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            reg. A. OÖ          Ein Feld voller Widersprüche                       28. April 2010


Beruf – Berufung: Ein Feld voller Widersprüche

EINFÜHRUNG

Der Unterstützungsbedarf im Gesundheits- und Sozialbereich erhöht sich ständig. Es wird
immer mehr Menschen bekannt, welche Unterstützungsleistungen möglich sind.
Die Forderung nach umfassender Versorgung, professionell in und außerhalb der
Familien, wird lauter.
Der Druck, dass die erbrachten Leistungen einer gerichtlichen Überprüfung nach dem
Grundsatz state of the art (Stand der Technik/Wissenschaft) standhalten müssen, wird
größer und öffentlicher.
Im direkten Zusammenhang mit diesen Entwicklungen wird der Gesundheits- und
Sozialbereich mehr denn je unter Druck gesetzt, Personalkosten zu reduzieren.
Politisch (Landes- und Parteipolitik, Vereine, Betriebsräte, Gewerkschaft, etc.) finden seit
längerem dazu die unterschiedlichsten Aktivitäten statt und sie haben
Veränderungsprozesse dazu in Gang gesetzt.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social stellt fest, dass die Beschäftigten in
diesen Prozessen individuellen Auswirkungen und Folgeerscheinungen durch diese
Veränderungen ausgesetzt sind und dass gerade die individuelle politische
Handlungsfähigkeit der Beschäftigten darunter leidet.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social stellt allerdings auch fest, dass diesem
Thema bisher sehr wenig, zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social sieht die Notwendigkeit, diesen Bereich
der Auswirkungen einer genaueren Analyse zu unterziehen und sich damit ausführlicher
zu beschäftigen.
Die Beschäftigten in diesem Bereich fühlen sich den Entwicklungen mehr oder minder
hilflos ausgeliefert, betriebliche Unterstützungen fehlen gänzlich, oder werden
eingeschränkt, es bleibt nur noch der Rückzug in die individuellen
Bewältigungsstrategien, die zu oft in Erkrankungen enden.
Die Vielfalt der Berufe im Gesundheits- und Sozialbereich verschärft zusätzlich die
Individualisierung. Es geschehen immer mehr Abgrenzungen zwischen den einzelnen
Berufsgruppen, es wird versucht, immer mehr Aufgaben zu delegieren. Damit wird Druck
weitergegeben und es etabliert sich eine immer größere, vertikale, hierarchische
Aufteilung des Unterstützungsbedarfs. Damit geht eine weitere Aufsplittung der
Leistungen einher mit weit reichenden Folgen für die zu Unterstützenden.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social misst diesem Bereich einen
grundsätzlichen und damit wichtigen Stellenwert zu in den politischen Strategien und
Kämpfen um bessere Bedingungen.
Denn nur im Wissen um die Vielfältigkeit der Belastungen und Zusammenhänge liegt die
Chance der Handlungsfähigkeit.
Nur handlungsfähige, aktive und mündige Beschäftigte können wieder Visionen
entwickeln, eine grundsätzliche Voraussetzung für die Motivation, auch und gerade
gewerkschaftlich, aktiv zu werden.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social hat in seiner jetzigen Amtsperiode daher
diese Thematik unter dem Titel ‚Beruf und Berufung’ zum Schwerpunkt seiner Arbeit
gesetzt.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social nimmt bewusst dabei Abstand von einer
weiteren allgemeinen politischen Einschätzung und Stellungnahme zu den Missständen
im Gesundheits- und Sozialbereich, sondern konzentriert sich auf die Handlungsfelder, in
denen diese Thematik als Prozess vorangetrieben werden kann.




Johannes Reiter                       pmoö                PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck
reiter.family@utanet.at   Zentral- und Ang. Betriebsrat                         reiterj@promenteooe.at
0676-9189789                 Köglstr. 19 - 4020 Linz                   07672-21410-12 / Fax-DW -90
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SCHRITTE
Der Gesundheits- und Sozialbereich steht vor tief greifenden Veränderungen.
Die Bewertung und Finanzierung der Leistungen in diesem Bereich orientieren sich in
erster Linie an betriebswirtschaftlichen und damit rein monetären Gesichtspunkten.
Die daraus folgende Abhängigkeit aller anderen Kriterien davon wird noch viele
Beschäftigte in mehr oder minder große Schwierigkeiten bringen.
Zum steigenden Bedarf werden die Ressourcen nicht mehr in ausreichendem Maße
erhöht.
Die Arbeitsbedingungen werden dadurch schwieriger werden.
Die Versorgung der Unterstützungsbedürftigen wird sich insgesamt verschlechtern. Der
immer lauter werdende Vorwurf der Ineffizienz in den Versorgungsleistungen wird die
Beschäftigten weiter unter Druck setzen.
Individuelle Strategien, den Vorwürfen und dem Druck stand zu halten, führen meist nur
in die Überforderung mit der Gefahr des Burnouts.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social möchte diesen Veränderungen Schritte
entgegen setzen.
Als Teil der Interessengemeinschaft der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich
konzentriert sich der Regionalausschuss OÖ der IG work@social dabei auf die
Handlungskompetenz der Beschäftigten.
Bisher haben wir alle gehofft, dass die politisch Verantwortlichen (sei es Regierungen,
Beamtenapparate, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Berufsverbände etc.) diese
Entwicklungen erkennen und geeignete Strategien entgegensetzen.
Diese Hoffnung wird bitter enttäuscht. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass diesen
politischen Akteuren auf allen Seiten das Handlungsfeld nicht überlassen werden kann.
Sie werden es für uns nicht richten.
Die Beschäftigten müssen sich als die ErbringerInnen der Leistungen und damit als die
eigentlichen Profis zur Bewertung des Leistungsbedarfs selbst zu Wort melden und aktiv
einmischen.
Dies ist schneller gesagt als getan.
Als Ziel im ersten und wichtigsten Schritt auf diesem Weg hat der Regionalausschuss OÖ
der IG work@social die Bewusstseinsbildung bei den Beschäftigten des Gesundheits- und
Sozialbereichs zu dieser Thematik ins Auge gefasst.
Mit dem Blick auf Bewusstseinsbildung und Handlungsfähigkeit der Beschäftigten hat der
Regionalausschuss OÖ der IG work@social dazu relevante Fragestellungen und Thesen
erarbeit, die im folgenden Papier vorgestellt werden.
Ziel dabei ist es, die Beschäftigten zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung damit
anzuregen und darüber mit ihnen in Folge in Diskussion zu treten, Ergebnisse zu
sammeln und daraus weitere Schritte zu planen.
Öffentliche Diskussionen, Veranstaltungen und Aktionen in Folge werden dadurch erst in
zweiter Linie als Ziel gesehen.
Zielgruppe dieses Prozesses sind damit die Beschäftigten.
Als Multiplikatoren sieht der Regionalausschuss OÖ der IG work@social die Betriebsräte
als das Vertretungsorgan der Beschäftigten und die Gewerkschaft, mit ihren Organen wie
WB, SekretärInnen, Öffentlichkeitsarbeit etc.

Zuerst allerdings wendet sich der Regionalausschuss OÖ der IG work@social mit diesem
Konzept- und Thesenpapier an den Wirtschaftsbereich 17 und 19 der GPA-DJP als
gewerkschaftliches Vertretungsorgan.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social fordert hiermit den WB 17/19 auf, sich
mit diesen Thesen zu beschäftigen und eine Strategie zu entwickeln, wie diese Thematik
für und in den Betriebsräten aufbereitet werden kann mit dem Ziel, eine flächendeckende
Diskussion in den MitarbeiterInnenschaften zu initiieren.




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THEMEN, FRAGESTELLUNGEN, THESEN

Grundsätzlicher Widerspruch
Die soziale Tätigkeit besteht im Grunde aus Unterstützungsleistung jeglicher Art für
andere in irgendeiner Weise beeinträchtigte Menschen.
Um den Anforderungen dabei bestehen zu können, bedarf es einer gewissen
grundsätzlichen inneren Haltung.
Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social geht dabei von einer grundsätzlichen
altruistischen Prägung aus und fasst die unterschiedlichen Aspekte dieser Haltung hier
mit dem Begriff Berufung zusammen.
Altruismus definiert sich als Denk- und Handlungsweise, die von Rücksicht auf andere
gekennzeichnet ist. (vgl. DUDEN)
Die arbeitsvertragliche Bindung an einen Arbeitgeber stellt allerdings eine ganz andere
Anforderung für die Beschäftigten dar. Es gilt mit den verschiedensten Aufträgen und
Anforderungen durch den Arbeitgeber klar zu kommen, zu denen meist kein
Verhandlungsspielraum mehr besteht. Gesetze legen den Rahmen fest, in dem sich die
Akteure (Beschäftigte und Arbeitgeber) bewegen können.
Zur Beschreibung dieses Anteils eines Arbeitsplatzes ist die Begrifflichkeit abhängige
Lohnarbeit mit Fremdbestimmung über die Arbeitskraft geprägt worden, in der Gesetze
oftmals den einzigen Schutz vor Überlastung, Ausnutzung etc. – sprich Ausbeutung –
bieten.
Ein weiterer Anteil eines Arbeitsplatzes stellen dessen Zugangsbedingungen (u. a.
Ausbildungen, Qualifikationen) dar.
Der Begriff Beruf fasst beide Anteile eines Arbeitsplatzes zusammen und wird zudem als
persönliches Merkmal der TrägerIn des Arbeitsplatzes begriffen und so soll er hier auch
benutzt werden.
Der soziale Bereich hat es somit bei der Betrachtung von Arbeitsverhältnissen mit zwei
ganz unterschiedlichen Wirkungsfeldern zu tun:
        die Berufung als unverzichtbares Element im sozialen Arbeitsfeld
        und der Beruf als Zusammenfassung der Bedingungen des Arbeitsplatzes
Die einzelne Arbeitskraft ist beiden Wirkungsfeldern in der Realität ausgesetzt, was einen
grundsätzlichen Widerspruch aufwirft.
Eine altruistische Grundhaltung steht generell einer reinen funktionalen Betrachtung der
Arbeitsplätze (damit seien die soziologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen,
rechtlichen Aspekte zusammengefasst) im Wege und umgekehrt.

Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social möchte sich im Folgenden einzelnen
Aspekten und Auswirkungen dieses grundsätzlichen Widerspruchs auf die einzelne
Arbeitskraft mit Thesen widmen.

Persönlichkeitsmerkmal
Die grundsätzlich altruistisch geprägte Grundhaltung wird meist zu vereinfacht
individualisiert und als Helfersyndrom bezeichnet.
Ohne Differenzierung des Helfersyndroms wird damit diese Grundhaltung allzu oft in
ungerechtfertigter Weise schlecht geredet, oft genug wird damit aber auch in richtiger
Weise pathologische Folgeerscheinungen beschrieben.

Haftungsrecht
Fragen der Haftung werden zu oft als nicht relevant und nachrangig angesehen, da in der
subjektiven Wahrnehmung die Versorgung und/oder Beziehung zum Klient darunter
leiden würde. Zu wenige Ressourcen verschärfen den risikohaften Umgang mit dieser
Fragestellung.




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Beziehungsebene
Die geforderte Beziehung zum Unterstützungsbedürftigen wird von den Betreuenden zu
oft in familiärer Qualität definiert.
Ohne Reflexion und Differenzierung der Beziehung BetreuerIn zu KlientIn entstehen darin
Abhängigkeiten, die sich immer mehr von den professionellen Anforderungen entfernen.
Zudem überträgt sich dies zu oft dann auf die Struktur der Personalzusammenarbeit (z.
B. der Teams).
In der Unreflektiertheit über andere Möglichkeiten werden immer wieder familiäre
Kriterien bewusst als Grundlage der Zusammenarbeit definiert.
Persönliche, familiär anmutende Abneigungen lösen dabei oft genug als
Entscheidungskriterien arbeitsrechtliche Grundsätze ab.

Frauenarbeit
Die oben angesprochene Nähe zum familiären Kontext in den Unterstützungsleistungen
und die hohe Anzahl von Frauen in den sozialen Berufen birgt eine enorme Brisanz.
Die traditionelle Definition der Rolle der Frauen im Familienverband, Trägerin der
Versorgungsleistung zu sein, hat nach wie vor hohe Aktualität.
Es wird zudem immer offener versucht, damit professionelle Unterstützungsleistungen
gleichzusetzen, was Abwertung, Diffamierung (Verleumdung) und Missachtung in
mehrere Richtungen bedeutet.
In wie weit dies aber auf das unausgesprochene Einverständnis vieler im Gesundheits-
und Sozialbereich Tätige trifft, aus welchen Gründen auch immer, wird weder offen
ausgesprochen, noch kritisch intern beleuchtet, noch zum Anlass genommen, darüber
öffentlich zu diskutieren. So bleibt es auch verborgen, welche Folgen dies zusätzlich bei
den Beschäftigten hervorruft.

Differenzierung der Berufsbilder
Es entstehen immer mehr Berufsgruppen im sozialen Betätigungsfeld.
Die Berufsbilder differenzieren sich dabei immer mehr anhand unterschiedlicher
Überlegungen.
Die Forschungsergebnisse in den Fachdisziplinen zu den höherwertigen Berufen bilden
einen Bereich der Überlegungen ab.
Ein anderer Bereich rührt noch aus der Zeit der Industrialisierung her. Damals war die
Teilung der Produktion in immer differenziertere einzelne Arbeitsschritte der Weg zum
Erfolg der industriellen Massenproduktion.
Diese Denkweise wird nun auf Tätigkeiten für den Menschen im sozialen Feld 1:1
übertragen.
So bekommen die Sichtweisen der wissenschaftlich fundierten Spezialisierung und der
produktiven Arbeitsteilung ein Übergewicht.
Diese Sichtweisen sind zu sehr rein mechanisch, im Sinne der Optimierung von Abläufen,
orientiert.
Gleichzeitig wird Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen als immer wichtiger angesehen,
sie wird u. a. immer mehr zu einer rechtlichen Fragestellung des Berufschutzes, der
Haftung und Bezahlung, bei Ressourcenverknappung auch zur Frage der Konkurrenz.
Ethische und humanistische (den Menschen gerecht werdende) Überlegungen zum
generellen Ziel einer sozialen Tätigkeit spielen bei diesen Entwicklungen immer weniger
eine Rolle.
Nur noch in den Absichterklärungen und Rechtfertigungen zu diesen Differenzierungen -
alles nur für den Mensch - finden solche Überlegungen Platz.
Damit wird der Mensch zum Objekt degradiert. Die in den Naturwissenschaften
favorisierte Sichtweise, Ergebnisse unabhängig vom Zufallsfaktor Individuum erzielen zu
müssen, greift immer mehr um sich.




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Sie steht im krassen Widerspruch zum eigentlichen Sinn ein jeder sozialen Tätigkeit:
bedürftigen Menschen, ihre ganz eigene individuelle Teilhabe an allen gesellschaftlichen
Bereichen und Vorgängen wieder zu ermöglichen.


Ganzheitlichkeit
Soziales Umfeld, Entwicklung und Sozialisation, Art der Beeinträchtigung, Ausmaß des
Unterstützungsbedarfs, Auswirkung dabei auf die verschiedenen Lebens- und
Persönlichkeitsbereiche, Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben untereinander
Wechselwirkung. Diese Wechselwirkung gilt es in der Ausgestaltung der
Unterstützungsleistung zu erheben, zu berücksichtigen und einzuarbeiten.
Personenorientierung und Ganzheitlichkeit werden in dieser, ihrer bisherigen
ursprünglichen Bedeutung immer weniger anwendbar.
Diese Sichtweise von Ganzheitlichkeit gerät immer mehr an die Abgrenzungen der
Berufsfelder untereinander und stößt auf Widerspruch zu den Spezialisierungen in den
Berufsfeldern selbst.
In diesen spezialisierten Tätigkeiten wird allein die umfassende Sorge um das
Wohlbefinden der zu Betreuenden als neue Ganzheitlichkeit definiert.
Zu oft verkommt dabei die Versorgung in den Kategorien warm, satt, sauber zum Ziel
der sozialen Tätigkeit, mit der Zufriedenheit der zu Betreuenden in diesen Kategorien als
Bewertungskriterium.

Abhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung
Voranzustellen ist hier die Feststellung, dass es in diesem Absatz um sehr unbewusste
Prozesse bei den sozial Tätigen geht. Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz
Unabsichtlichkeit solche Vorgänge passieren und sie deswegen nicht weniger dringend
verhindert werden müssen.
Dazu gilt es zu aller erst, sich diese bewusst zu machen.
Die Veränderungen in den Sichtweisen zum Unterstützungsprozess, Versorgung statt
ganzheitlicher Personenorientierung, begünstigen die Entstehung neuer Abhängigkeiten
enorm.
Die Rede ist hier von zusätzlich entstehender Abhängigkeit der zu Unterstützenden von
den sozial Tätigen, die nicht schon aufgrund der Beeinträchtigung vorhanden ist.
Wie weit fortgeschritten Abhängigkeit in der Realität schon ist, in wie weit diese
Abhängigkeit ‚missbraucht’ wird, persönliche Erfolge (‚die Versorgung funktioniert
tadellos’) in der Arbeit zu definieren, wird zu wenig kritisch hinterfragt, oft genug wird
diese Frage im Arbeitsalltag völlig ausgeblendet.
Ebenso wenig kritisch wird beleuchtet, ob und wie weit Eigenständigkeit der zu
Unterstützenden verhindert wird, ob und wie weit das Ausmaß der
Unterstützungsleistung definiert wird, um die Abhängigkeit von Professionellen zu
erhalten. Zudem wird die Gefahr übersehen, die Abhängigkeit als Mittel einzusetzen, sich
die Zufriedenheit der Beeinträchtigten zu sichern.
Es sei hier nochmals nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hier um
Beschreibung von unbewussten Prozessen handelt.
Diese haben allerdings einen gemeinsamen Nenner, der ‚System Familie’ heißt.
In einer Familie sind diese Abhängigkeiten und Folgeerscheinungen naturgemäße
Prozesse, die allerdings einen natürlichen Verlauf aus der Abhängigkeit heraus und später
mit zunehmendem Alter wieder in die Abhängigkeit hinein nehmen.
Ein weiterer unbewusster Vorgang durch Nähe zum System Familie soll nicht unerwähnt
bleiben.
Es sei erinnert an die oben beschriebene Veränderung in der Sichtweise zur
Ganzheitlichkeit (als umfassende Sorge für und um die zu Betreuenden) und an die
Versuche, professioneller Betreuung aus der traditionellen Rolle der Frau im
Familiensystem heraus zu definieren.

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Diese traditionelle Versorgungsrolle als Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung im
professionellen Rahmen zu definieren und damit überhaupt einer kritischen Beleuchtung
zu entziehen, ist eine nicht zu unterschätzende Verführung, der nicht wenige ohne
kritische Reflexion unterliegen. Sie wird als Fragestellung im Alltag oft genug völlig
ausgeblendet.

Mitbestimmung
Extramurale Betreuung im sozialen Kontext bedeutet oftmals kleine
Versorgungseinheiten mit sehr wenig Personal, in denen viele Dienstgeberaufgaben an
die abhängig Beschäftigten delegiert werden.
Die Gefahr, der Illusion von echter Mitbestimmung und autonomer Gestaltung und
gleichzeitig der Verführung der Macht zu unterliegen, ist gerade in einer altruistischen
Grundhaltung sehr groß – alles für die zu Betreuenden.
So ist es nicht verwunderlich, dass viele Missstände und Ressourcenmangel aus einer
völlig falsch interpretierten Verantwortung heraus kompensiert werden und damit nicht
direkt sichtbar werden.

Ressourcen
Die Ressourcenfrage soll hier nicht ausgeklammert werden.
Allerdings steht diese im engen Zusammenhang mit der generellen Haltung der
Beschäftigten. Solange es aus der leidigen Verführung des familiären Kontextes heraus
nicht gelingt, die Beschäftigten zu einer Haltung der abhängigen Lohnarbeiter
(Arbeitskraft und Arbeitszeit zur Verfügung stellen und dafür Gehalt kassieren) zu
emanzipieren, solange werden sie eben auch den anderen Verführung dieses Systems
unterliegen.
So z. B. die Arbeitgeber als ‚arme’ Erfüllungssklaven, als ‚abhängige’ Durchlaufstation zur
Verteilung der finanziellen Ressourcen zu sehen und sich im Verhalten zum Arbeitgeber
und den KollegInnen den unbewussten Mechanismen aus den Elternabhängigkeiten zu
bedienen (Konkurrenz zu den Geschwistern, Zuneigungsbeweise an die Eltern etc.), statt
unbequem auf die notwendigen professionellen Standards zu bestehen.

Die Diskussion über Ressourcen ohne Bewältigung der zugrunde liegenden
Schwierigkeiten, wie oben in Thesen angeführt, wird weiter im Kreislauf des Jammerns
bleiben, in dem schon viele stecken.

Sollte sich allerdings ein Prozess entwickeln, so wie vom Regionalausschuss OÖ der IG
work@social angedacht und skizziert ist, wird die Auseinandersetzung über die
Ressourcen einen qualitativ völlig anderen Verlauf mit ganz anderen
Handlungsmöglichkeiten und Ergebnissen nehmen können.




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ZUSAMMENFASSUNG
Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist ein Diskussionsprozess über die Bedingungen der
Gesundheits- und sozialen Versorgung der Menschen überfällig.
Veränderungen sind dringend notwendig. Wir sind uns einig.
Scheinbar!
Die Politik ist eben nur scheinbar die erste Zieladresse.

Die politischen und gesellschaftlichen EntscheidungsträgerInnen haben seit längerer Zeit
kein Interesse mehr an Veränderungen ihrer Grundsätze (rein betriebswirtschaftlich,
leistungsorientiert, mit stiller Versorgung in Abhängigkeit für die, die nicht mithalten
können, nach Maastrichter Kriterien die Gesellschaft umbauen) auch wenn sie noch so
sehr im Widerspruch zu humanistischen, ethischen und sozialen Zielen des menschlichen
Miteinander stehen.
So darf es nicht verwundern, dass die gesellschaftlichen EntscheidungsträgerInnen
solange von einem scheinbaren Einverständnis zu dieser Politik ausgehen, solange sich
nicht die Betroffenen dieser Politik aktiv in die gesellschaftlichen Prozesse einmischen.
Solange wird sich auch nichts verändern.

Es hat sich mittlerweile zur Genüge als Illusion herausgestellt, dass die politischen
EntscheidungsträgerInnen die tatsächlichen Interessen der Menschen wahrnehmen und
vertreten würden, die Bedarf an Unterstützung haben (in unserem Sprachgebrauch
unsere KlientInnen, PatientInnen).
Hierbei handelt es sich um eine Gruppe der Betroffen von oben skizzierter Politik, die
aber nicht Zielgruppe der Interessensgemeinschaft work@social ist.

Die andere Gruppe im sozialen Betätigungsfeld, die LeistungserbringerInnen (die
abhängig Beschäftigten, die Zielgruppe der Gewerkschaft und der Betriebsräte) ist mit
einer weiteren Illusion konfrontiert, die Illusion, dass ihre Arbeitgeber ihre
Interessenvertretung sei.
Hier geschieht Verrat und Missbrauch („es sind nicht mehr Ressourcen vorhanden, aber
die ‚armen’ KlientInnen, die immer mehr werden, müssen doch versorgt werden“) im
großen Stil.
Gleichzeitig müssen die abhängig Beschäftigten mühsam zur Kenntnis nehmen, dass sie
von ihren eigentlichen Interessensvertretungen, Gewerkschaft und Betriebsrat, auch
nicht ihren Bedürfnissen angemessen wahrgenommen werden. Oder anders formuliert
nicht so betreut werden, wie sie als zuständige BetreuerInnen für ihre KlientInnen und
PatientInnen handeln.
Die Stellvertretungsarbeit in ihrer bisherigen Ausprägung, ist damit eigentlich auf allen
Ebenen zum Stillstand gekommen.
Die bisherige, überspitzt formuliert, bedingungslose, auf dem Mechanismus des
Gehorsams aufgebaute Vertretungsarbeit wird immer weniger akzeptiert.
Sie wird immer mehr hinterfragt, aber bedingt durch die Unbeweglichkeit in den
Funktionen, gibt es bisher noch keine adäquaten Antworten aus den Reihen der
Interessensvertretung.
Wir als Teil der Interessensvertretung sind mit dem Produkt unserer eigenen
unreflektierten Machtausübung konfrontiert. Wir haben lange Zeit von der Unmündigkeit
der zu Vertretenden profitiert.
Diese sehen darin kein Vorteil mehr.
Die Möglichkeit von individuellen Lösungen birgt momentan mehr Verführungskraft in
sich und wird von der Seite der Machthaber skrupellos ausgenutzt.
So liegt nun auch eine Zeit der Information, Aufklärung, Transparenz,
Auseinandersetzung, Reflexion und Aktivierung der Menschen als mündige Bürger vor
uns.
Nutzen wir die Zeit!

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  • 1. KONZEPTENTWURF Seite 1 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 Beruf – Berufung: Ein Feld voller Widersprüche EINFÜHRUNG Der Unterstützungsbedarf im Gesundheits- und Sozialbereich erhöht sich ständig. Es wird immer mehr Menschen bekannt, welche Unterstützungsleistungen möglich sind. Die Forderung nach umfassender Versorgung, professionell in und außerhalb der Familien, wird lauter. Der Druck, dass die erbrachten Leistungen einer gerichtlichen Überprüfung nach dem Grundsatz state of the art (Stand der Technik/Wissenschaft) standhalten müssen, wird größer und öffentlicher. Im direkten Zusammenhang mit diesen Entwicklungen wird der Gesundheits- und Sozialbereich mehr denn je unter Druck gesetzt, Personalkosten zu reduzieren. Politisch (Landes- und Parteipolitik, Vereine, Betriebsräte, Gewerkschaft, etc.) finden seit längerem dazu die unterschiedlichsten Aktivitäten statt und sie haben Veränderungsprozesse dazu in Gang gesetzt. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social stellt fest, dass die Beschäftigten in diesen Prozessen individuellen Auswirkungen und Folgeerscheinungen durch diese Veränderungen ausgesetzt sind und dass gerade die individuelle politische Handlungsfähigkeit der Beschäftigten darunter leidet. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social stellt allerdings auch fest, dass diesem Thema bisher sehr wenig, zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social sieht die Notwendigkeit, diesen Bereich der Auswirkungen einer genaueren Analyse zu unterziehen und sich damit ausführlicher zu beschäftigen. Die Beschäftigten in diesem Bereich fühlen sich den Entwicklungen mehr oder minder hilflos ausgeliefert, betriebliche Unterstützungen fehlen gänzlich, oder werden eingeschränkt, es bleibt nur noch der Rückzug in die individuellen Bewältigungsstrategien, die zu oft in Erkrankungen enden. Die Vielfalt der Berufe im Gesundheits- und Sozialbereich verschärft zusätzlich die Individualisierung. Es geschehen immer mehr Abgrenzungen zwischen den einzelnen Berufsgruppen, es wird versucht, immer mehr Aufgaben zu delegieren. Damit wird Druck weitergegeben und es etabliert sich eine immer größere, vertikale, hierarchische Aufteilung des Unterstützungsbedarfs. Damit geht eine weitere Aufsplittung der Leistungen einher mit weit reichenden Folgen für die zu Unterstützenden. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social misst diesem Bereich einen grundsätzlichen und damit wichtigen Stellenwert zu in den politischen Strategien und Kämpfen um bessere Bedingungen. Denn nur im Wissen um die Vielfältigkeit der Belastungen und Zusammenhänge liegt die Chance der Handlungsfähigkeit. Nur handlungsfähige, aktive und mündige Beschäftigte können wieder Visionen entwickeln, eine grundsätzliche Voraussetzung für die Motivation, auch und gerade gewerkschaftlich, aktiv zu werden. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social hat in seiner jetzigen Amtsperiode daher diese Thematik unter dem Titel ‚Beruf und Berufung’ zum Schwerpunkt seiner Arbeit gesetzt. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social nimmt bewusst dabei Abstand von einer weiteren allgemeinen politischen Einschätzung und Stellungnahme zu den Missständen im Gesundheits- und Sozialbereich, sondern konzentriert sich auf die Handlungsfelder, in denen diese Thematik als Prozess vorangetrieben werden kann. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 2. KONZEPTENTWURF Seite 2 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 SCHRITTE Der Gesundheits- und Sozialbereich steht vor tief greifenden Veränderungen. Die Bewertung und Finanzierung der Leistungen in diesem Bereich orientieren sich in erster Linie an betriebswirtschaftlichen und damit rein monetären Gesichtspunkten. Die daraus folgende Abhängigkeit aller anderen Kriterien davon wird noch viele Beschäftigte in mehr oder minder große Schwierigkeiten bringen. Zum steigenden Bedarf werden die Ressourcen nicht mehr in ausreichendem Maße erhöht. Die Arbeitsbedingungen werden dadurch schwieriger werden. Die Versorgung der Unterstützungsbedürftigen wird sich insgesamt verschlechtern. Der immer lauter werdende Vorwurf der Ineffizienz in den Versorgungsleistungen wird die Beschäftigten weiter unter Druck setzen. Individuelle Strategien, den Vorwürfen und dem Druck stand zu halten, führen meist nur in die Überforderung mit der Gefahr des Burnouts. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social möchte diesen Veränderungen Schritte entgegen setzen. Als Teil der Interessengemeinschaft der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich konzentriert sich der Regionalausschuss OÖ der IG work@social dabei auf die Handlungskompetenz der Beschäftigten. Bisher haben wir alle gehofft, dass die politisch Verantwortlichen (sei es Regierungen, Beamtenapparate, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Berufsverbände etc.) diese Entwicklungen erkennen und geeignete Strategien entgegensetzen. Diese Hoffnung wird bitter enttäuscht. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass diesen politischen Akteuren auf allen Seiten das Handlungsfeld nicht überlassen werden kann. Sie werden es für uns nicht richten. Die Beschäftigten müssen sich als die ErbringerInnen der Leistungen und damit als die eigentlichen Profis zur Bewertung des Leistungsbedarfs selbst zu Wort melden und aktiv einmischen. Dies ist schneller gesagt als getan. Als Ziel im ersten und wichtigsten Schritt auf diesem Weg hat der Regionalausschuss OÖ der IG work@social die Bewusstseinsbildung bei den Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialbereichs zu dieser Thematik ins Auge gefasst. Mit dem Blick auf Bewusstseinsbildung und Handlungsfähigkeit der Beschäftigten hat der Regionalausschuss OÖ der IG work@social dazu relevante Fragestellungen und Thesen erarbeit, die im folgenden Papier vorgestellt werden. Ziel dabei ist es, die Beschäftigten zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung damit anzuregen und darüber mit ihnen in Folge in Diskussion zu treten, Ergebnisse zu sammeln und daraus weitere Schritte zu planen. Öffentliche Diskussionen, Veranstaltungen und Aktionen in Folge werden dadurch erst in zweiter Linie als Ziel gesehen. Zielgruppe dieses Prozesses sind damit die Beschäftigten. Als Multiplikatoren sieht der Regionalausschuss OÖ der IG work@social die Betriebsräte als das Vertretungsorgan der Beschäftigten und die Gewerkschaft, mit ihren Organen wie WB, SekretärInnen, Öffentlichkeitsarbeit etc. Zuerst allerdings wendet sich der Regionalausschuss OÖ der IG work@social mit diesem Konzept- und Thesenpapier an den Wirtschaftsbereich 17 und 19 der GPA-DJP als gewerkschaftliches Vertretungsorgan. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social fordert hiermit den WB 17/19 auf, sich mit diesen Thesen zu beschäftigen und eine Strategie zu entwickeln, wie diese Thematik für und in den Betriebsräten aufbereitet werden kann mit dem Ziel, eine flächendeckende Diskussion in den MitarbeiterInnenschaften zu initiieren. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 3. KONZEPTENTWURF Seite 3 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 THEMEN, FRAGESTELLUNGEN, THESEN Grundsätzlicher Widerspruch Die soziale Tätigkeit besteht im Grunde aus Unterstützungsleistung jeglicher Art für andere in irgendeiner Weise beeinträchtigte Menschen. Um den Anforderungen dabei bestehen zu können, bedarf es einer gewissen grundsätzlichen inneren Haltung. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social geht dabei von einer grundsätzlichen altruistischen Prägung aus und fasst die unterschiedlichen Aspekte dieser Haltung hier mit dem Begriff Berufung zusammen. Altruismus definiert sich als Denk- und Handlungsweise, die von Rücksicht auf andere gekennzeichnet ist. (vgl. DUDEN) Die arbeitsvertragliche Bindung an einen Arbeitgeber stellt allerdings eine ganz andere Anforderung für die Beschäftigten dar. Es gilt mit den verschiedensten Aufträgen und Anforderungen durch den Arbeitgeber klar zu kommen, zu denen meist kein Verhandlungsspielraum mehr besteht. Gesetze legen den Rahmen fest, in dem sich die Akteure (Beschäftigte und Arbeitgeber) bewegen können. Zur Beschreibung dieses Anteils eines Arbeitsplatzes ist die Begrifflichkeit abhängige Lohnarbeit mit Fremdbestimmung über die Arbeitskraft geprägt worden, in der Gesetze oftmals den einzigen Schutz vor Überlastung, Ausnutzung etc. – sprich Ausbeutung – bieten. Ein weiterer Anteil eines Arbeitsplatzes stellen dessen Zugangsbedingungen (u. a. Ausbildungen, Qualifikationen) dar. Der Begriff Beruf fasst beide Anteile eines Arbeitsplatzes zusammen und wird zudem als persönliches Merkmal der TrägerIn des Arbeitsplatzes begriffen und so soll er hier auch benutzt werden. Der soziale Bereich hat es somit bei der Betrachtung von Arbeitsverhältnissen mit zwei ganz unterschiedlichen Wirkungsfeldern zu tun: die Berufung als unverzichtbares Element im sozialen Arbeitsfeld und der Beruf als Zusammenfassung der Bedingungen des Arbeitsplatzes Die einzelne Arbeitskraft ist beiden Wirkungsfeldern in der Realität ausgesetzt, was einen grundsätzlichen Widerspruch aufwirft. Eine altruistische Grundhaltung steht generell einer reinen funktionalen Betrachtung der Arbeitsplätze (damit seien die soziologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen Aspekte zusammengefasst) im Wege und umgekehrt. Der Regionalausschuss OÖ der IG work@social möchte sich im Folgenden einzelnen Aspekten und Auswirkungen dieses grundsätzlichen Widerspruchs auf die einzelne Arbeitskraft mit Thesen widmen. Persönlichkeitsmerkmal Die grundsätzlich altruistisch geprägte Grundhaltung wird meist zu vereinfacht individualisiert und als Helfersyndrom bezeichnet. Ohne Differenzierung des Helfersyndroms wird damit diese Grundhaltung allzu oft in ungerechtfertigter Weise schlecht geredet, oft genug wird damit aber auch in richtiger Weise pathologische Folgeerscheinungen beschrieben. Haftungsrecht Fragen der Haftung werden zu oft als nicht relevant und nachrangig angesehen, da in der subjektiven Wahrnehmung die Versorgung und/oder Beziehung zum Klient darunter leiden würde. Zu wenige Ressourcen verschärfen den risikohaften Umgang mit dieser Fragestellung. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 4. KONZEPTENTWURF Seite 4 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 Beziehungsebene Die geforderte Beziehung zum Unterstützungsbedürftigen wird von den Betreuenden zu oft in familiärer Qualität definiert. Ohne Reflexion und Differenzierung der Beziehung BetreuerIn zu KlientIn entstehen darin Abhängigkeiten, die sich immer mehr von den professionellen Anforderungen entfernen. Zudem überträgt sich dies zu oft dann auf die Struktur der Personalzusammenarbeit (z. B. der Teams). In der Unreflektiertheit über andere Möglichkeiten werden immer wieder familiäre Kriterien bewusst als Grundlage der Zusammenarbeit definiert. Persönliche, familiär anmutende Abneigungen lösen dabei oft genug als Entscheidungskriterien arbeitsrechtliche Grundsätze ab. Frauenarbeit Die oben angesprochene Nähe zum familiären Kontext in den Unterstützungsleistungen und die hohe Anzahl von Frauen in den sozialen Berufen birgt eine enorme Brisanz. Die traditionelle Definition der Rolle der Frauen im Familienverband, Trägerin der Versorgungsleistung zu sein, hat nach wie vor hohe Aktualität. Es wird zudem immer offener versucht, damit professionelle Unterstützungsleistungen gleichzusetzen, was Abwertung, Diffamierung (Verleumdung) und Missachtung in mehrere Richtungen bedeutet. In wie weit dies aber auf das unausgesprochene Einverständnis vieler im Gesundheits- und Sozialbereich Tätige trifft, aus welchen Gründen auch immer, wird weder offen ausgesprochen, noch kritisch intern beleuchtet, noch zum Anlass genommen, darüber öffentlich zu diskutieren. So bleibt es auch verborgen, welche Folgen dies zusätzlich bei den Beschäftigten hervorruft. Differenzierung der Berufsbilder Es entstehen immer mehr Berufsgruppen im sozialen Betätigungsfeld. Die Berufsbilder differenzieren sich dabei immer mehr anhand unterschiedlicher Überlegungen. Die Forschungsergebnisse in den Fachdisziplinen zu den höherwertigen Berufen bilden einen Bereich der Überlegungen ab. Ein anderer Bereich rührt noch aus der Zeit der Industrialisierung her. Damals war die Teilung der Produktion in immer differenziertere einzelne Arbeitsschritte der Weg zum Erfolg der industriellen Massenproduktion. Diese Denkweise wird nun auf Tätigkeiten für den Menschen im sozialen Feld 1:1 übertragen. So bekommen die Sichtweisen der wissenschaftlich fundierten Spezialisierung und der produktiven Arbeitsteilung ein Übergewicht. Diese Sichtweisen sind zu sehr rein mechanisch, im Sinne der Optimierung von Abläufen, orientiert. Gleichzeitig wird Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen als immer wichtiger angesehen, sie wird u. a. immer mehr zu einer rechtlichen Fragestellung des Berufschutzes, der Haftung und Bezahlung, bei Ressourcenverknappung auch zur Frage der Konkurrenz. Ethische und humanistische (den Menschen gerecht werdende) Überlegungen zum generellen Ziel einer sozialen Tätigkeit spielen bei diesen Entwicklungen immer weniger eine Rolle. Nur noch in den Absichterklärungen und Rechtfertigungen zu diesen Differenzierungen - alles nur für den Mensch - finden solche Überlegungen Platz. Damit wird der Mensch zum Objekt degradiert. Die in den Naturwissenschaften favorisierte Sichtweise, Ergebnisse unabhängig vom Zufallsfaktor Individuum erzielen zu müssen, greift immer mehr um sich. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 5. KONZEPTENTWURF Seite 5 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 Sie steht im krassen Widerspruch zum eigentlichen Sinn ein jeder sozialen Tätigkeit: bedürftigen Menschen, ihre ganz eigene individuelle Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen und Vorgängen wieder zu ermöglichen. Ganzheitlichkeit Soziales Umfeld, Entwicklung und Sozialisation, Art der Beeinträchtigung, Ausmaß des Unterstützungsbedarfs, Auswirkung dabei auf die verschiedenen Lebens- und Persönlichkeitsbereiche, Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben untereinander Wechselwirkung. Diese Wechselwirkung gilt es in der Ausgestaltung der Unterstützungsleistung zu erheben, zu berücksichtigen und einzuarbeiten. Personenorientierung und Ganzheitlichkeit werden in dieser, ihrer bisherigen ursprünglichen Bedeutung immer weniger anwendbar. Diese Sichtweise von Ganzheitlichkeit gerät immer mehr an die Abgrenzungen der Berufsfelder untereinander und stößt auf Widerspruch zu den Spezialisierungen in den Berufsfeldern selbst. In diesen spezialisierten Tätigkeiten wird allein die umfassende Sorge um das Wohlbefinden der zu Betreuenden als neue Ganzheitlichkeit definiert. Zu oft verkommt dabei die Versorgung in den Kategorien warm, satt, sauber zum Ziel der sozialen Tätigkeit, mit der Zufriedenheit der zu Betreuenden in diesen Kategorien als Bewertungskriterium. Abhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung Voranzustellen ist hier die Feststellung, dass es in diesem Absatz um sehr unbewusste Prozesse bei den sozial Tätigen geht. Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz Unabsichtlichkeit solche Vorgänge passieren und sie deswegen nicht weniger dringend verhindert werden müssen. Dazu gilt es zu aller erst, sich diese bewusst zu machen. Die Veränderungen in den Sichtweisen zum Unterstützungsprozess, Versorgung statt ganzheitlicher Personenorientierung, begünstigen die Entstehung neuer Abhängigkeiten enorm. Die Rede ist hier von zusätzlich entstehender Abhängigkeit der zu Unterstützenden von den sozial Tätigen, die nicht schon aufgrund der Beeinträchtigung vorhanden ist. Wie weit fortgeschritten Abhängigkeit in der Realität schon ist, in wie weit diese Abhängigkeit ‚missbraucht’ wird, persönliche Erfolge (‚die Versorgung funktioniert tadellos’) in der Arbeit zu definieren, wird zu wenig kritisch hinterfragt, oft genug wird diese Frage im Arbeitsalltag völlig ausgeblendet. Ebenso wenig kritisch wird beleuchtet, ob und wie weit Eigenständigkeit der zu Unterstützenden verhindert wird, ob und wie weit das Ausmaß der Unterstützungsleistung definiert wird, um die Abhängigkeit von Professionellen zu erhalten. Zudem wird die Gefahr übersehen, die Abhängigkeit als Mittel einzusetzen, sich die Zufriedenheit der Beeinträchtigten zu sichern. Es sei hier nochmals nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hier um Beschreibung von unbewussten Prozessen handelt. Diese haben allerdings einen gemeinsamen Nenner, der ‚System Familie’ heißt. In einer Familie sind diese Abhängigkeiten und Folgeerscheinungen naturgemäße Prozesse, die allerdings einen natürlichen Verlauf aus der Abhängigkeit heraus und später mit zunehmendem Alter wieder in die Abhängigkeit hinein nehmen. Ein weiterer unbewusster Vorgang durch Nähe zum System Familie soll nicht unerwähnt bleiben. Es sei erinnert an die oben beschriebene Veränderung in der Sichtweise zur Ganzheitlichkeit (als umfassende Sorge für und um die zu Betreuenden) und an die Versuche, professioneller Betreuung aus der traditionellen Rolle der Frau im Familiensystem heraus zu definieren. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 6. KONZEPTENTWURF Seite 6 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 Diese traditionelle Versorgungsrolle als Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung im professionellen Rahmen zu definieren und damit überhaupt einer kritischen Beleuchtung zu entziehen, ist eine nicht zu unterschätzende Verführung, der nicht wenige ohne kritische Reflexion unterliegen. Sie wird als Fragestellung im Alltag oft genug völlig ausgeblendet. Mitbestimmung Extramurale Betreuung im sozialen Kontext bedeutet oftmals kleine Versorgungseinheiten mit sehr wenig Personal, in denen viele Dienstgeberaufgaben an die abhängig Beschäftigten delegiert werden. Die Gefahr, der Illusion von echter Mitbestimmung und autonomer Gestaltung und gleichzeitig der Verführung der Macht zu unterliegen, ist gerade in einer altruistischen Grundhaltung sehr groß – alles für die zu Betreuenden. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Missstände und Ressourcenmangel aus einer völlig falsch interpretierten Verantwortung heraus kompensiert werden und damit nicht direkt sichtbar werden. Ressourcen Die Ressourcenfrage soll hier nicht ausgeklammert werden. Allerdings steht diese im engen Zusammenhang mit der generellen Haltung der Beschäftigten. Solange es aus der leidigen Verführung des familiären Kontextes heraus nicht gelingt, die Beschäftigten zu einer Haltung der abhängigen Lohnarbeiter (Arbeitskraft und Arbeitszeit zur Verfügung stellen und dafür Gehalt kassieren) zu emanzipieren, solange werden sie eben auch den anderen Verführung dieses Systems unterliegen. So z. B. die Arbeitgeber als ‚arme’ Erfüllungssklaven, als ‚abhängige’ Durchlaufstation zur Verteilung der finanziellen Ressourcen zu sehen und sich im Verhalten zum Arbeitgeber und den KollegInnen den unbewussten Mechanismen aus den Elternabhängigkeiten zu bedienen (Konkurrenz zu den Geschwistern, Zuneigungsbeweise an die Eltern etc.), statt unbequem auf die notwendigen professionellen Standards zu bestehen. Die Diskussion über Ressourcen ohne Bewältigung der zugrunde liegenden Schwierigkeiten, wie oben in Thesen angeführt, wird weiter im Kreislauf des Jammerns bleiben, in dem schon viele stecken. Sollte sich allerdings ein Prozess entwickeln, so wie vom Regionalausschuss OÖ der IG work@social angedacht und skizziert ist, wird die Auseinandersetzung über die Ressourcen einen qualitativ völlig anderen Verlauf mit ganz anderen Handlungsmöglichkeiten und Ergebnissen nehmen können. Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90
  • 7. KONZEPTENTWURF Seite 7 von 7 J. Reiter Beruf - Berufung reg. A. OÖ Ein Feld voller Widersprüche 28. April 2010 ZUSAMMENFASSUNG Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist ein Diskussionsprozess über die Bedingungen der Gesundheits- und sozialen Versorgung der Menschen überfällig. Veränderungen sind dringend notwendig. Wir sind uns einig. Scheinbar! Die Politik ist eben nur scheinbar die erste Zieladresse. Die politischen und gesellschaftlichen EntscheidungsträgerInnen haben seit längerer Zeit kein Interesse mehr an Veränderungen ihrer Grundsätze (rein betriebswirtschaftlich, leistungsorientiert, mit stiller Versorgung in Abhängigkeit für die, die nicht mithalten können, nach Maastrichter Kriterien die Gesellschaft umbauen) auch wenn sie noch so sehr im Widerspruch zu humanistischen, ethischen und sozialen Zielen des menschlichen Miteinander stehen. So darf es nicht verwundern, dass die gesellschaftlichen EntscheidungsträgerInnen solange von einem scheinbaren Einverständnis zu dieser Politik ausgehen, solange sich nicht die Betroffenen dieser Politik aktiv in die gesellschaftlichen Prozesse einmischen. Solange wird sich auch nichts verändern. Es hat sich mittlerweile zur Genüge als Illusion herausgestellt, dass die politischen EntscheidungsträgerInnen die tatsächlichen Interessen der Menschen wahrnehmen und vertreten würden, die Bedarf an Unterstützung haben (in unserem Sprachgebrauch unsere KlientInnen, PatientInnen). Hierbei handelt es sich um eine Gruppe der Betroffen von oben skizzierter Politik, die aber nicht Zielgruppe der Interessensgemeinschaft work@social ist. Die andere Gruppe im sozialen Betätigungsfeld, die LeistungserbringerInnen (die abhängig Beschäftigten, die Zielgruppe der Gewerkschaft und der Betriebsräte) ist mit einer weiteren Illusion konfrontiert, die Illusion, dass ihre Arbeitgeber ihre Interessenvertretung sei. Hier geschieht Verrat und Missbrauch („es sind nicht mehr Ressourcen vorhanden, aber die ‚armen’ KlientInnen, die immer mehr werden, müssen doch versorgt werden“) im großen Stil. Gleichzeitig müssen die abhängig Beschäftigten mühsam zur Kenntnis nehmen, dass sie von ihren eigentlichen Interessensvertretungen, Gewerkschaft und Betriebsrat, auch nicht ihren Bedürfnissen angemessen wahrgenommen werden. Oder anders formuliert nicht so betreut werden, wie sie als zuständige BetreuerInnen für ihre KlientInnen und PatientInnen handeln. Die Stellvertretungsarbeit in ihrer bisherigen Ausprägung, ist damit eigentlich auf allen Ebenen zum Stillstand gekommen. Die bisherige, überspitzt formuliert, bedingungslose, auf dem Mechanismus des Gehorsams aufgebaute Vertretungsarbeit wird immer weniger akzeptiert. Sie wird immer mehr hinterfragt, aber bedingt durch die Unbeweglichkeit in den Funktionen, gibt es bisher noch keine adäquaten Antworten aus den Reihen der Interessensvertretung. Wir als Teil der Interessensvertretung sind mit dem Produkt unserer eigenen unreflektierten Machtausübung konfrontiert. Wir haben lange Zeit von der Unmündigkeit der zu Vertretenden profitiert. Diese sehen darin kein Vorteil mehr. Die Möglichkeit von individuellen Lösungen birgt momentan mehr Verführungskraft in sich und wird von der Seite der Machthaber skrupellos ausgenutzt. So liegt nun auch eine Zeit der Information, Aufklärung, Transparenz, Auseinandersetzung, Reflexion und Aktivierung der Menschen als mündige Bürger vor uns. Nutzen wir die Zeit! Johannes Reiter pmoö PSB VB – Industriestr. 33 – 4840 Vöcklabruck reiter.family@utanet.at Zentral- und Ang. Betriebsrat reiterj@promenteooe.at 0676-9189789 Köglstr. 19 - 4020 Linz 07672-21410-12 / Fax-DW -90