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Walter K.H.Hoffmann
Bekenntnisse und Erkenntnisse
aus Unternehmen
Wenn man den Charakter eines Menschen auf die Probe stellen will,
muss man ihm Macht geben.
Abraham Lincoln
Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?
Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters (Auszug)
Nicht die Neinsager, sondern wer optimistisch denkt, verändert die Welt.
Und die Konsequenz ist, dass diese Menschen auch mehr Reichtum und
Macht anhäufen.
Sebastian Thrun1
Wir haben uns von der Natur abgewandt.
Stattdessen geht es nur um Geld und Macht.
Jane Goodall, Primatenforscherin und Friedensbotschafterin
der Vereinten Nationen
Der Tod ist vielleicht die beste Erfindung des Lebens. Er ist der
Unternehmensberater des Lebens. Er mistet das Alte aus, um Platz für
das Neue zu schaffen. Heute bist du das Neue, aber irgendwann in
naher Zukunft wirst du das Alte sein und ausgemistet werden. Sorry,
wenn ich so dramatisch bin, aber so ist es nun mal.
Steve Jobs
Some day, we will all die, Snoopy! True, but on all the other days, we will not.
Charlie Brown zu Snoopy
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio-
grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-7281-3763-0 (Printausgabe)
ISBN 978-3-7281-3764-7 (E-Book)
DOI 10.3218/3764-7
www.vdf.ethz.ch
verlag@vdf.ethz.ch
© 2016, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich
Das Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
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Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt besonders für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
5
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9
Einführung 11
1.  Erkenntnisinteresse und Zielgruppen  11
2.  Abgrenzung des Themas  12
3.  Zur Methode 13
4.  Warum Anonymität der Gesprächspartner?  14
5.  Authentizität und Realitätsnähe  14
6.  Ein Wunsch an die Leser  15
Erster Teil:
Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen –
die ­persönliche ­Ebene  17
Einleitende Bemerkungen  17
Die vier Gruppen der Befragten  17
Einstiegsfragen 20
1.  Wahrgenommene Veränderungen  20
2.  Vorbilder und Werte  33
3.  Das Interessante an Macht  46
4. Machtmissbrauch 55
5.  Mächtige Personen und Organisationen  62
Originalzitate von Mächtigen  68
6.  Ambivalenz von Macht  68
7.  Macht und Verantwortung  73
8.  Macht als Verlockung  78
9.  Macht und Opportunismus  84
10.  Macht und Konkurrenten  90
11.  Frauen und Macht   96
12.  Feedback und Macht  103
13.  Macht und Einsamkeit  110
14.  Macht der Pendenzen  116
15.  Macht und Angst  123
16.  Endlichkeit der Macht  130
17.  Macht und Sucht  135
Einige Behauptungen und Fragen  141
18.  Macht und Ohnmacht  141
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
zur Publikation: http://vdf.ch/stimmen-der-macht.html
6
Inhaltsverzeichnis
19.  Grenzen der Macht  148
20.  Macht und Verantwortungslosigkeit  155
21.  Macht als Hülle?  163
22.  Macht und Selbstreflexion  169
23.  Macht und Machtverzicht  175
24.  Machtvorstellungen in der Zukunft  179
25.  Ergänzende Aspekte zur Macht  181
Gemeinsamkeiten und Unterschiede  191
Zweiter Teil:
Machtgruppierungen, Machteliten und deren Vernetzung,
die neue Mächtigen (Jungunternehmer) – die strukturelle Ebene  197
1.  Alte und neue Machtgruppierungen  197
1.1  Internationale Grossbanken (Bedeutung, Bussen, Lobbying)  197
1.2 Schattenbanken 201
1.3 Circle-Unternehmen 204
1.4  Die Zentralbanken als neues „Zentralkomitee“   208
1.5 Ratingagenturen  211
1.6  National Security Agency (NSA)   213
1.7 Fazit 215
2.  Machteliten und deren Vernetzung   215
2.1 Ausprägungen, Formen 215
2.2  Ein globales Netzwerk kontrolliert die Weltwirtschaft  216
2.3  Beispiele internationaler und nationaler Netzwerke   217
–– World Economic Forum (WEF), Davos   217
–– Institute of International Finance (IIF)   218
–– Bilderberg-Konferenz   218
–– Trilaterale Kommission   219
–– Group of Thirty (G30)   219
–– Rive Reine Tagung   219
–– Club zum Rennweg Zürich   220
–– Bohemian Grove Club, Kalifornien/USA   220
–– Ecole nationale d’administration, Frankreich (ENA)   220
–– Die Similauner   221
2.4  Einige Merkmale von Elitenetzwerken  221
2.5 Fazit 222
3.  Die neuen Mächtigen – Jungunternehmer/Start-ups  222
3.1  Warum gerade Jungunternehmer/Start-ups  222
3.2  Selbstzeugnisse der befragten Jungunternehmer  223
3.3  Zusammenfassung und Ausblick  226
Die „Zukunft der Macht“   227
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
7
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungen 231
Anhänge 233
Anhang 1 – Vollabdruck des Interviews mit einem Musikmanager  233
Anhang 2 – Vollabdruck des Interviews mit einem
Jungunternehmer 243
Anhang 3 – Interview mit James Glattfelder  253
Anhang 4 – Gesprächsleitfaden  258
Anhang 5 – Auswertung der Frage: Seit 2007/8 gibt es die Finanz-,
Schulden-, Banken- und Eurokrise. Wie hat sich diese Krise ver­
mutlich auf Ihre Einstellung, Ihre Denkweise gegenüber dem
Thema Macht ausgewirkt?  261
Anhang 6: Teilnehmer Bilderberg-Konferenz 2015(Auswahl) 265
Anhang 7: Mitglieder der Group of Thirty (Auswahl)  267
Literaturverzeichnis 269
Bücher und Zeitschriftenartikel  269
Zeitungen und Zeitschriften  273
Anmerkungen 275
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
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Vorwort
„Machtspiele sind nicht nur in der Politik alltäglich, sondern sie sind auch Teil
unserer Kommunikation im Privatleben und in der Arbeitswelt. Bewusst oder
unbewusst spielen wir mit, sind selber Figuren des Machtspiels oder bewegen
andere dazu, mitzuspielen. …
Was bedeutet Macht? Kommt zuerst die Macht und dann die Moral? Was
macht die Macht mit uns? Entscheidet das Kapital über Sein oder Nichtsein?
Leben wir in einer Welt aus Soll und Haben? Ist die Sprache der Liebe durch­
drungen von jener des Geldes und der Macht? Ist Geld die alles bestimmende
Himmelsmacht?“
Das klingt wie aus der Feder eines kritischen Soziologen. Es beschreibt aber
eine Veranstaltung (Machtspiele. Facetten der Macht in der Politik, Kirche und
Gesellschaft) aus dem Programmheft der Festspiele Zürich 2015, die unter dem
Motto: „Geld, Macht, Liebe. Shakespeare und andere Gewalten“ standen. Auch
die „unpolitische“ Kultur kann durchaus politisch agieren.
Zum Thema Macht ist sehr vieles gesagt und noch mehr geschrieben worden.
Aber noch nicht alles. Und das wird auch nach diesem Buch so bleiben. Das
Thema Macht ist eine never-ending story2 in allen Lebensbereichen, auch wenn
uns das nicht immer bewusst ist.
Es gibt hierzu eine fast unübersehbare Fülle3 von Büchern, Artikeln und
Untersuchungen in unterschiedlicher Qualität, doch bleibt das Thema Macht
schwierig, lückenhaft4, zumal wenn es sich wie in diesem Buch um authenti­
sche Originalaussagen der Mächtigen handelt. Macht war und ist auch weiter­
hin mit einem Tabu behaftet, auch wenn in den letzten Jahren vieles erhellt5
wurde.
Das Thema Macht in der Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren von den
Medien immer wieder aufgegriffen, wie eine kurze Auswahl zeigt:
–– Schwarmintelligenz. McKinsey. Der Kultberater unterhält ein globales
Netz aus Ehemaligen. Die sitzen in den Schaltzentralen und steuern ganze
Volkswirtschaften.6
–– Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt.7
–– Wer ist der Chef? Sergio Ermotti und Axel Weber: das ungleiche Paar an
der UBS-Spitze.8
–– Merkiavellis Macht.9
–– Im Haifischbecken. Jede Firma ist täglich Schauplatz von Machtkämpfen.10
–– Machtkampf der Alphatiere bei Volkswagen. Aufsichtsratschef Piech stellt
Unternehmensleiter Winterkorn bloss.11
–– Der verkaufte Fussball. Sepp Blatter und die Macht der FIFA.12
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
10
Vorwort
Dieses Buch verdankt seine Entstehung 35 Menschen, die sich in Macht­
positionenderunterschiedlichstenArtbefandenundbefinden.IhreBereitschaft
zu offenen Gesprächen, ihre Stimmen, ihre Bekenntnisse, ihre Verweise auf
weitere interessante Gesprächspartner sowie ihre ermutigenden Kommentare
zu diesem Projekt haben entscheidend zum Gelingen des Buches beigetragen.
Einen speziellen Beitrag hat Markus Bossert, wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Soziologischen Institut der Universität Basel, geleistet. Er hat beratend ver­
schiedene Ansätze zur Auswertung der Daten aufgezeigt und das Projekt mit
konstruktiv-kritischem Blick, Ideen und Anregungen begleitet. Insbesondere
war er intensiv an der Auswertung der Interviews beteiligt.
Allen Beteiligten möchte ich für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung, ihre
Offenheit und ihre Ideen herzlich danken.
Walter K. H. Hoffmann
März 2016
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
11
Einführung
1.  Erkenntnisinteresse und Zielgruppen
Das Hauptinteresse besteht darin, vertiefte Einblicke im Originalton in die
Denk- und Verhaltensweisen der befragten Gruppen zu gewinnen. Dieses
Interesse spiegelt sich in den zentralen Fragen wider (siehe Anhang 4).
Seit dem Erscheinen des Buches „Macht im Management“13 im Jahr 2003
hat sich die Welt in fast allen Bereichen entscheidend verändert. Eine der
Vermutungen war, dass die Finanz-, Schulden- und Eurokrise, die uns seit
2007/8 begleitet und auch weiterhin begleiten wird, das Denken der Mächtigen
beeinflusst hat. In den Interviews hat sich diese Vermutung an mehreren Stellen
bestätigt.14
Es wurden in 35 Interviews15 vier verschiedene Gruppen16 befragt, die sich
in Bezug auf Funktion, Alter, Erfahrung, beruflicher Position und fachlicher
Ausrichtung erheblich unterscheiden.
•	 Zwölf pensionierte Topmanager (die „Vätergeneration“)
•	 Neun aktive Vertreter des oberen Managements (die Generation der
„Söhne“)
•	 Neun Jungunternehmer und Hochschulabsolventen (die „Enkel­
generation“)
•	 Fünf „neutrale“ Machtbeobachter („non-executives“)
Es wurde angestrebt, innerhalb dieser Gruppe und zwischen den Gruppen
Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf Machtfragen her­
auszuarbeiten. Das Thema Macht wird so gleichsam aus vier Perspektiven be­
leuchtet.
Das Buch richtet sich an folgende Leserschaft:
–– pensionierte Manager, die rückblickend im Sinne einer Nachevaluation
ihre Erfahrungen reflektieren möchten,
–– aktive Manager, die ihre bisherigen Erfahrungen hinterfragen wollen,
–– Vertreter der jungen Generation, die noch viele Machterfahrungen vor
sich haben und
–– andere, die sich für das Thema Macht interessieren.
Im ersten Teil, dem Hauptteil des Buches, werden die Ergebnisse der Interviews
wiedergeben und zusammengefasst.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
12
Einführung
Im zweiten Teil, einem ergänzenden Teil, werden alte und neue Machtgruppie­
rungen, Machteliten und deren Vernetzungen sowie die neuen, potenziell
Mächtigen, die Jungunternehmer, behandelt.
2.  Abgrenzung des Themas
Die grosse Mehrheit der Befragten kommt aus der Wirtschaft, insbesondere
aus den Banken. Die Wirtschaft ist aber nur ein, wenn auch wichtiger, gros­
ser Player. Auf dem oft glatten Parkett der Macht tummeln sich daneben vor
allem Vertreter aus der Politik17 (Parteien, Parlament) und der Wissenschaft
sowie Verbände und Lobbyisten.18 Auch in den Bereichen Kultur,19 Medien20
(Zeitungen,21 Fernsehen22), Religion23 spielt Macht eine bedeutende Rolle.
Die Konzentration auf die Wirtschaft hatte zwei Gründe. Zum einen ist
mir dieser Bereich am meisten vertraut und es ergaben sich daher leichtere
Zugänge. Zum anderen glaube ich nicht so recht an das offiziell herrschen­
de Primat der Politik. Die Wirtschaft sitzt letztendlich direkt oder indi­
rekt über ihre Interessenvertreter am längeren Hebel. Zudem herrscht zwi­
schen der Politik und Wirtschaft oft, aber zum Glück nicht immer, eine ge­
wisse Interessenharmonie. Es gibt weitere Mächtige wie Firmenanwälte,
Anwaltsfirmen,24 Unternehmensberater, Global Compensation Consultants,25
Chefärzte, Compliance-Manager26 oder Journalisten. Nicht zu vergessen
sind Organisationen wie die nationalen Notenbanken, Aufsichtsbehörden
wie die Eidgenössische Finanzaufsicht (FINMA) oder die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die Europäische Zentralbank, der
Internationale Währungsfonds, die Europäische Kommission, die Weltbank,
Ratingagenturen und Gewerkschaften (in Deutschland insbesondere die der
Lokführer und der Piloten). Sie alle beeinflussen wichtige wirtschaftliche und
politische Weichenstellungen und üben damit Macht aus. Auch die Macht
von Hacker-Gruppierungen darf nicht unterschätzt werden, da sie zuneh­
mend Netzwerke staatlicher Institutionen und privater Unternehmen angrei­
fen.27 Auch Populisten, z.B. in Frankreich, Deutschland, England oder in der
Schweiz, verfügen über ein erhebliches Machtpotenzial.28 Wie die Beispiele der
Anschläge in New York am 11. September 2001 und in Paris im November 2015
gezeigt haben, verfügen auch Terroristen über ein erhebliches Machtpotenzial.
Sie können der Bevölkerung Angst und Schrecken einjagen, das öffentliche
Leben lahmlegen und den Gang der Wirtschaft erheblich beeinflussen.
Alle diese erwähnten Gruppen sind zwar einflussreich und mächtig, werden
aber in diesem Buch nur am Rande oder gar nicht behandelt.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
13
Einführung
3.  Zur Methode29
Es ist anregend und aufschlussreich mit Menschen zu sprechen, die aufgrund
ihrer Praxiserfahrungen unterschiedliche Sichtweisen zu einem Thema im
Originalton einbringen können. Macht ist ein Thema, das die Befragten im täg­
lichen Berufsleben „umhüllt“, über das sie aber nicht oder kaum Gelegenheiten
hatten, unter Wahrung der Anonymität, offen zu sprechen und zu reflektieren.
Jede Frage ist ein Suchen und eine Einladung zum Nachdenken. So ist es auch
hier. Es geht um das Stellen von Fragen und Suchen nach Antworten zu einem
Thema, das uns alle betrifft – mehr oder weniger.
Mit einer Frage werden Menschen zu einer Antwort zwecks Beseitigung ei­
ner Informationslücke herausgefordert. Fragen können aber auch helfen, den
Befragten zum Reflektieren anzuregen und zu neuen Einsichten30 zu gelangen.
Als Befragungsmethode wurden standardisierte, qualitative Interviews ge­
wählt. Diese Form bietet sich an, um Sachverhalte tiefgehender zu untersu­
chen. Dabei dienen die Aussagen und Berichte den Befragten zur Verarbeitung,
Bilanzierung und Bewertung ihrer Erfahrungen und vermitteln so wertvolle
Einblicke in ihre Denkweise. Zur Strukturierung der Interviews wurde ein
Gesprächsleitfaden (siehe Anhang 4) verwendet. Er erlaubt dem Interviewer
einheitliche Schwerpunkte zu setzen, was die Vergleichbarkeit von Interviews
erleichtert, lässt aber den Befragten Raum für eigene Formulierungen. Die
angewandte Interviewmethode ist somit offener als ein Multiple-Choice-
Fragebogen, jedoch fokussierter als zum Beispiel eine biografisch-narrative
Gesprächsführung.31
Das qualitative Interview verlangt Offenheit und Flexibilität des Befragers ge­
genüber den Befragten, um für unerwartete Informationen empfänglich zu
sein und auf unerwartete Umstände reagieren zu können.
Dies hat eine Konsequenz: Der Erkundungscharakter steht im Vordergrund,
die theoretische Durchdringung des Befragungsfeldes wird entsprechend zu­
rückgestellt.
Interviews im qualitativen Sinne verstehen sich als Kommunikation und
Interaktion zwischen Befrager und den Befragten. Eine Unabhängigkeit zwi­
schen beiden gibt es nicht. Es kann zu kognitiven Verzerrungen (cognitive
bias) beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen kommen.32
Ein Beispiel: Durch Betonung einzelner Worte, durch zustimmende oder
ablehnende nonverbale Signale des Befragers werden möglicherweise unter­
schwellig Wertungen übermittelt, die wiederum die Antworten des Befragten
beeinflussen können.
Bei qualitativen Interviews geht es nicht um eine repräsentative Fallzahl, die
Rückschlüsse auf eine Grundgesamtheit erlaubt, sondern um eine vielfältige
Auswahl von Personen, die für die Fragestellung ein breites Spektrum von
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
14
Einführung
Aspekten eröffnet und eine Durchdringung des Themas erlaubt. Ziel war es,
mit den 35 Interviews und den vier unterschiedlichen Personengruppen die­
sem Anspruch gerecht zu werden.
4.  Warum Anonymität der Gesprächspartner?
Um „window-dressing“ für die Öffentlichkeit zu vermeiden und stattdessen
möglichst offene, ungeschminkte, authentische und realitätsnahe Antworten
zu erhalten, wurde den Gesprächspartnern angeboten, ihre Namen und ihre
Herkunft zu anonymisieren. Von diesem Angebot machten praktisch alle
Beteiligten Gebrauch.
Offenheit entsteht nur bei Zusicherung von Anonymität und Diskretion – eine
Spielregel, die eingehalten wurde. Die Mächtigen hätten vermutlich nicht die
gleichen Antworten gegeben, wenn ihre Namen genannt worden wären. Das
ist auch Macht: Die Karten nicht offenlegen.
Dieser Schutz der Persönlichkeit hat zur Authentizität und Realitätsnähe der
Aussagen beigetragen. Ein nachvollziehbares Interesse der Leser an den Namen
der Befragten musste dafür auf der Strecke bleiben.
Es mag den einen oder anderen Leser verlocken, sich in fantasievolle
Spekulationen zu ergehen, wer wohl was gesagt haben könnte. Die Chance ei­
ner Fehlspekulation ist allerdings erheblich.
5.  Authentizität und Realitätsnähe
Das Buch lebt von der Authentizität und Realitätsnähe. Um dies zu erreichen,
kommen die Befragten ausführlich zu Wort, d.h., der Originalton spiegelt sich in
zahlreichen unveränderten, längeren Zitaten33 ihrer Aussagen, Erkenntnisse und
nicht zuletzt ihrer aufschlussreichen Storys. Die Zitate übermitteln praktische
Erfahrungen und geben direkte Beobachtungen wieder, sie dürften daher beson­
ders interessant sein. Die Befragten hörten Fragen zum Thema Macht in dieser
konzentrierten Art zum ersten Mal und hatten daher auch keine vorgefertigten
Routineantworten auf Lager. So sind auch die oft längeren Gesprächspausen zu
erklären, in denen quasi immer wieder Tritt gefasst werden musste.
Hinzu kommt ein kommunikatives Phänomen. Fragen werden und wurden
auch in den Gesprächen nicht immer messerscharf und haargenau beantwor­
tet. Sie regten teilweise auch zu Abschweifungen und längeren Exkursen an, die
oft sehr interessant waren, aber nicht unmittelbar etwas mit dem Thema Macht
zu tun hatten. Sie wurden nicht eliminiert, sondern blieben weitgehend erhal­
ten. Trotzdem mussten aus Platzgründen Kürzungen vorgenommen werden.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
15
Einführung
Die Ergebnisse wurden zurückhaltend zusammengefasst, um dem Leser ein
eigenes Urteil zu ermöglichen.
Einschränkend und verallgemeinert muss noch hinzugefügt werden, dass
das, was wir in einem Gespräch hören, nie die Wirklichkeit ist. Wirklichkeit
ist immer ein Stück weit konstruiert und beim Thema Macht auch mit insze­
niert und mitgestaltet. Was Menschen in Gesprächen mitteilen, sind persön­
liche Wahrnehmungen, Beschreibungen, in Sprache gefasste Erfahrungen,
Beobachtungen, die sowohl eine sozialkulturelle als auch eine subjektiv gefärb­
te Dimension aufweisen.
Die Befragten wurden gebeten, bei der Durchsicht des Transkripts mög­
lichst wenig im eigenen Sprachstil zu verändern. Eine Spur vom Kolorit des
Gesprächs und von der Persönlichkeit der Interviewten sollte auch im ge­
druckten Text spürbar bleiben. Deshalb wurde auf druckreifes „Glattbügeln“
der Zitate verzichtet.
Ein nicht immer dem Duden gerechter Satzbau, Wiederholungen, das manch­
mal Unbeholfene jeder mündlichen Kommunikation bleibt so in grossen
Teilen erhalten.
6.  Ein Wunsch an die Leser
Erfahrungen, Erkenntnisse und Geschichten der Gesprächspartner können
dem Leser keine Patentrezepte zum Umgang mit Macht anbieten. Es sind sub­
jektive Innenansichten von Menschen, die Macht in verschiedenen Positionen
in all ihren Facetten praktisch erfahren haben.
Nicht jede geschilderte Situation oder jede Antwort ist notwendigerweise
bedeutsam. Aber sie kann Anregungen für eigenes Lernen und Reflektieren
bieten. Wir können lernen, indem wir Antworten studieren und unsere
Reaktionen auf diese Antworten beobachten. Wir können lernen, indem wir
auf Unterschiede und unserer Reaktion darauf achten. Dieser Prozess kann ei­
genes Verhalten gegenüber der Macht bewusster machen.
Der Sinn dieser Texte erschliesst sich eben nicht nur in den Texten selbst, son­
dern auch in der kritischen Auseinandersetzung des Lesers mit ihnen. Es sind
Reaktionen möglich, die von begeisterter Zustimmung bis zu vollkommener
Ablehnung reichen (Ich sehe es genauso. Ich sehe es nicht so. Ich sehe es an­
ders. Es ärgert mich. Warum wohl?). Es sind die Leser, die den Text aufgrund
ihrer eigenen subjektiven Erfahrungen interpretieren. Unterschiedliche Leser
werden Unterschiedliches aus dem Buch herauslesen. Daher wünsche ich mir
neugierige, nachdenkliche Leser, denen das Buch Anstösse zum Nachdenken
und Einsichten über ihr eigenes Verhältnis zur Macht vermittelt.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
17
Erster Teil:
Die Ergebnisse der Interviews nach
Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
Einleitende Bemerkungen
Vorgehensweise innerhalb der Themengruppe
Die Bearbeitung der 25 Themengruppen erfolgt in drei Schritten. Am Anfang
stehen die Frage und die dahinterstehende Absicht. Es folgen zur Illustrierung
für jede der nachfolgenden umschriebenen Gruppe die Antworten auf die
Fragen und am Schluss steht in verschiedenen Formen eine Zusammenfassung
mit den wesentlichen Elementen/Faktoren der Antworten.
Die vier Gruppen der Befragten
Aktive Topmanager
Es wurden Gespräche mit zwölf Personen geführt, die aktiv im Berufsleben
stehen, Führungsfunktionen innehaben und über langjährige Erfahrungen im
Management verfügen. Mit einem Durchschnittsalter von 50 plus stehen sie
auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Alle gehören zum oberen bzw. obersten
Management. Sie sind durch die Generation ihrer Vorgänger geprägt und aus­
gewählt worden.34 Es wurde daher vermutet, dass sie weitgehend die „Gene“
ihrer Managementväter und damit auch einen grossen Teil ihrer Werte und
Ansichten übernommen haben. Aber auch abweichende Reaktionen sind
denkbar.
Interviewt wurden drei Manager aus dem Bereich Banking, ein Manager aus
dem Bereich Immobilien und ein Manger aus dem Kulturbereich; ein profes­
sioneller Verwaltungsrat und ein Verwaltungsratspräsident eines internatio­
nalen Dienstleistungsunternehmens; ein Generaldirektor eines Medienunter­
nehmens, ein Chief Executive Officer aus dem Bereich FMCG35 und ein weib­
licher Chief Executive Officer aus dem Bereich Vermögensverwaltung; ein
Politiker mit Exekutiv- und Bankerfahrung und schliesslich ein Unternehmer,
der über politische Erfahrung verfügt.
Bei den Interviewten handelt es sich um elf Männer und eine Frau. Diese
Zusammensetzung spiegelt im Kleinen, was für die Schweiz insgesamt gilt:
Nach wie vor sind im oberen Management nur sehr wenige Frauen vertreten.36
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
18
Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
Die Befragten zeichnen sich durch eine sehr hohe Heterogenität aus. Sie sind
in unterschiedlichen Funktionen tätig und arbeiten in sehr unterschiedlichen
Branchen. Dies und die geringe Fallzahl lassen Generalisierungen nur bedingt
zu. Gleichwohl scheint es interessant, wenn sich trotz grosser Heterogenität
Gemeinsamkeiten ergeben. Diese ausgesprochene Vielfalt bietet aber die
Chance, ein breites Spektrum divergierender oder unerwarteter Standpunkte
kennenzulernen.
Pensionierte Topmanager
Diese Gruppe im Alter zwischen 63 und 85 trägt keine operationelle
Verantwortung mehr, ist nicht mehr im Tagesgeschäft involviert, hat kei­
ne Karriereziele mehr im Auge. Es sind alte Fahrensleute, die schon man­
chen Sturm erlebt und überlebt haben. Vertreter dieser Gruppe haben viele
Entwicklungen und Modeerscheinungen kommen und gehen sehen. Die
Grenzen der Machbarkeit und Macht sind ihnen bewusster geworden. Vor
diesem Hintergrund können sie die Dinge gelassener, abgehärteter und abge­
klärter betrachten. Es wurde daher vermutet, dass sie die Interviews mit einem
Rückblick auf ihre berufliche Laufbahn verbinden. Auch mit selbstkritischen
Reflexionen und Kritik an ihrer Branche wurde gerechnet.
Insgesamt wurden für diese Gruppe neun Personen interviewt. Fünf Befragte
kommen aus dem Bereich Banking, hatten Toppositionen wie Chief Executive
Officer, Mitglied der Geschäftsführung und Verwaltungsratspräsident inne.
ZweiBefragte,davoneineFrau,kommenausbankaffinenBereichen.Eineweitere
BefragtewarMitgliedderGeschäftsleitungeinesDienstleistungsunternehmens.
Ein letzter Befragter war Unternehmer.
Jungunternehmer und Berufseinsteiger
Interviewt wurden neun Jungunternehmer und Berufseinsteiger. Sie suchen
Unabhängigkeit, Eigenverantwortung und gehen Risiken bewusst ein. Der
übliche Karriereweg in einem Unternehmen ist nicht ihr Ding. Sie beob­
achten aufmerksam ihr Umfeld und wurden bisher wenig bis gar nicht mit
Machtfragen konfrontiert.37 Die Jungunternehmer sind alle in den Bereichen
IT, Softwareentwicklung und Energienutzung tätig. Sie sind Founder bzw.
Co-Founder ihres Unternehmens. Fünf von ihnen verfügen über einen
Hochschulabschluss, einer war zum Zeitpunkt des Interviews Abiturient und
ein anderer studierte im 3. Semester. Die zwei Berufseinsteiger, darunter eine
Frau, haben gerade einen Hochschulabschluss erworben und sammeln erste
Erfahrungen in einem Unternehmen. Das Alter in dieser Gruppe liegt zwi­
schen 18 und 26 Jahren. Sieben der Befragten kommen aus der Schweiz, zwei
aus Deutschland. Es wird vermutet, dass sie zum Thema Macht zusätzliche in­
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
19
Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
teressante und unkonventionelle Aspekte einbringen und ihre Antworten und
Wertvorstellungen38 sich von denen der beiden vorgenannten Gruppen in vie­
len, aber nicht allen Punkten unterscheiden.
Da diese Gruppe vom Alter, Ausbildung und Tätigkeit sehr homogen ist, wur­
de darauf verzichtet, bei ihren anonymisierten Antworten nach Profession zu
unterscheiden, wie dies bei den anderen Gruppen getan wurde.
Machtbeobachter
Sie gehören der Altersgruppe von 40 bis 60 an und haben keine operationel­
le oder Managementverantwortung und keine aktiven Verbindungen zum
Business. Stattdessen beobachten sie aber das wirtschaftliche und politische
Umfeld aufmerksam. Interviewt wurden fünf Personen, die in verschiede­
nen Bereichen arbeiten und gleichsam teilnehmende Beobachter sind, ein
Schriftsteller, eine Theologin, ein Naturwissenschaftler und zwei Ökonomen.
Von ihnen wurde zum Thema Macht eine gewisse Neutralität, aber auch kriti­
sche Distanz erwartet.
Da die Gruppe sehr heterogen ist und wenige Parallelen zwischen den ein­
zelnen Befragten bestehen, wurde bei ihnen auf eine Zusammenfassung ihrer
Antworten verzichtet. Ihre Aussagen sollen für sich selbst stehen und einen
Kontrast zu den Aussagen der anderen Gruppen bilden.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
20
Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
Einstiegsfragen
Mit den ersten fünf Fragen wurden die Gruppen zuerst auf persönlicher Ebene
abgeholt und dann sukzessive auf das Thema Macht hingeführt.
1.  Wahrgenommene Veränderungen
Die Frage hierzu lautete: „Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung in den letzten zehn
Jahren im wirtschaftlichen, politischen, technologischen Umfeld hauptsächlich
verändert?“
Diese Frage diente dem Warming-up und sollte das Gespür für die subjektive
Wahrnehmung der Befragten in ihrem Umfeld erkunden.
Antworten der aktiven Topmanager
Die aktiven Manager wurden zu den Veränderungen in ihrem Berufsfeld in­
nerhalb der letzten zehn Jahre befragt. Die Hälfte von ihnen ist aktiv im Bereich
Banking tätig oder indirekt damit verknüpft. Daraus ergaben sich spannende
Erkenntnisse zu den Entwicklungen in dieser Branche. Einerseits wurde das
Geschäft internationaler. Dazu das Mitglied der Geschäftsleitung B:
Das Geschäft ist sicher internationaler geworden. Aus einer Kulturperspektive be­
trachtet ist zum Beispiel die Credit Suisse früher eine Schweizer Bank mit interna­
tionalen Aktivitäten gewesen, heute ist sie eigentlich eine internationale Bank mit
ein paar Schweizer Aktivitäten.
Andererseits wird das Geschäft seit der Finanzkrise 2007 als erschwert wahr­
genommen:
2007 war es völlig anders als heute. Es gab eine Blase. Heute ist es im Vergleich zu
2007 schwieriger Geld zu verdienen. Die Margen sind kleiner. Der Wettbewerb
wird vielleicht auch ein bisschen einfacher, weil es eine Konsolidierung im
Bankgeschäft gibt: weniger und auch mehr spezialisierte Banken. Früher hatte
man die Möglichkeit alles zu machen, das war ein Luxus, aber man hat es nicht als
Luxus angesehen. Es war einfacher ja zu sagen als nein, das machen wir nicht, das
kostet zu viel, das birgt zu viele Risiken. – MGL A39
Das Geschäft ist sehr viel schwieriger geworden. – MD40
Das Geschäft ist schneller geworden, und die Zahlen sind grösser geworden. Wo
man vor zehn Jahren noch von Bussen in Höhe von 100 oder 200 Millionen ge­
redet hat, redet man jetzt über eine bzw. 10 Milliarden. Das ist eine interessante
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
21
Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
Kombination. Wenn die Geschwindigkeit und die latente Schadenshöhe zuneh­
men, dann wird natürlich das Geschäft inhärenter und risikoreicher. Das ist sich
selbstverstärkend. – MGL B
Ein grosses Thema im Bereich Banking ist die gewachsene Bedeutung der
Regelkonformität (Compliance):
Jeder kannte vor zehn Jahren die Risiken. Es gab überall Chief Risk Officer, aber
es gab keine Compliance-Abteilungen. Compliance ist eine Wachstumsindustrie.
Wir entdecken heutzutage Risiken, die wir in der Vergangenheit nie gesehen ha­
ben. Auch die Kunden sind nach Meinung der Compliance ein Risiko.– MGL A41
Das Umfeld, das Führen ist anders geworden. Man redet viel von Führungs­
prinzipien, die man mehr einhalten muss als früher, aber sie werden weniger ein­
gehalten.– MD
Der Reputationsaspekt ist heute viel, viel wichtiger geworden als früher. Es gibt
Sachen,diemanfrüherproblemlosmachenkonntewiezumBeispielInsiderhandel.
Heute macht man das nicht mehr, es ist verboten. – MGL B
Verbunden mit der neuen Bedeutung der Compliance ist der Regulationsdruck,
der aus Sicht der Befragten zugenommen hat:
Was sich am meisten im Bankgeschäft geändert hat, ist der Druck der Regulatoren.
Es gibt so viele verschiedene externe Einflüsse, es ist ein sehr schwieriges Umfeld.
 – MGL A
Es ist im Bankumfeld, in der Führung sehr viel politischer geworden. – MD
Es gibt mehr Regulationen, aber auch mehr Bestrebungen für nachhaltiges ver­
antwortungsbewusstes Anlegen. Wenn ich die Durchdringung anschaue, ist es
insbesondere bei den grossen entscheidenden Instituten sehr mager bis pseudo.
Es zeigt sich auch, dass die Kräfte, die die Krise begünstigt haben, heute wieder
erstarkt sind. Sie haben das regulatorische Umfeld wieder so gestaltet, dass sie sich
ungestört entfalten können. – CEO B42
Parallel dazu hat auch die Regulierung exponentiell zugenommen. Dort ist man in
der Politik der Fiktion unterlegen, dass man meint, wenn man etwas mehr regu­
liert, dann sei es auch besser. Das stimmt so nicht. – MGL B
Das Verhalten der Banken vor und nach der Finanzkrise ist auch bei den
Befragten ein Thema. Einige werfen den Banken Verantwortungslosigkeit vor:
Viele Exponenten von Finanzinstituten haben mit ihrer bonusgesteuerten Art
Arbeitsplätze gefährdet. Die Art und Weise, wie sie mit Behörden und behördli­
chen Vorgaben umgegangen sind, haben dazu geführt, dass in unserem Land ein
grosser Graben aufgebrochen ist, zwischen Menschen, die seriös und sorgfältig
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
22
Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene
arbeiten, und den Banken, die nicht wissen, wie arrogant und selbstherrlich sie
sich zum Teil anstellen. Das ist ein Spannungsfeld, dass spüre ich querbeet durch
meine Kunden, auch in meinem privaten Umfeld. Das hat dem Land und auch den
Banken nicht gut getan.  – professioneller VR43
Gesamthaftmussmansagen,dassdasVertrauenderÖffentlichkeitindieWirtschaft
und deren Akteure klar abgenommen hat. […] Die allgemeine Beurteilung der
Wirtschaft, wer immer das ist, ist skeptisch bis negativ geworden. Das war wahr­
scheinlich eine Konsequenz der Finanzkrise und der Managerlöhne. Natürlich
spielen auch soziale Veränderungen, mehr Transparenz, mehr Medienpräsenz,
eine Rolle. – VRP44
Im Bereich Banking fühlt man sich zum Teil auch zu Unrecht an den Pranger
gestellt:
Es gibt auch eine Empörungsbewirtschaftung. Die Industrie und deren Exponen­
ten haben die Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft nicht mehr. Das wird von den
Journalisten verstärkt […] und die Politiker nehmen das dankbar auf. Das wird
immer schlimmer. – MGL B
Instabilität erscheint als grosse Konstante der letzten zehn Jahre.
Als ich in den 80er-Jahren in eine Grossbank kam, da war es stabil, da bewegte
sich wenig, alles war klar. Es war übersichtlich, das ist heute nicht mehr so. Heute
gibt es Attacken von allen Seiten. Die Verhältnisse im Beruf sind instabiler gewor­
den. Die Verweildauer von CEOs oder Geschäftsleitungsmitgliedern, auch von
Verwaltungsräten ist kürzer geworden. – VRP
In Grossunternehmen hat sich das Denken wie hire and fire noch stärker als bisher
etabliert. Der Mensch ist kein Wert mehr, sondern eine Ware.  – MGL C
Aber nicht nur im kommerziellen Bereich wird mehr Druck verspürt.
Vergleichbare Erfahrungen macht auch der befragte Musikmanager:
Die öffentlichen Mittel werden weniger und der Konkurrenzkampf um diese
Mittel wird viel lebendiger, lebhafter. Das tut oft weh. Das ist das Äusserliche; das
hat natürlich weitere Folgen im künstlerischen Bereich, hat Auswirkungen auf das
was man programmatisch macht. Es gibt immer mehr einen Trend zu Events, die
sich dann auch auszahlen müssen. Es ist jetzt so, dass die teuersten Künstler, die
teuersten Investitionen die Billigsten sind, weil die das meiste Geld bringen. Damit
finanziert man dann quer all das, was für die Kultur, für das kulturelle Leben wich­
tig und unabdingbar ist.
Der Wettbewerb und die Konkurrenz werden schärfer. Der finanzielle Über­
lebenskampf auch der öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen muss immer
wieder neu gewonnen werden.
Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016

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Stimmen der Macht (Walter K.H. Hoffmann): Leseprobe

  • 1. Walter K.H.Hoffmann Bekenntnisse und Erkenntnisse aus Unternehmen
  • 2. Wenn man den Charakter eines Menschen auf die Probe stellen will, muss man ihm Macht geben. Abraham Lincoln Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters (Auszug) Nicht die Neinsager, sondern wer optimistisch denkt, verändert die Welt. Und die Konsequenz ist, dass diese Menschen auch mehr Reichtum und Macht anhäufen. Sebastian Thrun1 Wir haben uns von der Natur abgewandt. Stattdessen geht es nur um Geld und Macht. Jane Goodall, Primatenforscherin und Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen Der Tod ist vielleicht die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Unternehmensberater des Lebens. Er mistet das Alte aus, um Platz für das Neue zu schaffen. Heute bist du das Neue, aber irgendwann in naher Zukunft wirst du das Alte sein und ausgemistet werden. Sorry, wenn ich so dramatisch bin, aber so ist es nun mal. Steve Jobs Some day, we will all die, Snoopy! True, but on all the other days, we will not. Charlie Brown zu Snoopy
  • 3. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio- grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-7281-3763-0 (Printausgabe) ISBN 978-3-7281-3764-7 (E-Book) DOI 10.3218/3764-7 www.vdf.ethz.ch verlag@vdf.ethz.ch © 2016, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich Das Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt besonders für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
  • 4. 5 Inhaltsverzeichnis Vorwort 9 Einführung 11 1.  Erkenntnisinteresse und Zielgruppen  11 2.  Abgrenzung des Themas  12 3.  Zur Methode 13 4.  Warum Anonymität der Gesprächspartner?  14 5.  Authentizität und Realitätsnähe  14 6.  Ein Wunsch an die Leser  15 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene  17 Einleitende Bemerkungen  17 Die vier Gruppen der Befragten  17 Einstiegsfragen 20 1.  Wahrgenommene Veränderungen  20 2.  Vorbilder und Werte  33 3.  Das Interessante an Macht  46 4. Machtmissbrauch 55 5.  Mächtige Personen und Organisationen  62 Originalzitate von Mächtigen  68 6.  Ambivalenz von Macht  68 7.  Macht und Verantwortung  73 8.  Macht als Verlockung  78 9.  Macht und Opportunismus  84 10.  Macht und Konkurrenten  90 11.  Frauen und Macht   96 12.  Feedback und Macht  103 13.  Macht und Einsamkeit  110 14.  Macht der Pendenzen  116 15.  Macht und Angst  123 16.  Endlichkeit der Macht  130 17.  Macht und Sucht  135 Einige Behauptungen und Fragen  141 18.  Macht und Ohnmacht  141 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016 zur Publikation: http://vdf.ch/stimmen-der-macht.html
  • 5. 6 Inhaltsverzeichnis 19.  Grenzen der Macht  148 20.  Macht und Verantwortungslosigkeit  155 21.  Macht als Hülle?  163 22.  Macht und Selbstreflexion  169 23.  Macht und Machtverzicht  175 24.  Machtvorstellungen in der Zukunft  179 25.  Ergänzende Aspekte zur Macht  181 Gemeinsamkeiten und Unterschiede  191 Zweiter Teil: Machtgruppierungen, Machteliten und deren Vernetzung, die neue Mächtigen (Jungunternehmer) – die strukturelle Ebene  197 1.  Alte und neue Machtgruppierungen  197 1.1  Internationale Grossbanken (Bedeutung, Bussen, Lobbying)  197 1.2 Schattenbanken 201 1.3 Circle-Unternehmen 204 1.4  Die Zentralbanken als neues „Zentralkomitee“   208 1.5 Ratingagenturen  211 1.6  National Security Agency (NSA)   213 1.7 Fazit 215 2.  Machteliten und deren Vernetzung   215 2.1 Ausprägungen, Formen 215 2.2  Ein globales Netzwerk kontrolliert die Weltwirtschaft  216 2.3  Beispiele internationaler und nationaler Netzwerke   217 –– World Economic Forum (WEF), Davos   217 –– Institute of International Finance (IIF)   218 –– Bilderberg-Konferenz   218 –– Trilaterale Kommission   219 –– Group of Thirty (G30)   219 –– Rive Reine Tagung   219 –– Club zum Rennweg Zürich   220 –– Bohemian Grove Club, Kalifornien/USA   220 –– Ecole nationale d’administration, Frankreich (ENA)   220 –– Die Similauner   221 2.4  Einige Merkmale von Elitenetzwerken  221 2.5 Fazit 222 3.  Die neuen Mächtigen – Jungunternehmer/Start-ups  222 3.1  Warum gerade Jungunternehmer/Start-ups  222 3.2  Selbstzeugnisse der befragten Jungunternehmer  223 3.3  Zusammenfassung und Ausblick  226 Die „Zukunft der Macht“   227 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 6. 7 Inhaltsverzeichnis Abkürzungen 231 Anhänge 233 Anhang 1 – Vollabdruck des Interviews mit einem Musikmanager  233 Anhang 2 – Vollabdruck des Interviews mit einem Jungunternehmer 243 Anhang 3 – Interview mit James Glattfelder  253 Anhang 4 – Gesprächsleitfaden  258 Anhang 5 – Auswertung der Frage: Seit 2007/8 gibt es die Finanz-, Schulden-, Banken- und Eurokrise. Wie hat sich diese Krise ver­ mutlich auf Ihre Einstellung, Ihre Denkweise gegenüber dem Thema Macht ausgewirkt?  261 Anhang 6: Teilnehmer Bilderberg-Konferenz 2015(Auswahl) 265 Anhang 7: Mitglieder der Group of Thirty (Auswahl)  267 Literaturverzeichnis 269 Bücher und Zeitschriftenartikel  269 Zeitungen und Zeitschriften  273 Anmerkungen 275 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 7. 9 Vorwort „Machtspiele sind nicht nur in der Politik alltäglich, sondern sie sind auch Teil unserer Kommunikation im Privatleben und in der Arbeitswelt. Bewusst oder unbewusst spielen wir mit, sind selber Figuren des Machtspiels oder bewegen andere dazu, mitzuspielen. … Was bedeutet Macht? Kommt zuerst die Macht und dann die Moral? Was macht die Macht mit uns? Entscheidet das Kapital über Sein oder Nichtsein? Leben wir in einer Welt aus Soll und Haben? Ist die Sprache der Liebe durch­ drungen von jener des Geldes und der Macht? Ist Geld die alles bestimmende Himmelsmacht?“ Das klingt wie aus der Feder eines kritischen Soziologen. Es beschreibt aber eine Veranstaltung (Machtspiele. Facetten der Macht in der Politik, Kirche und Gesellschaft) aus dem Programmheft der Festspiele Zürich 2015, die unter dem Motto: „Geld, Macht, Liebe. Shakespeare und andere Gewalten“ standen. Auch die „unpolitische“ Kultur kann durchaus politisch agieren. Zum Thema Macht ist sehr vieles gesagt und noch mehr geschrieben worden. Aber noch nicht alles. Und das wird auch nach diesem Buch so bleiben. Das Thema Macht ist eine never-ending story2 in allen Lebensbereichen, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Es gibt hierzu eine fast unübersehbare Fülle3 von Büchern, Artikeln und Untersuchungen in unterschiedlicher Qualität, doch bleibt das Thema Macht schwierig, lückenhaft4, zumal wenn es sich wie in diesem Buch um authenti­ sche Originalaussagen der Mächtigen handelt. Macht war und ist auch weiter­ hin mit einem Tabu behaftet, auch wenn in den letzten Jahren vieles erhellt5 wurde. Das Thema Macht in der Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren von den Medien immer wieder aufgegriffen, wie eine kurze Auswahl zeigt: –– Schwarmintelligenz. McKinsey. Der Kultberater unterhält ein globales Netz aus Ehemaligen. Die sitzen in den Schaltzentralen und steuern ganze Volkswirtschaften.6 –– Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt.7 –– Wer ist der Chef? Sergio Ermotti und Axel Weber: das ungleiche Paar an der UBS-Spitze.8 –– Merkiavellis Macht.9 –– Im Haifischbecken. Jede Firma ist täglich Schauplatz von Machtkämpfen.10 –– Machtkampf der Alphatiere bei Volkswagen. Aufsichtsratschef Piech stellt Unternehmensleiter Winterkorn bloss.11 –– Der verkaufte Fussball. Sepp Blatter und die Macht der FIFA.12 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 8. 10 Vorwort Dieses Buch verdankt seine Entstehung 35 Menschen, die sich in Macht­ positionenderunterschiedlichstenArtbefandenundbefinden.IhreBereitschaft zu offenen Gesprächen, ihre Stimmen, ihre Bekenntnisse, ihre Verweise auf weitere interessante Gesprächspartner sowie ihre ermutigenden Kommentare zu diesem Projekt haben entscheidend zum Gelingen des Buches beigetragen. Einen speziellen Beitrag hat Markus Bossert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Institut der Universität Basel, geleistet. Er hat beratend ver­ schiedene Ansätze zur Auswertung der Daten aufgezeigt und das Projekt mit konstruktiv-kritischem Blick, Ideen und Anregungen begleitet. Insbesondere war er intensiv an der Auswertung der Interviews beteiligt. Allen Beteiligten möchte ich für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung, ihre Offenheit und ihre Ideen herzlich danken. Walter K. H. Hoffmann März 2016 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 9. 11 Einführung 1.  Erkenntnisinteresse und Zielgruppen Das Hauptinteresse besteht darin, vertiefte Einblicke im Originalton in die Denk- und Verhaltensweisen der befragten Gruppen zu gewinnen. Dieses Interesse spiegelt sich in den zentralen Fragen wider (siehe Anhang 4). Seit dem Erscheinen des Buches „Macht im Management“13 im Jahr 2003 hat sich die Welt in fast allen Bereichen entscheidend verändert. Eine der Vermutungen war, dass die Finanz-, Schulden- und Eurokrise, die uns seit 2007/8 begleitet und auch weiterhin begleiten wird, das Denken der Mächtigen beeinflusst hat. In den Interviews hat sich diese Vermutung an mehreren Stellen bestätigt.14 Es wurden in 35 Interviews15 vier verschiedene Gruppen16 befragt, die sich in Bezug auf Funktion, Alter, Erfahrung, beruflicher Position und fachlicher Ausrichtung erheblich unterscheiden. • Zwölf pensionierte Topmanager (die „Vätergeneration“) • Neun aktive Vertreter des oberen Managements (die Generation der „Söhne“) • Neun Jungunternehmer und Hochschulabsolventen (die „Enkel­ generation“) • Fünf „neutrale“ Machtbeobachter („non-executives“) Es wurde angestrebt, innerhalb dieser Gruppe und zwischen den Gruppen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf Machtfragen her­ auszuarbeiten. Das Thema Macht wird so gleichsam aus vier Perspektiven be­ leuchtet. Das Buch richtet sich an folgende Leserschaft: –– pensionierte Manager, die rückblickend im Sinne einer Nachevaluation ihre Erfahrungen reflektieren möchten, –– aktive Manager, die ihre bisherigen Erfahrungen hinterfragen wollen, –– Vertreter der jungen Generation, die noch viele Machterfahrungen vor sich haben und –– andere, die sich für das Thema Macht interessieren. Im ersten Teil, dem Hauptteil des Buches, werden die Ergebnisse der Interviews wiedergeben und zusammengefasst. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 10. 12 Einführung Im zweiten Teil, einem ergänzenden Teil, werden alte und neue Machtgruppie­ rungen, Machteliten und deren Vernetzungen sowie die neuen, potenziell Mächtigen, die Jungunternehmer, behandelt. 2.  Abgrenzung des Themas Die grosse Mehrheit der Befragten kommt aus der Wirtschaft, insbesondere aus den Banken. Die Wirtschaft ist aber nur ein, wenn auch wichtiger, gros­ ser Player. Auf dem oft glatten Parkett der Macht tummeln sich daneben vor allem Vertreter aus der Politik17 (Parteien, Parlament) und der Wissenschaft sowie Verbände und Lobbyisten.18 Auch in den Bereichen Kultur,19 Medien20 (Zeitungen,21 Fernsehen22), Religion23 spielt Macht eine bedeutende Rolle. Die Konzentration auf die Wirtschaft hatte zwei Gründe. Zum einen ist mir dieser Bereich am meisten vertraut und es ergaben sich daher leichtere Zugänge. Zum anderen glaube ich nicht so recht an das offiziell herrschen­ de Primat der Politik. Die Wirtschaft sitzt letztendlich direkt oder indi­ rekt über ihre Interessenvertreter am längeren Hebel. Zudem herrscht zwi­ schen der Politik und Wirtschaft oft, aber zum Glück nicht immer, eine ge­ wisse Interessenharmonie. Es gibt weitere Mächtige wie Firmenanwälte, Anwaltsfirmen,24 Unternehmensberater, Global Compensation Consultants,25 Chefärzte, Compliance-Manager26 oder Journalisten. Nicht zu vergessen sind Organisationen wie die nationalen Notenbanken, Aufsichtsbehörden wie die Eidgenössische Finanzaufsicht (FINMA) oder die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die Europäische Zentralbank, der Internationale Währungsfonds, die Europäische Kommission, die Weltbank, Ratingagenturen und Gewerkschaften (in Deutschland insbesondere die der Lokführer und der Piloten). Sie alle beeinflussen wichtige wirtschaftliche und politische Weichenstellungen und üben damit Macht aus. Auch die Macht von Hacker-Gruppierungen darf nicht unterschätzt werden, da sie zuneh­ mend Netzwerke staatlicher Institutionen und privater Unternehmen angrei­ fen.27 Auch Populisten, z.B. in Frankreich, Deutschland, England oder in der Schweiz, verfügen über ein erhebliches Machtpotenzial.28 Wie die Beispiele der Anschläge in New York am 11. September 2001 und in Paris im November 2015 gezeigt haben, verfügen auch Terroristen über ein erhebliches Machtpotenzial. Sie können der Bevölkerung Angst und Schrecken einjagen, das öffentliche Leben lahmlegen und den Gang der Wirtschaft erheblich beeinflussen. Alle diese erwähnten Gruppen sind zwar einflussreich und mächtig, werden aber in diesem Buch nur am Rande oder gar nicht behandelt. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 11. 13 Einführung 3.  Zur Methode29 Es ist anregend und aufschlussreich mit Menschen zu sprechen, die aufgrund ihrer Praxiserfahrungen unterschiedliche Sichtweisen zu einem Thema im Originalton einbringen können. Macht ist ein Thema, das die Befragten im täg­ lichen Berufsleben „umhüllt“, über das sie aber nicht oder kaum Gelegenheiten hatten, unter Wahrung der Anonymität, offen zu sprechen und zu reflektieren. Jede Frage ist ein Suchen und eine Einladung zum Nachdenken. So ist es auch hier. Es geht um das Stellen von Fragen und Suchen nach Antworten zu einem Thema, das uns alle betrifft – mehr oder weniger. Mit einer Frage werden Menschen zu einer Antwort zwecks Beseitigung ei­ ner Informationslücke herausgefordert. Fragen können aber auch helfen, den Befragten zum Reflektieren anzuregen und zu neuen Einsichten30 zu gelangen. Als Befragungsmethode wurden standardisierte, qualitative Interviews ge­ wählt. Diese Form bietet sich an, um Sachverhalte tiefgehender zu untersu­ chen. Dabei dienen die Aussagen und Berichte den Befragten zur Verarbeitung, Bilanzierung und Bewertung ihrer Erfahrungen und vermitteln so wertvolle Einblicke in ihre Denkweise. Zur Strukturierung der Interviews wurde ein Gesprächsleitfaden (siehe Anhang 4) verwendet. Er erlaubt dem Interviewer einheitliche Schwerpunkte zu setzen, was die Vergleichbarkeit von Interviews erleichtert, lässt aber den Befragten Raum für eigene Formulierungen. Die angewandte Interviewmethode ist somit offener als ein Multiple-Choice- Fragebogen, jedoch fokussierter als zum Beispiel eine biografisch-narrative Gesprächsführung.31 Das qualitative Interview verlangt Offenheit und Flexibilität des Befragers ge­ genüber den Befragten, um für unerwartete Informationen empfänglich zu sein und auf unerwartete Umstände reagieren zu können. Dies hat eine Konsequenz: Der Erkundungscharakter steht im Vordergrund, die theoretische Durchdringung des Befragungsfeldes wird entsprechend zu­ rückgestellt. Interviews im qualitativen Sinne verstehen sich als Kommunikation und Interaktion zwischen Befrager und den Befragten. Eine Unabhängigkeit zwi­ schen beiden gibt es nicht. Es kann zu kognitiven Verzerrungen (cognitive bias) beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen kommen.32 Ein Beispiel: Durch Betonung einzelner Worte, durch zustimmende oder ablehnende nonverbale Signale des Befragers werden möglicherweise unter­ schwellig Wertungen übermittelt, die wiederum die Antworten des Befragten beeinflussen können. Bei qualitativen Interviews geht es nicht um eine repräsentative Fallzahl, die Rückschlüsse auf eine Grundgesamtheit erlaubt, sondern um eine vielfältige Auswahl von Personen, die für die Fragestellung ein breites Spektrum von Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 12. 14 Einführung Aspekten eröffnet und eine Durchdringung des Themas erlaubt. Ziel war es, mit den 35 Interviews und den vier unterschiedlichen Personengruppen die­ sem Anspruch gerecht zu werden. 4.  Warum Anonymität der Gesprächspartner? Um „window-dressing“ für die Öffentlichkeit zu vermeiden und stattdessen möglichst offene, ungeschminkte, authentische und realitätsnahe Antworten zu erhalten, wurde den Gesprächspartnern angeboten, ihre Namen und ihre Herkunft zu anonymisieren. Von diesem Angebot machten praktisch alle Beteiligten Gebrauch. Offenheit entsteht nur bei Zusicherung von Anonymität und Diskretion – eine Spielregel, die eingehalten wurde. Die Mächtigen hätten vermutlich nicht die gleichen Antworten gegeben, wenn ihre Namen genannt worden wären. Das ist auch Macht: Die Karten nicht offenlegen. Dieser Schutz der Persönlichkeit hat zur Authentizität und Realitätsnähe der Aussagen beigetragen. Ein nachvollziehbares Interesse der Leser an den Namen der Befragten musste dafür auf der Strecke bleiben. Es mag den einen oder anderen Leser verlocken, sich in fantasievolle Spekulationen zu ergehen, wer wohl was gesagt haben könnte. Die Chance ei­ ner Fehlspekulation ist allerdings erheblich. 5.  Authentizität und Realitätsnähe Das Buch lebt von der Authentizität und Realitätsnähe. Um dies zu erreichen, kommen die Befragten ausführlich zu Wort, d.h., der Originalton spiegelt sich in zahlreichen unveränderten, längeren Zitaten33 ihrer Aussagen, Erkenntnisse und nicht zuletzt ihrer aufschlussreichen Storys. Die Zitate übermitteln praktische Erfahrungen und geben direkte Beobachtungen wieder, sie dürften daher beson­ ders interessant sein. Die Befragten hörten Fragen zum Thema Macht in dieser konzentrierten Art zum ersten Mal und hatten daher auch keine vorgefertigten Routineantworten auf Lager. So sind auch die oft längeren Gesprächspausen zu erklären, in denen quasi immer wieder Tritt gefasst werden musste. Hinzu kommt ein kommunikatives Phänomen. Fragen werden und wurden auch in den Gesprächen nicht immer messerscharf und haargenau beantwor­ tet. Sie regten teilweise auch zu Abschweifungen und längeren Exkursen an, die oft sehr interessant waren, aber nicht unmittelbar etwas mit dem Thema Macht zu tun hatten. Sie wurden nicht eliminiert, sondern blieben weitgehend erhal­ ten. Trotzdem mussten aus Platzgründen Kürzungen vorgenommen werden. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 13. 15 Einführung Die Ergebnisse wurden zurückhaltend zusammengefasst, um dem Leser ein eigenes Urteil zu ermöglichen. Einschränkend und verallgemeinert muss noch hinzugefügt werden, dass das, was wir in einem Gespräch hören, nie die Wirklichkeit ist. Wirklichkeit ist immer ein Stück weit konstruiert und beim Thema Macht auch mit insze­ niert und mitgestaltet. Was Menschen in Gesprächen mitteilen, sind persön­ liche Wahrnehmungen, Beschreibungen, in Sprache gefasste Erfahrungen, Beobachtungen, die sowohl eine sozialkulturelle als auch eine subjektiv gefärb­ te Dimension aufweisen. Die Befragten wurden gebeten, bei der Durchsicht des Transkripts mög­ lichst wenig im eigenen Sprachstil zu verändern. Eine Spur vom Kolorit des Gesprächs und von der Persönlichkeit der Interviewten sollte auch im ge­ druckten Text spürbar bleiben. Deshalb wurde auf druckreifes „Glattbügeln“ der Zitate verzichtet. Ein nicht immer dem Duden gerechter Satzbau, Wiederholungen, das manch­ mal Unbeholfene jeder mündlichen Kommunikation bleibt so in grossen Teilen erhalten. 6.  Ein Wunsch an die Leser Erfahrungen, Erkenntnisse und Geschichten der Gesprächspartner können dem Leser keine Patentrezepte zum Umgang mit Macht anbieten. Es sind sub­ jektive Innenansichten von Menschen, die Macht in verschiedenen Positionen in all ihren Facetten praktisch erfahren haben. Nicht jede geschilderte Situation oder jede Antwort ist notwendigerweise bedeutsam. Aber sie kann Anregungen für eigenes Lernen und Reflektieren bieten. Wir können lernen, indem wir Antworten studieren und unsere Reaktionen auf diese Antworten beobachten. Wir können lernen, indem wir auf Unterschiede und unserer Reaktion darauf achten. Dieser Prozess kann ei­ genes Verhalten gegenüber der Macht bewusster machen. Der Sinn dieser Texte erschliesst sich eben nicht nur in den Texten selbst, son­ dern auch in der kritischen Auseinandersetzung des Lesers mit ihnen. Es sind Reaktionen möglich, die von begeisterter Zustimmung bis zu vollkommener Ablehnung reichen (Ich sehe es genauso. Ich sehe es nicht so. Ich sehe es an­ ders. Es ärgert mich. Warum wohl?). Es sind die Leser, die den Text aufgrund ihrer eigenen subjektiven Erfahrungen interpretieren. Unterschiedliche Leser werden Unterschiedliches aus dem Buch herauslesen. Daher wünsche ich mir neugierige, nachdenkliche Leser, denen das Buch Anstösse zum Nachdenken und Einsichten über ihr eigenes Verhältnis zur Macht vermittelt. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 14. 17 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene Einleitende Bemerkungen Vorgehensweise innerhalb der Themengruppe Die Bearbeitung der 25 Themengruppen erfolgt in drei Schritten. Am Anfang stehen die Frage und die dahinterstehende Absicht. Es folgen zur Illustrierung für jede der nachfolgenden umschriebenen Gruppe die Antworten auf die Fragen und am Schluss steht in verschiedenen Formen eine Zusammenfassung mit den wesentlichen Elementen/Faktoren der Antworten. Die vier Gruppen der Befragten Aktive Topmanager Es wurden Gespräche mit zwölf Personen geführt, die aktiv im Berufsleben stehen, Führungsfunktionen innehaben und über langjährige Erfahrungen im Management verfügen. Mit einem Durchschnittsalter von 50 plus stehen sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Alle gehören zum oberen bzw. obersten Management. Sie sind durch die Generation ihrer Vorgänger geprägt und aus­ gewählt worden.34 Es wurde daher vermutet, dass sie weitgehend die „Gene“ ihrer Managementväter und damit auch einen grossen Teil ihrer Werte und Ansichten übernommen haben. Aber auch abweichende Reaktionen sind denkbar. Interviewt wurden drei Manager aus dem Bereich Banking, ein Manager aus dem Bereich Immobilien und ein Manger aus dem Kulturbereich; ein profes­ sioneller Verwaltungsrat und ein Verwaltungsratspräsident eines internatio­ nalen Dienstleistungsunternehmens; ein Generaldirektor eines Medienunter­ nehmens, ein Chief Executive Officer aus dem Bereich FMCG35 und ein weib­ licher Chief Executive Officer aus dem Bereich Vermögensverwaltung; ein Politiker mit Exekutiv- und Bankerfahrung und schliesslich ein Unternehmer, der über politische Erfahrung verfügt. Bei den Interviewten handelt es sich um elf Männer und eine Frau. Diese Zusammensetzung spiegelt im Kleinen, was für die Schweiz insgesamt gilt: Nach wie vor sind im oberen Management nur sehr wenige Frauen vertreten.36 Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 15. 18 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene Die Befragten zeichnen sich durch eine sehr hohe Heterogenität aus. Sie sind in unterschiedlichen Funktionen tätig und arbeiten in sehr unterschiedlichen Branchen. Dies und die geringe Fallzahl lassen Generalisierungen nur bedingt zu. Gleichwohl scheint es interessant, wenn sich trotz grosser Heterogenität Gemeinsamkeiten ergeben. Diese ausgesprochene Vielfalt bietet aber die Chance, ein breites Spektrum divergierender oder unerwarteter Standpunkte kennenzulernen. Pensionierte Topmanager Diese Gruppe im Alter zwischen 63 und 85 trägt keine operationelle Verantwortung mehr, ist nicht mehr im Tagesgeschäft involviert, hat kei­ ne Karriereziele mehr im Auge. Es sind alte Fahrensleute, die schon man­ chen Sturm erlebt und überlebt haben. Vertreter dieser Gruppe haben viele Entwicklungen und Modeerscheinungen kommen und gehen sehen. Die Grenzen der Machbarkeit und Macht sind ihnen bewusster geworden. Vor diesem Hintergrund können sie die Dinge gelassener, abgehärteter und abge­ klärter betrachten. Es wurde daher vermutet, dass sie die Interviews mit einem Rückblick auf ihre berufliche Laufbahn verbinden. Auch mit selbstkritischen Reflexionen und Kritik an ihrer Branche wurde gerechnet. Insgesamt wurden für diese Gruppe neun Personen interviewt. Fünf Befragte kommen aus dem Bereich Banking, hatten Toppositionen wie Chief Executive Officer, Mitglied der Geschäftsführung und Verwaltungsratspräsident inne. ZweiBefragte,davoneineFrau,kommenausbankaffinenBereichen.Eineweitere BefragtewarMitgliedderGeschäftsleitungeinesDienstleistungsunternehmens. Ein letzter Befragter war Unternehmer. Jungunternehmer und Berufseinsteiger Interviewt wurden neun Jungunternehmer und Berufseinsteiger. Sie suchen Unabhängigkeit, Eigenverantwortung und gehen Risiken bewusst ein. Der übliche Karriereweg in einem Unternehmen ist nicht ihr Ding. Sie beob­ achten aufmerksam ihr Umfeld und wurden bisher wenig bis gar nicht mit Machtfragen konfrontiert.37 Die Jungunternehmer sind alle in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und Energienutzung tätig. Sie sind Founder bzw. Co-Founder ihres Unternehmens. Fünf von ihnen verfügen über einen Hochschulabschluss, einer war zum Zeitpunkt des Interviews Abiturient und ein anderer studierte im 3. Semester. Die zwei Berufseinsteiger, darunter eine Frau, haben gerade einen Hochschulabschluss erworben und sammeln erste Erfahrungen in einem Unternehmen. Das Alter in dieser Gruppe liegt zwi­ schen 18 und 26 Jahren. Sieben der Befragten kommen aus der Schweiz, zwei aus Deutschland. Es wird vermutet, dass sie zum Thema Macht zusätzliche in­ Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 16. 19 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene teressante und unkonventionelle Aspekte einbringen und ihre Antworten und Wertvorstellungen38 sich von denen der beiden vorgenannten Gruppen in vie­ len, aber nicht allen Punkten unterscheiden. Da diese Gruppe vom Alter, Ausbildung und Tätigkeit sehr homogen ist, wur­ de darauf verzichtet, bei ihren anonymisierten Antworten nach Profession zu unterscheiden, wie dies bei den anderen Gruppen getan wurde. Machtbeobachter Sie gehören der Altersgruppe von 40 bis 60 an und haben keine operationel­ le oder Managementverantwortung und keine aktiven Verbindungen zum Business. Stattdessen beobachten sie aber das wirtschaftliche und politische Umfeld aufmerksam. Interviewt wurden fünf Personen, die in verschiede­ nen Bereichen arbeiten und gleichsam teilnehmende Beobachter sind, ein Schriftsteller, eine Theologin, ein Naturwissenschaftler und zwei Ökonomen. Von ihnen wurde zum Thema Macht eine gewisse Neutralität, aber auch kriti­ sche Distanz erwartet. Da die Gruppe sehr heterogen ist und wenige Parallelen zwischen den ein­ zelnen Befragten bestehen, wurde bei ihnen auf eine Zusammenfassung ihrer Antworten verzichtet. Ihre Aussagen sollen für sich selbst stehen und einen Kontrast zu den Aussagen der anderen Gruppen bilden. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 17. 20 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene Einstiegsfragen Mit den ersten fünf Fragen wurden die Gruppen zuerst auf persönlicher Ebene abgeholt und dann sukzessive auf das Thema Macht hingeführt. 1.  Wahrgenommene Veränderungen Die Frage hierzu lautete: „Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung in den letzten zehn Jahren im wirtschaftlichen, politischen, technologischen Umfeld hauptsächlich verändert?“ Diese Frage diente dem Warming-up und sollte das Gespür für die subjektive Wahrnehmung der Befragten in ihrem Umfeld erkunden. Antworten der aktiven Topmanager Die aktiven Manager wurden zu den Veränderungen in ihrem Berufsfeld in­ nerhalb der letzten zehn Jahre befragt. Die Hälfte von ihnen ist aktiv im Bereich Banking tätig oder indirekt damit verknüpft. Daraus ergaben sich spannende Erkenntnisse zu den Entwicklungen in dieser Branche. Einerseits wurde das Geschäft internationaler. Dazu das Mitglied der Geschäftsleitung B: Das Geschäft ist sicher internationaler geworden. Aus einer Kulturperspektive be­ trachtet ist zum Beispiel die Credit Suisse früher eine Schweizer Bank mit interna­ tionalen Aktivitäten gewesen, heute ist sie eigentlich eine internationale Bank mit ein paar Schweizer Aktivitäten. Andererseits wird das Geschäft seit der Finanzkrise 2007 als erschwert wahr­ genommen: 2007 war es völlig anders als heute. Es gab eine Blase. Heute ist es im Vergleich zu 2007 schwieriger Geld zu verdienen. Die Margen sind kleiner. Der Wettbewerb wird vielleicht auch ein bisschen einfacher, weil es eine Konsolidierung im Bankgeschäft gibt: weniger und auch mehr spezialisierte Banken. Früher hatte man die Möglichkeit alles zu machen, das war ein Luxus, aber man hat es nicht als Luxus angesehen. Es war einfacher ja zu sagen als nein, das machen wir nicht, das kostet zu viel, das birgt zu viele Risiken. – MGL A39 Das Geschäft ist sehr viel schwieriger geworden. – MD40 Das Geschäft ist schneller geworden, und die Zahlen sind grösser geworden. Wo man vor zehn Jahren noch von Bussen in Höhe von 100 oder 200 Millionen ge­ redet hat, redet man jetzt über eine bzw. 10 Milliarden. Das ist eine interessante Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 18. 21 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene Kombination. Wenn die Geschwindigkeit und die latente Schadenshöhe zuneh­ men, dann wird natürlich das Geschäft inhärenter und risikoreicher. Das ist sich selbstverstärkend. – MGL B Ein grosses Thema im Bereich Banking ist die gewachsene Bedeutung der Regelkonformität (Compliance): Jeder kannte vor zehn Jahren die Risiken. Es gab überall Chief Risk Officer, aber es gab keine Compliance-Abteilungen. Compliance ist eine Wachstumsindustrie. Wir entdecken heutzutage Risiken, die wir in der Vergangenheit nie gesehen ha­ ben. Auch die Kunden sind nach Meinung der Compliance ein Risiko.– MGL A41 Das Umfeld, das Führen ist anders geworden. Man redet viel von Führungs­ prinzipien, die man mehr einhalten muss als früher, aber sie werden weniger ein­ gehalten.– MD Der Reputationsaspekt ist heute viel, viel wichtiger geworden als früher. Es gibt Sachen,diemanfrüherproblemlosmachenkonntewiezumBeispielInsiderhandel. Heute macht man das nicht mehr, es ist verboten. – MGL B Verbunden mit der neuen Bedeutung der Compliance ist der Regulationsdruck, der aus Sicht der Befragten zugenommen hat: Was sich am meisten im Bankgeschäft geändert hat, ist der Druck der Regulatoren. Es gibt so viele verschiedene externe Einflüsse, es ist ein sehr schwieriges Umfeld. – MGL A Es ist im Bankumfeld, in der Führung sehr viel politischer geworden. – MD Es gibt mehr Regulationen, aber auch mehr Bestrebungen für nachhaltiges ver­ antwortungsbewusstes Anlegen. Wenn ich die Durchdringung anschaue, ist es insbesondere bei den grossen entscheidenden Instituten sehr mager bis pseudo. Es zeigt sich auch, dass die Kräfte, die die Krise begünstigt haben, heute wieder erstarkt sind. Sie haben das regulatorische Umfeld wieder so gestaltet, dass sie sich ungestört entfalten können. – CEO B42 Parallel dazu hat auch die Regulierung exponentiell zugenommen. Dort ist man in der Politik der Fiktion unterlegen, dass man meint, wenn man etwas mehr regu­ liert, dann sei es auch besser. Das stimmt so nicht. – MGL B Das Verhalten der Banken vor und nach der Finanzkrise ist auch bei den Befragten ein Thema. Einige werfen den Banken Verantwortungslosigkeit vor: Viele Exponenten von Finanzinstituten haben mit ihrer bonusgesteuerten Art Arbeitsplätze gefährdet. Die Art und Weise, wie sie mit Behörden und behördli­ chen Vorgaben umgegangen sind, haben dazu geführt, dass in unserem Land ein grosser Graben aufgebrochen ist, zwischen Menschen, die seriös und sorgfältig Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016
  • 19. 22 Erster Teil: Die Ergebnisse der Interviews nach Themengruppen – die ­persönliche ­Ebene arbeiten, und den Banken, die nicht wissen, wie arrogant und selbstherrlich sie sich zum Teil anstellen. Das ist ein Spannungsfeld, dass spüre ich querbeet durch meine Kunden, auch in meinem privaten Umfeld. Das hat dem Land und auch den Banken nicht gut getan. – professioneller VR43 Gesamthaftmussmansagen,dassdasVertrauenderÖffentlichkeitindieWirtschaft und deren Akteure klar abgenommen hat. […] Die allgemeine Beurteilung der Wirtschaft, wer immer das ist, ist skeptisch bis negativ geworden. Das war wahr­ scheinlich eine Konsequenz der Finanzkrise und der Managerlöhne. Natürlich spielen auch soziale Veränderungen, mehr Transparenz, mehr Medienpräsenz, eine Rolle. – VRP44 Im Bereich Banking fühlt man sich zum Teil auch zu Unrecht an den Pranger gestellt: Es gibt auch eine Empörungsbewirtschaftung. Die Industrie und deren Exponen­ ten haben die Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft nicht mehr. Das wird von den Journalisten verstärkt […] und die Politiker nehmen das dankbar auf. Das wird immer schlimmer. – MGL B Instabilität erscheint als grosse Konstante der letzten zehn Jahre. Als ich in den 80er-Jahren in eine Grossbank kam, da war es stabil, da bewegte sich wenig, alles war klar. Es war übersichtlich, das ist heute nicht mehr so. Heute gibt es Attacken von allen Seiten. Die Verhältnisse im Beruf sind instabiler gewor­ den. Die Verweildauer von CEOs oder Geschäftsleitungsmitgliedern, auch von Verwaltungsräten ist kürzer geworden. – VRP In Grossunternehmen hat sich das Denken wie hire and fire noch stärker als bisher etabliert. Der Mensch ist kein Wert mehr, sondern eine Ware. – MGL C Aber nicht nur im kommerziellen Bereich wird mehr Druck verspürt. Vergleichbare Erfahrungen macht auch der befragte Musikmanager: Die öffentlichen Mittel werden weniger und der Konkurrenzkampf um diese Mittel wird viel lebendiger, lebhafter. Das tut oft weh. Das ist das Äusserliche; das hat natürlich weitere Folgen im künstlerischen Bereich, hat Auswirkungen auf das was man programmatisch macht. Es gibt immer mehr einen Trend zu Events, die sich dann auch auszahlen müssen. Es ist jetzt so, dass die teuersten Künstler, die teuersten Investitionen die Billigsten sind, weil die das meiste Geld bringen. Damit finanziert man dann quer all das, was für die Kultur, für das kulturelle Leben wich­ tig und unabdingbar ist. Der Wettbewerb und die Konkurrenz werden schärfer. Der finanzielle Über­ lebenskampf auch der öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen muss immer wieder neu gewonnen werden. Leseprobe aus: Walter K.H. Hoffmann, Stimmen der Macht © vdf Hochschulverlag 2016