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Wendebuch 
L E S E P R O B E 
Zwei Romane in Einem
Über den Autor 
Michael Fuchs-Gamböck, seit 2011 in Diessen am Ammersee zu Hause, 
gewann 1985 den Literatur-Nachwuchspreis des Theaterfestivals Mün-chen. 
Der ausgebildete Redakteur hielt sich mehrere Jahre in Japan 
und Italien als Kulturkorrespondent für verschiedene Pressebüros auf. 
In Italien arbeitete er als Redaktionschef eines zweisprachigen Radio-senders. 
Von 1989 bis 1994 war er Ressortleiter bei der deutschsprachi-gen 
Ausgabe des Zeitgeist-Magazins Wiener, später in gleicher Funk-tion 
beim Playboy. Seit 1995 ist er freier Autor, u.a. für Cosmopolitan, 
Focus, MusikExpress und Marie Claire. 
Aktuell gibt es von Michael Fuchs-Gamböck rund drei Dutzend Buch-veröffentlichungen, 
unter anderem autorisierte Biografien über Xavier 
Naidoo, James Blunt oder Genesis, außerdem Interviewsammlungen 
von Gesprächen mit Madonna, den Rolling Stones, David Bowie und 
vielen mehr. (Ich hatte sie alle – Tee mit Madonna, Cognac mit Ron 
Wood. 40 Anekdoten aus 20 Jahren Rock’n’Roll-Irrsinn). 2011 ist darüber 
hinaus sein Gedichtband Die Lady kommt pünktlich erschienen. 
Über dieses Buch: 
Ein Wendebuch mit zwei Romanen – und genauso außergewöhnlich 
wie die Aufmachung des Buches ist auch sein Inhalt. 
Abgefuckt – Volksmusik: Ein On-the-Road-Movie, worin das rasante 
Leben von leidenschaftlichen Protagonisten beschrieben wird, die sich 
einem trotzigen Hier- und Jetzt-Existenzialismus verschrieben haben. 
Abgefuckt – Liebe geizt gleichfalls nicht mit überbordenden Gefühlen. 
Es geht um die Amour Fou eines Paars, das sich vorgenommen hat, ra-dikal 
das klassische Bild der Romantik im banalen Alltag zu leben. So 
manche Passage ist bewusst hart am Rande des Kitsches angesiedelt, 
ohne dass der Autor je nach hinten kippen würde. 
Diese beiden gegensätzlichen Storys haben gemeinsame Klammern – 
die Reizworte Emotionen und Existenzialismus; damit gehören die zwei 
Werke in einen Band, weil einfach abgefuckt! 
ISBN: 978-3-943-65048-8
ABGEFUCKT 
– Volksmusik – 
Clac-clac-clac-clac. 
Der Wasserhahn tropfte. Ungefähr alle zehn 
Sekunden fiel ein Tropfen ins Becken. Ich 
lauschte und stellte fest, dass es mich wahn-sinnig 
machte. 
Clac-clac-clac-clac. 
Ich war im Delirium, aber ich raffte mich auf 
und wollte zum Schrank stürzen. Fiel natürlich über den Lautsprecher, 
fluchte gequält und lag flach. Der Lautsprecher war unter mir begra-ben 
und drückte mir in die Eier. Das alles war eine gewaltige Scheiße! 
Irgendwann stand ich doch vor dem Schrank. Ich öffnete ihn und der 
halb reparierte Fernseher kam mir entgegen, danach fiel mir – plonk – 
die Bratpfanne auf den Schädel. In diesem Moment fühlte ich mich 
extrem angeschlagen. Das durfte alles nicht wahr sein! 
«Nur nicht die Hektik, Mann», versuchte ich mich selbst zu beruhi-gen. 
Mit der Linken den Kopf abdeckend, wühlte ich in der stinken-den 
Bettwäsche herum, in muffigen Klamotten, in verrotteten Dosen, 
auf deren Inhalt ich nicht sonderlich scharf war. Da! – Ich packte den 
Hammer und tastete mich vorsichtig zum Waschbecken vor. Richtig, 
der Wasserhahn! Zuerst probierte ich es mit einem sanften Schlag vor-ne 
auf die Krümmung. 
Clac-clac-clac-clac. 
Nichts zu machen. Ich nahm den Hammer in beide Hände und schlug 
zu. Das geschwungene Teil des Hahns verbog sich ein ordentliches Stück. 
Trotzdem, es tropfte weiter. 
Clac-clac-clac-clac. 
Ich wurde scheißwütend. Wie irre drosch ich auf den Hahn ein und 
hatte ihn schließlich soweit zu gehämmert, dass überhaupt kein Wasser 
mehr rauskommen konnte. Von unten klopfte es auch. ‹Fick dich doch 
selber Mann!› Ich hatte jetzt wahrlich andere Probleme. Ein Leben in 
diesem Land, ohne Wasser zum Waschen oder Trinken. Was war das für 
eine Existenz?
Ich haute mich wieder in die Falle. Ah, ich würde jetzt noch eine 
herrliche Runde schlafen, dachte ich. Aber mein Ding stand kerzenge-rade 
in den Himmel, da war nix mehr mit Schlafen. Nach einer Weile 
knipste ich die Lampe neben meinem Bett an. Starrte auf den Wecker, 
der rasselnde Geräusche von sich gab. Was um Himmels willen konn-te 
mich dazu bringen, um vier Uhr morgens mit einem Ständer im 
Bett zu sitzen? Ich legte eine Maria Hellwig-Scheibe auf den Platten-teller 
und ließ sie rotieren. Mann, es war wirklich riesig! 
Der Typ unter mir klopfte schon wieder an die Decke, diesmal um 
einiges heftiger. Ich beschloss, dass ich keinen neuen Krach heraufbe-schwören 
wollte und stülpte mir die Kopflauscher über. Der Sound ging 
mir direkt ins Ohr. Maria ist schlicht die Größte für mich. Einfach be-wegend! 
Ich starrte die Plattenhülle an. Starrte diese riesigen Fleischmassen 
an, die unter dem knappen Dirndl hervorquollen. Im Hintergrund wa-ren 
die Berge zu sehen, viel zu klar und sehr kitschig. Und Maria 
lächelte, breit und dabei unergründlich. Sie schien mir direkt ins Ge-sicht 
zu grinsen. Ich begann, an meinem Ding rum zu reiben, so hef-tig, 
bis es schmerzte. Als ich die Augen zumachte, sah ich mich in einer 
Seilbahn sitzen, die langsam und mit knirschenden Zahnrädern den 
Berg hochfuhr. Sie bahnte sich zäh und unbeirrt ihren Weg. Auf mei-nem 
Schoß saß Maria, rieb sich an mir und jodelte. Mir kam es rasch. 
Ich legte die Hülle weg, machte das Licht aus und irgendwann schlief 
ich ein. 
Ziemlich bald wachte ich wieder auf. Kaum, dass ich vier Stunden 
über die Runden gebracht hatte. Auf dem Plattenteller rotierte die Hell-wig- 
Scheibe in der Auslaufrille, es knackte, endlose Umdrehungen lang, 
immer weiter und weiter. Den Kopfhörer hatte ich noch über die Lau-scher 
geklemmt, und es rauschte monoton in meinen Ohren. Ich schmiss 
die Platte erneut an, drehte den Kopfhörer-Stecker raus und den Laut-stärkeregler 
meines mickrigen Verstärkers bis zum Anschlag. Der Tag 
begann großartig, er war ein Fest! [...] 
***** 
Ich hockte in Barney’s Bar. Barney kocht den besten Kamillentee der 
Welt und den hatte mein Magen jetzt dringend nötig.
«Barney, verdammt – bring mir ‘ne Schachtel Kippen!» 
«Wieso ‘n das?» 
«Ah, weißte, meine stecken noch im Automaten fest.» 
«Haste Kohle?» 
»Oh, Mann ...» 
«Welche Sorte?» 
«Bensons. Du bist ‘n Goldstück, Barney!» 
Ehrlich, ich liebe diese schwülstige Verpackung, in der die Benson & 
Hedges stecken. Die Zigaretten selbst schmecken nicht so wild, viel zu 
stark parfümiert. Aber die Schachtel ... 
Ich weiß nicht, wie Barney sich über die Runden bringt. Ich kenne 
niemanden, der bar in seiner Kneipe zahlt. Die ganze Stadt lässt bei ihm 
anschreiben. 
Barney ist klein, von gedrungener Gestalt und an die 40. Das Auf-fälligste 
an ihm ist sein dichter, an den Enden aufgezwirbelter Bart und 
seine stoische Ruhe, mit der er hinter dem Tresen verharrt, selbst wenn 
ganze Hundertschaften nach ihren Getränken brüllen. «König in die-sem 
Haus bin ich, nicht der Kunde», pflegt er zu sagen. 
Barney legte mir die Bensons ganz sachte auf den Tisch, und ich hielt 
endlich wieder eine Kippe zwischen den Lippen geklemmt. Das ist wirk-lich 
ein erhebendes Gefühl: Dein Wegwerffeuerzeug schnippt, die Flam-me 
erscheint, du saugst gierig und pumpst gleich darauf den ersten 
Zug tief in deine Lungen. In diesem Moment bist du vollkommen und 
eins mit den Elementen. 
Plötzlich trat Randy durch die Flügeltür von Barney’s Bar und aus war 
es mit den Elementen und dem erhabenen Gefühl. Randys Blick war 
wie immer grübelnd, sein schlurfender Gang verriet, dass er wieder mal 
sämtliches Unglück dieser Welt auf seinen mickrigen Schultern trug. 
Obwohl seine Augen steil nach unten auf die Holzdielen gerichtet wa-ren, 
hatte Randy mich sofort ausgemacht und steuerte konsequent auf 
meinen Tisch zu. Ich weiß nicht, wie er das jedes Mal schafft. Damit 
fasziniert er mich immer wieder aufs neue. Trotzdem dachte ich mir: 
‹Shit, jetzt geht wieder die Sache mit dem großen Weltschmerz ab. Ver-piss 
dich, Randy, ich halt das heute nicht aus!› [...] 
*****
Na gut, und plötzlich hatte ich diese wirklich fabelhafte Idee, Ingman 
zu besuchen. Ingman ist ein langes Kapitel für sich, das sind eigentlich 
zwei Menschen – Ingeborg und Manfred. Ich sage deshalb eigentlich, 
weil die beiden sich als das harmonische Eine betrachten. Sie stecken 
seit sieben Jahren unentwegt zusammen, und sie sind allen Ernstes ver-rückt. 
Das ist gut so! Der Mensch braucht ein paar Konstanten im 
Leben. Verrückte Freunde sind das Beste, was ihm passieren kann. 
Mit Ingman kann man sich über die irrsten Dinge unterhalten, alles ist 
erlaubt. Man lacht schrill, veranstaltet Kissenschlachten, man schweigt 
und streichelt sich stundenlang, alles passiert ohne Scheu, ohne Scham, 
ohne spätere Reue. Es geht um Nähe und um Wärme, und darum, dass 
einen die Welt da draußen eine Zeit lang am Arsch lecken kann. Oder 
sie/das harmonische Eine laden/lädt dich zum Käsefondue ein, was sie/ 
es häufig tun/tut. Natürlich ist der Rotweinvorrat wesentlich ergiebiger 
als der Käsevorrat und so endet dieses Fondue jedes Mal in einem ge-waltigen 
Besäufnis und man ist nicht satt, aber über und über mit Käse 
beschmiert. Du stinkst zehn Meilen gegen den Wind wie zwei Dutzend 
ausgelatschter Sandalen, alles an dir ist verklebt und das tollste daran – 
du fühlst dich so verdammt glücklich, dass du dich vor lauter Glück 
stundenlang am Boden wälzen könntest. Beziehungsweise – du tust es. 
Seit einem Jahr kann man Ingman nur noch zuhause antreffen. Denn 
seitdem liegen die beiden in ihrer Wohnung in einem riesengroßen Bett 
und schauen fern oder lesen (natürlich gemeinsam und dasselbe Buch) 
oder essen oder vögeln (auch gemeinsam) oder unterhalten sich mit 
den Leuten, die sie besuchen kommen. Lauter solche Dinge. [...] 
***** 
Unten hupte ein Auto – zweimal lang, dreimal kurz. Das Ho-Chi- 
Minh-Erkennungshupen. Heintje war also da. 
Bis vor kurzem hatte ich keinen Schimmer gehabt, wer Ho-Chi-Minh 
war. Als ich es endlich wusste, machte ihn mir das auch nicht sympa-thischer. 
Aber das Ho-Chi-Minh-Erkennungshupen, das nimmt mich 
jedes Mal aufs neue mit und rüttelt mich auf. 
Ich hörte hektische Schritte im Treppenhaus und ein klägliches Keu-chen 
und Ächzen, ausgesandt von einem Paar asthmatischer Lungen. 
Kein Zweifel, Heintje war im Anmarsch. Wie jedes Mal schrie ich nach
unten, «Pass auf das verfluchte Geländer auf», schon stand Heintje in 
ganzer Leibesfülle vor mir im Türrahmen, drückte mir einen dicken 
Kuss auf die Stirn und lief danach hektisch in meiner Wohnung auf 
und ab, während er brüllte, «Na los, na los, wir müssen sofort aufbre-chen, 
jede Sekunde ist kostbar, Kumpel!» 
Ich spürte, Heintje war kurz vor dem Durchdrehen, und Heintje war 
prächtigster Laune, das geht bei ihm stets Hand in Hand. Klar, dies-mal 
drehte es sich um die Liebe und das Leben gleichermaßen, minde-stens, 
und Heintje war sich darüber voll im klaren. 
Er war dermaßen prächtig aufgelegt, dass er sich sogar meine gute, 
alte, feuerrote Reisetasche schnappte und sie für mich die fünf Stock-werke 
nach unten trug. So blieb für mich nur der schwarze Saxophon- 
Koffer übrig. Ohne den gehe ich nirgendwohin. Ich ließ noch einen 
letzten Blick über meine Bude kreisen. Alles lag wild durcheinander, 
demnach war alles in Ordnung. Die Miete für die letzten drei Monate 
war beglichen (der Vermieter hatte mich nur ungläubig angestarrt und 
war kurz davor, die Polizei anzurufen, um sich zu erkundigen, ob letz-te 
Nacht ein Bankraub stattgefunden hatte) und ich hatte es irgendwie 
sogar noch geschafft, bei der Sparkasse aufzukreuzen und 500 Märker 
in Lire umzutauschen. Ingman waren diesmal verflucht spendabel ge-wesen. 
Ich sperrte die Haustüre hinter mir zu. Kein Zweifel, es konn-te 
losgehen ... 
Heintje hatte seine riesige Kiste wie gewohnt direkt vor dem Haus 
auf dem Bürgersteig geparkt und versperrte damit den Fußgängern jeg-liche 
Chance auf ein Durchkommen. Aber die Pietät verbot es den 
Passanten, sich darüber aufzuregen – schließlich sah Heintjes Karre ori-ginal 
wie ein Leichenwagen aus. 
Hätten die Leute dem Auto einen zweiten Blick gegönnt, wären sie 
rasch draufgekommen, dass es sich dabei um nichts als eine plumpe 
Fälschung, einen lachhaften, schwarz lackierten Krankenwagen han-delte. 
Heintje hatte ihn bei einer Auktion im örtlichen Hospital vor 
drei Jahren zu einem Spottpreis erstanden. Das Ding hatte zwar hun-derttausende 
von Kilometern auf der Maschine, aber es lief noch wie 
eine Eins. 
Nur die Farbe war stocklangweilig gewesen – dieses klinische Weiß, 
wie es solche Wagen eben im Normalfall haben. Ein paar Wochen, nach-
dem Heintje die Karre gekauft hatte, waren wir schon am späten 
Nachmittag so besoffen, dass wir kaum noch geradeaus schauen konn-ten. 
Aber Heintje konnte wenigstens geradeaus fahren, also machten 
wir uns auf den Weg zu einem Farbengeschäft, erstanden zwei riesige 
Kübel mit schwarzer Farbe, dazu zwei Pinsel und eine lila Spraydose. 
Wir handelten dermaßen zielstrebig, als hätten wir das vorher abge-sprochen, 
aber so war es nicht. Wir hatten uns lediglich über Sinn und 
Unsinn des Todes unterhalten. Und genau das schien uns den Kick für 
alles weitere gegeben zu haben. 
In der Nacht machten wir uns ans Werk und bemalten diese riesige 
weiße Kiste schwarz, hinten drauf klebten wir ein goldenes Kreuz und 
mit Lila sprühten wir so geistreiche Sprüche auf die Motorhaube wie: 
Nur für lebende Leichen!, Nicht hupen! Fahrer ist tot oder auch Ein Herz 
für Totengräber, diese Art von Humor. Besoffen wie wir immer noch 
waren, lachten wir darüber wie verrückt. Naja, seit dieser Nacht ist 
Heintje der Besitzer des einzigen lebenden Leichenwagens auf der Welt. 
Zumindest kenne ich keinen anderen ... 
Am nächsten Tag ließ Heintje noch zwei Särge nach Maß anfertigen 
und postierte sie im hinteren Teil des Wagens – dahin, wo normalerwei-se 
die Bahren mit den Kranken und Verletzten reingeschoben werden. 
Da kann man zu zweit mehr oder weniger bequem drin pennen. Oder 
Gepäck reinschmeißen. Oder einen Saxophonkoffer. So wie wir jetzt. 
In jedem Falle haben solche Särge was für sich und sehen richtig chic 
aus. Das macht was her. [...] 
Nach dem Rastplatz-Aufenthalt, der uns über eine Stunde gekostet 
hatte, weigerte Heintje sich, das Steuer wieder in die Hand zu nehmen. 
Also musste ich ran. Ich war nicht glücklich über diese Entscheidung, 
aber ich hatte keine Wahl. Und eigentlich war es wirklich fantastisch, 
in einem großen, schweren Auto über den Asphalt zu gleiten. Der Mo-tor 
schnurrte träge und gleichmäßig, die Spätnachmittagssonne reflek-tierte 
glitzernd auf der riesigen Frontscheibe und kitzelte mir das Hirn 
durch, die Straße war voll irritierend bunter Autos, die ich überholte, 
die mich überholten, alles ging seinen chaotischen, wundervollen Gang. 
Monotones Grau und die leuchtend weißen Streifen flossen endlos in 
den Horizont, es war warm draußen, durchs halb heruntergekurbelte 
Fenster drang laue Luft ins Innere des Wagens ...
ABGEFUCKT 
– Liebe – 
Er & Sie 
Paul weiß, dass er Anna liebt, als er sie das erste 
Mal sieht. Oder genauer, als er ihre Hände 
sieht. Diese Hände! Er verfolgt jede ihrer Be-wegungen, 
ganz lange, wie sie aneinander klat-schen, 
sich flüchtig durchs lange schwarze Haar streichen, wie sie ver-stohlen 
Tränen von den Wangen wschen. Je länger Paul diese Hände 
beobachtet, desto faszinierter ist er von ihnen. Diese Hände erscheinen 
ihm perfekt, sie sind von makelloser Schönheit, denkt Paul, und alle ihre 
Bewegungen sind in sich ruhend und von einer Eleganz, die ihn tief im 
Inneren erschaudern lässt. 
Paul weiß schnell, dass er diese Hände niemals vergessen kann. Weil 
er sie niemals vergessen will. Diese Hände sind einzigartig. Paul liebt 
diese Hände, möchte von ihnen liebkost, verführt, festgehalten werden. 
Gleich darauf verliebt sich Paul in die Frau, der diese Hände gehören. 
[...] 
Paul kann sich nicht mehr auf das Geschehen da vorne konzentrie-ren. 
Er hat nur noch Augen für Anna und er weiß natürlich, dass er 
rasch handeln muss, wenn er die Frau mit diesen unvergesslichen Hän-den 
kennenlernen will. Das Konzert steckt im Zugaben-Teil, bald wer-den 
die Lichter in der Halle für immer angehen und danach werden 
diese Hände sich höchstens noch in Pauls Träumen eingraben, aber das 
wird ihm nicht viel helfen, diese Träume werden ihn höchstens an sein 
endgültiges Versagen erinnern. An den endgültigen Verlust der Liebe in 
seinem Leben. 
Also boxt sich Paul durch die dichtgedrängten Menschenmassen, steckt 
selbst jede Menge Schläge dabei ein, bis er sich endlich zum Getränke-stand 
durchgeschlagen hat. Er leiht sich von der freundlichen Bedienung 
hinter dem Tresen Abreißblock und Stift aus, dann beginnt er wie im 
Fieber, die winzigen Seiten des Blocks mit der Bierwerbung unten drauf
vollzuschreiben, umständlich an den Tresen gelehnt, während seine Lieb-lingsband 
sein Lieblingslied spielt, den letzten Song des Abends. 
Paul kritzelt wie im Fieber das Folgende: Prinzessin Sehnsucht! Ich 
habe Dich vor einigen Minuten gesehen und im nächsten Moment gewusst, 
dass ich Dich liebe. Bis ans Ende meiner Tage. Und wer weiß, vielleicht 
weit darüber hinaus. Wahrscheinlich macht mein Geständnis nicht viel 
Sinn, denn Du wirst mich deshalb für verrückt erklären. Was die Wahrheit 
ist, denn ich bin ein Verrückter in verrückten Zeiten wie diesen. Trotzdem 
sollst Du wissen, Engel aus ferner Zeit, dass es mir mit meinem Geständnis 
ernst ist. dass es an Aufrichtigkeit durch nichts zu überbieten ist. 
Ich verfolge mit diesem Geständnis keine Absicht – außer der, mein Leben 
mit Dir verbringen, meine Liebe mit Dir teilen zu wollen. Ich bin mir mei-ner 
Sache ganz sicher. Auch wenn sie sich letztendlich als Traum herausstellen 
mag. Doch ist nicht das ganze Leben ein Traum? Und die Liebe sowieso? 
Wenn Du mich kennenlernen und fortan mein Leben mit mir teilen 
willst, komm morgen Abend zwischen 8 und 9 Uhr ins ... (Paul schreibt 
Name und Adresse eines Lokals auf ). Dort werde ich sein und auf Dich 
warten. Wenn Du nicht kommst, werde ich ganz alleine meinen 30. Ge-burtstag 
feiern. Ich werde traurig sein, wenn ich Dich nicht treffen werde, 
aber das macht nichts, denn Traurigkeit ist ein starker Begleiter, wenn man 
sich mal auf sie eingelassen hat. Ich werde glücklich sein, wenn ich Dich in 
dem Lokal treffe, und Glück wäre ein Gefühl, das ich nicht so gut kenne 
wie die Traurigkeit. Aber glaube mir, wenn ich mich auf das Glück einlas-se, 
dann von morgen an, fest versprochen, und dann ganz und für immer. 
In diesem Moment gehen die Lichter in der Halle an. Paul gibt den 
Stift zurück an die freundliche Bedienung, dann boxt er sich wieder 
den Weg durch die Menge, während er nahezu verzweifelt den Blick in 
alle Richtungen schweifen lässt, den Abreißblock mit der Faust grim-mig 
umklammert. [...] 
Vorbereitungen 
«Ich fürchte, der Kerl ist verrückt», seufzt Anna ins Telefon – und 
denkt im selben Moment, dass sie auch verrückt sein muss. Schließlich 
zupft sie sich gerade die Wimpern, zuvor hat sie ungefähr dreihundert 
verschiedene Kleiderkombinationen ausprobiert und damit den ganzen
Tag verbracht, obwohl sie dafür eigentlich gar keine Zeit gehabt hätte. 
Es ist Sonntag, kurz vor 8 Uhr abends, Annas Vorbereitungen sind bei-nahe 
abgeschlossen. Gut so. 
«Geh bloß nicht dahin», wird Anna von ihrer besten Freundin Kath-rin 
am anderen Ende der Leitung beschwörend gewarnt. Anna hat 
Kathrin Pauls Nachricht am Telefon vorgelesen. Danach entstand ein 
langes Schweigen und danach hat Kathrin losgeprustet, ein bisschen zu 
laut und zu hysterisch für Annas Geschmack. «Du wirst dir so einen 
Mist doch nicht antun?», fragte Kathrin. «Du willst einen weiteren ver-lorenen 
Abend erleben? Davon hatten wir zu viele! Lass uns lieber ins 
Kino gehen, der neue De Niro-Film soll eine richtig schöne Roman-tik- 
Schnulze sein.» 
Vielleicht waren es gerade die letzten von Kathrins Sätzen, die Anna 
endgültig davon überzeugen, unbedingt zu dem Treffen mit diesem Ver-rückten 
zu gehen. Außerdem war das Lokal gut, in dem dieser Typ sitzen 
und auf sie warten würde. Hoffentlich – gegen eine Essenseinladung in 
einem guten Lokal hatte Anna noch nie etwas einzuwenden gehabt. 
Anna betrachtet sich noch eine Zeitlang im Spiegel, während sie wei-ter 
an ihren Wimpern zupft. Was sie im Spiegel sieht, gefällt ihr. Sie 
weiß, dass sie außerordentlich hübsch ist. Die Männer lieben ihr Ge-sicht. 
Ihren Körper. Ihr geheimnisvolles Lächeln. [...] 
Austausch 
Anna ist noch nie in diesem Lokal gewesen, doch sie hat viel davon 
gehört. Es ist klein und überschaubar, höchstens zehn Tische stehen 
darin, die Einrichtung ist karg und rustikal und dabei von zeitloser 
Eleganz. Nichts lenkt den Betrachter davon ab, wofür er hergekom-men 
ist – vom Essen. Alles ist, wie es sein soll, um einen angenehmen 
Abend zu verbringen. Die Musik dringt gedämpft aus den Lautspre-chern, 
das fällt Anna ebenfalls sofort auf, damit sie nicht die Gäste in 
ihrer Unterhaltung stört. Denn auch dafür trifft man sich in einem 
Lokal – zum Reden. 
Anna versucht sich an die geschätzten zwei Sekunden zu erinnern, in 
denen ihr Paul gegenüberstand, um ihr diesen lächerlichen Abreißblock 
in die Hand zu drücken. An sein Gesicht. Die Augen, den Mund.
Sie hat lediglich einen sehr verschwommenen Eindruck davon, raspel-kurze 
blonde Haare. Die Augen vermutlich blau. Und er wirkte hager, 
dieser Mann. ‹Das Gesicht wie der Körper. Eigentlich nicht mein Typ›, 
denkt Anna und muss kurz grinsen, ehe sie endgültig im Türrahmen 
des Lokals thront, ‹ich stehe genau auf das Gegenteil.› Und wieder 
fragt sie sich, warum sie heute Abend hierhergekommen ist, bestimmt 
nicht das erste Mal. 
«Lass dich überraschen, du hast nichts zu verlieren», murmelt sie sich 
aufmunternd zu. Sie blickt auf die Uhr: kurz vor Neun. Sie sieht sich 
im Raum um. Jemand winkt ihr von einem der kleinen Tische aus zu. 
Anna hasst dieses Winken. Ist sie ein Hund? Anna geht die wenigen 
Schritte auf diesen Tisch zu ... 
Im Verlag 
sind weiterhin erschienen: 
Seelenreise ISBN 978-3-943650-45-7 
Wenn Bäume sprechen könnten ISBN 978-3-943650-39-6 
Irrlichter des Todes ISBN 978-3-943650-33-4 
Du bist das Wunder ISBN 978-3-943650-24-2 
Jenseits, Tod und Sterben ISBN 978-3-943650-29-7 
Die Geschichtenerzählerin - 
Märchen für Erwachsene ISBN 978-3-943650-15-0 
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Der berühmteste Hund von Berlin ISBN 978-3- 943650-28-0 
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Als die Katze einen Tisch reservierte ISBN 978-3-943650-36-5 
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Alle Bücher auch als eBook im 
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  • 1. Wendebuch L E S E P R O B E Zwei Romane in Einem
  • 2. Über den Autor Michael Fuchs-Gamböck, seit 2011 in Diessen am Ammersee zu Hause, gewann 1985 den Literatur-Nachwuchspreis des Theaterfestivals Mün-chen. Der ausgebildete Redakteur hielt sich mehrere Jahre in Japan und Italien als Kulturkorrespondent für verschiedene Pressebüros auf. In Italien arbeitete er als Redaktionschef eines zweisprachigen Radio-senders. Von 1989 bis 1994 war er Ressortleiter bei der deutschsprachi-gen Ausgabe des Zeitgeist-Magazins Wiener, später in gleicher Funk-tion beim Playboy. Seit 1995 ist er freier Autor, u.a. für Cosmopolitan, Focus, MusikExpress und Marie Claire. Aktuell gibt es von Michael Fuchs-Gamböck rund drei Dutzend Buch-veröffentlichungen, unter anderem autorisierte Biografien über Xavier Naidoo, James Blunt oder Genesis, außerdem Interviewsammlungen von Gesprächen mit Madonna, den Rolling Stones, David Bowie und vielen mehr. (Ich hatte sie alle – Tee mit Madonna, Cognac mit Ron Wood. 40 Anekdoten aus 20 Jahren Rock’n’Roll-Irrsinn). 2011 ist darüber hinaus sein Gedichtband Die Lady kommt pünktlich erschienen. Über dieses Buch: Ein Wendebuch mit zwei Romanen – und genauso außergewöhnlich wie die Aufmachung des Buches ist auch sein Inhalt. Abgefuckt – Volksmusik: Ein On-the-Road-Movie, worin das rasante Leben von leidenschaftlichen Protagonisten beschrieben wird, die sich einem trotzigen Hier- und Jetzt-Existenzialismus verschrieben haben. Abgefuckt – Liebe geizt gleichfalls nicht mit überbordenden Gefühlen. Es geht um die Amour Fou eines Paars, das sich vorgenommen hat, ra-dikal das klassische Bild der Romantik im banalen Alltag zu leben. So manche Passage ist bewusst hart am Rande des Kitsches angesiedelt, ohne dass der Autor je nach hinten kippen würde. Diese beiden gegensätzlichen Storys haben gemeinsame Klammern – die Reizworte Emotionen und Existenzialismus; damit gehören die zwei Werke in einen Band, weil einfach abgefuckt! ISBN: 978-3-943-65048-8
  • 3. ABGEFUCKT – Volksmusik – Clac-clac-clac-clac. Der Wasserhahn tropfte. Ungefähr alle zehn Sekunden fiel ein Tropfen ins Becken. Ich lauschte und stellte fest, dass es mich wahn-sinnig machte. Clac-clac-clac-clac. Ich war im Delirium, aber ich raffte mich auf und wollte zum Schrank stürzen. Fiel natürlich über den Lautsprecher, fluchte gequält und lag flach. Der Lautsprecher war unter mir begra-ben und drückte mir in die Eier. Das alles war eine gewaltige Scheiße! Irgendwann stand ich doch vor dem Schrank. Ich öffnete ihn und der halb reparierte Fernseher kam mir entgegen, danach fiel mir – plonk – die Bratpfanne auf den Schädel. In diesem Moment fühlte ich mich extrem angeschlagen. Das durfte alles nicht wahr sein! «Nur nicht die Hektik, Mann», versuchte ich mich selbst zu beruhi-gen. Mit der Linken den Kopf abdeckend, wühlte ich in der stinken-den Bettwäsche herum, in muffigen Klamotten, in verrotteten Dosen, auf deren Inhalt ich nicht sonderlich scharf war. Da! – Ich packte den Hammer und tastete mich vorsichtig zum Waschbecken vor. Richtig, der Wasserhahn! Zuerst probierte ich es mit einem sanften Schlag vor-ne auf die Krümmung. Clac-clac-clac-clac. Nichts zu machen. Ich nahm den Hammer in beide Hände und schlug zu. Das geschwungene Teil des Hahns verbog sich ein ordentliches Stück. Trotzdem, es tropfte weiter. Clac-clac-clac-clac. Ich wurde scheißwütend. Wie irre drosch ich auf den Hahn ein und hatte ihn schließlich soweit zu gehämmert, dass überhaupt kein Wasser mehr rauskommen konnte. Von unten klopfte es auch. ‹Fick dich doch selber Mann!› Ich hatte jetzt wahrlich andere Probleme. Ein Leben in diesem Land, ohne Wasser zum Waschen oder Trinken. Was war das für eine Existenz?
  • 4. Ich haute mich wieder in die Falle. Ah, ich würde jetzt noch eine herrliche Runde schlafen, dachte ich. Aber mein Ding stand kerzenge-rade in den Himmel, da war nix mehr mit Schlafen. Nach einer Weile knipste ich die Lampe neben meinem Bett an. Starrte auf den Wecker, der rasselnde Geräusche von sich gab. Was um Himmels willen konn-te mich dazu bringen, um vier Uhr morgens mit einem Ständer im Bett zu sitzen? Ich legte eine Maria Hellwig-Scheibe auf den Platten-teller und ließ sie rotieren. Mann, es war wirklich riesig! Der Typ unter mir klopfte schon wieder an die Decke, diesmal um einiges heftiger. Ich beschloss, dass ich keinen neuen Krach heraufbe-schwören wollte und stülpte mir die Kopflauscher über. Der Sound ging mir direkt ins Ohr. Maria ist schlicht die Größte für mich. Einfach be-wegend! Ich starrte die Plattenhülle an. Starrte diese riesigen Fleischmassen an, die unter dem knappen Dirndl hervorquollen. Im Hintergrund wa-ren die Berge zu sehen, viel zu klar und sehr kitschig. Und Maria lächelte, breit und dabei unergründlich. Sie schien mir direkt ins Ge-sicht zu grinsen. Ich begann, an meinem Ding rum zu reiben, so hef-tig, bis es schmerzte. Als ich die Augen zumachte, sah ich mich in einer Seilbahn sitzen, die langsam und mit knirschenden Zahnrädern den Berg hochfuhr. Sie bahnte sich zäh und unbeirrt ihren Weg. Auf mei-nem Schoß saß Maria, rieb sich an mir und jodelte. Mir kam es rasch. Ich legte die Hülle weg, machte das Licht aus und irgendwann schlief ich ein. Ziemlich bald wachte ich wieder auf. Kaum, dass ich vier Stunden über die Runden gebracht hatte. Auf dem Plattenteller rotierte die Hell-wig- Scheibe in der Auslaufrille, es knackte, endlose Umdrehungen lang, immer weiter und weiter. Den Kopfhörer hatte ich noch über die Lau-scher geklemmt, und es rauschte monoton in meinen Ohren. Ich schmiss die Platte erneut an, drehte den Kopfhörer-Stecker raus und den Laut-stärkeregler meines mickrigen Verstärkers bis zum Anschlag. Der Tag begann großartig, er war ein Fest! [...] ***** Ich hockte in Barney’s Bar. Barney kocht den besten Kamillentee der Welt und den hatte mein Magen jetzt dringend nötig.
  • 5. «Barney, verdammt – bring mir ‘ne Schachtel Kippen!» «Wieso ‘n das?» «Ah, weißte, meine stecken noch im Automaten fest.» «Haste Kohle?» »Oh, Mann ...» «Welche Sorte?» «Bensons. Du bist ‘n Goldstück, Barney!» Ehrlich, ich liebe diese schwülstige Verpackung, in der die Benson & Hedges stecken. Die Zigaretten selbst schmecken nicht so wild, viel zu stark parfümiert. Aber die Schachtel ... Ich weiß nicht, wie Barney sich über die Runden bringt. Ich kenne niemanden, der bar in seiner Kneipe zahlt. Die ganze Stadt lässt bei ihm anschreiben. Barney ist klein, von gedrungener Gestalt und an die 40. Das Auf-fälligste an ihm ist sein dichter, an den Enden aufgezwirbelter Bart und seine stoische Ruhe, mit der er hinter dem Tresen verharrt, selbst wenn ganze Hundertschaften nach ihren Getränken brüllen. «König in die-sem Haus bin ich, nicht der Kunde», pflegt er zu sagen. Barney legte mir die Bensons ganz sachte auf den Tisch, und ich hielt endlich wieder eine Kippe zwischen den Lippen geklemmt. Das ist wirk-lich ein erhebendes Gefühl: Dein Wegwerffeuerzeug schnippt, die Flam-me erscheint, du saugst gierig und pumpst gleich darauf den ersten Zug tief in deine Lungen. In diesem Moment bist du vollkommen und eins mit den Elementen. Plötzlich trat Randy durch die Flügeltür von Barney’s Bar und aus war es mit den Elementen und dem erhabenen Gefühl. Randys Blick war wie immer grübelnd, sein schlurfender Gang verriet, dass er wieder mal sämtliches Unglück dieser Welt auf seinen mickrigen Schultern trug. Obwohl seine Augen steil nach unten auf die Holzdielen gerichtet wa-ren, hatte Randy mich sofort ausgemacht und steuerte konsequent auf meinen Tisch zu. Ich weiß nicht, wie er das jedes Mal schafft. Damit fasziniert er mich immer wieder aufs neue. Trotzdem dachte ich mir: ‹Shit, jetzt geht wieder die Sache mit dem großen Weltschmerz ab. Ver-piss dich, Randy, ich halt das heute nicht aus!› [...] *****
  • 6. Na gut, und plötzlich hatte ich diese wirklich fabelhafte Idee, Ingman zu besuchen. Ingman ist ein langes Kapitel für sich, das sind eigentlich zwei Menschen – Ingeborg und Manfred. Ich sage deshalb eigentlich, weil die beiden sich als das harmonische Eine betrachten. Sie stecken seit sieben Jahren unentwegt zusammen, und sie sind allen Ernstes ver-rückt. Das ist gut so! Der Mensch braucht ein paar Konstanten im Leben. Verrückte Freunde sind das Beste, was ihm passieren kann. Mit Ingman kann man sich über die irrsten Dinge unterhalten, alles ist erlaubt. Man lacht schrill, veranstaltet Kissenschlachten, man schweigt und streichelt sich stundenlang, alles passiert ohne Scheu, ohne Scham, ohne spätere Reue. Es geht um Nähe und um Wärme, und darum, dass einen die Welt da draußen eine Zeit lang am Arsch lecken kann. Oder sie/das harmonische Eine laden/lädt dich zum Käsefondue ein, was sie/ es häufig tun/tut. Natürlich ist der Rotweinvorrat wesentlich ergiebiger als der Käsevorrat und so endet dieses Fondue jedes Mal in einem ge-waltigen Besäufnis und man ist nicht satt, aber über und über mit Käse beschmiert. Du stinkst zehn Meilen gegen den Wind wie zwei Dutzend ausgelatschter Sandalen, alles an dir ist verklebt und das tollste daran – du fühlst dich so verdammt glücklich, dass du dich vor lauter Glück stundenlang am Boden wälzen könntest. Beziehungsweise – du tust es. Seit einem Jahr kann man Ingman nur noch zuhause antreffen. Denn seitdem liegen die beiden in ihrer Wohnung in einem riesengroßen Bett und schauen fern oder lesen (natürlich gemeinsam und dasselbe Buch) oder essen oder vögeln (auch gemeinsam) oder unterhalten sich mit den Leuten, die sie besuchen kommen. Lauter solche Dinge. [...] ***** Unten hupte ein Auto – zweimal lang, dreimal kurz. Das Ho-Chi- Minh-Erkennungshupen. Heintje war also da. Bis vor kurzem hatte ich keinen Schimmer gehabt, wer Ho-Chi-Minh war. Als ich es endlich wusste, machte ihn mir das auch nicht sympa-thischer. Aber das Ho-Chi-Minh-Erkennungshupen, das nimmt mich jedes Mal aufs neue mit und rüttelt mich auf. Ich hörte hektische Schritte im Treppenhaus und ein klägliches Keu-chen und Ächzen, ausgesandt von einem Paar asthmatischer Lungen. Kein Zweifel, Heintje war im Anmarsch. Wie jedes Mal schrie ich nach
  • 7. unten, «Pass auf das verfluchte Geländer auf», schon stand Heintje in ganzer Leibesfülle vor mir im Türrahmen, drückte mir einen dicken Kuss auf die Stirn und lief danach hektisch in meiner Wohnung auf und ab, während er brüllte, «Na los, na los, wir müssen sofort aufbre-chen, jede Sekunde ist kostbar, Kumpel!» Ich spürte, Heintje war kurz vor dem Durchdrehen, und Heintje war prächtigster Laune, das geht bei ihm stets Hand in Hand. Klar, dies-mal drehte es sich um die Liebe und das Leben gleichermaßen, minde-stens, und Heintje war sich darüber voll im klaren. Er war dermaßen prächtig aufgelegt, dass er sich sogar meine gute, alte, feuerrote Reisetasche schnappte und sie für mich die fünf Stock-werke nach unten trug. So blieb für mich nur der schwarze Saxophon- Koffer übrig. Ohne den gehe ich nirgendwohin. Ich ließ noch einen letzten Blick über meine Bude kreisen. Alles lag wild durcheinander, demnach war alles in Ordnung. Die Miete für die letzten drei Monate war beglichen (der Vermieter hatte mich nur ungläubig angestarrt und war kurz davor, die Polizei anzurufen, um sich zu erkundigen, ob letz-te Nacht ein Bankraub stattgefunden hatte) und ich hatte es irgendwie sogar noch geschafft, bei der Sparkasse aufzukreuzen und 500 Märker in Lire umzutauschen. Ingman waren diesmal verflucht spendabel ge-wesen. Ich sperrte die Haustüre hinter mir zu. Kein Zweifel, es konn-te losgehen ... Heintje hatte seine riesige Kiste wie gewohnt direkt vor dem Haus auf dem Bürgersteig geparkt und versperrte damit den Fußgängern jeg-liche Chance auf ein Durchkommen. Aber die Pietät verbot es den Passanten, sich darüber aufzuregen – schließlich sah Heintjes Karre ori-ginal wie ein Leichenwagen aus. Hätten die Leute dem Auto einen zweiten Blick gegönnt, wären sie rasch draufgekommen, dass es sich dabei um nichts als eine plumpe Fälschung, einen lachhaften, schwarz lackierten Krankenwagen han-delte. Heintje hatte ihn bei einer Auktion im örtlichen Hospital vor drei Jahren zu einem Spottpreis erstanden. Das Ding hatte zwar hun-derttausende von Kilometern auf der Maschine, aber es lief noch wie eine Eins. Nur die Farbe war stocklangweilig gewesen – dieses klinische Weiß, wie es solche Wagen eben im Normalfall haben. Ein paar Wochen, nach-
  • 8. dem Heintje die Karre gekauft hatte, waren wir schon am späten Nachmittag so besoffen, dass wir kaum noch geradeaus schauen konn-ten. Aber Heintje konnte wenigstens geradeaus fahren, also machten wir uns auf den Weg zu einem Farbengeschäft, erstanden zwei riesige Kübel mit schwarzer Farbe, dazu zwei Pinsel und eine lila Spraydose. Wir handelten dermaßen zielstrebig, als hätten wir das vorher abge-sprochen, aber so war es nicht. Wir hatten uns lediglich über Sinn und Unsinn des Todes unterhalten. Und genau das schien uns den Kick für alles weitere gegeben zu haben. In der Nacht machten wir uns ans Werk und bemalten diese riesige weiße Kiste schwarz, hinten drauf klebten wir ein goldenes Kreuz und mit Lila sprühten wir so geistreiche Sprüche auf die Motorhaube wie: Nur für lebende Leichen!, Nicht hupen! Fahrer ist tot oder auch Ein Herz für Totengräber, diese Art von Humor. Besoffen wie wir immer noch waren, lachten wir darüber wie verrückt. Naja, seit dieser Nacht ist Heintje der Besitzer des einzigen lebenden Leichenwagens auf der Welt. Zumindest kenne ich keinen anderen ... Am nächsten Tag ließ Heintje noch zwei Särge nach Maß anfertigen und postierte sie im hinteren Teil des Wagens – dahin, wo normalerwei-se die Bahren mit den Kranken und Verletzten reingeschoben werden. Da kann man zu zweit mehr oder weniger bequem drin pennen. Oder Gepäck reinschmeißen. Oder einen Saxophonkoffer. So wie wir jetzt. In jedem Falle haben solche Särge was für sich und sehen richtig chic aus. Das macht was her. [...] Nach dem Rastplatz-Aufenthalt, der uns über eine Stunde gekostet hatte, weigerte Heintje sich, das Steuer wieder in die Hand zu nehmen. Also musste ich ran. Ich war nicht glücklich über diese Entscheidung, aber ich hatte keine Wahl. Und eigentlich war es wirklich fantastisch, in einem großen, schweren Auto über den Asphalt zu gleiten. Der Mo-tor schnurrte träge und gleichmäßig, die Spätnachmittagssonne reflek-tierte glitzernd auf der riesigen Frontscheibe und kitzelte mir das Hirn durch, die Straße war voll irritierend bunter Autos, die ich überholte, die mich überholten, alles ging seinen chaotischen, wundervollen Gang. Monotones Grau und die leuchtend weißen Streifen flossen endlos in den Horizont, es war warm draußen, durchs halb heruntergekurbelte Fenster drang laue Luft ins Innere des Wagens ...
  • 9. ABGEFUCKT – Liebe – Er & Sie Paul weiß, dass er Anna liebt, als er sie das erste Mal sieht. Oder genauer, als er ihre Hände sieht. Diese Hände! Er verfolgt jede ihrer Be-wegungen, ganz lange, wie sie aneinander klat-schen, sich flüchtig durchs lange schwarze Haar streichen, wie sie ver-stohlen Tränen von den Wangen wschen. Je länger Paul diese Hände beobachtet, desto faszinierter ist er von ihnen. Diese Hände erscheinen ihm perfekt, sie sind von makelloser Schönheit, denkt Paul, und alle ihre Bewegungen sind in sich ruhend und von einer Eleganz, die ihn tief im Inneren erschaudern lässt. Paul weiß schnell, dass er diese Hände niemals vergessen kann. Weil er sie niemals vergessen will. Diese Hände sind einzigartig. Paul liebt diese Hände, möchte von ihnen liebkost, verführt, festgehalten werden. Gleich darauf verliebt sich Paul in die Frau, der diese Hände gehören. [...] Paul kann sich nicht mehr auf das Geschehen da vorne konzentrie-ren. Er hat nur noch Augen für Anna und er weiß natürlich, dass er rasch handeln muss, wenn er die Frau mit diesen unvergesslichen Hän-den kennenlernen will. Das Konzert steckt im Zugaben-Teil, bald wer-den die Lichter in der Halle für immer angehen und danach werden diese Hände sich höchstens noch in Pauls Träumen eingraben, aber das wird ihm nicht viel helfen, diese Träume werden ihn höchstens an sein endgültiges Versagen erinnern. An den endgültigen Verlust der Liebe in seinem Leben. Also boxt sich Paul durch die dichtgedrängten Menschenmassen, steckt selbst jede Menge Schläge dabei ein, bis er sich endlich zum Getränke-stand durchgeschlagen hat. Er leiht sich von der freundlichen Bedienung hinter dem Tresen Abreißblock und Stift aus, dann beginnt er wie im Fieber, die winzigen Seiten des Blocks mit der Bierwerbung unten drauf
  • 10. vollzuschreiben, umständlich an den Tresen gelehnt, während seine Lieb-lingsband sein Lieblingslied spielt, den letzten Song des Abends. Paul kritzelt wie im Fieber das Folgende: Prinzessin Sehnsucht! Ich habe Dich vor einigen Minuten gesehen und im nächsten Moment gewusst, dass ich Dich liebe. Bis ans Ende meiner Tage. Und wer weiß, vielleicht weit darüber hinaus. Wahrscheinlich macht mein Geständnis nicht viel Sinn, denn Du wirst mich deshalb für verrückt erklären. Was die Wahrheit ist, denn ich bin ein Verrückter in verrückten Zeiten wie diesen. Trotzdem sollst Du wissen, Engel aus ferner Zeit, dass es mir mit meinem Geständnis ernst ist. dass es an Aufrichtigkeit durch nichts zu überbieten ist. Ich verfolge mit diesem Geständnis keine Absicht – außer der, mein Leben mit Dir verbringen, meine Liebe mit Dir teilen zu wollen. Ich bin mir mei-ner Sache ganz sicher. Auch wenn sie sich letztendlich als Traum herausstellen mag. Doch ist nicht das ganze Leben ein Traum? Und die Liebe sowieso? Wenn Du mich kennenlernen und fortan mein Leben mit mir teilen willst, komm morgen Abend zwischen 8 und 9 Uhr ins ... (Paul schreibt Name und Adresse eines Lokals auf ). Dort werde ich sein und auf Dich warten. Wenn Du nicht kommst, werde ich ganz alleine meinen 30. Ge-burtstag feiern. Ich werde traurig sein, wenn ich Dich nicht treffen werde, aber das macht nichts, denn Traurigkeit ist ein starker Begleiter, wenn man sich mal auf sie eingelassen hat. Ich werde glücklich sein, wenn ich Dich in dem Lokal treffe, und Glück wäre ein Gefühl, das ich nicht so gut kenne wie die Traurigkeit. Aber glaube mir, wenn ich mich auf das Glück einlas-se, dann von morgen an, fest versprochen, und dann ganz und für immer. In diesem Moment gehen die Lichter in der Halle an. Paul gibt den Stift zurück an die freundliche Bedienung, dann boxt er sich wieder den Weg durch die Menge, während er nahezu verzweifelt den Blick in alle Richtungen schweifen lässt, den Abreißblock mit der Faust grim-mig umklammert. [...] Vorbereitungen «Ich fürchte, der Kerl ist verrückt», seufzt Anna ins Telefon – und denkt im selben Moment, dass sie auch verrückt sein muss. Schließlich zupft sie sich gerade die Wimpern, zuvor hat sie ungefähr dreihundert verschiedene Kleiderkombinationen ausprobiert und damit den ganzen
  • 11. Tag verbracht, obwohl sie dafür eigentlich gar keine Zeit gehabt hätte. Es ist Sonntag, kurz vor 8 Uhr abends, Annas Vorbereitungen sind bei-nahe abgeschlossen. Gut so. «Geh bloß nicht dahin», wird Anna von ihrer besten Freundin Kath-rin am anderen Ende der Leitung beschwörend gewarnt. Anna hat Kathrin Pauls Nachricht am Telefon vorgelesen. Danach entstand ein langes Schweigen und danach hat Kathrin losgeprustet, ein bisschen zu laut und zu hysterisch für Annas Geschmack. «Du wirst dir so einen Mist doch nicht antun?», fragte Kathrin. «Du willst einen weiteren ver-lorenen Abend erleben? Davon hatten wir zu viele! Lass uns lieber ins Kino gehen, der neue De Niro-Film soll eine richtig schöne Roman-tik- Schnulze sein.» Vielleicht waren es gerade die letzten von Kathrins Sätzen, die Anna endgültig davon überzeugen, unbedingt zu dem Treffen mit diesem Ver-rückten zu gehen. Außerdem war das Lokal gut, in dem dieser Typ sitzen und auf sie warten würde. Hoffentlich – gegen eine Essenseinladung in einem guten Lokal hatte Anna noch nie etwas einzuwenden gehabt. Anna betrachtet sich noch eine Zeitlang im Spiegel, während sie wei-ter an ihren Wimpern zupft. Was sie im Spiegel sieht, gefällt ihr. Sie weiß, dass sie außerordentlich hübsch ist. Die Männer lieben ihr Ge-sicht. Ihren Körper. Ihr geheimnisvolles Lächeln. [...] Austausch Anna ist noch nie in diesem Lokal gewesen, doch sie hat viel davon gehört. Es ist klein und überschaubar, höchstens zehn Tische stehen darin, die Einrichtung ist karg und rustikal und dabei von zeitloser Eleganz. Nichts lenkt den Betrachter davon ab, wofür er hergekom-men ist – vom Essen. Alles ist, wie es sein soll, um einen angenehmen Abend zu verbringen. Die Musik dringt gedämpft aus den Lautspre-chern, das fällt Anna ebenfalls sofort auf, damit sie nicht die Gäste in ihrer Unterhaltung stört. Denn auch dafür trifft man sich in einem Lokal – zum Reden. Anna versucht sich an die geschätzten zwei Sekunden zu erinnern, in denen ihr Paul gegenüberstand, um ihr diesen lächerlichen Abreißblock in die Hand zu drücken. An sein Gesicht. Die Augen, den Mund.
  • 12. Sie hat lediglich einen sehr verschwommenen Eindruck davon, raspel-kurze blonde Haare. Die Augen vermutlich blau. Und er wirkte hager, dieser Mann. ‹Das Gesicht wie der Körper. Eigentlich nicht mein Typ›, denkt Anna und muss kurz grinsen, ehe sie endgültig im Türrahmen des Lokals thront, ‹ich stehe genau auf das Gegenteil.› Und wieder fragt sie sich, warum sie heute Abend hierhergekommen ist, bestimmt nicht das erste Mal. «Lass dich überraschen, du hast nichts zu verlieren», murmelt sie sich aufmunternd zu. Sie blickt auf die Uhr: kurz vor Neun. Sie sieht sich im Raum um. Jemand winkt ihr von einem der kleinen Tische aus zu. Anna hasst dieses Winken. Ist sie ein Hund? Anna geht die wenigen Schritte auf diesen Tisch zu ... Im Verlag sind weiterhin erschienen: Seelenreise ISBN 978-3-943650-45-7 Wenn Bäume sprechen könnten ISBN 978-3-943650-39-6 Irrlichter des Todes ISBN 978-3-943650-33-4 Du bist das Wunder ISBN 978-3-943650-24-2 Jenseits, Tod und Sterben ISBN 978-3-943650-29-7 Die Geschichtenerzählerin - Märchen für Erwachsene ISBN 978-3-943650-15-0 Shiva kläfft - Der berühmteste Hund von Berlin ISBN 978-3- 943650-28-0 Gourmetkatze - Als die Katze einen Tisch reservierte ISBN 978-3-943650-36-5 Glück schenken (Geschenkband) ISBN 978-3-943650-14-3 Alle Bücher auch als eBook im Format epub und für Kindle erhältlich! www.pax-et-bonum.net