SlideShare ist ein Scribd-Unternehmen logo
grau
zone                        Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß




Magazin der Wissenschaftsjournalisten
an der Hochschule Darmstadt 2012
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
ed i t or i a l




Grauzone                                     – das ist nicht einfach schwarz oder weiß,
nicht gut oder böse. Das Gleiche gilt für die Wissenschaft: Neue Erfindungen und Tech-
nologien brauchen Rahmenbedingungen, damit sie nicht missbraucht werden. Doch
wer schafft diese Rahmenbedingungen? Muss ein Wissenschaftler während seiner For-
schungsarbeit schon über mögliche Folgen seiner Ergebnisse nachdenken? Trägt er
überhaupt eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder ist seine Forschung un-
abhängig davon?
   Verantwortung in der Wissenschaft – das klingt erst einmal abstrakt, trocken und
irgendwie anstrengend. Auf den zweiten Blick ergeben sich viele spannende Themen-
felder, von der Militärforschung bis zu Tierversuchen. Diesen zweiten Blick haben die
Studierenden des Wissenschaftsjournalismus der Hochschule Darmstadt ein Semester
lang riskiert.
   Warum gibt es für bestimmte Krankheiten keine Medikamente? Was hat die Wissen-
schaft mit Zusatzstoffen im Tabak zu tun? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung
für die Forschungsergebnisse, die zum Bau der Atombombe führten? Wie bringen wir
Wissenschaft ans Kind und wie funktionieren Medikamente für Kinder?
   Unsere Autoren recherchieren, hinterfragen und zeigen verschiedene Aspekte der
Verantwortung in wissenschaftlichen Disziplinen auf.
   Projektpartner ist die »Vereinigung deutscher Wissenschaftler«, die nicht nur den
Druck finanzierten, sondern sich auch unseren Fragen stellten: Im Gespräch mit Ulrich
Bartosch und Reiner Braun geht es um Themen wie Nachhaltigkeit und den Sinn und
Unsinn von Forschungsgeldern.

Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre,
Christina Ress, Tabea Osthues



Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                 3
in h alt

                                   6 	 Verkehrte Welt
                              	      B
                                       ilderstrecke
                              	       Wir verschwenden hemmungslos, was
                              	       Andere zum Überleben brauchen.
                              	
                              12 	 Ein lebenslanger Prozess
                              	      Verantwortungsentwicklung
                              	       Wie wir lernen, zu unseren Handlungen 	
                              	       zu 	stehen und ihre Folgen abzuschätzen.

                              16 	 Wissenschaft macht Spaß
                              	Kinder als Forscher
                              	  Lernen Kinder durch Experimente Na-		
                              	  turwissenschaften kennen und verstehen?
© Iris Küppers-Krauß




                              20 	Studieren geht über probieren
                              	Forschung an Kindern	
                              	  Passende Medikamente für Kinder sind 	
                              	  rar. Klinische Studien können das ändern. 	
                              	  Einige Bedenken bleiben dennoch.

                              24 	 »Sie lieben es, mich zu hassen«
                              	Interview: Zusatzstoffe in Zigaretten	
                                 Martina Pötschke-Langer über ihren jah-	
                                 relangen Kampf gegen die Tabakindustrie.

                              28 	 Eine Hand wäscht die andere?
                              	Politikberatung
                              	  Wie Wissenschaftler politische Entschei-	
                              	  dungen beeinflussen. Oder auch nicht.

                              32 	 Es lebe die Geldverschwendung
                              	Kommentar: Geld und Forschung	
                                 Grundlagenforschung und wirtschaftliche
© Ina Hübener




                                 Interessen lassen sich nicht vereinbaren.

                              34 	 Gewissen verbindet
                              	Interview: Lobbyarbeit
                              	  Bei unserem Geldgeber nachgebohrt:
                              	  Reiner Braun und Ulrich Bartosch von der 	
                              	  Vereinigung Deutscher Wissenschaftler 	
                              	  im	Gespräch.

                              38 	 Der radioaktive Elfenbeinturm
                              	Kernkraftforschung im Konflikt
                              	  Fortschritt als Ziel, Zerstörung das Ergeb-
                              	  nis. Wie aus einer vielversprechenden 		
                              	  Strahlung die Atombombe wurde.

                              40 	Kompromisse nach dem GAU
                              	Interview: Arbeit einer Ethikkommission
© Michael Greiner




                              	  Volker Hauff über teils chaotische Diskus-	
                              	  sionen beim Atommoratorium.
42 	 Forschung im Badezimmer
	Glosse: Pseudowissenschaft
	  Faltenfreie Zukunft – von Märchen und 	
	  Wundern der Kosmetikindustrie.

44 	Neutral gibt es nicht
	   T
      ierversuche
	    Wieso trotz aller Alternativen immer noch 	
	    an Tieren geforscht wird.

46 	Fabelwesen aus dem Labor
	Pro und Contra: Chimären
	  Brauchen wir Mischwesen für die For-		
	  schung oder gehen wir damit zu weit?




                                                   © Adrian Wagner
50 	 Heilung nicht von Interesse
	   Pharmaforschung
	    Seltene Krankheiten betreffen
	    wenige Menschen – zu wenige für
	    die Pharmaindustrie.

54 	 Wer haftet für das Wetter?
	Launische Natur
	  Regen, Hagel, Sturm: Wenn Festivals
	  tödlich enden, ist es schwer, den
	  Schuldigen zu finden.

60 	Im Labor an der Front
	Militärforschung
	  Darf an deutschen Hochschulen für den 	
	  Krieg geforscht werden?

64 	Wissen aus dem Untergrund?




                                                   © fotolia: valdezrl
	Kurzinterviews: Wofür sie forschen
	  Warum jede Wissenschaftsdisziplin
	  verantwortlich für ihre Ergebnisse ist.

68 	Hype ohne Zukunft
	Elektromobilität
	  Strom statt Benzin. Was verlockend klingt, 	
	  scheitert an einem wichtigen Roh-		
	  stoff: Lithium.

70	 Wer fährt denn hier?
	Autonomes Fahren
	  Wenn PKWs sich selbst lenken, ist unklar, 	
	  wer bei einem Unfall haften muss.



63	 Editorial	
73	 Impressum
                                                   © Francesco Mocellin




74	 Letzte Seite
Verkehrte Welt
                  Wir verfüttern Essen an Tiere und füllen Lebens-
                  mittel in unsere Tanks. Da läuft etwas falsch.
© fotolia: joda




                  6                                                 GRAUZONE
Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß   7
© fotolia: Miredi




                         37 Millionen Tonnen Getreide werden pro Jahr in Deutschland geerntet. Für die Produktion von Bioethanol wurden
                         2010 über 1,3 Millionen Tonnen Getreide verwendet – knapp 4 Prozent.
© Harald Lange




                         2,6 Kilogramm Getreide benötigt man, um 1 Liter Bioethanol herzustellen. An der Tankstelle kauft man dann E10:
                         10 Prozent Biotreibstoff, 90 Prozent Benzin. 10 Liter E10 enthalten 1 Liter Bioethanol.
                    8                                                                                                                    GRAUZONE
© flickr.com: Nathan Colquhoun
  900 Gramm Getreide reichen, um einen Menschen einen Tag lang zu ernähren. Mit dem Getreide, aus dem in Deutschland Bioethanol
  hergestellt wird, könnten 4 Millionen Menschen ein Jahr lang leben.




                                                                                                                                        © 4freephotos.com: alegri




  10 Liter Treibstoff reichen im Durchschnitt für 150 Kilometer. Das entspricht der Strecke von Magdeburg nach Berlin – oder dem,
  was eine kleine Familie täglich an Getreide benötigt, um zu überleben.
Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                           9
© Iris Küppers-Krauß




                         747 Millionen Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Davon sind   3,5 Millionen Rinder, 59 Millionen Schweine und 618 Millionen
                         Hühner. Durchschnittlich 1094 Tiere isst jeder Deutsche in seinem Leben.
© Christopher Stumm




                         Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, braucht man 15.000 Liter Wasser und 10 Kilogramm Getreide. Ein Burger mit Pommes und
                         Salat benötigt eine Anbaufläche von 3,61 Quadratmetern, Nudeln mit Tomatensauce dagegen nur 0,46 Quadratmeter.
                       10                                                                                                                                GRAUZONE
© fotolia: Tobias Müller
  Auf weltweit 2,6 Millionen Hektar Landflächen wird Soja als Futtermittel für den Import nach Deutschland angebaut, vor allem in armen
  Ländern. Ein Gebiet fast   so groß wie Brandenburg.




                                                                                                                                                      © Mareike Heups




  Die Viehwirtschaft ist für fast ein Fünftel der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. 12 Kilogramm Rindfleisch essen wir pro Kopf
  und pro Jahr – das entspricht einem Kohlendioxidausstoß von rund 430 Kilogramm. Etwa so viel wie ein Flug von Berlin nach Mallorca.
Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                                        11
V ER an t wo r tu n g s entw icklung




Verantwortung –
ein lebenslanger Prozess
Welche Entwicklungs-
stufen muss ein Kind
nehmen, um später
zu einem verantwor-
tungsvollen Erwach-
senen heranzureifen?
Und welche Rolle
spielen dabei die Eltern
und die Kultur?




         Ein elf Monate altes Baby teilt geübt eine
            Frucht mit einer Machete (rechts). Was
      bei uns undenkbar wäre, ist bei dem Volk der
                                                                 © flickr: Sallyrae17




      Efe im Kongo völlig normal. Verantwortlicher
        Umgang mit Werkzeug entwickelt sich auf
                  der Welt unterschiedlich schnell.


12                                                   GRAUZONE
»V
                                                                     orsicht, ein Auto!«, ruft der
                                                                     fünfjährige Tim aufgeregt und
                                                                     zieht seinen kleinen Bruder
                                                         Lukas von der Straße weg. Tim hätte viel
                                                         lieber weiter geschaukelt, anstatt seinem
                                                         zweijährigen Geschwister hinterher zu
                                                         rennen. Doch wo war nur seine Mutter?
                                                         Ohne Erwachsenen in Sicht hatte sich Tim
                                                         plötzlich für seinen kleinen Bruder verant-
                                                         wortlich gefühlt und musste eingreifen.
                                                            Situationen wie diese beobachten wir
                                                         immer wieder. Denn schon sehr kleine
                                                         Kinder übernehmen spontan Verantwor-
                                                         tung, wenn gerade kein Erwachsener in
                                                         der Nähe ist, der sie ihnen abnimmt.
                                                            Damit Kinder wie Tim aber zu verant-
                                                         wortungsbewussten Erwachsenen heran-
                                                         reifen, müssen sie zunächst viele Entwick-
                                                         lungsschritte meistern.
                                                            »Die Verantwortungsentwicklung fängt
                                                         damit an, dass die Kinder sich selbst als
                                                         Ursprung ihrer Handlung erleben«, erklärt
                                                         die Entwicklungspsychologin Hellgard
                                                         Rauh von der Universität Potsdam. »Und
                                                         dies beginnt in ersten Ansätzen schon in
                                                         einem Alter um die vier bis fünf Monate.«
                                                         Noch können die Babys allerdings nicht
                                                         zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung
                                                         unterscheiden. Eltern kennen dieses Phä-
                                                         nomen. Wenn beim Kinderarzt ein Baby
                                                         anfängt zu schreien, stimmen die ande-
                                                         ren mit ein. Solche spontanen Reaktionen
                                                         auf die Gefühlszustände anderer sind die
                                                         frühsten Formen der Empathie, also der
                                                         Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Sie
                                                         macht Verantwortung erst möglich.
                                                            Mit acht bis zehn Monaten wird den
                                                         Babys bewusst, dass sie selbst jemand an-
                                                         deres sind als ihr Gegenüber. Etwa ein Jahr
                                                         später erkennen sich die Kleinen dann im
© David Wilkie




                                                         Spiegel und bezeichnen sich kurz darauf
                                                         mit »Ich«. Doch nicht nur das: Zunehmend


             Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                           13
können Kleinkinder auch die Wünsche,          Vorstellungen von dem Handlungsziel             Hellgard Rauh zusammen. Das sei so kom-
              Absichten und Gefühle ihres Gegenübers        des anderen. Unterläuft diesem ein Fehler,      plex, dass sich diese Kompetenz vermut-
              erahnen. Durch diesen Perspektivwechsel       fühlen sie sich daher motiviert zu helfen       lich erst in der späteren Grundschulzeit
              gelingt es ihnen, die Bedürfnisse eines an-   und so gemeinsam zum Ziel zu gelangen.          mit zehn bis zwölf Jahren herausbilde.
              deren Menschen immer besser zu erken-            Entwicklungspsychologen nennen die-             Was universell klingt, gilt keineswegs
              nen. Sie erreichen eine höhere Stufe der      sen Komplex aus Mitgefühl und Hilfsbe-          für alle Kinder auf der Welt. Wie stark sich
              Empathie und begreifen, welche Auswir-        reitschaft »prosoziales Verhalten«. Er ent-     die Verantwortungsentwicklung bei Kin-
              kungen die eigenen Handlungen auf ihre        wickelt und verfeinert sich während der         dern kulturell unterscheidet, weiß Psycho-
              Mitmenschen haben. Anfangs können das         ganzen Vorschulzeit.                            login Barbara Rogoff von der University of
              so einfache Beobachtungen sein wie: Wenn                                                      California in Santa Cruz. Sie hat erforscht,
              ich die Tasse meiner Schwester kaputt ma-     Alles eine Frage der Zeit                       wie sich Menschen in unterschiedlichen
              che, ist sie traurig.                         Doch selbst wenn Kinder Empathie zeigen         Kulturen entwickeln. »In einigen Gesell-
                 In diesem Alter beginnen die Kleinen       können und sich als Ursprung einer Hand-        schaften, wie beispielsweise der Maya in
              auch, andere aktiv zu trösten. Wenn sie       lung erkennen, fehlt ihnen noch ein ent-        Guatemala, sind Kinder schon zwischen
              ein weinendes oder trauriges Krabbelkind      scheidender Schritt, um wirklich verant-        drei und fünf Jahren in der Lage, unter
              sehen, gehen sie zu ihm und versuchen es      wortlich handeln zu können: Das Gefühl für      Aufsicht auf ihre kleineren Geschwister
              beispielsweise mit Keksen aufzuheitern.       die Zeit. Ohne Zeitgefühl ist es unmöglich,     aufzupassen. Die bevorzugten Aufpasser
                 Mit zwei bis drei Jahren reift schließ-    die langfristigen Folgen von Handlungen         sind zwischen acht und zehn Jahre alt.«
              lich der Wunsch zu helfen. Dies hat sowohl    abzuschätzen. »Kinder gehen mit Zeitwör-        Diese Verantwortung beruhe vermutlich
              mit der emotionalen als auch der kogni-       tern wie ,heute‘ und ,morgen‘ schon sehr        auf vielen kulturellen Merkmalen. Die Ma-
              tiven Entwicklung zu tun. Jetzt können        früh um«, sagt Elfriede Billmann-Mahecha,       ya-Kinder haben unter anderem ständig
              Kleinkinder auch schon komplexere zwi-        Psychologin an der Universität Hannover.        kleinere Kinder um sich und sehen, wie
              schenmenschliche Gefühle nachempfin-          »Sie können auch kurze Zeiträume wie            andere auf sie aufpassen. Sie haben die
              den. Sie wissen dann, wie es sich anfühlt,    ‚noch zweimal schlafen’ überblicken, aber       Chance, sich um sie zu sorgen und haben
              enttäuscht oder betrogen zu werden. Be-       ein richtiger Zeitbegriff bildet sich erst im   Erwachsene in der Nähe, für den Fall, dass
              obachten sie eine Handlung, werden ihre       Grundschulalter aus.«                           es Probleme gibt. Weiterhin werden sie be-
              Spiegelneuronen im Gehirn aktiv. Sie sind        Doch wie alt muss ein Kind sein, um          stärkt, reif und verantwortlich zu sein.
              bei uns Menschen besonders ausgeprägt         alleine auf ein kleineres Kind aufpassen           Was können also Eltern hierzulande
              und befähigen uns dazu, Handlungen            zu können? »Dafür muss es verstehen,            tun, um Kindern ein gesundes Verhältnis
              eines Gegenübers gedanklich fast wie ei-      was das jüngere Kind kann, was es gerade        zur Verantwortung beizubringen?
              gene nachzuvollziehen und mitzuerleben.       fühlt, welche Motivation es hat und wie es         Die Entwicklungspsychologinnen El-
              Zudem bilden die Kinder vorgreifende          voraussichtlich gleich handeln wird«, fasst     friede Billmann-Mahecha und Hellgard
                                                                                                            Rauh sind sich einig: Haustiere sind eine
                                                                                                            gute Möglichkeit zum üben. Nur sollten
                                                                                                            die Eltern nicht erwarten, dass das Kind die
                                                                                                            Verantwortung komplett übernehme, gibt
                                                                                                            Billmann-Mahecha zu bedenken. »Kleine
                                                                                                            Kinder sind noch sehr auf sich selbst be-
                                                                                                            zogen, sie würden die Katze am liebsten
                                                                                                            füttern, wenn es ihnen gerade Spaß macht.
                                                                                                            Das längerfristige Denken ist in dem Alter
                                                                                                            eben noch schwierig.« Hier zeigt sich wie
                                                                                                            wichtig ein ausgebildetes Zeitgefühl ist:
                                                                                                            Erst am Ende der Grundschulzeit könne
                                                                                                            ein Kind überblicken, was es bedeutet, über
                                                                                                            Jahre hinweg für ein Tier zu sorgen.
                                                                                                               Neben Haustieren trainiere auch der
                                                                                                            Blumendienst in der Schule oder kleinere
                                                                                                            Aufgaben im Haushalt das Verantwor-



                                                                                                            Trösten will gelernt sein. Mitgefühl ist
© fotolia: Dron




                                                                                                            elementar, um ein verantwortungsvoller
                                                                                                            Erwachsener zu werden.


              14                                                                                                                               GRAUZONE
tungsbewusstsein. Man müsse aber unbe-
dingt am Ball bleiben, insbesondere wenn
es dem Kind gerade keinen Spaß mache.
    Denn auch der Erziehungsstil beein-
flusst das spätere Verantwortungsbewusst-
sein. »Es hat sich herausgestellt, dass für
die Entwicklung, auch für die moralische,
der autoritative Erziehungsstil der Beste
ist«, sagt Psychologin Billmann-Mahecha.
Dieser verlangt den Eltern besonders viel
ab. Denn ‚autoritativ’ bedeutet, dass sie
klare Grenzen setzen, diese begründen
und sich gleichzeitig dem Kind emotional
zuwenden, es achten und wertschätzen.
»Längerfristige Studien aus den USA ha-
ben gezeigt, dass Kinder, die so erzogen
wurden, im Jugendalter ein deutlich stär-
keres Verantwortungsbewusstsein als an-
dere Jugendliche haben, die autoritär oder
im Laissez-faire-Stil erzogen wurden«, so
Billmann-Mahecha.
    Müssen Kinder schon zu früh zu viel
Verantwortung übernehmen, kann das
schädlich sein. »Angenommen, ein Kind
wird mit einem Bruder oder einer Schwe-




                                                                                                                                              © Ina Hübener
ster tagsüber kurz alleine gelassen. Wenn
sich das Geschwisterkind verletzt, ist das
furchtbar für dieses Kind, da es sich ver-
antwortlich fühlt«, erklärt Hellgard Rauh.
                                               Verantwortungslos
    Noch tragischer ist es, wenn ein Eltern-
teil schwer erkrankt oder sogar stirbt und     Manche Menschen sind schlicht nicht zur Verantwortung fähig. Geistig Behinderte
ein Kind sich nun um seine kleineren Ge-       können sich beispielsweise meist extrem gut in andere Menschen hineinversetzen,
schwister kümmern muss. »Diese Kinder          haben aber starke kognitive Defizite. Einige sind teilweise so sehr eingeschränkt, dass
verlieren mit der massiven Verantwortung       ihnen etwa das für Verantwortung so wichtige Zeitempfinden fehlt.
ihre Kindheit und werden zu kleinen Er-           Nur Kognition ohne Emotion reicht hingegen auch nicht, wie man am Beispiel
wachsenen«, sagt Rauh.                         von Psychopathen sehen kann. Obwohl sie in der Regel sehr intelligent sind, führt
    Auch Kinder mit einer normalen Ent-        die schwere Persönlichkeitsstörung dazu, dass Betroffene keine Empathie oder Schuld
wicklung brauchen Jahre, bis sie schließ-      empfinden können. Und dadurch auch kein schlechtes Gewissen verspüren, wenn sie
lich voll verantwortlich sind. »Ich denke,     verantwortungslos handeln. Selbst wenn sie kriminell werden, nehmen sie das oft
dass man im dritten Lebensjahrzehnt als        mit einem Lächeln hin. Schuld daran sind Fehlfunktionen bestimmter Bereiche des
voll verantwortlich gelten kann. Ohne zu       Gehirns. Meist sind die vordere Inselregion, die Amygdala, der orbitofrontale Cortex
sagen, dass sich das nicht weiter entwickeln   oder der vordere cinguläre Cortex die Ursache. Sie alle haben ihre speziellen Aufga-
kann«, sagt die Psychologin Billmann-Ma-       ben. Die vordere Inselregion spielt eine Rolle bei der Empathie. Ohne die Amygdala,
hecha. So ist es auch kein Zufall, dass wir    auch Mandelkern genannt, werden wir furchtlos. Eine Schädigung des cingulären Cor-
vor Gericht ab 21 Jahren für unsere Taten      tex lässt uns emotional abstumpfen.
zur vollen Verantwortung gezogen werden           Werden bei gesunden Menschen diese Regionen des Gehirns verletzt, kommt es zu
können. Denn kognitiv sind wir erst in die-    dramatischen Persönlichkeitsveränderungen. Neurologen kennen dieses Phänomen
sem Alter komplett ausgebildet. »Die Mo-       spätestens seit dem klassischen Fall des amerikanischen Schienenarbeiters Phineas
ral hingegen kann sich weit bis ins Erwach-    Gage. Bei einer Explosion im Jahr 1848 bohrte sich eine Eisenstange durch sein Gehirn
senenalter noch höher entwickeln«, fügt        und verletzte dabei den orbitofrontalen Cortex – einen Hirnteil, der mit der Regulation
Billmann-Mahecha hinzu. Verantwortung          emotionaler Prozesse in Verbindung gebracht wird. Er überlebte. Doch ein Teil seiner
ist ein lebenslanger Prozess.               Persönlichkeit starb bei dem Unfall. Aus dem verantwortungsbewussten Mitarbeiter
                                Ina Hübener    wurde ein unzuverlässiger, kindischer und impulsiver Mensch.



Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                                15
Wi ssens c h a f t f ü r Kinder




Wissenschaft
macht Spaß
Viele Kindergärten und Schulen bieten
naturwissenschaftliche Kurse fürs
Kind an. Geht es dabei nur um den Spaß
an der Sache oder um mehr?




Metin wird erklärt wie sich Luft verhält, wenn sie
sich erwärmt oder abkühlt. Im Kindergarten Son-
                                                                © Ina Hübener




nenschein experimentieren die 4- und 5-jährigen
Kinder einmal in der Woche.




16                                                  GRAUZONE
© Ina Hübener




            Ausprobieren erlaubt! Riccardo gießt Wasser über die zuvor zerkleinerten Lavendelblüten (links). Seine Teamkollegen aus der
            Forscherwerkstatt besprechen gemeinsam, wie der Versuch am besten durchzuführen ist (rechts).




        K
                     onzentriert und gespannt schau-               Zahlreiche Bücher und Experimen-                und eine mit rotem, heißem Wasser malen
                     en vier Augenpaare dabei zu, wie          tierkästen sollen die Lust am Lernen und            muss: »Du musst eins rot machen, nicht
                     Merle eine Trinkflasche mit einem         Entdecken fördern. Aber kann man Kinder             zweimal blau.«
            über die Öffnung gezogenen Luftballon in           jeden Alters einfach an den Experimentier-             Marjan Mehdizadeh betreut die Experi-
            eine Kanne mit eiskaltem Wasser drückt.            tisch setzen? »Das hängt sehr vom Alter             mentiergruppe schon seit anderthalb Jah-
            Der Experimentierraum ist vom letzten              ab. Das Kind soll die Deutung des Experi-           ren. Sie meint, dass die Kinder in den letz-
            Flohmarkt noch ein wenig zugestellt.               ments verstehen. Dazu muss man denken               ten Jahren wesentlich wacher geworden
                Die vier Kinder im Alter von vier bis          können«, sagt Gisela Lück, Professorin für          sind und man ihnen mehr zutrauen kann.
            fünf Jahren sitzen zusammen an einem               Didaktik der Chemie an der Universität              »Kinder wollen gefördert werden, und das
            niedrigen Tisch. Staunend beobachten               Bielefeld. Ein Kind könne das etwa ab dem           geht auch durch Experimente. Die Expe-
            die Kinder, wie der weiße Luftballon sich          fünften Lebensjahr.                                 rimente sollen das Interesse wecken. Kin-
            zusammenzieht, als würde man die Luft                  Das Projekt im Kindergarten »Sonnen-            der sollen sich mit selbstverständlichen
            rauslassen. »Was passiert mit unserer Luft,        schein« lässt die Kinder staunen. Nach-             Sachen auseinandersetzen, deren Hinter-
            wenn sie kalt ist?«, fragt die Kindergärtne-       dem sie erfahren haben, wie sich kalte Luft         gründe sie nicht kennen.«
            rin Marjan Mehdizadeh, die den Versuch             verhält, lernen sie, was mit warmer Luft
            leitet. »Die Luft ist schwer geworden und          passiert. Marjan Mehdizadeh steckt die              Interesse Wecken
            geht nach unten in die Flasche.«                   Flasche mit dem Luftballon in eine Kan-             Aber was sollen Kinder aus naturwissen-
                So wie in der Experimentiergruppe im           ne mit dampfendem Wasser. Die Kinder                schaftlichen Projekten mitnehmen? Soll
            Kindergarten »Sonnenschein« im hes-                beobachten, was passiert: »Der Luftballon           das Experimentieren nur Spaß machen,
            sischen Langen werden viele Kinder spie-           hat sich aufgeblasen!« Frau Medizahdeh              oder sollten sich Kinder auch schon mit
            lerisch an das Thema Naturwissenschaften           erklärt, warum: »Die Luft wird heiß und             der Verantwortung der Wissenschaft be-
            herangeführt. In Kursen und Experimen-             leicht, und dadurch kommt sie nach oben.            schäftigen? Und wenn ja, mit welcher Art
            tierstunden rund um Physik und Chemie,             Deswegen dehnt sich der Luftballon aus.«            Verantwortung? Beim Experimentieren
            soll das Interesse der Kinder schon früh               Danach malen die Kinder den Versuch             muss man beispielsweise sparsam und
            angeregt werden. Dazu gehören Projekte             mit Buntstiften nach. Olivia hat aufmerk-           vorsichtig mit den Materialien und Stoffen
            in den Kernfächern Mathematik, Informa-            sam beobachtet, was da gerade passiert              umgehen. Man muss aufpassen, dass man
            tik, Naturwissenschaften und Technik den           ist. Sie erklärt ihrer Freundin, dass sie eine      sich und die anderen nicht verletzt, und
            so genannten MINT-Projekten.                       Kanne mit blauem, also kaltem Wasser                dass alle Kinder gleich oft an die Reihe


            Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                                       17
Mia (links) und Olivia (rechts) malen das eben
                                                                                                         beobachtete Experiment. Dadurch spielen sie
                                                                                                         den Versuch gedanklich nochmal durch.
© Ina Hübener




            kommen. Diese Arten der Verantwortung         darin, seine Forschung auch für Kinder         dem Regal geholt. Emilio liest vor, was jetzt
            lernen die Kinder ganz nebenbei mit, sagt     interessant darzustellen. Zum Beispiel im      noch besorgt werden muss: »Wir brauchen
            Gisela Lück. »Dies wird dem Kind auch         Rahmen der Kinderuni Darmstadt. Hier           einen Kaffeefilter. Nee, nicht den, einen
            schon früh zugetraut. Nur dem, dem ich        möchte nicht nur Kowina, sondern auch          größeren!« Es wird laut in dem sonst eher
            etwas zutraue, kann ich auch Verantwor-       verschiedene Institute, Organisationen         ruhigen Raum. Die Jungen zerkleinern die
            tung übergeben. Das wird auch gemacht,        oder Unternehmen mit Vorträgen das             getrockneten Lavendelblüten im Mörser.
            nur eben ohne zu sagen: Du hast auch spä-     kindliche Interesse an Wissenschaft för-       Wer nicht stampft, darf später das Blüten-
            ter mal eine Verantwortung.«                  dern. »Kinder sollen Interesse an der Wis-     Wasser-Konzentrat filtern und in Fläsch-
                Die Politik macht schon seit Jahren da-   senschaft bekommen und lernen, was sie         chen abfüllen. Das alles klären sie eigenver-
            rauf aufmerksam, dass es in den nächsten      eigentlich bedeutet und womit sich For-        antwortlich, ohne die Hilfe ihrer Lehrerin.
            Jahren zu einem Fachkräftemangel kom-         scher beschäftigen«, meint Kowina.                Am Ende der Stunde erklärt Jan seinen
            men wird. Dass nun vermehrt Experimen-           »Häufig wissen sie nicht wirklich, was      Mitschülern, wie seine Gruppe das Parfüm
            tierkurse angeboten werden, hat auch da-      Wissenschaftler eigentlich tun. Das kann       hergestellt hat. »Erst hat es wie Cola aus-
            mit zu tun. »Es wird auch gesellschaftlich    problematisch werden, wenn sie sich wäh-       gesehen und gar nicht gerochen. Es war
            mitgetragen«, sagt Petra Bonnet, Leiterin     rend der Pubertät in der Schule plötzlich      schon schwer, weil wir so stampfen mus-
            des Büros für Kommunikationsberatung          mit Naturwissenschaften konfrontiert se-       sten, aber es hat Spaß gemacht.« Die Leh-
            in Stuttgart. »Das würde ich nicht unter-     hen.« In dieser Lebensphase sei nämlich so     rerin ist sich sicher: »In den nächsten zwei
            schätzen, wie viel da aus der Bildungspo-     ziemlich alles interessanter, als chemische    Wochen ist der Versuch ausgebucht.«
            litik, Unternehmen und Berufsverbänden        Formeln zu ermitteln.                             Verantwortung muss für Kinder noch
            gefordert wird.«                                                                             keine Rolle spielen. »Man kann nicht über
                »Im Kindergarten steht Verantwortung      Verantwortung geben                            die großen Dinge reden, über das Ozon-
            in Physik und Chemie nicht im Vorder-         In der Pestalozzi-Grundschule in Lampert-      loch. Wir wollen ihnen ja nicht das Leid der
            grund, sondern Freude am Experimentie-        heim wird daher schon früh das Interesse       Welt näher bringen«, sagt Gisela Lück.
            ren und ohne Angst an Physik und Chemie       der Kinder geweckt. Lavendelduft erfüllt          In der Forscherwerkstatt wird deutlich,
            heran gehen«, sagt Lück. Allerdings darf      die Forscherwerkstatt, in der elf Kinder aus   dass Kinder beim Experimentieren ei-
            man nicht erwarten, dass Kinder am Ende       der zweiten Klasse experimentieren. Das        genverantwortlich arbeiten können. »Die
            eines Kurses eine physikalische Formel        Klassenzimmer ist vollgestellt mit unzähli-    Projekte sind nicht darauf ausgelegt, dass
            aufzeichnen können. Das müssen sie auch       gen Experimentierkästen, Reagenzgläsern,       die Kinder frühzeitiger lernen«, sagt Petra
            gar nicht, meint Bonnet: »Wenn den Kin-       Mörsern, Pipetten und Mikroskopen. In der      Bonnet. »Vielmehr gehe es darum, den
            dern der direkte Bezug dazu fehlt, bringt     Experimente-AG können sich die Kinder          Kindern zu verdeutlichen, dass Wissen-
            das gar nichts.«                              selbstständig aus bis zu 50 Versuchen ei-      schaft Teil ihres Alltages ist. Wenn Kinder
                Es ist wichtiger zu sehen, was Wissen-    nen aussuchen und bearbeiten. Eine Grup-       Wissenschaft und Technik erst mal ver-
            schaft alles kann, meint Piotr Kowina vom     pe von vier Jungen stellt heute Lavendel-      standen haben, dann gehen sie viel offener
            GSI Helmholtzzentrum für Schwerionen-         parfüm her. Die vier haben sich eine Kiste     damit um.«                               
            forschung in Darmstadt. Er hat Erfahrung      mit Materialien und Versuchserklärung aus         		                     Caroline Hentschel


            18                                                                                                                             GRAUZONE
BERLINER W ISSENSCHAFTS-VERLAG

    Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun, Peter Croll,
                                                                            Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun,
                                                                            Peter Croll, Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl,
           Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl,
                  Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.)


    Wissenschaft – Verantwortung – Frieden:
                        50 Jahre VDW                                        Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.)
                                                                            Wissenschaft – Verantwortung – Frieden: 50 Jahre VDW
                                                                            Wie es sich für einen Rückblick gehört, beschreiben Zeitzeugen und die Archive auswertende und Zeit-
                                                                            zeugen befragende Wissenschaftler, wie sich die VDW in fünf Jahrzehnten wandelte, welche Erfolge
                                                                            sie feiern konnte und wie viel versandete. Aber auch wie VDW’ler als Berater von Regierungen, Par-
                                                                            lamenten und den Vereinten Nationen Einfluss nehmen konnten. Mitglieder der VDW sind sicherlich
                                                                            Beschleuniger für eine wachsende Weltinnenpolitik gewesen. Einige haben übergreifend für mehrere
                                                                            globale Probleme nicht nur wissenschaftliche Durchbrüche erzielt, sondern auch politische Teillösungen
                                                                            mit erarbeitet.
                                                                            2009, 615 S., 14 Abb., geb. m. SU, UVP 30,– €, 978-3-8305-1704-7
                                                                            eBook PDF 69,– €, 978-3-8305-2509-7
                    BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG




                                                                            Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
                                                                            Whistleblowing im nuklear-industriellen Komplex
             Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
                                                                            Preisverleihung 2011 – Dr. Rainer Moormann
                                                                            Hochtemperatur-Reaktoren werden von interessierten Kreisen in der Fachwelt, in der Wirtschaft und in
            Whistleblower
   im nuklear-industriellen Komplex                                         der Politik bis heute dafür gerühmt, dass sie „inhärent sicher“ seien: Bei ihnen bestehe nicht das Risiko
                Preisverleihung 2011                                        einer Kernschmelze. Nukleare Katastrophen seien also nicht zu befürchten. Mit diesem Argument wird
                                                                            seit längerem der Export des Reaktortyps auch in Länder mit niedrigeren Sicherheitsstandards betrie-
                                                                            ben. Dr. Moormann ist in seinen Untersuchungen demgegenüber zu dem Schluss gelangt, dass mit der
                                                                            Kugelhaufen-HTR-Technologie andere, nicht minder bedrohliche Störfallmöglichkeiten und Risiken
                                                                            mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt verbunden sind. Seine Hinweise begründen zudem
                                                                            den Verdacht, dass wesentliche Umstände und Folgen eines Störfalls 1978 im Reaktor Jülich bisher
                       Rainer Moormann                                      verschleiert worden sind.
                                                                            2011, 122 S., 11 Abb., kart., 12,80 €, 978-3-8305-3021-3
           BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG                              Kombipaket Print  E-Book-PDF: 19,– €, 978-3-8305-2731-2




Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblower in der Steuerfahndung
Preisverleihung 2009 – Rudolf Schmenger, Frank Wehrheim
Rudolf Schmenger ist nicht „paranoid-querulatorisch“. Er hat nur mehr Zivilcourage als andere. Er
war als Steuerfahnder am Finanzplatz Frankfurt am Main mit Ermittlungsverfahren gegen Großbanken                                                            Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)


befasst. Er wurde 2006 gegen seinen Willen von seinem Dienstherrn in den Ruhestand versetzt. Die                                                    Whistleblower in der Steuerfahndung
Zwangspensionierung erfolgte auf der Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens. Schmenger setzte                                                             Preisverleihung 2009

sich zur Wehr. Ein Berufsgericht verurteilte den Gutachter unlängst wegen vorsätzlicher, grober Verlet-
zung fachlicher Standards. Auch das hessische Finanzministerium handelte rechtswidrig. Es versäum-
te die eigenständige Prüfung des Gutachtens. Wie Schmenger ging es noch drei Fahndern derselben
Abteilung. Zehn weitere KollegInnen, darunter Frank Wehrheim, wurden versetzt oder zu Tätigkeiten
abgeordnet, die nicht ihrer Qualifikation als Steuerfahnder entsprachen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass
sie begründete Einwände gegen eine Verwaltungsanordnung vorgebracht hatten, die sie ihrer Ansicht                                                        Rudolf Schmenger            Frank Wehrheim

nach in ihren Ermittlungen gegen Großanleger in Luxemburg und Liechtenstein behinderte. In der Folge
sahen sie sich Mobbing, Schikanen und Disziplinierungsmaßnahmen ausgesetzt. – Es steht hier auch das
Beamten- und Dienstrecht in der Kritik.                                                                                                                   BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG




2010, 149 S., 17 Abb., kart., 14,80 €, 978-3-8305-1756-6

Whistleblowerpreis 2003 – Den Whistleblower-Preis 2003 erhielt der Amerikaner Daniel Ellsberg – für sein Lebenswerk.
2004, 65 S., kart., 9,80 €, 978-3-8305-0973-8
Whistleblower in Gentechnik und Rüstungsforschung – Preisverleihung 2005: Theodore A. Postol / Arpad Pusztai
2006, 158 S., 12 Abb., kart., dt./engl., 17,90 €, 978-3-8305-1262-2
Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung – Preisverleihung 2007: Brigitte Heinisch / Liv Bode
eBook PDF 2007, 80 S., 17 Abb., kart., 9,80 €, 978-3-8305-1455-8




                                                                        BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG
                                                                        Markgrafenstraße 12–14 • 10969 Berlin • Tel. 030 / 841770-0 • Fax 030 / 841770-21
                                                                        E-Mail: bwv@bwv-verlag.de
                                                                                                                              www.bwv-verlag.de
K l i n i sch e F o r s c h ung an Kindern




Studieren geht
über probieren
In Deutschland sind zu wenige Medikamente an Kindern getestet
und für sie zugelassen. Bei der Behandlung tappen die Ärzte
daher oft im Dunkeln. Um Medikamente optimal auf sie abzu-
stimmen, sind klinische Studien an Kindern notwendig.
Doch Forschung an Minderjährigen ist ein sensibles Thema.
Sie können nicht selbst einwilligen und sind dennoch
gewissen Risiken und Belastungen ausgesetzt. Außerdem ist
da noch die Angst, Kinder könnten als Versuchskaninchen
missbraucht werden.



D
       ie dreijährige Leonie ist krank. Sie      Das ist in Deutschland keine Seltenheit.      Obwohl es kein passendes Medika-
       kommt ins Krankenhaus und die          Bis zu 70 Prozent der Medikamente, die        ment gibt, ist Nichtbehandeln keine Op-
       Diagnose ist schnell klar. Wäre Le-    Kinder in stationärer Behandlung erhalten,    tion. Auch in Leonies Fall nicht. Der Arzt
onie erwachsen, hätte der Arzt das pas-       sind nicht für sie zugelassen. Auf Neugebo-   entscheidet sich für ein Medikament, mit
sende Medikament für sie. Doch für Kin-       renenstationen sind es teilweise mehr als     dem er bei Erwachsenen gute Erfahrungen
der ihres Alters hat er kein zugelassenes     90 Prozent. Ambulant ist etwa jeder sech-     gemacht hat. Doch wie soll er es dosieren?
Arzneimittel. Also bekommt Leonie ein         ste Wirkstoff nicht für diese Altersgruppe    Wäre Leonie erwachsen, wäre auch das kein
Medikament, das nur an Erwachsenen ge-        bestimmt. Die Zahlen schwanken je nach        Problem. Dann ließe sich die Menge, die sie
prüft und für diese zugelassen wurde.         Art und Häufigkeit der Erkrankung.            braucht, anhand ihres Körpergewichts be-
                                                                                            rechnen. Doch Kinder sind keine kleinen
                                                                                            Erwachsenen. Ihr Stoffwechsel und Kör-
                                                                                            perbau verändert sich im Laufe der Kind-
  »Off-label« und »unlicensed«                                                              heit und Jugend erheblich. Die notwendige
                                                                                            Dosis in den einzelnen Entwicklungspha-
  Beim »off-label«-Gebrauch werden Medikamente außerhalb ihres Zulassungsbe-                sen schwankt dabei stark (s. Grafik). Ein
  reichs angewendet. Kinder bekommen häufig Medikamente, die aufgrund ihres Al-             Neugeborenes braucht beispielsweise eine
  ters »off-label« sind. Entweder ist das Arzneimittel für eine andere Altersgruppe (z.B.   viel geringere Dosis als man aufgrund des
  18-50 Jahre) zugelassen oder Angaben zum Alter fehlen. Auch wenn der Arzt die Do-         Körpergewichts annehmen würde. Säug-
  sierung oder die Darreichungsform ändert, um die Behandlung dem Kind anzupas-             linge und Kleinkinder hingegen brauchen
  sen, spricht man von »off-label«-Gebrauch.                                                oftmals eine überraschend hohe Menge,
     Im Krankenhaus-Alltag kommen auch »unlicensed«-Medikamente zum Einsatz.                damit das Medikament wirkt.
  Sie wurden nicht klinisch getestet und besitzen daher keine Produktlizenz. Die nicht         Also muss der Arzt festlegen, welche
  zugelassenen Medikamente werden beispielsweise importiert oder in der Klinikapo-          Menge des Medikaments Leonie bekommt.
  theke hergestellt.                                                                        Ob er diese Dosis errechnet, schätzt oder
                                                                                            rät, macht keinen Unterschied. Denn wis-


20                                                                                                                       GRAUZONE
© Franziska Bernsdorf




                        sen kann er sie ohne eine klinische Studie      benwirkungen auftreten. So bleibt in jeder     Arzneimittel in Hülle und Fülle. Ein kranker
                        nicht. Der deutsche Ethikrat fordert daher      Studie ein unwägbares Restrisiko.              Erwachsener hat selten das Problem, dass es für
                        »angesichts der Risiken ungetesteter Me-           Im Kommentar des Arzneimittelge-            ihn keine Medikamente gibt. Doch Kinder stehen
                        dikamente« kontrollierte Arzneimittelfor-       setzes sind Fallbeispiele aus der Praxis be-   häufig mit leeren Händen da.
                        schung an Kindern. Solche Studien seien         schrieben. Sie sollen verdeutlichen, wann
                        die Voraussetzung für eine wirksame und         die Belastung für das Kind minimal und
                        sichere Behandlung. In ihnen wird nicht nur     somit ethisch vertretbar ist. Als Entschei-    se muss ein potentieller Proband vor-
                        die richtige Dosis ermittelt. Auch eventuell    dungshilfe für die Ethikkommissionen           her vom Arzt umfangreich über Ablauf,
                        unentdeckte Nebenwirkungen bei Kindern          genügt das Dr. Claudia Wiesemann und           Risiken und Ziele der Studie informiert
                        werden in einer Studie erkennbar.               anderen Kritikern allerdings nicht. »Selbst    werden. Wenn er ohne äußeren Zwang
                                                                        diese Beispiele enthalten einen Interpre-      einwilligt, steht seiner Teilnahme nichts
                        Ein unwägbares Restrisiko                       tationsspielraum«, sagt die Direktorin des     mehr im Wege. Bei Kindern gestaltet sich
                        Doch weil Forschung an Minderjährigen           Instituts für Ethik und Geschichte der Me-     das schwierig. Gerade für die Kleinen ist es
                        oft heikel ist, gelten strenge Regeln. Jede     dizin an der Universitätsmedizin Göttin-       fast unmöglich das Wesen und Ausmaß ei-
                        geplante Studie muss im Voraus von einer        gen. »Auch wenn sich in den letzten Jah-       ner Studie zu verstehen. Jugendliche wie-
                        Ethikkommission geprüft und genehmigt           ren vieles verbessert hat, wir haben noch      derum dürfen aus rechtlichen Gründen
                        werden. Sie kontrolliert, ob die Forschung      immer zu wenig Vergleichsgrößen und            nicht einwilligen. Das können letztlich
                        ethisch vertretbar und im Sinne der Kin-        Austausch der Ethikkommissionen unter-         nur die Eltern. Doch auch das Kind hat
                        der ist. Damit die Kommission grünes            einander.« Eine Grauzone, in der im Ein-       ein Mitspracherecht. »Schulkinder und
                        Licht gibt, müssen sowohl das Risiko, als       zelfall entschieden wird, werde es immer       Jugendliche müssen zustimmen«, erklärt
                        auch die Belastung für das Kind minimal         geben. Doch laut Wiesemann fehlt eine          Dr. Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder-
                        sein. Das Risiko lässt sich relativ gut abwä-   klare Grenze zu dem, was »grundsätzlich        und Jugendklinik Erlangen. »Die Eltern
                        gen, da fast alle Medikamente vorher an         indiskutabel« ist.                             willigen ein, doch wenn das Kind nicht
                        Erwachsenen getestet wurden. Allerdings            Ist die Studie genehmigt, beginnt die       teilnehmen möchte, nehmen wir es nicht
                        kommt es vor, dass bei Kindern andere Ne-       Suche nach Teilnehmern. Normalerwei-           in die Studie auf.« Über das Gespräch mit


                        Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                                     21
Kleine Körper – niedrige Medikamentendosis?
So einfach ist es leider nicht. Beim Erwach-
senwerden wächst zwar das Körpervolumen
(schwarz). Doch die passende Dosis (blau) hängt
vom Stoffwechsel ab und der variiert in den
verschiedenen Entwicklungsphasen stark.




                                                                                                                                               © Franziska Bernsdorf
dem Arzt hinaus erhält es einen auf sein          den Sinn der Studie auch bei noch so kind-        Ärzte, die Studien mit Kindern durch-
Alter und den Entwicklungsstand abge-             gerechter Erklärung nicht richtig erfassen.    führen wollen, brauchen eine besondere
stimmten Informationsbogen. So werden             Wie geht der Arzt also mit sehr kleinen Kin-   Qualifikation. Im Arzneimittelgesetz ist
auch die jungen Teilnehmer aufgeklärt.            dern um? »Indem man sich lieb mit dem          festgelegt, dass sie sich mit dem kind-
   Wie sehr diese Informationen ins De-           Kind beschäftigt«, sagt Dr. Andreas Kulo-      lichen Krankheitsbild und dem Umgang
tail gehen, hängt vom Alter und Entwick-          zik. Der Direktor der Pädiatrischen Onko-      mit minderjährigen Patienten auskennen
lungsstand des Kindes ab. Die dreijährige         logie in Heidelberg möchte, dass auch die      müssen. Ein Mediziner, der nicht auf Kin-
Leonie wird das Behandlungskonzept und            Kleinen merken: »Hier ist jemand, der will     der spezialisiert ist, kommt also nicht in
                                                  mir Gutes.« Mit diesem Vertrauensverhält-      Frage. Die jungen Studienteilnehmer sol-
                                                  nis nehme das Kind auch unangenehme            len bestmöglich betreut werden.
                                                  Behandlungsschritte hin. Standardisier-           Zusammenfassend sieht Dr. Wolfgang
   Gruppennützige Forschung                       bar ist der Umgang mit den Kindern für         Rascher zwei Möglichkeiten, Kindern Me-
                                                  Kulozik nicht. »Ich schaue mir immer die       dikamente zu geben: »Eine ist, dass wir mit
   Es gibt Studien, die keinen Eigennut-          Situation und das konkrete Kind an und         einigen Kindern eine gute Studie machen.
   zen für den Teilnehmer haben. Statt-           beziehe es, je nach dem persönlichen Ent-      Die Ethikkommission und das Bundesin-
   dessen nützen sie Patienten, die an            wicklungsstand, mit ein.«                      stitut für Arzneimittel und Medizinpro-
   der gleichen Krankheit leiden. Diese                                                          dukte müssen zustimmen. Der Patient ist
   gruppennützige Forschung ist nur               studie statt Heilversuch                       versichert und der Arzt muss alles proto-
   bei minimalem Risiko und minima-               In vielen Studien geht es auch um eine         kollieren. Er muss jede eventuelle Neben-
   ler Belastung des Probanden erlaubt.           kindgerechte Darreichungsform des Arz-         wirkung melden und sich ständig rechtfer-
   Bei Kindern ist sie umstritten. Häu-           neimittels. Was bei Erwachsenen völlig         tigen. Das ist eine Studie.«
   fig werden gruppennützige Studien              normal ist, kann Ärzte bei Kindern vor            Bei der anderen Möglichkeit, so Rascher,
   durchgeführt, um Normalwerte bei               Probleme stellen. Kleinkinder können die       probiere jeder X-beliebige Doktor ein Me-
   gesunden Minderjährigen zu ermit-              zu großen Tabletten oftmals nicht herun-       dikament aus. In einem »Heilversuch«
   teln. Die technischen Verfahren (z.B.          terschlucken. Oder der Saft hat so einen       könne er die Dosis raten und brauche sich
   zur Diagnostik) entwickeln sich stän-          bitteren Geschmack, dass Babys sich wei-       nicht dafür zu rechtfertigen. Wenn dem
   dig weiter. Ohne die Werte gesunder            gern ihn zu trinken. Bei der klinischen Prü-   Kind dann etwas passiert, »haben die El-
   Kinder, kann der Arzt krankhafte Ab-           fung hingegen können die Ärzte die opti-       tern Pech gehabt«. Für Rascher ist klar:
   weichungen mit neuen Methoden                  male Form – Zäpfchen, Tablette, Spritze,       »Das macht das Kind zum Versuchskanin-
   nicht erkennen.                                Saft – für die Altersgruppe der Patienten      chen, nicht die Studie!«               
                                                  herausfinden.                                                          Franziska Bernsdorf


22                                                                                                                            GRAUZONE
NEU: WELTINNENPOLITISCHE COLLOQUIEN




Ulrich Bartosch; Gerd Litfin; Reiner Braun;                   Ulrich Bartosch; Klaudius Gansczyk (Hrsg.)                    Stephan Albrecht; Ulrich Bartosch;
Götz Neuneck (Hrsg.)                                         Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert                      Reiner Braun (Hrsg.)
Verantwortung von Wissenschaft und Forschung                 Carl-Friedrich von Weizsäcker verpflichtet                     Zur Verantwortung der Wissenschaft – Carl
in einer globalisierten Welt                                 Zu Ehren des am 28. April 2007 verstorbenen Physikers,        Friedrich von Weizsäcker zu Ehren
Forschen – Erkennen – Handeln                                Philosophen und Friedensforschers Carl Friedrich von          Beiträge des 1. Hamburger Carl Friedrich von
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die        Weizsäcker, der 1963 den Begriff „Weltinnenpolitik“ in die
                                                             öffentliche Diskussion einbrachte und sich Jahrzehnte lang
                                                                                                                           Weizsäcker-Forums
Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) diskutier-                                                                     Vom 21. bis 22. September 2007 fand an der Univer-
ten 2009 über Fragen von Sicherheit und Nachrüstung,         in Verantwortung für Frieden mit friedlichen Mitteln, glo-
                                                                                                                           sität Hamburg das 1. Hamburger Carl Friedrich von
Umwelt und Nachhaltigkeit, Wissenschaft und Verantwor-       bale Gerechtigkeit und Bewahrung der Natur engagiert hat,
                                                                                                                           Weizsäcker-Forum statt. Es wurde getragen von der Verei-
tung, Bildung und Wissenschaft.                              tragen zu diesem Themengeflecht im vorliegenden Buch
                                                                                                                           nigung Deutscher Wissenschaftler gemeinsam mit der Uni-
Der Band enthält die Beiträge von Stephan Albrecht, Ger-     namhafte Autoren ihre Sicht auf das 21. Jahrhundert vor:
                                                                                                                           versität Hamburg, dem Philosophischen Seminar, dem Carl
hard Barkleit, Nina Buchmann, Christopher Coenen, Ja-        zu Weltwirtschaft, Weltpolitk, Weltethos und Interkulturel-
                                                                                                                           Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft
yantha Dhanapala, Christian Forstner, Klaudius Gansczyk,     ler Philosophie in Anbetracht planetarischer Bedrohungen
                                                                                                                           und Friedensforschung und dem Institut für Friedensfor-
Hartmut Grassl, Manfred Hampe, Hans R. Herren, Frank         durch Klimawandel, Armut, Kriege u.a.m.
                                                                                                                           schung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.
von Hippel, Martin Ka-linowski, Konrad Kleinknecht, Ke-      376 S., 29,90 €, br., ISBN 978-3-8258-0808-2                  In kritischer Würdigung der Lebensleistung, in dankbarer
vin Knobloch, Wolfgang Liebert, Klaus Mayer, Heidi Mey-                                                                    Erinnerung an seine Verdienste für die veranstaltenden In-
er, Wolfgang Neef, Götz Neuneck, Frank Schilling, Jürgen     Ulrich Bartosch; Jochen Wagner (Hrsg..)
                                                                                                                           stitutionen und mit dem Wunsch seine Denkansätze für die
Schneider, Jack Steinberger, Ernst Ulrich von Weizsäcker,    Weltinnenpolitik
                                                                                                                           aktuellen Fragestellungen fruchtbar zu nutzen, wurde ein
Manuela Welzel-Breuer, Albert Zeyer.                         Handeln auf Wegen in der Gefahr. Carl Friedrich               Diskussionsrahmen geschaffen, der künftig regelmäßig in
400 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-643-11285-9                 Weizsäcker zum 85. Geburtstag. Neuauflage                     Hamburg realisiert wird. Das Buch dokumentiert Beiträge
                                                             „Überfällige Weltinnenpolitik. Ein politisches und kompe-     des ersten Forums. Ergänzend wurde ein Vortrag und ein
                                                             tentes Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung       Streitgespräch aufgenommen, die zum 91. Geburtstag Carl
                                                             fehlt bislang“, überschrieb die Süddeutsche Zeitung ih-       Friedrich von Weizsäckers an der Katholischen Universi-
                                                             ren Bericht zur internationalen Tagung 1997 anlässlich        tät Eichstätt-Ingolstadt entstanden sind. Ein bewegendes
                                                             des 85. Geburtstages von Carl Friedrich von Weizsäcker        Zeitdokument beschliesst den Band. Die Predigt zur Trau-
                                                             in der Evangelischen Akademie Tutzing. Mit dem „Den-          erfeier in Starnberg im Rahmen der Beisetzung von Carl
                                                             ker der Weltinnenpolitik“ (Die Zeit) trafen Experten aus      Friedrich von Weizsäcker eröffnet – voller Zuneigung – die
                                                             Wissenschaft und Politik zusammen und diskutierten über       persönliche, private Sicht des Schwiegersohnes Konrad
                                                             Chancen und Gefahren im Zeitalter der Globalisierung.         Raiser auf das Leben und auf das Sterben des großen Ge-
                                                             11 Jahre nach der großen Tutzinger Tagung zur Weltinnen-      lehrten.
                                                             politik erfährt die Dokumentation der dortigen Vorträge       192 S., 19,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1769-5
                                                             eine Neuauflage.
                                                             Am 28. April 2007 ist der große deutsche Physiker, Frie-
                                                             densforscher und Philosoph im 95. Lebensjahr gestorben.
                                                             Mit dem vorliegenden Buch sind jene Texte wieder verfüg-
                                                                                                                                Beachten Sie den Fachkatalog
                                                             bar, die das direkte Gespräch mit Weizsäcker dokumen-                    Politikwissenschaft
                                                             tieren und seine eigenen Beiträge lebendig werden lassen.                       unter:
                                                             Sie unterstreichen die bleibende Gültigkeit und sichtbare
                                                             Fortentwicklung einer weltinnenpolitischen Sichtweise und         http://www.lit-verlag.de/kataloge
                                                             Zielsetzung.
                                                             Mit Beiträgen von Ulrich Bartosch, Chris Brown, Seyom
                                                             Brown, Jost Delbrück, Hans Peter Dürr, Friedemann Grei-
                                                             ner, Ingomar Hauchler, Peter Hennicke, Knut Ipsen, Hans            Beachten Sie den Fachkatalog
                                                             Joas, Hans Küng, Dieter S. Lutz, Hermann von Loewe-
                                                             nich, Klaus M. Meyer-Abich, Michael Müller, Franz Josef
                                                                                                                                         Philosophie
                                                             Radermacher, Eugeen Verhellen, Jochen Wagner, Carl                              unter:
                                                             Christian von Weizsäcker, Carl Friedrich von Weizsäcker
                                                             und Ernst Ulrich von Weizsäcker.
                                                                                                                               http://www.lit-verlag.de/kataloge
                                                             288 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1475-5

                                                        LIT Verlag           Berlin – Münster – Wien – Zürich – London
                                                     Auslieferung: D: LIT Verlag Fresnostr. 2, D-48159 Münster, Mail: vertrieb@lit-verlag.de
                      A: Medienlogistik Pichler-ÖBZ GmbH  Co KG, Mail: mlo@medien-logistik.at CH: B + M Buch- und Medienvertriebs AG, Mail: order@buch-medien.ch
in t er v i e w




        »Sie lieben es, mich zu hassen«
                                                                                    Die Übeltäter heißen Menthol,
                                                                                    Zucker oder Vanille: Zusatzstoffe,
                                                                                    die heute in fast jeder Zigaret­
                                                                                    te enthalten sind. Forscher ent­
                                                                                    wickelten die Zusätze, um die
                                                                                    Attraktivität von Zigaretten zu
                                                                                    erhöhen, sagt Martina Pötsch-
                                                                                    ke-Langer. Wir sprachen mit
                                                                                    der Leiterin der Stabsstelle für
                                                                                    Krebsprävention am Deutschen
                                                                                    Krebs­ orschungszentrum (DKFZ) in
                                                                                          f
                                                                                    Heidelberg über ihren jahrelangen
                                                                                    Kampf mit der Tabakindustrie und
                                                                                    die Verantwortung von Wissen­
© Michael Greiner




                                                                                    schaftlern für die Nikotinsucht.


                      Frau Pötschke-Langer, Sie arbeiten     wenn sie nicht geraucht hätten. Der müh-    Pötschke-Langer: Ich hatte damals am
                seit etwa 15 Jahren in der Krebspräventi-    same Prozess, den chronisch Kranken das     Deutschen Krebsforschungszentrum ei-
                on und haben sich mit den Gefahren von       Rauchen abzugewöhnen, hat mich dann         nen fantastischen Chef: Professor Harald
                Zusatzstoffen beschäftigt. Warum haben       dazu bewogen.                               zur Hausen, der 2008 den Medizin-Nobel-
                Sie Ihre Karriere so eng mit dem Thema             Sie haben also aufgrund Ihres Ver-    preis erhielt. Er gab mir 1997 die einmalige
                Tabak verbunden?                             antwortungsgefühls gehandelt?               Gelegenheit, eine eigene Abteilung aufzu-
                Pötschke-Langer: Während meines Medi-        Pötschke-Langer: Ich habe die Verantwor-    bauen.
                zinstudiums habe ich auch in der Abtei-      tung gesehen, weil sich damals keine In-          Kommen wir zu den Zusatzstoffen.
                lung für Lungenkrebspatienten gearbeitet.    stitution in Deutschland ernsthaft darum    Erhöhen sie die Suchtgefahr von Zigaret-
                Dort musste ich das unendliche Elend der     bemüht hat: In vielen Ländern, wie etwa     ten?
                Menschen erleben, die jämmerlich ver-        Skandinavien oder Großbritannien, gab es    Pötschke-Langer: Zusatzstoffe erhöhen
                starben. Die Konfrontation mit der medi-     in den 1990ern Fortschritte in Bezug auf    die Sucht indirekt, indem sie die Attrakti-
                zinischen Wirklichkeit war eine Sache. Die   Tabakprävention und Rauchentwöhnung,        vität von Tabakprodukten massiv erhöhen
                andere war meine Arbeit in der Gefäßam-      nur nicht in Deutschland. Es war unglaub-   und diese leichter rauchbar machen. 85
                bulanz. Meine damaligen Patienten waren      lich! Wir haben deshalb entschieden, dass   Prozent aller Raucher fangen vor dem 18.
                zu fast 60 Prozent Raucher. Sie wären von    es so nicht weiter gehen kann.              Lebensjahr an. Diesen Jugendlichen wird
                Gefäßerkrankungen verschont geblieben,             Wie ging es weiter?                   der Rauchbeginn durch Zusatzstoffe be-


                24                                                                                                                     GRAUZONE
© Michael Greiner




                    sonders leicht gemacht. Das Fatale an den
                    Zusätzen ist, dass sie bereits Kindern und
                    Jugendlichen eine tiefe Inhalation ermög-
                    lichen, weil der bittere, unangenehme Ta-
                    bakgeschmack verdeckt wird.
                          Ein wichtiger Zusatzstoff ist Men-
                    thol. Warum?
                    Pötschke-Langer: Menthol wird eigentlich
                    therapeutisch eingesetzt, da es kühlend
                    und schmerzlindernd wirkt. Es schließt
                    aber auch die Atemwege auf, wodurch man       Oh, blauer Dunst!
                    sehr tief inhalieren kann. Bei Zigaretten     In der Glut einer Zigarette herrschen
                    führt es dazu, dass der Tabakrauch mit sei-   600 bis 900°C. Bei diesen Tempe-
                    nen krebserzeugenden Substanzen länger        raturen kann aus dem ansonsten
                    in der Lunge bleiben kann. Inzwischen ist     harmlosen Zusatzstoff Zucker
                    Menthol in fast jeder Zigarette vorhanden,    Acrylamid und Acrolein werden –
                    obwohl es dort nicht hin gehört.              zwei krebserregende Substanzen.


                    Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                        25
Das Ende einer »Kippe« – zerdrückt im Aschenbe-
                                                                                                             cher. Voll gefüllt entfaltet der Ascher sogar eine
                                                                                                             gewisse Ästethik. Im Filter gut erkennbar: die
                                                                                                             braunen Rückstände. Gesundheitskosten durch
                                                                                                             das Rauchen in Europa: 1 Prozent des Bruttoin-
                                                                                                             landprodukts, schätzt die WHO.
© Michael Greiner




                      Können Sie das näher erläutern?         tin- und Menthol-Freisetzung aufgedeckt.       Pötschke-Langer: Können ja. Aber ich
                Pötschke-Langer: Wenn der Zusatz in den       Diese Beobachtung wird der Produkt-Ge-         möchte an dieser Stelle keinen Einzelfall
                Zigaretten eine Mischung aus Menthol,         schmacks-Entwicklung helfen, optimale          herausgreifen.
                Vanille und Zuckerarten ist, dann macht       Mentholprodukte zu konstruieren.« Die                Wie sieht die Forschung zu Tabak in
                diese Mischung das Rauchen so leicht und      Beteiligten wissen über die Wirkung also       Deutschland aus?
                angenehm wie nur möglich. Heute sind          ganz genau Bescheid.                           Pötschke-Langer: Es gibt keinen Risiko-
                Zigaretten dazu geeignet, den Kinder- und            Heute gibt es Zigaretten, auf denen     faktor, der so gut erforscht ist wie das
                Jugendmarkt zu erobern.                       steht: »ohne Zusatzstoffe«. Was kann man       Tabakrauchen. In den medizinischen Da-
                      Die Tabakindustrie setzt die Zusatz-    davon halten?                                  tenbanken finden Sie 40.000 bis 50.000
                stoffe ganz bewusst ein, und diese werden     Pötschke-Langer: Gar nichts! Ganz provo-       Publikationen zu gesundheitlichen Folgen
                von Forschern gezielt entwickelt?             kant gesagt habe ich Zweifel, dass sie keine   des Rauchens und zur Sucht durch Tabak-
                Pötschke-Langer: Das ist richtig. Wir haben   Zusatzstoffe enthalten: Die meisten sind       produkte. Was die Gesundheitsgefährdung
                Paradebeispiele aus den Tabakindustriedo-     leicht zu rauchen und unterscheiden sich       angeht, sind alle Daten auf dem Tisch.
                kumenten, die in den 1990er Jahren wegen      kaum von den anderen Zigaretten. Es ist zu         Jährlich sterben 650.000 Menschen in
                der Haftungsprozesse in den USA [Anm.         vermuten, dass die Zusatzstoffe nicht im       Europa an den Folgen des Rauchens. Wa-
                d. Red.: Schadensersatzprozesse mehre-        Tabak, sondern im Filter oder in der Hülle     rum gibt es bis heute kein Verbot von Zu-
                rer US-Staaten gegen die Tabakindustrie]      untergebracht werden.                          satzstoffen in Deutschland?
                ins Internet gestellt werden mussten. In             Sind Ihnen Fälle von Wissenschaft-      Pötschke-Langer: Das kann man ganz
                diesen Prozessen wurde herausgearbeitet,      lern bekannt, die direkt von der Tabakin-      klar beantworten. Die Tabaklobby hat
                dass die ganze Palette der Zusatzstoffe im    dustrie finanziert wurden?                     eine immense Stärke, insbesondere in
                Wesentlichen dazu dient, Neueinsteiger        Pötschke-Langer: Das ist ein trauriges Kapi-   Deutschland. Und sie hat es bisher durch
                anzusprechen und zu gewinnen, sowie die       tel in der Geschichte der Wissenschaft, das    geschicktes Lobbying geschafft, eine Pro-
                bereits bestehenden Raucher in der Ab-        insbesondere die deutsche Wissenschaft         duktregulation zu verhindern.
                hängigkeit zu halten.                         betrifft. Wir haben dazu Beispiele, die wir          Sie sitzen seit 1992 im Steuerungs-
                      Können Sie ein Zitat nennen?            auf die Website gestellt haben [Anm.d.Red.:    gremium        des     »Aktionsbündnisses
                Pötschke-Langer: Gerne. Zu Menthol            www.dkfz.de/de/tabakkontrolle]. Und es         Nichtrauchen« und seit 2000 im Steue-
                schrieb die Tabakindustrie intern bereits     wird bis heute noch geforscht.                 rungsgremium des »Wissenschaftlichen
                in den 1970ern: »Unser Labor hat die                 Können Sie einen konkreten Fall         Aktionsbündnisses Tabakentwöhnung«.
                komplexen Interaktionen zwischen Niko-        nennen?                                        Was genau machen Sie dort?


                26                                                                                                                              GRAUZONE
Pötschke-Langer: Wir stimmen uns mit
anderen angesehenen Organisationen
ab, wie etwa der Deutschen Krebshil-
fe oder der Deutschen Gesellschaft für
Kardiologie.
      Sehen Sie Interessenskonflikte
zwischen Ihrem Engagement und Ihrer
                                                             »   Die Wissenschaftler der
                                                                 Tabakindustrie werden
                                                                 exorbitant gut bezahlt.
                                                                 Es ist ihre Entscheidung,
wissenschaftlichen Arbeit?
Pötschke-Langer: Ich kann keine erken-                           für wen sie arbeiten
nen. Wenn es Interessenskonflikte gäbe,
dann würde ich an einer solchen Initiati-
                                                                 und von wem sie das
ve nicht mitwirken.                                              Geld nehmen. Denn
      Haben Sie Probleme mit der Tabak-




                                                                                                      «
industrie bekommen?                                              sie wissen ganz genau,
Pötschke-Langer: Mit der Tabakindustrie
nicht, aber natürlich mit ihren Lobby-
                                                                 was sie dort tun. Es ist
isten. Sie lieben es, mich zu hassen und                         die Frage: Ist Ethik für
in den entsprechenden Blogs meine Ar-
beit anzugreifen. So bekomme ich Hass-                           mich ein Stellenwert?
Mails und Beschimpfungen im Internet.
Bisweilen ist das keineswegs spaßig.
     Welche Verantwortung haben For-
scher, die für die Tabakindustrie ar-
beiten?
Pötschke-Langer: Die Wissenschaftler
der Tabakindustrie werden exorbitant
gut bezahlt. Es ist ihre Entscheidung, für
wen sie arbeiten und von wem sie das
Geld nehmen. Denn sie wissen ganz ge-
nau, was sie dort tun. Es ist die Frage: Ist
Ethik für mich ein Stellenwert oder kann
ich mich darüber hinweg setzen?                                               Rauchen ist ein Spitzengeschäft – für die Tabak-
      Wie viele Forscher arbeiten heute                                       industrie. In Deutschland setzt sie jährlich rund
an neuen Zusatz- oder Inhaltsstoffen                                          12 Milliarden Euro um. Manche Marken werben
für die Tabakindustrie?                                                       mit dem Versprechen: »ohne Zusätze«.
Pötschke-Langer: Weltweit sind es Tau-
sende von hervorragenden Forschern.
Das kann sich die Tabakindustrie auch
leisten, bei jährlich mehreren Milliar-
den Gewinn in Deutschland.
      Zum Schluss eine persönliche Fra-
ge. Haben Sie selbst jemals geraucht?
Pötschke-Langer (lacht): Ja, am Ende
meines Medizinstudiums habe ich
mich in einer Lerngruppe auf die groß-
en Examensprüfungen vorbereitet. Die
Begleitmusik dazu waren schwarzer Tee
– zwei, drei Kannen pro Tag – und Ziga-
retten. Aber kaum hatten wir das Exa-
men in der Tasche, haben wir von diesen
Lastern gelassen. Seit dem kann ich Zi-
garetten nicht mehr ertragen – genau so
wie den schwarzen Tee von damals.	 
                                                    reiner




                           Michael Greiner
                                                    hael G
                                               © Mic




Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                     27
Po l i t i k b e r atu n g




        Eine Hand
        wäscht die andere?
                 Der Staat fördert einen Teil der Forschung.
                 Die Erkenntnisse der Wissenschaft können
                 politische Entscheidungen stützen.
                 Wie Experten die deutsche Regierung beraten
                 und inwieweit sie Einfluss auf Entscheidungs-
                 prozesse haben.




                                                                 Der Hessische Landtag in Wiesbaden: Hier
                                                                 treffen sich Politiker und Forscher. Gemeinsam
                                                                 suchen sie nach Lösungsansätzen für gesell-
                                                                 schaftliche Probleme.
© Reinhard Grieger




                 28                                                                               GRAUZONE
© Bundesregierung / Kugler




                     D
                                  er 11.11.2011 im CDU-Sitzungssaal      Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Stippvisite im Robert-Koch-Insitut in Berlin.
                                  des Hessischen Landtages. Hier         Die Forschungseinrichtung ist Teil des Bundesministeriums für Gesundheit und
                                  wird nicht etwa die Fastnachts-        berät die Politik vor allem in biologischen und medizinischen Fragen.
                         kampagne 2012 eröffnet, sondern die Sit-
                         zung der Enquete-Kommission »Migration
                         und Integration in Hessen«. Pünktlichkeit       nicht den Eindruck, aber in einer Enquete-          bericht und gibt ihn als Empfehlung an
                         scheint nicht oberste Priorität zu sein. Fünf   Kommission haben die Wissenschaftler die            das Parlament.
                         Minuten verspätet begrüßt der Vorsitzen-        Aufmerksamkeit der Politik. Somit können               Ad-hoc-Kommissionen sind nicht wie
                         de Jürgen Banzer (CDU) die Anwesenden           sie Einfluss auf den Schlussbericht neh-            die Enquete im Bundes- oder Landtag, son-
                         und eine viertel Stunde später kommen           men. Bei der Enquete sind Sachverständi-            dern in der Bundes- oder Landesregierung
                         auch die letzten Teilnehmer an. Gerade          ge wie Unternehmer oder Wissenschaftler             angesiedelt. Der zuständige Minister oder
                         referiert Rauf Ceylan, Migrations- und          unter den ständigen Mitgliedern. Diese              die Bundeskanzlerin setzt sie ein, um sich
                         Religionssoziologe an der Universität Os-       nehmen an jeder Sitzung teil und erarbei-           externen Rat zu bestimmten Problemstel-
                         nabrück, über die Situation der Migranten       ten gemeinsam mit den Abgeordneten die              lungen einzuholen. Der politische Auftrag-
                         in Deutschland und gibt den Politikern          Lösungsansätze.                                     geber wählt die Mitglieder frei aus. Diese
                         eine Handlungsempfehlung: »Es ist wich-                                                             Kommissionen sind für eine bestimmte
                         tig, den islamischen Religionsunterricht        Experten geben                                      Zeit eingesetzt und erarbeiten ebenfalls
                         flächendeckend einzuführen.« Nach ihm           Empfehlungen                                        einen Schlussbericht, jedoch in der Regel
                         tragen noch vier weitere Experten vor. Die      Die Enquete-Kommission ist eine von vie-            mit Handlungsempfehlungen für die Re-
                         Abgeordneten stellen eine Menge Fragen,         len wissenschaftlichen Beratungsmöglich-            gierung.
                         unter anderem nach empirischen Befun-           keiten und wird vom Bundes- oder Land-                 Der Einfluss eines Schlussberichtes auf
                         den. Sie verlangen immer wieder nach            tag in Auftrag gegeben.                             die Politik unterscheidet sich von Kom-
                         Handlungsvorschlägen. Viereinhalb Stun-            Sie gewinnt mittels Expertenanhö-                mission zu Kommission. Denn letztlich
                         den dauert der Dialog zwischen wissen-          rungen, Arbeitsunterlagen      und For-             entscheidet die Regierung, was sie damit
                         schaftlichen Beratern und Abgeordneten.         schungsaufträgen     Informationen    zu            macht. Und diese, meint Ulf Riebesell,
                            Zwar macht in diesem Fall die Haltung        einem Thema und sucht nach Lösungsan-               nimmt Beratungen sowieso nur an, wenn
                         einiger Mitglieder – tief im Stuhl hängend,     sätzen zu gesellschaftlichen Problemen.             sie es in ihrer Strategie gebrauchen kann.
                         mit dem Handy spielend, sogar dösend –          Die Kommission erarbeitet einen Schluss-            Riebesell ist Gutachter für den nächsten


                         Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß                                                                                                  29
Bericht des Weltklimarats und forscht als       merksam machen, mehrere Meinungen            Ausschreibungen. Die Forscher bewerben
Ozeanograph am Leibniz-Institut für Mee-        präsentieren, und ob sie deutlich machen,    sich mit einem Vorschlag, wie sie an das
reswissenschaften. Doch als Politikberater      wenn Erkenntnisse vage sind«. Die Ver-       Problem herangehen würden und was es
sehe er sich nicht: »Ein Wissenschaftler        waltungswissenschaftlerin hat bereits ge-    kosten würde. Auch außeruniversitäre Ein-
braucht nicht zu glauben, dass er die Po-       meinsam mit Kollegen ein Gutachten für       richtungen, wie die Helmholtz-Gemein-
litiker zum Handeln bringen kann«, sagt         das europäische Parlament geschrieben:       schaft, beraten mittels Publikationen und
Riebesell. Für ihn seien die Bürger die trei-   »Man fragt sich, wird das so verstanden,     Auftragsforschung die Politik.
bende Kraft. Deshalb sehe er seine Verant-      wie wir es meinen? Und was passiert mit         »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein
wortung darin, der Gesellschaft korrekte        den Sachen, die wir hier aufschreiben?«      Gutachten komplett von einem Minister
Informationen zu vermitteln und zu ihrem        Kommunikationsschwierigkeiten sind laut      gelesen wird. Dafür sind Mitarbeiter da,
Wohle zu handeln: »Das Entscheidende ist,       Hustedt ein Problem der Politikberatung.     die dann kanalisieren und mitteilen was
was die Gesellschaft mit den Erkenntnis-        Denn nicht immer werde das, was der Wis-     darin steht«, sagt Hustedt. Inwiefern das
sen macht. Die Politik wird erst auf die Äu-    senschaftler für eindeutige Sprache halte,   Gutachten in einzelne Fragestellungen
ßerung der Gesellschaft reagieren. Siehe        in der Politik auch so verstanden.           eingehe, könne davon abhängen, wie das
Fukushima.« Riebesell warnte als einer der         Universitäten können die Politik durch    zuständige Referat es aufnehme und wei-
Ersten vor der Ozeanversauerung als Folge       Gutachten beraten. Ein Gutachten steht       terkommuniziere.
des Klimawandels, doch »geschehen ist           in der Regel in Verbindung mit einer Auf-       Auch Ressortforschungseinrichtungen
noch lange nichts«, sagt der Forscher.          tragsforschung. Dafür gibt es offizielle     (RFE) forschen im Auftrag der Regierung.

Politik braucht
Wissenschaft
Trotz alldem ist gerade die Klimapolitik
abhängig von der Expertise der Forscher.
»Zum Klimawandel gab es in den 1980ern
zwei Enqueten. Vor allem die Erste galt als
sehr einflussreich für die weitere diskursi-
ve Struktur des Politikfeldes«, sagt Thurid
Hustedt,     Verwaltungswissenschaftlerin
der Potsdamer Universität. Sie bestätigt,
dass der Einfluss eines Abschlussberichts
immer schwer nachzuvollziehen ist. Er
werde zwar in jedem Fall in Ausschüssen
und Plenen diskutiert. Das heiße aber
nicht, dass er in einen Entscheidungs-
prozess mit eingehe. Dennoch weiß sie:
»Die Grundtendenz ist, dass Politik wis-
senschaftsabhängiger wird. Die gute poli-
tische Entscheidung soll sowohl auf einer
Wertentscheidung, wie auch nach bestem
Wissen getroffen sein.«
   Da laut Hustedt der Beratene viel we-
niger als der Berater weiß, müsse Letzte-
rer sich entsprechend verhalten und den
Sachverhalt angemessen und sorgfältig
vorbringen. Die Verantwortung habe er
gegenüber den Gremien, seiner eigenen
Disziplin und dem Beratenen.
   Laut Hustedt geben Wissenschaftler
ihre Fakten nicht nur wieder, sondern in-
terpretieren sie auch in ihrem sozialen
Zusammenhang. Deshalb hängt ihrer Mei-
nung nach verantwortliches Handeln der
Berater davon ab, »wie sie ihre Ergebnisse
kommunizieren, auf Streitigkeiten auf-


30                                                                                                                       GRAUZONE
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß
Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß

Weitere ähnliche Inhalte

Ähnlich wie Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß

Carolin meets Hanna - Expression VI
Carolin meets Hanna -  Expression VICarolin meets Hanna -  Expression VI
Carolin meets Hanna - Expression VI
NOGGO e.V.
 
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
Martin Ballaschk
 
Fascination of Plants Day 2012
Fascination of Plants Day 2012Fascination of Plants Day 2012
Fascination of Plants Day 2012
wd4u
 
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechenEva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
Stefanie Kollenberg, Raabe Verlag
 
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
MichaelHolzwieser
 
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
Michael Gusko
 
ROHSTOFF-Magazin 2016
ROHSTOFF-Magazin 2016ROHSTOFF-Magazin 2016
ROHSTOFF-Magazin 2016
CorneliaK
 
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des KlinikersDie Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
Cochrane.Collaboration
 
Einladung k+ auftakt-10.10.-dai
Einladung k+ auftakt-10.10.-daiEinladung k+ auftakt-10.10.-dai
Einladung k+ auftakt-10.10.-dai
metropolsolar
 
BNE in der Grundschule
BNE in der GrundschuleBNE in der Grundschule
Projektvorstellung
ProjektvorstellungProjektvorstellung
Projektvorstellung
Mirijam Mock
 
Nichtmenschliche Primaten
Nichtmenschliche PrimatenNichtmenschliche Primaten
Nichtmenschliche Primaten
GreenFacts
 
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und WahrheitPHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
Andreas Wolkenstein
 
Wegmarken für einen Kurswechsel
Wegmarken für einen KurswechselWegmarken für einen Kurswechsel
Wegmarken für einen Kurswechsel
lebenmitzukunft
 
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
Heinrich-Böll-Stiftung
 
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernenDer einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
JosefSenn
 
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
AgroSax e.V.
 
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor OrtBritta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Stefanie Kollenberg, Raabe Verlag
 
Hefte Helfen - Kinderkrebshilfe
Hefte Helfen - KinderkrebshilfeHefte Helfen - Kinderkrebshilfe
Hefte Helfen - Kinderkrebshilfe
HefteHelfen
 
GDNÄ - Die Wissensgesellschaft
GDNÄ - Die WissensgesellschaftGDNÄ - Die Wissensgesellschaft
GDNÄ - Die Wissensgesellschaft
GDNÄ - Die Wissensgesellschaft
 

Ähnlich wie Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß (20)

Carolin meets Hanna - Expression VI
Carolin meets Hanna -  Expression VICarolin meets Hanna -  Expression VI
Carolin meets Hanna - Expression VI
 
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
Wen erreicht man mit Wissenschaftsblogs wirklich?
 
Fascination of Plants Day 2012
Fascination of Plants Day 2012Fascination of Plants Day 2012
Fascination of Plants Day 2012
 
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechenEva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
Eva Kalbheim: Tabuthemen aufbrechen
 
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
2023 Lebensmittel und Wertebildung_v2.pptx
 
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
Personalisierte Ernaehrung, Michael Gusko, GoodMills Group, Deutsches Tiefkue...
 
ROHSTOFF-Magazin 2016
ROHSTOFF-Magazin 2016ROHSTOFF-Magazin 2016
ROHSTOFF-Magazin 2016
 
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des KlinikersDie Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
Die Ideen Archie Cochranes – wo stehen wir heute aus der Sicht des Klinikers
 
Einladung k+ auftakt-10.10.-dai
Einladung k+ auftakt-10.10.-daiEinladung k+ auftakt-10.10.-dai
Einladung k+ auftakt-10.10.-dai
 
BNE in der Grundschule
BNE in der GrundschuleBNE in der Grundschule
BNE in der Grundschule
 
Projektvorstellung
ProjektvorstellungProjektvorstellung
Projektvorstellung
 
Nichtmenschliche Primaten
Nichtmenschliche PrimatenNichtmenschliche Primaten
Nichtmenschliche Primaten
 
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und WahrheitPHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
PHILOSOPHIE UM FUENF: Politk und Wahrheit
 
Wegmarken für einen Kurswechsel
Wegmarken für einen KurswechselWegmarken für einen Kurswechsel
Wegmarken für einen Kurswechsel
 
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
Heinrich Böll Stiftung Jahresbericht 2008
 
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernenDer einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
Der einfachste Weg, die Bioresonanz kennenzulernen
 
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
Was denkt die Gesellschaft über die Landwirtschaft?
 
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor OrtBritta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Britta Klocke: Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
 
Hefte Helfen - Kinderkrebshilfe
Hefte Helfen - KinderkrebshilfeHefte Helfen - Kinderkrebshilfe
Hefte Helfen - Kinderkrebshilfe
 
GDNÄ - Die Wissensgesellschaft
GDNÄ - Die WissensgesellschaftGDNÄ - Die Wissensgesellschaft
GDNÄ - Die Wissensgesellschaft
 

Mehr von mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)

Der neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang OnlinekommunikationDer neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang OnlinekommunikationDer neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Fachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
Fachbereichsflyer Media Hochschule DarmstadtFachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
Fachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Mediencampus: Info für Studienanfänger
Mediencampus: Info für StudienanfängerMediencampus: Info für Studienanfänger
Mediencampus: Info für Studienanfänger
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Course Information Animation and Game
Course Information Animation and GameCourse Information Animation and Game
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | UmweltenSTATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
ScienceWednesday im Sommersemester 2014
ScienceWednesday im Sommersemester 2014ScienceWednesday im Sommersemester 2014
ScienceWednesday im Sommersemester 2014
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Studieninformation Onlinekommunikation
Studieninformation OnlinekommunikationStudieninformation Onlinekommunikation
Studieninformation Onlinekommunikation
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Studieninformation Master Leadership in the Creative Industries
Studieninformation Master Leadership in the Creative IndustriesStudieninformation Master Leadership in the Creative Industries
Studieninformation Master Leadership in the Creative Industries
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für TeilzeitheldenCommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Torsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
Torsten Schaefer: Die Krise der AuslandsrechercheTorsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
Torsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
OJ Absolventen
OJ AbsolventenOJ Absolventen
Studieninformation Medienentwicklung
Studieninformation MedienentwicklungStudieninformation Medienentwicklung
ScienceWednesday im Sommersemester 2013
ScienceWednesday im Sommersemester 2013ScienceWednesday im Sommersemester 2013
ScienceWednesday im Sommersemester 2013
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 
Studieninformation Sound & Music Production
Studieninformation Sound & Music ProductionStudieninformation Sound & Music Production
Studieninformation Sound & Music Production
mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences)
 

Mehr von mediencampus (h_da Darmstadt University of Applied Sciences) (20)

Der neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang OnlinekommunikationDer neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
 
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang OnlinekommunikationDer neue Studiengang Onlinekommunikation
Der neue Studiengang Onlinekommunikation
 
Fachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
Fachbereichsflyer Media Hochschule DarmstadtFachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
Fachbereichsflyer Media Hochschule Darmstadt
 
Mediencampus: Info für Studienanfänger
Mediencampus: Info für StudienanfängerMediencampus: Info für Studienanfänger
Mediencampus: Info für Studienanfänger
 
Course Information Animation and Game
Course Information Animation and GameCourse Information Animation and Game
Course Information Animation and Game
 
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | UmweltenSTATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
STATION HEIMAT - Medien | Landschaften | Umwelten
 
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
ScienceWednesday im Wintersemester 2014/15
 
ScienceWednesday im Sommersemester 2014
ScienceWednesday im Sommersemester 2014ScienceWednesday im Sommersemester 2014
ScienceWednesday im Sommersemester 2014
 
Studieninformation Onlinekommunikation
Studieninformation OnlinekommunikationStudieninformation Onlinekommunikation
Studieninformation Onlinekommunikation
 
Studieninformation Master Medienentwicklung
Studieninformation Master MedienentwicklungStudieninformation Master Medienentwicklung
Studieninformation Master Medienentwicklung
 
Studieninformation Master Leadership in the Creative Industries
Studieninformation Master Leadership in the Creative IndustriesStudieninformation Master Leadership in the Creative Industries
Studieninformation Master Leadership in the Creative Industries
 
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für TeilzeitheldenCommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
CommunicationCamp 2014: Das Barcamp für Teilzeithelden
 
Torsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
Torsten Schaefer: Die Krise der AuslandsrechercheTorsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
Torsten Schaefer: Die Krise der Auslandsrecherche
 
Erstsemestereinfuehrung am Mediencampus im WS 2013/14
Erstsemestereinfuehrung am Mediencampus im WS 2013/14Erstsemestereinfuehrung am Mediencampus im WS 2013/14
Erstsemestereinfuehrung am Mediencampus im WS 2013/14
 
OJ Absolventen
OJ AbsolventenOJ Absolventen
OJ Absolventen
 
Studieninformation Medienentwicklung
Studieninformation MedienentwicklungStudieninformation Medienentwicklung
Studieninformation Medienentwicklung
 
Erasmustag Dieburg
Erasmustag DieburgErasmustag Dieburg
Erasmustag Dieburg
 
Master: Leadership in the Creative Industries
Master: Leadership in the Creative IndustriesMaster: Leadership in the Creative Industries
Master: Leadership in the Creative Industries
 
ScienceWednesday im Sommersemester 2013
ScienceWednesday im Sommersemester 2013ScienceWednesday im Sommersemester 2013
ScienceWednesday im Sommersemester 2013
 
Studieninformation Sound & Music Production
Studieninformation Sound & Music ProductionStudieninformation Sound & Music Production
Studieninformation Sound & Music Production
 

Grauzone - Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß

  • 1. grau zone Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß Magazin der Wissenschaftsjournalisten an der Hochschule Darmstadt 2012
  • 3. ed i t or i a l Grauzone – das ist nicht einfach schwarz oder weiß, nicht gut oder böse. Das Gleiche gilt für die Wissenschaft: Neue Erfindungen und Tech- nologien brauchen Rahmenbedingungen, damit sie nicht missbraucht werden. Doch wer schafft diese Rahmenbedingungen? Muss ein Wissenschaftler während seiner For- schungsarbeit schon über mögliche Folgen seiner Ergebnisse nachdenken? Trägt er überhaupt eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder ist seine Forschung un- abhängig davon? Verantwortung in der Wissenschaft – das klingt erst einmal abstrakt, trocken und irgendwie anstrengend. Auf den zweiten Blick ergeben sich viele spannende Themen- felder, von der Militärforschung bis zu Tierversuchen. Diesen zweiten Blick haben die Studierenden des Wissenschaftsjournalismus der Hochschule Darmstadt ein Semester lang riskiert. Warum gibt es für bestimmte Krankheiten keine Medikamente? Was hat die Wissen- schaft mit Zusatzstoffen im Tabak zu tun? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung für die Forschungsergebnisse, die zum Bau der Atombombe führten? Wie bringen wir Wissenschaft ans Kind und wie funktionieren Medikamente für Kinder? Unsere Autoren recherchieren, hinterfragen und zeigen verschiedene Aspekte der Verantwortung in wissenschaftlichen Disziplinen auf. Projektpartner ist die »Vereinigung deutscher Wissenschaftler«, die nicht nur den Druck finanzierten, sondern sich auch unseren Fragen stellten: Im Gespräch mit Ulrich Bartosch und Reiner Braun geht es um Themen wie Nachhaltigkeit und den Sinn und Unsinn von Forschungsgeldern. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre, Christina Ress, Tabea Osthues Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 3
  • 4. in h alt 6 Verkehrte Welt B ilderstrecke Wir verschwenden hemmungslos, was Andere zum Überleben brauchen. 12 Ein lebenslanger Prozess Verantwortungsentwicklung Wie wir lernen, zu unseren Handlungen zu stehen und ihre Folgen abzuschätzen. 16 Wissenschaft macht Spaß Kinder als Forscher Lernen Kinder durch Experimente Na- turwissenschaften kennen und verstehen? © Iris Küppers-Krauß 20 Studieren geht über probieren Forschung an Kindern Passende Medikamente für Kinder sind rar. Klinische Studien können das ändern. Einige Bedenken bleiben dennoch. 24 »Sie lieben es, mich zu hassen« Interview: Zusatzstoffe in Zigaretten Martina Pötschke-Langer über ihren jah- relangen Kampf gegen die Tabakindustrie. 28 Eine Hand wäscht die andere? Politikberatung Wie Wissenschaftler politische Entschei- dungen beeinflussen. Oder auch nicht. 32 Es lebe die Geldverschwendung Kommentar: Geld und Forschung Grundlagenforschung und wirtschaftliche © Ina Hübener Interessen lassen sich nicht vereinbaren. 34 Gewissen verbindet Interview: Lobbyarbeit Bei unserem Geldgeber nachgebohrt: Reiner Braun und Ulrich Bartosch von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler im Gespräch. 38 Der radioaktive Elfenbeinturm Kernkraftforschung im Konflikt Fortschritt als Ziel, Zerstörung das Ergeb- nis. Wie aus einer vielversprechenden Strahlung die Atombombe wurde. 40 Kompromisse nach dem GAU Interview: Arbeit einer Ethikkommission © Michael Greiner Volker Hauff über teils chaotische Diskus- sionen beim Atommoratorium.
  • 5. 42 Forschung im Badezimmer Glosse: Pseudowissenschaft Faltenfreie Zukunft – von Märchen und Wundern der Kosmetikindustrie. 44 Neutral gibt es nicht T ierversuche Wieso trotz aller Alternativen immer noch an Tieren geforscht wird. 46 Fabelwesen aus dem Labor Pro und Contra: Chimären Brauchen wir Mischwesen für die For- schung oder gehen wir damit zu weit? © Adrian Wagner 50 Heilung nicht von Interesse Pharmaforschung Seltene Krankheiten betreffen wenige Menschen – zu wenige für die Pharmaindustrie. 54 Wer haftet für das Wetter? Launische Natur Regen, Hagel, Sturm: Wenn Festivals tödlich enden, ist es schwer, den Schuldigen zu finden. 60 Im Labor an der Front Militärforschung Darf an deutschen Hochschulen für den Krieg geforscht werden? 64 Wissen aus dem Untergrund? © fotolia: valdezrl Kurzinterviews: Wofür sie forschen Warum jede Wissenschaftsdisziplin verantwortlich für ihre Ergebnisse ist. 68 Hype ohne Zukunft Elektromobilität Strom statt Benzin. Was verlockend klingt, scheitert an einem wichtigen Roh- stoff: Lithium. 70 Wer fährt denn hier? Autonomes Fahren Wenn PKWs sich selbst lenken, ist unklar, wer bei einem Unfall haften muss. 63 Editorial 73 Impressum © Francesco Mocellin 74 Letzte Seite
  • 6. Verkehrte Welt Wir verfüttern Essen an Tiere und füllen Lebens- mittel in unsere Tanks. Da läuft etwas falsch. © fotolia: joda 6 GRAUZONE
  • 7. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 7
  • 8. © fotolia: Miredi 37 Millionen Tonnen Getreide werden pro Jahr in Deutschland geerntet. Für die Produktion von Bioethanol wurden 2010 über 1,3 Millionen Tonnen Getreide verwendet – knapp 4 Prozent. © Harald Lange 2,6 Kilogramm Getreide benötigt man, um 1 Liter Bioethanol herzustellen. An der Tankstelle kauft man dann E10: 10 Prozent Biotreibstoff, 90 Prozent Benzin. 10 Liter E10 enthalten 1 Liter Bioethanol. 8 GRAUZONE
  • 9. © flickr.com: Nathan Colquhoun 900 Gramm Getreide reichen, um einen Menschen einen Tag lang zu ernähren. Mit dem Getreide, aus dem in Deutschland Bioethanol hergestellt wird, könnten 4 Millionen Menschen ein Jahr lang leben. © 4freephotos.com: alegri 10 Liter Treibstoff reichen im Durchschnitt für 150 Kilometer. Das entspricht der Strecke von Magdeburg nach Berlin – oder dem, was eine kleine Familie täglich an Getreide benötigt, um zu überleben. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 9
  • 10. © Iris Küppers-Krauß 747 Millionen Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Davon sind 3,5 Millionen Rinder, 59 Millionen Schweine und 618 Millionen Hühner. Durchschnittlich 1094 Tiere isst jeder Deutsche in seinem Leben. © Christopher Stumm Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, braucht man 15.000 Liter Wasser und 10 Kilogramm Getreide. Ein Burger mit Pommes und Salat benötigt eine Anbaufläche von 3,61 Quadratmetern, Nudeln mit Tomatensauce dagegen nur 0,46 Quadratmeter. 10 GRAUZONE
  • 11. © fotolia: Tobias Müller Auf weltweit 2,6 Millionen Hektar Landflächen wird Soja als Futtermittel für den Import nach Deutschland angebaut, vor allem in armen Ländern. Ein Gebiet fast so groß wie Brandenburg. © Mareike Heups Die Viehwirtschaft ist für fast ein Fünftel der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. 12 Kilogramm Rindfleisch essen wir pro Kopf und pro Jahr – das entspricht einem Kohlendioxidausstoß von rund 430 Kilogramm. Etwa so viel wie ein Flug von Berlin nach Mallorca. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 11
  • 12. V ER an t wo r tu n g s entw icklung Verantwortung – ein lebenslanger Prozess Welche Entwicklungs- stufen muss ein Kind nehmen, um später zu einem verantwor- tungsvollen Erwach- senen heranzureifen? Und welche Rolle spielen dabei die Eltern und die Kultur? Ein elf Monate altes Baby teilt geübt eine Frucht mit einer Machete (rechts). Was bei uns undenkbar wäre, ist bei dem Volk der © flickr: Sallyrae17 Efe im Kongo völlig normal. Verantwortlicher Umgang mit Werkzeug entwickelt sich auf der Welt unterschiedlich schnell. 12 GRAUZONE
  • 13. »V orsicht, ein Auto!«, ruft der fünfjährige Tim aufgeregt und zieht seinen kleinen Bruder Lukas von der Straße weg. Tim hätte viel lieber weiter geschaukelt, anstatt seinem zweijährigen Geschwister hinterher zu rennen. Doch wo war nur seine Mutter? Ohne Erwachsenen in Sicht hatte sich Tim plötzlich für seinen kleinen Bruder verant- wortlich gefühlt und musste eingreifen. Situationen wie diese beobachten wir immer wieder. Denn schon sehr kleine Kinder übernehmen spontan Verantwor- tung, wenn gerade kein Erwachsener in der Nähe ist, der sie ihnen abnimmt. Damit Kinder wie Tim aber zu verant- wortungsbewussten Erwachsenen heran- reifen, müssen sie zunächst viele Entwick- lungsschritte meistern. »Die Verantwortungsentwicklung fängt damit an, dass die Kinder sich selbst als Ursprung ihrer Handlung erleben«, erklärt die Entwicklungspsychologin Hellgard Rauh von der Universität Potsdam. »Und dies beginnt in ersten Ansätzen schon in einem Alter um die vier bis fünf Monate.« Noch können die Babys allerdings nicht zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden. Eltern kennen dieses Phä- nomen. Wenn beim Kinderarzt ein Baby anfängt zu schreien, stimmen die ande- ren mit ein. Solche spontanen Reaktionen auf die Gefühlszustände anderer sind die frühsten Formen der Empathie, also der Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Sie macht Verantwortung erst möglich. Mit acht bis zehn Monaten wird den Babys bewusst, dass sie selbst jemand an- deres sind als ihr Gegenüber. Etwa ein Jahr später erkennen sich die Kleinen dann im © David Wilkie Spiegel und bezeichnen sich kurz darauf mit »Ich«. Doch nicht nur das: Zunehmend Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 13
  • 14. können Kleinkinder auch die Wünsche, Vorstellungen von dem Handlungsziel Hellgard Rauh zusammen. Das sei so kom- Absichten und Gefühle ihres Gegenübers des anderen. Unterläuft diesem ein Fehler, plex, dass sich diese Kompetenz vermut- erahnen. Durch diesen Perspektivwechsel fühlen sie sich daher motiviert zu helfen lich erst in der späteren Grundschulzeit gelingt es ihnen, die Bedürfnisse eines an- und so gemeinsam zum Ziel zu gelangen. mit zehn bis zwölf Jahren herausbilde. deren Menschen immer besser zu erken- Entwicklungspsychologen nennen die- Was universell klingt, gilt keineswegs nen. Sie erreichen eine höhere Stufe der sen Komplex aus Mitgefühl und Hilfsbe- für alle Kinder auf der Welt. Wie stark sich Empathie und begreifen, welche Auswir- reitschaft »prosoziales Verhalten«. Er ent- die Verantwortungsentwicklung bei Kin- kungen die eigenen Handlungen auf ihre wickelt und verfeinert sich während der dern kulturell unterscheidet, weiß Psycho- Mitmenschen haben. Anfangs können das ganzen Vorschulzeit. login Barbara Rogoff von der University of so einfache Beobachtungen sein wie: Wenn California in Santa Cruz. Sie hat erforscht, ich die Tasse meiner Schwester kaputt ma- Alles eine Frage der Zeit wie sich Menschen in unterschiedlichen che, ist sie traurig. Doch selbst wenn Kinder Empathie zeigen Kulturen entwickeln. »In einigen Gesell- In diesem Alter beginnen die Kleinen können und sich als Ursprung einer Hand- schaften, wie beispielsweise der Maya in auch, andere aktiv zu trösten. Wenn sie lung erkennen, fehlt ihnen noch ein ent- Guatemala, sind Kinder schon zwischen ein weinendes oder trauriges Krabbelkind scheidender Schritt, um wirklich verant- drei und fünf Jahren in der Lage, unter sehen, gehen sie zu ihm und versuchen es wortlich handeln zu können: Das Gefühl für Aufsicht auf ihre kleineren Geschwister beispielsweise mit Keksen aufzuheitern. die Zeit. Ohne Zeitgefühl ist es unmöglich, aufzupassen. Die bevorzugten Aufpasser Mit zwei bis drei Jahren reift schließ- die langfristigen Folgen von Handlungen sind zwischen acht und zehn Jahre alt.« lich der Wunsch zu helfen. Dies hat sowohl abzuschätzen. »Kinder gehen mit Zeitwör- Diese Verantwortung beruhe vermutlich mit der emotionalen als auch der kogni- tern wie ,heute‘ und ,morgen‘ schon sehr auf vielen kulturellen Merkmalen. Die Ma- tiven Entwicklung zu tun. Jetzt können früh um«, sagt Elfriede Billmann-Mahecha, ya-Kinder haben unter anderem ständig Kleinkinder auch schon komplexere zwi- Psychologin an der Universität Hannover. kleinere Kinder um sich und sehen, wie schenmenschliche Gefühle nachempfin- »Sie können auch kurze Zeiträume wie andere auf sie aufpassen. Sie haben die den. Sie wissen dann, wie es sich anfühlt, ‚noch zweimal schlafen’ überblicken, aber Chance, sich um sie zu sorgen und haben enttäuscht oder betrogen zu werden. Be- ein richtiger Zeitbegriff bildet sich erst im Erwachsene in der Nähe, für den Fall, dass obachten sie eine Handlung, werden ihre Grundschulalter aus.« es Probleme gibt. Weiterhin werden sie be- Spiegelneuronen im Gehirn aktiv. Sie sind Doch wie alt muss ein Kind sein, um stärkt, reif und verantwortlich zu sein. bei uns Menschen besonders ausgeprägt alleine auf ein kleineres Kind aufpassen Was können also Eltern hierzulande und befähigen uns dazu, Handlungen zu können? »Dafür muss es verstehen, tun, um Kindern ein gesundes Verhältnis eines Gegenübers gedanklich fast wie ei- was das jüngere Kind kann, was es gerade zur Verantwortung beizubringen? gene nachzuvollziehen und mitzuerleben. fühlt, welche Motivation es hat und wie es Die Entwicklungspsychologinnen El- Zudem bilden die Kinder vorgreifende voraussichtlich gleich handeln wird«, fasst friede Billmann-Mahecha und Hellgard Rauh sind sich einig: Haustiere sind eine gute Möglichkeit zum üben. Nur sollten die Eltern nicht erwarten, dass das Kind die Verantwortung komplett übernehme, gibt Billmann-Mahecha zu bedenken. »Kleine Kinder sind noch sehr auf sich selbst be- zogen, sie würden die Katze am liebsten füttern, wenn es ihnen gerade Spaß macht. Das längerfristige Denken ist in dem Alter eben noch schwierig.« Hier zeigt sich wie wichtig ein ausgebildetes Zeitgefühl ist: Erst am Ende der Grundschulzeit könne ein Kind überblicken, was es bedeutet, über Jahre hinweg für ein Tier zu sorgen. Neben Haustieren trainiere auch der Blumendienst in der Schule oder kleinere Aufgaben im Haushalt das Verantwor- Trösten will gelernt sein. Mitgefühl ist © fotolia: Dron elementar, um ein verantwortungsvoller Erwachsener zu werden. 14 GRAUZONE
  • 15. tungsbewusstsein. Man müsse aber unbe- dingt am Ball bleiben, insbesondere wenn es dem Kind gerade keinen Spaß mache. Denn auch der Erziehungsstil beein- flusst das spätere Verantwortungsbewusst- sein. »Es hat sich herausgestellt, dass für die Entwicklung, auch für die moralische, der autoritative Erziehungsstil der Beste ist«, sagt Psychologin Billmann-Mahecha. Dieser verlangt den Eltern besonders viel ab. Denn ‚autoritativ’ bedeutet, dass sie klare Grenzen setzen, diese begründen und sich gleichzeitig dem Kind emotional zuwenden, es achten und wertschätzen. »Längerfristige Studien aus den USA ha- ben gezeigt, dass Kinder, die so erzogen wurden, im Jugendalter ein deutlich stär- keres Verantwortungsbewusstsein als an- dere Jugendliche haben, die autoritär oder im Laissez-faire-Stil erzogen wurden«, so Billmann-Mahecha. Müssen Kinder schon zu früh zu viel Verantwortung übernehmen, kann das schädlich sein. »Angenommen, ein Kind wird mit einem Bruder oder einer Schwe- © Ina Hübener ster tagsüber kurz alleine gelassen. Wenn sich das Geschwisterkind verletzt, ist das furchtbar für dieses Kind, da es sich ver- antwortlich fühlt«, erklärt Hellgard Rauh. Verantwortungslos Noch tragischer ist es, wenn ein Eltern- teil schwer erkrankt oder sogar stirbt und Manche Menschen sind schlicht nicht zur Verantwortung fähig. Geistig Behinderte ein Kind sich nun um seine kleineren Ge- können sich beispielsweise meist extrem gut in andere Menschen hineinversetzen, schwister kümmern muss. »Diese Kinder haben aber starke kognitive Defizite. Einige sind teilweise so sehr eingeschränkt, dass verlieren mit der massiven Verantwortung ihnen etwa das für Verantwortung so wichtige Zeitempfinden fehlt. ihre Kindheit und werden zu kleinen Er- Nur Kognition ohne Emotion reicht hingegen auch nicht, wie man am Beispiel wachsenen«, sagt Rauh. von Psychopathen sehen kann. Obwohl sie in der Regel sehr intelligent sind, führt Auch Kinder mit einer normalen Ent- die schwere Persönlichkeitsstörung dazu, dass Betroffene keine Empathie oder Schuld wicklung brauchen Jahre, bis sie schließ- empfinden können. Und dadurch auch kein schlechtes Gewissen verspüren, wenn sie lich voll verantwortlich sind. »Ich denke, verantwortungslos handeln. Selbst wenn sie kriminell werden, nehmen sie das oft dass man im dritten Lebensjahrzehnt als mit einem Lächeln hin. Schuld daran sind Fehlfunktionen bestimmter Bereiche des voll verantwortlich gelten kann. Ohne zu Gehirns. Meist sind die vordere Inselregion, die Amygdala, der orbitofrontale Cortex sagen, dass sich das nicht weiter entwickeln oder der vordere cinguläre Cortex die Ursache. Sie alle haben ihre speziellen Aufga- kann«, sagt die Psychologin Billmann-Ma- ben. Die vordere Inselregion spielt eine Rolle bei der Empathie. Ohne die Amygdala, hecha. So ist es auch kein Zufall, dass wir auch Mandelkern genannt, werden wir furchtlos. Eine Schädigung des cingulären Cor- vor Gericht ab 21 Jahren für unsere Taten tex lässt uns emotional abstumpfen. zur vollen Verantwortung gezogen werden Werden bei gesunden Menschen diese Regionen des Gehirns verletzt, kommt es zu können. Denn kognitiv sind wir erst in die- dramatischen Persönlichkeitsveränderungen. Neurologen kennen dieses Phänomen sem Alter komplett ausgebildet. »Die Mo- spätestens seit dem klassischen Fall des amerikanischen Schienenarbeiters Phineas ral hingegen kann sich weit bis ins Erwach- Gage. Bei einer Explosion im Jahr 1848 bohrte sich eine Eisenstange durch sein Gehirn senenalter noch höher entwickeln«, fügt und verletzte dabei den orbitofrontalen Cortex – einen Hirnteil, der mit der Regulation Billmann-Mahecha hinzu. Verantwortung emotionaler Prozesse in Verbindung gebracht wird. Er überlebte. Doch ein Teil seiner ist ein lebenslanger Prozess. Persönlichkeit starb bei dem Unfall. Aus dem verantwortungsbewussten Mitarbeiter Ina Hübener wurde ein unzuverlässiger, kindischer und impulsiver Mensch. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 15
  • 16. Wi ssens c h a f t f ü r Kinder Wissenschaft macht Spaß Viele Kindergärten und Schulen bieten naturwissenschaftliche Kurse fürs Kind an. Geht es dabei nur um den Spaß an der Sache oder um mehr? Metin wird erklärt wie sich Luft verhält, wenn sie sich erwärmt oder abkühlt. Im Kindergarten Son- © Ina Hübener nenschein experimentieren die 4- und 5-jährigen Kinder einmal in der Woche. 16 GRAUZONE
  • 17. © Ina Hübener Ausprobieren erlaubt! Riccardo gießt Wasser über die zuvor zerkleinerten Lavendelblüten (links). Seine Teamkollegen aus der Forscherwerkstatt besprechen gemeinsam, wie der Versuch am besten durchzuführen ist (rechts). K onzentriert und gespannt schau- Zahlreiche Bücher und Experimen- und eine mit rotem, heißem Wasser malen en vier Augenpaare dabei zu, wie tierkästen sollen die Lust am Lernen und muss: »Du musst eins rot machen, nicht Merle eine Trinkflasche mit einem Entdecken fördern. Aber kann man Kinder zweimal blau.« über die Öffnung gezogenen Luftballon in jeden Alters einfach an den Experimentier- Marjan Mehdizadeh betreut die Experi- eine Kanne mit eiskaltem Wasser drückt. tisch setzen? »Das hängt sehr vom Alter mentiergruppe schon seit anderthalb Jah- Der Experimentierraum ist vom letzten ab. Das Kind soll die Deutung des Experi- ren. Sie meint, dass die Kinder in den letz- Flohmarkt noch ein wenig zugestellt. ments verstehen. Dazu muss man denken ten Jahren wesentlich wacher geworden Die vier Kinder im Alter von vier bis können«, sagt Gisela Lück, Professorin für sind und man ihnen mehr zutrauen kann. fünf Jahren sitzen zusammen an einem Didaktik der Chemie an der Universität »Kinder wollen gefördert werden, und das niedrigen Tisch. Staunend beobachten Bielefeld. Ein Kind könne das etwa ab dem geht auch durch Experimente. Die Expe- die Kinder, wie der weiße Luftballon sich fünften Lebensjahr. rimente sollen das Interesse wecken. Kin- zusammenzieht, als würde man die Luft Das Projekt im Kindergarten »Sonnen- der sollen sich mit selbstverständlichen rauslassen. »Was passiert mit unserer Luft, schein« lässt die Kinder staunen. Nach- Sachen auseinandersetzen, deren Hinter- wenn sie kalt ist?«, fragt die Kindergärtne- dem sie erfahren haben, wie sich kalte Luft gründe sie nicht kennen.« rin Marjan Mehdizadeh, die den Versuch verhält, lernen sie, was mit warmer Luft leitet. »Die Luft ist schwer geworden und passiert. Marjan Mehdizadeh steckt die Interesse Wecken geht nach unten in die Flasche.« Flasche mit dem Luftballon in eine Kan- Aber was sollen Kinder aus naturwissen- So wie in der Experimentiergruppe im ne mit dampfendem Wasser. Die Kinder schaftlichen Projekten mitnehmen? Soll Kindergarten »Sonnenschein« im hes- beobachten, was passiert: »Der Luftballon das Experimentieren nur Spaß machen, sischen Langen werden viele Kinder spie- hat sich aufgeblasen!« Frau Medizahdeh oder sollten sich Kinder auch schon mit lerisch an das Thema Naturwissenschaften erklärt, warum: »Die Luft wird heiß und der Verantwortung der Wissenschaft be- herangeführt. In Kursen und Experimen- leicht, und dadurch kommt sie nach oben. schäftigen? Und wenn ja, mit welcher Art tierstunden rund um Physik und Chemie, Deswegen dehnt sich der Luftballon aus.« Verantwortung? Beim Experimentieren soll das Interesse der Kinder schon früh Danach malen die Kinder den Versuch muss man beispielsweise sparsam und angeregt werden. Dazu gehören Projekte mit Buntstiften nach. Olivia hat aufmerk- vorsichtig mit den Materialien und Stoffen in den Kernfächern Mathematik, Informa- sam beobachtet, was da gerade passiert umgehen. Man muss aufpassen, dass man tik, Naturwissenschaften und Technik den ist. Sie erklärt ihrer Freundin, dass sie eine sich und die anderen nicht verletzt, und so genannten MINT-Projekten. Kanne mit blauem, also kaltem Wasser dass alle Kinder gleich oft an die Reihe Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 17
  • 18. Mia (links) und Olivia (rechts) malen das eben beobachtete Experiment. Dadurch spielen sie den Versuch gedanklich nochmal durch. © Ina Hübener kommen. Diese Arten der Verantwortung darin, seine Forschung auch für Kinder dem Regal geholt. Emilio liest vor, was jetzt lernen die Kinder ganz nebenbei mit, sagt interessant darzustellen. Zum Beispiel im noch besorgt werden muss: »Wir brauchen Gisela Lück. »Dies wird dem Kind auch Rahmen der Kinderuni Darmstadt. Hier einen Kaffeefilter. Nee, nicht den, einen schon früh zugetraut. Nur dem, dem ich möchte nicht nur Kowina, sondern auch größeren!« Es wird laut in dem sonst eher etwas zutraue, kann ich auch Verantwor- verschiedene Institute, Organisationen ruhigen Raum. Die Jungen zerkleinern die tung übergeben. Das wird auch gemacht, oder Unternehmen mit Vorträgen das getrockneten Lavendelblüten im Mörser. nur eben ohne zu sagen: Du hast auch spä- kindliche Interesse an Wissenschaft för- Wer nicht stampft, darf später das Blüten- ter mal eine Verantwortung.« dern. »Kinder sollen Interesse an der Wis- Wasser-Konzentrat filtern und in Fläsch- Die Politik macht schon seit Jahren da- senschaft bekommen und lernen, was sie chen abfüllen. Das alles klären sie eigenver- rauf aufmerksam, dass es in den nächsten eigentlich bedeutet und womit sich For- antwortlich, ohne die Hilfe ihrer Lehrerin. Jahren zu einem Fachkräftemangel kom- scher beschäftigen«, meint Kowina. Am Ende der Stunde erklärt Jan seinen men wird. Dass nun vermehrt Experimen- »Häufig wissen sie nicht wirklich, was Mitschülern, wie seine Gruppe das Parfüm tierkurse angeboten werden, hat auch da- Wissenschaftler eigentlich tun. Das kann hergestellt hat. »Erst hat es wie Cola aus- mit zu tun. »Es wird auch gesellschaftlich problematisch werden, wenn sie sich wäh- gesehen und gar nicht gerochen. Es war mitgetragen«, sagt Petra Bonnet, Leiterin rend der Pubertät in der Schule plötzlich schon schwer, weil wir so stampfen mus- des Büros für Kommunikationsberatung mit Naturwissenschaften konfrontiert se- sten, aber es hat Spaß gemacht.« Die Leh- in Stuttgart. »Das würde ich nicht unter- hen.« In dieser Lebensphase sei nämlich so rerin ist sich sicher: »In den nächsten zwei schätzen, wie viel da aus der Bildungspo- ziemlich alles interessanter, als chemische Wochen ist der Versuch ausgebucht.« litik, Unternehmen und Berufsverbänden Formeln zu ermitteln. Verantwortung muss für Kinder noch gefordert wird.« keine Rolle spielen. »Man kann nicht über »Im Kindergarten steht Verantwortung Verantwortung geben die großen Dinge reden, über das Ozon- in Physik und Chemie nicht im Vorder- In der Pestalozzi-Grundschule in Lampert- loch. Wir wollen ihnen ja nicht das Leid der grund, sondern Freude am Experimentie- heim wird daher schon früh das Interesse Welt näher bringen«, sagt Gisela Lück. ren und ohne Angst an Physik und Chemie der Kinder geweckt. Lavendelduft erfüllt In der Forscherwerkstatt wird deutlich, heran gehen«, sagt Lück. Allerdings darf die Forscherwerkstatt, in der elf Kinder aus dass Kinder beim Experimentieren ei- man nicht erwarten, dass Kinder am Ende der zweiten Klasse experimentieren. Das genverantwortlich arbeiten können. »Die eines Kurses eine physikalische Formel Klassenzimmer ist vollgestellt mit unzähli- Projekte sind nicht darauf ausgelegt, dass aufzeichnen können. Das müssen sie auch gen Experimentierkästen, Reagenzgläsern, die Kinder frühzeitiger lernen«, sagt Petra gar nicht, meint Bonnet: »Wenn den Kin- Mörsern, Pipetten und Mikroskopen. In der Bonnet. »Vielmehr gehe es darum, den dern der direkte Bezug dazu fehlt, bringt Experimente-AG können sich die Kinder Kindern zu verdeutlichen, dass Wissen- das gar nichts.« selbstständig aus bis zu 50 Versuchen ei- schaft Teil ihres Alltages ist. Wenn Kinder Es ist wichtiger zu sehen, was Wissen- nen aussuchen und bearbeiten. Eine Grup- Wissenschaft und Technik erst mal ver- schaft alles kann, meint Piotr Kowina vom pe von vier Jungen stellt heute Lavendel- standen haben, dann gehen sie viel offener GSI Helmholtzzentrum für Schwerionen- parfüm her. Die vier haben sich eine Kiste damit um.« forschung in Darmstadt. Er hat Erfahrung mit Materialien und Versuchserklärung aus Caroline Hentschel 18 GRAUZONE
  • 19. BERLINER W ISSENSCHAFTS-VERLAG Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun, Peter Croll, Stephan Albrecht, Hans-Joachim Bieber, Reiner Braun, Peter Croll, Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl, Henner Ehringhaus, Maria Finckh, Hartmut Graßl, Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.) Wissenschaft – Verantwortung – Frieden: 50 Jahre VDW Ernst Ulrich von Weizsäcker (Hrsg.) Wissenschaft – Verantwortung – Frieden: 50 Jahre VDW Wie es sich für einen Rückblick gehört, beschreiben Zeitzeugen und die Archive auswertende und Zeit- zeugen befragende Wissenschaftler, wie sich die VDW in fünf Jahrzehnten wandelte, welche Erfolge sie feiern konnte und wie viel versandete. Aber auch wie VDW’ler als Berater von Regierungen, Par- lamenten und den Vereinten Nationen Einfluss nehmen konnten. Mitglieder der VDW sind sicherlich Beschleuniger für eine wachsende Weltinnenpolitik gewesen. Einige haben übergreifend für mehrere globale Probleme nicht nur wissenschaftliche Durchbrüche erzielt, sondern auch politische Teillösungen mit erarbeitet. 2009, 615 S., 14 Abb., geb. m. SU, UVP 30,– €, 978-3-8305-1704-7 eBook PDF 69,– €, 978-3-8305-2509-7 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) Whistleblowing im nuklear-industriellen Komplex Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) Preisverleihung 2011 – Dr. Rainer Moormann Hochtemperatur-Reaktoren werden von interessierten Kreisen in der Fachwelt, in der Wirtschaft und in Whistleblower im nuklear-industriellen Komplex der Politik bis heute dafür gerühmt, dass sie „inhärent sicher“ seien: Bei ihnen bestehe nicht das Risiko Preisverleihung 2011 einer Kernschmelze. Nukleare Katastrophen seien also nicht zu befürchten. Mit diesem Argument wird seit längerem der Export des Reaktortyps auch in Länder mit niedrigeren Sicherheitsstandards betrie- ben. Dr. Moormann ist in seinen Untersuchungen demgegenüber zu dem Schluss gelangt, dass mit der Kugelhaufen-HTR-Technologie andere, nicht minder bedrohliche Störfallmöglichkeiten und Risiken mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt verbunden sind. Seine Hinweise begründen zudem den Verdacht, dass wesentliche Umstände und Folgen eines Störfalls 1978 im Reaktor Jülich bisher Rainer Moormann verschleiert worden sind. 2011, 122 S., 11 Abb., kart., 12,80 €, 978-3-8305-3021-3 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Kombipaket Print E-Book-PDF: 19,– €, 978-3-8305-2731-2 Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) Whistleblower in der Steuerfahndung Preisverleihung 2009 – Rudolf Schmenger, Frank Wehrheim Rudolf Schmenger ist nicht „paranoid-querulatorisch“. Er hat nur mehr Zivilcourage als andere. Er war als Steuerfahnder am Finanzplatz Frankfurt am Main mit Ermittlungsverfahren gegen Großbanken Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.) befasst. Er wurde 2006 gegen seinen Willen von seinem Dienstherrn in den Ruhestand versetzt. Die Whistleblower in der Steuerfahndung Zwangspensionierung erfolgte auf der Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens. Schmenger setzte Preisverleihung 2009 sich zur Wehr. Ein Berufsgericht verurteilte den Gutachter unlängst wegen vorsätzlicher, grober Verlet- zung fachlicher Standards. Auch das hessische Finanzministerium handelte rechtswidrig. Es versäum- te die eigenständige Prüfung des Gutachtens. Wie Schmenger ging es noch drei Fahndern derselben Abteilung. Zehn weitere KollegInnen, darunter Frank Wehrheim, wurden versetzt oder zu Tätigkeiten abgeordnet, die nicht ihrer Qualifikation als Steuerfahnder entsprachen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie begründete Einwände gegen eine Verwaltungsanordnung vorgebracht hatten, die sie ihrer Ansicht Rudolf Schmenger Frank Wehrheim nach in ihren Ermittlungen gegen Großanleger in Luxemburg und Liechtenstein behinderte. In der Folge sahen sie sich Mobbing, Schikanen und Disziplinierungsmaßnahmen ausgesetzt. – Es steht hier auch das Beamten- und Dienstrecht in der Kritik. BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG 2010, 149 S., 17 Abb., kart., 14,80 €, 978-3-8305-1756-6 Whistleblowerpreis 2003 – Den Whistleblower-Preis 2003 erhielt der Amerikaner Daniel Ellsberg – für sein Lebenswerk. 2004, 65 S., kart., 9,80 €, 978-3-8305-0973-8 Whistleblower in Gentechnik und Rüstungsforschung – Preisverleihung 2005: Theodore A. Postol / Arpad Pusztai 2006, 158 S., 12 Abb., kart., dt./engl., 17,90 €, 978-3-8305-1262-2 Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung – Preisverleihung 2007: Brigitte Heinisch / Liv Bode eBook PDF 2007, 80 S., 17 Abb., kart., 9,80 €, 978-3-8305-1455-8 BWV • BERLINER WISSENSCHAFTS-VERLAG Markgrafenstraße 12–14 • 10969 Berlin • Tel. 030 / 841770-0 • Fax 030 / 841770-21 E-Mail: bwv@bwv-verlag.de www.bwv-verlag.de
  • 20. K l i n i sch e F o r s c h ung an Kindern Studieren geht über probieren In Deutschland sind zu wenige Medikamente an Kindern getestet und für sie zugelassen. Bei der Behandlung tappen die Ärzte daher oft im Dunkeln. Um Medikamente optimal auf sie abzu- stimmen, sind klinische Studien an Kindern notwendig. Doch Forschung an Minderjährigen ist ein sensibles Thema. Sie können nicht selbst einwilligen und sind dennoch gewissen Risiken und Belastungen ausgesetzt. Außerdem ist da noch die Angst, Kinder könnten als Versuchskaninchen missbraucht werden. D ie dreijährige Leonie ist krank. Sie Das ist in Deutschland keine Seltenheit. Obwohl es kein passendes Medika- kommt ins Krankenhaus und die Bis zu 70 Prozent der Medikamente, die ment gibt, ist Nichtbehandeln keine Op- Diagnose ist schnell klar. Wäre Le- Kinder in stationärer Behandlung erhalten, tion. Auch in Leonies Fall nicht. Der Arzt onie erwachsen, hätte der Arzt das pas- sind nicht für sie zugelassen. Auf Neugebo- entscheidet sich für ein Medikament, mit sende Medikament für sie. Doch für Kin- renenstationen sind es teilweise mehr als dem er bei Erwachsenen gute Erfahrungen der ihres Alters hat er kein zugelassenes 90 Prozent. Ambulant ist etwa jeder sech- gemacht hat. Doch wie soll er es dosieren? Arzneimittel. Also bekommt Leonie ein ste Wirkstoff nicht für diese Altersgruppe Wäre Leonie erwachsen, wäre auch das kein Medikament, das nur an Erwachsenen ge- bestimmt. Die Zahlen schwanken je nach Problem. Dann ließe sich die Menge, die sie prüft und für diese zugelassen wurde. Art und Häufigkeit der Erkrankung. braucht, anhand ihres Körpergewichts be- rechnen. Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Stoffwechsel und Kör- perbau verändert sich im Laufe der Kind- »Off-label« und »unlicensed« heit und Jugend erheblich. Die notwendige Dosis in den einzelnen Entwicklungspha- Beim »off-label«-Gebrauch werden Medikamente außerhalb ihres Zulassungsbe- sen schwankt dabei stark (s. Grafik). Ein reichs angewendet. Kinder bekommen häufig Medikamente, die aufgrund ihres Al- Neugeborenes braucht beispielsweise eine ters »off-label« sind. Entweder ist das Arzneimittel für eine andere Altersgruppe (z.B. viel geringere Dosis als man aufgrund des 18-50 Jahre) zugelassen oder Angaben zum Alter fehlen. Auch wenn der Arzt die Do- Körpergewichts annehmen würde. Säug- sierung oder die Darreichungsform ändert, um die Behandlung dem Kind anzupas- linge und Kleinkinder hingegen brauchen sen, spricht man von »off-label«-Gebrauch. oftmals eine überraschend hohe Menge, Im Krankenhaus-Alltag kommen auch »unlicensed«-Medikamente zum Einsatz. damit das Medikament wirkt. Sie wurden nicht klinisch getestet und besitzen daher keine Produktlizenz. Die nicht Also muss der Arzt festlegen, welche zugelassenen Medikamente werden beispielsweise importiert oder in der Klinikapo- Menge des Medikaments Leonie bekommt. theke hergestellt. Ob er diese Dosis errechnet, schätzt oder rät, macht keinen Unterschied. Denn wis- 20 GRAUZONE
  • 21. © Franziska Bernsdorf sen kann er sie ohne eine klinische Studie benwirkungen auftreten. So bleibt in jeder Arzneimittel in Hülle und Fülle. Ein kranker nicht. Der deutsche Ethikrat fordert daher Studie ein unwägbares Restrisiko. Erwachsener hat selten das Problem, dass es für »angesichts der Risiken ungetesteter Me- Im Kommentar des Arzneimittelge- ihn keine Medikamente gibt. Doch Kinder stehen dikamente« kontrollierte Arzneimittelfor- setzes sind Fallbeispiele aus der Praxis be- häufig mit leeren Händen da. schung an Kindern. Solche Studien seien schrieben. Sie sollen verdeutlichen, wann die Voraussetzung für eine wirksame und die Belastung für das Kind minimal und sichere Behandlung. In ihnen wird nicht nur somit ethisch vertretbar ist. Als Entschei- se muss ein potentieller Proband vor- die richtige Dosis ermittelt. Auch eventuell dungshilfe für die Ethikkommissionen her vom Arzt umfangreich über Ablauf, unentdeckte Nebenwirkungen bei Kindern genügt das Dr. Claudia Wiesemann und Risiken und Ziele der Studie informiert werden in einer Studie erkennbar. anderen Kritikern allerdings nicht. »Selbst werden. Wenn er ohne äußeren Zwang diese Beispiele enthalten einen Interpre- einwilligt, steht seiner Teilnahme nichts Ein unwägbares Restrisiko tationsspielraum«, sagt die Direktorin des mehr im Wege. Bei Kindern gestaltet sich Doch weil Forschung an Minderjährigen Instituts für Ethik und Geschichte der Me- das schwierig. Gerade für die Kleinen ist es oft heikel ist, gelten strenge Regeln. Jede dizin an der Universitätsmedizin Göttin- fast unmöglich das Wesen und Ausmaß ei- geplante Studie muss im Voraus von einer gen. »Auch wenn sich in den letzten Jah- ner Studie zu verstehen. Jugendliche wie- Ethikkommission geprüft und genehmigt ren vieles verbessert hat, wir haben noch derum dürfen aus rechtlichen Gründen werden. Sie kontrolliert, ob die Forschung immer zu wenig Vergleichsgrößen und nicht einwilligen. Das können letztlich ethisch vertretbar und im Sinne der Kin- Austausch der Ethikkommissionen unter- nur die Eltern. Doch auch das Kind hat der ist. Damit die Kommission grünes einander.« Eine Grauzone, in der im Ein- ein Mitspracherecht. »Schulkinder und Licht gibt, müssen sowohl das Risiko, als zelfall entschieden wird, werde es immer Jugendliche müssen zustimmen«, erklärt auch die Belastung für das Kind minimal geben. Doch laut Wiesemann fehlt eine Dr. Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder- sein. Das Risiko lässt sich relativ gut abwä- klare Grenze zu dem, was »grundsätzlich und Jugendklinik Erlangen. »Die Eltern gen, da fast alle Medikamente vorher an indiskutabel« ist. willigen ein, doch wenn das Kind nicht Erwachsenen getestet wurden. Allerdings Ist die Studie genehmigt, beginnt die teilnehmen möchte, nehmen wir es nicht kommt es vor, dass bei Kindern andere Ne- Suche nach Teilnehmern. Normalerwei- in die Studie auf.« Über das Gespräch mit Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 21
  • 22. Kleine Körper – niedrige Medikamentendosis? So einfach ist es leider nicht. Beim Erwach- senwerden wächst zwar das Körpervolumen (schwarz). Doch die passende Dosis (blau) hängt vom Stoffwechsel ab und der variiert in den verschiedenen Entwicklungsphasen stark. © Franziska Bernsdorf dem Arzt hinaus erhält es einen auf sein den Sinn der Studie auch bei noch so kind- Ärzte, die Studien mit Kindern durch- Alter und den Entwicklungsstand abge- gerechter Erklärung nicht richtig erfassen. führen wollen, brauchen eine besondere stimmten Informationsbogen. So werden Wie geht der Arzt also mit sehr kleinen Kin- Qualifikation. Im Arzneimittelgesetz ist auch die jungen Teilnehmer aufgeklärt. dern um? »Indem man sich lieb mit dem festgelegt, dass sie sich mit dem kind- Wie sehr diese Informationen ins De- Kind beschäftigt«, sagt Dr. Andreas Kulo- lichen Krankheitsbild und dem Umgang tail gehen, hängt vom Alter und Entwick- zik. Der Direktor der Pädiatrischen Onko- mit minderjährigen Patienten auskennen lungsstand des Kindes ab. Die dreijährige logie in Heidelberg möchte, dass auch die müssen. Ein Mediziner, der nicht auf Kin- Leonie wird das Behandlungskonzept und Kleinen merken: »Hier ist jemand, der will der spezialisiert ist, kommt also nicht in mir Gutes.« Mit diesem Vertrauensverhält- Frage. Die jungen Studienteilnehmer sol- nis nehme das Kind auch unangenehme len bestmöglich betreut werden. Behandlungsschritte hin. Standardisier- Zusammenfassend sieht Dr. Wolfgang Gruppennützige Forschung bar ist der Umgang mit den Kindern für Rascher zwei Möglichkeiten, Kindern Me- Kulozik nicht. »Ich schaue mir immer die dikamente zu geben: »Eine ist, dass wir mit Es gibt Studien, die keinen Eigennut- Situation und das konkrete Kind an und einigen Kindern eine gute Studie machen. zen für den Teilnehmer haben. Statt- beziehe es, je nach dem persönlichen Ent- Die Ethikkommission und das Bundesin- dessen nützen sie Patienten, die an wicklungsstand, mit ein.« stitut für Arzneimittel und Medizinpro- der gleichen Krankheit leiden. Diese dukte müssen zustimmen. Der Patient ist gruppennützige Forschung ist nur studie statt Heilversuch versichert und der Arzt muss alles proto- bei minimalem Risiko und minima- In vielen Studien geht es auch um eine kollieren. Er muss jede eventuelle Neben- ler Belastung des Probanden erlaubt. kindgerechte Darreichungsform des Arz- wirkung melden und sich ständig rechtfer- Bei Kindern ist sie umstritten. Häu- neimittels. Was bei Erwachsenen völlig tigen. Das ist eine Studie.« fig werden gruppennützige Studien normal ist, kann Ärzte bei Kindern vor Bei der anderen Möglichkeit, so Rascher, durchgeführt, um Normalwerte bei Probleme stellen. Kleinkinder können die probiere jeder X-beliebige Doktor ein Me- gesunden Minderjährigen zu ermit- zu großen Tabletten oftmals nicht herun- dikament aus. In einem »Heilversuch« teln. Die technischen Verfahren (z.B. terschlucken. Oder der Saft hat so einen könne er die Dosis raten und brauche sich zur Diagnostik) entwickeln sich stän- bitteren Geschmack, dass Babys sich wei- nicht dafür zu rechtfertigen. Wenn dem dig weiter. Ohne die Werte gesunder gern ihn zu trinken. Bei der klinischen Prü- Kind dann etwas passiert, »haben die El- Kinder, kann der Arzt krankhafte Ab- fung hingegen können die Ärzte die opti- tern Pech gehabt«. Für Rascher ist klar: weichungen mit neuen Methoden male Form – Zäpfchen, Tablette, Spritze, »Das macht das Kind zum Versuchskanin- nicht erkennen. Saft – für die Altersgruppe der Patienten chen, nicht die Studie!« herausfinden. Franziska Bernsdorf 22 GRAUZONE
  • 23. NEU: WELTINNENPOLITISCHE COLLOQUIEN Ulrich Bartosch; Gerd Litfin; Reiner Braun; Ulrich Bartosch; Klaudius Gansczyk (Hrsg.) Stephan Albrecht; Ulrich Bartosch; Götz Neuneck (Hrsg.) Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert Reiner Braun (Hrsg.) Verantwortung von Wissenschaft und Forschung Carl-Friedrich von Weizsäcker verpflichtet Zur Verantwortung der Wissenschaft – Carl in einer globalisierten Welt Zu Ehren des am 28. April 2007 verstorbenen Physikers, Friedrich von Weizsäcker zu Ehren Forschen – Erkennen – Handeln Philosophen und Friedensforschers Carl Friedrich von Beiträge des 1. Hamburger Carl Friedrich von Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die Weizsäcker, der 1963 den Begriff „Weltinnenpolitik“ in die öffentliche Diskussion einbrachte und sich Jahrzehnte lang Weizsäcker-Forums Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) diskutier- Vom 21. bis 22. September 2007 fand an der Univer- ten 2009 über Fragen von Sicherheit und Nachrüstung, in Verantwortung für Frieden mit friedlichen Mitteln, glo- sität Hamburg das 1. Hamburger Carl Friedrich von Umwelt und Nachhaltigkeit, Wissenschaft und Verantwor- bale Gerechtigkeit und Bewahrung der Natur engagiert hat, Weizsäcker-Forum statt. Es wurde getragen von der Verei- tung, Bildung und Wissenschaft. tragen zu diesem Themengeflecht im vorliegenden Buch nigung Deutscher Wissenschaftler gemeinsam mit der Uni- Der Band enthält die Beiträge von Stephan Albrecht, Ger- namhafte Autoren ihre Sicht auf das 21. Jahrhundert vor: versität Hamburg, dem Philosophischen Seminar, dem Carl hard Barkleit, Nina Buchmann, Christopher Coenen, Ja- zu Weltwirtschaft, Weltpolitk, Weltethos und Interkulturel- Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft yantha Dhanapala, Christian Forstner, Klaudius Gansczyk, ler Philosophie in Anbetracht planetarischer Bedrohungen und Friedensforschung und dem Institut für Friedensfor- Hartmut Grassl, Manfred Hampe, Hans R. Herren, Frank durch Klimawandel, Armut, Kriege u.a.m. schung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. von Hippel, Martin Ka-linowski, Konrad Kleinknecht, Ke- 376 S., 29,90 €, br., ISBN 978-3-8258-0808-2 In kritischer Würdigung der Lebensleistung, in dankbarer vin Knobloch, Wolfgang Liebert, Klaus Mayer, Heidi Mey- Erinnerung an seine Verdienste für die veranstaltenden In- er, Wolfgang Neef, Götz Neuneck, Frank Schilling, Jürgen Ulrich Bartosch; Jochen Wagner (Hrsg..) stitutionen und mit dem Wunsch seine Denkansätze für die Schneider, Jack Steinberger, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Weltinnenpolitik aktuellen Fragestellungen fruchtbar zu nutzen, wurde ein Manuela Welzel-Breuer, Albert Zeyer. Handeln auf Wegen in der Gefahr. Carl Friedrich Diskussionsrahmen geschaffen, der künftig regelmäßig in 400 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-643-11285-9 Weizsäcker zum 85. Geburtstag. Neuauflage Hamburg realisiert wird. Das Buch dokumentiert Beiträge „Überfällige Weltinnenpolitik. Ein politisches und kompe- des ersten Forums. Ergänzend wurde ein Vortrag und ein tentes Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung Streitgespräch aufgenommen, die zum 91. Geburtstag Carl fehlt bislang“, überschrieb die Süddeutsche Zeitung ih- Friedrich von Weizsäckers an der Katholischen Universi- ren Bericht zur internationalen Tagung 1997 anlässlich tät Eichstätt-Ingolstadt entstanden sind. Ein bewegendes des 85. Geburtstages von Carl Friedrich von Weizsäcker Zeitdokument beschliesst den Band. Die Predigt zur Trau- in der Evangelischen Akademie Tutzing. Mit dem „Den- erfeier in Starnberg im Rahmen der Beisetzung von Carl ker der Weltinnenpolitik“ (Die Zeit) trafen Experten aus Friedrich von Weizsäcker eröffnet – voller Zuneigung – die Wissenschaft und Politik zusammen und diskutierten über persönliche, private Sicht des Schwiegersohnes Konrad Chancen und Gefahren im Zeitalter der Globalisierung. Raiser auf das Leben und auf das Sterben des großen Ge- 11 Jahre nach der großen Tutzinger Tagung zur Weltinnen- lehrten. politik erfährt die Dokumentation der dortigen Vorträge 192 S., 19,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1769-5 eine Neuauflage. Am 28. April 2007 ist der große deutsche Physiker, Frie- densforscher und Philosoph im 95. Lebensjahr gestorben. Mit dem vorliegenden Buch sind jene Texte wieder verfüg- Beachten Sie den Fachkatalog bar, die das direkte Gespräch mit Weizsäcker dokumen- Politikwissenschaft tieren und seine eigenen Beiträge lebendig werden lassen. unter: Sie unterstreichen die bleibende Gültigkeit und sichtbare Fortentwicklung einer weltinnenpolitischen Sichtweise und http://www.lit-verlag.de/kataloge Zielsetzung. Mit Beiträgen von Ulrich Bartosch, Chris Brown, Seyom Brown, Jost Delbrück, Hans Peter Dürr, Friedemann Grei- ner, Ingomar Hauchler, Peter Hennicke, Knut Ipsen, Hans Beachten Sie den Fachkatalog Joas, Hans Küng, Dieter S. Lutz, Hermann von Loewe- nich, Klaus M. Meyer-Abich, Michael Müller, Franz Josef Philosophie Radermacher, Eugeen Verhellen, Jochen Wagner, Carl unter: Christian von Weizsäcker, Carl Friedrich von Weizsäcker und Ernst Ulrich von Weizsäcker. http://www.lit-verlag.de/kataloge 288 S., 24,90 €, br., ISBN 978-3-8258-1475-5 LIT Verlag Berlin – Münster – Wien – Zürich – London Auslieferung: D: LIT Verlag Fresnostr. 2, D-48159 Münster, Mail: vertrieb@lit-verlag.de A: Medienlogistik Pichler-ÖBZ GmbH Co KG, Mail: mlo@medien-logistik.at CH: B + M Buch- und Medienvertriebs AG, Mail: order@buch-medien.ch
  • 24. in t er v i e w »Sie lieben es, mich zu hassen« Die Übeltäter heißen Menthol, Zucker oder Vanille: Zusatzstoffe, die heute in fast jeder Zigaret­ te enthalten sind. Forscher ent­ wickelten die Zusätze, um die Attraktivität von Zigaretten zu erhöhen, sagt Martina Pötsch- ke-Langer. Wir sprachen mit der Leiterin der Stabsstelle für Krebsprävention am Deutschen Krebs­ orschungszentrum (DKFZ) in f Heidelberg über ihren jahrelangen Kampf mit der Tabakindustrie und die Verantwortung von Wissen­ © Michael Greiner schaftlern für die Nikotinsucht. Frau Pötschke-Langer, Sie arbeiten wenn sie nicht geraucht hätten. Der müh- Pötschke-Langer: Ich hatte damals am seit etwa 15 Jahren in der Krebspräventi- same Prozess, den chronisch Kranken das Deutschen Krebsforschungszentrum ei- on und haben sich mit den Gefahren von Rauchen abzugewöhnen, hat mich dann nen fantastischen Chef: Professor Harald Zusatzstoffen beschäftigt. Warum haben dazu bewogen. zur Hausen, der 2008 den Medizin-Nobel- Sie Ihre Karriere so eng mit dem Thema Sie haben also aufgrund Ihres Ver- preis erhielt. Er gab mir 1997 die einmalige Tabak verbunden? antwortungsgefühls gehandelt? Gelegenheit, eine eigene Abteilung aufzu- Pötschke-Langer: Während meines Medi- Pötschke-Langer: Ich habe die Verantwor- bauen. zinstudiums habe ich auch in der Abtei- tung gesehen, weil sich damals keine In- Kommen wir zu den Zusatzstoffen. lung für Lungenkrebspatienten gearbeitet. stitution in Deutschland ernsthaft darum Erhöhen sie die Suchtgefahr von Zigaret- Dort musste ich das unendliche Elend der bemüht hat: In vielen Ländern, wie etwa ten? Menschen erleben, die jämmerlich ver- Skandinavien oder Großbritannien, gab es Pötschke-Langer: Zusatzstoffe erhöhen starben. Die Konfrontation mit der medi- in den 1990ern Fortschritte in Bezug auf die Sucht indirekt, indem sie die Attrakti- zinischen Wirklichkeit war eine Sache. Die Tabakprävention und Rauchentwöhnung, vität von Tabakprodukten massiv erhöhen andere war meine Arbeit in der Gefäßam- nur nicht in Deutschland. Es war unglaub- und diese leichter rauchbar machen. 85 bulanz. Meine damaligen Patienten waren lich! Wir haben deshalb entschieden, dass Prozent aller Raucher fangen vor dem 18. zu fast 60 Prozent Raucher. Sie wären von es so nicht weiter gehen kann. Lebensjahr an. Diesen Jugendlichen wird Gefäßerkrankungen verschont geblieben, Wie ging es weiter? der Rauchbeginn durch Zusatzstoffe be- 24 GRAUZONE
  • 25. © Michael Greiner sonders leicht gemacht. Das Fatale an den Zusätzen ist, dass sie bereits Kindern und Jugendlichen eine tiefe Inhalation ermög- lichen, weil der bittere, unangenehme Ta- bakgeschmack verdeckt wird. Ein wichtiger Zusatzstoff ist Men- thol. Warum? Pötschke-Langer: Menthol wird eigentlich therapeutisch eingesetzt, da es kühlend und schmerzlindernd wirkt. Es schließt aber auch die Atemwege auf, wodurch man Oh, blauer Dunst! sehr tief inhalieren kann. Bei Zigaretten In der Glut einer Zigarette herrschen führt es dazu, dass der Tabakrauch mit sei- 600 bis 900°C. Bei diesen Tempe- nen krebserzeugenden Substanzen länger raturen kann aus dem ansonsten in der Lunge bleiben kann. Inzwischen ist harmlosen Zusatzstoff Zucker Menthol in fast jeder Zigarette vorhanden, Acrylamid und Acrolein werden – obwohl es dort nicht hin gehört. zwei krebserregende Substanzen. Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 25
  • 26. Das Ende einer »Kippe« – zerdrückt im Aschenbe- cher. Voll gefüllt entfaltet der Ascher sogar eine gewisse Ästethik. Im Filter gut erkennbar: die braunen Rückstände. Gesundheitskosten durch das Rauchen in Europa: 1 Prozent des Bruttoin- landprodukts, schätzt die WHO. © Michael Greiner Können Sie das näher erläutern? tin- und Menthol-Freisetzung aufgedeckt. Pötschke-Langer: Können ja. Aber ich Pötschke-Langer: Wenn der Zusatz in den Diese Beobachtung wird der Produkt-Ge- möchte an dieser Stelle keinen Einzelfall Zigaretten eine Mischung aus Menthol, schmacks-Entwicklung helfen, optimale herausgreifen. Vanille und Zuckerarten ist, dann macht Mentholprodukte zu konstruieren.« Die Wie sieht die Forschung zu Tabak in diese Mischung das Rauchen so leicht und Beteiligten wissen über die Wirkung also Deutschland aus? angenehm wie nur möglich. Heute sind ganz genau Bescheid. Pötschke-Langer: Es gibt keinen Risiko- Zigaretten dazu geeignet, den Kinder- und Heute gibt es Zigaretten, auf denen faktor, der so gut erforscht ist wie das Jugendmarkt zu erobern. steht: »ohne Zusatzstoffe«. Was kann man Tabakrauchen. In den medizinischen Da- Die Tabakindustrie setzt die Zusatz- davon halten? tenbanken finden Sie 40.000 bis 50.000 stoffe ganz bewusst ein, und diese werden Pötschke-Langer: Gar nichts! Ganz provo- Publikationen zu gesundheitlichen Folgen von Forschern gezielt entwickelt? kant gesagt habe ich Zweifel, dass sie keine des Rauchens und zur Sucht durch Tabak- Pötschke-Langer: Das ist richtig. Wir haben Zusatzstoffe enthalten: Die meisten sind produkte. Was die Gesundheitsgefährdung Paradebeispiele aus den Tabakindustriedo- leicht zu rauchen und unterscheiden sich angeht, sind alle Daten auf dem Tisch. kumenten, die in den 1990er Jahren wegen kaum von den anderen Zigaretten. Es ist zu Jährlich sterben 650.000 Menschen in der Haftungsprozesse in den USA [Anm. vermuten, dass die Zusatzstoffe nicht im Europa an den Folgen des Rauchens. Wa- d. Red.: Schadensersatzprozesse mehre- Tabak, sondern im Filter oder in der Hülle rum gibt es bis heute kein Verbot von Zu- rer US-Staaten gegen die Tabakindustrie] untergebracht werden. satzstoffen in Deutschland? ins Internet gestellt werden mussten. In Sind Ihnen Fälle von Wissenschaft- Pötschke-Langer: Das kann man ganz diesen Prozessen wurde herausgearbeitet, lern bekannt, die direkt von der Tabakin- klar beantworten. Die Tabaklobby hat dass die ganze Palette der Zusatzstoffe im dustrie finanziert wurden? eine immense Stärke, insbesondere in Wesentlichen dazu dient, Neueinsteiger Pötschke-Langer: Das ist ein trauriges Kapi- Deutschland. Und sie hat es bisher durch anzusprechen und zu gewinnen, sowie die tel in der Geschichte der Wissenschaft, das geschicktes Lobbying geschafft, eine Pro- bereits bestehenden Raucher in der Ab- insbesondere die deutsche Wissenschaft duktregulation zu verhindern. hängigkeit zu halten. betrifft. Wir haben dazu Beispiele, die wir Sie sitzen seit 1992 im Steuerungs- Können Sie ein Zitat nennen? auf die Website gestellt haben [Anm.d.Red.: gremium des »Aktionsbündnisses Pötschke-Langer: Gerne. Zu Menthol www.dkfz.de/de/tabakkontrolle]. Und es Nichtrauchen« und seit 2000 im Steue- schrieb die Tabakindustrie intern bereits wird bis heute noch geforscht. rungsgremium des »Wissenschaftlichen in den 1970ern: »Unser Labor hat die Können Sie einen konkreten Fall Aktionsbündnisses Tabakentwöhnung«. komplexen Interaktionen zwischen Niko- nennen? Was genau machen Sie dort? 26 GRAUZONE
  • 27. Pötschke-Langer: Wir stimmen uns mit anderen angesehenen Organisationen ab, wie etwa der Deutschen Krebshil- fe oder der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Sehen Sie Interessenskonflikte zwischen Ihrem Engagement und Ihrer » Die Wissenschaftler der Tabakindustrie werden exorbitant gut bezahlt. Es ist ihre Entscheidung, wissenschaftlichen Arbeit? Pötschke-Langer: Ich kann keine erken- für wen sie arbeiten nen. Wenn es Interessenskonflikte gäbe, dann würde ich an einer solchen Initiati- und von wem sie das ve nicht mitwirken. Geld nehmen. Denn Haben Sie Probleme mit der Tabak- « industrie bekommen? sie wissen ganz genau, Pötschke-Langer: Mit der Tabakindustrie nicht, aber natürlich mit ihren Lobby- was sie dort tun. Es ist isten. Sie lieben es, mich zu hassen und die Frage: Ist Ethik für in den entsprechenden Blogs meine Ar- beit anzugreifen. So bekomme ich Hass- mich ein Stellenwert? Mails und Beschimpfungen im Internet. Bisweilen ist das keineswegs spaßig. Welche Verantwortung haben For- scher, die für die Tabakindustrie ar- beiten? Pötschke-Langer: Die Wissenschaftler der Tabakindustrie werden exorbitant gut bezahlt. Es ist ihre Entscheidung, für wen sie arbeiten und von wem sie das Geld nehmen. Denn sie wissen ganz ge- nau, was sie dort tun. Es ist die Frage: Ist Ethik für mich ein Stellenwert oder kann ich mich darüber hinweg setzen? Rauchen ist ein Spitzengeschäft – für die Tabak- Wie viele Forscher arbeiten heute industrie. In Deutschland setzt sie jährlich rund an neuen Zusatz- oder Inhaltsstoffen 12 Milliarden Euro um. Manche Marken werben für die Tabakindustrie? mit dem Versprechen: »ohne Zusätze«. Pötschke-Langer: Weltweit sind es Tau- sende von hervorragenden Forschern. Das kann sich die Tabakindustrie auch leisten, bei jährlich mehreren Milliar- den Gewinn in Deutschland. Zum Schluss eine persönliche Fra- ge. Haben Sie selbst jemals geraucht? Pötschke-Langer (lacht): Ja, am Ende meines Medizinstudiums habe ich mich in einer Lerngruppe auf die groß- en Examensprüfungen vorbereitet. Die Begleitmusik dazu waren schwarzer Tee – zwei, drei Kannen pro Tag – und Ziga- retten. Aber kaum hatten wir das Exa- men in der Tasche, haben wir von diesen Lastern gelassen. Seit dem kann ich Zi- garetten nicht mehr ertragen – genau so wie den schwarzen Tee von damals. reiner Michael Greiner hael G © Mic Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 27
  • 28. Po l i t i k b e r atu n g Eine Hand wäscht die andere? Der Staat fördert einen Teil der Forschung. Die Erkenntnisse der Wissenschaft können politische Entscheidungen stützen. Wie Experten die deutsche Regierung beraten und inwieweit sie Einfluss auf Entscheidungs- prozesse haben. Der Hessische Landtag in Wiesbaden: Hier treffen sich Politiker und Forscher. Gemeinsam suchen sie nach Lösungsansätzen für gesell- schaftliche Probleme. © Reinhard Grieger 28 GRAUZONE
  • 29. © Bundesregierung / Kugler D er 11.11.2011 im CDU-Sitzungssaal Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Stippvisite im Robert-Koch-Insitut in Berlin. des Hessischen Landtages. Hier Die Forschungseinrichtung ist Teil des Bundesministeriums für Gesundheit und wird nicht etwa die Fastnachts- berät die Politik vor allem in biologischen und medizinischen Fragen. kampagne 2012 eröffnet, sondern die Sit- zung der Enquete-Kommission »Migration und Integration in Hessen«. Pünktlichkeit nicht den Eindruck, aber in einer Enquete- bericht und gibt ihn als Empfehlung an scheint nicht oberste Priorität zu sein. Fünf Kommission haben die Wissenschaftler die das Parlament. Minuten verspätet begrüßt der Vorsitzen- Aufmerksamkeit der Politik. Somit können Ad-hoc-Kommissionen sind nicht wie de Jürgen Banzer (CDU) die Anwesenden sie Einfluss auf den Schlussbericht neh- die Enquete im Bundes- oder Landtag, son- und eine viertel Stunde später kommen men. Bei der Enquete sind Sachverständi- dern in der Bundes- oder Landesregierung auch die letzten Teilnehmer an. Gerade ge wie Unternehmer oder Wissenschaftler angesiedelt. Der zuständige Minister oder referiert Rauf Ceylan, Migrations- und unter den ständigen Mitgliedern. Diese die Bundeskanzlerin setzt sie ein, um sich Religionssoziologe an der Universität Os- nehmen an jeder Sitzung teil und erarbei- externen Rat zu bestimmten Problemstel- nabrück, über die Situation der Migranten ten gemeinsam mit den Abgeordneten die lungen einzuholen. Der politische Auftrag- in Deutschland und gibt den Politikern Lösungsansätze. geber wählt die Mitglieder frei aus. Diese eine Handlungsempfehlung: »Es ist wich- Kommissionen sind für eine bestimmte tig, den islamischen Religionsunterricht Experten geben Zeit eingesetzt und erarbeiten ebenfalls flächendeckend einzuführen.« Nach ihm Empfehlungen einen Schlussbericht, jedoch in der Regel tragen noch vier weitere Experten vor. Die Die Enquete-Kommission ist eine von vie- mit Handlungsempfehlungen für die Re- Abgeordneten stellen eine Menge Fragen, len wissenschaftlichen Beratungsmöglich- gierung. unter anderem nach empirischen Befun- keiten und wird vom Bundes- oder Land- Der Einfluss eines Schlussberichtes auf den. Sie verlangen immer wieder nach tag in Auftrag gegeben. die Politik unterscheidet sich von Kom- Handlungsvorschlägen. Viereinhalb Stun- Sie gewinnt mittels Expertenanhö- mission zu Kommission. Denn letztlich den dauert der Dialog zwischen wissen- rungen, Arbeitsunterlagen und For- entscheidet die Regierung, was sie damit schaftlichen Beratern und Abgeordneten. schungsaufträgen Informationen zu macht. Und diese, meint Ulf Riebesell, Zwar macht in diesem Fall die Haltung einem Thema und sucht nach Lösungsan- nimmt Beratungen sowieso nur an, wenn einiger Mitglieder – tief im Stuhl hängend, sätzen zu gesellschaftlichen Problemen. sie es in ihrer Strategie gebrauchen kann. mit dem Handy spielend, sogar dösend – Die Kommission erarbeitet einen Schluss- Riebesell ist Gutachter für den nächsten Wissenschaft ist nicht schwarz oder weiß 29
  • 30. Bericht des Weltklimarats und forscht als merksam machen, mehrere Meinungen Ausschreibungen. Die Forscher bewerben Ozeanograph am Leibniz-Institut für Mee- präsentieren, und ob sie deutlich machen, sich mit einem Vorschlag, wie sie an das reswissenschaften. Doch als Politikberater wenn Erkenntnisse vage sind«. Die Ver- Problem herangehen würden und was es sehe er sich nicht: »Ein Wissenschaftler waltungswissenschaftlerin hat bereits ge- kosten würde. Auch außeruniversitäre Ein- braucht nicht zu glauben, dass er die Po- meinsam mit Kollegen ein Gutachten für richtungen, wie die Helmholtz-Gemein- litiker zum Handeln bringen kann«, sagt das europäische Parlament geschrieben: schaft, beraten mittels Publikationen und Riebesell. Für ihn seien die Bürger die trei- »Man fragt sich, wird das so verstanden, Auftragsforschung die Politik. bende Kraft. Deshalb sehe er seine Verant- wie wir es meinen? Und was passiert mit »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein wortung darin, der Gesellschaft korrekte den Sachen, die wir hier aufschreiben?« Gutachten komplett von einem Minister Informationen zu vermitteln und zu ihrem Kommunikationsschwierigkeiten sind laut gelesen wird. Dafür sind Mitarbeiter da, Wohle zu handeln: »Das Entscheidende ist, Hustedt ein Problem der Politikberatung. die dann kanalisieren und mitteilen was was die Gesellschaft mit den Erkenntnis- Denn nicht immer werde das, was der Wis- darin steht«, sagt Hustedt. Inwiefern das sen macht. Die Politik wird erst auf die Äu- senschaftler für eindeutige Sprache halte, Gutachten in einzelne Fragestellungen ßerung der Gesellschaft reagieren. Siehe in der Politik auch so verstanden. eingehe, könne davon abhängen, wie das Fukushima.« Riebesell warnte als einer der Universitäten können die Politik durch zuständige Referat es aufnehme und wei- Ersten vor der Ozeanversauerung als Folge Gutachten beraten. Ein Gutachten steht terkommuniziere. des Klimawandels, doch »geschehen ist in der Regel in Verbindung mit einer Auf- Auch Ressortforschungseinrichtungen noch lange nichts«, sagt der Forscher. tragsforschung. Dafür gibt es offizielle (RFE) forschen im Auftrag der Regierung. Politik braucht Wissenschaft Trotz alldem ist gerade die Klimapolitik abhängig von der Expertise der Forscher. »Zum Klimawandel gab es in den 1980ern zwei Enqueten. Vor allem die Erste galt als sehr einflussreich für die weitere diskursi- ve Struktur des Politikfeldes«, sagt Thurid Hustedt, Verwaltungswissenschaftlerin der Potsdamer Universität. Sie bestätigt, dass der Einfluss eines Abschlussberichts immer schwer nachzuvollziehen ist. Er werde zwar in jedem Fall in Ausschüssen und Plenen diskutiert. Das heiße aber nicht, dass er in einen Entscheidungs- prozess mit eingehe. Dennoch weiß sie: »Die Grundtendenz ist, dass Politik wis- senschaftsabhängiger wird. Die gute poli- tische Entscheidung soll sowohl auf einer Wertentscheidung, wie auch nach bestem Wissen getroffen sein.« Da laut Hustedt der Beratene viel we- niger als der Berater weiß, müsse Letzte- rer sich entsprechend verhalten und den Sachverhalt angemessen und sorgfältig vorbringen. Die Verantwortung habe er gegenüber den Gremien, seiner eigenen Disziplin und dem Beratenen. Laut Hustedt geben Wissenschaftler ihre Fakten nicht nur wieder, sondern in- terpretieren sie auch in ihrem sozialen Zusammenhang. Deshalb hängt ihrer Mei- nung nach verantwortliches Handeln der Berater davon ab, »wie sie ihre Ergebnisse kommunizieren, auf Streitigkeiten auf- 30 GRAUZONE