Zurück auf Anfang?
Über Vinyl, sein Comeback und die nicht mehr ganz so neue Retroidee
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Essay "Zurück auf Anfang?"

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Über Vinyl, sein Comeback und die nicht mehr ganz so neue Retroidee

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Essay "Zurück auf Anfang?"

  1. 1. Zurück auf Anfang? Über Vinyl, sein Comeback und die nicht mehr ganz so neue Retroidee Für viele Menschen ist die Welt nach wie vor eine Scheibe. Flach, noch nicht einmal besonders groß. Und mit einem Loch in der Mitte. Ehrfürchtig legen sie das schwarze Kleinod auf den Plattenteller. Ganz sachte, damit es nicht zerkratzt – so beginnt die Zeremonie. Ein kurzer Puster über die Oberfläche wirbelt die letzten Staubkrumen hinfort. Auf Knopfdruck bewegt sich der Arm des Plattenspielers langsam auf die Scheibe zu. Zunächst horizontal geht die Bewegung in einem fließenden Übergang kurz vor dem Ziel in eine vertikale Landung über. Die Nadel setzt auf der Rille auf. Einige Sekunden knistert ein leises Rauschen durch die Lautsprecher. Bis die ersten Takte erklingen. Ziemlich viel Aufwand. Ein Handgriff und jeder CD- oder MP3-Player würde das gewünschte Stück sofort in lupenreinem Klang abspielen. War nicht die Markteinführung der Compact Disc 1982 das Ende vom Lied für die Schallplatte? Schnell hatten sich die funkelnden Datenträger zum Liebling der Musikindustrie gemausert. 1990 gingen bereits doppelt so viele CDs wie LPs über die Ladentheke. Der Tod der Schallplatte wurde proklamiert. Doch der Patient atmete noch. Zwar schwach, denn in den 90ern war der Anteil der Plattenverkäufe auf dem Tonträgermarkt auf unter ein Promille gesunken. Aber er atmete. Eine kleine Schar unbeugsamer Musikfans hörte nicht auf, den Eindringlingen aus Polykarbonat Widerstand zu leisten. Lobgesänge auf die akustische Überlegenheit der CDs stießen bei ihnen auf taube Ohren. Anscheinend sollten sie Recht behalten. Todgesagte leben bekanntlich länger. Seit 2003 ist der Verkauf von Plattenspielern um ein Drittel gestiegen. Wurden 2006 in Deutschland etwa 600000 LPs erstanden, waren es 2008 bereits 900000. Vinyl feiert ein Comeback. Erklärungsversuche: Seit der Erfindung der Schallplatte ist Musik greifbar. Augenblickhaftes, für die Ewigkeit auf Vinyl gebannt. Eine ähnliche Lebensdauer hatte man sich in den 80ern auch von CDs erhofft. Entsetzt spitzte die Musikwelt die Ohren, als die Kunde von der begrenzten Haltbarkeit der
  2. 2. „Zurück auf Anfang?“ Essay, 2009 Fiona Pröll 2 Plastikscheiben umherging. Durch chemische Prozesse wird deren Aluminiumoberfläche im Lauf der Zeit durchsichtig. Spätestens nach 80 Jahren ist es aus mit dem kompakten Musikgenuss. Vorausgesetzt es gibt dann noch CD-Player, um den Verlust festzustellen. LPs hingegen haben sich seit Jahrzehnten als fester Bestandteil der Popkultur behauptet. Ob als Arbeitsmaterial für Schallplattenalleinunterhalter. Als Kunstobjekte, dank aufwendig illustrierter Plattenhüllen. Oder als Fundgrube für Musikfreaks. Spätestens seit dem Beatles- Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wird nach Hidden Tracks gefahndet. Die Stücke sind nicht im Inhaltsverzeichnis angegeben. Und lassen sich nur finden, wenn die Nadel nach dem Ende des Albums auf der Auslaufrille kreist. Von kompletten Liedern, über Improvisationsnummern bis zu Grußbotschaften reichen die Zugaben. Wem das zu banal ist, spielt seine Platten rückwärts ab. Nicht immer kracht dann eine Kakophonie durch die Lautsprecher. Manchmal spricht auch der Fürst der Finsternis. Womit nicht unbedingt Ozzy Osborne gemeint ist. Schon öfter glaubten Rückwärtshörer satanische Botschaften zu vernehmen. So soll „Hotel California“ von The Eagles Mephisto anpreisen. Politiker und Jugendschützer in den USA fürchteten, die Platten könnten in richtiger Laufrichtung die Zuhörer unbewusst in willenlose Teufelsanbeter verwandeln. In Kalifornien, das seit dem The Eagles-Lied im Verdacht stand, mit seinem Hotel das Tor zur Hölle zu markieren, überlegte man, solche LPs zu verbieten. 1988 behauptete der Serienkiller Richard Ramirez, Rückwärtsbotschaften auf dem Album „Highway to Hell“ hätten ihn zu 14 Morden angestiftet. AC/DC waren über die Vorwürfe bestürzt. Laut Angus Young hätte sich Ramirez die LP gar nicht rückwärts anhören müssen. Der Albumtitel sei eindeutig genug. Vielleicht lässt sich der erneute Vinyltrend mit Nostalgie erklären. Im Unterhaltungsbereich überholen sich technische Neuerungen in immer kürzer werdenden Abständen. CDs haben die Kassetten verdrängt, nun bekommen sie durch MP3s ernste Konkurrenz. Nur schwer lassen
  3. 3. „Zurück auf Anfang?“ Essay, 2009 Fiona Pröll 3 sich künftige Entwicklungen auf dem Tonträgermarkt prophezeien. Wie einfach dagegen die Ära, als man nur zwischen den Alternativen Plattenspieler und kein Plattenspieler wählen musste. Die gute, alte Zeit. Überhaupt scheint es, als hätte die aktuelle Retrowelle die Flut an neuen LPs angeschwemmt. Retro ist momentan vieles. Die Lieder von Amy Winehouse, Lesetouren der Drei ??? oder Leggings. Retro ist hip. Aber irgendwie ist Retro auch voll retro. Die westliche Kultur hat sich schon immer Anleihen aus der Geschichte bedient. In der römischen Antike war es en Vogue, Stilelemente der griechischen Hochkultur zu übernehmen. Später versuchte Karl der Große mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das römische Original nachzuahmen. Auch in der Renaissance und dem Barock galt die römische Antike als das Maß der Dinge. Nicht so während des Klassizismus. Da war es wieder die Hellenistische. Romantik und Neugotik bejubelten das Mittelalter. Erst in der Moderne wollte man sich von früheren Trends lösen. Die Avantgardisten um 1900 manifestierten den Startschuss. Bis die 68er die ständigen Konsumneuerungen unknorke fanden und mit Secondhandläden und Trödelmärkten an Vergangenes anknüpften. In der heutigen Massengesellschaft gibt es so viele Stilrichtungen wie selten zuvor. Oldschool und Newschool. Vinyl und MP3s. Dem Medienexperten Marshall McLuhan zufolge sind das zu viele Möglichkeiten und Informationen. Laut seiner Theorie setzen sich allmählich Mythen als Normenquellen durch. Mythen vereinfachen das Weltbild. Wie viel sie mit der Realität zu
  4. 4. „Zurück auf Anfang?“ Essay, 2009 Fiona Pröll 4 tun haben, bleibt zweitrangig. Solange sie helfen durchs Leben zu kommen. Auch Vinyl hat sich zu einem wahren Mythos entwickelt. Am 12. August feiern seine Anhänger den „Tag der Schallplatte“. Wenn Sie möchten, können Sie dann am Nierentisch zu Häppchen vom Käseigel mit einem Kullerpfirsich darauf anstoßen. Fiona Pröll

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