Garcia 1916

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Garcia 1916

  1. 1. »Ihr wisst doch gar nicht, wer ich bin« Wenn es ganz schlimm wurde mit der Sucht nach Essen, wog Hector      Seinen Körper empfand er wie ein Gefängnis, aus dem es kein Entrin nen gibt. Er war ein liebenswerter Mann mit einem großen Herzen, sagen seine Verwandten. Die Fotografin Lisa Krantz hat Garcia vier       FOTOGRAFIE Von Alexandra Kraft      Garcia jr. 288 Kilogramm. An besseren Tagen hundert Kilo weniger. Seinen Körper empfand er wie ein Gefängnis, aus dem es kein Entrin nen gibt. Er war ein liebenswerter Mann mit einem großen Herzen,       Jahre lang bei seinem verzweifelten Kampf um sein Leben begleitet Hector Garcia verließ nur selten sein Zimmer. Seine Verwandten besuchten ihn jedoch regelmäßig, wie hier an seinem 45. Geburtstag im November 2010 4.5.2016 93
  2. 2. »Als Kind nannten mich die anderen ›Hamburger‹. Sie wollten einfach nicht mit mir zusammen sein. Wenn ich zu ihnen ging, schubsten sie mich weg. Ich hatte schon früh das Gefühl, nichts wert zu sein. Das ist ein Gefühl, das sich für immer in mir festgesetzt hat. Wenn ich ein Bild von mir malen sollte, dann wäre das ein Kind, das hinter einem Fenster sitzt und das ganze Leben an sich vorbeiziehen sieht. Niemand, niemand will das dicke Kind. Fettsucht raubt dir die Würde, nimmt dir alles, was du hast. Du kannst dich nicht verstecken, dein Körper ist ja immer da. Die anderen Menschen treffen ihre Urteile über mich, nur weil ich fett bin. Dabei haben sie nicht die leiseste Ahnung, wer ich eigentlich bin. Dass ich fett bin, macht mich doch noch nicht zu einem schlechten Menschen. Die Leute nehmen sich selten die Zeit, mich besser kennenzu- lernen. Selbst ich verstehe das. Ich weiß, wie die Welt ist.« Jeder Schritt war für den Mann eine Tortur. Schon der kurze Weg ins Bade- zimmer brachte Hector Garcia an den Rand des Zusammenbruchs 4.5.2016 95
  3. 3. Bei einer Augen­ untersuchung 2011 in San Antonio scherzte er mit einer Optikerin; zu Hause mit seinen Nichten (r.) Für die Knie­ operation im Juli 2012 hatte Garcia 150 Kilo ab­ genommen und fühlte sich gut wie lange nicht. Doch bei der OP kam es zu Komplikationen. Während der Physiothe­rapie kurz nach dem Eingriff hatte er Schmerzen (v. l.) »Essen hat mich nie zurückge- wiesen, hat nie etwas Schlechtes zu mir gesagt. Essen hat mir ­immer Trost gegeben, Essen war mein Freund – und das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich habe nie gelernt, anders glücklich zu sein als beim Essen. Ich habe mich selbst zerstört dabei, und es hat viel zu lange gedauert, bis ich das merkte. Essen kann man nicht einfach kalt entziehen wie andere Drogen. Man muss ja etwas essen, du kannst ja nicht einfach damit aufhören, das macht es so verdammt hart. Ich wünsche das niemandem. An einen Stuhl gefesselt zu sein und nicht am Leben teilnehmen zu können. Ich werde niemals heiraten, ich werde niemals Kinder haben. Dabei denke ich, dass ich ein guter Vater wäre. Gott hat mir ein großes Herz gegeben.« 4.5.2016 97
  4. 4. »Als ich den Kampf aufnahm und versuchte, mit Sport abzunehmen, habe ich ein Bild von mir an die Wand des Studios gehängt. Darauf habe ich geschrieben: ›Niemals wieder! Wenn du erschöpft bist und nicht mehr kannst, erinnere dich immer daran, wo du herkommst und wer du sein möchtest. Du musst leben. Deine Familie zählt auf dich, Gott zählt auf dich! Wenn du jetzt aufgibst, wirst du sterben. Es gibt keinen Weg zurück.‹ Doch nach meinen vier Knieoperationen habe ich den Weg nicht mehr zurück- gefunden. Ich konnte nicht mehr ins Wasser, ich konnte nicht mehr auf das Laufband, gar nichts. Ich hatte das Gefühl, dass mich mein Körper immer im Stich lassen würde. Es hat mich sehr entmutigt, weil ich wirklich dachte, ich finde da heraus. Aber es war immer wieder das Gleiche. Nach einem Jahr hatte ich mein ganzes Gewicht wieder drauf.« Aus dem Wasser- becken kam er nur, indem er sich herausrollte. Demütigend. Doch Garcia wollte unbedingt abnehmen, damit der Arzt ihm neue Kniegelenke einsetzt 4.5.2016 99
  5. 5. »Es ist hart, für mein Leben zu kämpfen, wenn ich fühle, dass mein Leben kein Leben ist. Es ist Existenz. Existenz ist mir nicht genug. Ich bin 48 Jahre alt, und ich habe nie richtig gelebt. So empfinde ich das. Ich werde mich damit abfinden müssen. Ich möchte nicht, dass mich die Leute bedauern. Ich möchte nur, dass die Leute sich einfühlen können in Menschen, die so sind wie ich.« Zum Schluss wusch Elena Garcia ihren Sohn. Nur selten fuhren die beiden mit den elektrischen Rollstühlen in den Supermarkt. Als er in kein Auto mehr passte, kamen die Ärzte zu ihm nach Haus (l. u.) 4.5.2016 101
  6. 6. Ein Onlinevideo über Hector Garcia finden Sie unter www.lisakrantz.com FOTOS:LISAKRANTZ/ZUMAPRESS Am Ende wurde das Kinderzim- merzuseinemGefängnis.ZehnJah- re zuvor hatte Hector Garcia sich dort vor der Welt verkrochen. Da- malswarer39Jahrealtundwogfast 300 Kilo. Allein leben konnte er nicht mehr.Das Gewicht lastete so schweraufseinenKnochen,dasssie drohten, bei jedem Schritt zu bre- chen.Wieessoweitkommenkonn- te? Hector Garcia sagte: „Ich habe niegelernt,andersglücklichzusein, als wenn ich esse.“ Über das Leben des Texaners haben viele geurteilt. „Schon als kleinen Jungen nannten mich alle nurHamburger“,sagteer.Erwusste, dass Leute über ihn lachten und Grimassen schnitten. Bei einem Job-Interview nahm der Chef, als erihnsah,dieBewerbung,zerknüll- te sie und schmiss sie in den Müll- eimer.„SolcheErlebnissehabenihn gebrochen“,sagt die Fotografin Lisa Krantz, die Garcia vier Jahre lang begleitete. „Er wollte, dass ich sein Leben dokumentiere, er sagte: Ich bin hoffentlich das abschreckende Beispiel.“Seine Knie waren kaputt, dieLastdes KörpershattedieBeine in ein unnatürliches O gezwungen. SeinRisikofürDiabetes,Krebsoder Herz-Kreislauf-Erkrankungen war groß. Menschen wie Hector Garcia werden selten alt. Seine Seele litt mindestens so wie seinKörper.„Übergewichtnimmtdir jede Würde“,sagte er zu Lisa Krantz. „Für viele bin ich nur der faule Sack, der keine Selbstdisziplin hat.“ DieWahrheitwarvielkomplizier- ter.Je mehr er zunahm,umso tiefer versank er in der Depression. Und er kannte nur ein Mittel dagegen. „Essenhatmichnieschlechtbehan- delt, es war nie gemein zu mir. Ich bin süchtig.“ Alle seine fünf Geschwister sind zu schwer, Mutter und Vater auch. Wahrscheinlich haben sie eine genetische Veranlagung für Adipo- sitas.Aber erst Armut und schlech- te Bildung machten daraus ein Schicksal.Garcia,dersogernPfarrer geworden wäre, sagte über seine Mutter Elena: „Sie wusste nicht, was sie tat,sie gab uns,was sie hat- te.“ Nur das Billigste kam auf den Tisch – Bohnen,Reis,Nudeln,alles in Schweineschmalz gekocht. Garcia ließ sich einen Magen- bypasslegen,dawarerMitte30.Die OperationbezahltedieKrankenver- sicherung.AbernichtdieBetreuung durch Psychologen,die sein krank- haftes Essverhalten hätte ändern können. Trotzdem nahm er knapp 200 Kilo ab. Als seine Schwester Tessa wenig später an Krebs starb, stopfte er sich wieder voll.Er verlor seine Arbeit, seine Versicherung und – als er in sein Kinderzimmer zog – auch seine Unabhängigkeit. Seine Mutter wurde zur Pflegerin. Anfang 2011 fasste er neuen Mut. „ScheiternistkeineOption“,sagteer damals. Ein Arzt wollte ihm künst- liche Kniegelenke einsetzen, wenn er abnehme. Der 270-Kilo-Koloss begann, Sport zu treiben. Erst mit einem Handfahrrad im Sessel sit- zend, später stapfte er durch das WasserdesörtlichenSchwimmbads. Er ließ sich selbst dann nicht ent- mutigen,als er kaum mehr aus dem Becken kam und vor den anderen BadegästenüberdenBodenkriechen musste. Lisa Krantz, die dabei war, sagt: „Es war einer der entwürdi- gendsten Momente seines Lebens, aber er wollte so fotografiert wer- den.“Wieder nahm er rund 150 Kilo ab. Wer Garcia damals sah, sagt, er sei glücklich gewesen.Wann immer möglich, besuchten ihn seine Ver- wandten. Dann lachte er viel und redete von einer Zukunft mit Frau und Kindern. Mitte2012kamderersehnteEin- griff.AberstattErlösungzubringen, führteerzuKomplikationen.Zwei- mal musste nachoperiert werden. TrotzmonatelangerRehakonnteer vielschlechterlaufenalszuvor.Mit 20er-Packungen Chicken McNug- gets versuchte er,seine Depression zu betäuben.Innerhalb von 24 Mo- natenhatteerfastwieder seinaltes Gewichterreicht.Erbekamschlecht Luft,zu einem Arzt wollte er nicht. Stattdessen resignierte er: „Es ist hart, um mein Leben zu kämpfen, denn ich weiß, dass es keins ist. Sondern nur eine Existenz. Das ist mir nicht genug.“ Es waren etwa 40 Schritte, die Hector Garcia umbrachten: der WegvonseinemKinderzimmerzur Haustür,an der es geklingelt hatte. Vor den Füßen seiner Mutter brach der 49-Jährige im Dezember 2014 zusammen.SeineletztenWortewa- ren: „Ich bekomme keine Luft.“ 2 A Durch eine Freun- din lernte die Fotografin Lisa Krantz Garcia kennen und doku- mentierte vier Jahre lang seinen Kampf Wenige Stunden nach dem Tod von Hector Garcia legte sich Familienhund Crumb in das leere Bett 102 4.5.2016 Alexandra Kraft reist viel in den USA. Manchmal werden in kleineren Flugzeugen die Passagiere umgesetzt, damit die Maschine im Gleichgewicht ist. Etwa 35 Prozent der Amerikaner sind stark übergewichtig

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