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NAVIGATING
BREXIT
Oktober 2017
Thomas Wimmer
Hill+Knowlton Strategies
thomas.wimmer@hkstrategies.com
 © Hill+Knowlton Strategies
NAVIGATING BREXIT
2
Ihr kennt die Bilder …
Was bisher
passiert ist.
 © Hill+Knowlton Strategies
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4
Was bisher passiert ist (i)
+ 1973: Das Vereinigte Königreich tritt der EWG bei;
Volksabstimmung 1975 bestätigt diesen Schritt (67 %).
+ Meinungsumfragen 1973–2015 zeigen zumeist deutliche
Mehrheiten der Briten für Verbleib in EWG bzw. EU.
+ Dennoch: Fortwährende Debatten über das Verhältnis
UK vs. Europa
 70er/80er Jahre: Labour-Politiker und Gewerkschaften
für Austritt
 1984: „Britenrabatt“ (Thatcher)
 seit den 90ern: v.a. UKIP sowie
Politiker der Konservativen für Austritt
„I want my money back.“
 © Hill+Knowlton Strategies
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5
Was bisher passiert ist (ii)
+ David Cameron (Premierminister 2010-16) gerät zunehmend
unter Druck
 Januar 2013: kündigt Referendum über EU-Verbleib
für den Fall seiner Wiederwahl an
 Februar 2016: Bekanntgabe 23. Juni als Tag des
Referendums
+ 23. Juni 2016: 51,89 % der Wähler (37,44 % der Wahlberech-
tigten) stimmen für Austritt aus der Europäischen Union.
+ Rücktritt Cameron
+ 13. Juli: Theresa May Premierministerin
+ Kabinett mit EU-Skeptikern v.a. David Davis (Austritt aus der
EU), Boris Johnson (Außen), Liam Fox (Handel).
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6
Exkurs: Das Referendum
• Einfache ja/nein-
Abstimmung. Art
und Bedingungen
des Ausstiegs
nicht thematisiert
(auch nicht in den
Kampagnen).
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7
Exkurs: Das Referendum
Wahlbeteiligung nach Altersgruppen
 © Hill+Knowlton Strategies
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8
Was bisher passiert ist (iii)
+ Januar 2017: May stellt Zwölf-Punkte-Plan vor („hard Brexit“):
 keine EU-Teilmitgliedschaft oder assoziierte Mitgliedschaft
 UK soll aus Binnenmarkt, Zollunion und Europäischem Gerichtshof
ausscheiden
+ 29. März: GB leitet Austrittsprozess gemäß Artikel 50 des Vertrags über
die Europäische Union („Maastricht“) durch schriftliche Mitteilung an den
Europäischen Rat in die Wege. Damit ist nach der vertraglich
vorgesehenen maximal zweijährigen Verhandlungsperiode mit dem
Austritt für März 2019 zu rechnen.
+ 8. Juni: Neuwahlen; deutliche Schwächung der Regierung May
+ 19. Juni ff.: 1. Verhandlungsrunde
+ 28. Aug ff.: 3. Verhandlungsrunde
 GB lehnt Basis der finanziellen Forderungen der EU („Brexit bill“) ab.
 Michael Barnier: „We haven‘t noted any decisive progress on the
principal subjects.“
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9
Was bisher passiert ist (iv)
+ 15. Sep 2017: Außenminister Boris Johnson
 “My vision for a bold, thriving Britain enabled by Brexit.”
 “a grand vision of Britain’s ‘glorious’ post-Brexit future as a
low-tax, low regulation economy paying nothing to the EU
for access to the single market.”
+ 22. Sep 2017: „Florenz-Rede“ von Theresa May
 “The strength of feeling that the British people have about
this need for control and the direct accountability of their
politicians is one reason why (…) the UK has never totally
felt at home being in the EU. (…) because of our history
and geography, the EU never felt to us like an integral part
of our national story …”
 May signalisiert „weichere“ Linie (u.a. 2 Jahre Übergang
mit fortlaufender Zahlung der EU-Beiträge)
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10
Wo stehen wir aktuell?
+ 25.-28. Sep 2017: 4. Verhandlungsrunde
 Barnier: „constructive week“, „new dynamic“
 Jedoch: Kein Durchbruch bei zentralen Fragen (Brexit bill,
EU-Außengrenze Irland, Wohn- und Arbeitsrechte UK- und
EU-Bürger).
 Unwahrscheinlich, dass Europäischer Rat bei Tagung am
19./20. Oktober „sufficient progress“ feststellen wird
(Voraussetzung für Aufnahme der Verhandlungen über
zukünftige Handelsbeziehungen und Übergangsphase).
+ 28. Sep: Resolution EU-Parlament
 2-jährige Übergangsfrist nur, wenn alle Fragen des Austritts –
inkl. Austrittsrechnung – geklärt sind!
 EU-Parlament muss Austrittsvertrag absegnen!
+ 1.-4. Okt: Conservative Party Conference, Manchester
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11
Hintergründe der britischen Position
+ Die Tendenz innerhalb der britischen Regierung, auf einen „harten“
Brexit zuzusteuern bzw. einen solchen zumindest in Kauf zu
nehmen, erklärt sich durch die innenpolitische Dynamik in GB nach
dem Brexit-Referendum:
 Das Referendum vom Juni 2016 wird als klares Votum für die
Unabhängigkeit von europäischer Kontrolle und Gesetzgebung
und gegen Freizügigkeit („Let‘s take back control!“) interpretiert.
Ein Entgegenkommen gegenüber der EU gilt vielen Akteuren
hingegen als „Signal der Schwäche“. Diese Sichtweise
überlagert wirtschaftliche Bedenken.
 Keine Variante eines „weichen“ Brexits ist vereinbar mit dem
Selbstverständnis GBs, eine zumindest regional, wenn nicht
globale Macht zu sein (Sitz im UN-Sicherheitsrat, Nuklearmacht,
enger Partner der USA).
 Die politische Elite lehnt einen Status vis-à-vis der EU wie etwa
den Norwegens rigoros ab – weil man dadurch vom Gestalter
zum Empfänger europäischer Regeln würde.
 Es gibt gegen einen harten Brexit keine starke politische
Opposition. Auch nicht von Labour.
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NAVIGATING BREXIT
12
“Rote Linien” GB
+ Gesetze GB sollen ausschließlich in GB gemacht werden
+ Vollständige Beendigung der Jurisdiktion des EuGH in GB
+ Beendigung der Freizügigkeit
+ Aber: Offenhaltung der Landgrenze Irland/Nordirland
+ GB soll ohne Einschränkungen Freihandelsabkommen mit Drittstaaten
(z.B. USA) eingehen können
 Damit sind Formen der Teilintegration (wie z.B. Norwegen,
Schweiz, Türkei) ausgeschlossen. Beteiligung am
EU-Binnenmarkt oder EU-Zollunion hiermit unvereinbar.
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13
Verhandlungspositionen EU
+ Kein “Rosinenpicken” einzelner Elemente des Binnenmarktes.
+ Voraussetzung für den Zugang zum Binnenmarkt:
Akzeptanz aller vier Grundfreiheiten (Waren-, Personen-,
Dienstleistungs-, Kapitalverkehr).
+ Verhandlungen werden auf Basis geeinter EU-Position geführt.
Keine bilateralen Verhandlungen!
+ Erst Verhandlungen über Austritt (dabei u.a. Regelungen zum
“exit bill” [EU-Kommission: 60-100 Mrd. EUR] sowie zu den
Rechten von EU-Bürgern in GB). Danach Regelung zukünftiger
Beziehungen.
+ In Zukunft partnerschaftliches Verhältnis und Freihandels-
abkommen. Aber unter Bedingungen, z.B.: Übergangsphase nur
bei voller Beachtung der Pflichten GBs; Finalisierung
Freihandelsabkommen erst nach Austritt; auch dann kein
Binnenmarkt-ähnlicher Zugang.
Auswirkungen des
Brexit.
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NAVIGATING BREXIT
15
(Wirtschaftliche) Folgen des Brexit
 Szenarien für wirtschaftliche Auswirkungen sind abhängig von
künftigen Beziehungen zu EU – Vorhersagen haben daher den
Charakter von “Kaffeesatzleserei”
Ein paar wichtige Fakten:
 GB:
 exportiert ca. 47% seiner Waren in EU27 (das ist deutlich mehr
als z.B. in die USA)
 Finanzplatz London: führende Rolle v.a. durch “passporting” von
Finanzprodukten – diese Vereinbarung würde bei Brexit entfallen
 Deutschland:
 7,5% aller deutschen Export gehen nach GB, ca. 550.000
Arbeitsplätze hängen an Export nach GB (v.a. Fahrzeuge,
Pharma, Maschinenbau)
 Deutscher Handelsüberschuss vs. GB 2015: ca. 51 Mrd EUR
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NAVIGATING BREXIT
16
Risiken für deutsche Wirtschaft
 “… Unternehmen aus DE drohen bei einem ‘harten Brexit’, dem
Abschied GBs vom europäischen Binnenmarkt, hohe Einbußen ...”
 “Die britische Volkswirtschaft ist der zweitgrößte Markt der EU – da
kann kein Unternehmen mit Exportgeschäft den Brexit ignorieren.”
(Alexander Börsch, Chefökonom Deloitte)
 Beschäftigte bei Niederlassungen bzw. Tochterfirmen deutscher
Unternehmen in GB: ca. 400.000
 BDI erwartet “sehr harten Brexit”; britische Regierung hat kein “klares
Konzept” (Haupt-GF Joachim Lang, Spiegel Online, 5.10.2017)
07.03.2017
0 5 10 15 20 25
RWE
BMW
Deutsche Post
Heidelberg Cement
Lufthansa
Umsatzanteil DAX-Konzerne in GB
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NAVIGATING BREXIT
17
Verlagerungen von GB nach EU27
 “Mehr als jedes vierte Unternehmen aus der Eurozone will wegen
des Austritts GBs aus der EU seine Präsenz auf der Insel entweder
stark reduzieren oder dem Land den Rücken kehren. Mehr als ein
Drittel wollen ihre Investitionen in GB zurückfahren.”
 “Die Ungewissheit über die Zukunft der wichtigen Handels-
beziehungen zwischen GB und der EU nach dem Austritt belastet
zunehmend die Wirtschaftsentwicklung.”
 “Banken und andere Finanzdienstleister sind die mit Abstand
wichtigste Exportbranche GBs. Sie befürchten, dass sie nach dem
Brexit den bisherigen freien Zugang zu Kunden in der EU verlieren.”
 “… Citi, Goldman Sachs, Deutsche Bank und Morgan Stanley
haben bereits angekündigt, Geschäfte und Arbeitsplätze von
London auf den Kontinent zu verlagern.”
 London wird bei hartem Brexit “allein im Großkundengeschäft der
Banken bis zu 40.000 Arbeitsplätze verlieren” (Oliver Wyman)
22.09.2017
„Frankfurt der
große Gewinner“
04.09.2017
 © Hill+Knowlton Strategies
NAVIGATING BREXIT
18
(Politische) Folgen des Brexit
 GB: zweitgrößter Nettozahler in EU-Haushalt (2015: 11,5 Mrd
EUR) – d.h. Mehrbelastung der verbleibenden Nettozahler
oder Reduzierung des EU-Budgets
 Verschiebung der Kräfteverhältnisse
 Deutschland und andere eher wirtschaftsliberal geprägte
EU-Länder verlieren 35%-Sperrminorität im Europäischen
Rat. Dies kann es anderen EU-Ländern erleichtern,
Interessen durchzusetzen (z. B. Lockerung der
Haushaltsdisziplin)
 Brexit als Impuls für Vertiefung der EU?
 Oder als „Anfang vom Ende“?
Fazit.
 © Hill+Knowlton Strategies
NAVIGATING BREXIT
20
Fazit
+ Brexit + zukünftige Beziehungen: komplexer, mehrstufiger Prozess ohne
Präzedenz
+ Einigung über zukünftige Beziehungen bis März 2019 illusorisch
+ GB “hat keinen Plan” (“hard Brexit” ja/nein, “Brexit bill” etc.) –
unterschiedliche Vorstellungen der relevanten Akteure
+ EU bislang wenig kompromissbereit
+ Angesichts der politischen Dynamik in GB ist Abbruch der Verhandlungen ohne
Regelung der zukünftigen Beziehungen nicht auszuschließen (=> erhebliche
negative wirtschaftliche Auswirkungen!)
+ Langfristig auf beiden Seiten Interesse an engen Beziehungen und
Freihandelsabkommen – aber: erheblich mehr Zeit erforderlich
+ Brexit-Prozess blockiert Energie auf höchster politischer Ebene –
hochproblematisch angesichts der Weltlage
+ EXTREM HOHE UNSICHERHEIT
 © Hill+Knowlton Strategies
NAVIGATING BREXIT
21
Fazit
Parteislogan mit fehlenden Buchstaben gegen Ende der Rede von Theresa May
auf dem Parteitag der Konservativen in Manchester, 4.10.2017

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H+K Brexit Update Oktober 2017

  • 1. NAVIGATING BREXIT Oktober 2017 Thomas Wimmer Hill+Knowlton Strategies thomas.wimmer@hkstrategies.com
  • 2.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 2 Ihr kennt die Bilder …
  • 4.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 4 Was bisher passiert ist (i) + 1973: Das Vereinigte Königreich tritt der EWG bei; Volksabstimmung 1975 bestätigt diesen Schritt (67 %). + Meinungsumfragen 1973–2015 zeigen zumeist deutliche Mehrheiten der Briten für Verbleib in EWG bzw. EU. + Dennoch: Fortwährende Debatten über das Verhältnis UK vs. Europa  70er/80er Jahre: Labour-Politiker und Gewerkschaften für Austritt  1984: „Britenrabatt“ (Thatcher)  seit den 90ern: v.a. UKIP sowie Politiker der Konservativen für Austritt „I want my money back.“
  • 5.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 5 Was bisher passiert ist (ii) + David Cameron (Premierminister 2010-16) gerät zunehmend unter Druck  Januar 2013: kündigt Referendum über EU-Verbleib für den Fall seiner Wiederwahl an  Februar 2016: Bekanntgabe 23. Juni als Tag des Referendums + 23. Juni 2016: 51,89 % der Wähler (37,44 % der Wahlberech- tigten) stimmen für Austritt aus der Europäischen Union. + Rücktritt Cameron + 13. Juli: Theresa May Premierministerin + Kabinett mit EU-Skeptikern v.a. David Davis (Austritt aus der EU), Boris Johnson (Außen), Liam Fox (Handel).
  • 6.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 6 Exkurs: Das Referendum • Einfache ja/nein- Abstimmung. Art und Bedingungen des Ausstiegs nicht thematisiert (auch nicht in den Kampagnen).
  • 7.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 7 Exkurs: Das Referendum Wahlbeteiligung nach Altersgruppen
  • 8.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 8 Was bisher passiert ist (iii) + Januar 2017: May stellt Zwölf-Punkte-Plan vor („hard Brexit“):  keine EU-Teilmitgliedschaft oder assoziierte Mitgliedschaft  UK soll aus Binnenmarkt, Zollunion und Europäischem Gerichtshof ausscheiden + 29. März: GB leitet Austrittsprozess gemäß Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union („Maastricht“) durch schriftliche Mitteilung an den Europäischen Rat in die Wege. Damit ist nach der vertraglich vorgesehenen maximal zweijährigen Verhandlungsperiode mit dem Austritt für März 2019 zu rechnen. + 8. Juni: Neuwahlen; deutliche Schwächung der Regierung May + 19. Juni ff.: 1. Verhandlungsrunde + 28. Aug ff.: 3. Verhandlungsrunde  GB lehnt Basis der finanziellen Forderungen der EU („Brexit bill“) ab.  Michael Barnier: „We haven‘t noted any decisive progress on the principal subjects.“
  • 9.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 9 Was bisher passiert ist (iv) + 15. Sep 2017: Außenminister Boris Johnson  “My vision for a bold, thriving Britain enabled by Brexit.”  “a grand vision of Britain’s ‘glorious’ post-Brexit future as a low-tax, low regulation economy paying nothing to the EU for access to the single market.” + 22. Sep 2017: „Florenz-Rede“ von Theresa May  “The strength of feeling that the British people have about this need for control and the direct accountability of their politicians is one reason why (…) the UK has never totally felt at home being in the EU. (…) because of our history and geography, the EU never felt to us like an integral part of our national story …”  May signalisiert „weichere“ Linie (u.a. 2 Jahre Übergang mit fortlaufender Zahlung der EU-Beiträge)
  • 10.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 10 Wo stehen wir aktuell? + 25.-28. Sep 2017: 4. Verhandlungsrunde  Barnier: „constructive week“, „new dynamic“  Jedoch: Kein Durchbruch bei zentralen Fragen (Brexit bill, EU-Außengrenze Irland, Wohn- und Arbeitsrechte UK- und EU-Bürger).  Unwahrscheinlich, dass Europäischer Rat bei Tagung am 19./20. Oktober „sufficient progress“ feststellen wird (Voraussetzung für Aufnahme der Verhandlungen über zukünftige Handelsbeziehungen und Übergangsphase). + 28. Sep: Resolution EU-Parlament  2-jährige Übergangsfrist nur, wenn alle Fragen des Austritts – inkl. Austrittsrechnung – geklärt sind!  EU-Parlament muss Austrittsvertrag absegnen! + 1.-4. Okt: Conservative Party Conference, Manchester
  • 11.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 11 Hintergründe der britischen Position + Die Tendenz innerhalb der britischen Regierung, auf einen „harten“ Brexit zuzusteuern bzw. einen solchen zumindest in Kauf zu nehmen, erklärt sich durch die innenpolitische Dynamik in GB nach dem Brexit-Referendum:  Das Referendum vom Juni 2016 wird als klares Votum für die Unabhängigkeit von europäischer Kontrolle und Gesetzgebung und gegen Freizügigkeit („Let‘s take back control!“) interpretiert. Ein Entgegenkommen gegenüber der EU gilt vielen Akteuren hingegen als „Signal der Schwäche“. Diese Sichtweise überlagert wirtschaftliche Bedenken.  Keine Variante eines „weichen“ Brexits ist vereinbar mit dem Selbstverständnis GBs, eine zumindest regional, wenn nicht globale Macht zu sein (Sitz im UN-Sicherheitsrat, Nuklearmacht, enger Partner der USA).  Die politische Elite lehnt einen Status vis-à-vis der EU wie etwa den Norwegens rigoros ab – weil man dadurch vom Gestalter zum Empfänger europäischer Regeln würde.  Es gibt gegen einen harten Brexit keine starke politische Opposition. Auch nicht von Labour.
  • 12.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 12 “Rote Linien” GB + Gesetze GB sollen ausschließlich in GB gemacht werden + Vollständige Beendigung der Jurisdiktion des EuGH in GB + Beendigung der Freizügigkeit + Aber: Offenhaltung der Landgrenze Irland/Nordirland + GB soll ohne Einschränkungen Freihandelsabkommen mit Drittstaaten (z.B. USA) eingehen können  Damit sind Formen der Teilintegration (wie z.B. Norwegen, Schweiz, Türkei) ausgeschlossen. Beteiligung am EU-Binnenmarkt oder EU-Zollunion hiermit unvereinbar.
  • 13.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 13 Verhandlungspositionen EU + Kein “Rosinenpicken” einzelner Elemente des Binnenmarktes. + Voraussetzung für den Zugang zum Binnenmarkt: Akzeptanz aller vier Grundfreiheiten (Waren-, Personen-, Dienstleistungs-, Kapitalverkehr). + Verhandlungen werden auf Basis geeinter EU-Position geführt. Keine bilateralen Verhandlungen! + Erst Verhandlungen über Austritt (dabei u.a. Regelungen zum “exit bill” [EU-Kommission: 60-100 Mrd. EUR] sowie zu den Rechten von EU-Bürgern in GB). Danach Regelung zukünftiger Beziehungen. + In Zukunft partnerschaftliches Verhältnis und Freihandels- abkommen. Aber unter Bedingungen, z.B.: Übergangsphase nur bei voller Beachtung der Pflichten GBs; Finalisierung Freihandelsabkommen erst nach Austritt; auch dann kein Binnenmarkt-ähnlicher Zugang.
  • 15.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 15 (Wirtschaftliche) Folgen des Brexit  Szenarien für wirtschaftliche Auswirkungen sind abhängig von künftigen Beziehungen zu EU – Vorhersagen haben daher den Charakter von “Kaffeesatzleserei” Ein paar wichtige Fakten:  GB:  exportiert ca. 47% seiner Waren in EU27 (das ist deutlich mehr als z.B. in die USA)  Finanzplatz London: führende Rolle v.a. durch “passporting” von Finanzprodukten – diese Vereinbarung würde bei Brexit entfallen  Deutschland:  7,5% aller deutschen Export gehen nach GB, ca. 550.000 Arbeitsplätze hängen an Export nach GB (v.a. Fahrzeuge, Pharma, Maschinenbau)  Deutscher Handelsüberschuss vs. GB 2015: ca. 51 Mrd EUR
  • 16.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 16 Risiken für deutsche Wirtschaft  “… Unternehmen aus DE drohen bei einem ‘harten Brexit’, dem Abschied GBs vom europäischen Binnenmarkt, hohe Einbußen ...”  “Die britische Volkswirtschaft ist der zweitgrößte Markt der EU – da kann kein Unternehmen mit Exportgeschäft den Brexit ignorieren.” (Alexander Börsch, Chefökonom Deloitte)  Beschäftigte bei Niederlassungen bzw. Tochterfirmen deutscher Unternehmen in GB: ca. 400.000  BDI erwartet “sehr harten Brexit”; britische Regierung hat kein “klares Konzept” (Haupt-GF Joachim Lang, Spiegel Online, 5.10.2017) 07.03.2017 0 5 10 15 20 25 RWE BMW Deutsche Post Heidelberg Cement Lufthansa Umsatzanteil DAX-Konzerne in GB
  • 17.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 17 Verlagerungen von GB nach EU27  “Mehr als jedes vierte Unternehmen aus der Eurozone will wegen des Austritts GBs aus der EU seine Präsenz auf der Insel entweder stark reduzieren oder dem Land den Rücken kehren. Mehr als ein Drittel wollen ihre Investitionen in GB zurückfahren.”  “Die Ungewissheit über die Zukunft der wichtigen Handels- beziehungen zwischen GB und der EU nach dem Austritt belastet zunehmend die Wirtschaftsentwicklung.”  “Banken und andere Finanzdienstleister sind die mit Abstand wichtigste Exportbranche GBs. Sie befürchten, dass sie nach dem Brexit den bisherigen freien Zugang zu Kunden in der EU verlieren.”  “… Citi, Goldman Sachs, Deutsche Bank und Morgan Stanley haben bereits angekündigt, Geschäfte und Arbeitsplätze von London auf den Kontinent zu verlagern.”  London wird bei hartem Brexit “allein im Großkundengeschäft der Banken bis zu 40.000 Arbeitsplätze verlieren” (Oliver Wyman) 22.09.2017 „Frankfurt der große Gewinner“ 04.09.2017
  • 18.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 18 (Politische) Folgen des Brexit  GB: zweitgrößter Nettozahler in EU-Haushalt (2015: 11,5 Mrd EUR) – d.h. Mehrbelastung der verbleibenden Nettozahler oder Reduzierung des EU-Budgets  Verschiebung der Kräfteverhältnisse  Deutschland und andere eher wirtschaftsliberal geprägte EU-Länder verlieren 35%-Sperrminorität im Europäischen Rat. Dies kann es anderen EU-Ländern erleichtern, Interessen durchzusetzen (z. B. Lockerung der Haushaltsdisziplin)  Brexit als Impuls für Vertiefung der EU?  Oder als „Anfang vom Ende“?
  • 20.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 20 Fazit + Brexit + zukünftige Beziehungen: komplexer, mehrstufiger Prozess ohne Präzedenz + Einigung über zukünftige Beziehungen bis März 2019 illusorisch + GB “hat keinen Plan” (“hard Brexit” ja/nein, “Brexit bill” etc.) – unterschiedliche Vorstellungen der relevanten Akteure + EU bislang wenig kompromissbereit + Angesichts der politischen Dynamik in GB ist Abbruch der Verhandlungen ohne Regelung der zukünftigen Beziehungen nicht auszuschließen (=> erhebliche negative wirtschaftliche Auswirkungen!) + Langfristig auf beiden Seiten Interesse an engen Beziehungen und Freihandelsabkommen – aber: erheblich mehr Zeit erforderlich + Brexit-Prozess blockiert Energie auf höchster politischer Ebene – hochproblematisch angesichts der Weltlage + EXTREM HOHE UNSICHERHEIT
  • 21.  © Hill+Knowlton Strategies NAVIGATING BREXIT 21 Fazit Parteislogan mit fehlenden Buchstaben gegen Ende der Rede von Theresa May auf dem Parteitag der Konservativen in Manchester, 4.10.2017