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Wolfgang Haupt: Das "Siegerland-Orchester" in seinen Anfängen
                        1957 - 1963




                    Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein
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Inhaltverzeichnis
Inhaltverzeichnis                                                   3
Vorwort                                                             4
Autor                                                               7
Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende                          8
Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen"
Orchesters im Dezember 1957                                         12
Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958     17
Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "Künstlerischer
Oberleiter"                                                         26
Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas Ungar                         35
Die Ära Thomas Ungar                                                43
Erneute Krise                                                       52
Erneute Übergangszeit                                               56
Rolf Agop auch als Chef                                             63
Epilog                                                              68
Danksagung                                                          73
Quellenverzeichnis                                                  74
Verzeichnis der Fotos und Abbildungen                               76
Anmerkungen                                                         77
Liste der Mitglieder des "frühen" Siegerland-Orchesters             82




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Vorwort
Eigentlich soll man mit "ich" nicht beginnen, aber hier ist es ein Bekenntnis: ich war vom
August 1958 bis August 1960 dritter, stellvertretender erster Flötist, danach bis August
1963 Solo-Flötist des damals "Siegerland-Orchester" genannten Orchesters in
Hilchenbach.
In dieser Zeit habe ich noch die zuende gehende "Orchesterschule" erlebt, zu der zwar
schon immer ein Orchester gehört hatte, aus der heraus aber seit Oktober 1957 das
"Siegerland-Orchester" seinen selbstständigen Weg einschlug. Im Jahr 2007 wurde
deshalb das 50jährige Jubiläum des Orchesters gefeiert.
Und habe 1963 noch die Anfänge jener Zeit erlebt, in der der künftige Weg des
Orchesters nicht mehr (wie bisher) von der Idee eines reinen "Nachwuchs-Orchesters"
(also mit Altersbeschränkungen usw.) bestimmt war, sondern von der Arbeit eines ganz
normalen "Berufsorchesters" - wie es noch heute ist.
Es war die Zeit der Chefdirigenten Peter Richter (1957 - 1959), Thomas Ungar (1960 -
1961) und die der ersten Jahre von Rolf Agop (ab 1962). Agop war aber schon seit 1959
"Künstlerischer Oberleiter" gewesen.
Es war die Zeit, in der das Orchester zunächst noch seinen Sitz in den ehemaligen
"Arbeitsdienst-Baracken" im "Langen Feld" hatte, zum Oktober 1958 in den "Kino-Saal
Müller" umzog, um mit Beginn der Spielzeit 1962/ 63 in die jetzt zur "Schützenhalle"
umgebauten Baracken ins "Lange Feld" zurückzukehren.
Das erste Jahr des Orchesters 1957/ 58 habe ich nur gegen sein Ende hin selber
miterlebt, aber es war bei meinem Eintritt noch so lebendig, daß ich es in diese
"Chronik" einbeziehen konnte, als wäre ich dabei gewesen.
Vor allem aber: ohne die Orchesterschule hätte es kein "Siegerland-Orchester"
gegeben. Auch sie ist mir unvergeßlich geblieben: ich war dort (neben dem
Orchesterdienst) gegen ihr Ende hin einer der letzten Lehrer für "Theorie" und
"Gehörbildung".
Auch dies will ich erwähnen: in den Jahren von 1960 bis 63 war ich (zeitweise)
"Orchester-Vorstand" und vor allem (die ganze Zeit über) "Gewerkschafts-Delegierter".
Ich habe das Ringen der Obrigkeit, aber auch der "Deutschen Orchestervereinigung" um
den künftigen Weg des Orchesters auf vielen Sitzungen "hautnah" miterlebt.
In Siegen habe ich viel unterrichtet: in den Anfängen der dortigen Musikschule. Ich
erinnere mich in vielfältiger Weise an das, was der Musiker eine "Mucke" nennt:
eigentlich eine "Mugge", ein "musikalisches Gelegenheitsgeschäft". Als es dann (im
Unterschied zu vielen, die nur kurze Zeit blieben) volle fünf Jahre wurden, die ich im
"Siegerland-Orchester" zubrachte, war ich mehr von diesem Orchester, vom
"Siegerland" und sogar von den "Siegerländern" geprägt, als ich es damals wahrhaben
wollte. Heute ist es mir wichtig.
Doch woher kommt die Faszination, die jene ferne Zeit "in Hilchenbach" noch immer
ausübt? Wohl aus einer Lebens-Situation heraus, in der wir damals fast alle jung und
gleichaltrig waren - und im sozialen Umfeld viel mehr, als es heute der Fall ist, auf
einander angewiesen. Dazu der Idee eines "Nachwuchs-Orchesters" (obwohl sie
wahrlich noch in den Kinderschuhen steckte) in besonderer Weise verbunden.
Im Sommer 1963 bin ich von Hilchenbach weg ins berühmtere (und vielleicht sogar
schönere) Baden-Baden gegangen, mehr und mehr in berufliche Aufgaben und

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Lebensumstände hinein, die dann (im Rückblick aus dem Ruhestand heraus) erst meine
eigentliche "Biografie" ausmachten.
Doch es war für mich selbstverständlich, daß ich, gleich in der ersten Baden-Badener
Zeit, alle Tagebücher, Kalender, Notizen und so weiter, die ich aus Hilchenbach
mitgebracht hatte, in einer höchst "persönlich" formulierten "Hilchenbach-Chronik"
zusammengefaßt - und dann streng gehütet habe.
Immer wieder habe ich, wie so viele, in Hilchenbach Halt gemacht: um mich (mehr oder
minder wehmütig) an die "alten Zeiten" zu erinnern. Spätestens mit Beginn der 80er
Jahre wurde es natürlich immer schwieriger, den eingetretenen Generationswechsel,
aber auch die Veränderungen im Ort richtig einzuordnen.
Schließlich nahm ich an jenen Treffen der "Ehemaligen" teil, die von 1999 bis 2005 alle
zwei Jahre stattfanden - und die ich 2001, 2003 und 2005 maßgeblich mitorganisiert
habe.
Es war nicht von ungefähr, daß sich dort vor allem diejenigen trafen, die die "Anfänge"
miterlebt hatten. Und nicht von ungefähr, daß ich mich schon bald meiner "alten"
Chronik entsann: in der festen Absicht, daraus eine "neue" Chronik zu machen.
Recherchen in den Siegener Archiven waren notwendig: den dortigen Mitarbeitern bin
ich zu großem Dank verpflichtet. Ursprünglich sollte meine "neue" Chronik in das Umfeld
des Orchester-Jubiläums 2007 einbezogen werden - nun erscheint sie erst drei Jahre
später - als "Rückblick im Rückblick". Wichtig war nur eins: die Devise "ein Zeitzeuge,
der sich dem Orchester noch immer eng verbunden fühlt, erinnert sich." Dies sollte
auch im Vordergrund stehen - nicht so sehr die Vielfalt an "Unterlagen", die mir
inzwischen wieder in die Hände gefallen sind.
Schon die "alte" Chronik war meiner Frau gewidmet, Flötistin wie ich, die ich in
Hilchenbach kennen gelernt hatte - und die mit mir nach Baden-Baden gegangen war.
Sie starb, als wir gerade die Treffen der "Ehemaligen" ins Leben gerufen hatten. Auch
diese "neue" Chronik ist ihr gewidmet.
In dieser "neuen" Chronik" sind alle Daten und Vorgänge, die schon in meinen "alten"
Notizen als "sichere Kunde" enthalten waren und sich im Nachhinein auch verifizieren
ließen, in "normaler" Schrift wiedergegeben; dazu schließlich auch alles, was ich
inzwischen als „Kommentar“ glaube hinzufügen zu können.
Nur weniges steht noch in kursiver Schrift und ist auch durch Anführungszeichen
hervorgehoben: jene Stellen, die ich aus meiner „alten“ Chronik übernahm, weil ich sie
nach vierzig Jahren als Ausdruck der damaligen Zeit noch immer für typisch hielt.
Auch wenn die "Ich-Form" im folgenden zurücktritt hinter die "Meinung des Autors": es
sollte nie ein historisch genauer, objektiver Bericht werden, sondern mehr die subjektive
Stellungnahme eines, der das alles miterlebt hat.
Im übrigen: alle damaligen Konzerte des Orchesters aufzuzählen wäre unmöglich
gewesen, auch die Erwähnung aller nur einigermaßen wichtigen. Überdies scheinen die
fortlaufenden Konzert-Unterlagen des Orchesters aus dieser Zeit nicht mehr vollständig
vorhanden zu sein.
So mußte ich mich auf die Konzerte beschränken, die (aus meiner Sicht) den Fortgang
der Dinge einigermaßen kommentieren und ergänzen.

Sinzheim-Winden bei Baden-Baden
Arbeitsbeginn: nach dem 2. Treffen ehemaliger Mitglieder im September 2001
Endfassung: im Frühjahr und Sommer 2007, Endredaktion Frühjahr 2010

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Autor


                                       Der Autor Wolfgang Haupt wurde 1935 in Berlin
                                       geboren, wuchs in der Nähe von Quedlinburg am
                                       Harz auf - und studierte dann wieder im
                                       heimatlichen ("West") Berlin: Flöte, daneben
                                       viele      musiktheoretische       und     musik-
                                       wissenschaftliche Fächer.
                                       1958 kam er als Flötist ins "Siegerland-
                                       Orchester", das er erst 1963 verließ. Darüber ist
                                       in der vorliegenden Chronik viel zu lesen.
                                       Anschließend wechselte er als Flötist in das
                                       damalige "Symphonie- und Kurorchester Baden-
                                       Baden",       die     heutige     "Baden-Badener
                                       Philharmonie". Neben dem Dienst hat ihn dort
                                       vor allem das 1969 gegründete "Kammermusik-
                                       Ensemble Baden-Baden" beschäftigt, in Zu-
                                       sammenarbeit mit einer Berliner Konzert-
                                       direktion.
Ab 1983 stellte er sich mehr und mehr den "organisatorischen und
musikdramaturgischen Notwendigkeiten" zur Verfügung - und wurde dann der erste
vollamtliche "Organisator und Dramaturg" des Orchesters am Kurhaus, also das, was
man in Hilchenbach längst "Intendant" nannte.
Seit dem (vorzeitigen) Ruhestand beschäftigen ihn jedoch mehr und mehr seine
"musikalische Chroniken", wofür Baden-Baden (um mit Fontane zu reden) ja ein
besonders "weites Feld" ist.
Die in den Anfängen älteste Chronik, die er hiermit vorlegt, betraf aber das "Siegerland-
Orchester".
Ihre Entwicklung ist im Vorwort ausführlich dargelegt. "Nachdenken" über die frühe
Geschichte des Siegerland-Orchesters: Der Autor möchte es allen "alten" und "neuen"
Mitgliedern des Orchesters, aus dem inzwischen die "Philharmonie Südwestfalen"
geworden ist, aber auch allen "Siegerländern" besonders ans Herz legen.




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Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 1
Zwar gab es beim Eintritt des Autors im August 1958 nur noch sehr wenige Orchester-
Mitglieder, die schon in den Anfängen der "Orchesterschule" dabei gewesen waren. Er
hat aber auch anderweitig einige von ihnen kennen gelernt. Vor allem gab es bei seinem
Eintritt eine große Anzahl von Mitgliedern, die erst später die Orchesterschule für kurz
oder länger durchlaufen hatten. So haben sie es erzählt - und so steht es auch in den
erhaltenen Unterlagen:
Nach Anfängen schon 1946 wurde am 01. April 1947 die "Hilchenbacher
Volksmusikschule mit Orchesterschule" offiziell eröffnet - und auch ein erster
Trägerverein dafür gebildet.2
Sie war vom ehemaligen Militärmusiker Friedrich Deisenroth zunächst "privat" ins Leben
gerufen worden; er wurde dabei von der Familie Kindermann unterstützt, die das Hotel
"Deutscher Hof" übernommen hatte: im hinteren Hof des Hotels gab es eine (heute
kaum noch erkennbare) Holzbaracke als ersten "Sitz" der "Moseckschool" (wie die
Hilchenbacher sie nannten) und die zunächst brachliegende Kegelbahn im
Hintergebäude diente anfangs zum Wohnen und Üben.

Es ist die Zeit der noch zerstörten Großstädte - und ihrer Musik-Hochschulen, die erst
allmählich wieder in Betrieb gehen. Hilchenbach als Ausbildungsort fernab allen
Geschehens erweist sich (zunächst) als sinnvoll. Viele Lehrer unterrichten vor Ort in
Hilchenbach - oder wohnen sogar dort; zu anderen muß man in den Unterricht fahren.3
Nach und nach werden es etwa 80 Schüler, die die "Musikschule" durchlaufen; der
Anteil derer, die sich dann doch lieber einem anderen Beruf zuwenden, bleibt allerdings
groß. Umgekehrt gehören später so namhafte Musiker wie der Solo-Trompeter des
SWF, Walther Scholz, zu den "Alt-Hilchenbachern."
Nach Vorbild der früheren "Stadtpfeifen" erhalten sie "Lehr-Verträge" und müssen zum
Erhalt der Schule selber beitragen: so gibt es nach einiger Zeit nicht nur ein "Sinfonie-
Orchester", das überall zum Einsatz kommt, sondern auch Tanz-Kapellen, eine Big-
Band - und natürlich Blasmusik in jeder Formation.
Zunächst aber muß schon 1948 die Schule den "Deutschen Hof" wegen
"Lärmbelästigung" der (allmählich zahlreicheren) Gäste räumen - und wird für kurze Zeit
im Erholungsheim oberhalb der "Siedlung" untergebracht. Die Währungsreform trifft
dann die meisten Schüler wie zu erwarten hart: sie müssen tagsüber in einer der
Hilchenbacher Fabriken arbeiten, unterrichtet wird erst am Abend.
Denn erst 1950 werden die ehemaligen Arbeitsdienst-Baracken im "Langen Feld" für die
Musikschule (und ihr „Internat“) hergerichtet; und wird auch der Träger-Verein
"Orchester und Orchesterschule Siegerland-Wittgenstein" noch einmal neu formiert.
Geschäftsführer ist seitdem Moritz Weiss.
In der Trägerschaft haben sich beide Landkreise (der Landkreis Siegen bzw. der damals
noch bestehende Kreis Olpe/ Wittgenstein) zusammengefunden, dazu die Stadt Siegen
und auch schon das Land NRW bzw. der Landschaftsverband.
Da sich das Orchester inzwischen als wichtigster Bestandteil der Schule entwickelt hat,
kommt es auch zur neuen Namensgebung "Orchester und Orchesterschule Siegerland-
Wittgenstein".
So können 1951 die ersten acht Absolventen ihre Prüfung unter einigermaßen
gesicherten Umständen ablegen.

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1952 kommt noch das "Symphonische Blasorchester Siegerland" hinzu - und laut einer
(leider nicht näher definierbaren) Konzert-Kritik von 1954 hat das Sinfonie-Orchester
bereits "überall einen guten Ruf" erworben, es werden 40 Musiker als feste Besetzung
angegeben.




Doch waren nun ganz andere Zeiten heraufgezogen. Schon im Winter 1955/56 feiert
man vorzeitig das 10jährige Bestehen: die Bundeswehr war gegründet worden,
Musikschul-Leiter Deisenroth geht zum 01. Mai 1956 zurück zur angestammten
Militärmusik, deren Neuaufbau er übernimmt.
Zwar formuliert er vorher das Anliegen der Schule und auch die nötige Weiterführung
des Orchesters in einem Memo vom April 1956 geradezu vorbildlich.
Es passieren aber zwei "Pannen": nicht nur der Nachfolger Oskar Tietzel (ein schon
etwas älterer Militärmusiker wie Deisenroth) erweist sich von vornherein als nur wenig
geeignet - sondern durch ein Versehen wird auch die Stadt Siegen nicht zur
Verabschiedung Deisenroths bzw. zum Jubiläumskonzert eingeladen.

Es sieht schon hier nach dem "Anfang allen Übels" für die dann allzu schnell folgende
erste "Krise" des Orchesters aus: in Siegen ist man offensichtlich sehr verärgert. Und
wohl fest entschlossen, insgeheim nach einem "wirklichen" Nachfolger Ausschau zu
halten: nach einem jüngeren, charismatischen Dirigenten, der den Siegener Uralt-Traum
von einem eigenen Orchester endlich erfüllt.4

Schon im Oktober 1956 zeigen sich die Folgen: Deisenroth hat zu viele gute Leute zur
Bundeswehr mitgenommen, der Zustand der ehemaligen "Arbeitsdienst-Baracken" im
"Langen Feld" wird kritisch, die Arbeit unter Oskar Tietzel ist es ohnehin, eine neue
Rechtsform von Schule und Orchester erscheint mehr und mehr notwendig.
Doch noch ein Gutachten vom März 1957 geht davon aus, daß hier eine Doppelfunktion
von Schule und Orchester gegeben sei, die erhalten werden müsse. Es verneint zwar
die angestrebte Gemeinsamkeit mit einer "Jugendmusikschule" des Siegerlandes, außer
natürlich, daß Hilchenbach die Lehrer zur Verfügung stellen könnte, vor allem bei
seltenen Instrumenten. Es stellt aber noch einmal (und damit letztmals) die Impulse für
die Laienmusik in den Vordergrund, die von Hilchenbach bisher ausgegangen wären
und weiter ausgehen müssten.



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Eigentlich ist es schade, daß nur sehr wenig präzise Unterlagen über die Zeit der
"Orchesterschule" erhalten sind. Zwar gibt es noch Kostbarkeiten wie die "Lohnbücher",
aber zu wenig Material, das genau über das "wann war was?" oder "wer war wann da?"
Auskunft geben könnte. Und die wenigen noch einigermaßen "rüstigen" Zeitzeugen des
Anfangs konnten dem Autor kaum weiter helfen.5
Es muß aber unter dem gestrengen, immer auf Disziplin bedachten Friedrich Deisenroth
eine ganz interessante Zeit gewesen sein, in der man (immer unter Berücksichtigung
der Nachkriegs-Verhältnisse) in Hilchenbach durchaus auf den künftigen Musiker-Beruf
vorbereitet werden konnte. Man hat der "Orchesterschule" später (eigentlich bis heute)
viel Unrecht getan.
Es fällt auf, daß man in sehr unterschiedlicher Art und Weise "Musikschüler" sein
konnte: als "Interner", der auch in der Schule wohnte, als "Externer", der nur zum
Unterricht kam; man war (wohl um den Etat der Schule zu dämpfen) mitunter voll "zur
Berufsschule abgemeldet" - oder manchmal auch für einige Zeit ganz beurlaubt.
Doch muß hier zum Abschluß genügen, daß sich die "Alt-Hilchenbacher" (also
diejenigen, die für kurz oder lang die Hilchenbacher Orchesterschule absolviert haben)
im Rückblick in drei Gruppen unterscheiden lassen: in diejenigen, die beim Weggang
Deisenroths schon ihren Abschluß hatten oder die er mit zur Bundeswehr nahm - bzw.
die nun doch noch an eine Hochschule wechselten. Dann in die (zahlenmäßig recht
große) Gruppe derjenigen, die blieben - und ab 1957 nach und nach ins "Siegerland-
Orchester" übernommen wurden.
Schließlich in diejenigen, von denen dies "weder/noch" zu berichten ist. Hier sind die
Namen inzwischen Schall und Rauch. Aber noch gegen das Ende der Schule 1958/ 59
hin waren es ziemlich viele.
Leider ist es inzwischen so geworden: für eine wirklich "lebensnahe" Chronik der
"Orchesterschule" ist es heute schon zu spät. Das hat auch der Autor schließlich
einsehen müssen.




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Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen"
Orchesters im Dezember 1957
Noch in einer Sitzung am 25. Juli 1957 beschäftigte sich der Kreistag in einer Sitzung
eindeutig nur mit der "künftigen Finanzierung der Orchesterschule" und dem
beabsichtigten Neubau einer Unterkunft.6
Das Kultusministerium hätte an die Gewährung von weiteren Zuschüssen die Bedingung
eines wirklich qualifizierten neuen Leiters, einer besseren Ausstattung des Lehrkörpers
und einer besseren Unterkunft der Schule geknüpft; es hätte auch nochmals angeregt,
mit der Orchesterschule die künftige "Jugendmusikschule" des Siegerlandes zu
verbinden.
Dies bedeutet einen Neubau, so kommt es zum Beschluß, im Jahr 1958 ein neues
Gebäude für die Orchesterschule zu errichten und bis dahin ihre künftige Finanzierung
sicherzustellen.

Von der Einstellung Peter Richters als neuem Leiter ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht
die Rede, erst recht nicht von einer beabsichtigten Schließung der Orchesterschule bzw.
von einer "Verselbständigung" des Orchesters.
Am 01. Oktober 1957 wird er jedoch nicht nur Leiter der "Orchesterschule" in
Hilchenbach, sondern beginnt auch sofort mit dem Aufbau des "Siegerland-Orchesters",
im Untertitel genannt "Junge Deutsche Philharmonie".7

                                      Er erscheint "auf der Bühne", ohne daß es
                                      darüber konkrete Unterlagen gibt. Die es miterlebt
                                      haben     berichten,    er    sei     durch   den
                                      Geschäftsführer Moritz Weiss als neuer Leiter
                                      von Schule und Orchester lediglich vorgestellt
                                      worden, irgendein "Auswahlverfahren" hätte es
                                      nicht gegeben.8
                                      Der Autor muß fragen: Gab es tatsächlich und
                                      von vornherein eine Empfehlung oder Protektion
                                      seitens des WDR? Gab es sie durch die Rektoren
                                      der erst nach dem Krieg gegründeten, "etwas
                                      anderen" Musikhochschulen in Detmold und
                                      Freiburg, die sich dem gleichfalls "etwas anderen"
                                      Orchester in Hilchenbach eng verbunden fühlten?
                                      Oder seitens irgendwelcher "Siegener Kreise",
                                      denen dieser (mit Verlaub gesagt) manchmal
                                      zwar etwas "verwirrt" erscheinende, offenbar aber
                                      sehr geniale "Paradiesvogel" gerade recht kam?9
                                      "Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
                                      schwankt sein Charakterbild in der Geschichte"
heißt es im "Wallenstein". Und genau das muß auch für Peter Richter und für die schon
bald beginnende "Richter-Krise" (mit allem ihrem Hin und Her) gelten.

Bisher hatte das Orchester der "Musikschule" aus den in Hilchenbach und Umgebung
wohnhaften Lehrern, dazu den bereits geeigneten Schülern bestanden, aber auch aus
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"Freiberuflern", von denen es damals (nach dem Krieg) gerade in Siegen noch viele
gegeben haben soll.10
Das neue Konzept Richters scheint jetzt vor allem gewesen zu sein, daß die
Stimmführer des Orchesters nach und nach die bisherigen Lehrer der Musikschule
ersetzen sollten - und daß sich bei ihnen ("Studienleiter" genannt) auch alle diejenigen
Orchestermitglieder "weiterbilden" konnten, die dies noch wollten.11
Mit besonderer Berücksichtigung übrigens auch von Kammermusik, die eine Zeitlang
eine wichtige Rolle spielte.

Es ergibt sich (aus Sicht des Autors) trotzdem kein klares Bild: die ca. 20 Namen auf
den fragmentarischen Gehaltslisten, die sich seit Oktober 1957, wenn auch nur unter
viel Mühe, als reine Orchestermitglieder identifizieren lassen, plus 5 unidentifizierbare
(darunter vielleicht noch einige bisherige Lehrer) plus ca. 10 Musikschüler, die bereits im
Orchester mitwirken konnten, plus ca. 10 Aushilfen (wohl die "Freiberufler" aus Siegen)
ergeben zwar die vermutlich 45 Musiker des folgend genannten "1. Konzertes des
neugegründeten Orchesters" in Siegen. Aber wie sich das gerechnet hat und vertraglich
geregelt war, und vor allem: Wie das wirklich eine "Neugründung" gewesen sein soll,
bleibt etwas unverständlich.12
Es scheint vor allem zu stimmen, daß der Status der bisherigen bzw. verbliebenen
Musikschüler, soweit sie dann im Orchester mitwirkten, und der Zeitpunkt, zu dem sie
"fest" übernommen wurden, nie genau definiert war - und daß auch hier eine typische
"Genialität" Richters vorlag.




Das "1. Konzert" des "neugegründeten Orchesters" findet am 02. Dezember 1957 in
Siegen statt: mit Schuberts "Unvollendeter", Mozarts Konzert für Flöte und Harfe - und
der 7. Sinfonie von Beethoven.13


                                                                                        13
"Einen verheißungsvollen Neuanfang", "eine unerwartete kulturelle Bereicherung", ja
sogar "das bisher größte Kulturereignis in letzter Zeit" nannte es die Presse - und vor
allem die Siegener selbst scheinen begeistert und voller Selbstlob gewesen zu sein.
Natürlich hatte auch schon jemand vom WDR zugehört.

Auf jeden Fall bleibt festzustellen: Das Konzert (und seine beiden Wiederholungen, die
von vornherein terminiert waren, wohl auch stattgefunden haben, wenn auch nicht mehr
vor vollem Haus) gilt zurecht als das große, verheißungsvolle Symbol am Beginn des
"Siegerland-Orchesters"; es wirkte in der Erinnerung nach, wie kaum ein späteres.

Doch noch am 18. Januar 1958 wird im Kreistag zwar festgestellt, daß das "Orchester
Siegerland-Wittgenstein" nun "Siegerland-Orchester" heiße und sich inzwischen als eine
eigene Institution vorgestellt habe; es setze sich zusammen aus einer Reihe von
festangestellten Musikern und einer Anzahl von Schülern; die zunächst noch benötigte
Verstärkung könne bereits entfallen.14
Aber auch das gehört dazu: bei einer Kreistags-Sitzung im März 1958 geht es noch
immer und ausschließlich um den "Neubau", der für die Weiterführung der
"Orchesterschule" notwendig sei.15

Ein merkwürdiger Widerspruch. Was war geschehen?

Zumindest dies: Es gab von vornherein sehr unterschiedliche Meinungen über den
"richtigen Weg" in die Zukunft, auch innerhalb des Orchesters. Es kam zu einem Hin
und Her von Gegensätzen, das den Autor noch bei seinem Eintritt im August 1958
ziemlich verwirrt und auch etwas hilflos gemacht hat, das aber wohl so typisch für die
ganze damalige Zeit war, daß es hier ausführlich erwähnt werden muß.
Es gab die "Freiburger Clique" mit dem Oboer Michael Scheck an der Spitze, einem der
Söhne jenes legendären Flötisten Gustav Scheck, der nach dem Krieg die für lange Zeit
als etwas "neumodisch" geltende Musikhochschule in Freiburg/Br. gegründet hatte.16
Auch der Cellist Jan Corazolla war mit einem schon in Berlin erfolgreichen jungen
Streichquartett in Freiburg gelandet, war jedoch bereit, das Quartett zu opfern, wenn er
dafür nicht nur Cellist, sondern auch 2. Dirigent in Hilchenbach werden könne.
Erwähnt werden muß er deswegen: Von ihm (und offenbar nicht Richter, der sie,
zunächst noch uneins darüber, was er in Hilchenbach wirklich erreichen wollte, bloß
eifrigst übernahm) stammte auch die (angeblich auf Furtwängler zurückgehende) Idee
eines reinen Nachwuchs- bzw. Jugendorchesters, wie sie nun hier verwirklicht werden
sollte.17
Und ihnen stand auch der Bratschist Bär von Randow nahe, der dann, nach seiner
Rückkehr viele Jahre später, "Intendant" in Hilchenbach wurde - und dessen
organisatorische Begabung schon damals auffiel: er war der letzte "Leiter" der
"Orchesterschule", als diese bis zum Frühjahr 1959 hin "abgewickelt" wurde.
Ihnen stand der "Sonderkonzertmeister und Studienleiter" Joseph Märkl nahe, den Peter
Richter extra in München aufsuchte, um ihn zur Annahme dieser so wichtigen Funktion
ab Herbst 1958 zu überreden.18
Ein relativ illustrer Kreis, wie er für diese frühe Zeit des Orchesters typisch war, es
danach keinen mehr gegeben hat. Durchaus von einem gewissen Sendungsbewußtsein
geprägt, dazu Richter intellektuell weit überlegen. Zwar waren es gerade die
"Freiburger", die Richter beim Aufbau des Orchesters maßgeblich zur Seite standen,
                                                                                     14
aber "logischerweise" mußte es schon bald zu Meinungsverschiedenheiten kommen -
und zur Opposition gegen den "Alleinentscheidungs-Anspruch", den Richter bald mehr
und mehr für sich beanspruchte.
Richter selbst hatte umgekehrt in Detmold studiert, an jener Hochschule, die damals
noch "Nordwestdeutsche Musikakademie" hieß und gleichfalls eine der
außenseiterischen Neugründungen nach dem Krieg war. Dort war er schnell aufgefallen;
es gab, als die Ausschreibungen des "Siegerland-Orchesters" in den ersten Monaten
1958 bekannt wurden, sogar in Berlin Leute, die dem Autor einen "ziemlich
genialischen" Peter Richter schildern konnten.
Auch aus Detmold hatte er Leute mitgebracht: nicht so zahlreich, wie die "Freiburger"
und mehr und mehr "für die Mitte" zuständig, aber eine gleichermaßen wichtige Gruppe.
Genannt werden muß hier (um alle wichtigen Namen zu erwähnen, ohne die der frühe
"Erfolg" Richters und des Orchesters nicht denkbar ist) vor allem der Solo-Flötist Klaus
Diederich. Er wurde dann, im späteren Verlauf der "Richter-Krise", eine "ausgleichende"
Integrationsfigur von hohen Gnaden.
Eine dritte, sehr starke "Fraktion" jedoch bildeten die ehemaligen "Orchesterschüler".
Durchaus "autoritätsbedürftig", sahen sie in Richter - wie es noch heute bei ihren
Erzählungen erkennbar ist - eine Art "Heilsbringer". Ihr "Studium" in Hilchenbach hatte
sich also doch gelohnt, hatte doch noch eine Zukunft.

Das frühe "Siegerland-Orchester" also ein "Versuch eines Versuches" in Richtung einer
"demokratischen Mitbestimmung"? Auf jeden Fall erinnert sich der Autor: Der Gegensatz
der drei Meinungen und die häufigen Auseinandersetzungen darüber bestimmten fast
jedes noch so harmlose Gespräch.
Sein Kommentar daher: Kernpunkt aller Gemeinsamkeiten, aber auch aller
Diskussionen waren immer jene Ideen, die angeblich auf den großen Dirigenten Wilhelm
Furtwängler zurück gingen. Auf dessen Überlegungen hinsichtlich eines "Nachwuchs-
Orchesters", in dem geeignete junge Musiker (unter Gleichgesinnten und noch mit den
selben "Entwicklungs-Problemen" beschäftigt) auf ihren späteren Beruf hin vorbereitet
werden sollten.
Sehr ehrenvolle Überlegungen - wie sie dann später vom Deutschen Musikrat in seinen
"Jugendorchestern" auch verwirklicht wurden.
Doch hat das alles heute einen etwas "altväterlichen" Beigeschmack: nachdem es
Zeiten geradezu eines Überangebots von Landes- , Bundes- und sonstigen Jugend-
Orchestern gegeben hat, dazu nicht nur von "Jungen Deutschen Philharmonien",
sondern sogar "Philharmonien der Nationen" bzw. ähnlichen - und nun Zeiten herauf
gezogen sind, in denen sich die Bereitschaft der Orchester, junge Musiker einzustellen,
fast nur noch auf "Volontäre" erstreckt, die sie angeblich selber ausbilden. Mit allen
Gründen und Gegengründen.
Liest man heute die endlosen Texte des "Siegerland-Orchesters" der damaligen Zeit, sie
mögen stammen, von wem sie wollen, hat man mehr und mehr den Eindruck, als sei
(wieder einmal) das Rad erfunden worden - aber es erwies sich (wieder einmal) auf
Dauer dann doch nur als viereckig.
Denn wie sich so etwas angesichts der tatsächlichen Gegebenheiten und Zwänge im
"Siegerland" überhaupt rechnen sollte, steht nirgendwo.

Und deshalb noch Kommentar zwei: Natürlich könnte man auch eine "Chronik"
schreiben, in der im Vordergrund steht, daß damals viele (allzu viele) zwar aus
                                                                                     15
Neugierde nach Hilchenbach kamen, schon bald aber, falls das eigene Können es
irgendwie zuließ, wieder das Weite suchten. Denn die Aussichten, daß im "Siegerland-
Orchester" echte künstlerische oder finanzielle Voraussetzungen geschaffen werden
konnten, die das vorgesehene, mindestens zweijährige "Bleiben" rechtfertigten, waren
(zugegebenermaßen) nur gering.
Nochmals: solch eine "Chronik" wäre leicht möglich. Aber sie würde nicht dem
"Idealismus" gerecht, von dem damals noch (freie Stellen, mit nur wenig Probespiel-
Teilnehmern, gab es genug) der Orchestermusiker-Nachwuchs geprägt war. Und erst
recht nicht der Faszination, die (zumindest bis 1961) von einem längeren Bleiben
gerade in diesem Orchester trotz alledem ausging.

Die Diskussion um den "richtigen Weg" eines "Nachwuchs-Orchesters" dauerte
jedenfalls lange - und wurde selbst dann noch nicht aufgegeben, als das "Siegerland-
Orchester" längst andere Wege eingeschlagen hatte.
Zu kurz kam dabei die "Orchesterschule", mit der doch alles angefangen hatte. Sie blieb
nur als "Faustpfand" der Obrigkeit zurück, die sich eine so schnelle "Verselbständigung"
des Orchesters nicht vorgestellt hatte, sie teilweise auch gar nicht wollte, den
Veränderungen jedenfalls nur sehr zögernd zustimmte, ihnen für längere Zeit kaum
folgen konnte.
Und das stimmt den Chronisten heute etwas wehmütig. Wäre nicht zumindest ein
"Nachdenken" darüber, wie man eine Art "Schule" neben dem "Nachwuchs- Orchester"
hätte beibehalten können, sehr sinnvoll gewesen?




                                                                                     16
Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958

Immerhin soll das "neugegründete Orchester" vom Dezember 1957 an bis Ende April
1958 schon 22 größere und kleinere Konzert gespielt haben, wie irgendwo voller Stolz
vermerkt ist.
Vermutlich einschließlich der Wiederholungen, wie sie in Siegen und Weidenau (auch in
der Form von "Jugendkonzerten") üblich wurden. Genau ist es nicht mehr
auszumachen.19
Die wichtigsten, außer dem schon genannten "1. Konzert" in Siegen, scheinen dabei die
folgenden gewesen zu sein:

11. Januar 1958: Sinfoniekonzert in Weidenau, u. a. mit der 8. Dvorak
24. Januar 1958: ebendort, u. a. mit der "Moldau" von Smetana
26. Januar 1958: dasselbe in Kaan-Marienborn
06. März 1958: Sinfoniekonzert in Arnsberg, u. a. mit der 7. Beethoven
10. März 1958: Sinfoniekonzert in Siegen, u. a. mit der 4. Schumann
25. April 1958: wieder in Weidenau, u. a. mit der 5. Tschaikowsky

Dann aber folgt ab Mai 1958 schon die große Zäsur: mehr als die Hälfte des Orchesters
war auf fünf Monate als "Kurorchester" nach Bad Neuenahr verpflichtet worden.

       "... nach nächtlichem Umsteigen im Hannover und Marburg meine morgendliche
       Ankunft in Hilchenbach: wegen den Formalitäten im 'Büro Weiss' und dem Kauf
       eines grauen Anzugs als Dienstkleidung für Neuenahr ..."
So beginnt mit dem 29. Juli 1958 dann auch die "alte" Chronik des Autors, die hier (wie
eingangs erwähnt) immer ein wenig zitiert werden soll, um sich das Hilchenbach und die
Situation von damals besser vorstellen zu können.
       "... man sah, wegen den vielen Schleifen, die der Zug fuhr, Hilchenbach schon
       mehrmals vorher, wollte es aber nicht wahrhaben. Doch dann hielt er genau dort,
       wo man es befürchtet hatte ..."
       Am 30. 07. 58 "... mit Peter Richter und Jan Corazolla im Auto nach Neuenahr,
       dort abends ein größeres Chorkonzert unter einem örtlichen Chorleiter, dem ich
       aber nur anfangs und sehr müde zuhöre ..."
       Am 31. 07. 58 "... mein erster Dienst als 3./1. (in Neuenahr 2.) Flötist in einer
       Umgebung, die mir (als Kontrast zu Berlin) fremd ist, und mit einer Musik, die ich
       bisher nur wenig kenne, in die ich mich aber sehr schnell finde ..."

Die fünf Monate von Mai bis September 1958 als "Kurorchester" in Bad Neuenahr waren
aus finanziellen Gründen nötig gewesen; dort feierte man irgendeine "Jubiläums-
Saison", die üblicherweise verpflichtete "Kurkapelle" unter dem eigenen (tüchtigen und
auch vom Orchester sehr geachteten) "Kurkapellmeister" Wantzen reichte dafür nicht
aus.
So hatte man stattdessen die "Siegerländer" verpflichtet, die ja für größere Konzerte
jederzeit durch die in Hilchenbach gebliebenen Mitglieder verstärkt werden konnten.
Auch extra (von irgendwoher) einen (etwas dubiosen) "Generalmusikdirektor" als
"Musikalischen Oberleiter".
                                                                                      17
Umgekehrt spielten die "zurückgebliebenen" Musiker derweil eine Reihe von kleiner
besetzten Konzerten, etwa bei den "Siegener Schloß(fest)spielen".

Alles eine durchaus ehrenwerte Sache - aber sie führte erst recht zu einer tiefen
Spaltung des Orchesters, in die nun der Autor (wie gleichfalls schon erwähnt) mitten
hinein geriet.
Zunächst aber erst gefragt: Warum kam gerade der Autor nach Hilchenbach und ins
"Siegerland-Orchester"?
Man mag es heute kaum noch glauben: die Berufsaussichten im damaligen "West-
Berlin" waren ziemlich schlecht. Zwar gab es "Mucken" und Schüler, dazu viele
"Aushilfen", aber die "grenzenlose Freiheit Westdeutschlands" lockte den jungen
Flötisten damals genauso, wie die Flüchtlinge aus der "DDR".
Als West-Berliner bekam man nicht einmal Probespiel-Einladungen nach
Westdeutschland; erst einmal dort sein! hieß es also, dann könnte man vielleicht in
Ruhe abwarten.
So durfte man die Möglichkeit "Siegerland-Orchester" keineswegs auslassen, die sich
allerdings mit ähnlichen "Kostengründen" präsentierte, wie die anderen Orchester:
indem der schon erwähnte Jan Corazolla das Probespiel "vor Ort" in Berlin abnahm.

Ironie des Schicksals jedoch erstens, daß Peter Richter (mit einer sehr merkwürdigen
Begründung) nicht den erwarteten Vertrag, sondern nur eine seiner üblichen Postkarten
als Bestätigung schickte: der Vertrag würde nachgereicht. Und damit sofort Mißtrauen
erweckte über die Zustände, die einen in Hilchenbach erwarteten.
Und Ironie des Schicksals zweitens: daß der Autor, eben erst in Neuenahr
angekommen, Post aus Berlin erhielt: er könne nun doch eine der Volontärstellen
bekommen, mit der die West-Berliner Orchester gerade anfingen, wenigstens ein paar
gute "Nachwuchs-Musiker" da zu behalten. Es war gleichsam der Beginn jener "Berlin-
Förderung", die dann immer größere Ausmaße annahm.

Der Autor möge freilich nicht zurückkommen, wenn er sich "im Westen" schon eingelebt
hätte.
       "... ich hatte mich bereits eingelebt, ich wollte um keinen Preis zurück auf die
       "Insel". Also blieb ich ..."
       "... Vormittagskonzert, Nachmittagskonzert, Abendkonzert, bei schönem Wetter
       vor dem Nachmittagskonzert noch ein Konzert auf der Promenade ...dabei nur
       einen Tag frei, an diesem jedoch Frühkonzert, erst dann der ersehnte Radausflug
       in die Eifel: das war regelrecht Ausbeutung ..."
Dazu kam aber eben auch:
       "... das waren also nicht die Richtigen gewesen, vor denen ich mein Probespiel
       abgelegt hatte oder die mich in Hilchenbach in Empfang genommen hatten
       (Scheck, Corazolla und so weiter, damals sämtlich in ihrer 'Gegenbastion', dem
       'Süßen Konrad' wohnhaft). Das waren die 'Intelligenzler', die sich vor dem Dienst
       im Bad gedrückt hatten ('weil sie vor der Kurmusik Schiß hatten') und angeblich
       dem Richter halfen, den Neuanfang im Oktober vorzubereiten. Die sog.
       'Bakaluten' im Bad fühlten sich jedoch viel eher als diejenigen, von denen alles
       abhing, sie hätten es lieber gesehen, Richter wäre mit ihnen nach Neuenahr
       gegangen und dort unter ihrem Einfluß geblieben ..."


                                                                                     18
Am 24. August 1958 ist Peter Richter Gastdirigent für eines der Kurkonzerte:
     "... ich wage nicht, es mir einzugestehen, aber ich bin von meinen Berliner
     'Mucken-Orchestern' her besseres gewohnt - und von Richters genialischem
     Gehabe grenzenlos enttäuscht ..." "... seine Meldungen über den erweiterten
     Neuanfang sind aber noch positiv ..."

Am 29. August 1958 kommt es (von Neuenahr aus!) zum vielleicht legendärsten
Abstecher, der in den frühen Annalen des Orchesters verzeichnet ist: dem nach
Berleburg, um dort in einem Bierzelt unter einem keineswegs nüchternen Chordirigenten
Haydns "Jahreszeiten" aufzuführen.

26. September 1958: im Vorfeld des "Abschlusses der Konzertsaison" (sinnvollerweise
mit der "Unvollendeten") ein Orchesterversammlung unter Richter in Neuenahr.
       "... der die als enttäuschend angesehenen 'provisorischen' Verträge mitbringt und
       jetzt auch schlechtere Arbeitsbedingungen ankündigen muß, als sie allgemein
       erwartet wurden ..."

Es waren keine "richtigen" Verträge (wie das erhaltene Exemplar des Autors zeigt)
sondern nur "Vorverträge" ohne Datum, mit einer nebulösen Absichtserklärung, zum 1.
Oktober (anläßlich einer neuen "Rechtsform") einen "endgültigen" Vertrag folgen zu
lassen - was dann einstweilen unterblieb.
Zwar ist wortreich von Aufgaben und Pflichten und sogar schon vom angestrebten
"Landessinfonieorchester" die Rede, aber noch immer bedeutet der Inhalt keine
rechtsgültige Aussage über die "Gründung" des Orchesters
      "... Kuriosität: Richter kündigt auch Frauen im Orchester an, was bei Einigen noch
      immer zu Protesten führt ..."

01. Oktober 1958: Rückkehr des Orchesters aus Neuenahr nach Hilchenbach:
      "... noch glaubt die Mehrheit an die Verlegung des Orchesters nach Siegen ..."

Jedoch am 10. Oktober 1958 Probenbeginn des "erweiterten" Orchesters im "Kinosaal
Müller", der bis zum Sommer 1962 Sitz des Orchesters bleibt; Siegen steht nie mehr
ernsthaft zur Debatte.




Die fensterlose Tristesse und "Weltentrücktheit" des "Kinosaal Müller" ist heute
verschwunden, man kann sie sich kaum noch vorstellen.
An manchen Abenden gab es dort wirklich "Kino", der Autor hat dort etliche der damals
berühmten Filme gesehen. Zu den Proben wurden die Stuhlreihen im Parkett und die
                                                                                       19
Leinwand auf dem Podium zurück geschoben, um Platz für das Orchester zu schaffen.
Seitlich gab es ein "Kabuff" für die Noten und das obligatorische "Schwarze Brett".
Im übrigen hatte das damals noch einigermaßen ehrwürdige "Hotel Müller" über die
"Orchesterzeit" hin auf Gäste verzichtet - und seine Zimmer an einige
Orchestermitglieder vermietet. Auch den Autor hat man dort volle vier Jahre lang
"beherbergt".




Das Orchester war zu diesem Zeitpunkt auf 59 Planstellen verstärkt worden: auf (samt
"Sonderkonzertmeister") zehn erste Geigen, acht zweite, je sechs Bratschen und Celli,
vier Kontrabässe, dreifaches Holz, vier Hörner, drei Posaunen, Tuba, Pauke,
Schlagzeug, Harfe, Dirigent und Sekretärin.

Wobei (um es nochmals zu erwähnen) nicht mehr klar wird, wer zunächst noch
Musikschüler blieb und erst allmählich "eingegliedert" wurde. 20 Es scheint ein ziemlich
kompliziertes Hin und Her gegeben zu haben, um die Zahl 60 nicht zu erreichen,
geschweige zu überschreiten.

Der 10. Oktober 1958 galt dann aber, schon weil nun erstmals alle Mitglieder dem
Orchester fest angehörten (bzw. ehemalige Musikschüler waren, die noch fest
eingegliedert werden sollten) als der "eigentliche" Beginn des Orchesters, das Jahr
davor (trotz seiner legendären Konzerte im Dezember 1957) nur als "Anlaufzeit".

Die Orchesterschule fristete seitdem nur noch ein Nebendasein - und sollte (angeblich)
so schnell wie möglich aufgelöst werden.

Noch glaubte niemand an die schon bald eintretende "Krise" des ja erst
"neugegründeten" und nun bereits "erweiterten" Orchesters. Noch wählte an diesem


                                                                                     20
ersten Tag des "eigentlichen Beginns" das Orchester Richters "Gegenpol" Michael
Scheck fast einmütig als 1. "Orchester-Vorstand".21
Freilich: Die Gerüchte darüber, was "im Hintergrund" wirklich vor sich ging, dazu das
überraschende "Bleibenmüssen in Hilchenbach", was so kaum jemand erwartet hatte:
einige Eingeweihte" schienen es genauer - und ganz anders - zu wissen.
Auch die "Abwicklung" der Orchesterschule, für die jetzt nebenher der Bratschist Bär
von Randow als letzter "Leiter" (aber offenbar nur von "Richters Gnaden") zuständig
wurde, schien so ganz "astrein" nicht zu sein. Der Autor erinnert sich an eine gewisse
Hilflosigkeit unter den verbliebenen Schülern, so als wären sie nur noch eine Art
"Manovriermasse" gewesen.

Erneut ist zu fragen: was war geschehen? Wie stand es wirklich um das Orchester?

Schon am 16. Juli 1958 muß es (vielleicht nur in kleinem Kreis?) jene Sitzung gegeben
haben, auf die sich Peter Richter und seine Freunde dann immer wieder berufen haben:
In Gegenwart (oder nur in Kenntnis?) auch der Vertreter von Kultusministerium und
Landschaftsverband scheint dabei das "Auslaufen der Schule" zugunsten nur noch des
Orchesters zumindest "angedacht" worden zu sein.22
Dies hatte jedoch zur Unruhe innerhalb der Trägerschaft und vor allem auch zu
Meinungsverschiedenheiten zwischen Richter und dem Geschäftsführer der
Trägerschaft, Moritz Weiss, Hilchenbach geführt.
So muß Richter, in mehreren Sitzungen, die vom 05. September 1958 an stattfinden, zu
seinen künftigen Vorhaben Stellung nehmen.23

Er erklärt sinngemäß, daß die Orchesterschule in der bisherigen Form keine Zukunft
mehr habe - und er die Notwendigkeit eines Neubaus nicht mehr befürworten könne.

Trotz weitgehender Sympathie der Stadt Siegen (die sich tatsächlich ein eigenes
Orchester erträumt? Die vehemente Verfechter des "genialen Künstlertums" Richters in
ihren Reihen hat?) und auch der Siegerländer Industrie ist man allseitig über diese
Deutlichkeit entsetzt - und wirft Richter vor, er habe die Trägerschaft über seine wahren
Absichten nicht rechtzeitig in Kenntnis gesetzt bzw. keine klare Linie gezeigt.

Zwar beruft sich Richter auch auf seine fortlaufenden Besprechungen mit Moritz Weiss,
von denen er fest geglaubt hätte, daß ihr Inhalt sofort weitergeleitet worden wäre. Weiss
bestreitet aber die Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit dieser Besprechungen - und der
Landkreis beharrt darauf, daß die Sache in dieser Klarheit im Juli nicht erörtert worden
sei.

Salopp ausgedrückt: hier war offenbar "eine Jungfer zu ihrem Kind" gekommen.

Die Situation führte zumindest dazu, daß die Musiker nicht die angekündigten Verträge
bekamen, sondern daß man vorerst bei den schon erwähnten "Absichtserklärungen"
verblieb. Und daß das Orchester vorerst nicht (wie es Richter immer wieder versprochen
hatte) nach Siegen ging, sondern seinen Sitz in Hilchenbach behielt.

Am 09. Oktober 1958 (am Vortag des eigentlichen Beginns des Orchesters in seiner
erweiterten Besetzung!) einigt man sich (im Einvernehmen auch mit dem Land und dem
                                                                                      21
Landschaftsverband) nochmals darauf, daß die Schule erhalten bleiben und weiter ein
Neubau dafür geplant werden müsse.24
Man erklärt die Forderungen und Absichten Richters für "übertrieben" - und stärkt der
sich mehr und mehr um Moritz Weiss formierenden "Opposition" den Rücken.

Das war dann spätestens die Geburtsstunde der "Richter-Krise" - und der Autor erinnert
sich deutlich an die Unruhe, die schon von den ersten Tagen im "Probenlokal Müller" an
immer mehr zu spüren war. Zwar sind (wie auch an anderer Stelle erwähnt) viele
Unterlagen aus der "Frühzeit" dieser Krise nicht mehr vorhanden. Aber stimmt es
überhaupt, sind sie wirklich (so jedenfalls die Darstellung des Stadtarchivs Hilchenbach)
bei der späteren Auflösung des "Büro Weiss" nicht in den zuständigen Archiven in
Siegen, sondern auf dem Sperrmüll gelandet?
Man kann sich trotzdem aus dem, was in den beiden Siegener Archiven (wenn auch in
unübersichtlicher "Abheftung") übrig geblieben ist, ein eindeutiges Bild machen. Auch
wenn es dem, was heute, nach fast 50 Jahren, von Richter bzw. von seinen Getreuen
nacherzählt wird, in keiner Weise entspricht.

11. Oktober 1958: ein "Männerchor-Konzert" in Siegen steht dort am Anfang des
     "Neubeginns".
18. Oktober 1958: erstmals "Carmina burana" in Offenbach
23. Oktober 1958: Sinfoniekonzert unter Richter in Witten: mit der "großen" g-moll-
     Sinfonie von Mozart und der 5. Tschaikowsky.
                   "... zunächst läuft alles so gut, daß uns ein Stein vom Herzen fällt ..."

29. Oktober 1958: erstes Konzert seit dem "Neubeginn" unter Richter in Siegen, wieder
mit der "großen" g-moll von Mozart und der 4. Sinfonie von Bruckner

                    "... wir sind hinterher alle erschrocken: es gelingt erstmals nicht,
                     Unsicherheit und Nervosität hatten sich allseits breit gemacht ..."

Am 05. November 1958 entsteht dennoch, trotz allen Spannungen, ein Trägerverein auf
neuer Grundlage, wird damit der selbständigen Entwicklung seit Oktober 1957 und auch
der Erweiterung des Orchesters seit Oktober 1958 wenigstens einigermaßen Rechnung
getragen.25

Zum Vorstand des Vereins "Siegerland-Orchester e. V." gehören künftig der
Oberkreisdirektor des Kreises Siegen-Wittgenstein, der Oberstadtdirektor von Siegen
sowie ein Vertreter der Siegerländer Unternehmerschaft. Moritz Weiss, auch als
Vertreter der Stadt Hilchenbach, bleibt Geschäftsführer.
Jedoch weiterdauernde, spürbare Unruhe, sowohl bei den Proben wie auch in den
Konzerten. Keine gute Sache für besonders "empfindsame" junge Musiker, wie es der
Autor damals noch gewesen ist!

17. November 1958, nach sehr vielen Proben: ein weiteres Sinfoniekonzert unter Peter
Richter in Siegen (u. a. mit den "Bildern einer Ausstellung") das der WDR aufnimmt und
dann auch überträgt.
      „... es gibt sehr geteilte Meinungen darüber - und genau das hat dann endgültig
      (nun auch innerhalb des Orchesters) die Krise um Richter ausgelöst ... Und
                                                                                           22
Richter weiß das - aber es beginnt zugleich die Zeit seines dauernden
      Ungeschicks, seines fast tragischen Versagens in einer Situation, die er nicht
      wahrhaben will, die ihm mehr und mehr entgleitet ...".26




Zwar glaubt er noch am 21. November 1958 bei einem (als sensationell empfundenen)
Konzert in Siegen zusammen mit dem "Orchester Kurt Edelhagen" alle Trümpfe in der
Hand zu haben.
Am 12. Dezember 1958 kommt es aber zur entscheidenden Zusammenkunft von
Kreisdirektor Kuhbier, Moritz Weiss, Richter und dem Orchestervorstand (mit Scheck als
Sprecher) wegen der entstandenen Problematik. Scheck widerspricht Richters
Forderungen nach "Alleinherrschaft"; man diskutiert den schlechten Eindruck der
Rundfunkübertragung des Konzertes mit den "Bildern der Ausstellung" - und Richter
                                                                                   23
fragt erstmals "Sind Sie der Auffassung, daß ich meiner Aufgabe nicht (mehr)
gewachsen bin?"27
Kuhbier formuliert eine Art künstlerischen Beirat der Stimmführer, der künftig
mitbestimmen soll; bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet allein die Trägerschaft.
Dem muß schließlich auch Richter zustimmen.
Vor allem wird nochmals klargestellt, daß Richter allein keinerlei Maßnahmen mehr
treffen darf, die Verpflichtungen des Trägers zur Folge haben.

Also zunächst auch keine Zusagen mehr für Konzerte und Engagements geben,
keinerlei Entscheidungen über Neueinstellungen oder Kündigungen von Musikern mehr
treffen darf? Genau geht das daraus nicht hervor, scheint aber so beabsichtigt gewesen
zu sein.

19. Dezember 1958: in einer Vorstandssitzung der Trägerschaft wird alles bestätigt. Man
will zwar an Richter festhalten, vor allem, "weil bei einer Trennung Schwierigkeiten
hinsichtlich der Finanzierung auftreten würden", aber die "Differenzen" sollen jetzt durch
klare Dienstanweisungen und durch deutliche Richtlinien zur Abgrenzung aller
Zuständigkeiten ausgeräumt werden.28
Da ist es zum ersten Mal definitiv: das Schreckgespenst, daß die finanziellen Zusagen
des Landes und des WDR allein an die Person Richters geknüpft sein könnten. Wie
gesagt "könnten". Es stimmte nicht. Es gibt in den Unterlagen keinerlei konkrete
Hinweise. Leider läßt sich heute nicht mehr feststellen, wer dieses "Gespenst" und aus
welchem Grund an die Wand gemalt hatte.

Natürlich ist Richter alles andere, als einverstanden. In der "alten" Chronik des Autors
steht ausdrücklich,
        "... daß es um diese Zeit aussah, als würde er über Nacht hinschmeißen, um
       sich heimlich abzusetzen ..."
Und er verliert jetzt auch den Autor, als einen bis dato zwar sehr naiven, oft zweifelnden,
aber eigentlich noch sehr begeisterten Anhänger:

19. Dezember 1958: Weihnachtsoratorium unter Richter in Witten
      "... ich sage ihm (teils noch immer von ihm fasziniert, teils im guten Glauben, ich
      könnte ihn beeinflussen) die erbetene organisatorische Assistenz bereits für die
      Chorproben in Witten zu, bekomme dann später eine Grippe, fahre dennoch zur
      Aufführung mit, habe aber kurz vorher einen Herzanfall: so daß für die Aufführung
      kein 1. Flötist vorhanden ist. Wütende und vor allem beleidigende Ausfälle
      Richters - und viel Aufmerksamkeit seitens der Opposition, die mich ermahnt,
      endlich einmal nachzudenken ..."

02. Dezember 1959: Richter fordert und praktiziert (trotz Verbots) weiterhin seinen
Entscheidungsanspruch in allen personellen Dingen. So verlangt er z. B. am 08. Januar
1959 von Moritz Weiss die fristlose Entlassung Märkls, der ihm mehr und mehr die
Gefolgschaft verweigern will.29
09. Januar 1959: Corazolla verlangt daher umgekehrt (in einem Brief an die
Trägerschaft, im Vorfeld einer geplanten Diskussion zwischen Orchester und
Trägerschaft am 12. Januar) in aller Deutlichkeit, Richter als menschlich nicht mehr
geeignet anzusehen.30
                                                                                        24
Moritz Weiss jedoch bittet seine Kollegen, im bevorstehenden Gespräch mit dem
Orchester zunächst noch einmal so ausgleichend wie möglich vorzugehen; das
Gespräch soll für die künftige Weiterarbeit des Orchesters entscheidend sein.

Fast sieht es aus, als sollte jetzt erst darüber entschieden werden, ob das Orchester
wirklich als "gegründet" und "existent" anzusehen ist, oder ob alles bisherige nur ein
"ungültiger Versuch" war, den man jederzeit widerrufen könnte.

      "... überall wird diskutiert und verdächtigt, man kann sich kaum noch auf die
      Musik konzentrieren, die Zukunft erscheint völlig ungewiss ..."




                                                                                   25
Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "Künstlerischer
Oberleiter"
15. - 17. Januar 1959: Sinfoniekonzerte unter Richter in Weidenau

      "... es werden, ohne daß es irgendjemand für möglich hält, seine letzten Konzerte
      als Chef des Orchesters ..."

Vorausgegangen war am 12. Januar das schon erwähnte "Gespräch" zwischen
Trägerschaft und Orchester im "Probenlokal Müller".31

Es blieb keineswegs als eine "besonders gelungene Veranstaltung" in Erinnerung, als
das "klärende Gespräch", das nun notwendig war. Die Herren des Träger-Vorstandes
hatten die Mahnung ihres Mitgliedes Moritz Weiss, so ausgleichend wie nur möglich
vorzugehen, wohl nicht ganz ernst genommen. Sie standen zwar in allen Fragen Rede
und Antwort, schienen aber die tiefe Kluft, die sich im Orchester aufgetan hatte, zu
verkennen - und wollten es wohl eher mit einem "Machtwort" halten - so ähnlich wie
"wenn jetzt nicht Ruhe ist, fackeln wir nicht mehr lange".

Umgekehrt schien ihnen endgültig klar geworden zu sein, daß man diese "Ruhe" nur
unter strengen Auflagen auch für Richter erreichen konnte.
Dazu gehörte als Skurrilität sogar, daß man ihm die Einstudierung einer Oper (für die er
bereits Sänger nach Hilchenbach eingeladen hatte) strengstens untersagt.
Es scheint im übrigen noch eine "inoffizielle" Fortsetzung des "Gesprächs" zwischen
Träger und nur der "Richter-Partei" gegeben zu haben. Darüber ist in den Protokollen
zwar kaum etwas enthalten. Sonst aber läßt sich Richters überlieferte Äusserung, daß
er auch "zu einer Verkleinerung des Orchesters aus finanziellen Gründen bereit wäre,
wenn man ihn nur weiter gewähren ließe" nicht richtig einordnen - und vor allem nicht
das berühmte Wort von Moritz Weiss, das dann lange die Runde machte, nämlich "...
wer das Geld hat, hat die Macht, daran müssen Sie sich gewöhnen, und ich habe das
Geld!"

             Den sonst so vorsichtigen Moritz Weiss hatte man wohl "in Rage"
             gebracht, er wollte vermutlich nur an den Kern der Dinge erinnern.
             Vielleicht hat er ja auch nur gesagt "wir haben das Geld".32
             Ein "Machtwort" war jedenfalls nicht das richtige "Mittel der Wahl". Der
             Lernprozess, der jetzt dringend hätte folgen müssen, wäre nicht nur für
             Richter selbst oder für die verschiedenen Gruppierungen im Orchester,
             sondern auch für die "Obrigkeit" äußerst wichtig gewesen.



Die Vertreter der Opposition gegen Richter (Scheck, Corazolla, Märkl und einige andere,
im Orchester genannt "die Clique" und dann offiziell "die Neun") verließen das
"Gespräch" jedenfalls eher - und unterschrieben noch am Abend einen bereits
vorbereiteten Brief. Man schildert noch einmal die ursprünglichen Ziele, sei aber zu der
Erkenntnis gelangt, daß Richter die Erwartungen nicht erfüllt habe, unter seiner Leitung
                                                                                     26
könne die Idee des Siegerland-Orchesters auch nicht mehr verwirklicht werden. Man
sähe sich daher gezwungen, das Orchester zu verlassen - und diesen Brief als
Kündigung anzusehen.33
Eines der großen, wenn auch später etwas umstrittenen Ereignisse in der Geschichte
des frühen Orchesters! Auf jeden Fall ist zu sagen: Richters bald verbreitete Meinung
von "unverschämten Lügen", die im Brief stünden, wird schon bei oberflächlicher
Lektüre völlig unverständlich. Nicht der Brief als solcher hatte die von niemandem so
erwarteten Folgen, sondern allein Richters voreilige und schlecht beratene Reaktion
darauf. Sie hätte wohl noch jeden Arbeitgeber auf der Welt zur "sofortigen Beurlaubung"
veranlaßt.

18. Januar 1959: der Brief der "Neun" war an Moritz Weiss gegangen und von diesem
offiziell an Oberstadtdirektor Seibt weitergereicht worden; Seibt übergab ihn dann (wohl
anlässlich einer für diesen Tag sofort einberufenen Vorstandssitzung) an Richter zur
Stellungnahme.34
In der Sitzung (mit Seibt, Kuhbier, Simony, Weiss, dazu Richter und Diederich) ist Seibt
für Richter, Weiss (sehr erregt) gegen ihn. Richter und Diederich müssen die Sitzung
zunächst wieder verlassen; Weiss verteidigt dann weiter die "Neun" ("und zehn weitere,
die hinter ihnen stünden"), Simony aber weiter Richter - und behauptet auch dessen
Rückhalt bei der Industrie.
Als Richter und Diederich wieder hinzu kommen, stellt jetzt Richter ultimativ sein Bleiben
infrage. Nur mühselig einigt man sich auf den Kompromiß, den WDR (Dr. Krutge) als
Schiedsrichter anzurufen.

Der Autor kann gar nicht anders, als so ausführlich von jenen legendären Ereignissen zu
berichten, die ihm noch so lebendig in seiner Erinnerung sind:

19. Januar 1959: Abfahrt zu "Carmina burana" in Offenbach. Da es die Wiederholung
eines Konzertes ist, das schon am 18. Oktober stattgefunden hatte, der Chordirigent
auch schon wieder zu einer Probe in Hilchenbach gewesen war, ist in Offenbach nur
eine "Verständigungsprobe" mit dem Chor notwendig.
So hält Richter zunächst eine Orchesterversammlung ab, auch sie eine der
legendärsten in der frühen Geschichte des Orchesters.35
Auf ihr verliest Diederich den Brief der "Clique" - und formuliert dann die Haltung des
übrigen Orchesters: die „Neun“, jetzt mit Haupt zehn, sollen ausgeschlossen werden,
man stehe einmütig hinter Richter. Diederich läßt schließlich eine Liste zur Unterschrift
herumgehen.36
Noch von Offenbach aus wird viel telefoniert (Scheck mit Moritz Weiss, der die
"Ausgeschlossenen" ermahnt, unbedingt weiter Dienst zu tun, Richter mit dem Siegener
Baurat Simony) und auf der Rückfahrt gibt es einen nächtlichen Halt in Butzbach, bei
dem Richter dem Orchester durch Diederich ausrichten läßt, daß Siegen den
Orchesterbeschluß voll bestätigt habe, anders lautenden Gerüchten solle keinerlei
Glauben mehr geschenkt werden.37
Es fällt offenbar auch der Zusatz, daß man sich bereits auf einen Vorstandsbeschluß
des Trägers dazu stützen könne.

Dies war dann der entscheidende Schritt, den Richter zu weit gegangen war. Denn
sofort verteidigt sich Weiss in einem Brief an die Vorstandskollegen und erinnert an
                                                                                       27
frühere Sitzungen: zwar habe man am 12. Januar vor dem Orchester eine weitgehende
Kontrolle Richters zugestanden, dies sei nun aber in der Praxis nicht mehr möglich. Es
gäbe "Hunderte von solchen Vorfällen" in der Vergangenheit. Auch die Darstellung der
"Neun" als "gemeine Lügner" sei so nicht hinnehmbar.38
Als Scheck ihm am folgenden Tag über "Butzbach" berichtet, schreibt er noch einen
weiteren Brief - und verlangt die sofortige Entscheidung jetzt.

21. Januar 1959: der Vorstand beschließt die Lösung des Dienstverhältnisses mit
Richter - und teilt es ihm mündlich mit.39

Es beginnt damit auch die Zeit, in der Scheck (neben seinem Dienst als Solo-Oboer)
das Amt eines "vorläufigen Verwaltungsleiters" in aller Öffentlichkeit ausübt. Dies war
wohl vor allem in seinem engen Vertrauensverhältnis zu Moritz Weiss begründet.
Auf Moritz Weiss muß deshalb kurz eingegangen werden: als Hilchenbacher Fabrikant
und dort lange Zeit Bürgermeister war er geschäftsführendes Vorstandsmitglied schon
beim Träger der Orchesterschule gewesen und wurde es dann auch beim Träger des
Orchesters.
Michael Scheck über ihn heute: "... obwohl er in eine ihm fremde Welt eingetreten war,
versuchte gerade er, für das Orchester Sympathie und finanzielle Mittel aufzubauen. Die
internen Querelen müssen ihm total unverständlich, mehr noch, ein Greuel gewesen
sein."
So brauchte er natürlich einen Ratgeber, dem er voll vertrauen konnte - und hatte ihn in
der Person von Michael Scheck gefunden; dies offenbar schon seit längerer Zeit.40

22. Januar 1959: Weiss hat an Konzertmeister Hartig einen Text zur Verlesung vor dem
Orchester gegeben, daß man mit Richter vereinbart habe, seine Stellung sofort
aufzugeben. "Ruhe (so sinngemäß) sei jetzt die erste Bürgerpflicht".41
29. Januar 1959: der Vorstand stellt "amtlich" fest, daß das Beschäftigungsverhältnis mit
Richter seit dem 21. Januar gelöst sei, und teilt es ihm jetzt auch schriftlich mit.42
01. Februar 1959: Doch nun gibt es mehr und mehr Briefe seiner Siegener Freunde, die
an "Gott und die Welt", vor allem aber an Dr. Krutge vom WDR, der ja Schiedsrichter
sein soll, gerichtet sind. Wortreich wird versucht, die Dinge aus der Sicht Richters klar zu
stellen.43
Und gibt es umgekehrt auch die (heute etwas peinlich wirkenden) Erkundigungen der
Trägerschaft über Richter bei seinen früheren Arbeitgebern in Hagen und Wuppertal.44

Natürlich gibt es am 03. Februar 1959 auch eine Besprechung im Kultusministerium, im
Beisein von Dr. Schmücker (Ministerium), Dr. Krutge (WDR), Paasch
(Landschaftsverband) und den Träger-Vorständen.45
Die "Externen" bedauern zunächst, daß sie nicht mehr gehört worden wären - und
stellen die Vorgänge als "unter Künstlern üblich" dar. Krutge behauptet erneut, daß er
die Befürwortung von weiteren Zuschüssen allein auf die Person Richters hin aufgebaut
habe. Es kommt auch zur Sprache, daß sich der zu weit abgelegene Standort
Hilchenbach nicht bewährt habe, eine "Cliquenbildung" sei dort unvermeidlich gewesen.
Die "Externen" werden sehr "deutlich", sie kanzeln die Trägervorstände beinahe ab.

Dr. Schmückers und Dr. Krutges Reaktionen jedoch waren so zu erwarten - und waren
allzu vordergründig. Der Name der Frau Dr. Schmücker taucht in den "Quellen" im
                                                                                         28
übrigen viel seltener auf, als man es laut anderen Darstellungen erwarten müßte; auf
ihrem Schreibtisch lag wohl vor allem der "Fall Agop", von dem gleich die Rede sein
wird.
Die graue Eminenz des Dr. Krutge hingegen bewegte sich mehr und mehr auf Glatteis.
Zwar war er wohl eine im Hintergrund sehr treibende Kraft - und vor allem der Förderer
Richters schlechthin. Aber wenn er weiterhin mit der Bindung der Zuschüsse "an die
Person Richters" argumentierte, während doch nach den üblichen Regeln allein dieses
ungewöhnliche Orchester im Mittelpunkt hätte stehen müssen: kann man ihm kaum
folgen. Und das hat er dann wohl ziemlich bald eingesehen.46
Viel eher ist hier ein (vorsichtiges) Wort über den Baurat Simony angebracht, der als
"Adlatus" des Siegener Oberstadtdirektors Seibt an fast allen Sitzungen teilnahm. Aber
nicht über ihn persönlich, sondern über ihn als den profiliertesten Vertreter jener
Siegener Kreise, die in Richters Bestrebungen (wie schon erwähnt) wohl einen alten
Traum verwirklicht sehen wollten (ein eigenes Orchester und womöglich auch Theater
zu haben, wie es z. B. Hagen, Solingen und Remscheid längst hatten) und ihn deshalb
so enthusiastisch unterstützten.47
Michael Scheck: "die vorherrschende Subjektivität der Siegener 'high society' wirkte
sich immer wieder zum Nachteil des Orchesters aus. Denn diese Leute hatten Gewicht
und Stimme in den politischen Gremien, oder konnten sie zumindest beeinflussen."48

Vom Verwaltungsjuristen Kuhbier scheint (bei Gelegenheit aller genannten Gespräche)
im übrigen die Feststellung zu stammen, daß die juristischen Gründe für eine "fristlose
Entlassung" allemal ausgereicht hätten, man sei sich aber über eine "grundsätzliche
Kündigung" zum 31. März 1959 und eine Gehaltsfortzahlung bis zu diesem Termin einig
geworden.

Ob die "Fehlleistungen" Richters tatsächlich für eine "fristlose Entlassung" ausgereicht
hätten, mag dahin gestellt bleiben. Auffallend ist, wie schnell man nach dem rettenden
Strohhalm bloß einer "fristlosen Beurlaubung" gegriffen hat. Aber das Kind war nun in
den Brunnen gefallen, die Situation blieb völlig verfahren. Und so war die Bühne frei für
den nächsten "Helden" in der Geschichte des Orchesters.
Am 04. Februar 1959 springt der Dortmunder GMD Rolf Agop ein und leitet als
Vertretung für Richter ein Sinfoniekonzert in Siegen (u. a. mit den "Weber-
Metamorphosen" von Hindemith).

Agops nun beginnenden Unterlagen49 zufolge war er am 22. Januar telefonisch gebeten
worden, für das Konzert einzuspringen.
Neu und überraschend für ihn kann das aber nicht gewesen sein, es gibt auch keinerlei
Hinweise darauf, von wem er angerufen wurde - eher darauf, daß es sich um eine
"Angelegenheit" handelte, die schon "von längerer Hand" vorbereitet worden war.50
War es also schon schwierig zu erklären, wie Richter eigentlich "auf der Bühne" in
Hilchenbach erschien, ergibt sich bei Agop genau dasselbe.

Auf jeden Fall: Agops "Einspringen" wird als die "Wende" angesehen. Und sie beginnt
so "blumig", wie es eben die Ausdrucksweise des unvergessenen Rolf Agop gewesen
ist: Er sei "händeringend vom Siegerland-Orchester darum gebeten worden."
Die vom Autor vermutete und auch dunkel erinnerte Wahrheit aber lag wohl eher dort,
daß Agop damals vor allem um ein Ziel bemüht war: noch "richtiger" Professor in
                                                                                      29
Detmold zu werden. Hierfür mußte entweder sein Vertrag in Dortmund gegen alles
Erwarten doch noch verlängert werden, oder es mußte sich eine Aufgabe wie dieses
"Nachwuchs-Sinfonie-Orchester" ergeben, das in die richtige Richtung zielte.51

So war er denn vermutlich schon sehr früh informiert - und hatte seine Fühler schon zu
einem viel früheren Zeitpunkt ausgestreckt.
Zwar bestätigt er, "daß sich Richter Dinge erlaubt hätte, die ihm so nicht zustanden, vor
allem in vertraglicher Hinsicht" - aber er spricht eben schon gleich nach dem Konzert
auch davon, daß zwar Richter "unbedingt zurückgeholt werden" solle (´er sei ja im
übrigen sein Schüler gewesen), ihm aber "ein erfahrener Künstler zumindest in den
ersten kritischen Wochen quasi übergeordnet werden müsse."´

      "... zunächst sind erst einmal völlig freie Tage bis Anfang März. Man fängt an,
      wieder in Ruhe zu üben - und bekommt eine erste Ahnung davon, in welch
      schöne Landschaft man da eigentlich verschlagen worden ist ..."
      "... derweil aber Drohungen der Richter-Seite, man würde gleichfalls kündigen,
      wenn Richter nicht zurückberufen würde ..."
      "... irgendwie kam man eben doch noch nicht zur Ruhe ..."

Am 05. Februar 1959, dem Tag nach dem Siegener Sinfoniekonzert unter Agop:
außerordentliche Sitzung des Kulturausschusses des Kreistages, bei der alles gründlich
zur Sprache kommt, und Kreisdirektor Kuhbier noch einmal die Entwicklung "bis zum
heutigen Stande" vorträgt. In der "sehr lebhaften" Debatte wird deutlich, daß es keine
Mehrheit dafür gibt, an der Person Richters als allein Verantwortlichem festzuhalten. Nur
drei Ausschußmitglieder sprechen sich dafür aus, sieben dagegen, drei enthalten sich.52
Insofern wird begrüßt, daß nach dem gestrigen Konzert noch ein Gespräch mit Agop
stattgefunden hätte, in dem er sich sehr positiv über das Orchester, aber auch über
einzelne Mitglieder der "Neun" geäußert und dies auch sofort Herrn Dr. Krutge mitgeteilt
habe.
Auf die spontane Frage, ob er als "Oberaufsicht" für eine Weiterarbeit Richters zu
Verfügung stehen würde, habe er seine Bereitschaft bekundet.
Man spricht sich sofort für diese Lösung aus, zumal sie auch ein Einvernehmen mit
Ministerium, Rundfunk und Landschaftsverband verspricht, fordert Seibt zu den nötigen
Verhandlungen mit der Stadt Dortmund auf - und beschließt einstimmig.




                                                                                      30
09. Februar. 1959: Richter fordert darauf hin brieflich die Aufarbeitung seiner finanziellen
Dinge. Es sei Krankheit und privates Mißgeschick gewesen, daß ein Treffen mit Agop
bisher noch nicht vereinbart werden konnte; Agop hätte ja aber gebeten, erst dann zu
einer Aussprache und nach Hilchenbach zurück zu kommen, wenn er wieder gesund
sei.53
Schon hier fordert er jedoch seine "Herrschaft" allzu deutlich zurück, er formuliert
sarkastisch, daß er "offenbar nur unter Aufsicht" wieder vor das Orchester treten dürfe.
Und redet zwar von einer Neuordnung und von einem "Schlußstrich", meint aber ganz
offensichtlich: zu seinen Gunsten. Vor allem: gegen die "Neun". Das drang bis ins
Orchester vor. Der Autor erinnert sich um diese Zeit an erste "Friedensgespräche", mit
dem Inhalt, daß Richter aus seinen Fehlern offenbar nicht lernen wolle, ganz einfach,
weil er es grundsätzlich nicht könne.

Viel wichtiger aber, als dies alles: um diese Zeit gibt es auch eine etwas bedenkliche
Sitzung des Finanzausschusses des Kreistages. 54
Dem Sinn nach wird festgestellt: die "Sanierung" des Orchesters erfordere inzwischen
eine viel höhere Summe, als erwartet. Es sei also zu überlegen, ob das Orchester "in
jedem Fall" gerettet werden solle. Ein "Nachwuchsorchester" sei auch nicht Aufgabe des
Siegerlandes allein. Umgekehrt sei eine Reduzierung der Orchesterstärke und damit die
Rückkehr zu den Verhältnissen der "Musikschule" ebenso wenig machbar. Das
Einvernehmen mit Ministerium, WDR und Landschaftsverband sei daher unerläßlich.

Dann kommt es, was man kaum in die Öffentlichkeit dringen ließ: eine finanzielle
"Probezeit" von zwei Jahren sei das Äußerste, dem man zustimmen könnte.55

Die Trägerschaft jedoch bleibt optimistisch: inzwischen hatte Agop auch brieflich
zugestimmt, lag die Zustimmung aus Dortmund vor - und hing jetzt alles davon ab, ob
Richter mit einer "Oberaufsicht" Agops einverstanden war. Ein Neubau in Hilchenbach
sei vorerst unnötig geworden; notfalls könne das Orchester in die Halle in Kaan-
Marienborn ausweichen.56
Man entschließt sich jedoch (wohl angesichts der vielfältigen Gerüchte, Meinungen und
Gegenmeinungen) künftig alles "streng vertraulich" zu behandeln. So gibt es am 12.
Februar 1959 (laut Agop erst am 13. Februar 1959 und dann "ganztägig") bereits die
notwendigen Besprechungen: zwischen Agop und dem Trägervorstand, dasselbe im
Beisein Richters, dann zwischen Agop und dem Orchester, dasselbe im Beisein des
Trägervorstandes.57
Die Ergebnisse sollen die Grundlage für ein ausführliches Gespräch zwischen Agop und
Richter sein. Eingeschlossen ist schließlich auch eine "außerordentliche, nicht-
öffentliche" Kreistags-Sitzung, deren Inhalt tatsächlich als "vertraulich" ausgegeben
wird. Einziger Punkt der Tagesordnung: das Weiterbestehen des Orchesters.
Agop ist anwesend, spricht sich gleich zu Beginn deutlich für den Erhalt des Orchesters
aus, ist bereit (falls der Kreistag heute zustimme) die "Oberleitung" (im Klartext "die
künstlerische Verantwortung, die Programmgestaltung und die Schlichtung von
Streitigkeiten") zu übernehmen, dies (was immer er damit meinte) ohne "materielle
Forderungen"; daraufhin sei auch das Orchester "einstimmig" bereit, Frieden zu machen
und einen erneuten Versuch mit Peter Richter zu unternehmen.


                                                                                         31
Landesrat Paasch, der gleichfalls zugegen ist, stellt dafür auch die Zustimmung des
Landschaftsverbandes und des WDR in Aussicht. Moritz Weiss, der sich von der
eigentlichen Geschäftsführung künftig mehr zurückziehen will, legt außerdem dar, daß
so auch ein verwaltungsmäßiger Neuanfang des Orchesters möglich werde.
Als Agop und die "Externen" dann den Saal verlassen haben, erwähnt Moning noch,
daß er die "fristlose Entlassung" bereits zurückgenommen habe (womit also endlich der
Status der bloßen Beurlaubung hergestellt war) und daß die noch fehlenden Teile
(Kuratorium, Satzung usw.) einer künftigen Trägerschaft endlich in die Wege geleitet
worden seien.

Es liest sich wie die eigentliche, nachgeholte Orchestergründung. Und das ist sie
irgendwie auch gewesen: nun hatte nicht nur die Realität die Trägerschaft eingeholt,
sondern hatte erstmals auch die Trägerschaft Anschluß an die Realität gefunden - und
bekannte sich zuversichtlich zur Existenz eines selbständigen Orchesters. Ohne
Fortbestand der Orchesterschule.

Ob dabei nochmals das Wort gefallen ist, daß man jetzt "den Frieden erzwingen müsse,
sonst aber das Orchester auflösen", ist nicht genau auszumachen. Der Autor hält es
heute für eine sofortige "Propaganda" der Richter-Seite.
       "... darüber waren wir aber alle erschrocken - und skeptisch, ob Richter
       zustimmen würde bzw. wie das funktionieren sollte. Einzig seine tatsächliche
       Rückkehr unter Agops 'Oberaufsicht' war jetzt der 'springende Punkt' ..."

Für den 18. Februar 1959 war dann das entscheidende, direkte Gespräch zwischen
Agop und Richter vereinbart; es gab sogar schon einen Entwurf für den
vertragsmäßigen Teil. Richter aber erscheint nicht, es findet nicht statt.58
Die für den 28. Februar 1959 geplante "Wieder-Einführung" Richters wird also abgesagt.
Richter wird außerdem verboten, bis zur Rückkehr Agops von einer Reise und einem
daher erst für den 6. Mai(!) angesetzten neuen Gesprächstermin nach Hilchenbach zu
kommen oder mit dem Orchester in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen.59

Vor seiner Reise gibt es am 04. März 1959 noch ein vielgelobtes Sinfoniekonzert unter
Agop in Iserlohn, mit der "großen C-Dur" von Schubert.

      "... Agop bestätigt bei dieser Gelegenheit Corazolla als Vertreter im
      künstlerischen Bereich - und Scheck in seinen organisatorischen Aufgaben. Er
      läßt aber andererseits einen neuen Orchestervorstand wählen, in dem erneut nur
      die Richter-Seite vertreten ist ..."
      "... ein nicht immer zu verstehendes, aber wie sich zeigte: sehr geschicktes
      Taktieren, es wird zum Anfang der tatsächlichen Beruhigung ..."

13. März 1959: Richter (jetzt und dann weiterhin mit dem Absender des heimatlichen
Elternhauses in Lübeck) widerspricht plötzlich und erklärt sich generell mit dem
geplanten Ablauf der Dinge nicht einverstanden; er dreht auch den Spieß um: Agop sei
voreingenommen, sei beeinflußt worden - und habe seine (Richters) terminliche
Gegenvorschläge von vornherein nicht akzeptiert. Er "droht" sogar mit Konsequenzen,
oder deutet sie zumindest an.60


                                                                                   32
Am 15. März 1959 scheint er seiner Sache so sicher zu sein, daß er für seine
Vorbereitungen die "April-Partituren" verlangt, und nun wieder von "Entscheidungs-
Befugnissen" redet.
19. März 1959: sogar Seibt weist Richter jetzt in einem "eingeschriebenen" Vorstands-
Brief scharf zurecht. Richter habe nach dem Treffen am 12. Februar akzeptiert, was
auch die Grundlage für das Treffen mit Agop am 18. Februar sein sollte: einen
wirklichen Schlußstrich, nach dem alles Vorherige nicht mehr zur Debatte stünde. Das
Gespräch am 18. Februar, sei aber leider nicht zustande gekommen. Die Rückkehr von
Agop müsse jetzt abgewartet werden. Richters Briefe vom 13. und 15. März seien so
nicht hinnehmbar, würde er sie aufrecht erhalten, sähe der Vorstand keine Möglichkeit
mehr, das Vertragsverhältnis neu zu begründen.

      "... alle sind neugierig, ob Richter die ihm gestellten Bedingungen jetzt noch
      annimmt - vor allem aber besorgt darüber, ob seine Stelle (zusammen mit der
      eines Verwaltungsleiters) sonst wirklich neu ausgeschrieben wird (wie es mehr
      und mehr verlautet) oder ob es doch noch zur angedrohten Auflösung des
      Orchesters kommt ..."

Doch schon am 04. April 1959 treffen sich Agop und Richter überraschenderweise in
Köln, Krutge/ WDR scheint diesen Termin möglich gemacht zu haben und moderiert ihn:
man hatte sich also doch noch einigen können.61
Sah Agop plötzlich ein, daß auch er allzu unbeherrscht reagiert hatte?

11. April 1959: Jan Corazolla "muß" in einem Brief an den Vorstand monieren, daß sich
die "Neun" zwar zum Bleiben bereit gefunden hätten, jedoch nur, wenn sich Richter
grundsätzlich und positiv ändere. Dies habe er aber auch seit dem Gespräch mit Agop
nicht getan, er habe das Übereinkommen nachweislich bereits gebrochen.62

Zwar wird Corazolla leider nicht konkret, doch sein "Kernpunkt" dabei ist neu: er
verweist darauf, daß sich die Diskussion um Richter ausschließlich auf das
"menschliche" verlagert habe, über das "künstlerische" sei noch gar nicht geredet
worden. Dies aber sei das Entscheidende.63
Er hat das offenbar auch an Agop geschrieben und ihm seinen Brief an den Vorstand
beigefügt. Agop antwortet am 20. April 1959 zunächst noch etwas zurückweisend: daß
man Richter nun erst recht die Chance einer Rückkehr geben müsse, dann würde sich
sofort und deutlich erweisen, ob er dies auch nutzen könne. Es ist aber deutlich zu
spüren, daß er über die "künstlerische Seite" Richters bisher noch gar nicht viel
aussagen kann - oder will.64

So ganz unrecht, wie man es damals glauben machen wollte, hatte Richter mit seinem
"Taktieren" nicht: inzwischen redet Agop kaum noch davon, daß es schon deswegen
eine "nur vorübergehende Unterordnung" sein würde, weil er, Agop, ja eigentlich gar
keine Zeit hätte und auf das Wohlwollen seiner Obrigkeit in Dortmund angewiesen sei.
In Wahrheit hatte er offenbar sehr viel Zeit, und so war wohl damals schon entschieden,
daß die "künstlerische Oberleitung" auf Dauer und sogar unter einem neuen Dirigenten
fortbestehen würde.



                                                                                    33
21. April 1959: dem Vorstand wird die Nachricht zugespielt, daß Richter kein echtes
Interesse an einer Rückkehr habe, wenn er nicht allein verantwortlich sein dürfe und
sich Agop unterordnen müsse; dies würde er dann nur heucheln, es würde ihm dann
"nur noch um's Geld gehen“. 65

Daraufhin muß der Vorstand (im Einvernehmen mit Agop) sehr schnell reagiert haben,
obwohl kaum noch Unterlagen darüber vorhanden sind. Schon im Vorfeld oder erst bei
Probenbeginn anläßlich eines Konzertes am 25. April 1959 in Niederdresselndorf erfährt
das Orchester, daß nicht Richter, der es als erstes Konzert nach seiner Rückkehr leiten
sollte, dirigieren würde, sondern Agop, und daß Richter nicht mehr zurückkehrt.
Am 29. April 1959 kann Oberstadtdirektor Seibt auch Krutge/ WDR davon überzeugen,
daß Richter seine Äußerungen tatsächlich so getan hätte - und zwar in einem Telefonat
mit Bremer vor dessen Einstellungsgespräch.66

Die Entscheidung brachte also ein telefonisches Gespräch zwischen Arne Bremer, dem
designierten neuen Verwaltungsleiter des Orchesters, und Peter Richter, das auch
stattgefunden haben muß, weil selbst Richter es später immer wieder erwähnt hat.
Leider wird nur nicht ganz klar, von wem es ausging. Der Autor meint allerdings, daß
dieser heikelste Punkt der Entwicklung lieber offen bleiben sollte.
Bremer solle es den Siegenern ausdrücklich so mitteilen: wird Richter wohl seinen
(vermutlich sehr ungeschickten) Sätzen am Telefon hinzugefügt haben, und Bremer hat
es dann offensichtlich auch getan.

Erst viel später (der Autor hat es erst unter dem Datum 28. Januar 1960 gefunden) wird
Richter behaupten, daß er es so nur sinngemäß gesagt habe (etwa: helfen Sie mir, daß
ich wenigstens etwas künstlerische Entscheidungsfreiheit behalte, damit ich nicht nur
des Geldes wegen zurückkommen muß) und wird hinzufügen, daß es dafür Zeugen
gäbe.
Das ist, samt den unbenannten Zeugen, vom ganzen Vorgang her nicht glaubhaft, die
offizielle Version scheint zu stimmen. Erstaunlich ist also nur, daß Bremer diese
unüberlegten Äußerungen überhaupt weitergegeben hat: ausgerechnet Bremer, der
doch (seiner Art gemäß und gemäß seiner Auffassung von seiner künftigen Arbeit) von
vornherein "um Ausgleich" bemüht war.
Daher ist zu fragen: bleibt das (aber auch nur das) also übrig von der legendären, bis
heute immer wieder erwähnten "Intrige", über die Richter schließlich "gestolpert" sei:
daß man Bremer überredet hat, sein Telefonat mit Richter so "ungeschminkt"
weiterzugeben?67

Das Spiel war aus - und Richter muß es sehr schnell erfahren haben. Ob es als
Reaktion darauf wirklich zu dem kam, was Richter in einem Brief an den Autor später
"eine Verzweiflungstat meinerseits" nannte, "die dann im Krankenhaus und
monatelangem Genesenmüssen endete", soll hier nicht näher untersucht werden. Zwar
hat der Autor darüber einige Unterlagen gefunden. Aber was bleibt, wäre dann nur
Mitleid.68




                                                                                    34
Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas Ungar
Hier zunächst noch eine Anmerkung über Jan Corazolla. Als "stellvertretenden
Dirigenten" hatte ihn Peter Richter schon bald nicht mehr anerkannt - wie dann auch
Thomas Ungar nicht und (ab 1962 als Chef) auch nicht Rolf Agop. Er wurde später in
Köln zunächst "Organisator" des "Rheinischen Kammerorchesters", erst dann dessen
Dirigent. Leider starb er viel zu früh. Als "Chef" in Hilchenbach, was er wohl gern
geworden wäre, war er nicht denkbar. Aber man mag ihn sehen, wie man will: als "Chef-
Ideologe" hat er sich um das Orchester verdient gemacht, wie kaum ein anderer.69

04. Mai 1959 und damit zurück zu jenem folgenreichen Telefongespräch: erst jetzt wehrt
sich Agop auf einer Sitzung mit dem Vorstand und den hinzugezogenen Fachleuten
gegen eine Rückkehr Richters. Man beschließt, das Vertragsverhältnis nicht neu zu
begründen, sondern einen neuen Dirigenten zu suchen.70
Agop lehnt auch für die Zwischenzeit eine weitere Chance für Richter "um des lieben
Friedens willen" ab. Richters Vertrag wird daher (allerdings unter Wahrung der Bezüge
bis einschließlich September) endgültig aufgelöst.

"Richters Vertrag": immer wieder (wie bei allen Orchestermitgliedern) muß man fragen,
ob er überhaupt rechtsgültig vorhanden war. Agop spricht außerdem mehrfach von
"großer Sorge um die gesundheitliche Zukunft" Richters. Davon, daß Richter in Detmold
eine Weile sein Schüler gewesen sei (offenbar hatte Agop zumindest in der Zeit, als er
Chef in Herford war, in Detmold einen Lehrauftrag) spricht er jetzt kaum noch.

14. Mai 1959: Auch der erweiterte Vorstand, das Kuratorium, stellt sich hinter diesen
Beschluß.
Es sei nicht möglich, daß Richter in dieser Zwischenzeit in irgendeiner Form noch
Konzerte des Orchesters dirigiere. Er solle bis zum 25. Mai mitteilen, ob er
einverstanden sei, sonst müsse man sich auf den Rechtsstandpunkt stellen.
Auch Dr. Krutge schien dem inzwischen zugestimmt zu haben, mit der Regierungsrätin
Dr. Schmücker hatte Agop ohnehin ein internes Einvernehmen hergestellt.

14. Mai 1959: Richter wird dies alles brieflich mitgeteilt. Zwar hält sein Vater diesen Brief
zunächst noch zurück - oder leitet ihn erst verspätet an seinen Sohn weiter. So stimmt
Richter (angeblich noch in der Klinik und inzwischen "gezwungen" zur Unterschrift) erst
am 22. Mai 1959 schriftlich zu.

Richter behauptet bis heute sinngemäß, daß das noch offenstehende, weil bis
September weitergewährte Gehalt (das er dringend benötigt hätte) ohne diese
Unterschrift sonst nicht ausgezahlt worden wäre; die Frist für ein arbeitsgerichtliches
Verfahren "war ja inzwischen wohlweislich abgelaufen".71
Seine Vorwürfe jedenfalls , daß alles "unkorrekt" zugegangen sei, dauern bis heute an,
sie standen auch noch bei den Treffen der "Ehemaligen" ab 1999 im Mittelpunkt.
"Unkorrektheiten" jedoch lassen sich aus den Unterlagen so nicht herauslesen. Ein
weiteres Attest der Klinik hätte auf jeden Fall Aufschub bedeutet. Und so ist es bei
vielem, was er und seine Freunde noch immer behaupten.72


                                                                                          35
Geben wir ihm aber wenigstens die Gelegenheit zu einem Schlußwort: "daß das Ganze
eine zutiefst menschliche Tragödie war und ist, will wohl niemand wahrhaben."

In der Sitzung vom 5. Mai war auch der Einstellung von Arne Bremer als neuer (erster
richtiger, erster vollbezahlter) Verwaltungsleiter (amtlich sogar "Verwaltungsdirektor")
endgültig zugestimmt worden.
Zwar klaffen im Etat weiterhin große Lücken, das Orchester soll aber nun doch in voller
Stärke erhalten bleiben - und die Dirigentenstelle (endlich ist es amtlich) neu
ausgeschrieben werden.

      "... Agop bleibt völlig Herr der Situation; er ist der hochverehrte Meister, der
      umwerfend gut probiert und in jeder Situation die Belange des Orchesters vertritt
      ..."
So vor allem am 20. Mai 1959 in Darmstadt, wo das Orchester erstmals zu den "Tagen
für Neue Musik und Musikerziehung" eingeladen worden ist.

In der Folgezeit ist jedoch noch immer nicht viel Dienst: viele Konzerte (und damit
Einnahmen) waren infolge der "Richter-Krise" nicht zustande gekommen, nur einige
Chorleiter hatten notgedrungen abgewartet. Auch jene Neuverpflichtung nach
Neuenahr, die eine Weile die Gemüter erregte, kam nicht zustande - doch kam nun
umgekehrt der noch immer hochgeschätzte Kurkapellmeister Wantzen wenigstens für
einige "Wiener Abende" nach Hilchenbach und ins Siegerland.
       "... wir knüpfen also wieder dort an, wo wir waren, als wir von Neuenahr
       aufbrachen, und versuchen, zu vergessen ..."

Am 08. Juli 1959 schließlich kommt es zum (wegen seiner hochsommerlichen Hitze
unvergeßlichen) Sinfoniekonzert unter Christoph Stepp auf der Bundesgartenschau in
Dortmund, der damit den Reigen der Probedirigate eröffnet.
Der Abschluß vor der Sommerpause ist ein Serenaden-Konzert unter Dr. Krutge
(höchstpersönlich!) am 17. Juli 1959 im Hof des Oberen Schlosses in Siegen - dazu
eine anschließende Einladung des Vereinsvorstandes an das Orchester.
Das Ende der Orchesterschule ist zwar offiziell, aber das Orchester bleibt bestehen und
bekommt eine nunmehr erweiterte finanzielle Trägerschaft. "Verwaltungsdirektor"
Bremer nimmt seinen Dienst auf.

So stellt es auch Dr. Krutge dar, der (obwohl er doch eigentlich die Rückkehr Richters
zur Bedingung des WDR gemacht hatte) weiterhin regelmäßige "Sendekonzerte" des
Orchesters verspricht. Und auch andere steigen mit ins Boot, vor allem die Rektoren
(bzw. ihre Vertreter) der Hochschulen in Detmold, Köln und Freiburg. Sie bilden ein
"Kuratorium", das an der Dirigentenentscheidung beteiligt werden und den "richtigen"
Weg in die Zukunft formulieren soll.
Viele, sehr viele "Texte" über dieses "Experiment" eines idealistisch gesinnten
"Nachwuchsorchesters" sind auch damals wieder entstanden - bis hin sogar zu einer
ersten, höchst spektakulären "Bildfolge mit Text" in der "HörZu".73
Liest man das heute, so erschrickt man immer wieder vor so viel (mit Verlaub gesagt)
Klugscheißerei. Nicht nur, weil die eigentlichen Belange der Siegener bzw.
Hilchenbacher (und ihr geschilderter, fortdauernder Konflikt untereinander) dabei bloß
übertüncht wurden, der Konflikt brach dann unter Thomas Ungar gleich wieder auf.
                                                                                     36
Sondern es scheint erneut wichtiger gewesen zu sein, daß etwas geschrieben wurde,
nicht was.
So, wie es bei allen Orchestern überall in solchen Fällen der Fall ist. Merke: solche
Texte verlieren sehr schnell an Aussagekraft. Sie sind heute fast unverständlich.
Wirklich aussagekräftig auf Dauer bleiben eigentlich nur ein paar Fotos, einige Gesten,
einige Gesichter hier und da, hingeworfene Notizen, einige Momente in irgendwelchen
Konzerten. So kommt es dem Autor vor.

Irgendwann in dieser Zeit war dann die "Musikschule" tatsächlich und endgültig
"abgewickelt" worden; konnten die allerletzten Schüler noch "weitergereicht" oder sogar
beim Orchester "aufgefangen" werden.
      "... die Baracken im "Langen Feld" stehen nun wieder leer, werden nur noch
      teilweise als billiges Wohnquartier einiger unentwegter Orchestermitglieder
      benutzt ..."74
      "... doch es hält sich natürlich das unausrottbare Mißverständnis der
      alteingesessenen Hilchenbacher, wir wären noch immer die 'Jongs von de
      Moseckschool' ..."

Das Orchesterbüro zieht in das winzige (heute längst verschwundene) Haus in der
Rotenberger Straße (in der Nähe des Probenlokals "Müller") um.

      "... Agop erreicht in dieser Zeit auch den endgültigen
      Frieden im Orchester. Zwar bleibt bestehen, daß
      Scheck, Corazolla und Märkl eine Art Beirat für ihn
      bilden (was später zur nächsten, zur 'Ungar-Krise'
      beiträgt), aber die vor allem von Scheck
      durchgesetzte Wahl Bremers ist eigentlich schon die
      letzte Aktion der 'Clique' ..."
Umgekehrt stecken nun auch die Eiferer "pro Richter"
zurück, so daß sich eine gemäßigte Haltung in der Mitte
durchsetzt.

Christoph Stepp (der jedoch zu hohe Forderungen stellt, die
man ihm erst später in Ludwigshafen erfüllen wird), der
ältliche GMD Georg C. Winkler (ehemals Kiel und
Sondershausen) und Frithjof Haas (damals schon in
Karlsruhe, aber erst als "Kapellmeister") waren die
namhaftesten unter den immerhin 34 Bewerbern, die Agop
Ende Juni auflisten konnte.75
Die interessantesten hatten sich dann bis zur Sommerpause
schon ein erstes Mal vorgestellt. Nur der eigentliche Favorit
Agops, Günther Weissenborn aus Göttingen, hielt sich noch
bedeckt - und die späteren Favoriten des Orchesters
(Thomas Ungar, damals noch im Umfeld der "Philharmonia
Hungarica" tätig, sowie Thomas Baldner, dessen Weg sich
nicht mehr nachvollziehen läßt) hatten noch nicht
entschieden, ob sie sich auch wirklich bewerben wollten.
Hinzu kamen im übrigen schon damals Außenseiter, die das
                                                                                    37
Orchester mehr als "Tournee-Orchester" verpflichten wollten - und die damit für eine
Weile auch Gehör fanden, die Wahl eines ständigen Chefs hinausschoben.

Inzwischen war es der "Jahrhundert-Sommer" 1959 geworden; nie wieder hat der Autor
so schöne - und endlich wieder "entspannte" - Wochen in Hilchenbach erlebt, wie sie
nun ins Land zogen.

Doch gegen Ende der Sommerpause meldet sich auch Richter noch einmal zu Wort: mit
einem "Leserbrief", der fast ganzseitig in der Wochenend-Ausgabe der "Westfalenpost"
vom 22. August 1959 erscheint.76




                                                                                 38
Eine kurze Entgegnung des Trägers in der folgenden Wochenend-Ausgabe vom 29.
August 1959 stellt jedoch nur Richters damalige Äußerung (er käme "bloß um des
Geldes wegen" zurück) in den Mittelpunkt.77
Der Kreistag beschäftigt sich dann aber noch ausführlich mit dem "Leserbrief", da
dessen Wirkung "außerordentlich" gewesen sei; dies allerdings nicht in der Richtung, die
Richter erwartet habe, sondern mehr in Richtung einer allgemeinen "Verwirrung".

Die "außerordentliche" Wirkung des Leserbriefes kam vor allem deswegen zustande,
weil er jetzt tatsächlich noch erschien: nachdem jedermann wußte, daß er längst
angekündigt war - und im Vorfeld (wie schon erwähnt) von sehr vielen Briefen Richters
und seiner Freunde an alle möglichen Leute begleitet wurde.

Auf fast 100.000 DM Schulden sei im übrigen zu beziffern, was Richter durch die
eigenmächtige Ausweitung auf 59 Mitglieder plus Dirigent plus Verwaltungsleiter, also
auf 61 "Kräfte" angerichtet habe; es sei zu befürchten, daß die Summe durch die
"dirigentenlose Zeit" auf 120.000 anwachsen werde.78 Doch schon in der
nichtöffentlichen Sitzung am 17. September 1959 gibt der Kreistag wieder Entwarnung:
die finanzielle Situation könne (dank des WDR) bis Ende des Jahres doch noch
ausgeglichen, unter das "Thema Richter" daher endgültig ein Schlußstrich gezogen
werden.
Der Ruf des Orchesters habe nicht gelitten; seine Unterbringung hätte allerdings
dahingehend geregelt werden müssen, daß bis auf weiteres noch im "Saal Müller"
geprobt würde, weil noch keine Einigkeit über den künftigen Standort gefunden sei.
Vorerst sei die billigste Lösung die wahrscheinlichste, nämlich die gründlich renovierten
und umgestalteten Baracken "Im langen Feld" von der Stadt Hilchenbach anzumieten.
Da der vom Land geforderte Neubau so schnell nicht möglich gewesen sei, sei es auch
richtig gewesen, die Orchesterschule aufzulösen. Dies sei nun abgeschlossen. Landrat
Büttner stellt nochmals klar, daß Agop zur festen Auffassung gelangt sei, daß Richter
nicht mehr vor das Orchester treten dürfe, also habe man sich endgültig von Richter
getrennt; nach seinem Leserbrief sei man zwar der Meinung gewesen, "scharf" und
ausführlich antworten zu müssen, es sei aber nur zu einer kurzen Richtigstellung
gekommen: in der Absicht, erst im Wiederholungsfall Klarheit zu schaffen.




                                                                                      39
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  • 1. Wolfgang Haupt: Das "Siegerland-Orchester" in seinen Anfängen 1957 - 1963 Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein
  • 2. 2
  • 3. Inhaltverzeichnis Inhaltverzeichnis 3 Vorwort 4 Autor 7 Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 8 Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen" Orchesters im Dezember 1957 12 Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958 17 Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "Künstlerischer Oberleiter" 26 Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas Ungar 35 Die Ära Thomas Ungar 43 Erneute Krise 52 Erneute Übergangszeit 56 Rolf Agop auch als Chef 63 Epilog 68 Danksagung 73 Quellenverzeichnis 74 Verzeichnis der Fotos und Abbildungen 76 Anmerkungen 77 Liste der Mitglieder des "frühen" Siegerland-Orchesters 82 3
  • 4. Vorwort Eigentlich soll man mit "ich" nicht beginnen, aber hier ist es ein Bekenntnis: ich war vom August 1958 bis August 1960 dritter, stellvertretender erster Flötist, danach bis August 1963 Solo-Flötist des damals "Siegerland-Orchester" genannten Orchesters in Hilchenbach. In dieser Zeit habe ich noch die zuende gehende "Orchesterschule" erlebt, zu der zwar schon immer ein Orchester gehört hatte, aus der heraus aber seit Oktober 1957 das "Siegerland-Orchester" seinen selbstständigen Weg einschlug. Im Jahr 2007 wurde deshalb das 50jährige Jubiläum des Orchesters gefeiert. Und habe 1963 noch die Anfänge jener Zeit erlebt, in der der künftige Weg des Orchesters nicht mehr (wie bisher) von der Idee eines reinen "Nachwuchs-Orchesters" (also mit Altersbeschränkungen usw.) bestimmt war, sondern von der Arbeit eines ganz normalen "Berufsorchesters" - wie es noch heute ist. Es war die Zeit der Chefdirigenten Peter Richter (1957 - 1959), Thomas Ungar (1960 - 1961) und die der ersten Jahre von Rolf Agop (ab 1962). Agop war aber schon seit 1959 "Künstlerischer Oberleiter" gewesen. Es war die Zeit, in der das Orchester zunächst noch seinen Sitz in den ehemaligen "Arbeitsdienst-Baracken" im "Langen Feld" hatte, zum Oktober 1958 in den "Kino-Saal Müller" umzog, um mit Beginn der Spielzeit 1962/ 63 in die jetzt zur "Schützenhalle" umgebauten Baracken ins "Lange Feld" zurückzukehren. Das erste Jahr des Orchesters 1957/ 58 habe ich nur gegen sein Ende hin selber miterlebt, aber es war bei meinem Eintritt noch so lebendig, daß ich es in diese "Chronik" einbeziehen konnte, als wäre ich dabei gewesen. Vor allem aber: ohne die Orchesterschule hätte es kein "Siegerland-Orchester" gegeben. Auch sie ist mir unvergeßlich geblieben: ich war dort (neben dem Orchesterdienst) gegen ihr Ende hin einer der letzten Lehrer für "Theorie" und "Gehörbildung". Auch dies will ich erwähnen: in den Jahren von 1960 bis 63 war ich (zeitweise) "Orchester-Vorstand" und vor allem (die ganze Zeit über) "Gewerkschafts-Delegierter". Ich habe das Ringen der Obrigkeit, aber auch der "Deutschen Orchestervereinigung" um den künftigen Weg des Orchesters auf vielen Sitzungen "hautnah" miterlebt. In Siegen habe ich viel unterrichtet: in den Anfängen der dortigen Musikschule. Ich erinnere mich in vielfältiger Weise an das, was der Musiker eine "Mucke" nennt: eigentlich eine "Mugge", ein "musikalisches Gelegenheitsgeschäft". Als es dann (im Unterschied zu vielen, die nur kurze Zeit blieben) volle fünf Jahre wurden, die ich im "Siegerland-Orchester" zubrachte, war ich mehr von diesem Orchester, vom "Siegerland" und sogar von den "Siegerländern" geprägt, als ich es damals wahrhaben wollte. Heute ist es mir wichtig. Doch woher kommt die Faszination, die jene ferne Zeit "in Hilchenbach" noch immer ausübt? Wohl aus einer Lebens-Situation heraus, in der wir damals fast alle jung und gleichaltrig waren - und im sozialen Umfeld viel mehr, als es heute der Fall ist, auf einander angewiesen. Dazu der Idee eines "Nachwuchs-Orchesters" (obwohl sie wahrlich noch in den Kinderschuhen steckte) in besonderer Weise verbunden. Im Sommer 1963 bin ich von Hilchenbach weg ins berühmtere (und vielleicht sogar schönere) Baden-Baden gegangen, mehr und mehr in berufliche Aufgaben und 4
  • 5. Lebensumstände hinein, die dann (im Rückblick aus dem Ruhestand heraus) erst meine eigentliche "Biografie" ausmachten. Doch es war für mich selbstverständlich, daß ich, gleich in der ersten Baden-Badener Zeit, alle Tagebücher, Kalender, Notizen und so weiter, die ich aus Hilchenbach mitgebracht hatte, in einer höchst "persönlich" formulierten "Hilchenbach-Chronik" zusammengefaßt - und dann streng gehütet habe. Immer wieder habe ich, wie so viele, in Hilchenbach Halt gemacht: um mich (mehr oder minder wehmütig) an die "alten Zeiten" zu erinnern. Spätestens mit Beginn der 80er Jahre wurde es natürlich immer schwieriger, den eingetretenen Generationswechsel, aber auch die Veränderungen im Ort richtig einzuordnen. Schließlich nahm ich an jenen Treffen der "Ehemaligen" teil, die von 1999 bis 2005 alle zwei Jahre stattfanden - und die ich 2001, 2003 und 2005 maßgeblich mitorganisiert habe. Es war nicht von ungefähr, daß sich dort vor allem diejenigen trafen, die die "Anfänge" miterlebt hatten. Und nicht von ungefähr, daß ich mich schon bald meiner "alten" Chronik entsann: in der festen Absicht, daraus eine "neue" Chronik zu machen. Recherchen in den Siegener Archiven waren notwendig: den dortigen Mitarbeitern bin ich zu großem Dank verpflichtet. Ursprünglich sollte meine "neue" Chronik in das Umfeld des Orchester-Jubiläums 2007 einbezogen werden - nun erscheint sie erst drei Jahre später - als "Rückblick im Rückblick". Wichtig war nur eins: die Devise "ein Zeitzeuge, der sich dem Orchester noch immer eng verbunden fühlt, erinnert sich." Dies sollte auch im Vordergrund stehen - nicht so sehr die Vielfalt an "Unterlagen", die mir inzwischen wieder in die Hände gefallen sind. Schon die "alte" Chronik war meiner Frau gewidmet, Flötistin wie ich, die ich in Hilchenbach kennen gelernt hatte - und die mit mir nach Baden-Baden gegangen war. Sie starb, als wir gerade die Treffen der "Ehemaligen" ins Leben gerufen hatten. Auch diese "neue" Chronik ist ihr gewidmet. In dieser "neuen" Chronik" sind alle Daten und Vorgänge, die schon in meinen "alten" Notizen als "sichere Kunde" enthalten waren und sich im Nachhinein auch verifizieren ließen, in "normaler" Schrift wiedergegeben; dazu schließlich auch alles, was ich inzwischen als „Kommentar“ glaube hinzufügen zu können. Nur weniges steht noch in kursiver Schrift und ist auch durch Anführungszeichen hervorgehoben: jene Stellen, die ich aus meiner „alten“ Chronik übernahm, weil ich sie nach vierzig Jahren als Ausdruck der damaligen Zeit noch immer für typisch hielt. Auch wenn die "Ich-Form" im folgenden zurücktritt hinter die "Meinung des Autors": es sollte nie ein historisch genauer, objektiver Bericht werden, sondern mehr die subjektive Stellungnahme eines, der das alles miterlebt hat. Im übrigen: alle damaligen Konzerte des Orchesters aufzuzählen wäre unmöglich gewesen, auch die Erwähnung aller nur einigermaßen wichtigen. Überdies scheinen die fortlaufenden Konzert-Unterlagen des Orchesters aus dieser Zeit nicht mehr vollständig vorhanden zu sein. So mußte ich mich auf die Konzerte beschränken, die (aus meiner Sicht) den Fortgang der Dinge einigermaßen kommentieren und ergänzen. Sinzheim-Winden bei Baden-Baden Arbeitsbeginn: nach dem 2. Treffen ehemaliger Mitglieder im September 2001 Endfassung: im Frühjahr und Sommer 2007, Endredaktion Frühjahr 2010 5
  • 6. 6
  • 7. Autor Der Autor Wolfgang Haupt wurde 1935 in Berlin geboren, wuchs in der Nähe von Quedlinburg am Harz auf - und studierte dann wieder im heimatlichen ("West") Berlin: Flöte, daneben viele musiktheoretische und musik- wissenschaftliche Fächer. 1958 kam er als Flötist ins "Siegerland- Orchester", das er erst 1963 verließ. Darüber ist in der vorliegenden Chronik viel zu lesen. Anschließend wechselte er als Flötist in das damalige "Symphonie- und Kurorchester Baden- Baden", die heutige "Baden-Badener Philharmonie". Neben dem Dienst hat ihn dort vor allem das 1969 gegründete "Kammermusik- Ensemble Baden-Baden" beschäftigt, in Zu- sammenarbeit mit einer Berliner Konzert- direktion. Ab 1983 stellte er sich mehr und mehr den "organisatorischen und musikdramaturgischen Notwendigkeiten" zur Verfügung - und wurde dann der erste vollamtliche "Organisator und Dramaturg" des Orchesters am Kurhaus, also das, was man in Hilchenbach längst "Intendant" nannte. Seit dem (vorzeitigen) Ruhestand beschäftigen ihn jedoch mehr und mehr seine "musikalische Chroniken", wofür Baden-Baden (um mit Fontane zu reden) ja ein besonders "weites Feld" ist. Die in den Anfängen älteste Chronik, die er hiermit vorlegt, betraf aber das "Siegerland- Orchester". Ihre Entwicklung ist im Vorwort ausführlich dargelegt. "Nachdenken" über die frühe Geschichte des Siegerland-Orchesters: Der Autor möchte es allen "alten" und "neuen" Mitgliedern des Orchesters, aus dem inzwischen die "Philharmonie Südwestfalen" geworden ist, aber auch allen "Siegerländern" besonders ans Herz legen. 7
  • 8. Prolog: Die Orchesterschule - und ihr Ende 1 Zwar gab es beim Eintritt des Autors im August 1958 nur noch sehr wenige Orchester- Mitglieder, die schon in den Anfängen der "Orchesterschule" dabei gewesen waren. Er hat aber auch anderweitig einige von ihnen kennen gelernt. Vor allem gab es bei seinem Eintritt eine große Anzahl von Mitgliedern, die erst später die Orchesterschule für kurz oder länger durchlaufen hatten. So haben sie es erzählt - und so steht es auch in den erhaltenen Unterlagen: Nach Anfängen schon 1946 wurde am 01. April 1947 die "Hilchenbacher Volksmusikschule mit Orchesterschule" offiziell eröffnet - und auch ein erster Trägerverein dafür gebildet.2 Sie war vom ehemaligen Militärmusiker Friedrich Deisenroth zunächst "privat" ins Leben gerufen worden; er wurde dabei von der Familie Kindermann unterstützt, die das Hotel "Deutscher Hof" übernommen hatte: im hinteren Hof des Hotels gab es eine (heute kaum noch erkennbare) Holzbaracke als ersten "Sitz" der "Moseckschool" (wie die Hilchenbacher sie nannten) und die zunächst brachliegende Kegelbahn im Hintergebäude diente anfangs zum Wohnen und Üben. Es ist die Zeit der noch zerstörten Großstädte - und ihrer Musik-Hochschulen, die erst allmählich wieder in Betrieb gehen. Hilchenbach als Ausbildungsort fernab allen Geschehens erweist sich (zunächst) als sinnvoll. Viele Lehrer unterrichten vor Ort in Hilchenbach - oder wohnen sogar dort; zu anderen muß man in den Unterricht fahren.3 Nach und nach werden es etwa 80 Schüler, die die "Musikschule" durchlaufen; der Anteil derer, die sich dann doch lieber einem anderen Beruf zuwenden, bleibt allerdings groß. Umgekehrt gehören später so namhafte Musiker wie der Solo-Trompeter des SWF, Walther Scholz, zu den "Alt-Hilchenbachern." Nach Vorbild der früheren "Stadtpfeifen" erhalten sie "Lehr-Verträge" und müssen zum Erhalt der Schule selber beitragen: so gibt es nach einiger Zeit nicht nur ein "Sinfonie- Orchester", das überall zum Einsatz kommt, sondern auch Tanz-Kapellen, eine Big- Band - und natürlich Blasmusik in jeder Formation. Zunächst aber muß schon 1948 die Schule den "Deutschen Hof" wegen "Lärmbelästigung" der (allmählich zahlreicheren) Gäste räumen - und wird für kurze Zeit im Erholungsheim oberhalb der "Siedlung" untergebracht. Die Währungsreform trifft dann die meisten Schüler wie zu erwarten hart: sie müssen tagsüber in einer der Hilchenbacher Fabriken arbeiten, unterrichtet wird erst am Abend. Denn erst 1950 werden die ehemaligen Arbeitsdienst-Baracken im "Langen Feld" für die Musikschule (und ihr „Internat“) hergerichtet; und wird auch der Träger-Verein "Orchester und Orchesterschule Siegerland-Wittgenstein" noch einmal neu formiert. Geschäftsführer ist seitdem Moritz Weiss. In der Trägerschaft haben sich beide Landkreise (der Landkreis Siegen bzw. der damals noch bestehende Kreis Olpe/ Wittgenstein) zusammengefunden, dazu die Stadt Siegen und auch schon das Land NRW bzw. der Landschaftsverband. Da sich das Orchester inzwischen als wichtigster Bestandteil der Schule entwickelt hat, kommt es auch zur neuen Namensgebung "Orchester und Orchesterschule Siegerland- Wittgenstein". So können 1951 die ersten acht Absolventen ihre Prüfung unter einigermaßen gesicherten Umständen ablegen. 8
  • 9. 1952 kommt noch das "Symphonische Blasorchester Siegerland" hinzu - und laut einer (leider nicht näher definierbaren) Konzert-Kritik von 1954 hat das Sinfonie-Orchester bereits "überall einen guten Ruf" erworben, es werden 40 Musiker als feste Besetzung angegeben. Doch waren nun ganz andere Zeiten heraufgezogen. Schon im Winter 1955/56 feiert man vorzeitig das 10jährige Bestehen: die Bundeswehr war gegründet worden, Musikschul-Leiter Deisenroth geht zum 01. Mai 1956 zurück zur angestammten Militärmusik, deren Neuaufbau er übernimmt. Zwar formuliert er vorher das Anliegen der Schule und auch die nötige Weiterführung des Orchesters in einem Memo vom April 1956 geradezu vorbildlich. Es passieren aber zwei "Pannen": nicht nur der Nachfolger Oskar Tietzel (ein schon etwas älterer Militärmusiker wie Deisenroth) erweist sich von vornherein als nur wenig geeignet - sondern durch ein Versehen wird auch die Stadt Siegen nicht zur Verabschiedung Deisenroths bzw. zum Jubiläumskonzert eingeladen. Es sieht schon hier nach dem "Anfang allen Übels" für die dann allzu schnell folgende erste "Krise" des Orchesters aus: in Siegen ist man offensichtlich sehr verärgert. Und wohl fest entschlossen, insgeheim nach einem "wirklichen" Nachfolger Ausschau zu halten: nach einem jüngeren, charismatischen Dirigenten, der den Siegener Uralt-Traum von einem eigenen Orchester endlich erfüllt.4 Schon im Oktober 1956 zeigen sich die Folgen: Deisenroth hat zu viele gute Leute zur Bundeswehr mitgenommen, der Zustand der ehemaligen "Arbeitsdienst-Baracken" im "Langen Feld" wird kritisch, die Arbeit unter Oskar Tietzel ist es ohnehin, eine neue Rechtsform von Schule und Orchester erscheint mehr und mehr notwendig. Doch noch ein Gutachten vom März 1957 geht davon aus, daß hier eine Doppelfunktion von Schule und Orchester gegeben sei, die erhalten werden müsse. Es verneint zwar die angestrebte Gemeinsamkeit mit einer "Jugendmusikschule" des Siegerlandes, außer natürlich, daß Hilchenbach die Lehrer zur Verfügung stellen könnte, vor allem bei seltenen Instrumenten. Es stellt aber noch einmal (und damit letztmals) die Impulse für die Laienmusik in den Vordergrund, die von Hilchenbach bisher ausgegangen wären und weiter ausgehen müssten. 9
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  • 11. Eigentlich ist es schade, daß nur sehr wenig präzise Unterlagen über die Zeit der "Orchesterschule" erhalten sind. Zwar gibt es noch Kostbarkeiten wie die "Lohnbücher", aber zu wenig Material, das genau über das "wann war was?" oder "wer war wann da?" Auskunft geben könnte. Und die wenigen noch einigermaßen "rüstigen" Zeitzeugen des Anfangs konnten dem Autor kaum weiter helfen.5 Es muß aber unter dem gestrengen, immer auf Disziplin bedachten Friedrich Deisenroth eine ganz interessante Zeit gewesen sein, in der man (immer unter Berücksichtigung der Nachkriegs-Verhältnisse) in Hilchenbach durchaus auf den künftigen Musiker-Beruf vorbereitet werden konnte. Man hat der "Orchesterschule" später (eigentlich bis heute) viel Unrecht getan. Es fällt auf, daß man in sehr unterschiedlicher Art und Weise "Musikschüler" sein konnte: als "Interner", der auch in der Schule wohnte, als "Externer", der nur zum Unterricht kam; man war (wohl um den Etat der Schule zu dämpfen) mitunter voll "zur Berufsschule abgemeldet" - oder manchmal auch für einige Zeit ganz beurlaubt. Doch muß hier zum Abschluß genügen, daß sich die "Alt-Hilchenbacher" (also diejenigen, die für kurz oder lang die Hilchenbacher Orchesterschule absolviert haben) im Rückblick in drei Gruppen unterscheiden lassen: in diejenigen, die beim Weggang Deisenroths schon ihren Abschluß hatten oder die er mit zur Bundeswehr nahm - bzw. die nun doch noch an eine Hochschule wechselten. Dann in die (zahlenmäßig recht große) Gruppe derjenigen, die blieben - und ab 1957 nach und nach ins "Siegerland- Orchester" übernommen wurden. Schließlich in diejenigen, von denen dies "weder/noch" zu berichten ist. Hier sind die Namen inzwischen Schall und Rauch. Aber noch gegen das Ende der Schule 1958/ 59 hin waren es ziemlich viele. Leider ist es inzwischen so geworden: für eine wirklich "lebensnahe" Chronik der "Orchesterschule" ist es heute schon zu spät. Das hat auch der Autor schließlich einsehen müssen. 11
  • 12. Der Beginn der Ära Peter Richter und Anfang des "selbstständigen" Orchesters im Dezember 1957 Noch in einer Sitzung am 25. Juli 1957 beschäftigte sich der Kreistag in einer Sitzung eindeutig nur mit der "künftigen Finanzierung der Orchesterschule" und dem beabsichtigten Neubau einer Unterkunft.6 Das Kultusministerium hätte an die Gewährung von weiteren Zuschüssen die Bedingung eines wirklich qualifizierten neuen Leiters, einer besseren Ausstattung des Lehrkörpers und einer besseren Unterkunft der Schule geknüpft; es hätte auch nochmals angeregt, mit der Orchesterschule die künftige "Jugendmusikschule" des Siegerlandes zu verbinden. Dies bedeutet einen Neubau, so kommt es zum Beschluß, im Jahr 1958 ein neues Gebäude für die Orchesterschule zu errichten und bis dahin ihre künftige Finanzierung sicherzustellen. Von der Einstellung Peter Richters als neuem Leiter ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede, erst recht nicht von einer beabsichtigten Schließung der Orchesterschule bzw. von einer "Verselbständigung" des Orchesters. Am 01. Oktober 1957 wird er jedoch nicht nur Leiter der "Orchesterschule" in Hilchenbach, sondern beginnt auch sofort mit dem Aufbau des "Siegerland-Orchesters", im Untertitel genannt "Junge Deutsche Philharmonie".7 Er erscheint "auf der Bühne", ohne daß es darüber konkrete Unterlagen gibt. Die es miterlebt haben berichten, er sei durch den Geschäftsführer Moritz Weiss als neuer Leiter von Schule und Orchester lediglich vorgestellt worden, irgendein "Auswahlverfahren" hätte es nicht gegeben.8 Der Autor muß fragen: Gab es tatsächlich und von vornherein eine Empfehlung oder Protektion seitens des WDR? Gab es sie durch die Rektoren der erst nach dem Krieg gegründeten, "etwas anderen" Musikhochschulen in Detmold und Freiburg, die sich dem gleichfalls "etwas anderen" Orchester in Hilchenbach eng verbunden fühlten? Oder seitens irgendwelcher "Siegener Kreise", denen dieser (mit Verlaub gesagt) manchmal zwar etwas "verwirrt" erscheinende, offenbar aber sehr geniale "Paradiesvogel" gerade recht kam?9 "Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte" heißt es im "Wallenstein". Und genau das muß auch für Peter Richter und für die schon bald beginnende "Richter-Krise" (mit allem ihrem Hin und Her) gelten. Bisher hatte das Orchester der "Musikschule" aus den in Hilchenbach und Umgebung wohnhaften Lehrern, dazu den bereits geeigneten Schülern bestanden, aber auch aus 12
  • 13. "Freiberuflern", von denen es damals (nach dem Krieg) gerade in Siegen noch viele gegeben haben soll.10 Das neue Konzept Richters scheint jetzt vor allem gewesen zu sein, daß die Stimmführer des Orchesters nach und nach die bisherigen Lehrer der Musikschule ersetzen sollten - und daß sich bei ihnen ("Studienleiter" genannt) auch alle diejenigen Orchestermitglieder "weiterbilden" konnten, die dies noch wollten.11 Mit besonderer Berücksichtigung übrigens auch von Kammermusik, die eine Zeitlang eine wichtige Rolle spielte. Es ergibt sich (aus Sicht des Autors) trotzdem kein klares Bild: die ca. 20 Namen auf den fragmentarischen Gehaltslisten, die sich seit Oktober 1957, wenn auch nur unter viel Mühe, als reine Orchestermitglieder identifizieren lassen, plus 5 unidentifizierbare (darunter vielleicht noch einige bisherige Lehrer) plus ca. 10 Musikschüler, die bereits im Orchester mitwirken konnten, plus ca. 10 Aushilfen (wohl die "Freiberufler" aus Siegen) ergeben zwar die vermutlich 45 Musiker des folgend genannten "1. Konzertes des neugegründeten Orchesters" in Siegen. Aber wie sich das gerechnet hat und vertraglich geregelt war, und vor allem: Wie das wirklich eine "Neugründung" gewesen sein soll, bleibt etwas unverständlich.12 Es scheint vor allem zu stimmen, daß der Status der bisherigen bzw. verbliebenen Musikschüler, soweit sie dann im Orchester mitwirkten, und der Zeitpunkt, zu dem sie "fest" übernommen wurden, nie genau definiert war - und daß auch hier eine typische "Genialität" Richters vorlag. Das "1. Konzert" des "neugegründeten Orchesters" findet am 02. Dezember 1957 in Siegen statt: mit Schuberts "Unvollendeter", Mozarts Konzert für Flöte und Harfe - und der 7. Sinfonie von Beethoven.13 13
  • 14. "Einen verheißungsvollen Neuanfang", "eine unerwartete kulturelle Bereicherung", ja sogar "das bisher größte Kulturereignis in letzter Zeit" nannte es die Presse - und vor allem die Siegener selbst scheinen begeistert und voller Selbstlob gewesen zu sein. Natürlich hatte auch schon jemand vom WDR zugehört. Auf jeden Fall bleibt festzustellen: Das Konzert (und seine beiden Wiederholungen, die von vornherein terminiert waren, wohl auch stattgefunden haben, wenn auch nicht mehr vor vollem Haus) gilt zurecht als das große, verheißungsvolle Symbol am Beginn des "Siegerland-Orchesters"; es wirkte in der Erinnerung nach, wie kaum ein späteres. Doch noch am 18. Januar 1958 wird im Kreistag zwar festgestellt, daß das "Orchester Siegerland-Wittgenstein" nun "Siegerland-Orchester" heiße und sich inzwischen als eine eigene Institution vorgestellt habe; es setze sich zusammen aus einer Reihe von festangestellten Musikern und einer Anzahl von Schülern; die zunächst noch benötigte Verstärkung könne bereits entfallen.14 Aber auch das gehört dazu: bei einer Kreistags-Sitzung im März 1958 geht es noch immer und ausschließlich um den "Neubau", der für die Weiterführung der "Orchesterschule" notwendig sei.15 Ein merkwürdiger Widerspruch. Was war geschehen? Zumindest dies: Es gab von vornherein sehr unterschiedliche Meinungen über den "richtigen Weg" in die Zukunft, auch innerhalb des Orchesters. Es kam zu einem Hin und Her von Gegensätzen, das den Autor noch bei seinem Eintritt im August 1958 ziemlich verwirrt und auch etwas hilflos gemacht hat, das aber wohl so typisch für die ganze damalige Zeit war, daß es hier ausführlich erwähnt werden muß. Es gab die "Freiburger Clique" mit dem Oboer Michael Scheck an der Spitze, einem der Söhne jenes legendären Flötisten Gustav Scheck, der nach dem Krieg die für lange Zeit als etwas "neumodisch" geltende Musikhochschule in Freiburg/Br. gegründet hatte.16 Auch der Cellist Jan Corazolla war mit einem schon in Berlin erfolgreichen jungen Streichquartett in Freiburg gelandet, war jedoch bereit, das Quartett zu opfern, wenn er dafür nicht nur Cellist, sondern auch 2. Dirigent in Hilchenbach werden könne. Erwähnt werden muß er deswegen: Von ihm (und offenbar nicht Richter, der sie, zunächst noch uneins darüber, was er in Hilchenbach wirklich erreichen wollte, bloß eifrigst übernahm) stammte auch die (angeblich auf Furtwängler zurückgehende) Idee eines reinen Nachwuchs- bzw. Jugendorchesters, wie sie nun hier verwirklicht werden sollte.17 Und ihnen stand auch der Bratschist Bär von Randow nahe, der dann, nach seiner Rückkehr viele Jahre später, "Intendant" in Hilchenbach wurde - und dessen organisatorische Begabung schon damals auffiel: er war der letzte "Leiter" der "Orchesterschule", als diese bis zum Frühjahr 1959 hin "abgewickelt" wurde. Ihnen stand der "Sonderkonzertmeister und Studienleiter" Joseph Märkl nahe, den Peter Richter extra in München aufsuchte, um ihn zur Annahme dieser so wichtigen Funktion ab Herbst 1958 zu überreden.18 Ein relativ illustrer Kreis, wie er für diese frühe Zeit des Orchesters typisch war, es danach keinen mehr gegeben hat. Durchaus von einem gewissen Sendungsbewußtsein geprägt, dazu Richter intellektuell weit überlegen. Zwar waren es gerade die "Freiburger", die Richter beim Aufbau des Orchesters maßgeblich zur Seite standen, 14
  • 15. aber "logischerweise" mußte es schon bald zu Meinungsverschiedenheiten kommen - und zur Opposition gegen den "Alleinentscheidungs-Anspruch", den Richter bald mehr und mehr für sich beanspruchte. Richter selbst hatte umgekehrt in Detmold studiert, an jener Hochschule, die damals noch "Nordwestdeutsche Musikakademie" hieß und gleichfalls eine der außenseiterischen Neugründungen nach dem Krieg war. Dort war er schnell aufgefallen; es gab, als die Ausschreibungen des "Siegerland-Orchesters" in den ersten Monaten 1958 bekannt wurden, sogar in Berlin Leute, die dem Autor einen "ziemlich genialischen" Peter Richter schildern konnten. Auch aus Detmold hatte er Leute mitgebracht: nicht so zahlreich, wie die "Freiburger" und mehr und mehr "für die Mitte" zuständig, aber eine gleichermaßen wichtige Gruppe. Genannt werden muß hier (um alle wichtigen Namen zu erwähnen, ohne die der frühe "Erfolg" Richters und des Orchesters nicht denkbar ist) vor allem der Solo-Flötist Klaus Diederich. Er wurde dann, im späteren Verlauf der "Richter-Krise", eine "ausgleichende" Integrationsfigur von hohen Gnaden. Eine dritte, sehr starke "Fraktion" jedoch bildeten die ehemaligen "Orchesterschüler". Durchaus "autoritätsbedürftig", sahen sie in Richter - wie es noch heute bei ihren Erzählungen erkennbar ist - eine Art "Heilsbringer". Ihr "Studium" in Hilchenbach hatte sich also doch gelohnt, hatte doch noch eine Zukunft. Das frühe "Siegerland-Orchester" also ein "Versuch eines Versuches" in Richtung einer "demokratischen Mitbestimmung"? Auf jeden Fall erinnert sich der Autor: Der Gegensatz der drei Meinungen und die häufigen Auseinandersetzungen darüber bestimmten fast jedes noch so harmlose Gespräch. Sein Kommentar daher: Kernpunkt aller Gemeinsamkeiten, aber auch aller Diskussionen waren immer jene Ideen, die angeblich auf den großen Dirigenten Wilhelm Furtwängler zurück gingen. Auf dessen Überlegungen hinsichtlich eines "Nachwuchs- Orchesters", in dem geeignete junge Musiker (unter Gleichgesinnten und noch mit den selben "Entwicklungs-Problemen" beschäftigt) auf ihren späteren Beruf hin vorbereitet werden sollten. Sehr ehrenvolle Überlegungen - wie sie dann später vom Deutschen Musikrat in seinen "Jugendorchestern" auch verwirklicht wurden. Doch hat das alles heute einen etwas "altväterlichen" Beigeschmack: nachdem es Zeiten geradezu eines Überangebots von Landes- , Bundes- und sonstigen Jugend- Orchestern gegeben hat, dazu nicht nur von "Jungen Deutschen Philharmonien", sondern sogar "Philharmonien der Nationen" bzw. ähnlichen - und nun Zeiten herauf gezogen sind, in denen sich die Bereitschaft der Orchester, junge Musiker einzustellen, fast nur noch auf "Volontäre" erstreckt, die sie angeblich selber ausbilden. Mit allen Gründen und Gegengründen. Liest man heute die endlosen Texte des "Siegerland-Orchesters" der damaligen Zeit, sie mögen stammen, von wem sie wollen, hat man mehr und mehr den Eindruck, als sei (wieder einmal) das Rad erfunden worden - aber es erwies sich (wieder einmal) auf Dauer dann doch nur als viereckig. Denn wie sich so etwas angesichts der tatsächlichen Gegebenheiten und Zwänge im "Siegerland" überhaupt rechnen sollte, steht nirgendwo. Und deshalb noch Kommentar zwei: Natürlich könnte man auch eine "Chronik" schreiben, in der im Vordergrund steht, daß damals viele (allzu viele) zwar aus 15
  • 16. Neugierde nach Hilchenbach kamen, schon bald aber, falls das eigene Können es irgendwie zuließ, wieder das Weite suchten. Denn die Aussichten, daß im "Siegerland- Orchester" echte künstlerische oder finanzielle Voraussetzungen geschaffen werden konnten, die das vorgesehene, mindestens zweijährige "Bleiben" rechtfertigten, waren (zugegebenermaßen) nur gering. Nochmals: solch eine "Chronik" wäre leicht möglich. Aber sie würde nicht dem "Idealismus" gerecht, von dem damals noch (freie Stellen, mit nur wenig Probespiel- Teilnehmern, gab es genug) der Orchestermusiker-Nachwuchs geprägt war. Und erst recht nicht der Faszination, die (zumindest bis 1961) von einem längeren Bleiben gerade in diesem Orchester trotz alledem ausging. Die Diskussion um den "richtigen Weg" eines "Nachwuchs-Orchesters" dauerte jedenfalls lange - und wurde selbst dann noch nicht aufgegeben, als das "Siegerland- Orchester" längst andere Wege eingeschlagen hatte. Zu kurz kam dabei die "Orchesterschule", mit der doch alles angefangen hatte. Sie blieb nur als "Faustpfand" der Obrigkeit zurück, die sich eine so schnelle "Verselbständigung" des Orchesters nicht vorgestellt hatte, sie teilweise auch gar nicht wollte, den Veränderungen jedenfalls nur sehr zögernd zustimmte, ihnen für längere Zeit kaum folgen konnte. Und das stimmt den Chronisten heute etwas wehmütig. Wäre nicht zumindest ein "Nachdenken" darüber, wie man eine Art "Schule" neben dem "Nachwuchs- Orchester" hätte beibehalten können, sehr sinnvoll gewesen? 16
  • 17. Bis hin zum Beginn des "erweiterten" Orchesters im Oktober 1958 Immerhin soll das "neugegründete Orchester" vom Dezember 1957 an bis Ende April 1958 schon 22 größere und kleinere Konzert gespielt haben, wie irgendwo voller Stolz vermerkt ist. Vermutlich einschließlich der Wiederholungen, wie sie in Siegen und Weidenau (auch in der Form von "Jugendkonzerten") üblich wurden. Genau ist es nicht mehr auszumachen.19 Die wichtigsten, außer dem schon genannten "1. Konzert" in Siegen, scheinen dabei die folgenden gewesen zu sein: 11. Januar 1958: Sinfoniekonzert in Weidenau, u. a. mit der 8. Dvorak 24. Januar 1958: ebendort, u. a. mit der "Moldau" von Smetana 26. Januar 1958: dasselbe in Kaan-Marienborn 06. März 1958: Sinfoniekonzert in Arnsberg, u. a. mit der 7. Beethoven 10. März 1958: Sinfoniekonzert in Siegen, u. a. mit der 4. Schumann 25. April 1958: wieder in Weidenau, u. a. mit der 5. Tschaikowsky Dann aber folgt ab Mai 1958 schon die große Zäsur: mehr als die Hälfte des Orchesters war auf fünf Monate als "Kurorchester" nach Bad Neuenahr verpflichtet worden. "... nach nächtlichem Umsteigen im Hannover und Marburg meine morgendliche Ankunft in Hilchenbach: wegen den Formalitäten im 'Büro Weiss' und dem Kauf eines grauen Anzugs als Dienstkleidung für Neuenahr ..." So beginnt mit dem 29. Juli 1958 dann auch die "alte" Chronik des Autors, die hier (wie eingangs erwähnt) immer ein wenig zitiert werden soll, um sich das Hilchenbach und die Situation von damals besser vorstellen zu können. "... man sah, wegen den vielen Schleifen, die der Zug fuhr, Hilchenbach schon mehrmals vorher, wollte es aber nicht wahrhaben. Doch dann hielt er genau dort, wo man es befürchtet hatte ..." Am 30. 07. 58 "... mit Peter Richter und Jan Corazolla im Auto nach Neuenahr, dort abends ein größeres Chorkonzert unter einem örtlichen Chorleiter, dem ich aber nur anfangs und sehr müde zuhöre ..." Am 31. 07. 58 "... mein erster Dienst als 3./1. (in Neuenahr 2.) Flötist in einer Umgebung, die mir (als Kontrast zu Berlin) fremd ist, und mit einer Musik, die ich bisher nur wenig kenne, in die ich mich aber sehr schnell finde ..." Die fünf Monate von Mai bis September 1958 als "Kurorchester" in Bad Neuenahr waren aus finanziellen Gründen nötig gewesen; dort feierte man irgendeine "Jubiläums- Saison", die üblicherweise verpflichtete "Kurkapelle" unter dem eigenen (tüchtigen und auch vom Orchester sehr geachteten) "Kurkapellmeister" Wantzen reichte dafür nicht aus. So hatte man stattdessen die "Siegerländer" verpflichtet, die ja für größere Konzerte jederzeit durch die in Hilchenbach gebliebenen Mitglieder verstärkt werden konnten. Auch extra (von irgendwoher) einen (etwas dubiosen) "Generalmusikdirektor" als "Musikalischen Oberleiter". 17
  • 18. Umgekehrt spielten die "zurückgebliebenen" Musiker derweil eine Reihe von kleiner besetzten Konzerten, etwa bei den "Siegener Schloß(fest)spielen". Alles eine durchaus ehrenwerte Sache - aber sie führte erst recht zu einer tiefen Spaltung des Orchesters, in die nun der Autor (wie gleichfalls schon erwähnt) mitten hinein geriet. Zunächst aber erst gefragt: Warum kam gerade der Autor nach Hilchenbach und ins "Siegerland-Orchester"? Man mag es heute kaum noch glauben: die Berufsaussichten im damaligen "West- Berlin" waren ziemlich schlecht. Zwar gab es "Mucken" und Schüler, dazu viele "Aushilfen", aber die "grenzenlose Freiheit Westdeutschlands" lockte den jungen Flötisten damals genauso, wie die Flüchtlinge aus der "DDR". Als West-Berliner bekam man nicht einmal Probespiel-Einladungen nach Westdeutschland; erst einmal dort sein! hieß es also, dann könnte man vielleicht in Ruhe abwarten. So durfte man die Möglichkeit "Siegerland-Orchester" keineswegs auslassen, die sich allerdings mit ähnlichen "Kostengründen" präsentierte, wie die anderen Orchester: indem der schon erwähnte Jan Corazolla das Probespiel "vor Ort" in Berlin abnahm. Ironie des Schicksals jedoch erstens, daß Peter Richter (mit einer sehr merkwürdigen Begründung) nicht den erwarteten Vertrag, sondern nur eine seiner üblichen Postkarten als Bestätigung schickte: der Vertrag würde nachgereicht. Und damit sofort Mißtrauen erweckte über die Zustände, die einen in Hilchenbach erwarteten. Und Ironie des Schicksals zweitens: daß der Autor, eben erst in Neuenahr angekommen, Post aus Berlin erhielt: er könne nun doch eine der Volontärstellen bekommen, mit der die West-Berliner Orchester gerade anfingen, wenigstens ein paar gute "Nachwuchs-Musiker" da zu behalten. Es war gleichsam der Beginn jener "Berlin- Förderung", die dann immer größere Ausmaße annahm. Der Autor möge freilich nicht zurückkommen, wenn er sich "im Westen" schon eingelebt hätte. "... ich hatte mich bereits eingelebt, ich wollte um keinen Preis zurück auf die "Insel". Also blieb ich ..." "... Vormittagskonzert, Nachmittagskonzert, Abendkonzert, bei schönem Wetter vor dem Nachmittagskonzert noch ein Konzert auf der Promenade ...dabei nur einen Tag frei, an diesem jedoch Frühkonzert, erst dann der ersehnte Radausflug in die Eifel: das war regelrecht Ausbeutung ..." Dazu kam aber eben auch: "... das waren also nicht die Richtigen gewesen, vor denen ich mein Probespiel abgelegt hatte oder die mich in Hilchenbach in Empfang genommen hatten (Scheck, Corazolla und so weiter, damals sämtlich in ihrer 'Gegenbastion', dem 'Süßen Konrad' wohnhaft). Das waren die 'Intelligenzler', die sich vor dem Dienst im Bad gedrückt hatten ('weil sie vor der Kurmusik Schiß hatten') und angeblich dem Richter halfen, den Neuanfang im Oktober vorzubereiten. Die sog. 'Bakaluten' im Bad fühlten sich jedoch viel eher als diejenigen, von denen alles abhing, sie hätten es lieber gesehen, Richter wäre mit ihnen nach Neuenahr gegangen und dort unter ihrem Einfluß geblieben ..." 18
  • 19. Am 24. August 1958 ist Peter Richter Gastdirigent für eines der Kurkonzerte: "... ich wage nicht, es mir einzugestehen, aber ich bin von meinen Berliner 'Mucken-Orchestern' her besseres gewohnt - und von Richters genialischem Gehabe grenzenlos enttäuscht ..." "... seine Meldungen über den erweiterten Neuanfang sind aber noch positiv ..." Am 29. August 1958 kommt es (von Neuenahr aus!) zum vielleicht legendärsten Abstecher, der in den frühen Annalen des Orchesters verzeichnet ist: dem nach Berleburg, um dort in einem Bierzelt unter einem keineswegs nüchternen Chordirigenten Haydns "Jahreszeiten" aufzuführen. 26. September 1958: im Vorfeld des "Abschlusses der Konzertsaison" (sinnvollerweise mit der "Unvollendeten") ein Orchesterversammlung unter Richter in Neuenahr. "... der die als enttäuschend angesehenen 'provisorischen' Verträge mitbringt und jetzt auch schlechtere Arbeitsbedingungen ankündigen muß, als sie allgemein erwartet wurden ..." Es waren keine "richtigen" Verträge (wie das erhaltene Exemplar des Autors zeigt) sondern nur "Vorverträge" ohne Datum, mit einer nebulösen Absichtserklärung, zum 1. Oktober (anläßlich einer neuen "Rechtsform") einen "endgültigen" Vertrag folgen zu lassen - was dann einstweilen unterblieb. Zwar ist wortreich von Aufgaben und Pflichten und sogar schon vom angestrebten "Landessinfonieorchester" die Rede, aber noch immer bedeutet der Inhalt keine rechtsgültige Aussage über die "Gründung" des Orchesters "... Kuriosität: Richter kündigt auch Frauen im Orchester an, was bei Einigen noch immer zu Protesten führt ..." 01. Oktober 1958: Rückkehr des Orchesters aus Neuenahr nach Hilchenbach: "... noch glaubt die Mehrheit an die Verlegung des Orchesters nach Siegen ..." Jedoch am 10. Oktober 1958 Probenbeginn des "erweiterten" Orchesters im "Kinosaal Müller", der bis zum Sommer 1962 Sitz des Orchesters bleibt; Siegen steht nie mehr ernsthaft zur Debatte. Die fensterlose Tristesse und "Weltentrücktheit" des "Kinosaal Müller" ist heute verschwunden, man kann sie sich kaum noch vorstellen. An manchen Abenden gab es dort wirklich "Kino", der Autor hat dort etliche der damals berühmten Filme gesehen. Zu den Proben wurden die Stuhlreihen im Parkett und die 19
  • 20. Leinwand auf dem Podium zurück geschoben, um Platz für das Orchester zu schaffen. Seitlich gab es ein "Kabuff" für die Noten und das obligatorische "Schwarze Brett". Im übrigen hatte das damals noch einigermaßen ehrwürdige "Hotel Müller" über die "Orchesterzeit" hin auf Gäste verzichtet - und seine Zimmer an einige Orchestermitglieder vermietet. Auch den Autor hat man dort volle vier Jahre lang "beherbergt". Das Orchester war zu diesem Zeitpunkt auf 59 Planstellen verstärkt worden: auf (samt "Sonderkonzertmeister") zehn erste Geigen, acht zweite, je sechs Bratschen und Celli, vier Kontrabässe, dreifaches Holz, vier Hörner, drei Posaunen, Tuba, Pauke, Schlagzeug, Harfe, Dirigent und Sekretärin. Wobei (um es nochmals zu erwähnen) nicht mehr klar wird, wer zunächst noch Musikschüler blieb und erst allmählich "eingegliedert" wurde. 20 Es scheint ein ziemlich kompliziertes Hin und Her gegeben zu haben, um die Zahl 60 nicht zu erreichen, geschweige zu überschreiten. Der 10. Oktober 1958 galt dann aber, schon weil nun erstmals alle Mitglieder dem Orchester fest angehörten (bzw. ehemalige Musikschüler waren, die noch fest eingegliedert werden sollten) als der "eigentliche" Beginn des Orchesters, das Jahr davor (trotz seiner legendären Konzerte im Dezember 1957) nur als "Anlaufzeit". Die Orchesterschule fristete seitdem nur noch ein Nebendasein - und sollte (angeblich) so schnell wie möglich aufgelöst werden. Noch glaubte niemand an die schon bald eintretende "Krise" des ja erst "neugegründeten" und nun bereits "erweiterten" Orchesters. Noch wählte an diesem 20
  • 21. ersten Tag des "eigentlichen Beginns" das Orchester Richters "Gegenpol" Michael Scheck fast einmütig als 1. "Orchester-Vorstand".21 Freilich: Die Gerüchte darüber, was "im Hintergrund" wirklich vor sich ging, dazu das überraschende "Bleibenmüssen in Hilchenbach", was so kaum jemand erwartet hatte: einige Eingeweihte" schienen es genauer - und ganz anders - zu wissen. Auch die "Abwicklung" der Orchesterschule, für die jetzt nebenher der Bratschist Bär von Randow als letzter "Leiter" (aber offenbar nur von "Richters Gnaden") zuständig wurde, schien so ganz "astrein" nicht zu sein. Der Autor erinnert sich an eine gewisse Hilflosigkeit unter den verbliebenen Schülern, so als wären sie nur noch eine Art "Manovriermasse" gewesen. Erneut ist zu fragen: was war geschehen? Wie stand es wirklich um das Orchester? Schon am 16. Juli 1958 muß es (vielleicht nur in kleinem Kreis?) jene Sitzung gegeben haben, auf die sich Peter Richter und seine Freunde dann immer wieder berufen haben: In Gegenwart (oder nur in Kenntnis?) auch der Vertreter von Kultusministerium und Landschaftsverband scheint dabei das "Auslaufen der Schule" zugunsten nur noch des Orchesters zumindest "angedacht" worden zu sein.22 Dies hatte jedoch zur Unruhe innerhalb der Trägerschaft und vor allem auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Richter und dem Geschäftsführer der Trägerschaft, Moritz Weiss, Hilchenbach geführt. So muß Richter, in mehreren Sitzungen, die vom 05. September 1958 an stattfinden, zu seinen künftigen Vorhaben Stellung nehmen.23 Er erklärt sinngemäß, daß die Orchesterschule in der bisherigen Form keine Zukunft mehr habe - und er die Notwendigkeit eines Neubaus nicht mehr befürworten könne. Trotz weitgehender Sympathie der Stadt Siegen (die sich tatsächlich ein eigenes Orchester erträumt? Die vehemente Verfechter des "genialen Künstlertums" Richters in ihren Reihen hat?) und auch der Siegerländer Industrie ist man allseitig über diese Deutlichkeit entsetzt - und wirft Richter vor, er habe die Trägerschaft über seine wahren Absichten nicht rechtzeitig in Kenntnis gesetzt bzw. keine klare Linie gezeigt. Zwar beruft sich Richter auch auf seine fortlaufenden Besprechungen mit Moritz Weiss, von denen er fest geglaubt hätte, daß ihr Inhalt sofort weitergeleitet worden wäre. Weiss bestreitet aber die Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit dieser Besprechungen - und der Landkreis beharrt darauf, daß die Sache in dieser Klarheit im Juli nicht erörtert worden sei. Salopp ausgedrückt: hier war offenbar "eine Jungfer zu ihrem Kind" gekommen. Die Situation führte zumindest dazu, daß die Musiker nicht die angekündigten Verträge bekamen, sondern daß man vorerst bei den schon erwähnten "Absichtserklärungen" verblieb. Und daß das Orchester vorerst nicht (wie es Richter immer wieder versprochen hatte) nach Siegen ging, sondern seinen Sitz in Hilchenbach behielt. Am 09. Oktober 1958 (am Vortag des eigentlichen Beginns des Orchesters in seiner erweiterten Besetzung!) einigt man sich (im Einvernehmen auch mit dem Land und dem 21
  • 22. Landschaftsverband) nochmals darauf, daß die Schule erhalten bleiben und weiter ein Neubau dafür geplant werden müsse.24 Man erklärt die Forderungen und Absichten Richters für "übertrieben" - und stärkt der sich mehr und mehr um Moritz Weiss formierenden "Opposition" den Rücken. Das war dann spätestens die Geburtsstunde der "Richter-Krise" - und der Autor erinnert sich deutlich an die Unruhe, die schon von den ersten Tagen im "Probenlokal Müller" an immer mehr zu spüren war. Zwar sind (wie auch an anderer Stelle erwähnt) viele Unterlagen aus der "Frühzeit" dieser Krise nicht mehr vorhanden. Aber stimmt es überhaupt, sind sie wirklich (so jedenfalls die Darstellung des Stadtarchivs Hilchenbach) bei der späteren Auflösung des "Büro Weiss" nicht in den zuständigen Archiven in Siegen, sondern auf dem Sperrmüll gelandet? Man kann sich trotzdem aus dem, was in den beiden Siegener Archiven (wenn auch in unübersichtlicher "Abheftung") übrig geblieben ist, ein eindeutiges Bild machen. Auch wenn es dem, was heute, nach fast 50 Jahren, von Richter bzw. von seinen Getreuen nacherzählt wird, in keiner Weise entspricht. 11. Oktober 1958: ein "Männerchor-Konzert" in Siegen steht dort am Anfang des "Neubeginns". 18. Oktober 1958: erstmals "Carmina burana" in Offenbach 23. Oktober 1958: Sinfoniekonzert unter Richter in Witten: mit der "großen" g-moll- Sinfonie von Mozart und der 5. Tschaikowsky. "... zunächst läuft alles so gut, daß uns ein Stein vom Herzen fällt ..." 29. Oktober 1958: erstes Konzert seit dem "Neubeginn" unter Richter in Siegen, wieder mit der "großen" g-moll von Mozart und der 4. Sinfonie von Bruckner "... wir sind hinterher alle erschrocken: es gelingt erstmals nicht, Unsicherheit und Nervosität hatten sich allseits breit gemacht ..." Am 05. November 1958 entsteht dennoch, trotz allen Spannungen, ein Trägerverein auf neuer Grundlage, wird damit der selbständigen Entwicklung seit Oktober 1957 und auch der Erweiterung des Orchesters seit Oktober 1958 wenigstens einigermaßen Rechnung getragen.25 Zum Vorstand des Vereins "Siegerland-Orchester e. V." gehören künftig der Oberkreisdirektor des Kreises Siegen-Wittgenstein, der Oberstadtdirektor von Siegen sowie ein Vertreter der Siegerländer Unternehmerschaft. Moritz Weiss, auch als Vertreter der Stadt Hilchenbach, bleibt Geschäftsführer. Jedoch weiterdauernde, spürbare Unruhe, sowohl bei den Proben wie auch in den Konzerten. Keine gute Sache für besonders "empfindsame" junge Musiker, wie es der Autor damals noch gewesen ist! 17. November 1958, nach sehr vielen Proben: ein weiteres Sinfoniekonzert unter Peter Richter in Siegen (u. a. mit den "Bildern einer Ausstellung") das der WDR aufnimmt und dann auch überträgt. „... es gibt sehr geteilte Meinungen darüber - und genau das hat dann endgültig (nun auch innerhalb des Orchesters) die Krise um Richter ausgelöst ... Und 22
  • 23. Richter weiß das - aber es beginnt zugleich die Zeit seines dauernden Ungeschicks, seines fast tragischen Versagens in einer Situation, die er nicht wahrhaben will, die ihm mehr und mehr entgleitet ...".26 Zwar glaubt er noch am 21. November 1958 bei einem (als sensationell empfundenen) Konzert in Siegen zusammen mit dem "Orchester Kurt Edelhagen" alle Trümpfe in der Hand zu haben. Am 12. Dezember 1958 kommt es aber zur entscheidenden Zusammenkunft von Kreisdirektor Kuhbier, Moritz Weiss, Richter und dem Orchestervorstand (mit Scheck als Sprecher) wegen der entstandenen Problematik. Scheck widerspricht Richters Forderungen nach "Alleinherrschaft"; man diskutiert den schlechten Eindruck der Rundfunkübertragung des Konzertes mit den "Bildern der Ausstellung" - und Richter 23
  • 24. fragt erstmals "Sind Sie der Auffassung, daß ich meiner Aufgabe nicht (mehr) gewachsen bin?"27 Kuhbier formuliert eine Art künstlerischen Beirat der Stimmführer, der künftig mitbestimmen soll; bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet allein die Trägerschaft. Dem muß schließlich auch Richter zustimmen. Vor allem wird nochmals klargestellt, daß Richter allein keinerlei Maßnahmen mehr treffen darf, die Verpflichtungen des Trägers zur Folge haben. Also zunächst auch keine Zusagen mehr für Konzerte und Engagements geben, keinerlei Entscheidungen über Neueinstellungen oder Kündigungen von Musikern mehr treffen darf? Genau geht das daraus nicht hervor, scheint aber so beabsichtigt gewesen zu sein. 19. Dezember 1958: in einer Vorstandssitzung der Trägerschaft wird alles bestätigt. Man will zwar an Richter festhalten, vor allem, "weil bei einer Trennung Schwierigkeiten hinsichtlich der Finanzierung auftreten würden", aber die "Differenzen" sollen jetzt durch klare Dienstanweisungen und durch deutliche Richtlinien zur Abgrenzung aller Zuständigkeiten ausgeräumt werden.28 Da ist es zum ersten Mal definitiv: das Schreckgespenst, daß die finanziellen Zusagen des Landes und des WDR allein an die Person Richters geknüpft sein könnten. Wie gesagt "könnten". Es stimmte nicht. Es gibt in den Unterlagen keinerlei konkrete Hinweise. Leider läßt sich heute nicht mehr feststellen, wer dieses "Gespenst" und aus welchem Grund an die Wand gemalt hatte. Natürlich ist Richter alles andere, als einverstanden. In der "alten" Chronik des Autors steht ausdrücklich, "... daß es um diese Zeit aussah, als würde er über Nacht hinschmeißen, um sich heimlich abzusetzen ..." Und er verliert jetzt auch den Autor, als einen bis dato zwar sehr naiven, oft zweifelnden, aber eigentlich noch sehr begeisterten Anhänger: 19. Dezember 1958: Weihnachtsoratorium unter Richter in Witten "... ich sage ihm (teils noch immer von ihm fasziniert, teils im guten Glauben, ich könnte ihn beeinflussen) die erbetene organisatorische Assistenz bereits für die Chorproben in Witten zu, bekomme dann später eine Grippe, fahre dennoch zur Aufführung mit, habe aber kurz vorher einen Herzanfall: so daß für die Aufführung kein 1. Flötist vorhanden ist. Wütende und vor allem beleidigende Ausfälle Richters - und viel Aufmerksamkeit seitens der Opposition, die mich ermahnt, endlich einmal nachzudenken ..." 02. Dezember 1959: Richter fordert und praktiziert (trotz Verbots) weiterhin seinen Entscheidungsanspruch in allen personellen Dingen. So verlangt er z. B. am 08. Januar 1959 von Moritz Weiss die fristlose Entlassung Märkls, der ihm mehr und mehr die Gefolgschaft verweigern will.29 09. Januar 1959: Corazolla verlangt daher umgekehrt (in einem Brief an die Trägerschaft, im Vorfeld einer geplanten Diskussion zwischen Orchester und Trägerschaft am 12. Januar) in aller Deutlichkeit, Richter als menschlich nicht mehr geeignet anzusehen.30 24
  • 25. Moritz Weiss jedoch bittet seine Kollegen, im bevorstehenden Gespräch mit dem Orchester zunächst noch einmal so ausgleichend wie möglich vorzugehen; das Gespräch soll für die künftige Weiterarbeit des Orchesters entscheidend sein. Fast sieht es aus, als sollte jetzt erst darüber entschieden werden, ob das Orchester wirklich als "gegründet" und "existent" anzusehen ist, oder ob alles bisherige nur ein "ungültiger Versuch" war, den man jederzeit widerrufen könnte. "... überall wird diskutiert und verdächtigt, man kann sich kaum noch auf die Musik konzentrieren, die Zukunft erscheint völlig ungewiss ..." 25
  • 26. Die sogenannte "Richter-Krise". Rolf Agop wird "Künstlerischer Oberleiter" 15. - 17. Januar 1959: Sinfoniekonzerte unter Richter in Weidenau "... es werden, ohne daß es irgendjemand für möglich hält, seine letzten Konzerte als Chef des Orchesters ..." Vorausgegangen war am 12. Januar das schon erwähnte "Gespräch" zwischen Trägerschaft und Orchester im "Probenlokal Müller".31 Es blieb keineswegs als eine "besonders gelungene Veranstaltung" in Erinnerung, als das "klärende Gespräch", das nun notwendig war. Die Herren des Träger-Vorstandes hatten die Mahnung ihres Mitgliedes Moritz Weiss, so ausgleichend wie nur möglich vorzugehen, wohl nicht ganz ernst genommen. Sie standen zwar in allen Fragen Rede und Antwort, schienen aber die tiefe Kluft, die sich im Orchester aufgetan hatte, zu verkennen - und wollten es wohl eher mit einem "Machtwort" halten - so ähnlich wie "wenn jetzt nicht Ruhe ist, fackeln wir nicht mehr lange". Umgekehrt schien ihnen endgültig klar geworden zu sein, daß man diese "Ruhe" nur unter strengen Auflagen auch für Richter erreichen konnte. Dazu gehörte als Skurrilität sogar, daß man ihm die Einstudierung einer Oper (für die er bereits Sänger nach Hilchenbach eingeladen hatte) strengstens untersagt. Es scheint im übrigen noch eine "inoffizielle" Fortsetzung des "Gesprächs" zwischen Träger und nur der "Richter-Partei" gegeben zu haben. Darüber ist in den Protokollen zwar kaum etwas enthalten. Sonst aber läßt sich Richters überlieferte Äusserung, daß er auch "zu einer Verkleinerung des Orchesters aus finanziellen Gründen bereit wäre, wenn man ihn nur weiter gewähren ließe" nicht richtig einordnen - und vor allem nicht das berühmte Wort von Moritz Weiss, das dann lange die Runde machte, nämlich "... wer das Geld hat, hat die Macht, daran müssen Sie sich gewöhnen, und ich habe das Geld!" Den sonst so vorsichtigen Moritz Weiss hatte man wohl "in Rage" gebracht, er wollte vermutlich nur an den Kern der Dinge erinnern. Vielleicht hat er ja auch nur gesagt "wir haben das Geld".32 Ein "Machtwort" war jedenfalls nicht das richtige "Mittel der Wahl". Der Lernprozess, der jetzt dringend hätte folgen müssen, wäre nicht nur für Richter selbst oder für die verschiedenen Gruppierungen im Orchester, sondern auch für die "Obrigkeit" äußerst wichtig gewesen. Die Vertreter der Opposition gegen Richter (Scheck, Corazolla, Märkl und einige andere, im Orchester genannt "die Clique" und dann offiziell "die Neun") verließen das "Gespräch" jedenfalls eher - und unterschrieben noch am Abend einen bereits vorbereiteten Brief. Man schildert noch einmal die ursprünglichen Ziele, sei aber zu der Erkenntnis gelangt, daß Richter die Erwartungen nicht erfüllt habe, unter seiner Leitung 26
  • 27. könne die Idee des Siegerland-Orchesters auch nicht mehr verwirklicht werden. Man sähe sich daher gezwungen, das Orchester zu verlassen - und diesen Brief als Kündigung anzusehen.33 Eines der großen, wenn auch später etwas umstrittenen Ereignisse in der Geschichte des frühen Orchesters! Auf jeden Fall ist zu sagen: Richters bald verbreitete Meinung von "unverschämten Lügen", die im Brief stünden, wird schon bei oberflächlicher Lektüre völlig unverständlich. Nicht der Brief als solcher hatte die von niemandem so erwarteten Folgen, sondern allein Richters voreilige und schlecht beratene Reaktion darauf. Sie hätte wohl noch jeden Arbeitgeber auf der Welt zur "sofortigen Beurlaubung" veranlaßt. 18. Januar 1959: der Brief der "Neun" war an Moritz Weiss gegangen und von diesem offiziell an Oberstadtdirektor Seibt weitergereicht worden; Seibt übergab ihn dann (wohl anlässlich einer für diesen Tag sofort einberufenen Vorstandssitzung) an Richter zur Stellungnahme.34 In der Sitzung (mit Seibt, Kuhbier, Simony, Weiss, dazu Richter und Diederich) ist Seibt für Richter, Weiss (sehr erregt) gegen ihn. Richter und Diederich müssen die Sitzung zunächst wieder verlassen; Weiss verteidigt dann weiter die "Neun" ("und zehn weitere, die hinter ihnen stünden"), Simony aber weiter Richter - und behauptet auch dessen Rückhalt bei der Industrie. Als Richter und Diederich wieder hinzu kommen, stellt jetzt Richter ultimativ sein Bleiben infrage. Nur mühselig einigt man sich auf den Kompromiß, den WDR (Dr. Krutge) als Schiedsrichter anzurufen. Der Autor kann gar nicht anders, als so ausführlich von jenen legendären Ereignissen zu berichten, die ihm noch so lebendig in seiner Erinnerung sind: 19. Januar 1959: Abfahrt zu "Carmina burana" in Offenbach. Da es die Wiederholung eines Konzertes ist, das schon am 18. Oktober stattgefunden hatte, der Chordirigent auch schon wieder zu einer Probe in Hilchenbach gewesen war, ist in Offenbach nur eine "Verständigungsprobe" mit dem Chor notwendig. So hält Richter zunächst eine Orchesterversammlung ab, auch sie eine der legendärsten in der frühen Geschichte des Orchesters.35 Auf ihr verliest Diederich den Brief der "Clique" - und formuliert dann die Haltung des übrigen Orchesters: die „Neun“, jetzt mit Haupt zehn, sollen ausgeschlossen werden, man stehe einmütig hinter Richter. Diederich läßt schließlich eine Liste zur Unterschrift herumgehen.36 Noch von Offenbach aus wird viel telefoniert (Scheck mit Moritz Weiss, der die "Ausgeschlossenen" ermahnt, unbedingt weiter Dienst zu tun, Richter mit dem Siegener Baurat Simony) und auf der Rückfahrt gibt es einen nächtlichen Halt in Butzbach, bei dem Richter dem Orchester durch Diederich ausrichten läßt, daß Siegen den Orchesterbeschluß voll bestätigt habe, anders lautenden Gerüchten solle keinerlei Glauben mehr geschenkt werden.37 Es fällt offenbar auch der Zusatz, daß man sich bereits auf einen Vorstandsbeschluß des Trägers dazu stützen könne. Dies war dann der entscheidende Schritt, den Richter zu weit gegangen war. Denn sofort verteidigt sich Weiss in einem Brief an die Vorstandskollegen und erinnert an 27
  • 28. frühere Sitzungen: zwar habe man am 12. Januar vor dem Orchester eine weitgehende Kontrolle Richters zugestanden, dies sei nun aber in der Praxis nicht mehr möglich. Es gäbe "Hunderte von solchen Vorfällen" in der Vergangenheit. Auch die Darstellung der "Neun" als "gemeine Lügner" sei so nicht hinnehmbar.38 Als Scheck ihm am folgenden Tag über "Butzbach" berichtet, schreibt er noch einen weiteren Brief - und verlangt die sofortige Entscheidung jetzt. 21. Januar 1959: der Vorstand beschließt die Lösung des Dienstverhältnisses mit Richter - und teilt es ihm mündlich mit.39 Es beginnt damit auch die Zeit, in der Scheck (neben seinem Dienst als Solo-Oboer) das Amt eines "vorläufigen Verwaltungsleiters" in aller Öffentlichkeit ausübt. Dies war wohl vor allem in seinem engen Vertrauensverhältnis zu Moritz Weiss begründet. Auf Moritz Weiss muß deshalb kurz eingegangen werden: als Hilchenbacher Fabrikant und dort lange Zeit Bürgermeister war er geschäftsführendes Vorstandsmitglied schon beim Träger der Orchesterschule gewesen und wurde es dann auch beim Träger des Orchesters. Michael Scheck über ihn heute: "... obwohl er in eine ihm fremde Welt eingetreten war, versuchte gerade er, für das Orchester Sympathie und finanzielle Mittel aufzubauen. Die internen Querelen müssen ihm total unverständlich, mehr noch, ein Greuel gewesen sein." So brauchte er natürlich einen Ratgeber, dem er voll vertrauen konnte - und hatte ihn in der Person von Michael Scheck gefunden; dies offenbar schon seit längerer Zeit.40 22. Januar 1959: Weiss hat an Konzertmeister Hartig einen Text zur Verlesung vor dem Orchester gegeben, daß man mit Richter vereinbart habe, seine Stellung sofort aufzugeben. "Ruhe (so sinngemäß) sei jetzt die erste Bürgerpflicht".41 29. Januar 1959: der Vorstand stellt "amtlich" fest, daß das Beschäftigungsverhältnis mit Richter seit dem 21. Januar gelöst sei, und teilt es ihm jetzt auch schriftlich mit.42 01. Februar 1959: Doch nun gibt es mehr und mehr Briefe seiner Siegener Freunde, die an "Gott und die Welt", vor allem aber an Dr. Krutge vom WDR, der ja Schiedsrichter sein soll, gerichtet sind. Wortreich wird versucht, die Dinge aus der Sicht Richters klar zu stellen.43 Und gibt es umgekehrt auch die (heute etwas peinlich wirkenden) Erkundigungen der Trägerschaft über Richter bei seinen früheren Arbeitgebern in Hagen und Wuppertal.44 Natürlich gibt es am 03. Februar 1959 auch eine Besprechung im Kultusministerium, im Beisein von Dr. Schmücker (Ministerium), Dr. Krutge (WDR), Paasch (Landschaftsverband) und den Träger-Vorständen.45 Die "Externen" bedauern zunächst, daß sie nicht mehr gehört worden wären - und stellen die Vorgänge als "unter Künstlern üblich" dar. Krutge behauptet erneut, daß er die Befürwortung von weiteren Zuschüssen allein auf die Person Richters hin aufgebaut habe. Es kommt auch zur Sprache, daß sich der zu weit abgelegene Standort Hilchenbach nicht bewährt habe, eine "Cliquenbildung" sei dort unvermeidlich gewesen. Die "Externen" werden sehr "deutlich", sie kanzeln die Trägervorstände beinahe ab. Dr. Schmückers und Dr. Krutges Reaktionen jedoch waren so zu erwarten - und waren allzu vordergründig. Der Name der Frau Dr. Schmücker taucht in den "Quellen" im 28
  • 29. übrigen viel seltener auf, als man es laut anderen Darstellungen erwarten müßte; auf ihrem Schreibtisch lag wohl vor allem der "Fall Agop", von dem gleich die Rede sein wird. Die graue Eminenz des Dr. Krutge hingegen bewegte sich mehr und mehr auf Glatteis. Zwar war er wohl eine im Hintergrund sehr treibende Kraft - und vor allem der Förderer Richters schlechthin. Aber wenn er weiterhin mit der Bindung der Zuschüsse "an die Person Richters" argumentierte, während doch nach den üblichen Regeln allein dieses ungewöhnliche Orchester im Mittelpunkt hätte stehen müssen: kann man ihm kaum folgen. Und das hat er dann wohl ziemlich bald eingesehen.46 Viel eher ist hier ein (vorsichtiges) Wort über den Baurat Simony angebracht, der als "Adlatus" des Siegener Oberstadtdirektors Seibt an fast allen Sitzungen teilnahm. Aber nicht über ihn persönlich, sondern über ihn als den profiliertesten Vertreter jener Siegener Kreise, die in Richters Bestrebungen (wie schon erwähnt) wohl einen alten Traum verwirklicht sehen wollten (ein eigenes Orchester und womöglich auch Theater zu haben, wie es z. B. Hagen, Solingen und Remscheid längst hatten) und ihn deshalb so enthusiastisch unterstützten.47 Michael Scheck: "die vorherrschende Subjektivität der Siegener 'high society' wirkte sich immer wieder zum Nachteil des Orchesters aus. Denn diese Leute hatten Gewicht und Stimme in den politischen Gremien, oder konnten sie zumindest beeinflussen."48 Vom Verwaltungsjuristen Kuhbier scheint (bei Gelegenheit aller genannten Gespräche) im übrigen die Feststellung zu stammen, daß die juristischen Gründe für eine "fristlose Entlassung" allemal ausgereicht hätten, man sei sich aber über eine "grundsätzliche Kündigung" zum 31. März 1959 und eine Gehaltsfortzahlung bis zu diesem Termin einig geworden. Ob die "Fehlleistungen" Richters tatsächlich für eine "fristlose Entlassung" ausgereicht hätten, mag dahin gestellt bleiben. Auffallend ist, wie schnell man nach dem rettenden Strohhalm bloß einer "fristlosen Beurlaubung" gegriffen hat. Aber das Kind war nun in den Brunnen gefallen, die Situation blieb völlig verfahren. Und so war die Bühne frei für den nächsten "Helden" in der Geschichte des Orchesters. Am 04. Februar 1959 springt der Dortmunder GMD Rolf Agop ein und leitet als Vertretung für Richter ein Sinfoniekonzert in Siegen (u. a. mit den "Weber- Metamorphosen" von Hindemith). Agops nun beginnenden Unterlagen49 zufolge war er am 22. Januar telefonisch gebeten worden, für das Konzert einzuspringen. Neu und überraschend für ihn kann das aber nicht gewesen sein, es gibt auch keinerlei Hinweise darauf, von wem er angerufen wurde - eher darauf, daß es sich um eine "Angelegenheit" handelte, die schon "von längerer Hand" vorbereitet worden war.50 War es also schon schwierig zu erklären, wie Richter eigentlich "auf der Bühne" in Hilchenbach erschien, ergibt sich bei Agop genau dasselbe. Auf jeden Fall: Agops "Einspringen" wird als die "Wende" angesehen. Und sie beginnt so "blumig", wie es eben die Ausdrucksweise des unvergessenen Rolf Agop gewesen ist: Er sei "händeringend vom Siegerland-Orchester darum gebeten worden." Die vom Autor vermutete und auch dunkel erinnerte Wahrheit aber lag wohl eher dort, daß Agop damals vor allem um ein Ziel bemüht war: noch "richtiger" Professor in 29
  • 30. Detmold zu werden. Hierfür mußte entweder sein Vertrag in Dortmund gegen alles Erwarten doch noch verlängert werden, oder es mußte sich eine Aufgabe wie dieses "Nachwuchs-Sinfonie-Orchester" ergeben, das in die richtige Richtung zielte.51 So war er denn vermutlich schon sehr früh informiert - und hatte seine Fühler schon zu einem viel früheren Zeitpunkt ausgestreckt. Zwar bestätigt er, "daß sich Richter Dinge erlaubt hätte, die ihm so nicht zustanden, vor allem in vertraglicher Hinsicht" - aber er spricht eben schon gleich nach dem Konzert auch davon, daß zwar Richter "unbedingt zurückgeholt werden" solle (´er sei ja im übrigen sein Schüler gewesen), ihm aber "ein erfahrener Künstler zumindest in den ersten kritischen Wochen quasi übergeordnet werden müsse."´ "... zunächst sind erst einmal völlig freie Tage bis Anfang März. Man fängt an, wieder in Ruhe zu üben - und bekommt eine erste Ahnung davon, in welch schöne Landschaft man da eigentlich verschlagen worden ist ..." "... derweil aber Drohungen der Richter-Seite, man würde gleichfalls kündigen, wenn Richter nicht zurückberufen würde ..." "... irgendwie kam man eben doch noch nicht zur Ruhe ..." Am 05. Februar 1959, dem Tag nach dem Siegener Sinfoniekonzert unter Agop: außerordentliche Sitzung des Kulturausschusses des Kreistages, bei der alles gründlich zur Sprache kommt, und Kreisdirektor Kuhbier noch einmal die Entwicklung "bis zum heutigen Stande" vorträgt. In der "sehr lebhaften" Debatte wird deutlich, daß es keine Mehrheit dafür gibt, an der Person Richters als allein Verantwortlichem festzuhalten. Nur drei Ausschußmitglieder sprechen sich dafür aus, sieben dagegen, drei enthalten sich.52 Insofern wird begrüßt, daß nach dem gestrigen Konzert noch ein Gespräch mit Agop stattgefunden hätte, in dem er sich sehr positiv über das Orchester, aber auch über einzelne Mitglieder der "Neun" geäußert und dies auch sofort Herrn Dr. Krutge mitgeteilt habe. Auf die spontane Frage, ob er als "Oberaufsicht" für eine Weiterarbeit Richters zu Verfügung stehen würde, habe er seine Bereitschaft bekundet. Man spricht sich sofort für diese Lösung aus, zumal sie auch ein Einvernehmen mit Ministerium, Rundfunk und Landschaftsverband verspricht, fordert Seibt zu den nötigen Verhandlungen mit der Stadt Dortmund auf - und beschließt einstimmig. 30
  • 31. 09. Februar. 1959: Richter fordert darauf hin brieflich die Aufarbeitung seiner finanziellen Dinge. Es sei Krankheit und privates Mißgeschick gewesen, daß ein Treffen mit Agop bisher noch nicht vereinbart werden konnte; Agop hätte ja aber gebeten, erst dann zu einer Aussprache und nach Hilchenbach zurück zu kommen, wenn er wieder gesund sei.53 Schon hier fordert er jedoch seine "Herrschaft" allzu deutlich zurück, er formuliert sarkastisch, daß er "offenbar nur unter Aufsicht" wieder vor das Orchester treten dürfe. Und redet zwar von einer Neuordnung und von einem "Schlußstrich", meint aber ganz offensichtlich: zu seinen Gunsten. Vor allem: gegen die "Neun". Das drang bis ins Orchester vor. Der Autor erinnert sich um diese Zeit an erste "Friedensgespräche", mit dem Inhalt, daß Richter aus seinen Fehlern offenbar nicht lernen wolle, ganz einfach, weil er es grundsätzlich nicht könne. Viel wichtiger aber, als dies alles: um diese Zeit gibt es auch eine etwas bedenkliche Sitzung des Finanzausschusses des Kreistages. 54 Dem Sinn nach wird festgestellt: die "Sanierung" des Orchesters erfordere inzwischen eine viel höhere Summe, als erwartet. Es sei also zu überlegen, ob das Orchester "in jedem Fall" gerettet werden solle. Ein "Nachwuchsorchester" sei auch nicht Aufgabe des Siegerlandes allein. Umgekehrt sei eine Reduzierung der Orchesterstärke und damit die Rückkehr zu den Verhältnissen der "Musikschule" ebenso wenig machbar. Das Einvernehmen mit Ministerium, WDR und Landschaftsverband sei daher unerläßlich. Dann kommt es, was man kaum in die Öffentlichkeit dringen ließ: eine finanzielle "Probezeit" von zwei Jahren sei das Äußerste, dem man zustimmen könnte.55 Die Trägerschaft jedoch bleibt optimistisch: inzwischen hatte Agop auch brieflich zugestimmt, lag die Zustimmung aus Dortmund vor - und hing jetzt alles davon ab, ob Richter mit einer "Oberaufsicht" Agops einverstanden war. Ein Neubau in Hilchenbach sei vorerst unnötig geworden; notfalls könne das Orchester in die Halle in Kaan- Marienborn ausweichen.56 Man entschließt sich jedoch (wohl angesichts der vielfältigen Gerüchte, Meinungen und Gegenmeinungen) künftig alles "streng vertraulich" zu behandeln. So gibt es am 12. Februar 1959 (laut Agop erst am 13. Februar 1959 und dann "ganztägig") bereits die notwendigen Besprechungen: zwischen Agop und dem Trägervorstand, dasselbe im Beisein Richters, dann zwischen Agop und dem Orchester, dasselbe im Beisein des Trägervorstandes.57 Die Ergebnisse sollen die Grundlage für ein ausführliches Gespräch zwischen Agop und Richter sein. Eingeschlossen ist schließlich auch eine "außerordentliche, nicht- öffentliche" Kreistags-Sitzung, deren Inhalt tatsächlich als "vertraulich" ausgegeben wird. Einziger Punkt der Tagesordnung: das Weiterbestehen des Orchesters. Agop ist anwesend, spricht sich gleich zu Beginn deutlich für den Erhalt des Orchesters aus, ist bereit (falls der Kreistag heute zustimme) die "Oberleitung" (im Klartext "die künstlerische Verantwortung, die Programmgestaltung und die Schlichtung von Streitigkeiten") zu übernehmen, dies (was immer er damit meinte) ohne "materielle Forderungen"; daraufhin sei auch das Orchester "einstimmig" bereit, Frieden zu machen und einen erneuten Versuch mit Peter Richter zu unternehmen. 31
  • 32. Landesrat Paasch, der gleichfalls zugegen ist, stellt dafür auch die Zustimmung des Landschaftsverbandes und des WDR in Aussicht. Moritz Weiss, der sich von der eigentlichen Geschäftsführung künftig mehr zurückziehen will, legt außerdem dar, daß so auch ein verwaltungsmäßiger Neuanfang des Orchesters möglich werde. Als Agop und die "Externen" dann den Saal verlassen haben, erwähnt Moning noch, daß er die "fristlose Entlassung" bereits zurückgenommen habe (womit also endlich der Status der bloßen Beurlaubung hergestellt war) und daß die noch fehlenden Teile (Kuratorium, Satzung usw.) einer künftigen Trägerschaft endlich in die Wege geleitet worden seien. Es liest sich wie die eigentliche, nachgeholte Orchestergründung. Und das ist sie irgendwie auch gewesen: nun hatte nicht nur die Realität die Trägerschaft eingeholt, sondern hatte erstmals auch die Trägerschaft Anschluß an die Realität gefunden - und bekannte sich zuversichtlich zur Existenz eines selbständigen Orchesters. Ohne Fortbestand der Orchesterschule. Ob dabei nochmals das Wort gefallen ist, daß man jetzt "den Frieden erzwingen müsse, sonst aber das Orchester auflösen", ist nicht genau auszumachen. Der Autor hält es heute für eine sofortige "Propaganda" der Richter-Seite. "... darüber waren wir aber alle erschrocken - und skeptisch, ob Richter zustimmen würde bzw. wie das funktionieren sollte. Einzig seine tatsächliche Rückkehr unter Agops 'Oberaufsicht' war jetzt der 'springende Punkt' ..." Für den 18. Februar 1959 war dann das entscheidende, direkte Gespräch zwischen Agop und Richter vereinbart; es gab sogar schon einen Entwurf für den vertragsmäßigen Teil. Richter aber erscheint nicht, es findet nicht statt.58 Die für den 28. Februar 1959 geplante "Wieder-Einführung" Richters wird also abgesagt. Richter wird außerdem verboten, bis zur Rückkehr Agops von einer Reise und einem daher erst für den 6. Mai(!) angesetzten neuen Gesprächstermin nach Hilchenbach zu kommen oder mit dem Orchester in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen.59 Vor seiner Reise gibt es am 04. März 1959 noch ein vielgelobtes Sinfoniekonzert unter Agop in Iserlohn, mit der "großen C-Dur" von Schubert. "... Agop bestätigt bei dieser Gelegenheit Corazolla als Vertreter im künstlerischen Bereich - und Scheck in seinen organisatorischen Aufgaben. Er läßt aber andererseits einen neuen Orchestervorstand wählen, in dem erneut nur die Richter-Seite vertreten ist ..." "... ein nicht immer zu verstehendes, aber wie sich zeigte: sehr geschicktes Taktieren, es wird zum Anfang der tatsächlichen Beruhigung ..." 13. März 1959: Richter (jetzt und dann weiterhin mit dem Absender des heimatlichen Elternhauses in Lübeck) widerspricht plötzlich und erklärt sich generell mit dem geplanten Ablauf der Dinge nicht einverstanden; er dreht auch den Spieß um: Agop sei voreingenommen, sei beeinflußt worden - und habe seine (Richters) terminliche Gegenvorschläge von vornherein nicht akzeptiert. Er "droht" sogar mit Konsequenzen, oder deutet sie zumindest an.60 32
  • 33. Am 15. März 1959 scheint er seiner Sache so sicher zu sein, daß er für seine Vorbereitungen die "April-Partituren" verlangt, und nun wieder von "Entscheidungs- Befugnissen" redet. 19. März 1959: sogar Seibt weist Richter jetzt in einem "eingeschriebenen" Vorstands- Brief scharf zurecht. Richter habe nach dem Treffen am 12. Februar akzeptiert, was auch die Grundlage für das Treffen mit Agop am 18. Februar sein sollte: einen wirklichen Schlußstrich, nach dem alles Vorherige nicht mehr zur Debatte stünde. Das Gespräch am 18. Februar, sei aber leider nicht zustande gekommen. Die Rückkehr von Agop müsse jetzt abgewartet werden. Richters Briefe vom 13. und 15. März seien so nicht hinnehmbar, würde er sie aufrecht erhalten, sähe der Vorstand keine Möglichkeit mehr, das Vertragsverhältnis neu zu begründen. "... alle sind neugierig, ob Richter die ihm gestellten Bedingungen jetzt noch annimmt - vor allem aber besorgt darüber, ob seine Stelle (zusammen mit der eines Verwaltungsleiters) sonst wirklich neu ausgeschrieben wird (wie es mehr und mehr verlautet) oder ob es doch noch zur angedrohten Auflösung des Orchesters kommt ..." Doch schon am 04. April 1959 treffen sich Agop und Richter überraschenderweise in Köln, Krutge/ WDR scheint diesen Termin möglich gemacht zu haben und moderiert ihn: man hatte sich also doch noch einigen können.61 Sah Agop plötzlich ein, daß auch er allzu unbeherrscht reagiert hatte? 11. April 1959: Jan Corazolla "muß" in einem Brief an den Vorstand monieren, daß sich die "Neun" zwar zum Bleiben bereit gefunden hätten, jedoch nur, wenn sich Richter grundsätzlich und positiv ändere. Dies habe er aber auch seit dem Gespräch mit Agop nicht getan, er habe das Übereinkommen nachweislich bereits gebrochen.62 Zwar wird Corazolla leider nicht konkret, doch sein "Kernpunkt" dabei ist neu: er verweist darauf, daß sich die Diskussion um Richter ausschließlich auf das "menschliche" verlagert habe, über das "künstlerische" sei noch gar nicht geredet worden. Dies aber sei das Entscheidende.63 Er hat das offenbar auch an Agop geschrieben und ihm seinen Brief an den Vorstand beigefügt. Agop antwortet am 20. April 1959 zunächst noch etwas zurückweisend: daß man Richter nun erst recht die Chance einer Rückkehr geben müsse, dann würde sich sofort und deutlich erweisen, ob er dies auch nutzen könne. Es ist aber deutlich zu spüren, daß er über die "künstlerische Seite" Richters bisher noch gar nicht viel aussagen kann - oder will.64 So ganz unrecht, wie man es damals glauben machen wollte, hatte Richter mit seinem "Taktieren" nicht: inzwischen redet Agop kaum noch davon, daß es schon deswegen eine "nur vorübergehende Unterordnung" sein würde, weil er, Agop, ja eigentlich gar keine Zeit hätte und auf das Wohlwollen seiner Obrigkeit in Dortmund angewiesen sei. In Wahrheit hatte er offenbar sehr viel Zeit, und so war wohl damals schon entschieden, daß die "künstlerische Oberleitung" auf Dauer und sogar unter einem neuen Dirigenten fortbestehen würde. 33
  • 34. 21. April 1959: dem Vorstand wird die Nachricht zugespielt, daß Richter kein echtes Interesse an einer Rückkehr habe, wenn er nicht allein verantwortlich sein dürfe und sich Agop unterordnen müsse; dies würde er dann nur heucheln, es würde ihm dann "nur noch um's Geld gehen“. 65 Daraufhin muß der Vorstand (im Einvernehmen mit Agop) sehr schnell reagiert haben, obwohl kaum noch Unterlagen darüber vorhanden sind. Schon im Vorfeld oder erst bei Probenbeginn anläßlich eines Konzertes am 25. April 1959 in Niederdresselndorf erfährt das Orchester, daß nicht Richter, der es als erstes Konzert nach seiner Rückkehr leiten sollte, dirigieren würde, sondern Agop, und daß Richter nicht mehr zurückkehrt. Am 29. April 1959 kann Oberstadtdirektor Seibt auch Krutge/ WDR davon überzeugen, daß Richter seine Äußerungen tatsächlich so getan hätte - und zwar in einem Telefonat mit Bremer vor dessen Einstellungsgespräch.66 Die Entscheidung brachte also ein telefonisches Gespräch zwischen Arne Bremer, dem designierten neuen Verwaltungsleiter des Orchesters, und Peter Richter, das auch stattgefunden haben muß, weil selbst Richter es später immer wieder erwähnt hat. Leider wird nur nicht ganz klar, von wem es ausging. Der Autor meint allerdings, daß dieser heikelste Punkt der Entwicklung lieber offen bleiben sollte. Bremer solle es den Siegenern ausdrücklich so mitteilen: wird Richter wohl seinen (vermutlich sehr ungeschickten) Sätzen am Telefon hinzugefügt haben, und Bremer hat es dann offensichtlich auch getan. Erst viel später (der Autor hat es erst unter dem Datum 28. Januar 1960 gefunden) wird Richter behaupten, daß er es so nur sinngemäß gesagt habe (etwa: helfen Sie mir, daß ich wenigstens etwas künstlerische Entscheidungsfreiheit behalte, damit ich nicht nur des Geldes wegen zurückkommen muß) und wird hinzufügen, daß es dafür Zeugen gäbe. Das ist, samt den unbenannten Zeugen, vom ganzen Vorgang her nicht glaubhaft, die offizielle Version scheint zu stimmen. Erstaunlich ist also nur, daß Bremer diese unüberlegten Äußerungen überhaupt weitergegeben hat: ausgerechnet Bremer, der doch (seiner Art gemäß und gemäß seiner Auffassung von seiner künftigen Arbeit) von vornherein "um Ausgleich" bemüht war. Daher ist zu fragen: bleibt das (aber auch nur das) also übrig von der legendären, bis heute immer wieder erwähnten "Intrige", über die Richter schließlich "gestolpert" sei: daß man Bremer überredet hat, sein Telefonat mit Richter so "ungeschminkt" weiterzugeben?67 Das Spiel war aus - und Richter muß es sehr schnell erfahren haben. Ob es als Reaktion darauf wirklich zu dem kam, was Richter in einem Brief an den Autor später "eine Verzweiflungstat meinerseits" nannte, "die dann im Krankenhaus und monatelangem Genesenmüssen endete", soll hier nicht näher untersucht werden. Zwar hat der Autor darüber einige Unterlagen gefunden. Aber was bleibt, wäre dann nur Mitleid.68 34
  • 35. Zwischenzeit: bis zur Wahl von Thomas Ungar Hier zunächst noch eine Anmerkung über Jan Corazolla. Als "stellvertretenden Dirigenten" hatte ihn Peter Richter schon bald nicht mehr anerkannt - wie dann auch Thomas Ungar nicht und (ab 1962 als Chef) auch nicht Rolf Agop. Er wurde später in Köln zunächst "Organisator" des "Rheinischen Kammerorchesters", erst dann dessen Dirigent. Leider starb er viel zu früh. Als "Chef" in Hilchenbach, was er wohl gern geworden wäre, war er nicht denkbar. Aber man mag ihn sehen, wie man will: als "Chef- Ideologe" hat er sich um das Orchester verdient gemacht, wie kaum ein anderer.69 04. Mai 1959 und damit zurück zu jenem folgenreichen Telefongespräch: erst jetzt wehrt sich Agop auf einer Sitzung mit dem Vorstand und den hinzugezogenen Fachleuten gegen eine Rückkehr Richters. Man beschließt, das Vertragsverhältnis nicht neu zu begründen, sondern einen neuen Dirigenten zu suchen.70 Agop lehnt auch für die Zwischenzeit eine weitere Chance für Richter "um des lieben Friedens willen" ab. Richters Vertrag wird daher (allerdings unter Wahrung der Bezüge bis einschließlich September) endgültig aufgelöst. "Richters Vertrag": immer wieder (wie bei allen Orchestermitgliedern) muß man fragen, ob er überhaupt rechtsgültig vorhanden war. Agop spricht außerdem mehrfach von "großer Sorge um die gesundheitliche Zukunft" Richters. Davon, daß Richter in Detmold eine Weile sein Schüler gewesen sei (offenbar hatte Agop zumindest in der Zeit, als er Chef in Herford war, in Detmold einen Lehrauftrag) spricht er jetzt kaum noch. 14. Mai 1959: Auch der erweiterte Vorstand, das Kuratorium, stellt sich hinter diesen Beschluß. Es sei nicht möglich, daß Richter in dieser Zwischenzeit in irgendeiner Form noch Konzerte des Orchesters dirigiere. Er solle bis zum 25. Mai mitteilen, ob er einverstanden sei, sonst müsse man sich auf den Rechtsstandpunkt stellen. Auch Dr. Krutge schien dem inzwischen zugestimmt zu haben, mit der Regierungsrätin Dr. Schmücker hatte Agop ohnehin ein internes Einvernehmen hergestellt. 14. Mai 1959: Richter wird dies alles brieflich mitgeteilt. Zwar hält sein Vater diesen Brief zunächst noch zurück - oder leitet ihn erst verspätet an seinen Sohn weiter. So stimmt Richter (angeblich noch in der Klinik und inzwischen "gezwungen" zur Unterschrift) erst am 22. Mai 1959 schriftlich zu. Richter behauptet bis heute sinngemäß, daß das noch offenstehende, weil bis September weitergewährte Gehalt (das er dringend benötigt hätte) ohne diese Unterschrift sonst nicht ausgezahlt worden wäre; die Frist für ein arbeitsgerichtliches Verfahren "war ja inzwischen wohlweislich abgelaufen".71 Seine Vorwürfe jedenfalls , daß alles "unkorrekt" zugegangen sei, dauern bis heute an, sie standen auch noch bei den Treffen der "Ehemaligen" ab 1999 im Mittelpunkt. "Unkorrektheiten" jedoch lassen sich aus den Unterlagen so nicht herauslesen. Ein weiteres Attest der Klinik hätte auf jeden Fall Aufschub bedeutet. Und so ist es bei vielem, was er und seine Freunde noch immer behaupten.72 35
  • 36. Geben wir ihm aber wenigstens die Gelegenheit zu einem Schlußwort: "daß das Ganze eine zutiefst menschliche Tragödie war und ist, will wohl niemand wahrhaben." In der Sitzung vom 5. Mai war auch der Einstellung von Arne Bremer als neuer (erster richtiger, erster vollbezahlter) Verwaltungsleiter (amtlich sogar "Verwaltungsdirektor") endgültig zugestimmt worden. Zwar klaffen im Etat weiterhin große Lücken, das Orchester soll aber nun doch in voller Stärke erhalten bleiben - und die Dirigentenstelle (endlich ist es amtlich) neu ausgeschrieben werden. "... Agop bleibt völlig Herr der Situation; er ist der hochverehrte Meister, der umwerfend gut probiert und in jeder Situation die Belange des Orchesters vertritt ..." So vor allem am 20. Mai 1959 in Darmstadt, wo das Orchester erstmals zu den "Tagen für Neue Musik und Musikerziehung" eingeladen worden ist. In der Folgezeit ist jedoch noch immer nicht viel Dienst: viele Konzerte (und damit Einnahmen) waren infolge der "Richter-Krise" nicht zustande gekommen, nur einige Chorleiter hatten notgedrungen abgewartet. Auch jene Neuverpflichtung nach Neuenahr, die eine Weile die Gemüter erregte, kam nicht zustande - doch kam nun umgekehrt der noch immer hochgeschätzte Kurkapellmeister Wantzen wenigstens für einige "Wiener Abende" nach Hilchenbach und ins Siegerland. "... wir knüpfen also wieder dort an, wo wir waren, als wir von Neuenahr aufbrachen, und versuchen, zu vergessen ..." Am 08. Juli 1959 schließlich kommt es zum (wegen seiner hochsommerlichen Hitze unvergeßlichen) Sinfoniekonzert unter Christoph Stepp auf der Bundesgartenschau in Dortmund, der damit den Reigen der Probedirigate eröffnet. Der Abschluß vor der Sommerpause ist ein Serenaden-Konzert unter Dr. Krutge (höchstpersönlich!) am 17. Juli 1959 im Hof des Oberen Schlosses in Siegen - dazu eine anschließende Einladung des Vereinsvorstandes an das Orchester. Das Ende der Orchesterschule ist zwar offiziell, aber das Orchester bleibt bestehen und bekommt eine nunmehr erweiterte finanzielle Trägerschaft. "Verwaltungsdirektor" Bremer nimmt seinen Dienst auf. So stellt es auch Dr. Krutge dar, der (obwohl er doch eigentlich die Rückkehr Richters zur Bedingung des WDR gemacht hatte) weiterhin regelmäßige "Sendekonzerte" des Orchesters verspricht. Und auch andere steigen mit ins Boot, vor allem die Rektoren (bzw. ihre Vertreter) der Hochschulen in Detmold, Köln und Freiburg. Sie bilden ein "Kuratorium", das an der Dirigentenentscheidung beteiligt werden und den "richtigen" Weg in die Zukunft formulieren soll. Viele, sehr viele "Texte" über dieses "Experiment" eines idealistisch gesinnten "Nachwuchsorchesters" sind auch damals wieder entstanden - bis hin sogar zu einer ersten, höchst spektakulären "Bildfolge mit Text" in der "HörZu".73 Liest man das heute, so erschrickt man immer wieder vor so viel (mit Verlaub gesagt) Klugscheißerei. Nicht nur, weil die eigentlichen Belange der Siegener bzw. Hilchenbacher (und ihr geschilderter, fortdauernder Konflikt untereinander) dabei bloß übertüncht wurden, der Konflikt brach dann unter Thomas Ungar gleich wieder auf. 36
  • 37. Sondern es scheint erneut wichtiger gewesen zu sein, daß etwas geschrieben wurde, nicht was. So, wie es bei allen Orchestern überall in solchen Fällen der Fall ist. Merke: solche Texte verlieren sehr schnell an Aussagekraft. Sie sind heute fast unverständlich. Wirklich aussagekräftig auf Dauer bleiben eigentlich nur ein paar Fotos, einige Gesten, einige Gesichter hier und da, hingeworfene Notizen, einige Momente in irgendwelchen Konzerten. So kommt es dem Autor vor. Irgendwann in dieser Zeit war dann die "Musikschule" tatsächlich und endgültig "abgewickelt" worden; konnten die allerletzten Schüler noch "weitergereicht" oder sogar beim Orchester "aufgefangen" werden. "... die Baracken im "Langen Feld" stehen nun wieder leer, werden nur noch teilweise als billiges Wohnquartier einiger unentwegter Orchestermitglieder benutzt ..."74 "... doch es hält sich natürlich das unausrottbare Mißverständnis der alteingesessenen Hilchenbacher, wir wären noch immer die 'Jongs von de Moseckschool' ..." Das Orchesterbüro zieht in das winzige (heute längst verschwundene) Haus in der Rotenberger Straße (in der Nähe des Probenlokals "Müller") um. "... Agop erreicht in dieser Zeit auch den endgültigen Frieden im Orchester. Zwar bleibt bestehen, daß Scheck, Corazolla und Märkl eine Art Beirat für ihn bilden (was später zur nächsten, zur 'Ungar-Krise' beiträgt), aber die vor allem von Scheck durchgesetzte Wahl Bremers ist eigentlich schon die letzte Aktion der 'Clique' ..." Umgekehrt stecken nun auch die Eiferer "pro Richter" zurück, so daß sich eine gemäßigte Haltung in der Mitte durchsetzt. Christoph Stepp (der jedoch zu hohe Forderungen stellt, die man ihm erst später in Ludwigshafen erfüllen wird), der ältliche GMD Georg C. Winkler (ehemals Kiel und Sondershausen) und Frithjof Haas (damals schon in Karlsruhe, aber erst als "Kapellmeister") waren die namhaftesten unter den immerhin 34 Bewerbern, die Agop Ende Juni auflisten konnte.75 Die interessantesten hatten sich dann bis zur Sommerpause schon ein erstes Mal vorgestellt. Nur der eigentliche Favorit Agops, Günther Weissenborn aus Göttingen, hielt sich noch bedeckt - und die späteren Favoriten des Orchesters (Thomas Ungar, damals noch im Umfeld der "Philharmonia Hungarica" tätig, sowie Thomas Baldner, dessen Weg sich nicht mehr nachvollziehen läßt) hatten noch nicht entschieden, ob sie sich auch wirklich bewerben wollten. Hinzu kamen im übrigen schon damals Außenseiter, die das 37
  • 38. Orchester mehr als "Tournee-Orchester" verpflichten wollten - und die damit für eine Weile auch Gehör fanden, die Wahl eines ständigen Chefs hinausschoben. Inzwischen war es der "Jahrhundert-Sommer" 1959 geworden; nie wieder hat der Autor so schöne - und endlich wieder "entspannte" - Wochen in Hilchenbach erlebt, wie sie nun ins Land zogen. Doch gegen Ende der Sommerpause meldet sich auch Richter noch einmal zu Wort: mit einem "Leserbrief", der fast ganzseitig in der Wochenend-Ausgabe der "Westfalenpost" vom 22. August 1959 erscheint.76 38
  • 39. Eine kurze Entgegnung des Trägers in der folgenden Wochenend-Ausgabe vom 29. August 1959 stellt jedoch nur Richters damalige Äußerung (er käme "bloß um des Geldes wegen" zurück) in den Mittelpunkt.77 Der Kreistag beschäftigt sich dann aber noch ausführlich mit dem "Leserbrief", da dessen Wirkung "außerordentlich" gewesen sei; dies allerdings nicht in der Richtung, die Richter erwartet habe, sondern mehr in Richtung einer allgemeinen "Verwirrung". Die "außerordentliche" Wirkung des Leserbriefes kam vor allem deswegen zustande, weil er jetzt tatsächlich noch erschien: nachdem jedermann wußte, daß er längst angekündigt war - und im Vorfeld (wie schon erwähnt) von sehr vielen Briefen Richters und seiner Freunde an alle möglichen Leute begleitet wurde. Auf fast 100.000 DM Schulden sei im übrigen zu beziffern, was Richter durch die eigenmächtige Ausweitung auf 59 Mitglieder plus Dirigent plus Verwaltungsleiter, also auf 61 "Kräfte" angerichtet habe; es sei zu befürchten, daß die Summe durch die "dirigentenlose Zeit" auf 120.000 anwachsen werde.78 Doch schon in der nichtöffentlichen Sitzung am 17. September 1959 gibt der Kreistag wieder Entwarnung: die finanzielle Situation könne (dank des WDR) bis Ende des Jahres doch noch ausgeglichen, unter das "Thema Richter" daher endgültig ein Schlußstrich gezogen werden. Der Ruf des Orchesters habe nicht gelitten; seine Unterbringung hätte allerdings dahingehend geregelt werden müssen, daß bis auf weiteres noch im "Saal Müller" geprobt würde, weil noch keine Einigkeit über den künftigen Standort gefunden sei. Vorerst sei die billigste Lösung die wahrscheinlichste, nämlich die gründlich renovierten und umgestalteten Baracken "Im langen Feld" von der Stadt Hilchenbach anzumieten. Da der vom Land geforderte Neubau so schnell nicht möglich gewesen sei, sei es auch richtig gewesen, die Orchesterschule aufzulösen. Dies sei nun abgeschlossen. Landrat Büttner stellt nochmals klar, daß Agop zur festen Auffassung gelangt sei, daß Richter nicht mehr vor das Orchester treten dürfe, also habe man sich endgültig von Richter getrennt; nach seinem Leserbrief sei man zwar der Meinung gewesen, "scharf" und ausführlich antworten zu müssen, es sei aber nur zu einer kurzen Richtigstellung gekommen: in der Absicht, erst im Wiederholungsfall Klarheit zu schaffen. 39