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IV. WIENER KONFERENZ FÜR MEDIATION 3.-6. Mai 2006
Dr. Elisabeth Reif: Gibt es eine kulturneutrale Mediation?
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Grundzüge des „euroamerikanischen1“ Mediationsmodells
direkte Konfrontation der Konfliktparteien
MediatorIn ist professionelle, neutrale Person
MediatorIn moderiert Verhandlungsprozess, er/sei ist nicht in erster Linie für
Lösungsvorschläge zuständig
Suche nach individuellen Lösungen für individuelle Probleme
Voraussetzungen seitens der Konfliktparteien: Bereitschaft zu kooperieren,
Fähigkeit, eigene Interessen wahrzunehmen und selbstbewusst zu vertreten
.....

Ist das „euroamerikanische“ Mediationsmodell ein kulturneutrales Verfahren?
• Individualismus/Kollektivismus/Partikularismus – Wer ist/fühlt sich in den Konflikt
involviert? Bsp. Scheidung (Sind nur die EhepartnerInnen und Kinder involviert oder
auch ein weiterer Verwandtenkreis? Wer redet aller mit?)
• Postmoderner Relativismus vs. „Recht“ und „Unrecht“ – Die Akzeptanz mehrerer
Wahrheiten/Sichtweisen einer Gegebenheit ist Ausdruck einer kulturbestimmten
Werthaltung und nicht von vornherein auf andere Kulturen zu übertragen.
• Direkte Konfrontation vs. Konfliktvermeidung – In vielen Kulturen haben
Vermittlungspersonen die Funktion, eine direkte Konfrontation zw. den
Konfliktparteien gerade zu vermeiden, sie führen daher meist separate Gespräche
und konfrontieren die Konfliktparteien wenn überhaupt erst zu einem viel späteren
Zeitpunkt.
• Durchsetzungsfähigkeit vs. „Bescheidenheit“/Harmonieorientierung – Eigene
Bedürfnisse zu artikulieren und selbstbewusst zu vertreten, für seine Interessen
einzutreten etc. ist auch kein kulturneutraler Wert. In Kulturen, in denen solche
Verhaltensweisen als egoistisch abgelehnt werden, liegt es viel mehr an der
Vermittlungsperson, die wechselseitigen Bedürfnisse zu eruieren und auch dafür zu
sorgen, dass sie in der Lösung berücksichtigt werden.
• Sachorientierung vs. Beziehungsorientierung – Aufgrund der Entstehungsgeschichte
von Mediation in unseren Breiten als außergerichtliche Alternative ist die
Sachorientierung viel stärker vorhanden, Beziehungsaspekte werden als sekundär,
v.a. als Folge der Konflikteskalation verstanden. In anderen Kulturen können
Beziehungsaspekte vielmehr den Kern des Konflikts bilden (z.B. Ehre, Gesicht
wahren, Verpflichtung gegenüber Familie/Freunden etc.)
• Neutrale/r MediatorIn vs. vertraute Vermittlungsperson
„Neutralität“ bzw. „Allparteilichkeit“ bzw. auch der/die unbekannte/professionelle
MediatorIn, der/die von außen kommt, ist eine höchst kulturgebundene Erscheinung.
J. P. Lederach bringt viele Beispiele aus dem zentralamerikanischen Raum, wo auch
erfolgreiche Vermittlungspersonen sogar in den Konflikt involviert sein können, auf
jeden Fall aber den Konfliktparteien bekannte und vertrauenswürdige Personen sind
und auch nach der Konfliktlösung Ansprechpartner bleiben und nicht wieder
verschwinden.
• ....
Aufgrund der Kulturgebundenheit (jedes, daher auch) unseres Mediationsmodells, ist es
ratsam, einzelne Elemente vor allem für interkulturelle Settings flexibler zu gestalten und
auch auf kulturbedingte Bedürfnisse bezüglich des Mediationsverfahrens einzugehen.
1

Unter dem als „euroamerikanisches Mediationsmodell“ bezeichneten Verfahren verstehe ich das eng an das HavardKonzept angelehnte „klassische“ Mediationsverfahren. Ich bin mir dessen bewusst, dass auch in Europa andere Modelle
existieren, wie bspw. die Transcendmethode nach J. Galtung, dieses u.a. Modelle sind mit dem Terminus
„euroamerikanisches Mediationsmodell“ selbstverständlich nicht mitgemeint, da sie mit ganz anderen Prinzipien arbeiten.

www.bildungsmanagement.ac.at

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  • 1. IV. WIENER KONFERENZ FÜR MEDIATION 3.-6. Mai 2006 Dr. Elisabeth Reif: Gibt es eine kulturneutrale Mediation? • • • • • • Grundzüge des „euroamerikanischen1“ Mediationsmodells direkte Konfrontation der Konfliktparteien MediatorIn ist professionelle, neutrale Person MediatorIn moderiert Verhandlungsprozess, er/sei ist nicht in erster Linie für Lösungsvorschläge zuständig Suche nach individuellen Lösungen für individuelle Probleme Voraussetzungen seitens der Konfliktparteien: Bereitschaft zu kooperieren, Fähigkeit, eigene Interessen wahrzunehmen und selbstbewusst zu vertreten ..... Ist das „euroamerikanische“ Mediationsmodell ein kulturneutrales Verfahren? • Individualismus/Kollektivismus/Partikularismus – Wer ist/fühlt sich in den Konflikt involviert? Bsp. Scheidung (Sind nur die EhepartnerInnen und Kinder involviert oder auch ein weiterer Verwandtenkreis? Wer redet aller mit?) • Postmoderner Relativismus vs. „Recht“ und „Unrecht“ – Die Akzeptanz mehrerer Wahrheiten/Sichtweisen einer Gegebenheit ist Ausdruck einer kulturbestimmten Werthaltung und nicht von vornherein auf andere Kulturen zu übertragen. • Direkte Konfrontation vs. Konfliktvermeidung – In vielen Kulturen haben Vermittlungspersonen die Funktion, eine direkte Konfrontation zw. den Konfliktparteien gerade zu vermeiden, sie führen daher meist separate Gespräche und konfrontieren die Konfliktparteien wenn überhaupt erst zu einem viel späteren Zeitpunkt. • Durchsetzungsfähigkeit vs. „Bescheidenheit“/Harmonieorientierung – Eigene Bedürfnisse zu artikulieren und selbstbewusst zu vertreten, für seine Interessen einzutreten etc. ist auch kein kulturneutraler Wert. In Kulturen, in denen solche Verhaltensweisen als egoistisch abgelehnt werden, liegt es viel mehr an der Vermittlungsperson, die wechselseitigen Bedürfnisse zu eruieren und auch dafür zu sorgen, dass sie in der Lösung berücksichtigt werden. • Sachorientierung vs. Beziehungsorientierung – Aufgrund der Entstehungsgeschichte von Mediation in unseren Breiten als außergerichtliche Alternative ist die Sachorientierung viel stärker vorhanden, Beziehungsaspekte werden als sekundär, v.a. als Folge der Konflikteskalation verstanden. In anderen Kulturen können Beziehungsaspekte vielmehr den Kern des Konflikts bilden (z.B. Ehre, Gesicht wahren, Verpflichtung gegenüber Familie/Freunden etc.) • Neutrale/r MediatorIn vs. vertraute Vermittlungsperson „Neutralität“ bzw. „Allparteilichkeit“ bzw. auch der/die unbekannte/professionelle MediatorIn, der/die von außen kommt, ist eine höchst kulturgebundene Erscheinung. J. P. Lederach bringt viele Beispiele aus dem zentralamerikanischen Raum, wo auch erfolgreiche Vermittlungspersonen sogar in den Konflikt involviert sein können, auf jeden Fall aber den Konfliktparteien bekannte und vertrauenswürdige Personen sind und auch nach der Konfliktlösung Ansprechpartner bleiben und nicht wieder verschwinden. • .... Aufgrund der Kulturgebundenheit (jedes, daher auch) unseres Mediationsmodells, ist es ratsam, einzelne Elemente vor allem für interkulturelle Settings flexibler zu gestalten und auch auf kulturbedingte Bedürfnisse bezüglich des Mediationsverfahrens einzugehen. 1 Unter dem als „euroamerikanisches Mediationsmodell“ bezeichneten Verfahren verstehe ich das eng an das HavardKonzept angelehnte „klassische“ Mediationsverfahren. Ich bin mir dessen bewusst, dass auch in Europa andere Modelle existieren, wie bspw. die Transcendmethode nach J. Galtung, dieses u.a. Modelle sind mit dem Terminus „euroamerikanisches Mediationsmodell“ selbstverständlich nicht mitgemeint, da sie mit ganz anderen Prinzipien arbeiten. www.bildungsmanagement.ac.at