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Weltbevölkerungsbericht 2011: Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten

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Deutsche Stiftung WeltbevölkerungDeutsche Stiftung Weltbevölkerung

Am 31. Oktober wurde die „Sieben-Milliarden-Menschen-Marke“ überschritten. Und die Menschheit wächst weiter: Jede Sekunde kommen 2,6 Menschen hinzu. Die immer größere Zahl von Erdenbürgern stellt in vielerlei Hinsicht einen großen Erfolg dar: Die Menschen leben heute länger und gesünder als je zuvor. Aber nicht alle können an diesen Errungenschaften teilhaben. Vor allem in den Entwicklungsländern leben die Menschen nach wie vor unter häufig dramatischen Lebensbedingungen. Die Herausforderungen und Chancen einer Welt der sieben Milliarden Menschen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen UNFPA-Weltbevölkerungsberichts „Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten“.

Weltbevölkerungsbericht 2011: Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten

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weltbevölkerungsbericht 2011




 Sieben Milliarden Menschen
          und Möglichkeiten
Titelbild:
Geographiekurs an der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo, Mosambik.
© UNFPA/Pedro Sá da Bandeira
weltbevölkerungsbericht 2011
                                                         Sieben Milliarden Menschen
                                                                  und Möglichkeiten



Vorwort                                      Seite ii




1    Unsere Welt
     der sieben Milliarden Menschen          Seite 1       5   Die Entscheidung zu gehen:
                                                               Kraft und Wirkung von Migration   Seite 65



2    Jugend: Eine neue globale Macht
     verändert die Welt                      Seite 9       6   Das Wachstum der
                                                               Städte im Blick                   Seite 77



3    Sicherheit, wirtschaftliche Möglichkeiten
     und Unabhängigkeit im Alter             Seite 29      7   Die Ressourcen der Erde
                                                               teilen und bewahren               Seite 93



4    Einflussfaktoren auf
     die Geburtenrate                        Seite 43      8   Der Weg vor uns:
                                                               Die Agenda von Kairo vollenden    Seite 101




Indikatoren                                  Seite 110


Impressum                                    Seite 124




          Foto: © UNFPA Antonio Fiorente
Vorwort
     Am 31. Oktober 2011 werden sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben.
     Seit ich geboren wurde hat sich die Weltbevölkerung nahezu verdreifacht. In den
     nächsten 13 Jahren wird sie nochmals um eine Milliarde Menschen wachsen. Und bis
     meine Enkelkinder groß sind, könnte die Zahl der Menschen auf der Erde bis auf zehn
     Milliarden angestiegen sein.

    Wie kam es, dass wir so viele geworden sind? Wie               Einige der hier vorgestellten Trends sind höchst
viele Menschen kann unsere Erde tragen? Das sind               bemerkenswert: Heute gibt es weltweit 893 Millionen
wichtige Fragen, aber vielleicht nicht die richtigen, um sie   Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Bis zur Mitte des
gerade jetzt zu stellen. Wenn wir nur auf die großen           Jahrhunderts wird diese Zahl auf 2,4 Milliarden Menschen
Zahlen schauen, laufen wir Gefahr, uns davon überwältigen      ansteigen. Lebt heute ungefähr jeder zweite Mensch in
zu lassen und die Chancen zu übersehen, die allen              einer Stadt, werden es in 35 Jahren schon zwei von drei
Menschen eine Perspektive auf ein besseres Leben bieten.       sein. Die unter 25­Jährigen stellen derzeit 43 Prozent der
    Statt uns Fragen wie »Sind wir zu viele?« zu stellen,      Weltbevölkerung, in einigen Ländern beträgt ihr Anteil
sollten wir lieber fragen: »Was kann ich tun, um unsere        sogar 60 Prozent.
Welt besser zu machen?« oder »Wie können wir unsere                Dieser Bericht beleuchtet schlaglichtartig, unter welchen
wachsenden Städte in Quellen der Nachhaltigkeit ver­           unterschiedlichen demographischen Herausforderungen
wandeln?«. Wir sollten uns fragen, wie jeder von uns den       Ägypten, Äthiopien, China, Finnland, Indien, die
Älteren helfen kann, eine aktivere Rolle in der Gemein­        Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Mexiko,
schaft zu spielen. Wie wir dazu beitragen können, die          Mosambik und Nigeria stehen. Die Herausforderungen
Kreativität und das Potenzial der größten Jugendgeneration     reichen von alternden Bevölkerungen über hohe
in der Geschichte der Menschheit zu mobilisieren. Und          Geburtenraten und fortschreitende Urbanisierung bis hin
wie wir mithelfen können, die Hindernisse aus dem Weg          zur Entstehung neuer Generationen junger Menschen.
zu räumen, die der Gleichberechtigung von Frauen und           Einige dieser Länder müssen mit hohen Geburtenraten
Männern entgegenstehen, damit alle Menschen eigene             zurechtkommen, andere mit so niedrigen Geburtenraten,
Entscheidungen fällen und ihr volles Potenzial verwirk­        dass ihre Regierungen bereits nach Wegen suchen, das
lichen können.                                                 Bevölkerungswachstum zu steigern. Länder mit einem
    Der Weltbevölkerungsbericht 2011 wirft einen Blick         Mangel an Arbeitskräften locken Migranten, andere sind
auf die Trends, die unsere Welt der sieben Milliarden          auf die Gelder angewiesen, die im Ausland arbeitende
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lichsten Bedingungen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft          Megastädte, wo es Arbeitsplätze gibt, die Lebenshaltungs­
dafür einsetzen, das Beste aus unserer Welt der sieben         kosten jedoch hoch sind. Andere erleben dagegen
Milliarden zu machen.                                          Abwanderungswellen aus den Innenstädten in das




ii     VO RWO RT
Umland, wo die Lebenshaltungskosten zwar oft niedriger
sind, es aber auch an Versorgungseinrichtungen und
Arbeitsmöglichkeiten mangelt.
    Wir sind überzeugt, dass auf unserer Welt der sieben
Milliarden Menschen blühende, nachhaltige Städte möglich
sind, produktive Erwerbstätige, die das Wirtschafts­
wachstum antreiben, nachrückende Jugendgenerationen,
die zum Wohlergehen ihres Landes beitragen, und eine
Generation älterer Menschen, die gesund ist und sich
aktiv an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft beteiligt. Dafür
müssen wir vorausschauend planen und heute in die
Menschen investieren. Diese Investitionen sollen sie
befähigen, Entscheidungen zu treffen, die für sie selbst          Babatunde Osotimehin, Exekutivdirektor von UNFPA.
                                                              t

                                                                  © Brad Hamilton
und für das Gemeinwohl förderlich sind.
    In vielen Entwicklungsländern, in denen das demo­
graphische das wirtschaftliche Wachstum übertrifft,           und Chancen zeigen sich zudem zwischen Männern und
besteht nach wie vor ein hoher Bedarf an Diensten der         Frauen, Mädchen und Jungen. Es ist wichtiger denn je,
reproduktiven Gesundheit, insbesondere an Familien­           dass wir heute einen Weg aufzeigen, der Gleichberechti­
planung. Eine stabile Bevölkerung zu erreichen, ist eine      gung fördert und nicht Ungleichheiten fortschreibt oder
Voraussetzung für beschleunigtes geplantes wirtschaft­        gar verschärft.
liches Wachstum und weitere Entwicklungsfortschritte.             Wir alle haben ein Interesse an der Zukunft der
Länder, für die die Bekämpfung der Armut ein zentrales        Menschheit. Wir alle, ob Einzelpersonen, Regierungen
Anliegen ist, müssen Ernst machen mit der Bereitstellung      oder Unternehmen, stehen mehr denn je in wechselseitiger
von Dienstleistungen, Mitteln und Informationen,              Verbindung und gegenseitiger Abhängigkeit. Deshalb
die Frauen für die Wahrnehmung ihrer reproduktiven            wird das, was jeder von uns heute tut, auf lange Zeit uns
Rechte benötigen.                                             alle betreffen. Gemeinsam können wir die Welt verändern
    Die immer größere Zahl von Menschen, die auf der          und verbessern.
Erde lebt, stellt in vielerlei Hinsicht auch einen großen
Erfolg für die Menschheit dar: Wir leben heute länger         Wir sind sieben Milliarden Menschen
und gesünder als je zuvor. Aber nicht alle können an diesen
                                                              mit sieben Milliarden Möglichkeiten.
Errungenschaften und der damit verbundenen höheren
Lebensqualität teilhaben. Zwischen den verschiedenen
Ländern und auch innerhalb von Ländern bestehen zum                                                  Babatunde Osotimehin
Teil gewaltige Unterschiede. Unterschiede in den Rechten                                             UNFPA­Exekutivdirektor




                                                                                           W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1   iii
iv   KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N

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Weltbevölkerungsbericht 2011: Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten

  • 1. weltbevölkerungsbericht 2011 Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten
  • 2. Titelbild: Geographiekurs an der Eduardo-Mondlane-Universität in Maputo, Mosambik. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira
  • 3. weltbevölkerungsbericht 2011 Sieben Milliarden Menschen und Möglichkeiten Vorwort Seite ii 1 Unsere Welt der sieben Milliarden Menschen Seite 1 5 Die Entscheidung zu gehen: Kraft und Wirkung von Migration Seite 65 2 Jugend: Eine neue globale Macht verändert die Welt Seite 9 6 Das Wachstum der Städte im Blick Seite 77 3 Sicherheit, wirtschaftliche Möglichkeiten und Unabhängigkeit im Alter Seite 29 7 Die Ressourcen der Erde teilen und bewahren Seite 93 4 Einflussfaktoren auf die Geburtenrate Seite 43 8 Der Weg vor uns: Die Agenda von Kairo vollenden Seite 101 Indikatoren Seite 110 Impressum Seite 124 Foto: © UNFPA Antonio Fiorente
  • 4. Vorwort Am 31. Oktober 2011 werden sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben. Seit ich geboren wurde hat sich die Weltbevölkerung nahezu verdreifacht. In den nächsten 13 Jahren wird sie nochmals um eine Milliarde Menschen wachsen. Und bis meine Enkelkinder groß sind, könnte die Zahl der Menschen auf der Erde bis auf zehn Milliarden angestiegen sein. Wie kam es, dass wir so viele geworden sind? Wie Einige der hier vorgestellten Trends sind höchst viele Menschen kann unsere Erde tragen? Das sind bemerkenswert: Heute gibt es weltweit 893 Millionen wichtige Fragen, aber vielleicht nicht die richtigen, um sie Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Bis zur Mitte des gerade jetzt zu stellen. Wenn wir nur auf die großen Jahrhunderts wird diese Zahl auf 2,4 Milliarden Menschen Zahlen schauen, laufen wir Gefahr, uns davon überwältigen ansteigen. Lebt heute ungefähr jeder zweite Mensch in zu lassen und die Chancen zu übersehen, die allen einer Stadt, werden es in 35 Jahren schon zwei von drei Menschen eine Perspektive auf ein besseres Leben bieten. sein. Die unter 25­Jährigen stellen derzeit 43 Prozent der Statt uns Fragen wie »Sind wir zu viele?« zu stellen, Weltbevölkerung, in einigen Ländern beträgt ihr Anteil sollten wir lieber fragen: »Was kann ich tun, um unsere sogar 60 Prozent. Welt besser zu machen?« oder »Wie können wir unsere Dieser Bericht beleuchtet schlaglichtartig, unter welchen wachsenden Städte in Quellen der Nachhaltigkeit ver­ unterschiedlichen demographischen Herausforderungen wandeln?«. Wir sollten uns fragen, wie jeder von uns den Ägypten, Äthiopien, China, Finnland, Indien, die Älteren helfen kann, eine aktivere Rolle in der Gemein­ Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Mexiko, schaft zu spielen. Wie wir dazu beitragen können, die Mosambik und Nigeria stehen. Die Herausforderungen Kreativität und das Potenzial der größten Jugendgeneration reichen von alternden Bevölkerungen über hohe in der Geschichte der Menschheit zu mobilisieren. Und Geburtenraten und fortschreitende Urbanisierung bis hin wie wir mithelfen können, die Hindernisse aus dem Weg zur Entstehung neuer Generationen junger Menschen. zu räumen, die der Gleichberechtigung von Frauen und Einige dieser Länder müssen mit hohen Geburtenraten Männern entgegenstehen, damit alle Menschen eigene zurechtkommen, andere mit so niedrigen Geburtenraten, Entscheidungen fällen und ihr volles Potenzial verwirk­ dass ihre Regierungen bereits nach Wegen suchen, das lichen können. Bevölkerungswachstum zu steigern. Länder mit einem Der Weltbevölkerungsbericht 2011 wirft einen Blick Mangel an Arbeitskräften locken Migranten, andere sind auf die Trends, die unsere Welt der sieben Milliarden auf die Gelder angewiesen, die im Ausland arbeitende Menschen definieren. Er zeigt, wie sich Menschen aus Bürger nach Hause schicken. Und in manchen Ländern unterschiedlichsten Kulturen und unter unterschied­ strömen immer mehr Menschen in die boomenden lichsten Bedingungen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft Megastädte, wo es Arbeitsplätze gibt, die Lebenshaltungs­ dafür einsetzen, das Beste aus unserer Welt der sieben kosten jedoch hoch sind. Andere erleben dagegen Milliarden zu machen. Abwanderungswellen aus den Innenstädten in das ii VO RWO RT
  • 5. Umland, wo die Lebenshaltungskosten zwar oft niedriger sind, es aber auch an Versorgungseinrichtungen und Arbeitsmöglichkeiten mangelt. Wir sind überzeugt, dass auf unserer Welt der sieben Milliarden Menschen blühende, nachhaltige Städte möglich sind, produktive Erwerbstätige, die das Wirtschafts­ wachstum antreiben, nachrückende Jugendgenerationen, die zum Wohlergehen ihres Landes beitragen, und eine Generation älterer Menschen, die gesund ist und sich aktiv an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft beteiligt. Dafür müssen wir vorausschauend planen und heute in die Menschen investieren. Diese Investitionen sollen sie befähigen, Entscheidungen zu treffen, die für sie selbst Babatunde Osotimehin, Exekutivdirektor von UNFPA. t © Brad Hamilton und für das Gemeinwohl förderlich sind. In vielen Entwicklungsländern, in denen das demo­ graphische das wirtschaftliche Wachstum übertrifft, und Chancen zeigen sich zudem zwischen Männern und besteht nach wie vor ein hoher Bedarf an Diensten der Frauen, Mädchen und Jungen. Es ist wichtiger denn je, reproduktiven Gesundheit, insbesondere an Familien­ dass wir heute einen Weg aufzeigen, der Gleichberechti­ planung. Eine stabile Bevölkerung zu erreichen, ist eine gung fördert und nicht Ungleichheiten fortschreibt oder Voraussetzung für beschleunigtes geplantes wirtschaft­ gar verschärft. liches Wachstum und weitere Entwicklungsfortschritte. Wir alle haben ein Interesse an der Zukunft der Länder, für die die Bekämpfung der Armut ein zentrales Menschheit. Wir alle, ob Einzelpersonen, Regierungen Anliegen ist, müssen Ernst machen mit der Bereitstellung oder Unternehmen, stehen mehr denn je in wechselseitiger von Dienstleistungen, Mitteln und Informationen, Verbindung und gegenseitiger Abhängigkeit. Deshalb die Frauen für die Wahrnehmung ihrer reproduktiven wird das, was jeder von uns heute tut, auf lange Zeit uns Rechte benötigen. alle betreffen. Gemeinsam können wir die Welt verändern Die immer größere Zahl von Menschen, die auf der und verbessern. Erde lebt, stellt in vielerlei Hinsicht auch einen großen Erfolg für die Menschheit dar: Wir leben heute länger Wir sind sieben Milliarden Menschen und gesünder als je zuvor. Aber nicht alle können an diesen mit sieben Milliarden Möglichkeiten. Errungenschaften und der damit verbundenen höheren Lebensqualität teilhaben. Zwischen den verschiedenen Ländern und auch innerhalb von Ländern bestehen zum Babatunde Osotimehin Teil gewaltige Unterschiede. Unterschiede in den Rechten UNFPA­Exekutivdirektor W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 iii
  • 6. iv KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 7. KAPITEL Unsere Welt der sieben EINS Milliarden Menschen Der Meilenstein von sieben Milliarden Menschen steht für Errungenschaften, Rückschläge und Widersprüche. Obwohl Frauen heute im Durchschnitt weniger Kinder haben als in den 1960er Jahren, steigt die Zahl der Menschen auf der Erde weiterhin an. Weltweit sind mehr Menschen jünger – und mehr Menschen älter – als je zuvor. In manchen der ärmsten Länder behindern anhaltend hohe Fruchtbarkeitsraten die Entwicklung und schreiben die Armut fort. In einigen der wohlhabendsten Länder hingegen lassen Anhand persönlicher Geschichten beleuchtet der niedrige Geburtenraten und ein Mangel an jungen Weltbevölkerungsbericht 2011 die Herausforderungen, Arbeitskräften die Frage aufkommen, ob die Wirtschaft mit denen wir in einer Welt der sieben Milliarden dauerhaft wachsen kann und die sozialen Sicherungs­ Menschen konfrontiert sind. Es ist ein Bericht aus neun systeme noch tragfähig sind. Obwohl in etlichen Ländern: aus Ägypten, Äthiopien, China, Finnland, Indien, Industrieländern die Wirtschaft immer lauter über einen der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften klagt, werden die Mexiko, Mosambik und Nigeria. Ganz normale Menschen, nationalen Grenzen immer häufiger vor arbeitssuchenden die dort leben, nationale Experten, die die lokalen demo­ und auswanderungswilligen Menschen aus Entwicklungs­ graphischen Trends untersuchen und Politiker, die auf ländern (und den Fähigkeiten, die sie möglicherweise Grundlage der Bedingungen vor Ort Entscheidungen treffen anzubieten haben) verschlossen. Während wir einerseits müssen, sprechen offen über ihr Leben und ihre Arbeit. Fortschritte bei der Bekämpfung der extremen Armut Zusammen ergeben diese Profile eine Collage der erzielen, verschärft sich andererseits nahezu überall das vielfältigen menschlichen Erfahrungen, Sehnsüchte und Gefälle zwischen Arm und Reich. Prioritäten, die die Vielfalt der Weltbevölkerung und Der diesjährige Weltbevölkerungsbericht lotet einige die Dynamik ihrer Entwicklung illustrieren. dieser Widersprüche aus der Perspektive einzelner Spricht man mit den Menschen, die in diesen Ländern Menschen aus. Er beschreibt, welche Hürden ihnen in leben und arbeiten, stellt man schnell fest, dass inzwischen ihrem Bemühen entgegenstehen, ein besseres Leben für kein demographisches Thema mehr als isoliert von anderen sich selbst, für ihre Familien, ihre Gemeinschaften und ihre Themen wahrgenommen wird. Wie die Alten leben werden, Länder aufzubauen, und wie sie diese Hürden überwinden. hängt zum Beispiel unmittelbar mit dem Verhalten der jungen Generation zusammen: In vielen Industrie­ und Fußgänger in Mexiko-Stadt. Entwicklungsländern ziehen junge Menschen auf der Suche t © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola nach Arbeit von ländlichen Gebieten in die Städte oder in W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 1
  • 8. andere Länder, wo die Arbeitsmöglichkeiten besser sind. Das geht in den Diskussionen über die Bevölkerungsgröße Sie lassen ältere Familienmitglieder zurück – manchmal gelegentlich unter. Nur wenn wir die Bevölkerungstrends ohne die Unterstützung, die sie für ihr tägliches Leben genau analysieren, werden die vielen mit ihnen einher­ benötigen. In einigen reicheren Ländern entsteht wegen der gehenden Herausforderungen und Chancen offenbar. Die geringeren Zahl junger Menschen Unsicherheit darüber, Regierung der chinesischen Provinz Shaanxi etwa sucht wer später für die Alten sorgen und die Sozialleistungen nach neuen Wegen, einer wachsenden Zahl älterer der Älteren bezahlen wird. Menschen Wohnraum und Unterstützung zu bieten. In Jedes der in diesem Bericht porträtierten Länder be­ Megastädten wie dem nigerianischen Lagos versuchen greift seine jeweiligen Bevölkerungstrends, wie Urbanisierung, Stadtplaner, ganze Viertel umzugestalten und stärker den Anstieg der Lebenserwartung und die rapide Zunahme verbundene, besser verwaltbare und lebenswertere der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter, nicht nur Gemeinschaften zu erschaffen. In Mexiko­Stadt gehören als große Herausforderungen, sondern auch als Chancen. menschenfreundliche Parks, Grünflächen entlang von Die Milliardenschritte der Weltbevölkerung Milliarden 10 das rapide Wachstum der Weltbevölkerung ist ein relativ junges Phänomen. Vor 2000 Jahren lebten 9 rund 300 Millionen Menschen auf der Erde. Bis sich ihre Zahl auf 600 Millionen verdoppelte, vergingen über 1600 Jahre. das beschleunigte Bevölkerungswachstum setzte in den 1950er Jahren mit dem 8 Rückgang der Sterblichkeit in den weniger entwickelten Regionen ein. das ließ die Zahl der Menschen bis 2000 auf 6,1 Milliarden – knapp das Zweieinhalbfache des Standes von 1950 – hochschnellen. 7 Infolge sinkender Fruchtbarkeitsraten in den meisten Teilen der Welt ist die globale Bevölkerungs­ 6 wachstumsrate gegenüber ihrem Höchststand von zwei Prozent im Zeitraum 1965–1970 kontinuierlich 4 zurückgegangen. 5 4 3 1974 3 2 1959 1 1927 2 1804 1 Zeitspanne bis zur nächsten Milliarde Menschen 123 32 15 13 1800 1850 1900 1950 Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen 2 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 9. Straßen und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu Fast überall wachsen die Städte. Mit einer guten Stadt­ den Prioritäten bei dem Bemühen darum, das städtische planung und einer durchdachten Politik ist ein urbanes Leben gesünder und nachhaltiger zu gestalten. Wachstum möglich, das die Wirtschaft stimuliert und Länder wie die Ehemalige jugoslawische Republik Arbeitsplätze schafft, gleichzeitig aber Energie effizienter Mazedonien oder Finnland, in denen die durchschnittliche nutzt und mehr Menschen den Zugang zu sozialen Kinderzahl pro Frau vergleichsweise niedrig ist und in Dienstleistungen ermöglicht. denen die Frauen ihr erstes Kind spät bekommen, suchen Menschen unter 25 Jahren stellen 43 Prozent der nach Wegen, Frauen bei der Gründung einer Familie Weltbevölkerung. Wenn junge Menschen ihre Rechte auf zu unterstützen. Länder wie Äthiopien und Indien Gesundheit, auf Bildung und auf menschenwürdige haben Kampagnen gegen Kinderehen und hochriskante Arbeitsbedingungen in Anspruch nehmen können, werden Teenagerschwangerschaften ins Leben gerufen. sie zu einer starken Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung und des positiven Wandels. Überall in den Entwicklungs­ ländern wollen Sozialwissenschaftler und Politiker das Beste aus dem großen Anteil junger Menschen an der Bevölkerung machen, um die Hoffnungen der jungen Menschen zu erfüllen sowie das wirtschaftliche Wachstum und die allgemeine Entwicklung voranzutreiben. Doch das Zeitfenster, um diese »demographische Dividende« zu nutzen, ist knapp bemessen. Rasches Handeln ist geboten, soll diese Chance nicht ungenutzt verstreichen. 7 In den ärmsten Ländern der Welt bilden extreme Armut, Nahrungsmittelunsicherheit, Ungleichheit, hohe 6 2011 Sterblichkeits­ und hohe Geburtenraten einen Teufelskreis. Die Bekämpfung der Armut durch Investitionen in 5 1987 1999 Bildung und Gesundheit, die insbesondere Frauen und Mädchen zugute kommen, kann diesen Teufelskreis durch­ brechen. In dem Maße, wie sich die Lebensbedingungen verbessern, können Eltern stärker darauf vertrauen, dass Werden meine ihre Kinder überleben. Diese Gewissheit veranlasst viele, Enkelkinder sich für kleinere Familien zu entscheiden. Das wiederum in einer Welt erlaubt höhere Investitionen in die Gesundheitsversorgung der zehn Milliarden und Bildung der einzelnen Kinder. Eine höhere Pro­ Menschen leben? duktivität und verbesserte langfristige Aussichten – für die Kinder, ihre Familien und das Land insgesamt – sind die Folge. 3 12 12 2000 2050 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 3
  • 10. Erfolge feiern, für die Zukunft planen und die fortschreitende Entwicklung in vielen Ländern Die Trends in der Weltbevölkerung über die letzten sechs zurückzuführen, zum Teil aber auch auf soziale und Jahrzehnte sind erfreulich. Das gilt insbesondere für kulturelle Einflüsse sowie auf einen verbesserten Zugang den Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von von Frauen zu Bildung, Arbeitsmöglichkeiten und 48 Jahren Anfang der 1950er Jahre auf rund 68 Jahre Diensten der sexuellen und reproduktiven Gesundheit im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts. Die einschließlich moderner Verhütungsmethoden. Säuglingssterblichkeit ist von 133 Todesfällen pro In einigen Regionen sind die Gesamtfruchtbarkeitsraten 1.000 Lebendgeburten in den 1950er Jahren auf 46 pro seit 1950 eingebrochen: In Mittelamerika beispielsweise 1.000 Lebendgeburten im Zeitraum 2005 bis 2010 ist die Rate von damals 6,7 Kindern pro Frau auf heute gesunken. Impfkampagnen haben weltweit zu einem 2,6 gesunken und liegt damit nur noch knapp über dem drastischen Rückgang vieler Kinderkrankheiten geführt. Ersatzniveau von 2,1 Kindern. In Ostasien ist die Gesamt­ Im selben Zeitraum ging die durchschnittliche fruchtbarkeitsrate im selben Zeitraum von ungefähr sechs Kinderzahl pro Frau um über die Hälfte von 6,0 auf 2,5 Kindern pro Frau auf heute 1,6 sogar deutlich unter das zurück. Das ist zum Teil auf das Wirtschaftswachstum Ersatzniveau gefallen. In einigen Regionen Afrikas dagegen ging die Fruchtbarkeitsrate in den letzten 60 Jahren nur mäßig zurück und beträgt heute noch mehr als fünf Kinder pro Frau. China und Indien: Ungeachtet des weltweiten Rückgangs der Frucht­ die Bevölkerungsmilliardäre barkeitsraten wächst die Weltbevölkerung jährlich nach Unlängst haben China und Indien ihre jüngsten Volks­ wie vor um gut 78 Millionen Menschen, was ungefähr zählungsdaten veröffentlicht und der Welt einen Blick darauf der Einwohnerzahl Deutschlands oder Äthiopiens gewährt, wie sich diese beiden riesigen Bevölkerungen im entspricht. Dieses anhaltend starke Wachstum der Welt­ Vergleich darstellen. bevölkerung geht auf die hohen Geburtenraten in den Laut Hochrechnungen der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen wird Indien mit 1,46 Milliarden Menschen 1950er und 1960er Jahren zurück. Sie haben zu großen im Jahr 2025 China mit 1,39 Milliarden Menschen als bevöl­ Bevölkerungen mit Millionen junger Menschen geführt, kerungsreichstes Land der Erde überholt haben. Basierend die erst noch ins reproduktive Alter kommen. auf einem mittleren Szenario wird die Bevölkerung Chinas bis In ihren im Mai 2011 veröffentlichten Projektionen zum Jahr 2050 auf 1,30 Milliarden zurückgehen, während die »World Population Prospects: The 2010 Revision« sagt die Indiens bis 2060 auf nahezu 1,73 Milliarden ansteigen wird, bevor ein Rückgang einsetzt. Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen einen Anstieg der Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,3 Milliarden China Indien und bis Ende des Jahrhunderts auf über zehn Milliarden Menschen voraus. Das liegt über den bisherigen Gesamtbevölkerung, 2011 1,35 Mrd. 1,24 Mrd. Schätzungen. Dabei basiert dieses Szenario auf der An­ nahme rückläufiger Fruchtbarkeitsraten. Bereits geringe Wachstum absolut, 2001–2011 69,7 Mio. 170,1 Mio. Variationen der Fruchtbarkeit insbesondere in den be­ Fruchtbarkeitsrate (Kinder pro Frau) 1,6 2,5 völkerungsreichen Ländern könnten jedoch zu weitaus höheren Gesamtzahlen führen. Für diesen Fall schätzt die Jahr der erwarteten 2025 2060 Bevölkerungsstabilisierung Bevölkerungsabteilung, dass 2050 bereits 10,6 Milliarden und bis 2100 über 15 Milliarden Menschen auf der Erde Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen leben. »Ein Großteil dieses Zuwachses«, heißt es weiter, 4 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 11. »dürfte auf die Länder mit hohen Fruchtbarkeitsraten kommenden 40 Jahren aller Voraussicht nach verdoppeln entfallen, zu denen 39 in Afrika, neun in Asien, sechs in oder verdreifachen wird«. Warum sich die Demographen Ozeanien und vier in Lateinamerika zählen.« immer stärker auf die Region konzentrierten, sei klar, meint Laut John Cleland, einem internationalen Experten Cleland: »Die Flucht aus Armut und Hunger wird durch zum Thema reproduktive Gesundheit in Afrika von der das rapide Bevölkerungswachstum deutlich erschwert.« London School of Hygiene and Tropical Medicine, ist »Wir durchleben eine außergewöhnliche Periode in Afrika südlich der Sahara »eine der wenigen verbliebenen der Geschichte der Menschheit, eine Ära des beispiellosen Regionen der Welt, deren Bevölkerung sich in den Wachstums unserer Spezies«, sagt Steven Sinding, Direktor Geschätzte und prognostizierte Bevölkerungsentwicklung nach Region, mittleres Szenario, 1950–2100 (in Milliarden) 5,5 Milliarden 5,0 4,5 4,0 3,5 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 0,5 0,0 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 2030 2040 2050 2060 2070 2080 2090 2100 Asien Afrika Lateinamerika und Karibik Europa Nordamerika Ozeanien Asien wird auch während des 21. Jahr­ doppelt so schnell wie die Asiens, die (Nord­ und Südamerika, Europa und hunderts die bevölkerungsreichste Groß­ durchschnittlich um ein Prozent zulegen Ozeanien), die aktuell bei 1,7 Milliarden region der Welt bleiben. Doch Afrika, wird. Im Jahr 2009 überschritt die Ein­ Menschen liegt, wird den Hochrechnungen dessen Bevölkerung sich von heute einer wohnerzahl Afrikas erstmals die Milliarden­ zufolge bis 2060 auf knapp zwei Milliarden Milliarde Menschen bis zum Jahr 2100 auf Marke und wird den Erwartungen zufolge Menschen wachsen und bei einem sehr 3,6 Milliarden Menschen mehr als verdrei­ in nur 35 Jahren (bis 2044) um eine weitere langsam Rückgang bis 2100 auf ungefähr fachen wird, wird stark aufholen. Milliarde ansteigen – selbst unter der An­ diesem Niveau verharren. Die Bevölkerung Heute leben 60 Prozent der Weltbevöl­ nahme, dass die Fruchtbarkeitsrate von in Europa dürfte um 2025 mit 740 Millionen kerung in Asien und 15 Prozent in Afrika. Im 4,6 Kindern pro Frau zwischen 2005 und Einwohnern ihren Scheitelpunkt überschrei­ Durchschnitt wird die Bevölkerung Afrikas 2010 auf drei Kinder pro Frau im Zeitraum ten und anschließend zurückgehen. im Zeitraum 2010 bis 2015 um 2,3 Prozent von 2045 bis 2050 sinken wird. Quelle: Bevölkerungsabteilung der Vereinten pro Jahr wachsen und damit mehr als Die Bevölkerung der anderen Regionen Nationen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 5
  • 12. des Bevölkerungsbüros der amerikanischen Entwicklungs­ Gesundheit, insbesondere zu solchen der Familienplanung. hilfebehörde USAID. Als Professor für Bevölkerung und Diese Dienstleistungen müssen auf den Menschenrechten Familiengesundheit an der Columbia University und als gründen, sie stärken, und sie sollten die Sexualaufklärung Generaldirektor der International Planned Parenthood junger Menschen und insbesondere heranwachsender Federation hat er über Jahre hinweg die weltweiten Mädchen einschließen. Bevölkerungstrends aufmerksam verfolgt: »Die Geschwin­ José Angel Aguilar Gil, der Direktor der mexikanischen digkeit des Wachstums bringt enorme Herausforderungen Democracia y sexualidad, die für sexuelle und reproduktive für viele der ärmsten Länder mit sich. Denn es mangelt Gesundheit und Rechte eintritt, betont, dass Mädchen und ihnen nicht nur an Ressourcen, um den zusätzlichen junge Frauen »das Recht auf Zugang zu einer integrierten Bedarf an Infrastruktur, grundlegenden Gesundheits­ und Sexualaufklärung haben, ein Recht, das Bestandteil eines Bildungsleistungen und Arbeitsplätzen für die steigende umfassenden Menschenrechts ist: des Rechts auf Bildung«. Zahl junger Menschen zu decken. Sie müssen sich Gabriela Rivera, Programmmitarbeiterin im UNFPA­ außerdem dem Klimawandel anpassen.« Büro in Mexiko­Stadt sieht »viele Beweise« für den Die Stabilisierung der Bevölkerung, vor allem in den Nutzen einer rechtebasierten Sexualaufklärung. Solche ärmsten Ländern, erfordert einen besseren und möglichst Programme haben ihrer Meinung nach dann Erfolg, universellen Zugang zu Diensten der reproduktiven wenn sie rechtzeitig umfassende und wissenschaftlich fundierte Informationen anbieten, die auf die Bedürfnisse ▲ Gabriela Rivera, Mitarbeiterin des Nationalen Programms für sexuelle der jeweiligen Altersgruppen zugeschnitten sind. »Wie und reproduktive Gesundheit für junge Menschen und benachteiligte Evaluationsstudien gezeigt haben, trägt Aufklärung mit Bevölkerungsgruppen, UNFPA, Mexiko. dazu bei, den Zeitpunkt des ersten sexuellen Kontakts © UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola nach hinten zu verschieben. Aufklärung hilft, die Verwendung von Verhütungsmethoden und Kondomen zu fördern und das Ausmaß an Gewalt gegen junge Mädchen zu verringern«, erklärt Rivera. »Damit geht ein Rückgang früher und ungewollter Schwangerschaften und der Infektionen mit HIV/Aids einher.« Sieben Milliarden: Es geht um Menschen Am 31. Oktober, wenn die Weltbevölkerung nach Schätzung der Demographen die Sieben­Milliarden­ Schwelle überschreiten wird, werden die meisten den Blick auf die Zahlen richten. Dieser Bericht konzentriert sich jedoch auf Einzelschicksale und auf jene Experten, die sich mit den Entwicklungen befassen, die den Alltag der Menschen bestimmen. Er beschäftigt sich mit den Entscheidungen, die die Individuen treffen – oder gerne treffen würden, wenn sie die Chance dazu hätten. Auf der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz (ICPD) 1994 stimmten die dort versammelten Länder darin über­ ein, dass eine Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung 6 KAP IT EL 1 : UNSERE WELT dER SIEBEN MILLIARdEN MEN SC H E N
  • 13. am ehesten zu erreichen ist, wenn Mädchen und Frauen darin bestärkt werden, gleichberechtigt mit Männern und Jungen an ihren Gesellschaften und an der Wirtschaft teilzuhaben. Sie müssen grundsätzliche Entscheidungen über ihr Leben selbst treffen können. Das schließt Entscheidungen über den Zeitpunkt und den Abstand zwischen ihren Schwangerschaften und Geburten mit ein. Als die nach Kairo entsandten Delegationen ihr historisches Aktionsprogramm präsentierten, lagen bereits zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen vor, die Amsalu Buke (links) und ihre Assistentin. t © UNFPA/Antonio Fiorente belegen, dass Frauen weniger Kinder bekommen, wenn sie gleiche Rechte und Chancen genießen, Mädchen gesund sind und wenn sie Zugang zu Bildung haben. Darüber hinaus unterstrich das ICPD­Aktionsprogramm, dass die Stärkung von Frauen nicht Selbstzweck, sondern auch ein entscheidender Beitrag zur Bekämpfung der Armut ist. Der diesjährige Weltbevölkerungsbericht stellt zunächst eine Reihe junger Menschen vor und wirft einen Blick BEvöLKErUNg UNd ArMUT darauf, was die zunehmende Zahl der Menschen in ihrem jeweiligen Lebensumfeld bedeutet. Die anschließenden Auszüge aus dem Aktionsprogramm der Kapitel befassen sich mit alternden Bevölkerungen Kairoer Weltbevölkerungskonferenz (Kapitel 3), Migration (Kapitel 5), den Wechselbeziehungen [Die] anhaltende, weit verbreitete Armut sowie schwer­ zwischen Fruchtbarkeitstrends, reproduktiven Gesund­ wiegende Ungleichheiten im sozialen Bereich und zwischen heitsdiensten, Geschlechterrollen sowie den Rechten den Geschlechtern [haben] einen erheblichen Einfluss auf von Frauen und Mädchen (Kapitel 4), dem Management demographische Parameter wie Bevölkerungswachstum, urbaner Großgebiete (Kapitel 6) sowie mit Umwelt­ ­struktur und ­verteilung und [werden] von diesen wieder­ um beeinflusst […]. belastungen (Kapitel 7). In diesem Bericht beschreiben nachdenkliche und Maßnahmen zur Verlangsamung des Bevölkerungswachs­ visionäre Menschen aus allen Teilen der Welt, welche tums, zur Linderung der Armut, zur Verwirklichung des Herausforderungen und Chancen sie für sich in der wirtschaftlichen Fortschritts, zur Verbesserung des Umwelt­ Gestaltung ihrer Gesellschaften und der Weltbevölkerung schutzes und zum Abbau nicht nachhaltiger Verbrauchs­ und Produktionsmuster verstärken sich gegenseitig […]. in diesem Jahrhundert und darüber hinaus sehen. Viele von ihnen sind jung, und sie sind sich bewusst, dass Die Beseitigung von Armut wird dazu beitragen, das sie die Welt des 21. Jahrhunderts mitgestalten und Bevölkerungswachstum zu verlangsamen und eine baldige prägen werden. Bevölkerungsstabilisierung zu erreichen […]. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 7
  • 14. 8 KAP IT EL 2 : JUGENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VERä N d E RT d IE W E LT
  • 15. KAPITEL Jugend: Eine neue globale ZWEI Macht verändert die Welt Ethel Phiri ist eine 22 Jahre alte Jugendberaterin bei der mosambikanischen Familienplanungsorganisation AMODEFA. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) setzt zusammen mit anderen Organisationen das nationale Jugendprogramm Geração Biz um. Dafür organisiert Ethel so genannte bancadas femininas, Diskussionsgruppen in Schulen, auf Märkten und an anderen Orten in Gemeinden rund um die Hauptstadt Maputo. Hier werden junge Frauen in Fragen der sexuellen und an, der sie aber bald langweilte. Ein Teemarkt in der reproduktiven Gesundheit und der HIV­Prävention Nachbarschaft weckte ihre Begeisterung, und jetzt spart beraten und über ihre Rechte aufgeklärt. In ihrer Gruppe sie ihren Lohn, bis sie genug Geld für ein eigenes wird »viel über die Unterdrückung von Frauen durch Teegeschäft hat. Männer gesprochen«, erzählt Ethel. »Frauen haben zu In dem abgelegen äthiopischen Dorf Tare gilt Amsalu Hause nichts zu sagen. Sie möchten die Kultur verändern, Buke für die Frauen, die in dieser Gegend ohne ärztliche und sie wollen, dass die Regierung ihren Anliegen mehr Versorgung und ohne Straßen leben, als eine leise Aufmerksamkeit schenkt.« Revolutionärin. Sie trägt an einem über ihre Schulter Junge Menschen in China finden Wege, mehr über geschlungenen Gurt eine Kiste voller medizinischer die wirtschaftlichen Chancen zu lernen, und versuchen, Bedarfsgüter. Amsalu, selbst gerade einmal 20 Jahre alt, sich gezielt dafür zu qualifizieren. In Xi’an in der Provinz zieht über die verdorrten Felder von Siedlung zu Shaanxi sehen junge chinesische Wanderarbeiter in ihren Siedlung, um Frauen den Zugang zu Familienplanungs­ Jobs auf Märkten und in Fabriken vor allem eine Mög­ methoden zu ermöglichen. Sie warten zum Teil so lichkeit: Sie wollen so viel Geld sparen, bis sie irgendwann sehnsüchtig auf ihre Hilfe, dass sie sie auf ihrer Runde nach Hause zurückkehren und dort ein eigenes Geschäft abpassen und diskret um Verhütungsmittel bitten. aufbauen können. Die 21 Jahre alte Han Qian zum In Skopje, der Hauptstadt der Ehemaligen jugos­ Beispiel studierte anfangs Medizin, wechselte dann in die lawischen Republik Mazedonien, unterhält sich eine Pharmazie und nahm einen Job als Arzneimitteltesterin Gruppe von Frauen über die Unternehmen, die sie in der sich wandelnden Wirtschaft des Landes erfolgreich aufgebaut haben. Mehrere von ihnen haben im Ausland Ricardo Moreno und Sara Gonzalez in Mexiko-Stadt. Das verlobte Paar hat gelebt und dort neben wertvollen Qualifikationen auch t gemeinsam beschlossen, mit der Heirat und der Geburt von Kindern abzuwarten, bis Sara ihre Ausbildung abgeschlossen und einen Arbeitsplatz gefunden hat. viel Selbstvertrauen erworben. Das gelingt vielen jungen ©UNFPA/Ricardo Ramirez Arriola Migranten, egal, ob sie zur Arbeit in andere Länder gehen W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 9
  • 16. oder in Städte im eigenen Land. Marina Anchevska, eine In Mexiko rechnen sich viele junge Menschen gute der Jungunternehmerinnen in Skopje, hat sich nach ihrer Karrierechancen in der Nahrungsmittelindustrie und im Rückkehr aus den Niederlanden eine Existenz als Personal­ Dienstleistungssektor aus. Inmitten des Lärms der Skate­ und Businessberaterin mit einem Schwerpunkt auf Yoga boarder und BMX­Radfahrer, die über die eigens für sie aufgebaut. Ihr Ziel ist es, die Atmosphäre in den Büros unter einer Brücke in Mexiko­Stadt aufgebauten Rampen und Chefetagen des einstmals sozialistischen Landes, das rollen, legt der 16 Jahre alte Leo Romero eine Pause ein. seine Entwicklung mit Hilfe ausländischer Investoren Dann erzählt er, dass er an einem kulinarischen Institut und internationaler Wirtschaftspartner vorantreiben will, studieren und danach eine Laufbahn in der Gastronomie aufzulockern. einschlagen möchte. Leo, der sich als Musiker in einer In der nigerianischen Millionenstadt Lagos hat Fauziya Salsa­Band nebenher etwas Geld dazuverdient, sagt, dass Abdullahi vor den Parlaments­ und Präsidentschaftswahlen er seinen Freunden rät, in der Schule zu bleiben und erst im Frühjahr 2011 eine Kampagne organisiert, mit der zu heiraten, wenn sie gute Jobs haben. sie junge Menschen gezielt zum Gang an die Wahlurnen In Indien haben währenddessen viele Tausend junge motivierte. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Universitätsabsolventen durch die Arbeit in Call­Centern Afrikas, sind 70 Prozent der Einwohner jünger als 35 Jahre. den Anschluss an die globale Ökonomie geschafft und Ihre Kampagne hat sie »Buggie the Vote« benannt – nach sind zuversichtlich, damit den ersten Schritt für eine einer erfolgreichen nationalen Fernsehserie für Jugendliche Karriere im Hightech­Bereich getan zu haben. namens »School Buggie«. Unter dem Slogan »Mit ihren Überall haben junge Menschen die Hoffnung, den Stimmen bestimmen die Jungen die Zukunft« hat sie die Anspruch und den Ehrgeiz, ihr eigenes Leben und das politische Debatte und das politische Engagement unter ihrer Altersgenossen, Nachbarn, Gemeinschaften und den jungen Stadtbewohnern von Lagos befördert. Länder zu verbessern. Ob sie damit Erfolg haben, hängt von ihrer Fähigkeit ab, die neu entstehenden Bildungs­ und ökonomischen Chancen zu nutzen und die Hindernisse Fauziya Abdullahi mobilisiert die Jugend in Lagos, Nigeria. ▲ © UNFPA/Akintunde Akinleye zu überwinden, die der Verwirklichung ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte entgegenstehen. Mehr junge Menschen, mehr Möglichkeiten Nahezu die Hälfte der sieben Milliarden Menschen auf der Erde ist 24 Jahre oder jünger – 1,2 Milliarden von ihnen sind im Alter zwischen zehn und 19 Jahren. Ihr Anteil an der Bevölkerung hat in einigen der großen Entwicklungsländer inzwischen den Scheitelpunkt erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen in ihren »World Population Prospects: The 2010 Revision«. Tatsächlich ist der Prozent­ satz junger Menschen – laut UN­Definition sind dies 10­ bis 24­Jährige – vielerorts rückläufig, nicht nur in den entwickelten Industrieländern, sondern auch in Ländern mit mittleren Einkommen. In Mexiko etwa, wo die Fertilität in den letzten Jahrzehnten signifikant 10 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 17. zurückgegangen ist, schrumpft die Bevölkerungspyramide an ihrer Basis kontinuierlich zusammen. Der Anteil der 0­ bis 14­Jährigen an der Gesamtbevölkerung hat sich von 38,6 Prozent im Jahr 1990 auf 34,1 Prozent zehn Jahre später und 29,3 Prozent im Jahr 2010 verringert. Parallel dazu ist das Medianalter der mexikanischen Bevölkerung in diesen zwei Jahrzehnten von 19 auf 26 Jahre angestiegen. Der Überhang der geburtenstarken Jahrgänge verschiebt sich in den mittleren Altersbereich und verändert damit das Aussehen der Bevölkerungs­ pyramide. Zahlen wie diese belegen, dass in den Ländern mit mittleren Einkommen und einigen sich rasch entwickeln­ den Ländern mit niedrigen Einkommen das Zeitfenster eng begrenzt ist, in dem sie auf eine große junge Erwerbs­ tätigenbevölkerung für ihre Entwicklung zählen können. Die Regierungen und der private Sektor müssen rasch handeln, wollen sie die nachrückenden Generationen für eine produktive Rolle qualifizieren und ausreichend Angebote für ihren Einstieg in das Arbeitsleben schaffen. »Zum Sex kann man Nein sagen, zu Kondomen niemals!« steht in einer t Broschüre, die Ethel Phiri, Aktivistin bei AMODEFA in Maputo, Mosambik, In Afrika südlich der Sahara, wo das Wirtschaftswachs­ präsentiert. tum vergleichsweise hoch ist, warnten die UN­Wirt­ © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira schaftskommission für Afrika und die Afrikanische Union in ihrem »2011 Economic Report on Africa« die Regierungen der Region, dass der Aufschwung nicht zur Entstehung unterstützen. Sie fordert, das höhere Bildungssystem der benötigten Anzahl neuer Arbeitsplätze geführt habe. des Landes einschließlich der wissenschaftlichen Forschung Sie mahnten effektivere staatliche Interventionen zur zu modernisieren und damit den Weg für einen uni­ Stimulation des Arbeitsmarktes durch arbeitsplatzschaffende versitären Austausch über die Landesgrenzen hinweg zu Maßnahmen und Programme an. bereiten. »Es tut mir unendlich Leid für meine Studenten, In Skopje beobachtet die Soziologin Antoanela weil sie sehr intelligente junge Menschen sind«, sagt sie. Petkovska von der St. Cyril und Methodius­Universität »Wir haben ein sehr großes Potenzial, aber in einigen mit großer Sorge die demoralisierende Wirkung der Bereichen brauchen sie einfach mehr Unterstützung.« schlechten Arbeitsmarktperspektiven auf die Studierenden. Die ökonomischen und sozialen Entwicklungen, die »Vor allem wegen der hohen Arbeitslosigkeit sind die sich auf die Jugend in Indien auswirken, sind für viele jungen Leute hier sehr pessimistisch, was ihre Zukunft Demographen von besonderem Interesse. Denn das Land, angeht«, sagt sie. »Ihnen bieten sich kaum Möglichkeiten, in dem derzeit 1,2 Milliarden Menschen leben, ist auf dem und so sind sie vor allem auf Diplome aus und nicht besten Wege, China mit seinen rund 1,3 Milliarden Ein­ auf Wissen.« Petkovska sieht die Regierung in der Pflicht, wohnern bis 2025 als bevölkerungsreichstes Land der Erde die jungen Menschen bei der Integration in eine um­ abgelöst zu haben. Seine demographische Entwicklung wird fassendere europäische intellektuelle Gemeinschaft zu das globale Bevölkerungsprofil unweigerlich beeinflussen. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 11
  • 18. besitzt, als Indikatoren für ein anhaltend starkes wirtschaft­ liches Wachstum auf dem Subkontinent. Chandramouli sieht nur eine Gefahr: »Die Frage jetzt lautet, wie wir mit dem hohen Anteil Jugendlicher umgehen«, sagt er. »Welche Qualifikationen sollen die jungen Menschen erhalten? Wie verwandeln wir sie in Aktivposten?« Eintritt in den Arbeitsmarkt, wenn Jobs rar sind Sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze sind heute fast überall Mangelware, insbesondere für junge Menschen. Laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorgani­ sation (ILO) waren 2010 von den weltweit 620 Millionen Ägyptische Jugendliche in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo. jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren 81 t © UNFPA/Matthew Cassel Millionen – das entspricht einem Anteil an der Alters­ gruppe von 13 Prozent – arbeitslos, hauptsächlich infolge In Indien liegt die durchschnittliche Kinderzahl mit der globalen Finanz­ und Wirtschaftskrisen. 2,73 Kindern pro Frau immer noch deutlich über dem Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise schnellte Ersatzniveau von 2,1 Kindern. Dort leben heute mehr als die Arbeitslosenquote von Jugendlichen so rapide in die 600 Millionen Menschen unter 24 Jahren. Nach Über­ Höhe wie nie zuvor – von 11,9 auf 13 Prozent in der zeugung der indischen Regierung wird die Wirtschaft des Zeit von 2007 bis 2009. Landes auf Jahre hinaus von dieser großen Kinder­ und Dabei haben, wie es in dem ILO­Bericht weiter heißt, Jugendschar profitieren. Bevölkerungsexperten und junge Frauen mehr Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden Soziologen dagegen zeigen sich skeptisch. Sie fragen, wie als junge Männer. 2009 betrug die Arbeitslosenquote viele dieser jungen Menschen eine produktive Rolle in bei jungen Frauen 13,2 Prozent, die bei jungen Männern der zusehends komplexer und anspruchsvoller werdenden 12,9 Prozent. Besonders »schlimm«, so die ILO, sei die indischen Wirtschaft übernehmen können. Denn laut Lage in den arabischen Ländern. »Sie kann nur noch dem neuesten Bericht »State of the World’s Children 2011« schlimmer werden, wenn sich aufgrund der Wirtschafts­ des Kinderhilfswerkes UNICEF sind über 48 Prozent der krise auch noch die wenigen Türen für diejenigen Kinder in Indien unterernährt, lediglich 66 Prozent verschließen, die durch Arbeit versuchen, ein gewisses schließen die Grundschule ab und nur knapp die Hälfte Einkommen und Selbstbestätigung zu erwerben«, warnt besucht eine weiterführende Schule. die ILO und konstatiert eine »immense Verschwendung C. Chandramouli, Generalregistrator und Zensus­ des produktiven Potenzials junger Frauen«. kommissar der indischen Regierung, beurteilt die indus­ Selbst in wirtschaftlich guten Zeiten tun sich junge triellen Wachstumsaussichten des Landes dagegen sehr Frauen bei der Suche nach Arbeit im Allgemeinen schwerer optimistisch. Seiner Meinung nach besitzt das in der als junge Männer. Wenn sie eine Stelle finden, ist diese indischen Jugend schlummernde riesige Arbeitskräfte­ häufig schlechter bezahlt und im informellen Sektor ange­ reservoir das Potenzial, die Volkswirtschaft auf Jahrzehnte siedelt, wo Arbeitsplatzsicherheit oder Sozialleistungen hinaus anzutreiben. Auch Ökonomen außerhalb Indiens Fremdworte sind. nehmen diesen Faktor und die Tatsache, dass Indien ein für politische Korrekturen offenes demokratisches System 12 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 19. Jugendarbeitslosigkeit und erst recht Fälle, in denen junge Menschen so entmutigt sind, dass sie die Suche nach einer Arbeit ganz aufgegeben haben, »gehen mit hohen Kosten für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Betroffenen mitsamt ihren Familien einher«, mahnt die ILO. Es »besteht nachgewiesenermaßen eine Verbindung zwischen Jugendarbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung.« Nicht selten müssen junge Menschen, die kein eigenes Einkommen verdienen können, von ihren Familien unter­ stützt werden. Dadurch fehlt den Haushalten Geld für Ernährung, Bildung und andere Grundbedürfnisse. Jugendarbeitslosigkeit bedeutet auch, dass Gesellschaften Bildungsinvestitionen verlieren und dem Staat mögliche Beitragszahlungen zu den sozialen Sicherungssystemen entgehen. »Das alles stellt eine direkte Gefahr für das Wachstums­ und Entwicklungspotenzial von Volkswirt­ schaften dar«, heißt es in dem ILO­Bericht. Die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten ist von höchster Bedeutung, denn junge Menschen haben nicht nur Ideen und treiben Innovationen voran, sondern sie sind auch »die Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung« eines Landes. »Dieses Potenzial nicht zu nutzen, kommt einer ökonomischen Fernanda Manhique studiert Geographie an der Eduardo-Mondlane- t Universität in Maputo, Mosambik. Verschwendung gleich.« © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira Als Anfang 2011 die Menschen in den arabischen Ländern in Massen auf die Straßen gingen, verwies die ILO auf die mit 23,4 Prozent extrem hohe Jugend­ Arbeitssuchende ohne höhere Schulbildung dürfte arbeitslosigkeit in der arabischen Welt als eine der die Situation in den kommenden Jahren noch weitaus Hauptursachen für die Erhebungen. schwieriger werden. »In Mosambik hat man es als junger Mensch nicht Vielerorts versuchen junge Menschen, sich neue Mög­ leicht«, sagt Rui Pedro Cossa, ein 24 Jahre alter Geographie­ lichkeiten und Chancen zu schaffen: In Nigeria wurde student an der Eduardo­Mondlane­Universität in 2008 mit der Gründung des Nationalen Jugendparlaments Maputo. »Normalerweise sollte man in seiner Jugend eine offizielle Plattform für junge Menschen geschaffen. Erfahrungen für die Zukunft sammeln«, fährt er fort, »aber Hier, so die Absicht der Regierung, sollen sie durch direkte hier haben wir mehr Probleme als Chancen. Es gibt keinen Partizipation lernen, wie Gesetze verfasst, Haushaltpläne Weg, wie wir diese Hindernisse überwinden könnten.« erstellt und politische Programme formuliert werden. Die Cossas Kommilitonin Fernanda Paola Manhique über 100 Mitglieder des Jugendparlaments versammeln stimmt ihm zu und sagt, dass die Beschäftigungsaussichten sich am Sitz der Nationalversammlung in der Hauptstadt für junge Menschen »schwierig« sind. Abuja. Sie sollen Vorschläge entwickeln, die der Regierung So schwer es für Cossa und Manhique schon heute zur weiteren Beratung vorgelegt werden. Im ersten Jahr sein mag, eine Arbeit in ihrem Berufsfeld zu finden, für seines Bestehens schlug das Jugendparlament mehrere W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 13
  • 20. Maßnahmen vor, die später von der Regierung übernommen wurden, darunter ein nationaler Jugendbeschäftigungsplan. Erwerbstätigenquoten bei Olalekan Azeez­Iginla, der Koordinator für das jungen Menschen nach Region und Nationale Jugendnetzwerk zu HIV/Aids, Bevölkerung Geschlecht, 2010 und Entwicklung im Bundesstaat Lagos, setzt sich für Die Erwerbstätigenquote junger Frauen liegt in allen bessere Beschäftigungschancen für Jugendliche ein. Bis Regionen mit Ausnahme Ostasiens unter der junger vor kurzem, sagt er, hätten junge Menschen in Nigeria Männer. Die Hauptursachen liegen in unterschiedlichen keinen spürbaren Einfluss auf die Politik nehmen können. kulturellen Traditionen sowie in fehlenden Möglichkeiten Er führt ein Verzeichnis qualifizierter Jugendlicher, die für Frauen, Arbeit und Familie zu vereinbaren. Das gilt »mithelfen wollen, die Zukunft zu planen, von der sie ein für Entwicklungsländer wie für Industrieländer. In vielen Regionen sind die Unterschiede bei der Erwerbstätigenquote Teil sein werden«. Azeez­Iginlas Ziel ist es, mit Hilfe von Mann und Frau in den vergangenen zehn Jahren zurück­ des Gouverneurs von Lagos, Jobs für bis zu eine Million gegangen. Insbesondere in Südasien, dem Nahen Osten qualifizierte Jugendliche zu finden oder neu zu schaffen. und Nordafrika sind sie jedoch nach wie vor stark ausge­ prägt. In Nordafrika ist die Erwerbstätigenquote unter jungen viele junge Menschen haben kleinere Familien Frauen in diesem Zeitraum schneller gesunken als bei jungen Männern. Damit hat sich hier der Abstand zwischen den Die jungen Menschen von heute, von denen viele in den Geschlechtern sogar vergrößert. am wenigsten entwickelten Ländern leben, verlangen und verdienen eine bessere Bildung, eine gute Gesundheits­ versorgung und Arbeitsplätze, damit sie sich und ihre Familie versorgen können. In vielen Industrieländern heiraten junge Frauen und Männer später und bekommen Gesamt Männer Frauen weniger Kinder, ein Trend, der sich allmählich auch in in % in % in % vielen Entwicklungsländern abzeichnet. Dabei hängt diese Welt 50,9 58,9 42,4 Entwicklung nicht nur mit dem steigenden Bildungsniveau Entwickelte Volkswirtschaften 50,2 52,6 47,7 und besseren Arbeitsmöglichkeiten zusammen, sondern (mit gesamter EU) auch mit dem besseren Zugang zu Diensten der Mittel- und Südosteuropa 41,7 47,7 35,5 sexuellen und reproduktiven Gesundheit, einschließlich (Nicht-EU-Länder) sowie Verhütungsmitteln. Commonwealth-Staaten Äthiopien ist ein einkommensschwaches Land, in dem Ostasien 59,2 57,0 61,6 nach Angaben der Weltbank 39 Prozent der 82,9 Millionen Einwohner unterhalb der internationalen Armutsgrenze Südostasien und Pazifik 51,3 59,1 43,3 von 1,25 US­Dollar am Tag leben. Hier beeinflusst vor Südasien 46,5 64,3 27,3 allem die materielle Not die jungen Frauen und Männer Lateinamerika und Karibik 52,1 61,3 42,7 in den Städten bei der Entscheidung zur Gründung einer Familie. Laut Assefa Hailemariam, dem früheren Leiter Naher Osten 36,3 50,3 21,5 des Studien­ und Forschungszentrums für Bevölkerungs­ Nordafrika 37,9 52,5 22,9 fragen am Institut für Entwicklungsstudien der Universität Afrika südlich der Sahara 57,5 62,7 52,2 Addis Abeba, sinkt die Fruchtbarkeitsrate unter jungen Stadtbewohnern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Quelle: Global Employment Trends for Youth, ILO, 2010 14 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 21. »Das Leben in den Städten ist schwierig«, sagt Hailemariam. »Man kann sich nicht auf Verwandte ver­ lassen, die nach den Kindern schauen. Man kann sich nicht zu viele Kinder leisten – sie aufziehen, sich um sie kümmern. Außerdem haben die Menschen in den Städten Zugang zu Medien. Deshalb ist ihnen bewusst, dass kleinere Familien für die Kinder besser sind. Man kann den Kindern beispielsweise leichter Bildung ermög­ lichen und ihnen bessere Kleidung kaufen.« Im landesweiten Durchschnitt lag die Fruchtbarkeits­ rate in Äthiopien im Zeitraum von 2005 bis 2010 bei Jugendaktivist Olalekan Azeez-Iginla beim Interview im UNFPA-Büro in t Lagos, Nigeria. 4,6 Kindern pro Frau. In der Hauptstadt Addis Abeba © UNFPA/Akintunde Akinleye dagegen ist sie nach Auskunft von Hailemariam inzwischen auf unter 1,5 Kinder pro Frau gefallen. »2000 lag sie noch bei 1,9 Kindern. Wir gehen davon aus, dass sie jetzt noch niedriger ist«, erklärte er. »Das liegt nicht unbedingt an der Verwendung von Verhütungsmitteln, auch wenn dies natürlich eine Rolle spielt. Mehrere Faktoren spielen Investitionen in Jugendliche zahlen eine Rolle: das höhere Alter bei der Eheschließung in sich aus der Hauptstadt, das höhere Bildungsniveau, die bessere Gesundheitsversorgung und der bessere Zugang zu Ver­ Das Jugendalter ist eine wichtige Phase, in der Menschen hütungsmitteln.« Qualifikationen erwerben, soziale Netzwerke knüpfen und andere Eigenschaften ausbilden, die zusammen das für ein erfülltes Leben notwendige soziale Kapital bilden. Die Spätere Eheschließungen fördern Tatsache, dass das im Heranwachsendenalter gebildete Amsalu Buke ist noch recht jung. Trotzdem ist sie Humankapital zugleich eine wichtige Bestimmungsgröße schon zu einer aufmerksamen Beobachterin des Lebens des langfristigen Wachstums einer Volkswirtschaft ist, der Mädchen in den abgelegenen Siedlungen geworden, liefert ein gewichtiges makroökonomisches Argument für verstärkte Investitionen in junge Menschen. die sie mit ansonsten kaum zugänglichen Verhütungs­ Soziale Investitionen in die Bildung, Gesundheit und mitteln versorgt. In den vier Jahren, die sie auf ihren Beschäftigung junger Menschen helfen den Ländern, eine Rundgängen nun schon ins Dorf Tare kommt, ist die starke ökonomische Basis aufzubauen und auf diese Weise Zahl der Kinderehen dort deutlich zurückgegangen. die generationenübergreifende Armut umzukehren. Werden »Früher wurden 13, 14 Jahre alte Mädchen verheiratet«, die Kompetenzen junger Menschen gestärkt, kann das wäh­ rend ihres Arbeitslebens zu deutlich höheren Einkommen sagt sie. »Heute ist die Praxis wegen der Aufklärungsarbeit führen. der lokalen Frauenorganisationen nahezu verschwunden.« Junge Menschen bieten auch kurzfristig enormes In Äthiopien ist die Hälfte der Mädchen bereits mit Potenzial für Wachstum. Junge Menschen unbeschäftigt zu 18 Jahren verheiratet. Laut UNFPA und dem Population lassen, verursacht Kosten in Form nicht realisierter Wirt­ Reference Bureau (PRB), einer unabhängigen Forschungs­ schaftsleistung […]. Der Einkommensverlust in der jüngeren Generation führt zwangsläufig zu einem geringeren Spar­ einrichtung in den USA, ist die Zahl der Zwangsheiraten aufkommen sowie zu einer geringeren Gesamtnachfrage. hier zuletzt zurückgegangen. Doch in der Region Amhara und einigen anderen Teilen Äthiopiens stellt die Praxis nach Quelle: Global Employment Trends for Youth, ILO, 2010 W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 15
  • 22. wie vor ein großes Problem dar. Eine zu frühe Ehe bedeutet für die Mädchen nahezu das Ende aller Bildungschancen und kann ihre Gesundheit oder sogar das Leben kosten. Von den zehn Ländern mit den höchsten Raten an Kinderehen liegen laut der vom PRB 2011 veröffentlichten Studie »Who Speaks for Me? Ending Child Marriage« acht in Afrika. Trauriger Spitzenreiter ist Niger, wo 75 Prozent der Mädchen vor Erreichen des 18. Lebensjahres verheiratet werden. Die beiden nicht in Afrika liegenden Länder auf dieser Liste sind Nepal, wo sieben Prozent der zehnjährigen Mädchen und 40 Prozent der 15­jährigen Mädchen ver­ heiratet sind, sowie Bangladesch. In Indien, wo arrangierte Ehen in mehreren Bundesstaaten ebenfalls sehr häufig sind, kämpft das Centre for Health, Education, Training and Nutrition Awareness, eine Nonprofit­Organisation mit Sitz im Bundesstaat Gujarat, gegen die unter Mädchen weit verbreitete Anämie. Diese Krankheit schwächt die Amsalu Buke und ihre Assistentin sind unterwegs, um Familienplanung in t abgelegene äthiopische Gemeinden zu bringen. Mädchen und kann insbesondere bei einer Schwanger­ © UNFPA/Antonio Fiorente schaft lebensbedrohlich werden. Laut einem Bericht von Swapna Majumdar von »Women’s eNews«, einem New Yorker Online­Nachrichtendienst, ist die Mangel­ ist eine der Ursachen von arrangierten Ehen, sagt die erscheinung jährlich für schätzungsweise 6.000 Todesfälle UNFPA­Expertin für Geschlechterfragen, Gayle Nelson. bei schwangeren Heranwachsenden mit verantwortlich. »Wenn wir dieses Thema nicht angehen«, betont sie, Diese Schwangerschaften sind vielfach die Folge früh­ »wird es uns nicht möglich sein, diese oder andere zeitiger Eheschließungen. schädliche diskriminierende Praktiken zu beenden.« »Kinderehen stehen so gut wie jedem Millennium­ Die dominante Machtposition von Männern in Entwicklungsziel (MDG) entgegen: Sie behindern die Beziehungen wird durch Kinderehen weiter verstärkt. Bekämpfung der Armut, den universellen Zugang zur Zudem unterlaufen sie das Recht junger Frauen, über ihre Grundschulbildung, Fortschritte bei der Geschlechter­ reproduktive Geschichte selbst zu bestimmen, und führen gerechtigkeit, die Verbesserung der Gesundheit von häufig zu frühen und zahlreichen Schwangerschaften. In Müttern und Kindern und die Bekämpfung von HIV Mosambik wird die Entscheidungsfähigkeit von Frauen und Aids«, warnt der PRB­Bericht. Junge Mädchen oft noch dadurch weiter geschwächt, dass sie in polygamen werden oft mit älteren Männern verheiratet, die unter Beziehungen leben, was ungefähr jede vierte Frau in dem Umständen schon zahlreiche Sexualpartner hatten. Land betrifft. Deshalb sind sie einem höheren HIV­Infektionsrisiko Bei einer Erhebung des mosambikanischen Nationalen ausgesetzt als unverheiratete, sexuell aktive Mädchen. Instituts für Statistik gab mehr als die Hälfte der befragten Ein Kind zur Ehe zu zwingen – egal aus welchem Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren an, vor ihrem Grund – ist ein Verstoß gegen die Konvention zur Beseiti­ 18. Geburtstag verheiratet worden zu sein. Jede fünfte gung jeder Form von Diskriminierung der Frau sowie die sagte, sie sei vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet worden. UN­Kinderrechtskonvention. Die Geschlechterungleichheit Wie in vielen anderen Ländern, in denen Kinderehen 16 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 23. geschlossen werden, betreffen frühe Eheschließungen nicht. In Mosambik sind rund zwei von fünf Frauen, die auch in Mosambik vor allem Mädchen mit geringer oder verheiratet sind oder in einer Beziehung leben, mit einem ohne jegliche Schulbildung. Mann zusammen, der zehn oder mehr Jahre älter ist als Eheschließungen vor Vollendung des 16. Lebensjahres sie selbst. sind in Mosambik per Gesetz verboten. Seit Verabschiedung Ein Bericht von UNFPA und dem Population Council eines neuen Familiengesetzes im Jahr 2004 sind auch aus dem Jahr 2003 benennt als »demographische Konse­ Eheschließungen mit Partnern unter 18 Jahren ohne quenzen« von arrangierten Ehen kurze Abstände zwischen elterliche Zustimmung nicht mehr erlaubt. Die wird den Generationen und ein verstärktes Bevölkerungs­ allerdings häufig gewährt, weil der Vater die Töchter so wachstum. »Das junge Alter der Bräute und das höhere früh wie möglich verheiraten möchte. Außerdem ist Alter der Männer verschärfen das Machtgefälle in den die Durchsetzung des Gesetzes schwierig, insbesondere in Beziehungen«, heißt es in dem Bericht. »Ihr junges Alter abgelegenen Gebieten. Und Mädchen von Beziehungen ist ein Indiz für einen vergleichsweise niedrigen Bildungs­ außerhalb einer Ehe, abhalten, kann das Gesetz erst recht grad. Ihr Mangel an Wissen und Fertigkeiten macht sie in Besonders viele Teenagerschwangerschaften in Afrika südlich der Sahara sowie in Lateinamerika und der Karibik 100 + 50 < 100 20 < 50 < 20 Keine Daten seit 2000 Geburtenraten unter Jugendlichen nach Land, neueste die hier verwendeten Bezeichnungen geben keine Meinung von UNFPA verfügbare Schätzungen (Zahl der Geburten pro bezüglich des legalen Status eines Landes, Territoriums oder anderen 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren) Gebiets wieder. die gestrichelte Linie gibt näherungsweise die demarkationslinie zwischen Jammu und Kaschmir wieder, wie Indien Quelle: How Universal Is Access to Reproductive Health?, und Pakistan sie vereinbart haben. Über den endgültigen Status von UNFPA, 2010 Jammu und Kaschmir liegt bis jetzt noch kein Vertrag vor. W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 17
  • 24. höherem Maße abhängig von einer hohen Kinderzahl zur und ­Kontrolle in Addis Abeba zählt die Angebote auf, Absicherung ihrer Ehe sowie zur langfristigen sozialen die Jugendliche in diesen Zentren in Anspruch nehmen Absicherung.« können: HIV­Tests und ­Beratungen, Dienste der repro­ duktiven Gesundheit, Existenzsicherungsprogramme, Integrierte dienstleistungen von Jugendlichen Seminare für Unternehmensführung sowie Kredit­ und für Jugendliche Sparberatungen. In einem Zentrum gibt es eine große, In Äthiopien ist die Hälfte der Bevölkerung zwischen 15 gut bestückte Bibliothek, voll gepackt mit konzentriert und 29 Jahre alt, das Medianalter beträgt 18,7 Jahre. Hier lesenden Jugendlichen, die zu Hause kaum die Ruhe sieht man auf Schritt und Tritt junge Menschen, die sich zum Lernen finden würden. in zahlreichen Programmen für Jugendliche engagieren. Weil die große Mehrzahl der Besucher der Jugend­ Allein in Addis Abeba gibt es 56 Jugendklubs oder ­zentren, zentren Jungen und junge Männer sind, gibt es inzwischen und 50 weitere befinden sich im Bau. In ihnen werden auch Programme, die gezielt Mädchen ansprechen. Für mit Unterstützung unter anderem von UNFPA und junge Hausangestellte, die neben ihrer zeitaufwändigen UNICEF viele staatliche Jugendprogramme umgesetzt. Arbeit kaum Zeit finden, um sich über Hilfsangebote zu Dawit Yitagesu vom Büro für HIV/Aids­Prävention informieren, werden in den Jugendzentren spezielle Lebens­ kompetenz­Seminare und Diskussionsgruppen angeboten. Südöstlich der Hauptstadt, in der Gegend von Debre Amsalu Buke besucht eine abgelegene Gemeinde in Äthiopien. ▲ © UNFPA/Antonio Fiorente Zeyit, zieht Amsalu Buke als mobile Gesundheitsberaterin von Dorf zu Dorf. Dort gibt es keine Jugendzentren. Aber Amsalus unbeschwertes, jugendliches Auftreten macht es nicht nur jungen Frauen leicht, auf sie zuzugehen. Auch ältere Frauen, die um Verhütungsmittel bitten, und überhaupt alle, die ein Mittel gegen einen verdorbenen Magen, Durchfall oder Kopfschmerzen benötigen, suchen Amsalu auf. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, die Dorfbewohner zu impfen. Auf einer selbst angefertigten Wandtafel in der Gesundheitsstation trägt sie gewissen­ haft jede Impfung ein, die sie gegen Hirnhautentzündung, Tetanus, Polio und Tuberkulose verabreicht. In der Gesundheitsstation in Debre Zeyit, von der aus Amsalu zu ihren Runden startet, gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Die Impfstoffe lagern in einem der drei kleinen Räume der aus Lehm und Stroh erbauten Klinik in einem – per Notstromaggregat angetriebenen – Kühlschrank, den sie von UNICEF bekommen hat. Daneben befindet sich der Entbindungsraum. Neben der für Geburten ausgerüsteten Behandlungsliege findet darin nur noch ein kleiner Tisch für Schüsseln und die wichtigsten medizinischen Instrumente Platz. Wenn Amsalu zu Hausgeburten in Dörfer geht, ist sie zu Fuß 18 KAP IT EL 2 : JUG ENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VE Rä Nd E RT d IE W E LT
  • 25. oder mit dem Pferd oder Esel unterwegs – es sei denn, Krankenpfleger zu verbessern. Bereits heute leisten sie sie hat das Glück, von einem vorbeikommenden Auto sehr gute Arbeit. Sie können beurteilen, wann Hilfe von mitgenommen zu werden. Experten notwendig ist, und sie sind angewiesen, Patienten Amsalu Buke gehört zu den über 37.000 Gesund­ bei den ersten Anzeichen einer schweren Erkrankung in heitsberaterinnen, die laut Fisseha Mekonnen, Geschäfts­ ein Krankenhaus zu schicken. Amsalu hat das große Glück, führer der Family Guidance Association of Ethiopia dass es in der nicht einmal acht Kilometer entfernten (FGAE), in den letzten Jahren im ganzen Land stationiert Stadt ein Krankenhaus gibt. Selbst das kann jedoch sehr worden sind. Die FGAE arbeitet zusammen mit der weit sein, wenn es weder Krankenwagen noch Taxi gibt, Regierung daran, die Gesundheitsversorgung und den das man im Notfall rufen kann. Zugang zu Familienplanungsangeboten in ländlichen Regionen zu verbessern und Pflegedienste in den Städten aufzubauen. Dieser neue Dienst wird von Gesundheits­ »Das junge Alter der Bräute und beraterinnen getragen, von denen viele wie Amsalu selbst das hohe Alter der Männer noch sehr jung sind. Er gilt als Vorbild für andere Entwicklungsländer mit unzureichender Gesundheits­ verschärfen das Machtgefälle in versorgung – und als ein Modell, wie man junge den Beziehungen.« Menschen in nationalen Programmen einbinden kann, die unabhängig vom Alter für alle wichtig sind. Einige der Gesundheitsstationen sind, wie Fisseha In Mosambik ist die Hälfte der Bevölkerung jünger sagt, mit solarbetriebenen DVD­Spielern und Filmen zu als 25 Jahre. Junge Menschen können jedes Land positiv verschiedenen Themen aus den Bereichen Gesundheit, verändern und zu einer dynamischen Volkswirtschaft Ernährung und Lebensführung ausgestattet. »Die DVDs beitragen. Aber in Mosambik sind es gerade die jungen sollen laufen, wenn die Patienten kommen«, sagt er. »Die Menschen, die oft am meisten unter den schwierigen Anlage gehört der Gemeinde, und die Zivilgesellschaft hat wirtschaftlichen Bedingungen und den Defiziten im das Privileg, sie zu benutzen.« In der Gesundheitsstation Bildungs­ und Gesundheitsbereich leiden, berichtet in Debre Zeyit gibt es zwar noch keinen DVD­Spieler, Emidio Sebastião Cuna. Der UNFPA­Mitarbeiter betreut aber Amsalu hat auf ihrem Tisch eine Zeichnung in Mosambik das Geração Biz-Programm (portugiesisch aufgestellt, auf der zu sehen ist, wie einer Frau eine Ver­ für »fleißige Generation«), ein staatliches Programm zur hütungsspritze verabreicht wird. Diese Verhütungsmethode Vermeidung von Teenagerschwangerschaften sowie zur wird in den Ländern Afrikas südlich der Sahara häufig Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren gewünscht. Infektionskrankheiten unter Heranwachsenden. Das Eine junge Assistentin hilft der Gesundheitsberaterin Programm wird von drei Ministerien und mehreren bei den Patientenakten und ihren Runden durch die nationalen NGOs mit technischer Unterstützung von Dörfer. Amsalu hat nach Abschluss der Mittelschule einen Pathfinder International und dem UN­Bevölkerungsfonds einjährigen Kurs in primärer Gesundheitsversorgung umgesetzt, der zusammen mit Dänemark, Norwegen absolviert, bei dem sie auch zur Hebamme ausgebildet und Schweden auch finanzielle Hilfe leistet. wurde. Sie verdient im Monat 570 äthiopische Birr, Durch das Geração Biz-Programm organisieren umgerechnet 34 US­Dollar. die Ministerien für Gesundheit, Bildung sowie Jugend Laut Fisseha gibt es Pläne, die Ausbildung der Gesund­ und Sport gemeinsam jugendfreundliche Angebote heitsberaterinnen mindestens auf das Niveau professioneller für die sexuelle und reproduktive Gesundheit, W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 19
  • 26. Informationskampagnen zu Verhütung und HIV/Aids­ heerend wie im Kontext von HIV/Aids.« Heute sind 11,5 Prävention an Schulen sowie Informationsangebote für Prozent der Mosambikaner im Alter von 15 bis 49 Jahren junge Menschen, die nicht zur Schule gehen. mit dem Virus infiziert. Die Notwendigkeit zu Angeboten, die speziell auf Mit Hilfe eines Netzwerks von 5.000 Jugendberatern Jugendliche zugeschnitten sind, zeigte sich in Mosambik setzt sich Geração Biz über diese Tabus hinweg, durch­ besonders drastisch nach dem Ende des blutigen Bürger­ bricht das Schweigen und ermöglicht den Jugendlichen in kriegs, als viele Tausend junge Menschen auf der Suche Mosambik ohne moralisch erhobenen Zeigefinger einen nach einer Arbeit und einem Auskommen in die Städte Zugang zu Informationen und Diensten der sexuellen strömten. Doch in der kriegsgeschwächten Wirtschaft und reproduktiven Gesundheit. waren Arbeitsplätze Mangelware und die sozialen Die 24 Jahre alte Yolanda ist zum ersten Mal schwanger Sicherungssysteme nicht in der Lage, die steigende Nach­ und zu einer Vorsorgeuntersuchung in das Büro der frage zu befriedigen. Infolge der massenhaften Abwanderung mosambikanischen Familienplanungsorganisation in die Städte wuchs die Zahl der sexuell aktiven jungen AMODEFA in Maputo gekommen. AMODEFA ist eine Menschen mit nur wenig oder keinem Zugang zu der NGOs, die das Geração Biz-Programm umsetzen, Informationen über Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft indem sie kostenlose Dienste für junge Menschen unter oder die Gefahr sexuell übertragbarer Infektionskrankheiten. 25 Jahren anbietet. Yolandas erster Besuch bei AMODEFA »Traditionell sind Gespräche über sexuelle Gesundheit liegt schon mehrere Jahre zurück. Damals informierte mit Heranwachsenden ein Tabu«, sagt Juliao Matshine, sie sich über Verhütungsmittel und Möglichkeiten zum der als UNFPA­Berater in Mosambik tätig ist. »Auf keinem Schutz vor HIV/Aids. »Hier fällt es mir leichter, über anderen Gebiet erwies sich das unzureichende Wissen schwierige Themen wie HIV zu reden«, sagt sie. »Hier über sexuelle und reproduktive Gesundheit als so ver­ geht das viel besser als zu Hause.« Esthere Cabele, die als Beraterin für AMODEFA arbeitet, sagt, dass jeden Monat rund 120 neue Klienten Ester Cabele, Krankenschwester bei AMODEFA in Maputo, Mosambik. ▲ © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira zu ihr kommen – die allermeisten davon Frauen – und um Verhütungsmittel bitten. Sie bietet ihren Klienten auch einen kostenlosen HIV­Test an. Allein im April 2011 fiel der Test bei sechs Personen positiv aus. Die Angebote von AMODEFA sind beliebter als die der staatlich geführten Gesundheitszentren, sagt Cabele. Sie sind weniger überfüllt, die Mitarbeiter sind speziell im Umgang mit jungen Menschen trainiert, und AMODEFA bietet Beratungen und Dienstleistungen in einer sicheren Umgebung an. Cabele ist überzeugt, dass sich ohne diese Arbeit mehr junge Menschen mit HIV infizieren und mehr junge Frauen ungewollt schwanger die Schule abbrechen und damit ihre Zukunft aufs Spiel setzen würden. Coalisão ist eine weitere NGO, die mit der Umsetzung des Geração Biz-Programms betraut wurde. Hier infor­ miert und berät die 26­jährige Maria Felicia über Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Sie vermittelt 20 KAP IT EL 2 : JUGENd: EINE NEUE GLOBALE MACHT VERä N d E RT d IE W E LT
  • 27. jungen Menschen zudem Lebenskompetenzen und informiert sie über Erwerbsmöglichkeiten. Ihrer Meinung nach werden viele junge Frauen schwanger, weil sie zu wenig über Verhütung wissen oder kaum in der Lage sind, mit ihrem Partner die Verwendung von Verhütungs­ mitteln auszuhandeln. »Das ist deshalb so schwierig«, erklärt Felicia, »weil die sexuelle Initiative in unserer Kultur ausschließlich dem Mann überlassen wird. Wenn eine Frau von ihrem Partner verlangt, ein Kondom zu benutzen, wird er annehmen, dass sie HIV­positiv ist.« Der 28­jährige Jossias Chitive von der NGO Nucleo de Malavane organisiert im Rahmen des Geração Biz- Programms Haustür­Kampagnen zur HIV­Prävention. Die jungen Männer, mit denen er spricht, »reden nicht gern über Kondome«. Doch der Automat mit kostenlosen Kondomen vor dem Büro der Organisation muss trotzdem jeden Morgen neu aufgefüllt werden. t Jossias Chitive, HIV-Aktivist und Student, Eduardo-Mondlane-Universität. © UNFPA/Pedro Sá da Bandeira Junge Frauen und Männer dazu zu bringen, offen über Sex zu reden, sei trotz der Fülle an verfügbaren Informationen und Dienstleistungen immer noch eine von 80 Experten, die sich im Dezember 2010 in der Herausforderung, meint Fenius Matshinhe, ein Jugend­ kolumbianischen Hauptstadt Bogotá auf Einladung von berater am Gesundheitszentrum Boana auf halbem Wege UNFPA auf der Global Consultation on Sexuality zwischen Maputo und der Grenze zu Swasiland. »Beiden, Education über Fragen der Sexualaufklärung austauschten. Jungen wie Mädchen, fällt es schwer, offen miteinander Aufklärung trage nicht nur zu einer besseren Gesund­ zu reden«, sagt er. Die Erfahrungen aus dem Geração Biz- heit sowie zur Prävention sexuell übertragbarer Infektions­ Programm zeigten jedoch, dass sich Einstellungen und krankheiten einschließlich HIV und zur Vermeidung Verhaltensweisen ändern, wenn die Jugendlichen mehr ungewollter Schwangerschaften bei jungen Menschen bei. über ihre Rechte und Möglichkeiten erfahren. Sie förderte überdies gleichberechtigte Geschlechterrollen und stärkte junge Frauen, so Mona Kaidbey, stellvertre­ Sexualaufklärung informiert und stärkt junge tende Direktorin der Technischen Abteilung bei UNFPA. Menschen Sie ist für die Jugendinitiativen von UNFPA zuständig Millionen Mädchen und Jungen träumen davon, ein und hat die Konferenz von Bogotá mitorganisiert. erfülltes, glückliches und sicheres Leben zu führen. Doch Aufklärungsprogramme, die Fragen zu den Geschlechter­ die große Mehrheit von ihnen erhält kaum verlässliche rollen und Machtverhältnissen in einer Beziehung Informationen über Sexualität und Geschlechterrollen. thematisieren, trügen wirksam dazu bei, riskante Ver­ Die Folgen sind nur allzu bekannt: Ohne Zugang zu haltensweisen zu reduzieren, so Kaidbey. Als Beispiel einer umfassenden Sexualaufklärung sowie zu Diensten führt sie das Program H an, eine Initiative, die in Brasilien der sexuellen und reproduktiven Gesundheits sind junge mit jungen Männern arbeitet, um diskriminierende Menschen und insbesondere Mädchen weitaus höheren Rollenbilder und Verhaltensweisen in Frage zu stellen. Gesundheitsrisiken ausgesetzt. So lautet auch das Fazit Wie eine Evaluation des Programms ergab, gingen unter W E LT B E V ÖL KE RU N G SB E RIC H T 20 1 1 21