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LANDESHAUPTSTADT




Wiesbaden                        Das Magazin der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden Ausgabe 04 / November 2010




Aquis Mattiacis
Wellnessfaktor und Lebensraum

„Good morning,
Wiesbaden!“
Deutsch-amerikanische Nachbarschaft

Wiesbadener
und Hesse
Volker Schlöndorff im Gespräch




                                             www.wiesbaden.de
Ihr Kompetenznetzwerk für
                                                            Seminare, Kongresse und
                                                             Tagungen in Wiesbaden



                                                              Die Wiesbaden Kongressallianz bietet die Organisation und Begleitung
                                                              Ihrer Veranstaltungen, die Bereitstellung von Hotelzimmerkontingenten,
                                                              umfassende Beratung über das Angebot der Räumlichkeiten sowie
                                                              deren Buchung, Vermittlung von Transferleistungen, Gastronomie und
                                                              Rahmenprogrammen.



Crowne Plaza Wiesbaden        •   Dorint Pallas Wiesbaden      •   Hotel Nassauer Hof         •   Hotel Ibis Wiesbaden City       •   Fontana Hotel
Radisson Blu Schwarzer Bock Hotel            •   Hotel Oranien Wiesbaden           •   pentahotel Wiesbaden    •   Hotel Klee am Park       •   Hotel
Klemm Best Western Hotel Hansa           •   RAMADA Hotel Wiesbaden-Nordenstadt               •   NH Aukamm Wiesbaden         •   Hotel de France
City Partner Hotel Fürstenhof       •   Hotel Bären   •   Hotel Trüffel   •       Rhein-Main-Hallen Wiesbaden        •   Das Kurhaus Wiesbaden
Das Jagdschloss Platte       •    Wiesbadener Casino-Gesellschaft             •    Casino Wiesbaden      •   Henkell & Co. Sektkellerei KG
Schloss Biebrich   •   Wiesbaden Marketing GmbH




                                                                                                                     Wiesbaden Kongressallianz
                                                                                                                   c/o Wiesbaden Marketing GmbH
                                                                                                                           Postfach 6050
                                                                                                                          65050 Wiesbaden
                                                                                                                     Tel.: +49 (0) 611 31-23 43
                                                                                                                     Fax: +49 (0) 611 31-39 35
                                                                                                             kongressallianz@wiesbaden-marketing.de
                                                                                                                www.wiesbaden.de/kongressallianz
Editorial                          Magazin der Stadt Wiesbaden
                                                                                      Ausgabe 4 / November 2010




wiesbadener leben : Wussten Sie, dass die Luft-
brücke nach Berlin in Wiesbaden organisiert wurde
                                                                   Inhalt
                                                                   „Good morning, Wiesbaden!“
oder, dass Rock’n’Roll-Idol Elvis Presley hier in den              Deutsch-amerikanische Nachbarschaft             4
50er Jahren den Eagle Club besucht hat? Seit mehr
                                                                   „Wir schlagen ein neues Kapitel auf“
                     als sechs Jahrzehnten sind Ameri-             Interview: Colonel Jeffrey Dill und Ober-
                     kaner und Wiesbadener Nachbarn,               bürgermeister Helmut Müller über die
                                                                   Zukunft der Amerikaner in Wiesbaden            11
                     eine besondere Beziehung, der wir
                     die Titelgeschichte gewidmet haben.           „Ich fühle mich als Wiesbaden-Biebricher
                                                                   und als Hesse“
                     Außerdem sind wir den Ursprüngen              Volker Schlöndorff im Gespräch                 12

AFN-DJ Tony Plyler   einer Stadt auf den Grund gegangen,           Innovativ, unkonventionell, risikofreudig
auf Sendung
                    die es ohne Wasser nicht geben                 Die Kreativen von Wiesbaden                    14

würde. In diesem Heft können Sie lesen, wie die                    Aquis Mattiacis – Den Wassern
einstige Weltkurstadt ihre heißen                                  der Mattiaker [geweiht]
                                                                   Wellnessfaktor und Lebensraum                  18
Quellen und Gewässer wieder neu
entdeckt. Quellwasser ist übrigens                                 Wie aus Blüten Delikatessen werden
                                                                   Die Blütensekt-Manufaktur                      24
auch für Anja Quäschning ein
                                                                   Herbst und Winter in Wiesbaden
wichtiger „Rohstoff “. Die Unterneh-                               Veranstaltungen und Service                    26
mensgründerin braucht es, um aus              Galatea-Brunnen in
                                                                   Titelbild
Blüten Delikatessen zu machen. Wir Wiesbaden-Biebrich
                                                                   Die Söhnlein-Villa: Die Wiesbadener
durften ihr bei der Arbeit zuschauen. Mit Oskar-                   nennen sie „Das Weiße Haus“.
                                                                   (Foto: eigenart Eckhardt&Pfannebecker,
                     Preisträger Volker Schlöndorff haben          Wiesbaden)
                     wir über seine Kindheit und Jugend
                     in Hessen und den Begriff „Heimat“            Impressum
                                                                   herausgeber: Wiesbaden Marketing GmbH,
                     gesprochen. Auch sonst sind wir auf           Geschäftsführer: Martin Michel (V.i.S.d.P.),
                                                                   Postfach 6050, 65050 Wiesbaden
                     interessante kreative Köpfe gestoßen.
                                                                   redaktion: Journalistenbüro Surpress,
Volker Schlöndorf –  Eine lebendige Werbe- und Filmszene           Dr. Jutta Witte, Wiesbaden
ein Wiesbadener
                    ist in der Stadt aktiv. Und Event-             texte: Carsten Hauptmeier (Mein Wiesbaden,
manager Hans Reitz ist überzeugt, dass Wiesbaden                   Wiesbadener Geschäftsideen), Dr. Jutta
                                                                   Witte (Wiesbadener Gesellschaft, Wasserstadt
zur Pilotstadt für eine neue Unternehmenskultur                    Wiesbaden, Wiesbadener Wirtschaft)
des „Social Business“ werden kann.                                 fotos soweit nicht anders gekennzeichnet:
                                                                   Andreas Baier, Gerhard Hirsch,
                                                                   Christopher Pfannebecker, Heike Rost
Viel Spaß beim Lesen wünscht
                                                                   gestaltung und herstellung:
Ihre Redaktion                                                     D+K Horst Repschläger GmbH, Wiesbaden

                                                                   druck:   Stark Druck, Pforzheim
4   Wiesbadener Gesellschaft




              deutsch-amerikanische nachbarschaft




 „Good morning,
Wiesbaden!“   Seit 1945 ist Wiesbaden einer der wichtigsten US-Stützpunkte in Europa.
              Nun soll das europäische Hauptquartier der Landstreitkräfte von Heidelberg
              in die hessische Landeshauptstadt verlegt werden. Viele hoffen, dass mit
              dem Umzug eine alte Freundschaft neu belebt wird.
Wiesbadener Gesellschaft      5

                                                 AFN-DJ Tony Plyler
                                                 auf Sendung


                                                                         „On Air“:            Regler aufziehen,      Eine Mischung aus militärischen
                                                                         Musik abfahren, zwischendurch eine          Pflichten, alltäglicher Lässigkeit und
                                                                         kurze Moderation – AFN-DJ Tony              dem Wissen um die Kriegswirklichkeit
                                                                         Plyler ist voll in Aktion. Drei Stunden     draußen bestimmen das Leben in der
                                                                         versorgt er an diesem Vormittag vom         Garnison und den drei Wiesbadener
                                                                         US-Heeresflugplatz Wiesbaden-Erben-         Housing Areas, stadtviertelgroßen
                                                                         heim aus seine Zuhörer in der Region        Wohngebieten, in denen ausschließ-
                                                                         mit Nachrichten, dem Dollarkurs, Frei-      lich Amerikaner leben. Rund 13.000
                                                                         zeittipps und aktuellen Hits. „Ich bin      Menschen zählt die Wiesbadener US-
                                                                         mit AFN groß geworden“, sagt der            Gemeinde, darunter 2.800 Soldaten,
                                                                         32jährige Stabsunteroffizier. Schon         2.100 Zivilangestellte und 7.400 Fami-
                                                                         sein Vater hat für das American             lienangehörige. Das 5. Fernmelde-
                                                                         Forces Network gearbeitet, jenem            kommando, die 66. Aufklärungsbrigade
                                                                         Sender, der seit 1943 für positive          und das Hauptquartier der 1. US-
                                                                         Stimmung unter den amerikanischen           Panzerdivision sind hier stationiert.
                                                                         Soldaten sorgt. „Wir wollen einen Teil
                                                                         von Amerika nach Deutschland brin-          Es ist eine kleine amerikanische Welt
                                                                         gen“, sagt Gary Bautell, AFN-Radio-         mitten in Deutschland mit Supermärk-
                                                                         chef in Europa. 15 Redakteure arbeiten      ten, Fitness- und Unterhaltungszentren,
                                                                         für den Lokalsender in Wiesbaden,           Kirchen, Schulen, Kindertagesstätten,
                                                                         neun von ihnen in Uniform. Als              Tankstellen und Bibliothek. Das Leben
                                                                         Rundfunkjournalisten ausgebildet, sind      geht seinen Gang, auch wenn rund
                                                                         sie dennoch Soldaten. Auch Plyler           1.000 der offiziell in Wiesbaden sta-
                                                                         war schon dreimal in den Krisen- und        tionierten Soldatinnen und Soldaten
                                                                         Kriegsgebieten dieser Welt im Einsatz:      seit fast einem Jahr im Irak-Einsatz
                                                                         „Wenn sie mich brauchen“, sagt er,          sind: In der Kantine auf dem Stütz-
                                                                         „muss ich gehen.“                           punkt in Erbenheim wird geplaudert,
Foto: Stadtarchiv Wiesbaden




                                                                                                                               Die Stimme Amerikas in
                                                                                                                               Europa: AFN-Radiochef Europa
                                                                                                                               Gary Bautell fühlt sich schon
                              Petticoats und Straßenkreuzer: Der „American Way of Life“ prägte das Bild Wiesbadens             lange als „Wiesbadener“.
                              in den 1950er und 60er Jahren. Aus Siegern und Besiegten waren Freunde geworden.
6   Wiesbadener Gesellschaft




                                                                     s Foto: Patrick Henry

Alltag auf dem Stützpunkt in                                          … die Batallionsfahne von seinem Vorgänger
Erbenheim: Timothy Brown über-                                        Michael Huston. In der „Dining Facility“ relaxen
nimmt beim Kommandowechsel …                                          Soldaten und Zivilisten in der Mittagspause.


Familien packen ihr Auto für den Ur-        heiten, Picknick- und Baseballplätzen            ein System, das Tag für Tag verfeinert
laub. Draußen auf dem Flughafen warten      und Joggingwegen. Nach dem Umzug                 wurde“, sagt Hans Bergschwenger über
amerikanische und deutsche Gäste auf        werden nach Rügers Einschätzung rund             den „Big Lift“. Er hat als junger Mann
den Beginn des Kommandowechsels             19.000 Amerikaner in der hessischen              hautnah miterlebt, wie sich Deutsche
beim ersten Nachrichtenbatallion. Oberst-   Landeshauptstadt leben und arbeiten.             und Amerikaner nach dem Zweiten
leutnant Timothy Brown wird in sein                                                          Weltkrieg wieder näher kamen. Berg-
Amt eingeführt. Das militärische Zere-      Sie können an eine lange gemeinsame              schwenger sprach Englisch und hatte
moniell ist streng, der Patriotismus        Geschichte anknüpfen. Im März 1945               einen Führerschein. 1948 heuerte er bei
spürbar, doch als am Ende alle aufste-      marschierten amerikanische Truppen in            den Amerikanern als Chauffeur an und
hen und gemeinsam den „Army Song“           Wiesbaden ein, besetzten den einstigen           fuhr die Piloten der „Rosinenbomber“
singen, wird die Atmosphäre zusehends       Fliegerhorst in Erbenheim, Kasernen,             zum Einsatz und zurück. 1954 trat er als
lockerer. Beim anschließenden Begrü-        Krankenhäuser, Hotels und jeden verfüg-          Fahrer in die Dienste Tunners, der mitt-
ßungsdefilee gibt es eine Riesentorte,       baren Raum. Die kaum zerstörte Stadt             lerweile zum Chef der US-Luftwaffe in
Kinder spielen Nachlaufen im Flugzeug-      wurde für lange Zeit militärisches und           Europa aufgestiegen war.
hangar und das Ehepaar Brown findet         administratives Zentrum der amerika-
für jeden ein paar verbindliche Worte.      nischen Besatzungsmacht. Bis Anfang              „American Way of Life“
                                            der 70er Jahre residierte hier das europä-       „Von den Amerikanern habe ich ge-
Zweifel am Sinn und Zweck des ameri-        ische Hauptquartier der US-Luftwaffe.            lernt, frei im Kopf und im Handeln
kanischen Militäreinsatzes in Mittel-                                                        zu sein“, sagt der 81jährige heute. Die
asien oder dem Nahen Osten scheint es       Kommandozentrale der Luftbrücke                  US-Soldaten hatten nicht nur die De-
hier nicht zu geben. „Sie haben eine        Schon wenige Jahre nach Kriegsende               mokratie, sondern auch einen neuen
Mission, sie wollen in der Welt etwas       übernahmen die hier stationierten                „Way of Life“ mitgebracht, der vor allem
verändern“, erklärt Garnisonssprecherin     Soldaten die Hauptrolle in einer der             junge Deutsche faszinierte. Jugend- und
Anemone Rüger und meint damit nicht         dramatischsten Episoden der deutschen            Freundschaftsclubs entstanden. Es gab
nur die Militärangehörigen. Kräne und       Nachkriegszeit. Die Luftbrücke wurde             gemeinsame Wohltätigkeitsbasare und
eine riesige Baustelle auf dem Parade-      von der Wiesbadener Taunusstraße aus             Weihnachtsbälle. Noch heute erinnern
platz zeugen davon, dass das Pentagon       koordiniert. Unter dem Kommando des              sich die Wiesbadener mit Wehmut an
große Pläne für Wiesbaden hat. Bis 2015     Logistikexperten General William H.              den „Eagle Club“, der erst im Kurhaus,
soll das Europa-Hauptquartier des US-       Tunner flogen die US-Amerikaner fast             später im „Weißen Haus“ residierte.
Heeres aus Heidelberg in die Stadt am       1,8 Millionen Tonnen lebenswichtiger             Selbst Elvis Presley schaute hier vorbei,
Rhein umziehen. Eine 89 Millionen Euro      Güter von den Militärflughäfen Wies-             als er seinen Militärdienst im nahen
teure Führungs- und Kommandozentrale        baden und Frankfurt nach Berlin: Kohle           Friedberg ableistete. In der hessischen
befindet sich gerade im Bau, ebenso eine    und Lebensmittel, Medikamente, ja sogar          Landeshauptstadt war auch die Familie
neue Housing-Area mit 325 Wohnein-          Zeitungen und Krankenwagen. „Es war              seiner späteren Frau Priscilla stationiert.
Wiesbadener Gesellschaft   7
                                                      Wartungsarbeiten
                                                      am „Rosinenbomber“:
                                                      In den Jahren 1948/49
                                                      war Wiesbaden Kom-
                                                      mandozentrale und
                                                      eines der zentralen
                                                      Drehkreuze der Luft-
                                                      brücke.




                                                      Erinnerungen: Hans
                                                      Bergschwenger (unten,
                                                      vor der Luftbrücken-
                                                      Zentrale in der Wies-
                                                      badener Taunusstraße)
                                                      erlebte als Fahrer der
                                                      Amerikaner die Monate
Historisches Foto: Hans Bergschwenger, privat




                                                      der Berlin-Blockade aus
                                                      nächster Nähe. Später
                                                      wurde er Chauffeur von
                                                      Luftbrücken-General
                                                      W.H. Tunner (links
                                                      bei Bergschwengers
                                                      Verabschiedung 1956).
8   Wiesbadener Gesellschaft




                               Eine Soldatenfamilie:
                               Jan (rechts) und Robb
                               Meert (links) genießen
                               mit ihren Kindern die
                               knappe Freizeit.

                               Sport verbindet:
                               Standortkommandant
                               Jeffrey Dill übernimmt
                               nach dem 25-Stunden-
                               Lauf im Kurpark die
                               Siegerehrung.
Wiesbadener Gesellschaft      9



„Wiesbaden“, schreibt die Historikerin
Anni Baker, „wurde in der Nachkriegs-
zeit fast zu einer amerikanischen Stadt“.
Mit dem Vietnamkrieg in den späten
60er Jahren erlitt die deutsch-amerika-
nische Harmonie einen ersten Dämpfer.
Ein weiterer Rückschlag folgte 1973,
als die US-Luftwaffe von Wiesbaden
ins pfälzische Ramstein umzog und die
Airbase in Erbenheim zum Stützpunkt
des Heeres wurde. Statt gut bezahlter
Airforce-Piloten und Sternegenerälen
kamen nun vorwiegend einfache In-
fanteristen nach Wiesbaden. Rassen-
konflikte, Drogenprobleme und soziale
Spannungen nahmen zu. Abrüstungs-
debatte und Friedensbewegung ließen                                                Gottesdienst in der Hainerberg-Chapel:
auch in Wiesbaden die Distanz zu den                                               Suche nach spiritueller Kraft
USA in den 80er und 90er Jahren weiter
wachsen. Nach den Terroranschlägen
vom 11. September 2001 zogen sich die
US-Bürger aus Sicherheitsgründen fast       meln. Auch Timothy und Inga Brown             bootrennen im Schiersteiner Hafen, aber
vollständig aus dem Alltagsleben der        suchen die Nähe zu der Stadt, die für ei-     auch auf kultureller Ebene. Auf viele
Stadt zurück. Im vergangenen Jahrzehnt      nige Zeit ihre Heimat sein soll, und schi-    amerikanische Besucher hofft zum Bei-
lebten Amerikaner und Deutsche eher         cken ihre Kinder in die deutsche Grund-       spiel Volker Rattemeyer, der Kurator der
neben- als miteinander.                     schule und den deutschen Kindergarten.        großen Expressionismus-Ausstellung, die
                                                                                          derzeit im Wiesbadener Landesmuseum
Neuer Schwung für eine alte Beziehung       In ihrem Reihenhaus versucht Jan Meert        gezeigt wird. Sie reiht sich ein in viele
Doch im Kern blieb bei vielen Wies-         ihre beiden Söhne für den Fototermin          andere Projekte des Museums, das sich
badenern die alte Verbundenheit er-         einzufangen. Die 43jährige ist guter          seit den 20er Jahren dem künstlerischen
halten. „Ich hatte nie das Gefühl, dass     Dinge, denn vor einigen Tagen ist ihr         Dialog zwischen Deutschland und den
Wiesbaden so amerikakritisch war wie        Ehemann Robb nach einem Jahr heil aus         USA verschrieben hat und nach dem
andere deutsche Großstädte“, sagt Gary      Afghanistan zurückgekehrt, die Familie        Krieg als „Central Collecting Point“ der
Bautell. Als junger GI ist der Mann, der    ist endlich wieder komplett. Wie AFN-         Amerikaner für deutsche Kunstschätze
bei AFN „als Stimme der amerikanischen      Redakteur Plyler stammt die sportliche        diente: „Diesen Amerika-Schwerpunkt“,
Soldaten in Europa“ gilt, nach Wiesba-      Frau aus einer Soldatenfamilie und            betont der langjährige Direktor des
den gekommen. Immer wieder kehrte er        kennt die Licht- und Schattenseiten eines     Museums, „wollen wir auch in Zukunft
zurück und ist nun seit dreißig Jahren      solchen Lebens. Als Zivilangestellte leitet   offensiv weiter verfolgen“.
in der hessischen Landeshauptstadt: „Ich    sie die Familienabteilung des Wiesbade-
bin Wiesbadener geworden“, sagt der         ner Stützpunktes und kümmert sich mit         Wenn bis zum Jahresende alle Soldaten
68jährige, der auch Vorsitzender der        ihrem Team nicht nur um alle Alltags-         der ersten Panzerdivision aus dem Irak
Federation of German-American Clubs         sorgen der Soldatenfamilien. „Unser Ziel      zurückgekehrt sind, wird Wiesbaden
ist. Die Beziehung zwischen der hes-        ist es auch, Widerstandsfähigkeit aufzu-      für sie allerdings nur noch Durchgangs-
sischen Landeshauptstadt und der ame-       bauen“, sagt sie. Emotionale, soziale und     station zurück in die Heimat sein. Statt
rikanischen Gemeinde schlummere im          spirituelle Kraft: Sie gehören auch zum       der kämpfenden Truppen werden Zug
Moment noch, „aber die Chancen sind         Führungskonzept von Standortkomman-           um Zug die Mitarbeiter des künftigen
wirklich gut, dass wir unsere spezielle     deur Jeffrey Dill. Der Oberst ist Soldat,     Kommandozentrums, vor allem Strate-
Freundschaft wieder vertiefen können“.      „Bürgermeister“ und Ansprechpartner           gen, Logistiker und mehr Zivilangestellte
                                            für seine deutschen Nachbarn in einer         als jetzt ihren Dienst auf dem Airfield
Vieles deutet darauf hin, dass sich die     Person. Denn auch auf deutscher Seite         in Erbenheim antreten und mit ihren
Situation ändert. Immer häufiger ist in     wächst das Interesse am amerikanischen        Familien nach Wiesbaden kommen.
der Stadt Amerikanisch zu hören. Immer      Leben in der Stadt angesichts der Um-         Viele Hoffnungen knüpfen sich an diesen
häufiger sieht man nun auch wieder          zugspläne wieder. Anknüpfungspunkte           Wechsel. Mit einem „Aufschwung der
amerikanische Frauen und Männer in          gibt es viele – bei Sportereignissen wie      Beziehungen“, rechnet jedenfalls Amerika-
Uniform durch die Fußgängerzone bum-        dem 25-Stunden-Lauf oder dem Drachen-         freund Hans Bergschwenger fest.
10 Wiesbadener Gesellschaft




                                                                                                                                                          Fotos (12): eigenart Eckhardt & Pfannebecker, Wiesbaden I Historische Aufnahmen: John Provan, Kelkheim
                                                                                         Das „Weiße Haus“ in Wiesbaden
                                                                                         Das „Weiße Haus“: 1904 - 1906 ließ Sektmulti Friedrich Wilhelm
                                                           Foto: Stadtarchiv Wiesbaden




                                                                                         Söhnlein diese Kopie des amerikanischen Regierungssitzes
                                                                                         erbauen. Die hochherrschaftliche Villa sollte seiner Frau Emma
                                                                                         Papst, Tochter einer Brauereidynastie aus Wisconsin, über ihr
                                                                                         Heimweh hinweg trösten. Bis 1938 lebte die Familie Söhnlein
                                                                                         hier, von 1945 bis Mitte der 1990er Jahre nutzte die amerika-
                              Präsidialer Glanz:                                         nische Militärbehörde das Gebäude. 1954 zog auch der legendäre
                              John F. Kennedy 1962                                       „Eagle Club“ ins Weiße Haus. Aufwändig restauriert beherbergt
                              auf der Durchreise in                                      es heute ein Café, das in den Sommermonaten geöffnet ist.
                              Wiesbaden.

                              Die Rock ’n’ Roll Legende:
                              Elvis schaute während
                              seines Militärdienstes
                              1958-1960 gerne
                              im „Eagle Club“ vorbei.
Wiesbadener Gesellschaft 11


colonel jeffrey dill und oberbürgermeister helmut müller über die zukunft der amerikaner in wiesbaden




„Wir schlagen ein neues Kapitel auf“
Wir treffen Colonel Jeffrey Dill, „Bürger-
meister“ der amerikanischen Militär-
gemeinde, und Oberbürgermeister Helmut
Müller zum Gespräch im Café des Wies-
badener „Weißen Hauses“. Die Atmo-
sphäre ist locker und persönlich, denn
die beiden sind mittlerweile ein einge-
spieltes Team.

Colonel Dill, Herr Oberbürgermeister.
Der Umzug des amerikanischen Europa-
Hauptquartiers nach Wiesbaden hält Sie
ganz schön in Atem.
Dill: Ja, es ist ein Projekt, das an zwei
Orten gleichzeitig stattfindet. Denn wir     Auf einen Kaffee ins „Weiße Haus“: Colonel Jeffrey Dill
können nicht einfach unsere Zelte in         und Oberbürgermeister Helmut Müller.
Heidelberg abbrechen und am nächsten
Tag hier starten. Im Moment organisie-       dung. Schließlich basiert der Wieder-      Dill: Und ich hoffe, dass wir den
ren wir dort den Abzug, bereiten Solda-      aufbau Wiesbadens nach dem Zweiten         Fußball-Pokal nächstes Jahr gut poliert
ten, ihre Familien und die Zivilangestell-   Weltkrieg auf Entscheidungen, die die      zurückbekommen. 
ten vor. Aber zur gleichen Zeit müssen       Amerikaner hier getroffen haben. Sie       Müller: Aber Spaß beiseite: Wir haben
wir in Wiesbaden die Infrastruktur für       haben Wiesbaden zur hessischen Landes-     die Grenzen schon mit unserer 60-Jahr-
das neue Hauptquartier schaffen, ohne        hauptstadt gemacht, ein Ereignis, das      Feier der Luftbrücke vor zwei Jahren
die Menschen, die im Moment hier leben       sich dieses Jahr zum 65. Mal jährt.        überwinden können. Dieses Jubiläum ist
und arbeiten, zu vernachlässigen – vor                                                  auf ein wahnsinniges Interesse gestoßen.
allem nicht die Angehörigen der Solda-       Ist der Einschnitt, den es nach            Und man darf nicht vergessen: Einige
ten, die jetzt noch im Irak-Einsatz sind     den Anschlägen des 11. September           Housings sind ja offen für uns. Da gibt
und die unsere Unterstützung brauchen.       gab, überwunden?                           es keine Zäune. Und viele Amerikaner
Müller: Wir stehen auch vor einer            Dill: Wir mussten uns zurückziehen.        leben heute schon mitten unter den
riesigen logistischen Aufgabe. Anfang        Das stimmt. Und natürlich können           Wiesbadenern.
des Jahres gab es fast wöchentlich           wir auch jetzt nicht alle Tore öffnen.      
einen Spatenstich. Unsere gemeinsame         Aber wir wollen unsere Partnerschaft       Wie stellen Sie sich die Zukunft des
Steuerungsgruppe trifft sich alle sechs      wieder stärken und dabei geht es           amerikanischen Wiesbadens vor?
Wochen. Dann gibt es viele kleine Pla-       mir nicht nur um die Arbeitsebene,         Müller: Ich glaube, wir schlagen gerade
nungsgruppen, die für spezielle Themen,      sondern auch um die persönliche. Ich       ein neues Kapitel in unseren Beziehun-
zum Beispiel für Grundstücksfragen           selbst möchte für die Wiesbadener          gen auf. Denn die Soldaten, die künftig
zuständig sind. Wir haben allein 22 Hek-     sichtbar sein. Den letzten Karnevals-      hierher kommen, werden, anders als
tar Land getauscht, deutsche Umwelt-         umzug habe ich auf dem Balkon des          ihre Landsleute jetzt, während ihrer drei-
standards müssen eingehalten werden,         Rathauses mit gefeiert, zum 25-Stunden-    jährigen Dienstzeit auch wirklich hier
unsere städtische Energiegesellschaft        Lauf im September habe ich den Start-      leben. Sie und ihre Familien können
übernimmt die Strom- und Wasserver-          schuss gegeben. Es gibt so viele Gele-     unsere Stadt dann richtig kennenlernen.
sorgung. Es ist ein großes gemeinsames       genheiten, die wir nutzen können,          Dill: Wiesbaden wird immer ein be-
Unternehmen.                                 und dazu will ich meine Landsleute mo-     vorzugter Stützpunkt für uns bleiben,
                                             tivieren. Vor einigen Tagen hat unser      egal in welcher Funktion. Und in den
Was bedeutet der Standortausbau für          Team wieder gegen die Landtagsmann-        zwanzig Monaten, die ich selbst noch
Wiesbaden?                                   schaft Fußball gespielt. Leider haben      als Kommandant hier verbringen werde,
Müller: Er zeigt die Kontinuität unserer     wir diesmal verloren.                      möchte ich diesen Standort für die
Beziehungen und deswegen bin ich sehr        Müller: Beim Football haben Sie aber       Zukunft weiterentwickeln – eine histo-
glücklich über diese Standortentschei-       haushoch gewonnen.                         rische Aufgabe.
12 Mein Wiesbaden




DER FILMEMACHER VOLKER SCHLÖNDORFF IM GESPRÄCH




„Ich fühle mich als
Wiesbaden-Biebricher
und als Hesse“



Volker Schlöndorff lässt es auch
mit 71 Jahren alles andere als
ruhig angehen. Der 1939 in Wies-
baden als Sohn eines Arztes geborene
Oscar-Preisträger arbeitet gerade an
den Drehbüchern für drei verschiedene
Filme. Für ein Gespräch über Kindheit
und Jugend in Hessen nimmt er sich
dennoch Zeit. Wir erreichen ihn nahe
Berlin, wo er seit fast zwanzig Jahren
lebt. Seine Geburtsstadt, die er noch
immer zwei- bis dreimal im Jahr besucht,
hat er aber keineswegs vergessen.
Mein Wiesbaden 13




Herr Schlöndorff, Sie sind schon                                         Sie bezeichnen sich trotz der                                        Wie ist dieser Wunsch
als Jugendlicher auf ein Jesuiten-                                       Kriegskindheit als „Glückskind“.                                     überhaupt entstanden?
internat nach Frankreich gegangen,                                       Kinder haben eine andere Wahrnehmung                                 Das war auch Protest und Opposition
haben in den USA gelebt und sind                                         der Welt. Ich habe keine Kriegserinne-                               gegen die gefeierte Hochkultur. Mai-
heute in Berlin zu Hause. Fühlen                                         rungen aus den ersten Jahren in Bieb-                                Festspiele, Theaterstadt, Schauspiel – das
Sie sich noch als Wiesbadener?                                           rich. Bevor es im letzten Kriegsjahr ganz                            kam mir alles sehr feierlich, verstaubt
Ich fühle mich als Wiesbaden-Biebricher.                                 schlimm wurde, sind wir in den Taunus                                und steif vor. Film hatte dagegen für
Zu meinen Kindheitserinnerungen                                          gezogen. Da waren wir fernab von den                                 mich unmittelbar mit dem Leben zu tun.
gehören der Schlosspark in Biebrich,                                     Gräueln des Krieges.
das Rheinufer und das Strandbad. Auch                                                                                                         Welche Chancen sehen Sie heute
meine Jugenderinnerungen sind mit                                        Wie war nach dem Krieg Ihr                                           für den Film in Wiesbaden?
dem Schloss verbunden, wo die Film-                                      Verhältnis zu den US-Soldaten?                                       Ich habe oft das Gefühl, dass Mainz
bewertungsstelle untergebracht war.                                      Die Amerikaner haben uns gezeigt, dass                               filmoffener ist, von Frankfurt mit dem
Ich bin damals über die Feuerwehrleiter                                  man sich ganz anders verhalten kann,                                 Filmmuseum gar nicht zu reden. Zum
in die Vorführkabine eingedrungen                                        als es die Deutschen gemeinhin taten:                                Glück haben wir das Caligari, eine
und konnte mir Filme anschauen. Ich                                      Der Umgang miteinander, die Offenheit,                               Urzelle des Films. Dort habe ich meine
fühle mich aber insgesamt mehr als                                       die Lockerheit bis hin zum fundamen-                                 ersten Filme gesehen. Dass es noch
Hesse, weil ich in Schlangenbad im                                       talen Demokratieverständnis. Sie haben                               existiert und die Stadt es aufrechterhält,
Taunus wirklich aufgewachsen bin.                                        sehr viel dazu beigetragen, dass Hessen                              finde ich ganz toll.
                                                                         und besonders das Rhein-Main-Gebiet so
Sie sind 1944 nach dem Tod                                               weltläufig geworden sind.
Ihrer Mutter von Biebrich nach
Schlangenbad umgezogen. In                                               Ihr Verhältnis zur deutschen
Ihrer Autobiografie schreiben Sie,                                       Stadt Wiesbaden der 50er Jahre
dass Sie sich noch heute immer                                           erscheint dagegen gespalten.
wieder an diesen Umzug erinnern.                                         Als Jugendliche haben wir uns über-
Warum?                                                                   haupt nicht wohl gefühlt. Es gab die
Wahrscheinlich ist jeder Umzug ein                                       alten Autoritäten, die alten Sitten.
                                                                                                                     Foto: Barbara Staubach




Einschnitt, ein Verlust an Boden-                                        Die Ruhe der Kurgäste durfte nicht
haftung. Dazu fiel mein erster Umzug                                     gestört werden. Es begann sich eine
mit dem Tod meiner Mutter zusammen.                                      gutbürgerliche Rentnermentalität
   Erst in dem Moment, in dem                                            einzurichten, die ziemlich kunstfeind-
       man weiterzieht, wird einem                                       lich war.                                                            Für den Oscar-Preisträger ist das
             klar, dass der Verlust                                                                                                           Caligari-Kino in Wiesbaden eine „Urzelle
                    endgültig ist.                                       War es da zwangsläufig, dass                                         des Films“.
                                                                         Sie noch als Schüler nach Frankreich
                                                                         gegangen sind?                                                       Glauben Sie, dass Orte die künstlerische
                                                                         Gegangen bin ich aus Unternehmungs-                                  Arbeit beeinflussen?
                                                                         lust. Dass ich geblieben bin, hatte                                  Ganz stark. Meine Jugend im Taunus
                                                                         etwas Vorgegebenes. Wenn man raus                                    hat mich sehr in dem Sinne der kleinen
                                           Foto: picture alliance, dpa




                                                                         war und plötzlich merkte, wie viel                                   Leute dort beeinflusst, keine Höhenflüge
                                                                         offener die Welt woanders war, wollte                                zu machen, sondern mit beiden Beinen
                                                                         man nicht unbedingt zurück.                                          auf dem Boden zu bleiben. Das kann
                                                                                                                                              man engstirnig oder bodenständig nen-
                                                                         Ist in Frankreich auch Ihr                                           nen. Der hessische Sinn für die Reali-
                                                                         Berufswunsch entstanden?                                             täten hat mich jedenfalls auch in meiner
                                                                         In Wiesbaden hat diesen Wunsch nur                                   Arbeit sehr beeinflusst.
                                                                         keiner ernst genommen. In Frankreich
                                                                         hat der Film dagegen bis heute einen                                 Jetzt leben Sie in Berlin. Würden Sie die
Ist mit beiden Beinen auf dem                                            ganz anderen Stellenwert. Ohne diesen                                Stadt als Ihre Heimat bezeichnen?
Boden geblieben: Volker Schlöndorff                                      Umweg hätte ich es wahrscheinlich nicht                              Heimat hebe ich mir für Kindheit und
am Rande der Frankfurter Buchmesse                                       für möglich gehalten, aus diesem etwas                               Jugend auf, und die gehört zu Hessen.
im Oktober 2008                                                          pubertären Wunsch tatsächlich einen                                  Alles andere sind Stationen im Leben, da
                                                                         Beruf zu machen.                                                     brauche ich keine neue Heimat.
14 Wiesbadener Wirtschaft


Die Kreativen Köpfe




Innovativ, unkonventionell,
risikofreudig
Zahlreiche rankings und preise beweisen es: Wiesbaden muss sich als Kreativstandort nicht verstecken. filmwirtschaft und Buchmarkt

sind fest etabliert, Werbe- und Designagenturen längst mehr als ein Geheimtipp. ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kreativszene:




                                                                                                                                      Foto: Andreas Baier




                                                                                                             türöffner der Kreativszene
                                                                                                             in die Stadt: Die Werbe- und
„Fabrikation seit 1890“ steht     gefunden. „Wir sind eine           „Greb+Neckermann“ und                   Designspezialisten Stephan
über dem Eingangstor. Das         Kreativfamilie“, erzählt           „halbtotal“, das Tonstudio              Lauhoff (3deluxe), rolf
Gelände erweckt den Ein­          Stefanie Greb. Sie und ihr         „sonaris“, ein Drehbuchau­              Mehnert (fuenfwerken),
druck, als habe man sich          Partner Arndt Neckermann           tor und eine Grafikagentur              Marcus Wenig (Die firma)
                                                                                                             und Michael volkmer
in der Adresse geirrt. Doch       haben vor zwei Jahren das          untergebracht.                          (Scholz&volkmer).
der erste Blick täuscht. Im       rund 1.500 Quadratmeter
Ambiente der ehemaligen           große Gebäude gekauft,             „Hier ist alles unter einem
Papierwarenfabrik „Schan­         entkernt und saniert. In           Dach: Vom Konzept bis zur
dua & Söhne“ haben sich           dem Loft sind jetzt die bei­       Postproduction“, sagt Greb.
Filmschaffende zusammen           den Filmproduktionsfirmen          In der Wiesbadener Kreativ­
Wiesbadener Wirtschaft 15




                                                                                                                                                  Kreativstandort mit potential. Die fakten: rund 6.000 Menschen, das heißt vier prozent aller Beschäftigten, haben im Jahr 2009 in der Wiesbadener

                                                                                                                                                  Kreativwirtschaft gearbeitet. Damit liegt die hessische Landeshauptstadt über dem Bundesdurchschnitt. Überdurchschnittlich ist auch die anzahl der

                                                                                                                                                  Unternehmen. 12,4 prozent, das sind circa 1.600 von rund 13.000 aller umsatzsteuerpflichtigen Wiesbadener Unternehmen, zählten 2007 zur Kreativszene.

                                                                                                                                                  Dabei fährt der Werbemarkt mit 4,9 Millionen euro pro Unternehmen den größten Umsatz ein, auf platz zwei und drei folgen die Designwirtschaft mit

                                                                                                                                                  1,7 Millionen und der pressemarkt mit 1,3 Millionen euro. vor allem dem Werbe- und Kommunikationsdesign trauen experten den aufbau eines Clusters

                                                                                                                                                  von nationaler Bedeutung zu. Unter den Standortfaktoren rangieren im rhein-Main-Gebiet mit bis zu neunzig prozent Zustimmung Lebensqualität,

                                                                                                                                                  erreichbarkeit und Kommunikationsinfrastruktur ganz oben.*




                                                                                                                                                  wirtschaft ist die Filmbranche        der Werbe­ und Designbran­            Jahren. Zu fünft haben sie            & Volkmer“ vertreten. Letz­
*Quelle: Kreativcluster in Wiesbaden und der Rhein-Main-Region, Studie der European Business School im Auftrag der Stadt Wiesbaden, August 2010




                                                                                                                                                  eine feste Größe. Im Medien­          che kennen sich schon aus             damals begonnen, gemein­              tere zählt mit ihren großen
                                                                                                                                                  park „Unter den Eichen“,              Studienzeiten an der heutigen         sam alle „Höhen und Tiefen            Kampagnen für Mercedes
                                                                                                                                                  produzierte eine UFA­Tochter          Hochschule Rhein­Main. „Im            erlebt“ und mit viel Herzblut         Benz oder Coca Cola zu
                                                                                                                                                  ihre Nachkriegsstreifen, das          Vergleich zu bekannteren              die alten Krankenzimmer in            den Marktführern unter
                                                                                                                                                  ZDF hatte bis 1984 hier seinen        Kreativstätten wie Frankfurt          moderne Agenturräume ver­             Deutschlands Digitalagen­
                                                                                                                                                  Hauptsitz. Rund 80 Kreativ­           oder Berlin ist Wiesbaden             wandelt.                              turen. Zum Cluster rund um
                                                                                                                                                  firmen und der Fachbereich            ein überschaubarer Kosmos“,                                                 die Alten Kliniken gehört
                                                                                                                                                  Medien der Hochschule                 sagt Marcus Wenig. Der Ge­            16 Mitarbeiter sind es heute,         auch der Marken­Spezialist
                                                                                                                                                  Rhein­Main sind heute dort            schäftsführer der Internet­           die digitale Kommunikati­             „Fuenfwerken“.
                                                                                                                                                  ansässig. Mit dem Ende der            Agentur „Die Firma“ sitzt in          onslösungen vor allem im
                                                                                                                                                  großen Spielfilmzeit sind die         seinem Büro in den Räumen             B to B­Geschäft kreieren.             In Wiesbaden gebe es viele
                                                                                                                                                  Filmleute in der hessischen           der ehemaligen „Städtischen           Auf dem gleichen Areal sind           „aktive Netzwerker“, berichtet
                                                                                                                                                  Landeshauptstadt auf den              Krankenanstalten“ und er­             auch „3deluxe“, eine viel­            Robert Mayer, Geschäftsfüh­
                                                                                                                                                  Bereich Dokumentar­ und               innert sich an die Anfänge            fach prämierte Grafik­ und            rer des Softwareunterneh­
                                                                                                                                                  Imagefilm umgestiegen,                des Unternehmens vor zwölf            Designagentur, und „Scholz            mens „Weltenbauer“. Von
                                                                                                                                                  kleine Unternehmen wie
                                                                                                                                                  „Selkirk und Heimann“,
                                                                                                                                                  die es mit ihren Dokumen­
                                                                                                                                                  tationen ins ARD­Haupt­
                                                                                                                                                  programm schaffen, oder
                                                                                                                                                  „Greb+Neckermann“, die
                                                                                                                                                  neben dem ZDF und SWR
                                                                                                                                                  auch Wirtschaftskunden wie
                                                                                                                                                  die Lufthansa bedienen. „Die
                                                                                                                                                  Anhäufung von Sendern in
                                                                                                                                                  der Region sorgt dafür, dass
                                                                                                                                                  viele kleine Produktions­
                                                                                                                                                  firmen gut in Wiesbaden
                                                                                                                                                  leben können“, betont Arndt
                                                                                                                                                  Neckermann.

                                                                                                                                                  „Netzwerke wie die ‚FA­
                                                                                                                                                  BRIKATION‘ sind ein gutes
                                                                                                                                                  Beispiel für den Unternehmer­
                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Foto: Andreas Baier




                                                                                                                                                  geist, der unter Wiesbadens
                                                                                                                                                  Kreativen herrscht“, findet
                                                                                                                                                  Wirtschaftsdezernent Detlev
                                                                                                                                                  Bendel, „in der Stadt herrsche
                                                                                                                                                  ein reges Gründungsklima.“            Die filmschaffenden aus der „fabrikation“ haben elan und den vollen Durchblick. „fabrikationsbesitzer“ sind:
                                                                                                                                                  Viele Kreative vor allem aus          Stefanie Greb (unten 3. v. r.) und arndt neckermann (unten 2. v. r.)
16 Wiesbadener Wirtschaft



den „lange gewachsenen            Standbein der Wiesbadener
persönlichen Kontakten“           Kreativwirtschaft. 1.600 Neu­
profitiert auch sein Betrieb.     erscheinungen pro Jahr
In einer alten Villa in der       bringt allein „Springer Fach­
Wiesbadener City Ost, die sie     medien Wiesbaden“ heraus.
gerade frisch bezogen haben,      Zur Verlagsgruppe gehören
erschaffen Mayer und sein         unter anderem der Gabler­
Team interaktive 3­D­Welten,      Verlag, Vieweg+Teubner und
die sich bundesweit gut ver­      der VS­Verlag. „Wir bedienen
kaufen. Ein paar Straßen wei­     alle Universitäten in ganz
ter schaut Rolf­Günther Hob­      Deutschland“, sagt Hobbeling.
beling aus dem Fenster seines     Wiesbaden, wo jedes Jahr der
Verlagsgebäudes über die          Deutsche Fachpressekongress
Stadt. Der Marketingleiter der    stattfindet, sei eine „attrak­
„Springer Fachmedien“ ver­        tive Stadt“, sagt Hobbeling.
tritt eine Branche, die man       Doch manchmal wünsche er
eher in Frankfurt oder Leipzig    sich mehr öffentliches Inte­
verorten würde. Doch der          resse an der Welt der Fach­
Buchmarkt ist schon seit          bücher. Viele in der Krea­
Jahrzehnten ein stabiles          tivszene engagieren sich für




                                                                                                                                                          Foto: Andreas Baier
                                                                                     eventmanager Hans reitz setzt auf kreative verantwortung.


                                                                                     eine Öffnung in die Stadt :         zu vermitteln, oder komplexe
                                                                                     „Gerade in Zeiten, in denen         Sachverhalte aufzubereiten“.
                                                                                     wirtschaftliche Interessen          Das gelte speziell für gesell­
                                                                                     stark im Vordergrund stehen,        schaftlich relevante Themen
                                                                                     könnte die Kreativbranche           wie zum Beispiel Klima,
                                                                                     positive Impulse setzen“, er­       Ernährung und Energie.
                                                                                     klärt Michael Volkmer. Jedes
                                                                                     Jahr veranstaltet der Arbeits­      „Es geht um kreative Ver­
                                                                                     kreis Kreativwirtschaft die         antwortung“, betont auch
                                                                                     Designertage „Access All            Hans Reitz. Der 44jährige
                                                                                     Areas“, ein Tag der offenen         ist gerade auf dem Sprung
                                                                                     Tür, an dem Agenturen mit           zum Flieger nach Russland.
                                                                                     ganz unterschiedlichen Profi­       Einen Wanderzirkus hat er
                                                                                     len ihre Pforten öffnen:            schon geleitet, fünf Jahre
                                                                                     „Veranstaltungen wie diese“,        ist er durch Indien gereist
                                                                                     betont Bendel, „fördern die         bis er sich 1994 mit seiner
                                                                                     Identifikation der Szene mit        Event­agentur „circ“ am
                                                                                     der Stadt.“                         Medienstandort „Unter den
                                                                                                                         Eichen“ niedergelassen hat.
                                                                                     Zur Standortprofilierung trägt      Reitz gehört zu den Großen
                                                                                     auch die See Conference von         in diesem Geschäft. Seine
                                                                                     „Scholz & Volkmer“ bei, die         Events sind anders, weil er
                                                                                     zuletzt 800 Teilnehmer in die       nur mit Unternehmen zusam­
                                                                                     hessische Landeshauptstadt          men arbeitet, die sich auch
                                                               Foto: Andreas Baier




                                                                                     zog, um über die visuelle Ver­      ihrer sozialen Verantwortung
                                                                                     arbeitung von Informationen         stellen, ein Ansatz, der Groß­
                                                                                     zu diskutieren. „Designer“,         kunden wie E.ON, BASF und
rolf-Günther Hobbeling, Marketingchef der „Springer fachmedien“.                     sagt Volkmer, „müssen heute         Volkswagen überzeugt. 2007
Die verlagsgruppe bedient alle Universitäten in Deutschland.                         neue Wege finden um Inhalte         hat er die circ­Tochter „circ
Wiesbadener Wirtschaft 17




                                                                                                                                                     Foto: Andreas Baier
Das team des 3-D-Spezialisten „Weltenbauer“ schafft ungeahnte perspektiven. Unten Mitte: firmengründer robert Mayer



                                                               responsibility“ gegründet.          betont Wirtschaftsdezernent
                                                               Beide Unternehmen arbeiten          Bendel. Wiesbaden könne,
                                                               seit Januar 2009 nach den           glaubt Reitz, beim Thema „so­
                                                               Prinzipien der von Friedens­        cial business“ eine weltweite
                                                               nobelpreisträger Muhammad           Pilotfunktion einnehmen.
                                                               Yunus ins Leben gerufenen           Der hessischen Landeshaupt­
                                                               Idee des „social business“.         stadt will der Weltenbummler
                                                               Mittlerweile bildet „circ respon­   die Treue halten. „Ich bin jetzt
                                                               sibility“ auch ein Joint Venture    hier zu Hause“, sagt er. Für
                                                               mit dem Yunus­Center zum            die meisten Kreativen steht
                                                               „Grameen Creative Lab“ und          der Standort nicht zur Dispo­
                                                               soll das Projekt in Europa          sition. „Wegen der optimalen
                                                               voran bringen. Auch in Wies­        Lage im Rhein­Main­Gebiet
                                         Foto: Andreas Baier




                                                               baden hat Reitz eine Initiative     haben wir uns bewusst für
                                                               angestoßen, zu der neben            Wiesbaden entschieden“, beto­
                                                               Grameen unter anderem die           nen Stefanie Greb und Arndt
                                                               Verlagsgruppe Rhein­Main,           Neckermann. „Wir planen
Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel                             die European Business School        für mindestens zehn Jahre“.
findet: „Wiesbaden ist in der Welt der                         und die Stadt selbst gehören:       Auf den Punkt bringt Marcus
Kreativen ein Hidden Champion mit                              „Auch wir suchen nach neuen         Wenig die Vorteile des Stand­
großem potential.“
                                                               Lösungen für soziale und            orts: „Überschaubar, zentral
                                                               gesellschaftliche Probleme“,        und sehr lebenswert.“
18 Wasserstadt Wiesbaden




u Rheinromantik am          u Im historischen Kurviertel:
Biebricher Schloss: „Es     Aus einem Quellentümpel
ist völlig ein Mährchen“,   wurde im 19. Jahrhundert der
schwärmte der Dichter       Kochbrunnen zum schicken
Johann Wolfgang von         Mittelpunkt der Wiesbadener
Goethe nach einem           Trinkkur mit Wandelhalle
Besuch im August 1814       und Tempel. Brunnenmädchen
über den Blick auf          versorgten die Kurgäste mit
Garten und Fluss.           Heilwasser.

u Gewässer als Kunst-       s Mineralische Ablagerungen
raum: Das weiße Reh von     auf dem Kochbrunnen-Sprin-
Michael von Brentano        ger: Die alten Römer formten
spiegelt sich im Teich      den Sinter zu „mattiakischen
des Neroparks und ist       Kugeln“ und schickten sie
ein echter Hingucker.       als Haarfärbemittel in ihre
                            Heimat.
Wasserstadt Wiesbaden 19




      wellnessfaktor und lebensraum




          Aquis Mattiacis*                      * lat. „den Wassern der Mattiaker [geweiht]“
Diese Vielfalt ist einmalig in Europa
      Diese Stadt ruht buchstäblich auf Wasser. Wenn sich die Existenz von Wiesbaden
      auf einen Ursprung zurückführen lässt, dann sind es die 26 heißen Quellen.
      Der Wasserreichtum hier ist einzigartig. Mehr und mehr macht sich die Stadt daran,
      diesen Schatz wieder zu heben.
20 Wasserstadt Wiesbaden



     v Der Bäckerbrunnen:
     Heißes Wasser für den
     Brotteig oder zum Abbrühen
     der Schweine holten sich
     früher hier die Bäcker und
     Metzger. Fünf Pfennig
     kostete ein 50-Liter-Fass
     mit Thermalwasser.        Foto: Archiv Mattiaqua




                                                                                u Schwitzen und Baden der
                                                                                besonderen Art: 1913 erbaut,
                                                                                verbindet die Kaiser-Friedrich-
                                                                                Therme heute moderne Wellness-
                                                                                Angebote mit den Badefreuden
                                                                                des alten Rom und dem
                                                                                Prunk wilhelminischer Zeit.
                                                                                 
                                                                                s Alte Quelle in neuem Stil:
                                                                                Die Schützenhofquelle versorgte
                                                                                früher das Gemeindebad und
                                                                                das Badehotel Schützenhof.
                                                                                Man fand hier einen Weihe-
                                                                                stein der Gesundheitsgöttin
                                                                                Sirona und Münzen, von
                                                                                römischen Badegästen, den
                                                                                Quellgöttern geopfert.




W       Wer an einem kühlen Herbsttag durch das Wiesbadener
        Zentrum flaniert, sieht vielerorts Dampf aus der Kana-
lisation aufsteigen. Seit mindestens 200.000 Jahren brodelt es
                                                                 vergeben. „Für mich ist dieses Wasser Natur- und Kulturgut“,
                                                                 sagt Peter Mikkelsen, Chef des Hotels „Schwarzer Bock“ und
                                                                 einer der Quellrechtseigentümer an Wiesbadens berühmtester
nach Angaben der Wiesbadener Bädergesellschaft Mattiaqua         und ergiebigster Therme, dem Kochbrunnen. Wie das Grand
unter dem Quellenviertel. In 2.000 Meter Tiefe entspringt hier   Hotel „Nassauer Hof“ und das Hotel „Zum Bären“ gehört der
mit einer Temperatur von 67 Grad eines der heißesten Ther-       „Schwarze Bock“ zu den ältesten noch existierenden „Badhäu-
malwässer Europas. Es gibt so genannte Primärquellen, die        sern“ der Stadt. Fasziniert beobachtet der Hotelier, wie viele
direkt aus einem unterirdischen Spaltensystem nach oben stei-    Wiesbadener noch heute auf die heilende Kraft des ungewöhn-
gen, und „Sekundärquellen“. Sie verzweigen sich erst später im   lich salzhaltigen Wassers vertrauen: Als Trinkkur um den Kör-
zerklüfteten Gestein. „Egal, wo man den Bohrer ansetzt, man      per zu entgiften, als Badekur zur Linderung von Rheuma und
stößt überall auf Thermalwasser“, erklärt Mattiaqua-Chef Jörg    Gelenkschmerzen oder zur Inhalation bei Atemwegsbeschwerden.
Höhler, „diese Vielfalt ist einmalig in Europa.“
                                                                 Ohne die Thermalquellen würde es Wiesbaden nicht geben.
Über eine Million Liter heißes Wasser liefern die Wiesbadener    Hierin sind sich die Fachleute einig. Gegründet wurde die Stadt
Quellen täglich. Die Quellrechte sind schon seit Jahrhunderten   im ersten Jahrhundert vom römischen Militär als eine Art
Wasserstadt Wiesbaden 21



Rehazentrum für die von den Kämpfen gegen die Germanen          Könige, Komponisten und Literaten, Bankiers und Fabrikanten:
zermürbten Legionäre. „Aquae Mattiacae“, mattiakische Wasser,   Wer etwas auf sich hielt, traf sich in den Sommermonaten
nannten die Römer die Stadt. Schon Plinius zählte die Wiesba-   in Wiesbaden, kurte, vergnügte sich und unternahm Ausflüge
dener Quellen zu den „wunderbaren Wässern“. Unter der Herr-     an den romantischen Rhein. Gewaltige Bauprojekte ließen die
schaft der Flavier entstanden rund um den heutigen Kranzplatz   Stadt explosionsartig wachsen. Die Einwohnerzahl kletterte
riesige Thermen mit Schwitzbädern und Laufbrunnen.              innerhalb von 100 Jahren von 7.000 auf 100.000.

Wiesbadens erste Blütezeit ging zu Ende, als Rom sich 260       Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der Boom vorbei.
n. Chr. vom Limes zurückzog. Erst über 500 Jahre später wird    Der Krieg und die nachfolgende Inflation ließen große Teile
Einhard, der Biograph Karls des Großen, „Wisibada“ in seinen    von Adel und Bürgertum verarmen. Die mondäne Kundschaft
Reisebeschreibungen wieder erwähnen. Um 1300 begann das         der „Weltkurstadt“ blieb aus. In den folgenden Jahrzehnten
Geschäft mit dem heißen Wasser erneut. Waren es zunächst        ging die Bedeutung der Kur für Wiesbaden mehr und mehr
Badehäuser, die eine äußerst bescheidene Form der Kur anbo-     zurück. Die Stadt entwickelte sich zu einem modernen Dienst-
ten, so entstanden im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer    leistungszentrum, in dem die heißen Quellen immer weniger
mehr und immer großartigere Hotels. Im 19. Jahrhundert          genutzt wurden und immer weniger Beachtung fanden.
kulminierte dieser Trend, als die verschlafene Residenzstadt
sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum Modebad für Adel und      In der Rückschau scheint es manchmal, als habe Wiesbaden
Großbürgertum aus ganz Europa entwickelte. Kaiser und           das Wasser, dem es seine Existenz verdankt, zeitweise gar nicht




u Wasserästhetik auch in den Vororten: „Triumph der Galatea“ heißt dieser
nach der Göttin des Meeres benannte Brunnen in Biebrich. Er ist ein Geschenk
des Zementfabrikanten Eugen Dyckerhoff aus dem Jahr 1900.
22 Wasserstadt Wiesbaden


schnell genug verschwinden lassen können. Noch Ende des         Erst in den letzten Jahren ist ein Prozess des Umdenkens fest-
18. Jahrhunderts flossen die Bäche mitten durchs Stadtzen-      zustellen. Die Stadt erinnert sich mehr und mehr ihrer natür-
trum. Zahlreiche Wassermühlen wurden mit ihnen betrieben.       lichen Schätze. Nicht zuletzt der Wellness-Boom erlaubt einen
Doch die Wasserläufe mussten bis auf kleine Teilstücke den      neuen Blick auf die heißen Quellen. „Es ist alles da. Man muss
Stadterweiterungen und dem Ausbau der Landwirtschaft wei-       es nur nutzen“, sagt Karl Nüser, Geschäftsführer des Nassauer
chen, verschwanden ganz oder wurden in unterirdische Abflüs-    Hofes, der seinen Gästen ein eigenes Thermalbad bietet. Brun-
se gezwängt. Ein Ende des 19. Jahrhunderts von Städtebauer      nenanlagen wie die in der Wiesbadener Fußgängerzone gele-
Josef Brix geschaffenes Kanalsystem erlaubte es, das Abwasser   gene Schützenhofquelle sind in den vergangenen Jahren neu
zusammen mit dem Bachwasser und Thermalwasser zu ent-           gestaltet, andere saniert worden.
sorgen und in den Rhein zu leiten.


t Freies Wasser: An die-
sem renaturierten Abschnitt
des Wellritzbaches sehen
Studenten der Wasserwirt-
schaft, wie ein Bachlauf
unter natürlichen Bedin-
gungen aussieht. Früher
floss der einstige „Druden-
bach“ bis in die heutige
Fußgängerzone. Auf seinem
Weg in die Innenstadt soll
er an einigen Stellen bald
wieder ans Tageslicht
kommen.




                                                                                                   y Freie Natur: Auf seinem
                                                                                                   Weg von der Quelle in Wies-
                                                                                                   baden-Naurod bis zum Main
                                                                                                   ist dies eine der schönsten
                                                                                                   und ursprünglichsten Stellen
                                                                                                   am Verlauf des Wickerbachs.
                                                                                                   Abenteuerlustige Kinder
                                                                                                   können hier Staudämme
                                                                                                   bauen, Naturfreunde am
                                                                                                   plätschernden Bach ein
                                                                                                   Buch lesen, Wanderer eine
                                                                                                   Pause einlegen.
Wasserstadt Wiesbaden 23




                                                                                                                                       Fotos (13): heikerost.com
u Für die ursprünglich geplante imposante Fontäne reichte der Wasserdruck nicht.        u Seit 2007 gibt es sie wieder. Im 19. Jahr-
Wohl aber für die beiden 1856 entworfenen Kaskaden auf dem Bowling Green vor dem        hundert ein Hit ist die Kochbrunnenseife
Kurhaus, die zu viel bestaunten Klassikern unter den Springbrunnen geworden sind.       auch heute ein echter Verkaufsschlager.


In neuer Pracht erstrahlt seit einigen Jahren auch das Kaiser-    Beginn der 90er Jahre vorgearbeitet, um ihr Ziel – eine „öko-
Friedrich-Bad, eine römisch-irische Therme aus der Zeit des       logisch durchgängige Fließverbindung von der Quelle bis zur
Kaiserreiches. „Die Badegäste kommen aus dem gesamten Rhein-      Mündung“ – zu erreichen, haben die Bachsohle angehoben, das
Main-Gebiet hierher“, betont Bäderchef Höhler. Dazu kommt         Bachbett aus seinem Korsett aus Basaltsteinen gelöst und auf
die Nutzung des Thermalwassers als regenerative Energiequelle,    diese Weise ein Stück ursprüngliche Landschaft zurückerobert.
etwa zur Beheizung des Rathauses. Die wertvollen Eigenschaften    Eine kleine Oase ist auch rund um das erste renaturierte Teil-
des Kochbrunnenwassers werden heute auch wieder kosmetisch        stück des Wellritzbaches entstanden. Nachdem eine Projekt-
genutzt. Ein Seifenfabrikant stellt inzwischen wieder die einst   gruppe des Wiesbadener Umweltamts und der Hochschule
hoch geschätzte Wiesbadener Kochbrunnenseife her. „Man kann       Rhein-Main ihn aus seinen Betonhalbschalen befreit hat, kann
sich immer wieder neu erfinden“, sagt Nüser.                      er wieder seinen Weg durch die Auenlandschaft suchen. Erlen,
                                                                  Weiden und besonders widerstandsfähige Seggengrassorten
Das wachsende Bewusstsein für den Wert des Wiesbadener Was-       wachsen hier, reinigen das Wasser, stabilisieren mit ihren Wur-
sers wird auch im Umgang mit den einst die Stadt prägenden        zeln Uferböschung und Bachsohle.
Bachläufen deutlich. „Heute wollen wir diese Gewässer im Stadt-
bild wieder sichtbar machen“, betont Ernst Kluge, Renaturie-      „Wir können hier praktisch direkt vor der Haustür vermitteln,
rungsexperte im Wiesbadener Umweltamt. Ein stärkeres Umwelt-      wie Gewässer sich in der freien Wildbahn verhalten“, sagt der
bewusstsein und die zunehmende Hochwasserproblematik haben        Wiesbadener Wasserbauingenieur Ernesto Ruiz Rodriguez, der
einen Paradigmenwechsel eingeleitet: „Wir brauchen Bäche,         den Wellritzbach als Fließgewässerlehrstrecke und Lehrsaal für
die Platz haben“, sagt der Chemiebauingenieur. „Deswegen ver-     seine Studenten nutzt. Auch der Blick des 51jährigen Experten
suchen wir, ihren historischen Zustand wiederherzustellen“.       auf das Element Wasser hat sich im Laufe seines Berufslebens
                                                                  grundlegend geändert: „Früher war ein Gewässer für mich ein
Am Wickerbach im Osten Wiesbadens, einem der größten              hydraulisches Ableitungssystem“, sagt er. „Heute begreife ich
Bachsysteme der Stadt, ist dies schon auf weiten Strecken ge-     es als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und verstehe, dass es
lungen. Stück für Stück haben sich Kluge und sein Team seit       Landschaften miteinander vernetzt.“
24 Wiesbadener Geschäftsideen




    Wie aus Blüten
die blütensekt-manufaktur




Delikatessen werden




Einfach nur den Anblick blühender Sonnenblumen oder den Duft frischer Rosen zu
genießen, ist Anja Quäschning nicht genug. Sie will auch wissen, wie Sonnenblumen
oder Rosen schmecken. Und deshalb fängt sie deren Geschmack ein.

Von weitem ist nur ihr Strohhut zwi-       Holunderblütensekt. Rund 120 Bio-Pro-       sie ein Kleinunternehmen mit fünf festen
schen den strahlend gelben Blumen zu       dukte bietet Quäschning an.                 Mitarbeitern und zahlreichen Helfern, die
sehen. Anja Quäschning steht inmitten           Gegründet hat die promovierte Bio-     sie vor allem zur Erntezeit von März bis
eines Feldes von Sonnenblumen und          login ihr Unternehmen im Jahr 2004.         Oktober unterstützen. Diese Zeit bedeutet
hält einen geflochtenen Korb in der        Doch geweckt wurde ihre Liebe zu Blüten     nicht nur enorm viel Arbeit, sondern
Hand, in dem schon einige Blumen lie-      und deren Geschmack schon in ihrer          erfordert oft auch sehr schnelle Reaktio-
gen. Die Wiesbadenerin erntet. An          Kindheit – durch den Holunderblütensirup    nen. Denn die Pflanzen stehen nicht zu
diesem Tag sind es Sonnenblumenblü-        ihrer Großmutter. „Der war köstlicher als   einem festen Stichtag in der Blüte – und
ten, an anderen japanische Kirschblüten    alles andere“, erinnert sich Quäschning.    dann manchmal nur für kurze Zeit, wie
oder Holunderblüten. Aus den frischen      Doch die alte Dame hinterließ nach ihrem    etwa die japanische Kirsche. „Sie ent-
Blüten entstehen später weltweit einzig-   Tod kein Rezept. Also machte sich die       faltet nur fünf Tage im Jahr ihr volles
artige Delikatessen.                       Enkelin daran, dem Geheimnis auf die        Aroma“, erklärt Quäschning.
     Quäschning ist Gründerin und In-      Spur zu kommen – mit Erfolg. Und nach            Insgesamt rund 60 Blüten haben
haberin der Deutschen Blütensekt Manu-     jahrelanger Freizeitbeschäftigung mit       sich bislang als geeignet erwiesen, um
faktur, die zahlreiche außergewöhnliche    Blüten entschloss sie sich, ihr Hobby zum   daraus zum Beispiel Sirup oder Salz her-
Produkte anbietet. Bei ihr gibt es zum     Beruf zu machen.                            zustellen. Denn beileibe nicht alles, was
Beispiel Blütensirup aus Salbei- oder           Für diese Geschäftsidee bekam          schön blüht, muss auch gut schmecken.
Echinaceablüte, Zimtblüten- oder Hibis-    sie im Jahr 2005 sogar den hessischen       Mit 450 Blüten habe sie bislang schon
kusblütensalz, Blütenzucker, aber auch     Gründerpreis. Fünf Jahre später führt       experimentiert, sagt Quäschning. In den
Wiesbadener Geschäftsideen 25




             Nicht nur ein Genuss
             für die Augen: Anja
             Quäschning und ihre
             Mitarbeiter erschaffen
             aus Blüten einzig-
             artige Delikatessen
             wie Blütensirup.

             In der Deutschen
             Blütensekt Manufaktur
             ist Handarbeit gefragt.




meisten Fällen scheitern also die Versuche,
den Geschmack der Natur einzufangen.
     Doch wie gelingt es überhaupt, Kirsch-
blütensirup, Rosenblütensalz oder Holunder-
blütensekt herzustellen? An diesem Punkt
gibt sich die sonst so offene Firmenchefin
zugeknöpft. Nur in Umrissen lässt sie durch-
blicken, wie ihre Produkte entstehen: Nach
                                               Fotos (5): Gerhard Hirsch




der Ernte kommen etwa die Blüten, aus
denen Sirup entstehen soll, für einige Wo-
chen oder gar Monate in kaltes Quellwasser.
Der daraus entstehende Extrakt wird für den
Sirup mit Zitronensäure und Zucker ver-
mischt, den zuckerfreien Extrakt mit seinem
intensiven Aroma nutzen zum Beispiel Spit-          ihres Unternehmens ist der Blütenschaum-        schäften zu finden sind oder direkt in die
zenköche. Chemie, versichert Quäschning,            wein: Durch die so genannte Versektung          Gastronomie gehen, bietet sie seit diesem
sei an keiner Stelle im Spiel. Und wie ge-          von frischen Holunder- oder Rosenblüten         Jahr auf ihrer Internetseite www.blueten-
lingt es dann? Geheimnisvoll antwortet sie          mit Champagnerhefe entsteht, völlig ohne        sekt.de auch die Online-Bestellung an. Vor
darauf nur: „Ich überrede die Blüten, dass          Trauben, Blütensekt. Elf Jahre tüftelte         allem aber sucht sie noch immer neue Blü-
sie mir ihr Aroma schenken.“                        Quäschning, bis sie die perfekte Rezeptur für   ten, denen sie ihren Geschmack entlocken
     Blütensalze wiederum entstehen, indem          ihren Holunderblütensekt gefunden hatte.        kann. Deshalb ist vor ihr auch kein Blumen-
die Blüten nach einem ebenfalls geheimen                 Am Ende ihrer Pläne ist sie aber noch      strauß sicher, wie sie offen zugibt: „Wenn
Verfahren mit Salz vermischt werden. Ein            lange nicht. Während ihre Produkte bislang      ich die Blüten noch nicht probiert habe,
Aushängeschild und zugleich Namensgeber             vor allem in ausgewählten Einzelhandelsge-      nehme ich jeden Strauß auseinander.“
26 Veranstaltungen und Feste




                             Herbst und
                           Winter in Wiesbaden
             Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür – kein Grund um Trübsal zu blasen.
Die Stadt Wiesbaden hat für Kunstinteressierte, Sportbegeisterte und diejenigen,
         die die Vorweihnachtszeit genießen und das Jahr stilvoll beenden wollen, ein
 abwechslungsreiches Programm vorbereitet. Das bietet die hessische
      Landeshauptstadt im Herbst und Winter:



                                31. Oktober 2010 – 27. Februar 2011           1. November 2010 – 28. Februar 2011
                                Ausstellung „Das Geistige in                  LEGO-Ausstellung
                                der Kunst – Vom Blauen Reiter zum
                                Abstrakten Expressionismus“                   Unter dem Motto „Design in Stein“ zeigt
                                                                              René Hoffmeister die größte mobile
                                Die Ausstellung im Museum Wiesbaden           LEGO-Ausstellung Deutschlands im
                                spannt den Bogen von der Geburtsstunde des    Wiesbadener Marktkeller. Zu sehen sind
                                Expressionismus in Murnau über die Kunst
                                im Umfeld des Blauen Reiters in München
                                und die Werkentwicklung der Hauptakteure in
                                den 1920er Jahren bis hin zur Brückenfunk-
                                tion der Blauen Vier (Feininger, Jawlensky,
                                Kandinsky, Klee) für die Verbreitung dieser
                                Ideen in den USA und deren Auswirkungen
                                auf die Kunst der Nachkriegszeit.

                                Passend zu dieser Veranstaltung bietet die
                                Wiesbaden Marketing GmbH eine Pauschale
                                ab 62,00 € pro Person im Doppelzimmer.


                                       24. November 2010 –
                                       9. Januar 2011
                                       „Eiszeit“ am Staatstheater             spektakuläre Exponate von einer über
                                                                              drei Meter hohen Saturn-Rakete bis
                                       Ein weiteres Glanzlicht ist die        hin zu einem LEGO-Mosaik des Berliner
                                       „ESWE-Eiszeit“ mit ihrer rund 800      Gendarmenmarktes – eine Schau, die
                                       Quadratmeter großen Eisbahn. Am        Erwachsene und Kinder gleichermaßen
                                       Warmen Damm vor dem Hessischen         begeistert. Sie können hier Live-Modell-
                                       Staatstheater unterhält ein abwechs-   bau erleben, an Wettrennen mit einem
                                       lungsreiches Programm mit Eis-         selbst gebauten LEGO-Zug teilnehmen
                                       disco, Themenabenden und Eisstock-     oder einfach den Ausflug in die faszi-
                                       schießen Jung und Alt. Winterlich-     nierende Welt der kleinen bunten Steine
                                       weihnachtlich dekorierte Stände        genießen.
                                       mit Glühwein und vielen Leckereien
                                       sorgen rund um das Eisvergnügen        Ergänzt werden kann der Besuch der
                                       für das leibliche Wohl.                LEGO Ausstellung mit einem Pauschal-
                                                                              angebot ab 61,50 €.
Veranstaltungen und Feste 27


23. November – 23. Dezember 2010
Sternschnuppen Markt

Der Wiesbadener Schloßplatz ist die malerische
Kulisse für den Sternschnuppen Markt. Durch vier
sternengeschmückte Lilien-Tore gelangt man in
eine weihnachtliche Welt mit gold-blauen Markt-
ständen, in der Kunsthandwerker und Speziali-
tätenhändler ihre Waren anbieten oder teilweise
direkt vor Ort anfertigen. Den stimmungsvollen
Auftakt am 23. November sollte man auf keinen
Fall verpassen. Das vorweihnachtliche Begleit-
programm mit Chören, Krippenspielen, Turm-
bläsern, Konzerten und Märchenerzählungen
macht die ganz besondere Stimmung perfekt.

Damit Sie den Sternschnuppen Markt in vollen
Zügen genießen können, bietet Ihnen die Wiesbaden
Marketing GmbH ein Pauschalangebot ab 59,50 €
pro Person im Doppelzimmer an.


                                                                                31. Dezember 2010
                                                                                Silvester im Kurhaus Wiesbaden

                                                                                Stilvoll speisen, flanieren und tanzen: Im histori-
                                                                                schen Kurhaus können Sie stimmungsvoll ins Jahr
                                                                                2011 hinein feiern. Im eleganten Ambiente des
                                                                                Foyers, des Friedrich-von-Thiersch-Saals und vieler
                                                                                anderer Räume findet hier jedes Jahr eine große
                                                                                Silvester-Feier statt, die Gourmets, Partybegeisterte
                                                                                und Freunde von Live-Musik auf ihre Kosten kom-
                                                                                men lässt. Zum Höhepunkt der Veranstaltung gibt
                                                                                es traditionell ein musikalisches Höhenfeuerwerk.

                                                                                Auch in diesem Jahr bietet die Wiesbaden Marketing
                                                                                GmbH ein attraktives Pauschalangebot ab 101,00 € pro
                                                                                Person im Doppelzimmer an.


Die Wiesbaden Marketing GmbH bietet
den Besuchern ein breit gefächertes
Angebot an Pauschalen und Leistungs-                basispaket für den
bausteinen an, die der Gast ganz                    wiesbaden-aufenthalt
individuell zusammenstellen und hinzu
buchen kann. Informieren Sie sich im
Internet unter                                      l eine Übernachtung in einem                   Buchungsanfragen / Reservierung:
www.wiesbaden.de/individualangebote                   Hotel der Standard-Kategorie                 Wiesbaden Marketing GmbH
                                                      inklusive reichhaltigem Frühstück            – Tourist Service –
Monatlich informiert der Tourist-                   l ein Überraschungspräsent                     Postfach 60 50 | 65050 Wiesbaden
Newsletter über aktuelle touristische               l ein Wiesbaden-Infopaket                      Tel.: 0611 – 17 29 777
Angebote, Veranstaltungen, Ausflugs-                l ein Dumont Reiseführer Wiesbaden             Fax: 0611 – 17 29 701
möglichkeiten sowie vielseitige Pauschal-                                                          hotel@wiesbaden-marketing.de
arrangements und gibt Tipps für den                 Anreise: ganzjährig; täglich möglich
nächsten Wiesbaden-Aufenthalt. Eine                 Buchbarkeit: bis 8 Tage vor Anreise; auf       Dieses Paket bildet eine attraktive
kostenfreie Registrierung ist unter                 Anfrage und nach Verfügbarkeit                 Grundlage für ein ganz persönliches
www.wiesbaden.de/newsletter möglich.                Preis: ab 49,50 € (pro Person im DZ)           Wiesbaden-Erlebnis!
Das Geistige in der Kunst
             Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus




                                                                                     Mark Rothko, Untitled, 1956 © 1978 Stiftung Sammlung Kurt Fried – Ulmer Museum, Ulm / Kate Rothko-Prizel & Christopher Rothko / VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Aufnahme: Bernd Kegler, Ulm




31. Oktober 2010                   Museum Wiesbaden               27. Februar 2011
Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden, Tel 0611/335 2250, Di 10-20, Mi-So 10-18 Uhr

 Wiesbaden Marketing GmbH: Übernachtungsangebot zur Kunstausstellung ab 62 Euro.
      Mehr Information unter www.wiesbaden.de oder unter Tel.: 0611/1729-777.
                ermöglicht durch


            kulturfonds
            frankfurtrheinmain

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Wiesbaden Magazin Ausgabe November 2010

  • 1. LANDESHAUPTSTADT Wiesbaden Das Magazin der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden Ausgabe 04 / November 2010 Aquis Mattiacis Wellnessfaktor und Lebensraum „Good morning, Wiesbaden!“ Deutsch-amerikanische Nachbarschaft Wiesbadener und Hesse Volker Schlöndorff im Gespräch www.wiesbaden.de
  • 2. Ihr Kompetenznetzwerk für Seminare, Kongresse und Tagungen in Wiesbaden Die Wiesbaden Kongressallianz bietet die Organisation und Begleitung Ihrer Veranstaltungen, die Bereitstellung von Hotelzimmerkontingenten, umfassende Beratung über das Angebot der Räumlichkeiten sowie deren Buchung, Vermittlung von Transferleistungen, Gastronomie und Rahmenprogrammen. Crowne Plaza Wiesbaden • Dorint Pallas Wiesbaden • Hotel Nassauer Hof • Hotel Ibis Wiesbaden City • Fontana Hotel Radisson Blu Schwarzer Bock Hotel • Hotel Oranien Wiesbaden • pentahotel Wiesbaden • Hotel Klee am Park • Hotel Klemm Best Western Hotel Hansa • RAMADA Hotel Wiesbaden-Nordenstadt • NH Aukamm Wiesbaden • Hotel de France City Partner Hotel Fürstenhof • Hotel Bären • Hotel Trüffel • Rhein-Main-Hallen Wiesbaden • Das Kurhaus Wiesbaden Das Jagdschloss Platte • Wiesbadener Casino-Gesellschaft • Casino Wiesbaden • Henkell & Co. Sektkellerei KG Schloss Biebrich • Wiesbaden Marketing GmbH Wiesbaden Kongressallianz c/o Wiesbaden Marketing GmbH Postfach 6050 65050 Wiesbaden Tel.: +49 (0) 611 31-23 43 Fax: +49 (0) 611 31-39 35 kongressallianz@wiesbaden-marketing.de www.wiesbaden.de/kongressallianz
  • 3. Editorial Magazin der Stadt Wiesbaden Ausgabe 4 / November 2010 wiesbadener leben : Wussten Sie, dass die Luft- brücke nach Berlin in Wiesbaden organisiert wurde Inhalt „Good morning, Wiesbaden!“ oder, dass Rock’n’Roll-Idol Elvis Presley hier in den Deutsch-amerikanische Nachbarschaft 4 50er Jahren den Eagle Club besucht hat? Seit mehr „Wir schlagen ein neues Kapitel auf“ als sechs Jahrzehnten sind Ameri- Interview: Colonel Jeffrey Dill und Ober- kaner und Wiesbadener Nachbarn, bürgermeister Helmut Müller über die Zukunft der Amerikaner in Wiesbaden 11 eine besondere Beziehung, der wir die Titelgeschichte gewidmet haben. „Ich fühle mich als Wiesbaden-Biebricher und als Hesse“ Außerdem sind wir den Ursprüngen Volker Schlöndorff im Gespräch 12 AFN-DJ Tony Plyler einer Stadt auf den Grund gegangen, Innovativ, unkonventionell, risikofreudig auf Sendung die es ohne Wasser nicht geben Die Kreativen von Wiesbaden 14 würde. In diesem Heft können Sie lesen, wie die Aquis Mattiacis – Den Wassern einstige Weltkurstadt ihre heißen der Mattiaker [geweiht] Wellnessfaktor und Lebensraum 18 Quellen und Gewässer wieder neu entdeckt. Quellwasser ist übrigens Wie aus Blüten Delikatessen werden Die Blütensekt-Manufaktur 24 auch für Anja Quäschning ein Herbst und Winter in Wiesbaden wichtiger „Rohstoff “. Die Unterneh- Veranstaltungen und Service 26 mensgründerin braucht es, um aus Galatea-Brunnen in Titelbild Blüten Delikatessen zu machen. Wir Wiesbaden-Biebrich Die Söhnlein-Villa: Die Wiesbadener durften ihr bei der Arbeit zuschauen. Mit Oskar- nennen sie „Das Weiße Haus“. (Foto: eigenart Eckhardt&Pfannebecker, Preisträger Volker Schlöndorff haben Wiesbaden) wir über seine Kindheit und Jugend in Hessen und den Begriff „Heimat“ Impressum herausgeber: Wiesbaden Marketing GmbH, gesprochen. Auch sonst sind wir auf Geschäftsführer: Martin Michel (V.i.S.d.P.), Postfach 6050, 65050 Wiesbaden interessante kreative Köpfe gestoßen. redaktion: Journalistenbüro Surpress, Volker Schlöndorf – Eine lebendige Werbe- und Filmszene Dr. Jutta Witte, Wiesbaden ein Wiesbadener ist in der Stadt aktiv. Und Event- texte: Carsten Hauptmeier (Mein Wiesbaden, manager Hans Reitz ist überzeugt, dass Wiesbaden Wiesbadener Geschäftsideen), Dr. Jutta Witte (Wiesbadener Gesellschaft, Wasserstadt zur Pilotstadt für eine neue Unternehmenskultur Wiesbaden, Wiesbadener Wirtschaft) des „Social Business“ werden kann. fotos soweit nicht anders gekennzeichnet: Andreas Baier, Gerhard Hirsch, Christopher Pfannebecker, Heike Rost Viel Spaß beim Lesen wünscht gestaltung und herstellung: Ihre Redaktion D+K Horst Repschläger GmbH, Wiesbaden druck: Stark Druck, Pforzheim
  • 4. 4 Wiesbadener Gesellschaft deutsch-amerikanische nachbarschaft „Good morning, Wiesbaden!“ Seit 1945 ist Wiesbaden einer der wichtigsten US-Stützpunkte in Europa. Nun soll das europäische Hauptquartier der Landstreitkräfte von Heidelberg in die hessische Landeshauptstadt verlegt werden. Viele hoffen, dass mit dem Umzug eine alte Freundschaft neu belebt wird.
  • 5. Wiesbadener Gesellschaft 5 AFN-DJ Tony Plyler auf Sendung „On Air“: Regler aufziehen, Eine Mischung aus militärischen Musik abfahren, zwischendurch eine Pflichten, alltäglicher Lässigkeit und kurze Moderation – AFN-DJ Tony dem Wissen um die Kriegswirklichkeit Plyler ist voll in Aktion. Drei Stunden draußen bestimmen das Leben in der versorgt er an diesem Vormittag vom Garnison und den drei Wiesbadener US-Heeresflugplatz Wiesbaden-Erben- Housing Areas, stadtviertelgroßen heim aus seine Zuhörer in der Region Wohngebieten, in denen ausschließ- mit Nachrichten, dem Dollarkurs, Frei- lich Amerikaner leben. Rund 13.000 zeittipps und aktuellen Hits. „Ich bin Menschen zählt die Wiesbadener US- mit AFN groß geworden“, sagt der Gemeinde, darunter 2.800 Soldaten, 32jährige Stabsunteroffizier. Schon 2.100 Zivilangestellte und 7.400 Fami- sein Vater hat für das American lienangehörige. Das 5. Fernmelde- Forces Network gearbeitet, jenem kommando, die 66. Aufklärungsbrigade Sender, der seit 1943 für positive und das Hauptquartier der 1. US- Stimmung unter den amerikanischen Panzerdivision sind hier stationiert. Soldaten sorgt. „Wir wollen einen Teil von Amerika nach Deutschland brin- Es ist eine kleine amerikanische Welt gen“, sagt Gary Bautell, AFN-Radio- mitten in Deutschland mit Supermärk- chef in Europa. 15 Redakteure arbeiten ten, Fitness- und Unterhaltungszentren, für den Lokalsender in Wiesbaden, Kirchen, Schulen, Kindertagesstätten, neun von ihnen in Uniform. Als Tankstellen und Bibliothek. Das Leben Rundfunkjournalisten ausgebildet, sind geht seinen Gang, auch wenn rund sie dennoch Soldaten. Auch Plyler 1.000 der offiziell in Wiesbaden sta- war schon dreimal in den Krisen- und tionierten Soldatinnen und Soldaten Kriegsgebieten dieser Welt im Einsatz: seit fast einem Jahr im Irak-Einsatz „Wenn sie mich brauchen“, sagt er, sind: In der Kantine auf dem Stütz- „muss ich gehen.“ punkt in Erbenheim wird geplaudert, Foto: Stadtarchiv Wiesbaden Die Stimme Amerikas in Europa: AFN-Radiochef Europa Gary Bautell fühlt sich schon Petticoats und Straßenkreuzer: Der „American Way of Life“ prägte das Bild Wiesbadens lange als „Wiesbadener“. in den 1950er und 60er Jahren. Aus Siegern und Besiegten waren Freunde geworden.
  • 6. 6 Wiesbadener Gesellschaft s Foto: Patrick Henry Alltag auf dem Stützpunkt in … die Batallionsfahne von seinem Vorgänger Erbenheim: Timothy Brown über- Michael Huston. In der „Dining Facility“ relaxen nimmt beim Kommandowechsel … Soldaten und Zivilisten in der Mittagspause. Familien packen ihr Auto für den Ur- heiten, Picknick- und Baseballplätzen ein System, das Tag für Tag verfeinert laub. Draußen auf dem Flughafen warten und Joggingwegen. Nach dem Umzug wurde“, sagt Hans Bergschwenger über amerikanische und deutsche Gäste auf werden nach Rügers Einschätzung rund den „Big Lift“. Er hat als junger Mann den Beginn des Kommandowechsels 19.000 Amerikaner in der hessischen hautnah miterlebt, wie sich Deutsche beim ersten Nachrichtenbatallion. Oberst- Landeshauptstadt leben und arbeiten. und Amerikaner nach dem Zweiten leutnant Timothy Brown wird in sein Weltkrieg wieder näher kamen. Berg- Amt eingeführt. Das militärische Zere- Sie können an eine lange gemeinsame schwenger sprach Englisch und hatte moniell ist streng, der Patriotismus Geschichte anknüpfen. Im März 1945 einen Führerschein. 1948 heuerte er bei spürbar, doch als am Ende alle aufste- marschierten amerikanische Truppen in den Amerikanern als Chauffeur an und hen und gemeinsam den „Army Song“ Wiesbaden ein, besetzten den einstigen fuhr die Piloten der „Rosinenbomber“ singen, wird die Atmosphäre zusehends Fliegerhorst in Erbenheim, Kasernen, zum Einsatz und zurück. 1954 trat er als lockerer. Beim anschließenden Begrü- Krankenhäuser, Hotels und jeden verfüg- Fahrer in die Dienste Tunners, der mitt- ßungsdefilee gibt es eine Riesentorte, baren Raum. Die kaum zerstörte Stadt lerweile zum Chef der US-Luftwaffe in Kinder spielen Nachlaufen im Flugzeug- wurde für lange Zeit militärisches und Europa aufgestiegen war. hangar und das Ehepaar Brown findet administratives Zentrum der amerika- für jeden ein paar verbindliche Worte. nischen Besatzungsmacht. Bis Anfang „American Way of Life“ der 70er Jahre residierte hier das europä- „Von den Amerikanern habe ich ge- Zweifel am Sinn und Zweck des ameri- ische Hauptquartier der US-Luftwaffe. lernt, frei im Kopf und im Handeln kanischen Militäreinsatzes in Mittel- zu sein“, sagt der 81jährige heute. Die asien oder dem Nahen Osten scheint es Kommandozentrale der Luftbrücke US-Soldaten hatten nicht nur die De- hier nicht zu geben. „Sie haben eine Schon wenige Jahre nach Kriegsende mokratie, sondern auch einen neuen Mission, sie wollen in der Welt etwas übernahmen die hier stationierten „Way of Life“ mitgebracht, der vor allem verändern“, erklärt Garnisonssprecherin Soldaten die Hauptrolle in einer der junge Deutsche faszinierte. Jugend- und Anemone Rüger und meint damit nicht dramatischsten Episoden der deutschen Freundschaftsclubs entstanden. Es gab nur die Militärangehörigen. Kräne und Nachkriegszeit. Die Luftbrücke wurde gemeinsame Wohltätigkeitsbasare und eine riesige Baustelle auf dem Parade- von der Wiesbadener Taunusstraße aus Weihnachtsbälle. Noch heute erinnern platz zeugen davon, dass das Pentagon koordiniert. Unter dem Kommando des sich die Wiesbadener mit Wehmut an große Pläne für Wiesbaden hat. Bis 2015 Logistikexperten General William H. den „Eagle Club“, der erst im Kurhaus, soll das Europa-Hauptquartier des US- Tunner flogen die US-Amerikaner fast später im „Weißen Haus“ residierte. Heeres aus Heidelberg in die Stadt am 1,8 Millionen Tonnen lebenswichtiger Selbst Elvis Presley schaute hier vorbei, Rhein umziehen. Eine 89 Millionen Euro Güter von den Militärflughäfen Wies- als er seinen Militärdienst im nahen teure Führungs- und Kommandozentrale baden und Frankfurt nach Berlin: Kohle Friedberg ableistete. In der hessischen befindet sich gerade im Bau, ebenso eine und Lebensmittel, Medikamente, ja sogar Landeshauptstadt war auch die Familie neue Housing-Area mit 325 Wohnein- Zeitungen und Krankenwagen. „Es war seiner späteren Frau Priscilla stationiert.
  • 7. Wiesbadener Gesellschaft 7 Wartungsarbeiten am „Rosinenbomber“: In den Jahren 1948/49 war Wiesbaden Kom- mandozentrale und eines der zentralen Drehkreuze der Luft- brücke. Erinnerungen: Hans Bergschwenger (unten, vor der Luftbrücken- Zentrale in der Wies- badener Taunusstraße) erlebte als Fahrer der Amerikaner die Monate Historisches Foto: Hans Bergschwenger, privat der Berlin-Blockade aus nächster Nähe. Später wurde er Chauffeur von Luftbrücken-General W.H. Tunner (links bei Bergschwengers Verabschiedung 1956).
  • 8. 8 Wiesbadener Gesellschaft Eine Soldatenfamilie: Jan (rechts) und Robb Meert (links) genießen mit ihren Kindern die knappe Freizeit. Sport verbindet: Standortkommandant Jeffrey Dill übernimmt nach dem 25-Stunden- Lauf im Kurpark die Siegerehrung.
  • 9. Wiesbadener Gesellschaft 9 „Wiesbaden“, schreibt die Historikerin Anni Baker, „wurde in der Nachkriegs- zeit fast zu einer amerikanischen Stadt“. Mit dem Vietnamkrieg in den späten 60er Jahren erlitt die deutsch-amerika- nische Harmonie einen ersten Dämpfer. Ein weiterer Rückschlag folgte 1973, als die US-Luftwaffe von Wiesbaden ins pfälzische Ramstein umzog und die Airbase in Erbenheim zum Stützpunkt des Heeres wurde. Statt gut bezahlter Airforce-Piloten und Sternegenerälen kamen nun vorwiegend einfache In- fanteristen nach Wiesbaden. Rassen- konflikte, Drogenprobleme und soziale Spannungen nahmen zu. Abrüstungs- debatte und Friedensbewegung ließen Gottesdienst in der Hainerberg-Chapel: auch in Wiesbaden die Distanz zu den Suche nach spiritueller Kraft USA in den 80er und 90er Jahren weiter wachsen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zogen sich die US-Bürger aus Sicherheitsgründen fast meln. Auch Timothy und Inga Brown bootrennen im Schiersteiner Hafen, aber vollständig aus dem Alltagsleben der suchen die Nähe zu der Stadt, die für ei- auch auf kultureller Ebene. Auf viele Stadt zurück. Im vergangenen Jahrzehnt nige Zeit ihre Heimat sein soll, und schi- amerikanische Besucher hofft zum Bei- lebten Amerikaner und Deutsche eher cken ihre Kinder in die deutsche Grund- spiel Volker Rattemeyer, der Kurator der neben- als miteinander. schule und den deutschen Kindergarten. großen Expressionismus-Ausstellung, die derzeit im Wiesbadener Landesmuseum Neuer Schwung für eine alte Beziehung In ihrem Reihenhaus versucht Jan Meert gezeigt wird. Sie reiht sich ein in viele Doch im Kern blieb bei vielen Wies- ihre beiden Söhne für den Fototermin andere Projekte des Museums, das sich badenern die alte Verbundenheit er- einzufangen. Die 43jährige ist guter seit den 20er Jahren dem künstlerischen halten. „Ich hatte nie das Gefühl, dass Dinge, denn vor einigen Tagen ist ihr Dialog zwischen Deutschland und den Wiesbaden so amerikakritisch war wie Ehemann Robb nach einem Jahr heil aus USA verschrieben hat und nach dem andere deutsche Großstädte“, sagt Gary Afghanistan zurückgekehrt, die Familie Krieg als „Central Collecting Point“ der Bautell. Als junger GI ist der Mann, der ist endlich wieder komplett. Wie AFN- Amerikaner für deutsche Kunstschätze bei AFN „als Stimme der amerikanischen Redakteur Plyler stammt die sportliche diente: „Diesen Amerika-Schwerpunkt“, Soldaten in Europa“ gilt, nach Wiesba- Frau aus einer Soldatenfamilie und betont der langjährige Direktor des den gekommen. Immer wieder kehrte er kennt die Licht- und Schattenseiten eines Museums, „wollen wir auch in Zukunft zurück und ist nun seit dreißig Jahren solchen Lebens. Als Zivilangestellte leitet offensiv weiter verfolgen“. in der hessischen Landeshauptstadt: „Ich sie die Familienabteilung des Wiesbade- bin Wiesbadener geworden“, sagt der ner Stützpunktes und kümmert sich mit Wenn bis zum Jahresende alle Soldaten 68jährige, der auch Vorsitzender der ihrem Team nicht nur um alle Alltags- der ersten Panzerdivision aus dem Irak Federation of German-American Clubs sorgen der Soldatenfamilien. „Unser Ziel zurückgekehrt sind, wird Wiesbaden ist. Die Beziehung zwischen der hes- ist es auch, Widerstandsfähigkeit aufzu- für sie allerdings nur noch Durchgangs- sischen Landeshauptstadt und der ame- bauen“, sagt sie. Emotionale, soziale und station zurück in die Heimat sein. Statt rikanischen Gemeinde schlummere im spirituelle Kraft: Sie gehören auch zum der kämpfenden Truppen werden Zug Moment noch, „aber die Chancen sind Führungskonzept von Standortkomman- um Zug die Mitarbeiter des künftigen wirklich gut, dass wir unsere spezielle deur Jeffrey Dill. Der Oberst ist Soldat, Kommandozentrums, vor allem Strate- Freundschaft wieder vertiefen können“. „Bürgermeister“ und Ansprechpartner gen, Logistiker und mehr Zivilangestellte für seine deutschen Nachbarn in einer als jetzt ihren Dienst auf dem Airfield Vieles deutet darauf hin, dass sich die Person. Denn auch auf deutscher Seite in Erbenheim antreten und mit ihren Situation ändert. Immer häufiger ist in wächst das Interesse am amerikanischen Familien nach Wiesbaden kommen. der Stadt Amerikanisch zu hören. Immer Leben in der Stadt angesichts der Um- Viele Hoffnungen knüpfen sich an diesen häufiger sieht man nun auch wieder zugspläne wieder. Anknüpfungspunkte Wechsel. Mit einem „Aufschwung der amerikanische Frauen und Männer in gibt es viele – bei Sportereignissen wie Beziehungen“, rechnet jedenfalls Amerika- Uniform durch die Fußgängerzone bum- dem 25-Stunden-Lauf oder dem Drachen- freund Hans Bergschwenger fest.
  • 10. 10 Wiesbadener Gesellschaft Fotos (12): eigenart Eckhardt & Pfannebecker, Wiesbaden I Historische Aufnahmen: John Provan, Kelkheim Das „Weiße Haus“ in Wiesbaden Das „Weiße Haus“: 1904 - 1906 ließ Sektmulti Friedrich Wilhelm Foto: Stadtarchiv Wiesbaden Söhnlein diese Kopie des amerikanischen Regierungssitzes erbauen. Die hochherrschaftliche Villa sollte seiner Frau Emma Papst, Tochter einer Brauereidynastie aus Wisconsin, über ihr Heimweh hinweg trösten. Bis 1938 lebte die Familie Söhnlein hier, von 1945 bis Mitte der 1990er Jahre nutzte die amerika- Präsidialer Glanz: nische Militärbehörde das Gebäude. 1954 zog auch der legendäre John F. Kennedy 1962 „Eagle Club“ ins Weiße Haus. Aufwändig restauriert beherbergt auf der Durchreise in es heute ein Café, das in den Sommermonaten geöffnet ist. Wiesbaden. Die Rock ’n’ Roll Legende: Elvis schaute während seines Militärdienstes 1958-1960 gerne im „Eagle Club“ vorbei.
  • 11. Wiesbadener Gesellschaft 11 colonel jeffrey dill und oberbürgermeister helmut müller über die zukunft der amerikaner in wiesbaden „Wir schlagen ein neues Kapitel auf“ Wir treffen Colonel Jeffrey Dill, „Bürger- meister“ der amerikanischen Militär- gemeinde, und Oberbürgermeister Helmut Müller zum Gespräch im Café des Wies- badener „Weißen Hauses“. Die Atmo- sphäre ist locker und persönlich, denn die beiden sind mittlerweile ein einge- spieltes Team. Colonel Dill, Herr Oberbürgermeister. Der Umzug des amerikanischen Europa- Hauptquartiers nach Wiesbaden hält Sie ganz schön in Atem. Dill: Ja, es ist ein Projekt, das an zwei Orten gleichzeitig stattfindet. Denn wir Auf einen Kaffee ins „Weiße Haus“: Colonel Jeffrey Dill können nicht einfach unsere Zelte in und Oberbürgermeister Helmut Müller. Heidelberg abbrechen und am nächsten Tag hier starten. Im Moment organisie- dung. Schließlich basiert der Wieder- Dill: Und ich hoffe, dass wir den ren wir dort den Abzug, bereiten Solda- aufbau Wiesbadens nach dem Zweiten Fußball-Pokal nächstes Jahr gut poliert ten, ihre Familien und die Zivilangestell- Weltkrieg auf Entscheidungen, die die zurückbekommen.  ten vor. Aber zur gleichen Zeit müssen Amerikaner hier getroffen haben. Sie Müller: Aber Spaß beiseite: Wir haben wir in Wiesbaden die Infrastruktur für haben Wiesbaden zur hessischen Landes- die Grenzen schon mit unserer 60-Jahr- das neue Hauptquartier schaffen, ohne hauptstadt gemacht, ein Ereignis, das Feier der Luftbrücke vor zwei Jahren die Menschen, die im Moment hier leben sich dieses Jahr zum 65. Mal jährt. überwinden können. Dieses Jubiläum ist und arbeiten, zu vernachlässigen – vor auf ein wahnsinniges Interesse gestoßen. allem nicht die Angehörigen der Solda- Ist der Einschnitt, den es nach Und man darf nicht vergessen: Einige ten, die jetzt noch im Irak-Einsatz sind den Anschlägen des 11. September Housings sind ja offen für uns. Da gibt und die unsere Unterstützung brauchen. gab, überwunden? es keine Zäune. Und viele Amerikaner Müller: Wir stehen auch vor einer Dill: Wir mussten uns zurückziehen. leben heute schon mitten unter den riesigen logistischen Aufgabe. Anfang Das stimmt. Und natürlich können Wiesbadenern. des Jahres gab es fast wöchentlich wir auch jetzt nicht alle Tore öffnen.   einen Spatenstich. Unsere gemeinsame Aber wir wollen unsere Partnerschaft Wie stellen Sie sich die Zukunft des Steuerungsgruppe trifft sich alle sechs wieder stärken und dabei geht es amerikanischen Wiesbadens vor? Wochen. Dann gibt es viele kleine Pla- mir nicht nur um die Arbeitsebene, Müller: Ich glaube, wir schlagen gerade nungsgruppen, die für spezielle Themen, sondern auch um die persönliche. Ich ein neues Kapitel in unseren Beziehun- zum Beispiel für Grundstücksfragen selbst möchte für die Wiesbadener gen auf. Denn die Soldaten, die künftig zuständig sind. Wir haben allein 22 Hek- sichtbar sein. Den letzten Karnevals- hierher kommen, werden, anders als tar Land getauscht, deutsche Umwelt- umzug habe ich auf dem Balkon des ihre Landsleute jetzt, während ihrer drei- standards müssen eingehalten werden, Rathauses mit gefeiert, zum 25-Stunden- jährigen Dienstzeit auch wirklich hier unsere städtische Energiegesellschaft Lauf im September habe ich den Start- leben. Sie und ihre Familien können übernimmt die Strom- und Wasserver- schuss gegeben. Es gibt so viele Gele- unsere Stadt dann richtig kennenlernen. sorgung. Es ist ein großes gemeinsames genheiten, die wir nutzen können, Dill: Wiesbaden wird immer ein be- Unternehmen. und dazu will ich meine Landsleute mo- vorzugter Stützpunkt für uns bleiben, tivieren. Vor einigen Tagen hat unser egal in welcher Funktion. Und in den Was bedeutet der Standortausbau für Team wieder gegen die Landtagsmann- zwanzig Monaten, die ich selbst noch Wiesbaden? schaft Fußball gespielt. Leider haben als Kommandant hier verbringen werde, Müller: Er zeigt die Kontinuität unserer wir diesmal verloren. möchte ich diesen Standort für die Beziehungen und deswegen bin ich sehr Müller: Beim Football haben Sie aber Zukunft weiterentwickeln – eine histo- glücklich über diese Standortentschei- haushoch gewonnen. rische Aufgabe.
  • 12. 12 Mein Wiesbaden DER FILMEMACHER VOLKER SCHLÖNDORFF IM GESPRÄCH „Ich fühle mich als Wiesbaden-Biebricher und als Hesse“ Volker Schlöndorff lässt es auch mit 71 Jahren alles andere als ruhig angehen. Der 1939 in Wies- baden als Sohn eines Arztes geborene Oscar-Preisträger arbeitet gerade an den Drehbüchern für drei verschiedene Filme. Für ein Gespräch über Kindheit und Jugend in Hessen nimmt er sich dennoch Zeit. Wir erreichen ihn nahe Berlin, wo er seit fast zwanzig Jahren lebt. Seine Geburtsstadt, die er noch immer zwei- bis dreimal im Jahr besucht, hat er aber keineswegs vergessen.
  • 13. Mein Wiesbaden 13 Herr Schlöndorff, Sie sind schon Sie bezeichnen sich trotz der Wie ist dieser Wunsch als Jugendlicher auf ein Jesuiten- Kriegskindheit als „Glückskind“. überhaupt entstanden? internat nach Frankreich gegangen, Kinder haben eine andere Wahrnehmung Das war auch Protest und Opposition haben in den USA gelebt und sind der Welt. Ich habe keine Kriegserinne- gegen die gefeierte Hochkultur. Mai- heute in Berlin zu Hause. Fühlen rungen aus den ersten Jahren in Bieb- Festspiele, Theaterstadt, Schauspiel – das Sie sich noch als Wiesbadener? rich. Bevor es im letzten Kriegsjahr ganz kam mir alles sehr feierlich, verstaubt Ich fühle mich als Wiesbaden-Biebricher. schlimm wurde, sind wir in den Taunus und steif vor. Film hatte dagegen für Zu meinen Kindheitserinnerungen gezogen. Da waren wir fernab von den mich unmittelbar mit dem Leben zu tun. gehören der Schlosspark in Biebrich, Gräueln des Krieges. das Rheinufer und das Strandbad. Auch Welche Chancen sehen Sie heute meine Jugenderinnerungen sind mit Wie war nach dem Krieg Ihr für den Film in Wiesbaden? dem Schloss verbunden, wo die Film- Verhältnis zu den US-Soldaten? Ich habe oft das Gefühl, dass Mainz bewertungsstelle untergebracht war. Die Amerikaner haben uns gezeigt, dass filmoffener ist, von Frankfurt mit dem Ich bin damals über die Feuerwehrleiter man sich ganz anders verhalten kann, Filmmuseum gar nicht zu reden. Zum in die Vorführkabine eingedrungen als es die Deutschen gemeinhin taten: Glück haben wir das Caligari, eine und konnte mir Filme anschauen. Ich Der Umgang miteinander, die Offenheit, Urzelle des Films. Dort habe ich meine fühle mich aber insgesamt mehr als die Lockerheit bis hin zum fundamen- ersten Filme gesehen. Dass es noch Hesse, weil ich in Schlangenbad im talen Demokratieverständnis. Sie haben existiert und die Stadt es aufrechterhält, Taunus wirklich aufgewachsen bin. sehr viel dazu beigetragen, dass Hessen finde ich ganz toll. und besonders das Rhein-Main-Gebiet so Sie sind 1944 nach dem Tod weltläufig geworden sind. Ihrer Mutter von Biebrich nach Schlangenbad umgezogen. In Ihr Verhältnis zur deutschen Ihrer Autobiografie schreiben Sie, Stadt Wiesbaden der 50er Jahre dass Sie sich noch heute immer erscheint dagegen gespalten. wieder an diesen Umzug erinnern. Als Jugendliche haben wir uns über- Warum? haupt nicht wohl gefühlt. Es gab die Wahrscheinlich ist jeder Umzug ein alten Autoritäten, die alten Sitten. Foto: Barbara Staubach Einschnitt, ein Verlust an Boden- Die Ruhe der Kurgäste durfte nicht haftung. Dazu fiel mein erster Umzug gestört werden. Es begann sich eine mit dem Tod meiner Mutter zusammen. gutbürgerliche Rentnermentalität Erst in dem Moment, in dem einzurichten, die ziemlich kunstfeind- man weiterzieht, wird einem lich war. Für den Oscar-Preisträger ist das klar, dass der Verlust Caligari-Kino in Wiesbaden eine „Urzelle endgültig ist. War es da zwangsläufig, dass des Films“. Sie noch als Schüler nach Frankreich gegangen sind? Glauben Sie, dass Orte die künstlerische Gegangen bin ich aus Unternehmungs- Arbeit beeinflussen? lust. Dass ich geblieben bin, hatte Ganz stark. Meine Jugend im Taunus etwas Vorgegebenes. Wenn man raus hat mich sehr in dem Sinne der kleinen Foto: picture alliance, dpa war und plötzlich merkte, wie viel Leute dort beeinflusst, keine Höhenflüge offener die Welt woanders war, wollte zu machen, sondern mit beiden Beinen man nicht unbedingt zurück. auf dem Boden zu bleiben. Das kann man engstirnig oder bodenständig nen- Ist in Frankreich auch Ihr nen. Der hessische Sinn für die Reali- Berufswunsch entstanden? täten hat mich jedenfalls auch in meiner In Wiesbaden hat diesen Wunsch nur Arbeit sehr beeinflusst. keiner ernst genommen. In Frankreich hat der Film dagegen bis heute einen Jetzt leben Sie in Berlin. Würden Sie die Ist mit beiden Beinen auf dem ganz anderen Stellenwert. Ohne diesen Stadt als Ihre Heimat bezeichnen? Boden geblieben: Volker Schlöndorff Umweg hätte ich es wahrscheinlich nicht Heimat hebe ich mir für Kindheit und am Rande der Frankfurter Buchmesse für möglich gehalten, aus diesem etwas Jugend auf, und die gehört zu Hessen. im Oktober 2008 pubertären Wunsch tatsächlich einen Alles andere sind Stationen im Leben, da Beruf zu machen. brauche ich keine neue Heimat.
  • 14. 14 Wiesbadener Wirtschaft Die Kreativen Köpfe Innovativ, unkonventionell, risikofreudig Zahlreiche rankings und preise beweisen es: Wiesbaden muss sich als Kreativstandort nicht verstecken. filmwirtschaft und Buchmarkt sind fest etabliert, Werbe- und Designagenturen längst mehr als ein Geheimtipp. ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kreativszene: Foto: Andreas Baier türöffner der Kreativszene in die Stadt: Die Werbe- und „Fabrikation seit 1890“ steht gefunden. „Wir sind eine „Greb+Neckermann“ und Designspezialisten Stephan über dem Eingangstor. Das Kreativfamilie“, erzählt „halbtotal“, das Tonstudio Lauhoff (3deluxe), rolf Gelände erweckt den Ein­ Stefanie Greb. Sie und ihr „sonaris“, ein Drehbuchau­ Mehnert (fuenfwerken), druck, als habe man sich Partner Arndt Neckermann tor und eine Grafikagentur Marcus Wenig (Die firma) und Michael volkmer in der Adresse geirrt. Doch haben vor zwei Jahren das untergebracht. (Scholz&volkmer). der erste Blick täuscht. Im rund 1.500 Quadratmeter Ambiente der ehemaligen große Gebäude gekauft, „Hier ist alles unter einem Papierwarenfabrik „Schan­ entkernt und saniert. In Dach: Vom Konzept bis zur dua & Söhne“ haben sich dem Loft sind jetzt die bei­ Postproduction“, sagt Greb. Filmschaffende zusammen den Filmproduktionsfirmen In der Wiesbadener Kreativ­
  • 15. Wiesbadener Wirtschaft 15 Kreativstandort mit potential. Die fakten: rund 6.000 Menschen, das heißt vier prozent aller Beschäftigten, haben im Jahr 2009 in der Wiesbadener Kreativwirtschaft gearbeitet. Damit liegt die hessische Landeshauptstadt über dem Bundesdurchschnitt. Überdurchschnittlich ist auch die anzahl der Unternehmen. 12,4 prozent, das sind circa 1.600 von rund 13.000 aller umsatzsteuerpflichtigen Wiesbadener Unternehmen, zählten 2007 zur Kreativszene. Dabei fährt der Werbemarkt mit 4,9 Millionen euro pro Unternehmen den größten Umsatz ein, auf platz zwei und drei folgen die Designwirtschaft mit 1,7 Millionen und der pressemarkt mit 1,3 Millionen euro. vor allem dem Werbe- und Kommunikationsdesign trauen experten den aufbau eines Clusters von nationaler Bedeutung zu. Unter den Standortfaktoren rangieren im rhein-Main-Gebiet mit bis zu neunzig prozent Zustimmung Lebensqualität, erreichbarkeit und Kommunikationsinfrastruktur ganz oben.* wirtschaft ist die Filmbranche der Werbe­ und Designbran­ Jahren. Zu fünft haben sie & Volkmer“ vertreten. Letz­ *Quelle: Kreativcluster in Wiesbaden und der Rhein-Main-Region, Studie der European Business School im Auftrag der Stadt Wiesbaden, August 2010 eine feste Größe. Im Medien­ che kennen sich schon aus damals begonnen, gemein­ tere zählt mit ihren großen park „Unter den Eichen“, Studienzeiten an der heutigen sam alle „Höhen und Tiefen Kampagnen für Mercedes produzierte eine UFA­Tochter Hochschule Rhein­Main. „Im erlebt“ und mit viel Herzblut Benz oder Coca Cola zu ihre Nachkriegsstreifen, das Vergleich zu bekannteren die alten Krankenzimmer in den Marktführern unter ZDF hatte bis 1984 hier seinen Kreativstätten wie Frankfurt moderne Agenturräume ver­ Deutschlands Digitalagen­ Hauptsitz. Rund 80 Kreativ­ oder Berlin ist Wiesbaden wandelt. turen. Zum Cluster rund um firmen und der Fachbereich ein überschaubarer Kosmos“, die Alten Kliniken gehört Medien der Hochschule sagt Marcus Wenig. Der Ge­ 16 Mitarbeiter sind es heute, auch der Marken­Spezialist Rhein­Main sind heute dort schäftsführer der Internet­ die digitale Kommunikati­ „Fuenfwerken“. ansässig. Mit dem Ende der Agentur „Die Firma“ sitzt in onslösungen vor allem im großen Spielfilmzeit sind die seinem Büro in den Räumen B to B­Geschäft kreieren. In Wiesbaden gebe es viele Filmleute in der hessischen der ehemaligen „Städtischen Auf dem gleichen Areal sind „aktive Netzwerker“, berichtet Landeshauptstadt auf den Krankenanstalten“ und er­ auch „3deluxe“, eine viel­ Robert Mayer, Geschäftsfüh­ Bereich Dokumentar­ und innert sich an die Anfänge fach prämierte Grafik­ und rer des Softwareunterneh­ Imagefilm umgestiegen, des Unternehmens vor zwölf Designagentur, und „Scholz mens „Weltenbauer“. Von kleine Unternehmen wie „Selkirk und Heimann“, die es mit ihren Dokumen­ tationen ins ARD­Haupt­ programm schaffen, oder „Greb+Neckermann“, die neben dem ZDF und SWR auch Wirtschaftskunden wie die Lufthansa bedienen. „Die Anhäufung von Sendern in der Region sorgt dafür, dass viele kleine Produktions­ firmen gut in Wiesbaden leben können“, betont Arndt Neckermann. „Netzwerke wie die ‚FA­ BRIKATION‘ sind ein gutes Beispiel für den Unternehmer­ Foto: Andreas Baier geist, der unter Wiesbadens Kreativen herrscht“, findet Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel, „in der Stadt herrsche ein reges Gründungsklima.“ Die filmschaffenden aus der „fabrikation“ haben elan und den vollen Durchblick. „fabrikationsbesitzer“ sind: Viele Kreative vor allem aus Stefanie Greb (unten 3. v. r.) und arndt neckermann (unten 2. v. r.)
  • 16. 16 Wiesbadener Wirtschaft den „lange gewachsenen Standbein der Wiesbadener persönlichen Kontakten“ Kreativwirtschaft. 1.600 Neu­ profitiert auch sein Betrieb. erscheinungen pro Jahr In einer alten Villa in der bringt allein „Springer Fach­ Wiesbadener City Ost, die sie medien Wiesbaden“ heraus. gerade frisch bezogen haben, Zur Verlagsgruppe gehören erschaffen Mayer und sein unter anderem der Gabler­ Team interaktive 3­D­Welten, Verlag, Vieweg+Teubner und die sich bundesweit gut ver­ der VS­Verlag. „Wir bedienen kaufen. Ein paar Straßen wei­ alle Universitäten in ganz ter schaut Rolf­Günther Hob­ Deutschland“, sagt Hobbeling. beling aus dem Fenster seines Wiesbaden, wo jedes Jahr der Verlagsgebäudes über die Deutsche Fachpressekongress Stadt. Der Marketingleiter der stattfindet, sei eine „attrak­ „Springer Fachmedien“ ver­ tive Stadt“, sagt Hobbeling. tritt eine Branche, die man Doch manchmal wünsche er eher in Frankfurt oder Leipzig sich mehr öffentliches Inte­ verorten würde. Doch der resse an der Welt der Fach­ Buchmarkt ist schon seit bücher. Viele in der Krea­ Jahrzehnten ein stabiles tivszene engagieren sich für Foto: Andreas Baier eventmanager Hans reitz setzt auf kreative verantwortung. eine Öffnung in die Stadt : zu vermitteln, oder komplexe „Gerade in Zeiten, in denen Sachverhalte aufzubereiten“. wirtschaftliche Interessen Das gelte speziell für gesell­ stark im Vordergrund stehen, schaftlich relevante Themen könnte die Kreativbranche wie zum Beispiel Klima, positive Impulse setzen“, er­ Ernährung und Energie. klärt Michael Volkmer. Jedes Jahr veranstaltet der Arbeits­ „Es geht um kreative Ver­ kreis Kreativwirtschaft die antwortung“, betont auch Designertage „Access All Hans Reitz. Der 44jährige Areas“, ein Tag der offenen ist gerade auf dem Sprung Tür, an dem Agenturen mit zum Flieger nach Russland. ganz unterschiedlichen Profi­ Einen Wanderzirkus hat er len ihre Pforten öffnen: schon geleitet, fünf Jahre „Veranstaltungen wie diese“, ist er durch Indien gereist betont Bendel, „fördern die bis er sich 1994 mit seiner Identifikation der Szene mit Event­agentur „circ“ am der Stadt.“ Medienstandort „Unter den Eichen“ niedergelassen hat. Zur Standortprofilierung trägt Reitz gehört zu den Großen auch die See Conference von in diesem Geschäft. Seine „Scholz & Volkmer“ bei, die Events sind anders, weil er zuletzt 800 Teilnehmer in die nur mit Unternehmen zusam­ hessische Landeshauptstadt men arbeitet, die sich auch Foto: Andreas Baier zog, um über die visuelle Ver­ ihrer sozialen Verantwortung arbeitung von Informationen stellen, ein Ansatz, der Groß­ zu diskutieren. „Designer“, kunden wie E.ON, BASF und rolf-Günther Hobbeling, Marketingchef der „Springer fachmedien“. sagt Volkmer, „müssen heute Volkswagen überzeugt. 2007 Die verlagsgruppe bedient alle Universitäten in Deutschland. neue Wege finden um Inhalte hat er die circ­Tochter „circ
  • 17. Wiesbadener Wirtschaft 17 Foto: Andreas Baier Das team des 3-D-Spezialisten „Weltenbauer“ schafft ungeahnte perspektiven. Unten Mitte: firmengründer robert Mayer responsibility“ gegründet. betont Wirtschaftsdezernent Beide Unternehmen arbeiten Bendel. Wiesbaden könne, seit Januar 2009 nach den glaubt Reitz, beim Thema „so­ Prinzipien der von Friedens­ cial business“ eine weltweite nobelpreisträger Muhammad Pilotfunktion einnehmen. Yunus ins Leben gerufenen Der hessischen Landeshaupt­ Idee des „social business“. stadt will der Weltenbummler Mittlerweile bildet „circ respon­ die Treue halten. „Ich bin jetzt sibility“ auch ein Joint Venture hier zu Hause“, sagt er. Für mit dem Yunus­Center zum die meisten Kreativen steht „Grameen Creative Lab“ und der Standort nicht zur Dispo­ soll das Projekt in Europa sition. „Wegen der optimalen voran bringen. Auch in Wies­ Lage im Rhein­Main­Gebiet Foto: Andreas Baier baden hat Reitz eine Initiative haben wir uns bewusst für angestoßen, zu der neben Wiesbaden entschieden“, beto­ Grameen unter anderem die nen Stefanie Greb und Arndt Verlagsgruppe Rhein­Main, Neckermann. „Wir planen Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel die European Business School für mindestens zehn Jahre“. findet: „Wiesbaden ist in der Welt der und die Stadt selbst gehören: Auf den Punkt bringt Marcus Kreativen ein Hidden Champion mit „Auch wir suchen nach neuen Wenig die Vorteile des Stand­ großem potential.“ Lösungen für soziale und orts: „Überschaubar, zentral gesellschaftliche Probleme“, und sehr lebenswert.“
  • 18. 18 Wasserstadt Wiesbaden u Rheinromantik am u Im historischen Kurviertel: Biebricher Schloss: „Es Aus einem Quellentümpel ist völlig ein Mährchen“, wurde im 19. Jahrhundert der schwärmte der Dichter Kochbrunnen zum schicken Johann Wolfgang von Mittelpunkt der Wiesbadener Goethe nach einem Trinkkur mit Wandelhalle Besuch im August 1814 und Tempel. Brunnenmädchen über den Blick auf versorgten die Kurgäste mit Garten und Fluss. Heilwasser. u Gewässer als Kunst- s Mineralische Ablagerungen raum: Das weiße Reh von auf dem Kochbrunnen-Sprin- Michael von Brentano ger: Die alten Römer formten spiegelt sich im Teich den Sinter zu „mattiakischen des Neroparks und ist Kugeln“ und schickten sie ein echter Hingucker. als Haarfärbemittel in ihre Heimat.
  • 19. Wasserstadt Wiesbaden 19 wellnessfaktor und lebensraum Aquis Mattiacis* * lat. „den Wassern der Mattiaker [geweiht]“ Diese Vielfalt ist einmalig in Europa Diese Stadt ruht buchstäblich auf Wasser. Wenn sich die Existenz von Wiesbaden auf einen Ursprung zurückführen lässt, dann sind es die 26 heißen Quellen. Der Wasserreichtum hier ist einzigartig. Mehr und mehr macht sich die Stadt daran, diesen Schatz wieder zu heben.
  • 20. 20 Wasserstadt Wiesbaden v Der Bäckerbrunnen: Heißes Wasser für den Brotteig oder zum Abbrühen der Schweine holten sich früher hier die Bäcker und Metzger. Fünf Pfennig kostete ein 50-Liter-Fass mit Thermalwasser. Foto: Archiv Mattiaqua u Schwitzen und Baden der besonderen Art: 1913 erbaut, verbindet die Kaiser-Friedrich- Therme heute moderne Wellness- Angebote mit den Badefreuden des alten Rom und dem Prunk wilhelminischer Zeit.   s Alte Quelle in neuem Stil: Die Schützenhofquelle versorgte früher das Gemeindebad und das Badehotel Schützenhof. Man fand hier einen Weihe- stein der Gesundheitsgöttin Sirona und Münzen, von römischen Badegästen, den Quellgöttern geopfert. W Wer an einem kühlen Herbsttag durch das Wiesbadener Zentrum flaniert, sieht vielerorts Dampf aus der Kana- lisation aufsteigen. Seit mindestens 200.000 Jahren brodelt es vergeben. „Für mich ist dieses Wasser Natur- und Kulturgut“, sagt Peter Mikkelsen, Chef des Hotels „Schwarzer Bock“ und einer der Quellrechtseigentümer an Wiesbadens berühmtester nach Angaben der Wiesbadener Bädergesellschaft Mattiaqua und ergiebigster Therme, dem Kochbrunnen. Wie das Grand unter dem Quellenviertel. In 2.000 Meter Tiefe entspringt hier Hotel „Nassauer Hof“ und das Hotel „Zum Bären“ gehört der mit einer Temperatur von 67 Grad eines der heißesten Ther- „Schwarze Bock“ zu den ältesten noch existierenden „Badhäu- malwässer Europas. Es gibt so genannte Primärquellen, die sern“ der Stadt. Fasziniert beobachtet der Hotelier, wie viele direkt aus einem unterirdischen Spaltensystem nach oben stei- Wiesbadener noch heute auf die heilende Kraft des ungewöhn- gen, und „Sekundärquellen“. Sie verzweigen sich erst später im lich salzhaltigen Wassers vertrauen: Als Trinkkur um den Kör- zerklüfteten Gestein. „Egal, wo man den Bohrer ansetzt, man per zu entgiften, als Badekur zur Linderung von Rheuma und stößt überall auf Thermalwasser“, erklärt Mattiaqua-Chef Jörg Gelenkschmerzen oder zur Inhalation bei Atemwegsbeschwerden. Höhler, „diese Vielfalt ist einmalig in Europa.“ Ohne die Thermalquellen würde es Wiesbaden nicht geben. Über eine Million Liter heißes Wasser liefern die Wiesbadener Hierin sind sich die Fachleute einig. Gegründet wurde die Stadt Quellen täglich. Die Quellrechte sind schon seit Jahrhunderten im ersten Jahrhundert vom römischen Militär als eine Art
  • 21. Wasserstadt Wiesbaden 21 Rehazentrum für die von den Kämpfen gegen die Germanen Könige, Komponisten und Literaten, Bankiers und Fabrikanten: zermürbten Legionäre. „Aquae Mattiacae“, mattiakische Wasser, Wer etwas auf sich hielt, traf sich in den Sommermonaten nannten die Römer die Stadt. Schon Plinius zählte die Wiesba- in Wiesbaden, kurte, vergnügte sich und unternahm Ausflüge dener Quellen zu den „wunderbaren Wässern“. Unter der Herr- an den romantischen Rhein. Gewaltige Bauprojekte ließen die schaft der Flavier entstanden rund um den heutigen Kranzplatz Stadt explosionsartig wachsen. Die Einwohnerzahl kletterte riesige Thermen mit Schwitzbädern und Laufbrunnen. innerhalb von 100 Jahren von 7.000 auf 100.000. Wiesbadens erste Blütezeit ging zu Ende, als Rom sich 260 Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der Boom vorbei. n. Chr. vom Limes zurückzog. Erst über 500 Jahre später wird Der Krieg und die nachfolgende Inflation ließen große Teile Einhard, der Biograph Karls des Großen, „Wisibada“ in seinen von Adel und Bürgertum verarmen. Die mondäne Kundschaft Reisebeschreibungen wieder erwähnen. Um 1300 begann das der „Weltkurstadt“ blieb aus. In den folgenden Jahrzehnten Geschäft mit dem heißen Wasser erneut. Waren es zunächst ging die Bedeutung der Kur für Wiesbaden mehr und mehr Badehäuser, die eine äußerst bescheidene Form der Kur anbo- zurück. Die Stadt entwickelte sich zu einem modernen Dienst- ten, so entstanden im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer leistungszentrum, in dem die heißen Quellen immer weniger mehr und immer großartigere Hotels. Im 19. Jahrhundert genutzt wurden und immer weniger Beachtung fanden. kulminierte dieser Trend, als die verschlafene Residenzstadt sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum Modebad für Adel und In der Rückschau scheint es manchmal, als habe Wiesbaden Großbürgertum aus ganz Europa entwickelte. Kaiser und das Wasser, dem es seine Existenz verdankt, zeitweise gar nicht u Wasserästhetik auch in den Vororten: „Triumph der Galatea“ heißt dieser nach der Göttin des Meeres benannte Brunnen in Biebrich. Er ist ein Geschenk des Zementfabrikanten Eugen Dyckerhoff aus dem Jahr 1900.
  • 22. 22 Wasserstadt Wiesbaden schnell genug verschwinden lassen können. Noch Ende des Erst in den letzten Jahren ist ein Prozess des Umdenkens fest- 18. Jahrhunderts flossen die Bäche mitten durchs Stadtzen- zustellen. Die Stadt erinnert sich mehr und mehr ihrer natür- trum. Zahlreiche Wassermühlen wurden mit ihnen betrieben. lichen Schätze. Nicht zuletzt der Wellness-Boom erlaubt einen Doch die Wasserläufe mussten bis auf kleine Teilstücke den neuen Blick auf die heißen Quellen. „Es ist alles da. Man muss Stadterweiterungen und dem Ausbau der Landwirtschaft wei- es nur nutzen“, sagt Karl Nüser, Geschäftsführer des Nassauer chen, verschwanden ganz oder wurden in unterirdische Abflüs- Hofes, der seinen Gästen ein eigenes Thermalbad bietet. Brun- se gezwängt. Ein Ende des 19. Jahrhunderts von Städtebauer nenanlagen wie die in der Wiesbadener Fußgängerzone gele- Josef Brix geschaffenes Kanalsystem erlaubte es, das Abwasser gene Schützenhofquelle sind in den vergangenen Jahren neu zusammen mit dem Bachwasser und Thermalwasser zu ent- gestaltet, andere saniert worden. sorgen und in den Rhein zu leiten. t Freies Wasser: An die- sem renaturierten Abschnitt des Wellritzbaches sehen Studenten der Wasserwirt- schaft, wie ein Bachlauf unter natürlichen Bedin- gungen aussieht. Früher floss der einstige „Druden- bach“ bis in die heutige Fußgängerzone. Auf seinem Weg in die Innenstadt soll er an einigen Stellen bald wieder ans Tageslicht kommen. y Freie Natur: Auf seinem Weg von der Quelle in Wies- baden-Naurod bis zum Main ist dies eine der schönsten und ursprünglichsten Stellen am Verlauf des Wickerbachs. Abenteuerlustige Kinder können hier Staudämme bauen, Naturfreunde am plätschernden Bach ein Buch lesen, Wanderer eine Pause einlegen.
  • 23. Wasserstadt Wiesbaden 23 Fotos (13): heikerost.com u Für die ursprünglich geplante imposante Fontäne reichte der Wasserdruck nicht. u Seit 2007 gibt es sie wieder. Im 19. Jahr- Wohl aber für die beiden 1856 entworfenen Kaskaden auf dem Bowling Green vor dem hundert ein Hit ist die Kochbrunnenseife Kurhaus, die zu viel bestaunten Klassikern unter den Springbrunnen geworden sind. auch heute ein echter Verkaufsschlager. In neuer Pracht erstrahlt seit einigen Jahren auch das Kaiser- Beginn der 90er Jahre vorgearbeitet, um ihr Ziel – eine „öko- Friedrich-Bad, eine römisch-irische Therme aus der Zeit des logisch durchgängige Fließverbindung von der Quelle bis zur Kaiserreiches. „Die Badegäste kommen aus dem gesamten Rhein- Mündung“ – zu erreichen, haben die Bachsohle angehoben, das Main-Gebiet hierher“, betont Bäderchef Höhler. Dazu kommt Bachbett aus seinem Korsett aus Basaltsteinen gelöst und auf die Nutzung des Thermalwassers als regenerative Energiequelle, diese Weise ein Stück ursprüngliche Landschaft zurückerobert. etwa zur Beheizung des Rathauses. Die wertvollen Eigenschaften Eine kleine Oase ist auch rund um das erste renaturierte Teil- des Kochbrunnenwassers werden heute auch wieder kosmetisch stück des Wellritzbaches entstanden. Nachdem eine Projekt- genutzt. Ein Seifenfabrikant stellt inzwischen wieder die einst gruppe des Wiesbadener Umweltamts und der Hochschule hoch geschätzte Wiesbadener Kochbrunnenseife her. „Man kann Rhein-Main ihn aus seinen Betonhalbschalen befreit hat, kann sich immer wieder neu erfinden“, sagt Nüser. er wieder seinen Weg durch die Auenlandschaft suchen. Erlen, Weiden und besonders widerstandsfähige Seggengrassorten Das wachsende Bewusstsein für den Wert des Wiesbadener Was- wachsen hier, reinigen das Wasser, stabilisieren mit ihren Wur- sers wird auch im Umgang mit den einst die Stadt prägenden zeln Uferböschung und Bachsohle. Bachläufen deutlich. „Heute wollen wir diese Gewässer im Stadt- bild wieder sichtbar machen“, betont Ernst Kluge, Renaturie- „Wir können hier praktisch direkt vor der Haustür vermitteln, rungsexperte im Wiesbadener Umweltamt. Ein stärkeres Umwelt- wie Gewässer sich in der freien Wildbahn verhalten“, sagt der bewusstsein und die zunehmende Hochwasserproblematik haben Wiesbadener Wasserbauingenieur Ernesto Ruiz Rodriguez, der einen Paradigmenwechsel eingeleitet: „Wir brauchen Bäche, den Wellritzbach als Fließgewässerlehrstrecke und Lehrsaal für die Platz haben“, sagt der Chemiebauingenieur. „Deswegen ver- seine Studenten nutzt. Auch der Blick des 51jährigen Experten suchen wir, ihren historischen Zustand wiederherzustellen“. auf das Element Wasser hat sich im Laufe seines Berufslebens grundlegend geändert: „Früher war ein Gewässer für mich ein Am Wickerbach im Osten Wiesbadens, einem der größten hydraulisches Ableitungssystem“, sagt er. „Heute begreife ich Bachsysteme der Stadt, ist dies schon auf weiten Strecken ge- es als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und verstehe, dass es lungen. Stück für Stück haben sich Kluge und sein Team seit Landschaften miteinander vernetzt.“
  • 24. 24 Wiesbadener Geschäftsideen Wie aus Blüten die blütensekt-manufaktur Delikatessen werden Einfach nur den Anblick blühender Sonnenblumen oder den Duft frischer Rosen zu genießen, ist Anja Quäschning nicht genug. Sie will auch wissen, wie Sonnenblumen oder Rosen schmecken. Und deshalb fängt sie deren Geschmack ein. Von weitem ist nur ihr Strohhut zwi- Holunderblütensekt. Rund 120 Bio-Pro- sie ein Kleinunternehmen mit fünf festen schen den strahlend gelben Blumen zu dukte bietet Quäschning an. Mitarbeitern und zahlreichen Helfern, die sehen. Anja Quäschning steht inmitten Gegründet hat die promovierte Bio- sie vor allem zur Erntezeit von März bis eines Feldes von Sonnenblumen und login ihr Unternehmen im Jahr 2004. Oktober unterstützen. Diese Zeit bedeutet hält einen geflochtenen Korb in der Doch geweckt wurde ihre Liebe zu Blüten nicht nur enorm viel Arbeit, sondern Hand, in dem schon einige Blumen lie- und deren Geschmack schon in ihrer erfordert oft auch sehr schnelle Reaktio- gen. Die Wiesbadenerin erntet. An Kindheit – durch den Holunderblütensirup nen. Denn die Pflanzen stehen nicht zu diesem Tag sind es Sonnenblumenblü- ihrer Großmutter. „Der war köstlicher als einem festen Stichtag in der Blüte – und ten, an anderen japanische Kirschblüten alles andere“, erinnert sich Quäschning. dann manchmal nur für kurze Zeit, wie oder Holunderblüten. Aus den frischen Doch die alte Dame hinterließ nach ihrem etwa die japanische Kirsche. „Sie ent- Blüten entstehen später weltweit einzig- Tod kein Rezept. Also machte sich die faltet nur fünf Tage im Jahr ihr volles artige Delikatessen. Enkelin daran, dem Geheimnis auf die Aroma“, erklärt Quäschning. Quäschning ist Gründerin und In- Spur zu kommen – mit Erfolg. Und nach Insgesamt rund 60 Blüten haben haberin der Deutschen Blütensekt Manu- jahrelanger Freizeitbeschäftigung mit sich bislang als geeignet erwiesen, um faktur, die zahlreiche außergewöhnliche Blüten entschloss sie sich, ihr Hobby zum daraus zum Beispiel Sirup oder Salz her- Produkte anbietet. Bei ihr gibt es zum Beruf zu machen. zustellen. Denn beileibe nicht alles, was Beispiel Blütensirup aus Salbei- oder Für diese Geschäftsidee bekam schön blüht, muss auch gut schmecken. Echinaceablüte, Zimtblüten- oder Hibis- sie im Jahr 2005 sogar den hessischen Mit 450 Blüten habe sie bislang schon kusblütensalz, Blütenzucker, aber auch Gründerpreis. Fünf Jahre später führt experimentiert, sagt Quäschning. In den
  • 25. Wiesbadener Geschäftsideen 25 Nicht nur ein Genuss für die Augen: Anja Quäschning und ihre Mitarbeiter erschaffen aus Blüten einzig- artige Delikatessen wie Blütensirup. In der Deutschen Blütensekt Manufaktur ist Handarbeit gefragt. meisten Fällen scheitern also die Versuche, den Geschmack der Natur einzufangen. Doch wie gelingt es überhaupt, Kirsch- blütensirup, Rosenblütensalz oder Holunder- blütensekt herzustellen? An diesem Punkt gibt sich die sonst so offene Firmenchefin zugeknöpft. Nur in Umrissen lässt sie durch- blicken, wie ihre Produkte entstehen: Nach Fotos (5): Gerhard Hirsch der Ernte kommen etwa die Blüten, aus denen Sirup entstehen soll, für einige Wo- chen oder gar Monate in kaltes Quellwasser. Der daraus entstehende Extrakt wird für den Sirup mit Zitronensäure und Zucker ver- mischt, den zuckerfreien Extrakt mit seinem intensiven Aroma nutzen zum Beispiel Spit- ihres Unternehmens ist der Blütenschaum- schäften zu finden sind oder direkt in die zenköche. Chemie, versichert Quäschning, wein: Durch die so genannte Versektung Gastronomie gehen, bietet sie seit diesem sei an keiner Stelle im Spiel. Und wie ge- von frischen Holunder- oder Rosenblüten Jahr auf ihrer Internetseite www.blueten- lingt es dann? Geheimnisvoll antwortet sie mit Champagnerhefe entsteht, völlig ohne sekt.de auch die Online-Bestellung an. Vor darauf nur: „Ich überrede die Blüten, dass Trauben, Blütensekt. Elf Jahre tüftelte allem aber sucht sie noch immer neue Blü- sie mir ihr Aroma schenken.“ Quäschning, bis sie die perfekte Rezeptur für ten, denen sie ihren Geschmack entlocken Blütensalze wiederum entstehen, indem ihren Holunderblütensekt gefunden hatte. kann. Deshalb ist vor ihr auch kein Blumen- die Blüten nach einem ebenfalls geheimen Am Ende ihrer Pläne ist sie aber noch strauß sicher, wie sie offen zugibt: „Wenn Verfahren mit Salz vermischt werden. Ein lange nicht. Während ihre Produkte bislang ich die Blüten noch nicht probiert habe, Aushängeschild und zugleich Namensgeber vor allem in ausgewählten Einzelhandelsge- nehme ich jeden Strauß auseinander.“
  • 26. 26 Veranstaltungen und Feste Herbst und Winter in Wiesbaden Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür – kein Grund um Trübsal zu blasen. Die Stadt Wiesbaden hat für Kunstinteressierte, Sportbegeisterte und diejenigen, die die Vorweihnachtszeit genießen und das Jahr stilvoll beenden wollen, ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet. Das bietet die hessische Landeshauptstadt im Herbst und Winter: 31. Oktober 2010 – 27. Februar 2011 1. November 2010 – 28. Februar 2011 Ausstellung „Das Geistige in LEGO-Ausstellung der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus“ Unter dem Motto „Design in Stein“ zeigt René Hoffmeister die größte mobile Die Ausstellung im Museum Wiesbaden LEGO-Ausstellung Deutschlands im spannt den Bogen von der Geburtsstunde des Wiesbadener Marktkeller. Zu sehen sind Expressionismus in Murnau über die Kunst im Umfeld des Blauen Reiters in München und die Werkentwicklung der Hauptakteure in den 1920er Jahren bis hin zur Brückenfunk- tion der Blauen Vier (Feininger, Jawlensky, Kandinsky, Klee) für die Verbreitung dieser Ideen in den USA und deren Auswirkungen auf die Kunst der Nachkriegszeit. Passend zu dieser Veranstaltung bietet die Wiesbaden Marketing GmbH eine Pauschale ab 62,00 € pro Person im Doppelzimmer. 24. November 2010 – 9. Januar 2011 „Eiszeit“ am Staatstheater spektakuläre Exponate von einer über drei Meter hohen Saturn-Rakete bis Ein weiteres Glanzlicht ist die hin zu einem LEGO-Mosaik des Berliner „ESWE-Eiszeit“ mit ihrer rund 800 Gendarmenmarktes – eine Schau, die Quadratmeter großen Eisbahn. Am Erwachsene und Kinder gleichermaßen Warmen Damm vor dem Hessischen begeistert. Sie können hier Live-Modell- Staatstheater unterhält ein abwechs- bau erleben, an Wettrennen mit einem lungsreiches Programm mit Eis- selbst gebauten LEGO-Zug teilnehmen disco, Themenabenden und Eisstock- oder einfach den Ausflug in die faszi- schießen Jung und Alt. Winterlich- nierende Welt der kleinen bunten Steine weihnachtlich dekorierte Stände genießen. mit Glühwein und vielen Leckereien sorgen rund um das Eisvergnügen Ergänzt werden kann der Besuch der für das leibliche Wohl. LEGO Ausstellung mit einem Pauschal- angebot ab 61,50 €.
  • 27. Veranstaltungen und Feste 27 23. November – 23. Dezember 2010 Sternschnuppen Markt Der Wiesbadener Schloßplatz ist die malerische Kulisse für den Sternschnuppen Markt. Durch vier sternengeschmückte Lilien-Tore gelangt man in eine weihnachtliche Welt mit gold-blauen Markt- ständen, in der Kunsthandwerker und Speziali- tätenhändler ihre Waren anbieten oder teilweise direkt vor Ort anfertigen. Den stimmungsvollen Auftakt am 23. November sollte man auf keinen Fall verpassen. Das vorweihnachtliche Begleit- programm mit Chören, Krippenspielen, Turm- bläsern, Konzerten und Märchenerzählungen macht die ganz besondere Stimmung perfekt. Damit Sie den Sternschnuppen Markt in vollen Zügen genießen können, bietet Ihnen die Wiesbaden Marketing GmbH ein Pauschalangebot ab 59,50 € pro Person im Doppelzimmer an. 31. Dezember 2010 Silvester im Kurhaus Wiesbaden Stilvoll speisen, flanieren und tanzen: Im histori- schen Kurhaus können Sie stimmungsvoll ins Jahr 2011 hinein feiern. Im eleganten Ambiente des Foyers, des Friedrich-von-Thiersch-Saals und vieler anderer Räume findet hier jedes Jahr eine große Silvester-Feier statt, die Gourmets, Partybegeisterte und Freunde von Live-Musik auf ihre Kosten kom- men lässt. Zum Höhepunkt der Veranstaltung gibt es traditionell ein musikalisches Höhenfeuerwerk. Auch in diesem Jahr bietet die Wiesbaden Marketing GmbH ein attraktives Pauschalangebot ab 101,00 € pro Person im Doppelzimmer an. Die Wiesbaden Marketing GmbH bietet den Besuchern ein breit gefächertes Angebot an Pauschalen und Leistungs- basispaket für den bausteinen an, die der Gast ganz wiesbaden-aufenthalt individuell zusammenstellen und hinzu buchen kann. Informieren Sie sich im Internet unter l eine Übernachtung in einem Buchungsanfragen / Reservierung: www.wiesbaden.de/individualangebote Hotel der Standard-Kategorie Wiesbaden Marketing GmbH inklusive reichhaltigem Frühstück – Tourist Service – Monatlich informiert der Tourist- l ein Überraschungspräsent Postfach 60 50 | 65050 Wiesbaden Newsletter über aktuelle touristische l ein Wiesbaden-Infopaket Tel.: 0611 – 17 29 777 Angebote, Veranstaltungen, Ausflugs- l ein Dumont Reiseführer Wiesbaden Fax: 0611 – 17 29 701 möglichkeiten sowie vielseitige Pauschal- hotel@wiesbaden-marketing.de arrangements und gibt Tipps für den Anreise: ganzjährig; täglich möglich nächsten Wiesbaden-Aufenthalt. Eine Buchbarkeit: bis 8 Tage vor Anreise; auf Dieses Paket bildet eine attraktive kostenfreie Registrierung ist unter Anfrage und nach Verfügbarkeit Grundlage für ein ganz persönliches www.wiesbaden.de/newsletter möglich. Preis: ab 49,50 € (pro Person im DZ) Wiesbaden-Erlebnis!
  • 28. Das Geistige in der Kunst Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus Mark Rothko, Untitled, 1956 © 1978 Stiftung Sammlung Kurt Fried – Ulmer Museum, Ulm / Kate Rothko-Prizel & Christopher Rothko / VG Bild-Kunst, Bonn 2010, Aufnahme: Bernd Kegler, Ulm 31. Oktober 2010 Museum Wiesbaden 27. Februar 2011 Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden, Tel 0611/335 2250, Di 10-20, Mi-So 10-18 Uhr Wiesbaden Marketing GmbH: Übernachtungsangebot zur Kunstausstellung ab 62 Euro. Mehr Information unter www.wiesbaden.de oder unter Tel.: 0611/1729-777. ermöglicht durch kulturfonds frankfurtrheinmain