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Mystik im Christentum und Islam   2




• Begriffsdefinition „Mystik“

• Islamische Mystik (Sufismus)
    • Entstehungs-/ und Entwicklungsgeschichte
    • Zentrale Elemente des Sufismus
    • Mystische Bruderschaften und Orden
    • Al-Ghazali (gest. 1111)
    • Das Gottesgedenken (ḏikr)

• Christliche Mystik
   • Ursprünge
   • Die monastische Mystik
   • Die „neue“ Mystik
Mystik im Christentum und Islam   3




Mystik (griech. myein – die Augen schließen)

a) „als Erfahrung die Versenkung der Seele in ihren göttlich-unendlichen Grund
   (unio mystica – Einswerden mit dem Ursprung, d.h. mit dem, was alles
   Endlich Vielfältige „im Grunde“ ist)

b) als Versuch der philosophischen und theologischen Auslegung; die Reflexion
   über diese Erfahrung“



Schimmel: „eine seelische Erfahrung einer Wirklichkeit, die durch ‚keinen
normalen Erkenntnisakt begriffen oder ausgedrückt‘ werden kann.
Mystik im Christentum und Islam    4




• arab. taṣawwuf. abgeleitet von ṣūf (arab. Wolle), dem Gewand der Mystiker
• Mystiker - ṣūfī oder mutaṣawwif

Ǧunayd al-Baġdādī (gest. 910):      „das bedingungslose und ungebundene Einswerden mit Gott“

Ruwaym al-Baġdādī (gest. 915):      „die Zuflucht bei Gott in jeder Situation […] und der Verzicht
                                    auf Sachen, die das religiöse Gesetz (šarīʿa) erlaubt hat“

Abū Bakr aš-Šiblī (gest. 946) :     „das Abwenden des Herzens vom Volk und das Verbinden
                                    des Herzens an Gott“

Ḏū-n-Nūn al-Miṣrī (gest. 859):      „das Halten der Gottesliebe über allem und das Halten Gottes
                                    solcher Leute über allen“

Abd al-Qādir al-Ǧīlānī (gest. 1166): „die schweigende Hinnahme bei Eintritt von Schicksal und
                                     Vorherbestimmung“.
Mystik im Christentum und Islam   5




• Weltverzicht und Frömmigkeit einiger Prophetengefährten (7./8. Jhd.)

• Erziehung der niederen Triebseele (nafs) für Gotteserkenntnis (maʿrifa)

• verschiedene Seelenzustände durch „ṣūfischen Pfad“ (tarīqa)

• das Gesetz (šarīʿa) – der mystische Pfad (tarīqa) – die Wahrheit (haqīqa)

• „diejenigen, die Gott liebt und diejenigen, die ihn lieben“ (Koran, 5:54)
Mystik im Christentum und Islam   6




Leitprinzipien
• absolutes Gottvertrauen und Zufriedenheit mit dem, was Gott gewährt
• ständiges Gottgedenken
• Weltverzicht und Konzentration auf die ethischen Prinzipien des Glaubens
• absolute Gottesliebe

• Zentren in Baġdād (Irak), Naysābūr (Iran), Balḫ (Afghanistan) und Tirmiḏ
  (Usbekistan)

• Höhepunkt mit Abū Ḥāmid al-Ġazālī (gest. 1111)
• Werk: „die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ (iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn)
Mystik im Christentum und Islam   7




• Quelle allen Übels, der dem Menschen einflüstert; wandelbar und erziehbar
• 3 Arten von nafs im Koran:
    • die befehlende Seele (nafs al-ʾammāra) [12:53]
    • die tadelnde Seele (nafs al-lawwāma) [75:2]
    • die ruhende Seele (nafs al-muṭmaʾinna) [89:27]  Ziel

Verhaltensprinzipien zur Erziehung der Triebseele
• der Aufmerksamkeit beim Atmen (hūš dar dam),
• der Überwachung der eigenen Schritte (nazar bar qadam),
• der inneren mystischen Reise (safar dar waṭan),
• der Einsamkeit in der Menge (ḫalwat dar anǧuman),
• dem eigentlichen Gottgedenken (yād kard),
• der Kontrolle seiner Gedanken (bāz gard),
• der Überwachung seiner Gedanken (negāh dašt) und
• der Konzentration auf Gott in jeder Situation (yād dašt).
Mystik im Christentum und Islam   8




•   Etablierung im 12. / 13. Jhd.
•   durch Meister (šayḫ) geleitet und betreut
•   Schüler erlernt „verborgenes Wissen“ durch Meister
•   Kette an Meistern bis zum Propheten (silsila)

• wichtigsten Bruderschaften des klassischen Sufismus
    • Qādirīya, Indonesien bis Nordwestafrika
    • Suhrawardīya , Indien bis Südpakistan
    • Rifāʿīya, Naher Osten, Türkei, Balkan
    • Naqšbandīya, Zentralasien, Indien; Türkei.
    • Mawlawīya, Türkei
Mystik im Christentum und Islam   9



   ū Ḥā            Ġ āī
• Gelehrter aus Ḫorasān (Iran)

• Kritiker der Philosophie, Befürworter der Mystik

   „die Vernunft ist nur ein dürres Skelett der Religion, wenn sie nicht von der
   Kraft des Herzens Leben empfängt.“

• durch rationale Überlegungen ist eine Glaubensgewissheit nicht möglich

• Sufismus als richtiger Weg zur Erkenntnis
Mystik im Christentum und Islam   10



                              Ḏ

• „Ihr Gläubigen! Gedenket unablässig Gottes und preiset ihn morgens und
  abends.“ (Koran, 33:41-42)

• laut oder leise; alleine oder in Gemeinschaft

• Ziel: Herz gedenkt Gott unablässig, auch wenn die Zunge schweigt

• Abwenden von teuflischen Einflüsterungen durch Gottesgedenken
• spirituelle Übung und Mittel zur Meditation
Titel der Präsentation   11
Titel der Präsentation   12




• Keine allgemein anerkannte Definition

• Adjektiv „mystisch“ bereits im 2./3. Jh. gebraucht und bezeichnete:

   o geheimnisvolle, hl. Phänomene
   o den geistlichen Sinne der Schrift
   o eine tiefe, unsagbare Erkenntnis (Kontemplation)

• 5. Jh. Begriff der „mystische Theologie“ (Pseudo-Dionysius Areopagita)

   o Die mystische Gotteserkenntnis oder Erfahrung mystischer Einigung
Mystik im Christentum und Islam   13




• Bedeutung des Begriffs „mystisch“ im Christentum zielt auf:

   o eine unmittelbare oder direkte Wahrnehmung der Gegenwart Gottes

   o „liebende Einigung mit Gott“

   o Aufhebung der Begrenzung zwischen Gott und Mensch

   o Eine auf Erfahrung gegründete Gotteserkenntnis schon während des
     Erdenlebens

   o Höhepunkt ist die Vereinigung Gottes mit der Seele = unio mystica
Mystik im Christentum und Islam   14




• Paulusbriefe

• Christliche Theorie der Mystik im 3. Jh. in Alexandrien
   o Clemens von Alexandrien
   o Origenes
   o Platonismus

• Origenes:
   o Theorie wurzelt in Erforschung des „inneren Sinns der Schrift“
   o Sieht als erster in der Braut des alttest. Hohenlieds die Seele und nicht nur
   die Kirche
Mystik im Christentum und Islam   15




• Mönchtum als wichtigster „Sitz im Leben“ der Mystik

• Mystische Schriften des Ps.-Dionysius Areopagita

   o Ende des 5. Jahrhunderts
   o Popularisierung der Unterteilung des mystischen Weges in via purgativa,
     illuminativa und unitiva
   o Richtmaß für die mittelalterliche Mystik

• Frühmittelalter: Mangel an mystischen Zeugnissen
Mystik im Christentum und Islam   16




 Hochmittelalter:

• Bernhard von Clairvaux
   o Wiederbelebung einer mystischen Lektüre des Hohenlied

• Anfänge der Frauenmystik

Konzentration auf die liebende Einigung von göttlichem und menschlichem
 Wesen

Weltflucht, die Kontemplation ermöglichen soll, steht im Mittelpunkt
Mystik im Christentum und Islam   17




• Bettelorden und religiöse Frauenbewegung der Beginen

   o mystischer Kontakt mit Gott sollte allen Christen zugänglich werden
   o Produktion von mystischen Texten in europäischen Volkssprachen
   o Ausdruck und Inhalt der Texte gewagter

• Vertreter: Franz von Assisi, Bonaventura, Meister Eckhart, etc.

• Aufblühen der Frauenmystik (13./14. Jh.)
   Hadewijch, Mechthild von Magdeburg
Mystik im Christentum und Islam   18




• Ab 17. Jh. zunehmender Vorbehalt gegenüber der Mystik

• Aufklärung im 18. Jhd.

   o Verurteilung und Ablehnung

   o Gleichgesetzt mit paranormalen psychosomatischen Zustände

• 18./19. Jh.: bedeutende Mystiker fehlen
Mystik im Christentum und Islam   19




Platon (428/27-348/47 v. Chr.): 4 Seinsstufen
(Schatten, physische, mathematische Körper, Ideen)

• Menschenbild des Platonismus

   • Entgegensetzung Geist  Materie

   • Der Wahre Mensch = Vernunftseele, Mittlerin
   sinnliche-unsinnliche Welt

       • Mutartige Seele und Begierdenseele
       darunter: „Gefängnis“
Mystik im Christentum und Islam   20




• Pneumatischer Mensch = äußerlich an materielle Welt gebunden;
innerlicher Kern, der sie mit geistlich-transzendenter Welt verbindet

• Mensch hat Kontakt zur Transzendenz verloren

• Stufen hin zur Geistwelt „von unten“ zurück aufsteigen  Weg der
Erkenntnis
Mystik im Christentum und Islam   21




• Spekulationen um einen Demiurg
• „Einer“, dem alles zugrunde liegt



Neuplatonismus (3. Jh. Plotin; - 6. Jh. n. Chr.)
• Zusammenhang zwischen dem „Einen“ und auf der Erde
vorhandener Vielfalt
• Zwischen Einheit und Vielheit – System der
Abstufungen, Emanation (Hervorgehen) – das Eine verliert
nie seine Vorrangstellung
Mystik im Christentum und Islam   22




• Zusammenhang zwischen dem „Einen“ und auf der Erde vorhandener Vielfalt

• Zwischen Einheit und Vielheit – System der Abstufungen, Emanation
(Hervorgehen) – das Eine verliert nie seine Vorrangstellung
Mystik im Christentum und Islam   23




• Das Eine tritt heraus – Entfernung von seiner geistigen Wirklichkeit bis hin
zur Materialität

• Ruft Unterscheidung hervor

   • Dauernde Abstufung des Seins erzeugt neue Unterscheidungen

• Fortdauernder Zusammenhang zwischen Ursprung im Einen und Welt der
Vielheiten

   • Leiter zur Wahrheit

• Weg muss ein geistiger sein, da Vielfalt an Materialität haftet
Mystik im Christentum und Islam   24




• (aus einer Handschrift der Paulusbriefe, frühes 9. Jh.)

• „mystischer“ Identitätswechsel:

       • Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus
       lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch,
       das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes,
       der mich geliebt hat und sich selbst für mich
       dahingegeben hat. (Galater 2,20)

• Seinswirklichkeit grundlegend durch Christus
verändert, nicht EIN Moment christlicher(/menschlicher)
Existenz  Paulus Kein Mystiker
Mystik im Christentum und Islam   25




Islam:

• Sufi-Stufen (Reue, Armut, Gottvertrauen, Geduld, Furcht/Hoffnung 
Gottesliebe, Gotteserkenntnis)



• Gemeinsamkeit: Stufensystem; Annäherung, Ursache allein Seins
in Gott
Mystik im Christentum und Islam   26




Christentum
• Hinwendung zu himmlischen Hierarchien über irdische Kirche als Mittlerin
    • Dreizahl der kirchlichen Ämter – Abbild der himmlischen Hierarchie
        • Platonisches Abbildschema
    • Bischof, Priester, Diakon entsprechen himmlischer Trias
    • Kirche: Mönche, Laien, Katechumenen
Islam
• Vermittlerrolle ausgeschlossen
    • Sufi-Meister als Initiator, Lehrer
    • Oft keine etablierten Führer, sondern Handwerker und Gelehrte
    • Priestertum ausgeschlossen
Mystik im Christentum und Islam   27




Christentum

• Sondersprache mystischer Texte, Gestaltwerdung mystischer Inhalte

• Mystische Sprache als eigentliche Aussageform mystischer Erfahrung

   • Paulus: „unsagbare Worte“ (2 Kor. 12,4) bei Entrückung

• Mystische Erkenntnis überhaupt „sagbar“?  Schweigen: Korrelat der
mystischen Rede

   • Bernhard von Clairvaux: Geist redet mit Seele eine „eigene Sprache“
   ohne „sinnlich wahrnehmbare Laute“
Mystik im Christentum und Islam   28




Christentum:


• Mystische Erfahrung vollzieht sich nicht außerhalb der Sprache, ist
vielmehr „Medium der Erfahrung“

   • Mystische Sprache = Metasprache

   • Annäherung vom Vielen der Worte zum Einen der Aussage (transitus)

       • Hervorgang Gottes in unserer Welt + Rückkehr des Geschaffenen
       zum Ursprung
Mystik im Christentum und Islam   29




Islam

• Symbolsprache/Verschlüsselung

• Ekstatische Sprechweise – Ausdruck der Entrückung, nicht wörtlich zu
verstehen

 Sprache als Weg von Vielfalt zum Göttlichen Einen
Mystik im Christentum und Islam   30




Yunus Emre (um 1300)   Angelus Silesius (geb. 1624)
Mystik im Christentum und Islam   31




•   Göttliches in im Menschen angelegt; Hallag: extremere Form
•   Lyrisches Ich in Armut
•   Gegensatz Leib/Seele – Seele: höherer Wert /Innen-Außen-Gegensatz
•   Kreislaufgedanke
•   Gott ist nicht fassbar
•   Das Eine in Allem
•   Yunus: Biblische Symbole
•   Hallag:
Mystik im Christentum und Islam   32




• Askese (Verzicht auf weltliche (Luxus)Güter)
• Gottesliebe  Zentrum beider Strömungen
   • Islam: Liebe geht von Gott aus, Mensch antwortet
   • Christentum: Gott als der Annehmende, Bejahende
   • Suche nach Glanz und Herrlichkeit Gottes
• Gott bleibt unaussprechlich, entzieht sich
   • Sufismus: Verbot, von Vereinigung zu sprechen –nur angestrebt
   • Christliche Mystik: Vereinigung mit Gott nur punktuell möglich,
   vollkommen erst im Jenseits
Unterschied:
• Muhammad: „Gottes Diener“, Geschöpf, nie mit dem christlichen „Gottessohn“
vergleichbar
Mystik im Christentum und Islam   33




• Gemeinsame Ursprünge in Platons Philosophie

• Eremiten in Arabien – Askese-Prinzip vermittelt

• Spanien: Kulturkontakt: Raimundus Lullus
Mystik im Christentum und Islam   34




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Mystik im Islam und Christentum

  • 1.
  • 2. Mystik im Christentum und Islam 2 • Begriffsdefinition „Mystik“ • Islamische Mystik (Sufismus) • Entstehungs-/ und Entwicklungsgeschichte • Zentrale Elemente des Sufismus • Mystische Bruderschaften und Orden • Al-Ghazali (gest. 1111) • Das Gottesgedenken (ḏikr) • Christliche Mystik • Ursprünge • Die monastische Mystik • Die „neue“ Mystik
  • 3. Mystik im Christentum und Islam 3 Mystik (griech. myein – die Augen schließen) a) „als Erfahrung die Versenkung der Seele in ihren göttlich-unendlichen Grund (unio mystica – Einswerden mit dem Ursprung, d.h. mit dem, was alles Endlich Vielfältige „im Grunde“ ist) b) als Versuch der philosophischen und theologischen Auslegung; die Reflexion über diese Erfahrung“ Schimmel: „eine seelische Erfahrung einer Wirklichkeit, die durch ‚keinen normalen Erkenntnisakt begriffen oder ausgedrückt‘ werden kann.
  • 4. Mystik im Christentum und Islam 4 • arab. taṣawwuf. abgeleitet von ṣūf (arab. Wolle), dem Gewand der Mystiker • Mystiker - ṣūfī oder mutaṣawwif Ǧunayd al-Baġdādī (gest. 910): „das bedingungslose und ungebundene Einswerden mit Gott“ Ruwaym al-Baġdādī (gest. 915): „die Zuflucht bei Gott in jeder Situation […] und der Verzicht auf Sachen, die das religiöse Gesetz (šarīʿa) erlaubt hat“ Abū Bakr aš-Šiblī (gest. 946) : „das Abwenden des Herzens vom Volk und das Verbinden des Herzens an Gott“ Ḏū-n-Nūn al-Miṣrī (gest. 859): „das Halten der Gottesliebe über allem und das Halten Gottes solcher Leute über allen“ Abd al-Qādir al-Ǧīlānī (gest. 1166): „die schweigende Hinnahme bei Eintritt von Schicksal und Vorherbestimmung“.
  • 5. Mystik im Christentum und Islam 5 • Weltverzicht und Frömmigkeit einiger Prophetengefährten (7./8. Jhd.) • Erziehung der niederen Triebseele (nafs) für Gotteserkenntnis (maʿrifa) • verschiedene Seelenzustände durch „ṣūfischen Pfad“ (tarīqa) • das Gesetz (šarīʿa) – der mystische Pfad (tarīqa) – die Wahrheit (haqīqa) • „diejenigen, die Gott liebt und diejenigen, die ihn lieben“ (Koran, 5:54)
  • 6. Mystik im Christentum und Islam 6 Leitprinzipien • absolutes Gottvertrauen und Zufriedenheit mit dem, was Gott gewährt • ständiges Gottgedenken • Weltverzicht und Konzentration auf die ethischen Prinzipien des Glaubens • absolute Gottesliebe • Zentren in Baġdād (Irak), Naysābūr (Iran), Balḫ (Afghanistan) und Tirmiḏ (Usbekistan) • Höhepunkt mit Abū Ḥāmid al-Ġazālī (gest. 1111) • Werk: „die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ (iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn)
  • 7. Mystik im Christentum und Islam 7 • Quelle allen Übels, der dem Menschen einflüstert; wandelbar und erziehbar • 3 Arten von nafs im Koran: • die befehlende Seele (nafs al-ʾammāra) [12:53] • die tadelnde Seele (nafs al-lawwāma) [75:2] • die ruhende Seele (nafs al-muṭmaʾinna) [89:27]  Ziel Verhaltensprinzipien zur Erziehung der Triebseele • der Aufmerksamkeit beim Atmen (hūš dar dam), • der Überwachung der eigenen Schritte (nazar bar qadam), • der inneren mystischen Reise (safar dar waṭan), • der Einsamkeit in der Menge (ḫalwat dar anǧuman), • dem eigentlichen Gottgedenken (yād kard), • der Kontrolle seiner Gedanken (bāz gard), • der Überwachung seiner Gedanken (negāh dašt) und • der Konzentration auf Gott in jeder Situation (yād dašt).
  • 8. Mystik im Christentum und Islam 8 • Etablierung im 12. / 13. Jhd. • durch Meister (šayḫ) geleitet und betreut • Schüler erlernt „verborgenes Wissen“ durch Meister • Kette an Meistern bis zum Propheten (silsila) • wichtigsten Bruderschaften des klassischen Sufismus • Qādirīya, Indonesien bis Nordwestafrika • Suhrawardīya , Indien bis Südpakistan • Rifāʿīya, Naher Osten, Türkei, Balkan • Naqšbandīya, Zentralasien, Indien; Türkei. • Mawlawīya, Türkei
  • 9. Mystik im Christentum und Islam 9 ū Ḥā Ġ āī • Gelehrter aus Ḫorasān (Iran) • Kritiker der Philosophie, Befürworter der Mystik „die Vernunft ist nur ein dürres Skelett der Religion, wenn sie nicht von der Kraft des Herzens Leben empfängt.“ • durch rationale Überlegungen ist eine Glaubensgewissheit nicht möglich • Sufismus als richtiger Weg zur Erkenntnis
  • 10. Mystik im Christentum und Islam 10 Ḏ • „Ihr Gläubigen! Gedenket unablässig Gottes und preiset ihn morgens und abends.“ (Koran, 33:41-42) • laut oder leise; alleine oder in Gemeinschaft • Ziel: Herz gedenkt Gott unablässig, auch wenn die Zunge schweigt • Abwenden von teuflischen Einflüsterungen durch Gottesgedenken • spirituelle Übung und Mittel zur Meditation
  • 12. Titel der Präsentation 12 • Keine allgemein anerkannte Definition • Adjektiv „mystisch“ bereits im 2./3. Jh. gebraucht und bezeichnete: o geheimnisvolle, hl. Phänomene o den geistlichen Sinne der Schrift o eine tiefe, unsagbare Erkenntnis (Kontemplation) • 5. Jh. Begriff der „mystische Theologie“ (Pseudo-Dionysius Areopagita) o Die mystische Gotteserkenntnis oder Erfahrung mystischer Einigung
  • 13. Mystik im Christentum und Islam 13 • Bedeutung des Begriffs „mystisch“ im Christentum zielt auf: o eine unmittelbare oder direkte Wahrnehmung der Gegenwart Gottes o „liebende Einigung mit Gott“ o Aufhebung der Begrenzung zwischen Gott und Mensch o Eine auf Erfahrung gegründete Gotteserkenntnis schon während des Erdenlebens o Höhepunkt ist die Vereinigung Gottes mit der Seele = unio mystica
  • 14. Mystik im Christentum und Islam 14 • Paulusbriefe • Christliche Theorie der Mystik im 3. Jh. in Alexandrien o Clemens von Alexandrien o Origenes o Platonismus • Origenes: o Theorie wurzelt in Erforschung des „inneren Sinns der Schrift“ o Sieht als erster in der Braut des alttest. Hohenlieds die Seele und nicht nur die Kirche
  • 15. Mystik im Christentum und Islam 15 • Mönchtum als wichtigster „Sitz im Leben“ der Mystik • Mystische Schriften des Ps.-Dionysius Areopagita o Ende des 5. Jahrhunderts o Popularisierung der Unterteilung des mystischen Weges in via purgativa, illuminativa und unitiva o Richtmaß für die mittelalterliche Mystik • Frühmittelalter: Mangel an mystischen Zeugnissen
  • 16. Mystik im Christentum und Islam 16 Hochmittelalter: • Bernhard von Clairvaux o Wiederbelebung einer mystischen Lektüre des Hohenlied • Anfänge der Frauenmystik Konzentration auf die liebende Einigung von göttlichem und menschlichem Wesen Weltflucht, die Kontemplation ermöglichen soll, steht im Mittelpunkt
  • 17. Mystik im Christentum und Islam 17 • Bettelorden und religiöse Frauenbewegung der Beginen o mystischer Kontakt mit Gott sollte allen Christen zugänglich werden o Produktion von mystischen Texten in europäischen Volkssprachen o Ausdruck und Inhalt der Texte gewagter • Vertreter: Franz von Assisi, Bonaventura, Meister Eckhart, etc. • Aufblühen der Frauenmystik (13./14. Jh.)  Hadewijch, Mechthild von Magdeburg
  • 18. Mystik im Christentum und Islam 18 • Ab 17. Jh. zunehmender Vorbehalt gegenüber der Mystik • Aufklärung im 18. Jhd. o Verurteilung und Ablehnung o Gleichgesetzt mit paranormalen psychosomatischen Zustände • 18./19. Jh.: bedeutende Mystiker fehlen
  • 19. Mystik im Christentum und Islam 19 Platon (428/27-348/47 v. Chr.): 4 Seinsstufen (Schatten, physische, mathematische Körper, Ideen) • Menschenbild des Platonismus • Entgegensetzung Geist  Materie • Der Wahre Mensch = Vernunftseele, Mittlerin sinnliche-unsinnliche Welt • Mutartige Seele und Begierdenseele darunter: „Gefängnis“
  • 20. Mystik im Christentum und Islam 20 • Pneumatischer Mensch = äußerlich an materielle Welt gebunden; innerlicher Kern, der sie mit geistlich-transzendenter Welt verbindet • Mensch hat Kontakt zur Transzendenz verloren • Stufen hin zur Geistwelt „von unten“ zurück aufsteigen  Weg der Erkenntnis
  • 21. Mystik im Christentum und Islam 21 • Spekulationen um einen Demiurg • „Einer“, dem alles zugrunde liegt Neuplatonismus (3. Jh. Plotin; - 6. Jh. n. Chr.) • Zusammenhang zwischen dem „Einen“ und auf der Erde vorhandener Vielfalt • Zwischen Einheit und Vielheit – System der Abstufungen, Emanation (Hervorgehen) – das Eine verliert nie seine Vorrangstellung
  • 22. Mystik im Christentum und Islam 22 • Zusammenhang zwischen dem „Einen“ und auf der Erde vorhandener Vielfalt • Zwischen Einheit und Vielheit – System der Abstufungen, Emanation (Hervorgehen) – das Eine verliert nie seine Vorrangstellung
  • 23. Mystik im Christentum und Islam 23 • Das Eine tritt heraus – Entfernung von seiner geistigen Wirklichkeit bis hin zur Materialität • Ruft Unterscheidung hervor • Dauernde Abstufung des Seins erzeugt neue Unterscheidungen • Fortdauernder Zusammenhang zwischen Ursprung im Einen und Welt der Vielheiten • Leiter zur Wahrheit • Weg muss ein geistiger sein, da Vielfalt an Materialität haftet
  • 24. Mystik im Christentum und Islam 24 • (aus einer Handschrift der Paulusbriefe, frühes 9. Jh.) • „mystischer“ Identitätswechsel: • Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben hat. (Galater 2,20) • Seinswirklichkeit grundlegend durch Christus verändert, nicht EIN Moment christlicher(/menschlicher) Existenz  Paulus Kein Mystiker
  • 25. Mystik im Christentum und Islam 25 Islam: • Sufi-Stufen (Reue, Armut, Gottvertrauen, Geduld, Furcht/Hoffnung  Gottesliebe, Gotteserkenntnis) • Gemeinsamkeit: Stufensystem; Annäherung, Ursache allein Seins in Gott
  • 26. Mystik im Christentum und Islam 26 Christentum • Hinwendung zu himmlischen Hierarchien über irdische Kirche als Mittlerin • Dreizahl der kirchlichen Ämter – Abbild der himmlischen Hierarchie • Platonisches Abbildschema • Bischof, Priester, Diakon entsprechen himmlischer Trias • Kirche: Mönche, Laien, Katechumenen Islam • Vermittlerrolle ausgeschlossen • Sufi-Meister als Initiator, Lehrer • Oft keine etablierten Führer, sondern Handwerker und Gelehrte • Priestertum ausgeschlossen
  • 27. Mystik im Christentum und Islam 27 Christentum • Sondersprache mystischer Texte, Gestaltwerdung mystischer Inhalte • Mystische Sprache als eigentliche Aussageform mystischer Erfahrung • Paulus: „unsagbare Worte“ (2 Kor. 12,4) bei Entrückung • Mystische Erkenntnis überhaupt „sagbar“?  Schweigen: Korrelat der mystischen Rede • Bernhard von Clairvaux: Geist redet mit Seele eine „eigene Sprache“ ohne „sinnlich wahrnehmbare Laute“
  • 28. Mystik im Christentum und Islam 28 Christentum: • Mystische Erfahrung vollzieht sich nicht außerhalb der Sprache, ist vielmehr „Medium der Erfahrung“ • Mystische Sprache = Metasprache • Annäherung vom Vielen der Worte zum Einen der Aussage (transitus) • Hervorgang Gottes in unserer Welt + Rückkehr des Geschaffenen zum Ursprung
  • 29. Mystik im Christentum und Islam 29 Islam • Symbolsprache/Verschlüsselung • Ekstatische Sprechweise – Ausdruck der Entrückung, nicht wörtlich zu verstehen  Sprache als Weg von Vielfalt zum Göttlichen Einen
  • 30. Mystik im Christentum und Islam 30 Yunus Emre (um 1300) Angelus Silesius (geb. 1624)
  • 31. Mystik im Christentum und Islam 31 • Göttliches in im Menschen angelegt; Hallag: extremere Form • Lyrisches Ich in Armut • Gegensatz Leib/Seele – Seele: höherer Wert /Innen-Außen-Gegensatz • Kreislaufgedanke • Gott ist nicht fassbar • Das Eine in Allem • Yunus: Biblische Symbole • Hallag:
  • 32. Mystik im Christentum und Islam 32 • Askese (Verzicht auf weltliche (Luxus)Güter) • Gottesliebe  Zentrum beider Strömungen • Islam: Liebe geht von Gott aus, Mensch antwortet • Christentum: Gott als der Annehmende, Bejahende • Suche nach Glanz und Herrlichkeit Gottes • Gott bleibt unaussprechlich, entzieht sich • Sufismus: Verbot, von Vereinigung zu sprechen –nur angestrebt • Christliche Mystik: Vereinigung mit Gott nur punktuell möglich, vollkommen erst im Jenseits Unterschied: • Muhammad: „Gottes Diener“, Geschöpf, nie mit dem christlichen „Gottessohn“ vergleichbar
  • 33. Mystik im Christentum und Islam 33 • Gemeinsame Ursprünge in Platons Philosophie • Eremiten in Arabien – Askese-Prinzip vermittelt • Spanien: Kulturkontakt: Raimundus Lullus
  • 34. Mystik im Christentum und Islam 34 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit