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Commons und Eigentum



       BUKO-Seminar
        12.-14.2.2010
  Villa Locomuna Kassel


       Stefan Meretz

     www.keimform.de
Übersicht

I.     Begriff des Eigentums
       (nach Nuss‘ Copyright & Copyriot, Kap. 4 und 5)
II.    Geschichte des Eigentumsbegriffes
       (nach Nuss‘ Copyright & Copyriot, Kap. 6)
III.   Begriff der Commons
IV.    Commons-basierte Peer-Produktion
V.     Schlussfolgerungen
VI.    Weiter lesen
I. Begriff des Eigentums

Eigentum ist nicht
● die Sache, die einer Person gehört

● die Herrschaft einer Person über eine Sache


Eigentum ist
● eine Beziehung zwischen Menschen in Bezug auf

  eine Sache
Nuss: „Eigentum ist damit keine Sache, sondern ein
soziales Verhältnis“ (S. 124)
Der liberale Eigentumsbegriff

Grundlage ist der Begriff des Sachherrschaftsrechts,
der das soziale Verhältnis begrifflich verschleiert
Eigentum sei die
● „willkürliche und souveräne Herrschaft einer

  natürlichen Person über Sachen“
  (Siegrist/Sugarman 1999, zit. nach Nuss, S. 114)
Voraussetzung ist das Konzept der „Freiheit“
● Vertragsfreiheit

● Freiheit des Willens

● Freiheit der Eigentumsverfügung
Locke: Eigentum durch Arbeit

John Locke:
 ● Naturrechtliche Legitimation der individuellen,

   ausschließenden Aneignung von Natur
 ● Durch „Vermischung“ mit „Arbeit“ werden

   Naturdinge zu exklusivem Eigentum
 ● Dies gilt auch für die „Vermischungen“, die

   Beherrschte vollziehen: Pferd und Knecht
Nuss: „Das die Arbeit das Recht auf Eigentum begründet,
wird seither in der bürgerlichen Eigentumsauffassung so
angenommen, wie es von Locke gesetzt wurde: Als
anthropologische Gewissheit.“ (S. 119)
North: Reichtum durch Eigentumsrechte

Douglass C. North: Property Rights Theorie
Grundannahmen:
 ● Das Individuum strebt danach, seinen Nutzen zu

   maximieren
 ● Die Nutzen spendenden Güter sind knapp


These:
 ● Gesicherte Eigentumsrechte minimieren die

   Transaktionskosten (Messungs- und Erfüllungs-
   kosten) und maximieren dadurch die Effizienz
Nuss: „Verkürzt ausgedrückt: Je gesicherter die Eigen-
tumsrechte, desto effizienter die Wirtschaft.“ (S. 117)
Ontologisierungen

Historische Rückprojektion moderner Kategorien:
● Effizienz („Ausstoss pro Zeit“)

● Eigentum („Recht des Ausschlusses Dritter“)


Zu ergänzen wären (bei Nuss kein Thema):
● Wirtschaft

● Arbeit



Nuss: „...gesellschaftliche Verhältnisse (werden) ... nicht
als historisch-spezifisch sondern als natürlich wahrge-
nommen ... In unreflektierter Weise wird die konkrete
Vergesellschaftungsform für allgemeingültig gehalten“
(S. 120)
II. Geschichte des Eigentumsbegriffs

Historische Produktionsweisen:
● Archaische Gesellschaften

● Antike

● Römisches Recht

● Mittelalter

● Thomas von Aquin

● Marx über vorkapitalistisches Eigentum
Archaische Gesellschaften

●   Fehlende Voraussetzungen für Eigentumsbegriff:
    –   Dinge werden nicht als von den Menschen getrennt
        und verkehrsfähig wahrgenommen
    –   Persönliche „Habe“ ist untrennbar mit der Person
        verbunden
●   D.h.: Keine Subjekt-Objekt-Trennung
●   Hoch diversifizierte Zuordungs-/Nutzungspraxen
●   Reziprozität bei Austauschverhältnissen mit
    sozialen Verpflichungen (Gabe und Gegengabe)
●   Kollektivbindungen bei Verwandtschaftseigentum
●   Individuelle Zuordnungen bei kollektiver Nutzung
Antike

●   Keine rechtliche Definition von Eigentum u. Besitz
●   Abstraktion „Wirtschaft“ noch nicht denkbar
●   Geld existierte, aber nicht als Vermehrungszweck
●   „Oikos“ ist religiöse Familien- und Hauseinheit
●   Bürgerrecht setzt Landbesitz voraus; Sklaven und
    Frauen waren davon ausgeschlossen
●   Aristoteles: Plädoyer für einen Besitz Einzelner
●   Ziel: Vermeidung von Streit durch Eindeutigkeit
●   Individueller Besitz als Voraussetzung für die
    geordnete Nutzung durch die Allgemeinheit
Römisches Recht

●   Erstmalige Kodifikation der Exklusion Dritter
●   Anfänge der Warenproduktion gehen einher mit
    dem Entstehen von Rechtsabstraktionen
●   Erste Trennung von „Eigentum“ und „Besitz“
●   Aber: keine Definition eines Eigentumsrechts
●   Kontextabhängige Rechtswörter für „Eigentum“:
    dominium, proprietas und occupatio
●   Land-Okkupation, agrarwirtschaftliche Subsistenz
●   Gebrauchswert- und Rentenorientierung
●   Keine verselbstständige Geldwirtschaft mit
    abstraktem Eigentumsbegriff wie im Kapitalismus
Mittelalter

●   Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse und
    tauschlose Eigenwirtschaft (Subsistenz)
●   Geringer Handel, Naturalabgaben und Frondienste
●   Landrecht als Gewohnheitsrecht der Bauern
●   Lehnsrecht als Herrschaftsrecht des Adels
●   Eingang der römischen Rechtsbegriffe, die aber
    kontextabhängig Unterschiedliches bezeichnen
●   Kein Bezug zum Eigentum!
●   Dominium → Herrschaft,
    Proprietas → Nutzungsrecht (Personen u. Sachen)
●   Römische Rechtsbegriffe passen nicht
Thomas von Aquin

●   „Summa Theologica“: Eigentums-Rechtfertigung
●   Vorher: Individuelles Eigentum ist Unrecht
●   Gütergemeinschaft ist Naturrecht
●   Occupatio ist Usurpatio gegen Gottes Willen
●   Faktisch aber: Kirche größter Grundbesitzer
●   Rehabilitierung römischer Okkupationstheorie
●   Rechtfertigung mit aristotelischer Argumentation
●   „Privateigentum“ als Mittel zur Pflege der äußeren
    Dinge, um sie gemeinsam zu nutzen
●   Kein „Wegbereiter des modernen Kapitalismus“
Marx über vorkapitalistisches Eigentum

●       „Grundrisse“ – sehr weiter Eigentumsbegriff:
    –   Aneignung der Natur zwecks Reproduktion
    –   Prozess des Stoffwechsels zw. Mensch und Natur
    –   Soziales Verhältnis in Produktion und Konsumtion
●       Drei vorkapitalistische (Commons-) Eigentums-
        formen: asiatischer, antiker u. germanischer Typ
●       Naturzugang über Gemeinschaftszugehörigkeit
●       Unterschiede zwischen den drei Commonstypen
    –   Verhältnis der Individuen zu den Produktionsmitteln
    –   Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft
●       Eigentumsverhältnisse = Produktionsverhältnisse
Zusammenfassung

Vor dem Kapitalismus:
● Nicht-exklusive materiale Eigentumskonzepte

  (in Analogie zur materialen Taktwahrnehmung)
● Verwandtschaftlich und religiös strukturierte

  Verbindung von Bedürfnissen und Sachverfügung
Kapitalismus:
● Exklusives abstraktes Eigentumskonzept

  (in Analogie zur abstrakten Taktwahrnehmung)
● Verwertung von Wert als dominierender (Selbst-)

  Zweck
Zur Taktwahrnehmung: Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes
III. Begriff der Commons

                   Praxen

   community                    commoning


                 Commons
Naturerbe                         Gemeingüter
               das Gemeinsame

Ressourcen                       Produkte
Annäherung von der Güterseite
Beschaffenheit

stoffliche Güter
 ● besitzen physische Gestalt

 ● können verbraucht oder vernichtet werden

 ● Zweckerfüllung ist an die Physis gebunden



nicht-stoffliche Güter
● sind von einer bestimmten Physis entkoppelt

● Dienstleistungen:

   – Produktion und Konsumtion fallen zusammen
● Konservierbare nicht-stoffliche Güter:

   – benötigen einen physischen Träger
Ressourcen

natürliche Ressourcen
● vorgefundene und unbearbeitete Ressourcen

● aber selten unbeeinflusste Naturbedingungen



hergestellte Ressourcen
● Geschaffene stoffliche oder nicht-stoffliche

  Voraussetzungen für die weitere Bearbeitung
  – Herstellung von Gütern
  – Herstellung/Erhaltung von Ressourcen
● Beispiele: Rohstoffe, Wissen
Soziale Form

Ware
● für den Tausch/Verkauf privat hergestelltes Gut

● Voraussetzungen sind Knappheit und Exklusion



Subsistenz
● für sich selbst oder Bekannte hergestelltes Gut

● kein Tausch, sondern geben, nehmen, zirkulieren



Commons
● für allgemeine Andere hergestelltes Gut

● kein Tausch, sondern Nutzung nach Regeln

● Träger und Pfleger sind Gemeinschaften
Rechtsform

Privateigentum
● exklusive Verfügung

● unabhängig von Beschaffenheit und Besitz



Kollektiveigentum
● Privateigentum für kollektive Zwecke

● Gemeineigentum, Staatseigentum, AG, VEB, etc.



Freies Gut (Niemandsland)
● sozial ungeregelte Güter im freien Zugriff

● Tragik der Allmende ist Tragik des Niemandslands



                                      später noch mehr...
Nutzung

Ausschließbarkeit
● exklusiv: Zugriff auf das Gut unterbunden (→Ware)

● inklusiv: Zugriff ist allen möglich (→Wikipedia)



Rivalität
● rival: Nutzung bedeutet Nutzungseinschränkung für

   andere (→Apfel)
● nicht-rival: keine Nutzungseinschränkung für andere

   (→physikalische Formel)
Ökonomietheorie: maßgebliche Güter-Charakteristik!
● aber: Exklusion ist Resultat einer Handlung (→soziale

  Form) und Rivalität der Beschaffenheit
Gütersysthematik auf einen Blick
... am Beispiel Freier Software
Fehler im Umgang mit Commons

Wikipedia:
»Ein Gemeingut oder Kollektivgut ist ein Gut, das für
alle potenziellen Nachfrager frei zugänglich ist.«

Das ist in dieser allgemeinen Formulierung falsch. Der Fehler
der traditionellen Ökonomietheorie wird hier reproduziert:
Das Gemeingut wird mit dem »Niemandsland« verwechselt.
Auch Freie Software ist kein Niemandsland, obwohl sie jede/r
frei nutzen kann. Freie Software ist ein Gemeingut unter
einem »Open Access Regime« (offener/freier Zugriff). Der
freie Zugriff ist hier eine explizit festgelegte Regulationsform
und nicht eine Eigenschaft des Gemeinguts »als solchem«.
Commons ist immer commoning

Allgemein zeichnen sich Gemeingüter (Commons) dadurch
aus, dass klare Nutzungs- und Pflegeregeln von der Gemein-
schaft vereinbart wurden, die sich um die jeweiligen Gemein-
güter kümmern. Die Ressource und die soziale Aktivität, die
sich um die Ressource herum bildet, sind bei Gemeingütern
nicht zu trennen:
     »There is no commons without commoning.«
                                               (Peter Linebaugh)
Das gilt ohne Einschränkung auch für die Freie Software.
Aufgrund der einfachen Kopierbarkeit kann das Access-
Regime jedoch vollständig offen, d.h. »frei« gestaltet werden.
Die soziale Beziehung, die die Nutzenden in Relation auf das
Gut einnehmen können, ist in der freien Lizenz festgelegt.
VI. Commons-basierte Peer-Produktion

Drei Merkmale der Peer-Produktion:
● Beitragen statt Tauschen

● Freie Kooperation

● Commons und Besitz statt Eigentum
Beitragen statt Tauschen

Peer-Projekte haben ein gemeinsames Ziel, und die
Produkte sind der Form nach gesellschaftlich-
allgemein. Daher bezieht sich die Motivation, etwas
zu einem Projekt beizutragen, auf die Befriedigung
von Bedürfnissen (der eigenen und der Anderer).
Dabei sind in der Regel der eigene Nutzen und der
eigene Beitrag voneinander entkoppelt, müssen es
aber nicht sein (Bsp. BitTorrent). Charakteristisch
für die Peer-Produktion ist also die Aufwandsteilung.
Freie Kooperation

Da es keine strukturelle Abhängigkeiten gibt, kann
auch niemand zu einer Aktivität gezwungen werden.
Gleichwohl gibt es teilweise ausgefeilte Strukturen,
die auf freier Kooperation zum gegenseitigen Vorteil
basieren. Dabei spielt die Einsicht in den Zusammen-
hang des Gesamtprozesses ein wesentliche Rolle.
Aufgrund des kontinuierlichen Kommunikations- und
Verhandlungsprozesses sind Projektstrukturen sehr
adaptiv, eine Projekt- und Ressourcenaufteilung
(»Fork«) ist immer möglich.

(Anmerkung: Hier ist nicht die »Freie Kooperation« nach Christoph Spehr gemeint.)
Commons und Besitz statt Eigentum

Input und Output von Peer-Projekten sind häufig
Gemeingüter, wobei Commons (Ressource) und
Commoning (sozialer Prozess) untrennbar
verbunden sind. Sind eingesetzte Ressourcen keine
Gemeingüter, sondern privat, so fungieren sie als
»Besitz« (etwas, das man benutzt) und nicht als
»Eigentum« (etwas, das man verkaufen / verwerten
kann).
V. Schlussfolgerungen

1. Die Gemeingüter (Commons) rücken in neuer Weise ins
Zentrum der Aufmerksamkeit, sie bewegen sich »jenseits von
Markt und Staat« (aber nicht unabhängig von diesen). Damit
wird die alte Markt-Staat-Dichotomie überwunden, und die
handelnden Menschen (Commoning) werden als Basis der
re-/produktiven Aktivitäten erkannt.
2. Die Eigentumsfrage stellt sich neu. Anstatt um die
Verfügungsmacht der vorhandenen Ressourcen zu kämpfen,
ohne die Funktion anzutasten (Mittel zur Verwertung), werden
vorhandene Ressourcen umfunktioniert und in einen neuen
Verwendungszusammenhang gestellt – als Besitz für die
Commons-Produktion – und neue Ressourcen von Anbeginn
als Commons geschaffen.
Schlussfolgerungen (2)

3. Die Spaltung von Produktion und Reproduktion wird
tendenziell aufgehoben. Da alle Beiträge, die irgendwie
nützlich sind und Bedürfnisse befriedigen, relevant sind, und
nicht nur solche, die verwertbar sind (einen zahlungsfähigen
Bedarf antreffen), wird auch die Sphärenspaltung in
»wertvolle« Arbeits- und »wertlose« Nichtarbeitssphäre
zurückgedrängt.
4. Die Rolle der Politik tritt zurück, sie ist nicht länger
staatlicher Macher und Steuerer, sondern nurmehr
Ermöglicher (oder Verhinderer) einer sich verbreiternden
Bewegung commonsbasierter Peer-Produktion.
Schlussfolgerungen (3)

5. Die »Machtfrage« wird neu gestellt, nicht mehr als primär
politische, sondern als soziale Frage: Wie werden wir morgen
unsere Lebensbedingungen so produzieren, dass das
Zwangswachstum beendet, die ökologischen Lebens-
bedingungen erhalten und langfristigen Lebenswünsche der
Menschheit zur Geltung kommen.
6. Die kapitalistische Verwertungslogik mit ihren basalen
Kategorien (Arbeit, Wert, Markt, Staat) bleibt auf absehbare
Zeit dominant. Die Frage ist, wie unter Dominanz der
entfremdenden Verwertungslogik, eine verwertungsbefreite
Produktion und Reproduktion organisiert werden kann, die
schließlich den Kapitalismus als Vergesellschaftungsform
ablöst.
V. Weiter lesen

Sabine Nuss (2006): Copyright & Copyriot
wbk.in-berlin.de/wp_nuss/dissertation
Stefan Meretz (2007): Copyright & Copyriot (Rezension)
streifzuege.org/2007/copyright-copyriot
Eske Bockelmann (2004): Im Takt des Geldes
streifzuege.org/2004/im-takt-des-geldes-zur-genese-modernen-denkens
CONTRASTE (2009): Commons... wiederentdeckt!
keimform.de/2009/12/06/contraste-zu-commons-erschienen/
Stefan Meretz (2008): Sieben Thesen zum Commonismus
keimform.de/2008/11/08/sieben-thesen-zum-commonismus
Wikipedia: Commonsbasierte Peer-Produktion
de.wikipedia.org/wiki/Commons-based_Peer_Production
Christian Siefkes (2008): Beitragen statt tauschen
peerconomy.org/wiki/Deutsch
      Lizenz: Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen Deutschland 3.0

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Commons und Eigentum

  • 1. Commons und Eigentum BUKO-Seminar 12.-14.2.2010 Villa Locomuna Kassel Stefan Meretz www.keimform.de
  • 2. Übersicht I. Begriff des Eigentums (nach Nuss‘ Copyright & Copyriot, Kap. 4 und 5) II. Geschichte des Eigentumsbegriffes (nach Nuss‘ Copyright & Copyriot, Kap. 6) III. Begriff der Commons IV. Commons-basierte Peer-Produktion V. Schlussfolgerungen VI. Weiter lesen
  • 3. I. Begriff des Eigentums Eigentum ist nicht ● die Sache, die einer Person gehört ● die Herrschaft einer Person über eine Sache Eigentum ist ● eine Beziehung zwischen Menschen in Bezug auf eine Sache Nuss: „Eigentum ist damit keine Sache, sondern ein soziales Verhältnis“ (S. 124)
  • 4. Der liberale Eigentumsbegriff Grundlage ist der Begriff des Sachherrschaftsrechts, der das soziale Verhältnis begrifflich verschleiert Eigentum sei die ● „willkürliche und souveräne Herrschaft einer natürlichen Person über Sachen“ (Siegrist/Sugarman 1999, zit. nach Nuss, S. 114) Voraussetzung ist das Konzept der „Freiheit“ ● Vertragsfreiheit ● Freiheit des Willens ● Freiheit der Eigentumsverfügung
  • 5. Locke: Eigentum durch Arbeit John Locke: ● Naturrechtliche Legitimation der individuellen, ausschließenden Aneignung von Natur ● Durch „Vermischung“ mit „Arbeit“ werden Naturdinge zu exklusivem Eigentum ● Dies gilt auch für die „Vermischungen“, die Beherrschte vollziehen: Pferd und Knecht Nuss: „Das die Arbeit das Recht auf Eigentum begründet, wird seither in der bürgerlichen Eigentumsauffassung so angenommen, wie es von Locke gesetzt wurde: Als anthropologische Gewissheit.“ (S. 119)
  • 6. North: Reichtum durch Eigentumsrechte Douglass C. North: Property Rights Theorie Grundannahmen: ● Das Individuum strebt danach, seinen Nutzen zu maximieren ● Die Nutzen spendenden Güter sind knapp These: ● Gesicherte Eigentumsrechte minimieren die Transaktionskosten (Messungs- und Erfüllungs- kosten) und maximieren dadurch die Effizienz Nuss: „Verkürzt ausgedrückt: Je gesicherter die Eigen- tumsrechte, desto effizienter die Wirtschaft.“ (S. 117)
  • 7. Ontologisierungen Historische Rückprojektion moderner Kategorien: ● Effizienz („Ausstoss pro Zeit“) ● Eigentum („Recht des Ausschlusses Dritter“) Zu ergänzen wären (bei Nuss kein Thema): ● Wirtschaft ● Arbeit Nuss: „...gesellschaftliche Verhältnisse (werden) ... nicht als historisch-spezifisch sondern als natürlich wahrge- nommen ... In unreflektierter Weise wird die konkrete Vergesellschaftungsform für allgemeingültig gehalten“ (S. 120)
  • 8. II. Geschichte des Eigentumsbegriffs Historische Produktionsweisen: ● Archaische Gesellschaften ● Antike ● Römisches Recht ● Mittelalter ● Thomas von Aquin ● Marx über vorkapitalistisches Eigentum
  • 9. Archaische Gesellschaften ● Fehlende Voraussetzungen für Eigentumsbegriff: – Dinge werden nicht als von den Menschen getrennt und verkehrsfähig wahrgenommen – Persönliche „Habe“ ist untrennbar mit der Person verbunden ● D.h.: Keine Subjekt-Objekt-Trennung ● Hoch diversifizierte Zuordungs-/Nutzungspraxen ● Reziprozität bei Austauschverhältnissen mit sozialen Verpflichungen (Gabe und Gegengabe) ● Kollektivbindungen bei Verwandtschaftseigentum ● Individuelle Zuordnungen bei kollektiver Nutzung
  • 10. Antike ● Keine rechtliche Definition von Eigentum u. Besitz ● Abstraktion „Wirtschaft“ noch nicht denkbar ● Geld existierte, aber nicht als Vermehrungszweck ● „Oikos“ ist religiöse Familien- und Hauseinheit ● Bürgerrecht setzt Landbesitz voraus; Sklaven und Frauen waren davon ausgeschlossen ● Aristoteles: Plädoyer für einen Besitz Einzelner ● Ziel: Vermeidung von Streit durch Eindeutigkeit ● Individueller Besitz als Voraussetzung für die geordnete Nutzung durch die Allgemeinheit
  • 11. Römisches Recht ● Erstmalige Kodifikation der Exklusion Dritter ● Anfänge der Warenproduktion gehen einher mit dem Entstehen von Rechtsabstraktionen ● Erste Trennung von „Eigentum“ und „Besitz“ ● Aber: keine Definition eines Eigentumsrechts ● Kontextabhängige Rechtswörter für „Eigentum“: dominium, proprietas und occupatio ● Land-Okkupation, agrarwirtschaftliche Subsistenz ● Gebrauchswert- und Rentenorientierung ● Keine verselbstständige Geldwirtschaft mit abstraktem Eigentumsbegriff wie im Kapitalismus
  • 12. Mittelalter ● Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse und tauschlose Eigenwirtschaft (Subsistenz) ● Geringer Handel, Naturalabgaben und Frondienste ● Landrecht als Gewohnheitsrecht der Bauern ● Lehnsrecht als Herrschaftsrecht des Adels ● Eingang der römischen Rechtsbegriffe, die aber kontextabhängig Unterschiedliches bezeichnen ● Kein Bezug zum Eigentum! ● Dominium → Herrschaft, Proprietas → Nutzungsrecht (Personen u. Sachen) ● Römische Rechtsbegriffe passen nicht
  • 13. Thomas von Aquin ● „Summa Theologica“: Eigentums-Rechtfertigung ● Vorher: Individuelles Eigentum ist Unrecht ● Gütergemeinschaft ist Naturrecht ● Occupatio ist Usurpatio gegen Gottes Willen ● Faktisch aber: Kirche größter Grundbesitzer ● Rehabilitierung römischer Okkupationstheorie ● Rechtfertigung mit aristotelischer Argumentation ● „Privateigentum“ als Mittel zur Pflege der äußeren Dinge, um sie gemeinsam zu nutzen ● Kein „Wegbereiter des modernen Kapitalismus“
  • 14. Marx über vorkapitalistisches Eigentum ● „Grundrisse“ – sehr weiter Eigentumsbegriff: – Aneignung der Natur zwecks Reproduktion – Prozess des Stoffwechsels zw. Mensch und Natur – Soziales Verhältnis in Produktion und Konsumtion ● Drei vorkapitalistische (Commons-) Eigentums- formen: asiatischer, antiker u. germanischer Typ ● Naturzugang über Gemeinschaftszugehörigkeit ● Unterschiede zwischen den drei Commonstypen – Verhältnis der Individuen zu den Produktionsmitteln – Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft ● Eigentumsverhältnisse = Produktionsverhältnisse
  • 15. Zusammenfassung Vor dem Kapitalismus: ● Nicht-exklusive materiale Eigentumskonzepte (in Analogie zur materialen Taktwahrnehmung) ● Verwandtschaftlich und religiös strukturierte Verbindung von Bedürfnissen und Sachverfügung Kapitalismus: ● Exklusives abstraktes Eigentumskonzept (in Analogie zur abstrakten Taktwahrnehmung) ● Verwertung von Wert als dominierender (Selbst-) Zweck Zur Taktwahrnehmung: Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes
  • 16. III. Begriff der Commons Praxen community commoning Commons Naturerbe Gemeingüter das Gemeinsame Ressourcen Produkte
  • 17. Annäherung von der Güterseite
  • 18. Beschaffenheit stoffliche Güter ● besitzen physische Gestalt ● können verbraucht oder vernichtet werden ● Zweckerfüllung ist an die Physis gebunden nicht-stoffliche Güter ● sind von einer bestimmten Physis entkoppelt ● Dienstleistungen: – Produktion und Konsumtion fallen zusammen ● Konservierbare nicht-stoffliche Güter: – benötigen einen physischen Träger
  • 19. Ressourcen natürliche Ressourcen ● vorgefundene und unbearbeitete Ressourcen ● aber selten unbeeinflusste Naturbedingungen hergestellte Ressourcen ● Geschaffene stoffliche oder nicht-stoffliche Voraussetzungen für die weitere Bearbeitung – Herstellung von Gütern – Herstellung/Erhaltung von Ressourcen ● Beispiele: Rohstoffe, Wissen
  • 20. Soziale Form Ware ● für den Tausch/Verkauf privat hergestelltes Gut ● Voraussetzungen sind Knappheit und Exklusion Subsistenz ● für sich selbst oder Bekannte hergestelltes Gut ● kein Tausch, sondern geben, nehmen, zirkulieren Commons ● für allgemeine Andere hergestelltes Gut ● kein Tausch, sondern Nutzung nach Regeln ● Träger und Pfleger sind Gemeinschaften
  • 21. Rechtsform Privateigentum ● exklusive Verfügung ● unabhängig von Beschaffenheit und Besitz Kollektiveigentum ● Privateigentum für kollektive Zwecke ● Gemeineigentum, Staatseigentum, AG, VEB, etc. Freies Gut (Niemandsland) ● sozial ungeregelte Güter im freien Zugriff ● Tragik der Allmende ist Tragik des Niemandslands später noch mehr...
  • 22. Nutzung Ausschließbarkeit ● exklusiv: Zugriff auf das Gut unterbunden (→Ware) ● inklusiv: Zugriff ist allen möglich (→Wikipedia) Rivalität ● rival: Nutzung bedeutet Nutzungseinschränkung für andere (→Apfel) ● nicht-rival: keine Nutzungseinschränkung für andere (→physikalische Formel) Ökonomietheorie: maßgebliche Güter-Charakteristik! ● aber: Exklusion ist Resultat einer Handlung (→soziale Form) und Rivalität der Beschaffenheit
  • 24. ... am Beispiel Freier Software
  • 25. Fehler im Umgang mit Commons Wikipedia: »Ein Gemeingut oder Kollektivgut ist ein Gut, das für alle potenziellen Nachfrager frei zugänglich ist.« Das ist in dieser allgemeinen Formulierung falsch. Der Fehler der traditionellen Ökonomietheorie wird hier reproduziert: Das Gemeingut wird mit dem »Niemandsland« verwechselt. Auch Freie Software ist kein Niemandsland, obwohl sie jede/r frei nutzen kann. Freie Software ist ein Gemeingut unter einem »Open Access Regime« (offener/freier Zugriff). Der freie Zugriff ist hier eine explizit festgelegte Regulationsform und nicht eine Eigenschaft des Gemeinguts »als solchem«.
  • 26. Commons ist immer commoning Allgemein zeichnen sich Gemeingüter (Commons) dadurch aus, dass klare Nutzungs- und Pflegeregeln von der Gemein- schaft vereinbart wurden, die sich um die jeweiligen Gemein- güter kümmern. Die Ressource und die soziale Aktivität, die sich um die Ressource herum bildet, sind bei Gemeingütern nicht zu trennen: »There is no commons without commoning.« (Peter Linebaugh) Das gilt ohne Einschränkung auch für die Freie Software. Aufgrund der einfachen Kopierbarkeit kann das Access- Regime jedoch vollständig offen, d.h. »frei« gestaltet werden. Die soziale Beziehung, die die Nutzenden in Relation auf das Gut einnehmen können, ist in der freien Lizenz festgelegt.
  • 27. VI. Commons-basierte Peer-Produktion Drei Merkmale der Peer-Produktion: ● Beitragen statt Tauschen ● Freie Kooperation ● Commons und Besitz statt Eigentum
  • 28. Beitragen statt Tauschen Peer-Projekte haben ein gemeinsames Ziel, und die Produkte sind der Form nach gesellschaftlich- allgemein. Daher bezieht sich die Motivation, etwas zu einem Projekt beizutragen, auf die Befriedigung von Bedürfnissen (der eigenen und der Anderer). Dabei sind in der Regel der eigene Nutzen und der eigene Beitrag voneinander entkoppelt, müssen es aber nicht sein (Bsp. BitTorrent). Charakteristisch für die Peer-Produktion ist also die Aufwandsteilung.
  • 29. Freie Kooperation Da es keine strukturelle Abhängigkeiten gibt, kann auch niemand zu einer Aktivität gezwungen werden. Gleichwohl gibt es teilweise ausgefeilte Strukturen, die auf freier Kooperation zum gegenseitigen Vorteil basieren. Dabei spielt die Einsicht in den Zusammen- hang des Gesamtprozesses ein wesentliche Rolle. Aufgrund des kontinuierlichen Kommunikations- und Verhandlungsprozesses sind Projektstrukturen sehr adaptiv, eine Projekt- und Ressourcenaufteilung (»Fork«) ist immer möglich. (Anmerkung: Hier ist nicht die »Freie Kooperation« nach Christoph Spehr gemeint.)
  • 30. Commons und Besitz statt Eigentum Input und Output von Peer-Projekten sind häufig Gemeingüter, wobei Commons (Ressource) und Commoning (sozialer Prozess) untrennbar verbunden sind. Sind eingesetzte Ressourcen keine Gemeingüter, sondern privat, so fungieren sie als »Besitz« (etwas, das man benutzt) und nicht als »Eigentum« (etwas, das man verkaufen / verwerten kann).
  • 31. V. Schlussfolgerungen 1. Die Gemeingüter (Commons) rücken in neuer Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sie bewegen sich »jenseits von Markt und Staat« (aber nicht unabhängig von diesen). Damit wird die alte Markt-Staat-Dichotomie überwunden, und die handelnden Menschen (Commoning) werden als Basis der re-/produktiven Aktivitäten erkannt. 2. Die Eigentumsfrage stellt sich neu. Anstatt um die Verfügungsmacht der vorhandenen Ressourcen zu kämpfen, ohne die Funktion anzutasten (Mittel zur Verwertung), werden vorhandene Ressourcen umfunktioniert und in einen neuen Verwendungszusammenhang gestellt – als Besitz für die Commons-Produktion – und neue Ressourcen von Anbeginn als Commons geschaffen.
  • 32. Schlussfolgerungen (2) 3. Die Spaltung von Produktion und Reproduktion wird tendenziell aufgehoben. Da alle Beiträge, die irgendwie nützlich sind und Bedürfnisse befriedigen, relevant sind, und nicht nur solche, die verwertbar sind (einen zahlungsfähigen Bedarf antreffen), wird auch die Sphärenspaltung in »wertvolle« Arbeits- und »wertlose« Nichtarbeitssphäre zurückgedrängt. 4. Die Rolle der Politik tritt zurück, sie ist nicht länger staatlicher Macher und Steuerer, sondern nurmehr Ermöglicher (oder Verhinderer) einer sich verbreiternden Bewegung commonsbasierter Peer-Produktion.
  • 33. Schlussfolgerungen (3) 5. Die »Machtfrage« wird neu gestellt, nicht mehr als primär politische, sondern als soziale Frage: Wie werden wir morgen unsere Lebensbedingungen so produzieren, dass das Zwangswachstum beendet, die ökologischen Lebens- bedingungen erhalten und langfristigen Lebenswünsche der Menschheit zur Geltung kommen. 6. Die kapitalistische Verwertungslogik mit ihren basalen Kategorien (Arbeit, Wert, Markt, Staat) bleibt auf absehbare Zeit dominant. Die Frage ist, wie unter Dominanz der entfremdenden Verwertungslogik, eine verwertungsbefreite Produktion und Reproduktion organisiert werden kann, die schließlich den Kapitalismus als Vergesellschaftungsform ablöst.
  • 34. V. Weiter lesen Sabine Nuss (2006): Copyright & Copyriot wbk.in-berlin.de/wp_nuss/dissertation Stefan Meretz (2007): Copyright & Copyriot (Rezension) streifzuege.org/2007/copyright-copyriot Eske Bockelmann (2004): Im Takt des Geldes streifzuege.org/2004/im-takt-des-geldes-zur-genese-modernen-denkens CONTRASTE (2009): Commons... wiederentdeckt! keimform.de/2009/12/06/contraste-zu-commons-erschienen/ Stefan Meretz (2008): Sieben Thesen zum Commonismus keimform.de/2008/11/08/sieben-thesen-zum-commonismus Wikipedia: Commonsbasierte Peer-Produktion de.wikipedia.org/wiki/Commons-based_Peer_Production Christian Siefkes (2008): Beitragen statt tauschen peerconomy.org/wiki/Deutsch Lizenz: Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen Deutschland 3.0