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GEORGE ORWELL   1984    Roman      2
„In einer Zeit des Universalbetruges       ist die Wahrheit zu sagen        eine revolutionäre Tat!“           George Orwe...
VorwortMit seinem Roman „1984“ hat George Orwell schon vorJahrzehnten ein Zeichen gegen die drohende Gefahr einesglobalen ...
Erster Teil                      Erstes KapitelEs war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugengerade dreize...
Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eineZahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kamaus ei...
Dreijahresplans. Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- undSendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das übere...
entstanden waren, die wie Hühnerställe aussahen? Aber es führtezu nichts, er konnte sich nicht erinnern; von seiner Kindhe...
einen halben Kilometer, nahe gekommen. Es war unmöglich, esaußer in amtlichem Auftrag zu betreten, und auch dann mußteman ...
Diarium in Quartformat mit rotem Rücken und marmoriertenEinbanddeckeln hervor.Aus irgendeinem Grunde war der Televisor in ...
vorgeschwebt. Er hatte es schuldbewusst in seiner Mappeheimgetragen. Selbst unbeschrieben war es schon ein gefährlicherBes...
Zukunft verständigen? Das war ihrer Natur nach unmöglich.Entweder ähnelte die Zukunft der Gegenwart, dann würde manihm nic...
Zielfernrohr des Hubschraubers, dann war er ganz durchlöchertund das Meer rund um ihn färbte sich rosa, und er versank sop...
Dieser Vorfall hatte sich heute Morgen im Ministeriumzugetragen, wenn man von etwas so Nebelhaftem überhauptsagen konnte, ...
vorbeigekommen waren, hatte sie ihn mit einem Seitenblickgestreift, der ihn zu durchbohren schien und der ihn für einenAug...
man es fertig brachte, dem Televisor ein Schnippchen zuschlagen, und ihn allein zu fassen bekam. Winston hatte nie dengeri...
Ketzereien, Abweichungen gingen unmittelbar auf seineIrrlehren zurück. Irgendwo lebte er noch und schmiedete seineRänke: v...
eurasischen Armee vorbei. Es waren endlose Reihen brutalaussehender Männer mit ausdruckslosen Mongolengesichtern,die an di...
davon, wenn überhaupt, einfach als von »dem Buch«. Aber manwußte von derlei Dingen nur durch vage Gerüchte. Weder »DieBrüd...
solchen Augenblicken schwoll sein Herz über für den einsamen,verachteten Abtrünnigen auf dem Sehschirm, diesen einzigenVer...
Schafes. Dann blendete das Schafsgesicht in die Gestalt eineseurasischen Soldaten über, der riesig und furchtbar mitratter...
Wieder und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pausezwischen dem ersten G und dem zweiten B – in einemfeierlichen...
auf deiner Seite!« – Dann war der Blitz des Einverständnisseserloschen, und OBriens Gesicht war ebenso undurchdringlichwie...
verkrampfte Handschrift von vorhin. Seine Feder warbeschwingt über das glatte Papier geglitten und hatte in großerklarer B...
Man war ausgelöscht, zu nichts geworden; man wurde„vaporisiert“, wie das gebräuchliche Wort dafür lautete.Einen Augenblick...
Er hielt den Atem an und öffnete die Tür. Sofort durchflutete ihneine warme Welle der Erleichterung. Draußen stand einefar...
Fußball, eine verschwitzte, umgekrempelte Turnhose – lagensämtlich über den Fußboden verstreut, und auf dem Tisch warein D...
kürzlich sehr ungern aus der Jugendliga ausgeschieden, und eheer in die Jugendliga aufgerückt war, hatte er es fertiggebra...
und dem roten Halstuch bekleidet, aus denen die Uniform derSpäher bestand. Winston hob seine Hände über den Kopf, abermit ...
von Frau Parsons und ging zur Tür. Er war aber noch keine sechsStufen die Treppe hinuntergestiegen, als ihn etwas mitfurch...
– »Kinderheld« lautete die gewöhnlich gebrauchte Bezeichnung –eine kompromittierende Bemerkung mit angehört und seineElter...
rasch und krächzend fort: »Achtung! Achtung! Soeben ist eineSondermeldung von der Malabar-Front eingetroffen. UnsereStreit...
sollte die Herrschaft der Partei nicht ewig dauern? Wie eine ArtAntwort fielen ihm die drei Wahlsprüche auf der weißen Fro...
es aus der Welt und aus der Erinnerung tilgte. Wie konnte manan die Zukunft appellieren, wenn keine Spur von einem, nichte...
eine Frau: so jemand wie die kleine Aschblonde oder dasschwarzhaarige Mädchen aus der Literatur-Abteilung) konntesich zu w...
kleine Schwester in den Armen. Er erinnerte sich an seineSchwester nur noch als an ein winziges, schwächliches, immerlautl...
füreinander eintraten. Die Erinnerung an seine Mutter nagte anseinem Herzen, denn sie war aus Liebe zu ihm gestorben, als ...
Große Bruder, die Partei und die Gedankenpolizei mit einereinzigen herrlichen Armbewegung weggewischt werden. Auchdas war ...
Während er mechanisch seine Arme beugte und streckte, wobeisein Gesicht den beflissen begeisterten Ausdruck zur Schau trug...
mußten. Die Mutter, in ihrer langsamen, verträumten Art, kamein gutes Stück hinter ihnen drein. Sie trug sein Schwesterche...
während seiner Kindheit hatten in London selbst wirreStraßenkämpfe getobt, an einige davon erinnerte er sich nochlebhaft. ...
gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur inseinem eigenen Bewußtsein, das unausweichlich bald in Staubzerfall...
Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheitvorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogene...
alten Form – nämlich als »Englischer Sozialismus« – schon frühergebräuchlich gewesen war.Alles löste sich in Nebel auf. Ma...
Front! Und an die Matrosen auf den Schwimmenden Festungen!Denkt nur mal daran, was die auszuhalten haben. Jetzt versuchenS...
von einem warmen Luftstrom zu den riesigen Verbrennungsöfenfortgewirbelt wurde, die in den geheimen Tiefen des Gebäudesver...
eingetreten war. Im zweiten Falle hatte die Times vom 19.Dezember die offiziellen Voraussagen der Produktionverschiedener ...
Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche vernichtet und an ihrerStelle die richtiggestellte Ausgabe ins Archiv eingereiht.Di...
entledigte, sprachen nie aus oder ließen durchblicken, daß eineFälschung vorgenommen werden sollte: immer wurde nur vonWeg...
ein kleiner, pedantischer, dunkelhäutiger Mann namens Tillotsonbeflissen seiner Arbeit nach, eine entfaltete Zeitung auf d...
waren die großen Druckereien mit ihren Hilfsredakteuren, ihrendrucktechnischen      Fachleuten     und   ihren   hervorrag...
George Orwell - 1984 (Roman, Deutsch)
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Der Roman über die Zerstörung des Menschen durch ein tyrannisches System wurde zum Jahrhundertbuch. George Orwells Klassiker über den finsteren Überwachungsstaat. Heute sind wir näher an "1984" als jemals zuvor!

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George Orwell - 1984 (Roman, Deutsch)

  1. 1. 1
  2. 2. GEORGE ORWELL 1984 Roman 2
  3. 3. „In einer Zeit des Universalbetruges ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat!“ George Orwell Original Autor: George Orwell Titel: Nineteen Eighty-Four Jahr: 1948Übersetzung aus dem Englischen, 1950 Überarbeitete Fassung 3
  4. 4. VorwortMit seinem Roman „1984“ hat George Orwell schon vorJahrzehnten ein Zeichen gegen die drohende Gefahr einesglobalen Überwachungsstaates und einer Weltdiktatur gesetzt.Heute sind die von Orwell beschriebenen Tendenzen schonwesentlichen deutlicher zu erkennen, denn der „gläserne Bürger“und das Aufkommen überstaatlicher Gebilde sind keine Fiktionmehr.Hatte Orwell noch die Schreckensvision eines globalenBolschewismus vor Augen, so wurde diese inzwischen durch dieGlobalisierung und die Bestrebungen gewisser Kreise, eine„Weltregierung“ unter ihrer Kontrolle einzurichten, abgelöst.Die Gefahr des weltweiten Überwachungsstaates, der zugleichNationen, Völker, Traditionen und Kulturen aufzulösen versucht,ist demnach keineswegs gebannt. Im Gegenteil: Sie tritt gerade inunserer Gegenwart in bester orwellscher Manier zu Tage.Als Orwell seinen Roman im Jahre 1948 schrieb, wollte er eineWarnung aussprechen und das ist ihm auch gelungen. Es soll einjeder Leser von „1984“ selbst ins Nachdenken kommen und sichvor allem die Frage stellen: Wer sind die Kräfte, die in unsererheutigen Zeit den Überwachungsweltstaat durchsetzen wollen?Wer hat die Macht dazu? Wer kontrolliert z.B. die SupermachtUSA durch die Beherrschung der Banken und Medien? Undwelche Mächte stehen hinter der schrankenlosen Globalisierung,Kapitalisierung, Völkerentrechtung, Nationenauflösung undInternationalisierung der Welt?Es dürfte in George Orwells Sinne sein, wenn die Leser seinesBuches vor allem auch die heutige Weltpolitik und ihretreibenden Kräfte kritisch betrachten. Manfred Becker, 2008 4
  5. 5. Erster Teil Erstes KapitelEs war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugengerade dreizehn, als Winston Smith, das Kinn an die Brustgepresst, um dem rauen Wind zu entgehen, rasch durch dieGlastüren eines der Häuser des Victory-Blocks schlüpfte, wennauch nicht rasch genug, als daß nicht zugleich mit ihm ein Wirbelgriesigen Staubs eingedrungen wäre.Im Flur roch es nach gekochtem Kohl und feuchten Fußmatten.An der Rückwand war ein grellfarbiges Plakat, das für einenInnenraum eigentlich zu groß war, mit Reißnägeln an der Wandbefestigt. Es stellte nur ein riesiges Gesicht von mehr als einemMeter Breite dar: das Gesicht eines Mannes von etwafünfundvierzig Jahren, mit dickem schwarzen Schnauzbart undansprechenden, wenn auch derben Zügen. Winston ging dieTreppe hinauf. Es hatte keinen Zweck, es mit dem Aufzug zuversuchen. Sogar zu den günstigsten Stunden des Tagesfunktionierte er nur selten, und zurzeit war tagsüber derelektrische Strom abgestellt. Das gehörte zu den wirtschaftlichenMaßnahmen der in Vorbereitung befindlichen Hasswoche. DieWohnung lag sieben Treppen hoch, und derneununddreißigjährige Winston, der über dem rechtenFußknöchel dicke Krampfaderknoten hatte, ging sehr langsamund ruhte sich mehrmals unterwegs aus. Auf jedemTreppenabsatz starrte ihn gegenüber dem Liftschacht das Plakatmit dem riesigen Gesicht an. Es gehörte zu den Bildnissen, die sogemalt sind, daß einen die Augen überallhin verfolgen. »DerGroße Bruder sieht dich!« lautete die Schlagzeile darunter. 5
  6. 6. Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eineZahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kamaus einer länglichen Metallplatte, die einem stumpfen Spiegelähnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war.Winston drehte an einem Knopf, und die Stimme wurdedaraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zuverstehen blieb. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oderHörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keineMöglichkeit, ihn völlig abzustellen. Smith trat ans Fenster, eineabgezehrte, gebrechliche Gestalt, deren Magerkeit durch denblauen Trainingsanzug der Parteiuniform noch betont wurde.Sein Haar war sehr hell, sein Gesicht unnatürlich gerötet, seineHaut rau von der groben Seife, den stumpfen Rasierklingen undder Kälte des gerade überstandenen Winters.Die Welt draußen sah selbst durch die geschlossenen Fenster kaltaus. Unten auf der Straße wirbelten schwache Windstöße Staubund Papierfetzen in Spiralen hoch, und obwohl die Sonne strahlteund der Himmel leuchtend blau war. schien doch alles farblos,außer den überall angebrachten Plakaten. Das Gesicht mit demschwarzen Schnurrbart blickte von jeder beherrschenden Eckeherunter.Ein Plakat klebte an der unmittelbar gegenüberliegendenHausfront. »Der Große Bruder sieht dich!« hieß auch hier dieUnterschrift, und die dunklen Augen bohrten sich tief inWinstons Blick. Unten in Straßenhöhe flatterte ein anderes, aneiner Ecke eingerissenes Plakat unruhig im Winde und ließ nurdas Wort „Engsoz“ bald verdeckt, bald unverdeckt erscheinen. Inder Ferne glitt ein Helikopter zwischen den Dächern herunter,brummte einen Augenblick wie eine Schmeißfliege und strichdann in einem Bogen wieder ab. Es war die Polizeistreife, die denLeuten in die Fenster schaute. Die Streifen waren jedoch nichtschlimm. Zu fürchten war nur die Gedankenpolizei.Hinter Winstons Rücken schwatzte die leise Stimme aus demTelevisor noch immer von Roheisen und von der weit über dasgesteckte Ziel hinausgehenden Erfüllung des neunten 6
  7. 7. Dreijahresplans. Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- undSendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das überein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert.Außerdem konnte Winston, solange er in dem von derMetallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört,sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keineMöglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenenAugenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchemSystem die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparateinschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen.Es war sogar möglich, daß jeder einzelne ständig überwachtwurde. Auf alle Fälle aber konnte sie sich, wenn sie es wollte,jederzeit in einen Apparat einschalten. Man mußte in derAnnahme leben, und man stellte sich tatsächlich instinktiv daraufein, daß jedes Geräusch, das man machte, überhört und, außer inder Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde. Winstonrichtete es so ein, daß er dem Televisor den Rücken zuwandte.Das war sicherer, wenn auch, wie er wohl wußte, sogar einRücken verräterisch sein konnte.Einen Kilometer entfernt ragte das Wahrheitsministerium, seineArbeitsstätte, wuchtig und weiß über der düsteren Landschaftempor. Das also, dachte er mit einer Art undeutlichen Abscheus.war London, die Hauptstadt des Luftstützpunkts Nr. 1, der amdrittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens.Er versuchte in seinen Kindheitserinnerungen nachzuforschen,ob London schon immer so ausgesehen hatte. Hatten da immerdiese langen Reihen heruntergekommen aussehender Häuser ausdem neunzehnten Jahrhundert gestanden, deren Mauern mitBalken gestützt, deren Fenster mit Pappendeckeln verschalt undderen Dächer mit Wellblech gedeckt waren, während ihreschiefen Gartenmauern kreuz und quer in den Boden sackten?Und diese zerbombten Ruinen, wo der Pflasterstaub in der Luftwirbelte und Unkrautgestrüpp auf den Trümmern wucherte,dazu die Stellen, wo Bombeneinschläge eine größere Lückegerissen hatten und trostlose Siedlungen von Holzbaracken 7
  8. 8. entstanden waren, die wie Hühnerställe aussahen? Aber es führtezu nichts, er konnte sich nicht erinnern; von seiner Kindheit hatteer nichts nachbehalten als eine Reihe greller Bilder ohneHintergrund, die ihm zumeist unverständlich waren.Das Wahrheitsministerium – Miniwahr, wie es in „Neusprech“,der amtlichen Sprache Ozeaniens, hieß – sah verblüffendverschieden von allem anderen aus, was der Gesichtskreisumfaßte. Es war ein riesiger pyramidenartiger, weißschimmernder Betonbau, der sich terrassenförmig dreihundertMeter hoch in die Luft reckte. Von der Stelle, wo Winston stand,konnte man gerade noch die in schönen Lettern in seine weißeFront gemeißelten drei Wahlsprüche der Partei entziffern:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEDas Wahrheitsministerium enthielt, so erzählte man sich, inseinem pyramidenartigen Bau dreitausend Räume und eineentsprechende Zahl unter der Erde. In ganz London gab es nurnoch drei andere Bauten von ähnlichem Aussehen und Ausmaß.Sie beherrschten das sie umgebende Stadtbild so vollkommen,daß man vom Dach des Victory-Blocks aus alle vier gleichzeitigsehen konnte. Sie waren der Sitz der vier Ministerien, unter dieder gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war, desWahrheitsministeriums, das sich mit dem Nachrichtenwesen, derFreizeitgestaltung, dem Erziehungswesen und den schönenKünsten befaßte, des Friedensministeriums, das dieKriegsangelegenheiten behandelte, des Ministeriums für Liebe,das Gesetz und Ordnung aufrechterhielt, und des Ministeriumsfür Überfluß, das die Rationierungen bearbeitete. Ihre Namenlauteten in Neusprech: Miniwahr, Minipax, Minilieb, Minifluß.Das Ministerium für Liebe war das furchterregendste von allen.Es hatte überhaupt keine Fenster. Winston war noch nie imMinisterium für Liebe gewesen und ihm auch nie, sei es nur auf 8
  9. 9. einen halben Kilometer, nahe gekommen. Es war unmöglich, esaußer in amtlichem Auftrag zu betreten, und auch dann mußteman erst durch einen Irrgarten von Stacheldrahtverhauen undversteckten Maschinengewehrnestern hindurch. Sogar die zu denBefestigungen im Vorgelände hinaufführenden Straßen warendurch gorillagesichtige Wachen in schwarzen Uniformengesichert, die mit schweren Gummiknüppeln bewaffnet waren.Winston drehte sich mit einem Ruck um. Er hatte die ruhigeoptimistische Miene aufgesetzt, die zur Schau zu tragen ratsamwar, wenn man dem Televisor das Gesicht zukehrte. Er ging querdurchs Zimmer in die winzige Küche. Indem er zu dieserTageszeit aus dem Ministerium weggegangen war, hatte er aufsein Mittagessen in der Kantine verzichtet, andererseits wußte er,daß es in der Küche nichts zu essen gab außer einem StückSchwarzbrot, das für den nächsten Tag als Frühstück aufgehobenwerden mußte. Er nahm eine Flasche mit einer farblosenFlüssigkeit aus dem Regal, die dem schmucklosen weißen Etikettnach Victory-Gin war. Das Getränk strömte einen faden, öligenGeruch aus, wie chinesischer Reisschnaps. Winston goß sich fasteine Teetasse voll davon ein, stellte sich auf den zu erwartendenSchock ein und würgte es wie eine Dosis Medizin hinunter.Sofort lief sein Gesicht krebsrot an, und das Wasser trat ihm indie Augen. Das Zeug schmeckte wie Salpetersäure, und manhatte beim Herunterschlucken das Gefühl, eins mit demGummiknüppel über den Hinterkopf zu bekommen. EinenAugenblick später hörte jedoch das Brennen in seinem Magenauf, und die Welt begann rosiger auszusehen. Er zog eineZigarette aus einem zerknitterten Päckchen mit der AufschriftVictory-Zigaretten, doch unvorsichtigerweise hielt er siesenkrecht, worauf der Tabak heraus auf den Fußboden rieselte.Mit der nächsten hatte er mehr Glück. Er ging ins Wohnzimmerzurück und setzte sich an ein links vom Televisor stehendesTischchen. Dann zog er aus der Tischschublade einenFederhalter, eine Tintenflasche und ein dickes, unbeschriebenes 9
  10. 10. Diarium in Quartformat mit rotem Rücken und marmoriertenEinbanddeckeln hervor.Aus irgendeinem Grunde war der Televisor in seinemWohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle angebracht. Stattwie üblich an der kürzeren Wand, von wo aus er den ganzenRaum beherrscht hätte, war er an der Längswand gegenüber demFenster eingelassen. An seiner einen Seite befand sich die kleineNische, in der Winston jetzt saß und die vermutlich beim Bau derWohnung für ein Bücherregal bestimmt gewesen war. Wenn ersich so in die Nische setzte und vorsichtig im Hintergrund hielt,konnte Winston, wenigstens visuell, außer Reichweite desTelevisors bleiben. Er konnte zwar gehört, aber, solange er inseiner Stellung verharrte, nicht gesehen werden. Dieungewöhnliche Anlage des Zimmers war zum Teil für denGedanken verantwortlich, zu dessen Verwirklichung er jetztschritt.Doch auch das Tagebuch, das er soeben aus der Schubladehervorgezogen hatte, war mit daran schuld. Es war ein ganzbesonders schönes Tagebuch. Sein milchweißes Papier, schon einwenig vergilbt, war von einer Qualität, wie sie seit wenigstensvierzig Jahren nicht mehr hergestellt worden war. Er hatte jedochGrund zu der Annahme, daß „das Buch“ noch weit älter war. Erhatte es in der Auslage eines muffigen kleinen Altwarengeschäftsin einem der Elendsviertel der Stadt (in welchem Viertel, hätte erjetzt nicht mehr sagen können) liegen gesehen und war sofortvon dem brennenden Wunsch beseelt worden, es zu besitzen.Von Parteimitgliedern wurde erwartet, daß sie nicht ingewöhnlichen Läden einkauften (»Geschäfte auf dem freienMarkt machten«, wie die Formel lautete), aber die Vorschriftwurde nicht streng eingehalten, denn es gab verschiedene Dinge,wie Schuhbänder oder Rasierklingen, die man sich unmöglichauf andere Weise beschaffen konnte. Er hatte einen raschen Blickdie Straße hinauf- und hinuntergeworfen, dann war erhineingeschlüpft und hatte „das Buch“ für zwei Dollar fünfzigerstanden. Damals hatte ihm noch kein Zweck dafür 10
  11. 11. vorgeschwebt. Er hatte es schuldbewusst in seiner Mappeheimgetragen. Selbst unbeschrieben war es schon ein gefährlicherBesitz.Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzulegen. Das war nichtillegal (nichts war illegal, da es ja keine Gesetze mehr gab), aberfalls es herauskam, war er so gut wie sicher, daß es mit dem Todeoder zumindest fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslagergeahndet werden würde. Winston steckte eine Stahlfeder in denHalter und feuchtete sie mit der Zunge an. Die Feder war einvorsintflutliches Instrument, das selbst zu Unterschriften nurnoch selten verwendet wurde, und er hatte sich heimlich und miteiniger Schwierigkeit eine besorgt, ganz einfach aus dem Gefühlheraus, daß das wundervolle glatte Papier es verdiente, mit einerrichtigen Feder beschrieben, statt mit einem Tintenblei bekritzeltzu werden. Tatsächlich war er nicht mehr gewöhnt, mit der Handzu schreiben. Abgesehen von ganz kurzen Notizen war es üblich,alles in den Sprechschreiber zu diktieren, aber das war natürlichin diesem Fall unmöglich. Er tauchte die Feder in die Tinte undstockte noch eine Sekunde. Ein Schauer war ihm über denRücken gelaufen. Der erste Federstrich über das Papier war dieentscheidende Handlung. In kleinen unbeholfenen Buchstabenschrieb er: 4. April 1984.Er lehnte sich zurück. Ein Gefühl völliger Hilflosigkeit hatte sichseiner bemächtigt. Zunächst einmal war er sich durchaus nichtsicher, daß jetzt wirklich das Jahr 1984 war. Es mußte um dieseZeit herum sein, denn er wußte mit einiger Gewissheit, daß erselbst neununddreißig Jahre alt war, und er glaubte, 1944 oder1945 geboren zu sein. Doch heutzutage war es nie möglich, einDatum auf ein oder zwei Jahre genau zu bestimmen.Für wen, fragte er sich plötzlich, legte er dieses Tagebuch an? Fürdie Zukunft, für die Kommenden. Sein Denken kreiste einenAugenblick um das zweifelhafte Datum auf der ersten Seite undprallte dann jäh mit dem Wort „Gedankendelikt“ aus demNeusprech zusammen. Zum erstenmal kam ihm die Größe seinesVorhabens zum Bewußtsein. Wie konnte man sich mit der 11
  12. 12. Zukunft verständigen? Das war ihrer Natur nach unmöglich.Entweder ähnelte die Zukunft der Gegenwart, dann würde manihm nicht Gehör schenken wollen; oder sie war anders geartet,dann war seine Darstellung bedeutungslos.Eine Zeitlang saß er da und starrte töricht auf das Papier. DerTelevisor hatte jetzt schmetternde Militärmusik angestimmt. Eswar seltsam, daß er nicht nur die Gabe der Mitteilung verloren,sondern sogar vergessen zu haben schien, was er ursprünglichhatte sagen wollen. Seit Wochen hatte er sich auf diesenAugenblick vorbereitet, und es war ihm nie in den Sinngekommen, daß dazu noch etwas anderes nötig sein könnte alsMut. Die Niederschrift als solche hatte er für leicht gehalten.Brauchte er doch nichts weiter zu tun, als die endlosen hastigenSelbstgespräche zu Papier zu bringen, die ihm buchstäblich seitJahren durch den Kopf geschossen waren. In diesem Augenblickjedoch war sogar das Selbstgespräch verstummt. Außerdem hattedas Ekzem an seinen Krampfadern unerträglich zu juckenangefangen. Er wagte nicht, daran zu kratzen, denn dannentzündete es sich immer. Die Sekunden verstrichen. Nichtsdrang in sein Bewußtsein als die unbeschriebene Weiße des vorihm liegenden Blattes, das Hautjucken über seinem Knöchel, dieschmetternde Musik und eine leise Benebeltheit, die der Ginverursacht hatte.Plötzlich begann er überstürzt zu schreiben, ohne recht zuwissen, was er zu Papier brachte. Seine kleine kindlicheHandschrift bedeckte Zeile um Zeile des Blattes, wobei er baldauf die großen Anfangsbuchstaben und zum Schluß sogar auf dieInterpunktion verzichtete:„4. April 1984. Gestern Abend im Kino. Lauter Kriegsfilme. Einsehr guter, über ein Schiff von Flüchtlingen, das irgendwo imMittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt durcheine Aufnahme von einem großen dicken Mann, den einHelikopter verfolgt, zuerst sah man ihn sich durchs Wasserwälzen wie ein Nilpferd, dann sah man ihn durch das 12
  13. 13. Zielfernrohr des Hubschraubers, dann war er ganz durchlöchertund das Meer rund um ihn färbte sich rosa, und er versank soplötzlich, als sei das Wasser durch die Löcher eingedrungen.Zuschauer brüllten vor lachen als er unterging.Dann sah man ein Rettungsboot voll kinder mit einemhubschrauber darüber, eine frau mittleren Alters, saß mit einemetwa drei jähre alten knaben im bug. Kleiner junge brüllte vorangst und verbarg seinen kopf zwischen den brüsten als wollte erganz in sie hineinkriechen und die frau legte die arme um ihnund tröstete ihn. obwohl sie selbst außer sich vor angst warbedeckte sie ihn so gut wie möglich als glaubte sie ihre armekönnten die kugeln von ihm abhalten, dann warf derhubschrauber eine 20-kilo-bombe zwischen sie schrecklichesaufblitzen und das ganze schiff zersplitterte wie streichhölzer,dann gab es eine wundervolle aufnahme von einem kinderarmder hoch, hoch und immer höher hinauffliegt in die luft einhubschrauber mit einer kamera vorn in der kanzel muß ihmnachgeflogen sein und es gab viel beifall aus den parteilogen abereine frau unten wo die proles sitzen fing plötzlich an radau zumachen und zu schreien man hätte so was nicht vor kindernzeigen sollen es sei nicht recht vor kindern bis die polizei siehinauswarf ich glaube nicht daß ihr etwas passierte niemandkümmert sich darum was die proles sagen typischeprolesreaktion sie können nie…“Winston hörte zu schreiben auf, auch weil er einenSchreibkrampf bekam. Er wußte nicht, was ihn veranlaßt hatte,diese Flut von Gestammel aus sich herauszuschleudern. Aber dasmerkwürdige war, daß ihm dabei eine vollständige Erinnerungso deutlich zum Bewußtsein gekommen war, daß es ihm fast sovorkam, als habe er sie niedergeschrieben. Nun erkannte er, daßdieser andere Vorfall an seinem plötzlichen Entschluß schuldwar, nach Hause zu gehen und heute sein Tagebuch zu beginnen. 13
  14. 14. Dieser Vorfall hatte sich heute Morgen im Ministeriumzugetragen, wenn man von etwas so Nebelhaftem überhauptsagen konnte, daß es sich zugetragen hat.Es war kurz vor elf, und in der Registrierabteilung, in derWinston arbeitete, hatte man die Stühle aus denGemeinschaftsräumen geholt und sie in der Mitte des Saales demgroßen Televisor gegenüber aufgestellt, in Vorbereitung auf die„Zwei-Minuten-Hass-Sendung“.Winston nahm gerade seinen Platz in einer der Mittelreihen ein,als zwei Personen, die er vom Sehen kannte, mit denen er abernoch nie ein Wort gewechselt hatte, unerwartet in den Raumtraten. Die eine davon war ein Mädchen, dem er oft auf denGängen begegnet war. Er kannte ihren Namen nicht, wußte aber,daß sie in der Abteilung für Prosa- Literatur beschäftigt war.Vermutlich – denn er hatte sie manchmal mit ölverschmiertenHänden und mit einem Schraubenschlüssel gesehen – hatte siedort eine technische Funktion an einer derRomanschreibmaschinen.Sie war ein unternehmungslustig aussehendes Mädchen vonetwa siebenundzwanzig Jahren, mit üppigem schwarzen Haar,sommersprossigem Gesicht und raschen, muskulösenBewegungen. Eine schmale, scharlachrote Schärpe, dasAbzeichen der „Jugendliga gegen Sexualität“, war mehrmals umdie Taille ihres Trainingsanzuges gewunden, gerade eng genug,um die Rundung ihrer Hüften hervorzuheben. Winston hatte sievom aller ersten Augenblick an nicht ausstehen können. Er wußteauch, weshalb. Es war wegen der Atmosphäre von Hockeyplatz,kaltem Baden, Gemeinschaftswanderung und allgemeinerGesinnungstüchtigkeit, mit der sie sich zu umgeben wußte.Die Frauen, und vor allem die jungen, gaben immer die blindergebenen Parteianhänger, die gedankenlosen Nachplapperer,die freiwilligen Spitzel ab, mit deren Hilfe man wenigerLinientreue aushorchen konnte. Aber dieses Mädchen imBesonderen machte ihm den Eindruck, gefährlicher als diemeisten zu sein. Einmal, als sie auf dem Gang aneinander 14
  15. 15. vorbeigekommen waren, hatte sie ihn mit einem Seitenblickgestreift, der ihn zu durchbohren schien und der ihn für einenAugenblick mit blankem Entsetzen erfüllt hatte. Ihm war sogarder Gedanke durch den Kopf gegangen, sie könnte eine Agentinder Gedankenpolizei sein, was freilich sehr unwahrscheinlichwar. Trotzdem fühlte er weiterhin, sooft sie in seine Nähe kam,eine merkwürdige Unsicherheit, die zu gleichen Teilen mit Angstund mit Feindschaft gemischt war.Die andere Person war ein Mann namens OBrien, ein Mitgliedder Inneren Partei und Inhaber eines so wichtigen und derAllgemeinheit entrückten Postens, daß Winston nur eineundeutliche Vorstellung davon hatte. Ein kurzes Geflüsterdurchlief die um die Stühle herumstehende Gruppe, als sie denschwarzen Trainingsanzug eines Mitglieds der Inneren Parteiherankommen sah. OBrien war ein großer, grobschlächtigerMann mit dickem Nacken und einem derben, humorvollen undbrutalen Gesicht. Ungeachtet seines wuchtigen Äußeren lag eingewisser Charme in seiner Art, sich zu bewegen. Er hatte eineManier, seine Brille auf der Nase zurechtzurücken, die seltsamentwaffnend und auf eine merkwürdige Weise zivilisiert wirkte.Es war eine Geste, die einen, wenn überhaupt noch jemand insolchen Begriffen gedacht hätte, an einen Edelmann aus demachtzehnten Jahrhundert hätte erinnern können, der seinemGegenüber die Schnupftabaksdose anbot.Winston hatte OBrien vielleicht ein Dutzend Mal in etwa ebensovielen Jahren gesehen. Er fühlte sich aufrichtig zu ihmhingezogen, und das nicht nur, weil ihn der Gegensatz zwischenOBriens höflichen Manieren und seinem Preisboxertypusfesselte. Es beruhte vielmehr auf einem heimlich gehegtenGlauben – oder vielleicht nur der Hoffnung –, daß OBrienspolitische Strenggläubigkeit nicht vollkommen sei. Etwas inseinem Gesicht flößte unwiderstehlich diesen Gedanken ein. Unddoch stand in diesem Gesicht eigentlich weniger mangelndeStrenggläubigkeit als einfach Intelligenz geschrieben. Jedenfallssah er wie ein Mensch aus, mit dem man reden konnte, wenn 15
  16. 16. man es fertig brachte, dem Televisor ein Schnippchen zuschlagen, und ihn allein zu fassen bekam. Winston hatte nie dengeringsten Versuch gemacht, seine Vermutung auf ihreRichtigkeit hin zu prüfen: praktisch gab es auch keineMöglichkeit dazu. OBrien warf in diesem Augenblick einen Blickauf seine Armbanduhr, sah, daß es fast elf Uhr war, und beschloßoffenbar, in der Abteilung Registratur zu bleiben, bis die Zwei-Minuten-Hass-Sendung zu Ende war.Er setzte sich auf einen Stuhl in derselben Reihe wie Winston,zwei Plätze von ihm entfernt. Eine kleine aschblonde Frau, die inder Abteilung neben Winston beschäftigt war, saß zwischenihnen. Das Mädchen mit dem schwarzen Haar saß unmittelbardahinter.Im nächsten Augenblick brach ein scheußlicher, knirschenderKreischlaut, als ob eine riesige Maschine völlig ungeölt liefe, ausdem großen Televisor am Ende des Raumes hervor. Es war einLärm, bei dem einen eine Gänsehaut überlief und sich dieNackenhaare sträubten. Die Hass-Sendung hatte begonnen.Wie gewöhnlich war das Gesicht Immanuel Goldsteins, desParteiverräters, auf dem Sehschirm erschienen. Da und dort imZuschauerraum wurde gezischt. Die kleine aschblonde Frau stießein aus Furcht und Abscheu gemischtes Quieken hervor.Goldstein war der Renegat, der große Abtrünnige, der frühereinmal, vor langer Zeit (wie lange es eigentlich her war, daranerinnerte sich niemand mehr genau), einer der führendenMänner der Partei gewesen war und fast auf einer Stufe mit demGroßen Bruder selbst gestanden hatte, um dann mitkonterrevolutionären Machenschaffen zu beginnen, zum Todeverurteilt zu werden und auf geheimnisvolle Weise zuverschwinden.Die Programme der Zwei-Minuten-Hass-Sendung wechseltenvon Tag zu Tag, aber es gab keines, in dem nicht Goldstein dieHauptrolle gespielt hätte. Er war der erste Verräter, der frühesteBeschmutzer der Reinheit der Partei. Alle später gegen die Parteigerichteten Verbrechen, alle Verrätereien, Sabotageakte, 16
  17. 17. Ketzereien, Abweichungen gingen unmittelbar auf seineIrrlehren zurück. Irgendwo lebte er noch und schmiedete seineRänke: vielleicht irgendwo jenseits des Meeres, unter dem Schutzseiner ausländischen Geldgeber, vielleicht sogar – wiegelegentlich gemunkelt wurde – in einem Versteck in Ozeanienselbst.Winstons Zwerchfell zog sich zusammen. Nie konnte er dasGesicht Goldsteins sehen, ohne in einen schmerzlichenWiderstreit der Gefühle zu geraten. Es war ein mageresJudengesicht mit einem breiten, wirren Kranz weißer Haare undeinem Ziegenbärtchen – ein gerissenes und irgendwieeigentümlich verächtliches Gesicht, dessen lange dünne Nase, aufderen Ende eine Brille saß, eine Art seniler Blödheitauszustrahlen schien.Es ähnelte einem Schafsgesicht, und auch die Stimme hatte etwasSchafsmäßiges. Goldstein ließ seinen üblichen giftigen Angriffgegen die Lehren der Partei vom Stapel – einen so übertriebenenund verdrehten Angriff, daß ihn ein Kind hätte durchschauenkönnen, und doch gerade hinreichend glaubhaft, um einen mitdem alarmierenden Gefühl zu erfüllen, daß andere Menschen,die weniger vernünftig waren als man selbst, sich dadurchvielleicht verführen lassen könnten.Er schmähte den Großen Bruder, klagte die Tyrannei der Parteian, forderte sofortigen Friedensschluß mit Eurasien, trat fürRede-, Presse-, Versammlungs- und Gedankenfreiheit ein, schriehysterisch, die Revolution sei verraten worden – und alles das ineiner überstürzten, vielsilbigen Ansprache, die eine Art Parodiedes üblichen Stils der Parteiredner war und sogar einige Wortedes Neusprech enthielt: praktisch mehr Neusprech-Worte, als sieirgendein Parteimitglied normalerweise im wirklichen Lebenangewendet hätte.Und die ganze Zeit marschierten, für den Fall, daß man noch imgeringsten Zweifel sein könnte, was sich in Wahrheit hinterGoldsteins widerlicher Phrasendrescherei verbarg, hinter seinemKopf auf dem Schirm des Televisors die gewaltigen Kolonnen der 17
  18. 18. eurasischen Armee vorbei. Es waren endlose Reihen brutalaussehender Männer mit ausdruckslosen Mongolengesichtern,die an die Oberfläche des Sehschirms heranbrandeten undwieder zerflossen, um von anderen, genau gleichen, abgelöst zuwerden. Der sture rhythmische Marschtritt der Soldatenstiefelbildete die Geräuschkulisse, von der Goldsteins blökende Stimmesich abhob.Ehe die Hassovation dreißig Sekunden gedauert hatte, brachenvon den Lippen der Hälfte der im Raum versammeltenMenschen unbeherrschte Wutschreie. Das selbstzufriedeneSchafsgesicht auf dem Sehschirm und die erschreckende Wuchtder dahinter vorbeiziehenden eurasischen Armee waren einfachzuviel: außerdem weckte der Anblick oder auch nur der Gedankean Goldstein schon automatisch Abscheu und Zorn.Er war ein dauerhafteres Hassobjekt als Eurasien oder Ostasien,denn wenn Ozeanien mit einer dieser Mächte im Krieg lag, sobefand es sich gewöhnlich mit der anderen im Friedenszustand.Das merkwürdige aber war, daß Goldsteins Einfluß, wenn erauch von jedermann gehasst und verachtet wurde, wenn auchtagtäglich und tausendmal am Tag auf Rednertribünen, durchden Televisor, in Zeitungen, in Büchern seine Theorienverdammt, zerpflückt, lächerlich gemacht, der Allgemeinheit alsder jammervolle Unsinn, der sie waren, vor Augen gehaltenwurde – daß trotz alledem dieser Einfluß nie abzunehmen schien.Immer wieder warteten neue Opfer darauf, von ihm verführt zuwerden. Nie verging ein Tag, an dem nicht nach seinenWeisungen tätige Spione und Saboteure von derGedankenpolizei entlarvt wurden.Er war der Befehlshaber einer großen Schatten-Armee, einesUntergrund-Verschwörernetzes, das sich den Sturz derRegierung zum Ziel setzte. Der Name der Organisation sei »DieBrüderschaft«, so hieß es. Auch flüsterte man von einemschrecklichen Buch, einer Zusammenfassung aller Irrlehren,dessen Verfasser Goldstein war und das heimlich da und dortzirkulierte. Es war ein Buch ohne Titel. Die Leute sprachen 18
  19. 19. davon, wenn überhaupt, einfach als von »dem Buch«. Aber manwußte von derlei Dingen nur durch vage Gerüchte. Weder »DieBrüderschaft« noch »das Buch« wurden, wenn es sich vermeidenließ, von einem gewöhnlichen Parteimitglied erwähnt.In der zweiten Minute steigerte sich die Hassovation zur Raserei.Die Menschen sprangen von ihren Sitzen auf und brüllten mitvollem Stimmaufwand, um die zum Wahnsinn treibendeBlökstimme, die aus dem Televisor kam, zu übertönen. Die kleineaschblonde Frau war im Gesicht rot angelaufen, und ihr Mundöffnete und schloß sich wie bei einem an Land geworfenen Fisch.Sogar OBriens großes Gesicht war gerötet. Er saß sehr geradeaufgerichtet auf seinem Stuhl, seine mächtige Brust hob undsenkte sich, als stemme er sich dem Anprall einer Wogeentgegen.Das schwarzhaarige Mädchen hinter Winston hatte angefangen»Schwein! Schwein! Schwein!« hinauszuschreien und ergriffplötzlich ein schweres Neusprechwörterbuch und schleuderte esgegen den Bildschirm. Es traf Goldsteins Nase und prallte vonihm ab; die Stimme redete unerbittlich weiter. In einem lichtenAugenblick ertappte sich Winston, wie er mit den anderen schrieund trampelte. Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass-Sendung war nicht, daß man gezwungen wurde mitzumachen,sondern im Gegenteil, daß es unmöglich war, sich ihrer Wirkungzu entziehen. Eine schreckliche Ekstase der Angst und derRachsucht, das Verlangen zu töten, zu foltern, Gesichter miteinem Vorschlaghammer zu zertrümmern, schien die ganzeVersammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so daßman gegen seinen Willen in einen Grimassen schneidenden,schreienden Verrückten verwandelt wurde.Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte,ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einemGegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte. So war füreinen Augenblick der Hass Winstons durchaus nicht gegenGoldstein gerichtet, sondern im Gegenteil gegen den GroßenBruder, gegen die Partei und die Gedankenpolizei. Und in 19
  20. 20. solchen Augenblicken schwoll sein Herz über für den einsamen,verachteten Abtrünnigen auf dem Sehschirm, diesen einzigenVerfechter von Wahrheit und Vernunft in einer Welt der Lügen.Und doch fühlte er sich im nächsten Augenblick wieder eins mitden ihn umgebenden Menschen, und alle Behauptungen überGoldstein schienen ihm wahr. In solchen Augenblickenverwandelte sich seine geheime Abneigung gegen den GroßenBruder in Verehrung, und der Große Bruder schien dazustehenals ein unbesieglicher, furchtloser Beschützer, der sich wie einFelsen gegen die anbrandenden asiatischen Horden stemmte,während Goldstein ihm trotz seiner Vereinsamung, seinerHilflosigkeit und der Zweifel, die sich allein schon an seintatsächliches Vorhandensein knüpften, wie ein unheilvollerBetörer vorkam, der es lediglich durch die Macht seiner Stimmefertig brachte, die Fundamente der Zivilisation zu zerstören.In manchen Augenblicken war es sogar möglich, seinen Hassdurch einen Willensakt da oder dorthin zu lenken. So gelang esWinston plötzlich, durch eine heftige Anstrengung, ähnlich der,mit der man in einem Alptraum seinen Kopf vom Kissen losreißt,seinen Hass von dem Gesicht auf dem Sehschirm auf das hinterihm sitzende dunkelhaarige Mädchen zu übertragen. Lebhafte,berückende Vorstellungen huschten ihm durch den Sinn. Erwürde sie mit einem Gummiknüppel zu Tode prügeln, sie nacktan einen Pfahl binden und sie mit Pfeilen durchlöchern, gleichdem heiligen Sebastian. Er würde sie vergewaltigen und ihr imAugenblick der höchsten Lust die Kehle durchschneiden.Deutlicher als zuvor war er sich auch bewußt, warum er siehasste. Er hasste sie, weil sie jung, hübsch und geschlechtsloswar, weil er mit ihr ins Bett gehen wollte und daraus nie etwaswerden würde, denn um ihre reizende, biegsame Taille, die einenzur Umarmung aufzufordern schien, wand sich nur die verhextescharlachrote Schärpe, das aufreizende Symbol der Keuschheit.Die Hasswelle erreichte ihren Höhepunkt. Goldsteins Stimmewar tatsächlich zu einem Blöken geworden, und einenAugenblick lang verwandelte sich sein Gesicht in das eines 20
  21. 21. Schafes. Dann blendete das Schafsgesicht in die Gestalt eineseurasischen Soldaten über, der riesig und furchtbar mitratternder Maschinenpistole auf den Besucher zuzuschreiten undaus der Fläche des Sehschirms herauszuspringen schien, so daßmanche der Zuschauer in der ersten Reihe auf ihren Sitzenzurückprallten. Aber im gleichen Augenblick, während jedemMunde ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr, zerschmolzdie feindliche Gestalt in das Gesicht des Großen Bruders mitseinen dunklen Haaren und seinem Schnurrbart, das Macht undgeheimnisvolle Ruhe ausstrahlte und mit seiner riesigen Größefast den ganzen Sehschirm ausfüllte.Niemand verstand, was der Große Bruder sagte. Es waren nurein paar Worte der Ermutigung, Worte, wie sie im Kampflärmeiner Schlacht ausgestoßen werden, nicht im einzelnenunterscheidbar, die aber einfach dadurch, daß sie ausgesprochenwerden, die Zuversicht wiederherstellen. Dann zerrann dasGesicht des Großen Bruders wieder, und statt seiner erschienenin klaren großen Buchstaben die drei Parteiwahlsprüche:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEAber das Gesicht des Großen Bruders schien sich noch einigeSekunden auf dem Sehschirm zu behaupten, so als sei derEindruck, den es auf der Netzhaut aller Zuschauerhervorgebracht hatte, zu lebhaft, um sogleich zu verlöschen. Diekleine Frau hatte sich über die Lehne des vor ihr stehendenStuhles nach vorne geworfen. Mit einem bebenden Flüstern, daswie »Mein Retter!« klang, breitete sie die Arme dem Sehschirmentgegen. Dann barg sie ihr Gesicht in den Händen.Offensichtlich sprach sie ein Gebet.Jetzt stimmten alle Versammelten einen kraftvollen, langsamenund rhythmischen Sprechchor an: »G-B! G-B! G-B!« 21
  22. 22. Wieder und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pausezwischen dem ersten G und dem zweiten B – in einemfeierlichen, murmelnden, seltsam ungestüm wirkenden Ton, sodaß man als Begleitung das Stampfen nackter Füße und dasdumpfe Dröhnen von Tamtams zu hören glaubte.Vielleicht dreißig Sekunden lang fuhren sie damit fort. Es war einRefrain, den man oft in Augenblicken überwältigender Erregunghörte. Zum Teil war es eine Art Hymne auf die Weisheit undMajestät des Großen Bruders, mehr aber noch ein Akt derSelbsthypnose, ein absichtliches Übertönen des Bewußtseinsdurch das Mittel rhythmischen Lärms. Winston fühlte eine Kältein seinen Eingeweiden. Während der Zwei-Minuten-Hass-Sendung konnte er nicht umhin, gleichfalls dem allgemeinenDelirium anheim zufallen, aber dieser unmenschliche Singsang»G-B! G-B!« erfüllte ihn immer mit Abscheu. Natürlich stand erden übrigen nicht nach; etwas anderes wäre unmöglich gewesen.Seine Gefühle zu verschleiern, sein Gesicht zu beherrschen, zutun, was jeder tat, gebot schon der Instinkt. Aber es gab eineZeitspanne von einigen Sekunden, in der ihn der Ausdruckseiner Augen in bedenklicher Weise hätte verraten können. Undgenau in diesem Augenblick ereignete sich das Bedeutsame –wenn es sich wirklich ereignete.Er fing flüchtig OBriens Blick auf. OBrien war aufgestanden. Erhatte seine Brille abgenommen und war gerade im Begriff, siewieder mit seiner charakteristischen Geste aufzusetzen. Aberdazwischen lag der Bruchteil einer Sekunde, währenddessen sichihre Augen begegneten, und in diesem winzigen Zeitraum wußteWinston – ja, er wußte es!, daß OBrien das gleiche dachte wie er.Eine unmißverständliche Botschaft war zwischen ihnenausgetauscht worden. Es war, als hätten ihre beiden Denkweltensich aufgetan und als strömten durch ihre Augen die Gedankenvon dem einen in den anderen über.»Ich halte es mit dir«, schien OBrien zu ihm zu sagen. »Ich weißgenau, was in dir vorgeht. Ich kenne deine ganze Verachtung,deinen Hass, deinen Abscheu. Aber hab keine Angst, ich stehe 22
  23. 23. auf deiner Seite!« – Dann war der Blitz des Einverständnisseserloschen, und OBriens Gesicht war ebenso undurchdringlichwie das aller anderen.Das war alles gewesen, und er war schon nicht mehr sicher, ob essich wirklich zugetragen hatte. Derartige Zwischenfälle hattennie eine Fortsetzung. Sie hielten lediglich den Glauben – oder dieHoffnung – in ihm lebendig, daß es außer ihm noch andereFeinde der Partei gab. Vielleicht waren die Gerüchte von großenUntergrundverschwörungen doch wahr – vielleicht existierte»Die Brüderschaft« wirklich! Trotz der endlosen Verhaftungen,Geständnisse und Hinrichtungen konnte man nie sicher sein, daß»Die Brüderschaft« nicht lediglich eine sagenhafte Erfindungwar.An manchen Tagen glaubte er daran, an anderen nicht. Es gabkeinen greifbaren Beweis, nur flüchtige Andeutungen, die allesoder nichts bedeuten konnten: Bruchstücke erlauschterGespräche, verwischte Aufschriften an Abortwänden – odereinmal, wenn zwei Freunde sich trafen, eine kleine Bewegung derHände, die einem Verständigungszeichen ähnlich sah. Alles warnur eine Mutmaßung: sehr wahrscheinlich hatte er sich das allesnur eingebildet. Er war an seinen Arbeitsplatz zurückgegangen,ohne OBrien noch einmal anzusehen. Der Gedanke, ihre kurzeFühlungnahme weiter zu verfolgen, war ihm kaum durch denSinn gegangen.Es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen, selbst wenn er gewußthätte, wie er das machen sollte. Eine oder zwei Sekunden langhatten sie einen zweideutigen Blick getauscht – und damitSchluß. Aber sogar das war ein denkwürdiger Augenblick in derabgeschlossenen Einsamkeit, in der man zu leben gezwungenwar.Winston rappelte sich hoch und setzte sich gerade. Er mußterülpsen. Der Gin rumorte in seinem Magen. Sein Blick richtetesich wieder auf das Blatt. Er entdeckte, daß er, während er inhilflosem Grübeln dagesessen, gleichzeitig automatischweitergeschrieben hatte. Und zwar war es nicht mehr die gleiche 23
  24. 24. verkrampfte Handschrift von vorhin. Seine Feder warbeschwingt über das glatte Papier geglitten und hatte in großerklarer Blockschrift hingemalt:NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEMGROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER!Immer wieder schrieb er es, fast über eine halbe Seite hinweg.Unwillkürlich durchzuckte ihn ein furchtbarer Schrecken. Daswar im Grunde töricht, denn dasNiederschreiben gerade dieser Worte war nicht gefährlicher alsder erste Schritt, ein Tagebuch anzulegen; und doch fühlte er sicheinen Augenblick lang versucht, die beschriebenen Seitenherauszureißen und die ganze Sache aufzugeben.Er tat es jedoch nicht, weil er wußte, daß es zwecklos war. Ob er„nieder mit dem Großen Bruder“ hinschrieb oder nicht, machtekeinen Unterschied. Ob er mit dem Tagebuch fortfuhr oder nicht,machte keinen Unterschied. Die Gedankenpolizei würde ihntrotzdem erwischen. Er hatte – auch wenn er nie die Federangesetzt hätte – das Kapitalverbrechen begangen, das alleanderen in sich einschloß. Gedankenverbrechen nannten sie es.Gedankenverbrechen konnte man auf die Dauer nicht geheimhalten. Man konnte vielleicht eine Weile, oder sogar Jahre lang,schlaue Winkelzüge machen, aber früher oder später kamen sieeinem doch darauf.Immer war es nachts – die Verhaftungen fanden unabänderlichnachts statt. Das plötzliche Hochfahren aus dem Schlaf, die derbeHand, die einen an der Schulter packte, die Lichter, die einem dieAugen blendeten, der Kreis harter Gesichter um das Bett. In derüberragenden Mehrzahl der Fälle fand keineGerichtsverhandlung statt, kein Bericht meldete die Verhaftung.Die Menschen verschwanden einfach, immer mitten in der Nacht.Der Name wurde aus den Listen gestrichen, jede Aufzeichnungvon allem, was einer je getan hatte, wurde vernichtet; daß manjemals gelebt hatte, wurde erst geleugnet und dann vergessen. 24
  25. 25. Man war ausgelöscht, zu nichts geworden; man wurde„vaporisiert“, wie das gebräuchliche Wort dafür lautete.Einen Augenblick überfiel ihn eine Art Nervenkrise. Er begann infliegendem, krakeligem Gekritzel zu schreiben:»sie werden mich erschießen wenn ich nicht aufpasse sie werdenmich mit einem genickschuß erschießen wenn ich nicht aufpassenieder mit dem großen bruder sie erschießen einen immer mitgenickschuß mir ist es egal nieder mit dem großen bruder…«Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, ein wenig beschämt übersich selbst, und legte den Federhalter hin. Im nächstenAugenblick fuhr er heftig zusammen. Es klopfte jemand an dieTür.Schon! Er saß mucksmäuschenstill da, in der vergeblichenHoffnung, der Draußenstehende könnte nach einem einmaligenVersuch weggehen. Aber nein, das Klopfen wurde wiederholt.Das Schlimmste, was er tun konnte, war zu zögern. Sein Herzklopfte wie eine Pauke, aber sein Gesicht war, vermutlich auslanger Gewohnheit, ganz ausdruckslos. Er stand auf und gingschweren Schrittes zur Tür. Zweites KapitelWährend er die Hand auf die Türklinke legte, sah Winston, daßer das Tagebuch offen auf dem Tisch hatte liegen lassen. „Niedermit dem Großen Bruder!“ stand da über die halbe Seite hinweg inBuchstaben, die beinahe groß genug waren, um durch das ganzeZimmer leserlich zu sein. Es war eine unvorstellbare Dummheit.Aber er stellte fest, daß er es sogar in seinem Schrecken nichtüber sich gebracht hatte, das weiße Papier dadurch zu besudeln,daß er das Buch zuklappte, solange die Tinte noch naß war. 25
  26. 26. Er hielt den Atem an und öffnete die Tür. Sofort durchflutete ihneine warme Welle der Erleichterung. Draußen stand einefarblose, zerknittert aussehende Frau mit strähnigem Haar undtiefgefurchtem Gesicht.»Ach, Genosse«, begann sie mit leidender Jammerstimme, »mirwar so, als ob ich Sie heimkommen hörte. Könnten Sie wohlherüberkommen und sich eben mal unsern Ausguss in der Kücheansehen? Er ist verstopft und…«Es war Frau Parsons, die Frau des Nachbarn auf dem gleichenFlur. (Die Geschlechtsbezeichnung »Frau« wurde von der Parteinicht gern gesehen – man erwartete, daß man alle Leute mit»Genosse« oder »Genossin« anredete –, aber bei einigen Frauengebrauchte man das Wort ganz unwillkürlich.)Sie war eine Frau von etwa dreißig Jahren, sah aber viel älter aus.Man hatte den Eindruck, daß sich in den Falten ihres GesichtsStaub angesetzt hatte. Winston folgte ihr durch den Gang. Solcheeigenhändigen, unfachgemäßen Reparaturarbeiten waren einefast alltägliche Last. Der Victory-Block war ein alter, etwa um dasJahr 1930 gebauter Wohnungskomplex und ging langsam in dieBrüche. Dauernd bröckelte der Verputz von Decken undWänden, die Leitungsrohre platzten bei jedem starken Frost, dasDach ließ Wasser durchsickern, sobald es schneite, dieZentralheizung war gewöhnlich nur unter halbem Druck, wennsie nicht aus Sparsamkeitsgründen ganz abgestellt war.Reparaturen mußten, wenn man sie nicht selbst machte, vonabgelegenen Ämtern genehmigt werden, die es fertig brachten,sogar das Wiedereinsetzen einer Fensterscheibe zwei Jahrehinauszuzögern.»Ich komme natürlich nur, weil Tom nicht zu Hause ist«,murmelte Frau Parsons unbestimmt vor sich hin.Die Wohnung der Parsons war größer als die von Winston undauf eine andere Art schäbig. Alles sah hier abgestoßen undniedergetrampelt aus, so als seien die Räume eben von einemgroßen wilden Tier heimgesucht worden. Sportgeräte –Hockeyschläger, Boxhandschuhe, ein aus den Nähten geplatzter 26
  27. 27. Fußball, eine verschwitzte, umgekrempelte Turnhose – lagensämtlich über den Fußboden verstreut, und auf dem Tisch warein Durcheinander von schmutzigem Geschirr und eselsohrigenSchulbüchern. An den Wänden hingen knallrote Wimpel derJugendliga und der sogenannten „Späher“, nebst einem Plakatvom Großen Bruder in Großformat.Auch hier schwebte der übliche Kohlgeruch, der dem ganzenHaus anhaftete, in der Luft, aber er war von einem schärferenSchweißdunst geschwängert, nach dem Schweiß eines – wie manvom ersten Schnuppern an wußte, wenn man auch schwer denGrund dafür hätte sagen können – im Augenblick abwesendenMenschen. In einem ändern Zimmer versuchte jemand im Taktder Militärmusik, die noch immer aus dem Televisor dröhnte, aufeinem Kamm mit darüber gespanntem Toilettenpapier zu blasen.»Es sind die Kinder«, sagte Frau Parsons mit einem halbfurchtsamen Blick auf die Tür. »Sie sind heute nicht aus demHaus gekommen. Und natürlich …«Sie hatte eine Angewohnheit, ihre Sätze mittendrin abzubrechen.Der Küchenausguss war fast bis zum Rand voll mit schmutzig-grünlichem Wasser, das schlimmer als alles andere nach Kohlstank. Winston kniete nieder und untersuchte das gebogeneVerbindungsstück des Ableitungsrohres. Er verabscheutemanuelle Arbeit sehr, und es war ihm schrecklich, sich bücken zumüssen, weil das fast immer einen Hustenanfall bei ihm auslöste.Frau Parsons machte ein hilfloses Gesicht.»Freilich, wenn Tom daheim wäre, würde er es im Nu inOrdnung bringen«, meinte sie. »Solche Sachen machen ihm Spaß.Er ist so geschickt mit seinen Händen, wirklich, er ist sogeschickt, der Tom.«Parsons war Winstons Kollege im Wahrheitsministerium. Er warein rundlicher, jedoch sehr beweglicher Mann von entwaffnenderDummheit, ein Klotz voll törichter Begeisterung – einer vondiesen ergebenen Gimpeln, die niemals eine Frage stellen undvon denen – mehr sogar noch als von der Gedankenpolizei – derBestand der Partei abhing. Mit fünfunddreißig Jahren war er erst 27
  28. 28. kürzlich sehr ungern aus der Jugendliga ausgeschieden, und eheer in die Jugendliga aufgerückt war, hatte er es fertiggebracht, einJahr über das satzungsgemäß festgesetzte Alter hinaus bei denSpähern zu verbleiben. Im Ministerium wurde er auf einemuntergeordneten Posten verwendet, für den kein Verstand nötigwar, doch war er andererseits ein führender Mann beimSportausschuß und allen anderen Ausschüssen, denen dieOrganisation von Gemeinschaftswanderungen, spontanenDemonstrationen, Sparwerbewochen und überhaupt jede Artfreiwilligen Einsatzes unterstand. Er erzählte einem voll ruhigenStolzes, während er seiner Pfeife kleine Rauchwölkchenentlockte, daß er in den letzten vier Jahren jeden Abend imGemeinschaftshaus erschienen sei.Ein durchdringender Schweißgeruch folgte ihm wie einunfreiwilliges Zeugnis für die Angestrengtheit seines Lebensüberallhin und schwebte sogar nach seinem Weggehen noch imZimmer.»Haben Sie einen Schraubenschlüssel?« fragte Winston undmachte sich mit der Schraubenmutter am Verbindungsstück zuschaffen.»Einen Schraubenschlüssel«, sagte Frau Parsons und wurdesofort unsicher. »Ich weiß nicht. Vielleicht, daß die Kinder…«Man hörte Schuhgetrampel und einen neuen Trompetenstoß aufdem Kamm, als die Kinder ins Wohnzimmer hereinstürmten.Frau Parsons brachte den Schraubenschlüssel. Winston ließ dasWasser ablaufen und entfernte angeekelt den Pfropfenmenschlicher Haare, der die Röhre verstopft hatte. Er reinigteseine Hände so gut er konnte in dem kalten Leitungswasser undging in das andere Zimmer zurück.»Hände hoch!« schrie eine wilde Stimme.Ein hübscher, robust aussehender Junge von neun Jahren warhinter dem Tisch hervorgesprungen und bedrohte ihn mit seinerautomatischen Kinderpistole, während seine um etwa zwei Jahrejüngere Schwester mit einem Stück Holz dieselbe Geste machte.Beide waren mit den kurzen blauen Hosen, den grauen Hemden 28
  29. 29. und dem roten Halstuch bekleidet, aus denen die Uniform derSpäher bestand. Winston hob seine Hände über den Kopf, abermit einem unbehaglichen Gefühl, denn der Junge gebärdete sichso bösartig, als ob es wirklich mehr als ein Spiel war.»Sie sind ein Verräter!« schrie der Junge. »Sie sind einGedankenverbrecher! Sie sind ein eurasischer Spion! Icherschieße Sie, ich werde Sie vaporisieren, ich werde Sie in dieSalzbergwerke verbannen!«Plötzlich sprangen beide um ihn herum und schrien »Verräter!«und »Gedankenverbrecher!«, wobei das kleine Mädchen ihremBruder jede Bewegung nachmachte.Es war irgendwie erschreckend, gleich den Freudensprüngen vonTigerjungen, die bald zu Menschenfressern herangewachsen seinwerden. Es war etwas von berechnender Wildheit im Auge desJungen, ein ganz offensichtliches Verlangen, Winston zu schlagenoder zu treten, und das Bewußtsein, schon beinahe groß genugdazu zu sein. Ein Glück, daß er keine richtige Pistole in Händenhielt, dachte Winston.Frau Parsons Blicke huschten nervös von Winston zu denKindern und wieder zurück. In dem besseren Licht desWohnzimmers bemerkte er voller Mitleid, daß es tatsächlichStaub war, was sich in ihren Runzeln eingenistet hatte.»Sie sind so laut«, sagte sie. »Sie sind enttäuscht, weil sie nichtausgehen und sich das Hängen ansehen können, daher kommt eswohl. Ich bin zu beschäftigt, um mit ihnen hinauszugehen, undTom kommt nicht rechtzeitig von der Arbeit heim.«»Warum können wir nicht gehen und das Hängen sehen?«brüllte der Junge mit seiner kräftigen Stimme.»Hängen sehen! Hängen sehen!« leierte das Mädchen, das nochimmer herumsprang.Einige eurasische Gefangene, denen Kriegsverbrechen zur Lastgelegt wurden, sollten an diesem Abend im Park gehängtwerden, fiel Winston ein. Dergleichen fand etwa einmal imMonat statt und war ein beliebtes Schauspiel. Kinder verlangtenimmer, dazu mitgenommen zu werden. Er verabschiedete sich 29
  30. 30. von Frau Parsons und ging zur Tür. Er war aber noch keine sechsStufen die Treppe hinuntergestiegen, als ihn etwas mitfurchtbarer Wucht höchst schmerzhaft in den Nacken traf. Eswar, als sei ihm ein rotglühender Draht ins Fleisch gestoßenworden. Er fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um zu sehen,wie Frau Parsons ihren Sohn durch die Wohnungstürhineinzerrte, während der Junge eine Schleuder einsteckte.»Goldstein!« schrie ihm der Junge nach, während sich die Türhinter ihm schloss. Was Winston am betroffensten machte, warder Ausdruck hilfloser Angst im Antlitz der Frau.Als er in seine Wohnung zurückgekehrt war, ging er rasch hinterden Televisor und setzte sich wieder an den Tisch. Er rieb seinenimmer noch schmerzenden Nacken. Die Musik aus dem Televisorwar verstummt. Stattdessen verlas eine forsche militärischeStimme mit einer Art brutalen Behagens eine Beschreibung vonder Bewaffnung der neuen Schwimmenden Festung, die soebenzwischen Island und den Faröer-Inseln vor Anker gegangen war.Mit diesen Kindern, dachte Winston, mußte die arme Frau einHöllenleben haben. Noch ein, zwei Jahre, und sie würden sie Tagund Nacht nach Anzeichen nachlassender Parteitreue bespitzeln.Fast alle Kinder waren heutzutage schrecklich. Am schlimmstenvon allem war jedoch, daß sie mit Hilfe von solchenOrganisationen wie den Spähern systematisch zuunbezähmbaren kleinen Wilden erzogen wurden. Und dochweckte das in ihnen keineswegs die Neigung, sich gegen dieParteidisziplin aufzulehnen.Die Umzüge, die Fahnen, die Wanderungen, das Exerzieren mitHolzgewehren, das Brüllen von Schlagworten, die Verehrung desGroßen Bruders – alles das war für sie ein herrliches Spiel. Ihreganze Wildheit wurde nach außen gelenkt, gegen dieSystemfeinde, gegen Abweichler, Verräter, Saboteure,Gedankenverbrecher. Es war für Leute über dreißig nahezunormal, vor ihren eigenen Kindern Angst zu haben. Und das mitgutem Grund, denn es verging kaum eine Woche, in der nicht inder Times ein Bericht stand, wie ein lauschender kleiner Angeber 30
  31. 31. – »Kinderheld« lautete die gewöhnlich gebrauchte Bezeichnung –eine kompromittierende Bemerkung mit angehört und seineEltern bei der Gedankenpolizei angezeigt hatte.Der durch das Geschoß der Schleuder verursachte Schmerz warvergangen. Winston griff unentschlossen zum Federhalter undfragte sich, ob ihm wohl noch etwas für sein Tagebuch einfallenwürde. Plötzlich dachte er von neuem an OBrien.Vor Jahren – wie lange war es her? Es mußte vor sieben Jahrengewesen sein – hatte er geträumt, er gehe durch ein stockdunklesZimmer. Und jemand, der seitlich von ihm saß, hatte, als ervorüberkam, gesagt: »Wir wollen uns wiedersehen, wo keineDunkelheit herrscht.«Er sagte das ganz ruhig, fast nebenbei – als eine Feststellung, keinBefehl. Er war weitergegangen, ohne stehen zubleiben. Dasseltsame war, daß damals, im Traum, die Worte keinen großenEindruck auf ihn gemacht hatten. Erst später und allmählichhatten sie anscheinend eine Bedeutung angenommen. Er konntesich jetzt nicht mehr erinnern, ob es vor oder nach dem Traumwar, daß er OBrien zum erstenmal gesehen hatte; so wenig wieer sich entsann, wann er zum erstenmal jene Stimme als dieOBriens identifiziert hatte. Jedenfalls war es für ihn jetzt dieStimme OBriens. OBrien hatte aus der Dunkelheit zu ihmgesprochen.Winston hatte nie genau herausfinden können – auch nach demflüchtigen zweideutigen Blick von heute morgen konnte erdessen nicht sicher sein –, ob OBrien ein Freund oder ein Feindwar. Aber das schien nicht einmal viel auszumachen. Zwischenihnen herrschte ein Einverständnis, das wichtiger war alsZuneigung oder Parteizugehörigkeit.»Wir wollen uns wiedersehen, wo keine Dunkelheit herrscht«,hatte er gesagt. Winston wußte nicht, was das zu bedeuten hatte,sondern nur, daß es sich auf irgendeine Weise bewahrheitenwürde.Die Stimme aus dem Televisor brach ab. Ein Fanfarenstoßschmetterte klar und schön durch die stille Luft. Die Stimme fuhr 31
  32. 32. rasch und krächzend fort: »Achtung! Achtung! Soeben ist eineSondermeldung von der Malabar-Front eingetroffen. UnsereStreitkräfte in Süd-Indien haben einen glänzenden Sieg erfochten.Ich bin zu der Durchsage ermächtigt, daß die kriegerischeOperation, von der wir gleich berichten werden, das Kriegsendein errechenbare Nähe rücken dürfte. Es folgt jetzt dieSondermeldung…“Das bedeutet nichts Gutes, dachte Winston. Und tatsächlich, nacheiner blutrünstigen Schilderung der vollständigen Vernichtungeiner eurasischen Armee, bei der riesige Zahlen von Toten undGefangenen genannt wurden, kam die Ankündigung, daß abnächster Woche die Schokoladeration von dreißig auf zwanzigGramm herabgesetzt werden sollte.Winston mußte noch einmal aufstoßen. Die Wirkung des Ginsverflüchtigte sich und ließ ein Gefühl der Erschlaffung zurück.Der Televisor stimmte – vielleicht um den Sieg zu feiern, oderaber um die Erinnerung an die Schokoladenkürzung zuübertönen – die schmetternden Klänge von »Ozeanien, meinLand, für Dich mit Herz und Hand« an. Vom Zuhörer wurdeerwartet, daß er dabei stramme Haltung annahm. Aber an seinemderzeitigen Platz war Winston nicht sichtbar.Die Hymne wurde von leichterer Musik abgelöst. Winston tratans Fenster, mit dem Rücken zum Televisor. Der Tag war nochimmer kalt und klar. Irgendwo in der Ferne explodierte eineRaketenbombe mit dumpfem, widerhallendem Dröhnen. Zurzeitfielen wöchentlich etwa zwanzig bis dreißig Stück auf London.Drunten auf der Straße klappte der Wind das zerrissene Plakathin und her, und das Wort Engsoz war abwechselnd sichtbar undunsichtbar. Die heiligen politischen Grundsätze von Engsoz:Neusprech, Doppeldenk, die Verwandlung der Vergangenheit.Ihm war, als wandle er durch Wälder auf dem Meeresgrund, ineine ungeheuerliche Welt verirrt, in der er selbst das Ungeheuerwar. Er war allein. Die Vergangenheit war tot, die Zukunftunvorstellbar. Welche Gewißheit hatte er, daß auch nur eineinziger lebender Mensch auf seiner Seite stand? Und warum 32
  33. 33. sollte die Herrschaft der Partei nicht ewig dauern? Wie eine ArtAntwort fielen ihm die drei Wahlsprüche auf der weißen Frontdes Wahrheits-Ministeriums ein:KRIEG BEDEUTET FRIEDENFREIHEIT IST SKLAVEREIUNWISSENHEIT IST STÄRKEEr zog ein Fünfundzwanzig-Cent-Stück aus der Tasche. Auchhier waren in winziger, klarer Schrift die gleichen Deviseneingestanzt, während die Kehrseite der Münze den Kopf desGroßen Bruders zeigte. Sogar auf der Münze verfolgten einen dieAugen. Von Geldmünzen, Briefmarken, Bucheinbänden, Fahnen,Plakaten, Zigarettenschachteln – von überall verfolgten sie einen.Immer wurde man von den Augen beobachtet, von der Stimmeeingehüllt. Im Wachen und im Schlafen, bei der Arbeit oder beimEssen, im Haus oder außer Haus, im Bad oder im Bett – es gabkein Entrinnen. Nichts gehörte einem außer den paarKubikzentimetern im eigenen Schädel.Die Sonne war weitergerückt, und die unzähligen Fenster desWahrheits-Ministeriums, auf die ihre Strahlen nicht mehr fielen,sahen grimmig wie die Schießscharten einer Festung aus.Winstons Herz verzagte angesichts dieser riesig sichhochtürmenden Pyramide. Die Pyramide – dieses Symbol wurdevon den Herren Ozeaniens häufig verwendet, wie es Winstonkurz in den Sinn kam.Dieser Betonmoloch war zu unerschütterlich, um erstürmt zuwerden, tausend Raketenbomben vermochten ihn nicht zuzertrümmern. Wieder fragte er sich, für wen er sein Tagebuchschrieb.Für die Zukunft, für die Vergangenheit – für ein Zeitalter, dasvielleicht nur ein Traum war. Ihn erwartete nicht allein der Tod,sondern vollständige Austilgung. Das Tagebuch würde zu Asche,er selbst zu bloßem Rauch verbrannt werden. Nur dieGedankenpolizei würde das von ihm Geschriebene lesen, ehe sie 33
  34. 34. es aus der Welt und aus der Erinnerung tilgte. Wie konnte manan die Zukunft appellieren, wenn keine Spur von einem, nichteinmal ein Stückchen Papier mit ein paar darauf gekritzeltenanonymen Worten hinübergerettet werden konnte?Im Televisor schlug es vierzehn Uhr. In zehn Minuten mußte eraufbrechen. Um vierzehn Uhr dreißig mußte er zurück an derArbeit sein.Merkwürdigerweise schien ihn das Schlagen der vollen Stundemit neuem Mut erfüllt zu haben. Er war ein einsamer Gast aufdieser Erde, der eine Wahrheit verkündete, die niemand jemalshören würde. Aber solange er sie verkündete, war auf einegeheimnisvolle Weise der rote Faden nicht abgerissen. Nichtindem man sich Gehör verschaffte, sondern indem man sichunversehrt bewahrte, gab man das Erbe der Menschheit weiter.Er kehrte an den Tisch zurück, tauchte seine Feder ein undschrieb:»Einer Zukunft oder einer Vergangenheit, in derGedankenfreiheit herrscht, in der die Menschen voneinanderverschieden sind und nicht jeder für sich lebt – einer Zeit, in deres Wahrheit gibt und das Geschehene nicht ungeschehengemacht werden kann, schicke ich diesen Gruß aus einemZeitalter der Gleichmachung und der Vereinsamung, demZeitalter des Großen Bruders, dem Zeitalter desZwiegedankens.«Er war bereits tot, überlegte er. Es schien ihm, als habe er erstjetzt, seit er angefangen hatte, seine Gedanken formulieren zukönnen, den entscheidenden Schritt getan. Die Folgen jederHandlung sind schon in der Handlung selbst beschlossen. Erschrieb: »Das Gedankenverbrechen zieht nicht den Tod nach sich:das Gedankenverbrechen ist der Tod!«Jetzt aber, seit er sich als einen toten Mann betrachtete, wurde eswichtig, so lange wie möglich am Leben zu bleiben. Zwei Fingerseiner rechten Hand waren mit Tinte bekleckst. Gerade durcheine solche Kleinigkeit konnte man sich verraten. Einschnüffelnder fanatischer Eiferer im Ministerium (vermutlich 34
  35. 35. eine Frau: so jemand wie die kleine Aschblonde oder dasschwarzhaarige Mädchen aus der Literatur-Abteilung) konntesich zu wundern anfangen, warum er während der Mittagspausegeschrieben, warum er eine altmodische Stahlfeder benützt undwas er geschrieben hatte – um dann an zuständiger Stelle einenWink zu geben. Er ging ins Badezimmer und schrubbte dieTintenflecke sorgfältig mit der sandigen dunkelbraunen Seife, dieeinem die Hand wie Schmirgelpapier aufscheuerte und deshalbfür seinen Zweck geeignet war.Er legte sein Tagebuch in die Schublade. Der Gedanke, es zuverstecken, war völlig sinnlos, aber er konnte wenigstensVorkehrungen treffen, um sich zu vergewissern, ob es entdecktworden war. Ein zwischen die Seiten gelegtes Haar war zuaugenfällig. Mit der Fingerspitze pickte er ein gerade nocherkennbares weißliches Staubkörnchen auf und legte es auf dieEcke des Einbands, wo es herunterfallen mußte, wenn jemanddas Buch berührte. Drittes KapitelWinston träumte von seiner Mutter. Er mußte, so überlegte er,zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als seine Mutterverschwunden war. Sie war eine große, würdevolle, ziemlichstille Frau mit gemessenen Bewegungen und wundervollenblonden Haaren gewesen.Seinen Vater hatte er undeutlicher in Erinnerung: dunkelhaarigund hager, immer in eleganten dunklen Anzügen (Winstonentsann sich insbesondere seiner sehr dünnen Schuhsohlen) undmit einer Brille. Die beiden mußten offenbar bei einer der erstengroßen Säuberungsaktionen ums Leben gekommen sein. ImTraum saß seine Mutter an einem Platz tief unter ihm, seine 35
  36. 36. kleine Schwester in den Armen. Er erinnerte sich an seineSchwester nur noch als an ein winziges, schwächliches, immerlautloses Kind mit großen, aufmerksamen Augen. Beide blicktenzu ihm empor. Sie befanden sich an einer Stelle unter der Erde –etwa auf dem Grunde eines Ziehbrunnens oder in einem sehrtiefen Grab –, aber der Fleck, auf dem sie saßen, sank, obwohlbereits tief unter ihm gelegen, selbst noch immer tiefer nachunten ab. Sie waren in der Kajüte eines sinkenden Schiffes undblickten durch das immer dunkler werdende Wasser zu ihmempor.Noch war Luft in der Kajüte, noch konnten sie einander sehen,aber die ganze Zeit sanken sie tiefer, immer tiefer hinunter in diegrünen Wasser, die sie im nächsten Augenblick für immer demBlick entziehen mußten. Er weilte in Licht und Luft, während siein den Tod hinuntergezogen wurden, und sie waren dortdrunten, weil er hier oben war. Er wußte es, und auch sie wußtenes, und er konnte dieses Wissen in ihren Gesichtern lesen. Es warkein Vorwurf, weder in ihren Gesichtern noch in ihren Herzen,nur das Bewußtsein, daß sie sterben mußten, damit er am Lebenblieb, und daß dies zur unausweichlichen Ordnung der Dingegehörte.Er konnte sich nicht erinnern, was eigentlich geschehen war, aberer wußte in seinem Traum, daß das Leben seiner Mutter undseiner Schwester irgendwie für das seine geopfert worden war.Es war einer jener Träume, die in der charakteristischenVerkleidung des Traumes doch eine Fortsetzung des seelischenErlebens sind und in denen einem Tatsachen und Gedanken zumBewußtsein kommen, die auch nach dem Erwachen neu undwertvoll erscheinen. Die Erkenntnis, die Winston jetzt plötzlichdämmerte, war, daß der Tod seiner Mutter vor dreißig Jahren aufeine Weise traurig und tragisch gewesen war, die es heutzutagenicht mehr gab.Tragik, erkannte er, gehörte einer vergangenen Zeit an, als esnoch ein Eigenleben, Liebe und Freundschaft gab und dieMitglieder einer Familie, ohne nach dem Grund zu fragen, 36
  37. 37. füreinander eintraten. Die Erinnerung an seine Mutter nagte anseinem Herzen, denn sie war aus Liebe zu ihm gestorben, als erselbst noch zu jung und eigensüchtig war, um ihre Liebe zuerwidern, und weil sie sich irgendwie – auf welche Weise,erinnerte er sich nicht mehr – einem Treuegedanken geopferthatte, an den sie persönlich und unerschütterlich geglaubt hatte.Derlei konnte heutzutage nicht mehr vorkommen, das begriff er.Heutzutage gab es Angst, Hass und Leid, aber keine starken undwertvollen Gefühle, keine tiefen und echten Schmerzen mehr. Alldas schien er in den großen Augen seiner Mutter und seinerSchwester zu lesen, mit denen sie ihn durch das grüne Wasseraus einer Tiefe von vielen hundert Klafter ansahen, dabei immertiefer versinkend.Plötzlich stand er auf einer abgemähten Wiese, auf der federndenGrasnarbe; es war ein Sommerabend, und die Strahlen deruntergehenden Sonne vergoldeten die Erde. Die Landschaft, dieer sah, kehrte so oft in seinen Träumen wieder, daß er nie ganzsicher war, ob er sie nicht in Wirklichkeit gesehen hatte. In seinerwachen Vorstellung nannte er sie das „Goldene Land“.Es war eine alte, von Kaninchen bevölkerte Weide, durch die einFußpfad lief, mit da und dort einem Maulwurfshügel. In derunregelmäßigen Baumreihe jenseits der Wiese wiegten sich dieZweige der Ulmen leise in der sanften Brise, und ihre Blätterwogten in dichten Büscheln wie Frauenhaar. In der Nähe war,wenn auch außer Sicht, ein klarer, träge dahinfließender Fluß, indessen seichten Buchten unter den Weidenbäumen sichWeißfische tummelten.Das Mädchen mit dem dunklen Haar kam über die Wiese auf ihnzu. Mit einer einzigen Bewegung riss sie sich das Kleid herunterund warf es verächtlich beiseite. Ihr Leib war weiß und weich,aber er weckte kein Verlangen in ihm, ja er sah ihn kaum an. Wasihn in diesem Augenblick ganz erfüllte, war die Bewunderungfür die Gebärde, mit der sie ihre Kleider weggeschleudert hatte.Mit ihrer Grazie und Unbekümmertheit schien sie eine ganzeKultur abzutun, eine ganze Denkordnung, so, als könnten der 37
  38. 38. Große Bruder, die Partei und die Gedankenpolizei mit einereinzigen herrlichen Armbewegung weggewischt werden. Auchdas war eine der alten Zeit angehörende Geste. Winston wachtemit dem Wort »Shakespeare« auf den Lippen auf.Der Televisor ließ einen ohrenbetäubenden Pfeifton hören, der ingleicher Höhe dreißig Sekunden lang anhielt. Es war Punktsieben Uhr fünfzehn, Zeit zum Aufstehen für alleBehördenangestellten. Winston wälzte seinen Körper aus demBett – er schlief nackt, denn ein Mitglied der Äußeren Parteierhielt nur dreitausend Kleiderpunkte im Jahr – und ergriff einüber dem Stuhl liegendes graufarbenes Unterhemd und einekurze Sporthose. In drei Minuten begann die Morgengymnastik.Doch im nächsten Augenblick krümmte er sich unter einemheftigen Hustenanfall, der ihn fast immer kurz nach demErwachen überfiel.Seine Lungen wurden dadurch so vollständig leergepumpt, daßer erst wieder Atem schöpfen konnte, indem er sich der Längenach auf den Rücken streckte und ein paar tiefe Atemzügemachte. Seine Adern waren unter der Anstrengung des Hustensgeschwollen, und die Krampfaderknoten hatten angefangen zuschmerzen.»Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen!« kläffte eine schrilleFrauenstimme. »Gruppe der Dreißig- bis Vierzigjährigen. Bitte,auf die Plätze! Dreißig- bis Vierzigjährige.«Winston nahm stramme Haltung vor dem Televisor an, aufdessen Schirm bereits das Bild einer ziemlich jungen, mageren,aber muskulösen Frau in einem Kittel und Turnschuhenerschienen war.»Arme beugt und streckt!« legte sie los. »Im Takt, bitte! Eins,zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Los, Genossen, ein bisschenlebhafter! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! . . .«Der von dem Hustenanfall verursachte Schmerz hatte inWinstons Gehirn noch nicht ganz den Eindruck verwischt, densein Traum auf ihn gemacht hatte, und unter den rhythmischenBewegungen der Gymnastik wurde dieser wieder lebhafter. 38
  39. 39. Während er mechanisch seine Arme beugte und streckte, wobeisein Gesicht den beflissen begeisterten Ausdruck zur Schau trug,der für die Morgengymnastik Vorschrift war, versuchte er sich inGedanken zurück in die unklare Zeit seiner frühen Kindheit zuversetzen. Das war äußerst schwierig. Schon bei den fünfzigerJahren trübte sich jede Erinnerung. Wenn es keine äußerlichenAnhaltspunkte gab, an die man sich halten konnte, verlor sogarder Verlauf des eigenen Lebens seine deutlich umreißbareKontur.Man entsann sich großer Geschehnisse, die sehr wahrscheinlichgar nicht stattgefunden hatten, erinnerte sich an Einzelheiten vonVorfällen, ohne ihre Atmosphäre wiederherstellen zu können,und es gab lange leere Zeitabschnitte, mit denen man überhauptnichts anzufangen wußte. Damals war alles anders gewesen.Sogar die Namen der Länder und ihre Gestalt auf der Landkartewaren anders gewesen. Luftflottenstützpunkt Nr. 1 zum Beispielhatte zu der Zeit als es noch Nationen gab eine andereBezeichnung gehabt: er hatte England oder Großbritanniengeheißen, wenn auch London, wie er ziemlich sicher zu seinglaubte, immer London genannt worden war.Winston konnte sich nicht genau an einen Zeitpunkt erinnern, indem seine Heimat nicht in einen Krieg verwickelt gewesen wäre,aber offenbar hatte es doch zwischendurch, während seinerKindheit, eine ziemlich lange Friedensperiode gegeben; denneine seiner frühesten Erinnerungen betraf einen Luftangriff, derfür jedermann vollkommen überraschend gekommen zu seinschien.Vielleicht handelte es sich um die Zeit, als die Atombombe aufColchester gefallen war. Er erinnerte sich nicht an den Luftangriffselbst, entsann sich aber, wie die Hand seines Vaters die seinigeumklammert hielt, als sie hinunter, immer tiefer und tieferhinunter an einen Ort tief unter der Erde geeilt waren, immer imKreis auf einer spiralförmigen Treppe, die unter seinen Sohlenleise geklirrt und schließlich seine Beine so ermüdet hatte, daß erzu jammern begann und sie stehen bleiben und ausruhen 39
  40. 40. mußten. Die Mutter, in ihrer langsamen, verträumten Art, kamein gutes Stück hinter ihnen drein. Sie trug sein Schwesterchen –oder vielleicht auch nur ein Bündel Decken: er war nicht sicher,ob seine Schwester damals schon geboren war. Endlich waren siean einen überfüllten Ort gekommen, den er als einenUntergrundbahnhof erkannt hatte.Menschen kauerten überall auf dem steingepflasterten Fußboden,und andere saßen, dicht zusammengedrängt, übereinander aufden Eisenträgern. Winston, sein Vater und seine Mutter fandeneinen Platz auf dem Boden, und dicht neben ihnen saßen Seite anSeite ein alter Mann und eine alte Frau auf einem Eisenträger.Der alte Mann hatte einen guten schwarzen Anzug an, eineschwarze Reisemütze war über seinem sehr weißen Haar aus derStirn gerückt; sein Gesicht war blaurot, und seine blauen Augenstanden voller Tränen. Er roch heftig nach Gin, den seine Haut anStelle von Schweiß auszudünsten schien, und man hätte glaubenkönnen, auch die Tränen, die aus seinen Augen rollten, seienpurer Gin.Aber abgesehen von seiner leichten Betrunkenheit, litt er auchunter einem echten und unerträglichen Kummer. In seinemkindlichen Verstand begriff Winston, daß soeben etwasSchreckliches, etwas Unverzeihliches und nie wiederGutzumachendes geschehen war. Es schien ihm auch, als wisseer, was es war. Jemand, den der alte Mann lieb hatte, vielleichteine kleine Enkelin, war getötet worden.Alle paar Augenblicke rief der alte Mann von neuem aus: »Wirhätten ihnen nicht trauen dürfen. Hab ichs nicht immer gesagt,Muttchen? Das hat man davon, daß man ihnen vertraut hat. Ichhab es immer gesagt. Wir hätten diesen Lumpen nicht trauensollen.«Aber welchen Lumpen man nicht hätte trauen sollen, darankonnte sich Winston jetzt nicht mehr erinnern.Seit dieser Zeit nämlich war der Krieg buchstäblich einDauerzustand geworden, wenn es sich auch genaugenommennicht immer um den gleichen Krieg handelte. Mehrere Monate 40
  41. 41. während seiner Kindheit hatten in London selbst wirreStraßenkämpfe getobt, an einige davon erinnerte er sich nochlebhaft. Aber die geschichtliche Entwicklung genau zu verfolgenund zu sagen, wer jemals wen bekämpfte, wäre vollständigunmöglich gewesen, denn keine schriftliche Aufzeichnung odermündliche Überlieferung erwähnte je eine andere Konstellationals die gegenwärtig gültige.So war zum Beispiel in diesem Augenblick, um das Jahr 1984(man schrieb tatsächlich das Jahr 1984), Ozeanien mit Eurasien imKriegszustand und mit Ostasien verbündet. In keiner öffentlichenoder privaten Verlautbarung wurde je zugegeben, daß die dreiMächte jemals anders gruppiert gewesen seien. In Wirklichkeitwar es, wie Winston sehr wohl wußte, erst vier Jahre her, daßOzeanien Ostasien bekriegt und mit Eurasien ein Bündnis gehabthatte. Aber das war nur ein kleiner Schimmer historischenWissens, den er auch nur besaß, weil seine Erinnerung noch nichthinreichend kontrollierbar war. Offiziell hatte nie eineVeränderung in der Kombination der Partner stattgefunden.Ozeanien führte mit Eurasien Krieg: also hatte Ozeanien immermit Eurasien Krieg geführt. Der augenblickliche Feind stellteimmer das Böse an sich dar, und daraus folgte, daß jedevergangene oder zukünftige Verbindung mit ihm undenkbarwar.Das Schrecklichste, überlegte er zum zehntausendstenmal,während er seine Schultern mit schmerzender Anstrengungzurückriß (sie machten jetzt, die Hände auf den Hüften, einigeRumpfbeugen, eine Übung, welche die Rückenmuskeln stärkensollte) – das Schrecklichste war, daß einfach alles wahr oderfalsch sein konnte. Wenn die Partei sich so in die Vergangenheiteinmischen und von diesem oder jenem Ereignis behauptenkonnte, „es habe nie stattgefunden“ – war das nicht wirklichfurchtbarer als Folter und Tod?Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbündetgewesen. Er, Winston Smith, wußte seinerseits, daß Ozeaniennoch vor nicht länger als vier Jahren mit Eurasien verbündet 41
  42. 42. gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur inseinem eigenen Bewußtsein, das unausweichlich bald in Staubzerfallen mußte. Und wenn alle anderen die von der Parteiverbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleichlauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurdeWahrheit. Denn die Mächtigen kontrollierten die Medien unddamit auch das Bewusstsein der Massen. Sie schriebenGeschichte und hatten allein die Mittel dazu.»Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole,»beherrscht die Zukunft! Wer die Gegenwart beherrscht,beherrscht die Vergangenheit!«Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie vonNatur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahreblieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es warnichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegenüber das eigene Gedächtnis. „Wirklichkeitskontrolle“ nannten siees; im Neusprech hieß es „Doppeldenk“.»Rührt euch!« kläffte die Vorturnerin, ein wenig freundlicher.Winston ließ die Arme sinken und füllte seine Lungen langsammit Luft. Seine Gedanken schweiften in die labyrinthische Weltdes Doppeldenk ab.Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigenVertrauens seiner Hörer bewußt zu sein, während man sorgfältigkonstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einanderausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, daßsie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logikgegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen,während man sie für sich in Anspruch nahm. So behauptete man,Demokratie sei unmöglich, wobei die Partei jedoch zugleich dieHüterin der Demokratie war.Und man sollte vergessen, um es sich dann, wenn man esbrauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauferneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, demVerfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahrenanzuwenden. 42
  43. 43. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheitvorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenenHypnoseaktes nicht bewusst zu werden! Allein schon dasVerständnis des Wortes Doppeldenk setzte eine doppelbödigeDenkweise voraus.Die Vorturnerin hatte sie wieder zum Stillstehen aufgerufen.»Und jetzt wollen wir mal sehen, wer von uns seine Zehenberühren kann!« sagte sie betont munter. »Aus den Hüftenheraus beugt, Genossen. „Eins! Zwei! Eins! Zwei!“Winston war diese Übung schrecklich, da sie ihm von den Fersenbis ins Gesäß einen stechenden Schmerz verursachte und oft miteinem erneuten Hustenanfall endete. Ihm vergingen diehalbwegs freundlichen Gedanken.Die Vergangenheit, überlegte er, war nicht nur verändert,sondern rundweg ausgelöscht worden. Denn wie konnte man dieoffensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es – außer in dereigenen Erinnerung – keine andere Aufzeichnung darüber gab?Er versuchte sich zu erinnern, in welchem Jahr er zum erstenmalvom Großen Bruder gehört hatte.Er glaubte, es mußte im Laufe der sechziger Jahre gewesen sein,aber es war unmöglich, der Tatsache sicher zu sein. In denGeschichtsdarstellungen der Partei figurierte der Große Bruderselbstverständlich als Führer und Hüter der Revolution von ihrenersten Anfängen an. Seine Heldentaten waren allmählich zeitlichzurückverlegt worden, bis sie bereits in die sagenhafte Welt dervierziger und dreißiger Jahre zurückreichten, als die Kapitalistennoch mit ihren seltsamen zylindrischen Hüten in großenschimmernden Automobilen oder Pferdewagen mit seitlichenGlasfenstern durch die Straßen Londons fuhren.Man wußte nicht, wie viel an dieser Legende wahr und wie vielerfunden war. Winston konnte sich nicht einmal erinnern, zuwelchem Zeitpunkt die Partei selbst erstmalig in Erscheinunggetreten war. Er glaubte nicht, das Wort Engsoz jemals vor demJahre 1960 gehört zu haben, aber es war möglich, daß es in seiner 43
  44. 44. alten Form – nämlich als »Englischer Sozialismus« – schon frühergebräuchlich gewesen war.Alles löste sich in Nebel auf. Manchmal freilich konnte man einedeutliche Lüge festnageln. Es war zum Beispiel nicht wahr – wiein den Parteigeschichtsbüchern behauptet wurde –, daß die Parteidie Flugzeuge erfunden hatte. Er erinnerte sich an Flugzeuge vonseiner frühesten Kindheit an. Aber man konnte nichts beweisen.Es gab keinen Beweis. Nur einmal in seinem ganzen Leben hatteer den unverkennbaren dokumentarischen Beweis einerGeschichtsfälschung in Händen gehalten. Und das war damals,als…»Smith!« schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. »6079Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bücken, wenn ich bitten darf!Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sichkeine Mühe. Tie-fer, bitte! So ist es schon besser, Genosse.Rühren, der ganze Verein, und alle mal herschauen!«Heißer Schweiß war Winston plötzlich am ganzen Körperausgebrochen. Sein Gesicht blieb vollkommen undurchdringlich.Nur keine Unlust verraten! Niemals entrüstet sein! Ein einzigesZucken in den Augen konnte einen verraten. Er stand da und sahaufmerksam zu, während die Vorturnerin ihre Arme über denKopf gehoben hatte und dann – man konnte nicht gerade sagenanmutig, aber mit erstaunlicher Exaktheit und Tüchtigkeit – einetiefe Rumpfbeuge machte, wobei sie ihre vorderstenFingerglieder unter ihre Zehen schob.»Bitte, Genossen. So möchte ich das bei Ihnen sehen. Schauen Siemir noch einmal genau zu. Ich bin neununddreißig und habe vierKinder. Obacht jetzt!«Sie beugte sich wieder. »Sie sehen, die Knie sind bei mirdurchgedrückt. Sie alle können das, wenn Sie wollen«, fügte siehinzu, während sie sich aufrichtete. »Jeder Mensch unterfünfundvierzig Jahren ist durchaus imstande, seine Zehenspitzenzu berühren. Wir haben nicht alle den Vorzug, an der Frontkämpfen zu dürfen, aber wenigstens können wir uns alle inbester Form erhalten. Denkt an unsere Jungens an der Malabar- 44
  45. 45. Front! Und an die Matrosen auf den Schwimmenden Festungen!Denkt nur mal daran, was die auszuhalten haben. Jetzt versuchenSie es noch einmal. So ists besser, Genosse, so ists schon vielbesser«, fügte sie ermutigend hinzu, als es Winston in einerheftigen Tauchbewegung zum erstenmal in mehreren Jahrengelang, mit durchgedrückten Knien seine Zehen zu berühren. Viertes KapitelMit dem tiefen, unbewussten Seufzer, den bei Beginn seinerTagesarbeit auszustoßen ihn nicht einmal die Nähe desTelevisors hindern konnte, zog Winston den Sprechschreiber ansich heran, blies den Staub aus dem Mundstück und setzte seineBrille auf. Dann öffnete er vier kleine Papierrollen, die bereits ausder Rohrpost an der rechten Seite seines Schreibtischesherausgeschossen waren, und heftete sie mit Klammernzusammen.In den Wänden des Büroraumes waren drei Löcher angebracht.Rechts von dem Sprechschreiber eine kleine Rohrpoströhre fürschriftliche Mitteilungen; links eine größere für Zeitungen; und inder Seitenwand, für Winston in bequemer Reichweite, ein großer,durch ein Klappgitter geschützter länglicher Schlitz.Dieser Schlitz diente als Papierkorb, und ähnliche Schlitze warenzu Tausenden oder Zehntausenden über das ganze Gebäudeverteilt, nicht nur in jedem Zimmer, sondern in kurzenAbständen auf jedem Gang. Aus irgendeinem Grunde hießen siedie „Gedächtnis-Löcher“. Wußte man, daß ein Dokument zurVernichtung bestimmt war, oder sah man auch nur ein StückAbfallpapier herumliegen, war es eine automatische Handlung,das Schutzgitter des nächstbesten Gedächtnis-Locheshochzuklappen und das Papier hineinzuwerfen, woraufhin es 45
  46. 46. von einem warmen Luftstrom zu den riesigen Verbrennungsöfenfortgewirbelt wurde, die in den geheimen Tiefen des Gebäudesverborgen waren.Winston las die vier Zettel, die er aufgerollt hatte. Jeder enthielteine nur eine oder zwei Zeilen umfassende Botschaft in demabgekürzten Jargon, der im Ministerium für interne Zweckebenutzt wurde und der nicht eigentlich aus der Neusprechbestand, aber viele einzelne Worte der Neusprech enthielt. Sielauteten: „Times vom 17. 3. 84: G B Rede Fehlbericht Afrikarechtstellt. Times vom 19. 12. 83: Voraussagen 3 jp 4. Quartal 83Falschdruck verbessert Neuausgabe. Times vom 14. 2. 84: Miniflufehlzitiert Schokolade rechtstellt. Times vom 3. 12. 83: Bericht GBTagesbefehl doppelplusungut nennt Unpersonen totalumschreibtanteordner.“Mit einem leisen Gefühl der Befriedigung legte Winston die letzteBotschaft beiseite. Es war eine verzwickte undverantwortungsvolle Aufgabe und besser erst am Schluss zuerledigen. Die anderen drei waren Routineangelegenheiten, wennauch die zweite vermutlich ein langweiliges Durchackern vonZahlenlisten erfordern würde.Winston schaltete auf dem Televisor »Frühere Nummern« einund verlangte die entsprechenden Ausgaben der Times, dieschon nach ein paar Augenblicken aus der Rohrpostanlageherausglitten. Die Botschaften, die er erhalten hatte, bezogen sichauf Zeitungsartikel oder Meldungen, die aus diesem oder jenemGrunde zu ändern oder, wie die offizielle Phraseologie lautete,„richtigzustellen“ für nötig befunden wurde.So ging z. B. aus der Times vom 17. März hervor, daß der GroßeBruder in seiner Rede am Tage vorher prophezeit hatte, dieSüdindien-Front würde ruhig bleiben, aber in Nordafrika würdebald eine eurasische Offensive losbrechen. In Wirklichkeit jedochhatte das eurasische Oberkommando seine Offensive inSüdindien angesetzt, und in Afrika hatte Ruhe geherrscht.Deshalb mußte eine neue Fassung der Rede des Großen Brudersgeschrieben werden, die eben das voraussagte, was wirklich 46
  47. 47. eingetreten war. Im zweiten Falle hatte die Times vom 19.Dezember die offiziellen Voraussagen der Produktionverschiedener Gebrauchsgüter während des vierten Quartals von1983 publiziert, das gleichzeitig das 6. Quartal des neuntenDreijahresplans war.Die heutige Ausgabe enthielt einen Bericht der tatsächlichenProduktion, aus dem hervorging, daß die Voraussagen in jederSparte grob unrichtig waren. Winstons Aufgabe bestand nundarin, die ursprünglichen Zahlen richtig zustellen, indem er siemit den späteren in Übereinstimmung brachte. Was die dritteBotschaft betraf, so bezog sie sich auf einen ganz einfachenIrrtum, der in ein paar Minuten eingerenkt werden konnte. Nochim Februar hatte das Ministerium für Überfluß ein Versprechenverlautbaren lassen (eine »kategorische Garantie« hieß deroffizielle Wortlaut), daß während des Jahres 1984 keine Kürzungder Schokoladeration vorgenommen werden würde.In Wirklichkeit sollte, wie Winston nun wußte, Ende dieserWoche die Schokoladeration von dreißig auf zwanzig Grammherabgesetzt werden. Man brauchte nun nichts weiter zu tun, alsstatt des ursprünglichen Versprechens eine warnende Äußerungzu unterschieben, daß es vermutlich nötig sein würde, die Rationim Laufe des Monats April zu kürzen.Nachdem Winston von jeder der Botschaften Kenntnisgenommen hatte, heftete er seine sehsprechgeschriebenenKorrekturen an die jeweilige Ausgabe der Times und steckte siein den Rohrpostzylinder. Dann knüllte er, mit einer fast völligunbewußten Bewegung, die ursprüngliche Meldung und alle vonihm selbst gemachten Notizen zusammen und warf sie in dasGedächtnis-Loch, um sie von den Flammen verzehren zu lassen.Was in dem unsichtbaren Labyrinth geschah, in dem dieRohrpoströhren zusammenliefen, wußte er nicht im einzelnen,sondern nur in großen Umrissen. Wenn alle Korrekturen, die ineiner Nummer der Times nötig geworden waren, gesammelt undkritisch miteinander verglichen worden waren, wurde diese 47
  48. 48. Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche vernichtet und an ihrerStelle die richtiggestellte Ausgabe ins Archiv eingereiht.Dieser dauernde Umwandlungsprozeß vollzog sich nicht nur anden Zeitungen, sondern auch an Büchern, Zeitschriften,Broschüren, Plakaten, Flugblättern, Filmen, Liedertexten,Karikaturen – an jeder Art von Literatur, die irgendwie vonpolitischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Einen Tagum den anderen und fast von Minute zu Minute wurde dieVergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Aufdiese Weise konnte für jede von der Partei gemachte Vorhersageder dokumentarische Beweis erbracht werden, daß sie richtiggewesen war; auch wurde nie geduldet, daß man eineVerlautbarung oder Meinungsäußerung aufhob, die denaugenblicklichen Gegebenheiten widersprach.Die ganze Historie stand so gleichsam auf einemauswechselbaren Blatt, das genauso oft, wie es nötig wurde,radiert und neu beschrieben werden konnte. In keinem Fall wärees möglich gewesen, nach Durchführung des Verfahrensnachzuweisen, daß eine Fälschung vorgenommen worden war.Die größte Gruppe der Abteilung Registratur, weit größer als dieWinstons, bestand aus Personen, deren Aufgabe lediglich war,alle Ausgaben von Büchern, Zeitungen und anderenDruckerzeugnissen ausfindig zu machen und zu sammeln, dieaußer Gebrauch gesetzt und vernichtet werden mußten.Eine Nummer der Times, die vielleicht infolge von Änderungenin der politischen Gruppierung oder der vom Großen Bruderausgesprochenen irrtümlichen Prophezeiungen ein Dutzend Malneu abgefaßt worden war, stand noch immer mit ihremursprünglichen Datum versehen in ihrem Regal, und es gab aufder ganzen Welt keine andere Ausgabe, die mit ihr inWiderspruch hätte stehen können. Auch Bücher wurden immerwieder aus dem Verkehr gezogen und neu geschrieben und ohnejeden Hinweis auf die vorgenommenen Veränderungen neuaufgelegt. Sogar die geschriebenen Weisungen, die Winstonerhielt und deren er sich in jedem Fall nach Gebrauch sofort 48
  49. 49. entledigte, sprachen nie aus oder ließen durchblicken, daß eineFälschung vorgenommen werden sollte: immer wurde nur vonWeglassungen, Irrtümern, Druckfehlern oder falschen Zitatengesprochen, die im Interesse der Genauigkeit richtiggestelltwerden mußten.In Wirklichkeit, so dachte er, während er die Ziffern der Angabendes Ministeriums für Überfluß neu einsetzte, war es auch nichteinmal eine Fälschung. Es war lediglich die Einsetzung einesUnsinns an Stelle eines anderen. Der größte Teil des Materials,das man bearbeitete, hatte keinerlei Relation zur Wirklichkeit,nicht einmal die Relation, die eine direkte Lüge zur Wahrheit hat.Die Statistiken waren in ihrer ursprünglichen Fassung genausowohl eine Ausgeburt der Phantasie wie in ihrer berichtigtenForm. Sehr häufig wurde erwartet, daß man sie nach eigenemErmessen zurechtstutzte. So hatten zum Beispiel die Voraussagendes Ministeriums für Überfluß die Schuhproduktion für einVierteljahr auf 145 Millionen Paare geschätzt.Die tatsächliche Produktion wurde mit 62 Millionen angegeben.Winston jedoch setzte, als er die Vorhersage neu schrieb, dafür 57Millionen ein, um so die übliche Behauptung zu ermöglichen, dieQuote sei übererfüllt worden. In jedem Fall aber kamenzweiundsechzig Millionen der Wahrheit nicht näher alssiebenundfünfzig oder einhundertfünfundvierzig Millionen. Sehrwahrscheinlich waren überhaupt keine Schuhe produziertworden. Noch wahrscheinlicher war es, daß niemand wußte, wieviel Schuhe produziert worden waren, oder daß sich überhauptniemand darum kümmerte.Man wußte nur so viel, als daß jedes Vierteljahr auf dem Papierastronomische Zahlen von Schuhen produziert wurden, währendetwa die Hälfte der Bevölkerung Ozeaniens barfuß lief. Und sowar es mit jeder Gattung berichteter Tatsachen, ob es sich nunum große oder kleine handelte. Alles löste sich in einer Welt desleeren Scheins auf, in der zuletzt sogar die gültige Jahreszahlunsicher geworden war. Winston warf einen Blick durch denSaal. Auf dem entsprechenden Platz auf der anderen Seite ging 49
  50. 50. ein kleiner, pedantischer, dunkelhäutiger Mann namens Tillotsonbeflissen seiner Arbeit nach, eine entfaltete Zeitung auf denKnien, den Mund ganz dicht an der Muschel desSprechschreibers. Er sah so aus, als versuche er, was er sagte, alsGeheimnis zwischen ihm und dem Televisor zu bewahren. Erblickte auf, und seine Brille warf ein feindseliges Aufblitzen zuWinston herüber.Winston kannte Tillotson kaum und hatte keine Ahnung, mitwelcher Arbeit er beschäftigt war. Die Angestellten derRegistratur sprachen nicht gerne über ihre Tätigkeit. In demlangen, fensterlosen Saal mit seiner doppelten Reihe von Nischenund seinem endlosen Rascheln von Papier und Summen vonStimmen, die in die Sprechschreiber sprachen, saßen ein gutesDutzend Menschen, die Winston nicht einmal dem Namen nachkannte, obwohl er sie tagtäglich auf den Gängen hin und hereilen oder während der Zwei-Minuten-Hass-Sendunggestikulieren sah.Er wußte, daß in der Nische neben ihm die kleine Frau mit demaschblonden Haar tagein, tagaus damit beschäftigt war, aus derPresse die Namen von Menschen herauszusuchen und zustreichen, die vaporisiert worden waren und die maninfolgedessen so behandelte, als hätten sie niemals existiert.Darin lag eine gewisse Abgebrühtheit, denn erst vor zwei Jahrenwar ihr eigener Mann vaporisiert worden.Ein paar Nischen weiter saß ein milder, untüchtiger, verträumterMensch namens Ampleforth, mit stark behaarten Ohren undeinem erstaunlichen Talent, mit Reimen und Versmaßen zujonglieren, der dazu angestellt war, geänderte Texte –»endgültige Fassungen«, wie es hieß – von Gedichtenherzustellen, die ideologisch anstößig geworden waren, die manaber aus diesem oder jenem Grunde in den Gedichtsammlungenbeibehalten wollte. Und dieser Saal mit seinen etwa fünfzigAngestellten war nur eine Unterabteilung Registratur. Neben,über und unter ihnen waren andere Schwärme von Angestelltenmit einer unvorstellbaren Vielfalt von Arbeiten beschäftigt. Da 50
  51. 51. waren die großen Druckereien mit ihren Hilfsredakteuren, ihrendrucktechnischen Fachleuten und ihren hervorragendausgestatteten Ateliers für Fälschungen von Photographien.Da war die Tele-Programm-Abteilung mit ihren Ingenieuren,ihren Produktionsleitern und ihrem Stab von Schauspielern, diespeziell im Hinblick auf ihr Imitationstalent ausgewählt wordenwaren. Da gab es die Heerscharen von Bibliothekaren, derenAufgabe lediglich darin bestand, Listen von Büchern undZeitschriften aufzustellen, von denen eine Neuauflage hergestelltwerden mußte. Da waren die großen Lagerräume, in denen diekorrigierten Druckerzeugnisse aufbewahrt, und die verstecktenVerbrennungsanlagen, in denen die ursprünglichen Ausgabenvernichtet wurden. Und irgendwo saßen ganz anonym dieleitenden Hirne, die den ganzen Betrieb koordinierten und diepolitischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Bruchstückder Vergangenheit aufbewahrt, jenes gefälscht und ein anderesaus der Welt geschafft wurde.Und doch war die Registraturabteilung als solche nur eineinzelner Zweig des Wahrheitsministeriums, dessenHauptaufgabe ja nicht darin bestand, die Vergangenheitentsprechend zu frisieren, sondern die Bürger Ozeaniens mitZeitungen, Filmen, Lehrbüchern, Televisor-Programmen,Theaterstücken, Romanen – mit jeder nur vorstellbaren Art vonNachrichten, Belehrung oder Unterhaltung zu versorgen, vonDenkmälern angefangen bis zum täglichen Kernspruch, vomlyrischen Gedicht bis zur biologischen Abhandlung, von derKinderfibel bis zum Wörterbuch der Neusprech. Und dasMinisterium mußte nicht nur die mannigfachen Bedürfnisse derPartei befriedigen, sondern den ganzen Arbeitsgang noch einmalauf dem niedrigeren Niveau des Proletariats wiederholen. Es gabeine Reihe von besonderen Abteilungen, die sich mit derproletarischen Literatur, mit Musik, Theater und Varieté fürProletarier befaßten.Dort wurden minderwertige Zeitungen, die fast nichts als Sport,Verbrechen und astrologische Ratschläge enthielten, reißerische 51

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