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Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014
Demenz und Bindung
Die Bedeutung von Beziehung für die
Arbeit mit Menschen mit Demenz
Dr.med.Dipl.Psych. Wilhelm Stuhlmann
Herdecke 28. 02. 2014
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Zur gelingenden Begleitung eines Menschen
mit Demenz gehören die Anerkennung und
Berücksichtigung seiner wesentlichen
Grundbedürfnisse.
Dies wird erkennbar am Wohlbefinden der
betroffenen Person und der feinfühligen
Gestaltung der Beziehungen, der
Kommunikation, der Abläufe und der
Umgebung.
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
In der Hierarchie der Grundbedürfnisse gilt die
sichere Bindung zu den aktuell bedeutsamen
Bezugspersonen als lebensnotwendige
Grundlage der menschlichen Existenz.
Nur mit starkem Vertrauen in die Personen, die sich auf
die Bedürfnisse eines Menschen in einer die Existenz
bedrohenden Lebensphase einlassen wollen und können,
gelingt es an das existentielle Bedürfnis anzuknüpfen.
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Bindung ist ein notwendiges biologisches,
psychisches und soziales Grundbedürfnis
 Bindung sichert das Überleben in der ersten
Lebensphase durch Genährt werden, Erleben von
Schutz, Wärme und Geborgenheit.
 Damit ist Bindung eine Grundlage (sicherer Hafen), sich
etwas zuzutrauen um Selbstsicherheit und
Selbstvertrauen zu entwickeln, aber auch um
Vertrauen zu erleben (Gegenseitigkeit von Vertrauen,
Entwicklung von Urvertrauen)
 Das Gelingen einer Bindung als sichere Basis wird
insbesondere durch die Eigenschaft der Feinfühligkeit
der Bezugs- und Pflegepersonen sichergestellt.
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Feinfühligkeit ist die Fähigkeit zum Erkennen und zur
Umsetzung von Grundbedürfnissen durch:
 Wahrnehmung von Signalen – durch aufmerksames
Beobachten
 Richtige Interpretation der Signale aus der Sicht der
Person heraus, d.h. nicht gefärbt durch die Bedürfnisse
der Bezugs- oder Pflegeperson.
 Prompte Reaktion – damit Verstärkung des Erlebens der
eigenen Wirksamkeit der (Pflege) abhängigen Person.
 Angemessene, die Würde wahrende Reaktion,
(Situations-, Alters - und Krankheitsangemessen).
 Anwendung in den Alltagssituationen der Betreuung,
Pflege und Behandlung.
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Zum Signalsytem der Feinfühligkeit gehören
 Blickkontakt
 Lächeln
 Stimmodulation
 Geruch
 Bewegung und Berührung
 Kinästhetische Stimulation
 Tendenz zum Mund, Saugen
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Das Grundbedürfnis nach Bindung
entwickelt sich danach aus einer biologisch determinierten
Überlebensstrategie ein System der sozialen Interaktion
zur Beziehungsgestaltung.
Dies ist die Grundlage zur Entwicklung von Vertrauen und
Selbstvertrauen, zur Wahrnehmung und Gestaltung von
Beziehungen nach den Mustern verinnerlichter
Bindungsmodelle bzw. Bindungsmuster.
Frühe Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen prägen ein
inneres Modell zum leben von Beziehungen im weiteren
Leben (bis lebenslang).
Diese Bindungsanteile können über Generationen hinweg
(Kind-Eltern-Großeltern) wirksam bleiben.
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Neurobiologische Aspekte von Bindung
Auf der Ebene von Aktivierung neuronaler Strukturen sind mehrere
Neurotransmitter (Botenstoffe) beteiligt, die Erregung in bestimmten
Hirnarealen zu steuern
Neurotransmitter Einige wichtige Funktionen (u.a.)
Dopamin Belohnungssystem, positive
Erwartungen
Endorphin „Glückshormon“, schmerzlindernd
Oxytocin „Bindungshormon, Fähigkeit zur
Empathie, Anregen der
Milchproduktion
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 Dopamin versetzt den Organismus psychisch und physisch in
 einen Zustand von Konzentration und Handlungsbereitschaft
 macht uns bereit in Beziehung zu gehen
 Das wiederum bewirkt die Freisetzung endogener Opiode und es
 kommt zu einer Art Wohlfühleffekt
 Lebensfreude – Stärkung des Immunsystems
 Daraufhin bildet das Gehirn einen dritten Botenstoff Oxytozin,
 der gelungene Bindungen rückwirkend stabilisiert
 schafft Vertrauen
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Spiegelneurone im Dienste der Bindung und der
Empathie
Beziehung und Bindung finden in einem gegenseitigen und
gleichzeitigen Austausch von Signalen statt.
 Emotionale Ausdrucksweisen von Emotionen, insbesondere
der Empathie, werden im Rahmen der
Bindungserfahrungen im Kontakt mit den frühen
Bezugspersonen erworben.
 Ein neuropsychologisches System von Spiegelneuronen
aktiviert die eigenen entsprechenden Hirnregionen durch
Beobachtung, durch die Wahrnehmung von Verhalten und
den Ausdruck von Emotionen.
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 Die Spiegelneurone regeln unser
 emotionales Mitempfinden und unsere
 Intuition
 - Sie sind Nervenzellen des Gehirns, die bei
 uns eine best. Handlung oder Empfindung
 steuern können, die aber auch aktiv werden,
 wenn wir diese Handlung bei einer anderen
 Person beobachten
 •- Sie brauchen immer ein Gegenüber um sich
 zu entwickeln
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Bindungstypen oder situativ dominierende
Bindungsanteile
 Sichere Bindung – Grundvertrauen
 Unsichere Bindungen
 Vermeidend – Angst vor Nähe, Bedrohung und
Enttäuschung
 Konflikthaft, ambivalent – Abhängig, Regression-
Aggression
 Desorganisiert – nach (Re)Traumatisierung
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Eine sichere Bindung, bzw. ein hoher sicherer
Bindungsanteil, ist aus heutiger Sicht der beste
seelische Rückhalt zu Bewältigung von Lebenskrisen
wie z.B. psychische Erkrankungen oder schwerer
körperlicher Krankheiten.
 Eine sichere Bindung ist getragen von einem tiefen
(Ur)Vertrauen und der Gewissheit, ohne
Gegenleistung geliebt und angenommen zu werden.
 Das Erleben einer sicheren Bindung ist auch das
Fundament der Identität als Person.
 Menschen mit Demenz können ihre Identität nur mit
Unterstützung und der Nähe durch andere Menschen
aufrechterhalten.
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Sichere Bindung und Wohlbefinden
 Menschen mit einem sicheren Bindungsmuster haben früh
erlebt, dass sie von der Bezugsperson nicht im Stich
gelassen wurden, sie konnten (und durften) auch negative
Emotionen wie Trauer und Ärger der Bezugsperson
gegenüber zeigen.
 Bei sicher gebundenen Personen mit Demenz ist oft eine
grundlegende Lebenszufriedenheit im Sinnen von
Grundvertrauen erkennbar.
 Diese zeigt sich z.B. in der Akzeptanz von Hilfe, dem
Umgehen mit Abhängigkeit, Zeigen von Dankbarkeit und
Vertrauen gegenüber Bezugspersonen, Erleben von Freude
und weitgehendem Wohlbefinden, oft begleitet von dem
Wusch, auch selber helfen zu wollen.
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Problematische Verhaltensweisen,
die für die Kranken selbst und die
Bezugspersonen oft zu einem starken Stress und
zu einer enormen Belastung werden können, sind
oft unter der Bindungsperspektive anders
wahrnehmbar und verstehbar
Diese Perspektive ist hilfreich beim
Verstehen
Verändern oder
Aushalten.
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Zwei Bindungsstrategien
der unsicheren Bindungsanteile
 Vermeiden von Bindung
 Betonen von Kompetenz, Kontrolle und Autonomie
 Kampf um deren Erhalt
 Verinnerlichte Angst vor Zurückweisung und
Enttäuschung
 Verstärkte Suche und Aktivierung von Bindung
 Klammern, Rufen, Betonen von Hilflosigkeit und
Abhängigkeit, regressives Verhalten bzw.
Regressions-Aggressions-Spirale
 Wahrgenommen werden sichert die Existenz, ist
also lebenswichtig
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Das unsichere Bindungsmuster der
Vermeidung von Nähe
 entsteht durch ein frühes Defizit an Vertrauen, durch erlebte
Vernachlässigung, Nichtverfügbarkeit der Bezugspersonen,
Verweigerung oder Entzug der Unterstützung.
 Nur auf sich selbst vertrauend, werden vermiedene
Bedürfnisse nach Nähe aus Angst vor erneuter Enttäuschung
zunehmend als Autonomie („ich brauche Niemanden“,
“cooler Typ“) erlebt.
 Der Umgang mit Nähe wird eher misstrauisch, zurückhaltend
und manchmal als bedrohlich gesehen. Die Vermeidung von
Bindung zeigt sich dann eher in Verhaltensweisen wie
Verleugnung, Projektionen, Misstrauen, wahnhafter
Erlebnisverarbeitung und Fehlinterpretation.
 Auch das Umdeuten von Situationen der Nähe als
Bedrohung gehört dazu.
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Das unsichere ambivalente konflikthafte
Bindungsmuster
 Weist auf die gestörte bzw. problematische Regulation von
Distanz und Nähe hin.
 Unsicherheit und Ambivalenz entstehen im Erleben von
Unzuverlässigkeit oder Wechselhaftigkeit der Zuwendung
von wichtigen Bezugspersonen.
 Bei Menschen mit Demenz finden sich oft ambivalente
Verhaltensweisen, die eine Bindungssuche auslösen.
 So sind u.a. anklammernde, ängstliche und die Hilflosigkeit
betonende Verhaltensweisen, das Suchen und Fordern von
Hilfe, Regression oder wechselnde Stimmungslagen als
stark aktiviertes Bindungsverhalten eines unsicheren
Bindungsmusters zu verstehen.
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Bindungssuche und Bindungsvermeidung bei
Menschen mit Demenz
Auslösen von
Bindungssuche
Auslösen von
Bindungsvermeidung
Situationen Einsamkeit, Einschränkung der
Autonomie und der
Bewegungsfreiheit, Trennungen (real
oder befürchtet) Überforderung,
Erschöpfung, Krankheit, Schmerzen,
ständiger Wechsel der
Bezugspersonen oder der
Umgebung
Abbrechen von Blickkontakt
Zulassen müssen von unerwünschter
Nähe und Grenzüberschreitungen bei
der (Intim)pflege oder unerwünschter
oder unangenehmer Berührungen,
Fehlinterpretation von Situationen, bis
zu wahnhaftem Erleben,
Wiederholung traumatischer
Erfahrungen real oder durch
Taumasymbole aus der Vergangenheit
Verhalten Rufen, Weinen, Zeigen von Angst
und Panik, ständiges wiederholen
von Fragen (häufig Zeitfragen),
Schreien, weg(hin)laufen,
Elternsuche, Überzeugung verlassen
worden zu sein, nachlaufen,
sammeln und horten aber auch
helfen wollen, helfen dürfen,
Dankbarkeit und Vertrauen zeigen
und dankbar annehmen
Misstrauen , (Wieder)herstellen der
Kontrolle durch Rückzug,
Verweigerung oder Abwehr,
Ablehnung von Medikamenten,
Zurückweisung von Personen, Abwehr
bei der Pflege, verbale und/oder
körperliche Aggressivität, Umdeuten
von Situationen der Nähe als
Bedrohung
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Gefährdung der Bindungssicherheit
durch Bedrohung der Autonomie bei
Pflegebedürftigkeit
 Vertrauen in den eigenen Körper geht
zunehmend verloren
 Vertrauen in die Personen, von denen
Abhängigkeit besteht wir durch häufigen
Wechsel unsicher
 Vertrauen in die eigenen seelischen
Kräfte zur Krisenbewältigung wird gefährdet
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Besondere und häufige Gefährdungen der
Bindungssicherheit im Krankenhaus
 Identitätsgefährdungen (Person wird zum Fall,
Anonymität der Umgebung, Entfremdungen)
 Unterbrochene Kontinuität (Tagesstruktur, Rituale)
 Räumlicher, zeitlicher und situativer Orientierungsverlust
 Mein Körper lässt mich im Stich
 Biographisches Problem mit Hilflosigkeit und
Abhängigkeit umzugehen oder Hilfe annehmen zu
können. So kann Hilfe annehmen zu müssen bedeuten
schwach zu sein
 Beziehungsabbrüche erleben müssen
 Hilflosigkeit oft aus Retraumatisierung entstanden
 Kompetenzverlust nach Krankenhausaufenthalt ca. 30%
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Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit
von Menschen mit Demenz
Bezugs- und Pflegepersonen
 Konstanz der Bezugspersonen (Bezugspflege)
 Feinfühligkeit und absolute Zuverlässigkeit bei
Zusagen
 Reflektion der eigenen Bindungsgeschichte und
Bindungsbedürfnisse
 Klärung von Rollen und Aufgaben im Team
 Kooperation mit Angehörigen
 Fallberatung und Unterstützung durch die Leitung.
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Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit
von Menschen mit Demenz
Kommunikation mit Menschen mit Demenz
 Stützen der Identität aus der Biographie
 Anerkennen und Bestätigen der Gefühle
 unbedingtes Gespür für das Gleichgewicht zwischen
Nähe und Distanz – das bedeutet eindeutiges
Respektieren von Grenzen, Schutz vor
Grenzüberschreitungen und emotionalem Stress
 Förderung von konkretem Verhalten als emotional
bedeutsame Aktivierung
 Nutzen aller Zugänge über die Sinnesorgane und den
Lagesinn zur Hilfe der Identitätsstützung, Anregung
und Bewältigung der Einsamkeit
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit
von Menschen mit Demenz
Gestaltung der Umgebung
 Normalität, Übersichtlichkeit, Sicherheit und
Vertrautheit der Umgebung
 Hilfen und Signale zur Orientierung
 Erkennbarkeit der Individualität der Person an der
biographisch orientierten Elementen im Zimmer
 Auch bei schwerer Kranken ist ein Wechsel der
Örtlichkeit zwischen Krankenzimmer und einem
Aufenthaltsraum oft möglich
 Schutz vor Reizüberflutung
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit
von Menschen mit Demenz
Strukturen und Abläufe
 Hohe Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit der
Zeitangaben und der Zeitabläufe
 Strukturen wirken dadurch, dass Sie passieren
 Orientierung an der Langsamkeit (Geduld)
 Prinzip der Handlungskette: ein Element nach dem
anderen
 Prinzip der Einzeitigkeit: nur eine Information zur
selben Zeit
 Kürzer und regelmäßig ist besser als selten und
länger
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Menschen mit Demenz unter der
Bindungsperspektive zu begegnen, stellt
also kein neues Konzept dar.
 Es wird die Sichtweise um die Perspektive erweitert,
dass auch im höheren Lebensalter die Wurzeln
biographischer Bindungserfahrungen lebendig
bleiben
 Diese Sichtweise hilft, Menschen mit Demenz so
anzunehmen, wie sie geworden sind
 und hilft, die Spielregeln der Krankheit zu verstehen
Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de
Magritte (1936/1937)
Der Geist der Geometrie
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- lichen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Literaturangaben und weitere Informationen zum Vortrag
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Demenz und Bindung: Die Bedeutung von Beziehung für die Arbeit mit Menschen mit Demenz

  • 1. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 Demenz und Bindung Die Bedeutung von Beziehung für die Arbeit mit Menschen mit Demenz Dr.med.Dipl.Psych. Wilhelm Stuhlmann Herdecke 28. 02. 2014
  • 2. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Zur gelingenden Begleitung eines Menschen mit Demenz gehören die Anerkennung und Berücksichtigung seiner wesentlichen Grundbedürfnisse. Dies wird erkennbar am Wohlbefinden der betroffenen Person und der feinfühligen Gestaltung der Beziehungen, der Kommunikation, der Abläufe und der Umgebung.
  • 3. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de In der Hierarchie der Grundbedürfnisse gilt die sichere Bindung zu den aktuell bedeutsamen Bezugspersonen als lebensnotwendige Grundlage der menschlichen Existenz. Nur mit starkem Vertrauen in die Personen, die sich auf die Bedürfnisse eines Menschen in einer die Existenz bedrohenden Lebensphase einlassen wollen und können, gelingt es an das existentielle Bedürfnis anzuknüpfen.
  • 4. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Bindung ist ein notwendiges biologisches, psychisches und soziales Grundbedürfnis  Bindung sichert das Überleben in der ersten Lebensphase durch Genährt werden, Erleben von Schutz, Wärme und Geborgenheit.  Damit ist Bindung eine Grundlage (sicherer Hafen), sich etwas zuzutrauen um Selbstsicherheit und Selbstvertrauen zu entwickeln, aber auch um Vertrauen zu erleben (Gegenseitigkeit von Vertrauen, Entwicklung von Urvertrauen)  Das Gelingen einer Bindung als sichere Basis wird insbesondere durch die Eigenschaft der Feinfühligkeit der Bezugs- und Pflegepersonen sichergestellt.
  • 5. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Feinfühligkeit ist die Fähigkeit zum Erkennen und zur Umsetzung von Grundbedürfnissen durch:  Wahrnehmung von Signalen – durch aufmerksames Beobachten  Richtige Interpretation der Signale aus der Sicht der Person heraus, d.h. nicht gefärbt durch die Bedürfnisse der Bezugs- oder Pflegeperson.  Prompte Reaktion – damit Verstärkung des Erlebens der eigenen Wirksamkeit der (Pflege) abhängigen Person.  Angemessene, die Würde wahrende Reaktion, (Situations-, Alters - und Krankheitsangemessen).  Anwendung in den Alltagssituationen der Betreuung, Pflege und Behandlung.
  • 6. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Zum Signalsytem der Feinfühligkeit gehören  Blickkontakt  Lächeln  Stimmodulation  Geruch  Bewegung und Berührung  Kinästhetische Stimulation  Tendenz zum Mund, Saugen
  • 7. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Das Grundbedürfnis nach Bindung entwickelt sich danach aus einer biologisch determinierten Überlebensstrategie ein System der sozialen Interaktion zur Beziehungsgestaltung. Dies ist die Grundlage zur Entwicklung von Vertrauen und Selbstvertrauen, zur Wahrnehmung und Gestaltung von Beziehungen nach den Mustern verinnerlichter Bindungsmodelle bzw. Bindungsmuster. Frühe Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen prägen ein inneres Modell zum leben von Beziehungen im weiteren Leben (bis lebenslang). Diese Bindungsanteile können über Generationen hinweg (Kind-Eltern-Großeltern) wirksam bleiben.
  • 8. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Neurobiologische Aspekte von Bindung Auf der Ebene von Aktivierung neuronaler Strukturen sind mehrere Neurotransmitter (Botenstoffe) beteiligt, die Erregung in bestimmten Hirnarealen zu steuern Neurotransmitter Einige wichtige Funktionen (u.a.) Dopamin Belohnungssystem, positive Erwartungen Endorphin „Glückshormon“, schmerzlindernd Oxytocin „Bindungshormon, Fähigkeit zur Empathie, Anregen der Milchproduktion
  • 9. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de  Dopamin versetzt den Organismus psychisch und physisch in  einen Zustand von Konzentration und Handlungsbereitschaft  macht uns bereit in Beziehung zu gehen  Das wiederum bewirkt die Freisetzung endogener Opiode und es  kommt zu einer Art Wohlfühleffekt  Lebensfreude – Stärkung des Immunsystems  Daraufhin bildet das Gehirn einen dritten Botenstoff Oxytozin,  der gelungene Bindungen rückwirkend stabilisiert  schafft Vertrauen
  • 10. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Spiegelneurone im Dienste der Bindung und der Empathie Beziehung und Bindung finden in einem gegenseitigen und gleichzeitigen Austausch von Signalen statt.  Emotionale Ausdrucksweisen von Emotionen, insbesondere der Empathie, werden im Rahmen der Bindungserfahrungen im Kontakt mit den frühen Bezugspersonen erworben.  Ein neuropsychologisches System von Spiegelneuronen aktiviert die eigenen entsprechenden Hirnregionen durch Beobachtung, durch die Wahrnehmung von Verhalten und den Ausdruck von Emotionen.
  • 11. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de  Die Spiegelneurone regeln unser  emotionales Mitempfinden und unsere  Intuition  - Sie sind Nervenzellen des Gehirns, die bei  uns eine best. Handlung oder Empfindung  steuern können, die aber auch aktiv werden,  wenn wir diese Handlung bei einer anderen  Person beobachten  •- Sie brauchen immer ein Gegenüber um sich  zu entwickeln
  • 12. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Bindungstypen oder situativ dominierende Bindungsanteile  Sichere Bindung – Grundvertrauen  Unsichere Bindungen  Vermeidend – Angst vor Nähe, Bedrohung und Enttäuschung  Konflikthaft, ambivalent – Abhängig, Regression- Aggression  Desorganisiert – nach (Re)Traumatisierung
  • 13. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Eine sichere Bindung, bzw. ein hoher sicherer Bindungsanteil, ist aus heutiger Sicht der beste seelische Rückhalt zu Bewältigung von Lebenskrisen wie z.B. psychische Erkrankungen oder schwerer körperlicher Krankheiten.  Eine sichere Bindung ist getragen von einem tiefen (Ur)Vertrauen und der Gewissheit, ohne Gegenleistung geliebt und angenommen zu werden.  Das Erleben einer sicheren Bindung ist auch das Fundament der Identität als Person.  Menschen mit Demenz können ihre Identität nur mit Unterstützung und der Nähe durch andere Menschen aufrechterhalten.
  • 14. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Sichere Bindung und Wohlbefinden  Menschen mit einem sicheren Bindungsmuster haben früh erlebt, dass sie von der Bezugsperson nicht im Stich gelassen wurden, sie konnten (und durften) auch negative Emotionen wie Trauer und Ärger der Bezugsperson gegenüber zeigen.  Bei sicher gebundenen Personen mit Demenz ist oft eine grundlegende Lebenszufriedenheit im Sinnen von Grundvertrauen erkennbar.  Diese zeigt sich z.B. in der Akzeptanz von Hilfe, dem Umgehen mit Abhängigkeit, Zeigen von Dankbarkeit und Vertrauen gegenüber Bezugspersonen, Erleben von Freude und weitgehendem Wohlbefinden, oft begleitet von dem Wusch, auch selber helfen zu wollen.
  • 15. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Problematische Verhaltensweisen, die für die Kranken selbst und die Bezugspersonen oft zu einem starken Stress und zu einer enormen Belastung werden können, sind oft unter der Bindungsperspektive anders wahrnehmbar und verstehbar Diese Perspektive ist hilfreich beim Verstehen Verändern oder Aushalten.
  • 16. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Zwei Bindungsstrategien der unsicheren Bindungsanteile  Vermeiden von Bindung  Betonen von Kompetenz, Kontrolle und Autonomie  Kampf um deren Erhalt  Verinnerlichte Angst vor Zurückweisung und Enttäuschung  Verstärkte Suche und Aktivierung von Bindung  Klammern, Rufen, Betonen von Hilflosigkeit und Abhängigkeit, regressives Verhalten bzw. Regressions-Aggressions-Spirale  Wahrgenommen werden sichert die Existenz, ist also lebenswichtig
  • 17. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Das unsichere Bindungsmuster der Vermeidung von Nähe  entsteht durch ein frühes Defizit an Vertrauen, durch erlebte Vernachlässigung, Nichtverfügbarkeit der Bezugspersonen, Verweigerung oder Entzug der Unterstützung.  Nur auf sich selbst vertrauend, werden vermiedene Bedürfnisse nach Nähe aus Angst vor erneuter Enttäuschung zunehmend als Autonomie („ich brauche Niemanden“, “cooler Typ“) erlebt.  Der Umgang mit Nähe wird eher misstrauisch, zurückhaltend und manchmal als bedrohlich gesehen. Die Vermeidung von Bindung zeigt sich dann eher in Verhaltensweisen wie Verleugnung, Projektionen, Misstrauen, wahnhafter Erlebnisverarbeitung und Fehlinterpretation.  Auch das Umdeuten von Situationen der Nähe als Bedrohung gehört dazu.
  • 18. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Das unsichere ambivalente konflikthafte Bindungsmuster  Weist auf die gestörte bzw. problematische Regulation von Distanz und Nähe hin.  Unsicherheit und Ambivalenz entstehen im Erleben von Unzuverlässigkeit oder Wechselhaftigkeit der Zuwendung von wichtigen Bezugspersonen.  Bei Menschen mit Demenz finden sich oft ambivalente Verhaltensweisen, die eine Bindungssuche auslösen.  So sind u.a. anklammernde, ängstliche und die Hilflosigkeit betonende Verhaltensweisen, das Suchen und Fordern von Hilfe, Regression oder wechselnde Stimmungslagen als stark aktiviertes Bindungsverhalten eines unsicheren Bindungsmusters zu verstehen.
  • 19. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Bindungssuche und Bindungsvermeidung bei Menschen mit Demenz Auslösen von Bindungssuche Auslösen von Bindungsvermeidung Situationen Einsamkeit, Einschränkung der Autonomie und der Bewegungsfreiheit, Trennungen (real oder befürchtet) Überforderung, Erschöpfung, Krankheit, Schmerzen, ständiger Wechsel der Bezugspersonen oder der Umgebung Abbrechen von Blickkontakt Zulassen müssen von unerwünschter Nähe und Grenzüberschreitungen bei der (Intim)pflege oder unerwünschter oder unangenehmer Berührungen, Fehlinterpretation von Situationen, bis zu wahnhaftem Erleben, Wiederholung traumatischer Erfahrungen real oder durch Taumasymbole aus der Vergangenheit Verhalten Rufen, Weinen, Zeigen von Angst und Panik, ständiges wiederholen von Fragen (häufig Zeitfragen), Schreien, weg(hin)laufen, Elternsuche, Überzeugung verlassen worden zu sein, nachlaufen, sammeln und horten aber auch helfen wollen, helfen dürfen, Dankbarkeit und Vertrauen zeigen und dankbar annehmen Misstrauen , (Wieder)herstellen der Kontrolle durch Rückzug, Verweigerung oder Abwehr, Ablehnung von Medikamenten, Zurückweisung von Personen, Abwehr bei der Pflege, verbale und/oder körperliche Aggressivität, Umdeuten von Situationen der Nähe als Bedrohung
  • 20. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Gefährdung der Bindungssicherheit durch Bedrohung der Autonomie bei Pflegebedürftigkeit  Vertrauen in den eigenen Körper geht zunehmend verloren  Vertrauen in die Personen, von denen Abhängigkeit besteht wir durch häufigen Wechsel unsicher  Vertrauen in die eigenen seelischen Kräfte zur Krisenbewältigung wird gefährdet
  • 21. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Besondere und häufige Gefährdungen der Bindungssicherheit im Krankenhaus  Identitätsgefährdungen (Person wird zum Fall, Anonymität der Umgebung, Entfremdungen)  Unterbrochene Kontinuität (Tagesstruktur, Rituale)  Räumlicher, zeitlicher und situativer Orientierungsverlust  Mein Körper lässt mich im Stich  Biographisches Problem mit Hilflosigkeit und Abhängigkeit umzugehen oder Hilfe annehmen zu können. So kann Hilfe annehmen zu müssen bedeuten schwach zu sein  Beziehungsabbrüche erleben müssen  Hilflosigkeit oft aus Retraumatisierung entstanden  Kompetenzverlust nach Krankenhausaufenthalt ca. 30%
  • 22. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit von Menschen mit Demenz Bezugs- und Pflegepersonen  Konstanz der Bezugspersonen (Bezugspflege)  Feinfühligkeit und absolute Zuverlässigkeit bei Zusagen  Reflektion der eigenen Bindungsgeschichte und Bindungsbedürfnisse  Klärung von Rollen und Aufgaben im Team  Kooperation mit Angehörigen  Fallberatung und Unterstützung durch die Leitung.
  • 23. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit von Menschen mit Demenz Kommunikation mit Menschen mit Demenz  Stützen der Identität aus der Biographie  Anerkennen und Bestätigen der Gefühle  unbedingtes Gespür für das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz – das bedeutet eindeutiges Respektieren von Grenzen, Schutz vor Grenzüberschreitungen und emotionalem Stress  Förderung von konkretem Verhalten als emotional bedeutsame Aktivierung  Nutzen aller Zugänge über die Sinnesorgane und den Lagesinn zur Hilfe der Identitätsstützung, Anregung und Bewältigung der Einsamkeit
  • 24. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit von Menschen mit Demenz Gestaltung der Umgebung  Normalität, Übersichtlichkeit, Sicherheit und Vertrautheit der Umgebung  Hilfen und Signale zur Orientierung  Erkennbarkeit der Individualität der Person an der biographisch orientierten Elementen im Zimmer  Auch bei schwerer Kranken ist ein Wechsel der Örtlichkeit zwischen Krankenzimmer und einem Aufenthaltsraum oft möglich  Schutz vor Reizüberflutung
  • 25. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Ansätze zur Förderung der Bindungssicherheit von Menschen mit Demenz Strukturen und Abläufe  Hohe Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit der Zeitangaben und der Zeitabläufe  Strukturen wirken dadurch, dass Sie passieren  Orientierung an der Langsamkeit (Geduld)  Prinzip der Handlungskette: ein Element nach dem anderen  Prinzip der Einzeitigkeit: nur eine Information zur selben Zeit  Kürzer und regelmäßig ist besser als selten und länger
  • 26. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Menschen mit Demenz unter der Bindungsperspektive zu begegnen, stellt also kein neues Konzept dar.  Es wird die Sichtweise um die Perspektive erweitert, dass auch im höheren Lebensalter die Wurzeln biographischer Bindungserfahrungen lebendig bleiben  Diese Sichtweise hilft, Menschen mit Demenz so anzunehmen, wie sie geworden sind  und hilft, die Spielregeln der Krankheit zu verstehen
  • 27. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de Magritte (1936/1937) Der Geist der Geometrie
  • 28. Dr. med. Dipl. Psych. Wilhelm Stuhlmann © 2014 - www.geronet.de - lichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit Literaturangaben und weitere Informationen zum Vortrag www.geronet.de