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Was ist Wahrheit in Wahrheit?
Annette Schlemm 2021
- für eine Arbeitsgruppe des Commons-Instituts –
https://tinyurl.com/Schlemm
2
Wahrheitsphilosophien
• lat: veritas, mit Bedeutung: geglaubt, angenommen
• idg.: weros, mit Bedeutung: vertrauenswert
• altnord.: Var: Göttin der Treueschwüre und Verträge
• mhd. (be)waeren: bekräftigen, beweisen
Auch:
Wahrheit = Tätigkeit des Erschließens
• Es ist die Wahrheit der Blume, aus ihrem Samen sich zu offenbaren.
• = Verwirklichung des Wesens
• Ein „wahrer“ Mensch
Seit Aristoteles: Wahr kann nur eine Aussage sein:
3
Wahrheitsphilosophien
1. Korrespondenztheorie
Der Inhalt einer Aussage (Proposition) ist wahr, wenn sie mit den Tatsachen
übereinstimmt:
(Aristoteles, Bertrand Russell, Karl R. Popper)
• „Der Schnee ist weiß“ ist wahr, wenn der Schnee weiß ist.
• Setzt erkenntnistheoretischen Realismus voraus.
• Tarski: Beziehung zwischen einer metasprachlichen Aussage („p“) und
einer objektsprachlichen Aussage (p):
Die Aussage „p“ ist wahr, wenn p.
• Was ist mit: „Diese Aussage ist nicht wahr.“ ???
4
Wahrheitsphilosophien
1. Korrespondenztheorie
Karl R. Popper???
• Wahrheit wird als Korrespondenz mit der Wirklichkeit definiert,
• Aber es wird verneint, dass ein allgemeines Wahrheitskriterium aufgestellt
werden kann.
5
Wahrheitsphilosophien
1. Korrespondenztheorie
Was ist „Übereinstimmung“ in der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit?
• Abbildung, Abspiegelung
• Strukturgleichheit: Es besteht eine umkehrbar eindeutige Zuordnung
zwischen Aussage und Wirklichkeit (Russell, früher Wittgenstein)
• Struktur z.B. „X liebt Y“
• Semantisch: In Metasprache über Wahrheit der Objektsprache reden.
(Tarski)
6
Wahrheitsphilosophien
2. Kohärenztheorie
Eine (objektsprachliche) Proposition ist dann wahr, wenn sie mit anderen
objektsprachlichen Propositionen kohäriert, d.h. widerspruchsfrei
zusammenhängt.
• „Die Sonne dreht sich um die Erde“ ist innerhalb des Ptolemäischen
Systems wahr.
• Kohärenzprinzip kann nicht entscheiden, ob das System wahr ist.
7
Wahrheitsphilosophien
3. Evidenztheorie
Propositionen über Erfahrungsdaten können evident sein, wenn die
Erfahrungsdaten evident sind.
• „Das Ganze ist größer als die Teile“
Aber: Bei einer Streckeneinteilung enthalten das Teil und das Ganze
unendlich viele Punkte!
• „evident“: was „in die Augen springt“, klar, einleuchtend...
• amerik. Unabhängigkeitserklärung von 1776: „Wir halten diese
Wahrheiten für von selbst evident, daß alle Menschen gleich geschaffen
sind...“
8
Wahrheitsphilosophien
4. Pragmatische Theorie
• Wahre Gedanken erweisen ihre Wahrheit anhand ihrer Nützlichkeit, d.h.
der erwiesenen Lösung von Problemen.
(William James, John Dewey, Ch. S. Peirce)
• „Die Auskunft ist wahr, wenn wir mit ihrer Hilfe das Hotel finden.“
• Wahrheit besteht im Prozess des Wahrmachens (Ferber 1995: 85)
• Vgl. Goethe: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“
• Experimentelle Praxis in Wissenschaften
9
Wahrheitsphilosophien
5. Konsenstheorie
Eine objektsprachliche Proposition ist dann wahr, wenn sie in einem Diskurs
die Zustimmung aller findet.
(stoische Philosophie, Jürgen Habermas, (Ch. S. Pierce))
• Eine Aussage kann auch dann wahr sein, wenn nur ein Einziger sie vertritt.
• Pierce: die in der Zukunft liegende endgültige oder finale
Übereinstimmung aller Forscher (wenn sie unablässig die
wissenschaftliche Methode befolgen)
10
Wahrheitsphilosophien
6. Redundanztheorie
Begriffe wie „wahr“ und „falsch“ sind überflüssig.
• „Es ist wahr/falsch, dass die Sonne scheint“ kann ersetzt werden durch:
„Die Sonne scheint/nicht.“
• Tarski: Wahrheitsbegriff ist nicht redundant, wenn (metasprachlich) über
Sätze der Objektsprache gesprochen wird.
• „Alles, was der Parteivorsitzende sagt, ist wahr.“
11
Wahrheitsphilosophien
Wahrheit
entsprechend der
Korrespondenz-
theorie
Bedingungen der Wahrheit
• Kohärenz und/oder
• Evidenz und/oder
• Konsens und/oder
• Nützlichkeit
verweisen auf
Frage nach Kriterien als
erkenntnistheoretische
Frage
Frage nach Definition als
semantische Frage
12
Wahrheitsphilosophien
Marxismus-Leninismus
• Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis
• Unterschiedlicher Objektivitätsbegriff:
• Wirklichkeit ist objektiv (auch unabhängig von der Existenz des
Menschen) und
• Wahrheit ist objektiv (aber abhängig von Erkenntnis durch Menschen):
weder vom Willen eines einzelnen Menschen, noch von dem der Menschheit,
sondern von der objektiven Beschaffenheit der jeweiligen Sachlage (Wessel
1996: 941)
13
Wahrheitsphilosophien
Marxismus-Leninismus
• Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis
14
„Es gibt keine objektive Wahrheit.
Alles, was wir sagen, sagen wir als
subjektiver Beobachter.“
(3Sat über „Konstruktivismus“)
Wahrheitsphilosophien
Marxismus-Leninismus
• Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis
Lenin:
• Es gibt einen Inhalt der Wahrheit, der vom Subjekt unabhängig ist UND
• Dieser Inhalt ist nie auf einmal, vollständig, unbedingt und absolut
gegeben, sondern nur annähernd, relativ.
• Wichtig: Geltungsbereich; sonst geschieht Umschlag ins Gegenteil (MEW
20: 84ff.)
d.h. auch abhängig von gesellschaftlichem Entwicklungsstand.
• Wichtig: Abhängigkeit von Bedingungen (die Wahrheit ist „konkret“)
15
Frage:
Was sind Aufgabe und Ziel
der Wissenschaft?
16
Bild aus: https://www.3sat.de/wissen/scobel/warum-gibt-es-keine-objektive-wahrheit-100.html
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Fakten:
• „Die Erde ist rund“
???
17
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Fakten:
• Die durchschnittliche globale Temperatur stieg in den letzten ... Jahren
18
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Fakten:
• Die durchschnittliche globale Temperatur stieg in den letzten ... Jahren
19
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Fakten:
• ...
Korrelationen
• Problem: Welche Faktoren sind wesentlich? (z.B. beim Bienensterben)
 Häufig kann man aus Korrelationen Ursache-Wirkungs-Relationen
finden, aber NICHT IMMER.
20
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Korrelationen
• Problem: Welche Faktoren sind wesentlich? (z.B. beim Bienensterben)
Plus:
21
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Kausalitäten ???
Nicht alle Bedingtheiten sind Kausaltäten:
„Wenn ein Dreieck gleichwinklig ist, ist es auch gleichseitig.“
Ursache und Wirkung sind „in Wahrheit“ dasselbe:
„der Regen, die Ursache , und die Nässe, die Wirkung, sind ein und
dasselbe existierende Wasser“ (HW 8: 288)
22
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Kausalitäten ???
2. Newtonsches Gesetz: Kraft = Masse x Beschleunigung
?: Heißt das: „Kraft bewirkt Beschleunigung einer Masse“?
Nein! :
1. Newtonsche Theorie geht nicht davon aus, dass eine Masse von einer
Kraft angestoßen würde (das macht der Impuls: Masse mal
Geschwindigkeit)
2. Beispiel Gravitationskraft: Nicht die Gravitationskraft bewirkt
Anziehung, sondern: sie entsteht/besteht im Gegeneinander der
Körper mit Masse.
23
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Erklärungen
Deduktiv-nomologisches Modell (Hempel-Oppenheim):
Das Erklärende
(Explanans)
1. Gesetz, Regel
(allgemein,
notwendig)
2. Bedingung/
Ereignis
1. Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r
mit einem Gewicht von mindestens K
belastet wird, reißt er.
2. Dies ist ein Faden der Stärke r.
Das zu Erklärende
(Explanandum)
 Der Faden reißt.
 Wissenschaft ermittelt Gesetze (das allgemein-Notwendige)
 Erklärung schon eingetretener Ereignisse & Prognose möglicher Ereignisse.
 Das geht in abgeschwächter Form auch für Gesellschaft mit „Nahelegung“ und mit
„Muster“ statt Gesetz. 24
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
Erklärungen
Deduktiv-nomologisches Modell (Hempel-Oppenheim):
Das Erklärende
(Explanans)
1. Gesetz, Regel
(allgemein,
notwendig)
2. Bedingung/
Ereignis
1. Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r
mit einem Gewicht von mindestens K
belastet wird, reißt er.
2. Dies ist ein Faden der Stärke r.
 1. muss wahrer Zusammenhang sein.
 2. muss als Tatsache vorliegen.
25
z.B. Wahrheit in Physik
Gesetze (das allgemein-Notwendige)
Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r
mit einem Gewicht von mindestens K
belastet wird, reißt er.
1. Physikalische Objekte „verhalten“ sich (Bewegung entsprechend ihrer Qualität)
• wirken gravitiv,
• wirken elektrisch, magnetisch, ...
2. Um dieses Verhalten vergleichbar zu machen, müssen wir Identisches finden
(das Gravitative, das Elektrische, das Magnetische...) und
es als (messbare) Grundgröße darstellen (das Verhalten substantivieren: Masse,
elektrische Ladung...)
3. Im Gesetz (z.B. als Formel dargestellt) werden die Grundgrößen entsprechend
des Verhaltens der wirklichen Objekte miteinander in (allgemein-notwendigen)
Zusammenhang gebracht.
F=ma
26
z.B. Wahrheit in Physik
4. Grundgrößen und Messvorschriften gehören zur gesamten Theorie
(Quantenphysik, klassische Theorie, Gravitationstheorie...)
5. Wahrheit für Aussagen:
a) Nicht direkt, unmittelbar, weil in Experimenten „ideale“ Situationen
hergestellt werden (Grundgrößen in „reiner Form“ aufeinander einwirken
sollen)
b) Korrespondenz mit Wirklichkeit aber durch messendes Vergleichen
feststellbar.
27
z.B. Wahrheit in Klimaforschung
Digitalisierte Modellierung und Simulierung ermöglicht „ experimentelle
Manipulation [...] in rein symbolischer Form“
1. Modellierung (wesentliche Eigenschaften und Beziehungen)
7. Analyse und Interpretation der Ergebnisse
2. Numerische Algorithmen zur Aufgabenlösung
3. Diskretisierung
4. Programmieren des numerischen Algorithmus
5. Initialisierung, Parametrisierung
6. Berechnung
28
z.B. Wahrheit in Klimaforschung
 Bedarf an neuartigen Evaluationskriterien.
Neue Unsicherheitsquellen
• „Eine diskrete und an Maschinen delegierbare Mathematik geht jedoch mit
dem basalen Konzept der Neuzeit – dem Prinzip der Stetigkeit […] – anders
um, als die analytische Methode. Denn grundsätzlich stellt die numerische
Simulation eine Approximation dar. Es lässt sich nicht immer beweisen, dass
die numerische Simulation einer Gleichung sich der exakten, aber
unbekannten Lösung stetig annähert oder ob überhaupt eine Lösung
existiert.“ (Gramelsberger 2010: 81)
• Ungenauigkeit der Eingabedaten (ebd.: 82)
• Nichteindeutigkeit der Diskretisierung als Verfahren (ebd.)
• Rundungsfehler (Computer verwenden endliche Zahlen, deren Genauigkeit
begrenzt ist)
29
z.B. Wahrheit in Klimaforschung
 Bedarf neuartiger Evaluationskriterien.
4. Konvergenztests
• jeder Simulationslauf wird „mit einem Testlauf in höherer Auflösung auf
seine Stabilität hin geprüft“ (ebd.: 246)
• Fehler abhängig von Gittergröße, Berechnen mit unterschiedlichen Gittern
und Auflösungen – relative Fehler zwischen diesen Berechnungen +
möglichst Konvergenz aller Auflösungen auf dieselbe Lösung (Fn 15, S. 212)
1. informatisches Korrektiv: in-silico-Experiment darf nicht abstürzen
2. epistemisches Korrektiv: Einsichten, die den Erfahrungen widersprechen
3. Klassisches Überprüfungskriterium im Sinne Poppers, „falls sich aus der
Simulation eine Prognose ableiten lässt, die dann anhand von Messdaten
bestätigt oder widerlegt werden kann“ (273), nur für Einzelaussagen
möglich
30
z.B. Wahrheit in Kapitalismusanalyse
31
http://www.thur.de/philo/kp/prot7.htm
Nochmal:
Was sind Aufgabe und Ziel
der Wissenschaft?
32
Was ist das Ziel der Wissenschaft?
 Aufzeigen der Veränderbarkeit der Welt.
 Welche Gesetzmäßigkeiten gibt es im Gegenstandsbereich?
 Ereigniszusammenhang durch Gesetze erfasst:
 1. Was ist unter diesen Bedingungen, für die das Gesetz gilt,
möglich? (Welche Ereignisse können zu welchen führen?)
 2. Um die Wirksamkeit von Gesetzen aufzuheben, müssen deren
Existenzbedingungen verändert werden.
33
Erkenntnisfortschritt
http://www.thur.de/philo/project/chemnitz/chemnitz.htm 34
Volker Braun (DDR): Es genügt nicht die einfache Wahrheit!
Erkenntnisfortschritt
35
Erkenntnisfortschritt
36
 Handlungshorizonte

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  • 1. Was ist Wahrheit in Wahrheit? Annette Schlemm 2021 - für eine Arbeitsgruppe des Commons-Instituts – https://tinyurl.com/Schlemm
  • 2. 2
  • 3. Wahrheitsphilosophien • lat: veritas, mit Bedeutung: geglaubt, angenommen • idg.: weros, mit Bedeutung: vertrauenswert • altnord.: Var: Göttin der Treueschwüre und Verträge • mhd. (be)waeren: bekräftigen, beweisen Auch: Wahrheit = Tätigkeit des Erschließens • Es ist die Wahrheit der Blume, aus ihrem Samen sich zu offenbaren. • = Verwirklichung des Wesens • Ein „wahrer“ Mensch Seit Aristoteles: Wahr kann nur eine Aussage sein: 3
  • 4. Wahrheitsphilosophien 1. Korrespondenztheorie Der Inhalt einer Aussage (Proposition) ist wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt: (Aristoteles, Bertrand Russell, Karl R. Popper) • „Der Schnee ist weiß“ ist wahr, wenn der Schnee weiß ist. • Setzt erkenntnistheoretischen Realismus voraus. • Tarski: Beziehung zwischen einer metasprachlichen Aussage („p“) und einer objektsprachlichen Aussage (p): Die Aussage „p“ ist wahr, wenn p. • Was ist mit: „Diese Aussage ist nicht wahr.“ ??? 4
  • 5. Wahrheitsphilosophien 1. Korrespondenztheorie Karl R. Popper??? • Wahrheit wird als Korrespondenz mit der Wirklichkeit definiert, • Aber es wird verneint, dass ein allgemeines Wahrheitskriterium aufgestellt werden kann. 5
  • 6. Wahrheitsphilosophien 1. Korrespondenztheorie Was ist „Übereinstimmung“ in der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit? • Abbildung, Abspiegelung • Strukturgleichheit: Es besteht eine umkehrbar eindeutige Zuordnung zwischen Aussage und Wirklichkeit (Russell, früher Wittgenstein) • Struktur z.B. „X liebt Y“ • Semantisch: In Metasprache über Wahrheit der Objektsprache reden. (Tarski) 6
  • 7. Wahrheitsphilosophien 2. Kohärenztheorie Eine (objektsprachliche) Proposition ist dann wahr, wenn sie mit anderen objektsprachlichen Propositionen kohäriert, d.h. widerspruchsfrei zusammenhängt. • „Die Sonne dreht sich um die Erde“ ist innerhalb des Ptolemäischen Systems wahr. • Kohärenzprinzip kann nicht entscheiden, ob das System wahr ist. 7
  • 8. Wahrheitsphilosophien 3. Evidenztheorie Propositionen über Erfahrungsdaten können evident sein, wenn die Erfahrungsdaten evident sind. • „Das Ganze ist größer als die Teile“ Aber: Bei einer Streckeneinteilung enthalten das Teil und das Ganze unendlich viele Punkte! • „evident“: was „in die Augen springt“, klar, einleuchtend... • amerik. Unabhängigkeitserklärung von 1776: „Wir halten diese Wahrheiten für von selbst evident, daß alle Menschen gleich geschaffen sind...“ 8
  • 9. Wahrheitsphilosophien 4. Pragmatische Theorie • Wahre Gedanken erweisen ihre Wahrheit anhand ihrer Nützlichkeit, d.h. der erwiesenen Lösung von Problemen. (William James, John Dewey, Ch. S. Peirce) • „Die Auskunft ist wahr, wenn wir mit ihrer Hilfe das Hotel finden.“ • Wahrheit besteht im Prozess des Wahrmachens (Ferber 1995: 85) • Vgl. Goethe: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“ • Experimentelle Praxis in Wissenschaften 9
  • 10. Wahrheitsphilosophien 5. Konsenstheorie Eine objektsprachliche Proposition ist dann wahr, wenn sie in einem Diskurs die Zustimmung aller findet. (stoische Philosophie, Jürgen Habermas, (Ch. S. Pierce)) • Eine Aussage kann auch dann wahr sein, wenn nur ein Einziger sie vertritt. • Pierce: die in der Zukunft liegende endgültige oder finale Übereinstimmung aller Forscher (wenn sie unablässig die wissenschaftliche Methode befolgen) 10
  • 11. Wahrheitsphilosophien 6. Redundanztheorie Begriffe wie „wahr“ und „falsch“ sind überflüssig. • „Es ist wahr/falsch, dass die Sonne scheint“ kann ersetzt werden durch: „Die Sonne scheint/nicht.“ • Tarski: Wahrheitsbegriff ist nicht redundant, wenn (metasprachlich) über Sätze der Objektsprache gesprochen wird. • „Alles, was der Parteivorsitzende sagt, ist wahr.“ 11
  • 12. Wahrheitsphilosophien Wahrheit entsprechend der Korrespondenz- theorie Bedingungen der Wahrheit • Kohärenz und/oder • Evidenz und/oder • Konsens und/oder • Nützlichkeit verweisen auf Frage nach Kriterien als erkenntnistheoretische Frage Frage nach Definition als semantische Frage 12
  • 13. Wahrheitsphilosophien Marxismus-Leninismus • Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis • Unterschiedlicher Objektivitätsbegriff: • Wirklichkeit ist objektiv (auch unabhängig von der Existenz des Menschen) und • Wahrheit ist objektiv (aber abhängig von Erkenntnis durch Menschen): weder vom Willen eines einzelnen Menschen, noch von dem der Menschheit, sondern von der objektiven Beschaffenheit der jeweiligen Sachlage (Wessel 1996: 941) 13
  • 14. Wahrheitsphilosophien Marxismus-Leninismus • Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis 14 „Es gibt keine objektive Wahrheit. Alles, was wir sagen, sagen wir als subjektiver Beobachter.“ (3Sat über „Konstruktivismus“)
  • 15. Wahrheitsphilosophien Marxismus-Leninismus • Korrespondenztheorie mit Kriterium gesellschaftliche Praxis Lenin: • Es gibt einen Inhalt der Wahrheit, der vom Subjekt unabhängig ist UND • Dieser Inhalt ist nie auf einmal, vollständig, unbedingt und absolut gegeben, sondern nur annähernd, relativ. • Wichtig: Geltungsbereich; sonst geschieht Umschlag ins Gegenteil (MEW 20: 84ff.) d.h. auch abhängig von gesellschaftlichem Entwicklungsstand. • Wichtig: Abhängigkeit von Bedingungen (die Wahrheit ist „konkret“) 15
  • 16. Frage: Was sind Aufgabe und Ziel der Wissenschaft? 16 Bild aus: https://www.3sat.de/wissen/scobel/warum-gibt-es-keine-objektive-wahrheit-100.html
  • 17. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Fakten: • „Die Erde ist rund“ ??? 17
  • 18. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Fakten: • Die durchschnittliche globale Temperatur stieg in den letzten ... Jahren 18
  • 19. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Fakten: • Die durchschnittliche globale Temperatur stieg in den letzten ... Jahren 19
  • 20. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Fakten: • ... Korrelationen • Problem: Welche Faktoren sind wesentlich? (z.B. beim Bienensterben)  Häufig kann man aus Korrelationen Ursache-Wirkungs-Relationen finden, aber NICHT IMMER. 20
  • 21. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Korrelationen • Problem: Welche Faktoren sind wesentlich? (z.B. beim Bienensterben) Plus: 21
  • 22. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Kausalitäten ??? Nicht alle Bedingtheiten sind Kausaltäten: „Wenn ein Dreieck gleichwinklig ist, ist es auch gleichseitig.“ Ursache und Wirkung sind „in Wahrheit“ dasselbe: „der Regen, die Ursache , und die Nässe, die Wirkung, sind ein und dasselbe existierende Wasser“ (HW 8: 288) 22
  • 23. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Kausalitäten ??? 2. Newtonsches Gesetz: Kraft = Masse x Beschleunigung ?: Heißt das: „Kraft bewirkt Beschleunigung einer Masse“? Nein! : 1. Newtonsche Theorie geht nicht davon aus, dass eine Masse von einer Kraft angestoßen würde (das macht der Impuls: Masse mal Geschwindigkeit) 2. Beispiel Gravitationskraft: Nicht die Gravitationskraft bewirkt Anziehung, sondern: sie entsteht/besteht im Gegeneinander der Körper mit Masse. 23
  • 24. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Erklärungen Deduktiv-nomologisches Modell (Hempel-Oppenheim): Das Erklärende (Explanans) 1. Gesetz, Regel (allgemein, notwendig) 2. Bedingung/ Ereignis 1. Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r mit einem Gewicht von mindestens K belastet wird, reißt er. 2. Dies ist ein Faden der Stärke r. Das zu Erklärende (Explanandum)  Der Faden reißt.  Wissenschaft ermittelt Gesetze (das allgemein-Notwendige)  Erklärung schon eingetretener Ereignisse & Prognose möglicher Ereignisse.  Das geht in abgeschwächter Form auch für Gesellschaft mit „Nahelegung“ und mit „Muster“ statt Gesetz. 24
  • 25. Was ist das Ziel der Wissenschaft? Erklärungen Deduktiv-nomologisches Modell (Hempel-Oppenheim): Das Erklärende (Explanans) 1. Gesetz, Regel (allgemein, notwendig) 2. Bedingung/ Ereignis 1. Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r mit einem Gewicht von mindestens K belastet wird, reißt er. 2. Dies ist ein Faden der Stärke r.  1. muss wahrer Zusammenhang sein.  2. muss als Tatsache vorliegen. 25
  • 26. z.B. Wahrheit in Physik Gesetze (das allgemein-Notwendige) Jedes Mal, wenn ein Faden der Stärke r mit einem Gewicht von mindestens K belastet wird, reißt er. 1. Physikalische Objekte „verhalten“ sich (Bewegung entsprechend ihrer Qualität) • wirken gravitiv, • wirken elektrisch, magnetisch, ... 2. Um dieses Verhalten vergleichbar zu machen, müssen wir Identisches finden (das Gravitative, das Elektrische, das Magnetische...) und es als (messbare) Grundgröße darstellen (das Verhalten substantivieren: Masse, elektrische Ladung...) 3. Im Gesetz (z.B. als Formel dargestellt) werden die Grundgrößen entsprechend des Verhaltens der wirklichen Objekte miteinander in (allgemein-notwendigen) Zusammenhang gebracht. F=ma 26
  • 27. z.B. Wahrheit in Physik 4. Grundgrößen und Messvorschriften gehören zur gesamten Theorie (Quantenphysik, klassische Theorie, Gravitationstheorie...) 5. Wahrheit für Aussagen: a) Nicht direkt, unmittelbar, weil in Experimenten „ideale“ Situationen hergestellt werden (Grundgrößen in „reiner Form“ aufeinander einwirken sollen) b) Korrespondenz mit Wirklichkeit aber durch messendes Vergleichen feststellbar. 27
  • 28. z.B. Wahrheit in Klimaforschung Digitalisierte Modellierung und Simulierung ermöglicht „ experimentelle Manipulation [...] in rein symbolischer Form“ 1. Modellierung (wesentliche Eigenschaften und Beziehungen) 7. Analyse und Interpretation der Ergebnisse 2. Numerische Algorithmen zur Aufgabenlösung 3. Diskretisierung 4. Programmieren des numerischen Algorithmus 5. Initialisierung, Parametrisierung 6. Berechnung 28
  • 29. z.B. Wahrheit in Klimaforschung  Bedarf an neuartigen Evaluationskriterien. Neue Unsicherheitsquellen • „Eine diskrete und an Maschinen delegierbare Mathematik geht jedoch mit dem basalen Konzept der Neuzeit – dem Prinzip der Stetigkeit […] – anders um, als die analytische Methode. Denn grundsätzlich stellt die numerische Simulation eine Approximation dar. Es lässt sich nicht immer beweisen, dass die numerische Simulation einer Gleichung sich der exakten, aber unbekannten Lösung stetig annähert oder ob überhaupt eine Lösung existiert.“ (Gramelsberger 2010: 81) • Ungenauigkeit der Eingabedaten (ebd.: 82) • Nichteindeutigkeit der Diskretisierung als Verfahren (ebd.) • Rundungsfehler (Computer verwenden endliche Zahlen, deren Genauigkeit begrenzt ist) 29
  • 30. z.B. Wahrheit in Klimaforschung  Bedarf neuartiger Evaluationskriterien. 4. Konvergenztests • jeder Simulationslauf wird „mit einem Testlauf in höherer Auflösung auf seine Stabilität hin geprüft“ (ebd.: 246) • Fehler abhängig von Gittergröße, Berechnen mit unterschiedlichen Gittern und Auflösungen – relative Fehler zwischen diesen Berechnungen + möglichst Konvergenz aller Auflösungen auf dieselbe Lösung (Fn 15, S. 212) 1. informatisches Korrektiv: in-silico-Experiment darf nicht abstürzen 2. epistemisches Korrektiv: Einsichten, die den Erfahrungen widersprechen 3. Klassisches Überprüfungskriterium im Sinne Poppers, „falls sich aus der Simulation eine Prognose ableiten lässt, die dann anhand von Messdaten bestätigt oder widerlegt werden kann“ (273), nur für Einzelaussagen möglich 30
  • 31. z.B. Wahrheit in Kapitalismusanalyse 31 http://www.thur.de/philo/kp/prot7.htm
  • 32. Nochmal: Was sind Aufgabe und Ziel der Wissenschaft? 32
  • 33. Was ist das Ziel der Wissenschaft?  Aufzeigen der Veränderbarkeit der Welt.  Welche Gesetzmäßigkeiten gibt es im Gegenstandsbereich?  Ereigniszusammenhang durch Gesetze erfasst:  1. Was ist unter diesen Bedingungen, für die das Gesetz gilt, möglich? (Welche Ereignisse können zu welchen führen?)  2. Um die Wirksamkeit von Gesetzen aufzuheben, müssen deren Existenzbedingungen verändert werden. 33