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physischer Gewalt. Diese oft genannten Naturge-
Soziokratie                                                setze werden jedes mal verletzt, wenn ein Straßen-
                                                           räuber verhaftet wird und ins Gefängnis kommt.
Lester Frank Ward (1841-1913)
                                                           Früher konnte ein primitiver Staat allein mit roher
Die Welt ist durch die Phasen der Autokratie und           Gewalt eine gerechte und gleichmäßige Verteilung
Aristokratie in die der Demokratie gelangt und hat,        von Wohlstand sicherstellen. Aber heute, da menta-
durch eine normale Reaktion gegen die Macht des            le Gewalt alles und physische Gewalt nichts mehr
Einzelnen, bislang den Einfluss des Staates soweit          bedeuten, hat er nicht mehr die Macht dazu. Das
minimiert, dass derselbe Geist, der sich vorher die-       allein beweist, dass der Staat bei seiner Hauptauf-
ses Staates bediente, um selbst voranzukommen,             gabe gestärkt werden muss, dem Schutz der Ge-
nun in eine fünfte Phase übergeht, nämlich die der         sellschaft. Es gibt jedoch keine Argumentation, die
Plutokratie. In Verbindung mit einer schwachen             nur für eine Art des Schutzes, aber nicht ebenso für
Demokratie oder Physiokratie gedeiht sie beson-            eine andere gilt. Es ist in höchstem Maße unlogisch
ders gut und zielt darauf ab, diese beiden vollstän-       zu sagen, die Selbstbereicherung durch physische
dig zu überwinden. Ihren größten Rückhalt findet            Gewalt sollte verboten, aber die durch mentale
sie im weitverbreiteten Misstrauen gegen jede Re-          Gewalt oder juristische Fiktion sollte erlaubt wer-
gierung, und sie lässt nichts unversucht, um das           den. Es ist absurd zu fordern, die durch Muskel-
Feuer des Hasses anzufachen. Anstatt nach einem            kraft begangene Ungerechtigkeit solle gesetzlich
größeren und stärkeren Staat ruft sie nach einem           reguliert, aber die durch den Intellekt begangene
kleineren und schwächeren. Findig schreit sie nach         solle unbelangt bleiben.
individueller Freiheit, erinnert fortwährend an die
Verbrechen des Staates in dessen autokratischer            Auch wenn die moderne Plutokratie keine Staats-
und aristokratischer Phase und tut fälschlicherwei-        form im gleichen Sinne wie die bereits erwähnten
se so, als drohe die unmittelbare Gefahr seiner            ist, kann man dennoch leicht erkennen, dass ihre
Rückkehr. Laissez-faire und der extremste Individu-        Macht ebenso groß ist wie die, die irgendein ande-
alismus, die in allem außer bei der Durchsetzung           rer Staat je ausgeübt hat. Der Prüfstein einer jeden
der eigenen bestehenden Rechte an praktische A-            Staatsmacht ist üblicherweise die Art, in der er sei-
narchie grenzen, werden laut befürwortet, und die          ne Bürger besteuert, und die heftigsten Anklagen,
Öffentlichkeit wird folglich blind für die Realität        die je gegen die schlimmsten Formen der Tyrannei
gemacht. […]                                               erhoben wurden, sind jene, die die unterdrückeri-
                                                           schen Methoden erpresserischer Abgaben aufzäh-
Die großen Übel, unter denen die Gesellschaft heu-         len. Aber die Abgabe des Zehnten wird als Unter-
te leidet, haben sich unter der Vormachtstellung           drückung betrachtet und die eines Viertels vom
des Intellekts entwickelt. Sie haben sich heimlich         Ertrag in irgendeiner beliebigen Industrie würde
während des allmählichen Vordringens organisier-           einen Aufstand rechtfertigen. Und doch gibt es
ter Gerissenheit bis in den Bereich nackter Gewalt         heute viele Güter, für die Menschen das Doppelte
ausgedehnt. In diesem schwindenden Bereich be-             und Dreifache der Kosten für Produktion, Trans-
hält der Staat seine Macht, aber im wachsenden             port und Vergütung mit fairen Löhnen und Profiten
und inzwischen allumfassenden Feld psychischer             bezahlen. In vielen Bereichen besteuern Monopole
Einflussnahme ist er machtlos. Niemand hat je be-           den Verbraucher mit 25 bis 75 Prozent des realen
hauptet, beim körperlichen Kräftemessen solle die          Gebrauchswertes eines Gegenstands. Stellen Sie
Beute ausschließlich dem Stärksten zufallen. In all        sich einmal eine Verbrauchssteuer in dieser Grö-
diesen Fällen packt der Arm der Obrigkeit zu und           ßenordnung vor! [...] Bei einem Monopol oder bei
sorgt für Gerechtigkeit. Aber bei den vielfältigen         aggressivem Wettbewerb wird der Preis von Waren
und weit ungleicheren Kämpfen, die jetzt zwischen          bis zum maximalen Grenzwert erhöht, der für ei-
den Köpfen ausgetragen werden bzw. mehr zwi-               nen Gegenstand in profitablen Mengen gezahlt
schen dem Individuum und einem organisierten               wird, und das völlig unabhängig von den Produk-
System, dem Produkt ganzer Denkepochen, sagt               tionskosten. Kein Staat der Welt hat oder hatte je-
man üblicherweise, solche Dinge lasse man sich             mals die Macht, eine solche Erpressung durchzu-
besser selbst regulieren und das Recht des Stärke-         setzen. Es ist eine regierende Macht im Interesse
ren walten. Aber jedem, der das Thema aufrichtig           einiger weniger Privilegierter, die jene des mäch-
betrachtet, muss klar sein, dass die erste und wich-       tigsten Monarchen oder Despoten übersteigt, der
tigste Aufgabe des Staates offen und absichtlich           jemals ein Zepter geschwungen hat.
verhindert wird, und zwar durch gewaltsame Ein-
griffe, dem natürlichen Ergebnis aller Anwendung

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Was also ist das Gegenmittel? Wie kann die Gesell-           auch wenn es paradox klingt, die Demokratie, die
schaft diesem letzten Machtkampf des egoistischen            jetzt die schwächste aller Staatsformen ist – zumin-
Intellekts entkommen? Die Herrschaft der Gewalt              dest bezogen auf die Kontrolle ihrer eigenen inne-
hat sie durch die Errichtung des Staates abge-               ren Elemente –, ist in der Lage, zur stärksten zu
schafft. Sie hat die Autokratie durch die Aristokra-         werden. Tatsächlich könnte keine andere Staatgs-
tie ersetzt und diese durch die Demokratie, und sie          form direkt in eine Regierung durch die Gesell-
befindet sich nun in den Wirren der Plutokratie.              schaft übergehen. Die Demokratie ist eine Phase,
Kann sie ihr entkommen? Muss die Gesellschaft,               durch die alle Regierungsformen gehen müssen –
um die Kraft zu erlangen, mit der Plutokratie zu             auf unterschiedlichen Wegen, die zur letzten ge-
brechen, zurück zur Autokratie? Kein Autokrat                sellschaftlichen Stufe führen, die alle Staaten
hatte jemals ein Zehntel dieser Kraft. Muss sie sich         schließlich erreichen müssen, um fortzubestehen.
dann zermalmen lassen? Sie muss es nicht. Es gibt
genau eine Macht, die größer ist als jene, die heute         Die Frage stellt sich, worin sich Demokratie und
die Gesellschaft maßgeblich beherrscht. Diese                Soziokratie voneinander unterscheiden? Was ist
Macht ist die Gesellschaft selbst. Es gibt eine Regie-       der Unterschied zwischen der Gesellschaft und
rungsform, die stärker ist als Autokratie, Demokra-          dem Volk? Wenn der Ausdruck „das Volk“ wirklich
tie und selbst Plutokratie, und das ist die Soziokra-        die einzelnen Menschen meinte, wäre der Unter-
tie.                                                         schied kleiner. Aber dieses Klischee demokratischer
                                                             Staaten, falls es denn überhaupt irgendetwas be-
Das Individuum hat lange genug geherrscht. Für               deutet, was sich beschreiben oder definieren lässt,
die Gesellschaft ist der Tag gekommen, ihre Angel-           steht schlicht für die Mehrheit der qualifizierten
egenheiten in die eigenen Hände zu nehmen und                Wähler, egal wie klein diese Mehrheit auch sein
ihre eigenen Schicksale zu formen. Das Individuum            mag. Es gibt eine Art und Weise, auf die Handlun-
hat so gut gehandelt wie es nur konnte. Es hat auf           gen einer Mehrheit als Handlungen der Gesell-
die ihm einzig mögliche Weise gehandelt. Mit eige-           schaft angesehen werden können. Zumindest lässt
nem Bewusstsein, Willen und Intellekt ausgestattet           sich das Recht der Mehrheit nicht leugnen, für die
konnte es gar nichts anderes tun als der eigenen             Gesellschaft zu handeln. Denn sonst würde man
Bestimmung zu folgen. Es sollte weder verurteilt             entweder der Regierung das Recht absprechen, ü-
noch geschmäht werden. Man sollte ihm nicht                  berhaupt zu handeln, oder einer Minderheit das
einmal einen Vorwurf machen. Nein, es sollte ge-             Recht zugestehen, für die Gesellschaft zu handeln.
lobt und sogar imitiert werden. Die Gesellschaft             Aber eine Mehrheit, die für die Gesellschaft han-
sollte eine große Lektion daraus ziehen und den-             delt, ist etwas anderes als die Gesellschaft, die für
selben Weg zum Erfolg einschlagen, den es so deut-           sich selbst handelt, auch wenn sie, wie es immer
lich vorgegeben hat. Sie sollte sich als Individuum          der Fall sein muss, über eine von ihren Mitgliedern
begreifen, mit allen Interessen eines Individuums.           gewählte Vertretung handelt. Alle demokratischen
Sie sollte sich dieser Interessen vollständig bewusst        Regierungen basieren größtenteils auf der Regie-
werden und sie mit demselben unbeugsamen Wil-                rung einer vorherrschenden Partei. Die Wähler stel-
len verfolgen, mit dem ein Individuuum seine Inte-           len sich auf der einen oder anderen Seite einer Par-
ressen verfolgt. Und nicht nur das; Sie muss sich            teilinie auf, und die Siegerseite betrachtet sich ge-
ebenso wie das Individuum vom sozialen Intellekt             nauso als Staat wie es Ludwig XIV. tat. Die unterle-
leiten lassen, ausgestattet mit all dem Wissen, wel-         gene Partei betrachtet die Regierung dann in der
ches Individuen, durch harte Arbeit, Eifer und Be-           Regel als etwas Fremdes und Feindseliges, wie ei-
gabung, in ihre Hände gelegt haben und welches               nen Eindringling, und denkt an nichts anderes
die soziale Intelligenz ausmacht.                            mehr als daran, genug Kraft zu schöpfen, um sie
                                                             bei nächster Gelegenheit zu stürzen. Während ver-
Die Soziokratie wird sich von allen anderen bishe-           schiedene Fragen immer wieder vorgebracht und
rigen Regierungsformen unterscheiden, und doch               verteidigt oder angegriffen werden, ist es für den
wird dieser Unterschied nicht so groß sein, dass             Zuschauer offensichtlich, dass die Wettkämpfer
eine Revolution nötig wäre. Ebenso wie die absolu-           sich für sie gar nicht interessieren, und sie nur da-
te Monarchie unmerklich in eine beschränkte Mon-             für benutzen, einen Vorteil zu erlangen und eine
archie und in vielen Staaten sogar ohne Namens-              Wahl zu gewinnen.
änderung in eine mehr oder weniger reine Demo-
kratie überging, ist die Demokratie in der Lage,             Aus Sicht der Gesellschaft sind das Kindereien.
reibungslos in Soziokratie überzugehen, ohne de-             Schon ein leichtes Erwachen des sozialen Bewusst-
ren ungewohnten Namen anzunehmen oder jenen                  seins wird sie verbannen und durch etwas Ge-
zu ändern, für den sie heute bekannt ist. Denn,              schäftsmäßigeres ersetzen. Einmal von diesem kin-

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dischen Spielgeist befreit und die Aufmerksamkeit           ist das günstigst mögliche System. Sie will Gewiss-
auf die wahren Interessen der Gesellschaft gerich-          heit darüber, ob ein nationales Telegraphensystem
tet, wird man sehen, dass bei fast allen wichtigen          dieses allgemein angestrebte Ziel gewährleisten
Fragen sich alle Parteien und alle Bürger einig sind,       würde. Es ist zu erwarten, dass die Vertreter der
und dass es keine Notwendigkeit für diesen Parti-           existierenden Telegraphenfirmen versuchen wür-
sanenkampf mit den öffentlichen Energien gibt.              den, zu zeigen, dass das nicht gelingen würde. [...]
Dies zeigt sich eindeutig bei jeder Veränderung im          Aber warum sollte man sich von den, wenn auch
Parteikolorit der Regierung. Die siegreiche Partei,         berechtigten, Interessen einer so kleinen Anzahl
die die Regierung angeprangert hat, nur weil sie in         von Personen beeinflussen lassen, wenn der ganze
den Händen ihres politischen Gegners war, rühmt             Rest der Menschheit an der entgegengesetzten Lö-
sich damit, dass sie das Land im Interesse guten            sung interessiert ist? Die Untersuchung sollte eine
Regierens revolutionieren wird, aber in dem Mo-             selbstlose und streng wissenschaftliche sein, und
ment, in dem sie an die Macht kommt und die                 sollte die Frage auf die ein oder der andere Weise
Bürde der nationalen Verantwortung spürt, stellt            entscheiden. Würde man feststellen, dass es einen
sie fest, dass sie wenig tun kann und setzt die Ge-         echten Vorteil gäbe, dann sollte man das System
setzte in der gleichen Weise durch, wie es ihre Vor-        annehmen. Heute stellen sich dem amerikanischen
gänger getan haben.                                         Volk eine große Anzahl solcher rein gesellschaftli-
                                                            cher, jeden Bürger in diesem Land betreffen Fragen,
Es gibt einen großen Unterschied zwischen all die-          und ihre Lösung hätte zweifellos tiefgreifenden
ser Parteilichkeit und Verteidigung sogenannter             Einfluss auf den Zustand der Zivilisation, der auf
Prinzipien und der Beschäftigung mit den wirkli-            diesem Kontinent erreicht werden kann. Doch
chen Interessen und der notwendigen Belangen der            nicht nur ist es unmöglich, diese Fragen zu lösen,
Nation, wobei Letzteres die wahre Aufgabe einer             es ist auch unmöglich, deren Untersuchung auf
Regierung ist. Es ist eine gesellschaftliche Pflicht.        Basis ihrer wirklichen Werte zu gewährleisten. Das
Der für ihre Umsetzung nötige Druck ist die Kraft           Gleiche gilt für andere Länder, und im Allgemei-
des gesellschaftlichen Willens. Aber in der künstli-        nen sind die vorherrschenden Demokratien der
chen Aufregung der Partisanenkämpfe, in der pro-            Welt außerstande, mit Fragen des gesellschaftlichen
fessionelle Politiker und Demagogen einerseits und          Wohls umzugehen.
Agenten der Plutokratie andererseits sich in den
Ohren des Volkes uneinig anschreien, gehen die              [... D]ie Preise der meisten von der Menschheit
wahren Interessen der Gesellschaft, zumindest vo-           konsumierten Gebrauchswaren haben keine direkte
rübergehend, aus den Augen verloren, werden ge-             Beziehung zu den Kosten ihrer Herstellung und
trübt und verdunkelt, und die Menschen verlieren            ihrem Transport bis zum Verbraucher. Es ist immer
ihr Verständnis für die wirklichen Probleme, ver-           der höchste Preis, den der Verbraucher für eine Wa-
gessen sogar ihre eigenen Interessen, die, obwohl           re zu zahlen bereit ist, anstatt ohne sie auszukom-
egoistisch, eine weit bessere Orientierung böten,           men. Nehmen wir an, der Preis wäre durchschnitt-
und das allgemeine Ergebnis ist in der Regel, dass          lich doppelt so hoch wie die Kosten, die Waren zu
diese vernachlässigt werden und Nationen auch               produzieren, zu transportieren, zu handeln und
weiterhin in den Händen bloßer Politiker verblei-           auszuliefern, so dass in jeder dieser Transaktionen
ben, die leicht durch die gerissenen Vertreter der          eine gerechte Entlohnung für alle Leistungen ent-
Vermögenden gelenkt werden.                                 halten wäre. Gibt es irgendjemanden in der Gesell-
                                                            schaft, der lieber zwei Dollar für etwas zahlen
Die Soziokratie wird all das ändern. Irrelevante            würde, was fairerweise nur einen Dollar wert wä-
Probleme werden beiseite gelegt werden. Die wich-           re? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür,
tigen Ziele, auf die sich alle bis auf einige wenige        eine solche Frage überhaupt zu diskutieren? Ganz
Interessierte einigen, erhalten ihr richtiges Maß an        gewiss nicht. Das Individuum kann an diesem Zu-
Aufmerksamkeit und Maßnahmen werden in ei-                  stand nichts ändern. Keine Demokratie kann ihn
nem überparteilichen Geist mit dem alleinigen               ändern. Aber ein Staat, der wirklich die Interessen
Zweck des Erreichens dieser Ziele in Betracht ge-           der Gesellschaft verträte, würde das genauso we-
zogen werden. Betrachten Sie zum Beispiel das               nig tolerieren wie ein Individuum die ständige Er-
Problem der Posttelegraphen. Niemand, der nicht             pressung von Geld durch andere tolerieren würde,
zufällig Aktionär einer existierenden Telegraphen-          ohne einen Gegenwert zu erhalten.
firma ist, würde lieber 25 Cents pro Nachricht be-
zahlen, wenn er sie auch für zehn Cents versenden           Und so wäre es überall. Die Gesellschaft würde
könnte. Wer würde diese Art von Fragen über-                rational und ohne Angst, Gefälligkeiten oder Vor-
haupt diskutieren wollen? Was die Gesellschaft will         eingenommenheit zu allem Fragen stellen, was ihr

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Wohlbefinden beträfe. Und wenn sich Hindernisse              schen Politik sein wird. Obwohl dies noch kein
fänden, würden diese entfernt, und wenn sich Ge-            Vorbote einer großen sozialen Revolution sein
legenheiten ergäben, würden diese wahrgenom-                muss, ist es gerade diese Art und Weise, in der eine
men. Kurz gesagt, die Gesellschaft täte unter den-          Reform in die angegebene Richtung erwartet wer-
selben Bedingungen genau das, was auch ein intel-           den sollte. Aber ob die aktuelle Bewegung nun
ligentes Individuum täte. Sie würde auf jede mög-           dauerhaft sein wird oder nicht, die Samen der Re-
liche Weise ihre Interessen verfolgen.                      form wurden im ganzen Land gesät, und früher
                                                            oder später müssen sie sprießen, wachsen und ihre
Ich kann den Einwand voraussehen, dass dies ein             Früchte tragen.
Idealzustand sei, und dass er noch von keinem
Volk erreicht wurde und allem Anschein nach auch            Für eine lange Zeit wird soziales Handeln in erster
nie erreicht werden kann. Jedoch wird kein unvor-           Linie weiterhin negativ sein und darin bestehen,
eingenommener Kritiker den üblichen, nicht ganz             bestehende Übel zu beseitigen, wie sie auf diesen
unberechtigten, Einwand erheben können, der al-             Seiten dargelegt wurden, aber letztlich wird eine
lein sozialistischen Systemen gegenüber erhoben             positive Phase erreicht werden, in der die Gesell-
wird, nämlich den, sie setzten eine Veränderung             schaft Maßnahmen zur eigenen Weiterentwicklung
der „menschlichen Natur“ voraus. Denn bei der               berücksichtigen und einführen wird. Auf die Frage
hier angedeuteten Transformation wird die Dauer-            der jeweiligen Bereiche des sozialen und individu-
haftigkeit aller geistigen Attribute postuliert, und        ellen Handelns kann hier nicht ausführlich einge-
ich habe nicht nur darauf verzichtet, auf den mora-         gangen werden, aber sicher ist, dass Ersteres sich
lischen Fortschritt der Welt einzugehen, sondern            weiterhin auf Letzteres ausdehnen wird, solange
habe nicht einmal die Kraft der Sympathie unter             solche Übergriffe zum öffentlichen Nutzen sind. Es
den gesellschaftlichen Kräften als Zivilisationsfak-        gibt einen großen Bereich, in dem dieser Punkt un-
tor erwähnt. Ich erkenne diesen als einen abgeleite-        strittig ist, nämlich das Feld, das im modernen
ten Faktor an, der eine wichtige Rolle spielt, aber         wirtschaftlichen Sprachgebrauch als „natürliches
ich habe es vorgezogen, in diesem Fall bei den pri-         Monopol“ bezeichnet wird. Die Argumente sind zu
mären und ursprünglichen egoistischen Einflüssen             bekannt, als dass man sie hier wiederholen müsste,
zu bleiben, da ich glaube, dass weder Meliorismus           und die Bewegung ist bereits so weit fortgeschrit-
noch Soziokratie auf bestimmte Gefühle oder auf             ten, dass sie kaum weiterer Argumente bedarf. Bei
altruistische Hilfen für ihre Unterstützung ange-           dem, was aber darüber hinaus geht, gibt es Raum
wiesen sind. Zumindest werden die Beweise ohne              für viele Diskussionen und ehrliche Meinungsun-
solche Zuhilfenahmen stärker sein, und wenn sie             terschiede. Das liegt an der mangelnden Beschäfti-
einen nachweislichen, legitimen Einfluss haben, so           gung mit dem Thema. Das besondere Merkmal der
erhöhen sie nur deren Gewicht.                              Staatsform, die ich Soziokratie genannt habe, liegt
                                                            darin, dass sie direkt auf der Wissenschaft der So-
Was den anderen Vorwurf angeht, so lautet die               ziologie basiert, um die Fakten zu untersuchen, die
Antwort, dass Ideale notwendig sind, und dass               Einfluss auf jeden Einzelnen haben. Nicht um ir-
kein Ideal jemals vollständig verwirklicht wird.            gendeiner Klasse von Bürgern die Möglichkeit zu
Wenn man zeigen kann, dass die Gesellschaft sich            nehmen, zu ihrem Wohlergehen zu wirken, son-
in Richtung irgendeines Ideals bewegt, ist die letzt-       dern einzig und allein dazu, zu ermitteln, was dem
lich echte Verwirklichung dieses Ideals so gut wie          Wohl der ganzen Gesellschaft dient.
bewiesen. Beweise einer solchen Bewegung in der
heutigen Gesellschaft sind reichlich vorhanden. In          Die sozialistischen Argumente zugunsten einer
vielen Ländern wurden die Übergriffe des egoisti-           Gesellschaft, die die gesamte industrielle Tätigkeit
schen Individualismus bei einer Reihe wichtiger             der Welt auf sich nimmt, schienen mir noch nie
Punkte gebändigt. In diesem Land wurde die Sorge            schlüssig, vor allem, weil sie weitestgehend aus
sehr ernst genommen, die der Marsch der Plutokra-           reiner Theorie und a priori-Schlussfolgerungen be-
tie unter dem Schutzmantel der Demokratie aus-              standen haben. Jeder, der bei der Beschäftigung mit
löst. Parteilinien weichen auf und es gibt unver-           einem bestimmten Wissenschaftszweig vom Wesen
kennbare Anzeichen dafür, dass ein großer Teil der          wissenschaftlicher Beweise durchdrungen wurde,
Menschen sich ernsthaft für den sozialen Fort-              verlangt die Vorlage solcher Beweise, bevor er
schritt im Land interessiert. Zum ersten Mal in der         Schlussfolgerungen in einem anderen Feld ziehen
Geschichte politischer Parteien hat sich eine deut-         kann. Und das sollte die Haltung aller bzgl. dieser
lich tatkräftige Partei gebildet, die alle Elemente         breiteren Fragen zu sozialen Phänomenen sein. Der
von Dauerhaftigkeit besitzt und vielleicht schon            wahre Ökonom kann kaum weiter gehen als zu
bald ein bestimmender Faktor in der amerikani-              sagen, eine bestimmte Frage stünde noch offen,

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und er sei bereit, logische Tatsachen zu akzeptieren,       einseitigen Schriften von Herbert Spencer zum im
sobald sie vorgebracht würden. Damit meine ich              Wesentlichen gleichen Thema, und doch sind sich
nicht, wir sollten nicht ins Wasser gehen, bevor wir        beide Autoren offensichtlich in den besprochenen
zu schwimmen gelernt hätten. Jedoch legt das die            wesentlichen Punkten einig. Diese ehrliche Kenn-
wahre Methode der Lösung solcher Fragen nahe.               tlichmachung der wahren Absichten der Laissez-fai-
Schwimmen lernt man durch eine Reihe von Ver-               re-Schule ist völlig legitim, ebenso wie die ehrli-
suchen, und auch eine Gesellschaft kann es sich             chen Darlegungen der gegensätzlichen Seite der
leisten, in bestimmte Richtungen Experimente                Frage. Je mehr Licht auf alle Seiten geworfen wer-
durchzuführen und die Ergebnisse zur Kenntnis zu            den kann, desto besser, jedoch um soziale Probleme
nehmen. Es gibt jedoch auch andere Verfahren, wie           wirklich aufklären zu können, muss es das trocke-
sorgfältige Kostenabschätzungen und genaue Be-              ne Licht der Wissenschaft sein, so wenig beeinflusst
rechnungen der Auswirkungen auf Basis der ein-              durch das Gefühl, als wären es die Bewohner der
heitlichen Gesetze gesellschaftlicher Phänomene.            Jupitermonde und nicht die dieses Planeten, die im
Das Experiment ist die ultimative Übertrüfung ei-           Blick des intellektuellen Teleskops liegen.
ner bisherigen wissenschaftlichen Theorie und
kann, in der Sozial- wie in der Naturwissenschaft,
Hypothesen entweder etablieren oder zu Fall brin-
gen. Aber in den Sozialwissenschaften, nicht weni-
ger als in anderen Zweigen der Wissenschaft, muss           Leicht gekürzter Text aus: Lester Frank Ward, "The
die Arbeitshypothese stets das wichtigste Instru-           Psychic Factors of Civilization", Kap. 38, S. 313-330,
ment erfolgreicher Forschung sein.                          (PDF: http://www.webcitation.org/5nnPfDdEo),
                                                            Boston, U.S.A., Ginn & Company Publishers, 1893.
Bis das wissenschaftliche Stadium erreicht ist und
als notwendige Einleitung dazu, sollten gesell-             Gedruckt in: John Buck und Sharon Villines, „We the
schaftliche Probleme klar formuliert werden, und            People: Consenting to a Deeper Democracy“
alle sie betreffenden Überlegungen nach ihrem di-           (http://www.amazon.com/dp/0979282705), Anh. A,
rekten Einfluss auf sie vorgetragen werden. Ich              Washington, DC, U.S.A., Sociocracy.Info Press, 2007
kenne keine Versuche dieser Art, die ich wärmer             (http://www.sociocracy.info).
empfehlen könnte, als die, die John Stuart Mill in          Übersetzt von Dinu C. Gherman, unter Mitwirkung
seinem kleinen Werk On Liberty und in seinen                von Tye M. Thomas, Oktober 2011, veröffentlicht unter
posthum erschienenen Chapters on Socialism ge-              der Creative Commons-Lizenz CC-BY-SA, siehe Details
macht hat. Wegen ihrer umfassenden Kenntnis                 unter: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/
stehen sie in deutlichem Gegensatz zu den sehr




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Soziokratie

  • 1. physischer Gewalt. Diese oft genannten Naturge- Soziokratie setze werden jedes mal verletzt, wenn ein Straßen- räuber verhaftet wird und ins Gefängnis kommt. Lester Frank Ward (1841-1913) Früher konnte ein primitiver Staat allein mit roher Die Welt ist durch die Phasen der Autokratie und Gewalt eine gerechte und gleichmäßige Verteilung Aristokratie in die der Demokratie gelangt und hat, von Wohlstand sicherstellen. Aber heute, da menta- durch eine normale Reaktion gegen die Macht des le Gewalt alles und physische Gewalt nichts mehr Einzelnen, bislang den Einfluss des Staates soweit bedeuten, hat er nicht mehr die Macht dazu. Das minimiert, dass derselbe Geist, der sich vorher die- allein beweist, dass der Staat bei seiner Hauptauf- ses Staates bediente, um selbst voranzukommen, gabe gestärkt werden muss, dem Schutz der Ge- nun in eine fünfte Phase übergeht, nämlich die der sellschaft. Es gibt jedoch keine Argumentation, die Plutokratie. In Verbindung mit einer schwachen nur für eine Art des Schutzes, aber nicht ebenso für Demokratie oder Physiokratie gedeiht sie beson- eine andere gilt. Es ist in höchstem Maße unlogisch ders gut und zielt darauf ab, diese beiden vollstän- zu sagen, die Selbstbereicherung durch physische dig zu überwinden. Ihren größten Rückhalt findet Gewalt sollte verboten, aber die durch mentale sie im weitverbreiteten Misstrauen gegen jede Re- Gewalt oder juristische Fiktion sollte erlaubt wer- gierung, und sie lässt nichts unversucht, um das den. Es ist absurd zu fordern, die durch Muskel- Feuer des Hasses anzufachen. Anstatt nach einem kraft begangene Ungerechtigkeit solle gesetzlich größeren und stärkeren Staat ruft sie nach einem reguliert, aber die durch den Intellekt begangene kleineren und schwächeren. Findig schreit sie nach solle unbelangt bleiben. individueller Freiheit, erinnert fortwährend an die Verbrechen des Staates in dessen autokratischer Auch wenn die moderne Plutokratie keine Staats- und aristokratischer Phase und tut fälschlicherwei- form im gleichen Sinne wie die bereits erwähnten se so, als drohe die unmittelbare Gefahr seiner ist, kann man dennoch leicht erkennen, dass ihre Rückkehr. Laissez-faire und der extremste Individu- Macht ebenso groß ist wie die, die irgendein ande- alismus, die in allem außer bei der Durchsetzung rer Staat je ausgeübt hat. Der Prüfstein einer jeden der eigenen bestehenden Rechte an praktische A- Staatsmacht ist üblicherweise die Art, in der er sei- narchie grenzen, werden laut befürwortet, und die ne Bürger besteuert, und die heftigsten Anklagen, Öffentlichkeit wird folglich blind für die Realität die je gegen die schlimmsten Formen der Tyrannei gemacht. […] erhoben wurden, sind jene, die die unterdrückeri- schen Methoden erpresserischer Abgaben aufzäh- Die großen Übel, unter denen die Gesellschaft heu- len. Aber die Abgabe des Zehnten wird als Unter- te leidet, haben sich unter der Vormachtstellung drückung betrachtet und die eines Viertels vom des Intellekts entwickelt. Sie haben sich heimlich Ertrag in irgendeiner beliebigen Industrie würde während des allmählichen Vordringens organisier- einen Aufstand rechtfertigen. Und doch gibt es ter Gerissenheit bis in den Bereich nackter Gewalt heute viele Güter, für die Menschen das Doppelte ausgedehnt. In diesem schwindenden Bereich be- und Dreifache der Kosten für Produktion, Trans- hält der Staat seine Macht, aber im wachsenden port und Vergütung mit fairen Löhnen und Profiten und inzwischen allumfassenden Feld psychischer bezahlen. In vielen Bereichen besteuern Monopole Einflussnahme ist er machtlos. Niemand hat je be- den Verbraucher mit 25 bis 75 Prozent des realen hauptet, beim körperlichen Kräftemessen solle die Gebrauchswertes eines Gegenstands. Stellen Sie Beute ausschließlich dem Stärksten zufallen. In all sich einmal eine Verbrauchssteuer in dieser Grö- diesen Fällen packt der Arm der Obrigkeit zu und ßenordnung vor! [...] Bei einem Monopol oder bei sorgt für Gerechtigkeit. Aber bei den vielfältigen aggressivem Wettbewerb wird der Preis von Waren und weit ungleicheren Kämpfen, die jetzt zwischen bis zum maximalen Grenzwert erhöht, der für ei- den Köpfen ausgetragen werden bzw. mehr zwi- nen Gegenstand in profitablen Mengen gezahlt schen dem Individuum und einem organisierten wird, und das völlig unabhängig von den Produk- System, dem Produkt ganzer Denkepochen, sagt tionskosten. Kein Staat der Welt hat oder hatte je- man üblicherweise, solche Dinge lasse man sich mals die Macht, eine solche Erpressung durchzu- besser selbst regulieren und das Recht des Stärke- setzen. Es ist eine regierende Macht im Interesse ren walten. Aber jedem, der das Thema aufrichtig einiger weniger Privilegierter, die jene des mäch- betrachtet, muss klar sein, dass die erste und wich- tigsten Monarchen oder Despoten übersteigt, der tigste Aufgabe des Staates offen und absichtlich jemals ein Zepter geschwungen hat. verhindert wird, und zwar durch gewaltsame Ein- griffe, dem natürlichen Ergebnis aller Anwendung 1
  • 2. Was also ist das Gegenmittel? Wie kann die Gesell- auch wenn es paradox klingt, die Demokratie, die schaft diesem letzten Machtkampf des egoistischen jetzt die schwächste aller Staatsformen ist – zumin- Intellekts entkommen? Die Herrschaft der Gewalt dest bezogen auf die Kontrolle ihrer eigenen inne- hat sie durch die Errichtung des Staates abge- ren Elemente –, ist in der Lage, zur stärksten zu schafft. Sie hat die Autokratie durch die Aristokra- werden. Tatsächlich könnte keine andere Staatgs- tie ersetzt und diese durch die Demokratie, und sie form direkt in eine Regierung durch die Gesell- befindet sich nun in den Wirren der Plutokratie. schaft übergehen. Die Demokratie ist eine Phase, Kann sie ihr entkommen? Muss die Gesellschaft, durch die alle Regierungsformen gehen müssen – um die Kraft zu erlangen, mit der Plutokratie zu auf unterschiedlichen Wegen, die zur letzten ge- brechen, zurück zur Autokratie? Kein Autokrat sellschaftlichen Stufe führen, die alle Staaten hatte jemals ein Zehntel dieser Kraft. Muss sie sich schließlich erreichen müssen, um fortzubestehen. dann zermalmen lassen? Sie muss es nicht. Es gibt genau eine Macht, die größer ist als jene, die heute Die Frage stellt sich, worin sich Demokratie und die Gesellschaft maßgeblich beherrscht. Diese Soziokratie voneinander unterscheiden? Was ist Macht ist die Gesellschaft selbst. Es gibt eine Regie- der Unterschied zwischen der Gesellschaft und rungsform, die stärker ist als Autokratie, Demokra- dem Volk? Wenn der Ausdruck „das Volk“ wirklich tie und selbst Plutokratie, und das ist die Soziokra- die einzelnen Menschen meinte, wäre der Unter- tie. schied kleiner. Aber dieses Klischee demokratischer Staaten, falls es denn überhaupt irgendetwas be- Das Individuum hat lange genug geherrscht. Für deutet, was sich beschreiben oder definieren lässt, die Gesellschaft ist der Tag gekommen, ihre Angel- steht schlicht für die Mehrheit der qualifizierten egenheiten in die eigenen Hände zu nehmen und Wähler, egal wie klein diese Mehrheit auch sein ihre eigenen Schicksale zu formen. Das Individuum mag. Es gibt eine Art und Weise, auf die Handlun- hat so gut gehandelt wie es nur konnte. Es hat auf gen einer Mehrheit als Handlungen der Gesell- die ihm einzig mögliche Weise gehandelt. Mit eige- schaft angesehen werden können. Zumindest lässt nem Bewusstsein, Willen und Intellekt ausgestattet sich das Recht der Mehrheit nicht leugnen, für die konnte es gar nichts anderes tun als der eigenen Gesellschaft zu handeln. Denn sonst würde man Bestimmung zu folgen. Es sollte weder verurteilt entweder der Regierung das Recht absprechen, ü- noch geschmäht werden. Man sollte ihm nicht berhaupt zu handeln, oder einer Minderheit das einmal einen Vorwurf machen. Nein, es sollte ge- Recht zugestehen, für die Gesellschaft zu handeln. lobt und sogar imitiert werden. Die Gesellschaft Aber eine Mehrheit, die für die Gesellschaft han- sollte eine große Lektion daraus ziehen und den- delt, ist etwas anderes als die Gesellschaft, die für selben Weg zum Erfolg einschlagen, den es so deut- sich selbst handelt, auch wenn sie, wie es immer lich vorgegeben hat. Sie sollte sich als Individuum der Fall sein muss, über eine von ihren Mitgliedern begreifen, mit allen Interessen eines Individuums. gewählte Vertretung handelt. Alle demokratischen Sie sollte sich dieser Interessen vollständig bewusst Regierungen basieren größtenteils auf der Regie- werden und sie mit demselben unbeugsamen Wil- rung einer vorherrschenden Partei. Die Wähler stel- len verfolgen, mit dem ein Individuuum seine Inte- len sich auf der einen oder anderen Seite einer Par- ressen verfolgt. Und nicht nur das; Sie muss sich teilinie auf, und die Siegerseite betrachtet sich ge- ebenso wie das Individuum vom sozialen Intellekt nauso als Staat wie es Ludwig XIV. tat. Die unterle- leiten lassen, ausgestattet mit all dem Wissen, wel- gene Partei betrachtet die Regierung dann in der ches Individuen, durch harte Arbeit, Eifer und Be- Regel als etwas Fremdes und Feindseliges, wie ei- gabung, in ihre Hände gelegt haben und welches nen Eindringling, und denkt an nichts anderes die soziale Intelligenz ausmacht. mehr als daran, genug Kraft zu schöpfen, um sie bei nächster Gelegenheit zu stürzen. Während ver- Die Soziokratie wird sich von allen anderen bishe- schiedene Fragen immer wieder vorgebracht und rigen Regierungsformen unterscheiden, und doch verteidigt oder angegriffen werden, ist es für den wird dieser Unterschied nicht so groß sein, dass Zuschauer offensichtlich, dass die Wettkämpfer eine Revolution nötig wäre. Ebenso wie die absolu- sich für sie gar nicht interessieren, und sie nur da- te Monarchie unmerklich in eine beschränkte Mon- für benutzen, einen Vorteil zu erlangen und eine archie und in vielen Staaten sogar ohne Namens- Wahl zu gewinnen. änderung in eine mehr oder weniger reine Demo- kratie überging, ist die Demokratie in der Lage, Aus Sicht der Gesellschaft sind das Kindereien. reibungslos in Soziokratie überzugehen, ohne de- Schon ein leichtes Erwachen des sozialen Bewusst- ren ungewohnten Namen anzunehmen oder jenen seins wird sie verbannen und durch etwas Ge- zu ändern, für den sie heute bekannt ist. Denn, schäftsmäßigeres ersetzen. Einmal von diesem kin- 2
  • 3. dischen Spielgeist befreit und die Aufmerksamkeit ist das günstigst mögliche System. Sie will Gewiss- auf die wahren Interessen der Gesellschaft gerich- heit darüber, ob ein nationales Telegraphensystem tet, wird man sehen, dass bei fast allen wichtigen dieses allgemein angestrebte Ziel gewährleisten Fragen sich alle Parteien und alle Bürger einig sind, würde. Es ist zu erwarten, dass die Vertreter der und dass es keine Notwendigkeit für diesen Parti- existierenden Telegraphenfirmen versuchen wür- sanenkampf mit den öffentlichen Energien gibt. den, zu zeigen, dass das nicht gelingen würde. [...] Dies zeigt sich eindeutig bei jeder Veränderung im Aber warum sollte man sich von den, wenn auch Parteikolorit der Regierung. Die siegreiche Partei, berechtigten, Interessen einer so kleinen Anzahl die die Regierung angeprangert hat, nur weil sie in von Personen beeinflussen lassen, wenn der ganze den Händen ihres politischen Gegners war, rühmt Rest der Menschheit an der entgegengesetzten Lö- sich damit, dass sie das Land im Interesse guten sung interessiert ist? Die Untersuchung sollte eine Regierens revolutionieren wird, aber in dem Mo- selbstlose und streng wissenschaftliche sein, und ment, in dem sie an die Macht kommt und die sollte die Frage auf die ein oder der andere Weise Bürde der nationalen Verantwortung spürt, stellt entscheiden. Würde man feststellen, dass es einen sie fest, dass sie wenig tun kann und setzt die Ge- echten Vorteil gäbe, dann sollte man das System setzte in der gleichen Weise durch, wie es ihre Vor- annehmen. Heute stellen sich dem amerikanischen gänger getan haben. Volk eine große Anzahl solcher rein gesellschaftli- cher, jeden Bürger in diesem Land betreffen Fragen, Es gibt einen großen Unterschied zwischen all die- und ihre Lösung hätte zweifellos tiefgreifenden ser Parteilichkeit und Verteidigung sogenannter Einfluss auf den Zustand der Zivilisation, der auf Prinzipien und der Beschäftigung mit den wirkli- diesem Kontinent erreicht werden kann. Doch chen Interessen und der notwendigen Belangen der nicht nur ist es unmöglich, diese Fragen zu lösen, Nation, wobei Letzteres die wahre Aufgabe einer es ist auch unmöglich, deren Untersuchung auf Regierung ist. Es ist eine gesellschaftliche Pflicht. Basis ihrer wirklichen Werte zu gewährleisten. Das Der für ihre Umsetzung nötige Druck ist die Kraft Gleiche gilt für andere Länder, und im Allgemei- des gesellschaftlichen Willens. Aber in der künstli- nen sind die vorherrschenden Demokratien der chen Aufregung der Partisanenkämpfe, in der pro- Welt außerstande, mit Fragen des gesellschaftlichen fessionelle Politiker und Demagogen einerseits und Wohls umzugehen. Agenten der Plutokratie andererseits sich in den Ohren des Volkes uneinig anschreien, gehen die [... D]ie Preise der meisten von der Menschheit wahren Interessen der Gesellschaft, zumindest vo- konsumierten Gebrauchswaren haben keine direkte rübergehend, aus den Augen verloren, werden ge- Beziehung zu den Kosten ihrer Herstellung und trübt und verdunkelt, und die Menschen verlieren ihrem Transport bis zum Verbraucher. Es ist immer ihr Verständnis für die wirklichen Probleme, ver- der höchste Preis, den der Verbraucher für eine Wa- gessen sogar ihre eigenen Interessen, die, obwohl re zu zahlen bereit ist, anstatt ohne sie auszukom- egoistisch, eine weit bessere Orientierung böten, men. Nehmen wir an, der Preis wäre durchschnitt- und das allgemeine Ergebnis ist in der Regel, dass lich doppelt so hoch wie die Kosten, die Waren zu diese vernachlässigt werden und Nationen auch produzieren, zu transportieren, zu handeln und weiterhin in den Händen bloßer Politiker verblei- auszuliefern, so dass in jeder dieser Transaktionen ben, die leicht durch die gerissenen Vertreter der eine gerechte Entlohnung für alle Leistungen ent- Vermögenden gelenkt werden. halten wäre. Gibt es irgendjemanden in der Gesell- schaft, der lieber zwei Dollar für etwas zahlen Die Soziokratie wird all das ändern. Irrelevante würde, was fairerweise nur einen Dollar wert wä- Probleme werden beiseite gelegt werden. Die wich- re? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür, tigen Ziele, auf die sich alle bis auf einige wenige eine solche Frage überhaupt zu diskutieren? Ganz Interessierte einigen, erhalten ihr richtiges Maß an gewiss nicht. Das Individuum kann an diesem Zu- Aufmerksamkeit und Maßnahmen werden in ei- stand nichts ändern. Keine Demokratie kann ihn nem überparteilichen Geist mit dem alleinigen ändern. Aber ein Staat, der wirklich die Interessen Zweck des Erreichens dieser Ziele in Betracht ge- der Gesellschaft verträte, würde das genauso we- zogen werden. Betrachten Sie zum Beispiel das nig tolerieren wie ein Individuum die ständige Er- Problem der Posttelegraphen. Niemand, der nicht pressung von Geld durch andere tolerieren würde, zufällig Aktionär einer existierenden Telegraphen- ohne einen Gegenwert zu erhalten. firma ist, würde lieber 25 Cents pro Nachricht be- zahlen, wenn er sie auch für zehn Cents versenden Und so wäre es überall. Die Gesellschaft würde könnte. Wer würde diese Art von Fragen über- rational und ohne Angst, Gefälligkeiten oder Vor- haupt diskutieren wollen? Was die Gesellschaft will eingenommenheit zu allem Fragen stellen, was ihr 3
  • 4. Wohlbefinden beträfe. Und wenn sich Hindernisse schen Politik sein wird. Obwohl dies noch kein fänden, würden diese entfernt, und wenn sich Ge- Vorbote einer großen sozialen Revolution sein legenheiten ergäben, würden diese wahrgenom- muss, ist es gerade diese Art und Weise, in der eine men. Kurz gesagt, die Gesellschaft täte unter den- Reform in die angegebene Richtung erwartet wer- selben Bedingungen genau das, was auch ein intel- den sollte. Aber ob die aktuelle Bewegung nun ligentes Individuum täte. Sie würde auf jede mög- dauerhaft sein wird oder nicht, die Samen der Re- liche Weise ihre Interessen verfolgen. form wurden im ganzen Land gesät, und früher oder später müssen sie sprießen, wachsen und ihre Ich kann den Einwand voraussehen, dass dies ein Früchte tragen. Idealzustand sei, und dass er noch von keinem Volk erreicht wurde und allem Anschein nach auch Für eine lange Zeit wird soziales Handeln in erster nie erreicht werden kann. Jedoch wird kein unvor- Linie weiterhin negativ sein und darin bestehen, eingenommener Kritiker den üblichen, nicht ganz bestehende Übel zu beseitigen, wie sie auf diesen unberechtigten, Einwand erheben können, der al- Seiten dargelegt wurden, aber letztlich wird eine lein sozialistischen Systemen gegenüber erhoben positive Phase erreicht werden, in der die Gesell- wird, nämlich den, sie setzten eine Veränderung schaft Maßnahmen zur eigenen Weiterentwicklung der „menschlichen Natur“ voraus. Denn bei der berücksichtigen und einführen wird. Auf die Frage hier angedeuteten Transformation wird die Dauer- der jeweiligen Bereiche des sozialen und individu- haftigkeit aller geistigen Attribute postuliert, und ellen Handelns kann hier nicht ausführlich einge- ich habe nicht nur darauf verzichtet, auf den mora- gangen werden, aber sicher ist, dass Ersteres sich lischen Fortschritt der Welt einzugehen, sondern weiterhin auf Letzteres ausdehnen wird, solange habe nicht einmal die Kraft der Sympathie unter solche Übergriffe zum öffentlichen Nutzen sind. Es den gesellschaftlichen Kräften als Zivilisationsfak- gibt einen großen Bereich, in dem dieser Punkt un- tor erwähnt. Ich erkenne diesen als einen abgeleite- strittig ist, nämlich das Feld, das im modernen ten Faktor an, der eine wichtige Rolle spielt, aber wirtschaftlichen Sprachgebrauch als „natürliches ich habe es vorgezogen, in diesem Fall bei den pri- Monopol“ bezeichnet wird. Die Argumente sind zu mären und ursprünglichen egoistischen Einflüssen bekannt, als dass man sie hier wiederholen müsste, zu bleiben, da ich glaube, dass weder Meliorismus und die Bewegung ist bereits so weit fortgeschrit- noch Soziokratie auf bestimmte Gefühle oder auf ten, dass sie kaum weiterer Argumente bedarf. Bei altruistische Hilfen für ihre Unterstützung ange- dem, was aber darüber hinaus geht, gibt es Raum wiesen sind. Zumindest werden die Beweise ohne für viele Diskussionen und ehrliche Meinungsun- solche Zuhilfenahmen stärker sein, und wenn sie terschiede. Das liegt an der mangelnden Beschäfti- einen nachweislichen, legitimen Einfluss haben, so gung mit dem Thema. Das besondere Merkmal der erhöhen sie nur deren Gewicht. Staatsform, die ich Soziokratie genannt habe, liegt darin, dass sie direkt auf der Wissenschaft der So- Was den anderen Vorwurf angeht, so lautet die ziologie basiert, um die Fakten zu untersuchen, die Antwort, dass Ideale notwendig sind, und dass Einfluss auf jeden Einzelnen haben. Nicht um ir- kein Ideal jemals vollständig verwirklicht wird. gendeiner Klasse von Bürgern die Möglichkeit zu Wenn man zeigen kann, dass die Gesellschaft sich nehmen, zu ihrem Wohlergehen zu wirken, son- in Richtung irgendeines Ideals bewegt, ist die letzt- dern einzig und allein dazu, zu ermitteln, was dem lich echte Verwirklichung dieses Ideals so gut wie Wohl der ganzen Gesellschaft dient. bewiesen. Beweise einer solchen Bewegung in der heutigen Gesellschaft sind reichlich vorhanden. In Die sozialistischen Argumente zugunsten einer vielen Ländern wurden die Übergriffe des egoisti- Gesellschaft, die die gesamte industrielle Tätigkeit schen Individualismus bei einer Reihe wichtiger der Welt auf sich nimmt, schienen mir noch nie Punkte gebändigt. In diesem Land wurde die Sorge schlüssig, vor allem, weil sie weitestgehend aus sehr ernst genommen, die der Marsch der Plutokra- reiner Theorie und a priori-Schlussfolgerungen be- tie unter dem Schutzmantel der Demokratie aus- standen haben. Jeder, der bei der Beschäftigung mit löst. Parteilinien weichen auf und es gibt unver- einem bestimmten Wissenschaftszweig vom Wesen kennbare Anzeichen dafür, dass ein großer Teil der wissenschaftlicher Beweise durchdrungen wurde, Menschen sich ernsthaft für den sozialen Fort- verlangt die Vorlage solcher Beweise, bevor er schritt im Land interessiert. Zum ersten Mal in der Schlussfolgerungen in einem anderen Feld ziehen Geschichte politischer Parteien hat sich eine deut- kann. Und das sollte die Haltung aller bzgl. dieser lich tatkräftige Partei gebildet, die alle Elemente breiteren Fragen zu sozialen Phänomenen sein. Der von Dauerhaftigkeit besitzt und vielleicht schon wahre Ökonom kann kaum weiter gehen als zu bald ein bestimmender Faktor in der amerikani- sagen, eine bestimmte Frage stünde noch offen, 4
  • 5. und er sei bereit, logische Tatsachen zu akzeptieren, einseitigen Schriften von Herbert Spencer zum im sobald sie vorgebracht würden. Damit meine ich Wesentlichen gleichen Thema, und doch sind sich nicht, wir sollten nicht ins Wasser gehen, bevor wir beide Autoren offensichtlich in den besprochenen zu schwimmen gelernt hätten. Jedoch legt das die wesentlichen Punkten einig. Diese ehrliche Kenn- wahre Methode der Lösung solcher Fragen nahe. tlichmachung der wahren Absichten der Laissez-fai- Schwimmen lernt man durch eine Reihe von Ver- re-Schule ist völlig legitim, ebenso wie die ehrli- suchen, und auch eine Gesellschaft kann es sich chen Darlegungen der gegensätzlichen Seite der leisten, in bestimmte Richtungen Experimente Frage. Je mehr Licht auf alle Seiten geworfen wer- durchzuführen und die Ergebnisse zur Kenntnis zu den kann, desto besser, jedoch um soziale Probleme nehmen. Es gibt jedoch auch andere Verfahren, wie wirklich aufklären zu können, muss es das trocke- sorgfältige Kostenabschätzungen und genaue Be- ne Licht der Wissenschaft sein, so wenig beeinflusst rechnungen der Auswirkungen auf Basis der ein- durch das Gefühl, als wären es die Bewohner der heitlichen Gesetze gesellschaftlicher Phänomene. Jupitermonde und nicht die dieses Planeten, die im Das Experiment ist die ultimative Übertrüfung ei- Blick des intellektuellen Teleskops liegen. ner bisherigen wissenschaftlichen Theorie und kann, in der Sozial- wie in der Naturwissenschaft, Hypothesen entweder etablieren oder zu Fall brin- gen. Aber in den Sozialwissenschaften, nicht weni- ger als in anderen Zweigen der Wissenschaft, muss Leicht gekürzter Text aus: Lester Frank Ward, "The die Arbeitshypothese stets das wichtigste Instru- Psychic Factors of Civilization", Kap. 38, S. 313-330, ment erfolgreicher Forschung sein. (PDF: http://www.webcitation.org/5nnPfDdEo), Boston, U.S.A., Ginn & Company Publishers, 1893. Bis das wissenschaftliche Stadium erreicht ist und als notwendige Einleitung dazu, sollten gesell- Gedruckt in: John Buck und Sharon Villines, „We the schaftliche Probleme klar formuliert werden, und People: Consenting to a Deeper Democracy“ alle sie betreffenden Überlegungen nach ihrem di- (http://www.amazon.com/dp/0979282705), Anh. A, rekten Einfluss auf sie vorgetragen werden. Ich Washington, DC, U.S.A., Sociocracy.Info Press, 2007 kenne keine Versuche dieser Art, die ich wärmer (http://www.sociocracy.info). empfehlen könnte, als die, die John Stuart Mill in Übersetzt von Dinu C. Gherman, unter Mitwirkung seinem kleinen Werk On Liberty und in seinen von Tye M. Thomas, Oktober 2011, veröffentlicht unter posthum erschienenen Chapters on Socialism ge- der Creative Commons-Lizenz CC-BY-SA, siehe Details macht hat. Wegen ihrer umfassenden Kenntnis unter: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/ stehen sie in deutlichem Gegensatz zu den sehr 5