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Öffentlich verlesener Briefwechsel zwischen Musaab Haboush und Anna Petra
Riggert
am 21.Mai 2016 bei einer Demonstration in Wandlitz („Wandlitz bekennt Farbe
gegen rechts“) gegen eine Protestkundgebung der NPD („Asylmissbrauch
stoppen...“)
"Lieber Musaab,
„hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.“
So hat es angeblich ein großer Mann in unserer deutschen Geschichte, Martin
Luther, gesagt und mit fester Überzeugung die Welt verändert.
Ich konnte auch nicht anders, als ich gefragt wurde, ob ich im Gymnasium
Wandlitz Deutsch für dich und deine syrischen Freunde unterrichte. Ich habe
„Ja“ gesagt, anfangs ohne Euphorie, eher pragmatisch gedacht: Wer soll denn
euch alle unterrichten?! Und schließlich ist die Sprache der Schlüssel zur Welt.
Wir gingen gemeinsam zum Optiker, zur Bibliothek, ins Museum, zum Arzt,
haben ein Projekt in der Schule zusammen gemacht.
Du hast mich und meine Familie bei uns daheim besucht. Wir haben mit dir
zusammen Weihnachten gefeiert und es danach nicht mehr geschafft, dich ins
Heim zurückzubringen.
Wir standen da und konnten nicht anders, als dich einzuladen, mit uns
zusammenzuleben.
Ich bin mit meinem Arbeitszimmer ins Gästezimmer gezogen, du bist in mein
Arbeitszimmer gezogen.
Wir sitzen abends zusammen und reden. Über unsere Familien, über Politik,
über Traditionen in Syrien und in Deutschland, über Gott und die Welt.
Wir spielen gemeinsam Deutschlandreise.
Wir machen zusammen Musik.
Wir hören uns zu, wir schweigen miteinander.
Wir lesen zusammen im Koran und in der Bibel.
Alles Fremde schleicht sich von dannen, Vertrautheit zieht ein.
Wenn ich vor deiner Flucht von dir gewusst hätte, hätte ich dich nach
Deutschland eingeladen und dir eine Fahrkarte zugeschickt, denn dass du im
Gefängnis warst und mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland
flüchten musstest, ist mir im Nachhinein unerträglich.
Was, wenn ich dich verloren hätte, ohne dich jemals gekannt zu haben?!
Ich denke schon längst nicht mehr pragmatisch.
Ich genieße unser Zusammenleben. Ich kenne deine Geschichte und weiß von
dem, was dich aus deinem Land vertrieben hat. Du strahlst und lachst, dein
Humor scheint unvergänglich. Ich wundere mich. Du bist ein hochbegabter
Mensch in Bezug auf das Glücklichsein. Du hast Sonne aus
Syrien mitgebracht. Und mag der Winter noch so lang gewesen sein, in meinem
Haus hat die Sonne geschienen und es war warm.
Du fühlst dich in Deutschland sicher, hast du mir gesagt. Ich hoffe, dass dir die
rassistischen Anfeindungen einiger nicht so warmherziger Mitbürger keine
Angst machen.
Du bist unfreundlichen, ungeduldigen Leuten begegnet. Manchmal zweifelst du
an dir selbst. Du fühlst dich verloren.
Sieh dir an, was du schon alles geschafft hast. Du bist sehr stark.
Ich glaube fest an unser friedliches Zusammenleben, an die Liebe, die uns
zusammengeführt hat und uns trägt. Ich stehe hier und ich kann nicht anders.
Sag mir Bescheid, wenn du dich alleine fühlst und wenn Du traurig bist über den
Verlust Deiner Heimat, Deiner Freunde und Familie, wenn Dir die Bilder der
Vergangenheit und das Fremde hier Angst machen. Ich werde für dich da sein.
Ich bin Deutsche. Ich hatte im Gegensatz zu dir das Glück, in einem friedlichen
Land aufzuwachsen. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Genauso wenig wie du
dir den Krieg in deinem Land ausgesucht hast. Und dieses Glück möchte ich
gerne mit dir teilen: ich kann nicht anders.
Liebe Petra,
du hast diesen Brief angefangen und auch beendet mit den Worten: „Ich kann
nicht anders.“
Ich verstehe diesen Satz sehr gut.
Wie du weißt, bin ich in Syrien geboren, habe eine kurze Zeit dort gelebt und
bin dann in den Emiraten aufgewachsen. Und ich kam zurück in meine Heimat,
nach Syrien, vor dem Krieg.
Ich begann mein Studium und fast zur gleichen Zeit begann der Krieg. Ich lebte
5 Jahre in Latakien ohne meine Familie. Der Krieg trennte uns alle, Familien
und Freunde. Meine Familie ist über die ganze Welt verteilt.
Und es war nicht meine freie Entscheidung, mein Land zu verlassen. Mein
Leben war in Gefahr.
Ich will nicht töten. Und ich will auch nicht getötet werden.
Ich fühlte mich hilflos. Ich habe viele Tränen gesehen, die ich nicht trocknen
konnte.
Der Krieg wurde zum Bürgerkrieg, aus Freunden wurden Feinde.
Die Situation geriet außer Kontrolle.
Ich habe mein Land verlassen, ich bin geflüchtet.
Ich habe mich auf die Suche nach einem sicheren Leben gemacht.
Ich ging in die Türkei, weil mir alle anderen Wege verschlossen waren. Und ich
bin über das Meer gefahren, weil es der einzige Weg war.
Meine Ziele waren, in Sicherheit zu leben ohne Gewalt und mein Studium zu
beenden.
Ich kam zu dir und ich weiß nicht, wie.
Es ist, als ob Allah mich zu dir geschickt hat.
Mein Herz wurde ruhig in deinem Haus zwischen deiner Familie. Ich konnte mir
vorher nicht vorstellen, in einem sicheren Haus zu leben und dem Gesang der
Vögel zu lauschen, ohne dabei das Schießen der Gewehre zu hören. Eben nur
den Gesang der Vögel zu hören. Nur die Passagierflugzeuge am Himmel zu
sehen, keine Kriegsmaschinen. Rehe, Schwäne und Enten zu sehen und nicht die
Armee mit ihren Waffen.
Alles Schöne hat hier angefangen.
Deine Familie hat mich willkommen geheißen als Flüchtling, als
Austauschschüler und schließlich als Teil der Familie. Wir teilen alles
miteinander.
Bei euch habe ich das Fremde in der Fremde vergessen.
Wir teilen die Mahlzeiten, die Traditionen.
Ihr steht mir bei. Bei allem: wenn ich Angst habe, wenn es Probleme gibt, wenn
ich mich verloren und einsam fühle.
Ich liebe euch und ihr liebt mich.
Wir haben neue Namen füreinander gefunden.
Wir teilen Geschenke und Lieder.
Ich lebe hier zwischen euch.
Ich gehöre zu euch und ihr gehört zu mir

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  • 1. Öffentlich verlesener Briefwechsel zwischen Musaab Haboush und Anna Petra Riggert am 21.Mai 2016 bei einer Demonstration in Wandlitz („Wandlitz bekennt Farbe gegen rechts“) gegen eine Protestkundgebung der NPD („Asylmissbrauch stoppen...“) "Lieber Musaab, „hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.“ So hat es angeblich ein großer Mann in unserer deutschen Geschichte, Martin Luther, gesagt und mit fester Überzeugung die Welt verändert. Ich konnte auch nicht anders, als ich gefragt wurde, ob ich im Gymnasium Wandlitz Deutsch für dich und deine syrischen Freunde unterrichte. Ich habe „Ja“ gesagt, anfangs ohne Euphorie, eher pragmatisch gedacht: Wer soll denn euch alle unterrichten?! Und schließlich ist die Sprache der Schlüssel zur Welt. Wir gingen gemeinsam zum Optiker, zur Bibliothek, ins Museum, zum Arzt, haben ein Projekt in der Schule zusammen gemacht. Du hast mich und meine Familie bei uns daheim besucht. Wir haben mit dir zusammen Weihnachten gefeiert und es danach nicht mehr geschafft, dich ins Heim zurückzubringen. Wir standen da und konnten nicht anders, als dich einzuladen, mit uns zusammenzuleben. Ich bin mit meinem Arbeitszimmer ins Gästezimmer gezogen, du bist in mein Arbeitszimmer gezogen. Wir sitzen abends zusammen und reden. Über unsere Familien, über Politik, über Traditionen in Syrien und in Deutschland, über Gott und die Welt. Wir spielen gemeinsam Deutschlandreise. Wir machen zusammen Musik. Wir hören uns zu, wir schweigen miteinander. Wir lesen zusammen im Koran und in der Bibel. Alles Fremde schleicht sich von dannen, Vertrautheit zieht ein. Wenn ich vor deiner Flucht von dir gewusst hätte, hätte ich dich nach Deutschland eingeladen und dir eine Fahrkarte zugeschickt, denn dass du im Gefängnis warst und mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland flüchten musstest, ist mir im Nachhinein unerträglich. Was, wenn ich dich verloren hätte, ohne dich jemals gekannt zu haben?! Ich denke schon längst nicht mehr pragmatisch. Ich genieße unser Zusammenleben. Ich kenne deine Geschichte und weiß von dem, was dich aus deinem Land vertrieben hat. Du strahlst und lachst, dein Humor scheint unvergänglich. Ich wundere mich. Du bist ein hochbegabter Mensch in Bezug auf das Glücklichsein. Du hast Sonne aus Syrien mitgebracht. Und mag der Winter noch so lang gewesen sein, in meinem Haus hat die Sonne geschienen und es war warm. Du fühlst dich in Deutschland sicher, hast du mir gesagt. Ich hoffe, dass dir die rassistischen Anfeindungen einiger nicht so warmherziger Mitbürger keine Angst machen.
  • 2. Du bist unfreundlichen, ungeduldigen Leuten begegnet. Manchmal zweifelst du an dir selbst. Du fühlst dich verloren. Sieh dir an, was du schon alles geschafft hast. Du bist sehr stark. Ich glaube fest an unser friedliches Zusammenleben, an die Liebe, die uns zusammengeführt hat und uns trägt. Ich stehe hier und ich kann nicht anders. Sag mir Bescheid, wenn du dich alleine fühlst und wenn Du traurig bist über den Verlust Deiner Heimat, Deiner Freunde und Familie, wenn Dir die Bilder der Vergangenheit und das Fremde hier Angst machen. Ich werde für dich da sein. Ich bin Deutsche. Ich hatte im Gegensatz zu dir das Glück, in einem friedlichen Land aufzuwachsen. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Genauso wenig wie du dir den Krieg in deinem Land ausgesucht hast. Und dieses Glück möchte ich gerne mit dir teilen: ich kann nicht anders. Liebe Petra, du hast diesen Brief angefangen und auch beendet mit den Worten: „Ich kann nicht anders.“ Ich verstehe diesen Satz sehr gut. Wie du weißt, bin ich in Syrien geboren, habe eine kurze Zeit dort gelebt und bin dann in den Emiraten aufgewachsen. Und ich kam zurück in meine Heimat, nach Syrien, vor dem Krieg. Ich begann mein Studium und fast zur gleichen Zeit begann der Krieg. Ich lebte 5 Jahre in Latakien ohne meine Familie. Der Krieg trennte uns alle, Familien und Freunde. Meine Familie ist über die ganze Welt verteilt. Und es war nicht meine freie Entscheidung, mein Land zu verlassen. Mein Leben war in Gefahr. Ich will nicht töten. Und ich will auch nicht getötet werden. Ich fühlte mich hilflos. Ich habe viele Tränen gesehen, die ich nicht trocknen konnte. Der Krieg wurde zum Bürgerkrieg, aus Freunden wurden Feinde. Die Situation geriet außer Kontrolle. Ich habe mein Land verlassen, ich bin geflüchtet. Ich habe mich auf die Suche nach einem sicheren Leben gemacht. Ich ging in die Türkei, weil mir alle anderen Wege verschlossen waren. Und ich bin über das Meer gefahren, weil es der einzige Weg war. Meine Ziele waren, in Sicherheit zu leben ohne Gewalt und mein Studium zu beenden. Ich kam zu dir und ich weiß nicht, wie. Es ist, als ob Allah mich zu dir geschickt hat. Mein Herz wurde ruhig in deinem Haus zwischen deiner Familie. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, in einem sicheren Haus zu leben und dem Gesang der Vögel zu lauschen, ohne dabei das Schießen der Gewehre zu hören. Eben nur den Gesang der Vögel zu hören. Nur die Passagierflugzeuge am Himmel zu sehen, keine Kriegsmaschinen. Rehe, Schwäne und Enten zu sehen und nicht die Armee mit ihren Waffen. Alles Schöne hat hier angefangen.
  • 3. Deine Familie hat mich willkommen geheißen als Flüchtling, als Austauschschüler und schließlich als Teil der Familie. Wir teilen alles miteinander. Bei euch habe ich das Fremde in der Fremde vergessen. Wir teilen die Mahlzeiten, die Traditionen. Ihr steht mir bei. Bei allem: wenn ich Angst habe, wenn es Probleme gibt, wenn ich mich verloren und einsam fühle. Ich liebe euch und ihr liebt mich. Wir haben neue Namen füreinander gefunden. Wir teilen Geschenke und Lieder. Ich lebe hier zwischen euch. Ich gehöre zu euch und ihr gehört zu mir