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Dokumentation | Ein Projekt der Schutzgebühr: € 15,–
Forschende Kunst 3:
Perspektiven des Alterns
Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Unser Leiden ist ein Signal nichtgelebten
Lebens. Heilung besteht darin, das
nichtgelebte Leben zu erkennen – und
zu leben. Zur Überwindung unserer
eingefleischten Schranken, unserer
Angst und Müdigkeit, unserer allzu
häuslichen Humanität und unserer
alternativen Schrebergärten bedarf es
eines experimentellen Milieus, wo solche
Überwindung verstanden und
gewollt wird.
Dieter Duhm, Aufbruch zur neuen Kultur, 2011
www.towards-a-new-culture.org/de
»
3Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Die Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD) ist eine Bildungs-
trägergesellschaft mit Angeboten in den Bereichen Pflege, Gesundheit und
Soziales. Sie betreibt – begrenzt auf den Freistaat Bayern – staatlich aner-
kannte Fachschulen, Berufsfachschulen und Fachakademien und bieten ein
umfangreiches Spektrum an Fort- und Weiterbildungen. Die Bandbreite der
Bildungsangebote reicht von der Helferausbildung bis hin zu akademischen
Abschlüssen. Auf Grund der Zertifizierung der GGSD-Schulen nach BQM (Bil-
dungsqualitätsmanagement) sind viele Bildungsangebote der GGSD durch die
Arbeitsagentur förderbar (AZWV/AZAV).
Die GGSD-Standorte München und Nürnberg sind Studienzentren der Ham-
burger Fern-Hochschule (HFH) für den Bereich Gesundheit und Pflege und
bieten die Möglichkeit des berufsbegleitenden Fernstudiums – bei entspre-
chender Vorbildung auch ohne Abitur. Die Hamburger Fern-Hochschule (HFH)
ist die größte Fernhochschule Deutschlands in privater Trägerschaft und hat
mit ihrer staatlichen Anerkennung die gleichen Kompetenzen wie staatliche
Hochschulen.
Hospiz Akademie der GGSD
Kompetenzzentrum Palliative Care und Hospizkultur
Unter dem Dach der Hauptverwaltung der GGSD bietet die Hospiz Akademie
ein umfangreiches Programm zur Fort- und Weiterbildung und Organisations-
entwicklung rund um Palliative Care an verschiedenen Standorten in Bayern
und als Inhouse-Kurse und Projekte.
Inhalt
Editorial
M. Schels 	 Seite 4
Das Alter ist anders!
G. Heil	 Seite 6
Jeder möchte lange leben ...
Prof. F. Adloff, L. Pfaller 	 Seite 8
Angela von Randow: Variationen über den Würfel 	 Seite 10
Vom Klatschen über Kaffeetrinken ...
U. Weber 	 Seite 12
			
Projektideen I:	 Seite 18
  – Lebensprojekt Zentrifuge (M. Schels) 	 Seite 19
  – Urban Gardening Café (J. Bauer) 	 Seite 21
Barbara Kastura: Der Goldene SchRitt 	 Seite 22
Projektideen II:		
  – Wie der Sinn ins Alter kommt (O. Potjans) 	 Seite 00
  – Akademie für private Pflege (G. Heil / O. Potjans) 	 Seite 24
  – Lebensspanne (J.H. Bauer / M. Schels) 	 Seite 29
Uwe Weber: Traumrinde 	 Seite 30
Essay: Wie man alt wird
J.H. Bauer 	 Seite 31
Marcela Salas: Mythomanien	 Seite 40
Teilnehmer 	 Seite 42
Anhang: Protokolle
M. Schels	 Seite 44
Impressum 	 Seite 50
4 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
„Forschende Kunst“ ist ein Projekt der
Zentrifuge, das grenzüberschreiten-
de, interdisziplinäre und ästhetisch
grundierte Austauschprozesse einübt
und damit einen Beitrag leistet, um
Wirklichkeit auf neue Weise verste-
hen zu lernen und zu gestalten. Mit
Partnern aus Kunst, Wissenschaft
und Wirtschaft arbeitet die Zentrifuge
über einen längeren Zeitraum heraus,
wie Neues mit Hilfe der Kunst in die
Welt kommt und in dieser wirksam
wird.
Forschende Kunst 1 („umwelten“)
wurde 2013 durch das Kulturreferat
Nürnberg gefördert. Forschende Kunst
2 („Musik und Klang“) wurde 2014 im
Rahmen des Förderprojekts „Ideen.
innovativ.kreativ“ durch das Wirt-
schaftsreferat Nürnberg unterstützt.
Forschende Kunst 3 („Perspektiven
des Alterns“) wurde 2015 mit einer
Förderung durch die GGSD – Ge­
meinnützige Gesellschaft für Sozi-
ale Dienste mbH, Nürnberg, voran
gebracht. Alle Phasen des Projekts
sind unter www.forschende-kunst.de
dokumentiert.
Die vorliegende Dokumentation zu
„Forschende Kunst 3: Perspektiven
des Alterns“ ist das Ergebnis eines
über mehrere Monate laufenden Aus-
tausch-Prozesses zum Thema „Per-
spektiven des Alterns“, der im Kern
drei Workshoptage beinhaltete, die im
zwei- bis dreiwöchigen Abstand statt-
fanden (siehe Protokolle im Anhang).
Wir konnten für Forschende Kunst 3
erneut einen interdisziplinären Teil-
nehmerkreis gewinnen, wobei auch
hier entsprechend unseres ästhetisch
geprägten Weltverständnisses die
Kunst wieder elementar eingebunden
war. Die künstlerische Begleitung
erfolgte diesmal durch Uwe Weber
im Bereich der Darstellenden Kunst.
Erstmals haben wir bei Forschende
Kunst neben den künstlerischen auch
fachliche Impulse eingebunden, was
insofern nahe lag, als Jörg H. Bauer
das Thema „Perspektiven des Alterns“
für die dritte Phase von Forschende
Kunst initiierte und während der drei
Workshoptage als Experte für Live
Span Forschung neueste Forschungs-
ergebnisse zum Thema präsentierte.
In den Protokollen am Ende dieser
Dokumentation kann nachgelesen
werden, wie der Austauschprozess
vonstatten ging, welche Themen wir
bearbeiteten und welche Aktivitäten
und Ergebnisse wir wie entwickelten.
Die Dokumentation kann somit auch
wie ein kleines Handbuch gelesen
werden zur Umsetzung interdiszi-
plinärer Austausch- und Entwick-
lungsprozesse auf der Suche nach
gemeinsam ermöglichten Perspektiv-
wechseln und Einsichten in ungeahn-
te Zusammenhänge und Fügungen.
Apropos Zusammenhänge und Fü-
gungen: Besonders freut und ehrt uns,
dass wir Prof. Frank Adloff und Laris-
sa Pfaller vom Institut für Soziologie
an der FAU Erlangen-Nürnberg für
einen Gastbeitrag gewinnen konnten.
Die Bereitschaft zweier renommierter
Geisteswissenschaftler, bei dieser
Dokumentation mitzuwirken, erfah-
ren wir als große Anerkennung und
Bereicherung unserer Arbeit.
Das Titelmotiv zu dieser Ausgabe
stammt von Barbara Kastura. Die
„Ghadsos“ sind Wesen, die sich dem
Lebensfluss hingeben und durch
ebendiese Hingabe einen unermess-
lichen inneren Reichtum entfalten
– sie verkörpern die „Perspektiven
des Alterns“ auf ganz eigene, ästhe-
tisch-praktische Weise.
Der von der Zentrifuge entwickelte
ästhetische Prozess hat bei Forschen-
de Kunst 3 erneut eine Weiterent-
wicklung erfahren – so konnten wir
unseren Methodenpool festigen und
ausbauen, unser Verständnis des
ästhetischen Prozesses vertiefen. Wir
freuen uns, den ästhetischen Prozess
verstärkt bei interdisziplinären Aus-
tausch- und Entwicklungsprozessen
einbringen zu können. Herzlichen
Dank an Otmar Potjans, der Forschen-
de Kunst erneut beratend und mode-
rierend begleitete.
Die Zentrifuge ist als Kreativplattform
mit über 500 Community Mitgliedern
und als ästhetisches Labor mittler-
weile in der Lage, Innovationsprozes-
se und Entwicklungsprojekte in ver-
schiedensten Anwendungsbereichen
zu initiieren, durchzuführen und zu
dokumentieren – sei dies in Projekten,
Organisationen oder Unternehmen.
Der ästhetische Prozess ist dabei
unser zentraler methodischer Ansatz,
bei dem wir künstlerische Perspek-
tiven grundlegend einbinden. Kunst
ist für uns kein bloßes Dekorum,
sondern unerlässlicher Bestandteil
der Auseinandersetzung mit unse-
rem Selbst und unserer Umgebung,
mit dem Eigenen und dem Fremden,
mit unterschiedlichsten Menschen
und deren Arbeits- und Lebenswel-
ten. Kunst regt im Kern dazu an, sich
auf andere, ungewohnte und ebenso
tiefgehende wie weitreichende Weise
auszutauschen, neue Perspektiven zu
erproben und neue Wege zu wagen.
Wir danken neben Uwe Weber, der
Forschende Kunst 3 mit Theaterarbeit
bereicherte und so neue Erfahrungen
und Gedanken ermöglichte, unseren
beteiligten Künstlerinnen Barbara
Kastura, Marcela Salas und Angela
von Randow. Sie waren nicht nur per-
sönlich bei den Workshops involviert,
sie stellten zur Visualisierung dieser
Dokumentation ausgewählte künstle-
rische Motive zur Verfügung – im bes-
ten Sinne interdisziplinär verstanden
und stark korrespondierend mit dem
ästhetischen Prozess und den dabei
verhandelten Inhalten. Herzlichen
Dank auch an unseren Grafiker Robert
Schlund, der dem Projekt Forschende
Kunst und der Zentrifuge schon lange
als Weggefährte sehr verbunden ist.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß, Er-
kenntnis und Anregung mit die-
ser Dokumentation – alle Beiträge
können unabhängig voneinander
gelesen werden und sorgen durch
ihre unterschiedlichen Sichtweisen
und Schreibstile für Abwechslung.
Als lebendiger Ausdruck interdiszi-
plinären Arbeitens beschreibt diese
Text: Michael Schels
Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir freuen uns über Ihr Interesse an „Forschende Kunst“.
5Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Dokumentation keinen abgeschlos-
senen Prozess, sondern deutet auf
etwas hin, was uns schon lange und
weiterhin und zunehmend in größe-
ren Zusammenhängen beschäftigt.
Wir verstehen unser Engagement
für die und in der Zentrifuge als ein
Erkunden unentdeckter Lebensflüsse
und damit auch als gelebte Nachhal-
tigkeit. Lassen Sie sich also nachhal-
tig von Forschende Kunst und von
den in dieser Ausgabe verhandelten
Inhalten und Projektideen anregen
und inspirieren.
Kommen Sie gern auf uns zu, wenn
Sie an offenen Entwicklungsprozes-
sen arbeiten und dabei zentrifugale
Impulse und Perspektiven zur Erkun-
dung von Lebensflüssen erfahren und
integrieren möchten.
Herzliche Grüße
Ihr Michael Schels
Nürnberg, August 2015
www.forschende-kunst.de
www.zentrifuge-nuernberg.de
Bauchzeichnung von Robert Schlund – v003 „Neugierde“, Kohle, 2012
6 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
PROLOG
In unserem Mietshaus haben die Seni-
oren langsam und unbemerkt die Vor-
herrschaft übernommen. Von sechs
Parteien sind nun bereits vier im
Rentenalter angekommen: Der noch
selbstständige Steuerberater ist froh,
dass er seine Kanzlei im Hochparter-
re hat, weil er kaum noch Treppen
steigen kann. Schon die tägliche Post
vom Briefkasten zu holen, scheint für
ihn eine große Herausforderung zu
sein. Daneben wohnt ein nettes Paar,
das vor über zwanzig Jahren mit drei
Kindern aus Russland übergesiedelt
ist. Die Ehefrau des jetzigen Früh-
rentners muss allerdings noch putzen
gehen, weil sonst die Rente der beiden
nicht ausreicht. Da meine Frau und
ich beide berufstätig sind, nimmt er
gelegentlich unsere Paketlieferungen
an, was ihn nicht allzu sehr stört. Das
alte Pärchen neben uns in der ersten
Etage bekommt mittlerweile häufi-
ger Besuch vom Notarzt als von der
eigenen Tochter. Und der ehemalige
Handwerker mit seiner Frau über uns
läuft trotz Ruhestand am liebsten im
Blaumann durchs Haus und kümmert
sich um die anfallenden Reparaturen.
All ihre Kinder haben schon längst
das Elternhaus verlassen und woh-
nen alle nicht mehr in der näheren
Umgebung. Meist sind die mit dem
„Flügge“-Werden in die größeren Städ-
te der Metropolregion gezogen und
besuchen das „empty nest“ und die
eigenen Eltern nur noch an Sonn- und
Geburtstagen. Oder um die Enkelkin-
der über Nacht und in den Ferien dort
„abzuladen“.
Unser Kleiner ist nun seit knapp
zehn Jahren auf der Welt und hat
mittlerweile wieder etwas Leben ins
Haus gebracht – nicht immer zu aller
Wohlgefallen, denn einige hatten sich
schon an die schönen Zeiten der Stille
(ohne Babygeschrei oder knallen-
de Türen) gewöhnt. Genau in dem
Moment, als wir den Kinderwagen
entsorgten, hat der nagelneue Rollator
unserer Nachbarin seinen Stellplatz
im Keller übernommen. Unser Sohn
war jahrelang das einzige Kind bei
zwölf Erwachsenen, bis im vergan-
genen Jahr ein spanischer Fachar-
beiter mit Frau und zwei Kindern im
Teenageralter die größere Wohnung
im Dachgeschoss bezogen hat. Nicht
die Lage war für ihn entscheidend,
sondern der Preis. Die Wohnung stand
bereits ein Jahr leer, obwohl die Miete,
seit wir hier wohnen, nicht mehr er-
höht worden ist. Dabei ist unser Haus
erst 20 Jahre alt. Aber eine Studiowoh-
nung im zweiten Stock ohne Aufzug
ist definitiv nicht der ideale Ruhesitz
für Senioren.
Die fränkische Kleinstadt, in der
unser Mietshaus steht, stagniert seit
Jahren bei ca. 6.000 Einwohnern und
trägt ihren Namen durchaus zurecht.
Die neueren Gewerbe- und Sied-
lungsgebiete an den Randgebieten
haben zwar für ein Flächenwachstum
gesorgt, jedoch leidet die Kernstadt
seitdem an einem Leerstand bei den
Geschäften und Wohnungen. Für die
älteren Einwohner ist es ein ordent-
licher Fußmarsch, um sich bei den
Discountern am Stadtrand zumin-
dest mit Grundnahrungsmitteln
wie z.B. Nudeln, Mehl und Obst zu
versorgen. Es befinden sich zwar noch
zwei Metzgereien, ein Bäcker und ein
Getränkemarkt in der Altstadt, die
kämpfen aber ums Überleben, weil
ALDI und NORMA am Ortseingang all
das auch im Angebot haben – und das
zu wesentlich günstigeren Preisen.
Das Alter ist anders!
Von Günther Heil
7Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Ach ja, und zwei Schnellimbisse
bieten auch noch ihre Produkte an
– wahlweise Pizza oder Döner. Die
Altstadtbewohner sind dort selte-
ner anzutreffen, eher die Jungs vom
ansässigen Knabeninternat oder
gestresste Eltern, die nach einem lan-
gen Arbeitstag einfach nur satte und
zufriedene Kinder haben wollen. Mit
viel Geld und großem Aufwand wird
nun versucht, den Ortskern wiederzu-
beleben. Alte Fachwerkhäuser werden
restauriert, um attraktive Ladenge-
schäfte vermieten zu können. Doch
unsere Nachbarin meint, dass sie mit
ihrem Rollator nur schwer über das
traditionelle Kopfsteinpflaster kommt.
Das Altenheim, das seit 15 Jahren
zum Stadtbild gehört, ist neben
den angesiedelten Industrie- und
Handwerksunternehmen zu einem
wichtigen Arbeitgeber geworden und
versorgt auch gleich den Kindergar-
ten mit Essen. Ihm und der alternden
Bevölkerung ist es zu verdanken, dass
vor einigen Jahren eine zweite Apo-
theke eröffnen konnte und sich über
wachsende Umsätze freut. Auch die
drei Allgemeinarztpraxen können sich
nicht über mangelnde Kundschaft
beschweren.
Wir ziehen nun bald hier weg: Endlich
haben wir unser eigenes Reihenhaus
im „Speckgürtel“ von Nürnberg gefun-
den. Der Kleine hat dort alle weiter-
führenden Schulen und ich nur noch
einen Bruchteil des Arbeitsweges.
Die Kaufpreise für Immobilien sind
zurzeit zwar unverschämt, wegen der
geringen Zinsen könnten wir unser
Reihenhaus aber bis zu unserer Rente
in einem Vierteljahrhundert abbe-
zahlt haben. Wobei – das Eintrittsalter
dürfte bis dahin sowieso schon bei
weit über 70 Jahren liegen.
Das Häuschen, das wir uns ausge-
sucht haben, hat bereits einen eben­
erdigen Zugang und einen kleinen
Garten. Aber auch Geschäfte, Ärzte
und eine Apotheke befinden sich in
unmittelbarer Nähe. Das Häuschen
reicht gerade mal so für uns drei, aber
kann dann hoffentlich im Alter noch
von uns alleine in Schuss gehalten
werden. Dort wollen wir bis zum
Schluss bleiben – und darüber hinaus.
Der Friedhof ist nur einen Katzen-
sprung entfernt.
Die Entwicklung zum „Alterspilz“
Eigentlich haben wir keine „Über-
alterung“ der Gesellschaft, sondern
eine „Unterjüngung“! Die steigende
Lebenserwartung durch den medizi-
nischen und ökologischen Fortschritt
leistet zwar einen Beitrag, dass die
Alterspyramide immer höher wird.
Dass die Form aber mittlerweile eher
einem Pilz gleicht, hat andere Ursa-
chen. Denn mit dem „Pillenknick“ in
den 60er und 70er Jahren sind in den
Industrienationen schlagartig die
Geburtenraten und damit auch die
Wachstumssalden gesunken. Hätte
es keine Zuwanderung durch Gastar-
beiter und Spätaussiedler gegeben,
wäre Deutschland schon längst
geschrumpft und noch älter. Während
die Generation der Babyboomer in den
Nachkriegsjahren noch zahlreich zur
Welt gekommen ist, wälzt sich diese
Kohorte nun langsam ins Renten- und
Pflegebedürftigkeitsalter. Im Gegen-
zug bekommt in Deutschland derzeit
jede Frau nur noch ca. 1,4 Kinder,
wohingegen für eine Konsolidierung
der Bevölkerungszahlen mindestens
2,1 Kinder notwendig wären. Dieser
Effekt potenziert sich zudem, da die
ersten „Nichtgeborenen“ der 70er
und 80er nun auch keine Kinder
bekommen haben. Dadurch „dünnt“
der Pilz nach unten hin immer mehr
aus. In der Folge stehen immer mehr
Senioren immer weniger Jüngeren
gegenüber. Während der „Altersquo-
tient“ laut Statistischem Bundesamt,
also das Verhältnis von potenziellen
Rentenempfängern zu potenziellen
Beitragszahlern, derzeit noch ca. 1:3
beträgt, wird er bis 2050 auf ca. 2:3
steigen. Diese ausschließlich quanti-
tativen Betrachtungen – so nüchtern
oder beängstigend sie auch sein mö-
gen – geben aber keinerlei Auskunft
darüber, wie sich das soziale Gebilde
in Zukunft ausformt. Sie sagen nichts
darüber aus, wie sich eine Gesell-
schaft und ihre Merkmale verändern.
Ein paar Phänomene sind aber heute
bereits deutlich erkennbar.
Entberuflichung des Alters
Mit einer höheren Lebenserwartung
wächst natürlich auch die Lebens-
spanne nach der Erwerbstätigkeit.
Ein älterer Mensch kann sich auf
einen Zeitraum von ca. 20 Jahren
„Ruhestand“ bei relativ guter Ge-
sundheit freuen. Welche Potenziale
sich dadurch ergeben, lässt sich
derzeit nur erahnen. „Ehrenamt“ und
„freiwilliges Engagement“ sind mehr
denn je für die Älteren ein wichtiges
Thema. Da die eigenen Kinder und
Kindeskinder oft nicht in räumlicher
Nähe leben, entsteht wachsende Un-
terstützungsbereitschaft außerhalb
der Familie, z.B. als Hospizbegleiter
oder als Seniorenberater, die junge
Existenzgründer kostenlos in der
Startphase unterstützen. Da nicht
alle Rentner sich freiwillig im Sinne
des Gemeinwohls engagieren, gibt es
erste Politikerstimmen, die fordern,
den Wehr- und Zivildienst dauerhaft
abzuschaffen und stattdessen ein
soziales Pflichtjahr für Ruheständler
einzuführen. Für viele wird das aus
wirtschaftlicher Sicht möglicherweise
sogar zu einer Notwendigkeit.
Altersarmut und Altersarbeit
Durch eine Rentenentwicklung, die
nicht mit der Inflationsrate mithalten
kann, sind die Realrenten in Zukunft
immer weniger wert. Insbesondere
für Beschäftigte im Niedriglohn-
bereich oder für Frauen mit langen
Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäf-
tigung wird das Rentenniveau immer
weniger ausreichen, um den bisheri-
gen Lebensstandard zu erhalten. Die
Bundesregierung hat bereits weitere
Absenkungen des Rentenniveaus
angekündigt. Im Gegenzug sind aber
auch Regelungen getroffen worden,
die – zumindest zeitweise – Zuver-
dienstmöglichkeiten erlauben. So
wurde mit dem Bundesfreiwilligen-
dienst keine Altersgrenze nach oben
gesetzt. Bis zu 24 Monate kann ein Se-
nior sich nun als „Bufdi“ engagieren,
während er ein „Taschengeld“ erhält
und seine Sozialversicherungsbeiträ-
ge von der Einsatzstelle weiterbezahlt
werden.
Darüber hinaus wurde im vergange-
nen Jahr die „Übungsleiterpauschale“
auf 200,- € monatlich bzw. 2.400,- €
jährlich erhöht, damit freiwillige
Unterstützung in Vereinen oder für
gemeinnützige Organisationen auf-
wandsentschädigt werden kann. Dies
gilt für alle unterrichtenden, betreu-
enden oder pflegenden Tätigkeiten
– steuerfrei und ohne Sozialversiche-
rungspflicht.
Singularisierung des Alters
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten
viele Soldaten nicht zu ihren Familien
zurück und es gab über viele Jahr-
zehnte einen deutlichen Frauenüber-
schuss in Deutschland. Kriegswitwen
waren gezwungenermaßen allein-
stehend. Zudem wurden und werden
Frauen immer noch durchschnittlich
älter und „überleben“ ihre Männer
häufig aufgrund ihres gesünderen
Lebensstils und ihres ausgeprägteren
Gesundheitsbewusstseins. Dieses
Phänomen ändert sich aber zuse-
hends, weil sich das Gesundheits-
verhalten von Mann und Frau z.B.
im Bezug auf Rauchen und Alkohol-
konsum immer mehr angleichen.
Die Lebensverhältnisse haben sich in
den letzten Jahren aber auch deutlich
verändert: vom „erzwungenen“ zum
„freiwilligen“ Alleinsein. Ehepaare
lassen sich heute deutlich häufiger
scheiden, wenn Kinder als „gemeinsa-
me Aufgabe“ wegfallen. Die finanzi-
elle Abhängigkeit von verheirateten
Frauen und das gesellschaftliche Stig-
ma von geschiedenen Frauen existiert
nicht mehr so wie noch eine Genera-
tion zuvor. Später traut sich nur jede
zweite geschiedene Person nochmals
zu heiraten, wodurch immer mehr
Menschen das Alter als Single erleben
werden. Wohnungsbauunternehmen
haben dies mittlerweile erkannt
und bauen kleinere Wohneinheiten
und sogar „Single-Häuser“. Und in
Universitätsstädten gibt es Initia-
tiven, die alleinstehende Senioren
und junge Studierende zusammen
bringt, um Wohnraum und die damit
verbundenen Aufgaben zu teilen. Wir
können aber damit rechnen, dass sich
die „Alt-68er“ bald neue Formen des
Zusammenseins im Alter überlegen
8 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
werden. Senioren-WGs und Mehr-
generationenhäuser sind auf dem
Vormarsch.
Individualisierte Lebensstile
Während es in früheren Generationen
bestimmte, tradierte Lebensentwürfe
und Konventionen für Senioren gab,
die daraus bestanden, sich über-
wiegend bei der „Brutpflege“ inner-
halb der Familie zu beteiligen, sich
weiterhin im landwirtschaftlichen
Familienbetrieb zu engagieren oder
am Vereinsleben mitzuwirken, hat
sich dies deutlich verändert. Die Le-
bensentwürfe über die Erwerbsphase
hinaus sind äußerst unterschiedlich
geworden, da sich das „Alter“ als Da-
seinszustand wesentlich heterogener
darstellt. Vom 65-jährigen, rüstigen
„Frühsenior“ bis zum 90-jährigen
Demenzkranken, vom betuchten „Re-
sidenz-Bewohner“ zum Sozialhilfe-
empfänger im Pflegeheim-Doppelzim-
mer. Die Lebensstile werden durch
viele Variablen determiniert, wie den
Gesundheitszustand, die finanzielle
Situation, die soziale Einbettung und
den Bildungsstatus. Im Entwicklungs-
verlauf eines Menschen ist die Phase
zwischen 65 und 85 diejenige, in der
die größte Heterogenität herrscht, aus
der nur eine klare Gesetzmäßigkeit
erkennbar ist: „Das Alter ist anders!“
So kann die Verwirklichung im Eh-
renamt genauso Zielsetzung sein wie
ein Seniorenstudium an der Uni oder
die Weltumrundung mit Kreuzfahrt-
schiffen.
Gebrechlichkeit und
Pflegebedürftigkeit
Die gute Nachricht: Erst ab dem 80.
Lebensjahr steigt das Risiko der
Pflegebedürftigkeit. Die schlechte
Nachricht: Das Risiko steigt dann ex-
ponentiell. Denn mit zunehmendem
Alter geht die Gebrechlichkeit einher,
die sich aus mehreren Entwicklungen
zusammensetzt:
• Unbeabsichtigte Gewichtsreduktion
und damit auch an Muskelmasse
• Abnahme der Körperkraft
• Leichte, subjektive Erschöpfbarkeit
• Immobilität, Gang- und Standunsi-
cherheit
• Reduzierte Aktivität
Bis zum Alter von 100 Jahren beträgt
das Risiko der Pflegebedürftigkeit be-
reits über 50%. Aus der Alterskorrela-
tion ergibt sich auch ein geschlechts-
spezifischer Zusammenhang. Frauen
haben zwar immer noch eine höhere
Lebenserwartung als Männer, im
Gegenzug haben sie dadurch auch
ein deutlich höheres Pflegebedürftig-
keitsrisiko. Jede zweite Frau wird im
Laufe ihres Lebens pflegebedürftig,
während Männer kürzer und weni-
ger häufig pflegebedürftig sind. Die
zunehmende Pflegebedürftigkeit ist
auch der Tatsache geschuldet, dass
die medizinische und medikamentöse
Versorgung es erlaubt, trotz schwerer
Erkrankungen weiter zu leben, z.B.
durch künstliche Ernährung, Herzme-
dikamente oder intensive Therapien
nach einem Schlaganfall.
Sinn und Un-Sinn des Alters
Die Gesellschaft will und wird in Zu-
kunft noch älter werden, vielleicht in
der unbewussten Hoffnung, irgend-
wann dem Tod zu entkommen. Die
Ernährungsforschung, die kosme-
tische Industrie und die plastische
Medizin haben sich schon längst auf
den Wachstumsmarkt „Anti-Aging“
gestürzt, um den Menschheitstraum
vom ewigen Leben oder zumindest
dauerhafter Jugend zu verfolgen.
Denn damit wäre verbunden, noch
mehr Zeit für sich und die eigene
Selbstverwirklichung zu haben.
Paradoxerweise haben sich mit dem
Zugewinn an Lebensjahren nicht
unbedingt eine größere Gelassenheit
und Entschleunigung entwickelt. Im
Gegenteil: Wir versuchen in einer
immer längeren Lebenszeit immer
mehr Erlebnisse und Ergebnisse zu
erlangen. Dabei könnte das Alter als
finale Lebensphase so viele Potenzi-
ale bieten, die wir noch gar nicht zu
verstehen im Stande sind. Vielleicht
steckt ja gerade im Altwerden und
Sterben der Sinn unseres Lebens.
Denn möglicherweise lässt sich erst
mit dem Erkennen bzw. dem Bewusst-
sein der Endlichkeit unseres Lebens
und des nahenden Endes ein erfülltes
und gelingendes Leben erschließen.
JEDEM Menschen wäre zu wünschen,
die Chance auf seine eigene „Löffellis-
te“ zu haben.
rechts: Gruppenübung aus dem Workshop
9Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
10 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Dass wir möglichst lange leben,
aber nicht alt sein wollen – so das
Zitat von Jonathan Swift -, scheint
die gegenwärtige Stimmungslage
unserer modernen Gesellschaft zu
treffen, die einerseits „immer älter“
wird und andererseits Jugendlichkeit,
Aktivität und Schönheit als Ideal
vorgibt. Gleichzeitig ist die Frage nach
dem eigenen Altern und nach dem
Umgang mit dem Alter keine, die sich
erst im Zeichen des demographischen
Wandels stellt: Schon immer gab und
gibt es unterschiedliche Altersbilder,
also Vorstellungen vom Älterwerden
und Altsein, die sich je nach histori-
schem und gesellschaftlichen Kontext
verändern können.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts
hat denn auch die Soziologie das Alter
als Gegenstand für sich entdeckt und
beschränkt sich hier keineswegs auf
die Feststellung und Beschreibung
von demographischen Veränderun-
gen, sondern versteht Altern als
wandelbares, soziales Phänomen
(Schroeter 2008, 611) und fragt nach
dessen gesellschaftlicher Gestaltung
und Bewertung. Dabei wendet sie sich
sowohl dem Alter als Lebensphase,
welche mit spezifischen Vorstellun-
gen und Erwartungen verbunden ist
als auch dem Prozess des Alterns als
lebenslanger, auch sozialer Entwick-
lung zu. Sie bedient sich hierbei der
Begriffskonstruktion des „Alter(n)s“,
in welcher diese Gleichzeitigkeit von
Prozesshaftigkeit und Zustandsbe-
schreibung sogar visuell zur Geltung
kommt.
Zunächst sah die sogenannte Disen-
gagement-Theorie (Cumming und
Henry 1961) bis in die 1960er Jahre
die Lebensphase des Alters vor allem
als durch sozialen Rückzug und die
Zunahme von Passivität im Zuge
eines natürlichen Alterungsprozesses
geprägt. Die Aktivitätstheorie des
erfolgreichen Alter(n)s der 1960er und
1970er Jahre (Havighurst, Neugarten,
und Tobin 1968) kritisiert demgegen-
über den Disengagement-Ansatz als
Defizitmodell und fasst den Rückzug
älterer Menschen als Folge sozialer
Ausgrenzung auf, welcher somit den
Bedürfnisstrukturen Älterer im Grun-
de gar nicht entspräche. Vielmehr
seien ältere Menschen „the same as
middle-aged people“ (ebd., 161) und
daher müssten auf der einen Seite
ihre Aktivität und Leistungsfähigkeit
anerkannt, auf der anderen Seite Er-
satzaktivtäten für die im Alter fehlen-
de Berufstätigkeit gefunden werden.
Aus der Beschäftigung mit einer
als eigenständigem biographischen
Abschnitt angesehenen dritten Le-
bensphase (Kohli 1985) entwickelte
sich die theoretische Unterscheidung
zwischen drittem und viertem Alter
(Laslett 1989), in welcher die gelebten
und erfahrbaren Ambivalenzen des
Alters – zum einen die Befreiung von
Arbeitszwängen im wohlverdienten
Ruhestand und die Möglichkeit der
Selbstverwirklichung, zum ande-
ren verminderte Leistungsfähigkeit
und körperlicher Abbau – auseinan-
dergezogen und zwei biographisch
aufeinander folgenden Abschnitten
zugeschrieben werden: Das dritte
Alter repräsentiert nun den „aktiven“,
„erfolgreichen“ und „produktiven“
(Rowe und Kahn 1998; Baltes und
Carstensen 1996) Abschnitt, während
des vierte Alter als durch körperliche
Hinfälligkeit und Multimorbidität
gekennzeichnet und damit als Phase
der Abhängigkeit und Pflegebedürf-
tigkeit angesehen wird. Die Soziologie
reagierte mit dieser Unterscheidung
auf den Umstand, dass die Menschen
in westlichen Gesellschaften nicht
nur länger leben, sondern auch auf
eine lange gesunde Lebensphase nach
dem Ruhestand hoffen können, die sie
dank ausreichender Ressourcen selbst
aktiv zu gestalten vermögen.
Auf der einen Seite prägt vor allem
dieses dritte, erfolgreiche Alter die
aktuelle Medien- und Werbeland-
schaft. Hier lächeln uns fröhliche
Seniorinnen und Senioren an, die,
offensichtlich gesund, fit und aktiv,
ihr Leben genießen. Diese „Best-Ager“
zeigen nicht nur keinerlei Zeichen
des vierten Alters, dieses wird uns
darüber hinaus als in jedem Fall zu
vermeidender Zustand präsentiert.
In der Darstellung des Risikos an
Demenz zu erkranken, wird dies be-
sonders deutlich. Hier wird vor allem
der Verlust der personalen Identität
problematisiert – ein Zustand, wel-
cher dem positiven Bild des dritten,
selbstbestimmten Alters maximal
zu widersprechen scheint. Dieser
Hinfälligkeit und Abhängigkeit gilt es
aus allgemeiner Sicht vorzubeugen,
ob mit gesundem Lebenswandel und
Anti-Aging-Medizin oder mit dem
Verfassen einer Patientenverfügung
(Brauer, Adloff und Pfaller 2014).
Auf der anderen Seite wird im ge-
sundheitspolitischen Diskurs das
Alter im Zeichen des demographi-
schen Wandels vor allem als sozi-
alstaatliches Problem gesehen, als
Herausforderung und Zumutung für
Renten- und Kranken- und Pflegversi-
cherung. Hier gilt es zu fragen, welche
Altersbilder transportiert werden,
wenn in großen Schlagzeilen von
der „Überalterung der Gesellschaft“
gesprochen wird oder welche Hand-
lungsmöglichkeiten uns mit der Rede
von der „rollenden Alterslawine“
überhaupt offeriert werden und was
dies nicht nur für unseren Umgang
mit dem Alter sondern im gelebten
Alltag älterer Menschen eigentlich
bedeutet.
Und so ist sich die Soziologie in der
Interpretation des dritten Alters auch
keineswegs einig: ProAging-Ansätze
(z. B. Kruse 2006; Rüegger 2011) heben
die besonderen Chancen des Alters
und die damit verbundenen Hand-
lungsspielräume im Alter hervor. Das
Plädoyer für ein „Pro-Aging“ wendet
sich gegen eine Abwertung oder gar
Pathologisierung des Alter(n)s und
spricht sich darüber hinaus für eine
gesellschaftliche Nutzung der Stärken
und Potenziale des Alters aus, da
bspw. ein ehrenamtliches Engage-
ment sowohl für die Älteren selbst als
auch für die Gemeinschaft von Vorteil
wäre.
Die sogenannte „kritische Geronto-
logie“ erkennt demgegenüber hinter
dieser einseitigen Blickrichtung auf
die potentiellen Ressourcen des Alters
die Gefahr, dass ein neues Leitbild
und damit neue und ebenfalls zu
problematisierende Anforderungen an
die Betroffenen gesetzt werden: Das
sich aus der Vorstellung vom dritten
Alter schöpfende gesellschaftliche
Leitbild der „jungen Alten“ (van Dyk
und Lessenich 2009b) ist hiernach
„Jeder möchte lange leben,
aber keiner will alt werden“
Paradoxien des Alter(n)s in der Gegenwart
von Frank Adloff  Larissa Pfaller
11Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
nicht nur nicht von sozialem Rück-
zug geprägt, sondern lässt diesen
auch kaum noch zu. Auch die Älteren
sollen jenseits der 65 noch zeigen, wie
jung, aktiv (Katz 2000) und gesund
(Higgs u. a. 2009) sie immer noch
sind und somit nicht zuletzt über
ihr Konsumverhalten Jugendlichkeit
und Leistungsfähigkeit präsentieren.
Dabei wird zum einen die Verantwor-
tung für das eigene Älterwerden den
Individuen selbst zugeschrieben. Zum
anderen wird das Alter unter dem
Zeichen des „Förderns und Forderns“
neoliberaler Aktivierung als neue ge-
sellschaftliche Ressource gedeutet:
„Was läge in Zeiten chronisch beklag-
ter fiskalischer Nöte der öffentlichen
Hand, im Zeichen der prognosti-
zierten Zunahme des Anteils älterer
Menschen an der Gesamtbevölkerung,
im Windschatten schließlich der mit
großem finanziellen, institutionellen
und propagandistischen Aufwand
betriebenen Aktivierung erwerbsfähi-
ger Erwerbsloser näher, als auch ‚das
Alter‘ wieder stärker in die gesell-
schaftliche Pflicht zu nehmen?“ (van
Dyk und Lessenich 2009a, 12)
Durch die Möglichkeit, länger zu
leben und die gewonnen Jahre selbst
gestalten zu können, ist die letzte Le-
bensphase zu einer Projektionsfläche
von Wünschen und Hoffnungen, aber
auch von Ängsten und Befürchtun-
gen geworden. Die Gesellschaft steht
demnach vor zwei Herausforderun-
gen: Erstens gilt es, die Verdrängung
und Dämonisierung des vierten Alters
in den Blick zu nehmen und kritisch
zu hinterfragen. Denn diese Haltung
lässt keinen Raum für positive Bilder,
in denen wir uns beispielsweise eine
liebevolle Hinwendung zum eigenen
pflegebedürftigen Körper vorstel-
len können. Zweitens müssen wir
uns ebenso mit dem Bild des dritten
Alters, so positiv es auch sein mag,
auseinandersetzen. Es eröffnet uns
neue, individuelle Handlungsspielräu-
me, konfrontiert uns aber auch mit
den Imperativen eines neoliberalen
Aktivierungsstaates. Aus dem Recht
auf einen selbstgestalteten Ruhestand
darf nicht die Pflicht zu unbezahlter
Arbeit unter der Flagge von Aktivität
und gesellschaftlichem Engagement
werden.
Baltes, Margret M. und Laura L. Cars-
tensen. 1996. „The process of success-
ful ageing“. Ageing  Society 16 (04):
397–422.
Brauer, Kai, Frank Adloff und Larissa
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Havighurst, Robert, Bernice Neugar-
ten und Sheldon S. Tobin. 1968. „Di-
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In Middle Age and Aging, herausgege-
ben von Bernice Neugarten, 161–77.
Chicago/London: The University of
Chicago Press.
Higgs, Paul, Miranda Leontowitsch,
Fiona Stevenson und Ian Rees Jones.
2009. „Not just old and sick – the ’will
to health’ in later life“. Ageing and Soci-
ety 29 (5): 687 – 707.
Katz, Stephen. 2000. „Busy bodies: Ac-
tivity, aging, and the management of
everyday life“. Journal of Aging Studies
14 (2): 135–52.
Kohli, Martin. 1985. „Die Institutiona-
lisierung des Lebenslaufs. Historische
Befunde und theoretische Argumen-
te“. Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie 37 (1): 1–29.
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ein Pro-Aging“. Herausgegeben von
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gen. Informationsdienst Altersfragen
33 (5): 4–7. / 2010. Potenziale im Altern.
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1998. Successful Aging. New York: Pan-
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dem Weg zu einer Lebenskunst des
Alter(n)s“. Zeitschrift für Gerontologie und
Ethik 1: 62–76.
Schroeter, Klaus R. 2008. „Alter(n)“. In
Lehr(er)buch Soziologie. Für die pädagogi-
schen und soziologischen Studiengänge.,
herausgegeben von Herbert Willems,
611–30. Wiesbaden: VS.
Van Dyk, Silke und Stephan Les-
senich. 2009a. „,Junge Alte’: Vom
Aufstieg und Wandel einer Sozialfi-
gur“. In Die jungen Alten. Analysen einer
neuen Sozialfigur, herausgegeben von
Silke van Dyk und Stephan Lessenich,
11–48. Frankfurt am Main: Campus.
/ 2009b. Die jungen Alten. Analyse einer
neuen Sozialfigur. Frankfurt am Main:
Campus.
Gruppenübung aus dem Workshop
12
Dem Ansatz Forschende Kunst fühle ich mich soweit zugehörig, als es um die Entwicklung
einer Form oder Gestalt unter Beibehaltung von Prämissen oder Vorgaben geht. Dazu
gehören die Arbeiten „Variationen über den Würfel“: Würfel aus Acrylglas bilden die
Grundstruktur, deren Flächen im Aufteilungsverhältnis des Goldenen Schnittes gestaltet
sind. Das schöpferische Potential der Auflösung und Neuschöpfung entlang diesen
Linien hatte mich fasziniert und so ergaben sich in jeweils 3 oder 4 Schritten aus dem
blauen Würfel ein Barockgarten, aus dem roten Würfel eine Burg und aus dem schwarz-
durchsichtigen Würfel ein futuristischer Turm.
In der Reihe gelb und orange industriell durchgefärbter Würfel kommt der Goldene Schnitt
im Verhältnis der Durchmesser von Kreisausschnitten zu den Kanten der Würfel zur
Anwendung. Der größte Würfel gebiert mit seinen Ausschnitten den ersten runden Würfel,
dem sich der kleinere Würfel größenmäßig anpasst, aus welchem wiederum der kleinere
runde Würfel entspringt.
www.angela-randow.de
Variationen über den Würfel
Angela von Randow
13
14 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Fernsehstudio. Publikum applaudiert.
M.M.: „Herzlich willkommen zu unse-
rer Talkrunde „5 vor 12“. Auch heute
Mittag habe ich wieder sehr interes-
sante Gäste für Sie. Ich begrüße als
erstes Frau Thea Thevo. Sie verkör-
pert sozusagen das Theater thevo.
Geboren ist sie vor 33 Jahren in Nürn-
berg. Von Geburt an ist sie Mitglied
im Verein zur Förderung des Theaters
von Menschen für Menschen. Guten
Tag Frau Thevo!“
Publikum applaudiert.
T.T.: „Guten Tag Frau Meda. Oder hei-
ßen Sie Medea?“ (kichert)
Publikum lacht und applaudiert
M.M.: „Da wir gerade beim Humor
angekommen sind. Ich heiße Marion
MEDA, nicht Marylin Monroe oder
gar Marylin Manson.“ (lacht ) „Gut.
Gehen wir mal weiter im Programm.
Die Sendezeit ist ja knapp geworden,
deswegen ganz schnell zu unserem
nächsten Gast. Er kommt ebenfalls
aus Nürnberg, kennt unsere reizende
Thea seit gut und gerne 22 Jahren. Ist
gerade 54 Jahre geworden. Ich begrü-
ße Uwe Weber.“
Publikum applaudiert.
U.W.: „Guten Tag Frau Meda, vielen
Dank für die Einladung zu dieser Tal-
krunde. Hallo, Thea.“
M.M. „Ein weiterer Gast, der trotz vie-
ler Termine ein Zeitfenster gefunden
hat. Daniel Duwas. Leider hab ich
keinen Geburtsort von Ihnen, auch
das Alter scheint irgendwie in Ihrer
Vita keine große Rolle zu spielen. Aber
vielleicht wollen Sie es dem Publikum
hier im Saal und auch den zuge-
schalteten Millionen Menschen an
den Fernsehgeräten selbst mitteilen.
Applaus für Daniel Duwas!“
Publikum applaudiert.
D.D.: „Guten Tag Frau Meda. Nun gut,
ich verrate Ihnen gerne mein Alter,
wenn Sie es auch tun!“
M.M.: „Ich hab kein Problem damit,
ich habe die 70er vor zwei Jahren
überschritten!“
T.T.: “Die 70er Jahre oder meinen Sie
Frau Medea ...“ (kichert) „… Sie sind
1943 geboren?“
M.M.: „ Gute Frage, ich würde sagen
beides.“ (kichert) „Ich habe meine 70er
erlebt und auch die 70er Jahre! Aber
um mich geht es hier ja nicht. Ich
wollte jetzt in unsere Runde einstei-
gen und am besten, ich fange mal mit
Ihnen an, Herr Duwas, Sie sind uns
noch eine Antwort schuldig!“
D.D.: „Nun, ich wollte zum Einstieg
eigentlich erst mal etwas aus meiner
Praxis als Theaterpädagoge erzählen,
aber was heißt hier erzählen. Machen
wir doch einfach mal eine Übung aus
dem Bereich der Theater-Warmups!
Oder?“
U.W.: „Ja!“
T.T.: „Ja!“
M.M.: „Ja, gerne. Ich hoffe nur, unsere
Zuschauer zuhause vor den Bildschir-
men langweilen sich nicht!“
D.D.: „Nein, im Gegenteil. Die Übung
ist so einfach, man/frau kann sie ab
einer Gruppe von 3 Personen zu jeder
Zeit an jedem Ort durchführen.“
T.T.: „Ich glaube, ich weiß, was jetzt
kommt. Ich glaub, ich hab schon milli-
onenfach …
U.W.: „Psst. Lass ihn ...“
D.D.: „Danke, Uwe. Also stehen wir
mal auf!“
M.M.: „Gilt das auch für meine Ge-
neration? Ich meine, kann man das
nicht im Sitzen auch machen?“
D.D.: „Also stehen wir alle mal auf!“
T.T. an D.D.:“Finden Sie das nicht ein
bisschen unhöflich gegenüber der
älteren Dame?“
U.W.: „Thea, ...lass ihn halt mal die
Übung erklären. Ich meine, er wird
schon wissen, was er tut, oder?“
D.D.: „Wir bilden jetzt mal einen
Kreis!“
U.W. zu T.T.: „Stimmt, das kenn´ ich!“
D.D.: „Wir machen einen Kreis. Einer
sendet jetzt ein Klatschsignal an ei-
nen beliebigen anderen Spieler. Dabei
ist wichtig: Immer Augenkontakt
herstellen und mit den klatschenden
Händen deutlich auf den Empfänger
zeigen. Das ist wichtig, denn das
Signal sollte exakt ankommen. Wir
werden auch mit verschiedenen Ge-
schwindigkeiten variieren. Derjenige,
der empfängt, sendet das Klatsch-
signal an den nächsten Spieler. Das
Ganze geht dann weiter und weiter.“
M.M.: „Könnten Sie unseren Zuschau-
erInnen erklären, für was diese Übung
gut sein soll. Und übrigens, sie haben
mir meine Frage noch nicht beant-
wortet!“
T.T.: „Ich kann´s auch erklären!“
U.W.: „Mensch Thea, dich hat jetzt
keiner gefragt!“
T.T.: „Dich auch nicht, Uwe. Dich
fragt eigentlich sowieso nie jemand.“
(kichert)
U.W.: beleidigt
D.D.: „Alles o.k. bei euch beiden? Also
zurück zur Frage von Marion. Ziel der
Übung ist es, als Gruppe in einen Flow
zu kommen. Das heißt, jeder ist kon-
zentriert, fokussiert aber gleichzeitig
entspannt und gelockert. Die Gedan-
ken werden minimiert, es geschieht
quasi aus dem Bauch raus. Den Flow
spürt man dann richtiggehend, wenn
das Klatschen einen regelmäßigen
Rhythmus bekommt. Also dann mal
los!“ (klatscht Richtung U.W.)
U.W. klatscht an T.T. klatscht an M.M.
klatscht an D.D. klatscht an M.M.
klatscht an T.T.
M.M.: „Danke Daniel für die Demonst-
ration. Gibt es da noch Variationen?“
T.T.: „Jede Menge! Also ich kenn´ da
noch das Weitergeben des Impulses
an den Kreisnachbarn. Oder auch:
Der Impuls geht an den Nachbarn, er
gibt ihn mir wieder zurück und dann
wechsle ich die Richtung und gebe
den Impuls an meinen Nachbarn auf
der anderen Seite. Wenn er mir den
Impuls wieder zurück gibt... naja, es
ist irgendwie witzig, wenn man sich
so zuklatscht“ (kichert)
Vom Klatschen …
… über Kaffeetrinken zum Flow und alles 5 vor 12!
Eine Gesprächsrunde: Marion Meda (Fernsehmoderatorin), Daniel Duwas (Theaterpädagoge), Uwe Weber (Schauspieler,
Regisseur, Komponist) und Thea Thevo (Theater für alle Fälle).
Von Uwe Weber
15Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
U.W.:“Haha...“
M.M.: „Gut, also ich sehe, diesen
Klatschkreis kann man beliebig aus-
bauen.“
D.D.:“Ja, stimmt. Zum Beispiel kann
man auch eine Struktur entstehen
lassen. Also wir legen mal fest: M.M.
an U.W. an T.T. an D.D. und wieder
M.M. Wir klatschen mal die festge-
legte Struktur und bestärken den
Klatscher durch„PA“.
M.M.: „PA“
U.W.: „PA“
T.T.: “PA“
D.D.: “PA“
M.M.: „PA“
U.W.: „PA“
T.T.: “PA“
D.D.: “PA … so, jetzt haben wir eine
Struktur! Jetzt legen wir eine neue
Struktur mit neuen Partnern fest und
sagen wir mal, wir nehmen statt dem
PA einen Begriff, zum Beispiel eine
Gemüsesorte! Na, dann mal los!“
D.D. an M.M.: „Aubergine“
M.M. an T.T.: „Karotte“
T.T. an U.W.: „Kartoffel“
Gruppenübung aus dem Workshop
16 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
U.W. an D.D.: „Kohl“
D.D.: „Nach einer Weile kann man
jetzt die Strukturen nacheinander
klatschen bzw. übereinander.“
T.T.: „Wir haben schon mal fünf Struk-
turen übereinander geschafft!“
U.W.: „Da warst du aber nicht dabei.
Oder?“
T.T.: „Ich kann mich genau erinnern.
Da war noch ´ne Struktur mit Tieren,
da warst du ein Walross!“ (kichert)
„Und dann war noch was mit Ländern
und dann lief man noch …“
M.M.: “Ja, danke erst mal hier an der
Stelle. Nehmen wir mal wieder Platz.
Einen kräftigen Applaus für Herrn
Duwas aus ...äh. Naja später.“
Publikum klatscht.
M.M.: “Ja, Uwe. Du hast noch was
anzumerken?“
U.W.: “Ich finde eine Variation sehr
interessant und zwar ist das das As-
soziieren. Also, statt des Klatschim-
pulses wird vom Sender ein Wort
weitergegeben. Der Empfänger nimmt
das Wort auf, spricht es nach und gibt
dann impulsiv ein Wort weiter, das
ihm gerade, genau in dem Moment,
dazu einfällt!“
T.T.: „So entstehen manches Mal die
witzigsten Wortketten!“
U.W.: „ Ja zum Beispiel: Bommerlun-
der – Sauerkraut – Dampfbügeleisen
– Amerika – Clinton – Prince – König
– Pfeffernüsse – Mangold – Reh – Klee
– Fuchsbandwurm …
D.D.: „Nehmen wir doch gleich mal
diese Kette. Könnte man gleich mal
eine kleine Story schreiben, oder noch
besser, lass uns daraus eine Geschich-
te entwickeln. Wählen wir einen Ort,
wo die Geschichte beginnt!“
M.M.: „Ah, interessant. Da fragen wir
doch mal einfach unser Publikum hier
im Saal. An welchem Ort soll unsere
Geschichte spielen oder wo soll sie
beginnen?“
Publikum schweigt.
M.M.: „Na, so schwer kann es doch
nicht sein! Wir brauchen nur einen
Ort!“
T.T. zu U.W.: “Kommt dir die Situation
bekannt vor?“
U.W.: „Klar.“
Eine Dame aus dem Publikum: „Ham-
burg“
M.M.: „Vielen Dank. Hamburg!“
D.D:: „Jetzt brauchen wir Personen,
Figuren, Charaktere!“
T.T.: „Also ich spiel so ´ne Type, die
hat gerade ihren Job hingeschmissen
und versucht am Hamburger Hafen
eine Arbeit auf einem Schiff zu be-
kommen. Die will in die Welt hinaus.“
U.W.: „Ist ja typisch. Trägt die auch
noch ´ne Jeans und hat eine Brille ...?“
T.T.: „Jetzt werd´ bloß nicht fies!“
U.W.: „Also ich würde einen Stuhl
spielen. Einen sprechenden Stuhl!“
D.D:: „Na, das ist ja schon mal inter-
essant. Dann spiele ich ´nen Matrosen
der seinen ersten Landgang hat, in
´ne Kneipe geht, sich hinsetzt und mit
einem jungen Mädchen ins Gespräch
kommt.“
M.M.: „Das klingt ja alles schon ganz
spannend. Aber wisst ihr was: Die
Sendezeit ist schon fast um. Äh, wir
können doch von unseren Zuschaue-
rInnen zuhause vor den Bildschirmen
die Geschichte stricken lassen. Sagen
wir mal, die besten drei Geschichten
werden in der nächsten Sendung
präsentiert und das Publikum kann
abstimmen, welche Geschichte sie
am besten findet. Als Preis gibt es
einen Theaterworkshop zu gewinnen.
Oder, Uwe und Daniel? Könnt ihr dem
zustimmen?“
U.W.: „Ja klar. Wenn ich mal kurz mein
Konzept einbringen kann...“
D.D.: “Äh, ich hab auch eines anzubie-
ten ...“
U.W.:“ Also ich war zuerst, oder? Mari-
on, was meinst Du?“
T.T.: „Platzhirsch meets ….“
M.M.: „Uwe, bitte!“
U.W.: „Mein Konzept ist: Schauspiel
als schöpferische Kraft erleben. Der
Wunsch, ein anderer sein zu können,
sich hineinzuversetzen in andere, ….
es ermöglicht ein besseres Kennenler-
nen von sich selbst und anderen, es
macht den Reiz des Theaterspielens
aus. Theater spielen heißt erfinde-
risch sein, dem Mut und der Lust am
Ausprobieren freien Lauf zu lassen.“
D.D.: „Wo hast Du das abgeschrie-
ben?“
U.W.: „Ist mir gerade eingefallen!!“
M.M.: „Gut, danke Uwe. Zu dir, Daniel,
kommen wir später. Also noch mal an
die ZuschauerInnen zuhause vor den
Schirmen. Bilden Sie aus der Assozia-
tionskette, dem Ort und den Figuren
eine Geschichte. Zu gewinnen gibt es
in der nächsten Sendung einen Thea-
terworkshop!“
M.M.: „Nun wieder weiter in unse-
rer kleinen Runde. Danke Daniel für
diese kleine Arbeitsdemo. Ist ja schon
witzig, was sich da entwickelt hat! Ich
frage jetzt mal die Thea.“
D.D.: „Aber ich wollte …!“
T.T.: „Hey, das ist jetzt mein Ding!“
D.D.: beleidigt
D.D.: „Ich kann so nicht ...“
M.M.: „Also, Thea was für ein Spiel
könntest du denn empfehlen. Es sollte
etwas sein, was man auch alleine
spielen kann.“
T.T.: „Da fällt mir eine Übung ein, für
die man nur eine Kaffeetasse benö-
tigt. Nicht mal das, man stellt sich
einfach eine Kaffeetasse vor. Am
besten seine Kaffee-, Tee- oder Kakao-
tasse. Das geht folgendermaßen: Stellt
euch mal vor …!
D.D.: „Können wir das nicht einfach
gleich machen? Das begreift doch
sonst keiner. Im Theater spielen wir
gleich mit allem. Das Theater ist kein
Debattierklub!“
U.W.:“Hört, hört!“
M.M.: „Also Thea, dann machen wir
das gleich mal. Also, wie war das
nochmal. Vielleicht können wir hier
alle, also auch das Publikum mal
mitmachen.“
Publikum schweigt.
T.T.: „Keine Angst. Keiner muss hier
auf die Bühne kommen. Sie können es
alle auf ihrem Platz nachvollziehen.“
Publikum klatscht.
M.M.: „Bitte Thea!“
T.T.:“ Überlegt euch mal kurz…“
M.M.: „Im Theater wird nicht gesiezt?“
T.T:: „Also ich find das blöd. Überlegt
euch mal kurz, was trinke ich am
Morgen? Tee, Kaffee, Kakao ….
U.W.: „Bier? Schnaps?“
T.T.: „Sehr witzig. Tee, Kaffee, Kakao?
Aus was für einer Tasse trinkt ihr?
Lasst die Tasse vor euren Augen er-
scheinen. Natürlich mit Inhalt. ...ma-
terialisiert, visualisiert sie durch eure
Gedanken ...stellt euch die kleinen
Rauchschwaden vor, die von diesem
Getränk aufsteigen ...atmet normal
...atmet den Geruch ein ...schaut euch
jetzt die Tasse genauer an …hat sie
einen Aufdruck ...was steht da drauf
...ist es ein Bild ...eine Zeichnung …
hat die Tasse irgendwelche Beschä-
digungen ...Macken ...kleine Fehler
...wie viele Finger brauche ich um die
17Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Tasse zu umgreifen ...wie viele für
den Henkel ...nehmt nun die Tasse in
die Hände ...wie schwer ist sie ...an
welcher Stelle meiner Hand erwärmt
sie mich am meisten ...in welchem
Nasenloch ist der Geruch am inten-
sivsten ...zum Schluss macht ihr eine
Abschlussgeste: Wo würdet ihr die
Tasse hinstellen …was ist sonst noch
auf eurem Tisch ...“
M.M.: „Danke erstmal. Ich kann mir
meine Tasse vorstellen. Leider ist da
der Henkel abgebrochen …
U.W.: „ ...bei meiner auch!“
D.D: „Bei mir steht drauf: 1. aufstehen
2. überleben 3. wieder ins Bett“
Publikum lacht und applaudiert.
M.M.:(lacht) “ ...danke, Thea!“
Publikum applaudiert.
M.M.: „Weil du gesagt hast: Was ist
sonst noch auf dem Tisch. Das kann
man wahrscheinlich auch locker wei-
termachen, oder?“
U.W.: „Klar, aber zum Einstieg tut´s die
Kaffeetasse!“
D.D.: „Straßberg! The method, sag ich
bloß! Ich war übrigens schon öfter ...“
M.M.: „Danke. Ich denke, wenn sich
jemand dafür interessiert, der kann
auch auf unsere Webseite zurückgrei-
fen. Da sind nochmal alle wichtigen
Hintergrundinformationen zusam-
mengefasst. Es steht auch noch der
Uwe im Livechat bis heute Abend um
ca. 18:00 Uhr zur Verfügung!“
U.W.: „Ähem, …davon wusste ich
noch gar nichts. Ich hab um 13:00
Uhr einen wichtigen Termin bei der
Stadtverwaltung, da geht’s um unsere
Subventionen für kommendes Jahr.“
T.T.: „Ja, das ist natürlich wichtig.
Sonst wissen wir nicht mehr, wie es
weitergeht. Mann, wenn man sich
das vorstellt – die am Schauspielhaus
kaufen sich in Höhe unserer Jahres-
subvention einen Vorhang im Foyer
oder Handtücher zum Trockenreiben
der Sektgläser ...und überhaupt, ich
finde man sollte uns ...“
D.D.: „Na, na, na ...das ist doch jetzt
übertrieben. Aber mal was anderes.
Ich dachte, ich sollte als Experte im
Livechat zur Verfügung stehen?“
M.M.: „Ne, wir haben uns kurzfristig
umentschieden!!“
D.D.: beleidigt
M.M.: „Gut, ich denke Förderung, Geld,
Finanzen und so weiter sind Themen,
die man sich mal anschauen sollte.
Gut. Ich bedanke mich bei meinen
Gästen und auch hier beim Publi-
kum im Saal und natürlich bei den
Millionen an den Schirmen. Bis zum
nächsten Mal, wenn es wieder heißt:
Talk 5 vor 12. Die Sendung mit Marion
Meda“.
Tosender, frenetischer, langanhaltender
Applaus vom Publikum. Standing ova-
tions.
Alle geschilderten Personen (mit Ausnah-
me von Uwe Weber) sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstor-
benen Personen wären zufällig und nicht
beabsichtigt.
Forum Theater
Forumtheater bedeutet, dass das
Theater zum Forum wird. Zum
Forum für die Zuschauer. Die
künstliche Welt, die das Theater
erzeugt, wird zur Test-Welt für
Alternativen. Dieses Theater setzt
voraus, dass die Zuschauer zu
echten, interaktiven Partnern der
Aufführung werden, Spaß daran
haben, sich selbst auszuprobieren,
neugierig sind auf ein unvorher-
sehbares Spiel und die Ideen aller
Anwesenden. Die Schauspieler
sind gefordert, auf der Basis einer
‚Grund‘-Geschichte, eines Themas
und verschiedener Charaktere,
mit den Ideen der Zuschauer zu
improvisieren. Sie improvisieren
dabei auf ein Thema. Die Leben-
digkeit und der unübertroffene
Reiz des Forumtheaters liegen in
seiner Einmaligkeit und der echten
Interaktion.
Weltweit bekannt wurde die Form
durch den Brasilianer Augusto Boal
und sein „Theater der Unterdrück-
ten“. Der hohe emanzipatorische
Anspruch der Arbeit liegt in der
demokratischen Idee, dass alle
Menschen an der Gestaltung der
Welt teilhaben und sich als teilha-
bend erleben sollen.
Theater thevo
Ein Schwerpunkt der Theaterarbeit
des Theaters thevo ist das innova-
tive und interaktive Jugendtheater.
Dabei geht es vor allem um die Ad-
aption und Weiterentwicklung des
Forumtheaters: Das Forumtheater
ermöglicht das direkte Eingreifen
der Zuschauer/innen. Das Publi-
kum kann eigene Lösungsmög-
lichkeiten einbringen und gleich
im Spiel erproben. Auf diese Weise
wird eine einmalige Unmittelbar-
keit sowie eine tiefe und nachwir-
kende Berührung durch das Stück
erreicht. Diese Theaterform legt
besonderen Wert darauf, dass die
Zuschauer zu wachen und inter-
aktiven Partnern der Aufführung
werden.
Ein weiterer Anspruch des Theaters
thevo ist es Gesamtkunstwerke
zu schaffen und mit Künstlern
aller Sparten (Tanz, Bildende
Kunst, Musik) zu kooperieren.
Diese Kooperationen sind nicht nur
kunstübergreifend, sondern auch
kulturübergreifend:
Seit der Gründung im Jahr 1982
entwickelt thevo mit Künstlern
verschiedener Kulturkreise (Tsche-
chien, Chile, Holland, Ukraine,
Polen, Japan, Neuseeland, Aust-
ralien, Argentinien) Theaterpro-
duktionen, die es erlauben, eigene
Formen und Inhalte zu entwickeln,
die über Grenzen von Kultur und
Sprache hinweg unterhaltend und
berührend sind. Seit 2009 bietet
thevo zudem eine spezielle Thea-
tertrainingsform (TTT) an, die den
interdisziplinären Austausch von
Tanz, Ton und Theater beforscht
und erprobt.
Die thevo-Macher begreifen ihre
künstlerische Arbeit primär als
innovatives Theater, nicht als ‚Sozi-
alarbeit‘ oder ‚Theaterpädagogik‘.
Thevo wurde im Oktober 2009 zum
WeltForumTheaterFestival nach
Graz (A) eingeladen. Thevo vermit-
telt Techniken des Forumtheaters
auch gerne an Dritte, z.B. seit 2004
in Tschechien Brno, Ostrava, Praha)
im Rahmen eines Kulturaustau-
sches mit dem Theater Domino.
www.thevo.de
18 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Am letzten Tag unserer Erkundungen im Rahmen von
„Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns“ stellten wir
uns der Aufgabe, Projektideen aus dem bisher Erarbeiteten
zu generieren. Es war dabei klar, dass diese Projektideen
in die hier vorliegende Dokumentation einfließen und am
besagten letzten Workshop-Tag lediglich angerissen bzw.
skizziert werden konnten. Die weitere Ausarbeitung der
Projektideen zur Konzept- bzw. Dokumentations-Reife lag
in der Verantwortung der Ideengeber (als Einzelpersonen
oder Teams) und ist urheberrechtlich auch bei diesen
verortet.
Wir hatten in dem Zusammenhang auch diskutiert, mit
welchem Anspruch unsere Projektideen verbunden sein
sollten – es bestand Konsens darin, dass wir noch nicht
wissen können, welche dieser Ideen tatsächlich zur
Umsetzung kommen, da nicht absehbar ist, mit wessen
und wie viel persönlichem Einsatz die Ideen voran gebracht
werden können. Es gilt dabei auch ganz besonders,
sich in Geduld zu üben und das Warten als Chance für
unerwartete Fügungen zu verstehen.
Die im Zuge von Forschende Kunst 3 entstandenen und
dokumentierten Ideen sind vorrangig als Ideen-Impulse
und Wegbereiter für künftige Entwicklungen zu verstehen
– unabhängig von einer Festlegung auf deren Realisierung.
Doch soll die Dokumentation dazu dienen, die Urheber
und deren Ideen zu benennen, diese zu festigen und
nach außen zu tragen sowie gegebenenfalls Unterstützer
und Mitwirkende zu gewinnen und die Möglichkeit der
Realisierung damit wenigstens wahrscheinlicher zu
machen.
Projektideen
„Die Kunst des Wartens ist eine Kunst des Ich.“
Ruth Ewertowski
19Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Im Jahr 2025: Ein verfallener Bau-
ernhof in einem abgelegenen Winkel
Europas entwickelte sich in wenigen
Jahren zu einem international ver-
netzten Begegnungsort und Lebens-
raum für Menschen unterschiedlicher
Herkunft, unterschiedlichen Alters
und mit unterschiedlichen Beru-
fen und Fähigkeiten. Etwa 20 Men-
schen leben als Familien, Paare oder
Singles dauerhaft hier, noch einmal
so viele kommen für einige Monate
und weitere 10 bis 20 sind tage- oder
wochenweise zu Besuch. Insgesamt
beheimatet der Hof gegenwärtig ca.
20 Männer, 20 Frauen, 12 Kinder und 8
Jugendliche. Sie kommen aktuell aus
Deutschland, Frankreich und Syrien,
aus dem Irak, der Türkei, aus Spanien
und aus Lateinamerika. Auch lebten
hier schon Menschen aus Palästi-
na, Israel, Argentinien, China und
Südafrika. Die jüngste Mitbewohnerin
ist zwei, die älteste 73. Man lebt hier
nach einigen Jahren der Entwicklung
mittlerweile weitgehend autonom –
Lebensmittel kommen vom eigenen
Land, Möbel und Töpferwaren werden
selbst hergestellt, auch wird in eige-
nen Werkstätten Upcycling-Kunst
und Kunsthandwerk produziert. Alle
Mitbewohner bilden sich regelmäßig
im hauseigenen Lernzentrum fort. Die
Kurse werden je nach Bedarf und ge-
fragten Kenntnissen und Fähigkeiten
mit eigenen oder externen Dozenten
besetzt. Autonomes Lernen ist eine
Basisfähigkeit, die an diesem Ort
nahezu täglich und mit großer Freude
und Motivation trainiert wird. Die
Gemeinschaft ist Teil eines internati-
onalen NGO-Netzwerks mit weltweit
über 20.000 assoziierten Gruppen und
Initiativen und mehreren Millionen
Mitgliedern.
Im Hauptgebäude gibt es neben
zehn separaten Zwei- bis Drei-Zim-
mer-Wohnungen, die mit je eigener
Küche und Bad ausgestattet sind,
auch eine Gemeinschaftsküche sowie
acht Gästezimmer – vier davon als
Einzel- und vier als Doppelzimmer.
Die Scheune wurde zu einem Ver-
anstaltungs- und Begegnungsraum
ausgebaut. Hier finden öffentliche
Konzerte, Lesungen und Performan-
ces mit regionalen und internationa-
len Künstlern statt, die sehr beliebt
und immer gut besucht sind. Zudem
werden hier Vorträge, Workshops
und Seminare zu philosophischen,
wissenschaftlichen und gesellschaft-
lichen Themen abgehalten – ein
weltoffener, undogmatischer Think
Tank für Transformationsprozesse
hin zu einer Welt, in der die Men-
schen als geistige Wesen mit sich und
der Natur versöhnt sind und dabei
ihre kreativen Anlagen und Fähigkei-
ten ausschöpfen.
Die kleine Gaststätte und der Le-
bensmittelladen neben der Scheune
tragen ihrerseits zum Gelingen des
Projekts bei. Hier gibt es ausschließ-
lich gesunde Lebensmittel aus eigener
Produktion zu kaufen. Ein Nebenge-
bäude und einige auf dem weitläufi-
gen Grundstück verstreute Gebäude
sind Künstlern, Heilern, Schamanen
und Gästen vorbehalten. Auf einer
Wiese kann auch gezeltet werden,
einige Mitbewohner und Gäste leben
am nahe gelegenen Fluss in komforta-
bel ausgestatteten Lehmhäusern und
Zirkuswagen.
Die früheren Stallungen beherbergen
ein Grafikbüro, ein Musik- und Video-
studio und Künstlerateliers. Auch ein
FabLab wurde eingerichtet, das von
zwei Ingenieurinnen aus dem Nach-
barort geleitet und von einem jungen
Künstlerpaar vermarktet wird. Das
FabLab beschäftigt in den Nachbaror-
ten über 50 freiberufliche Zulieferer
und Dienstleister in den Bereichen
3D-Druck, Projektmanagement und
Vertrieb und schafft somit auch Ar-
beitsplätze in der Umgebung. Das Fab-
Lab ist Teil eines weltumspannenden
Open Source Produktionsnetzwerks
und steuert Teile für unterschied-
lichste Produktionsprozesse in ganz
verschiedenen Branchen bei – von
Raumfahrt über Automobil bis hin zu
Design und Mode. 50% des Gewinns,
den das FabLab erwirtschaftet, fließt
in das Lebensprojekt, das sind gegen-
wärtig ca. 150.000 EUR pro Jahr. Damit
können alle Lebensmittel, Produkte
und Dienstleistungen bezahlt werden,
die man nicht selbst herstellen bzw.
realisieren kann. Energie wird nur
sehr wenig dazu gekauft, da Wär-
me und Strom direkt aus der Natur
gewonnen werden (Wind, Wasser,
Sonne).
Jeder der dauerhaften Bewohner hat
einen lebenslangen Anspruch auf
seinen Wohnbereich. Manche, die
ihre Miete nicht bezahlen können,
arbeiten diese – je nach Größe der
Wohnung – mit 15 bis 20 Stunden
Gemeinschaftsdienst pro Woche
ab. Die Wohnbereiche können nicht
vererbt werden. Das internationale
Netzwerk erlaubt Dauerbewohnern
auch, für einige Monate mit Freunden
kooperierender Projekte den Wohnort
zu tauschen. Gegenwärtig nutzen drei
Mitbewohner dieses Angebot – eine
Mitbewohnerin (46 Jahre) ist gerade
in Peru, dafür lebt gerade ein junger
Peruaner (25 Jahre) hier und arbeitet
zur Zeit in der Landwirtschaft und in
der Küche mit. Ein Vater (56) ist mit
seinem Sohn (15) gerade in Kobane zu
Gast, im Gegenzug sind zwei Kurdin-
nen (30 und 36 Jahre) hier vor Ort, um
Deutsch zu lernen und um im FabLab
zu hospitieren. Die Gegenbesuche
stärken die Freundschaft untereinan-
der und dienen auch dazu, voneinan-
der zu lernen. Die Menschen tauschen
sich auf Deutsch, Spanisch, Englisch,
Türkisch, Russisch und Französisch
aus – das sind die üblichen Verkehrs-
sprachen in allen ähnlich gelagerten
Projekten weltweit. Fast jede(r) hier
spricht mindestens drei dieser Spra-
chen fließend.
Das Lebensprojekt der Zentrifu-
ge wird als gemeinnützige GmbH
betrieben – wer mit seiner Arbeit im
Lebensprojekt mehr als 20.000 EUR
pro Jahr verdient, zahlt 50 Prozent
seines überschüssigen Einkommens
in einen Fonds ein,der den Erhalt und
Ausbau des Projekts sowie ein Grund-
einkommen für jeden Mitbewohner
garantiert. Dieser Fonds wird zudem
über das FabLab und über Spenden
gespeist und wächst jährlich im
zweistelligen Bereich. Vor kurzem hat
die Gemeinschaft entschieden, einen
Teil dieses Geldes in ein kooperieren-
des Projekt in Somalia zu investieren,
um dort ein weteres FabLab aufzu-
bauen, das als künftiger Zulieferer
und Mit-Entwickler fungieren soll.
Nach einem FabLab in Kolumbien und
einem in Griechenland ist dies das
dritte aus dem Lebensprojekt her-
aus finanzierte und mitgegründete
FabLab.
Insgesamt gibt es im Jahr 2025
weltweit bereits über 1.000 ähnliche
autonome, gemeinnützig organisier-
te Projekte, in denen insgesamt ca.
40.000 Menschen leben und arbeiten,
Das „Lebensprojekt“ der
Zentrifuge
Ideengeber: Michael Schels
20 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
sich untereinander austauschen und
solidarisch gegenseitig unterstützen.
2015 und was dann geschah: Das hier
geschilderte Lebensprojekt begann
zehn Jahre zuvor mit einem Impuls
aus der Zentrifuge, einer Kreativplatt-
form, die damals mit dem Projekt
„Forschende Kunst“ einen offenen,
interdisziplinären Austausch pflegte,
bei dem sich Menschen aus verschie-
denen Lebens- und Arbeitswelten
begegneten und erste Ideen entwi-
ckelten für ein neues Weltverständnis
und für neue Formen des Lebens und
Arbeitens. Dabei entstand auch die
Idee dieses Lebensprojekts, die dann
in der im September 2015 erschiene-
nen Forschende Kunst Dokumenta-
tion beschrieben wurde. Und dann
kam eines zum anderen: Es gingen
einige Vorschläge von leer stehenden
Bauernhöfen in ganz Deutschland,
teilweise auch aus dem Ausland ein,
an denen man ein solches Projekt rea-
lisieren könnte. Anfang bis Mitte 2016
besichtigten wir diejenigen Objekte,
die uns vielversprechend erschienen
und fanden dabei unseren idealen
Wunschort – zwar etwas abgelegen,
dafür in wunderschöner Natur und
mit weltoffenen Menschen in der
Nachbarschaft, die unserem Projekt
gegenüber aufgeschlossen waren.
Glücklicherweise unterstützte uns
auch ein weitsichtiger, engagierter
und fähiger Politiker, der Fördergelder
vermitteln konnte, die es uns ermög-
lichten, die Projektidee zu vertiefen
und deren Umsetzung detailliert zu
planen. Ende 2016 starteten wir dann
eine Crowdfunding Kampagne, die
eine Initiative auf den Weg brachte,
bei der sich Interessierte als künfti-
ge Mitbewohner bewerben konnten.
Nachdem wir aus über 50 Bewerbern
die ersten zehn Mitbewohner ausge-
wählt und gewonnen hatten, haben
wir die Immobilie samt Grundstück
gekauft und uns am neuen Ort
angesiedelt. Das war Mitte 2017. Zu
unserem großen Glück kam zu der
Zeit auch ein Förderer auf uns zu, der
unsere Idee von einem weltoffenen,
international vernetzten, solidari-
schen, naturnahen, kunstaffinen
und technologisch fortschrittlichen
Lebensprojekt unterstützen wollte
und dafür einen größeren Betrag
spendete – genug für die erste Phase
des Ausbaus der Immobilie und für
die Einrichtung der ersten Version
des FabLabs. Nach diesem Förderer
ist heute das FabLab benannt und er
ist jederzeit als Gast bei uns will-
kommen. Von da an entwickelte sich
alles wie geplant – bis 2019 waren
das Hauptgebäude und die Scheune
ausgebaut, 2020 waren alle Wohnun-
gen renoviert und alle Mitbewohne-
rinnen eingezogen. Ab 2021 konnten
wir unser Kulturprogramm und den
internationalen Austausch forcieren
und ab 2023 waren wir schuldenfrei
und konnten das Bedingungslose
Grundeinkommen für alle Mitbewoh-
nerInnen einführen. Vor allem über
das FabLab erwirtschaften wir mehr
Geld als wir benötigen. Dieses Geld
geben wir an andere Projekte weiter,
die erst im Aufbau begriffen sind. Auf
diese Weise tragen wir nachhaltig
zum Ausbau einer weltweiten solida-
rischen Gemeinschaft bei. Wir leben
autonom. Jede(r) wird als Individuum
geschätzt und kann nach seinen/ihren
eigenen Vorstellungen, Bedürfnissen
und Wünschen leben.
Sie möchten zu dieser Projektidee et-
was beitragen? Dann wenden Sie sich
bitte an Michael Schels: ms@zentrifu-
ge-nuernberg.de
21Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Die Vision
Lotte ist 65. Zusammen mit ihrer
Freundin Martina (67) möchte sie
an einem Urban Gardening Projekt
teilnehmen, über das sie aus der
Zeitung erfahren hat. Gärtnern ist
über die Jahre immer mehr zu ihrem
Hobby geworden. Lotte und Martina
sind beide noch sehr fit und möchten
auch in der Zeit nach ihrer Rente aktiv
bleiben. Sie sind vielseitig interessiert,
denken oft über eine “zweite Karrie-
re“ nach und möchten gerne andere
Gleichgesinnte kennenlernen.
Auf der Veranstaltung erfahren sie,
dass es in dem Urban Gardening
Cafe Projekt darum geht, neue Gar-
ten-Techniken im Zusammenhang
mit einem Urban Gardening Ansatz zu
erlernen und sich dann aktiv an der
Bewirtschaftung und an der Schulung
von Interessierten, insbesondere von
Schulklassen, zu beteiligen. Zudem
soll sich das Projekt als “Cafe” auch
zum Teil selbst tragen. Besonders die
Idee, dass sich Besucher hier nicht nur
ganz normal zum Kaffeetrinken in
ein ganz besonderes Cafe setzen und
Pflanzen und Fischen beim Wachsen
zusehen, sondern dass sich Kunden
Zutaten für ihre veganen Sandwiches
auch selbst pflücken können, finden
sie aufregend. Die Möglichkeiten, hier
in verschiedenen Bereichen mit ande-
ren aktiv zu werden, Selbstversorgung
zu erlernen und weiter zu vermitteln
und Gemüse mit nach Hause nehmen
zu können, haben sie überzeugt – sie
entschließen sich, am Urban Garde-
ning Cafe Projekt teilnehmen.
Die Komponenten
Das Urban Gardening Cafe ist ein Kno-
tenpunkt, in dem mehrere einfache
Ideen mit einer einzigen visionären
Idee verbunden werden. Ein tragender
Gedanke ist der des Austauschs und
der Begegnung von Generationen. Im
Urban Gardening Cafe (UGC) entsteht
diese Begegnung zwischen zwischen
alten und alten, zwischen jungen und
jungen und zwischen alten und jun-
gen Menschen. Darüber hinaus gibt
es eine Begegnung zwischen “Konsu-
menten” und “Aktiven” und auf einer
dritten Ebene zwischen “Lehrern”
und “Schülern”. Das UGC soll es alten
Menschen ermöglichen, Gleichaltrige
und Gleichgesinnte kennenzulernen
und so auf psychologischer, aber auch
physiologischer Seite den gesell-
schaftlichen Folgen der urbanen Ver-
einsamung und Isolation entgegen-
zuwirken. So kann das Potential von
Alten, Jüngere kundig und geduldig
zu “unterrichten”, unterstützt und ge-
fördert werden. Zugleich werden alte
Menschen hier plötzlich die “Lehr-
meister” in einer neuen Technologie.
Selbst- und Fremdbild der Alten kann
hier also kurz- und langfristig positiv
verändert werden – eine gelingende
Integration auf mehreren Ebenen.
Eine zweite einfache Idee ist die
der Versorgung mit selbst erzeug-
ten Nahrungsmitteln. Viele Urban
Garding Projekte zeigen heute be-
reits, wie sich auch Städter gesund
selbst ernähren können. Dies Idee
ist nicht neu und wurde bereits von
den “Schrebergärtnern” erfolgreich
gelebt. Das Wissen über Pflanzen,
Ernährung und Essenszubereitung
geht jedoch in den Großstädten zu-
nehmend verloren. Kontakt mit Feld
und Garten stehen immer weniger
Städtern zur Verfügung. Zum anderen
ist durch den Klimawandel auch von
einer Verteuerung von nicht-gene-
rischen Lebensmitteln zu erwarten.
Die Wirkung gesunder Ernährung ist
dagegen hinreichend dokumentiert.
Über einen Technologietransfer, der
zum einen Teil von bereits erfahrenen
Urban Gärtnern und zum anderen Teil
durch “learning by doing” entsteht,
werden entsprechende Fähigkeiten
von Jungen an Alte und dann wieder
an Junge weitergegeben. Die Fähigkeit
zur Selbstversorgung wird hier also
in einem Kreislauf von Generation zu
Generation weitergeben und ein dau-
erhafter Lern – und Austauschprozess
entsteht. “Mitarbeiter” können sich
zudem teilweise selbst versorgen.
Die dritte Idee ist die eines modernen
“aktiven”Cafes. Immer mehr Kon-
sumenten bevorzugen bereits beim
“Shopping” aktive bzw. aktivierende
Konzepte. In mehreren Großstädten
wurde bereits gezeigt, dass “aktive”
Cafes zunehmend das Interesse von
Konsumenten gewinnen. Als Beispiel
können Projekte wie Fahrradcafes in
Deutschland (Fürth und Berlin) und
kommerzielle Urban Gardening Cafes
in UK und USA genannt werden, die
hier wie dort oft eine Vorreiterrolle
übernehmen. Mit einem ansteigenden
Trend zu veganer Ernährung und der
Zunahme von veganen Restaurants
kann also gerechnet werden. Das
UGC geht hier jedoch über das reine
“Entertainment” der Konsumenten
hinaus. Es will inspirieren und zu
Selbstversuchen anregen. Hierzu ist
die freie Weitergabe von Informatio-
nen (über Broschüren), die “Education”
der Konsumenten (über Besichtigung
beim Selbst-Pflücken, Schulführungen
und die Erklärungen des “Personals”)
von großer Bedeutung. Zudem zeigen
weithin sichtbare Metaphern des
“Wachsens” und “Kümmerns” weg
vom reinen Konsum auf die Möglich-
keiten einer neuen “integrierten” und
mit der Natur verbundenen urbanen
Gesellschaft. So sind neben Konsu-
menten insbesondere Schulklassen
als auch Familien mit Kindern als
zukünftige Kunden zu erwarten.
Die Finanzierung …
Hier gibt es verschiedene Möglich-
keiten, die mit unterschiedlicher Ge-
wichtung in das Projekt mit einfließen
können. Es bieten sich auf der einen
Seite EU- sowie Bundes- und Landes-
mittel an. Zum anderen Teil kann das
Projekt über Sponsoring und Betei-
ligungen getragen werden. Zuletzt
kann sich das Urban Gardening Pro-
jekt über Schulungen und Erträge aus
der Bewirtschaftung auch teilweise
selbst tragen.
Die Vision UGC verbindet also die
Integration von Alt und Jung mit
einem modernen Museums- und
Cafe-Ansatz zu einer großen Vision
gemeinsamen “Wachstums” und
“Veränderung”.
Gesucht werden ...
Gesucht wird das Kern-Team, Spon-
soren, Räumlichkeiten und Urban
Gardening Experten.
Sie möchten zu dieser Projektidee et-
was beitragen? Dann wenden Sie sich
bitte an Jörg H. Bauer, E-Mail: jhabau-
er@gmail.com
Urban Gardening Cafe
Ideengeber: Jörg H. Bauer
22
Die Zusammenarbeit mit der Zentrifuge und meine Mitarbeit am Projekt Forschende
Kunst forderten mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit meiner Arbeit und
Rolle als Künstlerin heraus. Dabei kam mir der interdisziplinäre Ansatz der Zentrifuge
sehr entgegen, entspricht dieser doch seit jeher auch meiner grenzüberschreitenden
Arbeitsweise. Anlässlich der Möglichkeit, ausgewählte Arbeiten in dieser Dokumentation
zu präsentieren, kam mir als Titel “Der Goldene SchRitt” in den Sinn. Dieser
veranschaulicht aufs Schönste meine Arbeitsweise, nämlich intuitiv Prozesse im
Grenzbereich von Sprache, Klang, Proportion und Bild wahrzunehmen und diese durch
meine künstlerische Tätigkeit ins Leben zu rufen. Ich nenne dies das “Bewegen aus der
Stille” oder auch “Briefe an meine Heimat”. Meine Malerei verstehe ich als ein Musizieren
mit dem Pinsel – dabei entstehen Seelenfiguren wie die “Ghadsos”, Schutzkärtchen wie
die “Choens”, aus Naturbeobachtungen abgeleitete Klangbilder wie die Wortlandschaften
oder die wie Neumen anmutenden Klangschriften, die auch als Regieanweisungen
für Suchende gelesen werden können, um auf neuen Wegen gehen zu lernen. Meinen
persönlichen Weg erfahre ich zunehmend als eine Rückbindung an Mutter Erde, die in
einer vergessenen und unerhörten Sprache zu uns spricht. Dieser Sprache schenke ich in
Ehrfurcht vor der Schöpfung mein Gehör und meine Stimme.
www.kastura.weebly.com
Der Goldene SchRitt
Barbara Kastura
rechts: Neume
Das Klingen und Schwingen am zweiten Tag
24 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Vorausbetrachtung
In dem Forschende Kunst Projekt
Perspektiven des Alterns stellte sich
neben der intensiven Auseinanderset-
zung mit dem individuellen Weg des
Alterns die Frage nach dem Bild des
Altwerdens in der Gemeinschaft.
Was bedeutet alt werden in unserer
Gesellschaft für mich? Angst vor dem
Alter, Angst vor dem Tod. Gesundheit
spielt eine entscheidende Rolle, auch
Selbständigkeit und Wirksamkeit.
Bedürftigkeit, Pflegebedürftigkeit und
letztlich der Tod beschränken uns in
unseren Möglichkeiten, unabhängig
und aktiv an diesem Leben, in der
Gesellschaft Teil zu haben. Vielleicht
fürchten wir deswegen nichts so sehr
wie Pflegebedürftigkeit, Schmerzen
und den Tod.
Zwei Theorien begleiten dabei meine
Gedanken: die Selbstbestimmungs-
theorie und die Terror-Manage-
ment-Theorie.
Die von Richard Ryan und Edward
Deci entwickelte Selbstbestimmungs-
theorie geht davon aus, dass unsere
Handlungen und auch unser Wohlbe-
finden durch die Befriedigung der drei
psychologischen Grundbedürfnisse
Kompetenz, Autonomie und sozialer
Eingebundenheit vorangetrieben und
unterstützt werden. „Kompetenz“
meint hier das Gefühl, selbst wirk-
sam sein zu können. „Autonomie“
beschreibt das Gefühl, dass die in-
dividuellen Handlungen freiwillig er-
folgen und „soziale Eingebundenheit“
bezieht sich auf die wechselseitige
Bedeutsamkeit zwischen Individuum
und sozialen Umfeld.
Altwerden, Bedürftigwerden und gar
der Tod haben auf die Erfüllung dieser
Grundbedürfnisse dramatische Aus-
wirkungen.
• Wie kann ich noch wirksam sein als
Alter?
• Sind meine Handlungen noch frei-
willig, wenn ich pflegebedürftig ans
Bett gefesselt bin?
• Und, keine Frage, jede soziale Einge-
bundenheit endet mit meinem Tod.
Meine Selbstbestimmung ist mit
dem Prozess des Altwerdens höchst
gefährdet.
Genauso beunruhigend sind die An-
nahmen der Terror-Management-The-
orie. Die Theorie zum Thema „Angst
vor dem Tod“ von S. Solomon, J.
Greenberg und T. Pyszczynski geht
davon aus, dass das Bewusstsein der
eigenen Sterblichkeit Todesangst
bewirkt und betrachtet die dadurch
hervorgerufenen Reaktionen der be-
troffenen Personen.
Greenberg und T. Pyszczynski re-
duzieren diese Reaktionen auf zwei
grundlegende Abwehrmechanismen,
die sich im Laufe der Evolution ge-
bildet haben, um uns vor der Kon-
frontation und damit vor der Angst
vor unserer eigenen Endlichkeit zu
bewahren.
1. Die kulturelle Weltanschauung,
die Welt ist mit Ordnung und Sinn
erfüllt, darüber hinaus gibt es
ein Weiterleben, Wiedergeburt,
Transzendenz oder andere Über-
zeugungen, die eine Überwindung
der eigenen Endlichkeit ermögli-
chen würden.
2. Der Selbstwert, die Selbstachtung,
die Überzeugung, als Person wich-
tig und anerkannt zu sein. Um dies
zu erreichen, gilt es zu versuchen,
den Erwartungen und den Werten
der Gesellschaft zu entsprechen,
am besten diese überzuerfüllen.
Das klingt nach einem Leben getreu
dem Motto „Augen zu und durch“.
Es gilt, angesichts der Unausweich-
lichkeit des Todes die eigene Wel-
tanschauung anderen gegenüber zu
verteidigen. Die eigene Anschauung
kann nach dieser Theorie nicht in
Frage gestellt werden. Eine grausame
Vorstellung.
Zum Glück kommt uns da Heidegger
zu Hilfe. (Martin Heidegger, Sein und
Zeit, 1967): Nach Heidegger passen
wir uns den Anforderungen der
Gesellschaft an, wir flüchten uns aus
Angst vor unserer Sterblichkeit in All-
täglichkeiten, wir versuchen unseren
Aufgaben gerecht zu werden. Eine
Flucht, die eine Entfremdung von uns
selbst darstellt. So fliehen wie auch
vor der Frage nach dem Sinn.
Aber anders als die oben genannte
Theorie besagt, eröffnet uns Heideg-
ger eine weitere Strategie: Wir können
uns die Angst vor dem Tod bewusst
machen. Folgen wir diesem Vorschlag,
wird diese Angst uns auf uns selbst
zurückwerfen. Wir müssen uns mit
uns selbst beschäftigen. Dieses Mit-
uns-selbst-Sein gibt uns die Möglich-
keit, unser Alltäglichsein und unsere
andauernden Versuche zu gefallen
zu hinterfragen. Damit kann es uns
gelingen, unsere Flucht und also auch
unsere Entfremdung von uns selbst
zu erkennen und dieser entgegenzu-
treten.
Mit dem Wissen um unsere Vergäng-
lichkeit und der dadurch hervorgeru-
fenen Angst erreichen wir den Raum
für Authentizität und den Sinn des
Lebens.
Kurz gesagt: Die Angst vor unserer
Endlichkeit entsteht, weil wir mit der
Annäherung an unseren Tod unsere
Selbstbestimmtheit verlieren. Es gibt
unterschiedliche Strategien damit
umzugehen. Die für mich sinnvolls-
te ist es, sich die Angst vor dem Tod
bewusst zu machen, um damit Raum
für Authentizität und Sinn des Lebens
zu schaffen.
Das Proto-Projekt „Quasselbude“
Authentizität und Sinn, sich selbst
hinterfragen, offen sein für Neu-
es: Die Quasselbude ist ein einfach
umzusetzendes Proto-Projekt aus der
Workshopreihe „Forschende Kunst:
Perspektiven des Alterns“ der Zentri-
fuge.
Mit dem Titel „Quasselbude“ möchten
wir einer Anspruchshaltung entge-
genwirken und einen niedrigschwel-
ligen Zugang ermöglichen. Der Wert
und Sinn dieser Gesprächsrunden
ergibt sich im reflektierenden Dialog
ohne Vorgaben und Ziele - aus dem
heraus, was die Anwesenden bewegt.
Gleichwohl sollen diese Treffen in der
aktiven Auseinandersetzung attraktiv
sein, Sinn enthalten, Nutzen bieten
und Spaß machen.
Alt werden individuell und in
der Gesellschaft
Idee: Otmar Potjans, Angela von Randow, Jörg Knapp, Kati Stöppler
Eine kleine Vorausbetrachtung
25Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Es ist trivial, aber die Arbeit in dem
Workshop machte es mir wieder klar:
Altwerden begleitet mein ganzen
Leben. Altern beginnt mit der Geburt,
spätestens aber ab Mitte zwanzig.
Nach Timothy Salthouse nimmt in
diesem Alter die Fähigkeit zum Den-
ken ab – egal wie gesund oder gebildet
man ist.
Siehe auch: www.fr-online.de/wis-
senschaft/fit-bleiben-altern-beginnt-
mit-20,1472788,16600702.html
Später geht es dann rapide schnell.
Ab der Mitte des neunten Lebens-
jahrzehnts finden bemerkenswerte
Veränderungen in vielen körperlichen
und teilweise auch in geistigen Merk-
malen statt. Die Verletzlichkeit des
Organismus nimmt erkennbar zu.
Siehe auch: www.swr.de/blog/1000ant-
worten/antwort/10042/ab-wann-spricht-
die-wissenschaft-von-alter
Aber dann gibt es noch die Annahme,
dass ich einiges tun kann, gesund zu
altern und damit zumindest statis-
tisch mein Leben verlängern kann.
Wenigstens aber mit mehr Gelassen-
heit das Altern anzugehen.
Mentale Aktivität ist notwendig zum
Erhalt der geistigen Leistungsfähig-
keit. Es wurde nachgewiesen, dass
durch geistige Beanspruchung die
typischen Eiweißablagerungen bei
der Alzheimer-Krankheit in Zahl und
Ausdehnung verringert werden. Ver-
haltensstudien zeigten entsprechend
deutlich bessere Gedächtnisleistun-
gen.
Verschiedenste Studien belegen im-
mer wieder, dass Bewegung, Ernäh-
rung, soziale Kontakte pflegen und
geistige Herausforderung annehmen
Einfluss haben auf die Gesundheit im
Alter.
Mit unserer Quasselbude wollen wir
zwei der genannten Aspekte intensiv
abdecken:
• Soziale Kontakte pflegen
• und geistige Herausforderungen
meistern.
Wir wollen soziale Kontakte pfle-
gen, indem wir uns mit verschiede-
nen Menschen treffen und uns im
Gespräch und Umgang miteinander
üben. Wir wollen das Gehirn fordern,
Synapsen bilden und Nervenzellen
miteinander verknüpfen. Das Gehirn
frisch halten. Wir sind überzeugt
davon, dass das am ehesten gelingt,
wenn wir uns auf Neues einlassen,
eigene Vorurteile überprüfen, eigene
Überzeugungen in Frage stellen, uns
komplexen Zusammenhängen stellen,
wenn wir neue Ideen und Vorstellun-
gen und möglicherweise sogar neues
Verhalten entwickeln.
Wie machen wir das? Wie der von
uns gewählte Name Quasselbude
ausdrückt, geht es darum zu reden.
Menschen - es sollten nicht weniger
als drei und nicht mehr als acht sein
- treffen sich. Eine möglichst hetero-
gene Gruppe wäre am hilfreichsten.
Themen sind nicht vorgegeben. Diese
werden von den Menschen, die sich
treffen bestimmt. Ziele gibt es keine.
Natürlich sollen die Grundregeln der
Kommunikation gelten: Einander zu-
hören, sich ausreden lassen etc.
Durch die offene Zusammensetzung
und die aktuelle Wahl des Themas
stellen wir sicher, dass sich die Teil-
nehmer immer wieder mit anderen
Menschen mit immer wieder neuen
Themen beschäftigen müssen. Erfolg
kann die Quasselbude jedoch nur
haben, wenn wir immer wieder aufs
Neue bereit sind, uns auf die anderen
Menschen in der Runde einzulassen,
ihnen offen begegnen und die Chance
nutzen, die Wahrheiten der anderen
anzunehmen und zu entdecken.
All dies erfordert ein hohes Maß an
Authentizität. Und nach dem, was in
den einleitenden Abschnitten steht,
ist die Auseinandersetzung mit der ei-
genen Vergänglichkeit hilfreich, wenn
nicht sogar eine notwendige Voraus-
setzung für Authentizität. Damit ist es
eine Voraussetzung für die Quassel-
bude und jeden der Teilnehmer, sich
mit der eigenen Sterblichkeit und der
Angst vor dem Tod auseinander zu
setzen.
Neben zweier organisatorischer
Treffen hatten wir bereits ein „echtes“
Quasselbuden-Treffen: Es fanden sich
fünf Menschen in den Räumen der
Weinerei zusammen. Es wurden dabei
unterschiedliche Themen behandelt.
Am hitzigsten diskutiert wurde über
Wertschätzung und Missbrauch. Per-
sönlich kam ich tatsächlich an meine
Grenzen, und sogar ein wenig darüber
hinaus. Ich musste meine Einstellun-
gen und Werte überprüfen und mein
eigenes Verhalten in Frage stellen.
Genau das wollen wir erreichen,
denn wir sind überzeugt, dass das die
Herausforderungen sind, die unser
Gehirn beweglich und fit erhält.
Die Quasselbude trifft sich alle zwei
Monate im Rahmen der Zentrifuge.
Die Treffen der Quasselbude stehen
jedem Menschen offen. Eine mög-
lichst heterogene Zusammensetzung
ist wünschenswert. Termine werden
über den Verteiler der Zentrifuge
kommuniziert.
Wir geben gerne unsere Erfahrungen
weiter um dazu beizutragen, dass
weitere Quasselbuden entstehen. Bei
Interesse wenden Sie sich bitte an
Otmar Potjans, E-Mail: otmar@o-potjans.
de.
26 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Versuchen wir die zukünftigen
Entwicklungen in der Pflege vorher-
zusehen, kommen wir wenig über-
raschend zu dem Ergebnis, dass der
Bedarf an Pflege in den kommenden
15 Jahren überproportional wachsen
wird. Weiter können wir erkennen,
dass die Pflege sich wie heute weiter-
hin auf professionelle Einrichtungen
und private Initiative stützen wird.
In beiden Bereichen wird der Bedarf
an Möglichkeiten zur Pflege deutlich
zunehmen. Betrachten wir die de-
mografische Entwicklung im Zusam-
menhang mit privatem Engagement,
können wir davon ausgehen, dass
es eine reale Chance gibt, dass die
Anzahl der privat Pflegenden tatsäch-
lich zunehmen wird. Wichtig ist es
unseres Erachtens, diese Entwicklung
zu fördern. Eine Voraussetzung dafür
ist es, den privat Pflegenden und den
privat zu Pflegenden Sicherheit für
ihr Tun zu geben. Drei wesentliche
Bestandteile, die eine Akademie für
private Pflege, wie wir sie anstreben.
dazu beitragen kann, sind:
• die Unterstützung bei der Entschei-
dungsfindung,
• die individuelle Entwicklung von
Kompetenzen entsprechend den An-
forderungen der privaten Pflege und
• die kontinuierliche Begleitung wäh-
rend der Pflege
Argumente für eine Akademie für
private Pflege
Zwei Drittel der Pflegebedürftigen
werden in den Familien gepflegt.
Die Angehörigen übernehmen eine
gewaltige Aufgabe und entlasten die
Gesellschaft auf unschätzbare Weise.
Gleichzeitig bringen sie ein wichtiges
Maß Menschlichkeit in die Mitte un-
serer Gesellschaft. Angehörige pflegen
wird einfacher, wenn man über die
richtigen Kompetenzen verfügt. Eine
Akademie für private Pflege muss sich
der Aufgabe widmen diese Kompeten-
zen zu vermitteln.
Um dem gerecht zu werden, muss die
Akademie den Raum geben, sich mit
folgenden Inhalten zu beschäftigen:
• Organisatorisches, Raum, Zeit
• Finanzielles
• Rechtliches
• Handwerkliches
• Persönliches
Die Akademie muss dabei stets die
beiden Akteure, den Pflegenden und
den zu Pflegenden einbeziehen und
die Entwicklung im Laufe der Zeit
beachten. Im Folgenden wollen wir
zwei Herausforderungen für die zu
gründende Akademie für private Pfle-
ge herausgreifen:
1. Demografischer Wandel
2. Raum für die Person
Wer braucht Pflege?
Pflegebedürftig sind Menschen, die
wegen einer körperlichen, geistigen
oder seelischen Krankheit oder Behin-
derung im Bereich der Körperpflege,
der Ernährung, der Mobilität und der
hauswirtschaftlichen Versorgung auf
Dauer - voraussichtlich für mindes-
tens sechs Monate - in erheblichem
oder höherem Maße der Hilfe bedür-
fen.
www.bmg.bund.de/themen/pflege/pflege-
beduerftigkeit/pflegebeduerftigkeit.html
2013 hatten wir noch 2,6 Millionen
Pflegebedürftige, 2030 werden es 3,5
Millionen sein. Die für diese Entwick-
lung verantwortlichen Faktoren sind
hinlänglich bekannt:
die geburtenstarken Jahrgänge kom-
men in ein Alter, in dem die Bedürf-
tigkeit zunimmt,
wir werden älter
und die Statistik würde noch drama-
tischer aussehen, wenn wir im Alter
nicht gesünder wären als noch vor
wenigen Jahren.
Diese Zahlen wirken bedrohlich und
sind geeignet uns in hohem Maße
zu verunsichern. In zweierlei Hin-
sicht wird die Verunsicherung in
der öffentlichen Diskussion weiter
geschürt:
1. das individuelle Risiko selbst Pfle-
ge-“Fall“ zu werden und
2. die gesellschaftliche Last, die es zu
tragen gilt.
Der Nährboden für die Angst bezüg-
lich des individuellen Risikos wird ge-
speist vom Bild des pflegebedürftigen
Menschen, der in einem Pflegeheim
in seinem Bett liegend dem Treiben
um und mit sich willenlos ausgesetzt
ist. In unserer von Leistung geprägten
Gesellschaft ist das eine grausame
Vorstellung. Denken wir auch an die
Vorbetrachtungen dieses Kapitels.
Die gängigen Theorien wollen uns
glauben machen, dass die gefühlte
Autonomie eine zentrale Rolle für un-
ser Wohlbefinden spielt. Interessan-
terweise gibt es etliche Untersuchun-
gen, die belegen, dass sich Menschen
in höherem Alter wieder glücklicher
fühlen. Vielleicht hängt die gefühlte
Autonomie gar nicht davon ab, ob
man selbstständig aufstehen kann.
Vielleicht ist es ja in Ordnung, wenn
man sich in den Rollstuhl helfen
lässt und wenn man gepflegt wird.
Vielleicht sollten wir unser Bild von
Autonomie überprüfen. In jedem Fall
müssen wir unser Bild von Pflege-
bedürftigkeit genauer betrachten …
Die Akademie für private Pflege
Idee: Otmar Potjans, Günther Heil
Text: Otmar Potjans
Eine neue Qualität des Umgangs miteinander
27Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
vielleicht haben es die Menschen ja
verdient, gepflegt zu werden.
Der zweite Grund für unsere Verunsi-
cherung wird mit den oben genannten
dramatischen Zahlen bezüglich der
Zunahme des Pflegebedarfs genährt.
Schauen wir ins Jahr 2030: Knapp 30%
mehr Menschen, die der Pflege bedür-
fen, also 900 tausend Menschen mehr
zu pflegen. Wer soll das leisten?
Ein paar Zahlen relativieren dann die
Gründe für Verunsicherung und die
Angst, der Pflegebedarf könnte uns
überfordern. Im sechsten Altenbericht
der Bundesregierung steht dazu der
folgende Absatz:
„In Deutschland waren im Jahr 2007 etwa
2,25 Millionen Menschen pflegebedürftig
im Sinne des Pflegeversicherungsrechtes
(Statistisches Bundesamt 2008). Die Zahl
der darüber hinaus auf regelmäßige Hilfe
angewiesenen Personen beträgt hoch-
gerechnet etwa 4,5 Millionen Menschen
(Schneekloth und Wahl 2005). Dies hört
sich nach viel an, dementsprechend wird
das (höhere) Alter oftmals mit Pflegebe-
dürftigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich tritt
das Risiko der Pflegebedürftigkeit jedoch
erst im hohen Alter verstärkt auf: Wäh-
rend weniger als zwei Prozent der 60- bis
70-Jährigen Leistungen der Pflegeversi-
cherung erhalten, sind es bei den 70- bis
75-Jährigen fünf Prozent, bei den über
90-Jährigen 61 Prozent. Das durchschnitt-
liche Eintrittsalter ins Pflegeheim liegt
bei 82,5 Jahren. 55,9 Prozent der älteren
Menschen beziehen vor ihrem Tode keine
Pflegeleistungen (59,1 Prozent der Männer
und 49,3 Prozent der Frauen) (Rothgang u.
a. 2008).“
Wer pflegt?
Bezeichnend ist eine Aussage von
Hermann Gröhe, Bundesminister für
Gesundheit (Pflegen zu Hause, Ratge-
ber für die häusliche Pflege), derzufol-
ge rund zwei Drittel der Pflegebedürf-
tigen von ihren Angehörigen zu Hause
gepflegt werden.
www.bundesgesundheitsministerium.de
Ehrenamt wird wichtiger
Bei der Betrachtung dieser Zahlen
liegt auf der Hand, dass die Zahl der
Pflegebedürftigen stetig und stark
steigen wird – einfach, weil es mehr
alte Menschen geben wird. Wird die-
ser Entwicklung eine häusliche Pflege,
wie wir sie heute kennen, standhalten
können? Betrachtet man die Entwick-
lung der Altersstruktur und die Ten-
denzen, die im Bereich des privaten
Engagements zu beobachten sind, ist
anzunehmen, dass die Anzahl derer,
die sich persönlich im Bereich der
Pflege engagieren, in einem ähnlichen
Verhältnis wächst, wie der Bedarf in
der privaten Pflege. So wie es mehr
Ältere gibt, wird es mehr Ältere
geben, die sich in der Pflege engagie-
ren. Manuel Slupina schreibt in dem
BBE-Newsletter 08/2014 über ehren-
amtliches Engagement im demografi-
schen Wandel:
„Zwischen 1999 und 2009 stieg die En-
gagementquote der 65- bis 69-Jährigen
von 29 auf 37 Prozent an, jene der über
70-Jährigen von 20 auf 25 Prozent.
Zwar hat der überwiegende Teil der
im Alter Engagierten seine freiwillige
Tätigkeit schon vor Renteneintritt
ausgeübt, doch nimmt inzwischen
auch die Zahl derer zu, die sich im
höheren Alter erstmals für die Allge-
meinheit engagieren. Auch weitere
Gründe sprechen für ein steigendes
Engagement Älterer. In den kommen-
den Jahren werden immer größere
Jahrgänge von immer besser ausgebil-
deten Menschen in Rente gehen. Viele
von ihnen werden gesund, aktiv und
vergleichsweise wohlhabend älter.
Vor allem das Gefühl, im Kleinen die
Gesellschaft mitzugestalten, ge-
braucht zu werden und eine Aufgabe
zu haben, bestätigt Ältere in ihrem
Engagement. Schon jetzt ist der Anteil
älterer Menschen im Ehrenamt beson-
ders hoch. Der Anteil der Menschen
über 60 Jahre, die ehrenamtlich tätig
sind oder sich gern engagieren wollen,
ist einer der am stärksten wachsen-
den der Gesellschaft. Mehr als jeder
Dritte dieser Altersgruppe ist bereits
aktiv, besagt der Zweite Freiwilligen-
survey der Bundesregierung.“
Alterssurvey Schwerpunkt
„Tätigkeiten und Engagement“
Gesundheit, materielle Absicherung
und vor allem Bildungsniveau sind
eng verbunden mit der gesellschaft-
lichen Partizipation der Älteren (z.B.
im ehrenamtlichen Engagement).
Bisher wies jede jüngere Generation
von Älteren ein höheres Ausbildungs-
niveau, eine bessere Gesundheit und
eine bessere materielle Absicherung
auf als ihre Vorgänger. Sie verfügte
also über mehr Ressourcen für Akti-
vität. Daher kann insgesamt auch mit
einer stärkeren Beteiligung gerechnet
werden. Zugleich ist zu erwarten,
dass sich der Anspruch auf sinnvolle
28 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
Tätigkeiten erhöht. Insofern kann
man in diesen Bereichen der Zukunft
durchaus optimistisch entgegense-
hen.
Alter schafft Neues, Bundesministeri-
um für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend 11018, Berlin www.bmfsfj.de
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/
Abteilung3/Pdf-Anlagen/kapitel5.9-taetig-
keiten-und-engagement,property=pdf,be-
reich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
Kurz, die zu Pflegenden werden älter
und mehr, auch die privat Pflegenden
werden älter und ebenfalls mehr. Die
Herausforderungen für die private
Pflege werden sich also stark verän-
dern.
Die Arbeit einer Akademie der
privaten Pflege
Die älteren pflegenden Menschen
stehen nicht mehr im Beruf, die
Doppelbelastung fällt weg, dagegen
steht eine möglicherweise geringere
körperliche Leistungsfähigkeit. Der
mentale Abstand zwischen den Pfle-
genden und Gepflegten wird geringer
sein, das lässt auf besseres Verstehen
zwischen den beiden Gruppen hoffen.
Dem gegenüber steht möglicherweise
eine geringere Flexibilität der Pflegen-
den.
Die privat Pflegenden werden älter,
die eigene Nähe zum Tod ist stärker
spürbar. Verluste werden anders
wahrgenommen. Die Sinnfindung
nach einem möglichen endgültigen
Abschied von dem zu Pflegenden
wird möglicherweise schwieriger. Die
Frage, die eine Akademie der priva-
ten Pflege beantworten muss, wird
sein, wie ich mit „Alten“ Pflegenden
umgehe. Haben alte Pflegende andere
Bedürfnisse als Jüngere?
Persönliche Reflektion für eine
erfüllende private Pflege
Die Frage nach den Bedürfnissen
älterer Pflegender spielt eine wich-
tige Rolle bei der Betrachtung des
Raumes, den die Akademie eröffnen
muss. Die Arbeit in diesem, Raum, der
sich der persönlichen Kompetenzen
der Teilnehmer annimmt, beginnt
schon, bevor der Pflegende die Pflege
übernimmt. Es gilt, den Pflegenden
ebenso wie den zu Pflegenden in
ihrer Entscheidung zu begleiten, ob
eine private Pflege stattfinden soll
oder nicht. Beide müssen sich das
zutrauen. Es gilt Fragen der Motive
zu klären, Konflikte - intrapersonelle
ebenso wie interpersonelle - müssen
entdeckt und geklärt werden.
Auch geht es bei solchen Fragestellun-
gen um die Auseinandersetzung mit
den eigenen Emotionen und Grenzen.
Wir müssen uns mit Themen wie
Abschied, Schmerzen und Aggres-
sivität beschäftigen. Nach dem, was
wir bislang über die Aufgabenstellung
einer möglichen Akademie für private
Pflege wissen,, ist ein zentraler Inhalt
die Auseinandersetzung mit der eige-
nen Sterblichkeit. Es gilt, Bereiche wie
Ethik und Werte zu integrieren.
Der Raum für persönliche Arbeit
Im Raum für persönliche Arbeit
streben wir einen methodisch entwi-
ckelten Austausch zwischen Angehö-
rigen an. Dabei möchten wir gezielt
Lernprozesse und einen praxisorien-
tierten Wissenstransfer etablieren:
Die Erfahrungen von Pflegenden,
die bereits den Verlust von geliebten
Menschen erlebt haben, spielen dabei
ebenso eine Rolle wie die Anbindung
von Peergroups oder moderierte
Netzwerke.
Von großer Bedeutung wird es sein,
Pflegenden und zu Pflegenden den
Kontakt untereinander zu ermögli-
chen,. Es geht darum, mit der Welt
des anderen in Kontakt zu treten, die-
se anzunehmen und Verständnis für
andere Perspektiven und Erfahrungen
zu entwickeln - die Botschaften aus
der Welt des anderen zu empfangen,
wertzuschätzen und zu verstehen.
Die Arbeit im Raum für persönliche
Arbeit ist durch die Prinzipien des
Dialogs geprägt. Neugier und das Wis-
sen um die eigene Subjektivität sind
dabei sehr hilfreich. Der ästhetische
Prozess, wie er von Zentrifuge entwi-
ckelt wurde, wäre prädestiniert für
diese Arbeit. Sinnvoll wäre es in vie-
len Fällen, von verbalen Auseinander-
setzungen abzusehen und stattdessen
kreative und konstruktive Methoden
wie Malen, Tanzen, Schreiben oder
Theater anzuwenden. Gerade mit den
Möglichkeiten des Improvisations-
theaters lassen sich aktuelle Themen
hervorragend in Szene setzen und
bearbeiten.
Das Ziel, das wir
mit einer Akademie für private Pflege
Arbeit verfolgen ist es, die Authentizi-
tät beider, der Pflegenden und der zu
Pflegenden zu fördern. Wir möchten
die Menschen dabei unterstützen,
eigene Motive zu entdecken und für
eigene Interessen einzutreten – an-
dere Menschen in ihrer Empfindsam-
keit wahrzunehmen ... als Menschen
mit Bedürfnissen und Ängsten. Die
Akademie für private Pflege will dazu
befähigen, Menschen unabhängig von
ihren Handlungen – allein von ihrem
Dasein als lebende Wesen her - wert-
zuschätzen.
Diese Haltung erachten wir als grund-
legend für eine für alle Beteiligten
erfüllende Pflege. Eine solch Pflege
könnte es ermöglichen, das Stigma,
dass Bedürftigkeit bedeutet – nämlich
Autonomie, Wirksamkeit und soziale
Kontakte zu verlieren – zu überwin-
den und aufzulösen.
In den nächsten Monaten wird die
Zentrifuge gemeinsam mit der Ge-
meinnützigen Gesellschaft für soziale
Dienste (GGSD mbH) das Konzept
für eine Akademie für private Pflege
ausarbeiten und die Möglichkeiten
einer Implementierung bzw. Umset-
zung eruieren. Interessenten wenden
sich bitte an Otmar Potjans, E-Mail:
otmar@o-potjans.de oder Günther Heil,
E-Mail: kontakt@guenther-heil.de
Gruppenübung aus dem Workshop
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Forschende Kunst; Perspektiven des Alterns

  • 1. Dokumentation | Ein Projekt der Schutzgebühr: € 15,– Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns
  • 2. Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Unser Leiden ist ein Signal nichtgelebten Lebens. Heilung besteht darin, das nichtgelebte Leben zu erkennen – und zu leben. Zur Überwindung unserer eingefleischten Schranken, unserer Angst und Müdigkeit, unserer allzu häuslichen Humanität und unserer alternativen Schrebergärten bedarf es eines experimentellen Milieus, wo solche Überwindung verstanden und gewollt wird. Dieter Duhm, Aufbruch zur neuen Kultur, 2011 www.towards-a-new-culture.org/de »
  • 3. 3Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Die Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD) ist eine Bildungs- trägergesellschaft mit Angeboten in den Bereichen Pflege, Gesundheit und Soziales. Sie betreibt – begrenzt auf den Freistaat Bayern – staatlich aner- kannte Fachschulen, Berufsfachschulen und Fachakademien und bieten ein umfangreiches Spektrum an Fort- und Weiterbildungen. Die Bandbreite der Bildungsangebote reicht von der Helferausbildung bis hin zu akademischen Abschlüssen. Auf Grund der Zertifizierung der GGSD-Schulen nach BQM (Bil- dungsqualitätsmanagement) sind viele Bildungsangebote der GGSD durch die Arbeitsagentur förderbar (AZWV/AZAV). Die GGSD-Standorte München und Nürnberg sind Studienzentren der Ham- burger Fern-Hochschule (HFH) für den Bereich Gesundheit und Pflege und bieten die Möglichkeit des berufsbegleitenden Fernstudiums – bei entspre- chender Vorbildung auch ohne Abitur. Die Hamburger Fern-Hochschule (HFH) ist die größte Fernhochschule Deutschlands in privater Trägerschaft und hat mit ihrer staatlichen Anerkennung die gleichen Kompetenzen wie staatliche Hochschulen. Hospiz Akademie der GGSD Kompetenzzentrum Palliative Care und Hospizkultur Unter dem Dach der Hauptverwaltung der GGSD bietet die Hospiz Akademie ein umfangreiches Programm zur Fort- und Weiterbildung und Organisations- entwicklung rund um Palliative Care an verschiedenen Standorten in Bayern und als Inhouse-Kurse und Projekte. Inhalt Editorial M. Schels Seite 4 Das Alter ist anders! G. Heil Seite 6 Jeder möchte lange leben ... Prof. F. Adloff, L. Pfaller Seite 8 Angela von Randow: Variationen über den Würfel Seite 10 Vom Klatschen über Kaffeetrinken ... U. Weber Seite 12 Projektideen I: Seite 18   – Lebensprojekt Zentrifuge (M. Schels) Seite 19   – Urban Gardening Café (J. Bauer) Seite 21 Barbara Kastura: Der Goldene SchRitt Seite 22 Projektideen II:   – Wie der Sinn ins Alter kommt (O. Potjans) Seite 00   – Akademie für private Pflege (G. Heil / O. Potjans) Seite 24   – Lebensspanne (J.H. Bauer / M. Schels) Seite 29 Uwe Weber: Traumrinde Seite 30 Essay: Wie man alt wird J.H. Bauer Seite 31 Marcela Salas: Mythomanien Seite 40 Teilnehmer Seite 42 Anhang: Protokolle M. Schels Seite 44 Impressum Seite 50
  • 4. 4 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns „Forschende Kunst“ ist ein Projekt der Zentrifuge, das grenzüberschreiten- de, interdisziplinäre und ästhetisch grundierte Austauschprozesse einübt und damit einen Beitrag leistet, um Wirklichkeit auf neue Weise verste- hen zu lernen und zu gestalten. Mit Partnern aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft arbeitet die Zentrifuge über einen längeren Zeitraum heraus, wie Neues mit Hilfe der Kunst in die Welt kommt und in dieser wirksam wird. Forschende Kunst 1 („umwelten“) wurde 2013 durch das Kulturreferat Nürnberg gefördert. Forschende Kunst 2 („Musik und Klang“) wurde 2014 im Rahmen des Förderprojekts „Ideen. innovativ.kreativ“ durch das Wirt- schaftsreferat Nürnberg unterstützt. Forschende Kunst 3 („Perspektiven des Alterns“) wurde 2015 mit einer Förderung durch die GGSD – Ge­ meinnützige Gesellschaft für Sozi- ale Dienste mbH, Nürnberg, voran gebracht. Alle Phasen des Projekts sind unter www.forschende-kunst.de dokumentiert. Die vorliegende Dokumentation zu „Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns“ ist das Ergebnis eines über mehrere Monate laufenden Aus- tausch-Prozesses zum Thema „Per- spektiven des Alterns“, der im Kern drei Workshoptage beinhaltete, die im zwei- bis dreiwöchigen Abstand statt- fanden (siehe Protokolle im Anhang). Wir konnten für Forschende Kunst 3 erneut einen interdisziplinären Teil- nehmerkreis gewinnen, wobei auch hier entsprechend unseres ästhetisch geprägten Weltverständnisses die Kunst wieder elementar eingebunden war. Die künstlerische Begleitung erfolgte diesmal durch Uwe Weber im Bereich der Darstellenden Kunst. Erstmals haben wir bei Forschende Kunst neben den künstlerischen auch fachliche Impulse eingebunden, was insofern nahe lag, als Jörg H. Bauer das Thema „Perspektiven des Alterns“ für die dritte Phase von Forschende Kunst initiierte und während der drei Workshoptage als Experte für Live Span Forschung neueste Forschungs- ergebnisse zum Thema präsentierte. In den Protokollen am Ende dieser Dokumentation kann nachgelesen werden, wie der Austauschprozess vonstatten ging, welche Themen wir bearbeiteten und welche Aktivitäten und Ergebnisse wir wie entwickelten. Die Dokumentation kann somit auch wie ein kleines Handbuch gelesen werden zur Umsetzung interdiszi- plinärer Austausch- und Entwick- lungsprozesse auf der Suche nach gemeinsam ermöglichten Perspektiv- wechseln und Einsichten in ungeahn- te Zusammenhänge und Fügungen. Apropos Zusammenhänge und Fü- gungen: Besonders freut und ehrt uns, dass wir Prof. Frank Adloff und Laris- sa Pfaller vom Institut für Soziologie an der FAU Erlangen-Nürnberg für einen Gastbeitrag gewinnen konnten. Die Bereitschaft zweier renommierter Geisteswissenschaftler, bei dieser Dokumentation mitzuwirken, erfah- ren wir als große Anerkennung und Bereicherung unserer Arbeit. Das Titelmotiv zu dieser Ausgabe stammt von Barbara Kastura. Die „Ghadsos“ sind Wesen, die sich dem Lebensfluss hingeben und durch ebendiese Hingabe einen unermess- lichen inneren Reichtum entfalten – sie verkörpern die „Perspektiven des Alterns“ auf ganz eigene, ästhe- tisch-praktische Weise. Der von der Zentrifuge entwickelte ästhetische Prozess hat bei Forschen- de Kunst 3 erneut eine Weiterent- wicklung erfahren – so konnten wir unseren Methodenpool festigen und ausbauen, unser Verständnis des ästhetischen Prozesses vertiefen. Wir freuen uns, den ästhetischen Prozess verstärkt bei interdisziplinären Aus- tausch- und Entwicklungsprozessen einbringen zu können. Herzlichen Dank an Otmar Potjans, der Forschen- de Kunst erneut beratend und mode- rierend begleitete. Die Zentrifuge ist als Kreativplattform mit über 500 Community Mitgliedern und als ästhetisches Labor mittler- weile in der Lage, Innovationsprozes- se und Entwicklungsprojekte in ver- schiedensten Anwendungsbereichen zu initiieren, durchzuführen und zu dokumentieren – sei dies in Projekten, Organisationen oder Unternehmen. Der ästhetische Prozess ist dabei unser zentraler methodischer Ansatz, bei dem wir künstlerische Perspek- tiven grundlegend einbinden. Kunst ist für uns kein bloßes Dekorum, sondern unerlässlicher Bestandteil der Auseinandersetzung mit unse- rem Selbst und unserer Umgebung, mit dem Eigenen und dem Fremden, mit unterschiedlichsten Menschen und deren Arbeits- und Lebenswel- ten. Kunst regt im Kern dazu an, sich auf andere, ungewohnte und ebenso tiefgehende wie weitreichende Weise auszutauschen, neue Perspektiven zu erproben und neue Wege zu wagen. Wir danken neben Uwe Weber, der Forschende Kunst 3 mit Theaterarbeit bereicherte und so neue Erfahrungen und Gedanken ermöglichte, unseren beteiligten Künstlerinnen Barbara Kastura, Marcela Salas und Angela von Randow. Sie waren nicht nur per- sönlich bei den Workshops involviert, sie stellten zur Visualisierung dieser Dokumentation ausgewählte künstle- rische Motive zur Verfügung – im bes- ten Sinne interdisziplinär verstanden und stark korrespondierend mit dem ästhetischen Prozess und den dabei verhandelten Inhalten. Herzlichen Dank auch an unseren Grafiker Robert Schlund, der dem Projekt Forschende Kunst und der Zentrifuge schon lange als Weggefährte sehr verbunden ist. Ich wünsche Ihnen viel Spaß, Er- kenntnis und Anregung mit die- ser Dokumentation – alle Beiträge können unabhängig voneinander gelesen werden und sorgen durch ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Schreibstile für Abwechslung. Als lebendiger Ausdruck interdiszi- plinären Arbeitens beschreibt diese Text: Michael Schels Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns über Ihr Interesse an „Forschende Kunst“.
  • 5. 5Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Dokumentation keinen abgeschlos- senen Prozess, sondern deutet auf etwas hin, was uns schon lange und weiterhin und zunehmend in größe- ren Zusammenhängen beschäftigt. Wir verstehen unser Engagement für die und in der Zentrifuge als ein Erkunden unentdeckter Lebensflüsse und damit auch als gelebte Nachhal- tigkeit. Lassen Sie sich also nachhal- tig von Forschende Kunst und von den in dieser Ausgabe verhandelten Inhalten und Projektideen anregen und inspirieren. Kommen Sie gern auf uns zu, wenn Sie an offenen Entwicklungsprozes- sen arbeiten und dabei zentrifugale Impulse und Perspektiven zur Erkun- dung von Lebensflüssen erfahren und integrieren möchten. Herzliche Grüße Ihr Michael Schels Nürnberg, August 2015 www.forschende-kunst.de www.zentrifuge-nuernberg.de Bauchzeichnung von Robert Schlund – v003 „Neugierde“, Kohle, 2012
  • 6. 6 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns PROLOG In unserem Mietshaus haben die Seni- oren langsam und unbemerkt die Vor- herrschaft übernommen. Von sechs Parteien sind nun bereits vier im Rentenalter angekommen: Der noch selbstständige Steuerberater ist froh, dass er seine Kanzlei im Hochparter- re hat, weil er kaum noch Treppen steigen kann. Schon die tägliche Post vom Briefkasten zu holen, scheint für ihn eine große Herausforderung zu sein. Daneben wohnt ein nettes Paar, das vor über zwanzig Jahren mit drei Kindern aus Russland übergesiedelt ist. Die Ehefrau des jetzigen Früh- rentners muss allerdings noch putzen gehen, weil sonst die Rente der beiden nicht ausreicht. Da meine Frau und ich beide berufstätig sind, nimmt er gelegentlich unsere Paketlieferungen an, was ihn nicht allzu sehr stört. Das alte Pärchen neben uns in der ersten Etage bekommt mittlerweile häufi- ger Besuch vom Notarzt als von der eigenen Tochter. Und der ehemalige Handwerker mit seiner Frau über uns läuft trotz Ruhestand am liebsten im Blaumann durchs Haus und kümmert sich um die anfallenden Reparaturen. All ihre Kinder haben schon längst das Elternhaus verlassen und woh- nen alle nicht mehr in der näheren Umgebung. Meist sind die mit dem „Flügge“-Werden in die größeren Städ- te der Metropolregion gezogen und besuchen das „empty nest“ und die eigenen Eltern nur noch an Sonn- und Geburtstagen. Oder um die Enkelkin- der über Nacht und in den Ferien dort „abzuladen“. Unser Kleiner ist nun seit knapp zehn Jahren auf der Welt und hat mittlerweile wieder etwas Leben ins Haus gebracht – nicht immer zu aller Wohlgefallen, denn einige hatten sich schon an die schönen Zeiten der Stille (ohne Babygeschrei oder knallen- de Türen) gewöhnt. Genau in dem Moment, als wir den Kinderwagen entsorgten, hat der nagelneue Rollator unserer Nachbarin seinen Stellplatz im Keller übernommen. Unser Sohn war jahrelang das einzige Kind bei zwölf Erwachsenen, bis im vergan- genen Jahr ein spanischer Fachar- beiter mit Frau und zwei Kindern im Teenageralter die größere Wohnung im Dachgeschoss bezogen hat. Nicht die Lage war für ihn entscheidend, sondern der Preis. Die Wohnung stand bereits ein Jahr leer, obwohl die Miete, seit wir hier wohnen, nicht mehr er- höht worden ist. Dabei ist unser Haus erst 20 Jahre alt. Aber eine Studiowoh- nung im zweiten Stock ohne Aufzug ist definitiv nicht der ideale Ruhesitz für Senioren. Die fränkische Kleinstadt, in der unser Mietshaus steht, stagniert seit Jahren bei ca. 6.000 Einwohnern und trägt ihren Namen durchaus zurecht. Die neueren Gewerbe- und Sied- lungsgebiete an den Randgebieten haben zwar für ein Flächenwachstum gesorgt, jedoch leidet die Kernstadt seitdem an einem Leerstand bei den Geschäften und Wohnungen. Für die älteren Einwohner ist es ein ordent- licher Fußmarsch, um sich bei den Discountern am Stadtrand zumin- dest mit Grundnahrungsmitteln wie z.B. Nudeln, Mehl und Obst zu versorgen. Es befinden sich zwar noch zwei Metzgereien, ein Bäcker und ein Getränkemarkt in der Altstadt, die kämpfen aber ums Überleben, weil ALDI und NORMA am Ortseingang all das auch im Angebot haben – und das zu wesentlich günstigeren Preisen. Das Alter ist anders! Von Günther Heil
  • 7. 7Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Ach ja, und zwei Schnellimbisse bieten auch noch ihre Produkte an – wahlweise Pizza oder Döner. Die Altstadtbewohner sind dort selte- ner anzutreffen, eher die Jungs vom ansässigen Knabeninternat oder gestresste Eltern, die nach einem lan- gen Arbeitstag einfach nur satte und zufriedene Kinder haben wollen. Mit viel Geld und großem Aufwand wird nun versucht, den Ortskern wiederzu- beleben. Alte Fachwerkhäuser werden restauriert, um attraktive Ladenge- schäfte vermieten zu können. Doch unsere Nachbarin meint, dass sie mit ihrem Rollator nur schwer über das traditionelle Kopfsteinpflaster kommt. Das Altenheim, das seit 15 Jahren zum Stadtbild gehört, ist neben den angesiedelten Industrie- und Handwerksunternehmen zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden und versorgt auch gleich den Kindergar- ten mit Essen. Ihm und der alternden Bevölkerung ist es zu verdanken, dass vor einigen Jahren eine zweite Apo- theke eröffnen konnte und sich über wachsende Umsätze freut. Auch die drei Allgemeinarztpraxen können sich nicht über mangelnde Kundschaft beschweren. Wir ziehen nun bald hier weg: Endlich haben wir unser eigenes Reihenhaus im „Speckgürtel“ von Nürnberg gefun- den. Der Kleine hat dort alle weiter- führenden Schulen und ich nur noch einen Bruchteil des Arbeitsweges. Die Kaufpreise für Immobilien sind zurzeit zwar unverschämt, wegen der geringen Zinsen könnten wir unser Reihenhaus aber bis zu unserer Rente in einem Vierteljahrhundert abbe- zahlt haben. Wobei – das Eintrittsalter dürfte bis dahin sowieso schon bei weit über 70 Jahren liegen. Das Häuschen, das wir uns ausge- sucht haben, hat bereits einen eben­ erdigen Zugang und einen kleinen Garten. Aber auch Geschäfte, Ärzte und eine Apotheke befinden sich in unmittelbarer Nähe. Das Häuschen reicht gerade mal so für uns drei, aber kann dann hoffentlich im Alter noch von uns alleine in Schuss gehalten werden. Dort wollen wir bis zum Schluss bleiben – und darüber hinaus. Der Friedhof ist nur einen Katzen- sprung entfernt. Die Entwicklung zum „Alterspilz“ Eigentlich haben wir keine „Über- alterung“ der Gesellschaft, sondern eine „Unterjüngung“! Die steigende Lebenserwartung durch den medizi- nischen und ökologischen Fortschritt leistet zwar einen Beitrag, dass die Alterspyramide immer höher wird. Dass die Form aber mittlerweile eher einem Pilz gleicht, hat andere Ursa- chen. Denn mit dem „Pillenknick“ in den 60er und 70er Jahren sind in den Industrienationen schlagartig die Geburtenraten und damit auch die Wachstumssalden gesunken. Hätte es keine Zuwanderung durch Gastar- beiter und Spätaussiedler gegeben, wäre Deutschland schon längst geschrumpft und noch älter. Während die Generation der Babyboomer in den Nachkriegsjahren noch zahlreich zur Welt gekommen ist, wälzt sich diese Kohorte nun langsam ins Renten- und Pflegebedürftigkeitsalter. Im Gegen- zug bekommt in Deutschland derzeit jede Frau nur noch ca. 1,4 Kinder, wohingegen für eine Konsolidierung der Bevölkerungszahlen mindestens 2,1 Kinder notwendig wären. Dieser Effekt potenziert sich zudem, da die ersten „Nichtgeborenen“ der 70er und 80er nun auch keine Kinder bekommen haben. Dadurch „dünnt“ der Pilz nach unten hin immer mehr aus. In der Folge stehen immer mehr Senioren immer weniger Jüngeren gegenüber. Während der „Altersquo- tient“ laut Statistischem Bundesamt, also das Verhältnis von potenziellen Rentenempfängern zu potenziellen Beitragszahlern, derzeit noch ca. 1:3 beträgt, wird er bis 2050 auf ca. 2:3 steigen. Diese ausschließlich quanti- tativen Betrachtungen – so nüchtern oder beängstigend sie auch sein mö- gen – geben aber keinerlei Auskunft darüber, wie sich das soziale Gebilde in Zukunft ausformt. Sie sagen nichts darüber aus, wie sich eine Gesell- schaft und ihre Merkmale verändern. Ein paar Phänomene sind aber heute bereits deutlich erkennbar. Entberuflichung des Alters Mit einer höheren Lebenserwartung wächst natürlich auch die Lebens- spanne nach der Erwerbstätigkeit. Ein älterer Mensch kann sich auf einen Zeitraum von ca. 20 Jahren „Ruhestand“ bei relativ guter Ge- sundheit freuen. Welche Potenziale sich dadurch ergeben, lässt sich derzeit nur erahnen. „Ehrenamt“ und „freiwilliges Engagement“ sind mehr denn je für die Älteren ein wichtiges Thema. Da die eigenen Kinder und Kindeskinder oft nicht in räumlicher Nähe leben, entsteht wachsende Un- terstützungsbereitschaft außerhalb der Familie, z.B. als Hospizbegleiter oder als Seniorenberater, die junge Existenzgründer kostenlos in der Startphase unterstützen. Da nicht alle Rentner sich freiwillig im Sinne des Gemeinwohls engagieren, gibt es erste Politikerstimmen, die fordern, den Wehr- und Zivildienst dauerhaft abzuschaffen und stattdessen ein soziales Pflichtjahr für Ruheständler einzuführen. Für viele wird das aus wirtschaftlicher Sicht möglicherweise sogar zu einer Notwendigkeit. Altersarmut und Altersarbeit Durch eine Rentenentwicklung, die nicht mit der Inflationsrate mithalten kann, sind die Realrenten in Zukunft immer weniger wert. Insbesondere für Beschäftigte im Niedriglohn- bereich oder für Frauen mit langen Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäf- tigung wird das Rentenniveau immer weniger ausreichen, um den bisheri- gen Lebensstandard zu erhalten. Die Bundesregierung hat bereits weitere Absenkungen des Rentenniveaus angekündigt. Im Gegenzug sind aber auch Regelungen getroffen worden, die – zumindest zeitweise – Zuver- dienstmöglichkeiten erlauben. So wurde mit dem Bundesfreiwilligen- dienst keine Altersgrenze nach oben gesetzt. Bis zu 24 Monate kann ein Se- nior sich nun als „Bufdi“ engagieren, während er ein „Taschengeld“ erhält und seine Sozialversicherungsbeiträ- ge von der Einsatzstelle weiterbezahlt werden. Darüber hinaus wurde im vergange- nen Jahr die „Übungsleiterpauschale“ auf 200,- € monatlich bzw. 2.400,- € jährlich erhöht, damit freiwillige Unterstützung in Vereinen oder für gemeinnützige Organisationen auf- wandsentschädigt werden kann. Dies gilt für alle unterrichtenden, betreu- enden oder pflegenden Tätigkeiten – steuerfrei und ohne Sozialversiche- rungspflicht. Singularisierung des Alters Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten viele Soldaten nicht zu ihren Familien zurück und es gab über viele Jahr- zehnte einen deutlichen Frauenüber- schuss in Deutschland. Kriegswitwen waren gezwungenermaßen allein- stehend. Zudem wurden und werden Frauen immer noch durchschnittlich älter und „überleben“ ihre Männer häufig aufgrund ihres gesünderen Lebensstils und ihres ausgeprägteren Gesundheitsbewusstseins. Dieses Phänomen ändert sich aber zuse- hends, weil sich das Gesundheits- verhalten von Mann und Frau z.B. im Bezug auf Rauchen und Alkohol- konsum immer mehr angleichen. Die Lebensverhältnisse haben sich in den letzten Jahren aber auch deutlich verändert: vom „erzwungenen“ zum „freiwilligen“ Alleinsein. Ehepaare lassen sich heute deutlich häufiger scheiden, wenn Kinder als „gemeinsa- me Aufgabe“ wegfallen. Die finanzi- elle Abhängigkeit von verheirateten Frauen und das gesellschaftliche Stig- ma von geschiedenen Frauen existiert nicht mehr so wie noch eine Genera- tion zuvor. Später traut sich nur jede zweite geschiedene Person nochmals zu heiraten, wodurch immer mehr Menschen das Alter als Single erleben werden. Wohnungsbauunternehmen haben dies mittlerweile erkannt und bauen kleinere Wohneinheiten und sogar „Single-Häuser“. Und in Universitätsstädten gibt es Initia- tiven, die alleinstehende Senioren und junge Studierende zusammen bringt, um Wohnraum und die damit verbundenen Aufgaben zu teilen. Wir können aber damit rechnen, dass sich die „Alt-68er“ bald neue Formen des Zusammenseins im Alter überlegen
  • 8. 8 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns werden. Senioren-WGs und Mehr- generationenhäuser sind auf dem Vormarsch. Individualisierte Lebensstile Während es in früheren Generationen bestimmte, tradierte Lebensentwürfe und Konventionen für Senioren gab, die daraus bestanden, sich über- wiegend bei der „Brutpflege“ inner- halb der Familie zu beteiligen, sich weiterhin im landwirtschaftlichen Familienbetrieb zu engagieren oder am Vereinsleben mitzuwirken, hat sich dies deutlich verändert. Die Le- bensentwürfe über die Erwerbsphase hinaus sind äußerst unterschiedlich geworden, da sich das „Alter“ als Da- seinszustand wesentlich heterogener darstellt. Vom 65-jährigen, rüstigen „Frühsenior“ bis zum 90-jährigen Demenzkranken, vom betuchten „Re- sidenz-Bewohner“ zum Sozialhilfe- empfänger im Pflegeheim-Doppelzim- mer. Die Lebensstile werden durch viele Variablen determiniert, wie den Gesundheitszustand, die finanzielle Situation, die soziale Einbettung und den Bildungsstatus. Im Entwicklungs- verlauf eines Menschen ist die Phase zwischen 65 und 85 diejenige, in der die größte Heterogenität herrscht, aus der nur eine klare Gesetzmäßigkeit erkennbar ist: „Das Alter ist anders!“ So kann die Verwirklichung im Eh- renamt genauso Zielsetzung sein wie ein Seniorenstudium an der Uni oder die Weltumrundung mit Kreuzfahrt- schiffen. Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit Die gute Nachricht: Erst ab dem 80. Lebensjahr steigt das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Die schlechte Nachricht: Das Risiko steigt dann ex- ponentiell. Denn mit zunehmendem Alter geht die Gebrechlichkeit einher, die sich aus mehreren Entwicklungen zusammensetzt: • Unbeabsichtigte Gewichtsreduktion und damit auch an Muskelmasse • Abnahme der Körperkraft • Leichte, subjektive Erschöpfbarkeit • Immobilität, Gang- und Standunsi- cherheit • Reduzierte Aktivität Bis zum Alter von 100 Jahren beträgt das Risiko der Pflegebedürftigkeit be- reits über 50%. Aus der Alterskorrela- tion ergibt sich auch ein geschlechts- spezifischer Zusammenhang. Frauen haben zwar immer noch eine höhere Lebenserwartung als Männer, im Gegenzug haben sie dadurch auch ein deutlich höheres Pflegebedürftig- keitsrisiko. Jede zweite Frau wird im Laufe ihres Lebens pflegebedürftig, während Männer kürzer und weni- ger häufig pflegebedürftig sind. Die zunehmende Pflegebedürftigkeit ist auch der Tatsache geschuldet, dass die medizinische und medikamentöse Versorgung es erlaubt, trotz schwerer Erkrankungen weiter zu leben, z.B. durch künstliche Ernährung, Herzme- dikamente oder intensive Therapien nach einem Schlaganfall. Sinn und Un-Sinn des Alters Die Gesellschaft will und wird in Zu- kunft noch älter werden, vielleicht in der unbewussten Hoffnung, irgend- wann dem Tod zu entkommen. Die Ernährungsforschung, die kosme- tische Industrie und die plastische Medizin haben sich schon längst auf den Wachstumsmarkt „Anti-Aging“ gestürzt, um den Menschheitstraum vom ewigen Leben oder zumindest dauerhafter Jugend zu verfolgen. Denn damit wäre verbunden, noch mehr Zeit für sich und die eigene Selbstverwirklichung zu haben. Paradoxerweise haben sich mit dem Zugewinn an Lebensjahren nicht unbedingt eine größere Gelassenheit und Entschleunigung entwickelt. Im Gegenteil: Wir versuchen in einer immer längeren Lebenszeit immer mehr Erlebnisse und Ergebnisse zu erlangen. Dabei könnte das Alter als finale Lebensphase so viele Potenzi- ale bieten, die wir noch gar nicht zu verstehen im Stande sind. Vielleicht steckt ja gerade im Altwerden und Sterben der Sinn unseres Lebens. Denn möglicherweise lässt sich erst mit dem Erkennen bzw. dem Bewusst- sein der Endlichkeit unseres Lebens und des nahenden Endes ein erfülltes und gelingendes Leben erschließen. JEDEM Menschen wäre zu wünschen, die Chance auf seine eigene „Löffellis- te“ zu haben. rechts: Gruppenübung aus dem Workshop
  • 9. 9Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns
  • 10. 10 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Dass wir möglichst lange leben, aber nicht alt sein wollen – so das Zitat von Jonathan Swift -, scheint die gegenwärtige Stimmungslage unserer modernen Gesellschaft zu treffen, die einerseits „immer älter“ wird und andererseits Jugendlichkeit, Aktivität und Schönheit als Ideal vorgibt. Gleichzeitig ist die Frage nach dem eigenen Altern und nach dem Umgang mit dem Alter keine, die sich erst im Zeichen des demographischen Wandels stellt: Schon immer gab und gibt es unterschiedliche Altersbilder, also Vorstellungen vom Älterwerden und Altsein, die sich je nach histori- schem und gesellschaftlichen Kontext verändern können. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat denn auch die Soziologie das Alter als Gegenstand für sich entdeckt und beschränkt sich hier keineswegs auf die Feststellung und Beschreibung von demographischen Veränderun- gen, sondern versteht Altern als wandelbares, soziales Phänomen (Schroeter 2008, 611) und fragt nach dessen gesellschaftlicher Gestaltung und Bewertung. Dabei wendet sie sich sowohl dem Alter als Lebensphase, welche mit spezifischen Vorstellun- gen und Erwartungen verbunden ist als auch dem Prozess des Alterns als lebenslanger, auch sozialer Entwick- lung zu. Sie bedient sich hierbei der Begriffskonstruktion des „Alter(n)s“, in welcher diese Gleichzeitigkeit von Prozesshaftigkeit und Zustandsbe- schreibung sogar visuell zur Geltung kommt. Zunächst sah die sogenannte Disen- gagement-Theorie (Cumming und Henry 1961) bis in die 1960er Jahre die Lebensphase des Alters vor allem als durch sozialen Rückzug und die Zunahme von Passivität im Zuge eines natürlichen Alterungsprozesses geprägt. Die Aktivitätstheorie des erfolgreichen Alter(n)s der 1960er und 1970er Jahre (Havighurst, Neugarten, und Tobin 1968) kritisiert demgegen- über den Disengagement-Ansatz als Defizitmodell und fasst den Rückzug älterer Menschen als Folge sozialer Ausgrenzung auf, welcher somit den Bedürfnisstrukturen Älterer im Grun- de gar nicht entspräche. Vielmehr seien ältere Menschen „the same as middle-aged people“ (ebd., 161) und daher müssten auf der einen Seite ihre Aktivität und Leistungsfähigkeit anerkannt, auf der anderen Seite Er- satzaktivtäten für die im Alter fehlen- de Berufstätigkeit gefunden werden. Aus der Beschäftigung mit einer als eigenständigem biographischen Abschnitt angesehenen dritten Le- bensphase (Kohli 1985) entwickelte sich die theoretische Unterscheidung zwischen drittem und viertem Alter (Laslett 1989), in welcher die gelebten und erfahrbaren Ambivalenzen des Alters – zum einen die Befreiung von Arbeitszwängen im wohlverdienten Ruhestand und die Möglichkeit der Selbstverwirklichung, zum ande- ren verminderte Leistungsfähigkeit und körperlicher Abbau – auseinan- dergezogen und zwei biographisch aufeinander folgenden Abschnitten zugeschrieben werden: Das dritte Alter repräsentiert nun den „aktiven“, „erfolgreichen“ und „produktiven“ (Rowe und Kahn 1998; Baltes und Carstensen 1996) Abschnitt, während des vierte Alter als durch körperliche Hinfälligkeit und Multimorbidität gekennzeichnet und damit als Phase der Abhängigkeit und Pflegebedürf- tigkeit angesehen wird. Die Soziologie reagierte mit dieser Unterscheidung auf den Umstand, dass die Menschen in westlichen Gesellschaften nicht nur länger leben, sondern auch auf eine lange gesunde Lebensphase nach dem Ruhestand hoffen können, die sie dank ausreichender Ressourcen selbst aktiv zu gestalten vermögen. Auf der einen Seite prägt vor allem dieses dritte, erfolgreiche Alter die aktuelle Medien- und Werbeland- schaft. Hier lächeln uns fröhliche Seniorinnen und Senioren an, die, offensichtlich gesund, fit und aktiv, ihr Leben genießen. Diese „Best-Ager“ zeigen nicht nur keinerlei Zeichen des vierten Alters, dieses wird uns darüber hinaus als in jedem Fall zu vermeidender Zustand präsentiert. In der Darstellung des Risikos an Demenz zu erkranken, wird dies be- sonders deutlich. Hier wird vor allem der Verlust der personalen Identität problematisiert – ein Zustand, wel- cher dem positiven Bild des dritten, selbstbestimmten Alters maximal zu widersprechen scheint. Dieser Hinfälligkeit und Abhängigkeit gilt es aus allgemeiner Sicht vorzubeugen, ob mit gesundem Lebenswandel und Anti-Aging-Medizin oder mit dem Verfassen einer Patientenverfügung (Brauer, Adloff und Pfaller 2014). Auf der anderen Seite wird im ge- sundheitspolitischen Diskurs das Alter im Zeichen des demographi- schen Wandels vor allem als sozi- alstaatliches Problem gesehen, als Herausforderung und Zumutung für Renten- und Kranken- und Pflegversi- cherung. Hier gilt es zu fragen, welche Altersbilder transportiert werden, wenn in großen Schlagzeilen von der „Überalterung der Gesellschaft“ gesprochen wird oder welche Hand- lungsmöglichkeiten uns mit der Rede von der „rollenden Alterslawine“ überhaupt offeriert werden und was dies nicht nur für unseren Umgang mit dem Alter sondern im gelebten Alltag älterer Menschen eigentlich bedeutet. Und so ist sich die Soziologie in der Interpretation des dritten Alters auch keineswegs einig: ProAging-Ansätze (z. B. Kruse 2006; Rüegger 2011) heben die besonderen Chancen des Alters und die damit verbundenen Hand- lungsspielräume im Alter hervor. Das Plädoyer für ein „Pro-Aging“ wendet sich gegen eine Abwertung oder gar Pathologisierung des Alter(n)s und spricht sich darüber hinaus für eine gesellschaftliche Nutzung der Stärken und Potenziale des Alters aus, da bspw. ein ehrenamtliches Engage- ment sowohl für die Älteren selbst als auch für die Gemeinschaft von Vorteil wäre. Die sogenannte „kritische Geronto- logie“ erkennt demgegenüber hinter dieser einseitigen Blickrichtung auf die potentiellen Ressourcen des Alters die Gefahr, dass ein neues Leitbild und damit neue und ebenfalls zu problematisierende Anforderungen an die Betroffenen gesetzt werden: Das sich aus der Vorstellung vom dritten Alter schöpfende gesellschaftliche Leitbild der „jungen Alten“ (van Dyk und Lessenich 2009b) ist hiernach „Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden“ Paradoxien des Alter(n)s in der Gegenwart von Frank Adloff Larissa Pfaller
  • 11. 11Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns nicht nur nicht von sozialem Rück- zug geprägt, sondern lässt diesen auch kaum noch zu. Auch die Älteren sollen jenseits der 65 noch zeigen, wie jung, aktiv (Katz 2000) und gesund (Higgs u. a. 2009) sie immer noch sind und somit nicht zuletzt über ihr Konsumverhalten Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit präsentieren. Dabei wird zum einen die Verantwor- tung für das eigene Älterwerden den Individuen selbst zugeschrieben. Zum anderen wird das Alter unter dem Zeichen des „Förderns und Forderns“ neoliberaler Aktivierung als neue ge- sellschaftliche Ressource gedeutet: „Was läge in Zeiten chronisch beklag- ter fiskalischer Nöte der öffentlichen Hand, im Zeichen der prognosti- zierten Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, im Windschatten schließlich der mit großem finanziellen, institutionellen und propagandistischen Aufwand betriebenen Aktivierung erwerbsfähi- ger Erwerbsloser näher, als auch ‚das Alter‘ wieder stärker in die gesell- schaftliche Pflicht zu nehmen?“ (van Dyk und Lessenich 2009a, 12) Durch die Möglichkeit, länger zu leben und die gewonnen Jahre selbst gestalten zu können, ist die letzte Le- bensphase zu einer Projektionsfläche von Wünschen und Hoffnungen, aber auch von Ängsten und Befürchtun- gen geworden. Die Gesellschaft steht demnach vor zwei Herausforderun- gen: Erstens gilt es, die Verdrängung und Dämonisierung des vierten Alters in den Blick zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Denn diese Haltung lässt keinen Raum für positive Bilder, in denen wir uns beispielsweise eine liebevolle Hinwendung zum eigenen pflegebedürftigen Körper vorstel- len können. Zweitens müssen wir uns ebenso mit dem Bild des dritten Alters, so positiv es auch sein mag, auseinandersetzen. Es eröffnet uns neue, individuelle Handlungsspielräu- me, konfrontiert uns aber auch mit den Imperativen eines neoliberalen Aktivierungsstaates. Aus dem Recht auf einen selbstgestalteten Ruhestand darf nicht die Pflicht zu unbezahlter Arbeit unter der Flagge von Aktivität und gesellschaftlichem Engagement werden. Baltes, Margret M. und Laura L. Cars- tensen. 1996. „The process of success- ful ageing“. Ageing Society 16 (04): 397–422. Brauer, Kai, Frank Adloff und Larissa Pfaller. 2014. „‚Wie mit mir umzuge- hen ist‘. Zur biographischen Relevanz und Prospektivität von Patientenver- fügungen“. Soziale Welt 65 (4): 425–49. doi:10.5771/0038-6073-2014-4-425. Cumming, Elaine und William Henry. 1961. Growing Old: The Process of Disen- gagement. New York: Basic Books. Havighurst, Robert, Bernice Neugar- ten und Sheldon S. Tobin. 1968. „Di- sengagement and patterns of aging“. In Middle Age and Aging, herausgege- ben von Bernice Neugarten, 161–77. Chicago/London: The University of Chicago Press. Higgs, Paul, Miranda Leontowitsch, Fiona Stevenson und Ian Rees Jones. 2009. „Not just old and sick – the ’will to health’ in later life“. Ageing and Soci- ety 29 (5): 687 – 707. Katz, Stephen. 2000. „Busy bodies: Ac- tivity, aging, and the management of everyday life“. Journal of Aging Studies 14 (2): 135–52. Kohli, Martin. 1985. „Die Institutiona- lisierung des Lebenslaufs. Historische Befunde und theoretische Argumen- te“. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37 (1): 1–29. Kruse, Andreas. 2006. „Plädoyer für ein Pro-Aging“. Herausgegeben von Deutsches Zentrum für Altersfra- gen. Informationsdienst Altersfragen 33 (5): 4–7. / 2010. Potenziale im Altern. Heidelberg: Akademische Verlagsge- sellschaft. Laslett, Peter. 1989. A Fresh Map of Life: The Emergence of the Third Age. London: Weidenfeld and Nicolson. Rowe, John W. und Robert L. Kahn. 1998. Successful Aging. New York: Pan- theon Books. Rüegger, Heinz. 2011. „Pro Aging – Auf dem Weg zu einer Lebenskunst des Alter(n)s“. Zeitschrift für Gerontologie und Ethik 1: 62–76. Schroeter, Klaus R. 2008. „Alter(n)“. In Lehr(er)buch Soziologie. Für die pädagogi- schen und soziologischen Studiengänge., herausgegeben von Herbert Willems, 611–30. Wiesbaden: VS. Van Dyk, Silke und Stephan Les- senich. 2009a. „,Junge Alte’: Vom Aufstieg und Wandel einer Sozialfi- gur“. In Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur, herausgegeben von Silke van Dyk und Stephan Lessenich, 11–48. Frankfurt am Main: Campus. / 2009b. Die jungen Alten. Analyse einer neuen Sozialfigur. Frankfurt am Main: Campus. Gruppenübung aus dem Workshop
  • 12. 12 Dem Ansatz Forschende Kunst fühle ich mich soweit zugehörig, als es um die Entwicklung einer Form oder Gestalt unter Beibehaltung von Prämissen oder Vorgaben geht. Dazu gehören die Arbeiten „Variationen über den Würfel“: Würfel aus Acrylglas bilden die Grundstruktur, deren Flächen im Aufteilungsverhältnis des Goldenen Schnittes gestaltet sind. Das schöpferische Potential der Auflösung und Neuschöpfung entlang diesen Linien hatte mich fasziniert und so ergaben sich in jeweils 3 oder 4 Schritten aus dem blauen Würfel ein Barockgarten, aus dem roten Würfel eine Burg und aus dem schwarz- durchsichtigen Würfel ein futuristischer Turm. In der Reihe gelb und orange industriell durchgefärbter Würfel kommt der Goldene Schnitt im Verhältnis der Durchmesser von Kreisausschnitten zu den Kanten der Würfel zur Anwendung. Der größte Würfel gebiert mit seinen Ausschnitten den ersten runden Würfel, dem sich der kleinere Würfel größenmäßig anpasst, aus welchem wiederum der kleinere runde Würfel entspringt. www.angela-randow.de Variationen über den Würfel Angela von Randow
  • 13. 13
  • 14. 14 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Fernsehstudio. Publikum applaudiert. M.M.: „Herzlich willkommen zu unse- rer Talkrunde „5 vor 12“. Auch heute Mittag habe ich wieder sehr interes- sante Gäste für Sie. Ich begrüße als erstes Frau Thea Thevo. Sie verkör- pert sozusagen das Theater thevo. Geboren ist sie vor 33 Jahren in Nürn- berg. Von Geburt an ist sie Mitglied im Verein zur Förderung des Theaters von Menschen für Menschen. Guten Tag Frau Thevo!“ Publikum applaudiert. T.T.: „Guten Tag Frau Meda. Oder hei- ßen Sie Medea?“ (kichert) Publikum lacht und applaudiert M.M.: „Da wir gerade beim Humor angekommen sind. Ich heiße Marion MEDA, nicht Marylin Monroe oder gar Marylin Manson.“ (lacht ) „Gut. Gehen wir mal weiter im Programm. Die Sendezeit ist ja knapp geworden, deswegen ganz schnell zu unserem nächsten Gast. Er kommt ebenfalls aus Nürnberg, kennt unsere reizende Thea seit gut und gerne 22 Jahren. Ist gerade 54 Jahre geworden. Ich begrü- ße Uwe Weber.“ Publikum applaudiert. U.W.: „Guten Tag Frau Meda, vielen Dank für die Einladung zu dieser Tal- krunde. Hallo, Thea.“ M.M. „Ein weiterer Gast, der trotz vie- ler Termine ein Zeitfenster gefunden hat. Daniel Duwas. Leider hab ich keinen Geburtsort von Ihnen, auch das Alter scheint irgendwie in Ihrer Vita keine große Rolle zu spielen. Aber vielleicht wollen Sie es dem Publikum hier im Saal und auch den zuge- schalteten Millionen Menschen an den Fernsehgeräten selbst mitteilen. Applaus für Daniel Duwas!“ Publikum applaudiert. D.D.: „Guten Tag Frau Meda. Nun gut, ich verrate Ihnen gerne mein Alter, wenn Sie es auch tun!“ M.M.: „Ich hab kein Problem damit, ich habe die 70er vor zwei Jahren überschritten!“ T.T.: “Die 70er Jahre oder meinen Sie Frau Medea ...“ (kichert) „… Sie sind 1943 geboren?“ M.M.: „ Gute Frage, ich würde sagen beides.“ (kichert) „Ich habe meine 70er erlebt und auch die 70er Jahre! Aber um mich geht es hier ja nicht. Ich wollte jetzt in unsere Runde einstei- gen und am besten, ich fange mal mit Ihnen an, Herr Duwas, Sie sind uns noch eine Antwort schuldig!“ D.D.: „Nun, ich wollte zum Einstieg eigentlich erst mal etwas aus meiner Praxis als Theaterpädagoge erzählen, aber was heißt hier erzählen. Machen wir doch einfach mal eine Übung aus dem Bereich der Theater-Warmups! Oder?“ U.W.: „Ja!“ T.T.: „Ja!“ M.M.: „Ja, gerne. Ich hoffe nur, unsere Zuschauer zuhause vor den Bildschir- men langweilen sich nicht!“ D.D.: „Nein, im Gegenteil. Die Übung ist so einfach, man/frau kann sie ab einer Gruppe von 3 Personen zu jeder Zeit an jedem Ort durchführen.“ T.T.: „Ich glaube, ich weiß, was jetzt kommt. Ich glaub, ich hab schon milli- onenfach … U.W.: „Psst. Lass ihn ...“ D.D.: „Danke, Uwe. Also stehen wir mal auf!“ M.M.: „Gilt das auch für meine Ge- neration? Ich meine, kann man das nicht im Sitzen auch machen?“ D.D.: „Also stehen wir alle mal auf!“ T.T. an D.D.:“Finden Sie das nicht ein bisschen unhöflich gegenüber der älteren Dame?“ U.W.: „Thea, ...lass ihn halt mal die Übung erklären. Ich meine, er wird schon wissen, was er tut, oder?“ D.D.: „Wir bilden jetzt mal einen Kreis!“ U.W. zu T.T.: „Stimmt, das kenn´ ich!“ D.D.: „Wir machen einen Kreis. Einer sendet jetzt ein Klatschsignal an ei- nen beliebigen anderen Spieler. Dabei ist wichtig: Immer Augenkontakt herstellen und mit den klatschenden Händen deutlich auf den Empfänger zeigen. Das ist wichtig, denn das Signal sollte exakt ankommen. Wir werden auch mit verschiedenen Ge- schwindigkeiten variieren. Derjenige, der empfängt, sendet das Klatsch- signal an den nächsten Spieler. Das Ganze geht dann weiter und weiter.“ M.M.: „Könnten Sie unseren Zuschau- erInnen erklären, für was diese Übung gut sein soll. Und übrigens, sie haben mir meine Frage noch nicht beant- wortet!“ T.T.: „Ich kann´s auch erklären!“ U.W.: „Mensch Thea, dich hat jetzt keiner gefragt!“ T.T.: „Dich auch nicht, Uwe. Dich fragt eigentlich sowieso nie jemand.“ (kichert) U.W.: beleidigt D.D.: „Alles o.k. bei euch beiden? Also zurück zur Frage von Marion. Ziel der Übung ist es, als Gruppe in einen Flow zu kommen. Das heißt, jeder ist kon- zentriert, fokussiert aber gleichzeitig entspannt und gelockert. Die Gedan- ken werden minimiert, es geschieht quasi aus dem Bauch raus. Den Flow spürt man dann richtiggehend, wenn das Klatschen einen regelmäßigen Rhythmus bekommt. Also dann mal los!“ (klatscht Richtung U.W.) U.W. klatscht an T.T. klatscht an M.M. klatscht an D.D. klatscht an M.M. klatscht an T.T. M.M.: „Danke Daniel für die Demonst- ration. Gibt es da noch Variationen?“ T.T.: „Jede Menge! Also ich kenn´ da noch das Weitergeben des Impulses an den Kreisnachbarn. Oder auch: Der Impuls geht an den Nachbarn, er gibt ihn mir wieder zurück und dann wechsle ich die Richtung und gebe den Impuls an meinen Nachbarn auf der anderen Seite. Wenn er mir den Impuls wieder zurück gibt... naja, es ist irgendwie witzig, wenn man sich so zuklatscht“ (kichert) Vom Klatschen … … über Kaffeetrinken zum Flow und alles 5 vor 12! Eine Gesprächsrunde: Marion Meda (Fernsehmoderatorin), Daniel Duwas (Theaterpädagoge), Uwe Weber (Schauspieler, Regisseur, Komponist) und Thea Thevo (Theater für alle Fälle). Von Uwe Weber
  • 15. 15Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns U.W.:“Haha...“ M.M.: „Gut, also ich sehe, diesen Klatschkreis kann man beliebig aus- bauen.“ D.D.:“Ja, stimmt. Zum Beispiel kann man auch eine Struktur entstehen lassen. Also wir legen mal fest: M.M. an U.W. an T.T. an D.D. und wieder M.M. Wir klatschen mal die festge- legte Struktur und bestärken den Klatscher durch„PA“. M.M.: „PA“ U.W.: „PA“ T.T.: “PA“ D.D.: “PA“ M.M.: „PA“ U.W.: „PA“ T.T.: “PA“ D.D.: “PA … so, jetzt haben wir eine Struktur! Jetzt legen wir eine neue Struktur mit neuen Partnern fest und sagen wir mal, wir nehmen statt dem PA einen Begriff, zum Beispiel eine Gemüsesorte! Na, dann mal los!“ D.D. an M.M.: „Aubergine“ M.M. an T.T.: „Karotte“ T.T. an U.W.: „Kartoffel“ Gruppenübung aus dem Workshop
  • 16. 16 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns U.W. an D.D.: „Kohl“ D.D.: „Nach einer Weile kann man jetzt die Strukturen nacheinander klatschen bzw. übereinander.“ T.T.: „Wir haben schon mal fünf Struk- turen übereinander geschafft!“ U.W.: „Da warst du aber nicht dabei. Oder?“ T.T.: „Ich kann mich genau erinnern. Da war noch ´ne Struktur mit Tieren, da warst du ein Walross!“ (kichert) „Und dann war noch was mit Ländern und dann lief man noch …“ M.M.: “Ja, danke erst mal hier an der Stelle. Nehmen wir mal wieder Platz. Einen kräftigen Applaus für Herrn Duwas aus ...äh. Naja später.“ Publikum klatscht. M.M.: “Ja, Uwe. Du hast noch was anzumerken?“ U.W.: “Ich finde eine Variation sehr interessant und zwar ist das das As- soziieren. Also, statt des Klatschim- pulses wird vom Sender ein Wort weitergegeben. Der Empfänger nimmt das Wort auf, spricht es nach und gibt dann impulsiv ein Wort weiter, das ihm gerade, genau in dem Moment, dazu einfällt!“ T.T.: „So entstehen manches Mal die witzigsten Wortketten!“ U.W.: „ Ja zum Beispiel: Bommerlun- der – Sauerkraut – Dampfbügeleisen – Amerika – Clinton – Prince – König – Pfeffernüsse – Mangold – Reh – Klee – Fuchsbandwurm … D.D.: „Nehmen wir doch gleich mal diese Kette. Könnte man gleich mal eine kleine Story schreiben, oder noch besser, lass uns daraus eine Geschich- te entwickeln. Wählen wir einen Ort, wo die Geschichte beginnt!“ M.M.: „Ah, interessant. Da fragen wir doch mal einfach unser Publikum hier im Saal. An welchem Ort soll unsere Geschichte spielen oder wo soll sie beginnen?“ Publikum schweigt. M.M.: „Na, so schwer kann es doch nicht sein! Wir brauchen nur einen Ort!“ T.T. zu U.W.: “Kommt dir die Situation bekannt vor?“ U.W.: „Klar.“ Eine Dame aus dem Publikum: „Ham- burg“ M.M.: „Vielen Dank. Hamburg!“ D.D:: „Jetzt brauchen wir Personen, Figuren, Charaktere!“ T.T.: „Also ich spiel so ´ne Type, die hat gerade ihren Job hingeschmissen und versucht am Hamburger Hafen eine Arbeit auf einem Schiff zu be- kommen. Die will in die Welt hinaus.“ U.W.: „Ist ja typisch. Trägt die auch noch ´ne Jeans und hat eine Brille ...?“ T.T.: „Jetzt werd´ bloß nicht fies!“ U.W.: „Also ich würde einen Stuhl spielen. Einen sprechenden Stuhl!“ D.D:: „Na, das ist ja schon mal inter- essant. Dann spiele ich ´nen Matrosen der seinen ersten Landgang hat, in ´ne Kneipe geht, sich hinsetzt und mit einem jungen Mädchen ins Gespräch kommt.“ M.M.: „Das klingt ja alles schon ganz spannend. Aber wisst ihr was: Die Sendezeit ist schon fast um. Äh, wir können doch von unseren Zuschaue- rInnen zuhause vor den Bildschirmen die Geschichte stricken lassen. Sagen wir mal, die besten drei Geschichten werden in der nächsten Sendung präsentiert und das Publikum kann abstimmen, welche Geschichte sie am besten findet. Als Preis gibt es einen Theaterworkshop zu gewinnen. Oder, Uwe und Daniel? Könnt ihr dem zustimmen?“ U.W.: „Ja klar. Wenn ich mal kurz mein Konzept einbringen kann...“ D.D.: “Äh, ich hab auch eines anzubie- ten ...“ U.W.:“ Also ich war zuerst, oder? Mari- on, was meinst Du?“ T.T.: „Platzhirsch meets ….“ M.M.: „Uwe, bitte!“ U.W.: „Mein Konzept ist: Schauspiel als schöpferische Kraft erleben. Der Wunsch, ein anderer sein zu können, sich hineinzuversetzen in andere, …. es ermöglicht ein besseres Kennenler- nen von sich selbst und anderen, es macht den Reiz des Theaterspielens aus. Theater spielen heißt erfinde- risch sein, dem Mut und der Lust am Ausprobieren freien Lauf zu lassen.“ D.D.: „Wo hast Du das abgeschrie- ben?“ U.W.: „Ist mir gerade eingefallen!!“ M.M.: „Gut, danke Uwe. Zu dir, Daniel, kommen wir später. Also noch mal an die ZuschauerInnen zuhause vor den Schirmen. Bilden Sie aus der Assozia- tionskette, dem Ort und den Figuren eine Geschichte. Zu gewinnen gibt es in der nächsten Sendung einen Thea- terworkshop!“ M.M.: „Nun wieder weiter in unse- rer kleinen Runde. Danke Daniel für diese kleine Arbeitsdemo. Ist ja schon witzig, was sich da entwickelt hat! Ich frage jetzt mal die Thea.“ D.D.: „Aber ich wollte …!“ T.T.: „Hey, das ist jetzt mein Ding!“ D.D.: beleidigt D.D.: „Ich kann so nicht ...“ M.M.: „Also, Thea was für ein Spiel könntest du denn empfehlen. Es sollte etwas sein, was man auch alleine spielen kann.“ T.T.: „Da fällt mir eine Übung ein, für die man nur eine Kaffeetasse benö- tigt. Nicht mal das, man stellt sich einfach eine Kaffeetasse vor. Am besten seine Kaffee-, Tee- oder Kakao- tasse. Das geht folgendermaßen: Stellt euch mal vor …! D.D.: „Können wir das nicht einfach gleich machen? Das begreift doch sonst keiner. Im Theater spielen wir gleich mit allem. Das Theater ist kein Debattierklub!“ U.W.:“Hört, hört!“ M.M.: „Also Thea, dann machen wir das gleich mal. Also, wie war das nochmal. Vielleicht können wir hier alle, also auch das Publikum mal mitmachen.“ Publikum schweigt. T.T.: „Keine Angst. Keiner muss hier auf die Bühne kommen. Sie können es alle auf ihrem Platz nachvollziehen.“ Publikum klatscht. M.M.: „Bitte Thea!“ T.T.:“ Überlegt euch mal kurz…“ M.M.: „Im Theater wird nicht gesiezt?“ T.T:: „Also ich find das blöd. Überlegt euch mal kurz, was trinke ich am Morgen? Tee, Kaffee, Kakao …. U.W.: „Bier? Schnaps?“ T.T.: „Sehr witzig. Tee, Kaffee, Kakao? Aus was für einer Tasse trinkt ihr? Lasst die Tasse vor euren Augen er- scheinen. Natürlich mit Inhalt. ...ma- terialisiert, visualisiert sie durch eure Gedanken ...stellt euch die kleinen Rauchschwaden vor, die von diesem Getränk aufsteigen ...atmet normal ...atmet den Geruch ein ...schaut euch jetzt die Tasse genauer an …hat sie einen Aufdruck ...was steht da drauf ...ist es ein Bild ...eine Zeichnung … hat die Tasse irgendwelche Beschä- digungen ...Macken ...kleine Fehler ...wie viele Finger brauche ich um die
  • 17. 17Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Tasse zu umgreifen ...wie viele für den Henkel ...nehmt nun die Tasse in die Hände ...wie schwer ist sie ...an welcher Stelle meiner Hand erwärmt sie mich am meisten ...in welchem Nasenloch ist der Geruch am inten- sivsten ...zum Schluss macht ihr eine Abschlussgeste: Wo würdet ihr die Tasse hinstellen …was ist sonst noch auf eurem Tisch ...“ M.M.: „Danke erstmal. Ich kann mir meine Tasse vorstellen. Leider ist da der Henkel abgebrochen … U.W.: „ ...bei meiner auch!“ D.D: „Bei mir steht drauf: 1. aufstehen 2. überleben 3. wieder ins Bett“ Publikum lacht und applaudiert. M.M.:(lacht) “ ...danke, Thea!“ Publikum applaudiert. M.M.: „Weil du gesagt hast: Was ist sonst noch auf dem Tisch. Das kann man wahrscheinlich auch locker wei- termachen, oder?“ U.W.: „Klar, aber zum Einstieg tut´s die Kaffeetasse!“ D.D.: „Straßberg! The method, sag ich bloß! Ich war übrigens schon öfter ...“ M.M.: „Danke. Ich denke, wenn sich jemand dafür interessiert, der kann auch auf unsere Webseite zurückgrei- fen. Da sind nochmal alle wichtigen Hintergrundinformationen zusam- mengefasst. Es steht auch noch der Uwe im Livechat bis heute Abend um ca. 18:00 Uhr zur Verfügung!“ U.W.: „Ähem, …davon wusste ich noch gar nichts. Ich hab um 13:00 Uhr einen wichtigen Termin bei der Stadtverwaltung, da geht’s um unsere Subventionen für kommendes Jahr.“ T.T.: „Ja, das ist natürlich wichtig. Sonst wissen wir nicht mehr, wie es weitergeht. Mann, wenn man sich das vorstellt – die am Schauspielhaus kaufen sich in Höhe unserer Jahres- subvention einen Vorhang im Foyer oder Handtücher zum Trockenreiben der Sektgläser ...und überhaupt, ich finde man sollte uns ...“ D.D.: „Na, na, na ...das ist doch jetzt übertrieben. Aber mal was anderes. Ich dachte, ich sollte als Experte im Livechat zur Verfügung stehen?“ M.M.: „Ne, wir haben uns kurzfristig umentschieden!!“ D.D.: beleidigt M.M.: „Gut, ich denke Förderung, Geld, Finanzen und so weiter sind Themen, die man sich mal anschauen sollte. Gut. Ich bedanke mich bei meinen Gästen und auch hier beim Publi- kum im Saal und natürlich bei den Millionen an den Schirmen. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Talk 5 vor 12. Die Sendung mit Marion Meda“. Tosender, frenetischer, langanhaltender Applaus vom Publikum. Standing ova- tions. Alle geschilderten Personen (mit Ausnah- me von Uwe Weber) sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstor- benen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt. Forum Theater Forumtheater bedeutet, dass das Theater zum Forum wird. Zum Forum für die Zuschauer. Die künstliche Welt, die das Theater erzeugt, wird zur Test-Welt für Alternativen. Dieses Theater setzt voraus, dass die Zuschauer zu echten, interaktiven Partnern der Aufführung werden, Spaß daran haben, sich selbst auszuprobieren, neugierig sind auf ein unvorher- sehbares Spiel und die Ideen aller Anwesenden. Die Schauspieler sind gefordert, auf der Basis einer ‚Grund‘-Geschichte, eines Themas und verschiedener Charaktere, mit den Ideen der Zuschauer zu improvisieren. Sie improvisieren dabei auf ein Thema. Die Leben- digkeit und der unübertroffene Reiz des Forumtheaters liegen in seiner Einmaligkeit und der echten Interaktion. Weltweit bekannt wurde die Form durch den Brasilianer Augusto Boal und sein „Theater der Unterdrück- ten“. Der hohe emanzipatorische Anspruch der Arbeit liegt in der demokratischen Idee, dass alle Menschen an der Gestaltung der Welt teilhaben und sich als teilha- bend erleben sollen. Theater thevo Ein Schwerpunkt der Theaterarbeit des Theaters thevo ist das innova- tive und interaktive Jugendtheater. Dabei geht es vor allem um die Ad- aption und Weiterentwicklung des Forumtheaters: Das Forumtheater ermöglicht das direkte Eingreifen der Zuschauer/innen. Das Publi- kum kann eigene Lösungsmög- lichkeiten einbringen und gleich im Spiel erproben. Auf diese Weise wird eine einmalige Unmittelbar- keit sowie eine tiefe und nachwir- kende Berührung durch das Stück erreicht. Diese Theaterform legt besonderen Wert darauf, dass die Zuschauer zu wachen und inter- aktiven Partnern der Aufführung werden. Ein weiterer Anspruch des Theaters thevo ist es Gesamtkunstwerke zu schaffen und mit Künstlern aller Sparten (Tanz, Bildende Kunst, Musik) zu kooperieren. Diese Kooperationen sind nicht nur kunstübergreifend, sondern auch kulturübergreifend: Seit der Gründung im Jahr 1982 entwickelt thevo mit Künstlern verschiedener Kulturkreise (Tsche- chien, Chile, Holland, Ukraine, Polen, Japan, Neuseeland, Aust- ralien, Argentinien) Theaterpro- duktionen, die es erlauben, eigene Formen und Inhalte zu entwickeln, die über Grenzen von Kultur und Sprache hinweg unterhaltend und berührend sind. Seit 2009 bietet thevo zudem eine spezielle Thea- tertrainingsform (TTT) an, die den interdisziplinären Austausch von Tanz, Ton und Theater beforscht und erprobt. Die thevo-Macher begreifen ihre künstlerische Arbeit primär als innovatives Theater, nicht als ‚Sozi- alarbeit‘ oder ‚Theaterpädagogik‘. Thevo wurde im Oktober 2009 zum WeltForumTheaterFestival nach Graz (A) eingeladen. Thevo vermit- telt Techniken des Forumtheaters auch gerne an Dritte, z.B. seit 2004 in Tschechien Brno, Ostrava, Praha) im Rahmen eines Kulturaustau- sches mit dem Theater Domino. www.thevo.de
  • 18. 18 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Am letzten Tag unserer Erkundungen im Rahmen von „Forschende Kunst 3: Perspektiven des Alterns“ stellten wir uns der Aufgabe, Projektideen aus dem bisher Erarbeiteten zu generieren. Es war dabei klar, dass diese Projektideen in die hier vorliegende Dokumentation einfließen und am besagten letzten Workshop-Tag lediglich angerissen bzw. skizziert werden konnten. Die weitere Ausarbeitung der Projektideen zur Konzept- bzw. Dokumentations-Reife lag in der Verantwortung der Ideengeber (als Einzelpersonen oder Teams) und ist urheberrechtlich auch bei diesen verortet. Wir hatten in dem Zusammenhang auch diskutiert, mit welchem Anspruch unsere Projektideen verbunden sein sollten – es bestand Konsens darin, dass wir noch nicht wissen können, welche dieser Ideen tatsächlich zur Umsetzung kommen, da nicht absehbar ist, mit wessen und wie viel persönlichem Einsatz die Ideen voran gebracht werden können. Es gilt dabei auch ganz besonders, sich in Geduld zu üben und das Warten als Chance für unerwartete Fügungen zu verstehen. Die im Zuge von Forschende Kunst 3 entstandenen und dokumentierten Ideen sind vorrangig als Ideen-Impulse und Wegbereiter für künftige Entwicklungen zu verstehen – unabhängig von einer Festlegung auf deren Realisierung. Doch soll die Dokumentation dazu dienen, die Urheber und deren Ideen zu benennen, diese zu festigen und nach außen zu tragen sowie gegebenenfalls Unterstützer und Mitwirkende zu gewinnen und die Möglichkeit der Realisierung damit wenigstens wahrscheinlicher zu machen. Projektideen „Die Kunst des Wartens ist eine Kunst des Ich.“ Ruth Ewertowski
  • 19. 19Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Im Jahr 2025: Ein verfallener Bau- ernhof in einem abgelegenen Winkel Europas entwickelte sich in wenigen Jahren zu einem international ver- netzten Begegnungsort und Lebens- raum für Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Beru- fen und Fähigkeiten. Etwa 20 Men- schen leben als Familien, Paare oder Singles dauerhaft hier, noch einmal so viele kommen für einige Monate und weitere 10 bis 20 sind tage- oder wochenweise zu Besuch. Insgesamt beheimatet der Hof gegenwärtig ca. 20 Männer, 20 Frauen, 12 Kinder und 8 Jugendliche. Sie kommen aktuell aus Deutschland, Frankreich und Syrien, aus dem Irak, der Türkei, aus Spanien und aus Lateinamerika. Auch lebten hier schon Menschen aus Palästi- na, Israel, Argentinien, China und Südafrika. Die jüngste Mitbewohnerin ist zwei, die älteste 73. Man lebt hier nach einigen Jahren der Entwicklung mittlerweile weitgehend autonom – Lebensmittel kommen vom eigenen Land, Möbel und Töpferwaren werden selbst hergestellt, auch wird in eige- nen Werkstätten Upcycling-Kunst und Kunsthandwerk produziert. Alle Mitbewohner bilden sich regelmäßig im hauseigenen Lernzentrum fort. Die Kurse werden je nach Bedarf und ge- fragten Kenntnissen und Fähigkeiten mit eigenen oder externen Dozenten besetzt. Autonomes Lernen ist eine Basisfähigkeit, die an diesem Ort nahezu täglich und mit großer Freude und Motivation trainiert wird. Die Gemeinschaft ist Teil eines internati- onalen NGO-Netzwerks mit weltweit über 20.000 assoziierten Gruppen und Initiativen und mehreren Millionen Mitgliedern. Im Hauptgebäude gibt es neben zehn separaten Zwei- bis Drei-Zim- mer-Wohnungen, die mit je eigener Küche und Bad ausgestattet sind, auch eine Gemeinschaftsküche sowie acht Gästezimmer – vier davon als Einzel- und vier als Doppelzimmer. Die Scheune wurde zu einem Ver- anstaltungs- und Begegnungsraum ausgebaut. Hier finden öffentliche Konzerte, Lesungen und Performan- ces mit regionalen und internationa- len Künstlern statt, die sehr beliebt und immer gut besucht sind. Zudem werden hier Vorträge, Workshops und Seminare zu philosophischen, wissenschaftlichen und gesellschaft- lichen Themen abgehalten – ein weltoffener, undogmatischer Think Tank für Transformationsprozesse hin zu einer Welt, in der die Men- schen als geistige Wesen mit sich und der Natur versöhnt sind und dabei ihre kreativen Anlagen und Fähigkei- ten ausschöpfen. Die kleine Gaststätte und der Le- bensmittelladen neben der Scheune tragen ihrerseits zum Gelingen des Projekts bei. Hier gibt es ausschließ- lich gesunde Lebensmittel aus eigener Produktion zu kaufen. Ein Nebenge- bäude und einige auf dem weitläufi- gen Grundstück verstreute Gebäude sind Künstlern, Heilern, Schamanen und Gästen vorbehalten. Auf einer Wiese kann auch gezeltet werden, einige Mitbewohner und Gäste leben am nahe gelegenen Fluss in komforta- bel ausgestatteten Lehmhäusern und Zirkuswagen. Die früheren Stallungen beherbergen ein Grafikbüro, ein Musik- und Video- studio und Künstlerateliers. Auch ein FabLab wurde eingerichtet, das von zwei Ingenieurinnen aus dem Nach- barort geleitet und von einem jungen Künstlerpaar vermarktet wird. Das FabLab beschäftigt in den Nachbaror- ten über 50 freiberufliche Zulieferer und Dienstleister in den Bereichen 3D-Druck, Projektmanagement und Vertrieb und schafft somit auch Ar- beitsplätze in der Umgebung. Das Fab- Lab ist Teil eines weltumspannenden Open Source Produktionsnetzwerks und steuert Teile für unterschied- lichste Produktionsprozesse in ganz verschiedenen Branchen bei – von Raumfahrt über Automobil bis hin zu Design und Mode. 50% des Gewinns, den das FabLab erwirtschaftet, fließt in das Lebensprojekt, das sind gegen- wärtig ca. 150.000 EUR pro Jahr. Damit können alle Lebensmittel, Produkte und Dienstleistungen bezahlt werden, die man nicht selbst herstellen bzw. realisieren kann. Energie wird nur sehr wenig dazu gekauft, da Wär- me und Strom direkt aus der Natur gewonnen werden (Wind, Wasser, Sonne). Jeder der dauerhaften Bewohner hat einen lebenslangen Anspruch auf seinen Wohnbereich. Manche, die ihre Miete nicht bezahlen können, arbeiten diese – je nach Größe der Wohnung – mit 15 bis 20 Stunden Gemeinschaftsdienst pro Woche ab. Die Wohnbereiche können nicht vererbt werden. Das internationale Netzwerk erlaubt Dauerbewohnern auch, für einige Monate mit Freunden kooperierender Projekte den Wohnort zu tauschen. Gegenwärtig nutzen drei Mitbewohner dieses Angebot – eine Mitbewohnerin (46 Jahre) ist gerade in Peru, dafür lebt gerade ein junger Peruaner (25 Jahre) hier und arbeitet zur Zeit in der Landwirtschaft und in der Küche mit. Ein Vater (56) ist mit seinem Sohn (15) gerade in Kobane zu Gast, im Gegenzug sind zwei Kurdin- nen (30 und 36 Jahre) hier vor Ort, um Deutsch zu lernen und um im FabLab zu hospitieren. Die Gegenbesuche stärken die Freundschaft untereinan- der und dienen auch dazu, voneinan- der zu lernen. Die Menschen tauschen sich auf Deutsch, Spanisch, Englisch, Türkisch, Russisch und Französisch aus – das sind die üblichen Verkehrs- sprachen in allen ähnlich gelagerten Projekten weltweit. Fast jede(r) hier spricht mindestens drei dieser Spra- chen fließend. Das Lebensprojekt der Zentrifu- ge wird als gemeinnützige GmbH betrieben – wer mit seiner Arbeit im Lebensprojekt mehr als 20.000 EUR pro Jahr verdient, zahlt 50 Prozent seines überschüssigen Einkommens in einen Fonds ein,der den Erhalt und Ausbau des Projekts sowie ein Grund- einkommen für jeden Mitbewohner garantiert. Dieser Fonds wird zudem über das FabLab und über Spenden gespeist und wächst jährlich im zweistelligen Bereich. Vor kurzem hat die Gemeinschaft entschieden, einen Teil dieses Geldes in ein kooperieren- des Projekt in Somalia zu investieren, um dort ein weteres FabLab aufzu- bauen, das als künftiger Zulieferer und Mit-Entwickler fungieren soll. Nach einem FabLab in Kolumbien und einem in Griechenland ist dies das dritte aus dem Lebensprojekt her- aus finanzierte und mitgegründete FabLab. Insgesamt gibt es im Jahr 2025 weltweit bereits über 1.000 ähnliche autonome, gemeinnützig organisier- te Projekte, in denen insgesamt ca. 40.000 Menschen leben und arbeiten, Das „Lebensprojekt“ der Zentrifuge Ideengeber: Michael Schels
  • 20. 20 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns sich untereinander austauschen und solidarisch gegenseitig unterstützen. 2015 und was dann geschah: Das hier geschilderte Lebensprojekt begann zehn Jahre zuvor mit einem Impuls aus der Zentrifuge, einer Kreativplatt- form, die damals mit dem Projekt „Forschende Kunst“ einen offenen, interdisziplinären Austausch pflegte, bei dem sich Menschen aus verschie- denen Lebens- und Arbeitswelten begegneten und erste Ideen entwi- ckelten für ein neues Weltverständnis und für neue Formen des Lebens und Arbeitens. Dabei entstand auch die Idee dieses Lebensprojekts, die dann in der im September 2015 erschiene- nen Forschende Kunst Dokumenta- tion beschrieben wurde. Und dann kam eines zum anderen: Es gingen einige Vorschläge von leer stehenden Bauernhöfen in ganz Deutschland, teilweise auch aus dem Ausland ein, an denen man ein solches Projekt rea- lisieren könnte. Anfang bis Mitte 2016 besichtigten wir diejenigen Objekte, die uns vielversprechend erschienen und fanden dabei unseren idealen Wunschort – zwar etwas abgelegen, dafür in wunderschöner Natur und mit weltoffenen Menschen in der Nachbarschaft, die unserem Projekt gegenüber aufgeschlossen waren. Glücklicherweise unterstützte uns auch ein weitsichtiger, engagierter und fähiger Politiker, der Fördergelder vermitteln konnte, die es uns ermög- lichten, die Projektidee zu vertiefen und deren Umsetzung detailliert zu planen. Ende 2016 starteten wir dann eine Crowdfunding Kampagne, die eine Initiative auf den Weg brachte, bei der sich Interessierte als künfti- ge Mitbewohner bewerben konnten. Nachdem wir aus über 50 Bewerbern die ersten zehn Mitbewohner ausge- wählt und gewonnen hatten, haben wir die Immobilie samt Grundstück gekauft und uns am neuen Ort angesiedelt. Das war Mitte 2017. Zu unserem großen Glück kam zu der Zeit auch ein Förderer auf uns zu, der unsere Idee von einem weltoffenen, international vernetzten, solidari- schen, naturnahen, kunstaffinen und technologisch fortschrittlichen Lebensprojekt unterstützen wollte und dafür einen größeren Betrag spendete – genug für die erste Phase des Ausbaus der Immobilie und für die Einrichtung der ersten Version des FabLabs. Nach diesem Förderer ist heute das FabLab benannt und er ist jederzeit als Gast bei uns will- kommen. Von da an entwickelte sich alles wie geplant – bis 2019 waren das Hauptgebäude und die Scheune ausgebaut, 2020 waren alle Wohnun- gen renoviert und alle Mitbewohne- rinnen eingezogen. Ab 2021 konnten wir unser Kulturprogramm und den internationalen Austausch forcieren und ab 2023 waren wir schuldenfrei und konnten das Bedingungslose Grundeinkommen für alle Mitbewoh- nerInnen einführen. Vor allem über das FabLab erwirtschaften wir mehr Geld als wir benötigen. Dieses Geld geben wir an andere Projekte weiter, die erst im Aufbau begriffen sind. Auf diese Weise tragen wir nachhaltig zum Ausbau einer weltweiten solida- rischen Gemeinschaft bei. Wir leben autonom. Jede(r) wird als Individuum geschätzt und kann nach seinen/ihren eigenen Vorstellungen, Bedürfnissen und Wünschen leben. Sie möchten zu dieser Projektidee et- was beitragen? Dann wenden Sie sich bitte an Michael Schels: ms@zentrifu- ge-nuernberg.de
  • 21. 21Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Die Vision Lotte ist 65. Zusammen mit ihrer Freundin Martina (67) möchte sie an einem Urban Gardening Projekt teilnehmen, über das sie aus der Zeitung erfahren hat. Gärtnern ist über die Jahre immer mehr zu ihrem Hobby geworden. Lotte und Martina sind beide noch sehr fit und möchten auch in der Zeit nach ihrer Rente aktiv bleiben. Sie sind vielseitig interessiert, denken oft über eine “zweite Karrie- re“ nach und möchten gerne andere Gleichgesinnte kennenlernen. Auf der Veranstaltung erfahren sie, dass es in dem Urban Gardening Cafe Projekt darum geht, neue Gar- ten-Techniken im Zusammenhang mit einem Urban Gardening Ansatz zu erlernen und sich dann aktiv an der Bewirtschaftung und an der Schulung von Interessierten, insbesondere von Schulklassen, zu beteiligen. Zudem soll sich das Projekt als “Cafe” auch zum Teil selbst tragen. Besonders die Idee, dass sich Besucher hier nicht nur ganz normal zum Kaffeetrinken in ein ganz besonderes Cafe setzen und Pflanzen und Fischen beim Wachsen zusehen, sondern dass sich Kunden Zutaten für ihre veganen Sandwiches auch selbst pflücken können, finden sie aufregend. Die Möglichkeiten, hier in verschiedenen Bereichen mit ande- ren aktiv zu werden, Selbstversorgung zu erlernen und weiter zu vermitteln und Gemüse mit nach Hause nehmen zu können, haben sie überzeugt – sie entschließen sich, am Urban Garde- ning Cafe Projekt teilnehmen. Die Komponenten Das Urban Gardening Cafe ist ein Kno- tenpunkt, in dem mehrere einfache Ideen mit einer einzigen visionären Idee verbunden werden. Ein tragender Gedanke ist der des Austauschs und der Begegnung von Generationen. Im Urban Gardening Cafe (UGC) entsteht diese Begegnung zwischen zwischen alten und alten, zwischen jungen und jungen und zwischen alten und jun- gen Menschen. Darüber hinaus gibt es eine Begegnung zwischen “Konsu- menten” und “Aktiven” und auf einer dritten Ebene zwischen “Lehrern” und “Schülern”. Das UGC soll es alten Menschen ermöglichen, Gleichaltrige und Gleichgesinnte kennenzulernen und so auf psychologischer, aber auch physiologischer Seite den gesell- schaftlichen Folgen der urbanen Ver- einsamung und Isolation entgegen- zuwirken. So kann das Potential von Alten, Jüngere kundig und geduldig zu “unterrichten”, unterstützt und ge- fördert werden. Zugleich werden alte Menschen hier plötzlich die “Lehr- meister” in einer neuen Technologie. Selbst- und Fremdbild der Alten kann hier also kurz- und langfristig positiv verändert werden – eine gelingende Integration auf mehreren Ebenen. Eine zweite einfache Idee ist die der Versorgung mit selbst erzeug- ten Nahrungsmitteln. Viele Urban Garding Projekte zeigen heute be- reits, wie sich auch Städter gesund selbst ernähren können. Dies Idee ist nicht neu und wurde bereits von den “Schrebergärtnern” erfolgreich gelebt. Das Wissen über Pflanzen, Ernährung und Essenszubereitung geht jedoch in den Großstädten zu- nehmend verloren. Kontakt mit Feld und Garten stehen immer weniger Städtern zur Verfügung. Zum anderen ist durch den Klimawandel auch von einer Verteuerung von nicht-gene- rischen Lebensmitteln zu erwarten. Die Wirkung gesunder Ernährung ist dagegen hinreichend dokumentiert. Über einen Technologietransfer, der zum einen Teil von bereits erfahrenen Urban Gärtnern und zum anderen Teil durch “learning by doing” entsteht, werden entsprechende Fähigkeiten von Jungen an Alte und dann wieder an Junge weitergegeben. Die Fähigkeit zur Selbstversorgung wird hier also in einem Kreislauf von Generation zu Generation weitergeben und ein dau- erhafter Lern – und Austauschprozess entsteht. “Mitarbeiter” können sich zudem teilweise selbst versorgen. Die dritte Idee ist die eines modernen “aktiven”Cafes. Immer mehr Kon- sumenten bevorzugen bereits beim “Shopping” aktive bzw. aktivierende Konzepte. In mehreren Großstädten wurde bereits gezeigt, dass “aktive” Cafes zunehmend das Interesse von Konsumenten gewinnen. Als Beispiel können Projekte wie Fahrradcafes in Deutschland (Fürth und Berlin) und kommerzielle Urban Gardening Cafes in UK und USA genannt werden, die hier wie dort oft eine Vorreiterrolle übernehmen. Mit einem ansteigenden Trend zu veganer Ernährung und der Zunahme von veganen Restaurants kann also gerechnet werden. Das UGC geht hier jedoch über das reine “Entertainment” der Konsumenten hinaus. Es will inspirieren und zu Selbstversuchen anregen. Hierzu ist die freie Weitergabe von Informatio- nen (über Broschüren), die “Education” der Konsumenten (über Besichtigung beim Selbst-Pflücken, Schulführungen und die Erklärungen des “Personals”) von großer Bedeutung. Zudem zeigen weithin sichtbare Metaphern des “Wachsens” und “Kümmerns” weg vom reinen Konsum auf die Möglich- keiten einer neuen “integrierten” und mit der Natur verbundenen urbanen Gesellschaft. So sind neben Konsu- menten insbesondere Schulklassen als auch Familien mit Kindern als zukünftige Kunden zu erwarten. Die Finanzierung … Hier gibt es verschiedene Möglich- keiten, die mit unterschiedlicher Ge- wichtung in das Projekt mit einfließen können. Es bieten sich auf der einen Seite EU- sowie Bundes- und Landes- mittel an. Zum anderen Teil kann das Projekt über Sponsoring und Betei- ligungen getragen werden. Zuletzt kann sich das Urban Gardening Pro- jekt über Schulungen und Erträge aus der Bewirtschaftung auch teilweise selbst tragen. Die Vision UGC verbindet also die Integration von Alt und Jung mit einem modernen Museums- und Cafe-Ansatz zu einer großen Vision gemeinsamen “Wachstums” und “Veränderung”. Gesucht werden ... Gesucht wird das Kern-Team, Spon- soren, Räumlichkeiten und Urban Gardening Experten. Sie möchten zu dieser Projektidee et- was beitragen? Dann wenden Sie sich bitte an Jörg H. Bauer, E-Mail: jhabau- er@gmail.com Urban Gardening Cafe Ideengeber: Jörg H. Bauer
  • 22. 22 Die Zusammenarbeit mit der Zentrifuge und meine Mitarbeit am Projekt Forschende Kunst forderten mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit meiner Arbeit und Rolle als Künstlerin heraus. Dabei kam mir der interdisziplinäre Ansatz der Zentrifuge sehr entgegen, entspricht dieser doch seit jeher auch meiner grenzüberschreitenden Arbeitsweise. Anlässlich der Möglichkeit, ausgewählte Arbeiten in dieser Dokumentation zu präsentieren, kam mir als Titel “Der Goldene SchRitt” in den Sinn. Dieser veranschaulicht aufs Schönste meine Arbeitsweise, nämlich intuitiv Prozesse im Grenzbereich von Sprache, Klang, Proportion und Bild wahrzunehmen und diese durch meine künstlerische Tätigkeit ins Leben zu rufen. Ich nenne dies das “Bewegen aus der Stille” oder auch “Briefe an meine Heimat”. Meine Malerei verstehe ich als ein Musizieren mit dem Pinsel – dabei entstehen Seelenfiguren wie die “Ghadsos”, Schutzkärtchen wie die “Choens”, aus Naturbeobachtungen abgeleitete Klangbilder wie die Wortlandschaften oder die wie Neumen anmutenden Klangschriften, die auch als Regieanweisungen für Suchende gelesen werden können, um auf neuen Wegen gehen zu lernen. Meinen persönlichen Weg erfahre ich zunehmend als eine Rückbindung an Mutter Erde, die in einer vergessenen und unerhörten Sprache zu uns spricht. Dieser Sprache schenke ich in Ehrfurcht vor der Schöpfung mein Gehör und meine Stimme. www.kastura.weebly.com Der Goldene SchRitt Barbara Kastura rechts: Neume Das Klingen und Schwingen am zweiten Tag
  • 23.
  • 24. 24 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Vorausbetrachtung In dem Forschende Kunst Projekt Perspektiven des Alterns stellte sich neben der intensiven Auseinanderset- zung mit dem individuellen Weg des Alterns die Frage nach dem Bild des Altwerdens in der Gemeinschaft. Was bedeutet alt werden in unserer Gesellschaft für mich? Angst vor dem Alter, Angst vor dem Tod. Gesundheit spielt eine entscheidende Rolle, auch Selbständigkeit und Wirksamkeit. Bedürftigkeit, Pflegebedürftigkeit und letztlich der Tod beschränken uns in unseren Möglichkeiten, unabhängig und aktiv an diesem Leben, in der Gesellschaft Teil zu haben. Vielleicht fürchten wir deswegen nichts so sehr wie Pflegebedürftigkeit, Schmerzen und den Tod. Zwei Theorien begleiten dabei meine Gedanken: die Selbstbestimmungs- theorie und die Terror-Manage- ment-Theorie. Die von Richard Ryan und Edward Deci entwickelte Selbstbestimmungs- theorie geht davon aus, dass unsere Handlungen und auch unser Wohlbe- finden durch die Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit vorangetrieben und unterstützt werden. „Kompetenz“ meint hier das Gefühl, selbst wirk- sam sein zu können. „Autonomie“ beschreibt das Gefühl, dass die in- dividuellen Handlungen freiwillig er- folgen und „soziale Eingebundenheit“ bezieht sich auf die wechselseitige Bedeutsamkeit zwischen Individuum und sozialen Umfeld. Altwerden, Bedürftigwerden und gar der Tod haben auf die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse dramatische Aus- wirkungen. • Wie kann ich noch wirksam sein als Alter? • Sind meine Handlungen noch frei- willig, wenn ich pflegebedürftig ans Bett gefesselt bin? • Und, keine Frage, jede soziale Einge- bundenheit endet mit meinem Tod. Meine Selbstbestimmung ist mit dem Prozess des Altwerdens höchst gefährdet. Genauso beunruhigend sind die An- nahmen der Terror-Management-The- orie. Die Theorie zum Thema „Angst vor dem Tod“ von S. Solomon, J. Greenberg und T. Pyszczynski geht davon aus, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit Todesangst bewirkt und betrachtet die dadurch hervorgerufenen Reaktionen der be- troffenen Personen. Greenberg und T. Pyszczynski re- duzieren diese Reaktionen auf zwei grundlegende Abwehrmechanismen, die sich im Laufe der Evolution ge- bildet haben, um uns vor der Kon- frontation und damit vor der Angst vor unserer eigenen Endlichkeit zu bewahren. 1. Die kulturelle Weltanschauung, die Welt ist mit Ordnung und Sinn erfüllt, darüber hinaus gibt es ein Weiterleben, Wiedergeburt, Transzendenz oder andere Über- zeugungen, die eine Überwindung der eigenen Endlichkeit ermögli- chen würden. 2. Der Selbstwert, die Selbstachtung, die Überzeugung, als Person wich- tig und anerkannt zu sein. Um dies zu erreichen, gilt es zu versuchen, den Erwartungen und den Werten der Gesellschaft zu entsprechen, am besten diese überzuerfüllen. Das klingt nach einem Leben getreu dem Motto „Augen zu und durch“. Es gilt, angesichts der Unausweich- lichkeit des Todes die eigene Wel- tanschauung anderen gegenüber zu verteidigen. Die eigene Anschauung kann nach dieser Theorie nicht in Frage gestellt werden. Eine grausame Vorstellung. Zum Glück kommt uns da Heidegger zu Hilfe. (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1967): Nach Heidegger passen wir uns den Anforderungen der Gesellschaft an, wir flüchten uns aus Angst vor unserer Sterblichkeit in All- täglichkeiten, wir versuchen unseren Aufgaben gerecht zu werden. Eine Flucht, die eine Entfremdung von uns selbst darstellt. So fliehen wie auch vor der Frage nach dem Sinn. Aber anders als die oben genannte Theorie besagt, eröffnet uns Heideg- ger eine weitere Strategie: Wir können uns die Angst vor dem Tod bewusst machen. Folgen wir diesem Vorschlag, wird diese Angst uns auf uns selbst zurückwerfen. Wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen. Dieses Mit- uns-selbst-Sein gibt uns die Möglich- keit, unser Alltäglichsein und unsere andauernden Versuche zu gefallen zu hinterfragen. Damit kann es uns gelingen, unsere Flucht und also auch unsere Entfremdung von uns selbst zu erkennen und dieser entgegenzu- treten. Mit dem Wissen um unsere Vergäng- lichkeit und der dadurch hervorgeru- fenen Angst erreichen wir den Raum für Authentizität und den Sinn des Lebens. Kurz gesagt: Die Angst vor unserer Endlichkeit entsteht, weil wir mit der Annäherung an unseren Tod unsere Selbstbestimmtheit verlieren. Es gibt unterschiedliche Strategien damit umzugehen. Die für mich sinnvolls- te ist es, sich die Angst vor dem Tod bewusst zu machen, um damit Raum für Authentizität und Sinn des Lebens zu schaffen. Das Proto-Projekt „Quasselbude“ Authentizität und Sinn, sich selbst hinterfragen, offen sein für Neu- es: Die Quasselbude ist ein einfach umzusetzendes Proto-Projekt aus der Workshopreihe „Forschende Kunst: Perspektiven des Alterns“ der Zentri- fuge. Mit dem Titel „Quasselbude“ möchten wir einer Anspruchshaltung entge- genwirken und einen niedrigschwel- ligen Zugang ermöglichen. Der Wert und Sinn dieser Gesprächsrunden ergibt sich im reflektierenden Dialog ohne Vorgaben und Ziele - aus dem heraus, was die Anwesenden bewegt. Gleichwohl sollen diese Treffen in der aktiven Auseinandersetzung attraktiv sein, Sinn enthalten, Nutzen bieten und Spaß machen. Alt werden individuell und in der Gesellschaft Idee: Otmar Potjans, Angela von Randow, Jörg Knapp, Kati Stöppler Eine kleine Vorausbetrachtung
  • 25. 25Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Es ist trivial, aber die Arbeit in dem Workshop machte es mir wieder klar: Altwerden begleitet mein ganzen Leben. Altern beginnt mit der Geburt, spätestens aber ab Mitte zwanzig. Nach Timothy Salthouse nimmt in diesem Alter die Fähigkeit zum Den- ken ab – egal wie gesund oder gebildet man ist. Siehe auch: www.fr-online.de/wis- senschaft/fit-bleiben-altern-beginnt- mit-20,1472788,16600702.html Später geht es dann rapide schnell. Ab der Mitte des neunten Lebens- jahrzehnts finden bemerkenswerte Veränderungen in vielen körperlichen und teilweise auch in geistigen Merk- malen statt. Die Verletzlichkeit des Organismus nimmt erkennbar zu. Siehe auch: www.swr.de/blog/1000ant- worten/antwort/10042/ab-wann-spricht- die-wissenschaft-von-alter Aber dann gibt es noch die Annahme, dass ich einiges tun kann, gesund zu altern und damit zumindest statis- tisch mein Leben verlängern kann. Wenigstens aber mit mehr Gelassen- heit das Altern anzugehen. Mentale Aktivität ist notwendig zum Erhalt der geistigen Leistungsfähig- keit. Es wurde nachgewiesen, dass durch geistige Beanspruchung die typischen Eiweißablagerungen bei der Alzheimer-Krankheit in Zahl und Ausdehnung verringert werden. Ver- haltensstudien zeigten entsprechend deutlich bessere Gedächtnisleistun- gen. Verschiedenste Studien belegen im- mer wieder, dass Bewegung, Ernäh- rung, soziale Kontakte pflegen und geistige Herausforderung annehmen Einfluss haben auf die Gesundheit im Alter. Mit unserer Quasselbude wollen wir zwei der genannten Aspekte intensiv abdecken: • Soziale Kontakte pflegen • und geistige Herausforderungen meistern. Wir wollen soziale Kontakte pfle- gen, indem wir uns mit verschiede- nen Menschen treffen und uns im Gespräch und Umgang miteinander üben. Wir wollen das Gehirn fordern, Synapsen bilden und Nervenzellen miteinander verknüpfen. Das Gehirn frisch halten. Wir sind überzeugt davon, dass das am ehesten gelingt, wenn wir uns auf Neues einlassen, eigene Vorurteile überprüfen, eigene Überzeugungen in Frage stellen, uns komplexen Zusammenhängen stellen, wenn wir neue Ideen und Vorstellun- gen und möglicherweise sogar neues Verhalten entwickeln. Wie machen wir das? Wie der von uns gewählte Name Quasselbude ausdrückt, geht es darum zu reden. Menschen - es sollten nicht weniger als drei und nicht mehr als acht sein - treffen sich. Eine möglichst hetero- gene Gruppe wäre am hilfreichsten. Themen sind nicht vorgegeben. Diese werden von den Menschen, die sich treffen bestimmt. Ziele gibt es keine. Natürlich sollen die Grundregeln der Kommunikation gelten: Einander zu- hören, sich ausreden lassen etc. Durch die offene Zusammensetzung und die aktuelle Wahl des Themas stellen wir sicher, dass sich die Teil- nehmer immer wieder mit anderen Menschen mit immer wieder neuen Themen beschäftigen müssen. Erfolg kann die Quasselbude jedoch nur haben, wenn wir immer wieder aufs Neue bereit sind, uns auf die anderen Menschen in der Runde einzulassen, ihnen offen begegnen und die Chance nutzen, die Wahrheiten der anderen anzunehmen und zu entdecken. All dies erfordert ein hohes Maß an Authentizität. Und nach dem, was in den einleitenden Abschnitten steht, ist die Auseinandersetzung mit der ei- genen Vergänglichkeit hilfreich, wenn nicht sogar eine notwendige Voraus- setzung für Authentizität. Damit ist es eine Voraussetzung für die Quassel- bude und jeden der Teilnehmer, sich mit der eigenen Sterblichkeit und der Angst vor dem Tod auseinander zu setzen. Neben zweier organisatorischer Treffen hatten wir bereits ein „echtes“ Quasselbuden-Treffen: Es fanden sich fünf Menschen in den Räumen der Weinerei zusammen. Es wurden dabei unterschiedliche Themen behandelt. Am hitzigsten diskutiert wurde über Wertschätzung und Missbrauch. Per- sönlich kam ich tatsächlich an meine Grenzen, und sogar ein wenig darüber hinaus. Ich musste meine Einstellun- gen und Werte überprüfen und mein eigenes Verhalten in Frage stellen. Genau das wollen wir erreichen, denn wir sind überzeugt, dass das die Herausforderungen sind, die unser Gehirn beweglich und fit erhält. Die Quasselbude trifft sich alle zwei Monate im Rahmen der Zentrifuge. Die Treffen der Quasselbude stehen jedem Menschen offen. Eine mög- lichst heterogene Zusammensetzung ist wünschenswert. Termine werden über den Verteiler der Zentrifuge kommuniziert. Wir geben gerne unsere Erfahrungen weiter um dazu beizutragen, dass weitere Quasselbuden entstehen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Otmar Potjans, E-Mail: otmar@o-potjans. de.
  • 26. 26 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Versuchen wir die zukünftigen Entwicklungen in der Pflege vorher- zusehen, kommen wir wenig über- raschend zu dem Ergebnis, dass der Bedarf an Pflege in den kommenden 15 Jahren überproportional wachsen wird. Weiter können wir erkennen, dass die Pflege sich wie heute weiter- hin auf professionelle Einrichtungen und private Initiative stützen wird. In beiden Bereichen wird der Bedarf an Möglichkeiten zur Pflege deutlich zunehmen. Betrachten wir die de- mografische Entwicklung im Zusam- menhang mit privatem Engagement, können wir davon ausgehen, dass es eine reale Chance gibt, dass die Anzahl der privat Pflegenden tatsäch- lich zunehmen wird. Wichtig ist es unseres Erachtens, diese Entwicklung zu fördern. Eine Voraussetzung dafür ist es, den privat Pflegenden und den privat zu Pflegenden Sicherheit für ihr Tun zu geben. Drei wesentliche Bestandteile, die eine Akademie für private Pflege, wie wir sie anstreben. dazu beitragen kann, sind: • die Unterstützung bei der Entschei- dungsfindung, • die individuelle Entwicklung von Kompetenzen entsprechend den An- forderungen der privaten Pflege und • die kontinuierliche Begleitung wäh- rend der Pflege Argumente für eine Akademie für private Pflege Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden in den Familien gepflegt. Die Angehörigen übernehmen eine gewaltige Aufgabe und entlasten die Gesellschaft auf unschätzbare Weise. Gleichzeitig bringen sie ein wichtiges Maß Menschlichkeit in die Mitte un- serer Gesellschaft. Angehörige pflegen wird einfacher, wenn man über die richtigen Kompetenzen verfügt. Eine Akademie für private Pflege muss sich der Aufgabe widmen diese Kompeten- zen zu vermitteln. Um dem gerecht zu werden, muss die Akademie den Raum geben, sich mit folgenden Inhalten zu beschäftigen: • Organisatorisches, Raum, Zeit • Finanzielles • Rechtliches • Handwerkliches • Persönliches Die Akademie muss dabei stets die beiden Akteure, den Pflegenden und den zu Pflegenden einbeziehen und die Entwicklung im Laufe der Zeit beachten. Im Folgenden wollen wir zwei Herausforderungen für die zu gründende Akademie für private Pfle- ge herausgreifen: 1. Demografischer Wandel 2. Raum für die Person Wer braucht Pflege? Pflegebedürftig sind Menschen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behin- derung im Bereich der Körperpflege, der Ernährung, der Mobilität und der hauswirtschaftlichen Versorgung auf Dauer - voraussichtlich für mindes- tens sechs Monate - in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedür- fen. www.bmg.bund.de/themen/pflege/pflege- beduerftigkeit/pflegebeduerftigkeit.html 2013 hatten wir noch 2,6 Millionen Pflegebedürftige, 2030 werden es 3,5 Millionen sein. Die für diese Entwick- lung verantwortlichen Faktoren sind hinlänglich bekannt: die geburtenstarken Jahrgänge kom- men in ein Alter, in dem die Bedürf- tigkeit zunimmt, wir werden älter und die Statistik würde noch drama- tischer aussehen, wenn wir im Alter nicht gesünder wären als noch vor wenigen Jahren. Diese Zahlen wirken bedrohlich und sind geeignet uns in hohem Maße zu verunsichern. In zweierlei Hin- sicht wird die Verunsicherung in der öffentlichen Diskussion weiter geschürt: 1. das individuelle Risiko selbst Pfle- ge-“Fall“ zu werden und 2. die gesellschaftliche Last, die es zu tragen gilt. Der Nährboden für die Angst bezüg- lich des individuellen Risikos wird ge- speist vom Bild des pflegebedürftigen Menschen, der in einem Pflegeheim in seinem Bett liegend dem Treiben um und mit sich willenlos ausgesetzt ist. In unserer von Leistung geprägten Gesellschaft ist das eine grausame Vorstellung. Denken wir auch an die Vorbetrachtungen dieses Kapitels. Die gängigen Theorien wollen uns glauben machen, dass die gefühlte Autonomie eine zentrale Rolle für un- ser Wohlbefinden spielt. Interessan- terweise gibt es etliche Untersuchun- gen, die belegen, dass sich Menschen in höherem Alter wieder glücklicher fühlen. Vielleicht hängt die gefühlte Autonomie gar nicht davon ab, ob man selbstständig aufstehen kann. Vielleicht ist es ja in Ordnung, wenn man sich in den Rollstuhl helfen lässt und wenn man gepflegt wird. Vielleicht sollten wir unser Bild von Autonomie überprüfen. In jedem Fall müssen wir unser Bild von Pflege- bedürftigkeit genauer betrachten … Die Akademie für private Pflege Idee: Otmar Potjans, Günther Heil Text: Otmar Potjans Eine neue Qualität des Umgangs miteinander
  • 27. 27Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns vielleicht haben es die Menschen ja verdient, gepflegt zu werden. Der zweite Grund für unsere Verunsi- cherung wird mit den oben genannten dramatischen Zahlen bezüglich der Zunahme des Pflegebedarfs genährt. Schauen wir ins Jahr 2030: Knapp 30% mehr Menschen, die der Pflege bedür- fen, also 900 tausend Menschen mehr zu pflegen. Wer soll das leisten? Ein paar Zahlen relativieren dann die Gründe für Verunsicherung und die Angst, der Pflegebedarf könnte uns überfordern. Im sechsten Altenbericht der Bundesregierung steht dazu der folgende Absatz: „In Deutschland waren im Jahr 2007 etwa 2,25 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsrechtes (Statistisches Bundesamt 2008). Die Zahl der darüber hinaus auf regelmäßige Hilfe angewiesenen Personen beträgt hoch- gerechnet etwa 4,5 Millionen Menschen (Schneekloth und Wahl 2005). Dies hört sich nach viel an, dementsprechend wird das (höhere) Alter oftmals mit Pflegebe- dürftigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich tritt das Risiko der Pflegebedürftigkeit jedoch erst im hohen Alter verstärkt auf: Wäh- rend weniger als zwei Prozent der 60- bis 70-Jährigen Leistungen der Pflegeversi- cherung erhalten, sind es bei den 70- bis 75-Jährigen fünf Prozent, bei den über 90-Jährigen 61 Prozent. Das durchschnitt- liche Eintrittsalter ins Pflegeheim liegt bei 82,5 Jahren. 55,9 Prozent der älteren Menschen beziehen vor ihrem Tode keine Pflegeleistungen (59,1 Prozent der Männer und 49,3 Prozent der Frauen) (Rothgang u. a. 2008).“ Wer pflegt? Bezeichnend ist eine Aussage von Hermann Gröhe, Bundesminister für Gesundheit (Pflegen zu Hause, Ratge- ber für die häusliche Pflege), derzufol- ge rund zwei Drittel der Pflegebedürf- tigen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt werden. www.bundesgesundheitsministerium.de Ehrenamt wird wichtiger Bei der Betrachtung dieser Zahlen liegt auf der Hand, dass die Zahl der Pflegebedürftigen stetig und stark steigen wird – einfach, weil es mehr alte Menschen geben wird. Wird die- ser Entwicklung eine häusliche Pflege, wie wir sie heute kennen, standhalten können? Betrachtet man die Entwick- lung der Altersstruktur und die Ten- denzen, die im Bereich des privaten Engagements zu beobachten sind, ist anzunehmen, dass die Anzahl derer, die sich persönlich im Bereich der Pflege engagieren, in einem ähnlichen Verhältnis wächst, wie der Bedarf in der privaten Pflege. So wie es mehr Ältere gibt, wird es mehr Ältere geben, die sich in der Pflege engagie- ren. Manuel Slupina schreibt in dem BBE-Newsletter 08/2014 über ehren- amtliches Engagement im demografi- schen Wandel: „Zwischen 1999 und 2009 stieg die En- gagementquote der 65- bis 69-Jährigen von 29 auf 37 Prozent an, jene der über 70-Jährigen von 20 auf 25 Prozent. Zwar hat der überwiegende Teil der im Alter Engagierten seine freiwillige Tätigkeit schon vor Renteneintritt ausgeübt, doch nimmt inzwischen auch die Zahl derer zu, die sich im höheren Alter erstmals für die Allge- meinheit engagieren. Auch weitere Gründe sprechen für ein steigendes Engagement Älterer. In den kommen- den Jahren werden immer größere Jahrgänge von immer besser ausgebil- deten Menschen in Rente gehen. Viele von ihnen werden gesund, aktiv und vergleichsweise wohlhabend älter. Vor allem das Gefühl, im Kleinen die Gesellschaft mitzugestalten, ge- braucht zu werden und eine Aufgabe zu haben, bestätigt Ältere in ihrem Engagement. Schon jetzt ist der Anteil älterer Menschen im Ehrenamt beson- ders hoch. Der Anteil der Menschen über 60 Jahre, die ehrenamtlich tätig sind oder sich gern engagieren wollen, ist einer der am stärksten wachsen- den der Gesellschaft. Mehr als jeder Dritte dieser Altersgruppe ist bereits aktiv, besagt der Zweite Freiwilligen- survey der Bundesregierung.“ Alterssurvey Schwerpunkt „Tätigkeiten und Engagement“ Gesundheit, materielle Absicherung und vor allem Bildungsniveau sind eng verbunden mit der gesellschaft- lichen Partizipation der Älteren (z.B. im ehrenamtlichen Engagement). Bisher wies jede jüngere Generation von Älteren ein höheres Ausbildungs- niveau, eine bessere Gesundheit und eine bessere materielle Absicherung auf als ihre Vorgänger. Sie verfügte also über mehr Ressourcen für Akti- vität. Daher kann insgesamt auch mit einer stärkeren Beteiligung gerechnet werden. Zugleich ist zu erwarten, dass sich der Anspruch auf sinnvolle
  • 28. 28 Dokumentation Forschende Kunst 3 – Perspektiven des Alterns Tätigkeiten erhöht. Insofern kann man in diesen Bereichen der Zukunft durchaus optimistisch entgegense- hen. Alter schafft Neues, Bundesministeri- um für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 11018, Berlin www.bmfsfj.de http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/ Abteilung3/Pdf-Anlagen/kapitel5.9-taetig- keiten-und-engagement,property=pdf,be- reich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf Kurz, die zu Pflegenden werden älter und mehr, auch die privat Pflegenden werden älter und ebenfalls mehr. Die Herausforderungen für die private Pflege werden sich also stark verän- dern. Die Arbeit einer Akademie der privaten Pflege Die älteren pflegenden Menschen stehen nicht mehr im Beruf, die Doppelbelastung fällt weg, dagegen steht eine möglicherweise geringere körperliche Leistungsfähigkeit. Der mentale Abstand zwischen den Pfle- genden und Gepflegten wird geringer sein, das lässt auf besseres Verstehen zwischen den beiden Gruppen hoffen. Dem gegenüber steht möglicherweise eine geringere Flexibilität der Pflegen- den. Die privat Pflegenden werden älter, die eigene Nähe zum Tod ist stärker spürbar. Verluste werden anders wahrgenommen. Die Sinnfindung nach einem möglichen endgültigen Abschied von dem zu Pflegenden wird möglicherweise schwieriger. Die Frage, die eine Akademie der priva- ten Pflege beantworten muss, wird sein, wie ich mit „Alten“ Pflegenden umgehe. Haben alte Pflegende andere Bedürfnisse als Jüngere? Persönliche Reflektion für eine erfüllende private Pflege Die Frage nach den Bedürfnissen älterer Pflegender spielt eine wich- tige Rolle bei der Betrachtung des Raumes, den die Akademie eröffnen muss. Die Arbeit in diesem, Raum, der sich der persönlichen Kompetenzen der Teilnehmer annimmt, beginnt schon, bevor der Pflegende die Pflege übernimmt. Es gilt, den Pflegenden ebenso wie den zu Pflegenden in ihrer Entscheidung zu begleiten, ob eine private Pflege stattfinden soll oder nicht. Beide müssen sich das zutrauen. Es gilt Fragen der Motive zu klären, Konflikte - intrapersonelle ebenso wie interpersonelle - müssen entdeckt und geklärt werden. Auch geht es bei solchen Fragestellun- gen um die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen und Grenzen. Wir müssen uns mit Themen wie Abschied, Schmerzen und Aggres- sivität beschäftigen. Nach dem, was wir bislang über die Aufgabenstellung einer möglichen Akademie für private Pflege wissen,, ist ein zentraler Inhalt die Auseinandersetzung mit der eige- nen Sterblichkeit. Es gilt, Bereiche wie Ethik und Werte zu integrieren. Der Raum für persönliche Arbeit Im Raum für persönliche Arbeit streben wir einen methodisch entwi- ckelten Austausch zwischen Angehö- rigen an. Dabei möchten wir gezielt Lernprozesse und einen praxisorien- tierten Wissenstransfer etablieren: Die Erfahrungen von Pflegenden, die bereits den Verlust von geliebten Menschen erlebt haben, spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Anbindung von Peergroups oder moderierte Netzwerke. Von großer Bedeutung wird es sein, Pflegenden und zu Pflegenden den Kontakt untereinander zu ermögli- chen,. Es geht darum, mit der Welt des anderen in Kontakt zu treten, die- se anzunehmen und Verständnis für andere Perspektiven und Erfahrungen zu entwickeln - die Botschaften aus der Welt des anderen zu empfangen, wertzuschätzen und zu verstehen. Die Arbeit im Raum für persönliche Arbeit ist durch die Prinzipien des Dialogs geprägt. Neugier und das Wis- sen um die eigene Subjektivität sind dabei sehr hilfreich. Der ästhetische Prozess, wie er von Zentrifuge entwi- ckelt wurde, wäre prädestiniert für diese Arbeit. Sinnvoll wäre es in vie- len Fällen, von verbalen Auseinander- setzungen abzusehen und stattdessen kreative und konstruktive Methoden wie Malen, Tanzen, Schreiben oder Theater anzuwenden. Gerade mit den Möglichkeiten des Improvisations- theaters lassen sich aktuelle Themen hervorragend in Szene setzen und bearbeiten. Das Ziel, das wir mit einer Akademie für private Pflege Arbeit verfolgen ist es, die Authentizi- tät beider, der Pflegenden und der zu Pflegenden zu fördern. Wir möchten die Menschen dabei unterstützen, eigene Motive zu entdecken und für eigene Interessen einzutreten – an- dere Menschen in ihrer Empfindsam- keit wahrzunehmen ... als Menschen mit Bedürfnissen und Ängsten. Die Akademie für private Pflege will dazu befähigen, Menschen unabhängig von ihren Handlungen – allein von ihrem Dasein als lebende Wesen her - wert- zuschätzen. Diese Haltung erachten wir als grund- legend für eine für alle Beteiligten erfüllende Pflege. Eine solch Pflege könnte es ermöglichen, das Stigma, dass Bedürftigkeit bedeutet – nämlich Autonomie, Wirksamkeit und soziale Kontakte zu verlieren – zu überwin- den und aufzulösen. In den nächsten Monaten wird die Zentrifuge gemeinsam mit der Ge- meinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD mbH) das Konzept für eine Akademie für private Pflege ausarbeiten und die Möglichkeiten einer Implementierung bzw. Umset- zung eruieren. Interessenten wenden sich bitte an Otmar Potjans, E-Mail: otmar@o-potjans.de oder Günther Heil, E-Mail: kontakt@guenther-heil.de Gruppenübung aus dem Workshop