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Ödön von Horváth
Einführung
WaP, Februar 2014
phwa.ch/horvath
»Ich bin nämlich eigentlich ganz anders,
aber ich komme nur so selten dazu.«
Zur schönen Aussicht, 1926
Während meiner Schulzeit wechselte ich viermal die
Unterrichtssprache und besuchte fast jede Klasse in einer
anderen Stadt. Das Ergebnis war, dass ich keine Sprache
ganz beherrschte. Als ich zum ersten Mal nach Deutschland
kam, konnte ich keine Zeitung lesen, da ich keine gotischen
Buchstaben kannte, obwohl meine Muttersprache die
deutsche ist. Erst mit vierzehn Jahren schrieb ich den ersten
deutschen Satz.
An die Zeit vor 1914 erinnere ich mich nur, wie an ein
langweiliges Bilderbuch. Alle meine Kindheitserlebnisse
habe ich im Krieg vergessen. Mein Leben beginnt mit
der Kriegserklärung.
Ich habe nur zwei Dinge, gegen die ich schreibe, das ist die
Dummheit und die Lüge. Und zwei wofür ich eintrete, das
ist die Vernunft und die Aufrichtigkeit. (1932)
Aus der Tatsache, dass unsere
Väter im Felde fielen oder sich
drückten, dass sie zu Krüppeln
zerfetzt wurden oder wucherten,
folgerte die öffentliche Meinung,
wir Kriegslümmel würden
Verbrecher werden. Wir hätten uns
alle aufhängen dürfen, hätten wir
nicht darauf gepfiffen, dass unsere
Pubertät in den Weltkrieg fiel. [...]
und als die Erwachsenen
zusammenbrachen, blieben wir
unversehrt. In uns ist nichts
zusammengebrochen, denn wir
haben bisher nur zur Kenntnis
genommen.
Es bildet sich ein neues gesellschaftliches
Bewusstsein, es ist alles im Werden
begriffen, auch die bisher bekannten
Typen der Menschen bilden sich um, es
entstehen gewissermaßen ganz neue
Mischungen [...] und für mich als jungen
Dichter ist dies natürlich kolossal wichtig,
die persönlichen Eindrücke von diesem
Wandel des Bewusstseins.
Murnau: »Es ist der schönste Punkt am nördlichen
Rande der bayerischen Alpen, den man mit
Kraftfahrzeugen erreichen kann per Motor« 
Letztlich sagte nicht
Horváth »Nein« zu
den Nazis, sondern
die Nazis sagten
»Nein« zu Horváth.
univie.ac.at/unique/uniquecms/?p=1102
Zensur ist Bevormundung. [...] Wer ist
Zensor? Pfaffe, Richter und Soldat.
Was wird zensiert? Der Glaube an den
Fortschritt. Was wird verboten? Die
Vernunft, das Recht und der Friede.
Was wird erlaubt? Der
Abtreibungsparagraph, Giftgas,
Wohnungsnot, Tuberkulose,
gottgewolltes Wettrüsten und
organisierter Betrug.
Also wenn man mich fragt, ob ich ein
Deutscher bin, so kann ich darauf nur
antworten: ich fühle mich als ein
Mensch, der sich unter allen
Umständen zum deutschen Kulturkreis
zählt - und warum ich mich zum
deutschen Kulturkreis zähle, liegt wohl
vor allem daran, dass meine
Muttersprache die deutsche ist.

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Ödön von Horvath - einführende Zitate

  • 1. Ödön von Horváth Einführung WaP, Februar 2014 phwa.ch/horvath
  • 2. »Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.« Zur schönen Aussicht, 1926
  • 3. Während meiner Schulzeit wechselte ich viermal die Unterrichtssprache und besuchte fast jede Klasse in einer anderen Stadt. Das Ergebnis war, dass ich keine Sprache ganz beherrschte. Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, konnte ich keine Zeitung lesen, da ich keine gotischen Buchstaben kannte, obwohl meine Muttersprache die deutsche ist. Erst mit vierzehn Jahren schrieb ich den ersten deutschen Satz.
  • 4. An die Zeit vor 1914 erinnere ich mich nur, wie an ein langweiliges Bilderbuch. Alle meine Kindheitserlebnisse habe ich im Krieg vergessen. Mein Leben beginnt mit der Kriegserklärung.
  • 5. Ich habe nur zwei Dinge, gegen die ich schreibe, das ist die Dummheit und die Lüge. Und zwei wofür ich eintrete, das ist die Vernunft und die Aufrichtigkeit. (1932)
  • 6. Aus der Tatsache, dass unsere Väter im Felde fielen oder sich drückten, dass sie zu Krüppeln zerfetzt wurden oder wucherten, folgerte die öffentliche Meinung, wir Kriegslümmel würden Verbrecher werden. Wir hätten uns alle aufhängen dürfen, hätten wir nicht darauf gepfiffen, dass unsere Pubertät in den Weltkrieg fiel. [...] und als die Erwachsenen zusammenbrachen, blieben wir unversehrt. In uns ist nichts zusammengebrochen, denn wir haben bisher nur zur Kenntnis genommen.
  • 7. Es bildet sich ein neues gesellschaftliches Bewusstsein, es ist alles im Werden begriffen, auch die bisher bekannten Typen der Menschen bilden sich um, es entstehen gewissermaßen ganz neue Mischungen [...] und für mich als jungen Dichter ist dies natürlich kolossal wichtig, die persönlichen Eindrücke von diesem Wandel des Bewusstseins.
  • 8. Murnau: »Es ist der schönste Punkt am nördlichen Rande der bayerischen Alpen, den man mit Kraftfahrzeugen erreichen kann per Motor« 
  • 9. Letztlich sagte nicht Horváth »Nein« zu den Nazis, sondern die Nazis sagten »Nein« zu Horváth. univie.ac.at/unique/uniquecms/?p=1102
  • 10. Zensur ist Bevormundung. [...] Wer ist Zensor? Pfaffe, Richter und Soldat. Was wird zensiert? Der Glaube an den Fortschritt. Was wird verboten? Die Vernunft, das Recht und der Friede. Was wird erlaubt? Der Abtreibungsparagraph, Giftgas, Wohnungsnot, Tuberkulose, gottgewolltes Wettrüsten und organisierter Betrug.
  • 11. Also wenn man mich fragt, ob ich ein Deutscher bin, so kann ich darauf nur antworten: ich fühle mich als ein Mensch, der sich unter allen Umständen zum deutschen Kulturkreis zählt - und warum ich mich zum deutschen Kulturkreis zähle, liegt wohl vor allem daran, dass meine Muttersprache die deutsche ist.