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19Der Holznagel 2 / 2013Gesamtmenge an der deutschen Ostseeküste gigan-tisch ist.Was passiert damit? Seegras gilt als prob...
20 Der Holznagel 2 / 2013Ein weiterer Pluspunkt ist der natürliche Silikatgehaltder Pflanze, also Kieselsäure, die in den ...
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Ig bauernhaus

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  1. 1. 18 Der Holznagel 2/ 2013DämmstoffeSeegras – der idealeDämmstoff für alte Häuservon Swantje Streich und Jörn HartjeEine alte Kulturgeschichte wiederentdecktWas ist Seegras?Bei dem Wort Seegras denken manche vielleichtspontan an das Gras, das auf Dünen wächst – derStrandhafer. Gemeint ist jedoch ein Gras, das in gro-ßen Wiesen unter Wasser wächst, und zwar in einerTiefe von bis zu 10 Metern. Die Familie der Seegrasge-wächse ist auf der ganzen Welt verbreitet.Im Herbst stirbt es ab, das bewegte Wasser reißt dieHalme ab, und sie treiben in großen Mengen an denStrand. Vor allem an der Ostseeküste gehört Seegraszum Strandbild, genau wie die Bagger, die in denfrühen Morgenstunden sich bemühen, es möglichstgründlich zu beseitigen, bevor die Touristen denStrand erobern. Denn wenn es in großen Haufen mitAlgen vermischt liegen bleibt, fängt es nach einigerZeit an, einen intensiven Küstengeruch zu verströ-men, den nicht alle Menschen angenehm finden.Und Badende waten natürlich auch nicht gerne durchTangschwaden.Wenn allein die Gemeinde Scharbeutz (nördlich vonLübeck) zum Beispiel im Jahr 8.000 Tonnen Seegrasbeseitigen muss, kann man sich vorstellen, dass die1 Historische Seegrasernte (Privatarchiv)2 Frisch angespültes Seegras ist noch grün(Foto: Streich/Hartje)3 Seegras wird in riesigen Mengen angespült(Foto: Streich/Hartje)2 31
  2. 2. 19Der Holznagel 2 / 2013Gesamtmenge an der deutschen Ostseeküste gigan-tisch ist.Was passiert damit? Seegras gilt als problematisch:es ist schwer verrottbar, nicht brennbar und mussentsorgt werden. Das geschieht zum Teil durch Ver-streuen auf Äcker und durch Vergären in Biogasan-lagen. Aber ein gern gesehenes Material ist es heutesicherlich nirgendwo – bis auf die Nutzung in einigenkleinen Nischen, die bisher zu Unrecht ein Schat-tendasein fristen.SeegrasnutzungAb und zu findet man es auf die Baustellen ökolo-gisch orientierter Bauherren, die dem Charme diesesoptisch etwas wie Tabak oder Schwarztee anmuten-den Naturrohstoffs erlegen sind und „in purer Mee-resromantik schwelgen!“ Anstatt es angewidert wegzu baggern und zu vernichten kann man es nämlichauch trocknen und zu Dämmzwecken in Hohlräumeeinbringen – und es liebevoll Seeheu nennen. Dennpures Seegras getrocknet hat tatsächlich einen de-zenten, angenehmen Duft! Eben ein bisschen Mee-resaroma. Und wer mag das nicht?!Getrocknetes Seegras kann mit vielen positivenEigenschaften aufwarten: Da es aus dem Wasserstammt, kann es mit Wasser gut umgehen. Dasheißt, wenn es nass wird, sieht es fast wieder leben-dig aus. Wasser schadet ihm nicht, es sei denn, es istdauerhaft Feuchtigkeit ohne Verdunstungs-Möglich-keit ausgesetzt. Irgendwann fängt auch Seegras anzu schimmeln, aber dafür braucht es schon wirklichharte Bedingungen. Also: Wird als Dämmung einge-bautes Seegras feucht, und hat es die Möglichkeit,die Feuchtigkeit durch eine diffusionsoffene Schichtmit Hinterlüftung wieder abzugeben, gibt es über-haupt kein Problem.4 Laesoe-Haus mit Seegraseindeckung(Foto: Streich/Hartje)4
  3. 3. 20 Der Holznagel 2 / 2013Ein weiterer Pluspunkt ist der natürliche Silikatgehaltder Pflanze, also Kieselsäure, die in den Pflanzenzel-len eingelagert ist (Hauptbestandteil von Sand undGlas). Andere Dämmstoffe, wie zum Beispiel die ausZellulose, werden mit Borsalz behandelt: gegen Feu-er, Schimmel und Schädlinge. Das braucht Seegrasnicht, das hat es schon. Wenn Sie versuchen, Seegraszum Brennen zu bringen, werden Sie ein kurzes Auf-glimmen und schnelles Erlöschen erleben. Das liegtam Silikat.Was getrocknetes Seegras besonders attraktiv fürAltbausanierer macht: Es passt sich allen Formen,Ecken und Nischen an, es lässt sich überall lückenlos(selber!) mit der Hand einbringen, es muss sich keinerNorm anpassen.TraditionSeegras hat natürlich Ge-schichte. Solch ein tollesMaterial haben unsereVorfahren nicht ignoriert.In Deutschland ist die Ge-schichte der Seegras-Mat-ratzen-Produktion erst vorca. 50 Jahren zu Ende gegan-gen, als die Welt von Erdöl-produkten überschwemmtwurde. Allein in Dänemarkerreichte die Seegrasproduk-tion zu Hochzeiten 1913 eineJahresproduktion von 8 Mio.Tonnen – dreimal mehr alsdie gesamte Heuernte des-selben Jahres.Manchmal findet man in al-ten Polstermöbeln und Mat-ratzen noch Seegraspolster,nach Jahrhunderten noch ineiner Qualität, fast wie neugeerntet.Die nördlichste dänische Ostseeinsel Laesoe ist fürdie urigen, zwischen 200 und 300 Jahre alten See-grasdächer bekannt. Sie sind dicker und schwerer alsReetdächer – und langlebiger. Sie sehen aus wie Torfund sind bewachsen von bunten Wiesenblumen.Wenn man ein wenig recherchiert, kann man heraus-finden, dass es ähnliche Dächer in anderen Länderngab/gibt und schon lange vor den Wikingern Seegrasals Dacheindeckung verwendet wurde.Ab Anfang 1900 wurden dann in den USA und Euro-pa, (z. B. auch in Wismar) Dämmmatten hergestelltaus doppellagigem Packpapier mit eingestepptemSeegras. Diese Seegrasmatten sind dem einen oderanderen Althaussanierer vielleicht schon beim Reno-vieren begegnet.5 Anzeige: Historische Wer-bung für Seegras-Dämm-matten aus den USA(Privatarchiv)
  4. 4. 21Der Holznagel 2 / 2013Eine nette Anekdote ist auch, dass der berühmteSüdpolforscher Scott sein Basislager mit solchenSeegrasmatten, die er aus dem Norden mitbrachte,dämmte.Moderne Ernte- undVerarbeitungstechnikWenn man Seegras als kostbares Geschenk des Mee-res nimmt und nicht als unerwünschtes Abfallpro-dukt, dann hütet man sich beim Einsammeln davor,dass es mit Sand und Müll oder älteren Seegrashau-fen vermischt wird. Dann nimmt man nur das besteMaterial mit, breitet es auf Wiesen auf, wo es zumTrocknen gewendet wird und dann wie Heu zu Ballengepresst wird. Dies erfordert keine besonderen Gerä-te, nur die normalen landwirtschaftlichen, die sowie-so jeder Bauer hat.Dänische Bauern pflegen diese, mehrere Generati-onen alte Tradition und gewinnen so ein wirklichhochwertiges Material. Hier kommt die Ware her, dieder Baltische Seegrashandel zur Zeit vertreibt. Wenndie Nachfrage steigt, ist die Wunschvision der Händ-ler am Horizont, dass deutsche Bauern sich davoninspirieren lassen, ein wenig Experimentierfreudezeigen und es auch damit versuchen.6 Seegrasballen im Versandlager (Foto: Streich/Hartje)7 Dachdämmung im Altbau (Foto: Streich/Hartje)67

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