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März 2010                                         Ausgabe #1-10    Deutschland Euro 12,00      ISSN: 1864-8398



                                                                                                                      4     260122      090006




Content-Management in der ZDFmediathek
Vom dokumenten- zum personenzentrierten Wissensmanagement
Google Wave – auf die erste Euphorie folgt Ernüchterung




      Enterprise Content
      in der Cloud
      Special: Social Media & Intranets




Storage-as-a-Service | Agile Erfassungs-Lösungen | Mobile Capture | Studie Crossmediale Redaktionssysteme |
„Online-Brief“ der Deutschen Post | Rechtssicher oder revisionssichere Archivierung? | DM-Projekte im Mittelstand |
Startschuss E-Mail-Archivierung | IT-Beratung in KMUs | Scrum für agiles Projektmanagement                            www.goodsourcepublishing.de
Betriebliche Praxis




Die ersten Eindrücke von Google Wave:
Auf die Euphorie folgt Ernüchterung

Collaboration, E-Mail, Wikis, Echtzeit-Kommunikation, Chat, Revisionskontrolle,
Social Software, Informationssicherheit




                                               Google Wave, dessen Ankündigung für Wirbel gesorgt hat, ist
                                               mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht und als geradezu revo-
                                               lutionäres Kommunikations- und Kollaborations-Werkzeug be-
                                               zeichnet worden. Das sei der nächste Level Collaboration, hieß
                                               es in vielen Wortmeldungen. Google Wave (das auf HTML 5 ba-
                                               siert und also komplett im Browser arbeitet) ist mit dem Google
                                               Web Toolkit (GWT) programmiert. Die Software wartet in der Tat
                                               mit einem ambitionierten Konzept auf und will die Online-Kom-
                                               munikation und -Zusammenarbeit gehörig verändern: Googles
                                               Ziel ist kein geringeres, als die in den Unternehmen etablierten
                                               Kommunikations- und Kollaborations-Tools – E-Mail, Instant
                                               Messaging, Micro Blog, Wiki – in einem einzigen System zu ver-
                                               einen. Vor wenigen Monaten hat die Plattform das Beta-Stadium
                                               erreicht, 100.000 Einladungen wurden verschickt. Zeit und Ge-
                                               legenheit, Google Wave unter Unternehmensbedingungen zu
                                               evaluieren.



                                               Vorteile sind eine intuitive Oberfläche und wirkliche
                                               Echtzeit-Kollaboration

                                               Auf den ersten Blick bietet Google Wave einige signifikante Vor-
                                               teile. Gerade mit der Oberfläche geht man neue Wege, dennoch
   www.seibert-media.net                       ist das Interface nicht unvertraut, da es dem Posteingang eines
                                               E-Mail-Accounts ähnelt. Hervorzuheben ist die Zeitleiste, auf
   Martin Seibert ist Geschäftsfüh-            der man verfolgen kann, wie eine Welle entstanden ist und wie
   rer der Seibert Media GmbH aus              sie sich seit dem letzten Besuch entwickelt hat. Eine derartige
   Wiesbaden. Das 1996 gegründete              Funktion können heute noch nicht einmal Wikis vorweisen, und
   Unternehmen ist Full-Service-               dieses Feature wird, nicht zuletzt aufgrund seiner intuitiven Ver-
   Dienstleister mit Schwerpunkt auf           ständlichkeit, gewiss Nachahmer finden. Eine solche Oberfläche
   Unternehmenskommunikation,                  ist eine gute Voraussetzung für eine Einführung im Unternehmen
   Websites, Online-Marketing und              und motiviert Mitarbeiter, sich an einer Wave zu beteiligen.
   Websoftware. //SEIBERT/MEDIA                Das zweite wesentliche Merkmal ist die Zusammenarbeit in Echt-
   beschäftigt rund 70 Mitarbeiter.            zeit, eine in der Tat ganz neue Erfahrung, Kollegen und Kontakten
                                               dabei zuzusehen, wie sie Inhalte eingeben und verändern. Keine


6 |
andere Anwendung (von einigen Chat Tools abgesehen) bietet          Unzureichende Wiki-Funktionen
derzeit eine solche Funktion über eine Web-Oberfläche an. Hier-
bei handelt es sich um eine mächtige Innovation in Sachen Echt-     Kollaborative Systeme leben unter anderem davon, dass Ände-
zeitkommunikation und -zusammenarbeit; Google Wave tritt            rungen reproduzierbar sind und jederzeit unkompliziert rück-
damit in direkte Konkurrenz zu E-Mail und Chat und deckt diese      gängig gemacht werden können. Bislang gibt es in Google Wave
Anwendungsfälle ebenfalls ab. Gerade diesen Aspekt werden           kein professionelles Revisionssystem. Wenn Aktionen innerhalb
Technologie-affine Anwender sehr zu schätzen wissen.                einer Wave rückgängig gemacht werden sollen, müssen solche
                                                                    Änderungen manuell vorgenommen werden. Das spontane Lö-
                                                                    schen von Inhalten kann zu einem erheblichen Mehraufwand
Übermäßige Komplexität, Usability-Probleme und                      führen. Ohne Revisionskontrolle wird Google Wave die Colla-
potenziell unproduktiv                                              boration in einem Firmen-Wiki nicht ersetzen können. Es wäre
                                                                    außerdem hilfreich, Waves nativ (und nicht über embed) im
Soweit die Vorzüge. Doch Google Wave muss sich unter realis-        Firmen-Wiki verfügbar machen zu können. Bis dato gibt es eine
tischen Bedingungen im Unternehmensumfeld bewähren. Ein             solche Wiki-Exportfunktion nicht, ein echtes Integrationshinder-
Hauptproblem von Google Wave ist die übermäßige Komplexi-           nis. Auch gibt es keine Quellcodeansicht in Google Wave. Gerade
tät. Waves, an denen mehrere Anwender teilnehmen, werden in         erfahrene Wiki-Anwender wünschen sich einen solchen Modus,
einer Geschwindigkeit und Frequenz aktualisiert, der niemand        um die Aufbereitung und Struktur der Inhalte zu steuern.
folgen kann. Vor allem deshalb werden wenig versierte An-
wender Google Wave als zu komplex empfinden und Berüh-
rungsängste oder gar Ablehnung aufbauen. Dies dürfte Unter-         Eingeschränkter Teilnehmerkreis
nehmen, die Google Wave einführen möchten, vor eine große
Herausforderung stellen: Angesichts der Komplexität wird die        Heute und im Rahmen geschlossener Previews lässt sich Google
Notwendigkeit bestehen, Informationen zu filtern und zu sortie-     Wave nur eingeschränkt nutzen, da nur sehr wenige Anwender
ren, um sie tatsächlich nutzbar zu machen. Die Herausforderung      einen Zugang haben. Nicht einladen zu können, wen man will,
besteht vor allem darin, dass die Anwender lernen müssen, wie       reduziert den Nutzen der Anwendung dramatisch. Dies wird mit
das funktioniert. Ohne Filtermechanismen oder etablierte Vor-       dem großflächigen Roll-out obsolet werden, doch auch dann
gehensweisen zum Sortieren von Informationen – davon kann           werden Teilnehmer einen obligatorischen Google Account be-
man derzeit ausgehen – stellt Google Wave für die Anwender          nötigen, um an einer Wave zu partizipieren – ein großes Pro-
keinen Produktivitätsschub dar.                                     blem, wenn man mit Kunden und weniger Technologie-versier-
                                                                    ten Anwendern zusammenarbeiten möchte.
Bei der intensiven Zusammenarbeit über Google Wave stellen
sich weitere Schwachpunkte heraus. Momentan gibt es keine
Möglichkeit, Antworten dauerhaft zu verbergen. Dadurch wird         Performance-Probleme
der Haupttext einer Wave durch Bilder, Kästen, Farben und An-
merkungen von sämtlichen Teilnehmern massiv gestört. Dies           Für einen echten Chat ist Google Wave deutlich zu langsam, die
sorgt nicht nur für Verwirrung, sondern lenkt völlig vom Lesen      Übertragungsgeschwindigkeit schwankt zwischen gut und sehr
des eigentlichen Inhalts ab. Es gibt außerdem keine Informati-      schlecht, ohne dass ein Muster zu erkennen wäre. Derzeit gehen
onen über Updates der Waves, und dies ist einer der größten         viele Stimmen davon aus, das Jabber Clients oder Skype weiter-
Schwachpunkte der Software. Man erhält keine E-Mail, keine          hin die besseren Alternativen bleiben werden. Mit der Etablie-
RSS-Benachrichtigung, keinen Gtalk-Alarm, keine wie auch im-        rung von lokalen Installationen von Google Wave in Unterneh-
mer geartete Mitteilung über ein Drittsystem, wenn es neue Ak-      men dürfte sich das Performance-Problem höchstwahrscheinlich
tivitäten in einer Wave gibt. Wer sich über den Fortschritt einer   erübrigen, da dann der Großteil der Server-Kapazitäten natürlich
Wave informieren möchte, muss sie aufrufen – ein erheblicher        von Mitarbeitern, Kunden und Partnern genutzt werden kann.
Zeitaufwand, wenn viele Waves zu überwachen sind.                   Noch aber erfüllt Google Wave nicht die Anforderungen, die ein
Betriebliche Praxis




Unternehmen beispielsweise an Instant Messaging stellt. Google       wie mitunter in einer persönlichen Diskussion. Gerade dieser
Wave versucht, durch einen grünen Punkt neben dem Profil an-         Aspekt wird im Hinblick auf die Mitarbeiteraktivierung nicht zu
zuzeigen, wer online ist, was aber (noch?) nicht zuverlässig funk-   unterschätzen sein.
tioniert. In der Praxis sieht man in der Tat mitunter Anwender
Beiträge schreiben, deren Status laut Google Wave offline ist. In
Spitzenzeiten hat Google Wave zudem offensichtlich Probleme,         Technologische, organisatorische und kulturelle
die Nutzerlast zu stemmen, Abstürze sind keine Seltenheit. In die    Hürden bei der Etablierung im Unternehmen
Stabilität der Software wird das Google-Wave-Team noch einige
Arbeit investieren müssen, um sie für einen reibungslosen Ein-       Auch im Zusammenhang mit der Einführung und Etablierung
satz im Unternehmen geeignet zu machen.                              wird Google Wave Unternehmen vor einige Hürden stellen. Auf
                                                                     drei Ebenen sind Voraussetzungen zu schaffen und ist Proble-
                                                                     men vorzubeugen: auf technologischer, organisatorischer und
Gefahr für vertrauliche Informationen in Waves                       unternehmenskultureller Ebene. Technische Voraussetzungen
                                                                     sind eigene Server und ein Systemadministrator, um einen
Wer einmal an einer Wave teilnimmt, partizipiert für immer. Wer-     Google Wave Server aufzusetzen. Aller Voraussicht nach werden
den in der Diskussion vertrauliche Informationen thematisiert,       die Hardware-Anforderungen keine geringen sein, um eine gute
die eigentlich nicht für sämtliche Teilnehmer gedacht sind, steht    Performance (und damit tatsächliche Echtzeitkommunikation)
man vor einem Problem: Es gibt keine Möglichkeit, jemanden           sowie Stabilität sicherzustellen, eine gute Web-Verbindung auf
aus der Wave auszuschließen. Die einzige Lösungsmöglichkeit          Server- und auf Client-Seite ist für eine funktionierende Kom-
besteht darin, eine neue Wave aus der bestehenden heraus zu          munikation in Echtzeit unerlässlich. Darüber hinaus muss die
eröffnen. Wem dieser lästige Umweg nicht gangbar erscheint,          Unternehmens-Infrastruktur weitere Bedingungen erfüllen.
muss in Waves auf vertrauliche Inhalte verzichten. Ein ausge-        Beispielsweise ist Google Wave eine HTML5-Applikation. In Un-
reiftes Rechtekonzept fehlt bei Google Wave komplett.                ternehmen, die noch mit dem Internet Explorer 6 und abwärts
                                                                     arbeiten, was vor allem in vielen großen Unternehmen noch der
                                                                     Fall ist, wird das System nicht fehlerlos laufen. Alle Mitarbeiter
Live-Feedback-Stress                                                 plus die zu integrierenden Kunden benötigen aktuelle Browser.

Alle Teilnehmer einer Wave sehen in Echtzeit, was ein Mitarbei-      Diese technologischen Aspekte spielen indes zwar eine bedeu-
ter eintippt. Hier muss man wie in einem Gespräch von Ange-          tende, aber nicht die wichtigste Rolle. Von weitaus größerer Be-
sicht zu Angesicht auf Live-Feedback-Stress vorbereitet sein. Ein    deutung wird die organisatorische Komponente und in erster Li-
spezielles Problem in einer Wave ist nämlich, dass man bereits       nie die Zieldefinition sein: Jede Wave muss einen fest definierten
Antworten erhält, während man seine Nachricht noch formu-            Gegenstand haben, jeder Mitarbeiter muss Zweck und Inhalt der
liert. Jedes andere Kommunikationsmittel lässt dem Anwender          Wave verstehen. Ist das nicht der Fall, entstehen mit Sicherheit
dagegen Zeit, seine Mitteilung in Ruhe zu formulieren und zu         viele Nebengeräusche. Damit Google Wave im Unternehmen
verfassen. Mit Google Wave kann der gleiche Stress entstehen         sinnvoll genutzt werden kann, müssen vor allem Regeln einge-


8 |
halten werden. Und jeder Teilnehmer muss wissen, wozu Google       heiten – Google Wave befindet sich im Beta-Stadium und ist
Wave dient. Man wird nicht umhinkommen, einen ausführlichen        bisher nur als Preview-Version veröffentlicht. Andere Makel sind
Leitfaden zu erstellen und verbindliche Kommunikationsmuster       allerdings systemimmanent und zeigen Google Wave die Gren-
zu entwickeln: Im Unternehmen muss unterschieden werden,           zen auf. Doch trotz der offensichtlichen Probleme werden viele
welche Anwendungsfälle ein System jeweils am besten abbildet       Unternehmen ein ausgereiftes Google Wave einsetzen: Unter-
und welches Tool wofür verwendet werden soll. Wenn Google          nehmensprozesse mithilfe von Social Software abzubilden ist
Wave einmal im Unternehmen ausgerollt wird, müssen die Mit-        im Trend, Kollaborations-Tools sieht nicht nur Gartner auf dem
arbeiter wissen, wie sie das System grundsätzlich bedienen, und    besten Weg, wirklich produktiv genutzt zu werden. Doch gerade
seine Vorteile kennen. Wenn insbesondere nicht klar ist, wel-      Social Software muss den Nachweis antreten, was sie besser, ef-
chen Sinn und Zweck Google Wave eigentlich hat, werden viele       fektiver und effizienter abbilden kann als andere Anwendungen.
Mitarbeiter ganz schnell wieder abspringen.                        Was genau das im Falle von Google Wave tatsächlich ist, wird
                                                                   sich erst mittelfristig organisch entwickeln.
Drittens sind unternehmenskulturelle Faktoren von Belang. Nut-
zer müssen sich der Komplexität der Kommunikation in einer         Im Hinblick auf die professionelle und systematische Zusammen-
Wave bewusst sein und mit dem Live-Feedback-Stress umgehen         arbeit im Unternehmen geht von Google Wave keine ernsthafte
können. Waves verändern sich ständig; wie angesprochen kann        Gefahr für Wikis aus, und die gewohnte E-Mail-Kommunikation
derzeit niemand Dokumente in einer Wave wirklich kontrollie-       wird Google Wave aus den oben genannten Gründen nicht ver-
ren, es gibt keine ausgereifte Revisionskontrolle. Ein wichtiger   drängen, Stichwort Komplexität und Live-Feedback-Stress. Für
kultureller Aspekt ist darüber hinaus die Tatsache, dass die In-   Unternehmen bzw. Teams innerhalb von Firmen, die ernsthaft an
halte einer Wave von mehreren Teilnehmern entwickelt werden.       Echtzeit-Kollaboration interessiert sind, dürfte Google Wave eine
In diesem Zusammenhang sind wichtige Fragen zu klären: Wem         gute Wahl sein, wobei sehr gute Web-Kenntnisse und Technolo-
„gehört“ eine Wave? Wer darf was damit machen? Wer darf die        gie-Know-how unverzichtbar sein werden. Google Wave dürfte
Inhalte weiterverwenden? Darauf müssen Antworten gefunden          in naher Zukunft intensiv für Brainstorming, für frühe Stadien
bzw. Regeln aufgestellt werden, wenn Google Wave im Unter-         der Konzepterstellung und für Diskussionen genutzt werden. Es
nehmen eingesetzt wird. Dazu gehört auch, keine Inhalte ohne       wird sicherlich auch als „Multi-User-Note-Tasking“-Plattform bei
Abstimmung mit den Teilnehmern zu löschen.                         Meetings Anwendung finden. Bei der kooperativen Organisati-
                                                                   on von Events könnte Google Wave sogar Wikis ersetzen. Dies
                                                                   sind die nahe liegenden Anwendungsfälle.
Fazit: Google Wave wird sich durchsetzen, jedoch
nicht als zentrale Anwendung                                       Die Möglichkeit der Echtzeitkommunikation und die damit ver-
                                                                   bundene Effizienz der Kommunikation in der Gruppe ist Google
Hat Google Wave nun eine Daseinsberechtigung im Unterneh-          Waves Stärke und wird dazu führen, dass es sich trotz der Kritik
men und wird es sich für Unternehmen lohnen, die Mühen der         mittelfristig durchsetzen wird – allerdings wohl als ein hilfreiches
Etablierung auf sich zu nehmen? Wohlgemerkt handelt es sich        Werkzeug unter mehreren und nicht als zentrale Kommunika-
bei mehreren der angesprochenen Probleme um Kinderkrank-           tions- und Kollaborationsplattform im Unternehmen. n

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//SEIBERT/MEDIA im Magazin DOK: Google Wave - Auf die Euphorie folgt Ernüchterung

  • 1. März 2010 Ausgabe #1-10 Deutschland Euro 12,00 ISSN: 1864-8398 4 260122 090006 Content-Management in der ZDFmediathek Vom dokumenten- zum personenzentrierten Wissensmanagement Google Wave – auf die erste Euphorie folgt Ernüchterung Enterprise Content in der Cloud Special: Social Media & Intranets Storage-as-a-Service | Agile Erfassungs-Lösungen | Mobile Capture | Studie Crossmediale Redaktionssysteme | „Online-Brief“ der Deutschen Post | Rechtssicher oder revisionssichere Archivierung? | DM-Projekte im Mittelstand | Startschuss E-Mail-Archivierung | IT-Beratung in KMUs | Scrum für agiles Projektmanagement www.goodsourcepublishing.de
  • 2. Betriebliche Praxis Die ersten Eindrücke von Google Wave: Auf die Euphorie folgt Ernüchterung Collaboration, E-Mail, Wikis, Echtzeit-Kommunikation, Chat, Revisionskontrolle, Social Software, Informationssicherheit Google Wave, dessen Ankündigung für Wirbel gesorgt hat, ist mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht und als geradezu revo- lutionäres Kommunikations- und Kollaborations-Werkzeug be- zeichnet worden. Das sei der nächste Level Collaboration, hieß es in vielen Wortmeldungen. Google Wave (das auf HTML 5 ba- siert und also komplett im Browser arbeitet) ist mit dem Google Web Toolkit (GWT) programmiert. Die Software wartet in der Tat mit einem ambitionierten Konzept auf und will die Online-Kom- munikation und -Zusammenarbeit gehörig verändern: Googles Ziel ist kein geringeres, als die in den Unternehmen etablierten Kommunikations- und Kollaborations-Tools – E-Mail, Instant Messaging, Micro Blog, Wiki – in einem einzigen System zu ver- einen. Vor wenigen Monaten hat die Plattform das Beta-Stadium erreicht, 100.000 Einladungen wurden verschickt. Zeit und Ge- legenheit, Google Wave unter Unternehmensbedingungen zu evaluieren. Vorteile sind eine intuitive Oberfläche und wirkliche Echtzeit-Kollaboration Auf den ersten Blick bietet Google Wave einige signifikante Vor- teile. Gerade mit der Oberfläche geht man neue Wege, dennoch www.seibert-media.net ist das Interface nicht unvertraut, da es dem Posteingang eines E-Mail-Accounts ähnelt. Hervorzuheben ist die Zeitleiste, auf Martin Seibert ist Geschäftsfüh- der man verfolgen kann, wie eine Welle entstanden ist und wie rer der Seibert Media GmbH aus sie sich seit dem letzten Besuch entwickelt hat. Eine derartige Wiesbaden. Das 1996 gegründete Funktion können heute noch nicht einmal Wikis vorweisen, und Unternehmen ist Full-Service- dieses Feature wird, nicht zuletzt aufgrund seiner intuitiven Ver- Dienstleister mit Schwerpunkt auf ständlichkeit, gewiss Nachahmer finden. Eine solche Oberfläche Unternehmenskommunikation, ist eine gute Voraussetzung für eine Einführung im Unternehmen Websites, Online-Marketing und und motiviert Mitarbeiter, sich an einer Wave zu beteiligen. Websoftware. //SEIBERT/MEDIA Das zweite wesentliche Merkmal ist die Zusammenarbeit in Echt- beschäftigt rund 70 Mitarbeiter. zeit, eine in der Tat ganz neue Erfahrung, Kollegen und Kontakten dabei zuzusehen, wie sie Inhalte eingeben und verändern. Keine 6 |
  • 3. andere Anwendung (von einigen Chat Tools abgesehen) bietet Unzureichende Wiki-Funktionen derzeit eine solche Funktion über eine Web-Oberfläche an. Hier- bei handelt es sich um eine mächtige Innovation in Sachen Echt- Kollaborative Systeme leben unter anderem davon, dass Ände- zeitkommunikation und -zusammenarbeit; Google Wave tritt rungen reproduzierbar sind und jederzeit unkompliziert rück- damit in direkte Konkurrenz zu E-Mail und Chat und deckt diese gängig gemacht werden können. Bislang gibt es in Google Wave Anwendungsfälle ebenfalls ab. Gerade diesen Aspekt werden kein professionelles Revisionssystem. Wenn Aktionen innerhalb Technologie-affine Anwender sehr zu schätzen wissen. einer Wave rückgängig gemacht werden sollen, müssen solche Änderungen manuell vorgenommen werden. Das spontane Lö- schen von Inhalten kann zu einem erheblichen Mehraufwand Übermäßige Komplexität, Usability-Probleme und führen. Ohne Revisionskontrolle wird Google Wave die Colla- potenziell unproduktiv boration in einem Firmen-Wiki nicht ersetzen können. Es wäre außerdem hilfreich, Waves nativ (und nicht über embed) im Soweit die Vorzüge. Doch Google Wave muss sich unter realis- Firmen-Wiki verfügbar machen zu können. Bis dato gibt es eine tischen Bedingungen im Unternehmensumfeld bewähren. Ein solche Wiki-Exportfunktion nicht, ein echtes Integrationshinder- Hauptproblem von Google Wave ist die übermäßige Komplexi- nis. Auch gibt es keine Quellcodeansicht in Google Wave. Gerade tät. Waves, an denen mehrere Anwender teilnehmen, werden in erfahrene Wiki-Anwender wünschen sich einen solchen Modus, einer Geschwindigkeit und Frequenz aktualisiert, der niemand um die Aufbereitung und Struktur der Inhalte zu steuern. folgen kann. Vor allem deshalb werden wenig versierte An- wender Google Wave als zu komplex empfinden und Berüh- rungsängste oder gar Ablehnung aufbauen. Dies dürfte Unter- Eingeschränkter Teilnehmerkreis nehmen, die Google Wave einführen möchten, vor eine große Herausforderung stellen: Angesichts der Komplexität wird die Heute und im Rahmen geschlossener Previews lässt sich Google Notwendigkeit bestehen, Informationen zu filtern und zu sortie- Wave nur eingeschränkt nutzen, da nur sehr wenige Anwender ren, um sie tatsächlich nutzbar zu machen. Die Herausforderung einen Zugang haben. Nicht einladen zu können, wen man will, besteht vor allem darin, dass die Anwender lernen müssen, wie reduziert den Nutzen der Anwendung dramatisch. Dies wird mit das funktioniert. Ohne Filtermechanismen oder etablierte Vor- dem großflächigen Roll-out obsolet werden, doch auch dann gehensweisen zum Sortieren von Informationen – davon kann werden Teilnehmer einen obligatorischen Google Account be- man derzeit ausgehen – stellt Google Wave für die Anwender nötigen, um an einer Wave zu partizipieren – ein großes Pro- keinen Produktivitätsschub dar. blem, wenn man mit Kunden und weniger Technologie-versier- ten Anwendern zusammenarbeiten möchte. Bei der intensiven Zusammenarbeit über Google Wave stellen sich weitere Schwachpunkte heraus. Momentan gibt es keine Möglichkeit, Antworten dauerhaft zu verbergen. Dadurch wird Performance-Probleme der Haupttext einer Wave durch Bilder, Kästen, Farben und An- merkungen von sämtlichen Teilnehmern massiv gestört. Dies Für einen echten Chat ist Google Wave deutlich zu langsam, die sorgt nicht nur für Verwirrung, sondern lenkt völlig vom Lesen Übertragungsgeschwindigkeit schwankt zwischen gut und sehr des eigentlichen Inhalts ab. Es gibt außerdem keine Informati- schlecht, ohne dass ein Muster zu erkennen wäre. Derzeit gehen onen über Updates der Waves, und dies ist einer der größten viele Stimmen davon aus, das Jabber Clients oder Skype weiter- Schwachpunkte der Software. Man erhält keine E-Mail, keine hin die besseren Alternativen bleiben werden. Mit der Etablie- RSS-Benachrichtigung, keinen Gtalk-Alarm, keine wie auch im- rung von lokalen Installationen von Google Wave in Unterneh- mer geartete Mitteilung über ein Drittsystem, wenn es neue Ak- men dürfte sich das Performance-Problem höchstwahrscheinlich tivitäten in einer Wave gibt. Wer sich über den Fortschritt einer erübrigen, da dann der Großteil der Server-Kapazitäten natürlich Wave informieren möchte, muss sie aufrufen – ein erheblicher von Mitarbeitern, Kunden und Partnern genutzt werden kann. Zeitaufwand, wenn viele Waves zu überwachen sind. Noch aber erfüllt Google Wave nicht die Anforderungen, die ein
  • 4. Betriebliche Praxis Unternehmen beispielsweise an Instant Messaging stellt. Google wie mitunter in einer persönlichen Diskussion. Gerade dieser Wave versucht, durch einen grünen Punkt neben dem Profil an- Aspekt wird im Hinblick auf die Mitarbeiteraktivierung nicht zu zuzeigen, wer online ist, was aber (noch?) nicht zuverlässig funk- unterschätzen sein. tioniert. In der Praxis sieht man in der Tat mitunter Anwender Beiträge schreiben, deren Status laut Google Wave offline ist. In Spitzenzeiten hat Google Wave zudem offensichtlich Probleme, Technologische, organisatorische und kulturelle die Nutzerlast zu stemmen, Abstürze sind keine Seltenheit. In die Hürden bei der Etablierung im Unternehmen Stabilität der Software wird das Google-Wave-Team noch einige Arbeit investieren müssen, um sie für einen reibungslosen Ein- Auch im Zusammenhang mit der Einführung und Etablierung satz im Unternehmen geeignet zu machen. wird Google Wave Unternehmen vor einige Hürden stellen. Auf drei Ebenen sind Voraussetzungen zu schaffen und ist Proble- men vorzubeugen: auf technologischer, organisatorischer und Gefahr für vertrauliche Informationen in Waves unternehmenskultureller Ebene. Technische Voraussetzungen sind eigene Server und ein Systemadministrator, um einen Wer einmal an einer Wave teilnimmt, partizipiert für immer. Wer- Google Wave Server aufzusetzen. Aller Voraussicht nach werden den in der Diskussion vertrauliche Informationen thematisiert, die Hardware-Anforderungen keine geringen sein, um eine gute die eigentlich nicht für sämtliche Teilnehmer gedacht sind, steht Performance (und damit tatsächliche Echtzeitkommunikation) man vor einem Problem: Es gibt keine Möglichkeit, jemanden sowie Stabilität sicherzustellen, eine gute Web-Verbindung auf aus der Wave auszuschließen. Die einzige Lösungsmöglichkeit Server- und auf Client-Seite ist für eine funktionierende Kom- besteht darin, eine neue Wave aus der bestehenden heraus zu munikation in Echtzeit unerlässlich. Darüber hinaus muss die eröffnen. Wem dieser lästige Umweg nicht gangbar erscheint, Unternehmens-Infrastruktur weitere Bedingungen erfüllen. muss in Waves auf vertrauliche Inhalte verzichten. Ein ausge- Beispielsweise ist Google Wave eine HTML5-Applikation. In Un- reiftes Rechtekonzept fehlt bei Google Wave komplett. ternehmen, die noch mit dem Internet Explorer 6 und abwärts arbeiten, was vor allem in vielen großen Unternehmen noch der Fall ist, wird das System nicht fehlerlos laufen. Alle Mitarbeiter Live-Feedback-Stress plus die zu integrierenden Kunden benötigen aktuelle Browser. Alle Teilnehmer einer Wave sehen in Echtzeit, was ein Mitarbei- Diese technologischen Aspekte spielen indes zwar eine bedeu- ter eintippt. Hier muss man wie in einem Gespräch von Ange- tende, aber nicht die wichtigste Rolle. Von weitaus größerer Be- sicht zu Angesicht auf Live-Feedback-Stress vorbereitet sein. Ein deutung wird die organisatorische Komponente und in erster Li- spezielles Problem in einer Wave ist nämlich, dass man bereits nie die Zieldefinition sein: Jede Wave muss einen fest definierten Antworten erhält, während man seine Nachricht noch formu- Gegenstand haben, jeder Mitarbeiter muss Zweck und Inhalt der liert. Jedes andere Kommunikationsmittel lässt dem Anwender Wave verstehen. Ist das nicht der Fall, entstehen mit Sicherheit dagegen Zeit, seine Mitteilung in Ruhe zu formulieren und zu viele Nebengeräusche. Damit Google Wave im Unternehmen verfassen. Mit Google Wave kann der gleiche Stress entstehen sinnvoll genutzt werden kann, müssen vor allem Regeln einge- 8 |
  • 5. halten werden. Und jeder Teilnehmer muss wissen, wozu Google heiten – Google Wave befindet sich im Beta-Stadium und ist Wave dient. Man wird nicht umhinkommen, einen ausführlichen bisher nur als Preview-Version veröffentlicht. Andere Makel sind Leitfaden zu erstellen und verbindliche Kommunikationsmuster allerdings systemimmanent und zeigen Google Wave die Gren- zu entwickeln: Im Unternehmen muss unterschieden werden, zen auf. Doch trotz der offensichtlichen Probleme werden viele welche Anwendungsfälle ein System jeweils am besten abbildet Unternehmen ein ausgereiftes Google Wave einsetzen: Unter- und welches Tool wofür verwendet werden soll. Wenn Google nehmensprozesse mithilfe von Social Software abzubilden ist Wave einmal im Unternehmen ausgerollt wird, müssen die Mit- im Trend, Kollaborations-Tools sieht nicht nur Gartner auf dem arbeiter wissen, wie sie das System grundsätzlich bedienen, und besten Weg, wirklich produktiv genutzt zu werden. Doch gerade seine Vorteile kennen. Wenn insbesondere nicht klar ist, wel- Social Software muss den Nachweis antreten, was sie besser, ef- chen Sinn und Zweck Google Wave eigentlich hat, werden viele fektiver und effizienter abbilden kann als andere Anwendungen. Mitarbeiter ganz schnell wieder abspringen. Was genau das im Falle von Google Wave tatsächlich ist, wird sich erst mittelfristig organisch entwickeln. Drittens sind unternehmenskulturelle Faktoren von Belang. Nut- zer müssen sich der Komplexität der Kommunikation in einer Im Hinblick auf die professionelle und systematische Zusammen- Wave bewusst sein und mit dem Live-Feedback-Stress umgehen arbeit im Unternehmen geht von Google Wave keine ernsthafte können. Waves verändern sich ständig; wie angesprochen kann Gefahr für Wikis aus, und die gewohnte E-Mail-Kommunikation derzeit niemand Dokumente in einer Wave wirklich kontrollie- wird Google Wave aus den oben genannten Gründen nicht ver- ren, es gibt keine ausgereifte Revisionskontrolle. Ein wichtiger drängen, Stichwort Komplexität und Live-Feedback-Stress. Für kultureller Aspekt ist darüber hinaus die Tatsache, dass die In- Unternehmen bzw. Teams innerhalb von Firmen, die ernsthaft an halte einer Wave von mehreren Teilnehmern entwickelt werden. Echtzeit-Kollaboration interessiert sind, dürfte Google Wave eine In diesem Zusammenhang sind wichtige Fragen zu klären: Wem gute Wahl sein, wobei sehr gute Web-Kenntnisse und Technolo- „gehört“ eine Wave? Wer darf was damit machen? Wer darf die gie-Know-how unverzichtbar sein werden. Google Wave dürfte Inhalte weiterverwenden? Darauf müssen Antworten gefunden in naher Zukunft intensiv für Brainstorming, für frühe Stadien bzw. Regeln aufgestellt werden, wenn Google Wave im Unter- der Konzepterstellung und für Diskussionen genutzt werden. Es nehmen eingesetzt wird. Dazu gehört auch, keine Inhalte ohne wird sicherlich auch als „Multi-User-Note-Tasking“-Plattform bei Abstimmung mit den Teilnehmern zu löschen. Meetings Anwendung finden. Bei der kooperativen Organisati- on von Events könnte Google Wave sogar Wikis ersetzen. Dies sind die nahe liegenden Anwendungsfälle. Fazit: Google Wave wird sich durchsetzen, jedoch nicht als zentrale Anwendung Die Möglichkeit der Echtzeitkommunikation und die damit ver- bundene Effizienz der Kommunikation in der Gruppe ist Google Hat Google Wave nun eine Daseinsberechtigung im Unterneh- Waves Stärke und wird dazu führen, dass es sich trotz der Kritik men und wird es sich für Unternehmen lohnen, die Mühen der mittelfristig durchsetzen wird – allerdings wohl als ein hilfreiches Etablierung auf sich zu nehmen? Wohlgemerkt handelt es sich Werkzeug unter mehreren und nicht als zentrale Kommunika- bei mehreren der angesprochenen Probleme um Kinderkrank- tions- und Kollaborationsplattform im Unternehmen. n