THINK!DESK „China Standpunkte“ Nr. 5
Verspekuliert – „Alles geht“-Kapitalismus ohne Kontrollen?




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Verspekuliert – „Alles geht“-Kapitalismus ohne Kontrollen? - THINK!DESK CHINA STANDPUNKT Nr. 5

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China sorgt einmal mehr für Aufregung auf den Derivatemärkten. Diesmal geht es um die Kupfermärkte. Ein Händler des State Reserve Bureaus hat im Sommer massive short-Positionen – es wird von bis zu 200.000 t gesprochen – aufgebaut, die nun am 21. Dezember fällig sind. Anders als vom Händler erwartet, der das Kupfer in einer Preisrange von 3.300 US$/t leer verkauft hatte, um sich bis zum Fälligkeitstermin in Erwartung fallen-
der Preise noch günstiger mit dem Metall einzudecken, sind die Kupferpreise in den letzten Monaten aber kontinuierlich angestiegen. Derzeit werden deutlich über 4.000 US$ pro Tonne bezahlt. Der Händler müsste also Geld drauflegen, um das Kupfer zu erwerben, das er selber so billig zum 21. Dezember verkauft hat. Das allein mag schon bedauerlich genug sein, gehört aber zur „Normalität“ des Derivatehandels. Bemerkenswert wird die Fehlspekulation erst durch das immense Volumen: Auf dem Weltmarkt ist derzeit nicht genügend Kupfer im Angebot, um die in den vergangenen Monaten aufgebauten Leerpositionen zu schließen!

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Verspekuliert – „Alles geht“-Kapitalismus ohne Kontrollen? - THINK!DESK CHINA STANDPUNKT Nr. 5

  1. 1. THINK!DESK „China Standpunkte“ Nr. 5 Verspekuliert – „Alles geht“-Kapitalismus ohne Kontrollen? China sorgt einmal mehr für Aufregung auf zu monetären Ausfällen führen. Er würde den Derivatemärkten. Diesmal geht es um die auch auf die realwirtschaftliche Ebene durch- Kupfermärkte. Ein Händler des State Reserve brechen, ist das fällige Kupfer doch bereits Bureaus hat im Sommer massive short- fest in die Produktionspläne der Kupfer ver- Positionen – es wird von bis zu 200.000 t arbeitenden Industrien eingeplant. Noch gesprochen – aufgebaut, die nun am 21. De- schwerwiegender ist jedoch, dass hiermit die zember fällig sind. Anders als vom Händler auf einem hohen Maß an Vertrauen in die erwartet, der das Kupfer in einer Preisrange Integrität und Leistungsfähigkeit der interagie- von 3.300 US$/t leer verkauft hatte, um sich renden Händler basierenden Grundstrukturen bis zum Fälligkeitstermin in Erwartung fallen- der Derivatemärkte erschüttert werden. der Preise noch günstiger mit dem Metall einzudecken, sind die Kupferpreise in den Dazu wird es nun aber wohl doch nicht kom- letzten Monaten aber kontinuierlich angestie- men. Im wahrscheinlichsten Szenario wird gen. Derzeit werden deutlich über 4.000 US$ das State Reserve Bureaus nun über einen pro Tonne bezahlt. Der Händler müsste also Dreiklang von Maßnahmen versuchen, das Geld drauflegen, um das Kupfer zu erwerben, Problem in den Griff zu bekommen. Im ersten das er selber so billig zum 21. Dezember Schritt werden mehrere Zehntausend Tonnen verkauft hat. Das allein mag schon bedauer- des Metalls aus den nationalen strategischen lich genug sein, gehört aber zur „Normalität“ Reserven an die internationalen „Warenlager“ des Derivatehandels. Bemerkenswert wird transferiert, an denen die Termingeschäfte die Fehlspekulation erst durch das immense physisch abgewickelt werden. Des Weiteren Volumen: Auf dem Weltmarkt ist derzeit nicht bemüht man sich, eingegangene Leerkon- genügend Kupfer im Angebot, um die in den trakte wieder zurückzukaufen und gleichzeitig vergangenen Monaten aufgebauten Leer- verbleibende Kontrakte zu prolongieren und positionen zu schließen! Liefertermine auf das Jahr 2006 zu verschie- ben. Die aus diesen Maßnahmen erwachsen- Damit rückt der Super-GAU des Derivate- den Kosten dürften sich für die chinesische handels in den Bereich des Möglichen: der Seite auf 100 bis 300 Mio. US$ belaufen. default eines Händlers, der seinen eingegan- genen Verpflichtungen nicht nachkommen Die globalen Kupfermärkte verdanken der kann. Ein derartiger default würde nicht nur aktuellen chinesischen Fehlspekulation aber
  2. 2. 2 auch eine wichtige Information. Während geht“-Händler letztlich eine Gefahr für die man bislang davon ausgegangen war, dass Integrität der Märkte? China lediglich über strategische Kupferre- Ausschließen kann man die chinesischen serven im Umfang von 200.000 bis 300.000 t Akteure von diesen Märkten sicherlich nicht verfügen würde, hat das State Reserve Bu- mehr – zu bedeutend ist China als Produzent reau sich nun veranlasst gesehen, das Ge- und insbesondere Käufer der global gehan- heimnis zu lüften und einen Kupferreserven- delten Rohstoffe geworden. China ist heute bestand von 1,3 Mio. t öffentlich bekannt zu bereits hinter den USA der weltweit zweit- geben. Das stabilisiert die Märkte, zeigt es größte Ölkonsument und verbraucht 20% des doch, dass China im Notfall durch Auflösung weltweit verarbeiteten Kupfers, ein Drittel des seiner Reserven einen default vermeiden Eisenerzes, etc. All dies mit rasch steigender könnte. Gleichzeitig verändern sich damit Tendenz. Bedenklich bleibt jedoch das Auf- aber auch langfristig die Parameter strategi- treten chinesischer Akteure auf den Märkten. schen Handelns für die Händler auf den Ter- minmärkten. China hat sich als ein sehr viel Die Verantwortung für die aktuelle Fehlspeku- potenterer Spieler geoutet als erwartet. Wür- lation auf den Kupfer-Terminmärkten wird de China nun tatsächlich 200.000 t Kupfer derzeit einzig und allein Liu Qibing zugewie- aus seinen Reserven auf die Märkte werfen, sen, einem versierten Händler mit gut zehn so müsste mit einem zumindest kurzfristigen Jahren Berufserfahrung. Das State Reserve Rückgang des Preisniveaus um bis zu 25% Bureau lehnt jegliche Mitverantwortung ab, gerechnet werden. hatte pikanterweise aber zunächst – in guter Tradition chinesischer Öffentlichkeitsarbeit – Die aktuelle Kupfer-Fehlspekulation ist kein die schiere Existenz eines Händlers namens Einzelfall. Vor knapp einem Jahr erst hatte Liu Qibing schlichtweg geleugnet! Letzterer die China Aviation Oil (Singapore) Corp. auf steht jetzt unter Hausarrest und hat keine fallende Ölpreise gewettet. Der Markt lief in Möglichkeit, sich zu den Vorfällen zu äußern. die andere Richtung und dort auf neue Re- Wo liegt also die Verantwortung für die mas- kordstände. China Aviation Oil kam aus dem siven Fehlspekulationen: Bei einer Einzelper- Derivate-Geschäft mit einem Verlust von son, die sich über bestehende Regularien 555 Mio. US$ heraus und befindet sich der- hinweggesetzt hat, oder vielmehr bei einer zeit in Auflösung. Zuvor waren von chinesi- Organisation, deren interne Kontrollmecha- schen Akteuren bereits massive Verluste im nismen vollkommen inadäquat sind bzw. die Derivatehandel mit anderen Rohstoffen und grundsätzliche Sympathie für die risikofreudi- auch Devisen, wie dem Japanischen Yen gen Spekulationen ihres Händlers besitzt? eingefahren worden. Es stellt sich daher die Frage, ob China wirklich die Reife besitzt, um Das bemerkenswerte ist, dass beide Varian- an den hochkomplexen – und schocksensiti- ten gleichermaßen wahrscheinlich sind. Zum ven – globalen Märkten als gleichwertiger einen erscheint es befremdlich, dass ein ein- Partner mitzuwirken. Sind Chinas „Alles- zelner Händler mit derart großen Positionen © 2005 THINK!DESK China Research & Consulting
  3. 3. 3 und über einen derartig langen Zeitraum hin- den Terminbörsen und Derivatemärkten spie- weg short gehen könnte, ohne dass das Sta- len. Es gilt weiterhin zu konstatieren, dass te Reserve Bureau davon Kenntnis nehmen chinesische Akteure deutlich weniger effizien- würde. Zumindest eine stille Duldung auf ten checks-and-balances unterworfen sind, mehreren Managementebenen scheint not- als ihre Gegenüber aus den etablierten In- wendig gewesen zu sein, um diese Transak- dustriestaaten. Der ‚China-Faktor’ wirkt in tion zu ermöglichen. Aber in Chinas vor Zu- diesem Umfeld destabilisierend. Und letztlich kunftsoptimismus übersprudelnder Volkswirt- wird nur ein zeitaufwändiges learning-by- schaft bleiben auch seriöse Manager nicht doing diese Situation ändern können. Bis von der Illusion verschont, dass letztlich „alles dahin stelle man sich ein auf den neu zuge- geht“ und alles immer nur noch besser wer- zogenen reichen Jungen mit den schlechten den kann. Manieren. Zum anderen finden sich aber auch zahlrei- che Beispiele von Einzelpersonen, die in der jüngeren Vergangenheit eigenmächtig Gelder ihrer Arbeitgeber in vermeintlich hochrentable Anlagen gelenkt haben, um mit den Erlösen Haben Sie Anregungen, Kritik oder Fragen zu ihre persönlichen „Hobbys“ (Orgien, Spiel- unserem aktuellen Standpunkt? sucht, etc.) zu alimentieren. (Wohl dokumen- tiert sind übrigens auch Fälle von Bankmana- Unsere Autoren stehen Ihnen gerne zur gern, die derartige Wege beschreiten, um – Verfügung! zu Gunsten ihrer Arbeitgeber – als lästig und wachstumshemmend empfundene Auflagen THINK!DESK China Research & Consulting zu umgehen.) Was bleibt? Fest steht, dass chinesische Ak- Prof. Dr. Markus Taube teure bereits wenige Jahre nachdem das 0176 - 21 603 441 Land seinen Status als Entwicklungsland taube@thinkdesk.de faktisch verloren hat, eine wichtige Rolle auf © 2005 THINK!DESK China Research & Consulting

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