um den Bildschirm herum. Tommaso führte alle Handlungen durch und gab die Passwörter ein. Die Terminliste der letzten sechs Monate tauchte auf, war aber verschlüsselt. „Scheiße“, sagte León, „und was jetzt?“ „Nicht verzweifeln“, sagte Tommaso, „wir knacken das schon.“ Er haute in die Tasten und versuchte auf verschiedene Art und Weise, hinter das Geheimnis der Codierung der Namen zu kommen. Uhrzeit und Datum waren uncodiert, aber wir brauchten die Namen, um uns einen Reim machen zu können. „Ich hab’s, es fängt mit einem ›S‹ an.“ Der Computer spuckte Tausende von Buchstaben aus und suchte nach den Silben. „Ich glaub, ich weiß es“, rief ich. „Versuch Spitzber- 209
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    gen.“ Sobald Tommaso dasWort eingetippt hatte, stoppte der Computer seine Aktivitäten. Der Schirm verdun- kelte sich. Alle sagten enttäuscht: „Nein!“ „Abgestürzt?“, fragte León. „Oder Neustart?“, hoffte ich. „Paps, du hast recht.“ Was für eine Hektik, dachte ich. „Wir haben wieder Kontakt“, rief Jan aus. „Ja, sieht gut aus“, ermutigte uns Guiglelmo. Für einen Italiener war er eher ein stiller Mensch, bedacht und nachdenklich. Er wurde auch immer Dottore genannt, obwohl er Professor der Physik war. Aber keiner nahm das in Italien so genau. Mit Titeln wie Cavaliere, Commentatore, Dottore oder Don wurden Menschen gerne angesprochen, um jemandem zu schmeicheln oder als wichtig wirken zu lassen. Der Schirm wechselte einige Male die Farbe und be- gann auf einmal Texte zu laden. Jedes Mal tauchte neben dem Datum auch die Uhrzeit auf sowie die jeweilige Person oder Telefonnummer der dazugehö- rigen Firma. „Das wird nicht leicht“, meinte Jan. Wir gingen die Namen alle durch. Es befanden sich zwei russische und drei chinesische Namen darunter. „Auf diese fünf Namen müssen wir uns konzentrie- ren: Prokow, Milanosk, Li Ning, Zao Chan, Lu Yen, um die weiteren kümmern wir uns später“, bemerkte ich. „Mit diesen Namen steht Medpharma nicht di- rekt in Kontakt, sie sind mir völlig unbekannt.Von den anderen kenne ich mehrere.Wir müssen herausfinden, mit wem sie in Verbindung stehen und zu welchen Firmen sie gehören. Das könnte eine Spur sein.“ 210
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    „Wo fangen wiran?“, wollte León wissen. „Man könnte im Internet recherchieren. Firmen und Na- men von Direktoren, Aufsichtsratsvorsitzenden, Ma- nagern und dergleichen. Ich weiß, das kostet Zeit, aber wir müssen es versuchen.“ „Eine andere Lösung wäre, Dr. Gloden selbst zu fra- gen“, lautete Guiglelmos Vorschlag. „Tommaso, du kennst ihn ja bereits und weißt, wie er aussieht. Wir könnten ihm einen überraschenden Besuch abstatten. So wie sie es mit uns gemacht haben“, fuhr Guiglel- mo etwas aggressiv fort. „Willst du dich rächen?“, fragte ich ihn. „Nein, aber ausquetschen werde ich ihn. Wo habt ihr die Dokumente?“ „Guiglelmo, wir müssen uns beraten. Was meint ihr?“ León drehte sich zu den anderen um. „Ich bin dafür, dass Gloden ein paar auf die Nüsse be- kommt“, meinte Jan. „Und ich bin dafür, jetzt Schluss zu machen“, sagte Teresa mit fester Stimme. „Ihr wollt doch nicht kri- minell werden. Es gibt bestimmt einen anderen Weg, um an diese Leute heranzukommen.“ „Ich hab’s“, kam mir eine Idee. „Tommaso, du hast doch den Wagen von meiner engsten Mitarbeiterin Antonia Stevenson mitgenommen. Sie könnte uns helfen. Sie steht auf unserer Seite, das weiß ich. Das ist unsere Chance, herauszufinden, wer dahintersteckt. Ich vertraue ihr und werde sie morgen sofort anrufen. So, jetzt gehen wir schlafen.“ „Eine gute Nacht allerseits“, sagte Jackie, und alle gin- gen auf ihre Zimmer. Tommaso und Serena wollten noch etwas zusammen- bleiben und verschwanden in seinem Zimmer. Keiner machte eine Bemerkung. 211
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    Tausende von Gedankenschossen mir durch den Kopf. Die Gefahr lauerte überall. Nicht, dass ich ner- vös wurde – aber wie sollten wir uns gegen diese Leu- te oder Intrigen schützen? Die Gefahr konnte sowohl von den Konzernen als auch von politischer Seite aus- gehen. Schlagartig wurde mir bewusst, dass dies nur der Anfang einer Hetzjagd auf meine Technologie zur Energieversorgung darstellte. Dass die UN sich der Sache angenommen hatte, beruhigte mich ein wenig. Irgendwann musste ich dann eingeschlafen sein. Ich wurde vom Telefonläuten geweckt. Tastend griff ich mit der linken Hand zum Hörer. „Ja, wer ist dort?“, fragte ich mit verschlafener Stimme. „Gebraucht die Daten von Dr. Gloden nicht, um rumzuschnüffeln, ansonsten geht es euch dreckig, ihr arrogantes Pack“, drohte eine etwas verstellte Män- nerstimme auf der anderen Seite, ehe das Besetztzei- chen erklang. Ich schaute verblüfft den Hörer an. Wie waren sie an unsere Zimmertelefonnummer gekommen, und wo- her wussten sie, dass wir die Namen besaßen? Mir wurde sogleich ein bisschen mulmig. Teresas Stimme holte mich wieder aus meinen Ge- danken zurück. „Wer war das?“  „Falsch verbunden“, log ich, wusste aber nicht, wa- rum. Wollte ich sie damit beschützen? Sie sollte sich keine Sorgen machen. Am Frühstückstisch erwähnte ich, dass wir etwas be- sprechen mussten, bevor ich Antonia anrufen wollte, und die Bedrohung nicht auf die leichte Schulter neh- men sollten. Es war uns nicht sofort aufgefallen, dass Serena und Tommaso nicht am Frühstückstisch saßen, 212
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    oder alle schienendasselbe zu denken, bis Marcella meinte: „Unsere Turteltäubchen schlafen noch.“ Wir wollten lachen, brachten aber nur ein komisches Grinsen heraus. „Lass sie doch“, sagte Guiglelmo, „sie verstehen sich offenbar prima.“ „Aber wir haben nicht das Gegenteil behauptet“, ver- suchte Jackie ihn zu beruhigen. „Sie müssen wissen, was sie tun. Sie sind jung und wollen sich auch ein bisschen amüsieren.“ Es klang abgedroschen. Ich behielt jeden Kommentar für mich. Teresa stand auf und verließ wortlos den Speiseraum Richtung Aufzug. Ich dachte, o weh, jetzt kriegt Tomma- so etwas zu hören. Ich erwartete, dass er unsere Freund- schaft mit León und seiner Frau respektierte und sich zurückhalten würde. Nicht mehr und nicht weniger. Ich wollte der Liebesgeschichte zu diesem Zeitpunkt keine Beachtung schenken. Die Überraschung traf uns wie ein Blitz, als Teresa mit schnellen Schritten und verschrecktem Gesicht zurück in den Saal kam. „Was ist los?“, fragte ich und stand auf, um ihr ent- gegenzugehen. Sie hielt sich an mir fest und stammelte: „Das … das Zimmer ist durchwühlt worden und leer.“ „Oh Gott“, sagte Jackie. Mittlerweile waren alle aufgestanden und León lief zum Aufzug. Wir folgten ihm. „Jetzt reicht’s“, meinte Jan. Wir liefen den Korridor hinunter zum Zimmer 3605. Teresa hatte die Tür nur angelehnt und betrat auch als Erste wieder das Zimmer. „Schaut, alles durchwühlt!“ „Wer hatte den Stick mit den Daten?“, wollte Jackie wissen. 213
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    „Tommaso“, erwiderte ichetwas gereizt. „Scheiße, dann sitzen wir in der Klemme, wenn sie ihn gefunden haben“, meinte Guiglelmo. „Schau mal im Computer nach, ob sie gespeichert sind – und wir werden sofort die Polizei informieren“, sagte León mit grimmiger Miene und wurde wütend. „Jan hat recht, mir reicht’s auch, ich steige aus.“ Keiner sagte ein Wort, bis Jackie das Wort ergriff: „Das hättest du dir eher überlegen sollen. Wir werden alles tun, um die Kinder gesund zurückzuholen. Außerdem will ich, dass diese Schufte gefasst werden.“ Das Telefon klingelte. Sofort nahm ich den Hörer ab. „Schaltet auf keinen Fall die Polizei ein. Verstanden? Ihr Idioten habt wohl geglaubt, dass wir euch die Daten einfach so überlassen. Außerdem, Dr. Gloden braucht nur noch wenige Tage, um auch die Formel zu besitzen. Es wird also sehr schwer sein, den Be- weis herzustellen, wem die Formel gehört. Vielleicht habt ihr sie ihm geklaut, heißt es dann. Wenn ihr ver- nünftig seid, sind die beiden Vögelchen in ein paar Tagen, wenn Dr. Gloden fertig ist, wieder bei euch.“ Das Telefon verstummte abrupt, bevor ich etwas sagen konnte. „Hallo, hallo, sind Sie noch dran?“ Mensch, was für eine Sauerei. Wir saßen fest. Ich musste versuchen, sofort mit Antonia Kontakt auf- zunehmen. Ich nahm mein Handy und wählte ihren Namen. Erst jetzt merkte ich, dass jeder mich mit fra- genden Blicken anschaute. „Entschuldigung, ich muss telefonieren. Es waren die Entführer“, sagte ich und rekapitulierte das Gespräch. „Geht es ihnen gut?“, fragte Fiona. „Das weiß ich nicht.“ „Mein Gott, was sollen wir tun?“, rief Jackie bestürzt 214
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    und hielt LeónsHände. „Beruhige dich, Schatz, wir werden gemeinsam bera- ten, was wir tun können.“ León schaute mich an. „Ja, ich telefoniere erst mal. Bitte etwas Ruhe.“ Ich wählte die direkte Nummer vom Büro. „Ja, hier ist Antonia, was kann ich für Sie tun?“ „Ich bin’s, Antonia, Jeff. Hör mal, was ist los bei euch?“ „Wieso fragst du?“ „Sie haben Tommaso und die Tochter meiner Freunde letzte Nacht entführt auf der Suche nach den Kopien von Dr. Glodens Terminen.“ „Ich hab davon gehört. Aber ich muss auflegen, ich ruf dich in einer Viertelstunde zurück. Er kann jeden Augenblick hier sein, dein guter Freund Gloden. Ich trau ihm nicht über den Weg. Seit du weg bist, ist er ständig oben beim Aufsichtsrat. Also bis gleich.“ „Ja, bis gleich.“ Ich legte den Hörer auf. „Der Tag fängt ja richtig heavy an“, bemerkte ich. „Dieser ver- dammte Heuchler will sich die ganze Arbeit unter den Nagel reißen. Wir müssen das verhindern. Aber erst die Kinder wieder gesund zurückholen.“ „Wie willst du das anstellen?“, fragte Jan. Serena und Tommaso erwachten auf einer Pritsche verschnürt nebeneinander in völliger Dunkelheit in einem Kellergewölbe nicht weit von Nizza, aber auf der italienischen Seite der Côte d’Azur. Die Pritsche quietschte bei jeder Bewegung. Obendrein hatten die Entführer ihre Münder mit Pflaster zugeklebt, damit sie nicht miteinander sprechen konnten, nachdem sie sie betäubt und hierher gebracht hatten. Sie konnten draußen das Meer vernehmen und ab und zu das Mo- torengeräusch von Autos. Schritte näherten sich der 215
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    Tür, ehe einRiegel weggeschoben wurde. Unter der Tür schien Licht durch, und es waren auch Stimmen zu hören. Eine Laterne blendete sie, als die Tür auf- ging. Eine Männerstimme sagte: „Ich hab euch was zu es- sen mitgebracht, wenn ihr euch anständig benehmt.“ Ein zweiter Mann stellte ein Tablett aufs Bett. Dann zog er Serena von der Pritsche, drückte sie bäuchlings auf die Matratze zurück und machte ihr einen Arm frei. Sie wehrte sich. „Bleib still! Verstanden! Sonst bekommen die Hunde das Essen.“ Er zerrte sie unsanft am Arm und drehte sie auf den Rücken, die Beine blieben gefesselt. Nach- dem er ihr das Pflaster vom Mund gerissen hatte, be- fahl er: „Verhalte dich ruhig, Indianerin, es kann alles gegen dich verwendet werden.“ Sie schaute ihn mit verzerrten und schmerzvollen Au- gen an, ohne einen Laut von sich zu geben. „Und er bekommt nichts zu essen?“, sagte sie, wobei sie mit dem Kopf auf Tommaso deutete. „Halt den Rand und iss, solange du Zeit hast!“ Sie hatte keinen Hunger, aber dafür Durst, und fühlte sich etwas benommen von dem Narkotikum, das man ihr verabreicht hatte. „Bist du fertig?“, erkundigte sich der Typ. „Also dann dreh dich um – und keine Spielchen!“ Er verknotete Serenas Arm schmerzvoll auf den Rücken, bevor er ihr ein neues Pflaster verpasste. Sie wehrte sich zwar, aber es hatte keinen Zweck. Der andere Mann rührte sich nicht von der Stelle und beobachtete jede Hand- lung mit einer Waffe im Anschlag. Nun kam Tommaso an die Reihe. Er fluchte: „Ihr verdammten Schweine! Sie kriegen euch schon. Aah!“ 216
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    Er bekam eineFaust voll ins Gesicht und schrie vor Schmerz auf. „So, das war für dein Benehmen, und wenn du nicht dein Maul hältst, kannst du nur noch Suppe schlür- fen.“ Er trank auch nur und spuckte ohne einen weiteren Kommentar das Wasser wieder aus, da er aus dem Mund blutete. „So ist es recht“, sagte der Typ an der Tür. Nachdem Tommaso wieder verschnürt worden war und sein Pflaster verpasst bekommen hatte, zogen sie ab. Die Tür fiel zu, und es war wieder dunkel. Der Spalt unter der Tür erlaubte es gerade noch, die Ga- bel zu erkennen, bevor das Licht ausgemacht wurde. Tommaso hatte sie mit einem Bein verdeckt, als eben das Tablett umgefallen war, und versuchte nun, sie in die Finger zu bekommen, indem er sich sitzend, mit den Händen auf dem Rücken, langsam vorwärtsbe- wegte. Wenig später fühlte er das kalte Metall, griff danach und kroch weiter Richtung Serena. Er pickte sie ins Bein, damit sie verstand, dass er etwas hatte, womit sie sich befreien konnten. Nach einiger Zeit konnte er einen Arm von Serena befreien und hören, wie sie sich das Pflaster vom Mund zog. „Geschafft“, flüsterte sie. „Wo bist du?“ Sie tastete sich an ihn heran, bis sie spürte, wo sein Gesicht war und riss ihm den Klebestreifen vom Mund. „Diese verdammten Schweine“, lautete sein erster Kommentar. „Mach mich los, schnell, bevor sie wie- der auftauchen. Wir müssen versuchen, denen zu ent- kommen.“ Als er seine Hände freibekommen hatte, stand er auf, tastete sich zu Serena und hielt sie wenig später in den Armen. Anschließend löste er die Fessel an ihrem 217
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    anderen Arm. „So, jetztversuchen wir mit der Gabel die Tür aufzu- bekommen.“ Kein leichtes Unterfangen. Tommaso verbog die Gabel, damit er an den Riegel kam, und mit Fingerspitzengefühl konnte er im Dun- keln den Schieberiegel Stück für Stück aufmachen, ohne laute Geräusche zu verursachen. Die Tür war Gott sei Dank nicht mit dem Schlüssel abgesperrt worden, was die Sache vereinfachte und sie Zeit ge- winnen ließ. Aber sie wussten nicht, was sich im Dun- keln hinter der Tür befand. „Bleib dicht hinter mir auf den Knien. Lass uns he- rausfinden, wo der Ausgang ist“, flüsterte Tommaso Serena zu. „Gut, also los, ich halt mich an dir fest, pass auf, dass du nichts umstößt! Sei vorsichtig!“ Sie tasteten sich vorsichtig vorwärts und merkten bald, dass sie in einem Korridor steckten. Rechts und links erspähten sie zwei andere Türen und am Ende des Gangs eine Holztreppe. „Wir versuchen es in den anderen Räumen. Die Trep- pe ist zu gefährlich“, flüsterte Tommaso. „Denke ich auch. Wir sind offensichtlich in einem Keller.“ „Ja, scheint mir auch so.“ Die erste Tür war verschlossen, aber der Schlüs- sel steckte. Er drehte ihn langsam um, stieß die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter, konnte ihn aber nirgends finden. Links von ihm fiel ein kleiner Lichtstrahl in den Raum. Die Augen gewöhnten sich schnell an die Finsternis und sie konnten schemen- haft erkennen, dass sie in einer Waschküche waren. Tommaso näherte sich dem Lichtstrahl und bemerk- te ein Kellerfenster. Sofort machte er sich am Hebel 218
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    zu schaffen undöffnete die Fensterläden. Ein grelles Tageslicht erhellte den Raum. Sie mussten aber so- fort feststellen, dass ein Grill mit einer Kette an einem Schloss am Boden verankert war, damit man von au- ßen nicht reinkam. „Scheiße, auch das noch“, bemerkte er. „Gibt es nichts, womit wir das Schloss aufbrechen können?“ „Es muss schnell gehen, sie können jeden Augenblick zurückkommen“, sagte Serena mit ängstlicher und nervöser Stimme. Nach kurzem Suchen hatte er Glück, dass er auf einem Wandregal eine alte Wasserpumpenzange fand. „Na also, das könnte klappen.“ Er klemmte den Schnabel in den Schlossring und versuchte mit viel Kraft, den Eisenring zu sprengen. Nach einigen erfolglosen Be- mühungen machte er sich an der Kette zu schaffen. Es gelang schließlich, die Schweißnaht etwas zu öffnen und den Eisenring so weit aufzumachen, dass er in den Fensterschacht steigen und gegen den Grill drü- cken konnte. Er ließ sich einfach anheben. Vorsichtig schaute er hinaus auf die Gartenanlagen und sah am Horizont das Meer. Nachdem er nach links und rechts geblickt hatte, zog er Serena hoch. Auf Knien krochen sie bis zur Ecke. Dort entdeckten sie den Swimming- pool mit der wunderschönen Gartenanlage, wo sich einige männliche wie weibliche Gestalten um den Pool tummelten und den warmen Tag genossen. „Hier ist es zu riskant, den Garten zu durchqueren, vielleicht können wir vorne weg“, flüsterte Tomma- so. Sie liefen an der Mauer entlang wieder zurück und schauten vorsichtig über den Hof, wo einige Wagen parkten. „Niemand zu sehen“, stellte Tommaso fest und zog Se- 219
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    rena an derHand hinter den ersten Wagen Richtung Toreinfahrt. Aber da standen zwei rauchende Männer an der Mauer, die in ein Gespräch vertieft waren. „Pst“, sagte Tommaso, „zwei Leute bewachen den Ausgang.“ „Was jetzt?“, fragte Serena hastig. „Wir müssen durch die Sträucher bis zur Mauer krie- chen. Komm jetzt.“ Als er sie etwas grob hinter sich her zerrte, meinte sie: „Tommaso, du tust mir weh!“ „Entschuldigung, aber wir müssen schnell verschwin- den.“ Sie krochen hinter eine Hecke, die als Zierde die etwa ein Meter achtzig hohe Gutsmauer zusätzlich um- säumte, und mussten genau in dem Augenblick hi- nübersteigen, wenn die Typen sich wieder mit dem Rücken zu ihnen drehten. Sie liefen jetzt auf und ab. „So, erst du, steig auf meine Hände und schnell weg hier.“ Sie stemmte ihren Fuß in seine Hände, sodass sie mit dem Bauch auf die Mauer gelangte und sich auf die andere Seite fallen lassen konnte. Tommaso schaute sich um, ob die Wache etwas bemerkt hatte. Im selben Augenblick schlug jemand in der Villa Alarm. „Verdammt, Scheiße, sie sind weg!“, schrie eine Stim- me. „Sie müssen noch auf dem Gelände sein.“ Beide Typen liefen zum Haus und drehten sich um, um den Garten zu überschauen. Mit gezogenen Waf- fen behielten sie jede Bewegung im Auge. Tommaso saß fest, während Serena schon auf der anderen Seite war. Er konnte nicht hier bleiben. So beschloss er, den Baum links von ihm hochzuklettern und sich über einen Ast, der über die Mauer hing, fallen zu lassen. Als sich der Ast zu weit bog, brach er ab und machte 220
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    einen ziemlich lautenKnacks. Tommaso fiel schmerz- voll auf den harten Boden. Die Männer schossen postwendend in die Richtung. Mit einem verzweifel- ten Satz übersprang er mit letzter Kraft die Mauer. Er sah, wie Serena mit vor Schreck geweiteten Augen zu ihm hinstarrte und wie angewurzelt dastand. Tomma- so stürzte den Grashügel hinunter zum Weg, der zum Haus führte, bevor sie den Hang hinab zum Meer rannten. Dort lagen jede Menge Felsbrocken. In ihrem Rücken vernahmen sie schreiende Stimmen. „Da unten sind sie!“ – “Ich sehe sie!“ – “Bleibt stehen, sonst schießen wir!“ Geduckt sprangen sie hinter die Felsen. Dann liefen sie weiter zur Hauptstraße, wo Tommaso versuchte, einige Autos anzuhalten. Ein älterer Herr mit einem Pick-up nahm sie schließlich mit, während die Verfol- ger ihnen nur wütend nachschauen konnten. Aber wo um alles in der Welt befanden sie sich? Tommaso wandte sich dem Fahrer zu und erkundigte sich in gebrochenem Französisch: „Können Sie uns sagen, wo genau wir hier sind?“ „Richtung Menton, etwa noch zehn Kilometer.“ „Können Sie uns mitnehmen bis dahin?“ „Ich fahre zum dortigen Markt“, erwiderte der Alte und zeigte nach hinten zu den Gemüsekisten. „Ihr seht ziemlich ramponiert aus. Hattet ihr Ärger?“, frag- te er Tommaso und zeigte auf das verkrustete Blut in seinem Gesicht. „Ja leider“, gab er zurück, ohne weiter darauf einzu- gehen. Die Sonne brannte vom Himmel und zeigte die Na- tur längs der Côte d’Azur von ihrer schönsten Seite. Aber das Bild trog. Hier kamen die Reichen zusam- 221
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    men und spannenihre Fäden für die nächsten ge- schäftlichen Strategien, nicht immer zum Wohle der Gesellschaft, wobei Normalsterblichen der Zutritt zu einigen Etablissements vielfach untersagt war. Aber die Bedrohungen der letzten Jahre kamen aus ganz anderer Richtung. Ich fragte mich immer öfter, ob wir es schaffen wür- den, die Erde zu retten. Die Spannungen mit dem Na- hen Osten, Iran, Irak, Nordkorea würden immer die westliche Welt bedrohen. Dass es dabei keine Gewin- ner geben konnte, schien den Anhängern des Islam nicht klar oder bewusst zu sein. Mit einer Atombombe war es nicht getan. Die Amerikaner würden mit voller Kraft zurückschlagen, und wo das hinführte, wussten wir alle. Es würde sich zu einer unkontrollierten, eine eigene Dynamik entwickelnden Eskalation von Ge- walt und Tod ausweiten. Zu Hunger, Seuchen, Epi- demien. Zu einem Chaos ohne Gesetze mit Terror, Hass, Lügen, Intrigen auf allen Seiten. Europa würde als Erstes fallen. Als hätten wir nicht genug mit dem Klimawandel und den wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, würden Hunger und Armut infolge ver- seuchter und verstrahlter Gebiete dazukommen und ganze Regionen für Jahrhunderte unbewohnbar sein. Ja, damals in meiner Jugend, wo wir noch unbeküm- mert aus Quellen getrunken hatten, die aus Felsspal- ten rieselten, war die Weltordnung noch überschaubar. Nun hatten technische Errungenschaften im Alltag zwar alles vereinfacht, aber auch das gesellschaftliche Miteinanderleben zerstört.Wo aber war die Natur ab- geblieben? Vielfach konnten wir nur noch in Reser- vaten oder Schutzzonen spazieren gehen. Wir litten unter Elektrosmog und Sauerstoffmangel. Die Preise für die meisten Rohstoffe hatten unerschwingliche 222
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    Höhen erklommen, jenevon Benzin und Heizöl sich verzehnfacht. Da immer mehr Menschen dieser Preis- spirale nicht mehr folgen konnten, verarmten sie. Die Politik sah machtlos auf die Fusionen der hungrigen Konzerne. Die geschwächten Sozialstrukturen brach- ten kaum noch das Geld für Kranke oder Rentner auf. Würden wir das Ruder nicht umgehend herumrei- ßen, gingen wir im Strudel all dieser Probleme unter. Keine guten Aussichten also. Was tun? Wir sollten ein offenes Ohr und Augen für Mutter Natur haben, wo- bei wir keineswegs an unseren eigenen Erfindungen scheitern mussten; aber diese mussten besser geplant und eingesetzt werden. Und wir durften uns nicht von medialen Lügen beirren lassen. Eine neue Weltordnung musste her, ohne die traditio- nellen und kulturellen Eigentümlichkeiten der Men- schen außer Acht zu lassen. Dazu gehörten auch ein besseres Verständnis und Respekt für unsere Erde, da- mit der Tier-, Pflanzen- und Unterwasserwelt wieder eine bessere Grundlage geboten wurde. Keiner sollte weichen für irgendwelche ehrgeizigen Projekte oder Prestigepläne, wie zum Beispiel beim Staudamm in China, niemand den anderen bedrohen für eigene Ziele und Zwecke. Ich war überzeugt, dass die Men- schen, selbst wenn sie ihr Brot bei einem umweltschä- digenden Unternehmen verdienten, sich zur Wehr setzen und etwas bewirken konnten. Das Salz der Erde waren wir und nicht diejenigen, die über uns bestimmen wollten. Wir mussten ein Güte- siegel auf Lebensqualität erlassen, nicht nur auf Pro- dukte und Preise. Nur so konnten wir den Geschäfte- machern und Spekulanten das Handwerk legen. Die Milliardengewinne der Pharmaindustrie etwa mussten 223
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    anders verwendet werden,als sie an Aktionäre zu ver- teilen, ohne auf das Wohl der Patienten und auf effek- tive Arzneimittel zu achten. Die Produktpalette und der Konsumzwang durften nicht so schnelllebig ge- staltet werden, sondern dauerhaft. Dieses Ziel konnte nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn den Men- schen bewusst würde, dass die weltweite Energiever- sorgung unser gemeinsames Erbe war, was kostenlos angeboten werden musste, ohne Nebenwirkung, wie in all den letzten Jahrzehnten des fossilen Raubbaus. Meine Theorie der Energiegewinnung war risikolos und obendrein auf Jahrtausende und für jedermann einsetzbar. Der Raubbau der Wälder würde gestoppt, den Meeren, den Flüssen und der Atmosphäre ein vollkommen neues Leben eingehaucht und nicht zu- letzt die drohenden Kriege rund um die letzten Ener- giereserven entschärft. Die Pyramiden in Ägypten stellten den Schlüssel für die Nachwelt dar, wo man diese Energie finden konnte, nämlich in den Meeren, die vier Fünftel der Erdoberfläche ausmachten. Ich konnte jedem nur raten, keinen neuen Alleingang zu versuchen und die erneuerbaren Energien für eige- ne Zwecke zu missbrauchen, zumal ich davon über- zeugt war, dass im Salzkristall eine unendliche und unerschöpfliche Kraft steckte. Bis jetzt, 2013, haben wir eher in Disharmonie mit anderen gelebt, wobei die Völker dabei waren, ein selbstmörderisches Programm durchzuführen. Trotz des Wissens, das Falsche zu tun, hielten wir die Fahne hoch für unser Land und die machtgierigen Konzer- ne, Großaktionäre, Politiker und religiösen Fanatiker. Wir produzierten Waffen, die irgendwo auf der Welt verkauft wurden, damit diese morgen gegen uns ver- wendet werden konnten, ganz zu schweigen von den 224
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    Minenfeldern, eine weitereAbsurdität unserer Zeit. Unsere Feigheit, nichts dagegen unternommen und andere Ziele und Maßstäbe gesetzt zu haben, würde uns eines Tages teuer zu stehen kommen. Die Reichen und Mächtigen würden nichts unversucht lassen, ihre Ziele durchzusetzen auf Kosten unserer Naivität oder der Ohnmacht des Einzelnen. Ich strebte keine Anar- chie, keine Revolution und keinen Bürgerkrieg oder irgendwelche Auseinandersetzungen mit der Obrig- keit an, die wir mehr oder weniger gewählt hatten. Aber die Politiker sollten etwas Konkretes unterneh- men, damit der eigenen Bevölkerung die Würde zu- rückgegeben wurde, die mit jedem Gesetz zusehends schwand. Die Wähler sollten sie vor jeder Wahl einer strengen Kontrolle unterziehen, um weitgehend zu vermeiden, dass nach dem Urnengang ein komplett anderer Politiker aufzutauchen scheint. Die Globalisierung in den Neunzigerjahren stellte eine wirtschaftliche Erfindung dar, der besser eine so- ziale vorangegangen wäre. Aber die Wirtschaft hatte immer den Vorzug genossen, während die Menschen- rechte warten konnten. Serena und Tommaso sah man an, dass der Tag sie er- schöpft hatte. Dabei waren sie sehr mutig gewesen, nachdem unsere Gegner wieder zugeschlagen hatten. Der liebe Herrgott meinte es gut mit uns. Ich schlug vor, uns an einen geheimen Ort fliegen zu lassen, aber erst wollte ich in Nizza persönlich mit Antonia spre- chen, was wir in einem weiteren Telefongespräch ver- einbart hatten. Danach mussten mit der UN die wei- teren Schritte abgeklärt werden. Ich ließ Antonia mit einer Eskorte am Flughafen ab- holen. Als sie vor mir stand, traute ich meinen Augen 225
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    kaum. Sie warwirklich eine bildschöne Frau. Wir be- grüßten uns mit zwei Küssen auf die Wange, was wir noch nie zuvor gemacht hatten. Unsere Zusammen- arbeit war bislang immer auf Distanz geblieben. „Ich bin froh, dich wiederzusehen“, sagte ich beinahe flüsternd. „Ich bin froh, dass du noch lebst“, antwortete Antonia mit leuchtenden Augen. „Ohne weißen Arbeitskittel siehst du ganz anders aus“, bemerkte ich lächelnd. „Du hast ja in all den Jahren nur deine Arbeit gese- hen“, gab sie sarkastisch zurück. „So, äh … wo fangen wir an?“, wechselte ich das The- ma, um nicht auf glattes Eis zu geraten. „Ich denke, ein Drink wäre jetzt angebracht. Wir genehmigen uns ein Glas Champagner und anschließend lade ich dich zum Essen ein. Okay?“ „Mir soll’s recht sein, wenn du dich befreien kannst für einige Stunden“, sagte sie aufgemuntert. „Kein Problem, wir haben ja schließlich einiges zu besprechen“, versicherte ich ihr. In der Bar angekommen bestellte ich zwei Gläser Champagner. „Kommt sofort, Monsieur Brink“, kam prompt die Antwort.Vom Personal kannten mich bereits alle. „Du, Antonia, ich möchte nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber es ist lebenswichtig geworden für uns alle. Was ist eigentlich los bei Medpharma und Gloden? Was will er damit erreichen? Das wird doch niemals klappen. Bei der Lizenz kann man doch nichts än- dern, die gehört mir, und Medpharma darf sie benut- zen, wenn es so weit kommen sollte.“ „Ja klar, du magst ja recht haben. Aber wenn die nur eine winzige Änderung anbringen – und es gelingt 226
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    denen tatsächlich –,bist du aus dem Rennen. Sie wer- den dir deine Arbeit vor die Füße werfen und eine neue Lizenz besitzen.“ „So einfach geht das nicht.“ „Ach nein, denkst du?“, erwiderte sie mit fester Stim- me. Ich musste mir demnach ernsthafte Sorgen machen. Sie wollten mit allen Mitteln an die Akte, sie ent- schlüsseln und so abändern, dass die Funktionsfähig- keit nicht beeinträchtigt sein würde. Nur wussten sie noch nicht so genau, wer über den Schlüssel verfügte. Sie hatten bis zu diesem Moment alle entführt oder zumindest zu entführen versucht, um herauszube- kommen, ob jemand die Unterlagen vom dritten Teil besaß. „Ich glaube zu wissen, was Medpharma von uns will oder derjenige, der dahintersteckt“, sagte ich halblaut vor mich hin. „Siehst du das jetzt ein? Sie wollen dich einschüch- tern. Du wirst nervös und schmeißt alles hin oder gibst ihnen deine dritte Akte.“ „Einen feuchten Dreck bekommen sie von mir. Ich werde sie bei der UN anzeigen und Beweise vorlegen, um so auch andere Verrückte vom Projekt und von uns fernzuhalten.“ „Ich habe großen Respekt vor dir, Jeff, aber die schei- nen langsam ungeduldig zu werden, und dann knallt es richtig“, gab sie zurück. „Du musst wissen, Dr. Glo- den ist neidisch und habgierig, aber Macht übt je- mand anderes aus.“ „Und wer soll das sein?“ „Wenn ich es dir verrate, schweben wir alle in Le- bensgefahr.“ „Darf ich raten?“, fragte ich scheinheilig. „Ich glaub, 227
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    ich weiß es.“ „Oh,und wer ist es deiner Meinung nach?“ „Ein Land im Osten Europas.“ „Könnte hinhauen.“ „Die Russen etwa?“ „Exakt, und es handelt sich um die führenden Köpfe in der Regierung. Sie sind einige Male sogar im Werk gewesen, angesichts einer anderen geschäftlichen Zu- sammenarbeit natürlich. Sie wollen sogar ein solches Werk in ihrem Land errichten.“ „Was für ein Werk?“, unterbrach ich sie. „Ein wissenschaftliches Untersuchungsinstitut und eine Pharmaproduktionsstätte mit vier- bis fünf- hundert Mann, der Ablenkung wegen. Die komplet- te Investition übernimmt Moskau. Ist das nicht toll für Medpharma? Dafür werden viele Mitarbeiter in Deutschland entlassen.“ „Ja, aber ist das nicht illegal?“, fragte ich sie. „Nein, aber im Werk werden nun keine Pharmapro- dukte mehr hergestellt, sondern die Anlagen geplant und entwickelt.“ „Und Medpharma kann nur die Patentlizenz vorzei- gen, aber die Energieerzeugung nicht vollkommen umsetzen, weil ihnen die dritte Akte fehlt.“ „Genau“, gab sie kurz zurück. Wir schwiegen beide, um über unser weiteres Vorge- hen gegen diese Widersacher nachzudenken. Erneut war mir klar geworden, dass unsere besten Er- findungen auch Negatives beinhalteten. Ohne Erdöl, Verschmutzer Nummer eins, würden wir auf der Stel- le treten. Die Kernenergie war eine „saubere Sache“, nur Wasserdampf gelangte in die Atmosphäre, aber ein Gau würde für Hunderte von Jahren ganze Gebie- te radioaktiv verstrahlen. Das Abholzen von großflä- 228
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    chigen Regenwäldern fürden Export und für neue Weiden oder Ackerland verursachte große Schäden für die Umwelt. Es wurde nicht mehr genug Sauer- stoff produziert. Die Industrieproduktion verseuchte unsere Flüsse und nicht zuletzt verdreckte sie unsere gesamte Umwelt. Ein verflixter Kreislauf. Das Meer aber gehörte uns allen, so einfach sollte das sein. Ich war überzeugt, wir würden es schaffen, der Welt eine neue Vision vorzuführen. Auf diese Erfin- dung hatte ich hingearbeitet. In jedem Fall bezahlbar für jedermann. Antonia schaute mich an und meinte: „Jeff, du siehst etwas müde aus.“ „Ja, du könntest recht haben. Wie lange kannst du bleiben?“ „Höchstens bis morgen, sonst würde es auffallen. Für Medpharma bin ich mit einer Freundin, die sich dort auch aufhält und auf die ich mich verlassen kann, für ein, zwei Tage in einem Wellnessressort. Sie hat mein Handy mit, das mich nach hier weiterschaltet. Es ist alles bestens geregelt, wie du siehst. Ich wollte kein Risiko eingehen. Bin von Saarbrücken mit der Lux- Air geflogen, zunächst bis Bergamo und von dort nach Nizza. Dabei wollte ich dich wiedersehen. Es ist leer bei uns ohne Professor Brink.“ „Du schmeichelst mir, Antonia. Ehrlich gesagt, ich mag dich und hab dich auch lieb wie eine Tochter“, log ich. Oder meinte ich, was ich jetzt gesagt hatte? Ich sah, wie sie den Blick nach unten neigte, überwand mich selbst und fasste sie mit beiden Händen an den Oberarmen. „Antonia, sei mir nicht böse, ich mag dich sogar sehr, aber was soll ich machen? Hilf mir, diese Sache zu Ende zu bringen. Bleib in meiner Nähe. Es würde mich sehr freuen.“ 229
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    Sie lächelte undlehnte sich an mich. „Du hast recht, ich bin ein bisschen beschwipst, aber ich vertrag kei- nen Champagner oder sonst welchen Alkohol. – So, jetzt ist Schluss und wir wollen stark sein. Dein An- gebot überleg ich mir noch bis morgen, einverstan- den?“ „Einverstanden.“ Ich hielt ihre Hände fest und begleitete Antonia zum Aufzug. „Gute Nacht“, sagte sie verführerisch. „Antonia, geht’s oder soll ich nicht besser bis zu dei- nem Zimmer mitkommen?“, fragte ich unsicher. „Wenn es dir nichts ausmacht, nein. Ich will morgen ohne Komplikationen aufstehen können.“ „Ich verstehe. Dann schlaf gut. Ich lass jemand im Flur postieren, also hab keine Angst. Es ist bloß zu deiner Sicherheit.“ „Danke, ist nicht nötig“, gab sie dankbar zurück. „Doch, die sind überall, und ich möchte nicht, dass dir was zustößt.“ Sie drehte sich um und gab mir sanft einen Kuss auf die Wange. „Ich hoffe auch für dich, dass nichts pas- siert. Gute Nacht, lieber Kollege.“ Sie verschwand hinter der schließenden Aufzugtür. Sie war hinrei- ßend und liebevoll. Was sollte das Ganze eigentlich? Teresa wartete bereits seit zwei Stunden auf mich. Ich schloss den Jacken- knopf meines Anzugs, ehe ich mich auf den Weg zu ihr und den anderen machte. Während der Fahrt zum Hotel in der Limousine, die auf mich wartete, hatte ich viel Zeit, über die letz- ten Wochen nachzudenken. Der Chauffeur und mein Bodyguard ließen mich wortlos einsteigen. Antonia verwirrte mich ein wenig, andererseits wollte ich 230
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    nicht viel Zeitdamit verschwenden, unsere Gefühle zueinander zu analysieren. Natürlich war das Balsam für die Seele, aber ich liebte meine Teresa und meine Kinder sehr. Stattdessen dachte ich darüber nach, wie wir mit der UN eine reibungslose Instandsetzung der Anlagen hinbekämen. Die Verzahnung der alten Systeme mit den neuen innovativen Strukturen bedeutete meiner Meinung nach allerdings nur Flickschusterei. Man konnte eine Hose auch nicht endlos ausbessern, ir- gendwann musste eine neue bessere, stärkere und nützlichere her. Die Pyramide war nichts anderes als die tausendfa- che Vergrößerung eines Salzkristalls, den man durch ein Mikroskop bei vierhundertfacher Vergrößerung sah. Woher besaßen die Ägypter dieses Wissen? Oder andere Zivilisationen weit vor ihnen, wie einige Le- genden erzählen? Es waren überhaupt keine einzigen Hieroglyphen und keine Schriften in den Pyramiden zu finden. Einst soll Afrika mit Südamerika verbun- den gewesen sein. Vielleicht hatten die Afrikaner und Indios aus Mittel- und Südamerika gemeinsame Vor- fahren und verfügten über dieses Wissen. Gehen wir von der Betrachtung der Sonnenbarke aus, dazu die mitgeführte Kiste, dann der Schlüssel des Lebens und die Pyramiden. Möglicherweise handelte es sich bei der Kiste auf dem Schiff im Meer nahe Alexandria um eine Anlage, die Energie produzier- te. Diese Informationen wurden von den Pyramiden geheimnisvoll gehütet und waren von den Archäolo- gen und Wissenschaftlern noch nicht in Augenschein genommen worden. Die Sphinx, der Schatzmeister der Anlage, wurde nach heutigem Wissen durch eine 231
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    andere Zivilisation vorden Ägyptern gebaut. Dieser Schatz, also die Anlagen zur Stromerzeugung, befan- den sich in den Pyramiden. Ich wusste, das war starker Tobak für die Wissenschaft. Aber warum sonst sollte das gut sein? Seien wir mal objektiv. Man konnte sich eine Burg bauen, um sich vor Gegnern zu schützen. Man konnte ein Schloss wie Versailles erschaffen, um seinen Wohlstand und seine Macht zu demonstrieren. Man konnte einen Tempel für spirituelle Handlungen erbauen, um zu seinem Gott zu beten. Man konn- te auch ein Denkmal zum Gedenken errichten. Und genau das stellte einen entscheidenden Aspekt mei- ner Theorie dar. Von den uns bekannten ägyptischen Dynastien waren genügend überdimensionale Pha- raonenstatuen und andere monumentale Bauten, wie Tempel und Anlagen, zu bewundern, dazu Unmas- sen von Hieroglyphen an den Wänden der Gräber im Tal der Könige. Aber keine einzige Hieroglyphe oder sonstige Inschrift befasste sich mit dem Bau der Pyra- miden. Nur ein Sarkophag befand sich in der Haupt- kammer der Cheopspyramide, in der ich persönlich gestanden hatte, wo mir nach einigen Minuten ein Kribbeln über den Körper gelaufen war, ein Gefühl wie bei eingeschlafenen Gliedmaßen. War dort einst eine Anlage untergebracht? Wie wir wussten, hatten sich die Könige und Pharaonen im Tal der Könige bestatten lassen. Also, wie war das zu verstehen? Han- delte es sich bei den Pyramiden um den Ort, an dem die Seelen der Verstorbenen aus dem Körper treten sollten? Für diese offenbar bewusste Irreführung hatte ich eine plausible Erklärung. Wie würde man zum Bei- spiel in fünfzehntausend Jahren die Überreste unse- rer Atommeiler mit ihren gigantischen Kühltürmen 232
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    interpretieren? Vielleicht alsKultstätten einstiger Generationen? Wer weiß! Nur eins schien sicher zu sein: Tage später würden sie an der Radioaktivität er- kranken, ohne vermutlich den Grund zu kennen, was dazu führen würde, dass dieser Ort Kultstatus erlangen würde. Handelte es sich bei der oft zitierten Sintflut um eine wahre Geschichte oder um eine Legende? Bedeu- tete dieses Naturphänomen den Untergang fast jeg- licher Zivilisation? Möglicherweise musste man um die Pyramiden herum noch tiefer graben und tief im Schlamm des Nilbetts gründlich nach Hinweisen über die damalige Bevölkerung suchen, die dort vor Tausenden von Jahren verloren gegangen war. Es wurde auch viel spekuliert über Atlantis, aber ir- gendwo musste ein Kern von Wahrheit sein. Hatte gar Platon diese Überlieferung falsch verstanden oder seine Vorstellungskraft versagt? Niemand kannte den genauen Standort. Nach meiner Überzeugung war unsere Erde bereits mehrmals erneuert worden und Atlantis war die dritte Erde, mit dem Wahrzeichen des Dreiecks, welche nach Überlieferung untergegangen war. Dann entstanden auf der vierten Erde, die das Wahrzeichen des Vierecks trug, die Pyramiden, bevor alles Leben wieder durch die Sintflut erneuert wur- de. Das war der Übergang in unsere, die fünfte Erde, welche das Wahrzeichen des Fünfecks oder des Penta- gramms trägt: es gibt fünf Kontinente, fünf Konfessio- nen, es gab seither fünf Weltmächte, davon letztere die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Pentagon. Jeder dieser Zyklen der Erdauflösung und -erneue- rung dauerte jeweils etwa sechsundzwanzigtausend Jahre. Den Gegebenheiten dieser Tage zufolge stand die nächste Erdauflösung, bekannt unter dem Namen 233
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    „Apokalypse“, unmittelbar bevor,welche die sechste Erdenperiode mit dem Wahrzeichen des Sechsecks, auf einer höheren geistigen Ebene einläuten würde. Der Mensch würde ein Fenster in die geistige Welt öffnen können, gleich den Jüngern Jesu, die, in der Erkennt- nis des Geistes, ihren Herrn noch nach seinem Tode sehen konnten. Die Welt würde noch des öfteren ver- gehen bis die letzte Erdauflösung die Menschheit in die höchste Ebene und zur vollständigen Vergeistigung führen würde, d.h. unsere leibliche Hülle überflüssig sein und wir vollständig im geistigen Reich verweilen würden. Wie schon in der Schrift der Schriften er- wähnt wurde: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Unser Leben auf Erden würde zu einer Scheinwelt erblassen und das Reich Gottes würde als die reale Welt erscheinen. Wir waren im Hotel angekommen. Am nächsten Tag trafen wir in Monte Carlo den UN- Generalsekretär im Hotel. Antonia traf kurz nach uns ein und ich machte sie mit den anderen bekannt. „Danke für die Einladung, Herr Brink“, begrüßte uns der UN-Generalsekretär. „So können wir inoffiziell etwas besprechen.“ Nachdem ich ihn mit meinen Kindern und allen an- deren bekanntgemacht hatte, sagte ich: „Darf ich vor- stellen, meine jahrelange Mitarbeiterin, Fräulein Ste- venson.“ „Sehr erfreut“, grüßte Antonia etwas schüchtern. „Ganz meinerseits, Fräulein Stevenson. Sie und Ihr Chef haben wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet“, gab der UN-Generalsekretär freundlich lächelnd zu- rück. 234
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    „Entschuldigen Sie, HerrGeneralsekretär, wenn ich mit der Tür ins Haus falle. Aber es geht darum, dass meine Firma bereits mit dem russischen Geheim- dienst zu Verhandlungen zusammengekommen ist. Die Hintermänner gehören eindeutig dem Staat an, der seine Macht ausbauen will. Dies ist mir von Frau Stevenson gemeldet worden“, erklärte ich. „Das wäre sehr schlimm, wenn das stimmte, aber was können wir tun? Außer der Erörterung am Verhand- lungstisch sehe ich keinerlei Alternative. Und solange wir nicht genug Beweismaterial vorweisen können, sind uns die Hände gebunden“, meinte der UN-Ge- neralsekretär. „Ich stimme Ihnen zu“, sagte León und fuhr fort: „Übrigens der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass es nicht leicht wird, alle unter einen Hut zu brin- gen. Jetzt sind es die Russen, morgen vielleicht die Engländer oder Holländer … Ich bin dafür, dass die UN, sollte ein Staat oder eine Firma bei dem Vertrieb der Energie vertragswidrig handeln, diese sanktioniert und bestraft, beispielsweise mit einer Verdoppelung der Grundkosten der Energie für eine festgelegte Dauer.“ „Die Idee ist nicht verwerflich, aber äußerst brisant, da wir gleichzeitig die Bevölkerung bestrafen wür- den“, meinte Guiglelmo. „Gut, wie dem auch sei, wir müssen Lösungen finden und erörtern“, sagte der UN-Generalsekretär. „Ich schlage vor, das Nötige für diesen Teil der Ener- gieverträge vorzubereiten, damit diese ratifiziert wer- den können, wobei auch das Strafregister Erwähnung finden soll. Nicht dass aus welchen Gründen auch immer wieder alles ins Stocken gerät“, schaltete ich mich ein. 235
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    „Da bin ichmit Ihnen einer Meinung, Herr Brink. Ich bedanke mich. Ich muss leider weiter, die Pflicht ruft. Also, bis in zwei Wochen in New York.“ Er ver- abschiedete sich freundlich. Uns blieb nichts anderes übrig, als der Bürokratie den Vortritt zu lassen, damit in New York in zwei Wochen die Verträge wie besprochen unterzeichnet würden. Doch es lag noch ein weiter und beschwerlicher Weg vor uns. Das Jahr 2013 hatte es in sich.Viele Regierungen und ihre Politiker mussten schwere Entscheidungen treffen, zumal die Ölreserven zusehends abnahmen. Nicht dass man technische Probleme oder logistische Engpässe gehabt hätte. Die Russen jonglierten auf unkonven- tionelle Art mit ihren Gaslieferungen, drehten ohne Hemmungen rücksichtslos und zur Einschüchterung den Hahn zu, wenn nicht der geforderte Preis gezahlt wurde. Bedenkenlos stellten sie sich auch gegen die anderen wirtschaftlichen Großmächte wie Europa und Amerika. Die Chinesen unterstützten klamm- heimlich die Beweggründe der Russen, während die arabischen Länder eher skeptisch zusahen und ihr Ver- halten der letzten dreißig Jahre ändern wollten, da sie jetzt als Atommacht mithalten konnten und ihre eige- ne Energieversorgung in der Kernspaltung sahen. Es herrschte ein ziemlicher Druck im Kessel. Wie sollte man Menschen, die stolz auf ihre Her- kunft waren und andere Religionen für die falsche hielten, aber zum selben Gott beteten und vollkom- men anders dachten, zu einem Dialog der beidseiti- gen Toleranz bewegen? Vielleicht indem man sie auf gleicher Ebene und nicht von oben herab als Dritte Welt behandelte. Man musste nicht nur politische und 236
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    diplomatische Kontakte zueinanderpflegen, sondern engere Freundschaften schließen und bessere Verbin- dungen knüpfen. Nicht dass dies alles gutheißen soll- te, aber die Menschen aus der arabischen Welt waren arm geblieben trotz des immensen Reichtums ihrer Scheichs. Segen war wie auf anderen Kontinenten nur wenigen beschieden. Es roch nach Ärger, und wir mussten alles tun, um zu beweisen, dass es möglich sein konnte, friedlich mit- einander auszukommen, da wir alle dasselbe Bedürfnis hatten. „Auf zu einer besseren Welt!“ Aber der Klima- wandel war sehr weit fortgeschritten. Die Erderwär- mung unumkehrbar. Die Gletscher der Alpen waren bereits seit zehn Jahren verschwunden. Es gab jede Menge Stürme, siedend heiße Tage und tropische Or- kane über Deutschland und dem Osten. Überschwem- mungen standen auf der Tagesordnung. Fakten, die für sich sprachen und flächendeckend über den ganzen Erdball zu beobachten waren. Die Überfischung der Meere hatte uns in eine verteufelte Lage gebracht, die natürlichen Feinde ausgerottet und die Zahl der ungenießbaren Meeresfrüchte und die Quallen ver- zehnfacht. Trinkwasser, inzwischen ein Luxusgut, war teurer als Diesel und Benzin. Wann würden wir den Barrel Wasser an der Börse erleben? Aber leider stellte dies bereits ein Argument zum Führen von Kriegen dar. Energiekonzerne kauften schon seit einem Jahr- zehnt Quellen und Marktanteile, wo sie nur konnten. Man hatte wenig Einfluss alleine gegen diese globalen Riesen. Bei Milliardengewinnen entließen sie Men- schen, die bereits zehn bis zwanzig Jahre die Kohlen aus dem Feuer geholt und den Konzern zu dem ge- macht hatten, was er war, und trotzdem konnte ein Sozialplan nicht die Quittung sein. Die Gewerkschaf- 237
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    ten konnten derEntwicklung nur machtlos zusehen, nur in äußersten Fällen, wie bei der Müllabfuhr oder bei Krankenhäusern, vermochten sie noch erfolgreich einzugreifen. Obendrein bat der Staat jeden Einzel- nen zur Kasse, um die Arbeitslosen zu unterstützen, während die multinationalen Konzerne hemmungs- los ihre Produktionsstätten in Billigländer verlagerten. An oberster Stelle stand der Aktienkurs und nicht die einzelnen Menschenschicksale, die sich bemühten, at- traktive Erzeugnisse zu produzieren, wobei sie täglich der Unsicherheit ihres Jobs ins Auge sahen und der Leistungsdruck enorm war. Der Zweck der Fusionen bestand darin, letztendlich mehr Kapital zu schöpfen und Druck auf den Einzelnen auszuüben, bis alles in einigen Jahren ganz der einen Macht gehörte, nämlich den Banken. Die Daten wurden bereits gesammelt, um jeden Einzelnen zu erfassen, systematisch zu kon- trollieren und für die eigenen Zwecke zu benutzen. Die Politik konnte nichts mehr für unser Wohl und unseren Schutz tun. Dazu kam die Natur: die Umwelt, die Tiere, die Pflan- zen, das Meer und viele anderen biologischen Abläufe auf unserer Erde. Der Glaube stellte neben der Seele und der Vernunft die einzige Hoffnung auf ein bes- seres Leben dar. Es war in unser Erbgut eingegeben worden, einen Gott über uns zu haben und nur ihm, dem Allmächtigen, zu dienen, und nicht irgendwel- chen hochgestellten Menschen. Auch die Atheisten kamen nicht drum herum. Nur der Glaube würde als Gewinner hervorgehen, wenn unsere rücksichtslose materialistische kapitalistische Lebensweise der Erde den Garaus bereiten würde. Geist, Toleranz, Liebe, Gefühl, Moral, all das ging den Bach runter. Wir würden massenhaft Tote und Selbst- 238
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    morde in naherZukunft erleben, da diese Gesellschaft für die meisten nicht mehr lebenswert erschien, denn viele saßen in der Falle. Sie trugen das Brandmal der Überschuldung auf der Stirn und wurden versklavt. Eine andere Wahl hatten sie nicht. Alle Maßnahmen, die der Staat erließ, sollten dem Gemeinwohl dienen, der Kriminalitäts- und Terroris- musbekämpfung. Aber dass wir hierdurch unsere Frei- heit gänzlich einigen wenigen Politikern und Draht- ziehern übergeben hatten, die dank der Informationen mit uns machen konnten, was sie wollten, hätte keiner gedacht. Aber was konnten wir tun? Die Verfassung und der Datenschutz beispielsweise be- stimmten, dass der einzelne Arbeitnehmer nicht durch Videokameras oder sonstige Kontrollen an seinem Arbeitsplatz überwacht werden durfte. Einschüch- terungen waren ebenfalls gesetzeswidrig. Aber die Unternehmen drohten schnell damit, ihre Produk- tionsstätten ins Ausland zu verlagern, was die Frus- tration der Arbeitnehmer noch erhöhte, zumal ihre gewählten Politiker keinen Einfluss auf solche Ent- scheidungen der Konzerne nehmen konnten. Die persönlichen Daten der Menschen wurden sowohl bei den Behörden als auch bei den Geldinstituten, im World Wide Web, den Ärzten und nicht zuletzt bei den Lebensmittel- und Konsumgüterlieferanten sehr gut aufbewahrt. Unterdrückung und Kontrolle konn- ten bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Keine Bargeldabhebung, kein Kauf, kein Verkauf konnten mehr stattfinden, ohne dass Finanzämter, Bankinsti- tute oder Behörden Bescheid wussten. Das Daten- schutzgesetz glich einer Ziehharmonika. Die Kom- munikation über E-Mails wurde überwacht und für längere Zeit gespeichert. Augenirisscan und Finger- 239
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    abdruck jedes einzelnenMitbürgers lagen vor. Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung schien den Politikern und Konsorten jedes Mittel recht zu sein, unbescholtene Bürger präventiv zu überwachen und in zunehmender Unfreiheit zu halten. Mit wel- chem Recht? Ferner ging mir gegen den Strich, wenn Regierun- gen unter der Hand Waffen für Kriege verkauften und die Unverschämtheit besaßen, dann für die Katastro- phengebiete in medienwirksamer Art und Weise um Spenden zu bitten. Dabei hätten sie mit dem Geld für besagte Waffen auf einen Schlag dem Hunger ein Ende setzen oder Hilfe für den Wiederaufbau bereit- stellen können. Armut war ein gewolltes Übel und ein Geschäft. Die Hilfsorganisationen und Unternehmen teilten die Spenden untereinander auf. Schlimmer wurde es, wenn Politiker mit aller Macht in die Ana- len der Geschichte eingehen wollten und gegen alle Regeln der Demokratie verstießen, um ihre Ideale durchzusetzen. Hierfür gab die Geschichte Hunderte von Beispielen. Meine Gedanken jagten wie die Kugeln eines Flip- perautomaten durch meinen Kopf. Ich dachte an das marode Gesundheitssystem, das am allerwenigsten den Patienten half und sie geradewegs in die Psychi- atrie schickte. Menschen töteten für Besitztümer und Kapital. Jeglicher Sinn für die Realität war verloren gegangen, Respekt, Diskretion und Zurückhaltung auf der Stre- cke geblieben. Was war mit unseren Menschenrech- ten? Was geschah mit der Umwelt? Wenn es mir gelang, eine einzige Anlage in Betrieb zu nehmen, könnte ich sehr stolz auf die Mensch- heit sein. Ich war optimistisch und würde alle Hebel 240
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    in Bewegung setzen,die Realisation der Anlage zu fördern, damit wir Energie in Hülle und Fülle hätten. Sie würde unser Sauerstofflieferant sein, zumindest so lange, bis das Klima sich erholt hätte, und zudem den Trinkwasserkrieg stoppen. Mein Handy meldete sich. „Ja, hallo?“, nahm ich den Anruf entgegen. „Sie sind uns noch nicht los. Ich rate Ihnen, die Pläne nicht an die UN zu verscherbeln. Wir können Ihnen viel bieten oder verbieten“, warnte eine männliche Stimme mit deutlich russischem Akzent. „Ich kann mit Menschen, die ich nicht mal kenne, keine Geschäfte machen. Oder wollen Sie mich er- pressen.“ „Sie werden es Ihr Leben lang bereuen, wenn Sie nicht einverstanden sind!“ „Wollen Sie mir drohen?“ „Wie Sie wollen! Sie werden selbst zu uns finden, wenn alles vorbei ist“, sagte er noch, ehe er den Hörer auflegte. Ich stand regungslos da und bemerkte Tommaso, der hereingekommen war und das Gespräch mitverfolgt hatte. „Wer war das?“ „Ach wieder diese verrückten Arschlöcher“, gab ich verärgert zurück. „Anstatt dich zu ärgern, sollten wir mehr herausfin- den und äußerst vorsichtig sein“, riet Tommaso. „Die scheinen langsam die Geduld zu verlieren.Wenn ich wüsste, dass Antonia nichts zustößt, könnte sie uns zu den Leuten führen. Aber ich fürchte, die wissen schon Bescheid, dass sie hier war. Andererseits bleibt mir keine andere Wahl“, versuchte ich mir einzureden. 241
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    Ich musste dieSachlage noch einmal mit ihr durch- gehen, um zumindest die Namen der Hintermänner zu erhalten. In diesem Augenblick klingelte mein Handy erneut. „Ja, wer ist dran?“, fragte ich etwas gereizt. „Jeff, ich bin’s“, krächzte eine heisere Stimme, die ich Sekunden später Antonia zuschrieb. „Antonia, was ist los, wo steckst du?“ Schweigen. „Die Leitung ist unterbrochen“, sagte ich verdutzt. „Sie klang etwas verstört. Ich probier mal zurückzu- rufen.“ Ich drückte die Tasten und wartete vergeblich auf eine Verbindung. „Scheiße! Da ist wieder etwas passiert! Ich rufe im Hotel an, es soll jemand in ihrem Zimmer nachschau- en“, sagte ich etwas irritiert und nervös zu Tommaso. „Gut, ich fahr sofort los, sag Mutti und den anderen Bescheid!“ Ich zog meine Jacke an. „Papa, ich geh mit. Ich lass dich nicht allein.“ „Nein, das muss ich alleine erledigen. Es reicht jetzt. Ich werde die Angelegenheit auf meine Weise re- geln.“ „Wie soll ich das verstehen?“ „So wie ich es sage.“ Ich duldete keine weiteren Er- klärungen. „Ich weiß nicht, ich sollte dich doch begleiten für den Fall, dass etwas erledigt werden muss“, drängte Tommaso weiter. „Also gut, sag deiner Mutter und den anderen Be- scheid. Inzwischen rufe ich den Dienstwagen.“ „Also, bis gleich“, antwortete Tommaso und ging zur Tür. Sobald er weg war, folgte ich ihm und fuhr mit dem 242
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    anderen Aufzug nachunten. Draußen nahm ich ein Taxi zu Antonias Hotel. „Zum Hotel Mira Mare bitte.“ „Gut, steigen Sie ein“, gab der Fahrer freundlich zu- rück. Als er anfuhr, sah ich, wie Tommaso mir nachwinkte und wild gestikulierte. Ich weiß, es war nicht korrekt, aber ich wollte niemanden gefährden. Wenn Antonia entführt worden war, dann musste ich nach Köln ins Werk, um ordentlich mit Gloden und Genossen auf- zuräumen. Was ich übrigens schon längst hätte tun sollen. Aber ich hatte mir erst Gewissheit verschaffen wollen, bevor ich eine Dummheit machte und blöd dastand. Ich würde eine Hausdurchsuchung bei der Polizei beantragen und mir von meinem Anwalt mei- ne Akten aushändigen lassen, dann meine Kündigung einreichen und meine Abfindung einklagen. Draußen wurde es langsam dunkel, es war bereits nach achtzehn Uhr. Ich musste fortwährend an An- tonia denken. Hoffentlich war ihr nichts Ernsthaftes passiert! Wenn sie sich überhaupt noch im Hotel be- fand. Der Taxifahrer faselte von immer höheren Abgaben und Spritpreisen. Er quatschte weiter, bis er merkte, dass ich abwesend war. Vor dem Hotel angekommen sagte er nur noch: „Wir sind da.“ Ich reichte ihm einen Geldschein, während ich auf die Digitaluhr schaute, und sagte: „Ist gut so, danke.“ „O vielen Dank. Hier mein Kärtchen mit Telefon- nummer.“ Ich winkte ab und stieg aus. Als ich die Hotelhalle betrat, sah ich sofort, dass etwas vorgefallen war. Die Türvorsteher diskutierten drin- nen heftig mit dem Zimmerpersonal. In diesem Mo- 243
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    ment erklang draußeneine Sirene. Es handelte sich sicher um die Polizei, die herbeigerufen worden war. Auf dem Weg zur Rezeption hielt mich eine Zim- merbedienung auf und sagte: „Tout le monde est de- hors dans la cour de l’hôtel, Monsieur, vous ne pouvez pas entrer.“ „Was ist passiert?“, erkundigte ich mich. „Es hat wahrscheinlich eine Entführung gegeben, vermutlich eine reiche Dame. Aber Sie dürfen nicht weiter“, fuhr er etwas nervös fort und wollte mich nicht zur Rezeption durchlassen. „Hören Sie, die Dame gehört zu mir, verstehen Sie?“ „O, Pardon Monsieur, was können wir für Sie tun?“, änderte er seinen Ton. „Welches Zimmer hatte sie?“, fragte ich. „Sie liegt bewusstlos auf Zimmer 505, Monsieur, ich werde Sie begleiten.“ „Nein, danke, ich mach das schon. Wo ist der Aufzug? Ach ja, ich sehe schon.Vielen Dank, mein Freund.“ „Einen Augenblick, wer sind Sie genau?“, kam eine feste Stimme von hinten. Ich drehte mich um und sah in die Augen einer älte- ren Dame. „Darf ich Ihren Ausweis sehen, Herr …“ „Können wir die Formalitäten nicht nachher erledi- gen? Es handelt sich um meine Sekretärin.“ „Ja, aber so geht das nicht. Sie müssen sich leider so- fort ausweisen, dann begleite ich Sie zu ihr“, gab sie entschlossen zurück. „Mein Name ist Marie Delvaux, Inhaberin des Hotels Mira Mare, und Sie sind offen- sichtlich Herr Brink, ich habe Sie in den Nachrichten gesehen. Aber trotzdem brauche ich Ihren Ausweis“, verlangte sie stur. Ich versuchte erst gar nicht dagegen anzugehen und 244
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    zeigte ihr meinenReisepass. „Zufrieden, Madame Delvaux?“ „Gut, gehen wir, sie liegt nicht mehr auf Zimmer 505, sondern in meinem Appartement. Die Polizei müsste auch allmählich da sein.“ Wir gingen zum Aufzug, begleitet von zwei jungen Zimmerboys. Wir stiegen ein und der Lift wurde mit einem Schlüssel in Bewegung gesetzt. Oben angekommen sagte sie: „Da wären wir. Jungs, ihr bleibt hier, bis wir wiederkommen. So, Herr Brink, helfen Sie mir die paar Stufen hoch, dann wäre ich Ihnen sehr dankbar. Das Alter ist nichts Schönes, aber was können wir schon dagegen unternehmen?“ Ich reichte ihr meinen rechten Arm. Sie hakte sich ein, bevor wir zu einem riesigen Eisentor am Fuß der Treppen gingen, dann weiter zur Eingangstür, die zur Wohnung führte. „Gut, dass Sie da sind. Sie ist gerade aufgewacht und hat sogleich nach einem Herrn gefragt, dessen Namen ich aber nicht so genau verstanden habe, Trink oder so“, sagte der Hausangestellte oder Butler. „Das ist gut, Herr Brink ist auch da. Dann wollen wir mal sehen, wie es ihr geht“, sagte sie liebevoll. Das Appartement war sehr geschmackvoll eingerich- tet, alles vom Besten aus der Zeit von Roche Bobois, und strahlte ein liebevolles Ambiente aus. Einfach ge- mütlich. Wir gingen durchs Wohnzimmer zu einem Flur und hielten an der ersten Tür an. Ich konnte es kaum abwarten, Antonia zu sehen und all meine Fragen zu stellen. „Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden erwartet, aber nicht erschrecken.“ „Wieso, was ist mir ihr?“ „Nichts, was nicht wieder in Ordnung käme“, erwi- 245
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    derte sie mitruhiger Stimme. „Kommen Sie!“ Ich betrat ein Zimmer, das durch die vorgezogenen Gardinen verdunkelt war. Antonia saß fast aufrecht auf einem komfortablen rustikalen Bett mit einigen Kis- sen im Rücken. Sofort fielen mir die angeschwollene Wange und das Auge auf, obwohl sie sich die Hand davorhielt. „Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte sie tapfer lä- chelnd. „Wie konnte das nur passieren, wer hat das getan, An- tonia?“, erwiderte ich, meinen Groll nur mühsam ver- bergend, und nahm ihre Hand. Sie ließ zu, dass ich sie die ganze Zeit über hielt. „Ist eine lange Geschichte. Sie wollten mir nur Angst einjagen und alles aus mir herausquetschen, wie du siehst.“ Sie musste wieder lächeln und unterdrückte ein „Au“. „Antonia, sei mir nicht böse, aber es ist am besten, du hältst dich ab jetzt aus der Sache raus.“ „Das meinst du nicht im Ernst, Jeff“, gab sie bestimmt zurück. „Zuerst soll ich alles tun, damit wir heraus- finden, mit wem wir es genau zu tun haben – und wenn’s brenzlig wird, soll ich so tun, als wäre nichts geschehen. Das halt ich nicht durch, dazusitzen und abzuwarten. Ich mach weiter. Ich möchte auch wissen wer die Hintermänner sind.“ „Was glaubst du denn, mit wem wir es zu tun ha- ben?“ „Ich glaube, dass wir weiter bei Medpharma suchen müssen. Aber andere ziehen die Strippen“, antwortete sie entschlossen. Ich musste ihr recht geben. Aber Medpharma schien ebenfalls die Finger mit im Spiel zu haben, denn die taten auch alles, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen. 246
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    Ich wollte Antoniamit zu uns nehmen, aber Madame Delvaux zeigte sich nicht einverstanden und wollte Antonia noch ein, zwei Tage dabehalten, bis sie ganz wiederhergestellt war. Ich hatte nichts dagegen, da sie auf jeden Fall hier gut aufgehoben war. Widerwillig gab Antonia schließlich nach. „Antonia, ich komme morgen im Laufe des Tages, um dich abzuholen, einverstanden?“ „Gut, Jeff.“ Ich beugte mich über sie und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. Sie schaute mir tief in die Augen, wo- bei mir ein warmer Schauer durch den ganzen Körper lief. Im selben Moment dachte ich an Teresa und ver- abschiedete mich. Ich musste nachdenken. Sie konnte auf gar keinen Fall mehr ins Werk zurück. Sie sollte bei uns bleiben, in meiner Nähe. Auf der Rückfahrt im Taxi musste ich, wie so oft, an die vielen Missstände auf der Welt denken. 247
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    Meine persönliche Meinung DiePolitik war in allem gescheitert. Man fragte sich, ob man sie noch brauchte. Vielleicht genügten Bür- gerinitiativen, die den kleinen Gemeinschaften um die Ecke wohl gesonnen waren und verstanden, worum es ging. Die Politik indes verabschiedete nur noch mehr unfreiheitliche Gesetze. Der Mensch steckte zwischen Wirtschaftskonsum und Politik völlig fest, wobei jede individuelle Handlung als Verstoß vermerkt wurde. Initiative konnte man genauso wenig zeigen, da die Genehmigungen von vornherein abgewiesen wurden oder mit Bürokratie nur so gespickt waren. Zentraler Punkt war jedoch das Thema Energie. Sie musste zwei wesentliche Faktoren erfüllen, die wirt- schaftlichen und die ökologischen, und für jedermann erschwingbar sein. Die Natur musste fortan höchst schonend behandelt werden, damit wir nicht eines Ta- ges vor noch größeren Problemen standen. Es konnte nicht sein, dass die Politik nichts gegen diesen Raub- bau unternahm, aber die Mehrwertsteuer zum Laufen ihres Apparates erhöhte. Regenerative und saubere Energie stellten ein „Muss“ für die Zukunft dar, damit wir nicht noch mehr Scha- den an der Natur anrichteten. Die Lösung des Ener- gieproblems hatte ich vorgestellt und ganz nebenbei auch das des Sauerstoffs gelöst, ohne den wir nicht überlebten. Die Frage lautete nun: Entschieden wir uns für die Wirtschaft oder die Umwelt. Im ersteren Fall wäre das Schicksal unserer Erde bereits besiegelt und würde bedeuten: weitermachen bis zum Untergang. Wenn wir uns aber für die Natur, unse- re Umwelt und das Leben entschieden, könnten wir weiter existieren, kostete es auch ein Zehntel unseres 248
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    Bruttoinlandsprodukts. Es lohntesich allemal, einen Versuch zu starten und alles wieder in die regulären Bahnen zu bringen. Wir konnten mit sauberer Ener- gie beginnen, den Raubbau der Ressourcen stoppen, den Konsum eindämmen und den Graben zwischen Arm und Reich ausgleichen. Des Weiteren sollten wir genmanipulierte Produkte sofort stoppen, um einer weltweiten Verseuchung entgegenzuwirken und un- absehbar große Risiken für zukünftige Generationen zu vermeiden. Den Hunger auf der Welt konnte man jedenfalls nicht als Argument für diese Lebensmittel vorbringen. Lebensmittel waren zur Genüge vorhan- den, nur musste man sie so verteilen, dass nicht auf einem Teil der Erde der Überschuss auf Müllhalden landete, während der andere Teil hungerte. Die Ver- braucher entschieden schließlich ganz allein, was sie in Zukunft essen und welche Hersteller und Anbie- ter sie sanktionieren wollten. „Back to nature“, auf allen Ebenen. Man sollte von vornherein keine Ge- setze für Produkte verabschieden, die der Natur und dem Menschen Schaden zufügten. Diese Produkte und dieser Abfall durften nicht in den Kreislauf der Natur gelangen, zumal sie nachträglich zwangsläufig mit Chemie entfernt oder neutralisiert werden muss- ten. Ähnliches galt für Medikamente, die früher oder später nur zur Verschlechterung der Gesundheit führ- ten. „Vorbeugen ist besser als genesen“, sei es bei Aids, Lebensmitteln, Rohstoffausbeutung, Fehlplanungen, Verschmutzung, Chemie oder Waffen. Die Menschheit hatte die Kontrolle verloren und beugte sich dem Schicksal, wie andere unsere Hei- mat Erde zu ihrem Zwecke beugten. Auch wenn die heile Welt vielleicht nie existiert hatte, musste unsere Intelligenz uns vor mehr Übel warnen. Oder wollten 249
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    diejenigen, die einesTages übrig blieben, in Steinzeit- manier wieder von vorne beginnen? Sobald die Sauerstoff- und Energieproduktion auch für ärmere Länder gesichert war, konnte man zur Ta- gesordnung übergehen. Was brauchte der Mensch? Unsere Erde stellte genügend Nahrungsmittel zur Verfügung, um alle Erdbewohner zu versorgen.Weiter brauchten wir eine gesicherte Verpflegung und eine Gesundheitsreform. Dann eine Arbeit, eine Aufgabe, einen Beruf und zuletzt ein Heim, um uns selbst zu verwirklichen. Demokratische Institutionen, Ministe- rien, Ordnungshüter, eine UN, die alles zum Woh- le der Menschheit regelte. Grenzenlose Freiheit in puncto Glauben und Traditionen. Auf gar keinen Fall durften wir unsere Wurzeln aufgeben. Die Menschen brauchten nicht auszuwandern, zu flüchten oder in anderen Ländern um Asyl zu bit- ten, sei es aus rassistischen, religiösen oder anderen Gründen. Eine Weltsprache musste her, Gesetze ange- glichen und gleiche soziale Bedingungen geschaffen werden. Ferner: verbesserte Konkurrenzbedingungen, eine Preispolitik, keine Parteien, aber Interessengrup- pen reduziert auf Gemeindeverwaltungen. Naturfor- scher, Geologen, Wissenschaftler, Biologen und viele andere Berufe zur Erhaltung unseres Planeten. Viele neue Arbeitsplätze würden entstehen, neue Berufe, die der Menschheit nützten und nicht der Bereiche- rung. Neue Werte wollten entdeckt werden, ein tole- rantes Miteinanderleben und keine medialen Lügen. Eine vernünftige Ausbeutung unserer Boden- und Meeresschätze. Neue Verkehrs- und Transportpolitik für Land, Luft und Meer. Die Verschmutzung musste durch innovative und wiederverwendbare Produk- te eingedämmt werden, man denke nur an die alten 250
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    Kühlschränke, Verpackungen oderEinkaufstüten. Wir benötigten neue Bepflanzungen und Holzverarbei- tung, eine neue Bauweise und Sanierungsorientie- rung, neue Datenbank- und Datenschutzgesetze, eine neue Verbrechensbekämpfung, neue Waffengesetze, neue Gesetze für die Genforschung. Neue Ethik und Moral. Eine neue Weltordnung war das Entscheidende und ein Neuanfang für die Spezies Mensch, wobei ich mich fragte, ob sie es überhaupt verdiente. Ich per- sönlich wollte auf jeden Fall nichts unversucht lassen angesichts dieser misslichen Lage. Die Kinder und alle anderen hatten bei Teresa auf mich gewartet. Es war bereits kurz vor Mitternacht, als ich mit dem Erzählen der Vorfälle fertig war. Wir kamen zu dem Entschluss, in zwei Wochen in New York bei der UN einen Gesetzentwurf vorzulegen, den der UN-Generalsekretär den angebundenen Staaten vorlegen sollte. Als Vorbild diente das 1958 von Robert Schuman ins Leben gerufene Verfahren für ein wirtschaftliches Zusammenwachsen der EWG, nur mit dem Unterschied, ein weltweites soziales Mit- einanderleben aller Lebewesen zu erzielen sowie die Natur mit einzubeziehen, damit unser Planet nicht als schwer kranker Patient einen Kollaps erlitt. Ich war zuversichtlich an diesem Märztag des Jahres 2013. 251
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    Die Vision einerWelt ohne Profit – WWP Die letzten sieben Jahre waren wie im Fluge vergan- gen und die Anlagen zur Energie-, Sauerstoff- und Trinkwasserversorgung immer zahlreicher gewor- den. Das Ganze nahm allmählich Gestalt an. Aber zu unserem Entsetzen waren die Pole in den letzten zwei Jahren über die Sommermonate komplett eisfrei ge- worden, bis auf wenige Eisschollen. Wir saßen in einer Sackgasse fest. Die Politiker wie die Konzerne hatten wieder Ober- wasser bekommen, denn sie waren der Meinung, nicht allein schuldig an der weiter fortschreitenden Klima- erwärmung zu sein. Stattdessen wurden die nimmer- satten Verbraucher immer mehr verteufelt. Wir befanden uns im Juni des Jahres 2021. Trocken- heit, Dürre und Sommer bis zu 55 °C waren an der Tagesordnung, die Nächte nur 20 Grad kühler. For- scher hatten dieses Szenario Anfang des dritten Mill- enniums vorausgesagt. Die Anzahl der Staubpartikel in der Atmosphäre lag viel zu hoch. Al Gore, der im Jahr 2000 beinahe Präsident der USA geworden wäre, hatte damals mit viel Beifall die Abläufe in seinem Dokumentarfilm geschildert, aber die maßgeblichen Stellen nur gelästert und nichts Konkretes unternom- men. Sogar der UN war nicht mehr zu trauen, seit- dem Lobbyisten zusammen an einem Tisch mit der UN-Behörde arbeiteten. Die Erde hatte schlechte Karten, wobei die Investoren und Bankiers bestimm- ten, wo es lang ging. Die Menschheit spaltete sich in mehrere Gruppen auf. Jeder kämpfte gegen jeden um das blanke Überleben, dabei taten wir so, als wäre alles 252
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    in Butter. Die Behördenachteten nur noch darauf, dass alles nach Plan lief, sowohl bei der Steuerabgabe als auch bei der Polizeiüberwachung. Ihr Anliegen galt schon seit Jahren verstärkt der Bekämpfung des Terrorismus, die bereits Milliarden verschwendet hatte, ohne dass nennenswerte Erfolge erzielt worden wären. Unsere Rechner wurden ständig überwacht. Der einzelne Bürger war zum Arbeitstier und zur Nummer abgestempelt worden. Nur die Besten be- kamen die besseren Konditionen, was Wohnen oder Nahrung anging. Der Rest wurde ohne Eigentum und irgendwelche Kauf- oder Verkaufsrechte gehal- ten. Die Oberen besaßen zumindest eine Wohnung und durften mittels eines implantierten Chips unter der Haut kontrolliert kaufen und verkaufen, verfügten über einen Rechner zu Hause und mussten die gefor- derte Arbeit erledigen. Die Niederen dagegen waren zuständig für die gesamte Produktion und mussten die ganze Logistik der Oberen und der Mächtigen erledi- gen. Sie besaßen keinen Rechner und kein Kommu- nikationssystem. Der implantierte Chip verriet stets, wo sich eine Person aufhielt, was sie tat und sagte. Es gab keine Möglichkeit, je zu den Oberen aufzu- steigen. Gar keine Frage, das Leben war eine Qual für die Oberen und die Hölle für die Niederen. „Du, wann müssen wir wieder zu deinem Sohn? Hast du es vergessen?“, stichelte Teresa. „Ich hab es nicht vergessen. Ich wollte mit Tommaso und den Kindern dieses Wochenende nach Slowenien fliegen zum Angeln. Die prächtigen Forellen warten auf uns.” 253
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    Patrick und Daniel,meine Enkelkinder, waren sechs und vier Jahre alt. Tommaso und Serena hatten 2014 im August geheiratet und waren die Eltern von zwei prächtigen Jungs geworden. Als stolzer Opa genoss ich es, die beiden um mich zu haben. Ich wollte in den Bergen am See Bohins- jko, nahe St. Furzina, wo wir vor einigen Jahren eine Berghütte erworben hatten, angeln gehen. Die Luft war hier noch einigermaßen gut, zumindest besser als in den Niederungen und Städten. „Aber leider geht das nicht, mein Schatz”, antwortete Teresa etwas zynisch. „Und warum nicht?“, fragte ich irritiert. „Weil wir eingeladen sind bei Tommaso und Serena. Jackie und León fliegen nächste Woche zurück nach Kalifornien, sie wollen uns noch mal sehen, bevor sie abfliegen”, erinnerte sie mich. Die Almeidas waren bereits einige Wochen bei ihrer Tochter aus den Staaten zu Besuch. „Jetzt weiß ich’s wieder, du hast recht. Könnten wir denn nicht alle das Wochenende in der Hütte verbrin- gen?”, gab ich sofort als Anstoß. „Das musst du selbst regeln”, erwiderte Teresa keines- falls abgeneigt. „Gut, ich versuch’s.” Ich ergriff die Fernbedienung und drückte die Taste, um per Videoschaltung Ver- bindung aufzunehmen. Die Schaltung wies aber eine Störung auf der anderen Seite auf. „Hallo, ist keiner zu Hause?”, fragte ich, zum Schirm gewandt. „Paps, bist du das?”, kam die rauschende Stimme von Tommaso verschwommen rüber. Kein Bild, nur Schnee. „Ist was mit der Leitung, Tommaso?” „Paps, hier ist etwas Schreckliches passiert. Sie haben 254
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    die Kinder entführtund die Videoanlage kaputtge- schlagen, grrrrr … ich … gr … grrr … ich hab … sie gr… notdürftig repariert. Bleib dran, denn ich kann gr … selber keine … Aufsch… gr … gr … grrrrr … einleiten. Gut, dass du anrufst.” „Was ist los, was ist geschehen?” Teresa hatte das Gan- ze mit angehört. „Warte, lass erst deinen Sohn etwas sagen. – Was ist genau passiert?”, wollte ich inzwischen nervös gewor- den wissen. „Eine Guerillapatrouille war hier … grrrr … hat die Kinder mitgenommen. Ihr müsst die Ordnungshüter rufen … sollen sofort hierher kommen. Mehr kann ich nicht sagen.” Die schon sehr schlechte Leitung drohte nunmehr ganz auszufallen. „Ich werde alles tun, bleibt ruhig. Wir werden auch sofort losfahren, ich erledige alles, bis gleich.” Dann brach die Verbindung ab. Ich wusste nicht, ob er das noch mitbekommen hat- te. Teresa stand neben mir und hielt die Hände beschwö- rend vor den Mund. „Mein Gott!”, stammelte sie und fing an zu weinen. „Ich hoffe, dass sie den Kindern nichts antun!” „Ich verstehe das nicht. Ich hatte mich doch mit ih- nen verständigt”, versuchte ich sie zu trösten. „Wir müssen sofort losfahren, sie müssen etwas herausge- funden haben und machen ihrem Ärger nun Luft”, fuhr ich fort. „Einerlei, es ist eine Sauerei und feige dazu, die Kin- der zu entführen”, sagte Teresa verächtlich. „Ja, hast ja recht. Ich werde mit dem Boss reden.” Ich lief zum Schrank und holte meine Jacke. „Pack ein paar Sachen ein. Vielleicht müssen wir ein oder zwei 255
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    Tage dort bleiben.” Unterwegsphilosophierten wir darüber, was hinter der Entführung stecken könnte. Da es sich bei den Guerilleros nicht um Terroristen handelte, sondern eher um Regimestreiter, die für eine menschliche Welt kämpften, hatten sie vor unserer Familie viel Respekt. Auch wenn kein direkter Kontakt zwischen uns bestand, tolerierte ich in gewissem Maße ihr Vor- gehen. Ich hatte ihre Familien mit Nahrung versorgt und ihnen andere kleine Dienste erwiesen, um ihnen aus ihrer aussichtslosen Lage zu helfen. Die Streiter waren arme Schweine, die manchmal nicht ein noch aus wussten. Andererseits konnte ich jedoch nicht billigen, dass sie mordeten. Ich hatte ihnen mehrmals eine diplomati- sche Lösung vorgeschlagen, sie trauten uns aber nicht. Die Zeiten hatten sich zu sehr geändert. Es war nicht leicht, ihnen und ihrer Familie die nötige Würde zu geben. Sie hatten den Technologien unserer Zeit abgeschworen, da sie glaubten, damit der Kontrolle zu entkommen und sich freier bewegen zu können. Letzteres war jedoch blanke Illusion, schon bald hät- ten wir Daten und genügend Videobilder, um zu er- fahren, wo sie die Kinder verschleppt hatten. Darum musste ich versuchen, mit meinen Möglichkeiten auf die Ordnungshüter einzuwirken, damit kein unnöti- ges Blutvergießen entstand. Früher oder später würde man sie aus ihren Schlupflöchern holen. Sie bestanden auf ihre Freiheit, die sogar wir nicht einmal besaßen. Die so gepriesene freiheitliche Demokratie bekam langsam den Beigeschmack der Unterdrückung. Wir konnten uns zwar frei bewegen, aber nur soweit die Sicherheit für die Unversehrtheit unseres Lebens das vorsah. In meinen Augen war das auch nur eine Un- 256
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    freiheit. Eine Stunde späterstanden wir vor Tommasos Tür. Wir umarmten uns, wobei die Frauen sofort anfingen zu weinen. „Ich kann das alles nicht verstehen“, schluchzte Sere- na, Teresas Hand haltend. Wir umarmten Jackie und León, ehe ich Tommaso fest an mich drückte und ihm auf die Schulter klopfte. „Ich werde versuchen, mit ihnen Kontakt aufzuneh- men, aber das geht nicht per Videoschaltung, da sie keine besitzen. Ich muss leider weg, um ein paar von ihren Leuten aufzutreiben, die mir sagen können, wo die Kinder sind und was sie bezwecken. Überhaupt, haben die Kidnapper noch etwas gesagt, warum das Ganze?“ „Ja und nein. Sie hätten ebenfalls Kinder, die krank seien und auf alles verzichten müssten, deutete einer von ihnen an, worauf der Gruppenführer ihm das Wort verboten hat. Mehr weiß ich auch nicht“, er- klärte Tommaso. „Ich denke da an gesundheitliche Probleme in der Gruppe.Vielleicht wollen sie Medikamente erpressen. Es muss jemand schwer krank sein, der vermutlich eine medizinische Versorgung oder sogar eine Opera- tion benötigt“, erwog León. „Klingt überzeugend, aber ich muss sie ausfindig ma- chen, damit sie uns die Kinder zurückgeben. Doch es wird nicht leicht sein, sich auf ihrem Terrain zu bewe- gen, ohne erwischt zu werden“, deutete ich an. „Sie können mich stattdessen nehmen, aber bloß ihre dreckigen feigen Pfoten von meinen Kindern lassen“, gab Tommaso wütend zurück. Die Frauen standen nur da und sahen sehr mitgenom- men aus. 257
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    „So, ihr bleibtda, ich will sehen, was ich ausrichten kann. Bitte, alarmiert die Ordnungshüter noch nicht. Ich brauche nur zwei bis drei Stunden, um heraus- zufinden, was Sache ist. Okay?  – Wenn ich in etwa fünf bis sechs Stunden nicht zurück bin, ruft ihr Poli- zei und Dr. Stamm von der Uniklinik Bonn. Er kann vielleicht weiterhelfen.“ Dr. Stamm war eine intelligente Person und ein guter Freund der Familie, dem ich seit vielen Jahren sehr viel anvertraut hatte. Ich wusste, er würde helfen, falls die Guerillastreiter ärztliche Hilfe bräuchten. Gleich darauf ließ ich meinen Fahrer mit dem Wa- gen kommen und fuhr los. Ich kam mir vor wie der Hauptdarsteller bei der Verfilmung von Schindlers List, der nun versuchen sollte, die Probleme der Nie- deren zu entschärfen und den Widerstand der Gueril- la zu brechen, damit keine Razzien und Verhaftungen der Strukturgegner stattfanden. Die Zeiten waren, wie gesagt, für die Niederen schon schwer genug. Wir bogen in eine der Straßen ein, wo viele von ih- nen hausten. Sie besaßen nichts. In diese Gegend ka- men nur Ordnungshüter mit gepanzerten Fahrzeu- gen, wenn die Niederen sich verschanzten oder nicht zur Arbeit erschienen. Am Ende der Straße wohnte Alonso Marques da Silva, ein ehemaliger leitender Gewerkschaftler in den Jahren 2006 bis 2012, der aus Portugal stammte. Er leitete die Untergrundguerilla und konnte mir vielleicht sagen, wo man meine Enkel hingebracht hatte. Der Wagen hielt vor einer Blechtür mit der Nummer 1245. Ich stieg aus und klopfte fest mit der flachen Hand gegen die Tür. Nach einer Weile hörte ich eine verärgerte Männer- stimme fluchen: „Ich hoffe, dass du einen triftigen 258
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    Grund hast, michin meiner Ruhe zu stören, ver- dammtes Arschloch.“ Die Blechtür ging einen Spalt- breit auf und ein unrasierter dicklicher Mann lugte hervor. „Ach, Sie sind es, Herr Brink, entschuldigen Sie vielmals. Ich wusste nicht, dass Sie mir so viel Ehre erweisen und mich in meiner bescheidenen Wohnung aufsuchen.“ „Alonso, wie geht’s dir? Ich brauch deine Hilfe, kann ich reinkommen?“ „Aber natürlich.“ Ich drehte mich zum Fahrer, der mir auch sogleich zunickte, um mir zu verstehen zu geben, dass ich ru- hig reingehen könne, während er auf mich warten würde. „Also, ich hab ein Anliegen. Meine beiden Enkel sind von deinen Leuten entführt worden, hat man mir er- zählt. Wie soll ich das verstehen? Und wo sind sie?“, fragte ich barsch, hinter Alonso herlaufend. Er stoppte, drehte sich um und schaute mich verdutzt an. „Sind Sie sicher, Herr Brink, dass es unsere Leute waren? Wie sahen sie aus?“ „Ich hab die Leute nicht selber gesehen, aber mein Sohn kann sie dir beschreiben, wenn nötig. Aber wer soll denn sonst die Frechheit haben, so etwas zu tun?“ Doch im selben Augenblick ging mir ein Licht auf. „Kann es sein, dass wir beobachtet wurden und je- mand uns einen Strick daraus drehen will?“ Alonso schaute mich noch verdutzter an. „Das wäre sehr schlimm, Herr Brink, für Sie und für uns.“ „Nicht auszudenken, was passiert, wenn die davon Wind bekommen haben“, musste ich feststellen. „Ich werde sofort nachfragen, ob meine Jungs daran beteiligt sind.“ Er lief zur Treppe und rief: „Nunes, Nunes! Kommt sofort runter, ich muss euch was fra- 259
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    gen.“ Ein junger Mannkam ans Fenster. Er schaute mich an und erkannte mich sofort, wie ich an seinem auf- leuchtenden Blick sehen konnte. Persönlich kannte ich ihn nicht. Eine Minute später standen zwei junge Leute um die zwanzig vor uns. „Was gibt’s, Papa?“ „Das ist Herr Brink, von dem ich euch erzählt habe, und keine Lügen, klar! Wisst ihr, ob die anderen die Kleinen seines Sohnes entführt haben?“ „Nichts davon bekannt. Und warum sollten wir?“ „Bist du sicher? Könntest du das kontrollieren und bei Mister Ribeiro nachfragen, aber erst heute Abend, nicht jetzt, es darf keiner sehen, dass was im Busch ist!“ „Gut, Papa, mach ich.“ „Wenn du Bescheid weißt, bring eine Nachricht zu Herrn Brinks Sohn Tommaso, aber nicht anklopfen. Nur ein kurzes Gebell, wenn wir nichts damit zu tun haben, im anderen Fall Katzengeschrei!“ „Ist gut, Papa. Kann ich jetzt gehen?“ „Okay, gegen neun Uhr wisst ihr Bescheid. Es tut mir leid, dass ihr bis heute Abend warten müsst, aber si- cher ist sicher. – Wir trauen niemandem, zumal wir bereits Ärger mit den Ordnungshütern wegen des Sohnes meines Bruders haben“, gab mir Alonso zu verstehen. „Wir müssen höllisch aufpassen“, fuhr er besorgt fort. Es konnte wirklich zu einem Riesenproblem für uns alle werden. „Ich verlass mich auf dich Alonso“, ermahnte ich ihn nochmals. „Versprochen, wenn was sein sollte, hörst du sofort persönlich von mir!“ 260
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    Ich konnte mirehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sie die Kinder entführt hatten, nach allem, was ich für Alonsos Sippe getan hatte. Aber wer sonst steckte dahinter? Wollte uns jemand schaden oder wusste von meiner Hilfe für die Niederen? Meine Sorge galt den Kindern und natürlich Tommaso und Serena. Als ich in den Dienstwagen stieg, meinte der Fahrer sofort: „Wir werden beobachtet, Herr Brink, was sol- len wir tun?“ „Wir fahren zurück nach Hause, wohin denn sonst?“, gab ich etwas unfreundlich zurück. „Entschuldigung, es ist nicht persönlich … Ab und zu wird es mir auch ein bisschen zu viel.Wir werden, wie alle, überwacht“, musste ich noch loswerden. Der Fahrer blieb stumm und fuhr Richtung Tomma- sos Haus. Die Gedanken und die Bilder rasten nur so durch mei- nen Kopf. Ich musste an die vergangenen Jahre den- ken. Damals waren sie hinter meiner Energieanlage her. Heute verfolgten sie mich, weil ich den Niederen half. Meine Sympathie für sie und die Anonymen, aber auch meine durchgesickerten Zukunftspläne schienen vielen ein Dorn im Auge zu sein. Am liebsten würden sie mich mundtot sehen, da ich in den letzten Jahren weitere Theorien lanciert hatte, zum Beispiel bezüg- lich der Pyramiden. Anscheinend wollte die Obrigkeit nicht, dass das Ganze publik gemacht wurde. Aber die Publikationen konnte keiner zensieren und sie wur- den von den Wissenschaftlern und Archäologen wei- ter mit großem Interesse verfolgt. Ich hatte über die Pyramiden in den letzten paar Jah- ren weitere Hypothesen aufgestellt. Es lag nahe, dass sie früheren Zivilisationen zu einem bestimmten Zweck gedient hatten. Diese riesigen Bauten mussten eine 261
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    Art Nachricht fürkommende Generationen darstel- len. Wie sollten wir hinter dieses Rätsel kommen, was doch in all den Jahrtausenden noch niemandem ge- lungen war? Sogar den Ägyptern blieb nichts anderes übrig, als sie zu ehren und als ihre Kultstätten zu be- trachten. Die genaue geometrische Struktur von vier gleichen symmetrischen Dreiecken mit einem Seiten- neigungswinkel von 52 Grad entsprach der eines Salz- kristalls. Wollte diese Form uns etwas vermitteln? So viel war klar, dass wir heute mit dem im Salz ent- haltenen Natriumchlorid unsere Energiegewinnung betreiben konnten, was wir der UN und den dama- ligen Regierungen verdankten, die damals vor sie- ben Jahren die Anlagen befürwortet und genehmigt hatten, nachdem eine katastrophale klimatische Erd- erwärmung, die weitere Ausdehnung des Ozonlochs und nicht zuletzt das Schwinden des Sauerstoffgehalts drohten. Nichtsdestotrotz hatten sich radikale und soziale Ver- änderungen breitgemacht, der Faktor Mensch war fast ganz unter die Kontrolle der Mächtigen geraten. Das Desaster war sogar noch unmenschlicher als in George Orwells Roman 1984, da jeglicher Wunschgedanke bereits im Keim erstickt wurde. Man könne froh sein, dass es sich so verhielt, ansonsten wären wir bereits ohne Wasser und Nahrung, und nicht mehr existent, hieß es. Nur durch die einseitigen Sparmaßnahmen war es möglich überhaupt noch zu überleben. Man konnte jetzt Freunde und die Familie virtuell zu sich einladen, virtuell im Park spazieren gehen, virtu- ell im Supermarkt einkaufen gehen und sich anschlie- ßend die Ware nach Hause liefern lassen und vieles mehr. Man schaute sich nicht, wie damals, ein For- mel-1-Rennen an, sondern durfte sogar mitfahren. Der 262
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    Vorteil bestand darin,dass das Ganze ohne Spritver- brauch über die Runden ging und die Helden nur auf dem Schirm bestanden. Alles war bestens geregelt. Wie roch eigentlich Heu oder welcher Duft kam auf nach einem Gewitter im Sommer auf dem Land? Wusste überhaupt noch jemand, was sich hinter Os- tern und Weihnachten verbarg? Mit den Jahren waren viele Traditionen in Vergessenheit geraten. Stattdessen wurden die Menschen mit Konsummist eingeschlä- fert, das Ziel eines jeden Marketingmanagers und Wirtschaftsbonzen. Die Schuld für die ganze Verblö- dung trugen aber auch die Eltern, die Schule und die Medien, die wiederum von den Produktfabrikanten geleitet wurden. Unsere Industrie vergiftete uns mit allem, was man vermarkten konnte. Dem Trinkwas- ser wurden erdenklich viele Stoffe hinzugefügt, sodass es fast kein Trinkwasser mehr enthielt. Dafür bezahl- ten wir horrende Summen, während die Niederen zusehen mussten, wie sie auf dem Schwarzmarkt an anderes Wasser kamen. Die Lebensmittel enthielten Nitrate, Hormone, Geschmacksverstärker, Konser- vierungs- und Farbstoffe bis hin zu Antibiotika, was sie fast zu Arzneien machte. Sie verfügten über ein Süchtigkeitspotenzial wie Nikotin, Koffein, Alkohol und die gefährlichen Nebenwirkungen machten uns kränker statt gesünder. Die Zustände des Jahres 2021 waren unübersicht- lich und korrupt. Die Menschen gliederten sich in die Oberen, die Niederen und die Anonymen, wobei Letztere nicht registriert waren und weit unter jeder menschlichen Würde lebten wie Tiere. Und da gab es noch die Verwalter, die Obrigkeit und die Herr- lichkeit. Eine perfekte Menschenpyramide. Fazit: Eine neue Ordnung musste gefunden werden. 263
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    Der Computer begleiteteuns überall hin und machte uns auf alles aufmerksam, was wir aus Vergesslichkeit falsch machten. Manchmal beschimpfte er uns sogar: „Du sollst dich an die vorgegebenen Ordnungsregeln hal- ten.“ Die Niederen, die einen Modulprozessor besa- ßen, der ihnen den Zugriff auf festgelegte Programme erlaubte, wurden jeden Tag von diesem genialen Idio- ten geweckt. Die Anonymen, früher ganz einfache Leute, Arbeiter, die mit ihrer Arbeit mehr oder weniger ihren Lebens- unterhalt bestritten, lebten irgendwo verstreut in der Unterwelt am Rande der Gesellschaft. Ohne offiziel- le Papiere wurden sie zu Außenseitern, Kriminellen, Asozialen, zu einer Bedrohung für die Andersdenken- den abgestempelt. Eine Zeit lang hatte man sie gedul- det. Heutzutage wurde Jagd auf diese Regimegegner gemacht – sie gehörten schließlich nirgendwo mehr dazu, konsumierten nicht genug zum Wohle der Bes- sergestellten. Mit der Zeit wurden es immer mehr, und das beunru- higte die Obrigkeit. Ein definitiver Plan zur Jagd be- stand nicht, aber er wurde stillschweigend gefördert. Tagtäglich häuften sich die Meldungen von Toten und zerstörten geplünderten Läden und Supermärkten. Die Niederen und Anonymen waren zu einem Schul- terschluss gekommen, um das verhasste Regime zu destabilisieren. Es ging darum, die Strukturen durch Sabotage und dem Einschleusen falscher Nachrich- ten zu durchlöchern, was die Obrigkeit ziemlich ver- unsicherte. Sie mordeten nicht und betrieben keine Selbstmordattentate, arbeiteten aber effektiv, indem sie zum Beispiel Strommasten zum Einstürzen brachten und dadurch ganze Produktionszweige in den Städten lahmlegten. Falsche Daten wurden eingespeist oder 264
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    falscher Alarm ausgelöst,während an anderen Orten der Widerstand ausgetragen wurde. Ein Nervenkrieg, dem keine Armeen oder Ordnungshüter etwas ent- gegensetzen konnten. Mit Gewalt war da ohnehin nichts zu machen. Nichtsdestotrotz wurden von den Regierenden in ihrer Panik horrende Summen bewilligt und absur- de Gesetze erlassen, um die Anonymen in Bedrängnis zu bringen. Kleine Gruppen oder Einzelne wurden gezielt eingeschleust und operierten undercover. Die Obrigkeit sollte langsam Ergebnisse vorlegen, wie man der aktuellen Lage Herr werden konnte. Mehr Freiheit und Selbstständigkeit wurden gefordert, mehr Initiativen zur Verwirklichung des eigenen Lebens. Zwar musste man den Weg nicht gemeinsam gehen, aber zumindest einander akzeptieren und eine Art des Miteinanders ermöglichen. Die Gewalt musste be- endet werden, sei es durch Gesetzgebung oder einen toleranteren Umgang. „Herr Brink, wir sind da“, sagte der Fahrer trocken. „Was? – Ach ja, danke Karl“, kam ich wieder in die Wirklichkeit zurück. Ich brauchte einen Augenblick, um wieder klar zu sehen. „Also, dann halten Sie die Stellung, vielleicht müssen wir noch einiges erledi- gen“, bereitete ich ihn bereits auf weitere Fahrten vor. „Kein Problem, Herr Brink, ich mach das gerne für Sie.“ „Danke.“ Der Agent am Hauseingang begrüßte mich. Ich ging mit einem Kopfnicken weiter. „Hallo, wo seid ihr?“, rief ich, als ich im Flur stand. „Hier!“, hörte ich Teresa von oben antworten. Ich 265
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    ging zur Treppeund sah, wie Teresa sich über das Ge- länder beugte und fragte: „Hast du Neuigkeiten von den Kindern?“ „Teresa, beruhige dich, wir kriegen die Kinder gesund zurück“, machte ich ihr Mut. „Weißt du, wo sie sind?“, erkundigten sich Tommaso und Serena gleichzeitig. „Noch nicht, aber die Kommunikation ist hergestellt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit“, versuchte ich die gespannte Atmosphäre zu entschärfen. Ich erzählte ihnen, ohne Namen zu nennen, dass Freunde sich da- rum kümmern und wir bis spätestens neun Uhr Be- scheid bekommen würden. Das schien sie etwas zu beruhigen. Die Zeit tropfte nur langsam dahin. Es war gegen halb sieben abends, als das Telefon klin- gelte und Tommaso an den Apparat ging. „Hallo, mit wem spreche ich? – Tut mir leid, wir ha- ben seit heute Morgen eine Panne, ich kann sie sehr schlecht verstehen und nur Audio empfangen“, sagte Tommaso, während er erfolglos versuchte, die Frei- schaltung am Bildschirm zu aktivieren. „Ich verstehe Sie sehr gut, Herr Brink. Könnte ich mit Ihrem Herrn Vater sprechen?“ Die Stimme der Frau klang ernst. „Wen darf ich ankündigen?“ „Ich bin’s, Antonia. Ich habe sehr wichtige Neuigkei- ten!“ Tommaso reichte mir sofort den Hörer. „Hallo, wer spricht da? – Mensch, was für eine Über- raschung, wie geht’s dir? Dass ich noch etwas von dir höre! Wo ist Jan?“ „Hier ist alles okay, aber wir haben weit wichtige- re Nachrichten. Wir wissen nämlich, wer die Kinder 266
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    entführt hat undwer dahintersteckt.“ „Was?“,  rief ich erregt. „Woher wisst ihr denn, was hier vor sich geht?“ „Wir haben rein zufällig gerade einen Arbeitsbesuch bei der russischen ProGasPro beendet, bei dem uns und anderen mitgeteilt wurde, dass weiterer Druck auf deine Familie ausgeübt werden soll und endgülti- ge Beweise für dein Doppelspiel in Sache Obrigkeit und Niedere auf den Tisch kommen. Sie wissen von deiner Hilfe für die Niederen und Anonymen und wollen dich aus der Reserve locken, damit du Fehler machst und von den Ordnungshütern auf frischer Tat ertappt wirst. Sie sind scharf auf deinen Untergang und werden alles tun, um dich auszuschalten.“ „So, so, aber warum haben sie die Kinder und nicht mich entführt?“ „Ich denke, sie wollen aus dir keinen Märtyrer ma- chen. Sonst wäre alles dahin, sowohl die geheimnis- volle Formel als auch die weiteren Entwicklungen in puncto Sauerstoff- und Energiegewinnung. Sie möchten dich in Hausarrest sehen, damit du für sie arbeitest. Die Kinder sind nur ein Vorwand und wer- den umgehend freigelassen, wenn du dich freiwillig nach Moskau oder England in die Höhle des Löwen begibst und dich bedingungslos ergibst. – So, das ist alles, was ich in Erfahrung bringen konnte. Ich kom- me morgen früh mit einem Privatjet und hol dich ab. Ich muss leider aufhören, weil ich noch einiges bis zu meinem Abflug zu erledigen habe. Wir sehen uns morgen und reden dann weiter“, beendete sie die Verbindung. Also doch die Russen und nicht Alonsos Leute, stellte ich, einerseits erleichtert, fest. Dennoch musste ich bis morgen eine eigene Strategie entwickeln. Ich erzähl- 267
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    te den anderendie Neuigkeit und erläuterte meinen Plan, der sie allerdings nicht zu überzeugen schien. Aber zumindest bot sich mir eine Alternative, um die Obrigkeit und unsere Widersacher zu täuschen. Auf offenem Feld vermochten diese nichts zu unterneh- men, aber wir konnten einschreiten. Ich ließ mich zu Alonso fahren. Er hatte mir zwei Män- ner organisiert, die mir als Bodyguards dienen sollten und mit denen ich nun in einem zweiten Fahrzeug Richtung Medpharma-Werke fuhr. Ich wollte mich dort mit dem Vorstand treffen und versuchen, einen Dialog zu knüpfen und einen Kompromiss zu suchen. Karl sollte in der Nähe des Werks, aber ungesehen, in unserem Wagen warten und später auf den Anruf von Alonsos Männern hin vorfahren. Nachdem wir vor dem Werktor einer Kontrolle unter- zogen worden waren, durften wir hinein. Drinnen wurde ich von der neuen Sekretärin, Glodens Tochter, empfangen. „Hallo, Fräulein Gloden, wir haben vor einer Stun- de miteinander telefoniert. Ich bin Brink, Jeff Brink“, stellte ich mich vor. „Kommen Sie, Herr Brink, Sie werden bereits erwar- tet. Die beiden Herren können im Warteraum Platz nehmen, wenn sie möchten“, sagte die junge Frau so- fort. „Gut, danke“, antwortete ich. „Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“ „Nicht nötig, ich kenne den Weg zu Herrn Glodens Büro. Sie können aber gerne den Herren den Warte- raum zeigen.“ Sie schaute beide an und nickte. „Gut, kommen Sie, meine Herren, es ist am Ende des Flurs.“ Die beiden folgten ihr, und ich konnte noch sehen, 268
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    wie sie vonhinten festgehalten und chloroformiert wurde. Sie wehrte sich nur kurz, ehe sie bewusstlos in die Knie sackte. Sie gingen mit ihr ins Wartezimmer, während ich mich an ihrem Computer zu schaffen machte. Ich öffnete Dr. Glodens Datei und seinen Terminkalender. Da schau her. Der gute Dr. Gloden hat wichtige Termine mit Moskau und England in den nächsten Tagen. Also weiß er Bescheid, wo sich die Kinder befinden, wenn alles stimmt, was Antonia mir erzählt hat. Und darauf kann ich mich vollstens verlassen. Ich machte mich auf den Weg zum Aufsichtsrats-Kon- ferenzsaal. Im Aufzug waren Kameras installiert, wie ich feststellen musste. Im vierundzwanzigsten Stock stieg ich aus und ging weiter zum Konferenzraum. Es saßen nur vier Leute am Tisch, während Dr. Gloden, mir den Rücken zugewandt, am Fenster stand und auf die Kölner Altstadt und den Rhein schaute, als hätte er mich nicht bemerkt. Als ich nah genug war, drehte er sich langsam um. „Herr Brink, wie schön Sie wiederzusehen! Es ist lan- ge her, seit Sie im Werk waren. Was verschafft mir die Ehre?“ Seine Worte klangen ironisch und triumphie- rend. Er sah sehr mitgenommen und gealtert aus. „Sie wissen, warum ich hier bin. Ich möchte sofort meine beiden Enkel sehen und sie nach Hause bringen!“, sagte ich mit fester Stimme. Die Herren am Tisch zuckten merklich zusammen. Als einer von ihnen etwas sagen wollte, hob Dr. Glo- den die Hand, um anzudeuten, dass er das überneh- men würde. „Dr. Brink, Sie unterstellen uns Kindesentführung! Erstens wissen wir nichts davon und zweitens wollten Sie sich mit uns doch über etwas ganz anderes unter- 269
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    halten“, gab erruhig zurück. „Tun Sie nicht so scheinheilig. Sie wissen, wo die Kinder sind! Sie täten gut daran, sie freizulassen, wenn Sie Ihre Tochter gesund zurückhaben möchten“, ant- wortete ich. „Was hat meine Tochter damit zu tun?  … Wo ist Sie? … Was haben Sie vor? … Was haben Sie mit ihr gemacht?“, brauste er auf und ging zum Tisch, um zu telefonieren. „Ihre Tochter ist in diesen Minuten mit meinen Bo- dyguards bereits unterwegs zu einem geheimen Ort, bis meine Enkel sicher bei ihren Eltern sind. Ist das klar, Herr Gloden? Geht das in Ihr verdammtes Hirn oder haben Sie gedacht, ich würde alles hinnehmen, was in all den Jahren von Ihnen an Intrigen gespon- nen wurde? Aber es liegt in Ihrer Hand. Guten Tag.“ Ich drehte mich zum Gehen um. „Sie sind verrückt, Brink! Das werden Sie mir büßen. Sie und Ihre ganze Sippe, wenn meiner Tochter etwas zustößt“, stieß er wütend hervor. „Ich höre, Sie lieben Ihre Tochter – ja, und wir lieben unsere Kinder. Also, wo stecken sie?“, fragte ich ihn noch einmal. Er blieb stumm. „Ich werde nur einen Tag warten und Sie dann bloß- stellen. Ihre ganze Laufbahn bei Medpharma können Sie dann vergessen. Tun Sie das Richtige“, gab ich im klar zu verstehen. Ich war fest entschlossen, über die UN die Russen und die Medpharma AG zu verklagen; dazu würde ich etliche Beweise auf den Tisch legen. Mit hasserfüllten Augen musste er mit ansehen, wie ich aus dem Saal Richtung Aufzug ging, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Er wusste, dass sein Plan gescheitert war 270
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    und er sichkeine weiteren Fehler erlauben durfte, was sowohl das Werk als auch die Russen Punkte und An- sehen kostete. Die anderen Herren im Aufsichtsrat würden ebenfalls die Mission für gescheitert erklären. Natürlich ahnte er nicht, dass sein Name bei der UN bereits mehrmals in die Kritik geraten war, da er ver- sucht hatte, die Anlagen als zu schwach zu definieren, und angegeben hatte, dank seiner Modifizierungen ein Vielfaches an Energie produzieren und liefern zu können. Aber die UN hatte sich entschlossen, welt- weit kleine Anlagen zu betreiben, um die Sauerstoff- vertreibung besser und gleichmäßiger zu verteilen. In diesem Zusammenhang waren auch nationale Inter- essen in Erwägung gezogen worden. Der Betrieb ei- niger weniger Riesenzentralen wäre zwar billiger und effizienter gewesen, aber auch gefährlicher angesichts der befürchteten Monopolstellung, je nachdem, auf welchen territorialen Standorten sie sich befunden hätten. Die Russen hatten in den letzten Jahren keine Ag- gressionen mehr gegen uns gezeigt, da ihre Öl- und Gasvorkommen reichlich Reichtum erwirtschaftet hatten. Aber seit die UN-Resolution dem Treibhaus- effekt und dem ungebremsten CO2-Ausstoß mit dras- tischen Sanktionen begegnete, schienen die Russen es wieder auf uns abgesehen zu haben. Amerika musste sich zurzeit mit riesigen Problemen herumschlagen, und zwar mit Industriesmog und Un- ruhen in sämtlichen Bundesstaaten. Es drohte sogar die politische und ökonomische Spaltung der „Vereinig- ten Staaten“. Selbst bei der Terrorbekämpfung schien keine Einigung im Senat in Sicht. Ein Übermaß an kapitalistischer Kraft und die Lobbyisten bedrohten Amerikas Demokratie, da man dem sozialen Frieden 271
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    einfach nicht gerechtwurde. Nur das Wort Demokrat lebte noch weiter, doch dass Menschen unter einer so strengen Aufsicht leben mussten, war nicht mehr im Sinne Roosevelts. Europa war noch einigermaßen in seinen Traditionen eingebunden. Dafür schmückte sich der alte Konti- nent mit mehr oder weniger verschleierten Demo- kratien, die die Grundrechte des Menschen vielerorts missachteten. Wie dem auch sei, ich hatte im Augenblick andere Sorgen. Ich wusste nicht, ob der Plan, Glodens Toch- ter aus dem Werk zu schleusen, geklappt hatte. Meine Bodyguards sollten das Werk vorzeitig verlassen mit der Begründung, dass sie anderweitig gebraucht und jemand anders mich abholen würde. Als ich draußen vor dem Tor der Medpharma-Werke stand, war mir wohler. Es hatte sich zu einem nimmersatten, gefrä- ßigen Monstrum entwickelt, das aus Fusionen und überteuerten Produkten, wie Dünge- und Arzneimit- tel, aufgebaut worden war, sich weiter an der Ener- gie der Welt bereichern wollte und auf Kosten vieler immer mehr Einfluss, Macht und Gewinn anstrebte. Medpharmas Strategie, ohne Langzeitstudien phar- mazeutische Produkte auf den Markt zu werfen, war mir immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Nicht weit vom Tor wartete mein Fahrer auf mich. „Ist alles gelaufen wie am Schnürchen. Alonsos Män- ner sind schon eine Weile weg. Ohne großes Aufsehen haben sie mit dem jungen Fräulein im Kofferraum das Tor verlassen.“ Es tat mir leid um Glodens Tochter, aber was hätte ich anders tun können, um meine Enkel zurückzube- kommen? Alonso würde sich schon wie besprochen um ihr Wohlergehen kümmern. Doch das Ganze war 272
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    noch nicht ausgestanden. Ichmusste, sobald ich zu Hause war, den UN-Gene- ralsekretär anrufen und Bescheid geben, dass die städ- tische Polizei weitere Schritte gegen diese Verbrecher, gegebenenfalls gegen den Konzern, einleiten konnte. Ich genoss weltweit diplomatische Freiheiten und Im- munität, denn ich hatte vor Jahren, wie die Obrigkeit, einen speziellen Reisepass erhalten, den ich allerdings nie für private Zwecke und meine Familie eingesetzt hatte. Etwas erleichtert fuhren wir nach Hause zu Tomma- so. Was uns in den letzten Jahren am meisten Sorgen be- reitet hatte, war, dass wir die Ursachen und genauen Zusammenhänge, die den Klimawandel verursachten, nicht verstanden hatten. Keiner hätte in den Fünfzi- ger-, Sechziger- und Siebzigerjahren gedacht, dass die Schadstoffe uns in eine derart verzwickte Lage brin- gen würden. Dazu schrillten die Alarmglocken der Politik viel zu langsam, während es die Wirtschafts- bosse exzellent verstanden, die Situation zu verharm- losen. Daher bestand das Kyoto-Protokoll nur aus Ab- sichtserklärungen und unkonkreten Maßnahmen und auch andere Aktionen hatten nicht zur Reduzierung der Schadstoffe geführt, ganz zu schweigen von den Protagonisten, die das Ganze bewusst als Klimahyste- rie abgetan hatten. Das Ozonloch war größer, die Luft zum Atmen noch dünner geworden, und nur die erneuerbaren Ener- gien nahmen allmählich Form an, da wir keine ande- ren Alternativen kannten. Obwohl es für die Zukunft schlecht aussah, blieb ich optimistisch. Mir taten nur die Leute leid, die zusehends ärmer wurden.Afrika, wo 273
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    einst die Wiegeder Menschheit und das Paradies aller Tiere lag, befand sich in einem so miserablen Zustand, dass jetzt der Sensenmann ohne Ausnahme alles weg- raffte. Dem Kontinent drohte der Kollaps, es gab kein sauberes Trinkwasser, Hunger, Dürre, Stürme, Armut und Seuchen. Ein Teufelskreis, den keiner mehr zu stoppen vermochte. Wir wussten seit Jahrzehnten von dieser Gefahr und hatten dem geschundenen Konti- nent nur falsches Mitleid entgegengebracht. Mittler- weile war damit begonnen worden, viele Tier- und Pflanzenarten nach Europa umzusiedeln, da die Re- genzeiten hier noch einigermaßen das Gleichgewicht der Natur aufrechterhielten, obwohl aufgrund nicht allzu strenger Winter Überschwemmungen an der Ta- gesordnung waren. Sauberes Wasser führte immer mehr zu nationalen und politischen Konflikten; die Türkei zum Beispiel setzte durch Staudämme rigoros ihre nationalen Interessen durch. Die Menschen litten an Magen- und Darmin- fektionen, wobei es die Kinder am schwersten traf. Da der menschliche Körper zu siebzig Prozent aus Wasser besteht, wurde jede Zelle des Organismus angegrif- fen. Es gab kein lebendiges Wasser mehr, nur noch ein hochprozentig verseuchtes, in Aufbereitungsanlagen ständig mit Chemie aufbereitetes, schmutziges Nass. Dabei besaß Wasser ein ausgeklügeltes Erinnerungs- vermögen und speicherte alle relevanten Informatio- nen. Man konnte es nicht waschen – und vor allem nicht täuschen oder hintergehen. Wir hatten uns zu lange im Überfluss des kostbaren Nasses gebadet und es in Zeiten des Wohlstands vergeudet. So wie einst Salz teurer war als Gold, war das Wasser teurer als Diamanten geworden. Sauberes Trinkwasser gehörte zu den Grundrechten und dem Gemeinwohl, dachte 274
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    ich zumindest, aberin dieser Beziehung kämpfte ich gegen Windmühlenflügel. Zu Hause angekommen freuten sich die Frauen, uns wiederzusehen. Uns blieb nun nichts anderes übrig, als abzuwarten, welche Strategie Gloden und die Medpharma AG mit den Russen verfolgten. Ich legte mich ein bisschen aufs Ohr, ehe ich in einer Stunde in unser Haus nach Bonn zurückfahren wollte, weil ich dort besser erreichbar war und im Falle weiterer Entwicklungen näher bei Alonso wäre. Ich schreckte auf, als ich genau über uns einen Hub- schrauber donnern hörte, der im Garten zu landen schien. Ich hörte, wie León sagte: „Das muss für uns sein, er ist hier gelandet.“ Ich stand sofort auf und lief zum Fenster. Die Stim- men draußen wurden vom Lärm der Rotorblätter des Hubschraubers übertönt. Ich lief in den Garten, wo sich alle versammelt hatten und durcheinander- schrien. Der Lautsprecher des Hubschraubers ertönte: „Hallo, wir bringen die Kinder. Bleiben Sie ruhig und ma- chen Sie Platz.“ Wer sind diese Leute und was wollen sie?, ging mir durch den Kopf. Aus Vorsicht blieb ich daher etwas im Hin- tergrund. Die Motoren wurden abgestellt. Nach einiger Zeit ging die Schiebetür auf und zwei Männer stiegen aus, gefolgt von einem dritten, den ich sofort erkannte. Es handelte sich um den EU-Präsidenten Juan da Cun- ha. Ich rätselte, was der bei uns wollte. Wir hatten uns einige Male auf Banketts und anderen politischen Er- eignissen gesehen, aber nie direkt miteinander gespro- 275
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    chen. Er kamauf uns zu und wandte sich an mich. „Herr Dr. Brink, es tut mir leid, Sie und Ihre Familie auf diese Art zu belästigen. Könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen, wenn Sie gestatten.“ Ich konnte nicht so richtig darauf antworten und stammelte: „Wie … wie soll ich das verstehen? Ent- schuldigen Sie, Herr Präsident, worum geht es?“ „Ich wollte die aktuelle Lage bezüglich Ihrer Enkel- kinder erörtern“, sagte er etwas steif. „Was ist mit den Kindern?“, rief Serena und kam auf uns zu. „Alles in bester Ordnung, Frau Brink, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Ihre Kinder sind bereits unterwegs hierher. Herr Weimar, der Aufsichtsratsvor- sitzende der Medpharma AG, hat alles in die Wege ge- leitet. Aber jetzt möchte ich Herrn Dr. Brink kurz sprechen“, erwiderte der EU-Präsident sachlich. „So, wo können wir ungestört ein wenig plaudern?“ Ich traute ihm nicht so richtig, konnte ihm seine Bitte aber auch nicht verweigern. „Herr Präsident, wir können drinnen im Büro meines Sohnes Platz nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Mein enger Freund Herr León Almeida, der ja auch Großvater der Kinder ist, soll mit dabei sein“, äußerte ich, entschlossen das Gespräch nicht unter vier Augen zu führen. „Wenn es sein muss“, antwortete er nur kurz. Wir gingen zusammen ins Haus. „So, da wären wir also, worum geht’s?“ „Die Sache ist etwas delikat, Sie müssen mich nicht falsch verstehen und mir das nicht persönlich neh- men. Ich handele im Namen der Europäischen Re- gierung und möchte Sie bitten, vorsichtig zu sein und die Gesetze der Obrigkeiten zu befolgen. Sie wissen 276
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    nämlich, dass Sie,Herr Brink, eine Schwäche für die Niederen und Anonymen haben, und man will dies nicht länger dulden. Ein weiterer Kontakt würde sie zwingen, Gegenmaßnahmen zu erwägen, bis hin zu Ihrer Inhaftierung und Ihnen nahestehender Perso- nen.Verstehen Sie mich nicht falsch, sollte es zu einer Konfrontation kommen, riskieren Sie Kopf und Kra- gen. So, das war meine Nachricht an Sie. Des Weiteren wollte ich Sie auf unsere Jahrestagung einladen und Sie bitten, eine Rede zum Klimaschutz zu halten mit der Bitte, niemanden zu beleidigen. Da- mit können Sie wieder Terrain und das Vertrauen der Obrigkeit zurückgewinnen. Ich werde Ihnen selbst- verständlich die Einladungen, auch für Ihre Begleit- personen, zukommen lassen. Die Konferenz findet am 29. Juni statt. Also dann, ich muss weiter meine Herren. Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Auf ein baldiges Wiedersehen und vor allem unter anderen Umständen.“ Mir war bis zu diesem Augenblick nichts eingefallen, was ich hätte sagen können, und ich beließ es dabei. „Ich werde mich bei den Obrigkeiten melden“, sagte ich nur und gab ihm die Hand. „Auf Wiedersehen, Herr Präsident.“ León reichte ihm ebenfalls die Hand und fuhr fort: „Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Präsident, bin ich auch mit von der Partie.“ „Kein Problem, ganz im Gegenteil, es würde mir sehr schmeicheln. Tschüss, die Herren.“ Er drehte sich um und verschwand durch die noch offen stehende Tür, bevor jemand ihn begleiten konnte. „Was hältst du von diesem Besuch? Höchst merkwür- dig, nicht wahr?“, fragte ich León. 277
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    „Eins steht fest,sie wissen von deinen Aktivitäten mit den Niederen und Anonymen und haben dir eine Galgenfrist gegeben, da sie kein unnötiges Aufsehen aus der Sache machen wollen. Es scheint eine letzte Warnung zu sein. Auf der anderen Seite wollen sie, dass du dich tiefer in die Forschung des Klimaschutzes und der Erderwärmung einbindest, vermutlich damit du abgelenkt wirst. Im Gegenzug lassen sie dich dann in Ruhe. Du solltest dir das genau überlegen, ob du den Niederen weiter Hilfe zukommen lassen willst oder ob du der Obrigkeit folgst und dich weiter wis- senschaftlich nützlich machst, was letztendlich dein Beruf ist“, resümierte León. Ich verstand seine Sorge, aber den sozialen Aspekt meiner Lebensphilosophie wollte ich dennoch nicht begraben. Bei mir stand der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Interessen der Mächtigen, die mithil- fe der Banken und anderer Einrichtungen über den Datenschutz hinweg seit einigen Jahrzehnten Infor- mationen im großen Stil über ihre Kunden, Mit- glieder, Besucher, Antragssteller, Patienten und der- gleichen gesammelt hatten, obwohl laut Gesetz und der Verfassung für Menschenrechte die persönlichen Daten nur mit Zustimmung der betroffenen Perso- nen verarbeitet, abgespeichert, abgefragt und genutzt werden durften; aber viele Unternehmer fanden im- mer wieder Wege, die Gesetze dreist zu umgehen. Die Politik unternahm gar nichts und setzte noch eins drauf. Also blieb dem Einzelnen keine andere Wahl, als sich zu wehren. Bei den ganzen Geschäftsbedingungen, die sich der Kunde verpflichtete zu akzeptieren, befand er sich stets im Nachteil. Mit immer neuen Produkten und Dienstleistungen, die mit stets derselben Masche ge- 278
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    worben wurden –besseres Produkt, besserer Dienst, der letzte Schrei usw. –, zapften sie immer wieder aufs Neue unser Portemonnaie an. Was geschah eigentlich, wenn beispielsweise keine neuen Automobile mehr gebaut würden, da durch die zunehmende Verarmung kein Geld für solche kostspieligen Anschaffungen vor- handen war? Würden diese Konzerne und Zuliefer- firmen dann schließen müssen? Konnte der Staat die- se fehlenden Steuereinnahmen mit einer zusätzlichen Belastung oder Staatsverschuldung wettmachen? Was passierte, wenn die Weltwirtschaft noch weiter ge- lähmt würde und die Staatsfinanzierung nicht möglich war? Die Folgen konnten wir an einer Hand abzählen: Die Reichen bekämen einige Probleme, während die Armen noch ärmer würden. Die Politik könnte sogar ihre Staatsbediensteten nicht mehr bezahlen, was zu einem Bürgerkrieg führen konnte. Mit Konjunktur- paketen von Milliarden Garantieblasen und Schulden, die von den nächsten Generationen mit finanziert werden sollten, war die Wirtschaft nicht zu stabilisie- ren. Mit einem privaten Darlehen das unsere Enkel- kinder abstottern müssten, waren die Banken doch auch nicht einverstanden. Außerdem waren diese Be- vorzugungskonsumgüterangebote ungerecht gegen- über den anderen Ländern und deren Bürgern. Ein weiterer heikler Punkt war das perfide elektroni- sche Überwachungssystem. Schon seit Jahren konnte man nicht mehr durch London gehen, ohne regist- riert zu werden. Die Möglichkeiten der Videoüber- wachung waren unbegrenzt: an und in öffentlichen Gebäuden, auf Marktplätzen und Bahnhöfen, auf Sportplätzen und um sie herum, in Bussen und Zü- gen, vor und in Banken, in und im Umkreis von In- stituten, Universitäten, Museen, Tankstellen, Straßen, 279
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    Kreuzungen und Autobahnen,Hotels, Restaurants, Cafés, Discos und dergleichen, auf Parkanlagen, in Schulen, in Einkaufzentren, Supermärkten und Shop- ping-Promenaden – halt überall, wo sich Menschen befanden und begegneten. Hierbei handelte es sich um ein schwerwiegendesVergehen und um einen Ein- griff in die Privatsphäre der einzelnen Bürger in einer freiheitlichen Demokratie. Jeder musste das Recht ha- ben, sich in der Öffentlichkeit frei, unbeobachtet und unkontrolliert bewegen zu können. Dazu gesellten sich unverschämterweise die versteckten Kameras am Arbeitsplatz. Ganz zu schweigen von der Speicherung von Telefongesprächen, der Arbeitszeitkontrolle, der Computerüberwachung oder der Zensur des Inter- netzugangs. Man konnte zwar Einspruch gegen die- se Überwachung und Datensammlung einlegen, aber meistens ohne Erfolg. Die Leute wurden immer wie- der vertröstet. Das Einzige, was jedem Einzelnen noch übrig blieb, war, sehr vorsichtig mit den persönlichen Daten umzugehen, öffentliche Stellen zu meiden und ohne die kommunikativen Mittel zu leben. Wir mussten Sorge dafür tragen, dass mehr Gerechtig- keit herrschte, denn Ungerechtigkeit und Machtlosig- keit heizten die Gemüter und die Gewaltbereitschaft an. Diese Welt war ungerecht, und die Menschen wa- ren es leid, dass gewisse skrupellose Machthaber sich einen Dreck um unsere Gefühle und Sorgen scher- ten. Ich wollte alle aufrufen, für eine menschlichere Welt zum Wohle allen Lebens auf diesem Planeten zu kämp- fen,Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen, ob Mensch,Tier oder Pflanze und nicht zuletzt unsere Umwelt, die dabei war, sich für alle Ungerechtigkei- ten zu rächen, die wir ihr und damit uns antaten. 280
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    Ich kam langsamwieder zu mir und bemerkte, dass León mich anstarrte und auf eine Antwort wartete. Ach ja, ich sollte mich wieder als Wissenschaftler prä- sentieren und nicht als Prediger, oder war das nicht die Frage? „Ich hab nicht zugehört, tut mir leid. Worum geht’s?“ Tommaso kam in diesem Augenblick herein. „Wir bleiben hier, bis die Kinder eingetroffen sind. Die Be- gleiter vom EU-Präsidenten meinten, in ein bis zwei Stunden wären die Kinder frei. Die Tochter von Glo- den sollte bis dahin auch wieder zu Hause sein.“ „Gut, wir sollten damit das Kapitel abschließen, ob- wohl mir das nicht gefällt, da mich gewisse Dinosau- rier bei der Obrigkeit flügellahm wünschen; aber die Mächtigen in Russland wollen ja schon mehr als acht Jahre meine Erfindungen, ohne sich an die Regeln zu halten. Wie lange noch müssen wir mit der Angst und Entführungen leben? Man sollte endlich etwas unter- nehmen und die Mächtigen aus ihren Höhlen zerren, angefangen bei Gloden, diesem Neider, Verräter und Speichellecker. Er soll endlich die Hintermänner nen- nen, damit die Obrigkeit sie zur Raison bringt. Oder mehr noch, sie ausschaltet!“ Tommaso und León nickten nur. Doch es schien fast ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, an sie heran- zukommen. Ich sollte mich zurückziehen und mei- ne Memoiren schreiben, schließlich hatte ich meinen Teil zur Rettung unseres Planeten beigetragen. Aber welcher Wissenschaftler, gerechtigkeits- und friedlie- bender Mensch konnte sich von seiner Arbeit zurück- ziehen und zusehen, wie wir untergingen? Wie gesagt, die Politik war nicht mehr imstande, et- 281
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    was zu verändern.Nur die Wirtschaftsbosse und ihre Geldgeber hielten die Zügel in der Hand. Sogar in Kriegsgebieten zogen die Mächtigen heimlich ihre Strippen, indem sie mit Waffenlieferungen diese Krie- ge bedienten; wie beispielsweise der Konflikt zwi- schen der arabischen Welt und den Juden im Nahen Osten, wo dem Blutvergießen kein Einhalt geboten werden konnte. Jeder vernünftige Mensch stellte sich die Frage nach den Hintergründen. Lag es an der Religion, an wie immer gearteten Doktrinen, am Hass, an der Hoff- nungslosigkeit, wenn sich gewisse Völker gegenseitig über Jahrzehnte umbrachten? Die Gegend um das Tote Meer hätte längst schon Totes Land heißen müs- sen, bei all den Tränen und dem Blut der letzten Jahr- tausende. Die Palästinenser wollten Frieden, aber eine Minderheit, die durch das Leid zu einer Mehrheit an- gewachsen war und keine gute wirtschaftliche oder soziale Zukunft erwartete, konnte sich nur vom Hass ernähren. Und gewisse skrupellose Mächte nutzten dies aus. Warum besaßen die Palästinenser überhaupt noch Waffen und vor wem wollten sie sich schützen? Es war nicht glaubhaft, dass Israel Palästina vernichten oder einnehmen wollte, sondern eher ein friedliches Miteinander in einem gemischten Volk wünschte. Leider gab es da irgendeine Macht, die die Palästinen- ser, besser gesagt die Hamas, massiv mit Waffen unter- stützte und den Stachel des Hasses immer tiefer in das jüdische Fleisch einbohren wollte, um sie zu provo- zieren und zu Fehlern zu verleiten. Diese geheimnis- volle Macht würde bald Farbe bekennen müssen. Zu unserem Erstaunen kam sie nicht aus der arabischen Welt. 282
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    Nicht nur inden armen Ländern waren wir nicht im- stande, für sauberes Trinkwasser zu sorgen, dessen Ver- sorgung weltweit zu einem Riesenproblem geworden war. Die Weltenwicklungsfonds und Hilfsorganisatio- nen standen dem vollkommen machtlos gegenüber. Die Unternehmen waren korrupt durch die immer einseitigere, profitorientierte Vorgehensweise, und die Obrigkeit zeigte kein Interesse an Menschen, an denen man nichts verdienen konnte und die zu nichts nutze waren. Eine Weltorganisation für diese Völker wäre dringend nötig gewesen, zumal ihre katastropha- len Systeme bestechlich und ohne jegliche Zukunfts- perspektive waren. Es gaben drei Milliarden Niedere, fast ein Drittel der Weltbevölkerung, die sich mittler- weile nur mit Widerwillen den Tatsachen beugten. Weitere fünf Milliarden mussten mit einem Minimum auskommen. Ferner starben zweihundertfünfzig Mil- lionen Menschen jedes Jahr an Hunger und Krank- heit, davon viele an den Folgen verschmutzten Trink- wassers.Von den Tieren und Pflanzen ganz abgesehen. Afrika und Asien schlugen sich mit Seuchen herum. Die Hauptursachen lagen im Wirtschaftsboom und in der unkoordinierten Abfallentsorgung, wobei der Ab- fall überall herumlag oder in die Gewässer abgeleitet wurde. Der Rest der Menschheit sah dieser Entwick- lung tatenlos zu und überließ sie ihrem Schicksal. Die Jugend hatte keinen Glauben, keine Visionen und keine Vorbilder. Ihr fehlte es an Begleitung, Wissen, Motivation, Pioniergeist, wissenschaftlicher Erzie- hung, Moral und Ethik. Nur die Straße war ihr Zu- hause, wo sie herumlungerte, vom Klauen lebte und Unruhe stiftete.Wo es keine kulturelle Basis sowie so- ziale Bindungen für die Selbstverwirklichung gab, war Selbstbeherrschung und Verantwortung Mangelware. 283
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    Anarchie und Rebellionbestimmten die Tagesord- nung. Solange diese Jugendlichen sich nicht organi- sierten, waren sie harmlos. Doch viele hatten sich zu Banden zusammengeschlossen, in deren Umgebung sich niemand mehr traute. Ihre Eltern hatten sie auf- gegeben. Ganze Metropolen waren seit zwei Jahr- zehnten auf sich selbst gestellt, versanken im Dreck und in der Kriminalität. Schon lange war jegliche menschliche Ordnung verloren gegangen. Aber wir würden uns noch wundern, wenn nicht gleich auf unserem schönen Planeten etwas geschah. Die Konsequenzen würden uns hart treffen. Viele Menschen liefen mit dem implantierten Chip herum, sodass sie so über den ganzen Planeten ver- netzt waren. Ein Handy besaßen nur noch wenige. Doch diese Menschen verhielten sich egozentrisch, materialistisch, waren nur an sich selbst orientiert. Sie fanden Erfüllung nun in dem Motto, man lebt nur ein- mal, und wollten das Leben voll ausschöpfen. Dabei nahmen sie jede Einschränkung in Kauf, Hauptsache, sie konnten bedingungslos dem Konsum frönen. Im- mer das Allerneuste, technisch besser, einfach und be- quem, hieß die Devise. Wir, meine Familie und meine Freunde, hatten bis heute jeglicher Manipulation dieser Art widerstan- den. Nicht wenige hatten solche apokalyptischen Folgen vorhergesagt, womit sie auch Atomschläge, Kriege, Tod, Seuchen und Chaos meinten. Die Veränderun- gen unserer Umwelt und Gesellschaft schritten mit atemberaubendem Tempo voran. Das Ganze hatte eine eigene Dynamik entwickelt. Ich dachte an einen Ausschnitt aus der Bibel, und 284
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    zwar an denzweiten Brief des Paulus an seinen Sohn Timotheus. Hier stand: Du musst wissen, dass die Zeit vor dem Ende sehr schlimm sein wird. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, geld- gierig, großtuerisch und eingebildet. Sie werden Gott und Menschen beleidigen, ihren Eltern nicht gehorchen und vor nichts mehr Ehrfurcht haben. Sie sind undankbar, lieblos und unversöhnlich. Sie werden ihre Mitmenschen verleum- den und hemmungslos ausleben. Sie sind gewalttätig und hassen das Gute. Zu jedem Verrat bereit, sie sind leichtsinnig und werden vom Hochmut verblendet. Sie leben nur für ihr Vergnügen und kümmern sich nicht um Gott. Sie geben sich zwar einen frommen Anschein, aber von der Kraft wahrer Gottesfurcht wollen sie nichts wissen. In diesem Text, der aus einer Zeit vor mehr als zwei- tausend Jahren stammte, stand schwarz auf weiß, wie unsere aktuelle Zivilisation war und was uns erwartete. Wir würden unvermeidlich geradewegs in unser Ver- derben laufen, zumal wir jegliche moralische Vernunft sowie Gottesehrfurcht und Glauben verloren hatten. Stattdessen folgten wir, ohne mit der Wimper zu zu- cken, einer kapitalistischen Schimäre. Nichts konnte mehr darüber hinwegtäuschen, dass es bald zu Ende ging, wenn nicht ein Wunder geschah. Die Börsen, Banken und Großbanken fraßen sich inzwischen gegenseitig auf. Wenn zuletzt nur noch ein Supergebilde übrig blieb, wie sollte dann noch Marktwirtschaft oder Konkurrenz möglich sein? Wir mussten unverzüglich reagieren, ehe es zu spät war – das betraf auch Klimawandel, Ausbeutung, Armut und die kriegerischen Auseinandersetzungen. Kneifen bedeutete das Aus, egal für wen, insbesondere da alle Weltkonferenzen, Gipfel und Klimaberichte, inklusive die der UN und IPCC, seit zwei Jahrzehnten keine 285
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    Ergebnisse zeitigten, sondernnur viel Papier und hei- ße Luft. Aber was konnte der Einzelne ausrichten? Die künst- liche Welt und Konsumgesellschaft schien für viele die einzige Flucht zu sein. Unterhaltung, elektroni- sche Spiele, Fernsehen, schnelle Fahrzeuge und vieles andere mehr. Dabei wollten wir nicht einmal wissen, wohin das führte und was danach auf uns zukam. Stattdessen verleugneten wir die nachteiligen Neben- wirkungen. Aus diesem Grunde konnte ich nicht an eine von Menschen erschaffene Wende glauben, so sehr wir uns auch anstrengten. Als eine Limousine vorfuhr, liefen Serena und Tom- maso zur Tür. Ich hielt mich etwas zurück. Ein älterer Mann stieg aus und kam zum Haustor. Serena drück- te auf die Fernsteuerung und das Tor begann sich zu öffnen. Der Mann lief zurück zum Wagen und öffnete den Kindern die Wagentür. Sofort kamen sie ange- laufen, aufgeweckt wie immer. Sie trugen beide gelbe Jacken. „Mama, Mama, Papi, wir sind wieder da!“, rief Pat- rick, als kämen sie gerade aus den Ferien zurück. Daniel, der ein Spielflugzeug in den Händen hielt, kam hinterher. Man schien sie gut versorgt zu haben. „Oh, wie schön, dass ihr wieder da seid!“ Serena und Tommaso umarmten ihre kleinen Lieblin- ge ganz fest, wobei über Serenas Wangen Freudenträ- nen liefen. Wir standen gerührt daneben. Ich hätte am liebsten alles hingeschmissen und einen Strich unter das Ganze gezogen. „So, ich hab eine Idee: Wir fahren alle gemeinsam in unser Haus nach Slowenien und erholen uns ein paar Tage.“ 286
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    „O ja, Opa!“,rief Patrick. „Ich will auch mit“, schrie Daniel. „Mami, Papi, Opa, Omi, alle, bitte, bitte lass uns sofort fahren. Ich hol meine Gummistiefel, dann gehen wir fischen.“ „Opa, ich nehm mein Fahrrad mit“, sagte Daniel. „Gut. Dann los! – Teresa, ruf bitte den Wagen. León, Jackie, kommt, packt ein paar Sachen ein und ab geht die Post!“ „Gut, wir können dort deine Rede für den Europarat vorbereiten“, meinte León, sichtlich erleichtert. „Hatte ich auch so gedacht“, stimmte ich ihm zu. Die Frauen waren mittlerweile schon mit den Kin- dern nach oben gegangen und packten ihre Sachen. 287
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    Entspannen und Albtraumam Bohinsjkomeer In St. Furzina angekommen ging es mit zwei hybriden Offroadfahrzeugen weiter zur Berghütte am Bohins- jkomeer, wo sich die Frauen gleich daranmachten, das Essen zuzubereiten. Wir Männer mussten etwas Holz fürs Feuer hacken. Tommaso, der dafür gesorgt hatte, dass Glodens Tochter zurück zu ihrem Vater gebracht wurde, wollte tags darauf nachkommen, während Se- rena und die Kinder mit uns geflogen waren. „León, weißt du, ich könnte ganz auf alles verzich- ten und mich mit meiner Familie hierher zurückzie- hen.“ „Glaub ich dir auf Anhieb, ist genau nach meinem Ge- schmack. Ehrlich gesagt, ich fühl mich auf der Farm in Mexiko auch sehr wohl. Der Geist braucht Abstand von den Anforderungen und der uns auferlegten Ver- antwortung“, sagte León melancholisch und reichte mir einen Holzscheit. „Wenn Tommaso morgen kommt, werden wir einen Plan aufstellen. Er soll einen Teil der Untersuchungen übernehmen, so kann ich etwas von der Arbeit ab- geben.“ „Ehrlich gesagt, es wird mir mittlerweile ebenfalls et- was zu viel“, gab León mir recht. „Tommaso kann die regelmäßige Kontrolle der An- lagen übernehmen.“ „Wir müssen nur Jan und Guiglelmo überreden, den Bau der neuen Anlagen inklusive der Fördermengen zu übernehmen“, erwiderte León. „Ich hatte denselben Gedanken. Somit bliebe Raum für unsere neuen Aufgaben.“ León war Experte auf diesem Gebiet, sein Leben lang hatte er die Stelen der Maya und die Pyramiden stu- 288
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    diert. Das größteProblem bildeten die Plünderungen, wodurch viel Wissen nicht mehr aufgeholt werden konnte. Die Grabräuber hatten durch ihre Habgier zwar ihr Einkommen aufgebessert, dafür aber die Ge- schichte für immer unwiderruflich zerstört. „So, genug Holz für den ersten Tag“, sagte ich etwas außer Atem von der anstrengenden Arbeit. „Mach langsam, wir brauchen dich noch“, neckte mich León lächelnd. „Ach, etwas Bewegung tut mir gut, deswegen komme ich so oft es geht hierher. Hier ist weit und breit keine Menschenseele, die Leute scheinen noch kein Inter- esse an diesem Ort zu haben.“ „Du darfst hoffen, dass es so bleibt“, bemerkte León skeptisch. Wir gingen wieder hinein, jeder mit einem Stapel Holzscheite auf dem Arm. „So, meine Damen, wir zünden jetzt den Kamin an, damit wir es schön gemütlich warm haben. Ich be- sorg uns eine Flasche guten Wein.“ Ich wandte mich zu León: „León, was möchtest du trinken? Ich hab da einen alten Médoc aus dem Jahre 2015, was hältst du davon?“ „Klingt gut, ich bin dabei“, antwortete er mit einem Glänzen in den Augen. „Hier finden wir etwas Ruhe“, bemerkte Serena. „Ich freue mich immer auf diesen Ort“, schloss sich Jackie an. „Ich nicht“, schaltete sich Teresa ein. „Warum denn?“, fragte Jackie verwundert. „Die viele Arbeit bleibt immer an mir hängen“, lä- chelte sie. „Nein! Es macht mir Freude, selbst den Haushalt zu führen. Hier will ich keine Haushilfe mitnehmen. Dies gehört zu unserem kleinen Paradies, 289
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    zumal ich endlichmeinen Mann und die Kinder ge- nießen kann. Überhaupt, wo stecken die Kleinen?“ „Sie spielen draußen am Bach“, antwortete Serena. „Ich werde mal nach ihnen schauen“, sagte ich. „León, kommst du mit? Wir setzen uns noch ein bisschen auf die Terrasse und passen auf die Bengel auf.“ „Alles klar“, gab León zurück und griff sich die Fla- sche. Ich schnappte mir zwei Gläser: „Möchten die Damen auch ein Gläschen Wein, bevor wir nach draußen ge- hen?“ „Nein, danke, lieber erst beim Essen“, antworteten sie einstimmig. Da es noch schön warm war, setzten wir uns auf die Bank vor dem Haus. Hier schien alles in bester Ord- nung zu sein: reine Luft, Ruhe und eine herrliche Aussicht auf den See. „Man könnte meinen, wir wären im Paradies, zu Hause dagegen in einem falschen Film“, meinte León nach einer Weile. Ich nickte zustimmend. Schließlich kannte ich die Ecke hier. In manchen Wintern konnte man sogar ein bisschen Langlaufen, eine absolute Besonderheit. So- gar Wölfe hatte ich in manchen Nächten gehört. Dass der Tourismus diese Gegend zum größten Teil aus- sparte, lag daran, dass seit bereits zwölf Jahren keine Baugenehmigungen mehr erteilt worden waren. Das gesamte Gebiet war zum Nationalpark ausgerufen worden und in den Händen eines Milliardärs, der alles für die Erhaltung der Natur tat. „Die Slowenier möchten ihr kleines Ländchen vom Rummel fernhalten“, erklärte ich León. „Ist auch richtig so“, antwortete er. Wir genossen den Wein und den Moment. Drinnen 290
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    hörten wir dieFrauen lachen, sie waren sichtlich ent- spannt. „Manchmal wünschte ich, dass ich mit der ganzen Sa- che nichts mehr zu tun hätte.“ „Wem sagst du das, aber jemand muss sie wachrüt- teln“, versuchte León mir Mut zu machen. „Ja klar, aber mein Ziel ist ein ganz anderes. Aber ich muss noch etwas ausharren, bis gewisse Leute den Ernst der Lage verstehen.“ „Mach dir keine Sorgen, die werden einlenken, wenn alles vor die Hunde geht. Dann haben sie keine Wahl und keine Argumente mehr. Sie werden überrollt“, fuhr León fort. Wir wussten, wovon wir redeten. Um die Menschheit zu überzeugen, mussten wir noch einige grundlegen- de Elemente des Lebens erforschen, ehe wir an die Öffentlichkeit gehen konnten. Wir sahen uns nicht als Retter, sondern als die Überbringer der Botschaft. Zurzeit hätten wir keine Chance, da Exzesse und Er- niedrigungen noch von vielen ertragen wurden. Ein paar kleinere Gruppen versuchten zwar, auf eigene Faust Druck zu machen, wurden aber kurzerhand ent- larvt und mundtot gemacht. Ein solches Ende wollten wir nicht teilen. „Essen ist fertig!“, rief Serena durchs Fenster nach draußen. „Kinder, kommt, Hände waschen, das Essen steht auf dem Tisch, schnell, der Erste bekommt von Opa nach dem Essen ein Messer geschnitzt.“ Daniel kam sofort und drückte sich an mich. „Opa, ich will auch ein Messer.“ „Patrick, komm jetzt, deine Mutti hat gerufen“, sagte León. „Nein, ich will nicht essen, hab keinen Hunger“, kam seine weinerliche Stimme. 291
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    „Du kommst sofortrein und Hände waschen, hopp, hopp“, warnte Serena und kam zur Tür. „Er isst sehr schlecht und ist faul.“ Nach einigem Hin und Her saßen wir schließlich alle am Tisch und genossen das Abendessen bei offenem Kaminfeuer. Danach zogen León und ich uns wieder auf die Terrasse zurück. Als die Kinder zu Bett ge- bracht worden waren, gesellten sich die Frauen zu uns. Wir diskutierten über die letzten Ereignisse und die Entführung der Kinder sowie die Bedrohung unserer Familie und Freunde.Wir mussten, angesichts der Ver- folgung und dem Risiko, entdeckt zu werden, besser achtgeben und eine neue Strategie entwickeln. Später am Abend nahm ich noch Kontakt mit Tom- maso und Marcella auf, die tags darauf zu uns stoßen wollten. Jan und Antonia hatten auch zugesagt, dieses Wochenende vorbeizuschauen. Was die Rede für den EU-Rat betraf, fiel es mir schwer überhaupt noch motiviert Stellung zu neh- men, da ich von diesem Vortrag keine nennenswerten Erfolge oder ein Einlenken der Obrigkeit erwartete. Viel lieber war ich bereit, bei der Weltreligionskon- ferenz in New Delhi vorzusprechen, für die ich eine Einladung erhalten hatte. Hier konnte ich sinnvoller auf unsere Weltanschauung eingehen. Der Glaube war unserer Familie sehr wichtig, während die täglichen Überlebensprobleme einer Vielzahl von Menschen keinen Platz für Glaubensfragen ließen. Andere be- nutzten ihn, um das Töten im Namen Gottes einfach und bequem zu rechtfertigen. Wiederum andere bas- telten sich eine Art Religion oder einen Glauben zu- sammen. Wir jedoch mussten wissen, dass wir Gott und unseren Nächsten lieben sollten, und dazu ge- hörte nun einmal auch der Feind, hierin lag die Stärke 292
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    des Glaubens. EineFrömmigkeit, die nur dazu diente, sich abseits des Geschehens aufzuhalten, reichte nicht aus. Man musste ohne Zaudern und Zweifel dazu ste- hen und den Herrn nicht verleumden. Die Gesetze der Menschen waren oft zum Nachteil der Menschheit willkürlich umgeändert worden, was sie nicht gerade glaubwürdig machte. Es konnte nicht sein, dass wegen relativ weniger Extremisten oder Ter- roristen Datenschutzgesetze und Verfassungen ganzer Nationen umgestaltet und die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Die Politiker und unsere Ge- setzeshüter glaubten aber, das ganze Volk unter Kont- rolle zu bekommen, indem sie Gesetze zum Nachteil von Millionen Bürgern ständig anpassten, die kein Verständnis hierfür zeigten, wobei sie gewisse mili- tante Gruppen regelrecht ins Ungesetzliche trieben. Passkontrollen, Fingerabdrücke, DNA-Proben, Über- wachungskameras, Abhören … – und das wegen ei- niger weniger Kriminellen. Würden sie ihre Arbeit gewissenhafter angehen, wäre dies nicht nötig. Und wer überwachte die Überwacher? Es gab in der Poli- tik genug Kriminelle und Drogenabhängige, wie auf einzelnen Toiletten der Behörden nachgewiesen wer- den konnte. Hingen hier etwa auch überall Überwa- chungskameras? Sogar die Heilige Schrift wurde so zurechtgestutzt, dass sie diesem oder jenem in den Kram passte. Es gab keinen Staat auf diesem Globus, der sich nicht in ir- gendeiner Weise schuldig gemacht hatte.Vieles wurde nach parteiischen Ansichten dogmatisch abgeändert. Die letzten Jahrzehnte waren die Nationen nach Wachstumserwägungen und wirtschaftlichen Aspek- ten geführt worden. Sogar das kommunistische Chi- na hatte aus ökonomischen Gründen dem Kapitalis- 293
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    mus den Vorzuggegeben, nach jahrelangem Drängen der westlichen Welt. Was sich menschenrechtlich als Riesenerfolg erwies, aber klimatisch negative Konse- quenzen für uns alle hatte, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Nachteilen für die Amerikaner, Europäer und für andere wirtschaftlich starke Län- der. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Chinesen in einer Art Diktatur gefangen gewesen, nun aufgeteilt in Arm und Reich. Wo einst soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Einigkeit gelehrt und gelebt wurde, befand sich nun die Kloake der Menschheit, die sich ohne Hemmungen austobte, als müsste sie alles Ver- säumte nachholen. Die Folge: ungebremster Konsum und CO2-Ausstoß, Verschandlung der Landschaften, Verdrecken von ganzen Regionen, Zerstörung von lebenswichtigen Wasserreserven und der Natur. In vielen Bereichen hatten sie in ihrer materialistischen und kapitalistischen Ideologie sogar die USA über- holt und all ihre Prinzipien über Bord geworfen für ein Stück materielles Glück. Die Weltbörse und die Weltbank konnten nicht genug davon bekommen. Sogar Europa war in den Schatten dieser Ideologie geraten. Man kaufte alle Ressourcen weltweit auf, ohne Rücksicht auf irgendwelche irreparablen Schä- den. Wer vermochte sie zu stoppen und wie? Solange die Mächtigen und die Obrigkeit dahinter weiteres Konsumpotenzial und steigende Aktien und Märk- te rochen, waren sie nicht aufzuhalten. Alle wollten mit China in Handelsbeziehungen treten, was zu Be- stellungen in astronomischen Größen führte und den Druck auf die westliche Wirtschaft, ihre Börsen und nicht zuletzt auf die westliche Beschäftigungslage er- höhte. Ängste vor dem Verlust des eigenen Arbeits- platzes kamen auf. 294
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    Damals, als eslosging, war uns bereits klar, dass uns ein Albtraum ins Haus stand. Aus offenbar unerschöpf- lichen Kapitalressourcen kauften sie alles auf. Die Börsen und Banken gehörten ihnen bereits voll und ganz, was auch für den afrikanischen Kontinent galt, den sie scheinbar auf partnerschaftliche Art und Wei- se infiltrierten. Afrika, dieser wunderschöne tier- und traditionsreiche Kontinent, war seit Jahrtausenden ein ausgebeuteter Erdteil. Ich hätte mir gewünscht, hier eine Staatengemeinschaft wie Europa zu erschaffen, mit mehr Sozialsinn und Zusammengehörigkeit unter den Völkern. Aber die Ausbeutung der Rohstoffe stand an erster Stelle und nur die regierende Elite hatte das Sagen. Angesichts der höchsten Kriminalität auf unserem Globus und der erschreckenden Armut waren die Afrikaner dankbar für jede noch so kleine Hilfe. Unser Herr, der Allmächtige, musste sich die- sem Volk annehmen, denn die Obrigkeit interessier- te das Volk nicht. Die Wasserversorgung lag in ihren Händen, die medizinische Versorgung war abhängig von Spenden, und die Medikamente waren abgelau- fen, falls überhaupt welche zur Verfügung standen. Das ganze Leid würde eines Tages in Gestalt von Seuchen zu uns herüberschwappen, wenn wir nichts dagegen unternahmen. Infolge des ziemlich anstrengenden Tages waren wir an diesem Abend nicht allzu spät zu Bett gegangen. Am Morgen wurde ich vom Motorengeräusch eines herannahenden Helikopters wach. Es war kurz nach sieben in der Früh, als ich auf die Uhr auf dem Nacht- tisch blinzelte. Wer konnte das sein? Jan mit Antonia? Ich rappelte mich aus dem Bett und ging zum Fenster. Ein zweiter Hubschrauber näherte sich ebenfalls. 295
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    Ich traute derSache nicht und rief Teresa zu, die noch friedlich im Bett schlummerte: „Teresa, weck all die anderen und zieht euch was über, schnell! Ich bin hin- ter dem Haus und lass den Motor des Autos anlaufen, beeil dich!“ „Was ist denn los?“, murmelte sie halb schlaftrunken. „Ich weiß auch nicht, sondern nur dass da draußen zwei Hubschrauber sind.“ Sofort war sie hellwach. „Was bedeutet das?“, sagte sie erschrocken. „Schnell, weck die anderen und zieht euch was an!“, wiederholte ich meine Anweisungen. Ich zog schnell Hose und Hemd an und lief nach unten. Auf der Treppe kam mir León entgegen. „Was ist das für ein Höllenlärm da draußen?“, schaute er mich fragend an. „Weiß auch nicht, wir müssen uns schnell in Sicher- heit bringen – ruf Jackie und Serena. Sie soll die Kin- der anziehen, schnell beeilt euch, ich starte den Mo- tor!“ „Verdammte Scheiße!“, fluchte León und verschwand in sein Zimmer. Er war noch im Pyjama, aber er hatte die Gefahr sofort erkannt. Ich lief zum Schrank und holte meinen Karabiner aus früheren Tagen, den ich zum Schutz vor gefährlichen Tieren hier aufbewahrte. Ich steckte eine Schachtel Munition in meine Jackentasche und lief nach drau- ßen, um zu sehen, wer uns in so früher Stunde aus dem Bett geschmissen hatte. Aus meinem Versteck im Gebüsch konnte ich sehen, wie der erste Helikopter etwa zweihundert Meter von der Hütte abdrehte und hinter den Bäumen verschwand, während der zweite Hubschrauber etwa fünfhundert Meter entfernt hin- ter den hohen Fichten runterging. Ich konnte jedoch 296
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    nicht genau sehen,ob er gelandet war. Komisch dachte ich. Wer sind sie? Gut, dass ich so einen leichten Schlaf hatte. Ich lief zum Wagen und ließ den Motor laufen. Jackie kam mit Serena und den Kindern durch die Hintertür nach draußen. „So, ihr bleibt mit den Kindern im Wagen. León, setz du dich hinter das Steuer! Ich werde mich näher an die Hubschrauber heranpirschen, um zu sehen, was los ist. Wo steckt Teresa?“ „Kommt sofort, sie wollte noch einiges einpacken“, versicherte mir Serena. „Wenn ich einen Schuss abgebe, fährst du sofort los, León. Runter nach St. Furzina und meldest dich bei der Gaststätte, Teresa weiß Bescheid, wo die liegt. Ihr versucht dann, mit Tommaso und Jan Kontakt aufzu- nehmen. Teresa kennt die Abkürzung durch den Wald, der Weg ist zwar etwas holpriger, aber der Hubschrau- ber kann euch nicht so leicht verfolgen und zwischen dem Gestrüpp und den hohen Bäumen nicht lan- den.“ „Jeff, was willst du tun, komm einfach mit.“ „Nein, erst will ich herausfinden, um wen es sich bei den Leuten handelt.“ „Spiel nicht den Helden, hörst du“, erwiderte León. Er hatte Verständnis für meine Vorgehensweise. Wir mussten wissen, mit wem wir es zu tun hatten. Geballte Wut stieg in mir auf. Ich hatte noch nie eine Waffe auf einen Menschen gerichtet, aber ich war be- reit, mich zu verteidigen. Es reichte. „Also, bis gleich.“ Ich lief geduckt durch das Dickicht in Richtung Rotorblättergeräusch. Zwischen Laub und Geäst konnte ich den ersten Hubschrauber auf einer Lichtung ausmachen. Die Motoren liefen noch. In diesem Augenblick sprangen zwei vermummte 297
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    Männer aus demHelikopter. Sie trugen Waffen in den Händen. Verdammt, was mach ich jetzt, ging mir durch den Kopf. Soll ich sofort einen Schuss abgeben oder noch einen Moment abwarten? Sie schlichen durch das Dickicht genau auf mich zu. „Scheiße, auch das noch“, zischte ich leise. Sie befanden sich noch etwa fünfzig Meter von mir entfernt; langsam musste ich etwas unternehmen. Ich schaute mich um. Ich war etwa zweihundert Meter vom Haus entfernt und konnte nur einen Teil davon sehen. Da sah ich auf dem Boden einen Stein liegen. Ich hob ihn auf und dachte nach. Zum einen konnte ich versuchen, sie abzulenken, zurücklaufen und mit den andern ins Dorf fahren, um Hilfe zu holen. Zum anderen wollte ich mich nicht immer geschlagen ge- ben und ausweichen. Wut und Ärger hielten mich an Ort und Stelle fest, unfähig, etwas zu tun. Als sie sich bereits auf zwanzig Meter genähert hatten, warf ich den faustgroßen Stein über beide hinweg Richtung Hubschrauber, wobei ich einen Baumstamm traf, so- dass es ein dumpfes Geräusch gab. Dann fiel er zwi- schen den Ästen und den Blättern zu Boden. Sofort drehten sich beide um und hielten die Waffen im An- schlag. „Was war das?“, konnte ich hören. „Es kam vom Hubschrauber“, antwortete einer der beiden. „Wir müssen zurück, nicht dass jemand sich an dem Hubschrauber zu schaffen macht“, sagte sein Beglei- ter. Ich nahm den Karabiner in Anschlag und feuerte zwei Schüsse hintereinander, damit León nicht los- fuhr. Einer der beiden Schüsse traf den Hubschrauber so unglücklich, dass er in Brand geriet und Sekunden 298
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    später mit einemriesigen Knall in die Luft flog. Der Feuerball schoss über die Bäume empor hoch, wobei die Explosion eine solch enorme Druckwelle auslöste, dass Bodenspritzer in meinem Gesicht landeten. Ich konnte in dem ganzen Getöse und der Wucht der he- rumfliegenden Teile das Geschrei der Männer hören. Sie mussten etwas abbekommen haben. Auf dem Bo- den liegend verhielt ich mich ruhig und lauschte. Ich vernahm ein Wimmern inmitten des Getöses, das das lodernde Feuer des Hubschraubers machte. „Sergej, wo steckst du, es hat mich erwischt!“ Als kei- ne Antwort kam, rief er: „Sergej, hörst du? Was ist mit dir? Scheiße, sag doch was?“ Er stöhnte immer mehr, und ich sah, wie er versuchte aufzustehen. Seine Klei- dung war zerfetzt, und er blutete stark, wobei er mit einem Bein über den Boden schleifte. Er hatte die Waffe fast erreicht, da bewegte ich mich schnell auf ihn zu und richtete meinen Karabiner auf ihn. „Ich würde das schön lassen, mein Freund!“ Er drehte sich ruckartig um und stammelte: „Mister, nicht schießen.“ „Wer seid ihr?“, fragte ich scharf. Ich schaute rüber zu dem anderen, der mit dem Gesicht zur Seite lag und offenbar schwer durch einen Ast getroffen war. Er rührte sich nicht, als ich ihn mit dem Fuß anstieß. „Es scheint ihn ziemlich schlimm erwischt zu haben. Eigene Schuld, was sucht ihr hier, komm, raus mit der Sprache.“ „Wir hatten einen Auftrag, aber mehr kann ich nicht sagen.“ „Das werden wir ja sehen.“ In diesem Augenblick flog der zweite Hubschrauber über unsere Köpfe Richtung Haus. Blitzschnell hob ich das Gewehr, um auf den Hubschrauber zu zielen. 299
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    Im selben Augenblicksah ich aus dem Augenwinkel, wie sich der Typ auf die Pistole schmeißen wollte. Reflexartig schoss ich auf ihn und traf seinen Ober- schenkel. Er schrie wie am Spieß. Gleichzeitig hörte ich, wie Schüsse beim Haus fielen, und sofort darauf ertönte eine Detonation. Ich lief rüber zu dem Typen und verpasste ihm mit dem Kolben des Karabiners einen Schlag gegen den Schädel. Er fiel ohne einen Laut in sich zusammen. Dann rannte ich zum Haus, ohne mich umzudrehen. Ich konnte noch gerade se- hen, wie der Hubschrauber abdrehte und hinter dem Gipfel der Bäume verschwand. Ich lief weiter hinter das Haus und sah, wie León aus dem Wagen stieg und auf mich zulief. „Nur weg hier“, rief ich ihm zu. „Ich komme zu Fuß nach – fahrt los, wenn die zurückkommen, sind wir dran, die machen Ernst. Ich habe einen der Hub- schrauber erwischt, und es sind noch zwei Typen da, der eine ist verletzt und der andere bewusstlos, scheint mir. Ich will herausfinden, wer sie sind.“ „Jeff, hör auf, den Helden zu spielen“, rief Teresa aus dem Wagen. „Komm mit, wir fahren zusammen ins Dorf und ho- len Hilfe“, mischte sich León ein. „Nein, ich muss den beiden noch einige Fragen stel- len und nach den Verletzungen sehen. Ich hol Ver- bandzeug.“ Teresa stieg aus dem Wagen und kam auf mich zu. „Ich lasse nicht zu, dass man dich umbringt, du alter Esel. Siehst du denn nicht, wie egal ihnen das ist. Sie entführen Kinder und ballern auf uns. Seit Jahren sind sie hinter uns her, und da willst du die Schurken noch verpflegen. Also so ein sturer Bock ist mir noch nicht untergekommen.“ 300
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    „Nein, damit lebstdu seit dreißig Jahren zusammen“, erwiderte ich spontan. „Ich will nur herausfinden, wer hinter dem Ganzen steckt.“ „Dein Kameradenschwein Gloden, wer denn sonst, und die Hintermänner von der Medpharma AG mit ProGasPro – was willst du denn noch mehr wissen“, meinte León. „Ich vermute, dass auch die Staroil ihre schmutzigen Finger mit ihm Spiel hat“, fuhr er fort. „Bitte kommt jetzt!“, rief Serena uns beiden zu. Jackie weinte vor Angst und schluchzte: „Wir sollten kein weiteres Risiko eingehen. Bitte, lasst uns schnell wegfahren von hier! Lasst uns wenigstens ins Dorf fahren, bis Tommaso und Jan da sind.“ „Ihr bleibt im Hotel und wartet dort“, sagte ich be- stimmt. „Ich muss noch nach den beiden Verwunde- ten sehen. Anschließend werde ich die Ordnungshüter rufen, damit sie die Burschen abholen und herausfin- den können, was der Überfall auf uns zu bedeuten hat.“ Ohne ein weiteres Wort lief ich vorsichtig zurück zu der Stelle, wo ich die beiden Verwundeten verlassen hatte. Der Mann, den ich niedergestreckt hatte, war verschwunden, und die Waffe auch, die ich vergessen hatte, mitzunehmen. Ich musste vorsichtig sein und sofort handeln. Der andere Mann atmete nicht, wobei aus der klaffenden Kopfwunde viel Blut geflossen war. Er schien tot zu sein. Ich lief zurück zum Haus. „León, hört mal alle zu! Einer der Männer ist tot, der andere spurlos verschwunden; aber er hat eine Waffe dabei. Ich schlage vor, dass ihr jetzt losfahrt, während ich versuchen werde, Tommaso zu erreichen oder Jan, dass sie in St. Furzina im Hotel absteigen. Es tut mir leid, dass es nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vor- gestellt haben. Diese Schweinehunde lassen uns ein- 301
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    fach nicht inRuhe; diesmal gibt es bei der UN einen Bericht. Der EU-Präsident soll sich der Sache end- lich annehmen“, redete ich mir die Wut von der See- le. Was konnten wir sonst unternehmen? „Ich werde denen niemals meine Formel preisgeben – und wenn es meinen Kopf kosten sollte.“ „Jeff, hör auf, du gehst mit!“, meinte Teresa mit fes- ter Stimme, keine Kompromisse duldend. „Ich werde nicht zulassen, dass du hier allein zurückbleibst. Wir schließen ab und fahren mit beiden Wagen zurück nach Hause. Ich will hier weg. Ruf Tommaso und Jan an und sag ihnen, dass wir zurück nach Hause fliegen. In Bonn sind wir etwas sicherer vor diesen Verbre- chern.“ Sie hatte recht. Ich durfte uns alle nicht noch weiter in Gefahr begeben. „In Ordnung, also ihr packt, während León und ich aufpassen und alles aufladen“, stimmte ich zu. „So …,“ sagte León sichtlich erleichtert, „endlich wirst du vernünftig, mit Emotionen richten wir hier ohnehin nichts aus. Wenn die etwas vorsichtiger ge- wesen wären, wären wir jetzt alle tot. Sie sind zu dicht an das Haus geflogen und der Wind stand günstig für uns. Wir haben Glück gehabt, mein Freund, lass uns das Schicksal nicht herausfordern und schleunigst zu- rückfliegen.“ „Gut, entschuldigt bitte, aber ich hatte mich so auf dieses Wochenende mit euch allen gefreut.“ 302
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    Zwei Wochen späterin Bonn Die EU-Einladung für die am 29. Juni 2021 statt- findende Klimaschutzkonferenz war mir zugeschickt worden. Ich hatte es mir anders überlegt und wollte teilnehmen, trotz der mir anempfohlenen Einschrän- kung, verschiedene Namen nicht zu erwähnen. Es handelte sich um ein europäisches Gipfeltreffen, an dem auch andere als Beobachter teilhaben durften. Die Meldung, dass die Engländer einen weiteren Schritt zum Selbstschutz gesetzlich durchgeboxt hat- ten, traf Europa schwer. Damit Ruhe herrschte, wollte man von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens eine generelle Ausgangssperre für die Niederen und An- onymen verhängen. Ein kompletter Überwachungs- staat reichte ihnen nicht aus, jetzt kam auch noch ein Ausgehverbot hinzu. Dem, der sich widersetzte, droh- ten Haft und weitere Sanktionen. Die Kinder wurden ihnen genommen und die Wohnungen in manchen Fällen bis auf einige Dinge ausgeräumt. Eine weitere schlechte Nachricht dieser Tage bestand darin, dass Russland Druck machte auf alle Abneh- merstaaten, die mit Gas beliefert wurden. Es war ein Leichtes, den Hahn zuzudrehen oder mehr Geld oder andere Privilegien einzufordern. Von einem fairen Geschäft konnte schon lange nicht mehr die Rede sein. Bereits 2007 hatten die Russen darin die Ge- legenheit gesehen, Macht und Respekt zu ernten. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren waren sie ein kompromissloses Volk geworden mit einer strengen rationalen Politik. Russische Neureiche schmissen in der Welt mit Geld nur so um sich. Da sie intern viele Gegner in den eigenen Reihen hatten, häuften sich die politischen Unruhen, die erbarmungslos zurück- 303
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    geschlagen wurden, wasviele hinter Gitter brachte. Sie wollten immer mehr Macht; und wenn nötig würden sie Europa einnehmen, um das zu erreichen. Ein Plan, der sich rächen würde, wenn ein Funke entstand. Das konnte sogar den Dritten Weltkrieg bedeuten. Dieses Wochenende wollten Guiglelmo und Fiona uns besuchen, die wir eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten. Er war mit gleich drei Projekten an der Elfen- beinküste beauftragt worden, zur Beaufsichtigung und dem Ausbau der Anlagen. Der Energievertrag hatte den Bevölkerungen viel Frieden beschert, da ja jeder von der bezahlbaren Energiequelle profitierte. Auch wenn die klimatischen Verhältnisse den Menschen und Tieren zu schaffen machten, versuchte man alles, um die Lebensqualität zu verbessern. Die sozialen und grenzüberschreitenden Streitigkeiten waren ein Teil der Unsicherheiten. Jeweils entflamm- ten Guerillakämpfe mit vielen Toten. Es herrschte eine große Kriegsbereitschaft unter den Clans, deren Streben nach Eigentum, Reichtum und Macht ge- waltig war. Die Investoren bedienten sich hemmungs- los nach Lust und Laune an den Arbeitskräften und unterdrückten sie, während der soziale Frieden ei- nigermaßen durch falsche Versprechungen aufrecht- erhalten wurde. Letzteres war in der Zwischenzeit jedoch zu einem weltweiten Phänomen geworden. Obwohl sie wuss- ten, dass das nicht länger gut gehen konnte, riskierten die Oberen alles, um noch mehr Besitz zu ergattern. Das Volk wiederum war sich dessen bewusst, sah sich dem jedoch macht- und mutlos gegenüber. Dieses Joch schien der Einzelne niemals wieder abwerfen zu 304
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    können, was inGefühllosigkeit und Hass endete. „Kommt rein in die gute Stube“, empfing ich meine Schwägerin und meinen Schwager. Wir hielten uns fest umarmt. „Schön, euch wiederzusehen“, freute sich Guiglelmo. „Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten“, scherzte er. „Fiona, schön dich zu sehen, es ist schon eine Weile her“, entwich ich Guiglelmos Bemerkung. „Genau ein halbes Jahr“, erwiderte sie freudig. Teresa meinte: „Sag, Brüderchen, bist etwas dicker ge- worden.“ „Den Bauch hab ich seit meiner Kindheit“, erwiderte er und zeigte auf sein Bäuchlein. „Das Alter ist nichts Schönes“, mischte ich mich ein. „Musst gerade du sagen, hast dir auch einige Pfunde zugelegt! Hättest dir besser einen Hund halten sollen zum Spazierengehen“, lachte Guiglelmo und alle an- deren mit ihm. Zum Abendessen kamen Tommaso und Serena mit den Kindern hinzu. Marcella hielt sich im Ausland in Diensten der UNICEF auf. Wir sahen sie immer sel- tener. Fast besessen half sie, wo sie nur konnte um den ganzen Globus. Ans Heiraten wollte sie noch nicht denken, solange ihr Freund noch bei den „Ärzten ohne Grenzen“ tätig war. „Du“, wandte sich Guiglelmo an mich, „hättest du Lust, mit uns den Suezkanal zu durchfahren?“ „Wieso?“ „Ich hab ein Mandat von der UN, um Untersuchun- gen an den Süßwasservorräten vorzunehmen. Das Ganze dauert etwa drei Wochen, danach reisen wir weiter nach Israel und zurück nach Rom.“ „Hört sich gut an“, sagte Tommaso. 305
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    Teresa schaltete sichins Gespräch. „Also ohne mich. Ich bin es satt, auf der Hut zu sein und ein so hohes Risiko einzugehen. Außerdem kommt noch hinzu, dass Tommaso und Serena verreisen und wir die Kin- der zu uns nehmen, wie sich das für Opa und Oma gehört. Auch wenn die Zeiten sich geändert haben und vortreffliche Auffangzentren sich gerne ihrer an- nehmen würden.“ „Wir könnten mit Onkel Guiglelmo und Tante Fiona mitfahren. Was hältst du davon?“, sagte Tommaso zu Serena. „Weißt du, Liebling, ich wollte unsere Ferien ganz al- leine mit dir verbringen. Entschuldige, liebe Tante, es ist nicht persönlich gemeint, aber einmal ohne Kinder und die immer selben Gespräche täte uns gut. Oder nicht, Tommaso?“, erwiderte sie spontan und ehrlich. „Also gut, es bleibt dabei. Entschuldige, Schatz“, schloss Tommaso das Gespräch, umarmte Serena und gab ihr einen Kuss. Wir verbrachten einen schönen Abend, bis sich nach Mitternacht, als wir gerade zu Bett gehen wollten, eine Schaltung anmeldete. „Jeff, Jeff – hört jemand mich?“, kam die Stimme von Antonia ins Wohnzimmer. „Was gibt’s, was ist los?“, fragte ich. „Es geht um Jan, er liegt schwer verletzt auf der Inten- sivstation hier in Frankfurt, man hat ihn zusammen- geschlagen.“ „Wann, wieso? Wo bist du jetzt?“ „Bei ihm im Krankenhaus.“ „Was sagen die Ärzte?“ „Es sieht schlimm aus, sie wollen ihn in ein künst- liches Koma versetzen, damit er die Schmerzen besser erträgt.“ 306
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    Es war wieverhext, das Ganze. Wir entkamen dem Bösen einfach nicht. „Antonia, hör mir gut zu! Ich fliege oder komm mit dem Wagen, so schnell ich kann. Du bleibst im Kran- kenhaus und gehst nirgendwohin, verstanden? Ich will nicht noch mehr Ärger.“ „Ist gut. Ich warte hier auf dich“, gab sie zurück und stellte die Verbindung ein. „Das kann nicht wahr sein!“, meinte Fiona. „Was können wir tun?“, wollte Teresa wissen. „Jeff, ich fahr natürlich mit!“ Guiglelmo war aufge- standen und ging um den Tisch herum. „Ich weiß nicht. Es ist vielleicht besser, wenn ich al- lein fahre.“ „Nein, ihr geht zusammen“, bestimmte Teresa. „Na gut. Wir nehmen den Wagen. So können wir uns besser bewegen, wenn nötig“, streckte ich die Waffen. „Tommaso, du bleibst hier bei den Frauen und hältst die Stellung. Wir melden uns, sobald wir da sind!“ Guiglelmo und ich packten rasch einige Sachen ein und eine Viertelstunde später fuhren wir Richtung Frankfurt. „Du, die Russen sind dabei, ein böses Spiel mit der ganzen Welt zu spielen. Sie wollen alles an sich reißen, sogar unser Wissen, und versuchen seit Jahren, Kurs auf die Weltherrschaft zu nehmen. Sie haben viele Verbündete, und es wird gemunkelt, dass sie mit der Kirche in Rom angeeckt sind und alle in den ehema- ligen russisch sprechenden Ländern gegen die katho- lische Kirche opponieren. Der Vatikan hat mehrmals mit Druck auf die Regierung eingewirkt, weil sie Christen gerne quälen oder verfolgen lässt. In letzter Zeit werden sie auch bespitzelt. Die Juden haben be- reits seit einigen Jahren Reisaus nach Israel, Deutsch- 307
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    land, Frankreich, Englandund Italien genommen. Sie befinden sich auf Konfrontationskurs mit der gan- zen westlichen Welt“, erzählte mir Guiglelmo beim Fahren. Nach einigen schweigsamen Sekunden fuhr er fort: „Sie scheinen auf jeden Fall überall die Fin- ger mit im Spiel zu haben. Bei den arabischen Län- dern haben sie viel Know-how und Geld investiert. Unterdessen unterdrücken sie halb Europa mit den Gas- und Energiezufuhren. Die Lieferungen laufen nur gegen Bargeld. Die Milliardäre sitzen alle in der Duma und bilden eine Weltmacht. Deswegen sind sie hinter unserem Wissen und unseren Anlagen her.“ „Wir sind ernsthaft bedroht“, musste ich Guiglelmo zustimmen. Das Bild fing allmählich an, Konturen anzunehmen. Die Russen drängten überall auf die Kapital- und In- vestmentmärkte. Von Unternehmen wie Medpharma oder Staroil, vom Bankwesen bis zu einer eigenstän- digen Börse. Sie bewegten sich politisch auf der Dik- taturebene. Das Motto lautete: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Am meisten bedrückte ihre aggressive Haltung gegenüber Europa und den USA, während sie die Investitionen und ihre Zuneigung zu den arabi- schen Ländern rund um das ganze Mittelmeer weiter bis nach Indien, Pakistan und Afghanistan ausbauten. Die Chinesen zogen noch nicht so ganz mit, da sie volle Auftragsbücher aufwiesen. Mittlerweile wurde jedes zweite Auto in China entworfen und produziert. Daher waren sie mit sich selbst beschäftigt und hatten keine Zeit, ihre Energie durch Aggressionen gegen andere zu vergeuden. Nur wenn es um die Rohstoffe ging, verhielten sich die Chinesen wie besessen, denn der Hunger war groß, wobei das eigene Volk zumeist auf der Strecke blieb. 308
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    Im ganzen Durcheinanderschien eines klar zu sein: Russland wollte auf Teufel komm raus wieder eine Weltmacht sein, wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Überall suchten sie nach Verbündeten, indem sie sie mit Gas und Technologien beschenkten. Den Iran, Syrien, Ägypten, Algerien, Libyen bis hin zu Marok- ko. Sie hatten es nie verkraftet oder vergessen, dass viele osteuropäische Länder zur EU übergewechselt waren. Man konnte fast meinen, sie wollten sich welt- weit wieder Respekt verschaffen. Eine sehr gefährli- che und angespannte Situation, zumal viele das nicht wahrhaben wollten. Wir beredeten noch das eine oder andere während der Fahrt, zum Beispiel wie die Kriege sich wie ein Lauffeuer ausbreiten konnten; wie der Hass gegen ein kleines Volk, das seit jeher außer einem allmächtigen Gott nichts vorzuweisen hatte, eine ganze Welt be- drohte; wie dieses von Gott auserwählte Volk bis heu- te alle Angriffe überstanden hatte. In diesem Augenblick erreichten wir das Kranken- haus. Guiglelmo hielt auf dem Parkstreifen. „So, da wären wir“, meinte er trocken. „Ich will nicht wissen, was wir jetzt von Jan vorfinden. Ich hoffe, dass alles gut geht und er schnell wieder auf die Beine kommt.“ Jan bot keinen schönen Anblick. Eine Haube über der Decke registrierte alle physikalischen Veränderungen, während ein Computer, eine der letzten Errungen- schaften im Gesundheitswesen, alle nötigen Schritte steuerte. Diagnose erstellen, Röntgenbilder anferti- gen, Sauerstoffzufuhr regeln, bis hin zur künstlichen Ernährung. Operationen wurden bis auf wenige Ein- griffe nicht mehr von Ärzten oder Chirurgen, sondern von Maschinen erledigt. Die Daten konnte man an 309
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    den Schirmen ablesen.Zwei Überwachungskameras kommunizierten über einen Schirm nach draußen. Eine Computerstimme ertönte: „Sie können nur noch fünf Minuten bleiben. Bitte nichts anfassen. Ich wünsche einen guten Aufenthalt.“ Neben Jans Bett stand ein weiterer Monitor, der es ermöglichte, die Gehirnfunktionen des Komapati- enten einzusehen. Er lag friedlich da, hatte mehrere Platzwunden im Gesicht, die mit Lichtionen schnell zur Heilung gebracht worden waren. Seine Kopfver- letzungen machten uns mehr Sorgen. Was passierte, wenn er wieder zu sich kam? Würde er uns wieder- erkennen? Welche Schäden blieben? All diese Fragen gingen uns durch den Kopf. Wir erfuhren, dass man Jan erst in zwei Wochen aus dem künstlichen Koma herausholen würde. Die Indizien und Spuren aus der Wohnung konnten uns vielleicht weiterhelfen, um das Geschehene zu re- kapitulieren. „Antonia muss uns noch einiges berichten“, meinte Guiglelmo. Ich nickte nur fassungslos. „Ich hoffe, er wird wieder gesund, das ist die Hauptsache. Diese miesen Ratten von Ungeheuern schrecken aber auch vor nichts zu- rück“, machte ich meinem Zorn Luft. Die Tür ging auf und Antonia trat atemlos ins Kran- kenzimmer. „Entschuldigt bitte, ich musste kurz zur Wohnung, um ein paar Sachen zu holen.“ „Hallo! Es tut mir sehr leid. Kannst du uns verraten, was genau geschehen ist?“, fragte ich sie flüsternd, ob- wohl uns keiner hören konnte. Es war ein Reflex, um Jan nicht zu wecken. „Erzähl ich euch später! Der Arzt meinte, es dauert noch Wochen oder Monate bis Jan wieder auf die 310
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    Beine kommt. Undauch dann würde die weitere Ent- wicklung noch offen bleiben“, sagte sie etwas mutlos. Jan und Antonia waren seit nunmehr fünf Jahren zu- sammen und wollten demnächst heiraten, was ich von Jan als eingefleischtem Junggesellen nie für möglich gehalten hätte. Aber die Liebe war geheimnisvoll und unberechenbar, wenn sie zuschlug. Ich freute mich für die beiden. Ohnehin waren wir alle wie eine große Familie. „Antonia, wir gehen nach draußen, dann kannst du uns erzählen, was passiert ist“, sagte Guiglelmo nach einem stillen und nachdenklichen Moment. Wir konnten für Jan wenig oder gar nichts tun, son- dern uns in Geduld üben und darauf vertrauen, dass alles gut gehen mochte. Draußen auf dem Flur sagte Antonia: „Es waren wie- der die Russen. Sie wollen nicht, dass ihr weiter über die Anlagen bestimmt, denn solange können sie nichts ändern. Außerdem neigen sich ihre Gasreserven lang- sam, aber sicher dem Ende entgegen. Sie können nur Druck machen, wenn sie die Börsen aufmischen. So- wohl die Medpharma AG als auch die Automobil- industrie und die Telekommunikation befinden sich bereits in ihren Händen. Sogar die einstmalige Deut- sche Bank, die so mächtig schien, ist zu fünfundsech- zig Prozent russisch, und die restlichen Anteile teilen sich die Chinesen und die Inder.“ Das Tier mit den vielen Köpfen, das vor fünfzig Jahren proklamiert worden war, zeigte vollen Einsatz. Damit meinte ich die Banken, die ihre Finger überall mit im Spiel hatten. Sie besaßen mittlerweile etwa drei Vier- tel des Erdreichtums. Nur die UN und die EU wa- ren davon verschont geblieben, denn dies hätte einen dritten Weltkrieg zur Folge gehabt. 311
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    „Sie haben wieimmer aus heiterem Himmel zu- geschlagen“, fuhr sie fort. „Während des Frühstücks klingelte es an der Tür und ein Typ an der Hauska- mera gab sich als Kurier aus. Jan ließ ihn ohne Be- denken herein. Er sagte noch: ‚Das müssen die Befunde der Proben aus den Salzstöcken sein, die ich erwarte für die Endlagerung der Brennstäbe.’“ Jan arbeitete seit einiger Zeit für die Regierung in Sache Endlagerung des radioaktiven Abfalls. „Ein fataler Fehler, sie waren zu viert und haben erst zugeschlagen, ehe sie die Fragen stellten. Mich ver- schonten sie mit der Drohung, dass es uns allen so er- gehen würde.“ Sie hielt inne und fing an zu weinen, ich hielt sie fest. Sie legte ihren Kopf gegen meine Schulter. Wir entschlossen uns dazu, sie mit nach Köln zu neh- men. Aber sie wollte bei Jan bleiben, was meiner Mei- nung nach verständlich war. „Ich will bei ihm sein, auch wenn er im Koma liegt.“ „Du hast recht, ich werde alle paar Tage nach Frank- furt kommen, Antonia. Oder Teresa mit Serena. Ich versprech es dir. Wir werden an eurer Seite stehen, okay?“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Danke, Jeff, danke, Guiglelmo“, schluchzte sie wei- ter. Wir waren praktisch schutzlos diesen machtgierigen Verbrechern ausgeliefert. Ach, nichts schien mehr normal zu sein, seit wir diese erneuerbare Energie hatten patentieren lassen. Die Menschen trugen die Schuld an dem Ganzen. So- gar unsere Kirche und das Papsttum heuchelten wie immer. Sie hätten viel Leid aus der Welt schaffen kön- nen, aber zählten auf Almosen und Spenden derjeni- 312
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    gen, die selbstnichts besaßen. Ihr Gewissen wollte ich nicht teilen. Sie äußerten sich vorsichtig und fromm hinsichtlich unserer Missstände, unternahmen jedoch nichts. Das Ganze stellte für sie auch nur ein Geschäft dar, wo ihre Hilfsorganisationen die Spenden verwal- teten. Dabei taten sie so, als kämen die Gelder aus ihrer eigenen Tasche. Eine solche Firma konnte jeder eröffnen. Das hatte nichts mit Glauben zu tun. Es gab nichts auf dieser Welt, was „Babylon, die Große“ nur ansatzweise in dem Maße repräsentieren konnte wie die Kirche. Sie wurde überhäuft mit Geld und Besitz- tümern. Jeder wurde empfangen, egal, wie viel Blut an seinen Händen klebte. Die Amtierenden kleideten sich in Purpur und Gold, obwohl Jesus Christus ge- sagt hatte, nichts sei von dieser Welt. Sie beteten Göt- zen und Holzstatuen an, die nicht sehen, reden oder gehen konnten. Wie sollten sie uns helfen? Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, so lautete das erste Gebot. Wie konnte der Papst als Heiliger Vater oder Eure Hei- ligkeit betitelt werden, während er sich seinen Ring mit einem Kniefall küssen ließ? Nur Prominenz und Könige ließ er zu einer privaten Audienz vor. Alles Lüge und Heuchlerei. Die schwere Anklage Christi: „Ihr Theologen, ihr geist- lichen Pharisäer, ihr habt das Wort Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen.“ Jesaja spricht: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit ent- fernt von mir.Vergeblich ehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.“ Kirchen predigten unentwegt: „Denkt an die Armen“, aber selbst besaßen sie blutbe- sudelte Reichtümer. Der Papst ließ sich feiern wie ein Superstar an seinem Geburtstag. In seinem Palast und draußen bei den Menschen schottete er sich ab durch 313
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    ein rigoroses Aufgebotan Polizei, Leibwächtern, Mi- litär und Bodyguards. Er empfing in königlichem Pump diejenigen, die mit Geschenken anreisten. Jeder bekam seinen Segen, Hauptsache, die Kasse stimmte. Im Gegenzug erhielten seine Gäste eine Bibel. Was hatte denn die Kirche mit der Bibel noch gemein? Über Jahrtausende hinweg wurde alles verdreht. Blut vergossen, gemordet in Gottes Namen. Es war an Gott zu richten beim Jüngsten Gericht. Es stimmte, wir waren wie Wölfe im Schaffell. Zu Hause warteten alle angespannt auf unsere Rück- kehr, obwohl es bereits nach Mitternacht war. Das Vorgefallene machte alle nervös und traurig, beson- ders Teresa. Mich sorgte die Tatsache, dass irgendwann jemand von uns zu Grabe getragen würde, wenn das so weiterging, die Wahrheit nie vollends ans Licht kommen und die Hintermänner nie ihre Strafe be- kommen würden. Wir gingen anschließend müde und ausgelaugt zu Bett. Ich wollte am folgenden Tag mit dem UN-General- sekretär telefonieren und nachforschen, wie wir ohne Schaden die Russen mit diplomatischen Mitteln von ihrem Vorhaben abhalten konnten, uns und die An- lagen ständig zu bedrohen. „Es scheint aussichtslos zu sein, aber einen Versuch ist es dennoch wert“, gab der UN-Generalsekretär mir zu verstehen. „Herr Brink, ich gehe davon aus, dass Sie nächste Woche wie vereinbart beim Klimaschutz- gipfel teilnehmen werden und eine Rede halten. Ich will allerdings nicht, dass mehr als nötig gesagt wird. Wir werden alles veranlassen, damit in naher Zukunft ein Treffen stattfindet. So, Sie entschuldigen mich, ich habe zu tun. Schönen Tag noch.“ 314
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    „Ihnen auch“, konnteich gerade noch erwidern. Es war für mich nicht leicht, nach allem, was passiert war, eine Rede zu halten, ohne emotional zu wer- den. Die Presse hatte gestern Abend heimlich unsere An- kunft mit ihren Kameras verfolgt. Es wunderte mich, dass bis jetzt um halb elf Uhr morgens noch keiner angerufen oder ein Interview verlangt hatte. Just in diesem Moment wurde vom Haustor eine Schaltung angekündigt. „Möchten Sie aufmachen?“, fragte die Computerstim- me. „Ja“, gab ich zurück. Es erschien ein junges Paar auf dem Monitor. „Ja bitte, was kann ich für Sie tun?“, fragte ich. „Herr Brink, wir möchten Ihnen einige Fragen stel- len, wenn sie gestatten. Wir sind von der TZ.“ „Worum geht’s?“ „Wir wollten mit Ihnen über Ihre neuen Erkenntnis- se bezüglich der Pyramiden sprechen.“ „Ganz kurz, einverstanden! Ich mach das Tor auf und lass Sie abholen“, gab ich zurück. Als sie dann in mei- nem Arbeitszimmer standen, fackelte die junge Dame nicht lange und sagte: „Zuerst zum Fall Bieberich. Wie geht es ihm?“ „Nicht sehr gut, die Ärzte können noch nichts sagen“, antwortete ich, ohne in Details abzuschweifen. „Wissen Sie, wer ihm das angetan hat und warum?“ „Ich kann hierzu leider keine Stellung nehmen, da von den Ordnungshütern noch geprüft wird, wer da- hintersteckt. Es ist noch zu früh“, log ich einfach. „Wir wissen aus vertraulichen Quellen, dass die Rus- sen seit mehreren Jahren ihre Finger mit im Spiel ha- ben.“ 315
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    „Das kann ichnicht verleugnen, aber bei Herrn Bie- berich müssen noch einige Fakten ausgewertet wer- den, bevor wir Stellung nehmen können. Sonst noch Fragen? Sie sagten doch, sie wollten einige Antworten bezüglich des Pyramidenprojekts haben, reden aber über etwas ganz anders mit mir“, wollte ich sie ab- wimmeln. „Ja, wir wollten wissen, was es auf sich hat mit ihrem geheimen Projekt. Hat sich da etwas getan, sind neue Erkenntnisse zu verzeichnen?“, fragte sie munter wei- ter. „Nichts Nennenswertes, es sind noch andere Spezia- listen dabei, die Theorie auszuwerten, bevor man zu den praktischen physikalischen Experimenten über- geht. Wir gehen davon aus, dass der Zeitraum ihrer Entstehung vor mehr als fünfundzwanzigtausend Jah- ren gewesen sein muss. Für den letztendlichen Nut- zen und die Verwendung der Pyramiden gibt es noch keine handfesten Beweise. Auf jeden Fall handelt es sich um eine clevere Kultur, die bis zu den Dynas- tien der Ägypter wiederum in Vergessenheit geraten ist. Wie schon viele andere Kulturen in Syrien, Iran, Irak. Sie werden für immer unter dem Wüstensand verschwunden bleiben. Sei es, dass sie durch Erdbeben verschüttet oder durch Kometeneinschläge vernichtet wurden. Es sind bereits mehrmals ganz neue Konti- nente entstanden, und schon mehrfach wurde alles Leben für lange Zeit zerstört. Wer kann schon sagen, wie oft Gott die Erde neu erschaffen hat? Sicher ist, was in nächster Zukunft auf uns zukommt, wenn… ja wenn nicht etwas Grundneues geschieht. Die Menschen sollten endlich Farbe bekennen und unserem Herrn etwas zurückgeben. Nächstenliebe an erster Stelle. Wir Menschen scheinen nicht imstande 316
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    zu sein, einegerechte Welt zu leiten.Wir können nicht einfach ungestört all das vernichten, was unser Leben in dieser Welt lebenswert macht. Keiner wird seiner gerechten Strafe entkommen. Aber vor Gott sind alle gleich und wir werden nach unseren Taten auf der Erde bewertet. Da macht Reichtum, Eitelkeit, Farbe oder Herkunft keinen Unterschied. Ich weiß, Sie wollen wissen, wie und wann alles zu Ende geht. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin kein Hellseher. Jesus, der Sohn Gottes, wusste es auch nicht. Nur Gott, der Vater, weiß das. – Okay, das war’s. Ich begleite Sie zur Tür“, schloss ich unsere Unter- redung. „Ja, aber Sie arbeiten doch auch am Projekt“, meinte die junge Dame. „Wer sagt das?“ fragte ich. „Na ja, wir gehen davon aus, da Sie ständig in die- sen Kreisen verkehren“, startete der junge Mann noch einen Versuch. Ich blieb stumm und lief bereits aus dem Zimmer. „Dürfen wir gelegentlich wiederkommen, Herr Brink?“ „Kein Problem, es hat mich gefreut“, gab ich freund- lich zu erkennen. Irgendwann würde eine höhere Macht einschreiten und dies alles zurechtbiegen, da wir nicht imstande waren, uns vor dieser wunderschönen Vielfalt unseres Planeten zu verbeugen und für diesen großen Reich- tum dankbar zu sein. Was GOTT von uns wollte, war nur eins: LIEBE für ihn und uns alle. War das vielleicht zu viel verlangt? Gott hatte nur zehn Gebote herausgegeben, die pro- blemlos auf eine DIN-A4-Seite passten. Sie standen für alles gerade. War das nicht einfach, schön, bequem, 317
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    stressfrei und machteuns dazu frei, froh, glücklich und unabhängig. Er würde, da war ich mir sicher, sich unser aller annehmen. Der Tag war nicht fern, dann würde Gott über uns richten, und ich glaubte fest an diese einzige Gerechtigkeit. Der UN-Generalsekretär hatte mich gebeten vor der EU-Klimakonferenz bei der UNO vorzusprechen um meine Vision der WWP auf den Prüfstand zu stellen. Ich wollte für meine Vorträge gut vorbereitet sein und flog unter strenger Geheimhaltung nach Italien, ge- nauer gesagt Cinque Terre. Ein wunderschönes Stück- chen Erde, am Mittelmeer gelegen. Ich wollte Teresa und mir einige Tage Ruhe gönnen und an den Re- den feilen. Wir waren froh, dem ganzen Rummel der letzten Zeit für eine Weile zu entfliehen. Ich konnte ohnehin nicht viel für Jan tun. Guiglelmo und Fiona waren zum Roten Meer abgereist, Tommaso und Se- rena wollten nach unserer kleinen Erholung auch ver- reisen. Marcella hielt sich in Afrika auf und León war mit Jackie zurück nach Kalifornien geflogen. Heute war der 19. Juni 2021. Wir saßen auf der Ter- rasse, genossen die Aussicht auf Portovenere und die leichte, angenehm kühle Brise, die vom Meer herü- berwehte. Ich ließ mich gerne so treiben. Keine Eile, kein Stress. Meiner Rede sah ich gelassen entgegen, da mir viel einfiel. Dagegen beunruhigten mich die Nachrichten der letzten Tage. Es wurden nicht nur ständig russische U-Boote in der Ost- und Nordsee gesichtet, sondern auch verstärkt im Ärmelkanal. Die Beziehungen zwischen England und Russland waren auf den tiefsten Punkt der letzten sechzig Jahre ange- langt, weil sie beidseitig immer wieder Spionageskan- dale mit tödlichem Ausgang provozierten. Die Ner- 318
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    ven lagen blank.Zurzeit stellte dies ein Pulverfass dar, zumal noch beide Öl ins Feuer gossen. Obwohl sich die UN jedes Mal eingeschaltet hatte, blieb ein kon- kretes Ergebnis aus. Ein Eingreifen war nicht möglich, da sowohl Amerika als auch die Europäische Union für friedliche Lösungen plädierten und beide zur Ver- nunft mahnten. Bis heute war keinem gelungen, die Lage zu entschärfen. 319
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    Der UN-Gipfel Tommaso begleitetemich nach seinem Urlaub nach New York. Ich ging ans Rednerpult. Nach der Begrüßung und Einleitung fing ich an: „Wir sind Verlierer im Wettlauf gegen die Armut, wir sind Verlierer gegenüber dem Klimawandel, wir sind Verlierer in der globalen Sozial- politik, wir sind Verlierer in der Verbrechensbekämp- fung, wir sind Verlierer in allen Lebensbereichen au- ßer in der Ausbeutung unseres Planeten. Hier nämlich haben wir mit der Technik wahre Wunder vollbracht und gezeigt, wie wir unsere Umwelt kurzerhand zer- stören können. Ich erinnere mich, als kleiner Junge in einer Zeitschrift gelesen zu haben, wie die ältere Generation damals im neunzehnten Jahrhundert über die Dampflokomotive dachte. Teufelswerk, hieß es da, das Ende der Welt. Die Schnelligkeit könnten die Pas- sagiere gar nicht vertragen, wurde behauptet. Meine Damen und Herren, wie recht hatten diese Leute! Verstehen Sie mich nicht falsch, denn die Me- daille hat bekanntlich zwei Seiten. Jeder Fortschritt hat so manchem viel Reichtum beschert, dem ande- ren nicht einmal die nötige Menschenwürde gebracht. Die Welt steckt in der Sackgasse und in einer tiefen Krise, nicht nur wirtschaftlich, sondern mittlerweile auch existenziell. Immer mehr Autos verdrecken und verstopfen die Straßen, zusehends fehlt es an sauberem Wasser und sauberer Luft zum Atmen. Die Banken und Börsen haben in ihrer Rationalität vortreffliche Geschäftsjahre hingelegt, aber dem Menschen – mit Ausnahme einiger weniger, denen es sowieso egal sein dürfte, ob eine Milliarde mehr oder weniger in der Kasse ist – nichts gebracht. Sogar bei Hilfsaktionen 320
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    haben sich dieBanken nicht zurückgehalten, ihre Ge- schäfte getätigt und Gewinne auf Kosten der Spender eingefahren. Die Hilfsbedürftigen sind weiterhin arm und mittellos geblieben. Ich frage Sie: Ist dies viel- leicht der Weg in eine bessere Welt oder Zukunft? Wir sägen an unserem eigenen Ast, liebe Zuhörer, und sind dabei, wie der Dalai Lama sagte, Selbstmord zu be- gehen. Bloß diesmal, muss ich hinzufügen, nehmen wir unseren Planeten gleich mit in den Tod. Nur die Hoffnung, dass es uns nicht jetzt und heute selbst trifft, und das Argument, dass wir eines Tages doch alle ein- mal gehen müssen, sollte uns nicht davon abhalten, konkrete Schritte zu unternehmen. Wer aber wird vorangehen und die Richtung weisen? Also, nach meinem Gefühl tun wir gar nichts, um den Klimawandel zu bremsen, ganz im Gegenteil. Nur wirtschaftliches Wachstum ist in unserer technisierten Welt das Credo, nicht der Mensch oder die Natur, und schon gar nicht das Klima. Lassen Sie uns daher über mögliche Fortschritte und bessere Konditionen für die Menschheit in den nächs- ten Jahren reden. Mich wundert, dass wir Lösungen bei einem Beinbruch haben, bei den unterschiedlichsten Schmerzen Linderung verschaffen können, aber bei Abfällen, bei Smog, bei verseuchten Gewässern und ganzen Landstrichen nicht in der Lage sind, dies zu verhindern oder rückgängig zu machen. Warum?, frag ich mich. Liegt es vielleicht daran, dass es uns nicht direkt betrifft oder dass wir nicht intelligent genug sind, diese Situationen schon von vornherein besser zu übersehen oder zu berechnen und das Risiko zu de- finieren? Wir leben und arbeiten auf demselben Boot, das sich Planet Erde nennt, ohne Ausnahme. Der eine hat vielleicht ein schöneres oder größeres Zimmer als 321
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    der andere, aberdas Boot ist dasselbe. Mir leuchtet nicht ein, warum wir nichts unter- nehmen, damit der Gestank aufhört. Der moderne Mensch müsste längst herausgefunden haben, dass eine Tonne Müll pro Woche und das weltweit bei je- dermann, zum Himmel stinkt. Immer neue Produkte, immer neue „bahnbrechende“ Erzeugnisse. Wozu all dieser Mist und Müll? Ich stelle mich weiß Gott nicht gegen durchdachte raffinierte Technologien, aber würden sie ein Medika- ment schlucken, das nicht einmal getestet worden ist? Ich jedenfalls nicht. Fragen wir doch die Saubermän- ner, die sie zusammengebraut haben und sich nicht scheuen, sie in der Dritten Welt an unschuldigen Kin- dern ohne Genehmigung des Staates zu testen, und daran auch noch Milliardensummen zu verdienen. Alle neuen Pharmaprodukte sollten gewissenhaft untersucht werden und nicht vorzeitig ohne Sicher- heitsgarantie auf den Markt gelangen. Eine komplette Transparenz muss angestrebt werden. Vorteil für den Verbraucher: ein sicheres Produkt und kein unnötiger Müll. Ich fordere bessere Regelungen für den Verbrau- cher, denn damit schützen wir nicht nur den Konsu- menten, sondern auch gleichzeitig die Umwelt. Und aus diesem Grunde stehe ich hier und zähle mögliche Lösungen zum Vorteil unseres Planeten auf, denn geht es ihm gut, geht es uns besser. Aber wem wollen wir all die riesigen Berge von Ab- fällen, Waffen, Chemie und vielen anderen Giften sowie Radioaktivität hinterlassen? Unseren Kindern oder vielleicht unseren Enkelkindern? Wir können hier und jetzt über alles reden und debattieren, aber geben Sie mir, meine Damen und Herren, nur eine Antwort auf das Ganze, ohne eine neue Frage aufzu- 322
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    werfen. Wir laufenunser Leben lang hinter etwas her, was weder unserem Geist noch unserem Wohlbefin- den dient oder sonst welche Vorteile bringt. Wenn das Wort „Geldsucht“ als ernsthafte Krankheit abgestempelt würde, wie zum Beispiel „Schizophre- nie“, wäre unser Planet eine einzige Psychiatrie. Gäbe es dieses Phänomen Geld nicht, würden wir glauben, in einem Vakuum zu leben und nicht mehr denken zu können. Das Leben hätte keinen Sinn mehr. Aber ganz im Gegenteil, meine lieben Zuhörer. Wir würden gerne aufstehen, um den Tag zu genießen, an- deren zu helfen und an der Freude des Lebens teilzu- haben. Denn wir hätten viel mehr Zeit füreinander. Nehmen Sie als Beispiel die verbliebenen Stämme der Urvölker unserer Erde. Ich will damit nicht sagen, dass wir in die Steinzeit zurückkehren sollten. Aber ihr Gemeinschaftssinn und ihre Zusammengehörig- keit sind unübertrefflich und stehen im Einklang mit der Natur. Hieraus können wir wieder lernen, die heutige Leere zu füllen, unsere Pflichten zu überneh- men und uns an den Sorgen unserer Mitmenschen zu beteiligen. Jeder kann sich eine eigene Aufgabe auf- erlegen, und das im Dienst der Allgemeinheit und der Gemeinschaft, damit jeder an allem teilhaben kann. Nehmen wir einmal all die ehrenamtlich Tätigen, han- delt es sich dabei etwa um Unmenschen oder sind die blöd? Ganz und gar nicht, meine Damen und Herren. Ich bewundere sie, wie sie älteren, kranken, bedürfti- gen Menschen und Kindern beistehen und in vielen anderen karitativen en tätig sind, um den Betroffenen das Leben zu erleichtern. Wäre es nicht wünschens- wert diese Aufgaben hauptberuflich ausführen zu können, das heißt, mit ihrer Ausübung seinen Lebens- unterhalt bestreiten zu können? So kann man sein Le- 323
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    ben stressfreier gestalten,es bleibt für jedermann mehr Zeit und Raum, um sich manchmal der Muße hinge- ben zu können, vielleicht zu beten oder zu meditie- ren. Das ist Freiheit, das ist sich Gott nahe fühlen, sich erkenntlich zeigen und Ihm huldigen für den Frieden. Wie lange das aufrechterhalten bleibt, liegt an uns und nicht an Gott. Er wird uns dafür belohnen. „Lasst all eure Besitze und Geschäfte liegen und folgt mir, zu meinem Vater, unserem Herrn.“ Ich plädiere für diese Variante, weil ich weiß, der Endzeit werden wir nicht entkommen. „Wer aber an mich glaubt, geht ein in mein Reich“, gab uns Jesus noch als Botschaft mit auf den Weg. Sie sehen, die Wahrheit liegt im Glauben an Gott, nicht in der Brieftasche. Das dürften wir noch früh genug erfahren, wenn wir erst einmal vor Gott stehen. Aber nennen Sie mich ruhig einen Träumer. Ich den- ke,Träume erfüllen unser Glücksgefühl, und wenn das eintrifft, sind wir wie Kinder, und so sollte unsere Zu- kunft sein. Kinder Gottes! Ich muss zugeben, einfach wird das nicht, aber schrittweise und mit einem star- ken Willen können wir es schaffen. So oder so, die Ressourcen gehen zu Ende und gehö- ren bald der Vergangenheit an, und dann werden Sie die Träumer sein. Die Genmanipulationen an Pflanzen müssen verboten werden. Keiner soll Gott spielen und die bereits vollkommene Welt in ihrer biologischen, von Gott erschaffenen Perfektion übertreffen wollen. Wir dürfen keine selbst gebastelten Religionen und Götter zulassen. Vielmehr müssen wir der Jugend ein Leben in Liebe und Toleranz mit auf den Weg geben, ohne dass sie etwas zurückerwarten, und die Welt res- pektieren, als wäre sie ein Bruder und eine Schwester. Ferner müssen wir die Tierwelt in ihren Paradiesen in 324
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    Frieden leben lassen,denn wir haben uns über Jahr- tausende an ihnen nach Belieben bedient. Ich kann nur wiederholen:Wir sollten alles unterneh- men, um den Planeten zu retten, damit zur Beloh- nung bald der Himmel nicht nur über uns, sondern bereits hier auf Erden ist. „Es gibt viel zu tun, packen wir es an.“ Aber dieser Wer- beslogan gilt nicht mehr für den Raubbau an unserer Natur. Das war damals das Motto der reichen Konzer- ne, deren Mitarbeiter die Kohle aus dem Feuer geholt haben gegen kleines Entgelt. Stattdessen sollten wir es unterlassen, uns weiterhin die Menschen untertan zu machen. Wir müssen ihnen die Würde zurückgeben, die sie verdienen, damit endlich Gerechtigkeit einzieht für jeden einzelnen von uns auf diesem Planeten. Ich stehe hier vor Ihnen, um einen Teil meiner Kraft einzubringen. Wir haben die Chance friedlich und glücklich miteinander zu leben, doch ein ums andere Mal schaffen wir es, uns in Kriege zu verstricken; und erst in die Kirche zu laufen und nach Gott und Erlö- sung zu rufen, wenn das Kind im Brunnen liegt oder die Leiden nicht mehr zu ertragen sind. Die Techno- logie hat sicher große Fortschritte und neue Erkennt- nisse gebracht. Aber die Vernetzung der Bürger geht schlichtweg zu weit. Die Kontrollmöglichkeiten sind allumfassend, doch zum Glück kann noch niemand unsere Gedanken lesen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Erfolg bei Ihrer Wahl. Ich habe mich für Gott unseren Herrn entschieden.“ Im Raum herrschte Stille. O weh, was habe ich gesagt?, dachte ich. Ich schaute in die Menge und sah die Ruhe in den 325
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    Gesichtern, als obsie fragen wollten, bist du schon fertig? Wir wollen noch mehr von deinem Gott hören. Und dann plötzlich ein Anfang, ein spärliches Händeklatschen – und es wurde immer mehr, immer stärker, immer lauter. Es wollte nicht aufhören. Ich bekam Standing Ovations von allen Anwesenden im Kongresssaal. Sie schrien und jubelten mir zu. Ich konnte die Aufre- gung gar nicht verstehen. Dabei hatte ich nur gesagt, was in meinem Herzen brannte. Zu meinem Erstaunen hatte ich keine einzige Zeile meiner vorbereiteten Rede übernommen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich niemand getraut, in einem so wichtigen Vortrag über die Weltordnung bei der UN über Gott zu sprechen. Die meisten hatten bis dato nur Zahlen, Profite und Statistiken vorge- bracht, wie noch mehr Raubbau betrieben oder mit Vetos das weitere Vorantreiben notwendiger Maß- nahmen ausgebremst werden konnte. So verhielt es sich auch damals beim G-8-Gipfel in Heiligendamm wo die Inder und Chinesen auf Wachstum und mehr Wohlstand beharrten, obwohl alle wussten, dass die Konsequenzen weltweit in einigen Jahren zu sehen sein würden. Aber keiner hatte das Rückgrat, diese Fehlentscheidung einzugestehen, selbst als sich die Klimakatastrophe 2013 bewahrheitete. Nach dem Abebben des Beifalls fuhr ich mit meiner Rede fort, denn ich war noch nicht fertig. „Ich bedanke mich für Ihre Zustimmung, ich dan- ke für Ihr Verständnis, ich danke für Ihre Einsicht, ich danke für Ihre Hilfe, um dies alles neu zu schaffen. Denn noch ist nicht aller Tage Abend, auch wenn die Nord- und Südpole nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Denn noch vor zwanzig Jahren bildeten sie unse- re unerschöpflichen Trinkwasservorräte. Was heutzu- 326
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    tage immer mehrangezweifelt werden darf. Dennoch, wir können und werden es schaffen. So viel Zeit bleibt uns noch, die Erde zu retten und das Le- ben für die gesamte Menschheit und Tierwelt wieder erträglicher zu machen. Es soll keiner mehr dursten, hungern, leiden oder verstoßen werden. Jeder soll in Frieden mit seinem Nachbarn leben dürfen. Denn der Mensch wurde nicht geboren, um sich selbst oder an- dere zu vernichten, sondern um nach Geborgenheit und Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu suchen. So, nun komme ich zu den wichtigsten Punkten, die wir sofort angehen müssen: Als Erstes müssen wir die Wasserversorgung, worauf jeder ein Recht hat, wiederherstellen und sichern. Dann soll jeder Brot und andere Lebensmittel erhal- ten, die nicht mit irgendwelchen beigefügten chemi- schen Stoffen angereichert oder genmanipuliert sind, denn Untersuchungen haben deutlich die Folgen von geschädigten Gehirnfunktionen bei älteren Menschen nachgewiesen. Des Weiteren bitte ich die Menschen um Mithilfe, die toxische und nicht biologische Er- nährungskette zu sanieren. Alle Konzerne, egal, welche Monopolstellung sie haben, sollen ferner untersucht und mit Schadenersatzforderungen bis hin zur Schlie- ßung bestraft werden. Die Energien müssen jedem in vernünftigem Maß zugänglich gemacht werden …“ Ich schaute zum UN-Generalsekretär, um mich zu vergewissern, wie viel Zeit mir noch für meine Rede blieb. Er nickte nur und deutete an, ich solle weiter- machen. „Sie sehen, meine Damen und Herren, ich bin bereit, das Leben aller zu erleichtern und jedem das zurück- zugeben, worauf er ein Anrecht hat. Jetzt und hier werden wir die Menschheit vor weiteren Dummhei- 327
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    ten bewahren undein menschenwürdiges Dasein in die Wege leiten. Ab heute soll jeder seinen Platz in der Gemeinschaft erhalten. Ich stelle keine Bedingungen, erteile keine Befehle und will auch niemandem mei- ne Gedanken aufzwingen. Jeder soll selbst entschei- den, wozu er gehören möchte. Die Erde wird sich weiterdrehen, auch wenn wir nicht mehr von dieser Welt sind.Wir sollten unser Vertrauen in Gottes Hände legen und auf die Vernunft setzen. Der Herr schütze uns und unsere Welt. Ich möchte Sie bitten, keine übereilten Entscheidun- gen zu treffen und diese Wahl ruhig anzugehen, bis wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, um unser Leben zu retten und das unseres Planeten. Ich frage Sie, wo sind die Menschen aus Atlantis, die eine so disziplinierte und intelligente Kultur hatten? Wo die Babylonier, die chinesischen Dynastien, die Ägyp- ter, die Griechen? Wo sind die Maya abgeblieben? Lauter vergängliche Kulturen. Wo sind die Marxisten und viele andere politische wie religiöse Mächte? Wo sind sie geblieben? Wenn all diese Kulturen einen Gott gehabt hätten, wären sie noch da. Denn Gott, der einzig Wahre und Allmächtige, liebt sein Volk. Aber jetzt zurück zur Tagesordnung. Nehmen wir einmal an, wir würden die ganze Wirtschaft in eine WWP umwandeln, was so viel wie „World Without Profit“ bedeutet. Ähnlich einer oder Treuhandgesell- schaft für die nächsten fünftausend Jahre. Ziel ist die Abschaffung jeglichen gewinnorientierten Handelns. Die Gesellschaft soll schrittweise in eine gerechte Struktur übergeführt werden. Jeder Erwachsene be- kommt gleich viel und darf nach Belieben, wenn er sich verantwortungsvoll verhält, damit umgehen und 328
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    sich ernähren, kleidenund bescheiden wohnen nach moderner, aber nicht verschwenderischer Art, ohne die Natur zu strapazieren. Qualität sollte vor Quanti- tät stehen. Jeder sollte in eine Gemeinschaftsstruktur eingegliedert sein. Sei es im Sozialen wie im Wirt- schaftlichen. Alles, was der Umwelt und der Natur, der Tierwelt und den Menschen schadet, muss radi- kal und kompromisslos abgeschafft werden, wobei die Vielfalt natürlich erhalten bleibt, damit unser Leben nicht grau und eintönig wird. Die Menschenrechte sollen weltweit geschützt und respektiert werden. Alle Menschen rufe ich auf, an einer gerechten, mensch- lichen WWP aktiv mitzuwirken. Deswegen brauchen wir nicht weniger Chirurgen, Ingenieure, Lehrperso- nal, Bürokräfte und viele andere mehr. Nur auf Inves- toren, Aktionäre, Spekulanten, Könige oder Macht- haber können wir verzichten. Alle sollen zukünftig mitbestimmen, was getan werden muss. Sie sehen, ich spreche von Aufgaben für die Mensch- heit und nicht von Pflicht oder Arbeit. Alle Waffen werden eingeschmolzen, gespeicherte Daten gelöscht. Keiner soll mehr das Recht haben, irgendwelche Daten einzusehen. Jeder Mensch be- kommt eine neue Chance, sich in unserer Gemein- schaft einzurichten, außer Schwerverbrecher und Mörder. Die Gebote Gottes müssen befolgt werden. Wir wol- len Gott dienen und den neuen Aufgaben mit Stolz und Mut entgegentreten. Hier möchte ich nun endgültig zum Schluss kommen. Ich hoffe und bete zu Gott, dass Ihre Wahl zu unserem Herrn führt. Ich möchte mich bei meinen Freunden wie Feinden fürs Zuhören recht herzlich bedanken.“ Wiederum herrschte zunächst Stille, bis ein langsa- 329
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    mes, immer stärkerwerdendes Gemurmel durch das Gebäude zog. Jeder sprach mit jedem und versuchte sich zu artikulieren. Dies ist gewiss ein Schritt zu viel des Guten gewesen, dachte ich und verließ klammheimlich den Saal. Das Ganze sorgte für viel Wirbel und Aufruhr bei den Mächtigen. Die Armen standen somit nicht mehr ganz allein da. Die Elite würde nach meinen Vorstellungen zur Verantwortung gezogen werden für ihre illegal eingenommenen Unsummen an Gewinnen, die sie die letzten Jahrzehnte dank ihrer marktbeherrschen- den Stellung und fortwährenden Fusionierungen ein- gestrichen hatten. Die Frage war nun, wie würden andere Mitglieder der UN und die restliche Welt dazu stehen und reagieren? Die WWP würde zudem auch Kapitalverbrechen und andere Arten von Kriminalität unterbinden. Es lag ein langer und steiniger Weg vor uns, bei dem ein gewaltiger Kraftakt durchzustehen war. Aber ich war zuversichtlich, da der Mensch nach den beiden Welt- kriegen bewiesen hatte, wozu er mit seiner Wieder- aufbauarbeit imstande war.Viele erinnerten sich noch an die Zeit des Wirtschaftswunders. Leider konnten die Menschen damals nicht vorausahnen, dass dabei die Erde und das Klima so stark in Mitleidenschaft gezogen würden. Nichtsdestotrotz würden wir diese Fehler mit der VISION der WWP wieder gutmachen können. Man brauchte viel Ausdauer, musste viel Überzeugungsarbeit leisten und Regeln definieren, bevor eine solche WWP real arbeiten konnte. Aber darüber machte ich mir weniger Sorgen, denn wenn der Mensch dahinterstand und die VISION ihn an- sprach, stellte jede Anstrengung kein Problem dar. So 330
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    ist es seitjeher gewesen: bei den Eroberungen Ale- xanders des Großen, bei der Entdeckung Amerikas bis hin zum Apolloprogramm mit dem Betreten des Mondes. Nachdem wir in Brüssel gelandet waren überholte uns auf der Autobahn eine Patrouille Ordnungshüter, die uns aufforderte, an der Seite zu halten. Wir folgten ihrer Aufforderung. Zwei bewaffnete Männer in Zivil stiegen aus ihrem Dienstfahrzeug, von denen einer zu uns ans Seitenfenster kam und seine Marke sehen ließ. Tommaso drehte die Scheibe etwas herunter. Der Agent sagte: „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Herr Brink sind!“ „Ja“, antwortete Tommaso und stieß mich, von den Beamten unbemerkbar, mit seinem Ellenbogen leicht an. „Was gibt’s, hab ich etwas falsch gemacht oder bin ich zu schnell gefahren?“ „Nein“, gab er zu verstehen. „Aber ich möchte, dass Sie mit uns kommen. Sie werden im Präsidium er- wartet. Es ist dringend.“ „Wer sind Sie?“, fragte Tommaso. „Kann ich leider nicht sagen.“ Der zweite Mann schaute mich an und schien zu überlegen, wo er mich schon einmal gesehen hatte. Sofort reagierte Tommaso. „Also gut“, wandte er sich an mich und schaute mich durchdringend an, also ob er sagen wollte, halt den Mund, Vater. „Dann musst du leider den Weg alleine zurückfahren.“ „Prima, also wo geht’s hin?“, fragte er den Ordungs- hüter. Ich kochte vor Wut und wollte ihn in einer solch prekären Lage nicht alleine gehen lassen, obwohl er 331
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    natürlich recht hatte,dass sie uns nicht gleich beide einsacken sollten. „Hören Sie zu, ich bin Jeff Brink, dies ist mein Fah- rer“, gab ich mich zu erkennen. „Du Idiot, was soll das, siehst du denn nicht, dass sie vom Geheimdienst sind?“ Sofort zogen die beiden Männer ihre Spezial-Pistolen und einer schrie: „Beide raus aus dem Wagen, aber vorsichtig, sonst bin ich gezwungen zu schießen. Also bleiben Sie ruhig und steigen Sie aus, Hände schön brav oben halten.“ Der andere kam langsam auf meine Seite und öffnete die Autotür. „So, schön langsam und die Hände auf die Motorhaube.“ Der andere folgte seinem Beispiel auf Tommasos Sei- te. Er holte aus seiner Innentasche den Fingerscanner und sagte: „Stecken Sie bitte Ihren rechten Zeigefin- ger in den Scanner.“ Das Ganze funktionierte wie ein Handy, sofort wurden die Daten abgerufen und auf dem Schirm erschienen die Personalien. Dasselbe taten sie mit Tommaso. „Interessant, Vater und Sohn! Guter Fang!“, infor- mierte er seinen Kollegen. Shit, das hört sich nicht gut an, dachte ich. Was jetzt wohl folgen wird? „Na, dann los die Herrschaften. Sie begleiten uns aufs Präsidium. Den Wagen lassen wir abholen. Flynn, hol die Handschellen.“ „Also, das ist nicht nötig, wir kommen auch so mit, meine Herren“, beteuerte ich. Aber sie wollten nicht so recht daran glauben. „Wenn’s Probleme gibt, verpasse ich Ihnen eine Ku- gel, verstanden? So, jetzt aber einsteigen.“ Wir wurden beide in den hinteren Teil des Wagens 332
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    verfrachtet, wobei einGitter und eine Glasscheibe uns von der Fahrerkabine trennten. „Oh, Gott, hilf uns“, entwischte es mir unbewusst.Wir fuhren zurück Richtung Brüssel. Als wir schließlich in die Stadt ein- fuhren, wurden innen die Scheiben automatisch ver- dunkelt, sodass wir nicht mehr nach draußen sehen konnten. Nur die Notbeleuchtung gab ein spärliches Licht von sich. Nach einer halben Stunde Fahrt kreuz und quer durch die Stadt wurden die Fenster wieder erhellt. Wir standen in einem Hof, umringt von hohen Mau- ern, einem Schloss ähnlich. Inmitten des Hofes befand sich ein Springbrunnen wie auf einer italienischen Piazza, der vor sich hin plätscherte. Plötzlich öffnete sich ein Tor und wir fuhren in die Passageneinfahrt. Vier Männer kamen zum Wagen, der neben einer rie- sigen breiten Treppe hielt, die nach oben führte. Die Türen wurden geöffnet und jeder von uns wurde wortlos, von zwei Herren flankiert, am Arm festge- halten und die Treppe hoch nach oben geleitet. Dann gingen wir einen breiten Gang hinunter, bis wir vor einer drei Meter hohen Tür ankamen, die von einer davorstehenden Person sogleich geöffnet wurde. Wir betraten einen dämmerigen Raum. „Herr Präsident, hier ist Mister Jeff Brink mit seinem Sohn“, meinte einer der beiden, die uns verhaftet hat- ten. „Gut, danke! Ihr könnt vor der Tür warten, bis wir euch benötigen“, hörte ich eine mir sehr bekannte Stimme sagen. „Mensch“, entwischte es mir. „Sind Sie es, Herr Prä- sident?“ „Ja, meine Stimme ist wohl unverkennbar! EU-Präsi- dent Juan da Cunha.“ 333
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    „Warum haben dieLeute nicht Bescheid gesagt, dass Sie uns erwarten?“, fragte ich ihn etwas misstrauisch. „Ja, mein lieber Jeff, so einfach war das nicht, und die Herrschaften wussten nichts davon“, gab er etwas un- schuldig zurück. „Worum geht’s denn, Herr Präsident?“, wollte Tom- maso etwas beleidigt wissen. „Wissen Sie, Herr Tommaso, es geht uns darum, kei- nen Bürgerkrieg anzuzetteln, aber Ihr Vater ist auf dem besten Weg dahin. Wie wollen Sie dies nach so einer Rede anders erklären? Wir wissen, dass Sie keiner Par- tei angehören. Aber das heißt noch lange nicht, dass man die Bevölkerungen weltweit in Aufruhr versetzen soll. Sie wissen, wir leben auf einem Pulverfass. Viele sind unzufrieden. Die Probleme werden zunehmend unüberwindbarer. Obwohl ich durchaus Verständnis für Ihre Argumentation habe, kann ich ein solches Verhalten nicht dulden. Nach Ihrer Rede wurde ich zur Rechenschaft gezogen, weil ich Ihnen den Auf- tritt ermöglicht habe. Und nun fühle ich mich ver- antwortlich für Sie. Dabei sind Sie mir seit Jahren ein guter Freund. Diese unnötige Hetzkampagne müssen wir umgehend entschärfen, und ich wünsche nur, dass Sie schon morgen in den Medien einen von uns redi- gierten Text vorlesen. Wir müssen einige Änderungen einbringen, um einige explosive Aussagen bezüglich der Umwelt zu entschärfen. In einigen Wochen, hof- fen wir, ist Gras darüber gewachsen. Sie wissen, was ich meine und worauf es ankommt, oder wollen Sie Ihre Familie gefährden?“ „Herr Präsident, das sind wir mittlerweile gewohnt. Ich werde daher nichts dergleichen unternehmen, zu- mal ich den Leuten nur reinen Wein eingeschenkt und nicht nur leere Versprechen gemacht habe wie so viele 334
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    andere. Wollen Sie,dass es so weitergeht? Die Chan- cen liegen nicht etwa in noch mehr Technologien, sondern darin, uns zu mäßigen sowie in der geistigen Stärke und im Glauben an unseren Gott. Wir müssen aufhören, unsere Erde unwiderruflich zu plündern. Nein, Herr Präsident, das Theater, das Sie veranstalten wollen, mach ich nicht mit. Und damit basta“, ließ ich meiner Wut freien Lauf. „Ich kenne Ihre Philosophie, aber damit kommen Sie nicht weit. Die Menschheit ist nicht mehr zu retten. Das ist ein Traum …“ „Und Träume können wahr werden“, unterbrach ich ihn. „Kann sein, aber nicht in dem Maße. Um die ganze Menschheit zu diesem Schritt zu bewegen, müssen andere Geschütze aufgefahren werden“, fuhr da Cun- ha fort. „Gott wird sich unserer annehmen, wenn wir Ihn da- rum bitten und Ihm dienen.“ Der EU-Präsident hatte ein Problem mit meiner Rede und meinem Handeln. „Ich bitte Sie doch nur, Schadensbegrenzung zu be- treiben“, bat er mich noch einmal. „Nein, Herr Präsident, das hilft keinem, da viele mit mir einverstanden sind. Es muss endlich etwas gesche- hen. Die Menschheit hat es satt, nur als Zuschauer zu fungieren. So wie die Bessergestellten auf ihr Eigen- tum pochen, sind die Ärmeren bereit, ihr Leben zu opfern für die Zukunft ihrer Kinder. Ist das vielleicht falsch?“ „Nein! Ich verstehe Ihre Handlungsweise, aber ich kann sie nicht billigen, da sie irrational ist. Sie können nicht erwarten, dass sich etwas ändern wird. Aber dass Sie sich in Schwierigkeiten befinden, ist eine Tatsa- 335
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    che“, gab ermir unverhohlen zu verstehen. Ich war mir über die Konsequenzen bewusst. Auch wenn es nur der Tropfen auf dem sprichwörtlichen heißen Stein war, ich wollte nicht mehr mit ansehen, wie manche vor unseren Augen verreckten und an- dere mit ihrer Eitelkeit, ihrem Reichtum und ihrer überheblichen Art diese Ungerechtigkeit einfach nur so abtaten. Diejenigen, die das Sagen hatten, fürchte- ten sich davor, uns zu vertrauen, und versteckten sich deshalb hinter Gesetzen und Statutenklauseln, um uns zu beeindrucken, einzuschüchtern und, wenn irgend- wie möglich, uns mit Besserwissereien zu schikanie- ren. Wir sollten nicht weiter als zum Schalter gelan- gen und in Reih und Glied warten, während sie sich hinter Panzerglas und nicht transparenten Tätigkeiten verbarrikadierten. Zum Schutz ihrer Bosse und ihrer selbst. Diese Erniedrigung würde in naher Zukunft als gleichberechtigter Mensch keiner mehr erfahren müssen. „Die Rede hat viele Gemüter erhitzt und Debatten angefacht“, sagte Juan da Cunha. „Sie müssen diese beruhigen – oder wollen Sie, dass es in Bürgerkrieg und Massenmord ausartet?“ „Nein, aber Sie müssen zugeben, dass dies schon längst von den Verantwortlichen hätte in die richtigen Bah- nen geleitet werden können. Aber man hat die Bürger bewusst weiter belogen, betrogen, unterjocht und in den Ruin getrieben. Jetzt bekommen sie die geball- te Wut des einfachen Fußvolks zu spüren, vergleich- bar mit der Französischen Revolution damals im 18. Jahrhundert, nur diesmal sind die Ereignisse um ein Vielfaches schlimmer. Eine Verbesserung der Lebens- bedingungen ist durch die Klimaerwärmung unmög- lich geworden, da sind sich Experten, Wissenschaft- 336
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    ler, Klimaforscher, Medizinerund Politiker einig. Das wissen auch die Niederen und Anonymen. Wenn es zu einer Eskalation kommt, ist mit vielen Toten auf beiden Seiten zu rechnen. Wieder ein Argument, uns zur WWP zu bekennen, damit ein dritter Weltkrieg, wenn nicht sogar das Ende unseres Planeten und der Menschheit, verhindert werden soll. Wie Sie wissen, wurde die symbolische Uhr letzte Woche ein weiteres Mal vorgestellt und steht nun auf fünfzehn Sekunden vor zwölf. Dies bedeutet, nicht viele werden überleben. Nur wenige werden nach der Prophezeiung in das Himmelreich eingehen. Wer diese Zeichen ignoriert, ist meinem Erachten nach ein Dummkopf oder schert sich einen Dreck um sei- ne Mitmenschen. Wie wollen wir noch weiter mehr als neun Milliarden Menschen besänftigen, sich den wenigen entgegenzustellen, die die Fäden in ihren Händen halten? Sehen Sie, mein Freund, das ist eine Tatsache. Wenn nicht schnellstens etwas passiert, wer- den Sie und all Ihre Enkel, falls Sie welche haben, die nächsten zwei Jahre nicht mehr erleben. Glauben Sie mir. Flucht ist aussichtslos, egal wohin.“ Der Präsident schwieg und schien sich einen Reim auf meine Predigt zu machen. „Nur wenn wir an einer neuen Weltordnung arbeiten und den Machthabern deutlich machen, dass es aus- sichtslos ist, die Seele im Kapital und in der Unter- drückung ganzer Nationen zu suchen, können wir es schaffen. Das Elend und die Probleme sind einfach zu gewaltig“, schloss ich. Er wusste, wovon ich sprach. Seit fünf Jahren hatte der Nordpol von seinem ewigen Eis immer mehr einge- büßt. Somit konnte kein Trinkwasser für alle garantiert werden. Die Meere waren um mehr als einen Me- 337
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    ter angestiegen, sodassviele Städte in der nördlichen Hemisphäre mit einem provisorischen Wall gegen die Überflutung geschützt worden waren. Ansons- ten wären Städte wie Antwerpen, Amsterdam, Lon- don, Hamburg, New York, Boston, Bordeaux, Bilbao, Porto, Lissabon, Kapstadt, Hongkong, Shanghai und viele andere Metropolen auf der ganzen Welt in den Meeresfluten versunken. Und jedes Jahr kamen neue hinzu, was natürlich einen enormen bautechnischen und finanziellen Aufwand mit sich brachte. Nur mit Flugzeugen, Booten und Brücken konnte man diese modernen Venedige noch erreichen. Die Weltmeere mussten immer mehr CO2 verkraften, obwohl in vielen Bereichen versucht wurde, den Aus- stoß zu verringern. Ihr Temperaturanstieg war nicht mehr zu bremsen. Die PH-Werte waren auf unter 6,9 gefallen, wobei die Übersäuerung zu einer wahren Katastrophe für alles Leben in den Tiefen der Seen und Meere führte. „So, und wie soll das Ganze vor sich gehen?“, riss da Cunha mich aus meinen Gedanken. „Ganz einfach. Sie sind doch ein Visionär des drit- ten Millenniums. Setzen Sie sich mit dem General- sekretär und den Mitgliedern der UN an einen Tisch und überdenken Sie mal meine VISION, die ich bei meiner Rede vorgestellt habe. Die WWP ist die ein- zige Lösung, um aus der Misere zu kommen. Die Zeit drängt. Wir wollen auch niemanden enteignen, aber wie beim Euro einen vernünftigen Übergang einlei- ten, bevor alles den Bach runtergeht. Nur eine sozial- wirtschaftliche Lösung kann uns aus dieser verflixten Situation retten. Dazu gehören viel Mut, Fantasie und Umsetzungsvermögen. Gegenschläge müssen wir mit einkalkulieren und versuchen zu bereinigen.“ 338
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    „Sie spinnen, HerrBrink!“ Tommaso schaltete sich ein. „Ich würde für mei- ne Kinder alles tun, damit sie eine Zukunft haben“, wandte er sich an da Cunha. „Die machen bei so etwas niemals mit“, gab der EU- Präsident zurück. „Ja klar, wer will auch schon freiwillig alles aufgeben? Aber die Armen besitzen nichts, was sie aufgeben müssten, und haben obendrein nichts zu verlieren. Die Weltmächte dagegen sind dabei, sich gegenseitig zu erpressen. Die Rohstoffreserven neigen sich dem Ende entgegen, und die Abnehmerstaaten sind über- fordert, ihrer Bevölkerung gerecht zu werden. Diese Staaten wären wohl einverstanden, auf einen solchen Dialog einzugehen. Das wäre ja ein Anfang oder?“, gab Tommaso zu verstehen. „Ich stimme meinem Sohn zu. – Aber was passiert eigentlich mit uns? Können wir jetzt endlich zu unse- ren Familien? Rufen Sie mich an, wenn Sie meine Unterstützung brauchen. Ich habe alle Pläne und Unterlagen für die Realisierung. Sie können mich auch wegsperren las- sen, aber nicht die Welt, nicht die Ungerechtigkeit, nicht die Armut, nicht die Menschen, die Sie mit Vor- würfen in den Augen auf Ihre Schuldigkeit hinwei- sen“, sagte ich, ohne auch nur die kleinste Kompro- missbereitschaft anzudeuten. „So, das war’s!“, meinte Tommaso und nahm mich beim Arm, um zu gehen. Das Gespräch hatte zu keinem Ergebnis geführt. Wir wurden zu unserem Wagen begleitet und fuhren nach Hause.Tommaso hatte Serena über unsere Verspätung in Kenntnis gesetzt. Er blieb noch zum Abendessen bei uns in Bonn und fuhr später nach Köln zu seiner Familie. 339
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    Wir wussten, dasswir dem Wasser alles zu verdan- ken hatten. Als Lebensmittel Nummer eins hat es un- ermessliche Fähigkeiten. Jeder Tropfen enthält viele Substanzen. Hier finden alle biophysikalischen und chemischen Reaktionen statt, aus denen das Univer- sum besteht. Es bindet sozusagen physikalische Ma- terie wie Gefühle und ist dazu noch intelligent, da es sich, auch wenn es die Substanz nicht mehr in sich trägt, daran erinnert. Es reinigt die Atmosphäre, die Böden und den Körper, da es sich durch einen per- fekten Kreislauf erneuert. Es gibt der Vegetation, dem Menschen und allem Leben die Dynamik. Ein harter Felsen kann dies nicht bewirken.Wasser will immer in Bewegung sein. Es trägt die von Gott gewollte Infor- mation vom Leben in sich. Im Wasser können wir alles auflösen, durch Trinken alle Giftstoffe aus unserem Körper spülen. Wenn Was- ser gefriert, sich also vom flüssigen in den festen Zu- stand wandelt, müsste es sich ja zusammenziehen, aber genau das Gegenteil passiert. Wenn eine Schneeflocke schmilzt und wieder gefriert, nimmt sie wieder ge- nau dieselbe Eiskristallform an wie vorher. Das Was- ser vermag mithin Informationen zu speichern und zu übermitteln. Wasser leitet Energie, jedes Molekül hat seine eigene Identität. Wasser ist fähig zu heilen. Heilige Quellen gibt es an vielen Orten dieser Welt. Nur Wasser, das aus der Erde als Quelle entspringt, ist gesund und lebendig. Ohne Wasser können wir nicht funktionieren, nicht denken, nicht fühlen, nicht emp- finden. Doch die einstmalige Selbstverständlichkeit, schier unendlich über das Element verfügen zu können, ge- hörte der Vergangenheit an. Seine Qualität wurde an- 340
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    gesichts verseuchter Gewässerin den letzten Jahren immer mehr zum Problem. Dazu kommt das weiße Gold der Erde, das Salz. Es ist genauso lebensnotwendig für unseren Körper wie Wasser. Ohne Wasser und Salz ist kein Leben möglich. Kristallsalz enthält sämtliche Mineralien und Spuren- elemente, die unser Körper braucht. Vor Jahrtausen- den wurden seinetwegen Kriege geführt. Die Asche des Menschen besteht aus reinem Salz. Die Osmo- se in unserem Körper wird durch das Salz gesteuert. Natürliches Salz ist notwendig, um vitale Funktio- nen aufrechtzuerhalten. Im Kristallsalz sind Minera- lien enthalten, mikroskopisch kleine Teilchen, die von unseren Zellen gut aufgenommen werden können. Ein perfektes Ineinandergreifen vieler biologischer Prozesse. Das heutige Kochsalz dagegen, raffiniert und che- misch gereinigt, hat mit dem ursprünglichen Salz das wir zum Leben benötigen, nichts gemein und schadet unseren Zellen. Es besteht im Gegensatz zum Kristall- salz nur aus Natriumchlorid. Es ist jedoch von unvorstellbarem Nutzen für mei- ne Erfindung, die in diesen Tagen für Sauerstoff und Energie sorgte und sich auf Natrium und Chlorid stützte. Bei der Zusammenführung dieser zwei Ele- mente entsteht eine Explosion, die bei meinen An- lagen zur Energieerzeugung genutzt wurde. Ich wollte mich in Zukunft voll und ganz mit meiner Frau, meiner Familie und meinen Freunden für die Idee einer weltweiten WWP verwenden und alles da- ran setzen, diese zu realisieren. Zu allererst musste den Armen oder Bedürftigen dieser Erde geholfen wer- 341
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    den, indem sichmeine VISION wie ein Lauffeuer um die ganze Erde ausbreiten sollte. Nur so konnten wir in Frieden und Respekt miteinander leben. War es nicht verrückt, dass in diesem Augenblick mehr zerstört als aufgebaut wurde? Unumkehrbar für die Menschen,Tiere und Pflanzen. Man musste jede noch so kleine Veränderung an der Natur vermeiden und jeglichem verschwenderischen Konsum abschwören, zum Erhalt der Natur. „Tu anderen nicht an, was du selber nicht willst, dass dir angetan wird.“ Es war zwecklos auf den anderen zu zeigen und ihm die Schuld zuzuweisen. „Wer sündenfrei ist, soll den ersten Stein werfen.“ Es würde nicht einfach werden, aber „wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Die WWP sollte zur Entspannung aller Differenzen unter den Menschen genutzt werden, vor allem aber, um der Jagd auf immer mehr wertvolle Ressourcen und Rohstoffe Einhalt zu gebieten, um der Krimina- lität und der Betrügerei vorzubeugen, um die Trans- parenz aller Dienste zu gewährleisten, eine gerechte Verteilung der Lebensgrundlagen durchzusetzen, dem Neid und der Missgunst die Nahrung zu entziehen, unnötige Erzeugnisse auf jedem Niveau einzudäm- men. Darüber hinaus sollten sich keine Konzerne oder poli- tischen Parteien daran bereichern können, was von Anbeginn unterbunden werden musste. Denn kaum war bekannt, dass die Erderwärmung nicht mehr auf- zuhalten war und die fossilen Energien so weit wie möglich zurückgedrängt werden mussten, wollten sich skrupellose Banken und Investoren an der Son- 342
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    nenenergie bereichern. Ein Zitataus einer Werbung aus dem Jahre 2007 von einem Konzern, der die Windenergie sein eigen nannte, lautete wie folgt: „Wer Wind sät, erntet Energie: Wir haben die Produktion unserer Windparks um das Acht- zigfache erhöht verglichen mit dem Jahr 2000.“ Weiter stand auf dieser Seite: „Wenn ihr beim Umblättern dieses Magazins ein bisschen Wind aufsteigen fühlt, kommt dies, weil wir in den letzten Jahren viel in Windenergie investiert haben und dies weiter tun werden … bla, bla, bla …“ Zum Schluss hieß es da noch: „Die wahre Revolution ist, die Welt nicht zu verändern.“ Es war einfach nicht zu fassen, mit welchen Tricks und welcher Arroganz diese Konzerne arbeiteten, als gehöre ihnen der Wind und als hätten sie unsere Welt nicht bereits revolutioniert und verändert mit ihrer Atomenergie. Ich war noch nicht am Ende meiner Gedanken an- gelangt, da schreckte ich auf. „Jeff, eine Videoschaltung aus New York für dich“, rief Teresa mir aus dem Obergeschoss zu. „Wer ist dran?“ „Der UN-Generalsekretär.“ „Gut, schalte durch.“ Am Schirm konnte ich den UN-Generalsekretär mit einigen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen se- hen. „Schönen guten Abend, Herr Brink!“, kam prompt die Stimme des Generalsekretärs. „Entschuldigen Sie die Störung! Könnte ich Sie kurz etwas fragen, es dauert nicht lange. Ich habe hier ein paar fähige Leute um mich versammelt, um Ihre Theorie zu studieren. Wir sind zu einem interessanten Ergebnis gekommen. 343
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    Wenn Sie erlauben,hätten wir noch einige Fragen an Sie.“ „Schießen Sie los!“ „Was soll mit den Börsen geschehen?“ „Gute Frage! Die sollen ihre Tore schließen. Es handelt sich ja doch nur um Spekulationssummen. Die Aktio- näre haben genug davon, sonst würden sie schließlich nicht solche Risiken eingehen. Heute hier, morgen da. Einen solchen Sport können wir Menschen uns in Zukunft nicht mehr leisten. Sie wissen schon, was ich meine“, lautete meine eindeutige Antwort. „Ja, aber damit wird keiner einverstanden sein“, ver- suchte er mir klarzumachen. „Verstehe ich sehr gut. Aber wenn kein Profit mehr herauskommt, hat sich das Ganze in weniger als einem Jahr sowieso erledigt. Sie haben in dieser Zeit die Möglichkeit, die erwirtschafteten Erträge an eine zu übergeben für ihren Eigennutz oder anderen zugu- tekommen zu lassen in Form von Spenden. Deswegen müssen gewerbliche Betriebe oder andere Instanzen nicht schließen.“ „Ich verstehe. Die Aktionäre gehen nicht ganz leer aus“, erwiderte er. „Genau, sie, ihre Familien und Angestellten gehen nicht leer aus und stehen plötzlich keineswegs auf der Straße.Wenn das Projekt sich zukünftig lohnt, werden wir es weiterführen. Ich will keine armen Aktionäre.“ Ich musste lachen. Auf der anderen Seite kam auch Gelächter auf. „Hört sich gut an, Ihre Theorie, aber wo fangen wir an?“ „Da, wo der Profit aufhört!“, erwiderte ich. „Und das wäre?“ „Bei den Konzernen. Wenn sie keine hohen Gewin- ne mehr erwirtschaften, ziehen sich die Aktionäre 344
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    zurück, und derungebremsten Preistreiberei wird somit ein Riegel vorgeschoben. Die reellen Gewin- ne werden nach Abstimmung den Gemeinschaften übertragen, wobei die neue Plattform besser in den politischen Gremien mit den Gewerkschaften aus- gearbeitet werden sollte, damit die Verteilung genau abgestimmt werden kann. Wir sollten die Menschen an ihren Standorten belassen. Nur die Kontrolle der Realisierung muss von Professionellen abgesichert und begleitet werden“, erklärte ich ihm. „Wie wollen Sie die Aktionäre mobilisieren, denn sie tun jetzt bereits alles Mögliche! Spenden, Sponsoring, en und vieles mehr“, argumentierte der UN-General- sekretär. „Ich glaube, das brauchen wir nicht. In einigen Jahren wird die Natur ihren Tribut einfordern. Wir werden dann sehen, auf welche Seite sich die Aktionäre schla- gen. – Und noch etwas, soll dass Ihr Ernst sein, taten- los zuzusehen, wie die ganze Menschheit draufgeht … Wohl verstanden alle“, fügte ich schnell hinzu. Er schaute mich kopfschüttelnd an, da er es nicht fassen oder ertragen konnte, wie rabiat ich mit ihm sprach. Dann drehte er sich zu seinen Leuten oder Experten um, und diese bestätigten ihm, dass etwas Wahres dran war an meiner Geschichte. „Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Brink, haben wir keine Wahl.“ „Nein!“, erwiderte ich kurz und knapp. „Und wenn wir von nun an die Projekte kontrollie- ren, weltweit versteht sich?“, probierte er noch einen anderen Weg aus. „Das wäre nur aufgeschoben und käme einem Selbst- mord gleich. Damit hätten wir aber nicht das Problem gelöst. Also, was wollen Sie tun?“, fragte ich trocken. 345
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    „Wir werden dieLage beraten und möchten Sie bit- ten, sich freizuhalten im Falle, dass wir Sie brauchen. Ich danke vorerst. Auf Wiedersehen.“ Er wartete eine Antwort meinerseits nicht mal ab. Die Verbindung wurde abrupt abgebrochen. Teresa, die das Ganze mitbekommen hatte, meinte: „Jeff, du begibst dich immer mehr in die Höhle des Löwen. Die sind doch nicht ehrlich an deiner Mei- nung und deinen Visionen interessiert!“ „Kann sein, aber jemand muss diese Horde von Heuch- lern zumindest ein bisschen in ihre Schranken weisen. Sie wissen doch ganz genau, die Politik wird immer mehr von den Konzernen überrollt. Zumindest wird die UN, wenn sie sich organisiert und alle Kräfte mo- bilisiert, vielleicht erreichen, dass dieses gefräßige Tier uns nicht ganz verschlingt. Gemeinsame Sache mit den Lobbyisten zu machen, hilft den Politikern auf lange Sicht auch nicht, da sonst die Demokratie und die warmen Plätze der Politiker schnell von Revolu- tionären und im schlimmsten Fall von Terrorgruppen eingenommen werden. Da ist ein Machtkampf auf Dauer ehe kontraproduktiv. Auf beiden Seiten wür- de es viele Tote geben. Der Staat soll endlich Farbe bekennen und seine Bürger schützen. Ganz einfach, durch eine gute Kommunikation. In unserem Kör- per funktioniert es doch auch bei Abermilliarden von Zellen. Jede Zelle hat ihre Funktion, ob Leber-, Nie- ren-, Herz-, Gehirn- oder Hautzelle. Bei Angriff wird sofort Alarm geschlagen und das Nötige zum Wohle des Körpers, der Seele und des Geistes unternommen. Das alles kann nur dann funktionieren, wenn sich ein gesunder Geist in einem gesunden Körper entwickeln kann. Das heißt, wenn der Staat als Körper fungiert, kann der Geist, der die Bevölkerung darstellt, zufrie- 346
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    den sein. Dasbedeutet, beide gehören zusammen und sind unzertrennlich.“ „Du hast recht, nur bringt es uns viel Ärger ein.“ Sie verschwand wieder nach oben. Typisch Frau, dachte ich. Aber da steckte ein Körnchen Wahrheit drin. Ich wollte bei der EU-Klimakonferenz nicht alleine antreten. Guiglelmo und Tommaso sollten mich be- gleiten, während León nicht teilnehmen konnte oder wollte. Ich arbeitete mit Hochdruck an meinem WWP-Pro- jekt. „Jeff, bist du zu Hause?“ Ich gab den Befehl, mich per Videoschaltung zu ver- binden: „Schaltung annehmen.“ Sofort konnte ich Antonias Gesicht übergroß am Schirm bewundern. Ich empfand wieder eine tiefe Zuneigung. „Ja, wo brennt’s?“, fragte ich. „Ich komme gerade aus der Reha. Du, er hat seine ersten Wörter gesprochen. Er lässt grüßen und will so bald wie möglich eine Aufschaltung mit dir haben.“ „Freut mich, grüß ihn herzlich von mir und sag ihm, dass ich mit Teresa am Samstag zu euch komme.“ Sie konnte die Freude über diese Nachricht nicht unterdrücken und Tränen liefen über ihre Wangen. „Jeff, ich freu mich so! Es ist nicht einfach für Jan, aber für mich ist es auch nicht leicht. Ich reserviere einen Tisch, vielleicht darf Jan dabei sein! Okay?“ „Sehr gerne!“, gab ich zurück. „Aber was ich dich noch fragen wollte: Ich hab von Guiglelmo gehört, dass du in Brüssel vorsprechen musst, und wollte nachfragen, ob du eine Sekretärin brauchst?“ 347
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    Ich war einbisschen überrascht und wollte ablenken, ließ sie aber weiter sprechen. „Du musst wissen, ich unterstütze dein Projekt. Es ist eine Schande, wie die Menschheit auf diesem Plane- ten behandelt und ausgebeutet wird. Ein wahrer Alb- traum.“ „Es ist einfacher, jemanden zu betrügen, als ihn vor der Gefahr zu warnen“, erwiderte ich. „Wir werden diese VISION per Schneeballeffekt ins Rollen bringen. Deswegen will ich dich als Sekretärin unterstützen.“ „Gut, was ist denn mit Jan?“ „Ich kann ihm bei euch in der Nähe eine Wohnung und einen Therapieplatz suchen. Die Sekretärin muss ja nicht überall mitgehen. Ich wollte dir nur die Tele- fongespräche und den Kleinkram vom Halse halten“, versuchte sie mich zu überzeugen. „Also gut, dann aber schnell, sagen wir morgen früh!“ Sie lachte und freute sich wie ein kleines Kind. „Du, ich hab bereits eine Wohnung in Aussicht, etwa zehn Minuten Autofahrt von euch. Ich versuch Jan in Köln unterzubringen oder fahr ihn täglich zur Thera- pie dorthin.“ „Ich möchte mich bedanken, du bekommst einen Kuss, wenn wir uns wieder sehen. Ich muss Schluss machen. Melde mich, sobald ich Neuigkeiten habe.“ „Ciao, ciao!“ „Ciao, Antonia!“ Ich beendete die Schaltung mit den Worten: „Trennen.“ Ich musste an sie denken. Als jun- ges Ding war sie zugeschnürter gewesen. Ich hatte da eine Idee, aber wollte sie erst mit Teresa besprechen. Guiglelmo und Fiona waren auf dem Flughafen Köln/ 348
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    Bonn angekommen. Ichließ beide von unseren Leu- ten abholen. Wir wollten gut für unsere Rede vor- bereitet sein. Gleichzeitig trafen Tommaso und Serena mit den Kindern bei uns ein. Fast hätte ich vergessen, ihnen die gute Nachricht zu erzählen, dass Jan und Antonia für unbefristete Zeit bei uns wohnen wür- den. Ich hatte unsere Anliegerwohnung einrichten lassen. So bekam Jan die nötige Ruhe und wir waren trotz- dem alle beisammen. Antonia, die vor Freude nicht zu bändigen war, hielt sich ständig in meiner Nähe auf, was mir schmeichelte, aber Teresa irritierte. Irgend- wie spürte sie, dass Antonia etwas für mich alten Esel empfand. Ich hatte mir geschworen, ihr nie Avancen zu machen und auch keine zuzulassen, allein schon wegen Teresa und Jan. Antonia und ich wussten, dass wir bei der Arbeit ein gutes Gespann abgaben. Na gut, es wurde allmählich etwas eng bei uns, bei den vielen Leuten, die zurzeit bei uns verweilten. Gut, dass Mar- cella bis auf Weiteres nicht zu Hause war. Abends saßen wir gemeinsam am Tisch und sprachen über vergangene Zeiten. Jan war mit von der Partie. Man sah ihm an, dass er sich anstrengte, die Lage zu erfassen. Nur langsam kam die Erinnerung zurück. Er wiederholte immer dieselben Fragen, da er sehr schnell vergaß, was wir gerade geredet hatten. Ständig zischte er: „Scheiß Russen! Scheiß Russen!“ Tommaso musste ihn fortwährend beruhigen, denn er wandte sich immer an ihn. Vieles schien ihm ent- schwunden zu sein. Wir hofften alle, dass er bald wie- der gesund wurde. Fiona begleitete Teresa und half ihr in der Küche. Sie war halt eine Italienerin und achtete immer darauf, dass das Essen nur aus natürlichen Lebensmitteln be- 349
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    stand und keinemanipulierten Substanzen enthielt. Gut für uns alle. „Fiona, du denkst nur ans Essen“, bemerkte ich. „Eh, da quando mio marito e invecchiato non o altro.“ Was soviel hieß wie: Seit mein Mann ein alter Knacker ist, bleibt mir nichts anderes. „Vero, amore?“ Nicht wahr, mein Schatz. Alle lachten und sie verschwand wieder in der Küche. Es war schön, alle wieder beisammen zu haben. Aller- dings hatten wir wenig Zeit, da wir in den nächsten vier Tagen die Planung und Vorgehensweise genau ab- stimmen mussten. Es war nicht leicht.Wir saßen zwölf Stunden am Stück im Büro, bis irgendwann die Da- men uns mit dem Ruf aus der Küche „Essen ist fer- tig“ wieder auf den Boden der Tatsachen holten. Und sofort danach ging es weiter. Gerade hatte ich mich verabschiedet, um zu Bett zu gehen, als an der Tür jemand die Klingel betätigte. Ich schaute auf den Monitor. Die Kameras waren auf Wunsch der Ordnungshüter installiert worden. Ich konnte drei maskierte Männer erkennen, die versuch- ten, mir etwas zu sagen. Nachdem ich die Audiofunk- tion eingeschaltet hatte, konnte ich einen von ihnen hören. „Wenn du Scheißkerl das Tor nicht aufmachst, lassen wir einen Sprengsatz hochgehen. Lass uns sofort rein, wir wollen mit dir reden, jetzt und ohne Ordnungs- hüter! Erspar dir den Ärger. Wir sind bereit, die Bude in Schutt und Asche zu legen, du Arschloch. Aber wir können auch vernünftig miteinander reden. Also, es liegt an dir.“ Hinter mir tauchte auf einmal Tommaso auf. Er flüs- terte: „Was ist los?“ „Keine Ahnung, da stehen drei Typen und wollen das 350
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    Haus in dieLuft jagen, wenn wir sie nicht reinlas- sen.“ „Also wird’s bald? Ich zähle bis fünf, dann könnt ihr selber sehen, was passiert. Siehst du, was da hinter uns steht?“ Ich lenkte das Zoom der einen Kamera in die Rich- tung, die er anzeigte, und konnte schemenhaft ein Fahrzeug ausmachen. „Mensch, das ist ja ein Panzer!“, musste ich mit Ent- setzen zur Kenntnis nehmen. Wo kommt der denn auf einmal her? „Na siehst du, also aufmachen!“, kam die Stimme wieder. „Du brauchst die anderen nicht zu wecken, wenn du nicht aufmachen willst. Dann merken sie auch nicht, wie sie zu deinem Gott kommen, du Voll- idiot. Zum letzten Mal! Ich fang an zu zählen: eins, zwei … du entscheidest … drei …“ Wo sind bloß die zwei Bodyguards abgeblieben, die sich beim Tor abwechselten, ging mir durch den Kopf, und der Chauffeur? Ich drückte auf den Knopf und das Tor schob sich langsam auf. „Guter Junge, mach das Tor ganz auf, damit unser Baby etwas näher rankommen kann.“ Er zeigte in die Richtung des Panzers. Ich hörte, wie er in ein Handy sprach. Es schien mir, als erteilte er Befehle in russischer Sprache, die ich nicht verstehen konnte. Der Panzer fuhr an. Tomma- so und ich verfolgten das Manöver auf dem Monitor. Das Rohr war exakt auf unser Haus gerichtet. Er blieb genau zwischen Tor und Straße stehen, sodass das Tor nicht wieder geschlossen werden konnte. „Kein Licht, bitte! Das könnte vom Panzer falsch ver- standen werden. Du tust jetzt genau das, was ich dir 351
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    sage, verstanden!“, fuhrdie Stimme fort. „Warum schießt ihr nicht, dann haben wir es hinter uns“, versuchte ich ihn etwas aus der Reserve zu lo- cken. „Dein Großmaul stopf ich dir gleich, mein Freund! Mal sehen, ob du dann noch so große Töne spuckst wie bei der UN“, kam die Stimme rüber. „So, jetzt machst du schön die Tür auf! Jede verdächtige Bewe- gung sehe ich als Widerstand an und ich betätige den Knopf zum Schießen. Auch wenn wir drinnen sind, denn unser Leben ist uns einen Scheißdreck wert. Hast du kapiert? Gib Antwort!“ „Ja“, war das Einzige, was ich herausbekam. Tommaso ging zur Tür und öffnete sie. „Hände oben!“ Zwei Leute standen im Haus. Woher sie kamen, konnte ich nicht verstehen. Sie haben uns die ganze Zeit beobachtet und gewartet, bis wir zu Bett wollten, schoss mir durch den Kopf, und draußen an der Hauswand gestanden. Aber was wollten die von uns oder hauptsächlich von mir? Schnell kamen zwei andere Männer herbei, von denen einer mit seinem Knüppel mit einem unerwarteten Ruck auf meinen Arm schlug, den ich reflexartig ver- teidigend angehoben hatte. „Du Scheißkerl, wo sind die anderen?“ Die Frauen fingen drinnen an zu schreien. „Jeff … aah, aah, lass mich los, du Widerling“, klang die durchdringende Stimme von Teresa. „Alle zuhören!“, befahl der Mann mit dem Baseball- schläger. „Hört auf zu schreien!“, donnerte die Stim- me nochmals ermahnend. „So ist es brav.“ Es herrschte Totenstille, die Kinder waren glücklicher- weise nicht aufgewacht, aber das konnte sich noch än- dern. Wir standen da in Pyjama und Morgenmantel, 352
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    Tommaso in Shortsund Hemdchen. Schön sahen wir vor diesen Gangstern nicht gerade aus. Die Russen, schoss es mir wieder durch den Kopf. Die Medphar- ma AG hatte noch nicht lockergelassen. Und tatsäch- lich. „Wir haben noch nicht vergessen, wie du im Werk mit uns umgesprungen bist, aber jetzt sind wir an der Reihe. Du hast nur eine Chance: hier und jetzt die Anlagenpapiere zu hinterlegen. Lange haben wir auf diesen Tag gewartet. Entweder bekommen wir die Unterlagen oder du kannst mit deiner Sippschaft das andere Leben antreten. Dies soll ja ewig sein, wie ich hörte… Und die anderen werden denken, ihr wärt wegen deiner wahnsinnigen Idee, die Welt zu verän- dern, von Industriebonzen umgebracht worden. So, genug der Reden. Jetzt will ich nur das, wofür ich gekommen bin, Brink!“ „Aber die Unterlagen befinden sich nicht im Haus“, versuchte ich ihnen klarzumachen. Was auch stimm- te. Sofort trat er näher, um noch einmal zuzuschlagen, als Tommaso dazwischenschritt. „Ist gut, du bekommst alles. Hör auf, Wehrlose zu schlagen!“ „Der Herr Sohn. Spielt den Helden. Hier – das ist für dich!“ Er schlug Tommaso voll ins Gesicht. Die Platz- wunde über dem linken Auge blutete stark. „Ihr Feiglinge, das gefällt euch, uns zu schikanieren. Bringt uns um, wenn ihr wollt, so bekommt ihr nichts, gar nichts!“, schrie ich dem maskierten Anführer wü- tend ins Gesicht, woraufhin er mir einen Schlag in den Magen verpasste, dass ich vor Schmerzen in die Knie ging. „Du Bastard, wer schickt dich, können 353
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    die Herren nichtselber kommen? Du bist ja nur der Handlanger. Sag ihnen, dass sie sich jederzeit bei mir melden können. Meine Sekretärin gibt ihnen irgend- wann einen Termin, je nachdem, worum es sich han- delt“, zischte ich frech. „Aber sie lassen die Drecks- arbeit lieber von solchen Typen wie euch erledigen.“ Ich richtete mich schmerzvoll wieder auf. Dem Anführer war diese Verächtlichkeit gegenüber seiner Person unangenehm und er fauchte seine Leu- te an. „Was glotzt ihr so blöd, durchsucht alles, macht aus allem Kleinholz, und dann brennen wir die Bude nieder!“ „Damit kannst du aber nicht bei deinem Chef an- kommen: Wir haben alles kurz und klein geschlagen!“, versuchte ich sie zu reizen. Er raste vor Wut. „Leute, macht, was ich euch ge- sagt habe! Um dich kümmere ich mich persönlich“, wandte er sich an mich. „Los, du blöder Hund! Du gehst mit!“ Er packte mich beim Arm und stieß mich Richtung Türausgang. „Tjerno, du kommst mit und behältst ihn im Auge! Eine falsche Bewegung und du knallst ihn ab, verstanden!“ Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Tom- maso Tjernos Arm griff und ihm die Waffe entriss. Sie fiel auf den Boden. Tommaso konnte sie als Erster erreichen, hob sie auf und trat seinem überraschten Gegner mit dem rechten Fuß zwischen die Beine. Er krümmte sich vor Schmerz und rang nach Luft. Tommaso stand da, die Waffe auf den Anführer ge- richtet, und schrie: „Lass den Knüppel fallen, sonst fällst du!“ Einen Augenblick schaute er verdutzt in den Lauf der Waffe. „Du Idiot, hab ich nicht gesagt, dass mir mein 354
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    Leben einen Dreckwert ist?“ Er wollte zu irgendet- was in seiner Hosentasche greifen, als ein Schuss aus Tommasos Pistole losging und seinen Kopf traf. Er fiel um wie ein gefällter Baum. Sofort drehte sich Tommaso zu den anderen um und zögerte nicht, einem der anderen ins Bein zu schie- ßen. „Wer sich rührt, wird erschossen!“ Keiner traute sich, etwas zu tun. Guiglelmo, der bis zu diesem Augenblick wie erstarrt dagestanden hat- te, kam in Bewegung und nahm den anderen zwei Männern die Waffen aus der Hand, die dies zuließen, ohne sich zu wehren. Ich nahm dem Verletzten eben- falls vorsichtig die Waffe weg, ehe ich mit dem Fuß die Waffe des erschossenen Anführers weit in den Flur hineinstieß. „So, meine Herren, wer sich traut, kann jetzt sein Todesurteil aussprechen. Teresa, ruf die Ordnungshü- ter!“ Die Spannung wollte nicht weichen, da der Panzer noch draußen in Position stand. Ich ging zu einem der Männer. „Sag deinem Freund draußen, dass er rückwärts das Tor freimachen soll, sonst knallen wir euch alle ab.“ Er sah mir an, dass ich Ernst machen würde, dennoch wollte er sich nicht ganz ohne Gegenwehr ergeben. Er sagte etwas auf Russisch, was wir nicht verstan- den. Nur Antonia verstand die Sprache ein wenig. Sie stand da wie angewurzelt und stammelte. „Du kannst ihn ja selber darum bitten, hat er ge- sagt.“ Ich nahm das Handy aus seiner Hemdtasche, damit er nicht auf dumme Gedanken kam und einen Be- fehl zum Panzer schickte, drehte mich zu Teresa und 355
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    Serena und sagte:„Dann machen wir es anders.“ Ich sprach die nächsten Sätze auf Französisch. Ich wusste, dass Teresa und Guiglelmo mich verstehen würden. „Prenez les enfants, nous allons sortir par la porte du jardin. Teresa, dehors tu téléphones aux gardes de la ville! Allez, vite, moi et Tommaso nous nous occupons des mecs. Nous vous suivrons dans quelques instants! Attendez-nous derrière, auprès de la rivière.T’as com- pris?“ Ich hatte Anweisung gegeben, die Kinder zu holen und uns durch die Hintertür zum Garten zu entfernen. „Tommaso, va chercher une corde dans le débarras en dessous de l’escalier. On va en faire des beaux paquets!“ Ich wollte die Gauner fesseln, damit wir uns davonmachen konnten. Die Ordnungshüter würden sich schon um sie kümmern. Schlimmsten- falls würde der Panzer einen Schuss abgeben und die Sache wäre somit erledigt. Wir mussten uns beeilen. Als sie alle gefesselt am Boden lagen, taten sie mir leid, aber ich wollte nichts riskieren. Die Ordnungs- hüter würden in einigen Minuten da sein. Ich lief mit Tommaso in den Garten zum Gartenhäuschen, als wir einen ungeheuren Knall hörten und vor dem Haus ein riesiger Feuerball emporstieg. Gleichzeitig flog Schutt durch die Luft. Wir schrien alle auf, ließen uns zu Boden fallen oder verschanzten uns unter dem Gartentisch. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Die Kinder weinten, die Frauen schrien vor Angst. Wir lagen ge- duckt auf dem Boden. „Nicht bewegen, nicht dass er noch einen Schuss ab- feuert“, rief ich ihnen zu. Alles blieb ruhig. In der Ferne näherten sich mit heu- lenden Sirenen mehrere Fahrzeuge der Ordnungshü- ter und Feuerwehr. Wir hörten auch, wie der Panzer- 356
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    wagen heranrückte. OhGott, dachte ich, der will quer durchs Haus zu uns gelangen. Der Typ hatte recht, es war ein Selbstmordkommando, was mir erst jetzt bewusst wurde. „Schnell weg hier! Zum Gartentor und nichts wie weg!“, rief ich den anderen zu. „Diese verrückte Ban- de macht vor nichts halt!“ „Wir müssen Jan aus dem Nebengebäude holen“, rief Antonia in den Lärm hinein. „Antonia, dazu ist jetzt keine Zeit“, rief ich ihr zu. „Nein, ich lass ihn nicht allein!“ „Du gehst nirgendwo hin, schnell, wir müssen weg!“, befahl ich ihr. „Sie vermuten ihn da nicht“, versuchte ich Antonia zu erklären. Fiona und Serena griffen sich die beiden Kinder, und Teresa hielt das Gartentor auf, das zum Bach führte. Ein kleiner Weg führte hinter den Häusern entlang. Wir hörten überall Schreie und sahen Lichter ange- hen. Die Explosion hatte mehrere Fensterscheiben in der Nachbarschaft zu Bruch gehen lassen. Überall kamen die Nachbarn aus den Häusern und schrien durcheinander. „Was ist passiert?“ „Ich glaube, bei den Brinks ist die Gasleitung explo- diert.“ Es konnte ja keiner ahnen, dass ein Panzer im Haus wütete. Dann folgte eine weitere Detonation und das Gartenhaus gab es nicht mehr. Antonia kreischte: „Sie werden das Nebengebäude genauso in die Luft sprengen!“ „Wir lassen ihn nicht im Stich“, sagte Tommaso ru- hig. „Wir warten ab, was noch passiert, und holen ihn dann da raus“, versicherte ich Antonia. 357
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    Ich war wütendauf die Medpharma, aber auch auf mich, da ich uns alle in eine gefährliche Situation ge- bracht hatte. Ich hoffte, dass es gut ausgehen würde. Wir mussten in ein Hotel umquartiert werden. Das Haus war komplett verwüstet und viele Erinnerungen mit ihm. Das Vertrauen auf eine bessere Zukunft war wie weggeblasen. Übrig blieben nur Trauer, Entsetzen und eine einzige Frage: „Warum tu ich mir und meinen Lieben und Freunden das nur an?“ Jan wurde später in dieser Nacht von den Ordnungs- hütern aus dem Nebengebäude befreit und von einem Krankenwagen in unser neues Quartier gebracht. Er hatte, den Umständen entsprechend, alles gut über- standen. Wir hatten in den letzten Tagen viel debattiert und mit einigen Niederen gesprochen. Die meisten woll- ten nicht mehr lange ihre Unterdrückung hinneh- men. „Wir sind doch kein Stück Vieh“, hatte mein Freund Alonso gemeint. Die Alten wurden im Stich gelassen, die jungen Leute verfolgt und geächtet, weil sie nicht mit einem Chip herumlaufen wollten. Die Welt lebte in Depression und Verzweiflung. Viele vegetierten ohne Zukunfts- perspektiven und warteten auf ein Licht am Ende des Tunnels, das eines Tages kommen würde. Diese Hoff- nung schweißte uns zusammen und gab uns die Kraft, alles zu versuchen. Der Ehrgeiz und der Wille, etwas Linderung in die vermeintlich aussichtslose Situation zu bringen, hielten uns aufrecht. An diesem Morgen sollten wir von unseren Anwälten und vom Innenministerium erfahren, was an diesem 358
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    schicksalhaften Tag passiertwar. Wie kam überhaupt ein Panzer unbemerkt vor meine Haustür und wer steckte dahinter? Was bezweckten sie mit meiner da- maligen Arbeit, da ja bereits über fünftausend Anla- gen gebaut worden waren und von der UN verwaltet wurden? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. War es vielleicht nur Rache, oder steckte ein Interesse dahinter, das Projekt auf profitablere Art zu nutzen? In privaten Händen war es gewiss Milliarden wert. Die UN hatte damals klare Verträge mit allen Län- dern abgeschlossen. Es blieb noch viel zu tun, aber im Großen und Ganzen lief es nach Wunsch, wie wir das vorgesehen hatten. Wir mussten alles tun, damit die Anlagen uns nicht abhanden kamen und für eigennützige und erpresse- rische Zwecke benutzt wurden. Tommaso wollte den Drahtziehern auf die Spur kommen, während ich mich voll und ganz mit Guiglelmo um die ersten Schritte der WWP-Agenturen kümmern sollte. Da die WWP wissentlich noch in den Kinderschuhen steckte, wa- ren noch viele Gegenschläge bis hin zu Sabotage zu erwarten. Obwohl die Frauen dagegen waren, muss- ten sie einsehen, dass wir helfen mussten, wo wir nur konnten, auch wenn wir manchmal haarscharf dem Tod entgangen waren. Auf die Unterstützung von Regierungsseite für den Schaden an unserem Haus würden wir gewiss noch Jahre warten. Klar war nur, dass es abgerissen werden musste und ein neues Ob- jekt an seiner Stelle gebaut werden sollte. Ich hatte jedoch meine Zweifel, ob wir jemals in dieses neue Haus einziehen würden.Wir mussten nach einer neu- en Bleibe suchen. Trotz aller Nervosität blieb ich standhaft, da ich mor- 359
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    gen in Brüsselvorsprechen sollte. Wir hatten ein an- nehmbares Programm vorzulegen. Es ermöglichte die ersten einschneidenden Schritte in Wirtschaft und Industrie. Ich konnte natürlich nichts an der Weltre- gierung ändern. Aber wenn es sein musste, wollte ich von Staat zu Staat reisen und mich anbieten, um die Menschen und die Völker von unserem Vorhaben zu überzeugen. Die Konferenz des morgigen Tages fiel auf meinen Geburtstag. Er möge mir Glück bringen, hoffte ich. 360
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    Die EU-Klimakonferenz Erster Tag Wirwurden zum Konferenzsaal geleitet. Auf den Flu- ren herrschte reges und hektisches Durcheinander. Antonia, Tommaso und Guiglelmo begleiteten mich. Teresa, Fiona, Serena und die Kinder wollten später am Tag anreisen. Wir hatten die uns angebotene Es- korte abgelehnt, da wir nicht wie Privilegierte an- reisen wollten. Als wir den Saal betraten, verstummten die Stimmen, und alles schaute in unsere Richtung. Ich erlaubte mir ein freundliches Lächeln mit einem leichten Kopfni- cken. Sofort kam der EU-Präsident da Cunha auf mich zu und rief die Pagen, die uns die Plätze zuweisen soll- ten. „Hallo, Herr Brink, ich freue mich, dass Sie gekom- men sind, meine Dame, meine Herren.“ Er drückte meine Hand fest. Fast überzeugend. „Ich wünsche mir für Sie viel Erfolg. Und noch etwas: Es gibt Neuigkei- ten den Überfall in Bonn betreffend. – Wollen Sie mir die schöne Dame nicht vorstellen?“ lenkte er ab. „Ja, das ist Miss Stevenson, meine Sekretärin. Die Her- ren kennen Sie ja bereits.“ „Einen wunderschönen guten Morgen Ihnen allen! So, ich lass Sie zu Ihren Plätzen begleiten“, bemüh- te er sich äußerst freundlich zu wirken. „Ich komme nachher auf einen Sprung vorbei, um einige Dinge abzustimmen.“ „Ich hätte auch noch ein paar Fragen zu der chinesi- schen und der russischen Haltung.“ „Gut.“ Er verschwand in der Menge. 361
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    Der EU-Präsident eröffneteden Gipfel zum 25. Jah- restag der Klimakonferenz: „Sehr verehrte Damen und Herren Delegierten. Ich möchte mich in dieser Ansprache kurz fassen, da in den nächsten drei Tagen hier bei uns in der europäischen Hauptstadt noch viel Arbeit auf uns wartet. Ich heiße jeden willkommen und wünsche einen angenehmen Aufenthalt.“ Applaus hallte durch den Saal. Es war schon spannend, denn wir wollten diese drei Tage mit einer realisti- schen Definition der Lage und Handlungsanweisun- gen beenden und nicht mit einem Stück Papier, das nur Erklärungen und heiße Luft enthielt. „Ich möchte das Wort an unseren UN-Generalsekre- tär weitergeben.“ „Danke.“ Er schaute zu mir herüber und fuhr fort. „Meine sehr geschätzten Damen und Herren! Ich wäre untröstlich, wenn wir ohne Erfolg aus diesem Gipfel herauskommen würden. Und ich möchte auch nicht drängeln oder eigene Ziele verfolgen. Aber dies ist kein normaler Gipfel. Er darf nicht scheitern. Um der Menschheit willen. Wie wir von allen Erdteilen wissen, hat sich die Lage in den letzten fünf Jahren um ein Mehrfaches ver- schlechtert. Was die sozialen Fragen betrifft, sind wir noch nicht weitergekommen; das Klima ist zusehends unberechenbarer geworden; die natürlichen Ressour- cen sind quasi am Ende. Der WWF hat einen nieder- schmetternden Bericht in dieser Konferenz vorzutra- gen. Ich will dem nicht vorgreifen, aber eines steht jetzt schon fest: Der World Wide Fund for Nature zeigt großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit der WWP, da er hierin die einzige Möglichkeit sieht, die unwiederbringliche Zerstörung unserer wichtigs- ten Ressourcen zu verhindern. Ich appelliere an all 362
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    diejenigen, die unsunterstützen wollen, nicht zu zau- dern, sondern Taten folgen zu lassen. Ich appelliere an alle finanzkräftigen Konzerne und Menschen dieser Erde, endlich Vernunft walten zu lassen und nicht nur ihre egoistischen Ziele und Interessen zu verfolgen. Sie müssen wissen, meine Damen und Herren, wir haben zurzeit weltweit mehr als fünfzig Länder, die in Kriege,Terror und Untergrundkämpfe verstrickt sind, die vielen persönlichen Schicksale und bürgerkriegs- ähnlichen Zustände in den meisten Ländern nicht mitgezählt. Unmöglich, dies alles unter einen Hut zu bringen, werden Sie sagen. Aber glauben Sie mir, wenn wir immer noch nationalistisch denken, können wir uns die Zeit sparen und nach Hause fahren. Aber dann gnade uns Gott. Wir wollen, wir müssen alles tun, um unseren Planeten wieder auf Vordermann zu bringen.“ Ein riesiger Applaus brandete auf. „Ich habe hierzu alle eingeladen, die einen Plan, eine Idee oder ein Programm vorzubringen haben, um den Abermilliarden von Menschen ein menschenwürdi- ges Dasein zu ermöglichen. Jeder sollte mitwirken an diesem Traum für uns und unsere Kinder, in allen Schichten und Kontinenten dieser Erde. In dieser globalen Welt sollte auch ein globales Ge- wissen und Solidarität geboren werden. Wir können die Augen nicht mehr verschließen, sondern müssen uns um unsere Schwestern und Brüder kümmern. Es kann nicht sein, dass unser Leben von einer dünnen Hautschicht abhängt oder vom Glück, am rechten Ort und zur rechten Zeit geboren zu sein! Es kann nicht sein, dass uns außer unserem eigenen Leben alles andere nichts mehr angeht. Hören wir auf, uns etwas vorzumachen und kommen wir zum Wesentlichen. 363
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    Wir alle tragendie Schuld an den globalen Missstän- den, daher steht es mir auch nicht zu, mit dem Finger auf Sie zu zeigen. Aber wir müssen endlich zu Lösun- gen kommen. Denn was wollen wir unseren Kindern sagen, wenn sie uns fragen: „Was habt ihr mit der Erde gemacht?“ Ich bitte Sie alle, in den nächsten Tagen die richtigen Entscheidungen zu fällen – für den Frieden auf der Erde. Vielen Dank. Gott soll uns führen!“ Die Hände gegen den Himmel gerichtet beendete er seine Rede. Überraschenderweise waren viele außerhalb der europäischen Staatengemeinschaft angereist. Themen unter anderem: die komplette Gletscherschmelze in den Alpen, dem Zentralmassiv und den Pyrenäen; das Vegetationsaussterben; die besondere Sommer- hitze der letzten sieben Jahre und die katastrophalen Überschwemmungen im Osten wie im Westen. Hol- land und Deutschland waren als Anrainerstaaten der Nordsee in besonderem Maße betroffen, da der Mee- resspiegel in den letzten fünfzehn Jahren um einiges gestiegen war, sodass viele Dämme und Schleusen neu projektiert und realisiert werden mussten. Der Europäischen Union fehlten die Gelder für innova- tive Projekte. Die Budgets schienen nur noch dazu da zu sein, zu retten, was noch zu retten war. Viele Gebiete wurden im Ausnahmezustand mit Freiwil- ligen und Militärhilfe über Monate einigermaßen im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser gehalten. Hierdurch waren Verarmung und Vandalismus gestie- gen. Viele private Unternehmen mussten schließen, da es hierfür keine Subventionen gab, im Gegensatz zu öffentlichen Investitionen, die ohne Probleme mit Steuergeldern finanziert wurden. Man konnte der 364
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    Lage kaum Herrwerden. Die Unzufriedenheit brach- te scharenweise Menschen auf die Straßen. Aufstände und Proteste prägten die Tagesordnung. Viele hatten in den letzten zehn Jahren ihr ganzes Hab und Gut verloren. Der soziale Frieden war nur noch mit einem Übermaß an Dialogen und Hilfsaktionen zu retten. Die Freiheit der Menschen schrumpfte zusehends, da- für waren die Kontrollen allgegenwärtig. Obwohl die fossilen Brennstoffe seit drei Jahren rationiert waren, galt das nicht für die Obrigkeit. Aber das Schlimmste stand uns noch bevor. Die Mel- dungen sprachen immer öfter von verseuchtem Trink- wasser. Dabei hatte man es in der Vergangenheit noch gerade so geschafft, viele diesbezügliche Auseinan- dersetzungen im letzten Moment zu verhindern. Die Energiekonzerne machten mit der Wasserversorgung zurzeit noch bessere Geschäfte als mit Heizöl und Benzin; das Wasser war an der Börse auf runde sechs- hundert Euro pro Hektoliter gestiegen, und es schien kein Ende in Sicht zu sein. Riesige Entsalzungsan- lagen sollten die Preise etwas stabilisieren. Aber wer hatte schon Interesse daran, weniger zu verdienen? Das Geschäft mit dem Wasser boomte. Fast alle mussten zugeben, dass es an uns selbst lag. Doch die eher rationalen und ausschließlich finan- ziellen Argumente überwogen bei den Reden. Alles musste mit Geld abgewogen werden. Welche Kosten würde dieses und jenes mit sich bringen – und zu gu- ter Letzt passierte gar nichts.Wer zu spät kam oder die finanziellen Mittel nicht aufbringen konnte, den bis- sen die Hunde. Man wollte alles reduzieren, nur nicht bei sich selbst. Keiner wollte auf den eigenen Komfort und Lebensstil verzichten. Jeder gab dem anderen die Schuld. 365
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    Der erste Tagverging wie im Fluge. Bis in die späten Abendstunden, mit einigen Unterbrechungen, traten unter anderem Venezuela, Mexiko, Indonesien und Taiwan vor, um bei einer maximal viertelstündigen Rede ihre Ansichten vorzutragen. Im Namen Tibets sprach der Dalai Lama zu uns und rief seine Nation auf, in diesen schweren Stunden für die Menschheit zu beten. Die Amerikaner hielten sich verdächtig zurück. Aus all den verschiedenen Vorträgen trat ein wesent- licher Punkt deutlich hervor: Die Ungerechtigkeit auf unserem Planeten war Verursacher Nummer eins des Misstrauens unter den Menschen. Globalisierung ja, aber eine gerechtere Verteilung des Wohlstands, war immer wieder zu hören. Zweiter Tag Die Überraschung war groß, als ich feststellen musste, dass Gloden, mein Erzrivale, die Delegation der Rus- sen anführte. Ich hatte seit Jahren nichts von der Med- pharma AG gehört, die ganz in den Besitz Russlands übergegangen war. Solche kriminellen Elemente waren auf diese Kon- ferenz eingeladen? Das machte mich wütend, zumal ich erst vor ein paar Tagen mein Heim verloren hat- te. Solche Leute hier auf dem Gipfel herumspazieren zu sehen konnte ich nicht ertragen. War das die gute Nachricht, von der der EU-Präsident gesprochen hatte? Ach ja, er hatte sich auch gestern nicht mehr bei uns blicken lassen. Er wollte sicher meine heuti- ge Rede abwarten und dann Stellung nehmen. Man konnte keinem trauen, und es war in diesem Moment auch gut, ein wenig Skepsis aufkommen zu lassen, et- 366
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    was Selbstkritik tatder Sache gut. Ich beriet mich mit meinem Stab, und wir waren der Meinung, nicht so- fort alle Karten auf den Tisch zu legen. Aber wie sollte dies funktionieren? Wir wollten doch allen reinen Wein in punkto WWP einschenken, damit jeder unser Programm kennen- lernte und verstand. Ich musste mir eingestehen, all diese Gegenschläge schienen nun doch ihre Wirkung zu zeigen. Die Amerikaner gestanden ein, in der Vergangenheit Fehler begangen zu haben, und versprachen Besse- rung. Wie schön. Doch sie schlugen sich offensicht- lich mit anderen Problemen herum und konnten kein konkretes Konzept vorlegen. Die Großaktionäre und Kapitalbonzen hatten die Politik fest im Griff. Die Chinesen dagegen wollten nach jahrelangen Ent- behrungen nicht mitmachen, weil sie nicht wieder der Dritten Welt angehören wollten. Das betraf fast zwei Milliarden Menschen, die mittlerweile neben den Russen pro Kopf am meisten konsumierten und investierten. Sie hatten die Europäer und Amerikaner längst überholt. Dabei wussten sie von den negativen Konsequenzen unserer Wirtschaftsstrukturen. Hier ging es darum, endlich neue Impulse zu setzen und die Leute zu überzeugen, dass dies nicht alles war. Der Papst, wie auch andere Religionshüter und Ober- hirten, sollte mit gutem Beispiel vorangehen und sich das Zitat aus der Bibel zu Herzen nehmen, als Jesus zu den Geschäftsleuten sagte, sie sollten alles stehen und liegen lassen und ihm in das Haus seines Vaters folgen. Die Kirchen sollten quasi als Vorbild all ihre Besitztümer zurückgeben, da sie die Reichtümer die- ser Welt nicht brauchten, denn das Reich Gottes war nicht von dieser konsumsüchtigen Welt. Der Papst 367
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    sollte den Ringablegen und uns in Gottes Himmel- reich führen. Aber vor lauter Pomp und Bewachung konnte man ihn nur per Audienz oder gelegentlich auf dem Balkon hinter gepanzertem Glas bewundern. Ich wollte ihm gerne in die Augen schauen, um he- rauszufinden, wie er sich eine bessere Welt vorstellte. Nicht mit Abschottung, die Missstände fern von sich haltend, Augen und Ohren schließend. Eine solche Heuchelei musste ein für alle Mal unterbleiben. Ge- nauso verhielt es sich mit den Königshäusern und den anderen Mächtigen. Die Uhr tickte und der Countdown war in vollem Gang. Bei meinem Vortrag wollte ich versuchen, die WWP zu illustrieren. Ich wollte keine Revolution entfachen, nicht als Aufrührer, sondern als ein Mensch, der erkannt hatte, dass keinem geholfen war, solange das Geld den Lauf der Welt bestimmte. Die Menschen und ihre Nachkommen brauchten eine neue Stabili- tät. Ich wollte jedoch nicht nur das Kapital entwaffnen, sondern auch die Atomwaffen und alle anderen Waf- fenarsenale von der Erde tilgen, im Sinne Gottes und der Nächstenliebe. Mit Fakten wollte ich die Mächti- gen dieser Erde, als die Verantwortlichen, überzeugen, mit mehr Achtung für das Leben des Einzelnen zu handeln und etwas gegen die Missstände zu tun, um die neue Ära des dritten Millenniums einzuläuten. Mit mehr Gerechtigkeit konnte man die unüberwindbare Mauer niederreißen und den unüberwindbaren Gra- ben bewältigen. Es musste uns gelingen, ein wirklich menschenwürdiges Dasein für den Einzelnen und die Natur anzustreben. Das waren die letzten Gedanken vor meinem Auftritt bei diesem Gipfel, der in meinen Augen nicht mehr einfach nur als „Klimakonferenz“ betitelt werden 368
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    konnte. Er mussteein regelrechtes Erdbeben in den Herzen der Menschen entfachen und als der größte Kongress der menschlichen Geschichte in Erinnerung bleiben. Er musste die Globalisierung der sozialwirt- schaftlichen Reformen ins Leben rufen, rundum den ganzen Erdball. Die Menschheit musste zusammen- stehen und an erster Stelle der globalen Erderwär- mung entgegentreten, womit die Fundamente für die neue Zivilisation gelegt wären. Es musste eine gesun- de Ökologie zur Stabilisierung des Klimas geschaffen und die Wasserversorgung in Angriff genommen wer- den, sodass jeder das Recht auf sauberes Trinkwasser bekam. Die Verfassung und die Grundrechte des Men- schen mussten im Einklang mit der Natur und nicht von der Natur getrennt behandelt werden, denn wir brauchten einander. Somit konnten sogar bis zu fünf- undzwanzig Milliarden Menschen ihr Dasein teilen. Nach den Begrüßungsworten kam ich sofort zur Sa- che: „Ich möchte diesem Gipfel einen neuen Namen geben, und zwar: World Without Profit „Nehmen wir einmal an, meine Damen und Her- ren, wir würden dem Profit widerstehen und voll und ganz auf effiziente Art versuchen, das allen zu- gute Kommende ehrlich zu verteilen. Nehmen wir an, wir würden die notwendigen Strukturänderungen voll umsetzen. Auf diesen Fundamenten sollen die Säulen des dritten Millenniums stehen. Wir und die Natur brauchen einander. Die Natur würde uns mit einer sauberen Umwelt belohnen und ein friedliches Zusammenleben ermöglichen. Denn woher kommen all diese Missstände und Kriege, die im Moment auf 369
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    der Welt herrschenbeziehungsweise geführt werden? Dadurch, dass nicht genug sauberes Wasser vorhanden ist. Eine gerechtere Verteilung der Ressourcen kann dies verhindern. Demzufolge bleibt nur ein radikales Umdenken in al- len Bereichen unseres Lebens. Das heißt aber nicht, dass wieder neue Kriege entstehen sollen, was al- lerdings nur dann geht, wenn alle, ohne Ausnahme, dasselbe wollen. Oder sollen wir weiter Räuber und Gendarm spielen, bis wir eines Besseren belehrt wer- den? Doch dann, meine Damen und Herren, könnte das Szenario folgendermaßen aussehen: Unsere Welt wird zerstört durch Dürre, Hunger, Kriege, Armut, Elend und Wassermangel, unkontrollierbare Katastrophen erstehen durch die Klimaerwärmung, und zum un- guten Schluss folgt der atomare Untergang, wenn sich einer der Mächtigen in die Enge getrieben fühlt. Aber wie können wir dem entgegenwirken? Wir wis- sen aus der Geschichte, ob unter Nero, Lenin, Mao, Hitler, Saddam Hussein, Idi Amin und allen anderen, die die Fäden wie Götter in der Hand hielten, dass nichts dabei herausgekommen ist außer Elend, jah- relanger Hass und Aufbegehren der Völker. Nun, in- zwischen sind andere Elemente dazugekommen, die uns bedrohen, wie die komplette Unterjochung der Menschen, die fehlende Freiheit, Versklavung durch das Kapital einiger weniger Finanzkonglomerate, die ihre vielfältige Macht ausnutzen, machtbesessen alles zu kontrollieren und die Globalisierung zu monopoli- sieren. Sie spielen Monopoly mit den Erdteilen. We- der der Staat noch die Politiker können diesen kom- plizierten Konzernstrukturen beikommen, und somit gerät das Ganze für viele außer Kontrolle. Niemand 370
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    kann die entscheidendVerantwortlichen ausmachen. Also rollt lediglich ein Vorstandskopf, der obendrein satte fünfzig Millionen Dollar Abfindung erhält, wenn er seinen Hut nimmt, aber ändern tut sich nichts. Das Roulettspiel geht weiter. Die maßgeblichen Leute jedoch halten sich geschickt im Hintergrund und lassen andere mit astronomi- schen Gehältern ihre Ziele verfolgen, für mehr Profit und Macht. Wo diese Großaktionäre überall ihre Fin- ger im Spiel haben, wissen wir nicht. Ich weiß, meine Damen und Herren, Sie mögen diese Art von Reden nicht. Doch die Wahrheit muss in die- sem – vielleicht letzten – Stadium der Weltgeschichte bedingungslos ausgesprochen werden. Ich jedenfalls lasse mir den Mund nicht verbieten oder mich be- vormunden. Nur vollständige Transparenz kann noch helfen. Zum Wohle unserer Erde sollten drastische und kla- re Entscheidungen getroffen und Gesetze neu ge- schrieben werden. Alles, was direkt von Mutter Erde kommt, gehört nun einmal ihr. Pflanzen, Tiere und Menschen. Das heißt, die Natur soll so weit es geht unangetastet bleiben, die Tierwelt ihre natürlichen Lebensräume behalten und wir Menschen unsere Umwelt respektieren. Unser Dasein liegt nicht in der Hand einiger weniger. Es darf kein Entgelt für diese Produkte gefordert oder Profit mit diesen Produkten gemacht werden. Ein Beispiel: Auf Erdöl sollte kein Eigentumsanspruch erhoben werden. Die natürlichen Ressourcen gehören der gesamten Menschheit. Ferner muss der Abbau der Rohstoffe planmäßiger durchge- führt werden. Ab dem Moment des Entstehens, der Entwicklung, der Produktion oder des Anbaus muss für diese und die damit einhergehenden Tätigkeiten 371
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    ein entsprechendes Entgeltgezahlt werden, damit die Gemeinschaft mit anderen Gemeinschaften Produk- te austauschen und erwerben kann. Dazu gehören Lebensmittel, wie Mais, Korn, Reis, Kartoffeln und anderes Gemüse, Obst, Kaffee, Tee und dergleichen, oder technologische Erzeugnisse, wie Computer, Autos, Haushaltsartikel, Maschinen, Flugobjekte. Der Mensch wird als Mitgestalter, Begleiter oder Teil- nehmer an der Produktion eines Fabrikats oder als Entwickler innovativer Projekte mit einem geringen Anteil am Profit, zur Befriedigung eigener Bedürfnis- se, einmalig belohnt. Er leistet einen Beitrag in Form seiner Mitwirkung, was der Gemeinschaft wie dem Einzelnen eine bessere Lebensgrundlage ermöglichen soll. Der Mensch wird nicht als Lohnempfänger, nicht als Selbstständiger, nicht als Nummer oder Arbeitstier und nicht als Verbraucher oder Konsument in der Ge- sellschaft angesehen, sondern als Teilhaber des Gesam- ten. Dies soll zukünftig zu einer WWP zusammenge- schweißt werden. Es darf nicht das Gefühl entstehen, ausgebeutet zu werden oder sich als kleiner Mann im Hamsterrad zu drehen.“ Auch wenn meine Zeit für die Rede bereits über- schritten war, ließ man mich weitersprechen. „Die Menschheit muss langsam mithilfe der UN auf einen gemeinsamen Nenner kommen, um ein siche- res und gesundes Zusammenleben zu erreichen. Mit Mut, Geduld und Ausdauer ist das alles zu schaffen. Viele Erfindungen sind wegen Unwirtschaftlichkeit in irgendeiner Schublade gelandet. Etwa das Wasserauto oder Glasmetall. Letzteres stellt ein unzerstörbares, unverwüstliches Material dar, das nur eingeschmolzen werden kann. Also warum nicht auf solche Produkte setzen, die keinen materiellen Verschleiß haben und 372
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    für die nichtständig neue Rohstoffe benötigt werden. Lieber verkaufen wir beispielsweise einen kompletten 3in1-Printer für einen Dollar und die dazugehörigen Tintenpatronen für fünfzig Dollar. Wir leben von der Marktwirtschaft und nicht von der Sozialwirtschaft. Ich gebe zu, es ist nicht einfach, diesen Weg einzu- schlagen. Aber wollen wir unseren Kindern einmal diese Welt vermachen? Sollen unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, die nur noch aus blankem Horror, Terror, Fels und Sand besteht? Vielleicht werden sie die Erde niemals richtig betreten können, weil sie unter Glaspalästen leben müssen, da draußen alles zer- stört oder radioaktiv verstrahlt ist. Es gibt genügend Orte auf unserem Planeten, wo ganze Regionen ab- gesperrt worden sind. Ich will diese Zustände keinem zumuten. Sie vielleicht?“ Ich schaute mich um und musste feststellen, dass na- türlich keiner auf diese rhetorische Frage antworten wollte und alle gespannt darauf warteten, was noch kam. „Na gut. Wir können sofort mit der neuen Welt be- ginnen, hier und jetzt, und Regeln entwerfen, wie wir alle unsere Probleme mit weniger Umweltver- schmutzung und weniger Gesetzen angehen können. Denn die Zehn Gebote Gottes sollten normalerweise ausreichen, wenn auf Profit verzichtet wird. So kann jeder geben, bevor er etwas vom anderen nimmt. Wir wollen den Bedürftigen und Armen dieser Welt die Hilfe zukommen lassen, die sie benötigen, ohne Fra- gen zu stellen oder etwas dafür zu verlangen, dazu Wasser, Nahrung und Aufgaben bereitstellen, damit sie selbstständig werden und auch ihresgleichen helfen können. Ich glaube, diese VISION sollte als Chance angesehen werden, die man ergreifen muss, bevor die 373
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    Nacht über denganzen Planeten hereinbricht. Selbstverständlich kann dies nicht heißen, dass wir in einem Selbstbedienungsladen alles gratis bekommen. Ganz im Gegenteil. Es werden Regeln aufgestellt, wie die Aufgaben aufgeteilt und realisiert werden, zum Wohle der Gemeinschaft. Für erbrachte Leistungen gibt es jedoch kein Entgelt. Ich wäre mit der Idee von David Dror einverstanden. Dieser VISIONÄR wollte 2004 mit nur zwei Dollar pro Jahr eine neue Form von Gesundheitsabsicherung für die Armen einrich- ten. Ich will hier noch weiter gehen und beanspruche dies für alle Menschen auf dieser Erde, und zwar gra- tis. Gandhi war damals ein prominenter Befürworter und die UN ebenfalls. Wo sind sie geblieben, unsere PIONIERE und VI- SIONÄRE? Obwohl wir uns spätestens 2012 über die Klimaer- wärmung im Klaren waren, wurde zu wenig getan. Stattdessen trieben uns weltliche Dinge an, wobei die Marketing- und Werbemacher uns jede Menge inno- vative Flausen in den Kopf setzten. Das Resultat ist bekannt. Moral und Ethik gehören der Vergangenheit an. Die Jugend glaubt uns nicht mehr, egal, was wir anstellen. Alles wird mit Gewinn und Zahlen verbun- den. Betrachten wir nur die Ölscheichs. Die OPEC dreht am Ölhahn und diktiert die Preise. Mal mehr, mal weniger. Einfach nach Belieben. Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen Gedanken- sprung. Eine Art Elektromensch soll in den nächsten zehn Jahren auf den Markt kommen. Er kann, gesteuert durch elektronische Impulse im Gehirn, bestimmte Handlungen ausführen und ständig sein Wissen ab- rufen. Nur dann haben wir neben den Millionen von 374
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    Fahrzeugen auch nochMillionen von Bediensteten, die wiederum Energie benötigen und unsere Erde vollends überlaufen lassen. Doch es geht letztendlich nur darum, ein globales Superhirn zu konstruieren, das alles und jeden kontrolliert und uns sagt, was das Gros der Menschen zu tun und zu lassen hat. Bequem ist es, aber ob das die Lösung ist, mag ich bezweifeln. Was danach kommt, will ich gar nicht erst erleben. Ich glaube vielmehr, dass wir uns dadurch dieser schö- nen und wundervollen Welt vollends entfremden. Die Maschine Mensch darf einfach nicht unser Ziel sein, damit später über den Homo sapiens nicht Folgendes gesagt werden kann: Damals waren sie nur zweibeinige Kreaturen, heute nach einigen hundert Jahren haben wir ih- nen dank der Forschung der Stammzellen Flügel verliehen und die Engel in unsere Mitte gebracht.“ Ich schaute im Saal nur in verdutzte und interessierte Gesichter, die auf etwas zu warten schienen. Aber es war alles gesagt. „Ich will meine VISION in einem Prozess umsetzen, in dem wir Menschen unsere eigene Vielfalt und die Vielfalt der Natur so natürlich und jungfräulich er- halten, wie sie uns von Gott gegeben wurde. Es sollen die ersten Ansätze entstehen, damit die bereits be- stehenden en, auch in der Marktwirtschaft, funktio- nieren – mit denselben Mannschaften und demsel- ben Wissen, nur halt ohne Profit oder mit geringem Profit zur Belohnung für die Anstrengung und die Qualität der Produkte. Einige Produkte und Diens- te werden als überflüssig ausscheiden und wiederum andere neu entstehen. Wir werden kein Kapital, keine Kredite, Zinsen, Fonds,Wertpapiere oder sonst welche Subventionen benötigen, sondern nur das Okay der UN als Weltregulator des gesamten Planeten. Ohne 375
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    Pyramidenstruktur, aber alsPlattform der Menschheit mit all ihren Sorgen, Problemen, Verbesserungen und Angeboten, die im Sinne Gottes zum Wetteifern mo- tivieren sollen, ohne Neid und Missgunst. Ich möchte Sie nicht langweilen mit Gott, aber was können wir dem Werk unseres Herrn schon in dieser Welt entgegensetzen, außer ein paar Flugobjekten, die unsere Atmosphäre verschmutzen? Meine Hochachtung gilt allen Pionieren und VISIO- NÄREN, die einst über Einzelleistungen spätere ge- meinschaftliche VISIONEN schafften.Visionen sollen uns eine bessere und gerechtere Weltordnung brin- gen. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn wir die Gebote Gottes befolgen – nicht mit Kriegen und Lügen, die unsere gesamte Umwelt zerstören, nicht durch die vielen unnötigen Veränderungen und ernst- haften Einschnitte in die Natur bis hin zu unserer Selbstzerstörung. Gott hat uns seinen Sohn gesandt, um uns den Weg zu zeigen. Jesus ist vielfach zitiert, aber nicht erhört worden, da wir einen anderen Weg gefunden zu haben glaubten, um unser Glück zu su- chen“, schloss ich meine Rede. „Liebet und achtet ei- nander“ ist meine Botschaft an die Welt. Vielen Dank fürs Zuhören.“ Eine breite Zustimmung herrschte daraufhin im Saal, gemessen am Applaus, was ich nach dieser Rede nicht erwartet hätte. Ich war zufrieden und bekam von überall Beifall. Einige klopften mir auf die Schulter, als ich zu meinem Platz ging, wo Tommaso und Guiglel- mo mich mit leuchtenden Augen und einem breiten Lächeln empfingen. Sie schienen sehr zufrieden und stolz zu sein. Die Konferenz nahm ihren Lauf, und es wurden gute 376
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    Ideen erörtert. Unteranderem die Öffnung aller staat- lichen Grenzen weltweit. Es wurde gemunkelt, dass man noch zwei Tage an den Gipfel dranhängen wollte. Das bedeutete, dass wir noch weit entfernt von einem Kompromiss oder einer Vereinbarung waren, zumal bis zum heutigen Abend kein erwähnenswertes Konzept auch nur annährend betrachtet worden war. Das wie- derum hieß, mein Entwurf war quasi vom Tisch. Ich konnte dem praktisch nichts entgegensetzen, da dies demokratisch beschlossen worden war. Mit blieb nur, eine neue emotionsvollere Rede vor den Mitgliedern der Weltorganisation vorzubringen. Ich hoffte, dass die kommenden Tage etwas Neues bringen würden. In Gedanken versunken spürte ich plötzlich die Hand des UN-Generalsekretärs auf meiner Schulter, der sich erkundigte: „Wo kann man hier gut essen gehen, ohne viel zahlen zu müssen?“ „Wo immer Sie wollen, wenn Sie uns einladen“, ant- wortete ich prompt auf seine scherzhafte Frage. „Kein Problem, also Sie wählen und ich bezahle, vo- rausgesetzt, meine Frau isst ihren Teller leer, einver- standen?“, sagte er amüsiert. „Gut, wer ist sonst noch mit von der Partie?“, wollte ich neugierig wissen. „Ich denke, ohne Ihre Freunde sind wir etwa zehn Personen. Also es lohnt sich, ein gutes Restaurant aus- zuwählen, da könnten Sie punkten. Bitte ein diskretes Lokal ohne viel Schnickschnack, okay?“, gab er mir einen letzten Hinweis und wollte sich verabschieden, indem er sagte: „Denken Sie daran, es sind auch Leute von der Presse dabei!“ „Wieso das?“ „Das werden Sie noch erfahren. Ciao, gnädige Frau“, wandte er sich an Antonia, ehe er Tommaso und Gu- 377
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    iglelmo zunickte. „MeineHerren, bis zwanzig Uhr dreißig heute Abend.“ Mit diesem letzten Satz ging er weiter zu den vielen Gästen, die mit ihm noch das eine oder andere besprechen wollten. So war das in den Pausen. Ich musste mir wirklich Gedanken machen über den Verlauf des heutigen Abends. Und vor allem: Was sollte die Presse dort? Ich suchte nach den Vorgaben ein Restaurant außer- halb von Brüssel aus: ländlich einfach, wobei alles aus eigener Produktion stammte. Als wir gegen halb zwölf mit dem Abendessen fertig waren, hatte die First Lady des UN-Generalsekretärs tatsächlich alles schön brav aufgegessen. Ich konnte mit meiner Wahl sehr zufrieden sein. Die Schiebetür des hinteren Saals, wo wir diskret unter uns gewesen waren, ging auf und einige Leute mit Aufnahmeapparaten kamen herein. Der UN-Ge- neralsekretär hatte einige Medienvertreter eingeladen, um über die bisherigen Ergebnisse des Gipfels zu be- richten. „Ruhe bitte!“, erhob er sich und tickte mit einem Messer gegen ein Champagnerglas, das vor ihm auf dem Tisch stand. „Ich habe mit Ihrer Erlaubnis die Herren von der Presse her gebeten, damit Sie einige Fragen bezüglich des Gipfels beantwortet bekommen. Aber zuerst möchte ich mich bei Herrn Brink für die gelungene Auswahl des Restaurants bedanken. Das Essen war sehr köstlich. Ferner möchte ich mich herzlich bedanken bei allen, die der Einladung gefolgt sind, und möchte die lieben Gäste bitten, den Medien Ihren Eindruck der letzten beiden Tage zu schildern. Darf ich bei einem Drink oder Kaffee dazu ins Foyer bitten.“ 378
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    Als wir zusammenin einem großen Halbkreis vor der Presse standen ergriff der UN-Generalsekretär wie- der das Wort: „Meine sehr verehrten Gäste, wie Sie sehen, sind wir eine bunte Mischung von Diplomaten aus China, Südafrika, Südamerika, Australien, Euro- pa, Amerika und Israel. Wir haben viele Vorträge in den letzten Tagen gehört und die Presse möchte ei- nige Fragen dazu stellen. Sie müssen nicht antworten, wenn Sie nicht wollen oder sich noch keine eigene Meinung gebildet haben. So, ich überlasse Sie der Presse.Vielen Dank!“ Er wandte sich an die Reporte- rin von All In One Channel, AIO. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben ein paar Fragen zusammengestellt, deren Antworten draußen sehnsüchtig erwartet werden. Wir sind er- staunt und bestürzt über die Vorkommnisse weltweit. Erste Frage: Wie gedenken Sie, das ganze Ausmaß in den Griff zu bekommen?“ Sie schaute uns an. „Ich heiße Sabine Hermann. Sie dürfen mich duzen“, füg- te sie noch hinzu. Der Botschafter von Argentinien meldete sich zu Wort. „Buenas tardes, señora Sabine. Ich kann nur eins sagen:Wenn wir nicht sofort etwas unternehmen, ist unser Planet verloren. Seit Jahren versuchen wir in unserem Land, die Gesetze der Natur zu befolgen. Wir haben sogar die Viehzucht gedrosselt, die für die Ökonomie der argentinischen Bevölkerung wie auch für den Welthandel lebenswichtig ist. Wir konnten darüber hinaus den Tourismus und unseren Verbrauch an fossilen Brennstoffen auf ein Minimum reduzieren. Aber der Hunger der Städte an Energie ist nicht zu bändigen. Die Anlagen von Herrn Brink reichen nicht aus, um der Luftverschmutzung Herr zu werden. Die Kriminalität und Verarmung sind 379
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    weiter gestiegen. GanzeRegionen sind von Waldster- ben und Dürreperioden bedroht. Die restliche Ve- getation ist nicht mehr fähig, den CO2-Ausstoß auf- zunehmen. Dazu haben wir viele fremde Investoren und Industrien, die täglich nach neuen Ressourcen Ausschau halten. Die Korruption ist in jedem noch so kleinen Business anzutreffen. Die Menschen sind vielerorts verzweifelt, und die Gesundheitsfürsorge kann nur noch mit extremem Aufwand aufrecht- erhalten werden, da uns immer neue Viren zu schaffen machen, die resistent sind und sich zu einer Pandemie ausbreiten können. Wie damals in Indonesien. In letz- ter Minute konnte dort eine Katastrophe verhindert werden. Fazit: Wir sind am Ende, wenn es so weitergeht. Die Konzerne, die Banken, die Industrie und nicht zuletzt die Armut erschweren es sehr, auf allen Fronten aktiv zu sein oder Erfolge verbuchen zu können. Die Fi- scherei ist ferner wegen der Übersäuerung der Meere komplett unseren Händen entglitten. Lasst mich noch einen letzten Satz hinzufügen: Schuld daran trägt das Kapital. Zu viel Gewicht auf dieses Übel. Ich möchte dies unterstreichen!“ „Haben wir denn zumindest Aussichten, das Ganze zu stabilisieren?“, fragte Sabine. Der südamerikanische Präsident für Energiefragen ergriff das Wort: „Sehr schwierig zu sagen, da viele schon angefangen haben, sich passiv zu verhalten, und das kleine bisschen, das übrig bleibt, mit niemandem teilen wollen. Ich denke, es ist vieles falsch gelaufen in den letzten dreißig Jahren. Zuallererst wurde das Ausmaß der Katastrophe bewusst verharmlost und zum Teil verschwiegen oder nicht dokumentiert. Es sind ja immer die anderen, die es als Erste trifft. Selbst 380
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    kann einem dasnicht passieren, denken viele. Dann das böse Erwachen. Die Präsidenten vieler Nationen wollten etwas tun, andere jedoch nicht. Somit wurde vor etwa sechs Jahren unter erheblichem Druck an den Anlagen für Sauerstoff und Strom gebaut – mit vollem Erfolg; die betreffenden Staaten haben sich be- reiterklärt, sie hundertprozentig zu subventionieren, sodass die Verbraucher sie voll nutzen können. Wie lange diese Subventionen gewährt werden, ist aller- dings noch nicht geklärt.“ Ein Beifall aller bewies ihre Zustimmung. In diesem Moment verstand ich, was mir der UN-Generalsekre- tär mit dem heutigen Abend unmissverständlich sagen und beweisen wollte. Der Funke hatte auch ihn er- reicht, er hatte Feuer gefangen. „Wie soll dies bewerkstelligt werden?“, fragte Sabine Hermann und schaute in die Runde. Ich wollte nicht antworten, sondern mir weiter an- hören, was andere zu sagen hatten. Der Gesandte für urbanistische Studien aus Australien meldete sich zu Wort. „Ich stimme meinen Kollegen zu, lege jedoch noch einen drauf. Komplett neue Siedlungen müssen ent- stehen. Das heißt: alle raus aus den Städten. Denn dieser Teil der Bevölkerung muss alles angeliefert be- kommen, zumeist aus Monokulturen. Diese wieder- um schlucken zu viel Dünger, wodurch Unmengen an Nitrate in die Gewässer und Weltmeere geraten und den sauren Regen nähren, der den Kreislauf be- endet. Die Städter zerstören jeglichen Kraftakt der Menschen auf dem Land. Durch vorgegebene Kor- ridore längs der fruchtbaren Böden können wir die Ballungszentren abbauen und mit vollkommen neuen Technologien die Probleme aufhalten, die uns über- 381
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    rollen, denn unsereschmutzige Luft wird durch zu viele konzentrierte Städte verursacht. Städte wie Mexico City oder Sydney mit mehr als dreißig Millionen Einwohnern verlangen zu viel und erbringen zu wenig. Durch Auflockerung der Bal- lungsgebiete wird ebenfalls die unmenschliche Mas- sentierhaltung überflüssig. Jede kleinere Gemeinschaft kann sich direkt aus der lokalen Tierhaltung und Landwirtschaft ernähren. Man muss nicht alles aus der ganzen Welt von weit her angeliefert bekommen. So spart man viel Energie sowohl in der Logistik als auch in der Lagerung und in der Verpackung. Wir müssen moderater anbauen und ökologischer leben. Der Aufwand an Energie wird wesentlich vereinfacht und der CO2-Ausstoß der Ballungsgebiete entschärft. Auf diese Weise kann auch den Ärmsten der Armen geholfen werden, die ihr Glück in den Großstädten suchen und auf den Müllhalden leben oder die To- iletten der Reichen reinigen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Denn wir wissen, jedermanns Traum ist ein menschenwürdiges Dasein und ein Zuhause zu besit- zen, und das dürfen wir niemandem vorenthalten. So- mit bin ich mit Herrn Brink einverstanden und seiner WWP“, schloss er seine VISION. Die Rede schlug ein wie eine Bombe. Alle applau- dierten begeistert dem Herrn aus Australien, dem ich heute Abend zum ersten Mal begegnet war. „Wie heißen Sie?“, fragte Sabine. „Jan Stevens.“ „Herr Stevens, das würde ja Unmengen an Material und Kosten mit sich bringen“, bohrte sie weiter. „Warum? Über welches Kapital und welche Mate- rialien sprechen wir denn hier?“, beantwortete er die Frage mit einer Gegenfrage. „WWP basiert doch auf 382
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    Menschlichkeit und Nächstenliebe.Durch den Zwang, immer mehr innovative Produkte auf den Markt zu bringen, damit mehr erwirtschaftet wird, entstehen viele sinnlose Produkte. Dabei schlagen wir eine im- mer schnellere Gangart an. Hier hingegen müssen keine Gewinne mehr erzielt werden, man unterliegt nicht mehr dem Kapital oder der Preiskalkulation. Al- les geschieht auf Basis von ökologischem Denken und Handeln, das heißt mit Verantwortung für sich und die anderen.“ Der Abend offenbarte noch weitere interessante Ana- lysen und VISIONEN der Anwesenden. Ich freute mich über diese Einsichten und konnte feststellen, dass eine Wende möglich war, wenn die Menschen nur an diese VISIONEN glaubten. Denn der Countdown bis zum Untergang der menschlichen Rasse hatte längst begonnen, vielleicht blieb uns nur noch ein Jahrzehnt. Man brauchte über keine hellseherischen Fähigkeiten zu verfügen. Als die Reporter mit diesen brisanten Neuigkeiten, die eigentlich keine waren, da ich bereits auf dem Gipfel alles gesagt hatte – nur war ich heute Nacht von mehreren Leuten bestätigt und unterstützt wor- den –, wieder abgezogen waren, setzte sich der UN- Generalsekretär zu uns. Wir philosophierten noch eine Stunde über diese mögliche neue VISION für die Menschheit. Denn nicht die Figuren sollten auf der Weltbühne ausgewechselt werden, sondern die Ordnung, in der wir jeden Tag lebten. Das Tempo war für jeden von uns ein nicht enden wollender Kampf geworden. Sogar dem Tod hatten wir ins Gesicht ge- sehen. Meine VISION konnte die entscheidenden Impulse geben und darüber hinaus den armen Ländern, die der 383
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    WWP angehören wollten,helfen. Ohne Verpflichtun- gen, Auflagen oder Beitrittsforderungen. Die anderen konnten ja mit den Personen weitermachen, die sie die ganzen Jahrzehnte ausgebeutet hatten, inklusive ihrer eigenen Regierungschefs, Diktatoren oder Kö- nigen, die behandelt werden wollten wie Götter, aber ihr eigenes Volk unterjochten, betrogen oder sogar umbringen ließen. Sie machten Geschäfte mit hung- rigen Konzernen, die nur eins wollten: ihre Reserven, ihre Ressourcen und Reichtümer. Wir von der WWP wollten uns und die anderen aus der verzweifelten Lage befreien und strebten ein öko- logisches Gleichgewicht an, damit niemand mehr hungern musste, ausgebeutet, erniedrigt und un- gerecht behandelt wurde. Jetzt drehte sich alles da- rum, die verschiedenen Interessengemeinschaften zu bündeln. Pazifisten, Wissenschaftler, Mitdenker, fähi- ge Menschen, die für eine stressfreie und ausgegli- chene Welt einstanden. Leute, die andere Ideologien verfolgten, würde man nicht ausgrenzen oder weg- schicken, sondern ihnen bewusst machen, dass dieses Werk WWP alle von der Geldsucht befreien und sich um den Einzelnen kümmern würde. Eines war klar, bei der UN war ich ein willkommener Gast. Mittlerweile. Was ich allerdings erst einmal mit Vorsicht genießen wollte. Ich akzeptierte ihren Ein- satz, sich in dieser Welt endgültig zu etablieren und die vielen Projekte auf dem Erdball anzuschieben. Nur bei den Friedensmissionen haperte es mir an Ver- ständnis. Wie wollte man mit Waffengewalt aus Feinden Freun- de machen? Die Menschen sollten wieder miteinan- der reden und sich mit Worten ihre Meinung sagen. Denn zum einen verletzte man die Integrität des Lan- 384
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    des. Zum anderenmarschierten die UN-Friedens- truppen oder die NATO ein. Friede konnte nicht mit Kriegswerkzeugen erzielt werden. Ging eine Anfrage bei der UN ein, sollte man alle denkbaren friedlichen Maßnahmen aus der Schublade hervorholen, ohne gleich irgendwelche ständigen Mitglieder der UN um ihre Meinung zu bitten, die dann später mittels ihres Vetorechts die dringend notwendige Hilfe verweiger- ten.Wenn die UN eine unabhängige Weltorganisation sein wollte, musste das Vetorecht abgeschafft werden. Spannungen gab es zur Genüge auf der Erde. Die Hamas in Palästina, dann die Sunniten und Schiiten in der gesamten islamischen Welt, ganz zu schwei- gen von Afghanistan und dem Libanon. Obwohl es sich dabei zumeist um arabische Probleme handelte, spannten die Saudis und Ägypter, die Syrer und Liba- nesen und andere islamische Länder die Weltmächte und Industrieländer vor den Karren, um mit Riesen- aufwand, militärischer Präsenz, UN-Mandaten und Friedenstruppen zu helfen, anstatt selbst etwas für ihre Religionsbrüder zu tun. Es wurden Unsummen für staatliche Fördermaßnahmen und den Wiederaufbau freigesetzt, die letztendlich nur in dunkle Kanäle flos- sen, ohne dass diese Länder zu weniger Armut oder zu mehr Demokratie gelangten. Ein Fass ohne Bo- den in jede erdenkliche Richtung. Dabei finanzierten beispielsweise die Taliban mit dem Drogenanbau, die einzige Einnahmequelle eines dieser heruntergewirt- schafteten Länder, wieder neue Waffen, um im Namen Allahs einen neuen Krieg unter Religionsbrüdern zu führen. Waffen, um die UN- und IVOR-Friedens- truppen von Rechtsradikalen, Terroreinheiten oder Selbstmordattentätern aus dem Hinterhalt zu erschie- ßen. Ein von Irrsinnigen betriebener Kreislauf, in dem 385
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    keine logische Vernunftherrschte. Die politischen Verwalter hatten schon lange das In- teresse an einer Besserung verloren, lebte es sich doch gut mit westlichem Kapital. Ich nannte es den mil- liardenschweren Dollar-Albtraum. Wäre es nicht bes- ser, Friedenstruppen aus dem eigenen Land in einem westlichen Land auszubilden und fit zu machen, um sie dann in ihren eigenen Ländern friedlich einzu- setzen? Hauptargumente dafür waren die Beseitigung der Barrieren sowie Sprache, Tradition, Kultur und der tägliche Ablauf, was oft zu Missverständnissen und Unbeliebtheit bei den herkömmlichen UN-Friedens- truppen führte. Das würde der Allgemeinheit und der UN viel weniger kosten. Und zu guter Letzt lernten sie das friedliche Miteinander. Es gab viele Widersprüche und politische Fehlent- scheidungen der westlichen Welt, zumeist aus wirt- schaftlichen Interessen, sodass es nicht zum Wieder- aufbau und zur Normalität kam. In der Regel wurde mit zweierlei Maß gemessen. Nur die UN mit ihrer Weltpolitik schien ein offenes Ohr für die Menschheit zu haben. Denn man wusste, dass der globale Klimawandel und die Erderwärmung überall mit Riesenschritten vorangingen und jeder davon betroffen war. Man versuchte alles zu tun, da- mit es nicht noch schlimmer kam. Das Geschäft boomte unterdessen mit dem Klima- wandel. Die Anbieter versuchten den Verbrauchern mit allen erdenklichen Tricks die erneuerbaren Tech- nologien teuer zu verkaufen. Ein wahrer neuer Segen für die Industrie. Sei es ein energieverbraucharmer Kühlschrank oder ein effizientes Warmwasserrohr. 386
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    Der dritte Tagund kein Ende Am 3. Tag berichteten alle Medien von meinem Vortrag. Ich wollte mich einerseits den Journalisten stellen, andererseits war es noch zu früh, von großen endgültigen Schritten zu sprechen. Ich hielt mich be- deckt, als ich mit Tommaso und Guiglelmo aus dem Hotel trat, um zum Gipfel zu fahren. „Herr Brink, können wir Ihnen einige Fragen stellen bezüglich ihrer VISION der WWP?“ „Kein Kommentar. Noch ist nichts entschieden. Wir wollen doch keinen Champagner auf ungelegte Eier trinken.“ Ich versuchte, durch die Menge dem Re- porter zu entkommen. „Was passiert mit den Staatsbeamten überall auf der Erde?“, lautete eine andere Frage. „Was geschieht mit der Waffenlobby und all den Waffen?“ „Einschmelzen und schönere Sachen produzieren“, entgegnete ich. „Herr Brink, wir wünschen Ihnen viel Glück“, sagte ein ältere Dame, die mir entgegenkam. „Danke, Madame.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eine Horde von Journalisten schrie mir ihre Fragen entgegen und versuchte verzweifelt, mir ihre Mikro- fone in dem Durcheinander entgegenzuhalten. Als wir endlich im Auto saßen und langsam wegfuhren, konnten wir sie noch hören, bis wir um die Ecke bo- gen. Neben der UN, UNICEF, WHO, Greenpeace, WFP (Welternährungsprogramm), UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der UN), UNDP (Entwick- lungsprogramm der UN) und WWF wollte ich viele andere Weltorganisationen und en an diesem histori- 387
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    schen Datum des29. Juni 2021 in die WWP einfüh- ren, zum Wohle der Menschheit. WWP stand für „WORLD WITHOUT PROFIT“. Hiermit wollten wir allen Kriminellen und Geschäf- temachern, die sich auf Kosten der Umwelt und der Menschheit bereicherten, ein Ende setzen. Wozu brauchten wir Gewinne? Sie nützten doch nur we- nigen als Beherrschungs- und Unterdrückungsmit- tel. Hiermit sollte all dem ein Riegel vorgeschoben werden. Eine Punkte-Gesellschaft mit voller Gleich- berechtigung sollte entstehen, denn viele empfanden ihr Dasein als absolut ungerecht und fühlten sich ge- demütigt. Unsere Rechte wurden zunehmend in un- freiheitliche Gesetze umgewandelt. Ich hatte das Gefühl, dass heute noch mehr Leute am Klimagipfel teilnehmen würden. Tatsächlich hatten sich weitere Delegationen und Politiker aus allen Erd- teilen angemeldet. Als wir vor dem Sitzungsgebäude aus dem Wagen stiegen hörte ich jemanden hinter mir rufen: „Hallo, Herr Brink, ich drück Ihnen die Daumen!“ „Sie haben meine Stimme und meinen Segen“, mel- dete sich ein anderer aus der Menge. Ich drehte mich um und schaute in ein Lächeln von zwei Reihen weißer Zähne, die einem schwarzen, tra- ditionell gekleideten, französisch sprechenden Afrika- ner gehörten. „Merci Monsieur“, lächelte ich zurück und ging wei- ter. Die Blicke waren alle auf uns gerichtet. Die Entwick- lung schien zum ersten Mal eine eigene Dynamik an- zunehmen. Es wurde allmählich ernst. Ich musste mich zusam- menreißen, denn es sah alles danach aus, dass meine 388
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    Theorie oder VISIONimmer stärker akzeptiert wur- de. „Du, Papa, sie wollen alle deine Theorie hören. Siehst du die Plakate und Schriften da drüben?“, sagte Tom- maso. Ich drehte mich zum Publikum hin, denn bis jetzt waren wir Richtung Podium gelaufen und hatten die Transparente nicht lesen können. Im gleichen Augen- blick ertönten auch schon das Geschrei und die Stim- men der Menschen im Konferenzsaal. „WWP, WWP, WWP! Wir wollen die WWP, wir wollen die WWP! Now, now, now!“ Sie tobten und stampften mit ihren Füßen. „WWP, WWP, wir wollen die WWP, wir wollen die WWP!“ Ich traute meinen Ohren und Augen kaum. Dann vernahm ich meinen Namen. „Jeff Brink, Jeff Brink, how, how, how! Jeff Brink! Wir wollen die WWP, wir wollen die WWP!“ Mir fehlten die Worte. Ich schaute mich um und merkte, dass nur ein inszeniertes Lächeln von meinen Lippen abging, als fürchtete ich, mich vor dieser ra- senden Menschenmasse zu zeigen. Ich war ein solches Auftreten nicht gewohnt. So- fort umringten mich Sicherheitsbeamte, um mich zu schützen. Wir wurden alle drei zum Rednerpult geführt, wo der EU-Präsident auf uns wartete. Wir schauten uns das ganze Schauspiel einige Zeit lang an. Dann eröffnete er die Konferenz. „Meine sehr verehrten Damen und Herren …“ Er hielt inne. „Meine sehr verehrten Damen und Her- ren. Ich bitte um Ruhe und Ihre Aufmerksamkeit … Bitte!“, erklang nun seine Stimme etwas strenger. „Lassen Sie uns fortfahren.“ Er holte tief Luft. „Ich möchte den brasilianischen Botschafter als nächsten 389
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    Gast zu mirrufen.“ Botschafter Vieira lief bereits zum Rednerpult und gab dem EU-Präsidenten zur Begrüßung die Hand. „Hallo! Ich habe an sich nichts hinzuzufügen und würde mir wünschen, dass wir diese VISION von Herrn Brink etwas näher unter die Lupe nehmen. Ich werde zu Hause das Ganze mit meinem Sozialpartner ausdiskutieren. Wir werden dies dann der Regierung vortragen“, schloss er seine kurze Rede, kam zu uns herüber und gab uns allen die Hand mit den Worten: „Gott soll Ihnen beistehen bei der VISION. Ich bin an Ihrer Seite und werde alles tun, damit unser Volk nach Jahren der Bürgerkriege und Entbehrungen endlich ein Licht am Horizont erblickt.“ Ich freute mich: „Ich werde Sie auch unterstützen und, wenn es so weit kommen sollte, Ihr Land besu- chen und mich bedanken.“ „Hättest du das gedacht?“, fragte ich Guiglelmo. „Niemals“, gab er mit einem etwas verzogenen Ge- sicht zurück. Tommaso entgegnete: „Haben wir eine andere Wahl? Die Menschheit steht doch mit dem Rücken zur Wand. Ich hoffe, dass die Einsicht und die Vernunft siegen werden.“ Wir mussten an diesem Morgen vielen Menschen die Hand schütteln und einige Worte wechseln. Es tat gut, strengte aber auch an. Wir wussten noch nicht, wo unsere Feinde steckten, obwohl die Antwort schon in meinem Hinterkopf brodelte. Und ich sollte recht be- halten. Am Nachmittag kamen die Russen an die Reihe. Da- bei kann einfach nichts Gutes herauskommen, schoss mir durch den Kopf. Aber in einem demokratischen Fo- rum sollte jeder seine Ansichten vortragen und die 390
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    Konferenz überzeugen können.Der Außenminister Dobrov Michaelovic übernahm diese Rede, nachdem er die Gäste begrüßt hatte. „Mein Land hat sich bereits entschieden. Wir werden nicht solchen Träumereien, Spinnereien oder VISIO- NEN hinterherrennen, damit noch mehr Zeit ver- schwendet wird. Fakt ist, dass dies ökonomisch un- denkbar ist und die Menschheit erst recht ins Chaos stürzen würde. Ich frage Sie, wer will denn überhaupt produktive Leistungen erbringen, ohne angemessen dafür entlohnt zu werden? Viele werden ihre Besitz- tümer nicht kampflos dem Allgemeinwohl überlassen, das würde zu einem weltweiten Aufstand führen. Und haben wir nicht ein ganzes Jahrhundert gebraucht, um dies auszuprobieren? Wohin das Ganze geführt hat, brauche ich ja nicht extra zu erwähnen. Die Mensch- heit würde mit einem Schlag zurück ins Mittelalter katapultiert werden, wenn es keine Marktwirtschaft mehr geben sollte. Chaos, Aufstände und Panik wären die Folgen. Und wer, frage ich Sie, soll darüber bestimmen? Also meine Regierung glaubt nicht an einen Erfolg. Wenn es dennoch dazu kommen sollte, wehren wir uns da- gegen und werden alle Verträge, Vereinbarungen, Lie- ferungen von Gas und Erdöl und andere Ausfuhren stoppen. Eine solche Idee wird die Probleme der Menschheit nicht lösen. Daher appelliere ich an alle Teilnehmer, diesen Irrsinn zu boykottieren und die- sen Brink sofort vom Klimagipfel zu entfernen. Eine verrückte, verwirrte Person wie er hat hier nichts zu suchen. Er gehört in die Klapsmühle, das ist meine Meinung.Vielen Dank fürs Zuhören.“ Die Chancen standen schlecht, wenn sich jetzt auch noch die Chinesen und Amerikaner abwandten. Von 391
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    Südamerika, Mittelamerika, Indien,Australien, Neu- seeland, Afrika, Europa, Indonesien und vielen klei- neren Staaten kamen positive Signale. Nur, wie gesagt, die Welt war gespalten, denn die arabischen Länder wollten sich weder der schlimmen Lage beugen noch in Frieden mit der westlichen Welt leben. Andererseits hatte der Islam viel gemeinsam mit unserer Religion und mit Gott. Meine Zweifel ließen mich nicht los. Ich müsse noch eine Rede halten, schlug der UN- Generalsekretär vor. Wenn nötig noch heute am spä- ten Nachmittag; aber dafür war ich noch nicht vor- bereitet.Tommaso konnte für mich mit einem Projekt antreten, das wir mit den Schweizern und Luxembur- gern vor fünf Jahren erfolgreich durchgeführt hatten, obwohl es damals heftige Kritik gehagelt hatte. Die drastische Umsetzung von damals fruchtete jetzt erst. Nach Rücksprache mit dem EU-Präsidenten betrat Tommaso am Ende des Konferenztages das Redner- pult. Er begrüßte die Gipfelteilnehmer, nachdem er vom EU-Präsidenten vorgestellt worden war. „Meine sehr verehrten Gäste. Ich möchte Ihnen eine Erfolgsgeschichte, obwohl viele diese bereits kennen, nochmals in Erinnerung rufen. Nach meinem Stu- dium damals 2014 erhielt ich von der Akademie sowie von der Schweizer und luxemburgischen Regierung den Auftrag, den CO2-Anteil über ihren Territorien um sechzig Prozent zu reduzieren. Nach etwa einem Jahr legte ich den Regierungen die mit meinem Team und meinem Vater ausgearbeitete Studie vor. Bereits zwei Jahre später konnte unser Plan umgesetzt wer- den. Heute haben wir sogar mehr als die sechzig Pro- zent Reduktion erreicht, was für uns ein voller Erfolg bedeutet, ohne dass die Menschen in irgendwelcher 392
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    Weise darunter hättenleiden müssen. Obendrein konnte die Wirtschaft um zwanzig Prozent zulegen, die Einnahmen wurden verdoppelt und die Einspa- rungen sind in allen Bereichen, ökonomisch wie öko- logisch, beispielhaft. Eine wahrhaft beeindruckende Erfolgsstory, wie ich meine, und für viele nachahmungsfähig. Nur einige zeigten sich nicht erfreut darüber, nämlich diejenigen, die an diesem Geschäft schlagartig nicht mehr par- tizipierten, da die Auto- und Zulieferbetriebe sowie die Tankstellen zum Teil schließen mussten. Die verlo- renen Arbeitsplätze konnten jedoch locker durch die urbanistische Umstrukturierung wettgemacht wer- den, ja mehr noch. Die Staatseinnahmen haben sich verdoppelt. Den Menschen wurde eine bessere Le- bensqualität beschert. Sie atmen eine bessere Luft. Dass diese beiden Länder den Nobelpreis für eine saubere Erde bekommen haben, sagt doch alles. Da- mals war mehr als die Hälfte der Bevölkerung dagegen, aber willens, die Erde und die Natur zu schonen. Aber wie konnte das Projekt am besten bewerkstel- ligt werden? Unsere Zielsetzung bestand darin, Pkw und Lkw zu fünfundsiebzig Prozent von der Straße verschwinden zu lassen. Wenn wir zudem für die rest- lichen fünfundzwanzig Prozent des noch übrig ge- bliebenen notwendigen Verkehrsaufkommens erneu- erbare Energien einsetzen würden, erhielten wir eine fünfundachtzigprozentige Effizienz. Diejenigen, die ganz auf ein eigenes Fahrzeug verzichten würden, er- hielten erhebliche Steuervorteile. Das bedeutet: Nur die unverzichtbare Logistik ist erhalten geblieben. Wie konnte dies alles umgesetzt werden, ohne die Bürger zu vergrämen und ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken? Zum Glück handelt es sich bei dem 393
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    Großherzogtum Luxemburg umeinen relativ klei- nen Staat. Als Erstes haben wir für den von außen anreisenden Verkehr die Grenzen zugemacht und die bestehenden Autobahnen komplett umgerüstet. Aber- tausende von Verkehrsschildern wurden somit über- flüssig. Diese Gäste aus dem Ausland können nun ihre Autos auf P+R-Parkflächen abstellen und mit einer Jahresvignette weiter mit Trambussen oder mit der Bahn einreisen und sich kreuz und quer auf dem lu- xemburgischen Territorium bewegen. Diese Hybrid- fahrzeuge sind CO2-frei, getrieben von Elektromoto- ren. Ihr Strom wird aus erneuerbaren Energiequellen, aus Windrädern und Photovoltaikanlagen, gewonnen. Die Personen oder Güter werden im Minutentakt von verschiedenen Anlaufstellen an den Grenzen weiter- transportiert. Durchreisende bekommen einen elekt- ronischen Pass, vergleichbar mit der Maut einige Jahre zuvor auf den deutschen Straßen. Da dies eine ziem- lich teure Angelegenheit ist, verhindert sie die Einreise vieler Fahrer. Ergebnis: Die avisierte Reduzierung von CO2 wurde sogar noch überschritten. Allerdings wird dies bis zum heutigen Tag nur auf nationaler Ebene so gehandhabt. Nach dem gleichen Prinzip kann man in allen Ländern, Provinzen, Kantonen, Departements und Regionen vorgehen. Ein zweites Anliegen lag darin, die einheimische Be- völkerung, die sich täglich durch das Ländchen be- wegte, zu sensibilisieren und ihre Verkehrsmittel einzuschränken. Sie müssen wissen, durch die hohe Kaufkraft der Luxemburger verfügte damals jeder Haushalt durchschnittlich über zweieinhalb Pkw, was dringend reduziert werden musste. Dies haben wir er- reicht, indem die Infrastruktur der öffentlichen Ver- kehrsmittel ausgebaut und ein System installiert wur- 394
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    de, nach demnur Autos mit einer bestimmten Zahl am Ende des Kennzeichens fahren durften. Das heißt, anhand der Endziffern wird bestimmt, an welchen Ta- gen und Stunden sie genutzt werden dürfen. Ferner haben wir das Alleinfahren in den Autos sanktioniert. Prämierungen und sonstige Begünstigungen unterlie- gen den regionalen Instanzen. Der Staat konnte etwa siebzig Prozent der Ausgaben für die Instandsetzung von Straßen einsparen. In Luxemburg gibt es keine einzige Verkehrsampel mehr. Dasselbe wurde vor drei Jahren in der Schweiz schrittweise eingeführt und der Erfolg lässt sich sehen. Sie sehen, meine Damen und Herren, es funktio- niert. Heute will kein Bürger mehr an verstopfte Städte und Autobahnen zurückdenken. Angesichts des Problems fehlenden sauberen Trink- wassers haben wir zusätzlich der Landwirtschaft gera- ten, die Tierhaltung auf die nationalen Bedürfnisse zu beschränken und ausschließlich auf natürliche Weise Ackerbau und Viehzucht, damals BIO genannt, zu be- treiben. Die Genmanipulation ist gänzlich eingestellt worden und das Wort „Bio“ in diesem Sinne gibt es hier nicht mehr, weil dies eine Zweiklassengesellschaft gefördert hätte. Viele kleine Gemeinden europaweit haben sich die- sem Modell angeschlossen. Mit viel Erfolg bis heute. Ich will damit sagen, wir können etwas tun und wir sollten auf diesem Weg weitermachen. So können wir auch ärmere Gebiete auf dieser Erde für unsere inno- vativen Projekte gewinnen. Sicherlich ist es nicht ein- fach, die weltweiten Probleme in den Griff zu bekom- men. Aber Bequemlichkeit und Kostenkalkulationen sollten nicht der Grund sein, es zu unterlassen. 395
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    Meine sehr verehrtenDamen und Herren, ich wollte mit diesen Beispielen zeigen, dass auch kleine ver- nünftige Schritte zum Erfolg und zum Schutz unserer Umwelt führen können. Ich bedanke mich fürs Zu- hören“, schloss Tommaso seine erste Rede ab, und das auf diesem Gipfel von solcher Bedeutung. Ich war stolz auf meinen Sohn. Die Anwesenden ho- norierten es mit beispiellosem Beifall für diesen jun- gen Mann, der sich so einsetzte. Überhaupt plädier- te ich dafür, auch junge Menschen mit ins Boot zu nehmen. Je früher, desto besser, lautete meine Devise. Aber auch die Alten durften sich nicht einfach auf ihren Lorbeeren ausruhen und sollten auch im ho- hen Alter noch aktiv an der Zukunft mitgestalten. Das hielt sie jung. Am Abend berichteten die Medien bereits von den Geschehnissen des Gipfels und trugen sie so in die Haushalte. Die Gemüter waren aufgeheizt. Aber ein Entschluss, wie es weitergehen sollte, lag noch in wei- ter Ferne, obwohl wir auf eine schriftliche Nieder- legung drängten.Viele Delegationen wollten noch bis spät in die Nacht auf eine Lösung hinarbeiten. Mit gemischten Gefühlen fuhren wir gegen Mitternacht ins Hotel zurück, ohne eine Einigung erzielt zu ha- ben. Es deutete alles darauf hin, dass mein Projekt zu- mindest teilweise übernommen wurde. Man durfte die Hoffnung niemals aufgeben. Schließlich ging es um das Fortbestehen unseres Planeten. Mitten in der Nacht ließen wir uns einige kalte Ge- richte und Getränke aufs Zimmer bringen. „Wie lange müssen wir noch hierbleiben?“, fragte Te- resa. „Vielleicht zwei oder drei Tage“, gab Tommaso noch 396
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    ziemlich frisch zurück. Wirsahen uns die Tagesthemen des Gipfels vom vori- gen Tag an. Sie strahlten die Rede des Russen und den Vortrag von Tommaso aus. Wir verfolgten gespannt die vielen Medienfragen und die Meinungen der Be- fragten draußen in der Welt zu unserem Programm. Viele reagierten positiv. „Wenn es so weit kommt, sind die Aussichten nicht schlecht“, meinte eine Passantin. Weil ich noch eine Rede für den kommenden Tag vorbereiten musste, setzte ich mich noch eine halbe Stunde mit Guiglelmo und Tommaso vorne in die Suite. Die Vorbereitung dauerte länger als gedacht. Die Gretchenfrage lautete:Wie konnten wir die Ame- rikaner und die Russen zusammen an einen Tisch bekommen und zum Mitmachen umstimmen? Das würde für die UN einiges vereinfachen. Nach zwei Stunden hatten wir die Strategie meiner Rede zu Papier gebracht. Das Telefon klingelte und bat um eine Freischaltung. Es war Marcella aus Ke- nia. „Hallo, entschuldige, dass ich so spät noch anrufe. Ich habe gerade die Nachrichten verfolgt und Tommaso gesehen. Bin stolz auf euch, wollte ich nur sagen. Das war’s. Ich liebe euch. Melde mich noch. Gute Nacht allerseits, ciao.“ Die Schaltung endete, ohne dass wir etwas antworten konnten. Wir schauten uns verdutzt an. „Das war sehr kurz“, bemerkte Guiglelmo. „Gut, sie zu hören. Ist schon eine Zeit her, dass ich sie gesehen habe. Sie ist ja eine richtige Kämpferin geworden!“ „Ja, was soll ich sagen? Sie ist eben meine Tochter! Es war doch schön. Sie wollte uns wissen lassen, dass sie an uns denkt.“ 397
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    „Genau“, meinte Guiglelmo. „Ichzieh mich zurück und wünsche noch ein paar geruhsame Stunden. Gute Nacht.“ „Gute Nacht“, antworteten Guiglelmo und Tommaso gleichzeitig. Tags darauf saßen wir zusammen beim Frühstück und warteten auf Guiglelmo und Fiona, als ein junger Mann in Regenjacke zu uns herüberkam und fragte: „Wer von Ihnen ist Herr Brink, Jeff Brink, genauer gesagt?“ Schon als ich meine Hand hob, überkam mich ein ungutes Gefühl. Alle schauten zu mir herüber und wieder zurück zu dem jungen Mann. „Ich bin Kommissar der Sektion West, Brüssel, und muss Ihnen leider eine schlechte Nachricht übermit- teln. Wir wurden vor Kurzem von der Hotelleitung benachrichtigt, dass auf Zimmer 703 ein Paar auf den Namen Vaccha abgestiegen sei. Durch den Anruf einer Person, die wir nicht identifizieren konnten, wurden zwei Tassen Kaffee mit zwei Brötchen auf dieses Zim- mer bestellt. Als die Kellnerin zur Tür kam, bemerkte sie, dass diese nur angelehnt war. Nachdem sie sich angemeldet hatte und keiner antwortete, ist sie hin- eingegangen und hat zwei Personen in einer Blut- lache auf dem Bett vorgefunden. Daraufhin hat die Hotelleitung uns benachrichtigt und wir sind sofort hierher geeilt. Die Spurensicherung ist gerade dabei, alles Wichtige sicherzustellen, um den Tatvorgang zu rekonstruieren und zu untersuchen, wer an einem sol- chen Verbrechen beteiligt sein könnte. Ich wollte Sie bitten, mich zu begleiten, um die beiden zu identi- fizieren. Es tut mir leid.“ Keiner traute sich zu atmen, geschweige denn zu spre- 398
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    chen. Aber dannsprang Teresa wie von der Tarantel gestochen auf und schrie außer sich mit weit aufge- rissenen Augen: „Sag, dass es nicht wahr ist! … Sag … dass … es nicht wahr ist!“ Sie weinte und flehte den Ordnungshüter förmlich an. Ich stand auf, um sie festzuhalten und an mich zu drü- cken. „Ich kann’s nicht glauben“, weinte sie bitterlich wei- ter und drehte sich mir zu: „Jeff, sag doch was! Sie haben meinen Bruder und Fiona umgebracht.“ Ich hielt sie fest, während in mir Schuldgefühle hoch- stiegen, die meine Kraftlosigkeit noch verstärkten. Auf der anderen Seite aber stiegen eine immense Wut und Trauer in mir auf. Die Gefühlsküche brodelte, es war nicht zu beschreiben. „Teresa, es tut mir so leid. – Bitte beruhige dich, mein Schatz!“ „Wie soll das gehen, frag ich dich? Gut … beruhige dich“, redete sie sich verzweifelt selbst ein. Ich schaute dem Kommissar in die Augen und fragte: „Muss das jetzt gleich sein?“ „Ja bitte“, sagte er ruhig. „Gut, wenn’s denn sein muss“, antwortete ich etwas nervös. Ich wusste, dass wir im Fadenkreuz der Russen und einiger Konzerne waren, aber jetzt schwammen mir die Felle weg. Jan war noch schwer krank. Es hatte be- reits mehrere Tote gegeben, und jetzt meine Familie. Nein, das ging zu weit. Tommaso eilte herüber zu seiner Mutter. „Mama, hör zu, Papa muss mit“, versuchte er zu erklären. „Ich geh mit. Ich will sie noch einmal sehen“, klang sie auf einmal ruhig. „Es geht schon“, meinte sie. „Natürlich gehst du mit“, beruhigte ich sie. „Tomma- 399
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    so, wir sindbald zurück. Ruf bitte den UN-General- sekretär und den EU-Präsidenten an und versuch die Sachlage diskret zu behandeln, verstanden!“ „Ist okay, Papa, mach dir keine Sorgen deswegen.“ Oben angekommen liefen allerlei Leute im Zimmer ein und aus. Der untersuchende Arzt meinte zum Kommissar: „Sie sind, ohne geweckt worden zu sein, mit einer Kugel in den Kopf aus nächster Nähe erschossen worden. Sie haben nichts mitbekommen.“ „Verstehe! – Was sagt die Spurensuche?“, fragte der Kommissar seine beiden Mitarbeiter. „Der Täter ist über den Balkon ins Zimmer gelangt und konnte unbemerkt seine Arbeit verrichten.“ „Sucht weiter, vielleicht findet ihr noch irgendwel- che Hinweise oder Spuren. Ich will, dass jeder Qua- dratzentimeter unter die Lupe genommen wird.“ Er drehte sich zu uns und wir gingen ins Zimmer. Ein schrecklicher, aber doch ruhiger Anblick bot sich uns. Beide lagen da, als würden sie friedlich neben- einander schlafen. Nur das Blut auf beiden Kopfkissen verriet die Tat. Teresa weinte bitterlich. „O fratello mio, o cara, cara Fiona, cosa vi hanno fat- to.“ (Oh mein lieber Bruder, oh meine liebe, liebe Fiona, was haben sie euch angetan.) Sie schluchzte und ließ ihrer Trauer freien Lauf. Anders als wir Nord- europäer, die alles rational angingen. Sie hatte sich an mich gedrückt. Ich sagte zum Kommissar: „Ja, es sind Fiona und Gu- iglelmo Vaccha.“ Wir blieben noch ein paar Minuten, als die Leichen- bestatter die Bahren heranbrachten. „Kann man eine Zeit feststellen, wann es passiert ist“, fragte ich. 400
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    „Nach den Untersuchungendes Arztes muss es gegen 4.45 Uhr heute Morgen passiert sein. Das ist die Zeit, wo im Allgemeinen jeder in einem Tiefschlaf liegt. So konnte der Mörder seine Arbeit in aller Ruhe durchführen“, erwiderte der Kommissar. „Wir wer- den Ihnen nach der Autopsie Bescheid geben. – Und nochmals, mein Beileid. Ich habe Sie gestern noch zusammen in den Nachrichten gesehen.“ „Danke“, brachte ich noch hervor, ehe wir aus dem Zimmer begleitet wurden. „Hatten Frau und Herr Vaccha Kinder?“ „Nein“, antwortete ich. „Herr Brink, kümmern Sie sich um den Rest? Ich werde ihnen alles zukommen lassen, was wir nicht mehr benötigen.“ „Gut.“ Sie würden uns sehr fehlen, ging mir ständig durch den Kopf. Nicht nur bei unseren Ideen, sondern als sehr liebe Verwandte. Und die vielen Abenteuer, die wir seit unserer Jugend gemeinsam erlebt hatten, als wir gemeinsam studiert und ich seine Schwester Te- resa kennengelernt hatte. Eine schöne Zeit ging hier und heute zu Ende. Es schien, als wollte man uns den Boden unter den Füßen entreißen, damit wir unse- re Projekte aufgeben würden. Alles deutete auf die Pharmaindustrie, die Erdöllieferanten und die Russen hin. Wer letztendlich dahinterstecken mochte, es war ihnen gelungen, uns ins Herz zu treffen. Es kam eine ungewisse Zeit auf uns zu. Bereits eine Stunde später rief mich der EU-Präsident da Cunha an. „Mein Beileid, Herr Brink, auch an Ihre Frau. Ich habe nach dem Anruf Ihres Sohnes mit dem UN-Ge- neralsekretär gesprochen. Er vertritt die Meinung, das 401
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    Ganze bis nachdem Gipfel zurückzuhalten. Emotio- nen und Gefühle sollten bis auf Weiteres aus dem Spiel gehalten werden. Wir werden uns zu einem späteren Zeitpunkt darum kümmern. Nichtsdestotrotz muss der Fall selbstverständlich weiter untersucht und die Täter schnellstens gefasst werden. Sie verstehen mich, hoffe ich.“ „Ja, ja, aber ich werde noch heute abreisen und mich aus Respekt vor meiner Schwägerin und meinem Schwager aus allem zurückziehen“, antwortete ich müde und ausgelaugt. „Sollen diese Gauner etwa recht behalten? Und sol- len wir zuschauen, wie die ganze Welt vor die Hunde geht?“, redete er mir ins Gewissen. Ich konnte nicht mehr klar denken. „Nein, das können Sie nicht, mein Freund. Allein schon um Ihres Schwagers willen. Er hätte dies gewiss nicht gewollt. Glauben Sie mir. Es kann nicht sein, dass wir den Kopf in den Sand stecken. Das hilft nieman- dem. Ich habe Verständnis für Ihr Vorgehen und Ihre Gefühle. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir wollen der Menschheit ein Vorbild sein, nach der Konferenz. Sie sollen nicht umsonst gestorben sein“, beteuerte er und versuchte mir Mut zu machen. Das Telefon klingelte an diesem Morgen unentwegt. Einige Reporter hatten Wind bekommen, obwohl noch nichts Konkretes an die Öffentlichkeit geraten war. Aber es dürfte eine Sache von Stunden sein, dann würde die ganze Welt von dem Vorfall und dem Tod von Guiglelmo, dem Mitdenker der WWP, wissen. Was konnte und was sollte ich machen? Ich wollte Antonia, die noch am gleichen Tag anreisen wollte, abwarten, um einiges zu besprechen. Gegen Mittag traf sie ein, und wir konnten unsere 402
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    Trauer nur kurzaustauschen, denn wir mussten han- deln. Mit Teresa, Tommaso, Serena und Antonia war ein kleines unversehrtes Häuflein übrig geblieben, während León und Jackie erst morgen Nachmittag ankommen würden. León hatte schon am Telefon anklingen lassen, dass er auch aufgeben und sich zu- rückziehen wollte. Ich hatte Verständnis für seine Ent- scheidung. Schließlich war es ein ungleicher Kampf. Man würde sich der Ökonomie und der Marktwirt- schaft niemals komplett entziehen können, hatte er argumentiert. Er hatte recht. Aber wie sollte denn unsere VISION eines Tages Realität werden, wenn nicht durch den festen Glauben an Gott und an eine gerechtere Welt? Gott würde uns bestrafen, wenn wir nichts gegen all die Ungerechtigkeiten unternehmen würden, doch auch diejenigen belohnen, die an ihn glaubten und den Mut hatten, etwas zu tun, und ihnen helfen, diese schwierigen Momente durchzustehen. Einige Verblendete glaubten tatsächlich noch daran, eines Tages zu den Oberen aufsteigen zu können, und nahmen diese Versprechungen für bare Münze – und mussten für gewisse Missstände den Kopf hinhalten. Viele wollten nichts davon wissen, dass es unserem Planeten zusehends schlechter ging, und erlagen der perfiden Verführungskunst der Mächtigen. „Wir müs- sen vorausschauen“, lautete die Parole. Diese Menschen konnten nichts dafür, sie schienen blind und taub zu sein und würden in den Abgrund stürzen, wenn nicht jemand sie zurückhielt, bevor sie den entscheidenden falschen Schritt machten. Also mussten wir sie retten und dafür sorgen, dass sie wieder ihre fünf Sinne benutzten. Aber wie? Die Ant- wort lag klar auf der Hand. Wir von der WWP woll- ten nicht mit Gewalt oder Protestmärschen zum Ziel 403
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    gelangen, sondern mitfriedlichen Diskussionen, ohne andere zu belästigen oder mit lockenden Parolen und Werbung einzuschläfern. Die Gegenseite wusste sehr wohl, was sie uns antun wollte. Abhängig machen mit allen Mitteln der Kunst, koste es, was es wolle. Nur so konnten sie an unser Fleisch herankommen, aber nicht an unsere Herzen, trotz aller Versprechungen, die sie ohnehin nicht ein- mal ansatzweise einhalten konnten. Denn sie waren keine Götter, sondern unterlagen ebenfalls dem Ge- setz Gottes. Gott war der einzige Schöpfer des Uni- versums und konnte alles verhindern oder alles zum Guten wandeln. Aber wir hatten bereits alles verspielt, als er seinen Sohn Jesus Christus zu uns gesandt hatte, um uns zur Umkehr zu bewegen. Es war uns gelungen seine Bot- schaft zu verdrehen.Viele Kriege hatte die Menschheit im Namen Gottes geführt, obwohl Gott niemandem befohlen hatte zu töten. Was mich immer wunderte, war, dass sogar diejeni- gen, die an gar nichts glaubten und nur auf Evolu- tion setzten, sobald etwas nicht funktionierte, das Wort Gott in den Mund nahmen: „Mein Gott, wie konnte das geschehen?“ – „Mein Gott, was hab ich falsch gemacht?’’  –  „Mein Gott, hilf mir!’’  –  „Mein Gott, lass mich nicht allein!“ – „Um Gottes willen!“ – „In Gottes Namen!“ oder „Dem Himmel sei Dank!“ Wo kamen denn diese immer wiederkehrenden Gottesanbetun- gen her? Sie waren weltweit tief in unserer Sprache verwurzelt. Die Gier und Überheblichkeit der weißen Rasse wur- de offenkundig in der Geschichte Afrikas und Ame- rikas der letzten fünfhundert Jahre, wo wir, ohne mit 404
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    der Wimper zuzucken und ohne die Ureinwohner zu fragen oder einzustimmen, den dort lebenden Men- schen ohne jeglichen Grund alles weggenommen hatten. Obwohl sie uns empfingen wie Gleichberech- tigte, uns gaben, was wir von ihnen verlangten, und ihr Land gerne mit uns Weißen teilen wollten. Aber mit unverfrorener Arroganz hatten wir alles niederge- macht und sie rücksichtslos ermordet. Ganze Stämme waren mit ihren Traditionen und Kulturen unwieder- bringlich ausgelöscht worden. Wir, die weiße Rasse, hatten viel Blut an unseren Händen. Diese Gedanken kamen bei mir auf, selbst jetzt in die- ser schweren Stunde, in der ich entscheiden musste, wie mein Leben zukünftig aussehen sollte. Ich musste dem EU-Präsidenten recht geben: Es wäre ein Feh- ler, die VISION aufzugeben oder fallen zu lassen. Die Arbeit musste fortgeführt werden. Ich wollte Tomma- so und Antonia mehr Verantwortung übertragen. In der Suite saßen wir alle beieinander und gingen die möglichen Varianten durch. „Antonia, du müsstest auch mal ans Rednerpult, damit die Leute sehen, dass mehr Menschen an die VISION glauben“, versuchte ich sie zu überzeugen. „Jeff, ich mach alles, was du willst, aber nicht das! Ich kann das nicht vortragen. Tommaso soll das überneh- men, solange dir das nicht möglich ist und du dich nicht besser fühlst.“ „Papa, ich mach das, wenn du das möchtest“, bot sich Tommaso an. „Versteht doch, wir brauchen mehr Überzeugungs- kraft für die Debatten nach den Vorträgen. Bis jetzt hat es sich bloß um eine Neuigkeit gehandelt. Ab jetzt werden sie sich auf uns stürzen, Freunde wie Fein- de. Dabei geht es beiden Lagern doch nur um ihre 405
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    eigenen Interessen. Manwird wieder Kapital daraus schlagen wollen.“ „Ja, aber dann sollten wir die ganze VISION fallen lassen, wenn es letztendlich bloß um dasselbe geht wie immer. Die Welt zu spalten bringt keinem etwas“, ar- gumentierte Tommaso. Antonia stimmte ihm zu. „Finde ich auch.Wie soll et- was zum Besseren gewendet werden, wenn die Men- schen sich nicht einig sind oder respektieren wollen, was der andere für richtig hält?“ „Aber genau darum geht es ja. Ich will nicht, dass noch mehr Unruhen entstehen, als wir ohnehin schon ha- ben, sondern möchte, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zu entscheiden, ob er so weitermachen will wie bisher oder unseren Weg in die WWP mitgeht. Die anderen können später immer noch zu uns stoßen. Erstes Gebot: Es soll keiner gegen seinen Willen in die WWP eintreten“, gab ich zu verstehen. „Aber das macht doch keinen Sinn. Dadurch retten wir weder die Menschheit noch unseren Planeten. Die einen tun so, als wäre nichts geschehen, während wir von der WWP die Folgen der Verschmutzung und dergleichen weiter erdulden müssen!“, äußerte Anto- nia skeptisch. „Ich glaube, dass wir mehr Zuwendung, Verständnis und Unterstützung erhalten werden, als wir jetzt an- nehmen“, ermutigte uns Tommaso. Serena meldete sich zu Wort: „Ich würde nicht auf- geben. Tante Fiona und Onkel Guiglelmo und andere sind für ihre Überzeugungen gestorben. Aber noch mehr Tote oder sogar Märtyrer nützen der WWP nicht. Wir brauchen keinen Petrus oder Paulus, um eine Kirche zu bauen und unseren Glauben an Gott wieder einer irdischen Macht zu übergeben. Wir 406
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    brauchen keine großenFührer. Wir brauchen keine Elite. Und wir brauchen keine Ausbeuter. Wir brau- chen nur unsere einfachen Zehn Gebote, die uns den Weg zu einem menschlicheren Zusammenleben und zu gegenseitigem Respekt zeigen.Wir brauchen keine Terror- oder Unruhestifter, sondern friedliche Mit- gestalter. Früher oder später werden die Ungläubigen einsehen, dass ihr Weg geradewegs ins Verderben führt und sie sich selbst in den Verstrickungen ihrer eige- nen Gesetze und Erfindungen verfangen haben. Man kann keine Geschäfte machen mit dem Gesetz oder ein Gesetz über ein Gesetz erlassen. All das müssen wir erwähnen und uns von solchen Praktiken ent- schieden distanzieren!“ Erstaunt mussten wir ihr alle zustimmen. Tommaso gab ihr einen Schmatz und lobte sie: „Du hast recht, mein Schatz. Ich sehe das genauso. Du soll- test das Plädoyer unserer Verteidigung halten!“ Teresa hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt zurückge- halten, hatte nach dem Geschehen letzte Nacht je- des Gefühl dafür verloren, was richtig oder falsch war. Sie wollte mir und sich selbst in diesem Moment der Trauer keine unnötigen Gefühlsausbrüche oder emo- tionalen Äußerungen zumuten. Wir beschlossen, die mit Guiglelmo vorbereitete Rede wie geplant vorzutragen. Nur dass Tommaso die Rede übernehmen sollte. Ich war zu negativ geladen, um die Menschen positiv zu bewegen oder zu überzeu- gen. Unsere VISION sollte deswegen nicht scheitern. Um Fionas und Guiglelmos, der anderen Toten und der Menschheit willen. Am Nachmittag trafen wir uns im Hochhaus, wo der Gipfel noch keine klaren Ziele hervorgebracht hat- 407
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    te. Ich nahman einer privaten Besprechung mit dem UN-Generalsekretär und dem EU-Präsidenten teil. Die Stimmung war angespannt nach den Ereignissen. Vor allem wollte man wissen, wer hinter dem Anschlag steckte und ob ich mehr sagen konnte, denn die bel- gische Staatsanwaltschaft war auch anwesend, um die Untersuchung gegen Unbekannt aufzunehmen. Die Verantwortlichen wären nicht so einfach zu fas- sen, wollte die Staatsanwaltschaft uns glauben ma- chen.Vielleicht könnten sie einen kleinen Fisch ding- fest machen, mehr aber auch nicht. Ich bezweifelte, dass überhaupt etwas getan wurde. Zu mächtig waren die Positionen der Konzerne in der Marktwirtschaft und ihre Verstrickungen in der Politik, um den Ver- antwortlichen den Prozess zu machen. Obwohl ich der festen Überzeugung war, dass sie sich eines Tages vor Gott würden verantworten müssen, wollte ich die Sache dennoch nicht auf sich beruhen lassen. Die verächtliche Art der Machthaber, ihr ver- meintliches Recht, sich die Niederen und Anonymen untertan zu machen, sprach für sich selbst, wo die kranke Gesellschaft angelangt war. 408
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    Das Referendum Die Konferenzam Nachmittag ging mit dem Plä- doyer der afrikanischen Länder weiter. Dort war die Todesrate weltweit am höchsten, weil Wassermangel, Hunger, Epidemien, Armut, Kriege, Elend, Ausbeu- tung, Analphabetismus herrschten. Die Dürreperio- den konnten mehrere Jahre andauern. Die Menschen wollte man am liebsten vergessen. Die Gelder der Hilfsprojekte versickerten im Ungewissen. Obwohl Afrika sehr reich an Rohstoffen war, wurden diese von den multinationalen Konzernen systematisch ge- plündert, dem Kontinent selbst blieb nichts. Für die Bevölkerung wurde nicht einmal ein Stück trockenes Brot vom Budget der Hilfsorganisationen bereitge- stellt. Am späten Nachmittag erfolgte Tommasos Auftritt. Ich war müde und nervös. Es ging mir nicht sonderlich gut. Am liebsten hätte ich alles eingepackt und mit der ganzen Familie den Gipfel verlassen. Aber so funk- tionierte das Ganze nicht. Die VISION sollte weiter- verfolgt werden, um wenigstens einen Anfang zu ma- chen und eine schrittweise Umsetzung zu beginnen. Sie musste von den Staatsoberhäuptern am letzten Tag ratifiziert und von der UN abgesegnet werden. Dabei zeigten die Mitgliedsländer am wenigsten Interesse. „Die Botschaft des heutigen Tages wird wohl jeder mit gemischten Gefühlen in sich aufnehmen“, begann Tommaso seinen Vortrag. Er würde die Herrscher, die Obrigkeit und die einfachen Leute zum Einlenken ermutigen. Dies war unser Ziel. „Meine Damen und Herren und alle Zuschauer da draußen in der Welt. Ich habe Ihnen eine VISION zu vermitteln. Wir haben keine andere Wahl. Die Erde 409
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    leidet zusehends anden Folgen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung, keine Frage. Aber wollen wir überhaupt noch etwas dagegen tun, frage ich Sie? Die Menschheit und die Erde würden uns belohnen. Wie Sie wissen, wollen wir eine WWP ins Leben ru- fen, die es uns ermöglicht, der Ungerechtigkeit auf der Erde ein Ende zu setzen. Wir wollen jeglichen Profit abschaffen. Doch das geht nur, wenn auf alles, was wir erwerben, keine Gewinne mehr erzielt werden. Dafür werden wir anstatt Geld Punkte vergeben, mit denen jedes Individuum auf diesem Planeten Produkte er- werben kann. Aus Sicherheitsgründen werden diese Punkte jedem Einzelnen bis zu seinem Ableben auf seinen Namen ausgestellt; das geschieht nach strengen Regeln, was den Kauf und Verkauf aller Produkte und Dienste betrifft, die gewisse Kriterien erfüllen müssen, das heißt, ob diese Leistungen in unsere neue Zeit passen oder notwendig sind. Alles Unwichtige oder Schädliche für unseren Planeten soll über Bord ge- worfen werden wie bei einem Schiff, das mitten im Meer in Seenot geraten ist und sich vom Ballast tren- nen muss. Ab und zu können auch wertvolle Sachen dabei sein, von denen man sich nicht trennen möchte. Aber zur Gefahrenabwehr mag es trotzdem notwen- dig sein. Denn alles kommt dem Klima und der Ver- geudung wichtiger Rohstoffe zugute. Des Weiteren müssen wir uns aus den Städten zurück- ziehen und näher an der Natur in Gemeinschaften le- ben. Ein wesentlicher Beitrag ist die Abschaffung von überflüssigen Gesetzen. Die Verfassung wird neu ge- schrieben oder in vielen Punkten abgeändert. Über- menschen, Diktatoren, Könige, Sportler, Schauspieler, Künstler, Präsidenten und Bosse, die uns vormachen, 410
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    nach welchen Richtlinienwir unser Leben zu le- ben haben, brauchen wir als Vorbilder nicht mehr. Der Konsum wird reduziert und für jeden in etwa gleich festgelegt, sodass nicht mehr dieser Graben zwischen Arm und Reich besteht. Die Profite sollen gänzlich eingestellt werden. Börsengänge werden der Vergangenheit angehören, da sie nur ein künstliches wirtschaftliches Wachstum hervorrufen. Öffentliche Institutionen, wie Krankenhäuser, Altersheime oder Schulen, die Wissenschaft und Schienen- und Stra- ßenprojekte, die der Menschheit einen höheren Wohl- stand bringen, werden durch Punkteabgabe geregelt. Wir müssen ein Miteinander mit der Natur finden. Natürlich bedarf dies vielerlei Planung und Sorgfalt bei der Verteilung und Selbstbestimmung der Ge- meinschaften. Ich glaube, in diesem Augenblick ist keiner dieser Herren bereit, etwas von ihrem Besitz abzugeben. Aber sie werden sehr bald von selbst zu uns stoßen, falls es nicht für alle schon zu spät ist. Zu spät ist es, wenn jeder Tag ein Welt-Aids-Tag und jeder Tag ein Welthungertag sein wird, wenn die Demokratie sich nur noch in den Köpfen einiger Träumer wiederfin- det, wenn die letzte Schlacht geschlagen wurde, wenn wir uns zu spät besinnen. Und wenn Gott genug hat von dem, was wir hier tun. Ab jetzt sollten wir jährlich eine Woche für unseren Heimatplaneten ausrufen und Gott danken, dass er uns nicht das Licht wegnimmt, womit wir Sonnenener- gie produzieren. An diesen Tagen sollte der Mensch komplett auf alles verzichten und die Erde aufatmen lassen. Nicht zum Wohle der Menschheit, sondern als Dank an unseren Schöpfer. Kein Wasser benutzen, kein Strom, kein Auto, kein Essen, nicht viel sprechen, 411
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    nicht arbeiten, Rohstoffeund Produktion runter- fahren. Über die ganze Welt sollten totale Stille und Ruhe herrschen. An diesen Tagen sollte jeder sich be- sinnen und unseren schönen Planeten, das Geschenk Gottes, in seiner unendlichen Vielfalt feiern. An die- sen Tagen sollte jeder an die Erde denken, meditieren, entspannen. Es sollte totaler Frieden herrschen. An diesen Tagen sollte jeglicher Zank und Unfriede ru- hen. Die Verschmutzung sollte gestoppt werden, egal welcher Art. Jedermann sollte mitmachen. Das erin- nert mich an die Indianer Amerikas, die tagelang das Erntedankfest feierten. An diesen Tagen sollte alles auf ein Minimum reduziert werden, Strom, Technik, wie der jüdische Sabbat zu Ehren unseres Herrn. Denn nur so können wir schrittweise die Mächtigen zur Raison bringen. Dann mit Nächstenliebe und gu- ten Argumenten die Veränderungen schrittweise an- gehen, bis hin zur einer Welt ohne Profit, gleicher- maßen für jeden. Das ist unsere VISION. Unsere einzige Chance, meine Damen und Herren, endlich der Natur und den armen Menschen dieser Erde etwas zurückzugeben. Denn wir verzichten auf das Geld der Reichen und der Banken, wollen des- wegen auch keine Kriege mehr anzetteln. Wir haben in der Vergangenheit einzelne Aktionen in Afrika, Südamerika, Indien, Bangladesch quer über den ganzen Planeten zur Genüge erprobt. Können mir die hier Anwesenden etwas Positives darüber be- richten? Außer dem Bau einer Schule, eines Kranken- hauses oder anderen Einzelaktionen, die nur der be- rühmte Tropfen auf dem heißen Stein sind, konnte bis heute nichts bewirkt werden. Eine Veränderung ha- ben diese Armen und Kranken meines Wissens nach nicht erfahren. Im Gegenteil. Die Lage ist nicht nur 412
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    ernst, sondern katastrophal.Wenn sich ein neuer Er- reger ausbreitet, ist dies dramatisch und tausendmal schlimmer als eine Atombombe. Aber lassen wir solche Hypothesen. Viele Tropfen aber können ein Bächlein entstehen, dieses weiter zu einem reißenden Fluss anwachsen lassen und so jeder- mann vor dem Durst retten. Dies ist die VISION der WWP. Sie sehen, es muss mehr passieren, damit dieses Unrecht aufhört und die Würde der Menschen wie- derhergestellt ist. Ich möchte, dass nach meiner Rede ein erstes Refe- rendum stattfindet. Hier und jetzt. Wir werden Ihnen gerne unsere Pläne zur WWP und die Unterlagen übergeben. Dieses Resultat ist dann im World Wide Web zu sehen. Die Menschheit kann sich weltweit an diesem Referendum zur WWP beteiligen und ihre Meinung dazu frei äußern, ohne jegliche Verpflich- tung, aber mit der Hoffnung auf diese wunderbare VISION.“ Tommaso schaute sich im Saal um, ehe er fortfuhr. „Dies kann entscheidend sein für den zukünftigen Kurs, den wir nehmen. Wir müssen nicht mehr fra- gen: ‚Wo kommen wir her?’, denn die Antwort kennt nur Gott. Zumindest wissen wir spätestens in einigen Wochen nach der Auszählung, wo wir alle hinwollen. Dies ist entscheidend für unsere Kinder und Enkel. Ich bedanke mich fürs Zuhören. Mit Gott in unseren Herzen ist die Zukunft mit uns.“ Ein solches Plädoyer hatte sich keiner träumen las- sen. Tommaso wurde mit Standing Ovations förm- lich überhäuft, was mich freute und die Umstände für einen Moment vergessen ließ. Er deutete mit seinen 413
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    Händen an, dasser noch etwas sagen wollte. Er schau- te mich an, und ich konnte nur erahnen, was er noch loswerden wollte. „Meine Damen und Herren, sehr geehrte Anwesen- de. Ich möchte noch eine sehr traurige Mitteilung machen. Wir haben seit einigen Stunden die ersten Märtyrer in der WWP zu beklagen. Meine Tante Fiona und mein Onkel Guiglelmo Vaccha sind letzte Nacht feige und brutal ermordet worden. Zwei liebe Menschen, die bis zur letzten Minute für die WWP gekämpft haben. Diese beiden Toten sollten die letz- ten sein, wünsche ich mir und meiner Familie. Die VISION gehört der Menschheit und sollte niemals unterdrückt werden, egal von wem und aus welchem Umfeld er stammt. Er soll hier und jetzt seine Version vortragen, wenn er den Mut aufbringt, und ich werde persönlich dafür sorgen, dass er Strafminderung be- kommt.“ Damit war die Bombe geplatzt und das Unvermeid- liche nahm seinen Lauf. Das Referendum wurde im Anschluss an Tommasos Rede sofort in die Wege geleitet. Mir fiel auf, dass viele Anwesenden den Saal verließen. Was das bedeu- ten sollte, konnte ich nur erraten. Sie wollten nicht abstimmen und gegenüber ihrem Brotgeber schlecht dastehen, sondern zogen den einfachen und beque- men Weg vor und nutzten die Freiheit aus, nicht bei der Abstimmung mitzumachen. Vielleicht hatten sie Angst, sie würde nicht anonym abgehalten werden und ihre Namen würden an die Öffentlichkeit gelan- gen. Denn diese Wahlen waren nicht vollends geheim. Von den 3.250 Teilnehmern hatten demnach 1.421 den Gipfel verlassen. Die restlichen Delegierten waren bei allem Verständ- 414
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    nis für dieschlechte Lage zwar voll und ganz für eine radikale Änderung, aber einige fanden es überzogen, andere verfrüht, der WWP, so wie wir sie präsentiert hatten, zuzustimmen. Dennoch konnten wir das Re- ferendum durchführen. Es ging darum, festzustellen, ob unsere VISION bei der Bevölkerung überhaupt Einklang fand. Denn mit 5  Prozent Zustimmung konnten wir bereits eine Umsetzung realisieren und einen Durchbruch verbuchen. Das Resultat war mit Abstand besser als erwartet, denn 12  Prozent hatten mit Ja gestimmt, 40 Prozent mit Nein. Der Rest hatte sich enthalten. Was nicht bedeutete, dass es sich nicht noch welche anders überlegen würden. Zudem konn- te man keine abschließenden Konklusionen ziehen, denn die Wahl, an der sich jeder weltweit elektronisch beteiligen konnte anhand des Verfassungsstatutfor- mulars der WWP-Foundation, war nur knappe acht Stunden offen, und innerhalb von drei Tagen konnte sich noch vieles ändern. Als wir Richtung Hotel fuhren, wurde im Wagen hef- tig diskutiert, ohne eine endgültige Erklärung für das Dilemma zu finden. Klar war, dass sich viele in diesem Moment die gewaltige Änderung nicht zutrauten. Beim Abendessen wurden wir nach einer Gedenk- und Trauerminute für unsere lieben Verstorbenen von einem Mann aus Togo, Afrika, angesprochen, der an unseren Tisch gekommen war und sich als Teilnehmer des Gipfeltreffens vorgestellt hatte. „Meine Damen und Herren!“ Er schaute mich und Tommaso an. „Ich wollte Ihnen die letzten Nachrich- ten aus den Medien und dem Internet nicht vorent- halten. Es sieht so aus, als hätte Ihre Rede wie eine Bombe eingeschlagen. Mehr als 800 Millionen Men- 415
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    schen haben zurzeitim Internet mit Ja für die WWP gestimmt, obwohl bis dato nicht alle Menschen infor- miert sind und einen Zugang haben. Ich kann jetzt schon sagen: Ich bin an Ihrer Seite.“ Unvorhersehbarerweise hatten sich demnach etwa 10 Prozent für die neue Welt entschieden. Wir saßen da, ohne zu wissen, wie wir auf eine solche Nachricht reagieren sollten. „Freuen Sie sich denn gar nicht?“, kam die Frage. Wie war sein Name doch gleich? Niemand hatte ihn verstanden, als er sich vorgestellt hatte. Hatte er sich überhaupt vorgestellt? „Sie können sich gerne selbst überzeugen und die Lage bei uns in der Suite am Computer verfolgen.“ Er sah wohl, dass wir ihm nicht so richtig glauben wollten. „Ja gerne, Herr …“ „Sahim Nmbo aus Togo, Herr Brink“, stellte er sich nochmals vor. Ich reichte ihm die Hand. In seiner Suite auf dem Couchtisch stand ein Computer, und an der Wand zwischen zwei Sesseln hing der Schirm, wo wir gleichzeitig die Internet-Resultate und die Sendung auf Channel Peace, an das ich exklusiv die Senderechte vergeben hatte, verfolgen konnten. Die von einer Menschenmenge eingekesselte Repor- terin schrie ins Mikrofon zur Kamera hin: „Ich kann meine eigene Stimme nicht verstehen. Die Menschen feiern und wollen nach einer Umfrage sofort einen solchen Ruhetag einläuten. Sie sind von der Idee fas- ziniert und sehen, dass endlich ein Schritt in die rich- tige Richtung getan wird. Die Ordnungshüter sind noch bis zu diesem Augenblick auf Abstand geblieben und scheinen abzuwarten, was von oben entschieden 416
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    wird. Ich gebezurück ins Studio, wo mein Kollege ein ähnliches Bild zeigen kann.“ „Jennifer Laval, hier Channel Peace aus Brüssel … die Menschen sind überwältigt …“ Auf allen Sendern war Ähnliches zu beobachten. Menschen wollten ihre Stimme für die neue VISION abgeben und teilhaben an der Welt und nicht am Untergang, weil gewisse Kreise einfach nicht genug bekommen konnten. Die Machthaber benutzten die Niederen und Armen, um ihren Wohlstand weiter auf- rechtzuerhalten. Hier wiederholte sich die Geschichte des 19. Jahrhunderts, als die weißen Amerikaner Ge- biete an die mexikanischen Großgrundbesitzer abtra- ten, die sich freuten mit den Worten: „Es ist gut, die Indianer zu besitzen. Sie bestellen die Felder und sorgen für unser Vieh, und die indianischen Frauen kochen, put- zen und kümmern sich sehr gut um unsere Kinder.“ Da- mals steckte man die Indianer in Reservate. Später, als ihr Unterhalt zu teuer wurde, da die Reservate kein fruchtbares Land boten und nur aus Stein und Wüs- te bestanden, wurden die Indianer samt ihrem Land verkauft und versklavt, was ein sehr dunkles Kapitel des amerikanischen weißen Mannes darstellte. Alle Bisons wurden zu jener Zeit abgeschlachtet und so den Indianern ihre Lebensgrundlage entzogen. Die- se Tiere lieferten den Menschen Fleisch, Behausung, Bekleidung, Öl, Fette, Werkzeuge und vieles mehr. So konnte man sehen, wie die Amerikaner jahrhunderte- lang in ihrem eroberten Land gewütet hatten und sich später weltweit, bis heute, auf gleiche Art die Mensch- heit untertan machen wollten. Mich würde es nicht überraschen, wenn sich all dies eines Tages rächen würde. Nichts lag mir ferner, als Aufstände, Terror oder sogar einen Bürgerkrieg anzu- 417
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    zetteln. Meine Bedenkenwaren ganz anderer Natur. Was wäre, wenn die Flüsse kein Wasser mehr führen, wenn in den Wäldern keine Bäume mehr stehen, in den Meeren keine Fische mehr schwimmen und die nächste Ernte ausbleiben würde? Man musste der Menschheit mehr ins Gewissen reden und sie wachrütteln. 418
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    Der Durchbruch Im Internetkonnten wir anhand der Besucherzahlen unserer Homepage fast eine Milliarde Stimmen zäh- len. Eine gewisse Unruhe übermannte mich. Das Handy klingelte. „Herr Brink“, sagte der UN-Generalsekretär, „ist ein Bildschirm in Ihrer Nähe? Haben Sie mitbekommen, was in der Welt los ist? Dies bringt Unruhen quer über den ganzen Planeten. Die Nachricht, dass beim Gipfel für eine WWP-Gesellschaft entschieden wurde, läuft auf allen Kanälen. Dabei haben Sie nur 12 Pro- zent erreicht, und das auch noch, nachdem ein Drit- tel gegangen war. – Wo stecken Sie jetzt? Wir müssen schnell eine Besprechung einberufen. Ich möchte, dass Sie alle dabei sind, ist das klar! Meine Leute werden den Rest veranlassen. Sagen wir in drei Stunden im Konferenzsaal!“ Er legte auf, und ich sah, wie sie mich anstarrten. „Also, was wollte er?“, fragte Antonia. Knappe zwei Stunden später saßen Tommaso, Antonia und ich wieder im Sitzungssaal. Die Reporter drau- ßen wollten jede einzelne noch so kleine Nachricht sofort melden. Es tat sich etwas. Sie hatten im Saal einen riesigen Schirm und etwa zwanzig kleinere ins- tallieren lassen, damit wir auf dem Laufenden gehalten wurden und alle Stimmen, die auf unserer Homepage hinzukamen, ablesen konnten. Die Zahl war bereits auf 1.324.375.412 Stimmen angewachsen, während der Zähler unaufhaltsam weiterlief. Im Saal redeten alle durcheinander. Wir warteten auf den EU-Präsi- denten und den UN-Generalsekretär. Ich schaute mich um. Ich hätte darauf wetten können, 419
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    da waren Leuteund Lobbyisten im Saal, die am liebs- ten diese Homepage verschwinden lassen würden. Die Spannung wuchs ins Unermessliche. Viele Anhänger umringten uns und stellten viele Fragen. Wir gaben aber zu verstehen, dass dies nur mit der UN und der EU auf dem Weg der gesetzlichen Verordnung gehen konnte. Andere äußerten auch ihre Bedenken. Mei- ne Sorge bestand darin, dass diese Konfrontation zu handfesten Auseinandersetzungen ausarten würde. Um eine Katastrophe zu verhindern, musste ich ver- suchen, die Gemüter zu beruhigen. In meiner Rede wollte ich darauf hinweisen, wie es nun konkret wei- tergehen würde. Der EU-Präsident und der UN-Generalsekretär tra- ten mit mir und Tommaso vor die Gipfelmitglieder und eröffneten die Konferenz. Es sollte eine lange Nacht werden. Nach einer kleinen Erläuterung der UN-Spitze rief er mich zum Rednerpult. „Ich möchte das Wort an unseren Partner und Lei- ter der VISION einer Welt ohne Profit weitergeben. Ich wünsche Ihnen, mein lieber Herr Brink, viel Erfolg! Danke, meine Damen und Herren.“ Ich übernahm das Rednerpult mit den vielen Mikro- fonen. „Wenn das stimmt, was sich gerade da draußen in der Welt abspielt, könnte das bedeuten, dass wir und unse- re Erde eine reelle Chance haben und das Schlimmste verhindert werden kann. Ich möchte jeden im Saal und die Menschen da draußen einladen, an unserer VISION mitzuarbeiten und eine niemals in der Ge- schichte da gewesene Einigung der Menschheit zu er- möglichen. Unsere VISION steht sogar über der VISION der NASA, den Menschen den Mond betreten zu las- 420
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    sen. Damals habenMillionen vor den Fernsehschir- men die ersten Schritte eines Menschen auf einem fremden Planeten verfolgt, und alle, aber auch alle, ob Amerikaner, Europäer, Asiaten, Afrikaner und alle an- deren Bewohner auf der Erde, waren sich einig, diesen Schritt zu machen – und das mit Erfolg. Die Frage lautet hier und heute: Welche Welt und welche Zukunft wollen wir uns oder unseren Kin- dern hinterlassen? Wenn wir so weitermachen wie bisher, erwartet unsere Nachkommen Folgendes: eine gottlose Menschheit, viel Materialismus, viel Konsum, viele Egoisten und viele Lügen. Eine unaufhörliche Spirale des immer Mehr, die zu schwerwiegenden Folgen geführt hat; und es wird so weitergehen. Dann bleibt nur: eine Erde ohne Ressourcen und Rohstoffe, eine bald radioaktiv verstrahlte Erde, eine feindliche Erde, eine ausgeschlachtete Erde, eine Erde ohne Tiere, eine Erde ohne Vegetation, eine von wenigen Mächtigen unterdrückte Erde, eine sich ständig im Krieg befindliche Erde, eine Erde ohne sauberes Trinkwasser, eine mit Angst und Leid erfüllte Erde, eine hungernde Erde, eine abgebrannte Erde, eine Erde ohne Träume,VISIONEN oder Zukunft, eine hoffnungslose Erde. Ein nicht ausdenkbarer Leidensweg für jeden von uns. Wem können wir so etwas zumuten oder hinterlas- sen? , lautet die letzte aller Fragen. Wenn wir dies vermeiden wollen, müssen wir von 421
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    unseren so gepriesenenGewohnheiten und falschen Hoffnungen Abstand nehmen. Wie die Hoffnung eines Einzelnen auf einen Lottogewinn, eines Tages reich zu sein. Wir müssen die Sucht nach ständig mehr Geld, Macht, Umsätzen und Wachstum begra- ben und uns befreien von all diesen Süchten, die uns versklaven, vollkommen abhängig machen und uns dazu bringen, uns unser Leben lang für etwas einzu- setzen, was wir nicht mit ins Grab oder sonst wohin mitnehmen können. Dann erst können wir uns die Erde untertan machen, so wie Gott es gewollt hat. Ein Zusammenleben mit der Natur und im Dienste aller Lebewesen. Dazu gehört, Zeit für unseren Herrn, den Schöpfer des Universums, und für Muse zu schaffen. Ich glaube fest daran, dass dann ein Paradies auf Erden möglich ist. Wir sollten all diesen kurzweiligen käuf- lichen Glücksmachern widerstehen und in Frieden zusammenleben. Es ist genug für jeden da, aber nur wenn wir das alles gerecht und mit Würde verteilen. Ich wünsche der Erde und den Lebewesen dafür alles Gute.“ Alle saßen da und schauten mich nachdenklich an. Erst als sie sich bewusst wurden, dass die Rede zu Ende war, fingen sie langsam, einer nach dem ande- ren, an zu klatschen, bis der Applaus den ganzen Saal erfüllte. In dieser Nacht vom 7. Juli 2021 war die WWP ein fester Bestandteil unserer Menschheit und unserer Zukunft geworden, auch wenn unsere VISION erst nach zwei Jahren langsam umgesetzt werden sollte. Uns blieb ja auch keine andere Wahl. Ein Wettlauf mit der Zeit begann. 422
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    Die ultimative Zeitunseres Planeten Erde Der Schreck Es war das Jahr 2023. Überall wo man hinschaute war das Leben nur noch ein Scherbenhaufen. Die Mensch- heit saß in einer Sackgasse. Sie litt immer mehr unter den Gesetzen der Obrigkeit und Herrlichkeit. Die Machthaber hielten die Fäden fest in ihren Händen. Die einstige Demokratie oder freiheitliche Ordnung war wie einst das römische Reich dahin. Die Welt be- fand sich in einem schleichenden Sterben. Von sozia- lem Verständnis und Gerechtigkeit war jegliche Spur verloren gegangen. Genauso verhielt es sich mit der Moral und der Ethik bis hin zu einem würdevollen Leben. Unser Klima hatte sich bis zum heutigen Tag weiter verschlechtert. Die hemmungslose Verschwendung hatte keiner aufhalten können. Es war zu befürchten, dass die Prophezeiung der Apokalypse nicht mehr lange auf sich warten ließ, wenn nicht ein Wunder geschah. Die Leidenden waren die Niederen und die Anony- men die weit ins Abseits abgedrängt worden waren. Sie überlebten dank der Spenden, Almosen und Ab- fälle die sie auskramten. Schließlich waren sie keine potentiellen Kunden für die Obrigkeit. Nach Schät- zung lebte mehr als die Hälfte der Menschheit in die- sen unwürdigen Zuständen, ohne Aussicht auf Besse- rung. Die Tierwelt war aus verschiedenen Gründen, die den Menschen zuzuschreiben waren, vom Aussterben bedroht. Auch nach tausenden von Publikationen die ich ge- 423
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    macht hatte undden vielen Reisen kreuz und quer über den ganzen Planet war nichts Konkretes dabei herausgekommen außer, dass jeder Bescheid wusste wo die Menschelt hinsteuerte, wenn wir nicht etwas unternehmen würden. Wir liefen ins eigene Verder- ben. Die Foren waren zwar immer gut besucht aber kei- ner der Verantwortlichen wollte etwas tun oder ent- gegensetzen. Sie gaben immer als Entschuldigung an nicht teilnehmen zu können da ihnen meine VISION nicht realisierbar schien. Nur einige Teile der WWP fruchteten, da die freiwilligen Helfer bedingungslos an eine Besserung glaubten, was Linderung für viele Bedürftige bedeutete. Die Menschheit wollte nicht akzeptieren, dass wenn wir nicht massiv entgegensteuerten, wir nicht nur uns selbst, aber alles Leben mit in den Untergang rissen. Keiner hatte eine Patentlösung bereit oder wollte ir- gendetwas an seinen Gewohnheiten ändern. Ungezü- gelter und hemmungsloser Fortschritt war ihr Credo. Dabei war alles so einfach. Nächstenliebe und der Glau- be an Gott und schon war die Formel fertig. Das muss- te die erste Voraussetzung sein. Dies bedeutete keine faulen Tricks oder Kompromisse zu tolerieren. Nur so konnte man eine fundamentale Transparenz und Ver- trauen aufbauen. Das hieß auch nicht, dass das Ganze Honigschlecken war. Da waren noch immer die täg- lichen Sorgen, Aufgaben, die Betreuung der Kinder, die Unterstützung der älteren Generationen und der Pflegebedürftigen. Zusammen mit demselben Ziel war jeder individuell für sein Leben verantwortlich. Was in der einen Gemeinschaft beschlossen wurde, konnte in den anderen Gemeinschaften demokra- 424
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    tisch angenommen oderverworfen werden, je nach Lage und geographischer Gegebenheit vor Ort. Sogar die kulturellen Veranstaltungen wie Traditionen und Religionen wurden ausgeklammert und waren doch Bestandteil der Diskussionen, wenn nötig. Dabei war ein Schiedsgericht zuständig zur Dialogisierung und zur Zusammenführung der einzelnen Gemeinschafts- probleme. Ziel war, im Einklang mit Gott, unserem Schöpfer, und der Natur zu leben. Die Liebe zu pro- klamieren, Untaten zu verzeihen. Die Verständigung, und nicht die Ausgrenzung, wurde gefördert. Es war bitter kalt. Seit Wochen drang kein Sonnen- licht durch die dunkle Staubwolke. Dunkelheit die nicht weichen wollte. Ein Erdbeben und vulkani- sche Eruptionen hatten ganz Südeuropa erschüttert. Stromausfall und elektromagnetische Destabilisierung hatten alle elektronischen Apparate gebrauchsunfä- hig gemacht, so dass keinerlei Hilfe angefragt werden konnte und die totale, von Menschen verursachte Katastrophe, noch weiter eskaliert war. Da konnte kei- ner mehr helfen. Die Menschen verbrannten alles was brennbar war, um nicht zu erfrieren. Denn die Tempe- raturen waren, nachdem sie extrem angestiegen waren in den letzten fünfzehn Tagen, jetzt drastisch gesunken auf minus acht Grad Celsius. Von den anderen Erd- teilen wie Amerika und Asien war es unmöglich ge- worden Hilfsgüter zu bekommen. Ob per Luft, Was- ser oder Land. Die Wirtschaft war wie gelähmt. Die komplette Versorgung war zum Stillstand gekommen. Das Importieren und Exportieren von Lebensmitteln hatte jetzt Folgen für den ganzen Kontinent. Die- se Tradition von Gütertransport hatte jetzt schwer- wiegende Folgen für jedermann. Selbst der Reichste 425
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    war betroffen undkonnte seine Versorgung an Le- bensmitteln und Wasser nicht mehr aufrecht erhalten oder schützen. Alles war außer Kontrolle geraten. Die Supermärkte waren bereits nach einer Woche ausge- plündert und man bekam nichts, aber auch gar nichts mehr. Weglaufen war auch nicht möglich. Wohin und wie? Der blanke Chaos und Terror waren ausgebro- chen, egal wo man hinschaute. Überall bettelnde und kranke Menschen in den Strassen die nichts Gutes ah- nen ließen. Der Kälte wegen in Fetzen gekleidet oder so vermummt, dass man regelrecht Angst bekam, da man niemanden wieder erkannte.Von den Flutwellen gar nicht zu sprechen, die einige Stunden nach dem Erdbeben ganze Küstengebiete samt der Bevölkerung weggerafft hatten. Mein Herz raste und mein Atem ging schwer. Ich war komplett erschöpft. Mit etwas Proviant auf dem Rücken schleppte ich mich den steilen Weg aus dem Nachbarsdorf hoch. Auf einmal umringten mich zahlreiche schmutzige und abgema- gerte Menschen um mir die Beute abzujagen. Mit Stöcken und anderem Zeug gingen sie auf mich los. Der Kreis wurde immer enger. Ich versuchte einen Ausweg zu finden. Aber es gab kein Durchkommen. Angst und Schrecken übermannten mich. Mit einem Schlag wurde ich wach. Komplette Dun- kelheit um mich herum. Wo war ich? Was war ge- schehen? Ich schaute mich um und röchelte „Licht“. Sofort ging das Licht an und ich schaute mich schlaf- trunken und schweißgebadet im Raum um. Ich sah wie Teresa ruhig auf der Seite lag und fest schlief. Mensch…was war das… bloß ein Traum… bin ich erschro- cken… Ich brauchte noch eine Minute um einen kla- ren Kopf zu bekommen. Nicht auszudenken wenn das 426
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    jetzt tatsächlich sowäre... Ich versuchte wieder Ruhe einkehren zu lassen. Aber der Traum ließ mich nicht los. Er war so real gewesen, ich hätte sie alle anfassen können, so klar hatte ich alles empfunden. Ich stand auf und holte mir ein Glas Wasser um meine trockene Kehle zu spülen. Ich stand da in der Küche und war noch wie vor den Kopf gestoßen. Ein sol- ches Szenario hatte ich noch nicht erlebt, nicht mal im Kino. Die Traumfabrik „Gehirn“ hatte mich ge- täuscht. Sofort waren meine Sinne wieder scharf und ich über- legte, wenn dem wirklich so wäre, was dann? Nicht auszudenken. Das Ende eines ganzen Kontinents und das, weil der Klimawandel mit all seiner Wucht zuge- schlagen hatte. Die heftigen Wassermassen und dann die extreme Dürre beeinflussten die geologischen Bodenstrukturen bis in die Tiefen und die Folgen reichten von Erdbeben und Erdverschiebungen bis zu Vulkanausbrüchen, von der Eifel bis in die südlichen Mittelmeerregionen. Eine riesige Staub- und Asche- wolke hatte sich am Himmel über den ganzen euro- päischen Kontinent ausgebreitet, die für Monate oder sogar für Jahre alles im Dunkel ließ. Die Konsequen- zen konnte man sich kaum vorstellen. In solch einer Situation war man aufeinander ange- wiesen, sollte man meinen. Aber die Menschheit ver- hielt sich in dieser aussichtslosen Lage noch egoisti- scher. Bei einem radioaktiven Supergau hätte man nicht die Möglichkeit das verseuchte Gebiet wieder zu betreten und neu aufzubauen, da es für hunderte von Jahren verseucht und verloren wäre. Das hatte ich auch nie verstanden, dass gewisse Politiker ein so großes Ri- 427
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    siko auf dieMenschheit geladen hatten und so taten als wäre alles sicher und sauber dazu. Kein CO2, wie nett, dafür aber Tonnen von radioaktiv verseuchtem Material jedes Jahr und das bei jedem Reaktor. Ob- wohl es keine vernünftige Endlagerung gab und es nie eine hundertprozentige Sicherheit gab, waren sie dennoch bereit dieses Risiko einzugehen. Das Ganze war nur fürs Geschäft bombensicher. Der Steuerzah- ler musste den Kopf hinhalten, zuerst um die Sub- sidien zu gewährleisten, dann bei der Abnahme von Strom, wobei Milliardengewinne von den Vertreibern erwirtschaftet wurden. Die Politik wie die Vertreiber würden ansonsten die Finger davon lassen. Das Ge- schäft war einfach zu lukrativ. Da es aber auf unserem Planet nur so von Erdbeben und Vulkanausbrüchen wimmelte, war es schon merkwürdig, dass man dies zugelassen hatte. Aber gegen Terroristen wollte man sich wappnen, es klang lächerlich. Wieder ein totales Paradox der Politik und der Vertreiber. Mit geballter Wucht würde die Natur sich eines Tages zurückholen was ihr gehörte. Ein ganzer Kontinent wäre innerhalb kurzer Zeit zerstört und komplett erobert. In einigen Jahrzehnten konnte man vielleicht wieder zurück- kehren. Mit der Kernenergie dagegen erst nach eini- gen tausend Jahren, wenn überhaupt noch Menschen auf der Erde lebten. Wir brauchten unsere Natur zum Überleben und das waren wir unseren nächsten Ge- nerationen schuldig. Aber vielleicht wussten wir alle insgeheim, dass es bald Schluss war mit dem Ganzen. Denn diese hemmungslose Art wie die Menschen sich auslebten war doch ein Vorbote des Untergangs. Wie wollten wir die Natur mit der unermüdlichen techno- logischen Spirale der Errungenschaften und des ver- schwenderischen Konsums zum Wohle Aller aufrecht 428
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    erhalten? Wir würdenbekommen was wir oben hin- einschütteten, oder Zitat: „Man erntet was man sät“. Der Beweis lag klar auf der Hand. Die Natur konnte sich jederzeit alles zurücknehmen, egal was wir so an Prachtbauten oder so genannten Vorwarnanlagen ein- gerichtet hatten. Es lohnte und rechnete sich einfach nicht sein Leben lang Kapital oder Besitztümer an- zuhäufen, um diese dann ein Leben lang zu schützen, und wenn es sein musste mit Kriegen. Das war die Welt der Marktwirtschaft und des Ka- pitals. Die Misswirtschaft der Machthaber, der Politi- ker, der Banken und Börsen. Denn sie bedienten sich immer mehr unehrlicher, skrupelloser und unseriöser Praktiken um dem Kunden das letzte Hemd abzu- knöpfen und ihn gefügig zu machen. Der Einzelne stand all diesem Schwindel machtlos gegenüber. Das alles hatte mich die ganzen Jahre getrieben für eine menschlichere Zukunft zu kämpfen und nach Lösungen zu suchen. Für eine neue weltweite Gesell- schaftsstruktur ohne Ausbeutung und hemmungslo- sen Profit zu plädieren, was jedem ein besseres Dasein gewährte. Ohne Stress oder hinter Geld oder sonst welchen unnötigen und unsinnigen materialistischen Konsumgütern zu rennen. All dies sollte in der Ver- fassung der Gemeinschaften festgeschrieben werden. Für ein gerechtes und würdevolles Leben. Hier war der Slogan „Zeit ist Geld“ vollkommen fehl am Platz, ja sogar lächerlich. Ich war neugierig wie viele zu uns stoßen würden. Auch wenn es nur eine Million Men- schen waren die sich bereit erklärten mit zu gehen, hatten wir bereits gewonnen. Keine Gesetze die bei Übertretung auf Geldbußen ausgerichtet waren. Aber Regeln und Sanktionen die 429
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    den Zusammenhalt derGemeinschaft förderten. Die Verfassung sollte neu geschrieben werden. Die Men- schenrechte endlich respektiert werden. Jeder war wichtig und hatte seine Funktion und Verantwortung etwas beizusteuern. Jeder konnte jederzeit zu uns sto- ßen und mitwirken, ohne Ausnahme. Die Kriminellen hatten auch ihre Chance, jedoch sollten sie keine Pri- vilege, aber weiter ihre Strafe bekommen. Streng aber gerecht. Das Phänomen Kapital und Verbrechen sollte drastisch aus unserer Gemeinschaft verbannt werden, da viele dieser Untaten aus genau diesen Gründen, nämlich Geldgier, Betrügerei, Neid und Missgunst geschahen. Für Geld tat man fast alles und bekam man fast alles. Wir wollten dies ändern zugunsten der Nächstenlie- be, Solidarität, Toleranz, Mitgefühl,Verständnis fürein- ander. Transparenz, Ehrlichkeit und Vertrauen mussten wieder hergestellt werden. Das Leben jedes Einzelnen musste in der Verfassung absolute Priorität haben und war der Grundstein unserer Zivilisation. An diese Werte sollten wir zu- rückerinnert werden und uns entsprechend verhal- ten. Mit Respekt vor der Meinung anderer. Seien es Menschen, Tiere, Pflanzen oder Mutter Erde die uns von Gott geschenkt wurde. Das war das Elementare an der neuen Verfassung. Es sollte nicht nur der Mensch angesprochen werden aber alles was ihn umgab. Der Himmel und die Erde mit all ihrer Vielfalt. Weiter sollte Eigentum weiter bestehen für alle. Jeder war frei sein Leben so zu gestalten wie es ihm pass- te und wie er es vermochte. Nur etwas bescheidener und auf keinen Fall in diesem irrsinnigen Tempo der letzten hundert Jahre. 430
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    Unsere Grundregeln dagegenwaren bis zum heuti- gen Tag unverändert. Die zehn Gebote Gottes immer noch aktuell. Sie erlaubten uns zusammen in Frieden mit Gott und der Erde zu leben. Beim Frühstück erzählte ich Teresa von meinem Traum den sie besorgnisvoll als unheilverkündend deutete. Die UNO hatte demnach den Auftrag eine globale Weltverfassung für den gesamten Planet aufzustellen nach dem biblischen Zitat: „Geht und macht euch die Erde untertan“. Genau das Gegenteil ist jedoch dar- aus geworden. Die Erde hat sich den Menschen un- tertan gemacht, so wie vom Gegner beabsichtigt: die Menschen sind der Materie gefügig geworden. Wir mussten uns unserer Aufgabe unbedingt wieder be- wusst werden und zu Ersterem zurückgelangen, was wiederum nicht gleichzusetzen sein sollte mit rück- sichtsloser Ausbeutung. Anstatt mich endlich in meinen bequemen Sessel zu- rückzulehnen war schon die nächste Herausforderung an mich gestellt worden. Für einen Moment wollte ich ablehnen. Aber da ich vor zwei Jahren selbst den Stein ins Rollen gebracht hatte wollte man mich un- bedingt dabei haben. Teresa war damit gar nicht ein- verstanden. Aber was sollte ich machen? Tatenlos zu- sehen war nicht mein Ding. Tommaso war voll begeistert von unserem Auftrag. Antonia wollte auch mit von der Partie sein. Nur Jan konnte nicht mit einsteigen da er immer noch unter den Folgen seiner Verletzungen litt. Die Schuldigen hatte man bis heute nicht bestraft. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Man würde sie fassen, egal wo 431
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    sie sich verkrochenhatten. Genauso verhielt es sich mit dem Tod meiner Schwägerin Fiona und meines Schwagers Guiglelmo. Auch Rodolfo Chiavari und die vielen, vielen anderen die etwas auf dieser Welt verändern wollten. Vor einigen Wochen hatte mich der UN-Generalse- kretär angerufen um mir mitzuteilen, dass es einen gemeinsamen Nenner gab für die WWP. Dieser Auftrag sollte mein abschließendes Lebens- werk werden. Ich war entschlossen und viele andere mit mir. Auch ohne meine Person würde die VISION realisiert werden. Mit Hilfe von Gesetzeshütern und Fachleuten jeder Couleur: Biologen, Chemiker, Ingenieure, Naturschüt- zer, Theologen, Mediziner, Forscher, Wissenschaftler und Physiker. Ziel war es auf dem gesamten Globus die Menschheit zurück zur Schöpfungsordnung zu führen und eine neue Lebensqualität zu schenken. Al- len, außer Politikern, Militärs und Machthabern oder Fundamentalisten die uns im Namen Gottes in Krie- ge verstrickt und in die jetzige Lage gebracht hatten mit ihren ewigen Lügen und heuchlerischem Taktie- ren gegenüber Menschenleben auf der ganzen Welt. Was konnte man schon von einem Diktator, Macht- besessenen oder General erwarten außer viel Elend, Unterdrückung, Hunger und Misere? Und wozu das alles? Viele Diskussionen und Besprechungen waren not- wendig um den richtigen und gerechten Weg für alle zu finden. Wie dem auch sei, wir wollten alles daran setzen um unser Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Denn 432
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    sollte sich alleswas in den Worten Jesus Christus, dem Sohn Gottes, oder in der Bibel mit den Offenba- rungen der Apokalypse wie auch von Bertha Dudde (1891-1965) und all der vielen anderen Apostel, Pro- pheten und Vorhersager verkündet wurde, bewahrhei- ten, dann gnade uns Gott. Wir konnten dem Tier und dem Drachen widerstehen. Wie schon Jesus damals predigte: „Gib den Römern was den Römern gehört und Gott was Gott gehört“. Ich hatte mich für Letz- teres entschieden. Denn so wie wir jetzt lebten, mit einem implantierten Chip gekennzeichnet, waren wir dem Teufel komplett ausgeliefert und das bis in den Tod. Aber eher als unter diesen trügerischen und verlogenen Bedingungen le- ben zu müssen, verzichtete ich auf all den Kapitalis- mus und Materialismus. Unser Ziel sollte ein Neuanfang sein. In Frieden und in gegenseitiger Nächstenliebe. In der neuen Welt konnten wir dies alles bekommen. Gott ist der All- mächtige und der Schöpfer des Universums. Wie konnten wir uns bloß anmaßen alles zu untersuchen und zu manipulieren und zu verbessern als hätte Gott alles falsch gemacht. Welche Unverschämtheit unse- rerseits Gott spielen zu wollen ohne die Konsequen- zen auch nur annähernd einschätzen zu können, wie bei den Nebenwirkungen der Medikamente. Von der Stammzellenforschung bis zu deren Manipulation. Die errungenen Erkenntnisse wurden uns vorenthal- ten und vertuscht. Die Pflanzen trugen kein Saatgut mehr, Fehlgeburten waren häufiger als Geburten und unsere Lebensmittel waren vergiftet. Strafe konnte nur gerecht sein nachdem wir alles verschmutzt und zer- stört hatten was Gott uns an Lebenswertem, in all den Jahrtausenden hatte zukommen lassen, auf materieller 433
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    wie auch aufgeistiger und spiritueller Ebene. Die Menschen die dies alles geplant hatten und uns versklaven wollten aus Machthunger und Habsucht sollten mit ihrem Satan für immer und ewig von der Erde verbannt werden. Der Gegner Gottes hatte schon manches übernom- men von unserem freien Willen. Seine Gier sich die Menschheit gefügig zu machen war nicht zu sättigen und er fiel über die Menschen her, denn seine Zeit war beinahe abgelaufen. Er würde alles tun und ver- suchen so viel wie nur möglich mit ihm ins Verderbnis zu reißen. Viele würden ihm nicht widerstehen kön- nen, denn er würde vieles versprechen und Wunder vollbringen um sie zu überzeugen. Nur wenige wür- den gerettet werden, wurde prophezeit, und in Gottes Haus aufgenommen werden. Ich war überzeugt wir würden wie seit jeher auch ohne das materielle Glück und ohne Elektronik und totale Überwachung im Leben weiter kommen. Gott würde uns vor allem Übel und allen Gefahren beschützen und uns retten, wenn wir nur in Liebe zu unserem Nächsten und zu unserem Herrn dem All- mächtigen ehrlich und aufrichtig sein würden und an Ihn glaubten. 434
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    Die neue Erde Präambelvom Grundgesetz In Liebe und im Bewusstsein seiner Verantwortung vor GOTT, dem allmächtigen Schöpfer des Univer- sums, der Natur, der Tierwelt, der Pflanzenwelt und den Menschen, vom freien Willen beseelt, als gleich- berechtigtes Glied in einer vereinten Erde dem Frieden der Welt zu dienen und mit all seiner Kraft Unheil von Allen abzuwenden verpflichtet sich jeder Einzelne die- ses Grundgesetz zu befolgen. Die Menschheit in den Gemeinschaften der Erde hat in freier Selbstbestimmung und in freiem Willen die Einheit und Freiheit vollendet. Damit gilt es für den gesamten Planeten und die dazu gehörige Menschheit Gott zu ehren und Jesus Christus als Gottessohn, der uns von der Ursünde befreit hat, zu erkennen und im Glauben an Ihn stets zu beten und alle Gebote Gottes zu ehren und zu befolgen bis in den leiblichen Tod. Der Liebe, der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu die- nen damit keine Finsternis mehr unser Leben betrübt. Den Irrlehren weltweit abzuschwören. Den Hass und die Lügen aus unseren Herzen zu verbannen. In ste- tiger Liebe und Nächstenliebe Gott unserem ewigen Vater, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist voll und ganz gerecht zu werden. -Schutz der Familie und der Kinder -Schutz der Armen und Kranken -Schutz des Einzelnen -Schutz der Ehe -Schutz der Kinder -Schutz der älteren Generationen -Schutz der Kranken und der Pflegebedürftigen 435
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    -Schutz der gesamtenTierwelt -Schutz der Natur und der Vegetation -Schutz der Gewässer und der Meere -Schutz der Rohstoffe, Ressourcen und Bodenschätze -Schutz der Luft und der Atmosphäre -Schutz des Klimas -Schutz der Urvölker (ihrer Traditionen und kulturellen Eigenheiten) -Schutz des gesamten Planeten ERDE u.s.w. Wir wollen dem gesamten Planeten den Schutz ge- währen den wir selber als Menschen nicht mehr ge- nießen, da die unumkehrbare schwierige und drama- tische Lage unseres Planeten nicht mehr zu meistern ist. Wir versuchen das Beste daraus zu machen. Aber schon sind da die nächsten Widersacher, die da- mit ein großes Problem haben. Sie wollen nichts von ihrer Habe abgeben, rationalisieren oder teilen oder sonst welche Kompromisse eingehen. Sie wollen ihr Heim nicht verlassen obschon das Feuer bereits vor dem Haus steht. Lieber sterben sie in den Flammen. Mit Hochdruck arbeiten wir an einer Lösung zu je- dermanns Zufriedenheit. Der Knackpunkt sind die Wahrung der Integrität aller denkenden Lebewesen, eine reibungslose Funktion von Warenaustausch, ohne Diskriminierung oder Rassentrennung bis hin zu den Verfassungsregeln sowie Handlungs-, Religions- und Redefreiheit und freier Meinungsaustausch. Eine hundertprozentige Gleichgestelltheit. 436
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    Das System dernominativen Einheitenvergabe schrei- tet langsam voran, da keiner so richtig daran glaubt und das Interesse gering ist. Der Egoismus ist in dieser finsteren Zeit sehr ausgeprägt. Wir gehen davon aus, diese Einheiten an alle Perso- nen zu verteilen, so dass jeder sein Leben vernünftig bestreiten und seine privaten Wünsche einigermaßen erfüllen kann. Jeder bekommt sein Leben lang monatlich eine X- Anzahl Einheiten gutgeschrieben. Diese werden für soziale Abgaben (vergleichbar mit den jetzt bekann- ten Steuern) für Schule, Gesundheit, Krankenhaus, Strassen, Umwelt, Energie, Wasser, etc..., für persön- liche Anforderungen wie Lebensmittel, Konsumgüter, Kleider, Wohnen, etc… und für die Beanspruchung etwaiger Dienstleistungen genutzt. So wie wir das be- reits kennen. Nur diesmal ohne ständige Preissteige- rungen und Gewinnorientierung. Der Profit soll auf den Produkten, Abgaben und Dienstleistungen gänz- lich entfallen. Die Einheiten werden jeden Monat neu ausgetragen. Jeder ist frei zu entscheiden wie er sie ausgeben möch- te. Es gibt keinen Kredit oder Zinsen oder negatives Saldo. Sind alle Einheiten aufgebraucht, sind keine weiteren Anschaffungen oder Ausgaben mehr mög- lich. Die Einheiten die während des laufenden vori- gen Monats nicht aufgebraucht worden sind werden addiert, können aber nur maximal 2 Jahre aufbewahrt werden und für eine Reise, ein Hobby oder sonstige Anschaffungen genutzt werden. Die Einheiten sind nominativ, d.h. auf den Namen der Personen ausgetragen und sind nicht an andere Personen übertragbar. 437
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    Zur Motivation füreinen extremen Einsatz oder sons- tige besondere Taten wird derjenige mit etwas mehr Einheitenvergabe belohnt. Dies wird von Fall zu Fall von der Gemeinschaft geprüft, ob ein einmaliger Bo- nus anfallen sollte, der ebenfalls innerhalb einer be- stimmten Zeit aufgebraucht werden muss. Die Einheiten werden wie bei herkömmlicher Buch- führung genau aufgeführt. Dies bedeutet, man weiß genau wie viel die Person ausgegeben hat und wofür. Dabei entfallen jegliche weiteren persönlichen Daten und jegliches Datenschutzgehabe und Kontrollen. Jeder Erwachsene besitzt einen eigenen Code der sonst keinem zugänglich ist. Er wird per Zufallsgene- rator erteilt und steht nirgendwo vermeldet. Nur die Eltern kennen den Code ihrer Kinder. Diesen Code können sie dann nach dem 16. Lebensjahr selber ab- ändern. Sollte dieser verloren gehen oder vergessen werden, hat man einen zweiten und einen dritten. Nur so kann man seine Einheiten steuern und ver- walten. Bei besonderen Wünschen schalten sich die leitenden oder führenden Personen der Gemeinschaft ein, die dies beurteilen, gewähren oder verweigern und mit exakter Grundvorgabe demjenigen transparent mittei- len müssen, ohne Daten zu speichern oder zu irgend- welchen missbräuchlichen Aktivitäten zu nutzen. In Zukunft wird genau geprüft und darauf geachtet was und wie viel wovon produziert, importiert oder exportiert wird. Somit kann man den Konsum ein- schränken, Rohstoffe und Ressourcen schonen und den Verbrauch von Energie konsequent eindämmen. Dafür werden Daten genutzt und gespeichert ohne Personenangaben. Die Logistik soll umweltgerecht gestaltet werden. 438
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    Sie sehen, manmuss sich umstellen, was nicht negativ aufzufassen ist. Der Umwelt zuliebe haben wir keine andere Wahl, bei mehr als zwölf Milliarden Menschen. Ob einem das passt oder nicht. Die Zeiten da wenige alles haben und die anderen noch nicht mal sauberes Wasser sollen der Vergangen- heit angehören. Keine Privilegien für niemanden. Dabei geht es prinzipiell nur darum, Gerechtigkeit walten zu lassen und Kriegen, Unzufriedenheit und Elend entgegenzuwirken. Ich wiederhole, hierbei geht es nicht darum, den Ein- zelnen zu schikanieren, aber darum, ein soziales, die Menschenrechte respektierendes Zusammenleben zu erreichen das unserer Umwelt in Zukunft gerecht wird und unseren Nachkommen einen lebensfähigen Planeten beschert. Die lange destruktive Marktwirtschaft hat somit ein Ende. Unsere Gewässer müssen wieder sauberes Wasser füh- ren. Kein einziges Bächlein auf der ganzen Welt ist nicht mal mehr fürs Fußbaden geeignet, geschweige denn zum Fischen. Also was reden wir herum? Die Politiker und die anderen Verantwortlichen in den Gemeinden und Kommunen haben sich in den ver- gangenen Jahren nur halbherzig bis gar nicht darum gekümmert was (von dem Unternehmer XY) ins Wasser abgeleitet oder auf Deponien klammheimlich abtransportiert wurde. Wie wir wissen haben die Ein- wohner in New York bis heute nicht die blasse Ah- nung wie der Müll jede Nacht aus ihrer Metropole abtransportiert und weiter sauber entsorgt wird. Fest steht, am anderen Morgen sind die Strassen einiger- maßen frei von Abfällen. Aber was genau passiert mit 439
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    den aber Tonnenvon Dreck bestehend aus tausend verschiedenen Substanzen und toxischer Chemie, seien es Friseurlacke oder Haarfarbstoffe und vieles mehr? Nicht gesprochen von dem was in die Gewäs- ser abgelassen wird und so über den ganzen Planet, Tag für Tag. So verhält sich die Industrie. Man hat zu spät reagiert und nicht geklärt wo der ganze Dreck abgelassen oder wie er entsorgt werden sollte. Aber mit Geld kann man bekanntlich viel vertuschen und im Glanz er- strahlen lassen. Solange die Profite sprudeln ist alles nur eine Bagatelle. Wann werden wir wach oder zu- mindest stutzig über die Überangebote der Industrie und die nie endenden Werbekampagnen? Und das im Namen unserer Millionen Dollar schweren Elite, Sportler, Schauspieler und andere wichtige Persön- lichkeiten, die so noch mehr Geld verdient auf Kos- ten der Verbraucher und der Umwelt. Umsätze und Gewinne, das ist das Wichtigste seit den letzten sech- zig bis hundert Jahren. Der Faktor Mensch und unser schöner Planet werden systematisch ausgeschlachtet und bleiben auf der Strecke. Die Banken tun mit ge- frorener Miene ihres dazu. Immer mehr Kredite und Wucher an den Börsen haben vielen das Leben zur Hölle gemacht. Wir haben nur bedingt Zeit zur Natur und zur Ge- rechtigkeit umzukehren. Unsere Politiker oder Volks- vertreter haben all die Jahre nur alles politisiert und kein bisschen Ahnung worum es geht und haben den Weisen oder Experten kaum zugehört. Eine simple Frage: Wie kann ein Doktor der Medizin Karriere machen in der Politik und auf einem Vertei- digungsministerposten landen? Mit welchen Kennt- 440
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    nissen, mit welcherMoral oder Vorgehensweise führt er die Wehrmacht oder sein Land? Gut, er hat Exper- ten um sich, die ihn beraten, sagen die einen. Aber schließlich ist er der Chef und entscheidet, oder? Ist er glaubhaft? Was ist das für eine Welt wenn alles im eigenen partei- politischen Interesse abgetan wird und nur Lügen und falsche Versprechen bereits den Amtsantritt einläuten? Der Schwur „alle Misere vom Volk fern zu halten“ ist schon ein Meineid und damit gefängnisreif. Denn schon Wochen später werden sofort die Steuern er- höht und gleich mit die eigenen Diäten. „Wer´s glaubt wird selig“. In Zukunft brauchen wir solche Leute nicht mehr. Dafür eine Gemeinschaft die gleich im Dorf den richtigen Ansprechpartner hat um die loka- len wie kommunalen Probleme zu lösen. Auf Landesebene werden unsere Gemeinschaftsspre- cher oder Vertreter die Lage mit anderen Kollegen erörtern und die nötigen Schritte einleiten. Wozu brauchen wir da noch Politiker und Investoren oder Aktionäre, Machthaber und Könige? Die Gemeinschaftsdelegation wird in Zukunft genau hierfür geschult sein und nicht aus irgendwelchen Am- bitionen oder Wahlen hervorgehen. Schlimmstenfalls, weil der Kandidat kapitalträchtig ist und eine gute Fi- gur macht. Also was soll das? Er muss kompetent und vom Fach sein. Das heißt hierfür geschult sein. Ohne die Vielfalt einzubüssen werden weiter Inge- nieure wie Ärzte, Facharbeiter wie Ordnungshüter im Einsatz sein. Die Kneipe wie das Kulturzentrum wer- den weiter dafür sorgen, dass das Leben normal ab- läuft, ohne hemmungslose Exzesse in jeder Richtung unseres Daseins. 441
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    Die Berufe werdennicht aussterben, im Gegenteil. Endlich können wir uns erfreuen das zu tun wovon wir als Kinder immer geträumt haben. Im neuen Einheiten-System sind auch feste Beträ- ge wie Straßengebühren oder öffentliche wie sozia- le Strukturen zu entschädigen. Nichts wird anders. Außer, alles was schief gelaufen ist unter Kontrolle zu bringen. Die Abzocke-Methoden sind vorbei. Die Spirale des immer mehr, immer heftiger, immer neuer und immer teurer ist endgültig vorbei und begraben. Bei einem solchen System wird der Gemeinschaftssinn sensibilisiert. Keiner hat Interesse daran den anderen übers Ohr zu hauen oder besser da zu stehen. Der einzige Unterschied ist der Intelligenzquotient. Aber da ist nichts dagegen einzuwenden und das entspricht der Natur. Wir wollen doch nicht alle in grauen Uni- formen laufen und vor den Machthabern paradieren. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Dies ist kein Marxismus oder Kommunismus, keine Diktatur. Sondern pure Freiheit mit Respekt gegen- über den Mitmenschen und der Natur. Keine from- men Worte, aber Tatsachen für das globale Zusam- menstehen zur Sache. Dazu kommt, dass Schul-, wie Sport- und Entspannungskomplexe der Bevölkerung frei zur Verfügung stehen und fest in die Gemein- schaftsstruktur gehören. Auf alle 50.000 bis 100.000 Einwohner sollen öffent- liche Gebäude entstehen wie Krankenhäuser, Haus- arztpraxen, Ordnungshüterbüros für Gesetzeshüter, Industrieparks, Sportplätze, Schulen, usw…. Die Rohstoffe so wie die Ressourcen und andere Bo- denschätze gehören der Gemeinschaft, werden aber 442
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    von der UNOreglementiert und sind gegen Steuer- abgaben frei erhältlich. Dies gilt auch für den Ge- brauch von Sonnenenergie, Windenergie, Wasser oder Holz.Wird eine gewisse Menge überschritten, müssen zusätzliche Einheiten abgegeben werden. Der Aufgabenbereich (Arbeit) wird in der Gemein- schaft aufgeteilt und eingeteilt so wie man es benötigt. Vorbei sind dann die Zeiten wo Kinder bei Frem- den gegen Bezahlung verweilen müssen, weil Vater und Mutter zur Arbeit müssen um Haus, Auto und Schulden wie Steuern und noch mal Steuern auf die Steuern zu zahlen, weil die Politiker und das Beam- tentum wie die Finanzämter sich in Paragraphen und Alphabeten wälzen und als Reiter hoch zu Ross mit der Bevölkerung umspringen. Wir sollten uns wirklich schämen einem Kind das Spielen oder die Jugend zu nehmen, weil es der Fa- milie mithelfen muss diese zu ernähren. Auch hier ist die Gemeinschaft gefordert eine gerechte Verteilung und eine Rahmenbedingung zu schaffen. Ich wün- sche mir, dass dies in Zukunft besser wird. Die Politiker können nur reden und reformieren und absurde Gesetze verabschieden, die nur noch mehr Papierkram produzieren, jedoch nicht direkt in den Arbeitsmarkt eingreifen können oder wollen, wo die Preise der Konsumgüter und Dienste täglich steigen. Die Korruption ist ein anderes schwerwiegendes Thema und nicht in den Griff zu bekommen. Sie ver- dienen ja mit beim Strom, beim Abfall, bei den Ver- sicherungen, bei der Mehrwertsteuer, bei der Luxus- steuer. Bei allem was wir tun oder nicht tun werden wir ständig zur Kasse gebeten. „ …oder stirb. “ Eine feine Art den eigenen Bürger auszurauben, bis 443
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    hin zum Lausch-und Schnüffelangriff auf die Privat- sphäre. Eine menschenunwürdige und ungerechte Welt ist das Resultat. Die Kriminalität wird mit der WWP mit ziemlicher Sicherheit um 95% zurückgehen. Die urbanistische Struktur wird wohl oder übel über- dacht werden müssen da wir keine Strassen und Städ- te in diesem Umfang mehr brauchen. „Zurück zur Na- tur“ wird dann das Leitmotiv sein. Hier ein Vorschlag für die Einheitenverteilung in der WWP: 1. Familienvater 10.000 Einheiten 2. Mutter 10.000 Einheiten 3. Kind 5.000 Einheiten 4. Alleinstehender 12.500 Einheiten 5. Alleinerziehender 12.500 Einheiten 6. Kinderlose Ehepaare 18.000 Einheiten 7. Pflegebedürftige, Rentner, Invaliden, Kranke 7.500 Einheiten 8. Alleinlebende Rentner 8.500 Einheiten 9.Witwe(r) mit Eigentum aus der Ehe 12.500 Einhei- ten (zum Unterhalt der Immobilie; nach freiwilliger Aufgabe 8.500 Einheiten) Von diesen Einheiten sind Abgaben von 25% an die Gemeinschaft zu verrichten. Es werden Regeln aufgestellt, welche Möglichkei- ten für die jeweilige Konstellation vorhanden sind. Für eine Familie oder Alleinstehende, ältere Ehepaa- re, Pflegebedürftige, Straftäter, … . Sei es im Bereich Wohnen oder Leben in der Gemeinschaft. Im guten Einverständnis und in Nächstenliebe. Z.B. eine Fami- lie mit Kind/ern hat die Möglichkeit zu wählen zwi- 444
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    schen einem Einfamilienhausoder einer Wohnung. Weitere Möglichkeiten bestehen bei der Zusammen- führung mit den Großeltern. Die Wohnung sollte der Größe der Familie angepasst sein. Die Immobilie kann man erwerben und ist Eigen- tum nach Abzahlung, nur ohne Zinsen zu verrech- nen. Es gibt jedoch keine Erbschaftsrechte. Für den Wohnungserwerb gilt eine Abgabe von 1000 bis 2000 Einheiten pro erwachsene Person. Diese gehen an die Gemeinschaft, die so die Baumaterialien erwerben kann, wenn nötig auf den Märkten anderer Gemein- schaften. Ab dem 16. Lebensjahr erhalten die Kinder 10.000 Einheiten und beteiligen sich an allen Abgaben. Der Kreis von Einnahmen und Ausgaben wird durch den Zentralrechner der Gemeinschaft weiter in die Welt gesteuert und so kann man sehen wo, was, wie und von wem gekauft wurde. Man darf ohne Erlaubnis von der Gemeinschaft nichts mehr selber verkaufen, aber eventuell Gebrauchsgegenstände tauschen. Hier- für sind bestimmte Regeln zu befolgen welche nur den Gemeinschaften unterstellt sind. Diese können kaufen und verkaufen, entscheiden was und wie viel produziert werden darf um unnötige Verschwendung und Produktionsüberkapazität zu vermeiden die nie- mandem nützt. Dies gilt für alle Produkte und Dienstleistungen der Mitglieder in der Gemeinschaft. Von den leitenden Verantwortlichen bis zum Rentner. Wir wollen somit vermeiden, dass kein Wildwuchs, unnötiges Unrecht, eine Vetternwirtschaft oder Profit 445
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    entsteht. Diese „Wenigerist mehr- Philosophie“ soll für mehr Qualität sorgen. Für uns und die Umwelt. Wenn wir das Geld als Übeltäter all unserer Probleme entlarvt haben, können wir vieles ändern zum Wohle der Erde und jedes Einzelnen von uns. Wir sollten an morgen und an die nächsten Generationen denken, auch wenn es uns nicht gelingt für die Ewigkeit zu planen. Das Einheiten-Zahlsystem hätte folgende positive Auswirkungen auf die Menschheit und die Welt: Die Freiheit wird dadurch für jedes Individuum ge- währleistet da kein direkter Konkurrenzkampf entste- hen kann. Keine Immigrationen oder Flüchtlinge wegen sozia- ler Umstände oder Bürgerkriegen. Bessere und gerechtere Lebensbedingungen für alle. Keine Ausbeutung des eigenen Volks. Keine Kinderarbeit. Familienfreundliches Zusammenleben. Keine Hungersnöte. Weniger Kriminalität durch Kapitaldelikte. Weniger Missgunst, Neid oder andere Form von Hass. Keine Diskriminierung wegen des Sozialstandes. Keine Kriege für Rohstoffe, Wasser und andere Bo- denschätze. Weniger Belastung fürs Klima. Keine Lügen wegen Profit. Keine Schleichwerbung. Keine Korruption. Transparenz weltweit. Keine einseitigen Privilegien. Die Natur wird geschont. 446
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    Die Tierwelt hatbessere Aussichten auf Überleben. Kein Raubbau oder sinnloses Zerstören unserer Um- welt. Bessere Verteilung der Grundnahrung weltweit. Bessere Verteilung unseres Trinkwassers. Weniger Krankheiten, physisch wie psychisch. Weniger Selbstmorde oder Amokläufer. Diese Liste kann unendlich vervollständigt werden 447
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    1001 Argumente, umdie WWP zu fördern Um der WWP volle Unterstützung zukommen zu lassen, gibt es bei Gott tausende Argumente. Ich möchte hier einige hervorheben: Als Allererstes geht es in unserer Welt seit mehr als 5.000 Jahren nur um GELD und PROFIT. Man kann in fast 93  Prozent der Fälle ohne Geld nichts mehr tun, was dazu geführt hat, dass sich alles in rasendem Tempo verändert hat zum Wohle einiger wenigen und zum Leid der Menschen und unseres Planeten. Deswegen scheint mir, sollten wir uns von dieser DROGE schleunigst abwenden, von dieser LÜGE und HEUCHELEI … Dafür wurde und wird gemordet. Dafür wurde und wird man zum Kriminellen. Dafür wurde und wird man beneidet und gehasst. Dafür wurde und wird man benutzt, versklavt und unterdrückt. Dafür wurde und wird man betrogen, belogen, be- klaut. Dafür wurde und wird der Mensch ungerecht behan- delt. Dafür wurde und wird den Armen die letzte Würde genommen. Dafür wurden und werden die Menschenrechte und die Verfassung mit Füßen getreten. Dafür wurde und wird das Ganze immer hemmungs- loser weitergehen. Dafür wurde und wird die Erde bis zum Schluss aus- geschlachtet und ausgebeutet. Dafür wurde und wird unsere Umwelt, die Natur und die Tierwelt, zerstört. 448
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    Am Wirtschaftswachstum undan den Börsenzahlen werden wir eines Tages kläglich scheitern, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten und uns nicht einem ein- facheren und ausgeglichenen Leben zuwenden. Wir sind Schuld an dem vielen Elend und am Niedergang unseres Planeten. An dem egoistischen Verhalten jedes Einzelnen wird die Erde zugrunde gehen, wenn nicht bald etwas geschieht und wir unsere Dummheit ein- sehen, dass wir für wenige Reiche unsere Welt und die unserer Nachfahren ohne Umkehr vernichten. Denn nur diejenigen, die verstanden haben, dass wir ohne Geld ein viel friedlicheres Dasein erreichen können, haben den Sinn des Lebens verstanden. Denn eines ist sicher, die Erde wird sich auch ohne uns weiter drehen. 449
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    Eine gute Nachrichtan alle die an ein allmäch- tiges Wesen über uns glauben; Sinn und Zweck unseres Erdenlebens ist… Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Dies allein kann bewirken, dass der Mensch sich wandelt und in der Wahrheit und somit im Licht anstatt in der Finsternis weilt. Zudem geht es auf unserem letzten Erdenweg als Mensch darum, dass wir nicht dem ver- gänglichen Körper, Besitz oder sonst welchen Subs- tanzen Rechnung tragen, aber durch Geisteserhellung der Seele, die wir nicht spüren, sehen, riechen oder fassen können, alles Recht zugestehen, denn nur Letz- teres führt uns ins ewige Leben nach dem leiblichen Tod. Eine Seele voller Sünde, die, im vollen Verstand und aus dem freiem Willen heraus zu tun und zu las- sen was wir wollen ohne den Sinn und Zweck des Lebens zu hinterfragen, während des Erdenlebens gar nicht bedacht wurde ist fatal und bringt nur den geis- tigen Tod ein, der im Jenseits Qual und unsägliches Leiden bedeutet. Wir leben zuviel mit dem Verstand und lassen dabei unser Herz außer Acht, wo der Tem- pel Gottes und der Liebe ist. Denn würden wir den weltlichen Erdengang viel mehr nach unserem Innern, nach unseren Herzen, ablaufen, würden wir den Ver- stand nur zum Prüfen benötigen und voller Vertrauen an uns selbst und an ein Wesen da draußen glauben, das die Liebe, die pure Liebe, ist. Unvorstellbar, aber probieren wir es doch mal aus und schon läuft alles nach der Schöpfungsordnung. Hingegen mit List und Lüge wird sofort alles zerstört. So einfach ist das. Als Menschen bestreiten wir unseren letzten Erdengang und sind ausgestattet mit drei Eigenschaften welche 450
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    Tiere und Pflanzennicht besitzen, nämlich mit Ge- danke,Verstand und dem freien Willen zum Handeln. Jedes Mal können wir diese hinterfragen und bei rich- tiger Entscheidung führt uns dies näher zu Gott in die Vollkommenheit und lässt uns selig werden schon auf der Erde, die nur eine vergängliche Scheinwelt dar- stellt. Unser Leben auf der Erde ist letztendlich nur eine Schule die der Seele zum Ausreifen verhelfen soll um nach unserem leiblichen Tod in das Reich Gottes zu gelangen, wo das ewige Leben auf unsere Seele wartet und wir in Liebe miteinander schaffen können und stets höher aufsteigen. 451
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    Man muss nichtimmer alles hinnehmen! Das Projekt Strike-Bike Hier ein sehr schönes wie dramatisches Beispiel wie unsere Wirtschaft die Moral der Menschen zerstört oder wie man sich wehren kann. Urteilen Sie selbst. Eine wahre Geschichte aus dem Jahre 2007 Aller Anfang ist schwer. Eine so genannte Fahrradfabrik wurde von einem amerikanischen Privatinvestor in Deutschland über- nommen und nach einiger Zeit für ein Viertel des eigentlichen Werts verscherbelt. Darauf folgte prompt eine Insolvenz und 200 Mitarbeiter oder vielmehr einzelne Schicksale saßen von einem Tag auf den an- deren auf der Strasse. Hier sehen wir die Unfähig- keit unseres Systems und unserer Politik und was sich ein einzelner Kapitalinvestor mit den Menschen er- lauben kann und darf. Die Belegschaft jedoch wollte dies nicht akzeptieren und hat gestreikt (Frauen) bis die Idee aufkam auf eigene Faust und Kraft weiter Fahrräder zu bauen, denn das war das einzige was diese Leute wirklich konnten um ihre Familien zu ernähren. Somit lancierten sie einen verzweifelten Versuch mit dem Projekt Strike-Bike und siehe da, nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es diesen Menschen ohne Chef oder Vorstand eine eigene Pro- duktion auf die Beine zu stellen. Nach einiger Zeit wurden wieder volle Auftragsbücher vermeldet. Hiermit will ich beweisen, dass es geht und wir die- se Geier oder Heuschrecken, wie man sie heutzutage nennt, nicht mehr nötig haben und die Gemeinschaft hat bewiesen, dass es funktioniert mit der WWP. 452
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    Angelo Nigro Dafür müssteman einen weiteren Roman oder eine Autobiographie schreiben. Aber kurz, ich bin durch und durch Europäer oder Bürger dieser Erde. Ich habe während meines Lebens viele Länder bereist und in verschiedenen sogar einige Jahre gelebt. Durch die- se Möglichkeit habe ich mehrere Sprachen und die Menschen vor Ort kennen gelernt. Ich muss dazu sa- gen oder vielmehr habe ich festgestellt…wie viel Not sich in jeder Hinsicht da draußen immer mehr aus- breitet und was die Menschen bewegt und bedrückt. Die Beweggründe werden fast immer von der Politik verharmlost und von den Medien falsch dargestellt. Die Menschheit wirkt dabei wie ein Wollknäuel der sich gelöst hat und, nun verworren, nicht imstande ist den Weg zurück zu finden und sich immer weiter in die falsche Richtung verstrickt. Sie kämpft aber weiß, dass sie verloren ist, da jeder in seinem Egoismus und Materialismus glaubt, in der Wahrheit zu stehen. Aber nur wenige bestimmen das Schicksal vieler auf diesem Planeten. Ich habe aus diesem Grund mein Leben aus freiem Willen vor einigen Jahren radikal geändert und raus aus dem Konsumrausch „das Beste ist mir gerade gut genug“ zur Nächstenliebe und zum täglichen Ge- bet zu unserem Vater, dem Schöpfer des Universums, und seinem geliebten Sohn Jesus Christus gefunden. Jetzt kann ich aus Überzeugung wieder in Liebe und Wahrheit leben. 454