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Der Panther
                                   Ein Stück in fünf Szenen

                                       von Camila Appel

                                    Übersetzung: Olaf Raiss




© Zuckerhut Theaterverlag – Esche & Meermann GbR – München 2011
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht des öffentlichen Vortrags, Aufführung, oder
Verfilmung bzw. Übertragung durch Rundfunk oder Darstellung im Internet, auch einzelner
Textauszüge oder Textstellen.
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Ohmstraße 16                                  Web: www.zuckerhut-theaterverlag.com
2

80802 München                                E-Mail: post@zuckerhut-theaterverlag.com


Personen:

SIE und ER: beide etwa 30 Jahre alt

Die Anwesenheit des Panthers wird durch Geräusche wie Fauchen, Brüllen und
Schnurren sowie Licht- und Schattenspiel signalisiert.

Ort : Ein Supermarkt

Zeit: Gegenwart


                                          Prolog

                                       Der Panther

                              Im Jardin des Plantes, Paris

                        Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
                       so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
                          Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
                          und hinter tausend Stäben keine Welt.

                  Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
                      der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
                     ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
                       in der betäubt ein großer Wille steht.

                  Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
                   sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
                   geht durch der Glieder angespannte Stille -
                          und hört im Herzen auf zu sein.

                              Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris




                                                                                        2
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Szene 1: Einkauf im Supermarkt

Die Bühne ist bereits beleuchtet, wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt.
Das Bühnenbild: drei parallelen Gängen mit jeweils zwei Regalreihen, die mit Feinkost, Gartenartikel,
Hygieneartikel, Säfte, alkoholische Getränke, Gewürze, Süßigkeiten, Geburtstagsartikel usw. bestückt
sind. In der Mitte des dritten Gangs befindet sich ein Stand mit Gemüse.
Der Fußboden schimmert in glänzendem Weiß. Inwieweit der Raum ein realistisches Abbild eines
Supermarkts darstellt, bleibt der Regie überlassen, wichtig aber ist, dass er ein Gefühl der
Klaustrophobie vermittelt.
Der Supermarkt ist in ein weißes Licht getaucht. In der rechten Ecke der Bühne steht ein Hinweis-
schild AUSGANG. Es ist nicht eingeschaltet.
ER und SIE gehen an den Regalen entlang und wählen Artikel aus, die sie in einem von ihm
geschobenen Einkaufswagen legen. Beide sind elegant gekleidet wie für eine Abendgesellschaft.
Sie hat die Haare hochgesteckt und trägt keinen Schmuck um den Hals. ER und SIE tragen einen
Verlobungsring. Sie unterhalten sich so leise, dass man sie im Zuschauerraum nicht verstehen kann.
Gleich nach dem dritten Klingelton beginnt der Dialog.



ER:            Keine Chance... sie wird nicht überleben.

SIE:           Und was schlägst du vor.... sie in ein Zimmer einsperren?

Er:            (ironisch)   Wir könnten ein Gitter ums ganze Haus aufstellen.

SIE:           Ich hab wenig Lust in einem Gefängnis zu leben.

ER:            (zeigt auf bestimmte bunt verpackte Produkte im Regal)
               Wo ist denn da der Unterschied?

SIE:           Es muss eine andere Lösung geben.

ER:            Natürlich....wir ziehen in ein Apartment.

SIE:           Kommt gar nicht in Frage. Ich habe immer in einem Haus gelebt, was
               anderes kann ich mir nicht vorstellen. Zwei Jahre habe ich damit
               verbracht, uns ein Haus zu entwerfen ...wie kannst Du nur so was
               sagen?

ER:            (greift nach einer Schachtel, liest die Aufschrift leise murmelnd vor sich hin.)
               Eine Gratis-Reise zur Fußballweltmeisterschaft... ich bin dabei.
               (legt die Schachtel in den Einkaufskorb)
               Wenn wir sie freilassen, stirbt sie.

SIE:           Sie wird sowieso eines Tages sterben, vor uns, hoffentlich.
               Ich will lieber etwas mit weniger Kalorien.....

ER:            Die Sache ist doch ganz einfach: entweder wir wohnen in einem Haus
               und halten uns einen Hund oder wir leben in einer Wohnung und
               schaffen uns eine Katze an.
               Diese hier machen genauso dick, Du musst die Angaben über den
               Fettanteil nachsehen!


                                                                                                    3
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SIE:   Ich möchte einen Kater haben, in einem Haus, wo er absolut frei ist!

ER:    Hmm... wenn er frei herumläuft, hat er keine Überlebenschance.

SIE:   Merkst Du eigentlich, wie widersinnig das ist, was Du da sagst?

ER:    (überlegt kurz ....)   Wieso?

SIE:   Wieso muss man ein Tier gefangen halten, damit es überlebt?

ER:    Das ist nun mal so.

SIE:   Hmm... (kleine Pause)
       Komm, beeilen wir uns, wir haben nicht viel Zeit.
       Kann ich die Liste haben?

ER:    Bitteschön...
       (Er reicht ihr die Einkaufsliste, die sie nicht nimmt, sie ist ganz mit ihren Gedanken
       beschäftigt.)

SIE:   Ich bin so schrecklich unruhig. Ich weiß, alle machen das durch, oder
       fast alle - mein armes Tantchen, wenigstens hat sie es versucht, so
       viele Liebhaber, sie war immer.... fast am Ziel...
       Ich fühle es hier in der Magengrube, und es liegt nicht an der Abnehm-
       Diät, um in mein Hochzeitskleid zu passen, es ist liegt an dieser...
       Beklommenheit. Und was ist, wenn niemand kommt? Nein, das gibt es
       nicht, dass niemand kommt.

       (seufzt, ein wenig elegisch)

       Ich bin mit so einem komischen Gefühl aufgewacht... Heute ist einer
       dieser Tage, die so aussehen, als würde es den ganzen Tag lang
       regnen, und dann kommt der Regen doch nicht.
       Das Wasser ist da oben eingeschlossen, die Feuchtigkeit hängt schwer
       in der Luft.

       Sie nimmt ihm die Einkaufsliste aus der Hand.

ER:    Manche Leute bezeichnen dieses Phänomen als Wolken.

SIE:   Das kannst Du nicht verstehen, diese komische Kälte im Bauch, schwer
       zu beschreiben. Eine Art Vorahnung, dass etwas Großes passieren
       wird. Ich fühle regelrecht, wie es sich nähert.... und ich weiß, ich bin
       bereit. Ich bin bereit für den großen Knall!

ER:    Ich kenne dieses Gefühl seit meiner Kindheit, aber bis jetzt ist noch kein
       großer Knall eingetroffen ...

SIE:   Nur noch eine Woche, Schatz....

       Sie reicht ihm eine Flasche Cranberrysaft für den Einkaufswagen.



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SIE:   Hier. Ach, lass uns noch zwei von diesem Saft nehmen.

ER:    Ist das dieser Super-Saft?

SIE:   Cranberry soll sehr gesund sein.

ER:    So ähnlich wie Johannisbeere, wer sagte das noch?

SIE:   Meine Ärztin. Dr. Wanja.

ER:    (irritiert)   Deine Frauenärztin?

SIE:   Ja! Die Beeren enthalten kleine antioxidierende Tierchen.

ER:    Werde ich nie kapieren, was es damit auf sich hat...
       Aber lass die Säfte jetzt, die nehmen viel zu viel Platz im
       Einkaufswagen und machen ihn langsamer. Wenn Du nachher an der
       Kasse in der Schlange stehst, hol ich noch ein paar Flaschen.

SIE:   Immer perfekt durchorganisiert!

ER:    Man muss eben einen Plan haben, das erspart Zeit und Platz.
       Jetzt das Gemüse.

SIE:   Lass uns noch ein paar Tomaten mitnehmen, ich finde, Du hast
       zu wenig gekauft.

ER:    Tomaten sind schon auf dem Weg!

       Kurzer Sprint mit dem Wagen.

SIE:   Warte auf mich, mein Leopardentier!

       Sie packt ihn am Arm.

ER:    Leopardentier? Öfter mal was Neues...

SIE:   Wir sollten uns ganz besondere Kosenamen geben, die nur uns
       gehören.

ER:    Aha, die Zeit der gewöhnlichen Kosenamen ist vorbei?

SIE:   Weißt Du... ich suche was Intimes.

ER:    Das findest Du in Gang 8...meine Süße.

SIE:   Meine Süße....das klingt so was von abgedroschen.

ER:    Kann ich mal die Liste haben, mein Schmetterling.

       Sie reicht ihm die Liste.
SIE:   Schmetterlinge sind so fragil, ihr Leben dauert nur einen Tag.

                                                                        5
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       Unsere Liebe ist stark und hält ewig!

ER:    (wirft einen Blick auf die Liste)
       Sechs Rollen Toilettenpapier? Wir sollten nur das einkaufen, was für
       unsere Gäste heute noch fehlt! Wir müssen uns beeilen. Du hast sogar
       Katzenfutter aufgeschrieben für den Kater, den wir noch gar nicht
       haben.

SIE:   Genau! Das ist es! Ich werde dich Miezekater nennen, mein
       Miezekater...

ER:    Wie weiß ich dann, ob Du ihn oder mich meinst?

SIE:   Ihn nenne ich Igor.

ER:    Das Katzentier trägt einen Menschennamen, der Mensch wird mit
       einem Tiernamen gerufen.

SIE:   (sie holt eine Tafel Kuvertüre aus einem Regal)

       Reicht der Nachtisch für alle?

ER:    Na locker.

SIE:   Ah, trotzdem nehme ich die noch mit. Ich will Dir nämlich einen Kuchen
       backen.

       Sieht ihn bedeutungsvoll an, will seinen Lieblingskuchen backen..

       Ganz schön crazy, oder?

ER:    Es gibt darüber schon wissenschaftliche Studien.

SIE:   Über was?

ER:    Wie Paare nach der Hochzeit zunehmen, weil sie sich gegenseitig ihre
       Lieblingsspeisen vorsetzen, um dem Partner etwas Gutes zu tun.
       Meistens nimmt die Frau dabei mehr zu als der Mann.

SIE:   Spielverderber... ich wollte Dir nur eine kleine Freude machen ....wie
       stehe ich jetzt da...

ER:    (sinniert noch über die Studie)
       Es stimmt tatsächlich, dass....

SIE:   (legt die Kuvertüre in den Einkaufswagen)   Komm mit!

       Sie gehen zum Gemüsestand. Sie nimmt eine Karotte in die Hand.

ER:    Ich hab´s, du bist jetzt mein Häschen.

SIE:   Dabei mag ich Karotten gar nicht so gerne.
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ER:    Hasen bekommen einen Haufen Junge...

SIE:   Na und?

ER:    (legt seine Hand auf ihren Bauch)

       Lauter kleine süße Junge in diesem wunderschönen Bäuchlein.

       Sie nimmt seine Hand von ihrem Bauch und legt Tomaten in eine durchsichtige
       Plastiktüte.

SIE:   Na, dann nenn mich doch gleich Henne, wenn es das ist,
       was ich ab jetzt machen werde, nämlich Eier legen.

ER:    Aber Du bist ja nicht irgendeine Henne... Du bist meine appetitliche,
       gebräunte, saftige Henne.

SIE:   Ich kann Hähnchen nicht leiden, und schon gar nicht Grill-Hähnchen.

       Sie legt die Tomaten in den Einkaufswagen, dabei lässt sie die Plastiktüte offen. Sie
       nimmt die Liste aus seiner Hand, holt einen Kuli aus ihrer Tasche und streicht
       "Tomaten" durch.

       Ein tolles Gefühl, die einzelnen Posten auf der Einkaufslisten
       durchzustreichen. Ein Gefühl von: Auftrag erledigt. Noch etwas Sauce
       fürs Fleisch.

ER:    Noch mehr?

SIE:   Es darf Deiner Familie an nichts fehlen.

ER:    Du hast Recht. Also, kommt auch in den Wagen...

SIE:   (unterbricht ihn)

       Ach, warte mal, ich brauch noch ein Deo.

ER:    Der Senf für die Sauce steht hier... Du hast doch nicht vor,
       ausgerechnet heute alles für deine einfachen Grundbedürfnisse zu
       besorgen, oder? Sie stehen jetzt vor dem Senfregal.

SIE:   Meine Grundbedürfnisse sind auf keinen Fall einfach. Nimmst Du
       normalerweise diesen Senf?

ER:    Genau.

       Er legt zwei Senftöpfchen in den Wagen und nimmt ein Glas mit Sauce in die Hand.

SIE:   Schau mal, eine Fertigsauce, ist im Angebot. Kann man für den
       Notfall gut gebrauchen.


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ER:    Ich mag diese Sauce nicht.

SIE:   Ach, das ist ja diese Sauce, die sich in Deinem Magen zu Glibber
       verwandelt.

ER:    Du bist doch diejenige, die sich beschwert, dass man diese Sauce nur
       mit einem Special Effect aus dem Glas herausbekommt. Darum hast Du
       sie ja auch vom Menu gestrichen.

SIE:   Vom heutigen Menu?

ER:    Nein... von unserem Hochzeitsmenu.

SIE:   Von unserem Hochzeitsmenu, mein Honigkuchen?

ER:    Ja, meine Zuckerwatte, von unserem Hochzeitsmenu. Und bitte
       Schluss damit, ich komme mir schon lächerlich vor.

       Sie legt die Sauce in den Wagen. Er bemerkt es nicht.

SIE:   Die Liebe ist nun mal lächerlich, komm her, mein Verlobter...

       Sie küsst ihn auf die Wange.

ER:    Wie das wieder klingt... mein Verlobter. So ein Zwitterding, weder
       Junggeselle noch verheiratet. Weder glücklich noch elend. Ich befinde
       mich in einem Zustand des Nichts. Im Wörterbuch müsste unter
       Verlobter stehen: jemand in einer Dauerwarteschlange; Person im
       permanenten Schwebezustand.

SIE:   Ich habe das Menu nicht verändert. Mutter ist dafür verantwortlich.

ER:    Mutter? Habe ich was nicht mitgekriegt? Ist das irgendein Codewort?

SIE:   Ich nenne sie gerne Mutter, unsere Mutter. Natürlich wäre meine
       Mutter verantwortlich gewesen, ich weiß. Wenn sie noch
       am Leben wäre. Können wir jetzt das Deo holen?

ER:    (nimmt ein Schwung Kerzen aus dem Regal)
       Kannst Du kurz warten? Ich wollte hier so paar Dinger mitnehmen...

SIE:   Hol dir die paar Dinger.

ER:    Eine Überraschung für dich...

SIE:   Hm.... Candlelight-Dinner oder Schaumbad bei Kerzenlicht?

ER:    Wie gesagt, eine Überraschung.

SIE:   Okay, schon gut, ich lass dir deinen Raum. Sogar im Supermarkt
       braucht er die schützende Hülle seiner Privatheit.


                                                                               8
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       Sie geht zu Gang eins und nimmt einen Fertigkuchen, den sie unter den anderen
       Artikel versteckt. Sie kommt mit mehreren Rollen von Toilettenpapier zurück.

       So. Das durfte nicht fehlen.

ER:    So viel? Das reicht ja für eine Weltumseglung.

SIE:   Wer von uns beiden weder Zeit noch Platz optimal nutzt, bist nämlich
       Du. Wenn ich etwas zu erledigen habe, gehe ich es sofort an. Du
       hingegen verzettelst Dich mit tausend überflüssigen Handgriffen und
       brauchst ewig und drei Tage... Frauen haben eben viel feiner
       eingestellte sensorische Felder als Männer.

ER:    (spöttisch und leicht gereizt)   Aha... die Männer, verstehe.

SIE:   Wo bleibt dein Sinn für Humor? Das Einkaufen im Supermarkt ist
       langweilig, ich weiß. Komm her, ich bringe deine Augen wieder zum
       Leuchten.

       Sie legt zwei Tomaten mit sternenförmigen Blättern am Stiel auf seine Augen, die jetzt
       wie leuchtende Sterne aussehen. Sie trällert den Hochzeitsmarsch, schreitet feierlich
       hinter ihm wie zum Altar, wobei sie die Tomaten vor seine Augen hält. Er geht
       unsicher voran, als wäre er blind. Schließlich bleiben beide stehen.

SIE:   Ach, Schluss damit. Wer hat denn schon Zeit sich hier drinnen
       stundenlang aufzuhalten? Möchte ich es mit oder ohne Salz, mit zwei
       Gewürzkörnern oder mit sieben? Überfahre ich dieses kleine Mädchen
       heute oder doch lieber morgen? Lisa ist mal mit ihrem Einkaufswagen
       über den Fuß einer alten Dame gefahren, der Wagen war voller
       Milchtüten.

ER:    Mit wem kommt sie auf die Hochzeitfeier?

SIE:   Warum?

ER:    Ich hatte überlegt, sie Serge vorzustellen.

SIE:   Ah. Glaubst Du, sie würde ihm gefallen?

ER:    Na klar!

SIE:   Wieso na klar? Weil sie so sexy ist?

ER:    Hummm ...ja... könnte ein Grund sein.

SIE:   Jedenfalls wird sie toll aussehen. Sie hat extra ein Kleid nur für diese
       Gelegenheit machen lassen.
       Das Modell heißt Tattoo. Rate mal warum?

ER:    Man kann es nicht ausziehen?

SIE:   Nein, Dummerchen, weil es so eng anliegt, dass es förmlich am

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       Körper klebt. So eng wie eine zweite Haut: ein Tattoo eben.

ER:    Hmm... nicht schlecht.

       Sie streicht mit ihren Händen über die Gewürzdosen, sucht nach etwas Bestimmten.
       Beugt sich herunter zum untersten Regal.

SIE:   Was haben wir denn da? Den besten Pfeffer der Welt.

       Sie richtet sich auf und hält das Produkt in der Hand.

ER:    (noch in Gedanken)   Ja, diese prallen rosigen.... Pfefferbeeren.

SIE:   Ein richtig tolles Produkt....wer stellt sonst noch heutzutage Bio-Pfeffer
       her? Den möchte ich sehen, der genauso wie Du den Mut hat,
       organische Gewürze in Projekten herzustellen, in denen der Boden mit
       natürlichen Mitteln gepflegt wird.

ER:    Genau! Den möchte ich mal sehen!

SIE:   Ist bisschen teuer, oder?

ER:    Nein. Die Verkäufe gehen zurück, ich kann die Marge nicht verkleinern.
       Blöd ist nur, dass der Kunde sich bücken muss, um an das Produkt
       ranzukommen.

SIE:   Wo liegt das Problem?

ER:    Die meisten Einkäufe werden einfach spontan entschieden. Der Kunde
       schaut nur in die unteren Regale, wenn er eine bestimmte Marke sucht.

SIE:   Ich habe nach einer bestimmten Marke gesucht.

ER:    Weil Du das Design entworfen hast.

SIE:   Damit Du sie verkaufen kannst.

ER:    Danke, mein Schatz.

SIE:   Mein Schatz ist abgeschmackt, findest Du nicht, mein Engel?

ER:    Mein Engel, mein Schatz – geht beides nicht. Und Leopardentier ist
       out. Meine Süße klingt irgendwie gewöhnlich, mein Schmetterling, na
       ja, etwas ... fragil.
       Siehst Du hier?

SIE:   Bleiben wir dann bei Meiner und Meine.

ER:    Was? Meiner und Meine?

SIE:   Ich nenn' Dich Meiner und Du nennst mich Meine.


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ER:    Okay! Dein Vater wird begeistert sein, wenn ich Dich Meine nenne.
       Und das bist Du auch, ganz meine. Komm her.

       Er umarmt sie besitzergreifend.

SIE:   Drück mich nicht so fest, ich muss pinkeln.

       Er lässt los.

ER:    Dann geh doch aufs Klo.. .

SIE:   Ja..

       Sie schaut sich um, als stimmte etwas nicht.

       Meinst Du, es gibt hier eine Toilette?

ER:    Na klar. Angestellte müssen auch mal.

SIE:   (versucht sich zu entspannen)
       Okay, Meiner, pass auf den Einkaufswagen auf, ja?

ER:    Es wird schon keiner den Wagen klauen, Meine..

SIE:   (schaut sich um)
       Ja... es wimmelt nicht gerade vor Menschen. Ich sehe absolut
       niemanden.

       Sie verschwindet nach hinten. Er schaut sich um, ob jemand ihn beobachtet und
       vertauscht die Produkte der Konkurrenzfirma mit seinen. Dabei legt er seine Produkte
       in ein Regal auf Augenhöhe.
       Sie kommt zurück, beobachtet ihn, wie er die Produkte vertauscht. Er dreht sich um.

ER:    Alles okay?

       Sie wie gebannt, erschrocken.

SIE:   Ich habe niemanden gefunden.

ER:    Wie?

SIE:   (flüstert)   Außer uns beiden ist hier keiner.

ER:    Tatsächlich, Du hast recht!

SIE:   Gehen wir?

ER:    Moment, ich seh mal nach.

SIE:   Bitte nicht...

ER:    Wart eine Minute.


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SIE:       Bestimmt ist etwas Schlimmes passiert. Ich ruf' Deine Mutter an.

           Er verlässt die Bühne. Sie greift nach dem Handy in ihrer Tasche. Sie bekommt
           keinen Empfang, der Anruf kann offenbar nicht aufgebaut werden. Sie geht durch den
           Supermarkt und probiert andere Stellen aus, um einen Empfang zu bekommen. Wird
           immer nervöser. Sie nimmt die Produkte aus dem Wagen, legt sie auf den Boden. Sie
           schaut auf den Kuchen. Sie steigt in den Wagen um aus der Höhe, Netz zu
           bekommen. Versucht das Gleichgewicht zu halten, der Einkaufswagen wackelt. Er
           kommt zurück.

ER:        Was machst Du da?

SIE:       Das Handy geht nicht.

ER:        Bist du wahnsinnig, steig da runter, Du wirst noch herunterfallen!

SIE:       Hast Du jemand gefunden?

ER:        Nein, niemanden.

SIE:       (klettert aus dem Wagen)   Lass uns gehen.

ER:        Es ist Samstagabend, der Supermarkt schließt erst um elf.

SIE:       Wahrscheinlich ist jemand berühmtes gestorben... komm schon.

ER:        Sollen wir den Einkaufswagen einfach stehen lassen?

SIE:       Ja doch.

ER:        (nimmt ein Töpfchen Senf)   Aber fehlte nicht noch was?

           Sie geht von der Bühne. Er legt den Senf in den Wagen und holt eine Kerze heraus.

ER:        (verärgert)   Ach.. und ich hatte doch noch eine Überraschung für Dich.

           Er wirft die Kerze in den Wagen und verlässt die Bühne. Das Licht wird herunter-
           gefahren, nur noch die ihre Umrisse und die des Raumes sind zu erkennen.




Szene 2: Gefangen im Supermarkt

           Sie und Er beginnen bereits hinter den Kulissen zu reden. Während sie die Bühne
           betreten, geht das Licht langsam an.

SIE:       Das ist ja 'n Ding! Wie können die uns hier einfach einschließen?

ER:        Keine Ahnung.

           Sie kommen auf die Bühne. Licht ist voll an.

SIE:       Das gibt´s doch gar nicht, hast Du schon mal so was erlebt?


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ER:    Ehrlich gesagt, nein...

SIE:   Mensch, verdammt noch mal, tu doch was!

ER     Ich, äh...

SIE:   ... Du bist handlungsunfähig, das seh' ich.
       (schreit zur Decke hinauf)
       Halloooo! Hallooo! Ist da wer?

ER:    Beruhig' Dich, Liebes, so schlimm ist die Situation wieder nicht.

SIE:   Wie, nicht so schlimm!? In Kürze warten dreißig Personen auf
       Dein großartiges Abendessen und wir sind hier drinnen eingeschlossen!

ER:    Ich schau' mal nach, ob der hintere Eingang noch offen ist.

       Er will gehen, hört sie schreien, kommt zurück.

SIE:   (ruft in den Raum des Supermarkts hinein)
       Hallooo, Hallooo, ist da wer? Hallooo!

ER:    Es wäre besser, das Handy zu benutzen.

SIE:   (holt tief Luft)   Gibst Du mir Deins? Meins geht nicht.

       Er holt sein Handy aus der Hosentasche, gibt es ihr, geht nach hinten. Sie klettert in
       den Wagen, versucht erneut, einen Empfang zu
       bekommen. Sie wählt, aber nichts tut sich.

SIE:   So ein Scheiß! Klappt nicht.

       Es geht einfach nicht. Mist.

       Hallo, ist da wer?

       Sie schiebt sich bis vorne an die Bühne. Sie reckt das Handy in Richtung Publikum,
       starrt auf das Display.

       Hier rührt sich nichts. Ahhh! Hallo! Ist da jemand?

       Sie setzt sich in den Wagen, umklammert ihre Beine, hält sein Handy in der Hand.
       Sie liest die Nachrichten auf seinem Handy. Ihre Miene verfinstert sich, während sie
       die Nachrichten liest. Er kommt herein. Sie gibt sich gelassen, verstaut sein Handy in
       ihre Tasche.

SIE:   Und..?

ER:    Nichts.

SIE:   (spöttisch)   Nichts...

ER:    Ich hab keine der Türen aufgekriegt...

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SIE:   (unterbricht ihn)   Du kriegst wohl nichts auf die Reihe, oder?!

ER:    Was soll das jetzt heißen? Ist doch nicht meine Schuld. Wir kommen
       halt im Moment nicht hier raus.

SIE:   Das gibt es doch nicht. Du hast einfach keinen Ausgang gefunden.
       Wenn Du uns nicht einmal aus so einer einfachen Situation ...sie ist ja
       nicht so schlimm, deine Worte ... wie diese rauskriegst, dann möchte
       ich mal wissen, wie wird es dann, wenn....

ER:    (unterbricht sie)   So einfach ist sie wieder nicht...

SIE:   ... ich möchte mal wissen, wie es sein wird, wenn wir Kinder haben ...

ER:    Freie Assoziation, was?.. Von eingeschlossen im Supermarkt auf
       Kinderkriegen...

SIE:   Darüber möchte ich jetzt nicht diskutieren.

ER:    Das fehlte auch noch...

SIE:   (schweißgebadet)Liebling, ich habe furchtbare Panik ... in solchen
       Situationen. Es dreht sich mir alles, ich glaube, ich werde ohnmächtig.

       Er massiert ihre Schultern. Sie sitzt noch im Wagen. Sie atmet tief durch, entspannt
       sich etwas.

ER:    Beruhig Dich doch ... so kenn ich Dich gar nicht.

       Sie fischt eine Tablette aus ihrer Handtasche.

       Wofür sind die?

SIE:   Für irgendwas.

       Sie schluckt die Tablette.

       Wie kommen wir hier raus?

ER:    Hast Du jemanden erreicht?

SIE:   (immer noch in Angstschweiß)     Ich bekomme keinen Empfang.

       Sie schaut sich um, Platzangst steigt in ihr hoch.

       Mannomann ...

ER:    Das ist psychologisch. Wir sind schon eine Weile hier und Dir war kein
       bisschen schlecht. Wen hast Du versucht anzurufen?

SIE:   110

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ER:    Soll ich mich vor der Polizei blamieren? Hör auf, so neurotisch zu sein!

SIE:   Bitte nicht.

ER:    Tut mir leid.

SIE:   Warum gehst Du nicht zur Kasse und suchst irgendeinen
       Notschalter?

       Er geht nach hinten, ist für das Publikum noch sichtbar.

ER:    Okay.

SIE:   (nimmt das Handy aus der Tasche)    Ich schau mal, ob es jetzt geht.

ER:    Mist.. ich seh´ keinen Knopf.

SIE:   Ahh... dieser Schwindel. (ruft ihm zu)
       Mit Sicherheit gibt es einen Knopf für Notrufe, irgendeinen roten,
       Anti-Dieb-Knopf, Notfall eben, Dummkopf.

ER:    Ah... ich versuch' mal diesen hier. Aha... jetzt leuchtet ein Knopf an der
       Kasse auf.... wahrscheinlich ein Alarmsignal.

SIE:   Beeil Dich, Du lahme Ente! Mir ist wirklich schlecht!

ER:    Ruf doch Deine Doktor Wanja an... hm?

SIE:   Was?

ER:    (lauter)   Frau Doktor Wanja!

SIE:   Was hat meine Frauenärztin damit zu tun?

ER:    Sie scheint wohl Deine Ansprechpartnerin für alle Problemchen zu sein.
       Du rennst doch ständig zu ihr.

SIE:   Sie ist sogar noch mehr als das. Hast Du den Knopf endlich gefunden?

ER:    Viele verschiedene, aber keinen, der uns nützt.

       Er kommt mit einem Radio zurück.

ER:    Ihr beide habt wohl kleine Geheimnisse miteinander?

SIE:   Wer von uns beiden hat hier Geheimnisse! Du bist es, der hinter
       meinem Rücken Pläne schmiedet. Ich erfahre immer alles als Letzte.

ER:    Aber... Meine.

SIE:   (zeigt auf das Radiogerät)   Und was ist das jetzt!
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ER:    Genau das, was es zu sein scheint. Was hast du eben gemeint?

SIE:   (steigt aus dem Einkaufswagen)
       Ich habe eine interessante Nachricht auf Deinem Handy gelesen.
       Serge ist total happy, weil Du ihm Lisa vorstellen möchtest.
       Du hast ihm einfach so geschrieben, ohne mich zu fragen.
       Was hast Du mit diesem Lautsprecher vor?

ER:    Was ist daran so schlimm, dass ich die beiden miteinander bekannt
       machen will? Und das hier ist... ein Radio.

       Er stellt das Radio auf den Boden und versucht einen Sender einzustellen.

SIE:   "Sie ist genau Dein Typ, es kann nichts schiefgehen".
       Hast Du geschrieben.

ER:    Seit wann schnüffelst Du in meinem Handy herum?

SIE:   "Es kann nichts schiefgehen" .... Deiner Meinung kann ihr kein Mann
       widerstehen, oder?

ER:    Bitte!

SIE:   Stimmt doch ... sie sieht wirklich gut aus. Alle machen ihr große Augen,
       Männer wie Frauen. Lisa vor dem Altar im sexy roten Tatto-Kleid....
       neben der Braut im keuschen Weiß. Was werden Deine Freunde dazu
       sagen?

       Mit veränderter Stimme.

       Aber Hallo, dem geht´s gut...ha, mit so einer besten Freundin, würde
       sogar ich vor den Traualtaltar treten.

ER:    Was für ein Scheiß...

SIE:   (beachtet ihn nicht)   Hmpf...

       (Panikattacke. Zu sich selbst)

       Ahh... mir läuft der kalte Schweiß herunter. Soll ich noch eine nehmen?

ER:    Ich hab´s, hier, ein Sender.

SIE:   Nachrichten?

ER:    Übertragung einer evangelikalen Messer. Ich dreh mal vorsichtig
       weiter.... vielleicht kriege ich was anderes rein.

SIE:   Deine Mutter hört gerne religiöse Sendungen.

ER:    Sie mag die Musik, gibt ihr Auftrieb, sagt sie.

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SIE:   Sie hab ich angerufen, nicht die Polizei. Deine Mutter ist die Nummer 1
       in meiner Kurzwahlliste.

ER:    (erinnert sich, dass ihre Mutter bereits gestorben ist)
       Ja, mein Schatz, ich weiß. Umarmt sie.
       Geht es Dir besser? Es dauert nicht mehr lange, dann kommt jemand
       und holt uns hier raus...

SIE:   Sie hat mir sogar gesagt, was für eine verständnisvolle und großzügige
       Frau ich bin, weil es mir nichts ausmacht, wie viele tolle Freundinnen
       Du hast.

ER:    Ach... fang doch nicht mit dieser Eifersucht an. Du musst lernen, Dich
       unter Kontrolle zu haben.

       Er hebt das Radio hoch.

SIE:   Richtig, Kontrolle haben. Mit wem gehst Du aus, wohin gehst Du, wann
       kommst Du nach Hause.

ER:    Zum Henker noch einmal, es funktioniert nicht.

       Schleudert das Radio zu Boden.

       Er vernimmt ein lautes Geräusch, das nicht vom Aufprall des Radios auf den Boden
       herrührt.

       Hast Du gehört?

SIE:   Wie Du Dein hervorragendes Werkzeug kaputt gemacht hat?
       Was nicht zu überhören. Unseren einzigen Kontakt zur Außenwelt.

ER:    Irgendjemand ist hier...warte...

       Er geht zu Korridor 3, hört befremdliche Geräusche. Er ist unentschlossen, was er tun
       soll, bleibt regungslos stehen. Er hört Geräusche, die nur für ihn vernehmbar sind. Er
       ist ratlos.

SIE:   Lass mich nicht allein hier... mir ist so übel...

       Sie schaut umher und bemerkt, dass niemand bei ihr ist. Schlingt die Arme um sich,
       als ob sie friert. Klettert schließlich in den Einkaufswagen und schiebt sich durch den
       Korridor, während sie spricht. Die Leute im Zuschauerraum erscheinen ihr wie
       Geister... sie nimmt deren Gesichter nur wie Schatten wahr.

SIE:   Heute morgen, beim Aufstehen, da ging es mir schon nicht gut.
       Ich weiß, dass Du Dich von mir abwendest, wenn ich so bin. Warum
       mach' ich das nur?

       Sie senkt den Kopf. Er kommt zurück.

ER:    (nervös)   Du wirst es nicht glauben.

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SIE:       (in schmeichelndem Ton)   Du umarmst mich?

ER:        (ungeduldig) Dazu ist jetzt nicht die Zeit. Hier ist noch jemand. Hat so ein
           komisches Geräusch von sich gegeben. So... einfach seltsam, ich
           konnte es nicht identifizieren. Glaubst Du mir?

SIE:       (hört kaum zu)   Ja.

ER:        Tu doch was, sitz nicht so rum wie ein Häufchen Elend.

SIE:       Jetzt schieb doch nicht Deine eigene Inkompetenz auf mich!

ER:        Also... Du bist doch Wonder Woman, oder? Sagst Du doch immer.
           Jetzt zeig mal Deine übernatürlichen Fähigkeiten.

SIE:       (schreit)   Ha! Wonder Woman war Lisas Spitzname. Ich war Catwoman!

ER:        Mann, jetzt geht das los... beruhig Dich doch.

SIE:       Catwoman! Du hast sexuelle Fantasien mit Wonder Woman.
           Du ziehst sie mir vor. Gib´s zu!

ER:        (ruhig) Ja... stimmt. Ich habe wirklich sexuelle Fantasien mit
           Wonder Woman.

           (brüllt) Und es ist Lisa!

           Sie hören das Brüllen des Panthers.
           Sie geraten in Panik, verstecken sich. Das Licht ist jetzt gedimmt. Nur die Umrisse der
           Dinge und der beiden Personen auf der Bühne sind sichtbar. Er bewegt seine Kopf,
           sucht etwas. Sie ist wie gelähmt.



Szene 3: Der Panther

           Beide atmen angestrengt. Das Licht ist immer noch gedimmt.

SIE:       Was war das?

ER:        Keine Ahnung.

SIE:       Was denn?

ER:        Pscht! Sei still!

           Beide verstummen, der Panther schnurrt.

SIE:       Verdammte Scheiße, ist hier etwa ein Tier?

ER:        Hört sich wenigstens so an.


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SIE:   Hier drinnen ist ein Tier!
ER:    Sch-sch!

       Der Panther verstummt. Die Lichter blenden auf.

       (richtet sich auf)   Komm.

SIE:   Bist Du verrückt?

ER:    Es ist hinten im Supermarkt. Hör doch mal.

       Kleine Pause, sie lauschen dem Geräusch, "Hund, der den Müll durchwühlt".

       Es ist da wo das Fleisch ist.

SIE:   (richtet sich ebenfalls auf)

       Es ist ein wildes Tier, es ist bestimmt ein wildes Tier.
       Wer macht denn solche Geräusche?

ER:    Wir müssen uns schützen. Falls es zurückkommt.

SIE:   Zurückkommt? Warum zurückkommt?

ER:    Tiere greifen nur aus Hunger an, oder um sich zu verteidigen.

SIE:   Dahinten gibt es Fleisch für Monate.

ER:    Einige greifen aber einfach nur so aus Spaß an.

       Sie steigt in den Wagen, schiebt sich bis zum Fenster.

SIE:   Hilfe! Hilfe!

       Er rennt auf sie zu, presst seine Hand auf ihren Mund.

ER:    Mensch! Hör auf, du machst es nur aufmerksam auf uns. Tiere greifen
       auch an, wenn sie Angst wittern. Sie riechen förmlich die Angst. Sie
       gehen zuerst auf die Schwächsten los. Du musst vorsichtig sein!

SIE:   (nimmt seine Hände von ihrem Mund)    Und die Schwächste hier bin ich, oder?

ER:    Hilf mir, einige Kisten zu holen. Wir müssen uns verschanzen.
       Sie stapeln Kisten aufeinander, bilden einen kleinen Kreis, in dem zwei
       Leute hineinpassen.

SIE:   Ihr Blick durchdringt dich wie Röntgenstrahlen. Sie spüren sofort,
       wenn du deine Angst verbirgst. Sie können deine unterdrückte Angst
       ganz deutlich sehen.

ER:    Danke, meine Liebe. Wir werden uns eine Waffe basteln.
       Tiere haben Angst vor Feuer.

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       Sie hören weitere Geräusche, die aus der Tiefe des Supermarkts tönen.

SIE:   Im Gang nebenan gibt es Spiritus. Bei den Reinigungsartikeln.

ER:    (geht gedanklich sämtliche Rettungsmöglichkeiten durch)

       Okay.

SIE:   Man kann hier einen Durchgang machen.

       Sie nimmt einige Produkte aus dem Regal für einen Durchgang zu Gang 1.

ER:    Gut gemacht, klasse..
       Ich kriech bis rüber zum anderen Gang und reich' Dir einen
       Gummiwischer, einen Stiel und ein Feuerzeug. Du wickelst den Lappen
       um den Gummiwischer, tränkst ihn mit Alkohol und bereitest Dich aufs
       anzünden vor. Alles klar?

SIE:   Alles klar.

       Er kriecht durch den Durchgang, sie hält ihn kurz am Arm fest.

       Schön, wie Du die Situation in die Hand nimmst.
       Du bist mein Mann.

ER:    Pass auf, keine plötzlichen Bewegungen und rühr Dich bloß nicht von
       der Stelle.

       Er kriecht durch den Durchgang zu Gang 1. Reicht ihr nacheinander einen Gummi-
       wischer, einen Lappen, einen Stiel, eine Flasche mit Alkohol. Sie schraubt den Stiel an
       den Gummiwischer, wickelt einen Lappen drum herum, tränkt ihn mit Alkohol. Er
       kriecht zurück zu Gang 2. All dies geschieht in großer Hast. Es kann Musik dazu
       geben.

       (will sich Mut zu machen) Klappt    doch ausgezeichnet.

       Jetzt in unsere Festung und den Eingang dichtmachen.

       Sie gehen rein. Es ist sehr eng; sie können sich kaum bewegen.

SIE:   Okay, ich bin bereit, das mach ich. Gibst Du mir das Feuerzeug?
       Oder...nein, ich schaff´s doch nicht. Zünd Du es an.

       Sie reicht ihm den Gummiwischer.
       Er sieht sie erschrocken an, rührt sich nicht.

       Das Feuerzeug!

       Er sieht zu Boden.

       Du hast das Feuerzeug vergessen?


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ER:            Arschkarte.

               Sie hören weitere Geräusche. Der Panther tief hinten im
               Supermarkt wühlt in den Waren.

SIE:           Du bist ein Idiot! Scheiße noch mal, verdammte.

ER:            Drüben gab´s kein Feuerzeug!

SIE:           Ich muss hier also alles machen.
               Was erschrickt wilde Tiere am meisten?

ER:            Wir könnten...

SIE:           (spöttisch)   Was könnten wir....?

ER:            Feuer, zum Beispiel...

SIE:           Aha!

ER:            Nicht aufregen! Feuer, Wasser! Wo steckt dieser Saft?

SIE:           (greift nach dem Saft)    Hier..

               Sie öffnet die Flasche.

ER:            Wenn es sich nähert, schleudern wir die Flasche in seine Richtung und
               jagen es in die Flucht...

SIE:           (hämisch)     Ach ja? Und dann ist es verschwunden, oder?

ER:            Lärm! Das ist es. Schau mal nach, ob hier irgendwas gibt, was Krach
               macht.

Der Panther schnurrt. Sein Schatten gleitet langsam an der Wand vorbei, es geht keine Bedrohung
von ihm aus. Sie wirft den Cranberrysaft in die Richtung des Schattens. Der Schatten krümmt sich und
verschwindet schlagartig.

SIE:           Hast Du gesehen? So groß!

ER:            Sie ist riesig.

SIE:           Warum sie ?

ER:            Dem Schatten nach zu urteilen, ist es eine Raubkatze.

SIE:           Alle Schatten sind bekanntlich schwarz. Diese Manie von Dir, in allem
               und jedem etwas Weibliches zu sehen.

Sie nimmt ein Feuerzeug aus der Tasche zündet es. In die andere Hand nimmt sie die Spiritusflasche.

               Koomm, Miezekatze, kooomm, ich werd' Dir schon Feuer unterm Arsch

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               machen, Du kleine Kreatur.

ER:            Spielst Du jetzt "alle Weibchen aus dem Weg räumen"?

SIE:           So ist es. Kooomm, na komm schon, Mieze.

ER:            Wo hast Du auf einmal das Feuerzeug her?

Sie ruft weiter nach der Katze. Er packt sie am Arm, sie hält ihm das Feuerzeug vor das Gesicht.

ER:            Hab ich Dir nicht gesagt, Du sollst mit dem Rauchen aufhören?

SIE            Hm, hm.

ER:            Hast Du wieder damit angefangen?

SIE:           Ich habe nie damit aufgehört. Hab schon öfter mal Pause
               gemacht, aber nie richtig aufgehört.

ER:            Rauchen ist das Dümmste, was man überhaupt machen kann.

SIE:           Im Augenblick nicht gerade die tödliche Bedrohung.

Der Schatten des Panthers kehrt zurück. Neugierig, jedoch nicht aggressiv. Man hört kein Schnurren.
Sie tränkt den Lappen nochmals mit Spiritus, hastig, zündet das Feuerzeug, zündet den Lappen an.
Der Schatten zuckt und tritt den Rückzug an, gereizt. Das Tuch brennt oberflächlich, das Feuer hält
nicht lange und geht aus.

SIE:           Ach!

ER:            Das ist nicht gut, gar nicht gut.

SIE:           Hast Du ein nicht-brennbares Putztuch genommen?

ER:            Hast Du jemals schon mal brennbare Feudel zum Verkauf gesehen?

SIE:           Na toll! Kein Wasser, kein Feuer, kein Lärm...

ER:            Man könnte die Kisten anzünden...

SIE:           Und dann brennt der ganze Supermarkt und wir sind hier
               eingeschlossen.

               Pause, sie seufzen.

SIE:           Glaubst Du, sie ist geflüchtet?

ER:            Man hat ihr bestimmt nicht kurz Auslauf gegeben, um mal eben Luft zu
               schnappen.

SIE:           Was Du nicht sagst... hier in der Nähe ist doch ein Zoo, oder?


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23

ER:             Schon möglich.

SIE:            Sie hat ihr ganzes Leben im Gefängnis verbracht...

ER:             (nicht sicher, ob er mit dem Wort Gefängnis einverstanden ist)   Tja.

SIE:            Sie fühlt sich bestimmt einsam.

ER:            Aber nur für kurze Zeit... Sehr bald wird sie jemand zurück in den Käfig
               bringen, dann ist sie wieder mit der Familie vereint.

SIE:            Warum ist sie geflüchtet?

ER:             Das fragst Du mich?
                Wer weiß, innerhalb jeder Spezies gibt es Unterschiede zwischen den
                Individuen .

SIE:            Hä?

ER:             In jeder Spezies gibt es ein Exemplar, dass besonders neugierig ist,
                dass wissen möchte, was es da draußen noch gibt, es möchte
                entdecken, erforschen. Dann treten Mutationen auf, die das Überleben
                ermöglichen. Das nennt man Evolution. Die Reptilien z. B. kamen aus
                dem Wasser...

SIE:            Red keinen Unsinn. Womöglich hat sie jetzt Deine Stimme gehört.

ER:             Die Stimme der Evolution.

SIE:           Nein. Eine innere Stimme sagt ihr, irgendwas ist falsch. Sie weiß nicht,
               was es ist, nur dass es so ist. Dieses große Wesen, eingezwängt, sein
               ganzes Potential erstickt. Das ist nicht ihr Ort...Das Fauchen, Brüllen,
               die Wut haben nur die Gaffer nur amüsiert.
               Bis die Raubkatze eines Tages fast aufgibt.

ER:             Aha, Du identifiziert Dich wohl mit ihr?

SIE:           Sie war schon fast zugrunde gerichtet. Ihre innere Stimme wurde lauter
               und lauter, bis sie merkte: ich muss von weg. Sie fasste sich ein Herz
               und machte sich auf die Suche nach....dem Dschungel.

ER:             Dschungel, Supermarkt, ist ja eh fast das Gleiche.

                Sie hören ein Geräusch, der Panther ist wütend.

ER:             (ängstlich)   Was haben wir noch für Waffen?

Sie scheint wie hypnotisiert, antwortet nicht. Blickt in die Richtung von wo das Geräusch kommt.

ER:            Steig auf meine Schultern. Wenn wir aussehen wie ein größeres Tier
               als sie, erschrickt sie. Tiere reagieren auf so was instinktiv.


                                                                                                   23
24

       Der Schatten taucht auf.

ER:    Los, rauf, schnell!

       Er packt ihre Hand, will sie in Richtung ihrer "Basis" ziehen.
       Sie rührt sich nicht, schaut wie gebannt auf den Schatten.

SIE:   Sie kam in einem Käfig zur Welt. Sie ist total verschreckt. Hat nie
       den Urwald gesehen, sich nirgendwo zu Hause gefühlt. Sie ist sicher
       unglücklich.

ER:    Ist doch nicht zu fassen! Willst Du sterben?

       Er lässt ihre Hand los, eilt in Richtung ihrer „Basis“.

SIE:   (erwacht aus ihrem Trancezustand, geht auch auf ihre „Basis“ zu)

       Willst Du mich alleine stehen zu lassen? Du wärst imstande dazu. Du
       würdest nie ein Opfer für mich bringen. Ist mir natürlich mittlerweile klar,
       dass ich keinen Helden heirate, aber...

ER:    Helden? Ich bin derjenige, der hier Held spielen muss. Aber Du legst es
       ja darauf an, andauernd zu demonstrieren, dass Du alles besser kannst
       als ich. Du scheinst geradezu darum zu betteln, dass man Dich in Deine
       Schranken weist. Und das mache ich jetzt auch. Ich gehe jetzt raus und
       erlege die Bestie. Gib mir Stiel und Feuerzeug.

SIE:   (drückt Stiel und Feuerzeug an sich)   Nein!

ER:    Gib her, verdammt noch mal...

SIE:   Ich komm mit Dir.

ER:    (nimmt ihr Stiel und Feuerzeug aus der Hand)
       Du bleibst schön hier. Bewachst die Basis.

SIE:   Nein.

ER:    Halt den Mund und tu was ich Dir sage. Ich geh' da jetzt hin,
       töte das Tier und komm zurück.

SIE:   Ein Barbar!

ER:    Du sagst es... ein Neandertaler!

       Er verlässt ihre „Basis“.

SIE:   Lass mich nicht allein hier...

       Sie klettert aus ihrer kleinen Festung heraus.

ER:    Du bleibst wo Du bist!

                                                                                24
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       Er drängt Sie wieder rein. Sie fällt. Er wendet sich von ihr ab und
       Geht jetzt langsam in den hinteren Teil des Supermarktes.

SIE:   Komm zurück!

       Aus einem der Regale fällt eine Kiste auf ihn.

ER:    (kehrt zur „Basis“ zurück)
       Mensch, der Kerl sitzt irgendwo da oben.
       Ist auf ein Regal hochgeklettert und beobachtet uns.

SIE:   Das ist Katzenart.

ER:    Beweg Dich nicht. Sonst merkt er, von wo Gefahr droht.

       Pause.

ER:    Ob sie schon alle da sind?

SIE:   Ich denke schon.

ER:    Was machen sie wohl jetzt?

SIE:   Deine Großmutter erzählt wie immer die Geschichte, wie sie Deinen
       Großvater kennengelernt hat. Deine Mutter ruft inzwischen die Polizei
       an, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Sie tut so, als wäre alles in
       Ordnung. Mein Bruder...verspätet, wie immer.
       Er hat diese Woche übrigens einen wichtigen Auftrag zu erledigen

ER:    Ach ja?

SIE:   Hm-hm... ein Landhaus in der Nähe der Stadt. Um einen Baum
       herumgebaut. Mit einer Wendeltreppe, aus Holz...

ER:    Ganz ähnlich wie das Haus, das Du für uns entworfen hast.

SIE:   Es ist das Haus.

ER:    Versteh' ich nicht.

SIE:   Ich habe ihm meinen Entwurf gegeben.

ER:    Warum?

SIE:   Weil er ist ja der richtige Architekt ist. Ich bin nur die Designerin, er setzt
       es dann um.

ER:    Du wolltest es so.

SIE:   Nein, wollte ich eigentlich nicht. Ich wollte selber Häuser bauen -
       Häuser, die die menschliche Seele widerspiegeln.

                                                                                   25
26



ER:    Wirklich? O Gott, Meine... Häuser als Spiegel der Seele, na ja...
       Mal ganz im Ernst, immer hegst Du Zweifel an Dir.

SIE:   (blickt ihn fest an)   Immer nagen diese Zweifel an mir.

ER:    Beziehst Du das jetzt auf meine Person?
       Sie nickt. (Pause) Warum willst Du mich dann überhaupt?

SIE:   Weil es zu viel Arbeit kostet, mit jemand anderem wieder ganz von
       vorne anzufangen. Dafür habe ich keine Zeit mehr.

ER:    Das sagst Du nur so.

SIE:   Du nimmst mich nie ernst.

ER:    Liebes, dieser Panther bringt Dich vollkommen durcheinander.
       Du bist verängstigt.

SIE:   Wenn Du meinst. Ob er uns beobachtet?

ER:    Bestimmt. Irgendwo da oben.

SIE:   Im Fernsehen habe ich mal gesehen, man soll sich neben das wilde
       Tier stellen. Das signalisiert: ich will keine Konfrontation.

       Er stellt sich neben sie.

ER:    So?

SIE:   Nein! Seite an Seite mit der Raubkatze!

ER:    Nur wissen wir leider nicht, wo sie sich versteckt hat. Dein Vorschlag
       bringt nichts.

SIE:   Hast Du einen besseren Vorschlag ?

       Kleine Pause.

ER:    Wäre zu umständlich...
       Weißt Du, an was ich mich gerade erinnere? An Deinen Traum.

SIE:   Meinen Traum?

ER:    Ja, Deinen Traum. Kannst Du Dich erinnern? In dem Du und ich Deine
       Mutter im Krankenhaus besucht haben.

SIE:   (irritiert) Ach,   lieber nicht!

ER:    Das Krankenzimmer war ganz weiß. Von draußen fiel gleißendes Licht
       durch das große Fenster herein. Du hast die Augen zugekniffen, um
       überhaupt was zu erkennen. Hast Du mir damals erzählt. Pause
                                                                                26
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               Wir standen am Fußende des Bettes. Du wolltest mich Deiner Mutter
               vorstellen, weißt Du noch?
               Nachdem die Krankenschwester da war, hast Du meinen Namen
               genannt. Deine Mutter reagiert nicht. Ihr Kopf lag zum Fenster geneigt.
               Ihre Hände umklammert den Bettpfosten. Dieser leere, geheimnisvolle
               Blick. Irgendwie hatte sie aufgegeben. Sie war überhaupt nicht mehr
               da.

SIE:           Kann mich nicht erinnern!

ER:            In Deinem Traum habe ich auf eine kleine Eidechse gezeigt. Sie war an
               der Wand hoch gekrabbelt, genau über dem Kopf Deiner Mutter. Du
               hast kurz hingesehen. Als dann Dein Blick wieder auf das Krankenbett
               fiel...lagst Du als Patientin im Bett.... wie Deine Mutter.

               Pause

               Du hattest Angst, dass Deine Mutter nicht mehr gesund würde, sondern
               dass Du eines Tages so wie sie endest.

               Sie gerät in Rage, beginnt hektisch die „Basis“ abzubauen.

SIE:           Warum sagst Du das?

ER:            (streng) Vorsicht,   unsere Basis!

SIE:           Ich hasse Dich! Der Panther beginnt zu schnurren.
               (zum Schatten)    Komm, komm nur her! Ich hab es satt, immer auf Dich zu
               warten! Komm, komm endlich!
               Er will Sie festhalten. Fass mich nicht an!

ER:            Du sollst still halten!

Er packt sie an den Schultern. Sie ringt nach Luft. Sie stehen sich stumm gegenüber. Pause.

SIE:           Du bist ekelhaft und gemein. Ein Wurm!

               Pause. Er will etwas sagen, sie fällt ihm ins Wort.

               Ja, ein Wurm. Und Du hast mich mit Deinem Wurmsein angesteckt.
               Ich empfinde nur mehr Abscheu.

ER:            Wovon redest Du?

SIE:           Warum gehe ich dauernd zu Doktor Wanja? Weil sie mich zu heilen
               versucht. Von Dir. Du hast mich angesteckt. Dein bestes Stück hat
               schlechte Bakterien in meinen Uterus gespritzt.

ER:            (entgeistert)   Halt den Mund...

SIE:           (ruhig) Ja.
                       Ich bin in Behandlung. Du hast mich angesteckt.
               Warum glaubst Du, benutzen wir Kondome?

                                                                                              27
28



ER:             Weil Du dauernd die Pille vergisst!

SIE:            Nein. Weil Du mich krank gemacht hast.

                Pause

ER:             Infame Lüge!

SIE:            Bitte, frag Doktor Wanja.
                Meine Muschi war das gesündeste überhaupt, bevor Du aufgetaucht
                bist.

                Sie schnaubt vor Wut, wirft eine Kiste auf den Boden. Er verschwindet.

                Wohin gehst Du?

ER:             (schreit aus dem Off) Wovor    hast Du am meisten Angst?

SIE:            Was?

ER:             (gelassen) Wovor     hast Du am meisten Angst auf der Welt?

                Geräusche, wie wenn er nach etwas sucht.

SIE:            Wovon redest Du überhaupt?

                Ahnt, was er vor hat.

                Nein! Tu´s nicht! Bitte! Um Himmels willen. Du...

ER:             (aus dem Off, seelenruhig) Was
                                          kümmert´s mich... so, hab schon.
                Ich weiß doch, wovor Meine auf dieser Welt am allermeisten Angst
                hast. Deine schlimmste Phobie...

                Kleine Pause.

                Die Dunkelheit.

Black out. Sie brüllt gleichzeitig mit dem Panther. Stille. Das Schild Ausgang leuchtet auf. Es ist das
einzige Licht auf der Bühne. Man hört Atemgeräusche der beiden.




Szene 4: Die Falle

SIE:            Mach Licht! Schnell! Mach es wieder an! Mir ist schwindelig...

                Weint wie ein Kind. Mir   ist so schlecht...

                Schneuzt sich, beruhigt sich etwas.



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                Bist Du wahnsinnig? Im Dunkeln sieht der Panther doch viel besser als
                wir! Willst Du, dass ich sterbe?

ER:             Ich probier gerade...

SIE:            Was?

ER:            Ich habe schon auf alle Knöpfe gedrückt, keiner scheint zu
               funktionieren.

SIE:            Dauernd bringst Du uns in ein Schlamassel.
                Weißt du was? Hoffentlich fühlst Du Dich verantwortlich, wenn ich jetzt
                sterbe.

ER:            Reg Dich nicht auf, ich mach das schon. Bisschen was kann ich sehen.
               Ich besorge uns Taschenlampen. Rühr dich nicht von der Stelle.

SIE:            (ironisch) Ich   tu mein möglichstes.

                Sie zündet eine Kerze an.

                Ich bin jetzt gefordert.

Das Folgende spricht jeder der Protagonisten für sich, oder an das Publikum gerichtet, es ist wie eine
Aussage über ihre Beziehung. Sie hören sich gegenseitig nicht. Sie richtet eine Falle für den Panther
auf: Sie baut den Einkaufswagen vorne an der Bühne auf, dreht ihn um stützt die Vorderseite mit dem
Stiel ab. Sie holt etwas Essbares mit dem sie eine Fährte bis zur Falle legt.



SIE:           Sieht ganz schön bizarr aus. Brrr (friert). Er will immer der Bestimmer
               sein, als ob es darum geht, Punkte zu sammeln... Was will er
               beweisen?

               Er knipst die Taschenlampe an, steht in der linken Ecke der Bühne.

ER:             Sie hat Power, diese Frau.
                Wenigstens sollte man sie in dem Glauben belassen.

SIE:            Er nimmt mich nicht ernst.

ER:            Sie ist immer am Rand eines Nervenzusammenbruchs, wähnt sich
               ständig in einer Krise.

SIE:           Er möchte die Situation unter Kontrolle haben. Am Ende kriegt er doch
               nichts hin.

ER:             Sie sollte sich von ihren Ängsten lösen. Mir mehr vertrauen.

SIE:           Er versucht natürlich alles totzuschweigen und sagt mir dauernd, ich
               solle mehr zur Ruhe kommen.

ER:             Sie ist ständig gereizt oder bekommt einen hysterischen Anfall. Dann

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       bin natürlich ich derjenige, der wieder alles ins Lot bringt. Das legt sie
       dann als Schwäche von mir aus.

SIE:   Er ist ein Feigling.

ER:    Was sollte ich am besten tun?

SIE:   Er wirkt so lähmend auf mich.

ER:    Soll auch einfach los schreien?

SIE:   Er weicht den Dingen aus.

ER:    Oder sagen, was ich wirklich denke?

SIE:   Nie nimmt er einen Standpunkt ein.

ER:    Damit sie es dann gegen mich benutzt.

       Kleine Pause.

SIE:   Ich brauche einfach diese Sicherheit.

ER:    Ich möchte das durchziehen, dann haben ich es geschafft.

       Er öffnet eine Flasche Whisky.

SIE:   Ich bin auch noch da.

       Er nimmt einen großen Schluck aus der Whiskyflasche.

ER:    Niederlagen akzeptiere ich nicht.

SIE:   Und wenn ich die Stimme höre? Und dann einfach fort gehe ...

ER:    Das Fundament einer funktionierenden Beziehung ist eine beständige
       partnerschaftliche Verbindung.

SIE:   Fortgehen, bei ihr sein.

       Bezieht sich auf den Panther.

       Schutzlos und allein.

ER:    Wir haben etwas beschlossen, also ... ich führe ich es auch zu Ende.

SIE:   Abschiednehmen fällt mir wahnsinnig schwer.
       An der Einsamkeit liegt nichts besonders Poetisches.

       Er leuchtet sie mit der Taschenlampe an.

ER:    Hier sind noch ein paar Taschenlampen.

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SIE:            Hmm.

ER:             (bietet ihr den Whisky an) Willst    Du?

                Sie nickt, trinkt.Er blickt um sich, sieht die Falle, die sie aufgestellt hat.

                Was haben wir denn hier?

SIE:            Ich habe beschlossen, allein zu handeln. Du kriegst sowieso nichts
                gebacken.

ER:             Nicht schon wieder...

SIE:            Stimmt doch, oder?

ER:             Na gut, wenn Du alleine so gut klar kommst, bitte. Ich bin dann auf der
                anderen Seite des Supermarkts. Sieh zu, wie Du zurecht kommst mit
                Deinem umgekippten Einkaufswagen. Ich gehe.

SIE:             (hält ihn am Arm fest) Nein! Das soll eine Falle sein.... funktioniert
                bestimmt. Vielleicht passt nicht das ganze Tier da rein, aber sie wird
                dem Panther auf jeden Fall einen Mordsschrecken einjagen.

ER:             (verächtlich) Tatsächlich,      wird sie das?

SIE:            Warum hast Du das Licht ausgelöscht? Ich habe wenigstens was
                unternommen. Ach was, von mir aus, verkriech Dich in der Kühltruhe,
                geh doch. Tschüss.

ER:             Das werde ich auf jeden Fall... und ich werde ganz weit weg von Dir
                gehen... hysterische Zicke.

SIE:            Wetten, dass Du nicht gehst... Du Feigling!

ER:             (nähert sich ihr) Ach   ja..?

SIE:            Nähert sich ihm, mit erhobenem Zeigefinger.

                Du traust Dich doch nicht, auch nur einen Schritt zu machen...

ER:             Provozier mich ruhig...

SIE:            Dazu hast weder den Mut noch die Eier dazu...

                Er gibt dem Zeigefinger eine Ohrfeige und packt sie fest an.

ER:             Halt endlich den Mund!

Musik und Flashlight signalisieren, dass sie Sex haben. Ihre Köpfe stecken in der „Falle“, die Körper
liegen außerhalb. Nach dem Akt liegen sie erschöpft auf dem Boden. Musik verstummt, Flashlight
verschwindet. Er ist, im Gegensatz zu ihr, ganz entspannt. Sie erhebt sich.

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SIE:      Glaubst Du, es erregt sie, wenn sie uns beim Sex zuschaut?
          Macht es sie aggressiver?

ER:        Natürlich nicht. Komm her, leg Dich zu mir.

SIE:       Wie kannst Du die Gefahr einfach so ignorieren?

ER:        Ist ja nichts passiert.

SIE:       Noch nicht.

ER:        Und es wird auch nichts passieren.

SIE:       Woher weißt Du das so genau?

ER:        Weil es hier drinnen überhaupt keinen Panther gibt.

           Die Lichter des Generators gehen an.




Szene 5: Das Geschenk

SIE:       (verwundert)   Warum geht der Generator erst jetzt an?

ER:       Er braucht eine Zeitlang, bis er warm wird. Komm her zu mir. Jetzt
          müssen wir nur noch warten, bis jemand uns raus lässt.

SIE:       Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen!

ER:        Warum denn?

SIE:       Wie kannst Du behaupten, dass hier kein Panther ist?

ER:        Weil es keinen gibt.

SIE:       Unsinn. Du und ich, wir beide haben ihn gesehen.
           Den Schatten...und dann das Brüllen!

ER:       Schatten entstehen, wenn das Licht einer Lichtquelle auf einen
          lichtundurchlässigen Körper trifft, das könnte irgendwas gewesen sein.
          Der Lärm kann von sonst wo herrühren, kommt schon mal vor.

SIE:      Aha! Und warum hast Du Dir dann vor Angst fast in die Hosen
          gemacht?

ER:        Wie kannst Du so was behaupten? Völlig abwegig!

SIE:       Du hast ein Tier hier gesehen!


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ER:    Nein, habe ich nicht.

SIE:   Ich weiß es genau, hier ist ein Tier drinnen!

ER:    Stimmt einfach nicht.

SIE:   Du machst mich so wütend!

       Sie rennt nervös hin und her.

ER:    Beruhige Dich, gleich holt uns jemand raus.

SIE:   Ich hätte große Lust, diesem Panther meinen Arm hinzuhalten, damit er
       ihn zerfleischt! Nur damit Du endlich mit Deiner Besserwisserei
       aufhörst.

ER:    Ich schlage vor, wir beschäftigen uns mit irgendwas anderem, sonst
       gerätst Du womöglich wieder aus dem Gleichgewicht.

SIE:   Ohh...wie ruhig und souverän er sich gibt. Hat seinen Spaß gehabt und
       auf einmal gibt es keinen Panther mehr.

ER:    Man muss seinen Geist beschäftigen, sonst dreht man durch.

SIE:   Hmm.....

ER:    Gut. Wir werden alle Produkte in alphabetischer Reihenfolge
       auftstellen.

SIE:   (skeptisch) Alphabetischer      Reihenfolge...

ER:    Eine gute Übung. Ich glaube, diese Idee werde sogar für unser
       nächstes Projekt vorschlagen.

SIE:   (sarkastisch) Ja, wirklich großartig. Die postmoderne Bibliothek zwischen
       Funktionalität und Ästhetik. Übrigens...soll die alphabetische Sortierung
       nach Produkt, Markenname oder Hersteller erfolgen...?

ER:    Hmm... Nach dem Namen des Produkts...oder doch besser nach dem
       Markenname?

SIE:   Das musst Du wissen.

ER:    Wenn ich einkaufe, kenn ich oft die Marke nicht... gehen wir nach dem
       Namen... der auf der Verpackung steht....

       Er stellt einige Produkte um.

SIE:   Okay, verstehe. Ist so eine Art sozialer Hilfsdienst zur Bewältigung der
       täglichen Futterbeschaffung.


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ER:             Du hast es erfasst.

Er stellt weiter Produkte um. Sie reißt eine Tüte Chips auf und beginnt hastig zu essen.
Sie weint leise vor sich hin.

ER:             (wird weich, bekommt Mitleid mit ihr) Geht   es Dir nicht gut?

SIE:            Natürlich geht es mir nicht gut. Wir sind hier mit einem
                fleischfressenden Raubtier eingeschlossen und mein Freund hat den
                Verstand verloren.

ER:             Liebling...

SIE:            Er hat beschlossen, sämtliche Produkte im Supermarkt alphabetisch zu
                ordnen.

ER:             Aber...

SIE:            (gibt sich einen Ruck) Aber   ich werde nicht aufgeben.

                Sie isst die restlichen Chips und wirft die Tüte auf den Boden.

ER:             Lass es mir Dir erklären...

SIE:            Ich werde nicht durchdrehen wie Du.

ER:             Ich glaube eher, dass Du....

SIE:            Ich muss etwas tun.

ER:             (er gibt auf) Okay...

                Sie nimmt eine Tüte mit Luftballons.

SIE:            Hier... damit haben wir den Lärm, den wir brauchen.

                Sie nimmt einen Luftballon und pustet ihn auf.

ER:             (will sie aufziehen)   Du kannst ja welche für unsere heutige Verlobungsfeier
                mitnehmen.

SIE:            (bläst einen Luftballon auf) Die   ist schon vorbei.

ER:             Die werden doch nicht nach Hause gehen, ohne uns gesehen zu
                haben.

SIE:            Deine Familie hat bestimmt, wie immer, viel Unsinn geredet. Hoffentlich
                hatten sie im Laufe des Abends einen Erkenntnisschub und sind nach
                Hause gegangen.

ER:             Was für einen Erkenntnisschub?


                                                                                           34
35

SIE:   Dass sie unerträglich sind.

ER:    Ah... sie sind unerträglich?

SIE:   Ja. Das sind sie. Außer Deiner Mutter.

ER:    (versucht seine Wut zu unterdrücken)    Hör mit dieser Pusterei auf. Das nervt.

SIE:   Ach ja? Sie pustet noch kräftiger.

ER:    Ich sagte, das nervt.

       Sie pustet noch kräftiger, genau in sein Gesicht.
       Er schnappt sich den Ballon und lässt ihn mit einem Knall platzen.

       Du bist unerträglich.

       Der Schatten des Panthers gleitet an ihnen vorbei. Sie sieht es.

SIE:   Schau, schau doch! Der Panther!

       Er klettert das Regal hoch, packt einen Karton und schleudert ihn weit weg.
       Der Schatten verschwindet.

ER:    (reißt triumphierend die Arme in die Luft)
       Hast Du das gesehen? Hast Du das gesehen?

SIE:   (sarkastisch) Ja...
                      hab ich. Toller Hecht.
       Behauptest Du jetzt immer noch, es gäbe hier keinen Panther?

ER:    Geh mir jetzt bitte nicht auf den Sack, Schätzchen.

       Er klettert herunter. Pause. Er riecht etwas.

       Hier riechts nach Urin.

SIE:   Ich rieche nichts.

ER:    Ein ganz scharfer Geruch.

SIE:   Ich rieche überhaupt nichts.

ER:    Hast Du in die Hose gemacht?

SIE:   Nein.

ER:    Du wolltest doch aufs Klo gehen!

SIE:   Bin ich aber nicht.

ER:    Soll das heißen, es riecht hier nach Pantherpisse?


                                                                                     35
36

                Sie schweigt.

                Natürlich hast Du in die Hose gemacht.

SIE:            Nein! Ich hab' auf den Boden gepinkelt. Sie deutet auf die Falle.

ER:             Dahin? Vorher oder nachher?

SIE:            (der Gedanke erregt sie) Vorher.   Ein ganz klein bisschen vorher.

ER:             Komm, ich bringe Dich zur Toilette.

SIE:            Nein!

Er reißt sie an den Haaren, macht ihre Frisur kaputt. Sie setzt sich auf den Boden. Er will sie immer
noch an den Haaren wegziehen. Sie leistet Widerstand, hält seine Beine umklammert.

SIE:            Ich geh' hier nicht weg.

Sie schlüpft ihre Hand unter sein Hosenbein und zieht an den Haaren seines Schienbeines.

ER:             Aua, verdammt!

                Er lässt sie los.

SIE:            Ich habe ihm zwei ganze Härchen aus dem rechten Schienbein
                ausgerissen und schon bricht der Krisenmanager in Tränen aus.

ER:             (reagiert sanft) Das   macht man nicht. Tut wirklich richtig weh.

                Kleine Pause.

SIE:            (beherrscht sich)   Du hast mir auch wehgetan.

ER:             Tut mir leid. Aber Du provozierst mich dauernd...

SIE:            Meinst Du das mit den Luftballons?

ER:             Nein, wegen der Dinge, die Du über meine Familie gesagt hast.

SIE:            (heckt etwas aus) Deine    Mutter mag ich sehr gerne...

ER:             Ich weiß.

SIE:            Sie hat nur einen Fehler.....

ER:             Welchen denn?

SIE:            Sie hat in der Erziehung ihres Sohnes vollkommen versagt.

ER:             Was soll das denn jetzt?


                                                                                                        36
37

SIE:           Sie hat ihm nicht das Geringste beibringen können, ihm nicht einmal
               gesagt, dass er sein Dings immer schön sauber halten soll, Kondome
               benutzen...

ER:            Halt endlich den Mund.

SIE:           Und was passiert in solchen Fällen? Der Sohn fängt sich was ein ... und
               bleibt völlig ahnungslos. Und warum? Weil Gott in seiner unendlichen
               Güte den Männern dieses Geschenk gemacht hat: Sie stecken sich an
               und bemerken jahrelang nichts. Bis sie dann eines Tages ihre Frau
               damit infizieren, die wiederum ihrem Kind ... das heißt, vielleicht, ist ja
               nicht sicher, nur wenn dieser Virus aktiv ist... während ich gebäre und
               mein Immunsystem streikt - was es ganz sicher tun wird - wenn das
               Ärzteteam versucht, aus meinem Inneren ein neues menschliches
               Wesen herauszuziehen.

ER:            Hör zu. Erstens: Du bist nicht schwanger.

SIE:           Nein, bin ich nicht.

ER:            Zweitens: Du bist nicht meine Frau.

SIE:           Noch nicht.

ER:            Drittens: Meine Mutter mag Dich nicht. Sie hat mir wiederholt geraten,
               Dir keinen Heiratsantrag zu machen.... Verstehst Du? Meine Mutter
               hasst Dich.

SIE:           Ach was....

ER:            Warum sollte ich das erfinden? Sie hält Dich für eine Schlampe.
               Sie hat gesagt: Heirate diese Frau nicht. Hörst Du mir zu?

Sie kann diese Information nicht sofort verdauen. Sie war immer der Meinung, sie und seine Mutter
würden sich mögen und gut verstehen (und sie hat schon ihre Mutter verloren). Während der
nächsten Dialoge, versucht sie mit seiner Aussage, dass seine Mutter ihm von einer Heirat mit ihr
abgeraten hat, zurechtzukommen.

SIE:           (trocken) Ja,   ich höre.

               Der Panther macht ein nervöses Geräusch.

               Wir hören.

ER:            Ein schreckliches Geräusch.

Das Geräusch verstummt. Sie holt den Kuchen aus dem Einkaufswagen (den sie anfangs in den
Wagen gelegt hatte) und zündet eine Kerze an.

ER:            Was bedeutet das?

SIE:           Du hattest doch eine Überraschung für mich.

                                                                                              37
38



               Sie zeigt auf die Kerze und den Kuchen. War      es das?

ER:            Heute sind es auf den Tag genau vier Jahre her, dass ich Dich zum
               ersten Mal geküsst habe, und... ich habe den Kuchen und die Kerzen
               gekauft, um Dir eine Überraschung zu machen.

SIE:           Hmm..

ER:            Und... um Dir ein Geschenk zu überreichen.

SIE:           (ziemlich teilnahmslos) Ein   Geschenk?

ER:            Eine Halskette. Hier, in meiner Tasche.

Er nimmt ein Schmuckkästchen aus der Tasche und öffnet sie; darin liegt ein antikes Collier mit
glitzernden Steinen.

ER:            Es ist eine Tradition in unserer Familie: Dieses Collier wird an die
               Frauen weitervererbt. Zuerst gehörte es meiner Großmutter, die hat es
               meiner Mutter gegeben und meine Mutter gibt es nun... an Dich weiter...

SIE:           Ach ja ...

ER:            Aber...

SIE:           Aber was?

ER:            (er will nicht, dass sie das Geschenk annimmt)

               Ich verstehe natürlich vollkommen, wenn Du das Geschenk nicht
               annehmen willst.

SIE:           Ich nehme es an.
               Pause. Langsam wird ihr bewusst, was er vorhin zu ihr gesagt hat.
               War das ein Vorschlag Deiner Mutter?

ER:            Ja. Sie hat es mir gegeben, als wir unseren Hochzeitstermin festgelegt
               haben.

SIE:           Muss ihr ziemlich schwer gefallen sein.

ER:            Ja, schon...

SIE:           (leise Wut steigt in ihr hoch)
               Jemanden, den man hasst, etwas so Kostbares zu schenken.

ER:            Ich habe vielleicht etwas übertrieben...

SIE:           Ich behalte das Geschenk.


                                                                                                  38
39

       Sie nimmt die Schatulle aus seiner Hand. Sie kehrt ihm den Rücken
       zu und legt das Collier an. Er schaut ihr zu.

       Ich möchte nicht dabei beobachtet werden.

       Er dreht sich um.

SIE:   Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Deine Mutter Dir von einer Heirat
       mit mir abgeraten hat. Sie behandelt mich immer so gut...

ER:    Wir beide hatten uns damals gestritten. Da wollte sie mich ein wenig
       aufbauen, so in der Art: Mach Dir nichts draus, mein Junge, ich mochte
       sie sowieso nicht besonders, bestimmt gibt es da draußen bessere
       Frauen als sie.

SIE:   Und warum hast Du nicht auf sie gehört? Mütter haben immer recht,
       das weißt Du doch.

ER:    Außenstehende können leicht sagen, „tu das und das nicht“ ...
       Du und ich, wir haben etwas, das uns verbindet, wir mögen uns.

SIE:   (ironisch) Ach   ja... ich liebe Dich.

ER:    Das war das grauenvollste Ich Liebe dich, das ich jemals gehört habe.

SIE:   Gewöhne Dich schon mal dran.

ER:    Was ist das für eine Einstellung? Wir doch in einem Boot, wir zwei.
       Lass uns das Problem zu Hause lösen, in unseren eigenen vier
       Wänden... und erledigt.

SIE:   Wie kann ich Deiner Mutter überhaupt noch in die Augen sehen,
       nachdem ich das alles weiß?

ER:    Du hast mir leid getan, weil Du sie Mutter genannt hast...

SIE:   Ich hab Dir leid getan? Ich hab dir leid getan?

       Sie reißt sich die Kette vom Hals und schleudert sie weit von sich.

ER:    (völlig ernüchtert)
       Ich kann es einfach nicht fassen, dass Du so etwas tust...

SIE:   Da siehst Du mal...

ER:    (ruhig)
       Der König bricht sein Zepter entzwei, die Königin zerstört ihre Krone,
       die Frau entlässt den Mann. Dein Bluff ist niederträchtig
       und unverzeihlich.

SIE:   Ich bluffe nicht.


                                                                                39
40

ER:    Unverzeihlich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

SIE:   Wieso? Geh doch und hol sie Dir. Sie ist doch eurer Familienbesitz,
       oder? Von der Großmutter an die Mutter, von der Mutter an die
       Schwiegertochter... Na geh schon, sie liegt in der Nähe der Bestie.

ER:    Geh doch selbst, ich bin nicht Dein Hund. Meine Mutter hatte recht, was
       sie über dich gesagt hat.

SIE:   Dann heirate sie doch!

ER:    (schweigt)

SIE:   Ich hasse Dich.

ER:    (schweigt)

SIE:   Ich hasse Dich so sehr...willst Du wissen, wie sehr ich Dich hasse?

ER:    (schweigt)

SIE:   Ich hasse Dich so sehr, dass ich mich selbst zerstören könnte, nur
       um Dich mit in den Abgrund zu reißen.

ER:    Reine Effekthascherei...

SIE:   Ist nicht von mir. Ist aus Gilda.

ER:    (erinnert sich)
       Was? Aus dem Film? Du vergleichst Dich mit Rita Hayworth?
       Nicht zu fassen. Du tust mir leid. Du tust mir wirklich leid.
       Dein Fall hat nichts, aber auch gar nichts von Poesie an sich, er ist
       einfach nur banal.
       Du kannst leiden so viel Du willst, kein Mensch wird Notiz davon
       nehmen.

SIE:   Aber Du wirst es bemerken! Dafür sorge ich schon! Ich werde Dir das
       Leben zur Hölle machen, dann wirst es schon bemerken, wie sehr ich
       leide....und zwar mehr als Dir lieb ist.

       Sie holt sein Handy aus ihrer Tasche, wirft es auf den Boden und zertritt es.

ER:    Lässt mich kalt.

SIE:   Diese ganzen Schweinereien ...

ER:    Ist mir egal.

SIE:   (schreit ihm ins Gesicht) Aaahhh!

ER:    Wie gesagt, Schätzchen, es lässt mich kalt.

                                                                                       40
41



SIE:           Ich hasse Deine Produkte!

ER:            Na und? Ich habe dich nur aus Mitleid eingestellt.

SIE:           Du hast mich eingestellt, damit Du Frau und Sekretärin in einer Person
               hast.
               Du hast jemanden gebraucht, der repräsentieren kann, der hübsch ist,
               sich zu benehmen weiß ... eine Frau, die Dein Image in der
               Gesellschaft aufwertet.

ER:            Ich habe Dich eingestellt, weil Du nie weißt, was Du willst. Ich wollte Dir
               einen Gefallen tun. Bis Du Deinen eigenen Weg gefunden hast. Was
               natürlich nie der Fall sein wird - ist ja auch eine Art Entscheidung.

SIE:           Ich werde meinen Weg finden!

ER:            Natürlich hast Du bestimmte Fähigkeiten, aber nimm es mir nicht übel,
               Schatz. Du kannst keine einzige davon irgendwo sinnvoll einsetzen.

SIE:           Findest Du?

ER:            Was wärst Du ohne mich?

SIE:           Genau das könnte ich ja mal rausfinden!

ER:            (murmelt vor sich hin) Ha.
                                   Du willst ja gar nicht glücklich werden.
               Das kommt mir zugute.

Sie hören ein befremdliches Geräusch: ein Klagelied des Panthers – kann mit Musik untermalt
werden. Beide verharren eine Weile in Schweigen.

ER:            Klingt so, als würde er weinen...

SIE:           Es war vor etwa zehn Jahren.

ER:            Wovon redest Du?

SIE:           (langsam) Ichsaß in einem Restaurant, ohne Begleitung. Irgendwo auf
               dem Land, in einer kleinen Stadt. Durch das Fenster sah ich die Berge.
               Da entdeckte ich über mir einen Vogelkäfig in dem ein kleiner gelber
               Vogel saß mit einem herzzerreißenden Blick. Da waren wir nun, wir
               beide, in diesem Restaurant, allein, und es war ganz still im Raum.

               Ein Geräusch, wie wenn der Panther im Kreis laufen würde.

               Ich konnte mich einfach nicht beherrschen, kletterte auf den Stuhl und
               öffnete den Vogelkäfig. Der Vogel steckte sein Köpfchen raus und
               drehte ihn vorsichtig nach links und nach rechts, nach links und nach
               rechts. Als er bemerkte, dass er frei war, flatterte er wie wild mit seinen
               Flügeln, wie um alle Trostlosigkeit zu vertreiben, um die ganze
               unterdrückte Energie herauszulassen in seinem Flug in die Freiheit. Er

                                                                                              41
42

                flog in rasender Geschwindigkeit direkt auf die Glastür des Restaurants
                zu. Er fiel sofort tot zu Boden.

ER:             Sie kreist dauernd um sich herum.

SIE:            Ich?

ER:             Nein, die Raubkatze. Ich höre was, warte mal...

SIE:            Hm...

                Der Ton wird lauter.

ER:             Hinter-Gitter-Syndrom ...

SIE:            Jeder gewöhnt sich schließlich an die gegebenen Umstände.

ER:             Ja, so ist es.

Die Lichter im Supermarkt gehen an. Weißes Licht, wie am Anfang des Stücks. Sie hören Stimmen.
Die Türen des Supermarkts öffnen sich.

ER:             Endlich!

SIE:            Und jetzt?

                Pause.

ER:             Jetzt gehen wir nach Hause.

SIE:            Glaubst Du, sie wird hier überleben, allein?

Er reicht ihr die Hand. Sie nimmt seine Hand und gemeinsam machen sie sich auf den Weg in
Richtung Ausgang. Sie bleibt in der Mitte der Bühne stehen, sucht etwas. Sie findet es, bückt sich,
nimmt das Collier, das auf dem Boden liegt. Schaut unverwandt nach vorne. Black-out.


                                               ENDE




                                                                                                      42

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Der panther (tradução do texto para o Alemão)

  • 1. Der Panther Ein Stück in fünf Szenen von Camila Appel Übersetzung: Olaf Raiss © Zuckerhut Theaterverlag – Esche & Meermann GbR – München 2011 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht des öffentlichen Vortrags, Aufführung, oder Verfilmung bzw. Übertragung durch Rundfunk oder Darstellung im Internet, auch einzelner Textauszüge oder Textstellen. Das Aufführungsrecht kann nur vom Zuckerhut Theaterverlag vergeben werden. Zuckerhut Theaterverlag Tel.: +49 89/392477 oder +49 341/1497655 Esche & Meermann GbR Fax: +49 89/392477 oder +49 341/1497657 Ohmstraße 16 Web: www.zuckerhut-theaterverlag.com
  • 2. 2 80802 München E-Mail: post@zuckerhut-theaterverlag.com Personen: SIE und ER: beide etwa 30 Jahre alt Die Anwesenheit des Panthers wird durch Geräusche wie Fauchen, Brüllen und Schnurren sowie Licht- und Schattenspiel signalisiert. Ort : Ein Supermarkt Zeit: Gegenwart Prolog Der Panther Im Jardin des Plantes, Paris Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille - und hört im Herzen auf zu sein. Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris 2
  • 3. 3 Szene 1: Einkauf im Supermarkt Die Bühne ist bereits beleuchtet, wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt. Das Bühnenbild: drei parallelen Gängen mit jeweils zwei Regalreihen, die mit Feinkost, Gartenartikel, Hygieneartikel, Säfte, alkoholische Getränke, Gewürze, Süßigkeiten, Geburtstagsartikel usw. bestückt sind. In der Mitte des dritten Gangs befindet sich ein Stand mit Gemüse. Der Fußboden schimmert in glänzendem Weiß. Inwieweit der Raum ein realistisches Abbild eines Supermarkts darstellt, bleibt der Regie überlassen, wichtig aber ist, dass er ein Gefühl der Klaustrophobie vermittelt. Der Supermarkt ist in ein weißes Licht getaucht. In der rechten Ecke der Bühne steht ein Hinweis- schild AUSGANG. Es ist nicht eingeschaltet. ER und SIE gehen an den Regalen entlang und wählen Artikel aus, die sie in einem von ihm geschobenen Einkaufswagen legen. Beide sind elegant gekleidet wie für eine Abendgesellschaft. Sie hat die Haare hochgesteckt und trägt keinen Schmuck um den Hals. ER und SIE tragen einen Verlobungsring. Sie unterhalten sich so leise, dass man sie im Zuschauerraum nicht verstehen kann. Gleich nach dem dritten Klingelton beginnt der Dialog. ER: Keine Chance... sie wird nicht überleben. SIE: Und was schlägst du vor.... sie in ein Zimmer einsperren? Er: (ironisch) Wir könnten ein Gitter ums ganze Haus aufstellen. SIE: Ich hab wenig Lust in einem Gefängnis zu leben. ER: (zeigt auf bestimmte bunt verpackte Produkte im Regal) Wo ist denn da der Unterschied? SIE: Es muss eine andere Lösung geben. ER: Natürlich....wir ziehen in ein Apartment. SIE: Kommt gar nicht in Frage. Ich habe immer in einem Haus gelebt, was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Zwei Jahre habe ich damit verbracht, uns ein Haus zu entwerfen ...wie kannst Du nur so was sagen? ER: (greift nach einer Schachtel, liest die Aufschrift leise murmelnd vor sich hin.) Eine Gratis-Reise zur Fußballweltmeisterschaft... ich bin dabei. (legt die Schachtel in den Einkaufskorb) Wenn wir sie freilassen, stirbt sie. SIE: Sie wird sowieso eines Tages sterben, vor uns, hoffentlich. Ich will lieber etwas mit weniger Kalorien..... ER: Die Sache ist doch ganz einfach: entweder wir wohnen in einem Haus und halten uns einen Hund oder wir leben in einer Wohnung und schaffen uns eine Katze an. Diese hier machen genauso dick, Du musst die Angaben über den Fettanteil nachsehen! 3
  • 4. 4 SIE: Ich möchte einen Kater haben, in einem Haus, wo er absolut frei ist! ER: Hmm... wenn er frei herumläuft, hat er keine Überlebenschance. SIE: Merkst Du eigentlich, wie widersinnig das ist, was Du da sagst? ER: (überlegt kurz ....) Wieso? SIE: Wieso muss man ein Tier gefangen halten, damit es überlebt? ER: Das ist nun mal so. SIE: Hmm... (kleine Pause) Komm, beeilen wir uns, wir haben nicht viel Zeit. Kann ich die Liste haben? ER: Bitteschön... (Er reicht ihr die Einkaufsliste, die sie nicht nimmt, sie ist ganz mit ihren Gedanken beschäftigt.) SIE: Ich bin so schrecklich unruhig. Ich weiß, alle machen das durch, oder fast alle - mein armes Tantchen, wenigstens hat sie es versucht, so viele Liebhaber, sie war immer.... fast am Ziel... Ich fühle es hier in der Magengrube, und es liegt nicht an der Abnehm- Diät, um in mein Hochzeitskleid zu passen, es ist liegt an dieser... Beklommenheit. Und was ist, wenn niemand kommt? Nein, das gibt es nicht, dass niemand kommt. (seufzt, ein wenig elegisch) Ich bin mit so einem komischen Gefühl aufgewacht... Heute ist einer dieser Tage, die so aussehen, als würde es den ganzen Tag lang regnen, und dann kommt der Regen doch nicht. Das Wasser ist da oben eingeschlossen, die Feuchtigkeit hängt schwer in der Luft. Sie nimmt ihm die Einkaufsliste aus der Hand. ER: Manche Leute bezeichnen dieses Phänomen als Wolken. SIE: Das kannst Du nicht verstehen, diese komische Kälte im Bauch, schwer zu beschreiben. Eine Art Vorahnung, dass etwas Großes passieren wird. Ich fühle regelrecht, wie es sich nähert.... und ich weiß, ich bin bereit. Ich bin bereit für den großen Knall! ER: Ich kenne dieses Gefühl seit meiner Kindheit, aber bis jetzt ist noch kein großer Knall eingetroffen ... SIE: Nur noch eine Woche, Schatz.... Sie reicht ihm eine Flasche Cranberrysaft für den Einkaufswagen. 4
  • 5. 5 SIE: Hier. Ach, lass uns noch zwei von diesem Saft nehmen. ER: Ist das dieser Super-Saft? SIE: Cranberry soll sehr gesund sein. ER: So ähnlich wie Johannisbeere, wer sagte das noch? SIE: Meine Ärztin. Dr. Wanja. ER: (irritiert) Deine Frauenärztin? SIE: Ja! Die Beeren enthalten kleine antioxidierende Tierchen. ER: Werde ich nie kapieren, was es damit auf sich hat... Aber lass die Säfte jetzt, die nehmen viel zu viel Platz im Einkaufswagen und machen ihn langsamer. Wenn Du nachher an der Kasse in der Schlange stehst, hol ich noch ein paar Flaschen. SIE: Immer perfekt durchorganisiert! ER: Man muss eben einen Plan haben, das erspart Zeit und Platz. Jetzt das Gemüse. SIE: Lass uns noch ein paar Tomaten mitnehmen, ich finde, Du hast zu wenig gekauft. ER: Tomaten sind schon auf dem Weg! Kurzer Sprint mit dem Wagen. SIE: Warte auf mich, mein Leopardentier! Sie packt ihn am Arm. ER: Leopardentier? Öfter mal was Neues... SIE: Wir sollten uns ganz besondere Kosenamen geben, die nur uns gehören. ER: Aha, die Zeit der gewöhnlichen Kosenamen ist vorbei? SIE: Weißt Du... ich suche was Intimes. ER: Das findest Du in Gang 8...meine Süße. SIE: Meine Süße....das klingt so was von abgedroschen. ER: Kann ich mal die Liste haben, mein Schmetterling. Sie reicht ihm die Liste. SIE: Schmetterlinge sind so fragil, ihr Leben dauert nur einen Tag. 5
  • 6. 6 Unsere Liebe ist stark und hält ewig! ER: (wirft einen Blick auf die Liste) Sechs Rollen Toilettenpapier? Wir sollten nur das einkaufen, was für unsere Gäste heute noch fehlt! Wir müssen uns beeilen. Du hast sogar Katzenfutter aufgeschrieben für den Kater, den wir noch gar nicht haben. SIE: Genau! Das ist es! Ich werde dich Miezekater nennen, mein Miezekater... ER: Wie weiß ich dann, ob Du ihn oder mich meinst? SIE: Ihn nenne ich Igor. ER: Das Katzentier trägt einen Menschennamen, der Mensch wird mit einem Tiernamen gerufen. SIE: (sie holt eine Tafel Kuvertüre aus einem Regal) Reicht der Nachtisch für alle? ER: Na locker. SIE: Ah, trotzdem nehme ich die noch mit. Ich will Dir nämlich einen Kuchen backen. Sieht ihn bedeutungsvoll an, will seinen Lieblingskuchen backen.. Ganz schön crazy, oder? ER: Es gibt darüber schon wissenschaftliche Studien. SIE: Über was? ER: Wie Paare nach der Hochzeit zunehmen, weil sie sich gegenseitig ihre Lieblingsspeisen vorsetzen, um dem Partner etwas Gutes zu tun. Meistens nimmt die Frau dabei mehr zu als der Mann. SIE: Spielverderber... ich wollte Dir nur eine kleine Freude machen ....wie stehe ich jetzt da... ER: (sinniert noch über die Studie) Es stimmt tatsächlich, dass.... SIE: (legt die Kuvertüre in den Einkaufswagen) Komm mit! Sie gehen zum Gemüsestand. Sie nimmt eine Karotte in die Hand. ER: Ich hab´s, du bist jetzt mein Häschen. SIE: Dabei mag ich Karotten gar nicht so gerne. 6
  • 7. 7 ER: Hasen bekommen einen Haufen Junge... SIE: Na und? ER: (legt seine Hand auf ihren Bauch) Lauter kleine süße Junge in diesem wunderschönen Bäuchlein. Sie nimmt seine Hand von ihrem Bauch und legt Tomaten in eine durchsichtige Plastiktüte. SIE: Na, dann nenn mich doch gleich Henne, wenn es das ist, was ich ab jetzt machen werde, nämlich Eier legen. ER: Aber Du bist ja nicht irgendeine Henne... Du bist meine appetitliche, gebräunte, saftige Henne. SIE: Ich kann Hähnchen nicht leiden, und schon gar nicht Grill-Hähnchen. Sie legt die Tomaten in den Einkaufswagen, dabei lässt sie die Plastiktüte offen. Sie nimmt die Liste aus seiner Hand, holt einen Kuli aus ihrer Tasche und streicht "Tomaten" durch. Ein tolles Gefühl, die einzelnen Posten auf der Einkaufslisten durchzustreichen. Ein Gefühl von: Auftrag erledigt. Noch etwas Sauce fürs Fleisch. ER: Noch mehr? SIE: Es darf Deiner Familie an nichts fehlen. ER: Du hast Recht. Also, kommt auch in den Wagen... SIE: (unterbricht ihn) Ach, warte mal, ich brauch noch ein Deo. ER: Der Senf für die Sauce steht hier... Du hast doch nicht vor, ausgerechnet heute alles für deine einfachen Grundbedürfnisse zu besorgen, oder? Sie stehen jetzt vor dem Senfregal. SIE: Meine Grundbedürfnisse sind auf keinen Fall einfach. Nimmst Du normalerweise diesen Senf? ER: Genau. Er legt zwei Senftöpfchen in den Wagen und nimmt ein Glas mit Sauce in die Hand. SIE: Schau mal, eine Fertigsauce, ist im Angebot. Kann man für den Notfall gut gebrauchen. 7
  • 8. 8 ER: Ich mag diese Sauce nicht. SIE: Ach, das ist ja diese Sauce, die sich in Deinem Magen zu Glibber verwandelt. ER: Du bist doch diejenige, die sich beschwert, dass man diese Sauce nur mit einem Special Effect aus dem Glas herausbekommt. Darum hast Du sie ja auch vom Menu gestrichen. SIE: Vom heutigen Menu? ER: Nein... von unserem Hochzeitsmenu. SIE: Von unserem Hochzeitsmenu, mein Honigkuchen? ER: Ja, meine Zuckerwatte, von unserem Hochzeitsmenu. Und bitte Schluss damit, ich komme mir schon lächerlich vor. Sie legt die Sauce in den Wagen. Er bemerkt es nicht. SIE: Die Liebe ist nun mal lächerlich, komm her, mein Verlobter... Sie küsst ihn auf die Wange. ER: Wie das wieder klingt... mein Verlobter. So ein Zwitterding, weder Junggeselle noch verheiratet. Weder glücklich noch elend. Ich befinde mich in einem Zustand des Nichts. Im Wörterbuch müsste unter Verlobter stehen: jemand in einer Dauerwarteschlange; Person im permanenten Schwebezustand. SIE: Ich habe das Menu nicht verändert. Mutter ist dafür verantwortlich. ER: Mutter? Habe ich was nicht mitgekriegt? Ist das irgendein Codewort? SIE: Ich nenne sie gerne Mutter, unsere Mutter. Natürlich wäre meine Mutter verantwortlich gewesen, ich weiß. Wenn sie noch am Leben wäre. Können wir jetzt das Deo holen? ER: (nimmt ein Schwung Kerzen aus dem Regal) Kannst Du kurz warten? Ich wollte hier so paar Dinger mitnehmen... SIE: Hol dir die paar Dinger. ER: Eine Überraschung für dich... SIE: Hm.... Candlelight-Dinner oder Schaumbad bei Kerzenlicht? ER: Wie gesagt, eine Überraschung. SIE: Okay, schon gut, ich lass dir deinen Raum. Sogar im Supermarkt braucht er die schützende Hülle seiner Privatheit. 8
  • 9. 9 Sie geht zu Gang eins und nimmt einen Fertigkuchen, den sie unter den anderen Artikel versteckt. Sie kommt mit mehreren Rollen von Toilettenpapier zurück. So. Das durfte nicht fehlen. ER: So viel? Das reicht ja für eine Weltumseglung. SIE: Wer von uns beiden weder Zeit noch Platz optimal nutzt, bist nämlich Du. Wenn ich etwas zu erledigen habe, gehe ich es sofort an. Du hingegen verzettelst Dich mit tausend überflüssigen Handgriffen und brauchst ewig und drei Tage... Frauen haben eben viel feiner eingestellte sensorische Felder als Männer. ER: (spöttisch und leicht gereizt) Aha... die Männer, verstehe. SIE: Wo bleibt dein Sinn für Humor? Das Einkaufen im Supermarkt ist langweilig, ich weiß. Komm her, ich bringe deine Augen wieder zum Leuchten. Sie legt zwei Tomaten mit sternenförmigen Blättern am Stiel auf seine Augen, die jetzt wie leuchtende Sterne aussehen. Sie trällert den Hochzeitsmarsch, schreitet feierlich hinter ihm wie zum Altar, wobei sie die Tomaten vor seine Augen hält. Er geht unsicher voran, als wäre er blind. Schließlich bleiben beide stehen. SIE: Ach, Schluss damit. Wer hat denn schon Zeit sich hier drinnen stundenlang aufzuhalten? Möchte ich es mit oder ohne Salz, mit zwei Gewürzkörnern oder mit sieben? Überfahre ich dieses kleine Mädchen heute oder doch lieber morgen? Lisa ist mal mit ihrem Einkaufswagen über den Fuß einer alten Dame gefahren, der Wagen war voller Milchtüten. ER: Mit wem kommt sie auf die Hochzeitfeier? SIE: Warum? ER: Ich hatte überlegt, sie Serge vorzustellen. SIE: Ah. Glaubst Du, sie würde ihm gefallen? ER: Na klar! SIE: Wieso na klar? Weil sie so sexy ist? ER: Hummm ...ja... könnte ein Grund sein. SIE: Jedenfalls wird sie toll aussehen. Sie hat extra ein Kleid nur für diese Gelegenheit machen lassen. Das Modell heißt Tattoo. Rate mal warum? ER: Man kann es nicht ausziehen? SIE: Nein, Dummerchen, weil es so eng anliegt, dass es förmlich am 9
  • 10. 10 Körper klebt. So eng wie eine zweite Haut: ein Tattoo eben. ER: Hmm... nicht schlecht. Sie streicht mit ihren Händen über die Gewürzdosen, sucht nach etwas Bestimmten. Beugt sich herunter zum untersten Regal. SIE: Was haben wir denn da? Den besten Pfeffer der Welt. Sie richtet sich auf und hält das Produkt in der Hand. ER: (noch in Gedanken) Ja, diese prallen rosigen.... Pfefferbeeren. SIE: Ein richtig tolles Produkt....wer stellt sonst noch heutzutage Bio-Pfeffer her? Den möchte ich sehen, der genauso wie Du den Mut hat, organische Gewürze in Projekten herzustellen, in denen der Boden mit natürlichen Mitteln gepflegt wird. ER: Genau! Den möchte ich mal sehen! SIE: Ist bisschen teuer, oder? ER: Nein. Die Verkäufe gehen zurück, ich kann die Marge nicht verkleinern. Blöd ist nur, dass der Kunde sich bücken muss, um an das Produkt ranzukommen. SIE: Wo liegt das Problem? ER: Die meisten Einkäufe werden einfach spontan entschieden. Der Kunde schaut nur in die unteren Regale, wenn er eine bestimmte Marke sucht. SIE: Ich habe nach einer bestimmten Marke gesucht. ER: Weil Du das Design entworfen hast. SIE: Damit Du sie verkaufen kannst. ER: Danke, mein Schatz. SIE: Mein Schatz ist abgeschmackt, findest Du nicht, mein Engel? ER: Mein Engel, mein Schatz – geht beides nicht. Und Leopardentier ist out. Meine Süße klingt irgendwie gewöhnlich, mein Schmetterling, na ja, etwas ... fragil. Siehst Du hier? SIE: Bleiben wir dann bei Meiner und Meine. ER: Was? Meiner und Meine? SIE: Ich nenn' Dich Meiner und Du nennst mich Meine. 10
  • 11. 11 ER: Okay! Dein Vater wird begeistert sein, wenn ich Dich Meine nenne. Und das bist Du auch, ganz meine. Komm her. Er umarmt sie besitzergreifend. SIE: Drück mich nicht so fest, ich muss pinkeln. Er lässt los. ER: Dann geh doch aufs Klo.. . SIE: Ja.. Sie schaut sich um, als stimmte etwas nicht. Meinst Du, es gibt hier eine Toilette? ER: Na klar. Angestellte müssen auch mal. SIE: (versucht sich zu entspannen) Okay, Meiner, pass auf den Einkaufswagen auf, ja? ER: Es wird schon keiner den Wagen klauen, Meine.. SIE: (schaut sich um) Ja... es wimmelt nicht gerade vor Menschen. Ich sehe absolut niemanden. Sie verschwindet nach hinten. Er schaut sich um, ob jemand ihn beobachtet und vertauscht die Produkte der Konkurrenzfirma mit seinen. Dabei legt er seine Produkte in ein Regal auf Augenhöhe. Sie kommt zurück, beobachtet ihn, wie er die Produkte vertauscht. Er dreht sich um. ER: Alles okay? Sie wie gebannt, erschrocken. SIE: Ich habe niemanden gefunden. ER: Wie? SIE: (flüstert) Außer uns beiden ist hier keiner. ER: Tatsächlich, Du hast recht! SIE: Gehen wir? ER: Moment, ich seh mal nach. SIE: Bitte nicht... ER: Wart eine Minute. 11
  • 12. 12 SIE: Bestimmt ist etwas Schlimmes passiert. Ich ruf' Deine Mutter an. Er verlässt die Bühne. Sie greift nach dem Handy in ihrer Tasche. Sie bekommt keinen Empfang, der Anruf kann offenbar nicht aufgebaut werden. Sie geht durch den Supermarkt und probiert andere Stellen aus, um einen Empfang zu bekommen. Wird immer nervöser. Sie nimmt die Produkte aus dem Wagen, legt sie auf den Boden. Sie schaut auf den Kuchen. Sie steigt in den Wagen um aus der Höhe, Netz zu bekommen. Versucht das Gleichgewicht zu halten, der Einkaufswagen wackelt. Er kommt zurück. ER: Was machst Du da? SIE: Das Handy geht nicht. ER: Bist du wahnsinnig, steig da runter, Du wirst noch herunterfallen! SIE: Hast Du jemand gefunden? ER: Nein, niemanden. SIE: (klettert aus dem Wagen) Lass uns gehen. ER: Es ist Samstagabend, der Supermarkt schließt erst um elf. SIE: Wahrscheinlich ist jemand berühmtes gestorben... komm schon. ER: Sollen wir den Einkaufswagen einfach stehen lassen? SIE: Ja doch. ER: (nimmt ein Töpfchen Senf) Aber fehlte nicht noch was? Sie geht von der Bühne. Er legt den Senf in den Wagen und holt eine Kerze heraus. ER: (verärgert) Ach.. und ich hatte doch noch eine Überraschung für Dich. Er wirft die Kerze in den Wagen und verlässt die Bühne. Das Licht wird herunter- gefahren, nur noch die ihre Umrisse und die des Raumes sind zu erkennen. Szene 2: Gefangen im Supermarkt Sie und Er beginnen bereits hinter den Kulissen zu reden. Während sie die Bühne betreten, geht das Licht langsam an. SIE: Das ist ja 'n Ding! Wie können die uns hier einfach einschließen? ER: Keine Ahnung. Sie kommen auf die Bühne. Licht ist voll an. SIE: Das gibt´s doch gar nicht, hast Du schon mal so was erlebt? 12
  • 13. 13 ER: Ehrlich gesagt, nein... SIE: Mensch, verdammt noch mal, tu doch was! ER Ich, äh... SIE: ... Du bist handlungsunfähig, das seh' ich. (schreit zur Decke hinauf) Halloooo! Hallooo! Ist da wer? ER: Beruhig' Dich, Liebes, so schlimm ist die Situation wieder nicht. SIE: Wie, nicht so schlimm!? In Kürze warten dreißig Personen auf Dein großartiges Abendessen und wir sind hier drinnen eingeschlossen! ER: Ich schau' mal nach, ob der hintere Eingang noch offen ist. Er will gehen, hört sie schreien, kommt zurück. SIE: (ruft in den Raum des Supermarkts hinein) Hallooo, Hallooo, ist da wer? Hallooo! ER: Es wäre besser, das Handy zu benutzen. SIE: (holt tief Luft) Gibst Du mir Deins? Meins geht nicht. Er holt sein Handy aus der Hosentasche, gibt es ihr, geht nach hinten. Sie klettert in den Wagen, versucht erneut, einen Empfang zu bekommen. Sie wählt, aber nichts tut sich. SIE: So ein Scheiß! Klappt nicht. Es geht einfach nicht. Mist. Hallo, ist da wer? Sie schiebt sich bis vorne an die Bühne. Sie reckt das Handy in Richtung Publikum, starrt auf das Display. Hier rührt sich nichts. Ahhh! Hallo! Ist da jemand? Sie setzt sich in den Wagen, umklammert ihre Beine, hält sein Handy in der Hand. Sie liest die Nachrichten auf seinem Handy. Ihre Miene verfinstert sich, während sie die Nachrichten liest. Er kommt herein. Sie gibt sich gelassen, verstaut sein Handy in ihre Tasche. SIE: Und..? ER: Nichts. SIE: (spöttisch) Nichts... ER: Ich hab keine der Türen aufgekriegt... 13
  • 14. 14 SIE: (unterbricht ihn) Du kriegst wohl nichts auf die Reihe, oder?! ER: Was soll das jetzt heißen? Ist doch nicht meine Schuld. Wir kommen halt im Moment nicht hier raus. SIE: Das gibt es doch nicht. Du hast einfach keinen Ausgang gefunden. Wenn Du uns nicht einmal aus so einer einfachen Situation ...sie ist ja nicht so schlimm, deine Worte ... wie diese rauskriegst, dann möchte ich mal wissen, wie wird es dann, wenn.... ER: (unterbricht sie) So einfach ist sie wieder nicht... SIE: ... ich möchte mal wissen, wie es sein wird, wenn wir Kinder haben ... ER: Freie Assoziation, was?.. Von eingeschlossen im Supermarkt auf Kinderkriegen... SIE: Darüber möchte ich jetzt nicht diskutieren. ER: Das fehlte auch noch... SIE: (schweißgebadet)Liebling, ich habe furchtbare Panik ... in solchen Situationen. Es dreht sich mir alles, ich glaube, ich werde ohnmächtig. Er massiert ihre Schultern. Sie sitzt noch im Wagen. Sie atmet tief durch, entspannt sich etwas. ER: Beruhig Dich doch ... so kenn ich Dich gar nicht. Sie fischt eine Tablette aus ihrer Handtasche. Wofür sind die? SIE: Für irgendwas. Sie schluckt die Tablette. Wie kommen wir hier raus? ER: Hast Du jemanden erreicht? SIE: (immer noch in Angstschweiß) Ich bekomme keinen Empfang. Sie schaut sich um, Platzangst steigt in ihr hoch. Mannomann ... ER: Das ist psychologisch. Wir sind schon eine Weile hier und Dir war kein bisschen schlecht. Wen hast Du versucht anzurufen? SIE: 110 14
  • 15. 15 ER: Soll ich mich vor der Polizei blamieren? Hör auf, so neurotisch zu sein! SIE: Bitte nicht. ER: Tut mir leid. SIE: Warum gehst Du nicht zur Kasse und suchst irgendeinen Notschalter? Er geht nach hinten, ist für das Publikum noch sichtbar. ER: Okay. SIE: (nimmt das Handy aus der Tasche) Ich schau mal, ob es jetzt geht. ER: Mist.. ich seh´ keinen Knopf. SIE: Ahh... dieser Schwindel. (ruft ihm zu) Mit Sicherheit gibt es einen Knopf für Notrufe, irgendeinen roten, Anti-Dieb-Knopf, Notfall eben, Dummkopf. ER: Ah... ich versuch' mal diesen hier. Aha... jetzt leuchtet ein Knopf an der Kasse auf.... wahrscheinlich ein Alarmsignal. SIE: Beeil Dich, Du lahme Ente! Mir ist wirklich schlecht! ER: Ruf doch Deine Doktor Wanja an... hm? SIE: Was? ER: (lauter) Frau Doktor Wanja! SIE: Was hat meine Frauenärztin damit zu tun? ER: Sie scheint wohl Deine Ansprechpartnerin für alle Problemchen zu sein. Du rennst doch ständig zu ihr. SIE: Sie ist sogar noch mehr als das. Hast Du den Knopf endlich gefunden? ER: Viele verschiedene, aber keinen, der uns nützt. Er kommt mit einem Radio zurück. ER: Ihr beide habt wohl kleine Geheimnisse miteinander? SIE: Wer von uns beiden hat hier Geheimnisse! Du bist es, der hinter meinem Rücken Pläne schmiedet. Ich erfahre immer alles als Letzte. ER: Aber... Meine. SIE: (zeigt auf das Radiogerät) Und was ist das jetzt! 15
  • 16. 16 ER: Genau das, was es zu sein scheint. Was hast du eben gemeint? SIE: (steigt aus dem Einkaufswagen) Ich habe eine interessante Nachricht auf Deinem Handy gelesen. Serge ist total happy, weil Du ihm Lisa vorstellen möchtest. Du hast ihm einfach so geschrieben, ohne mich zu fragen. Was hast Du mit diesem Lautsprecher vor? ER: Was ist daran so schlimm, dass ich die beiden miteinander bekannt machen will? Und das hier ist... ein Radio. Er stellt das Radio auf den Boden und versucht einen Sender einzustellen. SIE: "Sie ist genau Dein Typ, es kann nichts schiefgehen". Hast Du geschrieben. ER: Seit wann schnüffelst Du in meinem Handy herum? SIE: "Es kann nichts schiefgehen" .... Deiner Meinung kann ihr kein Mann widerstehen, oder? ER: Bitte! SIE: Stimmt doch ... sie sieht wirklich gut aus. Alle machen ihr große Augen, Männer wie Frauen. Lisa vor dem Altar im sexy roten Tatto-Kleid.... neben der Braut im keuschen Weiß. Was werden Deine Freunde dazu sagen? Mit veränderter Stimme. Aber Hallo, dem geht´s gut...ha, mit so einer besten Freundin, würde sogar ich vor den Traualtaltar treten. ER: Was für ein Scheiß... SIE: (beachtet ihn nicht) Hmpf... (Panikattacke. Zu sich selbst) Ahh... mir läuft der kalte Schweiß herunter. Soll ich noch eine nehmen? ER: Ich hab´s, hier, ein Sender. SIE: Nachrichten? ER: Übertragung einer evangelikalen Messer. Ich dreh mal vorsichtig weiter.... vielleicht kriege ich was anderes rein. SIE: Deine Mutter hört gerne religiöse Sendungen. ER: Sie mag die Musik, gibt ihr Auftrieb, sagt sie. 16
  • 17. 17 SIE: Sie hab ich angerufen, nicht die Polizei. Deine Mutter ist die Nummer 1 in meiner Kurzwahlliste. ER: (erinnert sich, dass ihre Mutter bereits gestorben ist) Ja, mein Schatz, ich weiß. Umarmt sie. Geht es Dir besser? Es dauert nicht mehr lange, dann kommt jemand und holt uns hier raus... SIE: Sie hat mir sogar gesagt, was für eine verständnisvolle und großzügige Frau ich bin, weil es mir nichts ausmacht, wie viele tolle Freundinnen Du hast. ER: Ach... fang doch nicht mit dieser Eifersucht an. Du musst lernen, Dich unter Kontrolle zu haben. Er hebt das Radio hoch. SIE: Richtig, Kontrolle haben. Mit wem gehst Du aus, wohin gehst Du, wann kommst Du nach Hause. ER: Zum Henker noch einmal, es funktioniert nicht. Schleudert das Radio zu Boden. Er vernimmt ein lautes Geräusch, das nicht vom Aufprall des Radios auf den Boden herrührt. Hast Du gehört? SIE: Wie Du Dein hervorragendes Werkzeug kaputt gemacht hat? Was nicht zu überhören. Unseren einzigen Kontakt zur Außenwelt. ER: Irgendjemand ist hier...warte... Er geht zu Korridor 3, hört befremdliche Geräusche. Er ist unentschlossen, was er tun soll, bleibt regungslos stehen. Er hört Geräusche, die nur für ihn vernehmbar sind. Er ist ratlos. SIE: Lass mich nicht allein hier... mir ist so übel... Sie schaut umher und bemerkt, dass niemand bei ihr ist. Schlingt die Arme um sich, als ob sie friert. Klettert schließlich in den Einkaufswagen und schiebt sich durch den Korridor, während sie spricht. Die Leute im Zuschauerraum erscheinen ihr wie Geister... sie nimmt deren Gesichter nur wie Schatten wahr. SIE: Heute morgen, beim Aufstehen, da ging es mir schon nicht gut. Ich weiß, dass Du Dich von mir abwendest, wenn ich so bin. Warum mach' ich das nur? Sie senkt den Kopf. Er kommt zurück. ER: (nervös) Du wirst es nicht glauben. 17
  • 18. 18 SIE: (in schmeichelndem Ton) Du umarmst mich? ER: (ungeduldig) Dazu ist jetzt nicht die Zeit. Hier ist noch jemand. Hat so ein komisches Geräusch von sich gegeben. So... einfach seltsam, ich konnte es nicht identifizieren. Glaubst Du mir? SIE: (hört kaum zu) Ja. ER: Tu doch was, sitz nicht so rum wie ein Häufchen Elend. SIE: Jetzt schieb doch nicht Deine eigene Inkompetenz auf mich! ER: Also... Du bist doch Wonder Woman, oder? Sagst Du doch immer. Jetzt zeig mal Deine übernatürlichen Fähigkeiten. SIE: (schreit) Ha! Wonder Woman war Lisas Spitzname. Ich war Catwoman! ER: Mann, jetzt geht das los... beruhig Dich doch. SIE: Catwoman! Du hast sexuelle Fantasien mit Wonder Woman. Du ziehst sie mir vor. Gib´s zu! ER: (ruhig) Ja... stimmt. Ich habe wirklich sexuelle Fantasien mit Wonder Woman. (brüllt) Und es ist Lisa! Sie hören das Brüllen des Panthers. Sie geraten in Panik, verstecken sich. Das Licht ist jetzt gedimmt. Nur die Umrisse der Dinge und der beiden Personen auf der Bühne sind sichtbar. Er bewegt seine Kopf, sucht etwas. Sie ist wie gelähmt. Szene 3: Der Panther Beide atmen angestrengt. Das Licht ist immer noch gedimmt. SIE: Was war das? ER: Keine Ahnung. SIE: Was denn? ER: Pscht! Sei still! Beide verstummen, der Panther schnurrt. SIE: Verdammte Scheiße, ist hier etwa ein Tier? ER: Hört sich wenigstens so an. 18
  • 19. 19 SIE: Hier drinnen ist ein Tier! ER: Sch-sch! Der Panther verstummt. Die Lichter blenden auf. (richtet sich auf) Komm. SIE: Bist Du verrückt? ER: Es ist hinten im Supermarkt. Hör doch mal. Kleine Pause, sie lauschen dem Geräusch, "Hund, der den Müll durchwühlt". Es ist da wo das Fleisch ist. SIE: (richtet sich ebenfalls auf) Es ist ein wildes Tier, es ist bestimmt ein wildes Tier. Wer macht denn solche Geräusche? ER: Wir müssen uns schützen. Falls es zurückkommt. SIE: Zurückkommt? Warum zurückkommt? ER: Tiere greifen nur aus Hunger an, oder um sich zu verteidigen. SIE: Dahinten gibt es Fleisch für Monate. ER: Einige greifen aber einfach nur so aus Spaß an. Sie steigt in den Wagen, schiebt sich bis zum Fenster. SIE: Hilfe! Hilfe! Er rennt auf sie zu, presst seine Hand auf ihren Mund. ER: Mensch! Hör auf, du machst es nur aufmerksam auf uns. Tiere greifen auch an, wenn sie Angst wittern. Sie riechen förmlich die Angst. Sie gehen zuerst auf die Schwächsten los. Du musst vorsichtig sein! SIE: (nimmt seine Hände von ihrem Mund) Und die Schwächste hier bin ich, oder? ER: Hilf mir, einige Kisten zu holen. Wir müssen uns verschanzen. Sie stapeln Kisten aufeinander, bilden einen kleinen Kreis, in dem zwei Leute hineinpassen. SIE: Ihr Blick durchdringt dich wie Röntgenstrahlen. Sie spüren sofort, wenn du deine Angst verbirgst. Sie können deine unterdrückte Angst ganz deutlich sehen. ER: Danke, meine Liebe. Wir werden uns eine Waffe basteln. Tiere haben Angst vor Feuer. 19
  • 20. 20 Sie hören weitere Geräusche, die aus der Tiefe des Supermarkts tönen. SIE: Im Gang nebenan gibt es Spiritus. Bei den Reinigungsartikeln. ER: (geht gedanklich sämtliche Rettungsmöglichkeiten durch) Okay. SIE: Man kann hier einen Durchgang machen. Sie nimmt einige Produkte aus dem Regal für einen Durchgang zu Gang 1. ER: Gut gemacht, klasse.. Ich kriech bis rüber zum anderen Gang und reich' Dir einen Gummiwischer, einen Stiel und ein Feuerzeug. Du wickelst den Lappen um den Gummiwischer, tränkst ihn mit Alkohol und bereitest Dich aufs anzünden vor. Alles klar? SIE: Alles klar. Er kriecht durch den Durchgang, sie hält ihn kurz am Arm fest. Schön, wie Du die Situation in die Hand nimmst. Du bist mein Mann. ER: Pass auf, keine plötzlichen Bewegungen und rühr Dich bloß nicht von der Stelle. Er kriecht durch den Durchgang zu Gang 1. Reicht ihr nacheinander einen Gummi- wischer, einen Lappen, einen Stiel, eine Flasche mit Alkohol. Sie schraubt den Stiel an den Gummiwischer, wickelt einen Lappen drum herum, tränkt ihn mit Alkohol. Er kriecht zurück zu Gang 2. All dies geschieht in großer Hast. Es kann Musik dazu geben. (will sich Mut zu machen) Klappt doch ausgezeichnet. Jetzt in unsere Festung und den Eingang dichtmachen. Sie gehen rein. Es ist sehr eng; sie können sich kaum bewegen. SIE: Okay, ich bin bereit, das mach ich. Gibst Du mir das Feuerzeug? Oder...nein, ich schaff´s doch nicht. Zünd Du es an. Sie reicht ihm den Gummiwischer. Er sieht sie erschrocken an, rührt sich nicht. Das Feuerzeug! Er sieht zu Boden. Du hast das Feuerzeug vergessen? 20
  • 21. 21 ER: Arschkarte. Sie hören weitere Geräusche. Der Panther tief hinten im Supermarkt wühlt in den Waren. SIE: Du bist ein Idiot! Scheiße noch mal, verdammte. ER: Drüben gab´s kein Feuerzeug! SIE: Ich muss hier also alles machen. Was erschrickt wilde Tiere am meisten? ER: Wir könnten... SIE: (spöttisch) Was könnten wir....? ER: Feuer, zum Beispiel... SIE: Aha! ER: Nicht aufregen! Feuer, Wasser! Wo steckt dieser Saft? SIE: (greift nach dem Saft) Hier.. Sie öffnet die Flasche. ER: Wenn es sich nähert, schleudern wir die Flasche in seine Richtung und jagen es in die Flucht... SIE: (hämisch) Ach ja? Und dann ist es verschwunden, oder? ER: Lärm! Das ist es. Schau mal nach, ob hier irgendwas gibt, was Krach macht. Der Panther schnurrt. Sein Schatten gleitet langsam an der Wand vorbei, es geht keine Bedrohung von ihm aus. Sie wirft den Cranberrysaft in die Richtung des Schattens. Der Schatten krümmt sich und verschwindet schlagartig. SIE: Hast Du gesehen? So groß! ER: Sie ist riesig. SIE: Warum sie ? ER: Dem Schatten nach zu urteilen, ist es eine Raubkatze. SIE: Alle Schatten sind bekanntlich schwarz. Diese Manie von Dir, in allem und jedem etwas Weibliches zu sehen. Sie nimmt ein Feuerzeug aus der Tasche zündet es. In die andere Hand nimmt sie die Spiritusflasche. Koomm, Miezekatze, kooomm, ich werd' Dir schon Feuer unterm Arsch 21
  • 22. 22 machen, Du kleine Kreatur. ER: Spielst Du jetzt "alle Weibchen aus dem Weg räumen"? SIE: So ist es. Kooomm, na komm schon, Mieze. ER: Wo hast Du auf einmal das Feuerzeug her? Sie ruft weiter nach der Katze. Er packt sie am Arm, sie hält ihm das Feuerzeug vor das Gesicht. ER: Hab ich Dir nicht gesagt, Du sollst mit dem Rauchen aufhören? SIE Hm, hm. ER: Hast Du wieder damit angefangen? SIE: Ich habe nie damit aufgehört. Hab schon öfter mal Pause gemacht, aber nie richtig aufgehört. ER: Rauchen ist das Dümmste, was man überhaupt machen kann. SIE: Im Augenblick nicht gerade die tödliche Bedrohung. Der Schatten des Panthers kehrt zurück. Neugierig, jedoch nicht aggressiv. Man hört kein Schnurren. Sie tränkt den Lappen nochmals mit Spiritus, hastig, zündet das Feuerzeug, zündet den Lappen an. Der Schatten zuckt und tritt den Rückzug an, gereizt. Das Tuch brennt oberflächlich, das Feuer hält nicht lange und geht aus. SIE: Ach! ER: Das ist nicht gut, gar nicht gut. SIE: Hast Du ein nicht-brennbares Putztuch genommen? ER: Hast Du jemals schon mal brennbare Feudel zum Verkauf gesehen? SIE: Na toll! Kein Wasser, kein Feuer, kein Lärm... ER: Man könnte die Kisten anzünden... SIE: Und dann brennt der ganze Supermarkt und wir sind hier eingeschlossen. Pause, sie seufzen. SIE: Glaubst Du, sie ist geflüchtet? ER: Man hat ihr bestimmt nicht kurz Auslauf gegeben, um mal eben Luft zu schnappen. SIE: Was Du nicht sagst... hier in der Nähe ist doch ein Zoo, oder? 22
  • 23. 23 ER: Schon möglich. SIE: Sie hat ihr ganzes Leben im Gefängnis verbracht... ER: (nicht sicher, ob er mit dem Wort Gefängnis einverstanden ist) Tja. SIE: Sie fühlt sich bestimmt einsam. ER: Aber nur für kurze Zeit... Sehr bald wird sie jemand zurück in den Käfig bringen, dann ist sie wieder mit der Familie vereint. SIE: Warum ist sie geflüchtet? ER: Das fragst Du mich? Wer weiß, innerhalb jeder Spezies gibt es Unterschiede zwischen den Individuen . SIE: Hä? ER: In jeder Spezies gibt es ein Exemplar, dass besonders neugierig ist, dass wissen möchte, was es da draußen noch gibt, es möchte entdecken, erforschen. Dann treten Mutationen auf, die das Überleben ermöglichen. Das nennt man Evolution. Die Reptilien z. B. kamen aus dem Wasser... SIE: Red keinen Unsinn. Womöglich hat sie jetzt Deine Stimme gehört. ER: Die Stimme der Evolution. SIE: Nein. Eine innere Stimme sagt ihr, irgendwas ist falsch. Sie weiß nicht, was es ist, nur dass es so ist. Dieses große Wesen, eingezwängt, sein ganzes Potential erstickt. Das ist nicht ihr Ort...Das Fauchen, Brüllen, die Wut haben nur die Gaffer nur amüsiert. Bis die Raubkatze eines Tages fast aufgibt. ER: Aha, Du identifiziert Dich wohl mit ihr? SIE: Sie war schon fast zugrunde gerichtet. Ihre innere Stimme wurde lauter und lauter, bis sie merkte: ich muss von weg. Sie fasste sich ein Herz und machte sich auf die Suche nach....dem Dschungel. ER: Dschungel, Supermarkt, ist ja eh fast das Gleiche. Sie hören ein Geräusch, der Panther ist wütend. ER: (ängstlich) Was haben wir noch für Waffen? Sie scheint wie hypnotisiert, antwortet nicht. Blickt in die Richtung von wo das Geräusch kommt. ER: Steig auf meine Schultern. Wenn wir aussehen wie ein größeres Tier als sie, erschrickt sie. Tiere reagieren auf so was instinktiv. 23
  • 24. 24 Der Schatten taucht auf. ER: Los, rauf, schnell! Er packt ihre Hand, will sie in Richtung ihrer "Basis" ziehen. Sie rührt sich nicht, schaut wie gebannt auf den Schatten. SIE: Sie kam in einem Käfig zur Welt. Sie ist total verschreckt. Hat nie den Urwald gesehen, sich nirgendwo zu Hause gefühlt. Sie ist sicher unglücklich. ER: Ist doch nicht zu fassen! Willst Du sterben? Er lässt ihre Hand los, eilt in Richtung ihrer „Basis“. SIE: (erwacht aus ihrem Trancezustand, geht auch auf ihre „Basis“ zu) Willst Du mich alleine stehen zu lassen? Du wärst imstande dazu. Du würdest nie ein Opfer für mich bringen. Ist mir natürlich mittlerweile klar, dass ich keinen Helden heirate, aber... ER: Helden? Ich bin derjenige, der hier Held spielen muss. Aber Du legst es ja darauf an, andauernd zu demonstrieren, dass Du alles besser kannst als ich. Du scheinst geradezu darum zu betteln, dass man Dich in Deine Schranken weist. Und das mache ich jetzt auch. Ich gehe jetzt raus und erlege die Bestie. Gib mir Stiel und Feuerzeug. SIE: (drückt Stiel und Feuerzeug an sich) Nein! ER: Gib her, verdammt noch mal... SIE: Ich komm mit Dir. ER: (nimmt ihr Stiel und Feuerzeug aus der Hand) Du bleibst schön hier. Bewachst die Basis. SIE: Nein. ER: Halt den Mund und tu was ich Dir sage. Ich geh' da jetzt hin, töte das Tier und komm zurück. SIE: Ein Barbar! ER: Du sagst es... ein Neandertaler! Er verlässt ihre „Basis“. SIE: Lass mich nicht allein hier... Sie klettert aus ihrer kleinen Festung heraus. ER: Du bleibst wo Du bist! 24
  • 25. 25 Er drängt Sie wieder rein. Sie fällt. Er wendet sich von ihr ab und Geht jetzt langsam in den hinteren Teil des Supermarktes. SIE: Komm zurück! Aus einem der Regale fällt eine Kiste auf ihn. ER: (kehrt zur „Basis“ zurück) Mensch, der Kerl sitzt irgendwo da oben. Ist auf ein Regal hochgeklettert und beobachtet uns. SIE: Das ist Katzenart. ER: Beweg Dich nicht. Sonst merkt er, von wo Gefahr droht. Pause. ER: Ob sie schon alle da sind? SIE: Ich denke schon. ER: Was machen sie wohl jetzt? SIE: Deine Großmutter erzählt wie immer die Geschichte, wie sie Deinen Großvater kennengelernt hat. Deine Mutter ruft inzwischen die Polizei an, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Sie tut so, als wäre alles in Ordnung. Mein Bruder...verspätet, wie immer. Er hat diese Woche übrigens einen wichtigen Auftrag zu erledigen ER: Ach ja? SIE: Hm-hm... ein Landhaus in der Nähe der Stadt. Um einen Baum herumgebaut. Mit einer Wendeltreppe, aus Holz... ER: Ganz ähnlich wie das Haus, das Du für uns entworfen hast. SIE: Es ist das Haus. ER: Versteh' ich nicht. SIE: Ich habe ihm meinen Entwurf gegeben. ER: Warum? SIE: Weil er ist ja der richtige Architekt ist. Ich bin nur die Designerin, er setzt es dann um. ER: Du wolltest es so. SIE: Nein, wollte ich eigentlich nicht. Ich wollte selber Häuser bauen - Häuser, die die menschliche Seele widerspiegeln. 25
  • 26. 26 ER: Wirklich? O Gott, Meine... Häuser als Spiegel der Seele, na ja... Mal ganz im Ernst, immer hegst Du Zweifel an Dir. SIE: (blickt ihn fest an) Immer nagen diese Zweifel an mir. ER: Beziehst Du das jetzt auf meine Person? Sie nickt. (Pause) Warum willst Du mich dann überhaupt? SIE: Weil es zu viel Arbeit kostet, mit jemand anderem wieder ganz von vorne anzufangen. Dafür habe ich keine Zeit mehr. ER: Das sagst Du nur so. SIE: Du nimmst mich nie ernst. ER: Liebes, dieser Panther bringt Dich vollkommen durcheinander. Du bist verängstigt. SIE: Wenn Du meinst. Ob er uns beobachtet? ER: Bestimmt. Irgendwo da oben. SIE: Im Fernsehen habe ich mal gesehen, man soll sich neben das wilde Tier stellen. Das signalisiert: ich will keine Konfrontation. Er stellt sich neben sie. ER: So? SIE: Nein! Seite an Seite mit der Raubkatze! ER: Nur wissen wir leider nicht, wo sie sich versteckt hat. Dein Vorschlag bringt nichts. SIE: Hast Du einen besseren Vorschlag ? Kleine Pause. ER: Wäre zu umständlich... Weißt Du, an was ich mich gerade erinnere? An Deinen Traum. SIE: Meinen Traum? ER: Ja, Deinen Traum. Kannst Du Dich erinnern? In dem Du und ich Deine Mutter im Krankenhaus besucht haben. SIE: (irritiert) Ach, lieber nicht! ER: Das Krankenzimmer war ganz weiß. Von draußen fiel gleißendes Licht durch das große Fenster herein. Du hast die Augen zugekniffen, um überhaupt was zu erkennen. Hast Du mir damals erzählt. Pause 26
  • 27. 27 Wir standen am Fußende des Bettes. Du wolltest mich Deiner Mutter vorstellen, weißt Du noch? Nachdem die Krankenschwester da war, hast Du meinen Namen genannt. Deine Mutter reagiert nicht. Ihr Kopf lag zum Fenster geneigt. Ihre Hände umklammert den Bettpfosten. Dieser leere, geheimnisvolle Blick. Irgendwie hatte sie aufgegeben. Sie war überhaupt nicht mehr da. SIE: Kann mich nicht erinnern! ER: In Deinem Traum habe ich auf eine kleine Eidechse gezeigt. Sie war an der Wand hoch gekrabbelt, genau über dem Kopf Deiner Mutter. Du hast kurz hingesehen. Als dann Dein Blick wieder auf das Krankenbett fiel...lagst Du als Patientin im Bett.... wie Deine Mutter. Pause Du hattest Angst, dass Deine Mutter nicht mehr gesund würde, sondern dass Du eines Tages so wie sie endest. Sie gerät in Rage, beginnt hektisch die „Basis“ abzubauen. SIE: Warum sagst Du das? ER: (streng) Vorsicht, unsere Basis! SIE: Ich hasse Dich! Der Panther beginnt zu schnurren. (zum Schatten) Komm, komm nur her! Ich hab es satt, immer auf Dich zu warten! Komm, komm endlich! Er will Sie festhalten. Fass mich nicht an! ER: Du sollst still halten! Er packt sie an den Schultern. Sie ringt nach Luft. Sie stehen sich stumm gegenüber. Pause. SIE: Du bist ekelhaft und gemein. Ein Wurm! Pause. Er will etwas sagen, sie fällt ihm ins Wort. Ja, ein Wurm. Und Du hast mich mit Deinem Wurmsein angesteckt. Ich empfinde nur mehr Abscheu. ER: Wovon redest Du? SIE: Warum gehe ich dauernd zu Doktor Wanja? Weil sie mich zu heilen versucht. Von Dir. Du hast mich angesteckt. Dein bestes Stück hat schlechte Bakterien in meinen Uterus gespritzt. ER: (entgeistert) Halt den Mund... SIE: (ruhig) Ja. Ich bin in Behandlung. Du hast mich angesteckt. Warum glaubst Du, benutzen wir Kondome? 27
  • 28. 28 ER: Weil Du dauernd die Pille vergisst! SIE: Nein. Weil Du mich krank gemacht hast. Pause ER: Infame Lüge! SIE: Bitte, frag Doktor Wanja. Meine Muschi war das gesündeste überhaupt, bevor Du aufgetaucht bist. Sie schnaubt vor Wut, wirft eine Kiste auf den Boden. Er verschwindet. Wohin gehst Du? ER: (schreit aus dem Off) Wovor hast Du am meisten Angst? SIE: Was? ER: (gelassen) Wovor hast Du am meisten Angst auf der Welt? Geräusche, wie wenn er nach etwas sucht. SIE: Wovon redest Du überhaupt? Ahnt, was er vor hat. Nein! Tu´s nicht! Bitte! Um Himmels willen. Du... ER: (aus dem Off, seelenruhig) Was kümmert´s mich... so, hab schon. Ich weiß doch, wovor Meine auf dieser Welt am allermeisten Angst hast. Deine schlimmste Phobie... Kleine Pause. Die Dunkelheit. Black out. Sie brüllt gleichzeitig mit dem Panther. Stille. Das Schild Ausgang leuchtet auf. Es ist das einzige Licht auf der Bühne. Man hört Atemgeräusche der beiden. Szene 4: Die Falle SIE: Mach Licht! Schnell! Mach es wieder an! Mir ist schwindelig... Weint wie ein Kind. Mir ist so schlecht... Schneuzt sich, beruhigt sich etwas. 28
  • 29. 29 Bist Du wahnsinnig? Im Dunkeln sieht der Panther doch viel besser als wir! Willst Du, dass ich sterbe? ER: Ich probier gerade... SIE: Was? ER: Ich habe schon auf alle Knöpfe gedrückt, keiner scheint zu funktionieren. SIE: Dauernd bringst Du uns in ein Schlamassel. Weißt du was? Hoffentlich fühlst Du Dich verantwortlich, wenn ich jetzt sterbe. ER: Reg Dich nicht auf, ich mach das schon. Bisschen was kann ich sehen. Ich besorge uns Taschenlampen. Rühr dich nicht von der Stelle. SIE: (ironisch) Ich tu mein möglichstes. Sie zündet eine Kerze an. Ich bin jetzt gefordert. Das Folgende spricht jeder der Protagonisten für sich, oder an das Publikum gerichtet, es ist wie eine Aussage über ihre Beziehung. Sie hören sich gegenseitig nicht. Sie richtet eine Falle für den Panther auf: Sie baut den Einkaufswagen vorne an der Bühne auf, dreht ihn um stützt die Vorderseite mit dem Stiel ab. Sie holt etwas Essbares mit dem sie eine Fährte bis zur Falle legt. SIE: Sieht ganz schön bizarr aus. Brrr (friert). Er will immer der Bestimmer sein, als ob es darum geht, Punkte zu sammeln... Was will er beweisen? Er knipst die Taschenlampe an, steht in der linken Ecke der Bühne. ER: Sie hat Power, diese Frau. Wenigstens sollte man sie in dem Glauben belassen. SIE: Er nimmt mich nicht ernst. ER: Sie ist immer am Rand eines Nervenzusammenbruchs, wähnt sich ständig in einer Krise. SIE: Er möchte die Situation unter Kontrolle haben. Am Ende kriegt er doch nichts hin. ER: Sie sollte sich von ihren Ängsten lösen. Mir mehr vertrauen. SIE: Er versucht natürlich alles totzuschweigen und sagt mir dauernd, ich solle mehr zur Ruhe kommen. ER: Sie ist ständig gereizt oder bekommt einen hysterischen Anfall. Dann 29
  • 30. 30 bin natürlich ich derjenige, der wieder alles ins Lot bringt. Das legt sie dann als Schwäche von mir aus. SIE: Er ist ein Feigling. ER: Was sollte ich am besten tun? SIE: Er wirkt so lähmend auf mich. ER: Soll auch einfach los schreien? SIE: Er weicht den Dingen aus. ER: Oder sagen, was ich wirklich denke? SIE: Nie nimmt er einen Standpunkt ein. ER: Damit sie es dann gegen mich benutzt. Kleine Pause. SIE: Ich brauche einfach diese Sicherheit. ER: Ich möchte das durchziehen, dann haben ich es geschafft. Er öffnet eine Flasche Whisky. SIE: Ich bin auch noch da. Er nimmt einen großen Schluck aus der Whiskyflasche. ER: Niederlagen akzeptiere ich nicht. SIE: Und wenn ich die Stimme höre? Und dann einfach fort gehe ... ER: Das Fundament einer funktionierenden Beziehung ist eine beständige partnerschaftliche Verbindung. SIE: Fortgehen, bei ihr sein. Bezieht sich auf den Panther. Schutzlos und allein. ER: Wir haben etwas beschlossen, also ... ich führe ich es auch zu Ende. SIE: Abschiednehmen fällt mir wahnsinnig schwer. An der Einsamkeit liegt nichts besonders Poetisches. Er leuchtet sie mit der Taschenlampe an. ER: Hier sind noch ein paar Taschenlampen. 30
  • 31. 31 SIE: Hmm. ER: (bietet ihr den Whisky an) Willst Du? Sie nickt, trinkt.Er blickt um sich, sieht die Falle, die sie aufgestellt hat. Was haben wir denn hier? SIE: Ich habe beschlossen, allein zu handeln. Du kriegst sowieso nichts gebacken. ER: Nicht schon wieder... SIE: Stimmt doch, oder? ER: Na gut, wenn Du alleine so gut klar kommst, bitte. Ich bin dann auf der anderen Seite des Supermarkts. Sieh zu, wie Du zurecht kommst mit Deinem umgekippten Einkaufswagen. Ich gehe. SIE: (hält ihn am Arm fest) Nein! Das soll eine Falle sein.... funktioniert bestimmt. Vielleicht passt nicht das ganze Tier da rein, aber sie wird dem Panther auf jeden Fall einen Mordsschrecken einjagen. ER: (verächtlich) Tatsächlich, wird sie das? SIE: Warum hast Du das Licht ausgelöscht? Ich habe wenigstens was unternommen. Ach was, von mir aus, verkriech Dich in der Kühltruhe, geh doch. Tschüss. ER: Das werde ich auf jeden Fall... und ich werde ganz weit weg von Dir gehen... hysterische Zicke. SIE: Wetten, dass Du nicht gehst... Du Feigling! ER: (nähert sich ihr) Ach ja..? SIE: Nähert sich ihm, mit erhobenem Zeigefinger. Du traust Dich doch nicht, auch nur einen Schritt zu machen... ER: Provozier mich ruhig... SIE: Dazu hast weder den Mut noch die Eier dazu... Er gibt dem Zeigefinger eine Ohrfeige und packt sie fest an. ER: Halt endlich den Mund! Musik und Flashlight signalisieren, dass sie Sex haben. Ihre Köpfe stecken in der „Falle“, die Körper liegen außerhalb. Nach dem Akt liegen sie erschöpft auf dem Boden. Musik verstummt, Flashlight verschwindet. Er ist, im Gegensatz zu ihr, ganz entspannt. Sie erhebt sich. 31
  • 32. 32 SIE: Glaubst Du, es erregt sie, wenn sie uns beim Sex zuschaut? Macht es sie aggressiver? ER: Natürlich nicht. Komm her, leg Dich zu mir. SIE: Wie kannst Du die Gefahr einfach so ignorieren? ER: Ist ja nichts passiert. SIE: Noch nicht. ER: Und es wird auch nichts passieren. SIE: Woher weißt Du das so genau? ER: Weil es hier drinnen überhaupt keinen Panther gibt. Die Lichter des Generators gehen an. Szene 5: Das Geschenk SIE: (verwundert) Warum geht der Generator erst jetzt an? ER: Er braucht eine Zeitlang, bis er warm wird. Komm her zu mir. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis jemand uns raus lässt. SIE: Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen! ER: Warum denn? SIE: Wie kannst Du behaupten, dass hier kein Panther ist? ER: Weil es keinen gibt. SIE: Unsinn. Du und ich, wir beide haben ihn gesehen. Den Schatten...und dann das Brüllen! ER: Schatten entstehen, wenn das Licht einer Lichtquelle auf einen lichtundurchlässigen Körper trifft, das könnte irgendwas gewesen sein. Der Lärm kann von sonst wo herrühren, kommt schon mal vor. SIE: Aha! Und warum hast Du Dir dann vor Angst fast in die Hosen gemacht? ER: Wie kannst Du so was behaupten? Völlig abwegig! SIE: Du hast ein Tier hier gesehen! 32
  • 33. 33 ER: Nein, habe ich nicht. SIE: Ich weiß es genau, hier ist ein Tier drinnen! ER: Stimmt einfach nicht. SIE: Du machst mich so wütend! Sie rennt nervös hin und her. ER: Beruhige Dich, gleich holt uns jemand raus. SIE: Ich hätte große Lust, diesem Panther meinen Arm hinzuhalten, damit er ihn zerfleischt! Nur damit Du endlich mit Deiner Besserwisserei aufhörst. ER: Ich schlage vor, wir beschäftigen uns mit irgendwas anderem, sonst gerätst Du womöglich wieder aus dem Gleichgewicht. SIE: Ohh...wie ruhig und souverän er sich gibt. Hat seinen Spaß gehabt und auf einmal gibt es keinen Panther mehr. ER: Man muss seinen Geist beschäftigen, sonst dreht man durch. SIE: Hmm..... ER: Gut. Wir werden alle Produkte in alphabetischer Reihenfolge auftstellen. SIE: (skeptisch) Alphabetischer Reihenfolge... ER: Eine gute Übung. Ich glaube, diese Idee werde sogar für unser nächstes Projekt vorschlagen. SIE: (sarkastisch) Ja, wirklich großartig. Die postmoderne Bibliothek zwischen Funktionalität und Ästhetik. Übrigens...soll die alphabetische Sortierung nach Produkt, Markenname oder Hersteller erfolgen...? ER: Hmm... Nach dem Namen des Produkts...oder doch besser nach dem Markenname? SIE: Das musst Du wissen. ER: Wenn ich einkaufe, kenn ich oft die Marke nicht... gehen wir nach dem Namen... der auf der Verpackung steht.... Er stellt einige Produkte um. SIE: Okay, verstehe. Ist so eine Art sozialer Hilfsdienst zur Bewältigung der täglichen Futterbeschaffung. 33
  • 34. 34 ER: Du hast es erfasst. Er stellt weiter Produkte um. Sie reißt eine Tüte Chips auf und beginnt hastig zu essen. Sie weint leise vor sich hin. ER: (wird weich, bekommt Mitleid mit ihr) Geht es Dir nicht gut? SIE: Natürlich geht es mir nicht gut. Wir sind hier mit einem fleischfressenden Raubtier eingeschlossen und mein Freund hat den Verstand verloren. ER: Liebling... SIE: Er hat beschlossen, sämtliche Produkte im Supermarkt alphabetisch zu ordnen. ER: Aber... SIE: (gibt sich einen Ruck) Aber ich werde nicht aufgeben. Sie isst die restlichen Chips und wirft die Tüte auf den Boden. ER: Lass es mir Dir erklären... SIE: Ich werde nicht durchdrehen wie Du. ER: Ich glaube eher, dass Du.... SIE: Ich muss etwas tun. ER: (er gibt auf) Okay... Sie nimmt eine Tüte mit Luftballons. SIE: Hier... damit haben wir den Lärm, den wir brauchen. Sie nimmt einen Luftballon und pustet ihn auf. ER: (will sie aufziehen) Du kannst ja welche für unsere heutige Verlobungsfeier mitnehmen. SIE: (bläst einen Luftballon auf) Die ist schon vorbei. ER: Die werden doch nicht nach Hause gehen, ohne uns gesehen zu haben. SIE: Deine Familie hat bestimmt, wie immer, viel Unsinn geredet. Hoffentlich hatten sie im Laufe des Abends einen Erkenntnisschub und sind nach Hause gegangen. ER: Was für einen Erkenntnisschub? 34
  • 35. 35 SIE: Dass sie unerträglich sind. ER: Ah... sie sind unerträglich? SIE: Ja. Das sind sie. Außer Deiner Mutter. ER: (versucht seine Wut zu unterdrücken) Hör mit dieser Pusterei auf. Das nervt. SIE: Ach ja? Sie pustet noch kräftiger. ER: Ich sagte, das nervt. Sie pustet noch kräftiger, genau in sein Gesicht. Er schnappt sich den Ballon und lässt ihn mit einem Knall platzen. Du bist unerträglich. Der Schatten des Panthers gleitet an ihnen vorbei. Sie sieht es. SIE: Schau, schau doch! Der Panther! Er klettert das Regal hoch, packt einen Karton und schleudert ihn weit weg. Der Schatten verschwindet. ER: (reißt triumphierend die Arme in die Luft) Hast Du das gesehen? Hast Du das gesehen? SIE: (sarkastisch) Ja... hab ich. Toller Hecht. Behauptest Du jetzt immer noch, es gäbe hier keinen Panther? ER: Geh mir jetzt bitte nicht auf den Sack, Schätzchen. Er klettert herunter. Pause. Er riecht etwas. Hier riechts nach Urin. SIE: Ich rieche nichts. ER: Ein ganz scharfer Geruch. SIE: Ich rieche überhaupt nichts. ER: Hast Du in die Hose gemacht? SIE: Nein. ER: Du wolltest doch aufs Klo gehen! SIE: Bin ich aber nicht. ER: Soll das heißen, es riecht hier nach Pantherpisse? 35
  • 36. 36 Sie schweigt. Natürlich hast Du in die Hose gemacht. SIE: Nein! Ich hab' auf den Boden gepinkelt. Sie deutet auf die Falle. ER: Dahin? Vorher oder nachher? SIE: (der Gedanke erregt sie) Vorher. Ein ganz klein bisschen vorher. ER: Komm, ich bringe Dich zur Toilette. SIE: Nein! Er reißt sie an den Haaren, macht ihre Frisur kaputt. Sie setzt sich auf den Boden. Er will sie immer noch an den Haaren wegziehen. Sie leistet Widerstand, hält seine Beine umklammert. SIE: Ich geh' hier nicht weg. Sie schlüpft ihre Hand unter sein Hosenbein und zieht an den Haaren seines Schienbeines. ER: Aua, verdammt! Er lässt sie los. SIE: Ich habe ihm zwei ganze Härchen aus dem rechten Schienbein ausgerissen und schon bricht der Krisenmanager in Tränen aus. ER: (reagiert sanft) Das macht man nicht. Tut wirklich richtig weh. Kleine Pause. SIE: (beherrscht sich) Du hast mir auch wehgetan. ER: Tut mir leid. Aber Du provozierst mich dauernd... SIE: Meinst Du das mit den Luftballons? ER: Nein, wegen der Dinge, die Du über meine Familie gesagt hast. SIE: (heckt etwas aus) Deine Mutter mag ich sehr gerne... ER: Ich weiß. SIE: Sie hat nur einen Fehler..... ER: Welchen denn? SIE: Sie hat in der Erziehung ihres Sohnes vollkommen versagt. ER: Was soll das denn jetzt? 36
  • 37. 37 SIE: Sie hat ihm nicht das Geringste beibringen können, ihm nicht einmal gesagt, dass er sein Dings immer schön sauber halten soll, Kondome benutzen... ER: Halt endlich den Mund. SIE: Und was passiert in solchen Fällen? Der Sohn fängt sich was ein ... und bleibt völlig ahnungslos. Und warum? Weil Gott in seiner unendlichen Güte den Männern dieses Geschenk gemacht hat: Sie stecken sich an und bemerken jahrelang nichts. Bis sie dann eines Tages ihre Frau damit infizieren, die wiederum ihrem Kind ... das heißt, vielleicht, ist ja nicht sicher, nur wenn dieser Virus aktiv ist... während ich gebäre und mein Immunsystem streikt - was es ganz sicher tun wird - wenn das Ärzteteam versucht, aus meinem Inneren ein neues menschliches Wesen herauszuziehen. ER: Hör zu. Erstens: Du bist nicht schwanger. SIE: Nein, bin ich nicht. ER: Zweitens: Du bist nicht meine Frau. SIE: Noch nicht. ER: Drittens: Meine Mutter mag Dich nicht. Sie hat mir wiederholt geraten, Dir keinen Heiratsantrag zu machen.... Verstehst Du? Meine Mutter hasst Dich. SIE: Ach was.... ER: Warum sollte ich das erfinden? Sie hält Dich für eine Schlampe. Sie hat gesagt: Heirate diese Frau nicht. Hörst Du mir zu? Sie kann diese Information nicht sofort verdauen. Sie war immer der Meinung, sie und seine Mutter würden sich mögen und gut verstehen (und sie hat schon ihre Mutter verloren). Während der nächsten Dialoge, versucht sie mit seiner Aussage, dass seine Mutter ihm von einer Heirat mit ihr abgeraten hat, zurechtzukommen. SIE: (trocken) Ja, ich höre. Der Panther macht ein nervöses Geräusch. Wir hören. ER: Ein schreckliches Geräusch. Das Geräusch verstummt. Sie holt den Kuchen aus dem Einkaufswagen (den sie anfangs in den Wagen gelegt hatte) und zündet eine Kerze an. ER: Was bedeutet das? SIE: Du hattest doch eine Überraschung für mich. 37
  • 38. 38 Sie zeigt auf die Kerze und den Kuchen. War es das? ER: Heute sind es auf den Tag genau vier Jahre her, dass ich Dich zum ersten Mal geküsst habe, und... ich habe den Kuchen und die Kerzen gekauft, um Dir eine Überraschung zu machen. SIE: Hmm.. ER: Und... um Dir ein Geschenk zu überreichen. SIE: (ziemlich teilnahmslos) Ein Geschenk? ER: Eine Halskette. Hier, in meiner Tasche. Er nimmt ein Schmuckkästchen aus der Tasche und öffnet sie; darin liegt ein antikes Collier mit glitzernden Steinen. ER: Es ist eine Tradition in unserer Familie: Dieses Collier wird an die Frauen weitervererbt. Zuerst gehörte es meiner Großmutter, die hat es meiner Mutter gegeben und meine Mutter gibt es nun... an Dich weiter... SIE: Ach ja ... ER: Aber... SIE: Aber was? ER: (er will nicht, dass sie das Geschenk annimmt) Ich verstehe natürlich vollkommen, wenn Du das Geschenk nicht annehmen willst. SIE: Ich nehme es an. Pause. Langsam wird ihr bewusst, was er vorhin zu ihr gesagt hat. War das ein Vorschlag Deiner Mutter? ER: Ja. Sie hat es mir gegeben, als wir unseren Hochzeitstermin festgelegt haben. SIE: Muss ihr ziemlich schwer gefallen sein. ER: Ja, schon... SIE: (leise Wut steigt in ihr hoch) Jemanden, den man hasst, etwas so Kostbares zu schenken. ER: Ich habe vielleicht etwas übertrieben... SIE: Ich behalte das Geschenk. 38
  • 39. 39 Sie nimmt die Schatulle aus seiner Hand. Sie kehrt ihm den Rücken zu und legt das Collier an. Er schaut ihr zu. Ich möchte nicht dabei beobachtet werden. Er dreht sich um. SIE: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Deine Mutter Dir von einer Heirat mit mir abgeraten hat. Sie behandelt mich immer so gut... ER: Wir beide hatten uns damals gestritten. Da wollte sie mich ein wenig aufbauen, so in der Art: Mach Dir nichts draus, mein Junge, ich mochte sie sowieso nicht besonders, bestimmt gibt es da draußen bessere Frauen als sie. SIE: Und warum hast Du nicht auf sie gehört? Mütter haben immer recht, das weißt Du doch. ER: Außenstehende können leicht sagen, „tu das und das nicht“ ... Du und ich, wir haben etwas, das uns verbindet, wir mögen uns. SIE: (ironisch) Ach ja... ich liebe Dich. ER: Das war das grauenvollste Ich Liebe dich, das ich jemals gehört habe. SIE: Gewöhne Dich schon mal dran. ER: Was ist das für eine Einstellung? Wir doch in einem Boot, wir zwei. Lass uns das Problem zu Hause lösen, in unseren eigenen vier Wänden... und erledigt. SIE: Wie kann ich Deiner Mutter überhaupt noch in die Augen sehen, nachdem ich das alles weiß? ER: Du hast mir leid getan, weil Du sie Mutter genannt hast... SIE: Ich hab Dir leid getan? Ich hab dir leid getan? Sie reißt sich die Kette vom Hals und schleudert sie weit von sich. ER: (völlig ernüchtert) Ich kann es einfach nicht fassen, dass Du so etwas tust... SIE: Da siehst Du mal... ER: (ruhig) Der König bricht sein Zepter entzwei, die Königin zerstört ihre Krone, die Frau entlässt den Mann. Dein Bluff ist niederträchtig und unverzeihlich. SIE: Ich bluffe nicht. 39
  • 40. 40 ER: Unverzeihlich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. SIE: Wieso? Geh doch und hol sie Dir. Sie ist doch eurer Familienbesitz, oder? Von der Großmutter an die Mutter, von der Mutter an die Schwiegertochter... Na geh schon, sie liegt in der Nähe der Bestie. ER: Geh doch selbst, ich bin nicht Dein Hund. Meine Mutter hatte recht, was sie über dich gesagt hat. SIE: Dann heirate sie doch! ER: (schweigt) SIE: Ich hasse Dich. ER: (schweigt) SIE: Ich hasse Dich so sehr...willst Du wissen, wie sehr ich Dich hasse? ER: (schweigt) SIE: Ich hasse Dich so sehr, dass ich mich selbst zerstören könnte, nur um Dich mit in den Abgrund zu reißen. ER: Reine Effekthascherei... SIE: Ist nicht von mir. Ist aus Gilda. ER: (erinnert sich) Was? Aus dem Film? Du vergleichst Dich mit Rita Hayworth? Nicht zu fassen. Du tust mir leid. Du tust mir wirklich leid. Dein Fall hat nichts, aber auch gar nichts von Poesie an sich, er ist einfach nur banal. Du kannst leiden so viel Du willst, kein Mensch wird Notiz davon nehmen. SIE: Aber Du wirst es bemerken! Dafür sorge ich schon! Ich werde Dir das Leben zur Hölle machen, dann wirst es schon bemerken, wie sehr ich leide....und zwar mehr als Dir lieb ist. Sie holt sein Handy aus ihrer Tasche, wirft es auf den Boden und zertritt es. ER: Lässt mich kalt. SIE: Diese ganzen Schweinereien ... ER: Ist mir egal. SIE: (schreit ihm ins Gesicht) Aaahhh! ER: Wie gesagt, Schätzchen, es lässt mich kalt. 40
  • 41. 41 SIE: Ich hasse Deine Produkte! ER: Na und? Ich habe dich nur aus Mitleid eingestellt. SIE: Du hast mich eingestellt, damit Du Frau und Sekretärin in einer Person hast. Du hast jemanden gebraucht, der repräsentieren kann, der hübsch ist, sich zu benehmen weiß ... eine Frau, die Dein Image in der Gesellschaft aufwertet. ER: Ich habe Dich eingestellt, weil Du nie weißt, was Du willst. Ich wollte Dir einen Gefallen tun. Bis Du Deinen eigenen Weg gefunden hast. Was natürlich nie der Fall sein wird - ist ja auch eine Art Entscheidung. SIE: Ich werde meinen Weg finden! ER: Natürlich hast Du bestimmte Fähigkeiten, aber nimm es mir nicht übel, Schatz. Du kannst keine einzige davon irgendwo sinnvoll einsetzen. SIE: Findest Du? ER: Was wärst Du ohne mich? SIE: Genau das könnte ich ja mal rausfinden! ER: (murmelt vor sich hin) Ha. Du willst ja gar nicht glücklich werden. Das kommt mir zugute. Sie hören ein befremdliches Geräusch: ein Klagelied des Panthers – kann mit Musik untermalt werden. Beide verharren eine Weile in Schweigen. ER: Klingt so, als würde er weinen... SIE: Es war vor etwa zehn Jahren. ER: Wovon redest Du? SIE: (langsam) Ichsaß in einem Restaurant, ohne Begleitung. Irgendwo auf dem Land, in einer kleinen Stadt. Durch das Fenster sah ich die Berge. Da entdeckte ich über mir einen Vogelkäfig in dem ein kleiner gelber Vogel saß mit einem herzzerreißenden Blick. Da waren wir nun, wir beide, in diesem Restaurant, allein, und es war ganz still im Raum. Ein Geräusch, wie wenn der Panther im Kreis laufen würde. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen, kletterte auf den Stuhl und öffnete den Vogelkäfig. Der Vogel steckte sein Köpfchen raus und drehte ihn vorsichtig nach links und nach rechts, nach links und nach rechts. Als er bemerkte, dass er frei war, flatterte er wie wild mit seinen Flügeln, wie um alle Trostlosigkeit zu vertreiben, um die ganze unterdrückte Energie herauszulassen in seinem Flug in die Freiheit. Er 41
  • 42. 42 flog in rasender Geschwindigkeit direkt auf die Glastür des Restaurants zu. Er fiel sofort tot zu Boden. ER: Sie kreist dauernd um sich herum. SIE: Ich? ER: Nein, die Raubkatze. Ich höre was, warte mal... SIE: Hm... Der Ton wird lauter. ER: Hinter-Gitter-Syndrom ... SIE: Jeder gewöhnt sich schließlich an die gegebenen Umstände. ER: Ja, so ist es. Die Lichter im Supermarkt gehen an. Weißes Licht, wie am Anfang des Stücks. Sie hören Stimmen. Die Türen des Supermarkts öffnen sich. ER: Endlich! SIE: Und jetzt? Pause. ER: Jetzt gehen wir nach Hause. SIE: Glaubst Du, sie wird hier überleben, allein? Er reicht ihr die Hand. Sie nimmt seine Hand und gemeinsam machen sie sich auf den Weg in Richtung Ausgang. Sie bleibt in der Mitte der Bühne stehen, sucht etwas. Sie findet es, bückt sich, nimmt das Collier, das auf dem Boden liegt. Schaut unverwandt nach vorne. Black-out. ENDE 42