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Neue Soziale Bewegungen II




                      J. Gutenberg-Universität Mainz
                      Institut für Politikwissenschaft
                      Seminar Soziale Bewegungen
                      Leitung: Prof. Dr. Arzheimer
                      WiSe 2012/2013
                      Franziska Oppermann
Gliederung



             1. Rückblick
             2. Die Anti-Atom-Bewegung
             3. Startbahn West
             4. Fazit




18.12.2012               Neue Soziale Bewegungen II   2
Koopmans' Ansatz

 ●    Deutschland in den 60ern: Aufstieg neuer Mittelklasse,
      Bildungsexpansion, international angespannte Lage
 ●    Unter Brandt partielle Integration der APO, dennoch sehr
      geschlossenes System
 ●    Unter Schmidt innerparteiliche Radikalisierung, Erfolge der NSB
      bringen Protest in die Mitte der Gesellschaft
 ●    Unter Kohl “neue Politik”, Grüne ziehen in Bundestag ein
      → etablierten Parteien fehlt das Interesse an NSB
 ●    Theoretische Ansätze:
        –    Karstadt-Henke: Counter-Strategies of Authorities
        –    Tarrow: Competition among Organizations


18.12.2012                            Neue Soziale Bewegungen II        3
“Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv”

             Die Anti-Atom-Bewegung von 1975-1989




18.12.2012              Neue Soziale Bewegungen II   4
Entwicklung des Anti-Atom-Protest


 ●    Proteste gelangen aus den USA nach Frankreich ('71: Fessenheim),
      von dort aus nach Deutschland
 ●    Gründung französisch-deutscher
      Bürgerinitiativen gegen das
      Bleichemiewerk Marckolsheim '74
      → Besetzung etc.
 ●    Mobilisierung der lokalen Mittelklasse




18.12.2012                       Neue Soziale Bewegungen II              5
Der institutionelle Rahmen in Deutschland

 ●    Versorgungsunternehmen entscheiden über Bau von Anlagen
      → marktabhängig
 ●    Gesetzgebung sehr detailliert, verschiedene Lizenzen nötig
      → Ansatzpunkt für Klagen von Umweltschutzorganisationen
 ●    Rolle der politischen Elite:
        –    SPD auf Länderebene häufig gegen Atomenergie, auf Bundesebene
             dafür
        –    Nahm 1976 “Entsorgungsnachweis” ins Parteiprogramm auf
        –    FDP solange gegen Atomenergie, wie sie sich Wählerzustimmung davon
             erhoffte
      → Föderalismus brachte der Anti-Atom-Bewegung maximale
         Möglichkeiten


18.12.2012                           Neue Soziale Bewegungen II               6
Das Beispiel Wyhl


 ●    Nähe zur Uni-Stadt Freiburg → Verbindung lokaler Aktivisten und
      nationaler Protestszene
 ●    Baustellenbesetzung am 18.2.1975: spontane Reaktion von
      wütenden Anwohnern, unterstützt von Aktivisten aus Freiburg
      → Zwangsräumung und Festnahmen
 ●    Demonstration am 23.2. mit 28.000 Personen und erneute Besetzung
 ●    Warum so erfolgreich?
        –    “untypische Protestierende”: radikal genug für die Städter, aber nicht zu
             radikal für die Landbevölkerung
        –    Inkonsistente und unwirksame Reaktionen der Autoritäten
             (Verhandlungen vs. Drohungen)
        –    Trägheit der Justiz
18.12.2012                             Neue Soziale Bewegungen II                        7
Das (Negativ-) Beispiel Brokdorf

 ●    Gründung der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe, Versuch Wyhl
      zu wiederholen
 ●    Aber: die Autoritäten hatten gelernt
 ●    Folgen:
        –    gewaltsame Konfrontationen und Miss-
             trauen bei Bevölkerung
        –    Beteiligung von K-Gruppen führte zu
             Spaltung der Bewegung
             → gemäßigte Gruppen (BBU) stiegen aus, Bewegung wurde radikaler
        –    Repression und Ereignisse des deutschen Herbstes erstickten die
             Bewegung
        –    Protest verlagert sich nach Gorleben


18.12.2012                           Neue Soziale Bewegungen II                8
Tschernobyl – die Wiederbelebung des
                     Anti-Atom-Protests

 ●    “suddenly imposed grievances” (nach Welsh) → viele Länder in
      ähnlicher Weise zum gleichen Zeitpunkt betroffen
 ●    Warum gab es in Deutschland einen so spektakulären Anstieg der
      Bewegung und in anderen europäischen Ländern nicht?
        –     Politische Umstände: Föderalismus trug zu unterschiedlichen
              Informationen bei, Parteien besetzten unterschiedliche Positionen
        –     seit 1985 neue Kampagne der Bewegung gegen Wiederaufbereitungs-
              anlage in Bayern (große nationale Aufmerksamkeit und Demo mit ca.
              80.000 Menschen)
      → Katalysator, nicht Ursache



18.12.2012                             Neue Soziale Bewegungen II                 9
Der “WAAhnsinn” von Wackersdorf

 ●    Suche nach geeignetem Ort: traditionell konservativ und wirtschaftlich
      rückständig → Wackersdorf
 ●    Studien zeigten, dass Endlager effektiver wäre als Wiederauf-
      bereitungsanlage, Regierung will Prestigeprojekt aber durchsetzen
 ●    Bewohner der Gegend hielten den Bau für eine Beleidigung
 ●    Erfolg des Protests:
        –    Erfolg an den vorigen 10 geplanten Orten
        –    Unterstützung lokaler Politiker aller Parteien
             und SPD und Grünen auf Bundesebene
        –    Umdenken nach Tschernobyl
        –    Kosten durch Verzögerung des Baus
      → Vertrag mit La Hague (Frankreich)
         bedeutete das Aus
18.12.2012                                Neue Soziale Bewegungen II      10
Fazit für die Anti-Atom-Bewegung


 ●    Faktoren, die die Bewegung beeinflussten:
        –    Institutionalisiertes Setting bei Entscheidungsprozessen:
              ●   Trägheit der Justiz verantwortlich für die Erfolge der Bewegung und ihr
                  Fortbestehen
              ●   Föderalismus
              ●   Schwäche der Regierungen, die Vorhaben durchzusetzen und Rivalitäten
                  zwischen Länder- und Bundesebene
        –    Intensität der Reaktionen auf Tschernobyl
        –    Unterstützung der Parteien und Gewerkschaften




18.12.2012                                Neue Soziale Bewegungen II                        11
“Wenn die Bäume fallen, stehen die
                      Menschen auf ”
                  Protest gegen die Startbahn West




18.12.2012                 Neue Soziale Bewegungen II   12
Hessen in den 70ern


 ●    Traditionell SPD-regiert, bis '82 Koalition SPD-FDP
 ●    Südhessen als Hochburg des linken Flügels der SPD, Mörfelden
      geprägt von der DKP
 ●    1965: Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms
      → verhinderte Umsetzung der Baupläne bis 1980
 ●    1978: Parteiengemeinschaft Mörfelden-Walldorf (von CDU bis DKP)
 ●    1979: Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung Frankfurt/Main
      → erste unkonventionelle Aktionsformen → Medienaufmerksamkeit
 ●    Oktober 1980: Verwaltungsgericht Hessen erlaubt den Bau
      → Hoffnungen auf juristische Lösung erloschen, Radikalisierung


18.12.2012                      Neue Soziale Bewegungen II               13
Widerstand gegen die Startbahn West

 ●    Errichtung Hüttendorf, besetzt vorwiegend von lokalen Akademikern
      und Jugendlichen aus Frankfurt
 ●    Initiierung eines Volksbegehrens, hessische Regierung wollte das
      prüfen lassen, aber: kein Baustopp
 ●    Räumung des Hüttendorfes gelang erst im zweiten Anlauf, Bilder und
      Berichte von Polizeigewalt erreichten auch die moderaten Teile der
      Bewegung




18.12.2012                      Neue Soziale Bewegungen II                14
Massendemos

 ●    14.11.1981: 150.000 Menschen legen 220.000 Unterschriften in
      Wiesbaden vor
 ●    Alexander Schubart (Magistratsdirektor Frankfurt) rief eigenmächtig
      zu Blockade des Frankfurter Flughafens am Folgetag auf
 ●    5000 Menschen blockierten den Flughafen, Polizei und
      Bundesgrenzschutz trugen zu Eskalation bei, aber Autoritäten und
      Medien schoben Schuld auf Protestierende
 ●    Schubart bekam gesamte staatliche Repression ab
 ●    Moderater Teil der Bewegung in Schockstarre, radikaler Flügel
      dominierte die Bewegung (unterstützt von Hausbesetzerbewegung
      und “revolutionären Zellen”)
 ●    “Sonntagsspaziergänge” und kleinere Versuche, die Mauern zu
      sabotieren
18.12.2012                      Neue Soziale Bewegungen II                  15
Das endgültige Auseinanderbrechen der
                     Bewegung

 ●    2.11.1987: Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes
        –    “Jubiläumsprotest”, schon im Vorfeld Warnung vor Gewalt
        –    Kleine Gruppe Protestierender errichtete Barrikaden und warf
             Molotowcocktails
        –    Hundertschaften und Wasserwerfer von Seiten der Polizei
        –    Ein Demonstrant erschoss 2 Polizisten und verletzte 7 weitere
 ●    Protestbewegung brach auseinander




18.12.2012                            Neue Soziale Bewegungen II             16
Fazit für die Startbahn West

 ●    Frühe Phase des Protests: konventionelle Methoden → kaum Erfolg,
      dann Radikalisierung, gewaltlose unkonventionelle Aktionen
 ●    Größe der Bewegung: ländliche und städtische Protestierende, neue
      Elemente, Unterstützung von etablierten Organisationen, Involvierung
      von professionellen Akteuren (BUND,...)
 ●    Autoritäten wollten Prestigeprojekt durchdrücken, auch weil Zukunft
      der hessischen (und Bundes-) Regierung davon abhing
 ●    These Oberschalls: Bewegungen sind wenig erfolgreich, wenn sie zu
      großen Druck auf die Autoritäten ausüben → scheint bestätigt
 ●    Folgen:
        –    Weitere Radikalisierung → Frankfurter Autonome
        –    Viele Aktivisten wurden Anhänger der Grünen, 1985 erste SPD-Grüne-
             Koalition
18.12.2012                          Neue Soziale Bewegungen II                    17
Fazit

 ●    Bewegungen hatten ähnlichen Verlauf:
             → konventionelle Strategien
             → Radikalisierung
             → mediale Aufmerksamkeit
             → externe Verbündete
             → breitere öffentliche Unterstützung
             → Bewegung wurde moderater
             → Radikale Gruppierungen spalten sich ab
             → Autoritäten versuchen Bewegung zu schwächen
 ●    Einzelne Bewegungen waren geformt von Position innerhalb größerer
      Protestwelle
 ●    Unterstützt durch Diffusionsprozesse innerhalb der Gesellschaft
 ●    Konfrontative Aktionen werden zu Gewalt oder Parlamentarischen
      Aktionen und Lobbyismus


18.12.2012                            Neue Soziale Bewegungen II        18
Fazit

 ●    Bewegungen hatten ähnlichen Verlauf:
             → konventionelle Strategien
             → Radikalisierung
             → mediale Aufmerksamkeit                              Stimmt Tarrows
             → externe Verbündete
             → breitere öffentliche Unterstützung                      Theorie?
             → Bewegung wurde moderater
             → Radikale Gruppierungen spalten sich ab
             → Autoritäten versuchen Bewegung zu schwächen
 ●    Einzelne Bewegungen waren geformt von Position innerhalb größerer
      Protestwelle
 ●    Unterstützt durch Diffusionsprozesse innerhalb der Gesellschaft
 ●    Konfrontative Aktionen werden zu Gewalt oder Parlamentarischen
      Aktionen und Lobbyismus


18.12.2012                            Neue Soziale Bewegungen II                    19
Quellen


      Koopmans, Ruud (1995). Democracy from Below. New Social Movements and the Political System in West
      Germany. Boulder, San Francisco, Oxford: Westview. 157-227.

      Bilder:

      http://www.bild.bundesarchiv.de/cross-search/search/_1355738736/?search[view]=detail&search[focus]=6

      http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/images/upload/akw-wyhl-nai-gsait-gross.jpg

      http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html

      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Brokdorfdemo.jpg&filetimestamp=20110401091201

      http://www.dingamdeich.de/6-0-Bilder-.html

      http://www.stern.de/politik/geschichte/wackersdorf-blutige-schlachten-gegen-den-waahnsinn-513246.html?
      eid=513206

      http://www.cinema.de/bilder/waahnsinn-der-wackersdorf-film,1319069.html?page=4

      http://www.hr-online.de/website/radio/hr1/index.jsp?
      rubrik=71965&key=mediathek_33268874&gallery=1&mMediaKey=mediathek_33268874&b=4

      http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a1770/l9/l0/F.html#featuredEntry

18.12.2012                                     Neue Soziale Bewegungen II                                      20
18.12.2012   Neue Soziale Bewegungen II   21
18.12.2012   Neue Soziale Bewegungen II   22
18.12.2012   Neue Soziale Bewegungen II   23
18.12.2012   Neue Soziale Bewegungen II   24

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Neue soziale bewegungen_2

  • 1. Neue Soziale Bewegungen II J. Gutenberg-Universität Mainz Institut für Politikwissenschaft Seminar Soziale Bewegungen Leitung: Prof. Dr. Arzheimer WiSe 2012/2013 Franziska Oppermann
  • 2. Gliederung 1. Rückblick 2. Die Anti-Atom-Bewegung 3. Startbahn West 4. Fazit 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 2
  • 3. Koopmans' Ansatz ● Deutschland in den 60ern: Aufstieg neuer Mittelklasse, Bildungsexpansion, international angespannte Lage ● Unter Brandt partielle Integration der APO, dennoch sehr geschlossenes System ● Unter Schmidt innerparteiliche Radikalisierung, Erfolge der NSB bringen Protest in die Mitte der Gesellschaft ● Unter Kohl “neue Politik”, Grüne ziehen in Bundestag ein → etablierten Parteien fehlt das Interesse an NSB ● Theoretische Ansätze: – Karstadt-Henke: Counter-Strategies of Authorities – Tarrow: Competition among Organizations 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 3
  • 4. “Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv” Die Anti-Atom-Bewegung von 1975-1989 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 4
  • 5. Entwicklung des Anti-Atom-Protest ● Proteste gelangen aus den USA nach Frankreich ('71: Fessenheim), von dort aus nach Deutschland ● Gründung französisch-deutscher Bürgerinitiativen gegen das Bleichemiewerk Marckolsheim '74 → Besetzung etc. ● Mobilisierung der lokalen Mittelklasse 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 5
  • 6. Der institutionelle Rahmen in Deutschland ● Versorgungsunternehmen entscheiden über Bau von Anlagen → marktabhängig ● Gesetzgebung sehr detailliert, verschiedene Lizenzen nötig → Ansatzpunkt für Klagen von Umweltschutzorganisationen ● Rolle der politischen Elite: – SPD auf Länderebene häufig gegen Atomenergie, auf Bundesebene dafür – Nahm 1976 “Entsorgungsnachweis” ins Parteiprogramm auf – FDP solange gegen Atomenergie, wie sie sich Wählerzustimmung davon erhoffte → Föderalismus brachte der Anti-Atom-Bewegung maximale Möglichkeiten 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 6
  • 7. Das Beispiel Wyhl ● Nähe zur Uni-Stadt Freiburg → Verbindung lokaler Aktivisten und nationaler Protestszene ● Baustellenbesetzung am 18.2.1975: spontane Reaktion von wütenden Anwohnern, unterstützt von Aktivisten aus Freiburg → Zwangsräumung und Festnahmen ● Demonstration am 23.2. mit 28.000 Personen und erneute Besetzung ● Warum so erfolgreich? – “untypische Protestierende”: radikal genug für die Städter, aber nicht zu radikal für die Landbevölkerung – Inkonsistente und unwirksame Reaktionen der Autoritäten (Verhandlungen vs. Drohungen) – Trägheit der Justiz 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 7
  • 8. Das (Negativ-) Beispiel Brokdorf ● Gründung der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe, Versuch Wyhl zu wiederholen ● Aber: die Autoritäten hatten gelernt ● Folgen: – gewaltsame Konfrontationen und Miss- trauen bei Bevölkerung – Beteiligung von K-Gruppen führte zu Spaltung der Bewegung → gemäßigte Gruppen (BBU) stiegen aus, Bewegung wurde radikaler – Repression und Ereignisse des deutschen Herbstes erstickten die Bewegung – Protest verlagert sich nach Gorleben 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 8
  • 9. Tschernobyl – die Wiederbelebung des Anti-Atom-Protests ● “suddenly imposed grievances” (nach Welsh) → viele Länder in ähnlicher Weise zum gleichen Zeitpunkt betroffen ● Warum gab es in Deutschland einen so spektakulären Anstieg der Bewegung und in anderen europäischen Ländern nicht? – Politische Umstände: Föderalismus trug zu unterschiedlichen Informationen bei, Parteien besetzten unterschiedliche Positionen – seit 1985 neue Kampagne der Bewegung gegen Wiederaufbereitungs- anlage in Bayern (große nationale Aufmerksamkeit und Demo mit ca. 80.000 Menschen) → Katalysator, nicht Ursache 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 9
  • 10. Der “WAAhnsinn” von Wackersdorf ● Suche nach geeignetem Ort: traditionell konservativ und wirtschaftlich rückständig → Wackersdorf ● Studien zeigten, dass Endlager effektiver wäre als Wiederauf- bereitungsanlage, Regierung will Prestigeprojekt aber durchsetzen ● Bewohner der Gegend hielten den Bau für eine Beleidigung ● Erfolg des Protests: – Erfolg an den vorigen 10 geplanten Orten – Unterstützung lokaler Politiker aller Parteien und SPD und Grünen auf Bundesebene – Umdenken nach Tschernobyl – Kosten durch Verzögerung des Baus → Vertrag mit La Hague (Frankreich) bedeutete das Aus 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 10
  • 11. Fazit für die Anti-Atom-Bewegung ● Faktoren, die die Bewegung beeinflussten: – Institutionalisiertes Setting bei Entscheidungsprozessen: ● Trägheit der Justiz verantwortlich für die Erfolge der Bewegung und ihr Fortbestehen ● Föderalismus ● Schwäche der Regierungen, die Vorhaben durchzusetzen und Rivalitäten zwischen Länder- und Bundesebene – Intensität der Reaktionen auf Tschernobyl – Unterstützung der Parteien und Gewerkschaften 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 11
  • 12. “Wenn die Bäume fallen, stehen die Menschen auf ” Protest gegen die Startbahn West 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 12
  • 13. Hessen in den 70ern ● Traditionell SPD-regiert, bis '82 Koalition SPD-FDP ● Südhessen als Hochburg des linken Flügels der SPD, Mörfelden geprägt von der DKP ● 1965: Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms → verhinderte Umsetzung der Baupläne bis 1980 ● 1978: Parteiengemeinschaft Mörfelden-Walldorf (von CDU bis DKP) ● 1979: Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung Frankfurt/Main → erste unkonventionelle Aktionsformen → Medienaufmerksamkeit ● Oktober 1980: Verwaltungsgericht Hessen erlaubt den Bau → Hoffnungen auf juristische Lösung erloschen, Radikalisierung 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 13
  • 14. Widerstand gegen die Startbahn West ● Errichtung Hüttendorf, besetzt vorwiegend von lokalen Akademikern und Jugendlichen aus Frankfurt ● Initiierung eines Volksbegehrens, hessische Regierung wollte das prüfen lassen, aber: kein Baustopp ● Räumung des Hüttendorfes gelang erst im zweiten Anlauf, Bilder und Berichte von Polizeigewalt erreichten auch die moderaten Teile der Bewegung 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 14
  • 15. Massendemos ● 14.11.1981: 150.000 Menschen legen 220.000 Unterschriften in Wiesbaden vor ● Alexander Schubart (Magistratsdirektor Frankfurt) rief eigenmächtig zu Blockade des Frankfurter Flughafens am Folgetag auf ● 5000 Menschen blockierten den Flughafen, Polizei und Bundesgrenzschutz trugen zu Eskalation bei, aber Autoritäten und Medien schoben Schuld auf Protestierende ● Schubart bekam gesamte staatliche Repression ab ● Moderater Teil der Bewegung in Schockstarre, radikaler Flügel dominierte die Bewegung (unterstützt von Hausbesetzerbewegung und “revolutionären Zellen”) ● “Sonntagsspaziergänge” und kleinere Versuche, die Mauern zu sabotieren 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 15
  • 16. Das endgültige Auseinanderbrechen der Bewegung ● 2.11.1987: Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes – “Jubiläumsprotest”, schon im Vorfeld Warnung vor Gewalt – Kleine Gruppe Protestierender errichtete Barrikaden und warf Molotowcocktails – Hundertschaften und Wasserwerfer von Seiten der Polizei – Ein Demonstrant erschoss 2 Polizisten und verletzte 7 weitere ● Protestbewegung brach auseinander 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 16
  • 17. Fazit für die Startbahn West ● Frühe Phase des Protests: konventionelle Methoden → kaum Erfolg, dann Radikalisierung, gewaltlose unkonventionelle Aktionen ● Größe der Bewegung: ländliche und städtische Protestierende, neue Elemente, Unterstützung von etablierten Organisationen, Involvierung von professionellen Akteuren (BUND,...) ● Autoritäten wollten Prestigeprojekt durchdrücken, auch weil Zukunft der hessischen (und Bundes-) Regierung davon abhing ● These Oberschalls: Bewegungen sind wenig erfolgreich, wenn sie zu großen Druck auf die Autoritäten ausüben → scheint bestätigt ● Folgen: – Weitere Radikalisierung → Frankfurter Autonome – Viele Aktivisten wurden Anhänger der Grünen, 1985 erste SPD-Grüne- Koalition 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 17
  • 18. Fazit ● Bewegungen hatten ähnlichen Verlauf: → konventionelle Strategien → Radikalisierung → mediale Aufmerksamkeit → externe Verbündete → breitere öffentliche Unterstützung → Bewegung wurde moderater → Radikale Gruppierungen spalten sich ab → Autoritäten versuchen Bewegung zu schwächen ● Einzelne Bewegungen waren geformt von Position innerhalb größerer Protestwelle ● Unterstützt durch Diffusionsprozesse innerhalb der Gesellschaft ● Konfrontative Aktionen werden zu Gewalt oder Parlamentarischen Aktionen und Lobbyismus 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 18
  • 19. Fazit ● Bewegungen hatten ähnlichen Verlauf: → konventionelle Strategien → Radikalisierung → mediale Aufmerksamkeit Stimmt Tarrows → externe Verbündete → breitere öffentliche Unterstützung Theorie? → Bewegung wurde moderater → Radikale Gruppierungen spalten sich ab → Autoritäten versuchen Bewegung zu schwächen ● Einzelne Bewegungen waren geformt von Position innerhalb größerer Protestwelle ● Unterstützt durch Diffusionsprozesse innerhalb der Gesellschaft ● Konfrontative Aktionen werden zu Gewalt oder Parlamentarischen Aktionen und Lobbyismus 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 19
  • 20. Quellen Koopmans, Ruud (1995). Democracy from Below. New Social Movements and the Political System in West Germany. Boulder, San Francisco, Oxford: Westview. 157-227. Bilder: http://www.bild.bundesarchiv.de/cross-search/search/_1355738736/?search[view]=detail&search[focus]=6 http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/images/upload/akw-wyhl-nai-gsait-gross.jpg http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Brokdorfdemo.jpg&filetimestamp=20110401091201 http://www.dingamdeich.de/6-0-Bilder-.html http://www.stern.de/politik/geschichte/wackersdorf-blutige-schlachten-gegen-den-waahnsinn-513246.html? eid=513206 http://www.cinema.de/bilder/waahnsinn-der-wackersdorf-film,1319069.html?page=4 http://www.hr-online.de/website/radio/hr1/index.jsp? rubrik=71965&key=mediathek_33268874&gallery=1&mMediaKey=mediathek_33268874&b=4 http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a1770/l9/l0/F.html#featuredEntry 18.12.2012 Neue Soziale Bewegungen II 20
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