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»Sie schreiben, wie sie talken«
Deutschunterricht und Digitalisierung

phwa.ch/fulda17
Bild: Caia Images
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Bild: Henry Balaszeskul
Die wichtigen Aspekte der
Digitalisierung sind soziale: Was
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Ablauf
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Teil 1
Ingolds Befund
NZZ, 2.2.17
phwa.ch/ingold
Bild: Julia Bruderer - Portrait des Dichtes Felix Philipp Ingold
Felix Philipp Ingold

(*1942)
Felix Philipp Ingold

phwa.ch/ingold
Wir kommunizieren schneller und direkter.
Während die einen von »Fortschritt« reden,
sprechen die anderen von einer Krise des
Schreibens […] Als Kennzeichen dieser Krise gilt
unter Sprachpädagogen und Kulturkritikern die
angebliche Verluderung des schriftlichen
Sprachgebrauchs sowie allgemein das Schwinden
sprachlicher Kompetenzen.
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Felix Philipp Ingold

phwa.ch/ingold
Grobe grammatikalische Schnitzer
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Felix Philipp Ingold

phwa.ch/ingold
Die mehrheitsfähige
Gegenwartsbelletristik ist bekanntlich
dominiert von realistisch dargebotenen
[G]eschichten, die zumeist […] als
Selbstzeugnisse ausgewiesen sind. Der
Vorrang solcher Selbsterlebensberichte
[…] trägt naturgemäss dazu bei, dass die
Literatursprache zunehmend der
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dass, umgekehrt, die Alltagssprache als
Literatursprache praktiziert wird.
»
NZZ, 8.2.17
phwa.ch/vaihinger

phwa.ch/dean
Elternsprechtag mit Phil Laude
Phil Laude

D, Dezember 2016 - Quelle: youtube.com/watch?v=dSAIBGd9xhc
Zusammenfassung
Digitalisierung führt zu Sprachkrise
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Teil 2
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Konrad Paul Liessmann

nzz.ch/meinung/debatte/vw-1.18383545
Was sich hinter dieser hypertrophen und
vielzitierten Formulierung verbirgt: Es geht
nicht nur um die Vermittlung von
Fähigkeiten und Fertigkeiten – von
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ohnehin nicht mehr die Rede –, sondern
auch um Bereitschaften, also Haltungen,
es geht um die Kontrolle und Steuerung
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und sozialem Verhalten; dies mit dem Ziel,
Problemlösungen »nutzen« zu können –
was immer dies heissen mag.
»
Martin Doerry

»Schiller war Komponist«, phwa.ch/doerry
[Ein] Dialog […], der während einer
Veranstaltung für Studienanfänger der Uni
Düsseldorf von einem an die Wand
projizierten Bild Heinrich Heines ausgelöst
wurde:

Mädchen 1: Wer ist denn das da?

Mädchen 2: Keine Ahnung.
Mädchen 1: Bestimmt Schiller oder so.
Mädchen 2: Nee, Schiller war Komponist.
Mädchen 1: Echt? Dann ist das so Goethe.
Mädchen 2: Wer war das denn noch mal?
Mädchen 1: Keine Ahnung, irgendso'n Toter.
»
Hans-Albert Koch

phwa.ch/hakoch
Das Zeitalter des Lesens scheint vorbei:
Selbst ein grosser Teil der Studenten der
Germanistik liest aus eigenem Antrieb
überhaupt keine literarischen Texte – und
empfindet das nicht einmal als ein
Problem. Stattdessen sitzt man in der
Lehrveranstaltung mit uninteressiertem
Gesicht da oder versteckt sich hinter dem
Laptop. Man kann darüber die Achseln
zucken und sich zynisch gar noch in die Tasche
lügen, es ziehe da ja eine neue Art
von Literatur herauf statt eines neuen
Analphabetismus.
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Das Standardisierungsproblem
Illustration: Adrzeij Krauze
George Monibot

phwa.ch/monibot
In the future, if you want a
job, you must be as unlike a
machine as possible:
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skilled. So why are children
being taught to behave like
machines?
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Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Jung et al., 2017

phwa.ch/jungetal
Konrad Paul Liessmann

nzz.ch/meinung/debatte/vw-1.18383545
Kein Mensch mit Sprachgefühl kann solche
Curricula lesen, ohne nicht in eine tiefe
Depression zu verfallen. Oder wie anders soll
man auf Formulierungen dieser und ähnlicher
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Kerncurriculum gymnasiale Oberstufe Deutsch
Interview mit Frank-Walter Steinmeier
ZDF, Bettina Schausten und Peter Frey

D, Februar 2017 - Quelle: www.heute.de/fws-46535124.html
Die Idee des »genauen Lesens« – also dass
man kontextualisierend liest oder dass die
Einheit eines Arguments nicht ein Satz ist,
sondern ein ganzes Kapitel oder das ganze
Buch – scheint für die Studenten von heute
vielfach Schnee von gestern. […] 

Ich meine das gar nicht wertend […] jede
neue Fähigkeit ist auch ein Gewinn. Es
kommt mir so vor, dass diese jüngere
Generation heute quasi die Google-
Suchfunktion intuitiv verinnerlicht hat und
gewissermaßen granularer liest und denkt.

»
Lauraine Daston

derstandard.at/1392687126582/Wir-sollten-immer-offen-fuer-Zufaelle-sein
Zusammenfassung
Sprachkrise
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verschwindet
fehlende Gesprächsbasis im Netz
mangelnde Lesefertigkeiten
Bild: Craig Evans
Teil 3
Stimmt der Befund?
Kreativ schreiben mit »Don’t Starve«

phwa.ch/ksdont
Eine richtige Verarschung, aber es scheint
niemandem aufzufallen. In meiner ersten
Arbeitswoche hatte ich mich verlaufen und
trat aus Versehen in einen der Räume, wo
ein Schild mit »Betreten verboten« hängt.
Ich konnte ja nicht anders. Heutzutage wird
man in unseren Schulen nur für das spätere
Arbeitsleben vorbereitet. Lesen ist bloss ein
Freifach. Aber Gott sei Dank weiss ich, wie
ich von diesen Dummköpfen gesteuert und
kontrolliert werde, nur damit sie auf ihren
kleinen Computern Spass haben.
»
Als ich wieder bei vollem Bewusstsein
war, sass ich auf einer leuchtend
grünen Wiese, die von Blumen übersät
war. Die Sonne schien mir ins Gesicht
und er hielt mich schützend in seinen
Armen. Eine Erkenntnis traf mich
komplett unerwartet. Ich wusste
wieder, wer er war. Wie konnte ich das
nur vergessen? Er heißt Liam. »Wo sind
wir Liam?« fragte ich vorsichtig? »Du
erinnerst dich wieder«, sagte er mit
einem Grinsen im Gesicht.
»
Als ich ankomme, sehe ich eine weisse
Gestalt mit hohlen Augen und einer Blume
am Kopf, unter ihrem Mund glänzen zwei
weisse Zähne. Komisch, seit wann hat
Abigail solche Zähne? Aber sie ist endlich
da, ich will sie umarmen, mit ihr reden
und normale Sachen machen.
Aber ich renne weg. Also eigentlich will
er, dass ich wegrenne. Aber wieso will er
das? Innerlich will ich ihn anflehen und
wahrscheinlich auch töten, denn ich habe
sie nun schon ein ganzes Jahr nicht mehr
gesehen.
»
BASF-Studie, Rechtschreibung
BASF-Studie, Rechtschreibung
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Steinig/Betzel 2013

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Steinig/Betzel 2013

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Steinig/Betzel 2013

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Steinig und Betzel

phwa.ch/steinig
Dieses Verhalten beruht, wie wir vermuten, auf
einer zunehmenden Individualisierung und
Differenzierung im Grundschulunterricht.
Das Schreiben in der von uns vorgegebenen […]
Situation wurde von vielen offenbar nicht als
schulisch-normatives Schreiben gewertet,
sondern als ein ‚freies‘, von der Institution
Schule unabhängiges Schreiben. Die Situation
Unterricht, in [die] unser Schreibexperiment
eingebettet war, garantiert offenbar nicht mehr
automatisch, dass in dieser Situation die
normativen Erwartungen an Textsorten,
die im Deutschunterricht üblich sind, erfüllt
werden.
»
Christa Dürscheid

phwa.ch/parlando
Die beiden Studenten schreiben, wie sie
miteinander sprechen würden. Der Grund
liegt auf der Hand: Ihr Schreiben ist
dialogisch, sie sind miteinander vertraut, der
Schreibanlass ist privater Natur. Ein
Gespräch ist es dennoch nicht, der eine kann
den anderen nicht unterbrechen,
die Kommunikation erfolgt schriftlich, nicht
(medial) mündlich, die Beiträge
werden aufgezeichnet und sind, solange der
Nachrichtenaustausch andauert,
jederzeit nachlesbar.
»
Christa Dürscheid

phwa.ch/parlando
Es gibt keine Evidenz dafür, dass das
private, dialogische Schreiben in den
neuen Medien einen Niederschlag in den
Schultexten findet. Zwar kann es vereinzelt
vorkommen, dass ein Smiley gesetzt wird,
doch die meisten Merkmale, die typisch
für das Schreiben in den neuen Medien
sind und weiter oben erwähnt wurden,
finden sich in den Schultexten nicht. Die
Schülerinnen und Schüler wissen die
beiden Schreibwelten, die private und die
schulische, zu trennen.
»
Studierende in den USA; 

verschiedene Universitäten
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
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Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
10. Klasse, Oslo

Linearer Pisa-Text
Wortschatz-Test
Bandwurm-Trenntest
p
< 0.05
Probanden, die auf Papier lesen, bringen bessere
Leistungen als solche, die digital lesen.
Die so genannte »Verdrängungs-

hypothese« scheint nicht haltbar, 

vielmehr treten Buch und Medium in 

ein Verhältnis der wechselseitigen
Beeinflussung. […] Das Lesen wird von
Jugendlichen gegenüber der
Mediennutzung als anstrengend
empfunden, […] daher wird das lineare
Lesen zunehmend von […] »switchen,
zappen, zoomen« ergänzt.
«
Christian Dawidowski

phwa.ch/dawidowski
«Christian Dawidowski

phwa.ch/dawidowski
Zusammenfassung
(schulisches) Schreiben wird
mündlicher und informeller
Rechtschreibfehler nehmen
tendenziell zu
Lektüre wird vielfältiger, aber weniger
linear
analoge Verfahren können digital
nicht abgebildet werden
Bild: Craig Evans
Teil 4
Jugendkultur würdigen
Axel Krommer, Volker Frederking, Thomas Möbius
Die Mediensozialisation heutiger
Heranwachsender ist in einem Maße
durch die digitalen Medien geprägt […], dass
weder Deutschdidaktik noch Deutsch-
unterricht diesen Sachverhalt (länger)
ignorieren können bzw. dürfen. Hinzu kommt
der fundamentale Wandel, dem auch die
fachlichen Gegenstände des Faches Deutsch –
Sprache und Literatur – unterliegen. […]
Bewusstmachung, Reflexion und Verarbeitung
dieses medial bedingten sprachlichen und
literalen Wandels bilden zentrale Aufgaben
der Deutschdidaktik und des Deutsch-
unterrichts im Zeichen der Digitalisierung.
»
»Computerspiele [sind] inzwischen die
eigentliche Form digitaler Jugendliteratur.«

Axel Krommer
Unsere Schülerinnen und Schüler
schreiben so viel wie nie zuvor in 

der Geschichte der Menschheit. 

Unser Schreiben verändert sich massiv.
Die Herausforderung für die Schule
besteht darin, herauszufinden, was seine
Bedeutung ist, um für die nützlich zu
sein, die ihre Erfahrung in Kompetenzen
ummünzen möchten.
«
Jeff Grabill

phwa.ch/grabilletal
Bild: Instagram/marcodrexel
Jugendliche nutzen Medien nicht, wie
Erwachsene das 

a) denken 

b) möchten.
When I wake up, I have about 40 snaps from
friends. I just roll through and respond to
them. […] 

No conversations…it’s mostly selfies.
Depending on the person, the selfie changes.
Like, if it’s your best friend, you make a gross
face, but if it’s someone you like or don’t
know very well, it’s more regular. […]

I don’t really see what they send. I tap
through so fast. It’s rapid fire.

(Rosen, 2016)
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Digitale
Kommunikation ist
ein zunehmend
visuelles Phänomen.
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Disney Channel, 2001-2004
Jugendgruppen entwickeln eigene Codes
und Normen.
a) okay
b) oke
c) okee(ee…)
d) ok
e) okai
f) okej
g) okaii(ii…)
h) k
1)
2) .
3) ..
4) …
5) !
6) !(!!…)
7) !?
8) ;)
Mareike Döring, zebrabutter.de
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?-
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?-
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.-
1) Ich han huere vel für die Prüefig glehrt. 



(=Für diese Prüfung habe ich sehr viel gelernt.)



»huere« von Hure, volksetymologisch von »ungeheuer«, 

hier verstärkend



2) *Huere han ich für die Prüefig glehrt. 



(=Für diese Prüfung habe ich sicher nicht gelernt.)



»huere« hier Ironiemarker, gebunden an syntaktische

Position.
Bild: Swystund Communications
Visuelles Storytelling
Bild: Twitter/Luke_Laehy
Bild: Twitter/Luke_Laehy
Bild: Twitter/Luke_Laehy
Bild: Twitter/Luke_Laehy
Zusammenfassung
sprachlichen Kontexte ändern sich
durch Digitalisierung
Sprachkrise ist versteckter Sprach-
und Kulturwandel
Jugendliche kommunizieren
zunehmend visuell, kreativ und mit
verändertem kulturellem Repertoire
Bild: Chaunchai Bundej
Teil 5
Konsequenzen für den Deutschunterricht
Soziale Netzwerke haben die
Funktionsweise des Schreibens
revolutioniert - außer in der
Bildung.
In der Schule wird Schreiben
vernachlässigt. Wir nutzen
Methoden, die 100 Jahre alt sind.
«
Jeff Grabill

phwa.ch/grabilletal
Eli Review: Teaching Revision
Texte überarbeiten lernen

nach Eli Review
1. der Sinn des Schreibens
2. das Publikum, das die Bedeutung des
Geschriebenen mitbestimmt
3. wie Schreiben das Denken der/des
Schreibenden beeinflusst
4. wie sich die Struktur des Textes aufgrund 1.
oder 2. verändert hat
5. welche Informationen und Ideen neu im Text zu
finden sind
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Kollaboratives Schreiben

nach Schindler/Wolfe
gemeinsam
parallel
zentralisiert
seriell
Faktoren: Dokument - Projekt - Rollen
Strategien zur Qualitätsverbesserung
»straw«-DocPeer-Review
Konflikt Groupware
1. Förderung basaler Lesekompetenz
2. Professionalisierung von Lehrkräften
3. Funktionale Lesekompetenz und
umfassende Medienkompetenz
4. Wegfall »normativer Orientierung am
klassischen Bildungskanon«
Lesen im Unterricht der Zukunft
Christian Dawidowski

phwa.ch/dawidowski
digitale Literatur als Teil eines
weiten Textbegriffs
Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017
Hassen, oder trauern? Gedanken über Pariser
Anschlag..


LeFloid

D, November 2015 - Quelle: youtube.com/watch?v=tJZmRR9LQVg
Deep Reading

Bedeutung entdecken/konstruieren
We cannot go backwards. As
children move more toward an
immersion in digital media, we
have to figure out ways to read
deeply there.
»
Maryanne Wolf
Praktiken reflektieren
BYOD-Didaktik früh reflektieren
Ein Lernzugang, der
typischerweise nicht im
Schulzimmer stattfindet, relativ
unstruktriert ist und die Kontrolle
über den Lernprozess
(Bedürfnisse, Interessen etc.) dem
Lerner überlässt.
Informelles Lernen
Jeff Grabill

phwa.ch/grabilletal
mit Schüler*innen digital kommunizieren
Zusammenfassung
Lese- und Schreibdidaktik an
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weiter Textbegriff statt Kanonbezug
Praktiken und Inhalte der Jugendkultur
im Unterricht aufgreifen, analysieren
und reflektieren
informelles Lernen zulassen und
anstoßen
Danke! 

Folien: 

Kontakt: 

phwa.ch/fulda17

wampfler@schulesocialmedia.ch

+41 78 704 29 29

phwampfler

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Vortrag an der Tagung des FV Deutsch im DGV, Fulda 2017

  • 1. »Sie schreiben, wie sie talken« Deutschunterricht und Digitalisierung
 phwa.ch/fulda17 Bild: Caia Images
  • 3. Bild: Henry Balaszeskul Die wichtigen Aspekte der Digitalisierung sind soziale: Was bedeuten Arbeit, Gemeinschaft, Bildung und Beziehungen heute?
  • 7. Bild: Julia Bruderer - Portrait des Dichtes Felix Philipp Ingold Felix Philipp Ingold
 (*1942)
  • 8. Felix Philipp Ingold
 phwa.ch/ingold Wir kommunizieren schneller und direkter. Während die einen von »Fortschritt« reden, sprechen die anderen von einer Krise des Schreibens […] Als Kennzeichen dieser Krise gilt unter Sprachpädagogen und Kulturkritikern die angebliche Verluderung des schriftlichen Sprachgebrauchs sowie allgemein das Schwinden sprachlicher Kompetenzen. »
  • 9. Felix Philipp Ingold
 phwa.ch/ingold Grobe grammatikalische Schnitzer gehen gemeinhin als blosse Nachlässigkeiten durch, falls sie denn überhaupt noch wahrgenommen werden. »
  • 10. Felix Philipp Ingold
 phwa.ch/ingold Die mehrheitsfähige Gegenwartsbelletristik ist bekanntlich dominiert von realistisch dargebotenen [G]eschichten, die zumeist […] als Selbstzeugnisse ausgewiesen sind. Der Vorrang solcher Selbsterlebensberichte […] trägt naturgemäss dazu bei, dass die Literatursprache zunehmend der Alltagssprache angenähert wird oder dass, umgekehrt, die Alltagssprache als Literatursprache praktiziert wird. »
  • 12. Elternsprechtag mit Phil Laude Phil Laude
 D, Dezember 2016 - Quelle: youtube.com/watch?v=dSAIBGd9xhc
  • 13. Zusammenfassung Digitalisierung führt zu Sprachkrise fehlendes Sprachbewusstsein fehlendes Stilbewusstsein formale Mängel Einfluss auf Literatur und ihre Funktion
  • 14. Bild: Jonathan Tajes Teil 2 Erweiterung des Problems
  • 15. Konrad Paul Liessmann
 nzz.ch/meinung/debatte/vw-1.18383545 Was sich hinter dieser hypertrophen und vielzitierten Formulierung verbirgt: Es geht nicht nur um die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten – von Wissen, Erkenntnis und Neugier ist ohnehin nicht mehr die Rede –, sondern auch um Bereitschaften, also Haltungen, es geht um die Kontrolle und Steuerung von inneren Beweggründen, Absichten und sozialem Verhalten; dies mit dem Ziel, Problemlösungen »nutzen« zu können – was immer dies heissen mag. »
  • 16. Martin Doerry
 »Schiller war Komponist«, phwa.ch/doerry [Ein] Dialog […], der während einer Veranstaltung für Studienanfänger der Uni Düsseldorf von einem an die Wand projizierten Bild Heinrich Heines ausgelöst wurde:
 Mädchen 1: Wer ist denn das da?
 Mädchen 2: Keine Ahnung. Mädchen 1: Bestimmt Schiller oder so. Mädchen 2: Nee, Schiller war Komponist. Mädchen 1: Echt? Dann ist das so Goethe. Mädchen 2: Wer war das denn noch mal? Mädchen 1: Keine Ahnung, irgendso'n Toter. »
  • 17. Hans-Albert Koch
 phwa.ch/hakoch Das Zeitalter des Lesens scheint vorbei: Selbst ein grosser Teil der Studenten der Germanistik liest aus eigenem Antrieb überhaupt keine literarischen Texte – und empfindet das nicht einmal als ein Problem. Stattdessen sitzt man in der Lehrveranstaltung mit uninteressiertem Gesicht da oder versteckt sich hinter dem Laptop. Man kann darüber die Achseln zucken und sich zynisch gar noch in die Tasche lügen, es ziehe da ja eine neue Art von Literatur herauf statt eines neuen Analphabetismus. »
  • 19. George Monibot
 phwa.ch/monibot In the future, if you want a job, you must be as unlike a machine as possible: creative, critical and socially skilled. So why are children being taught to behave like machines? »
  • 21. Jung et al., 2017
 phwa.ch/jungetal
  • 22. Konrad Paul Liessmann
 nzz.ch/meinung/debatte/vw-1.18383545 Kein Mensch mit Sprachgefühl kann solche Curricula lesen, ohne nicht in eine tiefe Depression zu verfallen. Oder wie anders soll man auf Formulierungen dieser und ähnlicher Art reagieren: »Über Lesefähigkeiten verfügen – Lebendige Vorstellungen beim Lesen von Texten entwickeln – Schreibabsicht klären – Inhalte (sic!) verstehend zuhören – zu Texten Stellung nehmen – bei der Beschäftigung mit Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken und Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen […]« »
  • 24. Interview mit Frank-Walter Steinmeier ZDF, Bettina Schausten und Peter Frey
 D, Februar 2017 - Quelle: www.heute.de/fws-46535124.html
  • 25. Die Idee des »genauen Lesens« – also dass man kontextualisierend liest oder dass die Einheit eines Arguments nicht ein Satz ist, sondern ein ganzes Kapitel oder das ganze Buch – scheint für die Studenten von heute vielfach Schnee von gestern. […] 
 Ich meine das gar nicht wertend […] jede neue Fähigkeit ist auch ein Gewinn. Es kommt mir so vor, dass diese jüngere Generation heute quasi die Google- Suchfunktion intuitiv verinnerlicht hat und gewissermaßen granularer liest und denkt.
 » Lauraine Daston
 derstandard.at/1392687126582/Wir-sollten-immer-offen-fuer-Zufaelle-sein
  • 26. Zusammenfassung Sprachkrise Unterricht orientiert sich an verwertbaren Problemlöseverfahren
 (»Kompetenzorientierung«) literarisches und kulturelles Wissen verschwindet fehlende Gesprächsbasis im Netz mangelnde Lesefertigkeiten
  • 27. Bild: Craig Evans Teil 3 Stimmt der Befund?
  • 28. Kreativ schreiben mit »Don’t Starve«
 phwa.ch/ksdont
  • 29. Eine richtige Verarschung, aber es scheint niemandem aufzufallen. In meiner ersten Arbeitswoche hatte ich mich verlaufen und trat aus Versehen in einen der Räume, wo ein Schild mit »Betreten verboten« hängt. Ich konnte ja nicht anders. Heutzutage wird man in unseren Schulen nur für das spätere Arbeitsleben vorbereitet. Lesen ist bloss ein Freifach. Aber Gott sei Dank weiss ich, wie ich von diesen Dummköpfen gesteuert und kontrolliert werde, nur damit sie auf ihren kleinen Computern Spass haben. »
  • 30. Als ich wieder bei vollem Bewusstsein war, sass ich auf einer leuchtend grünen Wiese, die von Blumen übersät war. Die Sonne schien mir ins Gesicht und er hielt mich schützend in seinen Armen. Eine Erkenntnis traf mich komplett unerwartet. Ich wusste wieder, wer er war. Wie konnte ich das nur vergessen? Er heißt Liam. »Wo sind wir Liam?« fragte ich vorsichtig? »Du erinnerst dich wieder«, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. »
  • 31. Als ich ankomme, sehe ich eine weisse Gestalt mit hohlen Augen und einer Blume am Kopf, unter ihrem Mund glänzen zwei weisse Zähne. Komisch, seit wann hat Abigail solche Zähne? Aber sie ist endlich da, ich will sie umarmen, mit ihr reden und normale Sachen machen. Aber ich renne weg. Also eigentlich will er, dass ich wegrenne. Aber wieso will er das? Innerlich will ich ihn anflehen und wahrscheinlich auch töten, denn ich habe sie nun schon ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen. »
  • 38. Steinig und Betzel
 phwa.ch/steinig Dieses Verhalten beruht, wie wir vermuten, auf einer zunehmenden Individualisierung und Differenzierung im Grundschulunterricht. Das Schreiben in der von uns vorgegebenen […] Situation wurde von vielen offenbar nicht als schulisch-normatives Schreiben gewertet, sondern als ein ‚freies‘, von der Institution Schule unabhängiges Schreiben. Die Situation Unterricht, in [die] unser Schreibexperiment eingebettet war, garantiert offenbar nicht mehr automatisch, dass in dieser Situation die normativen Erwartungen an Textsorten, die im Deutschunterricht üblich sind, erfüllt werden. »
  • 39. Christa Dürscheid
 phwa.ch/parlando Die beiden Studenten schreiben, wie sie miteinander sprechen würden. Der Grund liegt auf der Hand: Ihr Schreiben ist dialogisch, sie sind miteinander vertraut, der Schreibanlass ist privater Natur. Ein Gespräch ist es dennoch nicht, der eine kann den anderen nicht unterbrechen, die Kommunikation erfolgt schriftlich, nicht (medial) mündlich, die Beiträge werden aufgezeichnet und sind, solange der Nachrichtenaustausch andauert, jederzeit nachlesbar. »
  • 40. Christa Dürscheid
 phwa.ch/parlando Es gibt keine Evidenz dafür, dass das private, dialogische Schreiben in den neuen Medien einen Niederschlag in den Schultexten findet. Zwar kann es vereinzelt vorkommen, dass ein Smiley gesetzt wird, doch die meisten Merkmale, die typisch für das Schreiben in den neuen Medien sind und weiter oben erwähnt wurden, finden sich in den Schultexten nicht. Die Schülerinnen und Schüler wissen die beiden Schreibwelten, die private und die schulische, zu trennen. »
  • 41. Studierende in den USA; 
 verschiedene Universitäten
  • 48. Wortschatz-Test Bandwurm-Trenntest p < 0.05 Probanden, die auf Papier lesen, bringen bessere Leistungen als solche, die digital lesen.
  • 49. Die so genannte »Verdrängungs-
 hypothese« scheint nicht haltbar, 
 vielmehr treten Buch und Medium in 
 ein Verhältnis der wechselseitigen Beeinflussung. […] Das Lesen wird von Jugendlichen gegenüber der Mediennutzung als anstrengend empfunden, […] daher wird das lineare Lesen zunehmend von […] »switchen, zappen, zoomen« ergänzt. « Christian Dawidowski
 phwa.ch/dawidowski
  • 51. Zusammenfassung (schulisches) Schreiben wird mündlicher und informeller Rechtschreibfehler nehmen tendenziell zu Lektüre wird vielfältiger, aber weniger linear analoge Verfahren können digital nicht abgebildet werden
  • 52. Bild: Craig Evans Teil 4 Jugendkultur würdigen
  • 53. Axel Krommer, Volker Frederking, Thomas Möbius Die Mediensozialisation heutiger Heranwachsender ist in einem Maße durch die digitalen Medien geprägt […], dass weder Deutschdidaktik noch Deutsch- unterricht diesen Sachverhalt (länger) ignorieren können bzw. dürfen. Hinzu kommt der fundamentale Wandel, dem auch die fachlichen Gegenstände des Faches Deutsch – Sprache und Literatur – unterliegen. […] Bewusstmachung, Reflexion und Verarbeitung dieses medial bedingten sprachlichen und literalen Wandels bilden zentrale Aufgaben der Deutschdidaktik und des Deutsch- unterrichts im Zeichen der Digitalisierung. »
  • 54. »Computerspiele [sind] inzwischen die eigentliche Form digitaler Jugendliteratur.«
 Axel Krommer
  • 55. Unsere Schülerinnen und Schüler schreiben so viel wie nie zuvor in 
 der Geschichte der Menschheit. 
 Unser Schreiben verändert sich massiv. Die Herausforderung für die Schule besteht darin, herauszufinden, was seine Bedeutung ist, um für die nützlich zu sein, die ihre Erfahrung in Kompetenzen ummünzen möchten. « Jeff Grabill
 phwa.ch/grabilletal
  • 57. Jugendliche nutzen Medien nicht, wie Erwachsene das 
 a) denken 
 b) möchten.
  • 58. When I wake up, I have about 40 snaps from friends. I just roll through and respond to them. […] 
 No conversations…it’s mostly selfies. Depending on the person, the selfie changes. Like, if it’s your best friend, you make a gross face, but if it’s someone you like or don’t know very well, it’s more regular. […]
 I don’t really see what they send. I tap through so fast. It’s rapid fire.
 (Rosen, 2016)
  • 65. Jugendgruppen entwickeln eigene Codes und Normen.
  • 66. a) okay b) oke c) okee(ee…) d) ok e) okai f) okej g) okaii(ii…) h) k 1) 2) . 3) .. 4) … 5) ! 6) !(!!…) 7) !? 8) ;)
  • 68. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?- Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?- Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.-
  • 69. 1) Ich han huere vel für die Prüefig glehrt. 
 
 (=Für diese Prüfung habe ich sehr viel gelernt.)
 
 »huere« von Hure, volksetymologisch von »ungeheuer«, 
 hier verstärkend
 
 2) *Huere han ich für die Prüefig glehrt. 
 
 (=Für diese Prüfung habe ich sicher nicht gelernt.)
 
 »huere« hier Ironiemarker, gebunden an syntaktische
 Position.
  • 75. Zusammenfassung sprachlichen Kontexte ändern sich durch Digitalisierung Sprachkrise ist versteckter Sprach- und Kulturwandel Jugendliche kommunizieren zunehmend visuell, kreativ und mit verändertem kulturellem Repertoire
  • 76. Bild: Chaunchai Bundej Teil 5 Konsequenzen für den Deutschunterricht
  • 77. Soziale Netzwerke haben die Funktionsweise des Schreibens revolutioniert - außer in der Bildung. In der Schule wird Schreiben vernachlässigt. Wir nutzen Methoden, die 100 Jahre alt sind. « Jeff Grabill
 phwa.ch/grabilletal
  • 78. Eli Review: Teaching Revision Texte überarbeiten lernen
 nach Eli Review
  • 79. 1. der Sinn des Schreibens 2. das Publikum, das die Bedeutung des Geschriebenen mitbestimmt 3. wie Schreiben das Denken der/des Schreibenden beeinflusst 4. wie sich die Struktur des Textes aufgrund 1. oder 2. verändert hat 5. welche Informationen und Ideen neu im Text zu finden sind
  • 84. 1. Förderung basaler Lesekompetenz 2. Professionalisierung von Lehrkräften 3. Funktionale Lesekompetenz und umfassende Medienkompetenz 4. Wegfall »normativer Orientierung am klassischen Bildungskanon« Lesen im Unterricht der Zukunft Christian Dawidowski
 phwa.ch/dawidowski
  • 85. digitale Literatur als Teil eines weiten Textbegriffs
  • 87. Hassen, oder trauern? Gedanken über Pariser Anschlag.. 
 LeFloid
 D, November 2015 - Quelle: youtube.com/watch?v=tJZmRR9LQVg
  • 89. We cannot go backwards. As children move more toward an immersion in digital media, we have to figure out ways to read deeply there. » Maryanne Wolf
  • 92. Ein Lernzugang, der typischerweise nicht im Schulzimmer stattfindet, relativ unstruktriert ist und die Kontrolle über den Lernprozess (Bedürfnisse, Interessen etc.) dem Lerner überlässt. Informelles Lernen Jeff Grabill
 phwa.ch/grabilletal
  • 93. mit Schüler*innen digital kommunizieren
  • 94. Zusammenfassung Lese- und Schreibdidaktik an Digitalisierung anpassen weiter Textbegriff statt Kanonbezug Praktiken und Inhalte der Jugendkultur im Unterricht aufgreifen, analysieren und reflektieren informelles Lernen zulassen und anstoßen
  • 95. Danke! 
 Folien: 
 Kontakt: 
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 wampfler@schulesocialmedia.ch
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 phwampfler