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Roland Atzmüller: Transformationen der Arbeit

Thomas Kreiml
Thomas Kreiml
Thomas KreimlUnionist, Consultant, Sociologist um GPA-djp

Vortrag von Roland Atzmüller, Abteilung für theoretische Soziologie und Sozialanalysen an der Johannes Kepler Universität Linz, im Rahmen der Vorlesung "Arbeitswelt! Beschäftigte und Unternehmen in der Globalisierung" (http://arbeitswelt.gpa-djp.at) am 06.11.2012 an der Universität Wien

Roland Atzmüller: Transformationen der Arbeit

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Transformationen der Arbeit

   Roland Atzmüller (Abteilung für
       theoretische Soziologie und
              Sozialanalysen/JKU)




                                 1
Entwicklungen der Arbeit in der Krise

   Anstieg der Arbeitslosigkeit

   Zunahme der prekären und atypischen Beschäftigungsverhältnisse und der
    working poor

   Flexibilität des Arbeitsmarktes wird als Krisenpuffer genutzt

   Intensivierung der Arbeit, Verlängerung der Arbeitszeiten,

   Arbeitskräfte müssen permanent in ihr Humankapital investieren, um ihre
    Employability zu sichern.


                                                                              2
Aufbau

1. Grundlegende Überlegungen zur (Lohn-)Arbeit im Kapitalismus

2. Arbeitsteilung und Dequalifikation: Die „politics of production“ des
   Taylorismus und der wissenschaftlichen Betriebsführung

3. Transformationen der Arbeit und die Rekonstruktion des
   Arbeitsvermögens




                                                                          3
1. Grundlegende Überlegungen zur (Lohn-)Arbeit im
  Kapitalismus




                                                    4
Arbeit
   Im Arbeitsprozess setzen Menschen ihre Kräfte und Fähigkeiten in
    Bewegung und transformieren ihre äußere Natur: Erzeugung von Produkten
    und Dienstleistungen aber auch sozialen Beziehungen (Reproduktion der PV)
   Gleichzeitig: Entwicklung ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten.

„Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie
    verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr
    schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner
    eigenen Botmäßigkeit.“ (Marx 1972, 192)

   Arbeit stets Einheit von intellektuellen und manuellen/praktischen Tätigkeiten.
    Dies betrifft nicht nur fachliche/technische Aspekte, sondern auch die
    Fähigkeit mit organisatorischen, sozialen und auch wirtschaftlichen Aspekten
    der Produktion umzugehen. Nicht aus Technologie ableitbar.

                                                                                      5
Arbeit als fiktive Ware
   Besondere Qualität der Ware Arbeitskraft – Fähigkeit Mehrwert für das
    Kapital zu produzieren.

     —   Arbeit wird im Sozialtypus Arbeiter(in) personifiziert
     —   Trennung: Haushalts-Erwerbssphäre (Änderung der Geschlechterverhältnisse)
     —   Trennung: Eigentum und Erwerbsarbeit,
     —   Lineares Zeitverständnis
     —   Neutralisierung normativer Fürsorgeverhältnisse und Verpflichtungsbeziehungen

„Arbeit ist bloß eine andere Bezeichnung für eine menschliche Tätigkeit, die zum
   Leben an sich gehört, das seinerseits nicht zum Zwecke des Verkaufs,
   sondern zu gänzlich anderen Zwecken hervorgebracht wird; auch kann diese
   Tätigkeit nicht vom restlichen Leben abgetrennt, aufbewahrt oder flüssig
   gemacht werden.“ (Polanyi 1978, 107)

   Reproduktion der Ware Arbeitskraft erfolgt nicht auf dem Markt sondern in
    anderen gesellschaftlichen Sphären und hat andere Zwecke als Erzeugung
    einer Ware.                                                                          6
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Roland Atzmüller: Transformationen der Arbeit

  • 1. Transformationen der Arbeit Roland Atzmüller (Abteilung für theoretische Soziologie und Sozialanalysen/JKU) 1
  • 2. Entwicklungen der Arbeit in der Krise  Anstieg der Arbeitslosigkeit  Zunahme der prekären und atypischen Beschäftigungsverhältnisse und der working poor  Flexibilität des Arbeitsmarktes wird als Krisenpuffer genutzt  Intensivierung der Arbeit, Verlängerung der Arbeitszeiten,  Arbeitskräfte müssen permanent in ihr Humankapital investieren, um ihre Employability zu sichern. 2
  • 3. Aufbau 1. Grundlegende Überlegungen zur (Lohn-)Arbeit im Kapitalismus 2. Arbeitsteilung und Dequalifikation: Die „politics of production“ des Taylorismus und der wissenschaftlichen Betriebsführung 3. Transformationen der Arbeit und die Rekonstruktion des Arbeitsvermögens 3
  • 4. 1. Grundlegende Überlegungen zur (Lohn-)Arbeit im Kapitalismus 4
  • 5. Arbeit  Im Arbeitsprozess setzen Menschen ihre Kräfte und Fähigkeiten in Bewegung und transformieren ihre äußere Natur: Erzeugung von Produkten und Dienstleistungen aber auch sozialen Beziehungen (Reproduktion der PV)  Gleichzeitig: Entwicklung ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten. „Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit.“ (Marx 1972, 192)  Arbeit stets Einheit von intellektuellen und manuellen/praktischen Tätigkeiten. Dies betrifft nicht nur fachliche/technische Aspekte, sondern auch die Fähigkeit mit organisatorischen, sozialen und auch wirtschaftlichen Aspekten der Produktion umzugehen. Nicht aus Technologie ableitbar. 5
  • 6. Arbeit als fiktive Ware  Besondere Qualität der Ware Arbeitskraft – Fähigkeit Mehrwert für das Kapital zu produzieren. — Arbeit wird im Sozialtypus Arbeiter(in) personifiziert — Trennung: Haushalts-Erwerbssphäre (Änderung der Geschlechterverhältnisse) — Trennung: Eigentum und Erwerbsarbeit, — Lineares Zeitverständnis — Neutralisierung normativer Fürsorgeverhältnisse und Verpflichtungsbeziehungen „Arbeit ist bloß eine andere Bezeichnung für eine menschliche Tätigkeit, die zum Leben an sich gehört, das seinerseits nicht zum Zwecke des Verkaufs, sondern zu gänzlich anderen Zwecken hervorgebracht wird; auch kann diese Tätigkeit nicht vom restlichen Leben abgetrennt, aufbewahrt oder flüssig gemacht werden.“ (Polanyi 1978, 107)  Reproduktion der Ware Arbeitskraft erfolgt nicht auf dem Markt sondern in anderen gesellschaftlichen Sphären und hat andere Zwecke als Erzeugung einer Ware. 6
  • 7. Das „Transformationsproblem“ der Arbeit  Unternehmen kaufen nicht Arbeit, sondern ein bestimmtes Potenzial am Arbeitsmarkt ein (Arbeitskraft). (Potenzial: Produktion von Mehrwert).  Wie kann Kapital sicherstellen, dass Arbeitskräfte ihr Potenzial realisieren, wenn Fähigkeit zur Arbeit an TrägerInnen gebunden bleibt und immer durch den Kopf der ArbeiterInnen hindurch muss? „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ (Marx 1972, 193) 7
  • 8. Kontrolle und Zustimmung  Das Kapital muss Kontrolle über den Arbeitsprozess ausüben - Herrschaft des Kapitals über den Produktionsprozess .  Das Kapital muss die Zustimmung der ArbeiterInnen sicherstellen – Hegemonie über den Produktionsprozess.  Beide Dimensionen ergeben zusammen die „politics of production“ (Michael Burawoy). D.h., Arbeit im Kapitalismus (i.e. die Realisierung des Gebrauchswertes der Ware AK in den Produktionsverhältnissen) ist ein umkämpftes Feld. Unterschiedliche Managementstrategien, Einfluss der Interessensvertretungen der Lohnabhängigen, nationale, sektorale etc Variationen etc. 8
  • 9. Arbeitspolitik (nach Naschold/Jürgens 1982, Bieling 2012)  „konstitutive Präsenz“ (N. Poulantzas) des Staates (Politik/Ideologie) in den Produktionsverhältnissen — Staat „erzeugt“ Arbeitskräfte: Rechtssubjekte, Bildung etc — Sicherung des Eigentums in seinen unterschiedlichen Formen — Arbeitsverfassung, Sozialrecht, Arbeitszeit etc – Artikluation mit Regulierung der Arbeitsmärkte, Familienstruktur — Arbeitsvertrag etc — Interessensvertretung und Aushandlungsprozesse  Nationale und historische Variationen unterschiedlicher Produktionssysteme bzw. Beschäftigungssregime 9
  • 10. Ideologische Dimensionen der Arbeitspolitik  Gebrauchswert der Ware AK: Bündel von Fähigkeiten und Kompetenzen zum Umgang mit technischen und gesellschaftlicchen Komponenten der Arbeit  Doppelte Zweckstruktur der Arbeit: — Fähigkeit konkrete, nützliche Arbeit zu leisten (Gebrauchswertorientierung). — Einrichtung ihres Arbeitsvermögens in der Art, dass der/die Lohnabhängige sich als Ware Arbeitskraft verkaufen kann.  Die Fähigkeiten und Kompetenzen der Arbeitskräfte, die als Qualifikationen in den Arbeitsprozessen einsetzbar, bringen sie in ein “imaginäres Verhältnis” zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Sie sind die “Ideologie” (Althusser”), der Arbeitskräfte – wichtig für Konstruktion von Subjekten (Anrufung; Beruf) und für die Befähigung zum Handeln  Ideologien werden in Staatsapparaten (Bildung, Erziehung) reproduziert und sie konstituieren ein Feld sozialer Auseinandersetzungen, wie auch von Herrschaftsbeziehungen und von Klassenpolarisierungen. 10
  • 11. Der Arbeitsvertrag  Arbeitsvertrag ist uneindeutiger Rahmenvertrag  Nachfrager kauft nicht Sache mit bestimmtem messbaren Gebrauchswert sondern lebendige Arbeitskraft, welche faktisch unter der Kontrolle ihres Besitzers (ArbeitnehmerIn) bleibt. Aber Käufer hat rechtliche Disposition/ Verfügungsgewalt!  Regelt auch die sozialen Beziehungen zwischen Käufer und Verkäufer, aber nicht alle.  Käufer von Arbeitskraft: Verpflichtung für Dauer der Geltung des AV, Lohn zu zahlen  Anbieter von Arbeitskraft: Gegenleistung ist nicht klar festgelegt sondern nur umschrieben. 11
  • 12. Der Arbeitsvertrag  Unbestimmtheit des AV gibt dem Nachfrager Direktionsrecht als Nutzungsspielraum zur Anordnung von Arbeitsaufgaben  Arbeitskraft wird pauschal verpflichtet Arbeitsaufgaben einer bestimmten Kategorie zu verrichten.  Intensität der Arbeit nur als Rahmen (Stunden) festlegbar  Unbestimmtheit aufgrund der unvollständigen Voraussagbarkeit des Leistungsbedarfes (Möglichkeit der Innovation und Produktivitätssteigerung) 12
  • 13. Der Arbeitsvertrag „Der Gebrauchswert, den ein Betrieb aus der Arbeitskraft zieht, ist quantitativ und qualitativ an die Subjektivität des Arbeitenden, an seinen Arbeitswillen, seine Arbeitsbereitschaft usw. gebunden, und Art und Menge der Leistungshergabe des Arbeitnehmers als des Partners des Arbeitsvertrages sind daher rechtlich nicht in der Weise zu normieren, wie man etwa die Leistungswerte einer Maschine spezifizieren und zum Gegenstand von Kaufverträgen machen kann.“ (Offe, Claus 1984: 57) Das gekaufte Subjekt muss in seiner Subjektivität erhalten bleiben und von sich aus zur Arbeit bereit sein Subjektivität der Arbeitskräfte wird Feld politischer Auseinandersetzungen: geht über Produktionssphäre hinaus (Bildung, Familie etc) 13
  • 14. Der Arbeitsvertrag  Subjektiver Faktor ist immer auch Störfaktor. Autonomie des Subjekts macht die Nutzung lebendiger Arbeitskraft für den Unternehmer attraktiv – daher Transformationsproblem „Das Interesse des Arbeitnehmers an der Verteidigung seiner Autonomie, am Schutz und an der Erweiterung seines Arbeitsvermögens trifft auf das betriebliche Interesse an einer maximalen wirtschaftlichen Nutzung der „gekauften“ Arbeitskraft, deren produktiver Gebrauchswert ja noch keineswegs dadurch sichergestellt ist, dass sie, wie im Arbeitsvertrag bestimmt, am Arbeitsplatz erscheint und sich dort für die Dauer der betrieblichen Arbeitszeit aufhält.“ (Offe, Claus 1984: 58)  Permanenter Konflikt, der durch Überwachung, Kontrolle, Anweisung, Beaufsichtigung, Verantwortlichkeit etc kanalisiert wird 14
  • 15. 2. Arbeitsteilung und Dequalifikation: Die „politics of production“ des Taylorismus und der wissenschaftlichen Betriebsführung 15
  • 16. Taylorismus und Dequalifizierung  In kritischen/marxistischen Debatten lange Zeit dominante Annahme, dass Entwicklung der Arbeitsteilung im Kapitalismus zu einer Dequalizierung der Beschäftigten führe. — Zerstörung der handwerklichen Fähigkeiten – Trennung von Planung und Ausfühung — Einführung des wissenschaftlichen Managements und Polarisierung der Klassenstruktur — Zerlegung der Arbeitsprozesse in viele kleine Handgriffe (Fließband) und Konzentration des ProduzentInnenwissens beim Management. Vereinfachung, Monotonie, Austauschbarkeit. Ausschaltung der Subjektivität als Ziel — Wissenschaft geht aus Fähigkeiten der AK hervor, tritt aber den Beschäftigten als feindliche Macht (Marx) gegenüber. — Bürokratische Organisationsform des Großunternehmens. Verdoppelung der Prozess auf Papier. — Fokus liegt auf Kontrollstrategien des Managements. — Arbeiterklasse als „Objekt“ dieser Prozesse – subjektiver Faktor wird unterschätzt 16
  • 17. Risse im dominanten Bild  Durchsetzung des Taylorismus ist rationalistische Phantasie des Managements – Annahme einer vollständigen top-down Kontrolle der Produktionsprozesse. Produktionsprozesse verändern sich permanent.  Tatsächlich: Organisation der Zustimmung der AK – Rolle der “politics of production” (z.B. Arbeitsverfassung, Schneidung von Tätigkeiten, Kollektivverträge und Mitbestimmung etc).  Arbeitskräfte halten Wissen zurück/nicht kodifiziertes/-bares Wissen entsteht immer wieder neu („tacit skills“) – Dienst nach Vorschrift als Kampfform der Beschäftigten.  DL – Arbeit nicht nur auf Tauschwertorientierung zu reduzieren (interaktive Arbeit etc) 17
  • 18. Das Wachstum der Dienstleistungsarbeit  Dienstleistungsarbeit: Definition sehr schwierig, Residualkategorie, massives Wachstum in den letzten Jahrzehnten  Positive Utopien der Dienstleistungsgesellschaft werden der Entfremdung im Taylorismus entgegengesetzt  Dienstleistung als Arbeit zur Aufrechterhaltung der Kreisläufe kapitalistischer Produktion (Claus Offe: Arbeit an der Reproduktion der kpW)  DL-Arbeit ist schwer rationalisierbar  DL-Arbeit ist interaktiv (persönliche Dienstleistungen) und oft immateriell (Bearbeitung von Symbolen)  Produktion und Konsumtion fallen zusammen (Friseur)  DL-Arbeit fordert nicht nur technische sondern auch subjektive Fähigkeiten (Verkauf, Beratung, Sozialarbeit) 18
  • 19. Dimensionen der Arbeitsteilung – die Entstehung des neuen KleinbürgerInnentums  Seit 1960er/70er Jahren Beobachtung, dass Annahme einer Polarisierung der Klassenstruktur nicht zutrifft. Zwischen ArbeiterInnenklasse und Kapital findet Veränderung der Mittelklassen statt – treten v.a. in den sozialen Kämpfen seit 1968 als Akteur auf.  Zentrale Funktion – Organisation der Kooperation („Intellektuelle der Produktion“ im Sinne Gramscis). Kooperation als wesentliche Produktivkraft des Kapitals.  Bedarf Planung und Kommando und Organisation des sozialen Zusammenhaltes: Techniker, Ingenieure, HR-Manager etc auf Ebene der Produktion.  DL-Arbeit: Organisation/Produktion der Voraussetzungen der gesellschaftlichen Austauschbeziehungen – Reproduktion der Bedingungen des Kapitalkreislaufes. 19
  • 20. PROZENTANTEIL DER WIRTSCHAFTSSEKTOREN AN DER GESAMTBESCHÄFTIGUNG (Eichmann u.a. 2009) 1974 1984 1994 2004 2005 2006 2007 2008 Landwirtschaft Gesamt 12,6 9,5 6,6 5,0 5,5 5,5 5,7 5,6 Landwirtschaft Männer 10,5 8,6 6,0 4,8 5,5 5,4 5,6 5,6 Landwirtschaft Frauen 16,0 10,9 7,4 5,3 5,6 5,6 5,9 5,6 Industrie Gesamt 42,1 38,5 33,0 27,7 27,5 28,2 27,3 26,0 Industrie Männer 51,2 48,9 44,1 39,5 39,6 40,4 39,1 37,4 Industrie Frauen 27,9 22,4 17,5 13,2 12,9 13,4 12,9 12,4 Dienstleistungen gesamt 45,3 52,0 60,4 67,3 66,9 66,3 67,0 68,4 Dienstleistungen Männer 38,3 42,5 49,9 55,7 54,9 54,2 55,3 57,0 Dienstleistungen Frauen 56,1 66,6 75,1 81,5 81,5 81,0 81,2 82,0 Quelle: AKE, Statistik Austria, eigene Berechnungen. Gesamtbeschäftigung 1974 und 1984 ohne Kategorie „unbekannt“; Werte für 2008 nach ÖNACE 2003 20
  • 21. 3. Transformationen der Arbeit und die Rekonstruktion des Arbeitsvermögens 21
  • 22. Das Ende der Arbeitsteilung und die Rehabilitation des Arbeitssubjektes  Seit Anfang der 1980er Diskussionen zum „Ende der Arbeitsteilung(Kern/Schumann 19086) Rehabilitation der Arbeits- SUBJEKTE und ihrer Fähigkeiten (Bedeutung sogenannter außerfachlicher Qualifikationen nimmt zu).  Rehabilitierung der Facharbeit, neue Produktionskonzepte (gleichzeitig aber Verlust an Arbeitsplätzen>)  Rückgabe von Managementfunktionen an AK, Gruppenarbeit, Job- Enrichment etc  Flexible Spezialisierung statt Massenproduktion standardisierter Güter.  Integration „indirekter Aktivitäten“ in Produktionsprozesse (Qualitätssicherung, KundInnenkontakt, Innovation etc) – Rationalisierung in Eigenregie 22
  • 23. Veränderungen der Ökonomie  Postfordistisches Akkumulationsregime beruht auf Flexibilität und Innovationsfähigkeit (zentrale Bedeutung des UnternehmerInnentums als besondere Form verändernden Handelns).  Innovation als Suche nach Extraprofit – Shareholder Value  Wirtschaftspolitische Auffassung des Kapitalismus als instabil und dynamisch:  Innovationen beruhen auf Bedingungen, die vorab nicht gewusst werden können (da eben neu) – Frage der Entscheidungsfähigkeit (Stärkung der Rolle der UnternehmerInnen) bzw. Anpassungs-fähigkeit der Beschäftigten.  Innovation ist Reproduktionsweise der sozialen Verhältnisse der Produktion: Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft Anpassungsdruck ausgesetzt – zentrale Bedeutung des Lernens und der Anpassung der Qualifikationen 23
  • 24. Indirekte Steuerung und Vermarktlichung inner- betrieblicher Abläufe  Reorganisation ökonomischer Dimensionen – z.B. Unternehmen: Dezentralisierung und Fragmentierung (vertikale Kontrolle der Zentrale bleibt aber erhalten) – indirekte Steuerung, gesteuerte Autonomie  Benchmarking, Targets, Costcenter  Verlagerung des Risikos, der Bewältigung von Unsicherheiten auf die Beschäftigten  Kontrollpotenziale der neuen Technologien (räumliche und zeitliche Trennung von Kontrolle und Planung bzw. Ausführung) – Kontrolle nach Kennzahlen  Gruppenarbeit, Netzwerke – Kontrolle durch Gruppe und Interaktion  Output und Performance abhängige Entgeltformen – Individualisierung der Arbeitsverträge  Flexibilisierung der Arbeit (Arbeitszeit, Entgelt etc) und Einsatz prekärer Arbeitskräfte („flexible firm“: Kern-/Randbelegschaften) 24
  • 25. Gegentendenzen: Re-taylorisierung?  Experimente mit Gruppenarbeit und angereicherten Tätigkeiten werden in einigen wachsenden Bereichen (Montage, KfZ, einfache Tätigkeiten) wieder zurückgenommen.  Stärkere Standardisierung „ganzheitlich“ organisierter Produktionsabläufe  Hinweise darauf, dass stärkere Bedeutung „komplementärer Kompetenzen“ zu Bewältigung möglicher Probleme im Produktionsablauf – Einsatz von Beschäftigte, die für einfache Arbeiten überqualifiziert sind (Facharbeiterabschluss).  Korrespondiert mit prekären Arbeitsmärkten, Polarisierung der Beschäftigtenstruktur 25
  • 26. MUSTER DER ARBEITSORGANISATION IN EU-27, LÄNDERVERGLEICH (zit. in: Eichmann u.a. 2009), Prozentangaben Selbstbe-stimmtes Schlanke „lean“ Tayloristi-sche Einfach Gesamt Lernen Produktion Arbeits-organisation strukturierte Arbeit Nordeuropa Schweden 67,5 16,0 6,9 9,6 100 Dänemark 55,2 27,1 8,5 9,2 100 Kontinentaleuropa Österreich 47,3 22,4 18,3 12,0 100 Deutschland 44,3 19,9 18,4 17,4 100 Nordwesteuropa Großbritannien 31,7 32,4 17,7 18,2 100 Irland 39,0 29,2 11,3 20,5 100 Südeuropa Italien 36,8 24,1 24,6 14,6 100 Spanien 20,6 24,6 27,5 27,3 100 Osteuropa Slowakei 27,2 21,0 33,8 18,1 100 Ungarn 38,3 18,2 23,4 20,1 100 EU-27 38,4 25,7 19,5 16,4 100 Quelle: Valeyre et al. 2009, nur unselbständig Beschäftigte in Organisationen >10 MitarbeiterInnen in der Privatwirtschaft (n=9.300)
  • 27. Der Arbeitskraftunternehmer  Arbeitskräfte als Unternehmer ihres Humankapitals – Investition in Ausbildung etc – der Arbeitskraftunternehmer (Voß/Pongratz)  Selbstkontrolle – Planung und Kontrolle der eigenen Tätigkeit, der “ganze Mensch” ist gefragt  Selbst-Ökonomisierung – eigene Fähigkeiten als Humankapital betrachten und in sie investieren  Selbst-Rationalisierung – Durchorganisation des Alltags und der Lebensführung, Verbetrieblichung der Lebensweise und der sozialen Beziehungen  Grenze zwischen Arbeit und Leben verschwimmt  Allzeit verfügbarer Berufsmensch ohne private Verpflichtungen – Frauen müssen sich an das männliche Modell der Erwerbstätigkeit anpassen  Strategische Lebensführung: etwa bezüglich eigener Bedürfnisse, sozialer Beziehungen, Formen des Ausdrucks (Kleidungsstil etc) 27
  • 28. PARTIZIPATION UND UNTERSTÜTZUNG, ERWERBSTÄTIGE, EWCS 2005 (zit. in Eichmann u.a. 2009) Mitbestimmung Unterstützung Prozentangaben Kann bei der Arbeit Wurde im letz-ten Jahr Habe im letz-ten Jahr Kann Hilfe von Vorge- Kann Hilfe von KollegIn- meine eigenen über Ände-run-gen im Ar-beits-pro-ble-me mit setz-ten be-kommen, nen bekom-men, wenn Ideen umsetzen Ar-beits-ab-lauf um einem Ar- wenn ich da-nach frage ich da-nach frage (fast (fast immer, häufig) Rat ge-fragt beitnehmerIn-nen- (fast immer, häufig) im-mer, häufig) vertreter be-spro-chen Männlich 59 51 20 65 75 Weiblich 62 44 17 65 71 15-29 Jahre 49 33 17 72 85 30-49 Jahre 62 52 18 62 71 50+ Jahre 71 60 27 63 63 Selbständig 92 19 40 Unselbständig 53 73 81 Teilzeit (unter 35 Std.) 63 46 16 67 70 Vollzeit beschäftigt 59 48 20 66 75 Führungskräfte, hochqual. Fachkräfte 79 55 23 61 69 Bürokräfte, Dienstleistung 51 49 16 75 80 FacharbeiterInnen 57 44 18 64 75 Hilfsarbeitskräfte 33 33 15 57 64 1-9 Beschäftigte am Standort 77 54 18 53 61 10-49 Besch. am Standort 58 51 22 74 86 50-249 Besch. am Standort 33 38 13 67 76 Mehr als 250 Beschäftigte 61 50 22 78 81 Österreich gesamt 2005 60 48 19 65 73 EU-15 2005 59 47 20 55 66 Quelle: EWCS, Europ. Foundation, eigene Berechnungen, fett markierte Werte: Subgruppen-Unterschiede auf 5%- Niveau signifikant
  • 29. MERKMALE DER ARBEITSQUALITÄT, ERWERBSTÄTIGE, EWCS 2005 (zit. in Eichmann u.a. 2009) Prozentangaben Lernhältigkeit der Arbeit Arbeitsintensität Handlungsspielraum Job ent-hält Job ent-hält Job enthält Job ver-langt Job ent-hält Habe ge-nug Zeit Arbeitstem-po ist Kann die Erler-nen kom-ple-xe mono-tone ho-hes Ar- Ar-beiten mit zur Fer-tig-stel- ab-hängig vom Reihung von neuer Auf-gaben Aufga-ben beits-tem-po en-gen lung der Arbeit Tempo von Arbeits- Kompe- (zum. ¼ der Dead-lines (immer, oft) Maschinen (z.B. schritten tenzen Zeit) (zum. ¼ der Fließ-band) selbst Zeit) bestimmen Männlich 77 84 23 73 74 58 26 62 Weiblich 77 82 31 72 62 62 16 69 15-29 Jahre 80 77 27 73 66 62 26 49 30-49 Jahre 76 84 27 75 73 57 20 67 50+ Jahre 74 87 23 65 61 63 18 74 Selbständig 83 94 25 71 67 65 19 89 Unselbständig 75 80 27 73 69 59 21 60 Teilzeit (unter 35 Std.) 68 78 26 63 50 72 9 70 Vollzeit beschäftigt 79 84 27 75 73 58 24 64 Führungskräfte, hochqual. 90 96 12 66 69 61 12 79 Fachkräfte Bürokräfte, Dienstleis-tung 79 82 28 72 65 62 12 63 FacharbeiterInnen 76 83 30 79 75 61 37 57 Hilfsarbeitskräfte 39 53 54 81 68 49 40 42 1-9 Beschäftigte am Standort 79 88 22 67 63 67 17 76 10-49 Besch. am Standort 75 83 25 74 70 58 16 66 50-249 Besch. am Standort 71 76 40 84 78 50 35 38 Mehr als 250 Besch. 85 86 22 78 72 60 25 66 Österreich 2005 77 83 26 72 69 60 21 65 Veränderung Österr. 1995-2005 in +3 +8 -5 +8 -7 k.A. 0 +6 Prozentpunkten EU- 15 70 59 42 61 62 69 19 64 Quelle: EWCS, Europ. Foundation, eigene Berechnungen, fett markierte Werte: Subgruppen-Unterschiede auf 5%-Niveau signifikant
  • 30. Die Rehabilitierung des Subjektes im Posttaylorismus?  Immaterielle Fähigkeiten: Bearbeitung von Symbolen, Kooperation, Emotionsarbeit, Kommunikation (Biopolitik – Produktion von Leben)  Forderung der ganzen Person zu jeder Zeit und an jedem Ort (Verkauf, KundInnenkontakt etc) – fremdbestimmte Selbst-verwirklichung. Erweiterter Zugriff auf Fähigkeiten des Subjektes statt Ausschaltung des Subjektes  Bedeutung von „Tacit Skills“ und Schlüsselqualifikationen (Kommunikation, Kooperation, Problemlösung etc)  Dienstleistungscharakter vieler Tätigkeiten  Anpassungsfähigkeit an neue Situationen (Innovationsprozesse), Rationalisierung als subjektive Aufgabe  Bereitschaft zur permanenten Mobilisierung des Wissens, Lifelong Learning 30
  • 31. Die Prekarisierung der Existenz  Ausdehnung der Zone der Unsicherheit: Erosion des Normalarbeits- verhältnisses korrespondiert mit Rekonfiguration des Wohlfahrtsstaates  Aktivierende Sozialpolitik als Regulationsweise prekarisierter Arbeitsmärkte  Prekarisierung als Regulationsmodus gebrauchswertorientierter Tätigkeitsbereiche  Prekarisierung und Unsicherheit als „politics of production“ – Kontrolle der AK  Permanente Entwertung von Fähigkeiten und damit von Identität.  Selbstprekarisierung, da Lernen gleichzeitig überkommene Qualifikationen entwertet  Entwertung auch als Ergebnis der Aktivitäten andere Arbeitskräfte, die mehr gelernt haben.  Prekarisierung der Identitätsbildung (Beruf) und der Biographien (Verlust der Planbarkeit und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Integration 31
  • 32. Pädagogisierung der Arbeit(steilung)  Veränderung des Kapitalismus, Veränderung der Arbeit und Veränderung von Bildung, Ausbildung und Wissen hängen eng miteinander zusammen.  Herrschaft des Kapitals über die Produktionsprozesse im Sinne Gramscis ein pädagogisches Verhältnis, da es um eine Veränderung der Qualifikationen, der Fähigkeiten und Kompetenzen der AK geht.  Nicht nur Problem der Kontrolle und der Zustimmung sondern des Wissens der Beschäftigten.  Veränderung der „Funktionen“ des Wohlfahrtsstaates und der Regulation der Arbeit. — Funktion des WS ist die Erzeugung/Reproduktion von Arbeitskräften im umfassenden Sinne. — Widerspruch: temporäre Ausnahmen vom Zwang zur Lohnarbeit und Schaffung von Institutionen, die der Verwertungslogik entzogen vs Reproduktion von Ware Arbeitskraft 32
  • 33. Pädagogisierung der Arbeit  Pädagogisierung: gesellschaftliche Entwicklungen und Krisentendenzen in pädagogische Fragen übersetzt. Werden zu Problem der Bildung- und Qualifizierung und damit der Lernfähigkeit/-bereitschaft der Individuen gemacht „Das Pädagogische wird zur Rationalisierung in die Betriebssysteme eingeführt und die Rationalisierung mit betrieblicher Rationalität wird ins Pädagogische eingeführt. Das bedeutet auch die Verbetrieblichung des Pädagogischen.“ (Geißler/Orthey 1998, 87)  Forderung permanent zu lernen als Symptom des Machtverlustes der Beschäftigten. (Macht als Möglichkeit nicht lernen zu MÜSSEN nach Karl W. Deutsch)  Form des Krisenmanagements (Offe): Externalisierung der Bewältigung der Krisenerscheinungen auf Individuen 33
  • 34. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! 34