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Michael D. Eschner Marcus M. Jungkurth
Aleister Crowley
DAS GROSSE TIER 666
INHALTSVERZEICHNIS
Der verruchteste Mann des...
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Der verruchteste Mann des
Jahrhunderts
Der schwarze Magier
Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Wiedergeburt des Magi...
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Crowley selbst äußerte sich zu diesem Thema in einem Artikel für eine
Tageszeitung wie folgt:
„Um schwarze Magie zu prak...
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kurz skizzieren und die Begriffe, in den ihnen angemessenen
Zusammenhängen, zu erläutern versuchen.
Der Antichrist
Eines...
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Crowley schreibt in Buch 4 zu diesem Thema:
„Der ,Teufel' existiert nicht. Er ist ein erdichteter Name, von den
schwarze...
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Konventionen einer willkürlichen Entscheidung zur Darstellung
unserer Ideen in einem pluralistischen Symbolismus, welche...
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Der Prophet
Die Basis von Aleister Crowleys ,Kult von Thelema' ist das Liber Al vel Legis
oder Buch des Gesetzes. Detail...
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Gesellschaften vor und die Göttin war die Ernährerin. Wie der Name Isis
schon zeigt, ist es das Äon der Muttergöttinnen,...
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Mit dem Begriff des ,,wahren Willens" sind wir bei einem der wichtigsten
Begriffe des Crowleyschen Kultes. Crowley defin...
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Unterschiede, Liebe als Vereinigung betrachtet, Liebe als Vereinigung von
Gegensätzen. In erster Linie der Gegensätze v...
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Der Weg durch die Jahrhunderte
Was ist Magie?
Crowley adaptierte die alte englische Aussprache für Magie ,Magick', ,um
...
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Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, daß, wer die eben genannte Art der
Magie nicht beherrscht, kaum fähig sein wird, Ma...
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Die Quellen des Nil
Crowley identifizierte, wie wir im Kapitel ,,der Antichrist" gesehen haben,
seinen heiligen Schutze...
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wurde. Diese Mythen haben ihr besser bekanntes Gegenstück in den
griechischen, in welcher Uranos, der Sohn von Gaia ist...
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Von Baphomet zu Baphomet
Die älteste und für die Kirche gefährlichste Ketzerei der ersten
Jahrhunderte nach Christi war...
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darin, daß die Illuminaten die fremden Kräfte und Einflüsse mehr außerhalb
ihrer Selbst sahen während das Liber AI vel ...
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Das lange Leben des Phönix
Der unsterbliche Crowley
Phönix war Crowleys geheimer Name im O.T.O. Diesen Namen nahm er
ab...
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davon und verschiedene Meister wurden angewiesen
unterschiedliche Abenteuer zu unternehmen".
Crowleys Aufgabe war es, d...
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Die Wiedergeburt des Phönix
Edward Alexander Crowley erblickte am zwölften Oktober 1875 in
Leamington Spa, Warwickshire...
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,erster Akt der Unzucht' mit einem Mädchen vom Lande unter freiem
Himmel gewesen sei, führte es aber nicht näher aus.
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Ich werde durchhalten -
denn am Ende gab es nichts
durchzuhalten
Er verließ Cambridge und reiste in die Schweiz nach Ze...
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Meister' bekannt und saßen im Zentrum der Doktrin. Wer sie waren, ist
allerdings nie enthüllt worden.
Der Orden der Gol...
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wichtigen Einfluß auf seine spirituelle Entwicklung hatte und zu ziemlich
außergewöhnlichen Visionen führte.
Im Dezembe...
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seinem einfachen Standard des Wissens liegt, daß alles, was er
tun kann, sich vor jenen zu beugen ist, die eine solch e...
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wird für einen Moment eine blitzende Vision von Adonai
geoffenbart, als wäre es eine Zunge von einer blendenden
Flamme ...
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„Und dann begann der Spaß. Die Teufel stampften die ganze
Nacht um die große Bibliothek herum, eine endlose Prozession;...
27
Parzifal auf der Suche nach dem
Heiligen Gral
Das magische System, mit dem Crowley anfangs arbeitete, gründet sich
auf ...
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ausrichtet... Dieses beinhaltet... Freiheit von Vorurteil und den
Begrenzungen der sogenannten Rationalität. Der Adept ...
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„Wein und Drogen schaden Leuten nicht, die ihren Willen tun; sie
vergiften nur Leute, die den Krebs der Ursünde haben (...
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welches er sich im 0° = 0 Ritual vorgenommen hatte zu
entdecken. Denn wie der erste Grad des ersten Ordens den
Neophyte...
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bezwingen - ja! Und wer soll mir nein sagen? Die ultimaten
Fasern des Haares von Nu.“
Er kehrte sofort nach London zurü...
32
Sammelt euch, O sammelt euch an meinem göttlichen Worte, ihr
seid die Wächter und meine Seele der Schrein!
(Formuliere ...
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Mahatma Guru Sri Paramahansa
Shivaji
Auf dem Weg nach Ceylon legte er in Hawaii einen Aufenthalt ein. Auf
dem Waikiki-S...
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beschloß er, die Türe der Handlung zu schließen, um die der Entsagung zu
öffnen.
Für diese Zeit legte er seine Methoden...
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Methode richtig sind, der ,eigene Sinn' genannt. Sowohl Yama als
auch Niyama müssen in dem Lande gemeistert werden, in ...
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ausgehend von dem Gedanken, daß der Pfad der Befreiung über das Gemüt
(Ruach) und nicht über die Sinne (Nephesh) verlau...
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Nach einer problematischen Reiseroute suchte er im Februar 1902 Allen
Bennett in Akyab. Er fand ihn in dem Mönchskloste...
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dieser in Paris lebte, Crowley wegen Mathers aber genau dahin wollte, lud
sich Perdurabo bei Kelly ein. Da Mathers nur ...
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überlegte, was er tun sollte, aber es wurde ihm eingegeben, die Sache erst
einmal auf sich beruhen zu lassen. Der Kelch...
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Großwildjagd, frönte und seine Hymne in Gedichtform auf Rose ,Rosa
Mundi' (Rose der Welt) verfaßte. Rose wurde schwange...
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Tonfall feierlich, sinnlich, zärtlich und kraftvoll je nach Stimmungslage und
Aussage. Aiwass diktierte ihm an diesem T...
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Ist dieses verwirklicht, ist der Mensch der enthüllte Gott, Deus est Homo.
Das Getrenntsein ist überwunden, alles ist e...
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  1. 1. 1 Michael D. Eschner Marcus M. Jungkurth Aleister Crowley DAS GROSSE TIER 666 INHALTSVERZEICHNIS Der verruchteste Mann des Jahrhunderts.......................................... 2 Der schwarze Magier...................................................................... 2 Der Antichrist................................................................................... 4 Der Prophet..................................................................................... 7 Der Weg durch die Jahrhunderte ..................................................... 11 Was ist Magie?.............................................................................. 11 Die Quellen des Nil ....................................................................... 13 Von Baphomet zu Baphomet........................................................ 15 Das lange Leben des Phönix............................................................ 17 Der unsterbliche Crowley.............................................................. 17 Die Wiedergeburt des Phönix........................................................... 19 Ich werde durchhalten -.................................................................... 21 denn am Ende gab es nichts durchzuhalten .................................... 21 Parzifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral ............................... 27 Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji......................................... 33 Der widerwillige Priester -................................................................. 39 Bergsteiger, Poet und Magier........................................................... 43 Durch die Macht der Wahrheit habe ich........................................... 51 während des Lebens das Universum erobert .................................. 51 Das Große Tier................................................................................. 62 Ipsissimus - das Ich in höchster Vollkommenheit ............................ 75 Die Vertreibung aus dem Paradies .................................................. 87 Magick in Theorie und Praxis ........................................................... 98 Die Geburtswehen des Äons.......................................................... 110 Eine kritische Rück- und Vorschau............................................. 110 Register .......................................................................................... 116
  2. 2. 2 Der verruchteste Mann des Jahrhunderts Der schwarze Magier Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Wiedergeburt des Magischen ist hauptsächlich mit dem Namen Aleister Crowley und der antichristlichen Formel des Tieres 666 verbunden. Es sind viele Versuche unternommen worden, Crowley, einen der umstrittensten Menschen der letzten hundert Jahre, zu charakterisieren. Seine bizarre Persönlichkeit provoziert Verehrung oder Abscheu. Neutralität zu wahren scheint unmöglich. So bezeichnen die einen ihn als Mystiker, großen Adepten des Yoga, der Magie und der Alchimie und als Propheten des neuen Zeitalters. Die anderen nennen ihn einen Schwarzmagier und Teufelsanbeter, einen Kindermörder, Scharlatan, Satanisten, den verruchtesten Mann des Jahrhunderts, einen heroinsüchtigen Spinner, bisexuellen Hippiepionier, sadistischen Possenreißer, Nazispion und Propagandisten und einen sexuell Degenerierten fürchterlichen Ausmaßes. Ihm wird nachgesagt, daß er Menschen in Kamele verwandelte, Gegenstände durch die bloße Kraft seines Blickes zum Fliegen bringen konnte, daß er ein Süchtiger sei, der an einem Tag soviel Heroin schnupfte, daß man damit einen ganzen Saal voller Menschen umbringen könnte und daß er ein mörderischer Satanist sei, der 150 mal pro Jahr ein männliches Kind von absolut vollkommener Unschuld und hoher Intelligenz opferte. Crowley wurde ,,der Picasso des Occulten" genannt und ihm wurde nachgesagt, daß er im Laufe seines 72jährigen Lebens mehr Menschen in den Wahnsinn oder Tod trieb als die meisten inkarnierten Teufel. In der Presse wurde Aleister Crowley als ,,der verderbteste Mann der Welt" bezeichnet. Er selbst bezeichnete sich als TO MEGA THERION, das große Tier 666, wie es in der Offenbarung des heiligen Johannes verkündet wurde. Irgendwo in diesen Widersprüchen verbirgt sich die Persönlichkeit Aleister Crowleys. Er selbst betrachtete Magie als sein Lebenswerk und seinen Lebenszweck. Jede Biographie, die Aleister Crowley gerecht werden will, wird ihn deshalb an diesem Anspruch messen und seine Handlungen in diesem Kontext betrachten müssen. Aber auch in diesem Zusammenhang ist Crowleys Name, selbst heute, fast ein viertel Jahrhundert nach seinem Tode, noch immer mit ,schwarzer Magie, Teufelsanbetung und unheilvoller Zauberei' verbunden.
  3. 3. 3 Crowley selbst äußerte sich zu diesem Thema in einem Artikel für eine Tageszeitung wie folgt: „Um schwarze Magie zu praktizieren mußt du jedes Prinzip von Wissenschaft, Anstand und Intelligenz vergewaltigen. Du mußt besessen sein von einer krankhaften Überzeugung, von der Wichtigkeit der unbedeutenden Objekte deiner jämmerlichen und egoistischen Wünsche. Ich wurde beschuldigt, ein ,,schwarzer Magier" zu sein. Keine närrischere Feststellung wurde jemals über mich gemacht. Ich verabscheue diese Sache in solch einem Ausmaß, daß ich nur schwer an die Existenz von Leuten glauben kann, die so verrottet und idiotisch sind, sie zu praktizieren. ...,Schwarze Messe' ist eine völlig andere Sache. Selbst wenn ich sie zelebrieren wollte, ich könnte es nicht, da ich kein geweihter Priester der christlichen Kirche bin.“ Damit antwortete er all denen, und diese Antwort gilt noch heute, die ihn beschuldigten, ein ,,schwarzer Magier" zu sein und Teufelsanbetung, schwarze Messen und perverse Rituale durchzuführen. Aber diese Verleumdungen sind trotz Crowleys eigener Äußerungen nicht leicht auszuräumen. Die Gründe dafür liegen in der massiven Unwissenheit über Magie - eine direkte Folge des historischen Christentums - welche die falsche Beurteilungsgrundlage schuf, die zu den bestehenden Vorurteilen führte. Den meisten Menschen heutzutage ist dieses Netz aus Unwissenheit und Vorurteilen gar nicht mehr bewußt, da es selbstverständlich und normal geworden ist. Crowley hinterfragte vom Christentum überlieferte Werte, welche seit 2000 Jahren als selbstverständlich gelten. Und allein aufgrund dieser Tatsache wurde er denunziert. Wer der Meinung ist, daß allein das Hinterfragen dieser Werte ein fluchwürdiges Verbrechen ist, muß ihn deshalb notgedrungen als ,,den verderbtesten Mann des Jahrhunderts" bezeichnen. Wer aber bereit ist, darüber nachzudenken, muß die wissenschaftliche Methode der unvoreingenommenen Untersuchung anwenden. Crowleys Gedankengänge wurzeln historisch in Zeiten, die denen der Christenheit weit vorausgingen. Eine der Aufgaben einer Crowley- Biographie muß es deshalb sein, die verwendeten Begriffe in ihren ursprünglichen Inhalten verständlich zu machen und sie von den Bedeutungen, die sie in ihrer Dekadenz und in der Folgezeit durch die zielgerichteten Fehlinterpretationen des historischen Christentums erhielten, zu befreien. Eine Aufgabe, die sicherlich ein eigenes umfangreiches Werk erfordert und in dieser Biographie nicht vollständig geleistet werden kann. Wir werden deshalb in den nun folgenden Kapiteln weniger darauf eingehen, ob Crowley ein schwarzer Magier und Teufelsanbeter war oder nicht, sondern wir werden sein Gedankengebäude
  4. 4. 4 kurz skizzieren und die Begriffe, in den ihnen angemessenen Zusammenhängen, zu erläutern versuchen. Der Antichrist Eines der umstrittensten Bücher des Neuen Testamentes ist die Offenbarung des heiligen Johannes. In dieser visionären Schrift steht in 13, 16-18 geschrieben: ,,Alle, groß und klein, reich und arm, frei und unfrei, brachte es dazu, auf ihrer rechten Hand oder an ihrer Stirn ein Zeichen zu tragen. Keiner sollte kaufen oder verkaufen dürfen, der nicht das Zeichen trug: den Namen des Tieres oder den Zahlenwert seines Namens. Hier braucht es Weisheit. Wer Verstand hat, berechne den Zahlwert des Tieres; es ist die Zahl für einen Menschen. Die Zahl ist 666." Diese Stelle bezieht sich auf den Antichristen und das Tier 666, mit welchem sich Aleister Crowley identifizierte. An einer anderen Stelle der Offenbarung wird dieses Tier 666 mit ,,der alten Schlange, die Teufel und Satan heißt und die die ganze Welt verführt" identifiziert. Von daher ist es für jeden Rechtgläubigen eindeutig klar, daß Aleister Crowley ein Teufelsanbeter war. Dieser jedoch fängt schon an dieser Stelle an, unbequeme Fragen zu stellen. Was bedeutet der Begriff ,Antichrist'? Was bedeutet ,Teufel' und was sagte die Offenbarung denn nun eigentlich voraus? Crowley führt an dieser Stelle in das statische Weltbild des Christentums wieder die Evolution des Menschen ein. Diese Evolution ist offensichtlich nur möglich, wenn der starre Kodex des Christentums aufgebrochen wird. Wer diesen christlichen Kodex zerbricht, ist notgedrungen der Antichrist. Und so wird der Antichrist bei Crowley zum Propheten des Neuen Äons. Die Horrorvorstellungen, welche in der Offenbarung über den Antichristen und sein Reich verkündet werden, erklärt Crowley als logische Folge eines Unverständnisses für evolutionäre Strukturen, die 2000 Jahre in der Zukunft liegen. Für einen Menschen, der zur Zeit Christi lebte, kann eine Vision unserer heutigen modernen Welt nur ein Schreckensbild voller Teufelswerk sein, da er keine Möglichkeit hat, irgendein Ereignis in den angemessenen Relationen zu verstehen. Insbesondere mußte für die ersten Christen jede Vision, die ein Ende des christlichen Reiches implizierte, einen Angriff des Teufels bedeuten. Und auch diesen Begriff des Teufels lehrte uns Crowley in einem anderen Licht zu sehen. Aus der Geschichte ist bekannt, daß jede neue Religion die alten Götter zu Teufeln erklärte, da sie nur so ihren eigenen Alleinvertretungsanspruch aufrecht erhalten konnte. Aber diese Tatsache sagt nichts darüber aus, wer oder was der Teufel denn eigentlich ist beziehungsweise, was dieser Begriff bedeutet.
  5. 5. 5 Crowley schreibt in Buch 4 zu diesem Thema: „Der ,Teufel' existiert nicht. Er ist ein erdichteter Name, von den schwarzen Brüdern erfunden, um in ihrer unwissenden Wirrnis von Zerstreuung eine Einheit anzudeuten. Ein Teufel, der die Einheit besäße, wäre ein Gott. (Der ,Teufel' ist - historisch aufgefaßt - der Gott eines jeden Volkes, das man persönlich nicht leiden kann. Das hat zu so großer Gedankenverwirrung geführt, daß das Tier 666 es vorgezogen hat, die Namen so stehen zu lassen wie sie sind und einfach zu verkünden, daß AIWAZ - der Sonnen-phallisch- hermetische ,,Luzifer", sein eigener heiliger Schutzengel und ,,der Teufel" SATAN oder HADIT von unserer besonderen Einheit des Sternenuniversums ist. Diese Schlange SATAN ist nicht der Feind des Menschen, sondern er, der unsere Rasse zu Göttern gemacht hat, die Gut und Böse kennen. Er befahl: ,,Erkenne dich selbst!“ und lehrte die Initiation.)“ ,,Dieser ,,Teufel" wird Satan oder Shaitan genannt und von jenen Leuten mit Horror betrachtet, welche seine Formeln nicht kennen und sich selbst als Böse betrachtend, die Natur selbst wegen ihrer eigenen phantastischen Verbrechen verfluchen. Satan ist Saturn, Seth, Abraxas, Adath, Adonis, Attis, Adam, Adonai etc. Die ernsthafteste Anklage gegen ihn ist nur, daß er die Sonne im Süden ist. Die alten Initiierten, welche in Ländern wohnten, deren Blut das Wasser des Nils oder des Euphrat war, verbanden den Süden mit das Leben verdorrender Hitze und verfluchten diese Himmelsrichtung, wo die Strahlen der Sonne am tödlichsten waren. Sogar in der Legende von Hiram (Hiram Abiff, der höchste Baumeister der maurerischen Tradition d.Ü.) geschieht es zur Mittagsstunde, daß er niedergestreckt und erschlagen wird. Capricornus ist darüber hinaus das Zeichen, welches die Sonne betritt, wenn sie ihre äußerste südliche Deklination zum Wintersolstitium erreicht, der Jahreszeit des Todes der Vegetation für das Volk der nördlichen Hemisphäre. Dies gab ihnen einen zweiten Grund, den Süden zu verfluchen. Ein dritter, die Tyrannei der heißen, trockenen, giftigen Winde, die Drohung der Wüsten und Ozeane, fürchterlich, weil mysteriös und unpassierbar. Auch diese waren in ihren Geistern mit dem Süden verbunden. Aber für uns, die wir der astronomischen Tatsachen bewußt sind, ist dieser Antagonismus gegen den Süden ein dummer Aberglaube, welchen die Zufälligkeiten ihrer lokalen Umgebung unseren animistischen Vorfahren suggerierten. Wir sehen keine Feindschaft zwischen rechts und links, oben und unten und ähnlichen Paaren von Gegensätzen. Diese Antithesen sind nur als Feststellung einer Beziehung real. Sie sind die
  6. 6. 6 Konventionen einer willkürlichen Entscheidung zur Darstellung unserer Ideen in einem pluralistischen Symbolismus, welcher auf Dualität basiert. ,,Gut" muß in Ausdrücken menschlicher Ideale und Instinkte definiert sein. ,,Osten" hat keine Bedeutung, außer in Bezug auf die internen Affären der Erde. Als absolute Richtung im Raum wechselt es alle 4 Minuten um einen Grad... Wir haben daher keine Skrupel, die ,,Teufelsanbetung" solcher Ideen zu restaurieren wie jene, welche die Gesetze des Klanges und die Phänomene von Sprache und Gehör uns zwingen mit der Gruppe von ,,Göttern" zu verbinden, deren Namen auf ShT oder D basieren und die durch den freien Atem A vokalisiert sind. Denn diese Namen implizieren die Qualitäten von Mut, Freiheit, Energie, Stolz, Macht und Triumph... So ist ,,der Teufel" Capricornus, der Bock, welcher auf den höchsten Bergen springt, die Gottheit, welche, wenn sie im Menschen manifest wird, ihn zu Aegipan, dem All, macht.“ Crowley restauriert den Teufel zu seinen vorchristlichen Begriffsinhalten, die sich in Satan, Shaitan oder Seth ausdrücken. Ein anderer Aspekt, den er hier anspricht, ist der des Gegensatzes. Veränderung ist nur möglich, wenn Bestehendes zerstört wird. Diese Veränderung mag schnell oder langsam geschehen. Sie bleibt dennoch immer der Gegenpol zur Statik oder zum Bestehenden, denn etwas Neues kann nur aus dem Alten geschaffen werden. Das Alte muß deshalb verändert, d.h. in seine Bestandteile aufgelöst oder zerstört werden, um das Rohmaterial für das Neue zu erhalten. Deshalb ist Shiva, der Gott des Todes und der Zerstörung, auch der Schöpfer. Und hier finden wir auch bei Crowley die Identität von Satan und Antichrist. Der Zerstörer des Alten Äons ist der Schöpfer des Neuen.
  7. 7. 7 Der Prophet Die Basis von Aleister Crowleys ,Kult von Thelema' ist das Liber Al vel Legis oder Buch des Gesetzes. Details darüber, wie Crowley dieses Buch erhielt, sind an der entsprechenden Stelle dieser Biographie zu finden. Das Liber Al wurde Crowley zu einem Zeitpunkt - am 8., 9. und 10. April 1904 - übermittelt, der mit einem Wechsel des Equinox, technisch als ein Equinox der Götter bekannt, übereinstimmt. Der Ausdruck ,Equinox der Götter' bedeutet, daß die Sonne, deren Einfluß in den vergangenen 2000 Jahren durch die Konstellation Fische bestimmt war, nun durch das als Aquarius bekannte Sternbild scheint. D.h., daß die Sonne zum Eintritt des Frühlingsequinox im Tierkreis der Anfang des Tierkreiszeichens Widder in den vergangenen 2000 Jahren in der Sternkonstellation Pisces stand, jetzt aber in der Sternkonstellation Aquarius steht und die solaren Strahlen daher durch den Einfluß von Aquarius, welche Sternkonstellation jetzt hinter dem Zodiakalzeichen Aries in der Ekliptik der Erde steht, besonders beeinflußt wird. Dieser Einfluß besteht wiederum für die nächsten 2000 Jahre, wonach der nächste Wechsel stattfindet. Mit dem Eintritt des Frühlingsequinox im Jahre 1904 konnte Crowley daher beanspruchen, daß das Neue Äon, er nannte es das Äon des Horus, untrennbar mit der Offenbarung des Liber Al, welche er in Kairo zu dieser Zeit erhielt, verbunden war. Dies wird durch gewisse Passagen des Liber Al bestätigt. Das vergangene Äon war das des Osiris und das davor das Äon der Isis. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wann das Neue Äon, das Wassermannzeitalter, tatsächlich begann. Gurdjeff gab z. B. das Jahr 1940 an, eine einfache Umkehrung von 1904, aber alle angegebenen Zahlen liegen etwa innerhalb von 50 Jahren auf dieser oder jener Seite der Jahrhundertwende. Heutzutage erfahren wir, wie Crowley sagt, ,die Todeszuckungen des Alten und die Geburtswehen des Neuen Äons'. Der typische Kult für das Äon des Osiris ist die historische Christenheit. Diese Kulte des vergangenen Äons sind jetzt veraltet. Ihre Rituale sind schwarz und sie selbst falsch. All diese alten Kulte sind Kulte des ,,sterbenden Gottes" wie Christus, Adonis usw. Um Crowleys Kult zu verstehen ist es notwendig, die okkulten Implikationen der Äonen zu verstehen. Das Äon der Isis kann mit der vorchristlichen Ära der heidnischen Kulte, in welchem die Menschen eine Vielzahl von Göttern anbeteten, verglichen werden. Der Mensch nahm sich erst undeutlich als Individuum wahr. Es war eine Periode von Menschen und Göttinnen, die matriarchalische Erbfolge herrschte in den primitiven
  8. 8. 8 Gesellschaften vor und die Göttin war die Ernährerin. Wie der Name Isis schon zeigt, ist es das Äon der Muttergöttinnen, der Verehrung des Mondes. Danach folgte das Äon des Osiris, in welchem hauptsächlich die judäischen Kulte, von welchen die Christenheit die Endform war, vorherrschte. Der Mensch nahm sich als Individuum wahr und betete seinen Gott über das Ritual des Selbstopfers an. Er sühnte seine ,,Sünden" durch das Vergießen von Blut. Es war die Ära der patriarchalischen Systeme, eine Periode, in welcher Religion als mystische Erfahrung, die Gott durch seine Gnade dem Menschen zukommen ließ, verstanden wurde. Dieses Äon war insofern ein Fortschritt zum vorhergehenden Äon, als das religiöse Bewußtsein nicht eine Vielheit von Göttern beinhaltete, sondern der Mensch betete einen Gott an. Es war daher eine Religion der Dualität, der Dualität von Gott und dem Anbeter, von Subjekt und Objekt. Das Äon des Horus ist die logische Fortentwicklung. Während Gott zuerst viele Götter war, dann ein Gott war, wird er jetzt zu Null, Zero, Gott. Gott wird durch die Abschaffung Gottes und die Etablierung der Einheit transzendiert. Der Mensch betet Gott nicht länger als externen Faktor wie im Heidentum oder als internen Zustand des Bewußtsein, wie in der Christenheit, an, sondern realisiert seine Identität mit Gott. Deshalb, es gibt keinen Gott, außer dem Menschen. Die magische Formel und die Lehren des Äons des Osiris sind von Blut und Agonie gekennzeichnet. Das Christentum hält den Menschen in ewiger Sklaverei. Die Formel des Neuen Äons umfaßt den magischen Gebrauch von Samen statt Blut und von Ekstase, die in der Verherrlichung der Materie, welche als mit dem Geist eins wahrgenommen wird, kulminiert. Der Mensch kann nicht länger körperlich sterben, um danach im Himmel oder in der Hölle ewig zu leben, sondern er realisiert, daß er niemals der Körper war, und indem er dies erkennt, erkennt er auch, daß er niemals geboren wurde und daher niemals sterben kann, daß der Körper ein reines Spiel des Geistes ist, welcher ewig wechsellos, dennoch immer neu, dauert. Subjekt und Objekt werden als eins realisiert. Der Begriff des Todes, wie er von allen vorhergehenden Kulten verstanden oder eher mißverstanden wurde, wird endgültig und durch Erfahrung transzendiert und abgeschafft. Das klassische Beispiel eines Meisters, welcher einen neuen Weg für die Menschheit eröffnete, ist Jesus Christus. Christus erfüllte für das Äon des Osiris die gleiche Aufgabe, welche Crowley für das Äon des Horus erfüllte. Christus machte die religiöse Erleuchtung durch die Doktrin eines stellvertretenden Sühneopfers, er starb für die Menschen, zu einem für die Masse realisierbaren Ideal. In diesem Äon betrachtete der Mensch sich als grundlegend von der Gottheit getrennt und die Lehre war, daß er sich nur durch Selbstopfer oder Leugnung seiner natürlichen Impulse der Gottheit nähern könnte. Im Neuen Äon erfährt diese Konzeption einen fundamentalen Wechsel. Denn diese natürlichen Impulse sind der Schlüssel zum Verständnis des wahren Willens.
  9. 9. 9 Mit dem Begriff des ,,wahren Willens" sind wir bei einem der wichtigsten Begriffe des Crowleyschen Kultes. Crowley definierte den wahren Willen und seine Funktion in einem Brief an einen Aspiranten wie folgt: „Wir denken von dir und von jedem anderen bewußten Ego als Sterne. Jeder hat seine eigene Laufbahn. Das Gesetz jedes Sterns ist daher die Gleichung seiner Bewegung. Wenn du alle Kräfte, welche auf die Bestimmung seiner Richtung wirken, berücksichtigst, verbleibt ein Vektor und nur ein Vektor, in welchem er sich bewegen wird. Analog sollte der wahre Wille jedes Menschen der Ausdruck einer einzigen bestimmten Wirkungsrichtung, welche durch seine eigenen Charakteristiken und durch die Summe der Kräfte, welche auf ihn wirken, bestimmt ist, sein. Wenn ich sage ,tu was du willst' meine ich, daß du, um intelligent und harmonisch mit dir selbst leben zu können, entdecken solltest, was dein wahrer Wille ist, indem du die Resultante all deiner Reaktionen mit allen anderen Individuen und Umständen kalkulierst, und wenn du dies getan hast, dich diesem Willen widmest, anstatt dir zu erlauben, durch die tausend unbedeutenden Launen, welche ständig auftauchen, gestört zu werden. Denn diese Launen sind partielle Ausdrücke untergeordneter Faktoren und sollten kontrolliert und dazu gebraucht werden, den Hauptgrund deines Lebens zu erhalten, anstatt dich zu hindern und irre zu führen.“ Daraus folgt logisch eine relativistische Ethik, welche Crowley wie folgt beschreibt: „Keine Handlung ist in sich selbst gerechtfertigt, sondern nur in Beziehung zum wahren Willen der Person, welche beabsichtigt, sie vorzunehmen. Dies ist die Doktrin der Relativität auf die moralische Sphäre angewandt.“ Tu was du willst heißt also nicht, handle wie es dir gefällt, sondern es ist die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, d.h. den Punkt, in dem sein Handeln mit seinem Selbst deckungsgleich ist oder, wie Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt, die Vereinigung mit dem heiligen Schutzengel. Der wahre Wille ist eine Bewußtseinsstufe, in der der Mensch seine Handlungen nicht, wie es gerade kommt, beliebig und ohne Reflexion aneinanderreiht, sondern es ist die bewußte Handlung eines ganzheitlichen Menschen. Das Komplement zu der Formel ,tu was du willst' ist ,Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen'. Dieses Prinzip der Liebe ist der zweite Teil dieser magischen Formel, deren erster Teil der Wille ist. Liebe unter der Kontrolle des Willens oder bewußte Liebe und das heißt, Liebe ohne
  10. 10. 10 Unterschiede, Liebe als Vereinigung betrachtet, Liebe als Vereinigung von Gegensätzen. In erster Linie der Gegensätze von Mann und Frau, Materie und Geist, Subjekt und Objekt. Der ,Stein der Weisen' ist so ein Prozeß, der nichts Geringeres als die Unsterblichkeit des Menschen zum Ziel hat, seine Erkenntnis, daß er der einzige, wahre, höchste Gott ist. Die Kosmologie des Liber Al vel Legis stellt sich als Personifikation von 3 Elementen dar. NUIT, die ägyptische Himmelsgöttin, welche den allgegenwärtigen Raum symbolisiert, die Summe aller Möglichkeiten, die Totalität aller Ereignisse. HADIT symbolisiert den Bewußtseinspunkt, der diese Möglichkeiten erfährt. Hadit ist der Wahrnehmende, Nuit das Wahrgenommene. RA-HOOR-KHUIT oder HORUS, das Kind, symbolisiert das objektive Universum. Ra-Hoor-Khuit ist der äußere, manifestierte Teil einer Zwillingsgottheit, deren innerer unmanifestierter Teil Harpokrates, der ägyptische Kindgott des Schweigens ist. Harpokrat ist das schweigende, innere Selbst. Jedem dieser 3 Götter ist im Liber AI ein Teil zugeordnet. Die Darstellung von Crowleys Lehren kann hier nur rudimentär geschehen, da sie ein vollständiges philosophisch-religiös-magisches System bilden. Der Interessierte sei insbesondere auf die Kommentare zum Liber AI vel Legis verwiesen. Besonders erwähnenswert ist die Übereinstimmung der Erkenntnisse der modernen Atomphysik mit der im Liber Al vel Legis gegebenen Kosmologie, ein Thema, welches zu umfangreich ist, um es hier zu erörtern, das aber im 2. Band der Kommentare zum Liber Al vel Legis eingehend behandelt ist.
  11. 11. 11 Der Weg durch die Jahrhunderte Was ist Magie? Crowley adaptierte die alte englische Aussprache für Magie ,Magick', ,um die Wissenschaft der ,,Magi" von all ihren Nachahmern zu unterscheiden.' Er zielte damit auch darauf ab, die besondere Natur der Lehren des Liber Al, der 11, darzustellen. K, der letzte Buchstabe von Magick, ist in vielen Alphabeten, auch im deutschen und hebräischen, der 11. Buchstabe. Er ist Kaf, der Tarotkarte X., Glücksrad und dem Jupiter zugeordnet, dessen Vehikel der Adler ist, der für die magische Kraft in ihrem weiblichen Aspekt symbolisch ist. K ist auch der 1. Buchstabe von Kteis, der Vagina, die im alten Ägypten als Quelle der magischen Kraft verehrt wurde. Crowleys ,,Magick" unterscheidet sich wesentlich von dem, was bisher unter Magie verstanden wurde. Crowley bezeichnete Magick als die Kunst des Lebens, und er definierte Magick als ,die Wissenschaft und Kunst, Wechsel in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken'. Crowley betrachtete Magie nicht nur als die Kunst, Geister zu beschwören, sondern er zielte auf den ganzen Menschen ab, auf den Menschen, der all seine Möglichkeiten und Fähigkeiten verwirklicht. Und so sah er auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen normalen Handlungen des täglichen Lebens und denen einer magischen Beschwörung. In Magick beschreibt er zum Beispiel die Herausgabe eines Buches wie folgt: „Es ist mein Wille, die Welt über gewisse Tatsachen, die ich erkannt habe, zu informieren. Ich nehme daher die ,magischen Waffen' Feder, Tinte und Papier. Ich schreibe ,Beschwörungen' - diese Sätze - in der ,magischen Sprache', d.h. der, welche von den Leuten, welche ich instruieren möchte, verstanden wird. Ich rufe die ,Geister' hervor, solche wie Drucker, Publizisten, Buchverkäufer usw. und zwinge sie, meine Botschaft an jene Leute zu übertragen. Die Komposition und Vertreibung dieses Buches ist so ein Akt der Magie, durch welchen ich Wechsel in Übereinstimmung mit meinem Willen erzwinge.“
  12. 12. 12 Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, daß, wer die eben genannte Art der Magie nicht beherrscht, kaum fähig sein wird, Magie mit wirklichen Geistern oder auf anderen Ebenen zu betreiben. Denn diese, unsere materielle Ebene ist jedem bekannt und vertraut, während alle anderen Ebenen und Bewußtseinszustände fremd sind und wir wenig über sie wissen. Weiterhin ist der Verkehr mit anderen, feinstofflicheren Ebenen nur möglich, wenn man die Grenzen unserer materiellen Ebene überwindet. Aber diese Grenzen unserer materiellen Ebene können nur von dem überwunden werden, der diese Ebene beherrscht, denn beherrscht er sie nicht, so unterliegt er ihren Begrenzungen und ist deshalb unfähig, andere Ebenen zu erreichen. Das Crowleysche System der Magick ist kein rosarotes Traumland für jene, welche mit ihren Problemen nicht fertig werden und zu irgendwelchen Systemen der Magie, Religion oder Mystik flüchten möchten, um sich ihren Problemen nicht stellen zu müssen. Crowley fängt konkret bei dem Menschen, wie er mit all seinen Problemen ist, an, gibt ihm praktische Übungen wie z.B. die in Liber E beschriebenen und führt ihn dazu, diese materielle Ebene, sowohl die Umwelt als auch den eigenen Körper und das eigene Bewußtsein, zu meistern. Denn erst danach ist er bereit, andere Ebenen oder Bewußtsseinsstufen zu betreten oder zu erlangen. An diesem Punkt setzt der 2. Teil dieses Systems ein. Um den Verkehr mit Wesenheiten anderer Ebenen herbeizuführen, um Beschwörungen oder Anrufungen durchzuführen, Talismane zu laden oder Astralreisen zu unternehmen, arbeitete Crowley mit wissenschaftlicher Genauigkeit unfehlbare Methoden aus. In seinem Liber 777 findet man in einer endlosen Reihe von Tabellen genaue Angaben über Zubehör, Bewußtseinszustände, Tätigkeiten, Götter, Geister der einzelnen Ebenen usw., um diese zu erlangen. Die geistigen Fähigkeiten das zu tun, werden nach genauen Vorschriften, wie sie z.B. im Liber 0 enthalten sind, vermittelt und danach abgeprüft. Jeder Strebende muß z.B. eine Prüfung im Beschwören eines Geistes ablegen, bei der er den Geist mindestens bis zur Konsistenz dichter Dämpfe materialisieren muß. Die Fähigkeit zu Astralreisen wird dadurch geprüft, daß der Kandidat ein ihm unbekanntes Symbol erhält, welches er nach der gelernten Technik als Tür benutzt, um in diese Ebene einzutreten. Nachdem er zurückgekommen ist, muß er einen genauen Bericht anfertigen über seine Erlebnisse und anhand dieses Berichtes kann genau geprüft werden, ob der Kandidat wirklich in der Ebene war, wo er hin wollte. Die Entscheidung ist hier genauso einfach als würde man jemand zum Nordpol schicken und ihn darüber einen Bericht anfertigen lassen. Wenn der Bericht genau genug ist, kann mit großer Sicherheit entschieden werden, ob er tatsächlich am Nordpol war. Was Crowley unter Magick verstand, zeigt sich sehr klar in dem Motto, welches auf der Titelseite der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ,,The Equinox" aufgedruckt war: ,Die Methode Wissenschaft, das Ziel Religion'.
  13. 13. 13 Die Quellen des Nil Crowley identifizierte, wie wir im Kapitel ,,der Antichrist" gesehen haben, seinen heiligen Schutzengel mit Satan oder Shaitan. Er schreibt: „Aiwaz ist nicht nur eine Formel, wie viele Engelsnamen, sondern es ist der wahre älteste Name des Gottes der Yezidi und er kehrt so zum höchsten Altertum zurück. Unsere Arbeit ist daher historisch authentisch, die Wiederentdeckung der sumerischen Tradition.“ Diese Überlegung wird bei der Beschäftigung mit Crowleys System nicht sofort verständlich, denn es enthält offensichtlich überwiegend Inhalte, welche sich auf die alte ägyptische Tradition gründen. Auch die Stele der Offenbarung stammt aus der 25. Dynastie des alten Ägypten. Dennoch sind diese historischen Bezüge für das Verständnis Crowleys von äußerster Wichtigkeit. Kenneth Grant hat in seinen Werken genaue Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen der ägyptischen, tantrischen, afrikanischen und sumerischen Mythologie angestellt. An diesem Ort wollen wir uns nur der wichtigsten Interpretation kurz zuwenden. In der ägyptischen Mythologie ist Seth die Parallele zu dem, was bei den Yezidi Shaitan ist. Da sich Crowleys Kult offensichtlich aus der ägyptischen Mythologie herleitet, ist der Hinweis zum einen auf Seth gerichtet, zum anderen aber auf eine ursprünglichere Tradition von Seth oder Typhon, als sie in der ägyptischen Mythologie gefunden wird, und das ist der Shaitan der Yezidi oder früher der Sumerer. Seth erscheint im Liber Al unter dem Namen Had oder Hadit, der chaldäischen Form von Seth, welche sich wiederum von älteren afrikanischen Quellen, den Gottheiten Od oder Ad, Gottheiten wie Odudua und Ol-i-orun oder Oludumare, Namen, welche direkt an die henochische Sprache erinnern, ableitet. Im Liber Samekh, Crowleys Anrufung an den heiligen Schutzengel, ist eine Stelle zu finden, die zu zeigen scheint, daß auch Crowley diese Zusammenhänge sah. Einer der barbarischen Namen lautet Ar-O-Go-Go. Crowley übersetzt diese Stelle mit ,du spirituelle Sonne! Satan...' und in der vorher erwähnten Reihe afrikanischer oder Voodoo-Gottheiten gibt es einen namens Oga-ogo. Diese Gottheiten gehen bis in matriarchalische Zeiten zurück, welche sich in Crowleys Kult in der scharlachroten Frau, welcher alle Macht gegeben ist, widerspiegeln. In einigen der älteren ägyptischen Mythen erscheint Seth auch als Sohn von Nuit oder Isis, der ohne männliche Mithilfe gezeugt
  14. 14. 14 wurde. Diese Mythen haben ihr besser bekanntes Gegenstück in den griechischen, in welcher Uranos, der Sohn von Gaia ist, welche ihn ohne männliche Einwirkung zeugte. In diesen Rückgriffen auf das matriarchalische Zeitalter ist einer der Gründe darin zu finden, warum Crowley an solch uralte Mythologien anknüpfte. Die Frau spielt im Kult von Thelema eine zentrale Rolle und ihre Befreiung aus den Fesseln der christlichen Sklaverei ist eine Bedingung des Neuen Äons. Eine Voraussetzung für die Befreiung des Menschen ist eine matriarchalische Sozialstruktur, welche ein Gegengewicht zum herrschenden Patriarchat bilden könnte, und diese ist nur in den urältesten Zeiten zu finden. Soziale Umstrukturierungen geschehen nicht aus dem Kopf heraus und deshalb knüpft Crowley an archetypische Bereiche des Psychischen an, welche sich in diesen vorzeitlichen Mythen ausdrücken.
  15. 15. 15 Von Baphomet zu Baphomet Die älteste und für die Kirche gefährlichste Ketzerei der ersten Jahrhunderte nach Christi war die Gnosis. Sie vertrat im Wesentlichen diejenigen ,,heidnischen" Glaubensinhalte, welche sich aus den vorher erwähnten vorzeitlichen Mythen ableiteten und sich heute im thelemitischen Kult fortsetzen. Nachdem die frühchristliche Kirche diese ,,Ketzer" mit ,,Feuer und Schwert" ausgerottet hatte, lebte die Gnosis im Geheimen in der feindseligen Umwelt eines unwissenden Zeitalters weiter. Die neuere Geschichte, welche in der Folge zu Aleister Crowley führte, begann mit dem Templer- oder Tempelherrenorden, besser bekannt unter dem Namen Tempelritter, der, wie Crowley schrieb ,,die Renaissance durch Vereinigung der Mysterien des Ostens und des Westens vorbereitete". Die Templer wurden u.a. bezichtigt, Baphomet unter dem Bild eines gehörnten ziegenköpfigen Teufels zu verehren. Crowley nahm als Oberhaupt des Ordo Templi Orientis den Ordensnamen Baphomet an. Der letzte Großmeister des Templerordens war Jakob Bernhard von Molay, welcher am 13.10.1307 zusammen mit allen anderen in Frankreich lebenden Rittern des Ordens verhaftet, vor ein gedungenes Gericht gestellt und nach jahrelangen Leiden im Kerker und grausamsten Folterungen am 18.3.1313 in Paris lebendig verbrannt wurde. Dies war eine der typischen Begegnungen zwischen der christlichen Kirche und der Gnosis. In der Nachfolge tauchten im 18. Jahrhundert die Illuminaten auf. Ihr Führer Jean Adam Weishaupt gründete den Orden am 1.5.1776. Das Symbol des Illuminatenordens war der Punkt im Kreis, ein Symbol, welches bei Crowley wiedererscheint. Auch die Ausdrücke, in denen Weishaupt die grundlegenden Prinzipien des Ordens formulierte, sind denen, welche Crowley im Liber Oz gebraucht, sehr ähnlich. Zwischen den damaligen Illuminaten und den heutigen Thelemiten bestehen sehr viele Ähnlichkeiten. Im Illuminatenorden gab es ein ,,verlorenes Wort", das Wort ,,Mensch". Das Wiederfinden dieses Wortes geschieht dadurch, daß der Mensch sich selbst wiederfindet, d.h. daß die Erlösung der Menschheit nur vom Menschen bewirkt werden kann und daraus folgt, daß der Mensch sich selbst beherrschen und sich von den Fesseln fremder Kräfte und Einflüsse befreien soll. Er soll ein König in seinem eigenen Recht kraft seiner ursprünglichen Erbschaft werden. Diese Idee ist in Crowleys System auch enthalten. Eins seiner Leitwörter ist Thelema (griechisch Wille) und ein Thelemit ist einer, der seinen ,,wahren Willen" im Gegensatz zu eingebildeten Wünschen tut. Der wesentliche Unterschied liegt wohl
  16. 16. 16 darin, daß die Illuminaten die fremden Kräfte und Einflüsse mehr außerhalb ihrer Selbst sahen während das Liber AI vel Legis klar stellt, daß jeder sich sein eigenes Gefängnis schafft, daß die Schranken und Begrenzungen mehr psychischer als physischer Art sind. Weishaupt gründete die Illuminaten - wie später Blavatsky die Theosophische Gesellschaft - mit dem Hauptziel, die unheilvollen Wirkungen des historischen Christentums zu zerstören. Der Orden wurde 1786 verboten und Weishaupt und sein innerer Zirkel von Adepten arbeiteten im Geheimen unter dem Schleier der Freimaurerei weiter. Die nächste Stufe in der Entwicklung fand 1880 statt, als der Orden in Dresden von Leopold Engel wiederbelebt wurde. Mit dieser Neugründung waren auch Rudolf Steiner und Franz Hartmann verbunden. 1895 wurde Engels Bruderschaft des Lichtes, die bis dahin sehr locker organisiert war, von Karl Kellner weitergeführt und in 10 Einweihungsgrade unterteilt. Der Österreicher Kellner enthüllte den wahren Namen der Bruderschaft als Ordo Templi Orientis, den Orden des Tempels des Ostens. Osten ist die Richtung des Sonnenaufgangs, die Quelle der Erleuchtung. Die Initialen O.T.O. deuten für Eingeweihte durch ihre Form die sexualmagischen Lehren des Ordens an. Sie symbolisieren die solar-phallische Energie des Tieres 666, welches später durch Crowley verkörpert wurde. Im Jahre 1886 wurde in England der hermetische Orden Golden Dawn (Goldene Morgendämmerung) gegründet, in welchem Crowley später seine ersten magischen Erfahrungen sammelte. Damit war das Szenario für das Auftreten Aleister Crowleys vorbereitet.
  17. 17. 17 Das lange Leben des Phönix Der unsterbliche Crowley Phönix war Crowleys geheimer Name im O.T.O. Diesen Namen nahm er aber nicht offiziell an, weil die Ereignisse den Phönix, magisch gesprochen, noch nicht zur Geburt gebracht hatten. Der Phönix ist der Vogel der Wiedergeburt, im alten Ägypten der Bennu-Vogel. Die Sage wird im Wesentlichen von Herodot in seinen Aufzeichnungen über seinen Besuch in Ägypten wiedergegeben. Der Phönix ist der Vogel, der verbrennt und sich sodann aus seiner eigenen Asche zu neuem Leben erhebt. Die Beziehung zu Crowleys Interpretation der Formel des Antichristen ist offensichtlich. Aber der Phönix ist außerdem durch seine Eigenschaft, sich aus seiner Asche zu neuem Leben zu erheben, auch der Vogel, der die Reinkarnation, also das erneute Menschwerden nach dem Tode, verkörpert. Diese Reinkarnationstheorie beruht im Wesentlichen darauf, daß der Mensch sich solange wiederverkörpern muß, bis er eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, die es ihm erlaubt, sein weiteres Leben auf höheren Ebenen zu führen. Crowleys früheste bekannte Inkarnation ist die als Ankh-af-na-Khonsu (Leben des Mondes), einem ägyptischen Priester der 25. Dynastie, ca. 600 vor Christi. In seiner letzten Inkarnation vor seiner Wiedergeburt als Aleister Crowley war er Eliphas Levi. Dazwischen liegen diverse Leben in sehr unterschiedlichen Ländern und Lebensumständen. Die wichtigsten sind Kho Hsuan, Heinrich van Dorn, Pater Ivan, Astarte, Papst Alexander VI, Edward Kelly und Cagliostro. Neben diesen Inkarnationen führte er eine kontinuierliche Existenz als einer der verborgenen Meister auf einer der höheren Ebenen. Davon berichtet er u.a. in einer Beschreibung einer Versammlung der Meister, kurz vor der Zeit Mohammeds. Der Treffpunkt war irgendwo in einer wilden Bergeinsamkeit Europas und die Frage, um die es ging, war zu der Zeit dem Beginn der dunklen Zeitalter, dem Beginn des Mittelalters, wie der Menschheit bei ihrem weiteren Weg zu helfen ist. Er schrieb: „Eine kleine Minderheit einschließlich mir selbst war für positive Handlung. Bestimmte Züge waren auszuführen. Im Besonderen hatten die Mysterien enthüllt zu werden. Die Mehrheit, speziell die asiatischen Meister, weigerten sich, diese Anregung auch nur zu diskutieren. Sie hielten sich bei der Abstimmung geringschätzig zurück, als wenn sie sagen wollten ,,laß die Burschen ihre Lektion lernen". Meine Partei trug daher den Sieg
  18. 18. 18 davon und verschiedene Meister wurden angewiesen unterschiedliche Abenteuer zu unternehmen". Crowleys Aufgabe war es, die orientalische Weisheit nach Europa zu bringen und das Heidentum in reinerer Form wiederherzustellen. Eine Aufgabe, welche er in seinem letzten Leben sicherlich intensiv betrieben hat und in seinem Leben als Eliphas Levi kann möglicherweise eine subtilere Art der Vorbereitung gesehen werden. Die meisten Informationen über Crowleys vergangene Leben haben wir durch seine Erfahrungen auf Oesopus Island, wo er sich in einer Serie von Trancen verschiedener seiner vorhergehenden Leben erinnerte. Von Papst Alexander VI ist es historisch bekannt, daß er einen recht üblen Ruf genoß. Crowley schreibt, daß er in dieser Inkarnation in seiner Aufgabe ,,die Renaissance zu krönen" dadurch versagte, daß er in seinem persönlichen Charakter noch nicht vollständig gereinigt war. Kho Hsuan war eine chinesische Inkarnation, ein Schüler von Laotse und der Autor des Khing Kang King, welches Crowley in Reime faßte. Eliphas Levi und Graf Cagliostro sind bekannt genug als daß hier näheres über sie gesagt werden müßte. Vor Cagliostro lebte Crowley ein kurzes Leben als Melancholiker, welcher sich im Alter von 26 oder 28 Jahren erhängte. Zweifellos hatte er in diesem Leben die Folgen eines magischen Fehlers zu tragen. Heinrich van Dorn führte nach Crowleys Aussage ein ziemlich nutzloses und sehr schwarzmagisches Leben, welches von Pakten mit dem Satan und unwürdigen Verbrechen bestimmt war. Vater Ivan war ein russischer Mönch, magisch gesehen etwa im Range eines Adeptus Major, der intensiv in alle möglichen Skandale und politischen Intrigen verwickelt war. Edward Kelly ist das bekannte Medium von Doktor John Dee. Über beide ist in anderen Werken genug Information zu finden. Eine andere interessante Inkarnation Crowleys war die einer Tempelhure, welche sich in einen Priester verliebte, mit diesem entfloh und sodann ein unrühmliches Ende nahm. Es kann angenommen werden, daß insbesondere die letzten Inkarnationen als Sir Edward Kelly, Cagliostro und Eliphas Levi Aleister Crowley auf seine Rolle als Logos des Neuen Äons gut vorbereiteten.
  19. 19. 19 Die Wiedergeburt des Phönix Edward Alexander Crowley erblickte am zwölften Oktober 1875 in Leamington Spa, Warwickshire, das Licht der Welt. Aleister nannte er sich erst mit zwanzig Jahren, als er sich einen Schriftstellernamen suchte und ihm seiner zu holprig erschien. Sein Vater Edward und seine Mutter Emily Bertha gehörten den Plymouth-Brüdern an, einer christlichen irischen Sekte, die um 1830 gegründet worden war. Edward Crowley, der ursprünglich als Brauer sein Geld verdiente, zog als Wanderprediger umher, die ,,Einzige Lehre der Brüder" verkündend. Bereits im Alter von vier Jahren nahm Crowley an Bibellesungen teil, lernte dabei von der Natur der Sünde, dem herannahenden Ende der Welt und von der Erlösung durch die Plymouth- Brüder. In der frühesten Jugend identifizierte sich Crowley noch mit diesen Lehren, bald jedoch war er mehr von der Offenbarung des Hl. Johannes fasziniert. Ihn interessierten besonders das Tier 666 und die scharlachrote Frau, und als Revolution gegen die Eltern favorisierte er so die Gegenspieler des Himmels. Crowleys Mutter Emily Bertha, die ständig versuchte ,ihn zu einem religiösen Tugendbold zu erziehen, erntete nur noch Spott. Sie nannte ihn in der Folge daher ,das Tier', den Antichristen symbolisierend. Aber statt Crowley damit abzuschrecken, freute sich dieser und identifizierte sich sogleich damit. Ohnehin hielt er nicht sehr viel von seiner Mutter: „Eine hirnlose Frömmlerin vom höchst engstirnigen, logistischen und unmenschlichen Typ.“ Sein Verhältnis zu ihr schwankte zwischen Haß, Zurückweisung und Lobpreisung. Als Crowley elf Jahre alt war, im Jahre 1886, starb sein Vater an Zungenkrebs. Für ihn empfand er wenig Liebe, sondern nur Respekt. Sein erster Schulbesuch fand auf einer Schule der Plymouth-Brüder statt, die er jedoch wegen des Verdachtes, einen Jungen ,verdorben' zu haben, verlassen mußte. Er wechselte über nach Malvern und von da nach Tonbridge, beides Schulen, die er haßte, und ihn seiner Meinung nach ,krank' machten. Er hatte lange Zeit Privatunterricht bei einem Tutor, was Crowley wesentlich mehr zusagte, zumal dieser ihn auch in der Kunst des Billards, Kartenspiels und des Umgangs mit Frauen unterrichtete. Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte er vierzehnjährig mit einem neuen Dienstmädchen auf dem Bette der Mutter. Er beschuldigte sie darauf der Arglist und des Versuches der Erpressung, worauf sie natürlich ihren Job verlor. Crowley deutete vage in seinen ,Confessions' an, daß sein
  20. 20. 20 ,erster Akt der Unzucht' mit einem Mädchen vom Lande unter freiem Himmel gewesen sei, führte es aber nicht näher aus. 1895, mittlerweile zwanzig Jahre alt, wurde Crowley im Trinity Collage in Cambridge aufgenommen. Sein Abschlußexamen wollte er ursprünglich in Ethik ablegen, verbrachte dann aber doch die meiste Zeit damit, zu lesen und Poesie zu schreiben. Seinen ursprünglichen Plan, ein Diplomatendasein zu führen, war bald schon vergessen. Ein Jahr später entdeckte Crowley seine magischen Fähigkeiten, ihm wurde bewußt, daß die Kontrolle über die Realität durch magisches Denken erlernt werden kann. Zu dieser Zeit las er viele Bücher über Magie, Alchimie und Mystik. 1898 folgte die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes ,Aceldama' unter dem Pseudonym ,ein Gentleman von der Universität von Cambridge'. Es enthielt satanische Ideen, nicht unähnlich denen Baudelaires. Für sein Studium gearbeitet hatte er in dieser Zeit wenig, aber er entdeckte, daß er ein Adept in den geheimen Künsten werden wollte, ein Magier. Er fand den zentralen Begriff, der ihn ein Leben lang beschäftigen sollte und zum Leitsatz der thelemitischen Lehre werden sollte: Der wahre Wille.
  21. 21. 21 Ich werde durchhalten - denn am Ende gab es nichts durchzuhalten Er verließ Cambridge und reiste in die Schweiz nach Zermatt, wo er die ,Kabbalah Denudata' von Knorr von Rosenroth studierte. Dort machte er die Bekanntschaft von Julian Baker, Frater C.S. (Causa scientiae, um der Wissenschaft willen). Baker war ein bekannter Alchimist und war Crowleys erster Lehrer. Crowley, der auf der Suche nach einem Meister war, diskutierte viel mit Baker, und als dieser von seiner Ernsthaftigkeit überzeugt war, stellte er ihn George Cecil Jones vor, einem Mitglied des Golden Dawn. Jones brachte Crowley in Kontakt mit Samuel Liddell Mathers, dem Oberhaupt des Ordens. Mathers hatte jahrelang in den Museen von Paris und London alte Manuskripte studiert und restaurierte aus sehr alten Schriften den ,Key of Solomon', dessen Übersetzung 1889 veröffentlicht wurde. Der hermetische Orden der Goldenen Dämmerung war zu der Zeit mehr ein Club, wo man Freunde treffen konnte. Der Ursprung des Ordens ist nicht genau geklärt. Man sagt, die Gründung ginge auf Reverend Alphonsus Woodford, einen Freimaurer-Schriftsteller, zurück. Dieser war in den Besitz eines handgeschriebenen, chiffrierten Manuskriptes gelangt, welches er von seinem Freund Dr. William Wynn Westcott, einem prominenten Freimaurer, dechiffrieren ließ. Es wurden fragmentarische magische Rituale der Alchimisten des 16ten Jahrhunderts enthüllt, mit einer Anmerkung, mehr Informationen könnten von Fräulein Anna Sprengel aus Nürnberg erhalten werden. Westcott war neugierig und nahm mit ihr Kontakt auf. Fräulein Sprengel war das Oberhaupt eines Rosenkreuzertempels und erteilte Westcott nach längerer Kommunikation eine Charta mit der Berechtigung, einen ähnlichen Orden zu gründen. So wurde der Isis-Urania-Tempel der hermetischen Studenten der Goldenen Dämmerung im Herbst 1887 gegründet, mit Westcott, Mathers und Dr. William Robert Woodman als Führer. Als Anna Sprengel 1891 verstarb, weigerten sich die Chefs der deutschen Logen, weitere Informationen zu geben, mit dem Hinweis, daß die drei neuen Führer in England ausreichend Wissen besäßen, um selbst an weitere Informationen zu gelangen. Dies hieß, sie mußten ihre eigene Verbindung mit den geheimen Chefs herstellen. Diese waren auch als die ,verborgenen
  22. 22. 22 Meister' bekannt und saßen im Zentrum der Doktrin. Wer sie waren, ist allerdings nie enthüllt worden. Der Orden der Goldenen Dämmerung arbeitete mit einem streng durchstrukturierten Gradsystem. Die verschiedenen Grade wurden verliehen, nachdem der Kandidat, in einer Reihe von Wissenslektionen und verschiedenen Ritualen geprüft, durch ein auf den jeweiligen Grad abgestimmtes Initiationsritual gegangen war. Die Grade entsprachen den Sephiroth am Baum des Lebens, der Neophyt 0° =0 und der Zelator 1° =10 entsprachen Malkuth und dem Element Erde, der Theoricus 2° = 9 Yesod und dem Element Luft, der Practicus 3° =8 Hod und dem Element Wasser, der Philosophus 4° =7 Netzach und dem Element Feuer. Diese Grade umfaßten den ersten, äußeren Orden, dessen Mitglieder zwar eine Anhäufung von Wissen, nicht aber Verständnis von ihren Graden besaßen. Die Wissenslektionen bestanden aus einer Reihe von einführenden Lektionen über Kabbalah, Tarot, Alchimie und Astrologie, die Crowleys Meinung nach nur ein wirres Durcheinander im Kopfe erzeugten. Woran es mangelte, war die Vermittlung des inneren Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Wissensbereichen und deren Anwendung. In den Initiationsritualen durchschritten die Kandidaten symbolisch die den Sephiroth entsprechenden Pfade, der Tempel war jeweils wie die entsprechende Sephirah eingerichtet. Der Kandidat wurde von verschiedenen Offizieren, die höheren Graden entsprachen, initiiert, indem ihm die Mysterien des Grades geoffenbart wurden. Dies geschah jedoch auf eine sehr unzusammenhängende und hochsymbolische Weise, so daß das innere Verständnis für das, was passierte, fehlte. So war es für die Kandidaten nach Crowley nicht möglich, dieses neue Wissen zu integrieren: „Die Rituale waren, obschon scholastisch genug, zu einem wortreichen und anmaßenden Unsinn ausgearbeitet: Das Wissen erwies sich als wertlos, sogar wenn es richtig war: Denn es ist nutzlos, daß Perlen, seien sie auch noch so klar und wertvoll, den Säuen vorgeworfen werden... In Kürze, der Orden versagte zu initiieren.“ Crowleys erste Begegnung mit den Mitgliedern des äußeren Ordens war darum für ihn sehr enttäuschend da seine Erwartungen höher waren. Trotzdem akzeptierte er im November 1898 alle Bedingungen und wurde als Frater Perdurabo (Ich werde durchhalten) Neophyt des hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung. Das Neophytenritual, neben dem des Adeptus Minor das wichtigste, war das einzige, welches Crowley für sich selbst akzeptierte, da es einen
  23. 23. 23 wichtigen Einfluß auf seine spirituelle Entwicklung hatte und zu ziemlich außergewöhnlichen Visionen führte. Im Dezember des selben Jahres nahm er den Zelatorgrad an, den des Theoricus und Practicus zwei Monate später. Nach der obligatorischen Wartezeit von drei Monaten wurde er Philosophus, gelangte somit an die Schwelle des Wissens und der Konversation mit dem Heiligen Schutzengel. Der Philosophus hatte hierzu die fünf Prüfungen symbolisch für die fünf Elemente und die fünf Pfade, die vom ersten Orden zum zweiten führen, zu bestehen und benötigte weiters eine Verfügung von den Chefs des zweiten Ordens. Auch die anderen Gradwechsel waren von lnitiationsritualen begleitet, von deren Wichtigkeit Crowley jedoch nicht so recht überzeugt war. Er schrieb hierzu: ,Sogar für den Gelegenheitsstudenten muß es augenscheinlich sein, hat er einmal diese Rituale zu Ende gelesen, daß, obwohl sie viel wissenschaftliches und gelehrtes enthalten, außerdem sehr viel, das essentiell und wahr ist, sie jedoch aufgeblasen und geschwollen mit viel Unsinn und Pedanterie sind, affektiert und falsch am Platz, in etwa so, daß eine eigensinnige Obskurität die Stelle von einleuchtender Einfachheit einnimmt, der Pilger, unwissend wie er in den meisten Fällen sein wird, wird spontan in ein wogendes Mühlgerinne von klassischen Gottheiten und Helden hineingestoßen, von denen viele sich ungestüm ohne Reim und Metrum auf ihn stürzen. Sozusagen in eine Gerichtshalle hineingeworfen, in welchem das Gesetz, welches ihm dargelegt wird, ihm nicht gänzlich unbekannt ist, aber in einer Sprache geschrieben ist, die er nicht einmal lesen kann, wird er in einer fremden Sprache ins Kreuzverhör genommen und in Worten gerichtet, welche zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht ein Funken von Sinn für ihn ergeben. Wie die Rituale fortschreiten, könnte man erwarten, daß diese Schwierigkeiten sich gradweise verringern würden, aber dies ist nicht im mindesten der Fall; denn, wie wir gesehen haben, werden die Komplexitäten, die schon bereits bei der Einführung der altägyptischen Gottheiten beinhaltet waren, für den, der wahrscheinlich nur ein Kandidat mit wenig Wissen ist, noch weiter ausgedehnt durch eine allgemeine Aufdringlichkeit des Teiles von hebräischen, christlichen, macedonischen und phrygischen Göttern, Engeln und Dämonen, und einer reichhaltigen Verwirrung von Symbolen, welche vereinigt entweder geeignet sind, den Kandidaten irre zu machen, so daß er den Tempel mit einem Eindruck verläßt, daß das ganze Ritual ein großer Witz ist, eine Art possenreißerischer Karneval der Götter, welche im geistig gesunden nur Gelächter hervorrufen kann; oder daß als Folge der völligen Unverständlichkeit sein Unwissen ihn fühlen macht, daß dies soweit jenseits und über
  24. 24. 24 seinem einfachen Standard des Wissens liegt, daß alles, was er tun kann, sich vor jenen zu beugen ist, die eine solch erhöhte Sprache besitzen, sogar was die Worte und das Alphabet anbetrifft, von dem er ohnehin kein Maß besitzt. Das Resultat dieser Dunkelheit ist natürlich in beiden Fällen, daß die Rituale versagen zu initiieren; im ersten Fall werden sie gar nicht verstanden, verhöhnt; im zweiten, obschon gleichermaßen unverständlich, werden sie jedoch verehrt. Es gibt Zeit und Ort für alles, und es gibt eine richtige Verwendung für die Vorliebe von Wissen, so wie es auch eine falsche gibt. Wenn ein Kind die einfachen Regeln von Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division gelernt hat; dann ist angemessen, es zu bitten, ein einfaches kleines Problem zu lösen; aber es ist völlige Zeitverschwendung es zu fragen: 'Wenn 24 Sprotten einen Shilling kosten, und 1 Sprotte ein Mal für zwei Kinder ergibt, wieviele Kinder kannst du für zwei Pence und einen half Penny ernähren?' Denn es weiß nur, daß eins und eins zwei ergibt. Die Vorliebe für Wissen und das Anhäufen von Symbolen ist nur angemessen für den Unwissenden, wenn der Zweck ist, ihn durch ein blitzendes Bild irre zu machen und nicht zu instruieren. In diesem Fall wird der Suchende nach der Wahrheit das Kind der Erde und der Dunkelheit genannt, und statt daß man ihm den schönen Kranz des Lichtes zeigt, den er eines Tages tragen wird, wird er sofort in einen Haufen von flitterhaften Faltenwürfen gerollt, in eine Mumie von Einfaltungen, ausgewachsenen Togas und abgelegten Unterkleidungen von Olympus und Sinai, mit dem Resultat (es sei denn, sein Verständnis ist so klar wie diese Rituale dunkel sind), daß alles was er erhält, ein theatralischer Eindruck von Aufmachung und Glaubenmachen ist. Die Worte besitzen ihn; er kann nicht sehen, daß Typhon genauso notwendig in dem ägyptischen System ist wie Osiris; im christlichen, daß Satan nur der Zwillingsbruder von Christus ist. Glücklicherweise war das Ergebnis im Falle von Perdurabo etwas anders; bereits Meister einer riesigen Lagerhalle von Wissen und von Gelerntem war es weniger wahrscheinlich, daß er ,meine Güte!' ausrufen würde bei der Zurschaustellung ägyptischen Feuerwerkes wie viele andere. Jedes Ritual, sei es ein Brief, ein Wort, ein Satz, sollte eine Lektion enthalten, klar und präzise, es sollte ein so klares und leuchtendes Bild hinterlassen, daß der bloße Gedanke daran sofort die Kraft heraufbeschwören wird, die in seinen einfachen aber leuchtenden Symbolen enthalten sind. In dem Neophytenritual ist dieses wesentlich klarer ausgeführt als in den folgenden vier. Der Kandidat, der werdende Neophyt, wird zum Portal des ersten Grades geführt, des Neophytengrades, und ihm
  25. 25. 25 wird für einen Moment eine blitzende Vision von Adonai geoffenbart, als wäre es eine Zunge von einer blendenden Flamme aus den Tiefen der Dunkelheit, um ihm zu zeigen, daß es ein Licht gibt sogar in jener schrecklichen Nacht, durch welche er reisen muß. Er lernt, daß obwohl Adonai in Kether ist, Kether auch in Malkuth ist; aber die Rituale, die dem Neophytenritual folgen, abgesehen von dem des Portals, die mehr aus Symbolen und ihren Erklärungen bestehen als aus Ritualen und Zeremoniellen, sind mehr geeignet, zu Besessenheit zu führen, als zu erleuchten.“ Die eigentliche magische Arbeit wurde jedoch erst im zweiten, im Rosenkreuzerorden, verrichtet. Dieser bestand in der Anfangsphase des Ordens noch nicht, da er erst durch den Kontakt zu den geheimen Chefs errichtet werden konnte. Er umfaßte die Grade des Adeptus Minor 5° =6 , Adeptus Major 6° =5 und Adeptus Exemptus 7° = 4 , welchen letzteren Mathers inne hatte. Mathers hatte diesen Kontakt zu dreien der geheimen Chefs erst 1891 in Bois de Boulogne durch die Hilfe einer hellseherischen Frau erhalten. Diese hatten ihm das Amt der höchsten und einzigen Autorität als äußeres Oberhaupt des Ordens verliehen. Crowley und Mathers ähnelten sich sowohl äußerlich als auch in der Suche nach der verborgenen Wahrheit. Für Crowley war Mathers der Magier schlechthin, und er verehrte ihn in der Anfangszeit sehr, was sich allerdings später noch ändern sollte. Als Philosophus begann Crowley sodann mit der Magie des Abramelin zu arbeiten, wofür Zurückgezogenheit erforderlich war. Da er ohnehin von seinen Eltern weg wollte, stellte dies für Crowley kein großes Problem dar. Er mietete sich eine Wohnung in Cancery Lane, um ungestört arbeiten zu können. Zwei der Zimmer richtete er sich als Tempel ein, eines für Operationen mit Dämonen und das andere für Arbeiten mit anderen Kräften. Bei einer der Zeremonien im Isis-Urania-Tempel lernte er Allen Bennett, Frater Iehi Aour (laß da Licht sein) kennen, der bereits über große magische Kraft verfügte. Als Crowley bei einem Besuch bei Bennett über dessen äußere Verhältnisse schockiert war, bot er ihm an, er könnte bei ihm einziehen, aber unter der Voraussetzung, er solle Perdurabos Lehrer werden. Iehi Aour akzeptierte, und so hatte Crowley seinen lang ersehnten Meister gefunden. Zusammen praktizierten sie die magischen Rituale des Ordens der Goldenen Dämmerung und experimentierten mit verschiedenen Drogen wie Opium, Kokain und Haschisch. Die Gefahr, süchtig zu werden, war die geringere, dafür kam es aber zu magischen Unfällen. Als die beiden eines Abends von einem Abendessen zurückkehrten, war der Tempel verwüstet, der Altar umgeworfen, und die Möbel lagen verstreut umher. Crowley schrieb:
  26. 26. 26 „Und dann begann der Spaß. Die Teufel stampften die ganze Nacht um die große Bibliothek herum, eine endlose Prozession; 316 von ihnen wurden gezählt, beschrieben, benannt und in einem Buche aufgezeichnet. Es war bis jetzt die fürchterlichste und widerlichste Erfahrung für mich.“ Da Iehi Aour an Asthma litt, verließ er 1900 England und reiste nach Ceylon wegen des günstigeren Klimas. Dort wurde er unter dem Namen Bikkhu Ananda Metteya zu einem buddhistischen Mönch.
  27. 27. 27 Parzifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral Das magische System, mit dem Crowley anfangs arbeitete, gründet sich auf den ägyptischen Magier Abramelin. Das Wissen um dieses System war im Mittelalter durch Abraham dem Juden nach Europa gekommen. Mathers hatte die alten Originalmanuskripte, von Abraham seinem Sohn Lamech vererbt, aus dem französischen übersetzt, und daraus sein Buch ,The Sacred Magic of Abramelin the Mage' geschrieben. Dieses Buch gibt die Anleitung, wie auf der Basis der Kabbalah die ganze Hierarchie der Abramelindämonen beschworen werden kann, welche Vorbereitungen hierzu nötig sind, wie der Tempel ausgestattet sein muß und wozu diese Geister verpflichtet werden können. Vor der Beschwörung dieser Dämonen empfiehlt Abramelin, den Kontakt zu dem Heiligen Schutzengel herzustellen. Diese Arbeit zieht sich über sechs Monate hin, die letzten davon müssen in völliger Zurückgezogenheit und Hingabe an das Große Werk verbracht werden. Crowley arbeitete 1921 auf Cefalu noch ein eigenes Ritual für die Beschwörung des Heiligen Schutzengels aus, das ,Liber Samech', welches kommentiert in ,Magick' zu finden ist. Die Basis des Rituals bilden die magischen Formeln und barbarischen Namen, die auch Abramelin verwendet hatte. Die Umarbeitung bestand im Übernehmen der Lehre des Liber Al vel Legis, um das Ritual den Verhältnissen des neuen Äons von Horus, dem gekrönten und erobernden Kind, anzupassen. Liber Samech ist so aufgebaut, daß der Wille des Aspiranten so konzentriert und einpunktig wird, daß es sein einziges Streben ist, das Große Werk zu vollenden. Die Methoden hierzu sind mannigfaltig und führen zu einem egoüberwältigenden Enthusiasmus. Der Aspirant muß vorher schon einen hohen Initiationsgrad erlangt haben, denn er muß in der Lage sein, alle individuellen Gemütszustände und Neigungen zu kontrollieren und sie bewußt abzurufen oder schweigen zu lassen. Crowley schreibt weiter: „Wenn dies so ist, wird der Adept frei sein, sein tiefstes Selbst zu konzentrieren, jener Teil von ihm, der unbewußt seinen wahren Willen auf die Realisierung seines Heiligen Schutzengels
  28. 28. 28 ausrichtet... Dieses beinhaltet... Freiheit von Vorurteil und den Begrenzungen der sogenannten Rationalität. Der Adept muß bereit für die gänzliche Zerstörung seines Standpunktes zu jedem Thema sein, und sogar dessen seiner innersten Konzeption der Formen und Gesetze des Denkens." Der Grundsatz aller Magie ist die Erweiterung des Bewußtseins, wofür Crowley unter anderem auch Drogen und Alkohol verwendete. Zu Anfang benutzte Crowley Drogen ausschließlich für seine magische Weiterentwicklung, später als Heilmittel für sein Asthma, welches er sich 1905 bei der Besteigung des Kanchenjunga zuzog. Die Meisterung von Drogen wie Haschisch, Opium und Kokain kann zum Erwerb neuer Bewußtseinszustände, zu einer Vertiefung der Charakteranalyse und Introspektion führen, was ansonsten nur mit schwierigen speziellen Yogatechniken zu erreichen ist. Crowley experimentierte mit fast allen Drogen, die er kriegen konnte und führte darüber genaue Aufzeichnungen, in denen er Vor- und Nachteile, Effekte und Suchtgefahr gegeneinander stellte. Weiter schuf er sich Zuordnungen der Drogen zu Elementen und Planeten, um die magischen Arbeiten wirkungsvoller gestalten zu können. Haschisch hielt er für die Charakteranalyse geeignet, da es die Imagination stärkt und das Unbewußte aufhebt. Weiter ermöglicht Haschisch, wie auch Aether oder Anhalonium Lewinii, hinter oberflächliche Ideen zu schauen und Gedanken auf ihren Ursprung zu führen. Eine Schwierigkeit liegt im Aufrechterhalten der Konzentration. Morphium hilft dagegen der Konzentration, lindert den Druck von Angst und unterstützt wie Opium kreative Imagination. Kokain verhindert Müdigkeit, und man kann lange Zeiträume fast ohne Pausen oder Schlaf hart arbeiten. Außerdem stärkt es den Willen und hilft, das Objekt einer Operation beständig im Gemüt zu fixieren. Heroin wirkt ähnlich wie Opium und Kokain zusammen, stärkt also Imagination, Konzentration und Durchhaltevermögen. Ein Vers des zweiten Kapitels des Liber Al weist direkt auf den Gebrauch von Drogen oder Alkohol hin: „Zu meiner Verehrung nehmet Wein und seltene Drogen, wovon ich meinem Propheten sprechen werde, und berauscht euch daran. Sie sollen euch überhaupt kein Leid zufügen. Sie ist eine Lüge, diese Narrheit gegen das Selbst... Sei stark, 0 Mensch! Genieße und erfreue dich an allen Dingen der Sinne und Wonne. Fürchte nicht, daß ein Gott dich dafür abweisen wird.“ Crowley kommentierte:
  29. 29. 29 „Wein und Drogen schaden Leuten nicht, die ihren Willen tun; sie vergiften nur Leute, die den Krebs der Ursünde haben (d.h., daß sie sich begrenzen). Wenn man wahrhaft frei ist, kann man Kokain so einfach wie Salzwasserschmus nehmen. Es gibt keinen besseren Test für eine Seele als ihre Einstellung zu Drogen... Jene, die dazu neigen, sie zu mißbrauchen, wären besser tot.“ Fast alle wichtigen magischen Operationen, die in der Folge beschrieben werden, beinhalteten den Gebrauch irgendeiner dieser Drogen, die zu einem schnelleren Gelingen verhalfen. Nachdem Iehi Aour nach Ceylon abgereist war, brach Crowley ebenfalls seine Zelte ab und ging nach Schottland. Er war auf der Suche nach einer geeigneten Umgebung für das Arbeiten mit der Magie des Abramelin. Er benötigte eine Art Kapelle oder Tempel mit einer freien Nordterrasse, die mit Sand bedeckt werden mußte, und vielen Fenstern. Nach einer Zeit der Suche fand er direkt am Loch Ness das, was er suchte, ein ziemlich großes Steinhaus namens Boleskine. Er richtete sich häuslich ein, nannte sich ,Laird of Boleskine' (Gutsherr von Boleskine) und ging erst einmal fischen. Er bereitete sich sodann für die Beschwörung der Dämonen vor und hatte darauf Erfolg und Mißerfolg in der Operation zugleich. Das Häuschen und die Terrasse waren bald von schattenhaften Formen bevölkert. Die vier Subprinzen Oriens, Paimon , Ariton, Amaimon und ihre einhundertundelf Diener drangen in das Haus ein und brachten ein heilloses Durcheinander, bei dem sein Kutscher in Delirium Tremens fiel und sein Haushälter spurlos verschwand. Ansonsten beschäftigte er sich mit der Erkundung der Astralebene, Invokationen und verschiedenen Visionstechniken, bisweilen auch mit einer Kristallkugel. Er sah Christus mit der Frau von Samaria, sich mit einer zwölfstrahligen Krone im göttlichen Licht stehend, und Drachen, die ihn anzuspringen versuchten. Er verließ Boleskine, um die Zulassung zum Adeptus Minor Grad im zweiten Orden zu beantragen. Zu seiner Überraschung wurde er jedoch zurückgewiesen. So entschloß sich Crowley kurzerhand am 13ten Januar 1900, nach Paris aufzubrechen, um dort die Initiation von Mathers selbst zu erhalten. Dieser hatte dort 1898 einen ägyptischen Tempel errichtet und zelebrierte seitdem ägyptische Mysterien zusammen mit seiner Frau Moina als Priesterin. Crowley war beeindruckt von Mathers und vertraute sich ihm völlig an. Nachdem Crowley die entsprechenden feierlichen Eide des Gehorsams und der Geheimhaltung geleistet hatte, erhielt er von Mathers die Initiation zum Grad des Adeptus Minor. Er nahm das Motto Parzival an. Crowleys Anmerkungen dazu: „Nachdem er so durch das Ritual 5° = 6 des Adeptus Minor ging, entschleierte Perdurabo, zumindest zum Teil, jenes Wissen,
  30. 30. 30 welches er sich im 0° = 0 Ritual vorgenommen hatte zu entdecken. Denn wie der erste Grad des ersten Ordens den Neophyten mit einem unvergeßlichen kurzen Anblick jenes höheren Selbstes versieht, Augoeides, Genius, Heiligen Schutzengels oder Adonai; so bringt der erste Grad des zweiten Ordens in ihm diesen göttlichen Funken hervor, indem er auf dem Aspiranten den Genius in Pfingstflammen herabzieht; bis er ihn nicht länger in den entfernten Wänden des sternigen Abyss einschließt, sondern in ihm brennt, und durch die Kanäle seiner Sinne einen endlosen Sturzbach der Herrlichkeit ergießt, von jener größeren Herrlichkeit, die nur von einem verstanden werden kann, der ein Adept ist... Hier geschieht es, wenn der Aspirant eine Sonne für sich selbst wird, in Trance versetzt durch die Schönheit seiner Kinder, seiner augenscheinlich ausgewogenen Gedanken, der wandernden Planeten und Kometen, die seinem Willen gehorchen, daß er möglicherweise vergißt, daß, obwohl er eine Sonne für sich selbst ist, er dennoch nur ein Atom der himmlischen Herrlichkeit ist, nur ein Sonnenstäubchen, im Strahle des göttlichen Auges tanzend... Daher muß er mit seinen eigenen Kräften seine Zufriedenheit mit einer Selbstexplosion von Unzufriedenheit zerstören, so schrecklich, daß das geordnete Universum, welches durch den Geist beherrscht wird, nicht in das Chaos, die Qliphoth, geschleudert wird, sondern aus dem Chaos, aus dem Kosmos selbst, in eine neue Welt, in ein höheres Equilibrium, ein Universum von kolossaler Stärke, und Macht. Erzittert er, so ist er verloren; er muß jeden Nerv stärken, jeden Muskel, bis seine ganze Gestalt die magische Stärke der Sephirah Geburah vibriert und hervorblitzt. So wird der Magier durch die Hingabe an das Große Werk erzeugt, und Werk als Werk allein kann für den Aspiranten diesen erhöhten Grad hervorbringen. Er muß jenseits der Hoffnung auf Erfolg streben; Erfolg ist Fehlschlag; er muß jenseits der Hoffnung nach Sieg streben; Sieg ist Verlust; er muß jenseits der Hoffnung nach Belohnung streben; Belohnung ist Bestrafung; er muß in der Tat jenseits aller Dinge streben; er muß das Gegengewicht der Dinge aufbrechen... Gerechtigkeit oder Gnade sind nichts für ihn; er, wie Horus das Kind, muß eines durch das andere auslöschen, so wie sein Vater Osiris die Wasser von Hod mit den Feuern von Netzach löschte. Gut und Böse sind seine Werkzeuge, denn sein Werk liegt immer noch im Königreich des Ruach. Und solange wie seine Strebungen erzeugen, empfangen und die Früchte eines größeren und edleren Werkes tragen, gibt es keinen Kelch der Bitterkeit, der zurückgewiesen werden darf, und kein Kreuz des Leidens, dessen Nägel ihn nicht durchbohren. Als Osiris lernte er sich zu bezwingen; als Horus wiederauferstanden soll er die Welt
  31. 31. 31 bezwingen - ja! Und wer soll mir nein sagen? Die ultimaten Fasern des Haares von Nu.“ Er kehrte sofort nach London zurück, um dort die diesem Grad entsprechenden Rituale zu fordern. Seine Initiation wurde jedoch nicht akzeptiert, da die Körperschaft in London gegen Mathers revoltierte. Sie behaupteten, Mathers habe niemals Kontakt zu den geheimen Chefs gehabt und hegten Zweifel an der Existenz von Anna Sprengel. Sie bildeten ein Komitee gegen Mathers, der darauf mit heftigem Zorn reagierte. Crowley entwickelte den Plan, in das Anwesen des Ordens einzudringen, überall neue Schlösser zu montieren und dann die Mitglieder zu sich zu zitieren. Mit einer Maske bekleidet wollte er von ihnen einen Fragenkatalog beantwortet haben, ob sie an dem Gehalt der Wahrheit der Lehre ihrer Grade glaubten, und ob sie Mathers als legitimes Oberhaupt des Ordens als einziger Adept Exempt anerkennen wollten. Ansonsten würde Perdurabo sie degradieren oder sogar aus dem Orden ausschließen. Weiter wollte Perdurabo das Gewölbe der Adepten zurückerlangen, da es Mathers Eigentum war. Es handelte sich um die siebenseitige symbolische Grabstätte von Christian Rosenkreutz, des Gründers des Ordens der Roten Rose und des Goldenen Kreuzes. Es war maßstabgenau nachgebildet worden und wurde zu mehreren Ritualzwecken verwendet, unter anderem auch für die Initiation in den Adeptus Minor Grad. Perdurabo machte sich mit seiner geliebten Soror Fidelis, Elaine Simpson, sogleich nach London auf den Weg. Fidelis war ein paar Jahre älter als er und hatte schon seit längerem den Adeptus Minor Grad inne. Am 17ten April drangen die beiden kurzerhand in das Ordensgebäude ein, kaperten das Gewölbe und brachten überall neue Schlösser an. Die Polizei wurde gerufen, Perdurabo mußte erst einmal das Feld räumen. Ein paar Tage später drang er mit Mathers Vollmacht nochmals ein, aber wieder ohne Erfolg. Perdurabo ging sogar vor Gericht, der Prozeß wurde jedoch wegen Geringfügigkeit niedergeschlagen. Im Mai 1900 kehrte Crowley unverrichteter Dinge nach Paris zurück, um Mathers Bericht zu erstatten. Dort traf er zwei Mitglieder, die gerade aus Mexiko zurückgekehrt waren. Perdurabos Neugier wurde geweckt, und schon war er wieder unterwegs. In Alameda, einem kleinem mexikanischen Städtchen, mietete er sich ein Haus, dazu ein indianisches Mädchen für den Haushalt um das leibliche Wohlergehen. Er begann, den Gott des Schweigens, Harpokrates, zu beschwören, um zur Unsichtbarkeit zu gelangen. „Sammelt euch um mich: Kleidet diese Astralform mit einer Wolke von Dunkelheit. Umhöht, umhöht meine Gestalt mit eurer wahrhaften Nacht: Kleidet mich und verbergt mich in der Kontrolle meines Zaubers; verdunkelt die Augen des Menschen und blendet ihn, seine Seele!
  32. 32. 32 Sammelt euch, O sammelt euch an meinem göttlichen Worte, ihr seid die Wächter und meine Seele der Schrein! (Formuliere die Idee, unsichtbar zu werden: Stelle dir das Ergebnis des Erfolgs vor: Dann sage:) Lasset die Hülle der Verborgenheit um meinen physischen Körper in einen Abstand von 25 cm sein. Die Sphäre soll mit Wasser und mit Feuer geweiht sein.“ Nach einigen Wochen schon hatte er Erfolg und lief unbeachtet mit einer Krone aus Gold und Juwelen und einem scharlachroten Mantel in Mexiko City umher. Eines Tages lernte er eine Frau kennen, die ihn faszinierte: „Die unersättliche Kraft der Leidenschaft, die von ihren bösen, unergründlichen Augen entsprang und ihr Gesicht in einen Strudel verführerischer Sünde marterte.“ In den Slums verbrachte er mit ihr etliche orgiastische Stunden. Danach setzte er sich sogleich nieder, sein Drama Tannhäuser zu schreiben, fasziniert von der Oper, die er im Covent Garden gesehen hatte. Typisch für Crowley ist der energetisierte Enthusiasmus nach einem ausschweifenden sexuellen Erlebnis: „Beispielsweise schrieb ich Tannhäuser vom Konzept bis zum Schlußstrich hintereinander weg in 67 Stunden. Den Wechsel von Tag und Nacht bemerkte ich nicht, auch nicht am Ende; auch spürte ich keinerlei Ermüdung. Dieses Werk wurde geschrieben, als ich 24 Jahre alt war, direkt nach einer Orgie, die mich normalerweise hätte erschöpfen müssen.“ Zwischenzeitlich war Crowley wieder vom Fieber des Bergsteigens ergriffen worden und wartete auf Oscar Eckenstein, einen bekannten englischen Bergsteiger, den Crowley schon länger kannte. Sie wollten zusammen den Popocatepetl und den Ixtaccihuatl besteigen, welcher Ausdruck hier besonders passend ist, denn Ixtaccihuatl bedeutet ,die schlafende Frau'. Damit wollten sie dann auch sogleich beginnen. Als Eckenstein am Ende des Jahres ankam, machten sich die beiden nach Amecameca auf, zum gemeinsamen Fuß der beiden Berge. Von ihrem Basislager aus bestiegen sie die Berge drei Wochen lang von allen Seiten. Nach einigen anderen Expeditionen hatten sie erst einmal genug, beschlossen aber, sobald als möglich die Besteigung des K 2 im Himalaja, der der zweithöchste Berg überhaupt ist, in Angriff zu nehmen. Crowley plante, zunächst Allen Bennett in Ceylon zu besuchen, um diesem ein paar Fragen über Mathers zu stellen, darauf den K 2 zu besteigen und dann erst nach England zurückzukehren.
  33. 33. 33 Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji Auf dem Weg nach Ceylon legte er in Hawaii einen Aufenthalt ein. Auf dem Waikiki-Strand traf er eine zehn Jahre ältere amerikanische Frau, die mit einem Rechtsanwalt in den USA verheiratet war, und dazu noch die Mutter eines Teenagers. Schnell verliebte er sich in sie und widmete ihr eine langes Gedicht: "Alice: Ein Ehebruch.“ Er war nur fünfzig Tage mit ihr zusammen, und jedem dieser Tage war ein Gedicht seiner Leidenschaft gewidmet. Warum die Affäre schließlich beendet war, sagte Crowley nicht, aber sie hinterließ in ihm ein Gefühl der Trauer und des Unmuts. Denn Alice war die erste und die letzte einer langen Reihe von Frauen, die ihm mitteilte, daß er für die Liebe nicht geschaffen sei. Aus diesem Grunde zog es ihn nach Hongkong, wo Elaine Simpson, Soror Fidelis, mittlerweile verheiratet lebte. Er erinnerte sich ihrer Furchtlosigkeit und Loyalität in ihrem Kampf, das Gewölbe zu kapern und McGregor Mathers Autorität wiederherzustellen. Aber enttäuscht mußte er entdecken, daß von Elaines Fähigkeiten nur noch eines übrig geblieben war, nämlich die Roben und Abzeichen ihres Grades, mit denen sie den ersten Preis auf einem Maskenball gewonnen hatte. Von Hongkong aus reiste er weiter nach Ceylon. In Colombo fand er schließlich Allen Bennett, der sich bei einem heiligen Guru aufhielt. Die zwei Freunde reisten nach Kandy und mieteten sich einen Bungalow. Zunächst arbeitete Crowley weiter an seiner Poesie, fand jedoch schnell ein Interesse an der Yogameditation. Bennett fungierte in der Folgezeit als sein Lehrer, und in völliger Zurückgezogenheit begann Crowley seine Studien. Da Yoga eine wichtige Rolle in Crowleys magischer Entwicklung spielt, sind hier ein paar grundsätzliche Worte darüber angebracht: Wie es im Westen verschiedene magische Systeme gibt, gibt es im Osten verschiedene Yoga. Alle haben ein Ziel, den Strebenden von Maya, der Illusion oder Täuschung, zum Samadhi, der Wahrheit, zu führen. Der eigentliche Yoga wird erreicht, wenn das Gemüt, verwirrt von den Heiligen Schriften, unbeweglich still steht, fest auf Kontemplation gerichtet (Samadhi). Diese Ruhe hatte Crowley in seiner magischen Entwicklung noch nicht erfahren, und als ihm der Schlüssel zum Yoga angeboten wurde,
  34. 34. 34 beschloß er, die Türe der Handlung zu schließen, um die der Entsagung zu öffnen. Für diese Zeit legte er seine Methoden der westlichen Magie und damit seine Erfolge ab, was das erste große Opfer für ihn bedeutete. Das Ziel von Yoga ist die direkte Erfahrung, die durch Konzentration und durch Willen erlangt wird. Alles muß aufgegeben werden, bis auf eine Idee. Durch ausschließliche Beschäftigung damit, als Inhalt des Lebens, der Träume, jeder Nervenfaser im ganzen Körper, entwickelt sich ein unbeugsamer Wille. Dieser wird beschrieben als unzerstörbar und keine Enttäuschung und Unzufriedenheit kennend. Die Außenfixierungen und die dadurch entstehende Dualität werden gelöst, es findet eine Wendung zu den feinen inneren Vibrationen statt. Die Aufgabe der Meisterung der Kräfte des Universums kann vollendet werden. Yoga an sich bedeutet Vereinigung, ähnlich wie die Reaktion bei der ekstatischen Vereinigung von Atomen, woraus Licht, Strom und Hitze entstehen kann. Yoga ist somit die Vereinigung von Subjekt und Objekt des Bewußtseins. Durch diese Erfahrung gelangt man zum Charakteristikum der zusammengesetzten Dinge, oder nennt es die fortwährende Veränderung und das Nichtssein eines dauerhaften Prinzips. Somit muß jedes Element des Wesens beherrscht werden, es muß gegen jeden inneren oder äußeren Widerstreit geschützt und jede Fähigkeit aufs Äußerste gesteigert werden. Die Vereinigung findet auf verschiedenen Ebenen statt: 1. Inana-Yoga = Vereinigung durch Wissen 2. Raja-Yoga = Vereinigung durch Willen 3. Bhakti-Yoga = Vereinigung durch Liebe 4. Hatha-Yoga = Vereinigung durch Mut 5. Mantra-Yoga = Vereinigung durch das Wort 6. Karma-Yoga = Vereinigung durch Handeln Durch den Aspekt der Beherrschung hat der Yoga acht Glieder, ausgerichtet auf die mystische Vereinigung: 1. Yama - Beherrschung: Crowley empfiehlt, sich seine eigenen Regeln zu suchen, was man tut oder läßt, und diese auch peinlich genau einzuhalten. Jede allgemeine Regel mag für den einen richtig sein, für den anderen aber grundverkehrt und sinnlos. Yama ist das Finden und Tun des wahren Willens. 2. Niyama - Tugend: Alle Störquellen müssen wegen der auftretenden Übersensibilität beseitigt werden. Die Niyamas sind latente positive Kräfte, und es gibt so viele von ihnen, wie man dem Körper mit Hilfe des Baumes des Lebens zuordnen kann. Es entsteht das Gefühl, daß ein gegebener Ort oder eine gegebene
  35. 35. 35 Methode richtig sind, der ,eigene Sinn' genannt. Sowohl Yama als auch Niyama müssen in dem Lande gemeistert werden, in dem man geboren worden ist, da man seinem Karma nicht entgehen kann. 3. Asana - ,Sitze still! Höre auf zu denken! Schweige! Gehe hinaus!' Diese Anweisungen gelten nicht nur für das Asana, sondern für die gesamte Yoga. Alle äußeren und inneren Reize müssen eingeschränkt und bekämpft werden. Dazu wird alles verwendet, was der Selbstbeherrschung und der Konzentration dient, um dem Handeln ein Ende zu bereiten. Asana verhilft zur Beherrschung der statischen Komponente des Körpers. 4. Pranayama - Beherrschung der Kraft und der dynamischen Komponente des Körpers. Das Anhalten des Atems kommt der Ruhigstellung des Körpers am nächsten. Bei Asana und Pranayama treten kurz Phänomene auf, in denen der eigentliche Yoga versucht werden kann. 5. Pratyahara - Mentale Selbstbetrachtung: Pratyahara bedeutet aber auch einen bestimmten Grad psychologischer Erfahrung. Man konzentriert sich beispielsweise auf einen Körperteil, kommt dann vielleicht zu dem unmittelbaren Gefühl, man habe diesen nicht. 6. Dharana - Die eigentliche Meditation, die Beschränkung des Bewußtseins auf einen Gegenstand. 7. Dhyana - Aufhebung der Dualität, keine Unterscheidung zwischen Ego und Nichtego. Dies ist die Vorstufe zum Samadhi. 8. Samadhi - ,Zusammen mit dem Herrn'. In dem Worte Samadhi läßt sich dieselbe Wurzel wie bei dem hebräischen Adonai erkennen, denn Adonai wird in der hebräischen Sprache ,Adni' geschrieben und entspricht der Sanskrit-Wurzel ,Adhi'. Im Samadhi entsteht ein völliges Einssein mit allen Dingen auf einmal. Um Samadhi zu erreichen, reicht es, das Gemüt für „nur“ 12 Sekunden völlig anzuhalten. Crowley faßte die verschiedenen Yogaarten auf das Wesentliche zusammen. Er ging mit dem Gedanken der Anwendbarkeit auf den westlichen Menschen vor, denn da Yoga ursprünglich auf eine Ackerbaukultur ausgerichtet war, ist nicht alles wegen verschiedener Körper- und Symbolstrukturen anwendbar. Ein im Westen aufgewachsener Mensch hat völlig andere Körperverspannungen als einer, der im Osten geboren wurde und dort lebt. Da Allen Bennett sich mit dem Gedanken auseinandersetzte, ein buddhistischer Mönch zu werden, kam Crowley auch mit dem Gedankengut Buddhas in Berührung. Ihn faszinierte die logische Struktur dieser Religion,
  36. 36. 36 ausgehend von dem Gedanken, daß der Pfad der Befreiung über das Gemüt (Ruach) und nicht über die Sinne (Nephesh) verlaufen müsse. Die Kraft, einen Akt der Wahrheit zu vollbringen, entsteht nur durch Konzentration. Auch begeisterte Crowley Buddhas Einstellung zu Gott: „Es gibt keinen Gott, und ich weigere mich, über etwas zu diskutieren, was es nicht gibt! Aber es gibt Trauer, und diese beabsichtige ich zu zerstören.“ Der Grund für diese Trauer ist das Karma oder die Handlung, die eine gute oder schlechte Reaktion hervorrufen kann. Diese Dualität gilt es zu zerbrechen, man muß erneut in das Equilibrium eintreten, aus dem man entstanden ist, und dieses dann mit dem Wechsel vereinen. Ist diese Trauer zerstört, ist wie im Samadhi des Yoga das absolute Einssein erreicht. Jegliche Dualität ist in sich absurd, es bleibt nur ,Tue was du willst'. Daraus ergab sich für Crowley die Erkenntnis, sich nur auf das Werk alleine zu verlassen, nicht auf Moralisieren, Philosophieren oder Rationalisieren. Je weiter er sich in dieses Gedankenkonzept einfühlte, desto mehr konnte er sich von den Außenfixierungen lösen. Er sah immer mehr, daß der Schlüssel das persönliche Streben ist und nicht in Schriften gefunden werden kann, die nur einen Weg andeuten können. Die Erlösung beruht auf dem Werk, nicht aber auf dem Glauben. Crowley schaffte für den Buddhismus eine Übertragung auf den Baum des Lebens und integrierte bestimmte Ausschnitte der Lehre in sein System. In seiner Zurückgezogenheit mit Allen Bennett übte er sich in den Techniken des Yoga und erreichte ziemlich bald den Zustand des Dhyana, und er übte sich ebenso in verschiedenen buddhistischen Meditationstechniken. Die Vervollkommnung der höchsten Zustände erreicht er aber erst sehr viel später im Zusammenhang mit verschiedenen anderen magischen Arbeiten. Er stellte aber fest, daß die Ergebnisse des östlichen Yogas und die der westlichen Mystik genau übereinstimmen, daß aber viele Praktiken des Yoga den Prozeß der magischen Entwicklung erheblich beschleunigen. Nach Abschluß der Lernzeit entschloß sich Bennett, die gelbe Robe zu tragen und endgültig buddhistischer Mönch zu werden. Er machte sich auf den Weg nach Burma. Crowley bereiste indessen am Ende des Jahres 1901 für knapp zwei Jahre Indien. Er reiste nach Madura, um dort den großen, für Europäer verbotenen Tempel zu besichtigen. Durch seine Yogakünste beeindruckte er die Einheimischen derart, daß er Zugang zu einigen heiligen Schreinen erhielt. Von da reiste er nach Kalkutta, wo er wegen eines Fiebers für einen Monat bleiben mußte. Für ein paar weitere Monate erforschte er danach den Norden Indiens und verbrachte viel Zeit mit Meditation und mystischen Übungen. Weiter beschäftigte er sich intensiv mit der Analyse seiner lebhaften Träume.
  37. 37. 37 Nach einer problematischen Reiseroute suchte er im Februar 1902 Allen Bennett in Akyab. Er fand ihn in dem Mönchskloster von Lamma Sayadaw Kyoung. In der Zwischenzeit war Bennett bereits Mönch geworden und hieß Bikkhu Ananda Metteya. Während seines kurzen Aufenthaltes arbeitete Crowley an einem neuen Gedicht namens ,Ahab'. In der Zwischenzeit hatte Crowley mit Eckenstein eine lebhafte Korrespondenz über die Planung der K2-Besteigung geführt. Eckenstein hatte von London aus die Expedition organisiert und war auch der Führer der Expedition, Crowley sollte der zweite Führer sein. Außer den beiden nahm Guy Knowles, ein junger Mann aus Cambridge, J. Jacot Guillarmod, ein Schweizer Doktor und Bergsteiger und H. Pfannl und V. Wesseley, zwei erfahrene australische Bergsteiger, teil. Im März des Jahres 1902 traf Crowley in Delhi auf das Team. Der K2, auch Chogo Ri genannt, war zu der Zeit der höchste für Europäer besteigbare Berg. Er erstreckt sich zu einer Höhe von 8611 m und ist von einer Reihe von Satelliten-Bergen umgeben. Das Gebiet um den Chogo Ri herum war schon vorher von Europäern erkundet worden, unser Team jedoch war das erste, das die Besteigung des K2 selbst wagen wollte. Mit 50 Ponywagen und drei Tonnen Ladung machten sie sich von Rawalpindi aus auf den Weg. Am 28ten April tauschten sie die Ponywagen gegen 170 Träger ein und gelangten an den Fuß des Berges. In Askoley, dem letzten Verbindungsglied mit der Zivilisation, hatte Crowley Streit mit Eckenstein, da Crowley auf seine poetischen Werke nicht verzichten wollte und diese trotz etlicher Pfunde an Ausrüstung mitnehmen wollte. Crowley setzte seine Einstellung ,lieber drei Tage nichts zu essen, als einen ohne Poesie' jedoch durch. Am l6ten Juni gelangte das Team zum Einstieg des Chogo Ri. Sie waren derart fasziniert von dem gewaltigen Anblick, daß sie dem gar keinen Ausdruck verleihen konnten. Sie begannen den Aufstieg über mehrere Zwischenstationen. Auf der Höhe von etwa 500 bis 600m begannen die Schwierigkeiten, das Team wurde von schweren Eisstürmen bedrängt, Eckenstein und Knowles erkrankten an einer Grippe. Als das Wetter schließlich aufklarte, wollten sie den Aufstieg fortsetzen, was aber durch einen eisigen Höhenwind vereitelt wurde. Crowley erkrankte an Schneeblindheit. Das Lager wurde verlegt, um einen günstigeren Einstieg zu finden, aber das Wetter verschlechterte sich trotz der vorherigen Anzeichen weiter zusehends. Crowley litt an Malaria, Pfannl spuckte Blut und hatte Visionen. Anfang August gaben sie dann das Unternehmen auf und begannen den Abstieg. Zwar hatten sie den Berg nicht bezwungen, aber sie waren die Menschen, die es bis dahin am längsten in einer solchen Höhe von 6100m ausgehalten hatten. Im Oktober des Jahres 1902 schiffte Crowley sich in Bombay nach Frankreich ein. Er befand sich seit seiner Abreise in ständiger Korrespondenz mit einem jungen englischen Maler namens Gerald Kelly, der Crowley aus Begeisterung über dessen erstes Buch kontaktiert hatte. Da
  38. 38. 38 dieser in Paris lebte, Crowley wegen Mathers aber genau dahin wollte, lud sich Perdurabo bei Kelly ein. Da Mathers nur an Untergebenen interessiert war, Crowley aber auf eigenen Füßen stehen wollte, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen darüber, aber es ging einerseits wohl darum, daß Mathers statt seines Heiligen Schutzengels nur einen übelwollenden Dämon hervorgebracht hatte und somit ein Schwarzmagier war. Andererseits hatte Mathers eine Kleiderkiste und Geld von Crowley in Verwahrung, bestritt dieses aber. Mathers versuchte Crowley mit Hilfe eines weiblichen Vampirs, Mrs. M., zu vernichten. Crowley beschrieb sie als ,eine Frau mittleren Alters mit seltsamen Gelüsten', die eine Sphinx modellierte, um diese zum Leben zu erwecken. Sie versetzte Perdurabo bei einer Einladung zum Tee in Trance. „Sofort schien ein seltsames, traumhaftes Gefühl über mich zu kommen, und etwas samtweiches und beruhigendes und überaus wollüstiges bewegte sich über meine Hand. Als ich plötzlich hoch schaute, sah ich, daß Mrs. M. geräuschlos ihren Sessel verlassen hatte, und sich über mich beugte; ihr Haar hing offen als eine Lockenmasse über ihre Schulter, und ihre Fingerspitzen berührten meinen Handrücken. Statt einer unattraktiven Frau mittleren Alters war sie nun ein junges Mädchen von bezaubernder Schönheit.“ Da Perdurabo aber bemerkte, was vorging, versuchte er Mrs. M. durch höfliche Konversation abzulenken und sprach über magische Dinge, von denen er wußte, daß sie darunter leiden würde. Darauf zog sie sich zurück, um nochmals um so schöner zu erscheinen. Sie sprang ihn an, um ihre scharlachroten Lippen auf die seinen zu pressen. „Als sie dieses tat, ergriff ich und hielt sie in Armeslänge, und dann vernichtete ich die Hexe in ihrer eigenen Strömung des Bösen. Ein blaugrünes Licht schien um den Kopf des Vampirs zu spielen, und dann verwandelte sich das flachsfarbene Haar in eine Farbe von schmutzigem Schnee, und die schöne Haut wurde faltig, und ihre Augen wurden stumpf und wurden wie Zinn, gescheckt mit dem Bodensatz von Wein. Das Mädchen von zwanzig war verschwunden, vor mir stand eine alte Hexe von sechzig. Mit geifernden Flüchen hinkte sie aus dem Raum.“ Perdurabo dachte sich, daß hinter Mrs. M. größere Mächte als sie selbst stehen müßten. Herauszufinden welche, wäre für ihn ein langwieriges Unternehmen gewesen. So konsultierte er eine Hellseherin, von der er eine aufschlußreiche Vision erhielt. Er ging in seinem Astralkörper zum Hause von Mathers. Aber in den Körpern von Mathers und seiner Frau waren andere Wesen, vielleicht entseelte Vampire oder Abramelindämonen. Er
  39. 39. 39 überlegte, was er tun sollte, aber es wurde ihm eingegeben, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Der Kelch war noch nicht voll. Crowley blieb noch eine Weile in Paris und lernte Auguste Rodin, William Somerset Maugham und andere Leute aus dem Künstlermilieu kennen. Bald jedoch wurde es ihm zu langweilig, und er kehrte nach Boleskine zurück. Der widerwillige Priester - das neue Aeon und das Buch des Gesetzes Nachdem Crowley in Boleskine mit Kelly, den er dorthin eingeladen hatte, eine kurze Zeit verbracht hatte, reisten die beiden zum Kurort von Kellys Mutter, Strathpeffer. Kelly war gebeten worden, wegen einiger Schwierigkeiten mit seiner Schwester Rose dort hinzukommen. Diese war jung verwitwet und hatte nun zwei geltende Heiratsversprechen auf einmal angenommen. Dieses wäre zur heutigen Zeit sicherlich kein großes Problem, aber damals löste ein solcher Sachverhalt höchstes Entsetzen aus. Crowley dachte sich, daß eine Heirat für ihn eine neue Erfahrung wäre und bot sich Rose kurz entschlossen an:" Heirate mich!" Damit wäre sie ihrem Dilemma entronnen, könne dann frei tun, was sie wolle, denn Crowley sei ohnehin nicht an ihr persönlich interessiert und würde auch sofort verschwinden. So wurden unsere beiden bei Nacht und Nebel im Schnellverfahren von einem Notar vermählt, was von dem aufgebrachten Gerald Kelly nicht rechtzeitig verhindert werden konnte. Crowley reiste auch tatsächlich ab, mußte aber etwas später wegen einer Formalität noch einmal mit Rose vor dem Notar erscheinen. In der Nacht desselben Tages fanden sie sich plötzlich in einem Hotel wieder, und Crowley bemerkte, daß er sich doch in sie verliebt hatte, was er aber wegen seiner Gedanken an das Große Werk zunächst nicht zugelassen hatte. Zusammen kehrten sie nach Boleskine zurück. Nach ein paar höchst leidenschaftlichen Wochen fuhren unsere beiden zunächst einmal nach Paris, wo sie Moina Mathers trafen. Er erfuhr, daß Mathers sie gezwungen hatte, in den Sexshows am Montmatre für die ignoranten Touristen zu posieren. Von Marseille aus schiffte sich das Paar nach Kairo ein. Dort verbrachten sie eine Nacht in der Königskammer der Großen Pyramide, und Crowley beschwor mit Roses Hilfe den ägyptischen Götterboten Thoth. Danach reisten sie weiter nach Ceylon, wo Crowley seiner Vorliebe, der
  40. 40. 40 Großwildjagd, frönte und seine Hymne in Gedichtform auf Rose ,Rosa Mundi' (Rose der Welt) verfaßte. Rose wurde schwanger. Zwar hatte Crowley in der letzten Zeit ein durchaus annehmbares Leben geführt, in magischer und mystischer Hinsicht jedoch tat sich außerordentlich wenig, worüber er selbst auch reichlich unzufrieden war. Im Januar 1904 wollten die beiden ursprünglich nach Europa zurückkehren. Eine bestimmte Vorahnung jedoch veranlaßte Crowley, davon erst einmal abzusehen und nach Ägypten zurückzukehren. In Kairo nannten sich unsere beiden Prinz und Prinzessin Chioa Khan, und man sah den Prinzen mit einem Turban, einer silbernen Robe und einem goldenen Umhang mit seiner Prinzessin durch die Straßen wandeln. Sie mieteten sich eine Wohnung in der Nähe des Boulak-Museums, ein Raum davon in Richtung Norden wurde sogleich als Tempel eingerichtet. Rose verfiel in einen seltsamen, tranceartigen Gemütszustand, den Crowley erst einmal auf die Schwangerschaft oder auf den Gebrauch von Alkohol zurückführte. Sie teilte ihm mehrmals mit, ,sie' würden auf ihn warten. Am 18ten März erklärte sie:" Der auf dich wartete, ist Horus." Crowley war erstaunt, da Rose eigentlich nichts über Ägyptologie wissen konnte und fragte sie aus. Rose konnte Horus bis ins Detail beschreiben. Sie schleppte Crowley sofort in das Museum und führte ihn an einigen Horusstatuen vorbei direkt zum Ausstellungsstück Nr. 666, die Stele der Offenbarung. Crowley war schließlich doch überzeugt. In seinem Tempel beschwor Perdurabo sodann den ägyptischen Gott Horus. Die Anweisungen hierfür hatte er von Rose erhalten, die er nun Ouarda (arabisch: Rose) nannte. „Gekröntes Kind und erobernder Herr! Horus, Rächer! Daher sage ich zu dir: Komme du hervor und wohne in mir; so daß jedes Geistwesen, ob vom Firmament oder vom Aether oder auf der Erde oder unter der Erde oder in der wirbelnden Luft oder im tosenden Feuer und jeder Zauberspruch und Geißel von Gott, dem Unermeßlichen DU sein mögest. Abrahadabra!“ Ouarda teilte ihm nach der Anrufung mit, der Equinox der Götter sei gekommen. Das bedeutete, daß ein neues Zeitalter begonnen hatte, und Perdurabo ausersehen war, es zu initiieren. Eine Wesenheit erschien Ouarda, die Perdurabo über sie anwies, Horus direkt zu beschwören und dann niederzuschreiben, was er hörte. Diese Wesenheit nannte sich Aiwass und war einer der geheimen Chefs vom Grade eines lpsissimus. Perdurabo tat, wie ihm geheißen und saß am 8ten April 1904 bereit in seinem Tempel. Plötzlich hörte er eine Stimme wie er meinte, über seine linke Schulter aus der am ,weitesten entfernten Ecke des Tempels sprechen. Diese Stimme selbst beschrieb er als tiefgründig, musikalisch und ausdrucksstark, der
  41. 41. 41 Tonfall feierlich, sinnlich, zärtlich und kraftvoll je nach Stimmungslage und Aussage. Aiwass diktierte ihm an diesem Tag den ersten Teil des Liber Al vel Legis oder Buches des Gesetzes, die Offenbarung der Nuit. Am nächsten und auch am übernächsten Tag folgten die Teile zwei und drei Hadit und Ra-Hoor-Khuit. Dieses Buch wird heute vielfach als das ,Tantra des, Westens' oder ,I Ging des Wassermannzeitalters’ bezeichnet. Der Inhalt ist magisch, kabbalistisch und prophetisch. Crowley bezeichnete es als seine Aufgabe, die Menschheit zum solarem Bewußtsein zu führen, d.h., zur vollständigen Befreiung der menschlichen Rasse: „Das Männliche und das Weibliche ewig jung, schamlos und unschuldig. Sie tanzen im Licht und dennoch leben sie auf der Erde.“ Allein durch das Lesen werden archetypische Seelenschichten angesprochen und erste Initiationsvorgänge in Kraft gesetzt. Dennoch schützt sich wahre Initiation immer selbst, so wird es dem ‘Ungeeigneten' verschlossen bleiben, er wird es auf ganz trivialer Ebene falsch verstehen. Im Liber Al vel Legis ist ein umfassendes System von Aussagen, Gegenaussagen, Widersprüchen, Symbolen und Poesie enthalten, um Dinge über intuitives Erfassen zu übermitteln, die in normaler Sprache nicht mitteilbar sind. Das Wort des Gesetzes ist Thelema, das griechische Wort für Wille. Es drückt sich in der trügerisch einfachen Formel ,Tue, was du willst!' und ihrem Komplement ,Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!' aus. Ersteres ist die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, den Punkt, indem sein Handeln deckungsgleich ist mit seinem Selbst, oder - wie Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt - der Kontakt und die Konversation mit dem Heiligen Schutzengel. Jede Handlung ist sodann die bewußte Handlung eines ganzheitlichen Menschen. Es ist eine dynamische Formel, die die unendliche Bewegung des Bewußtseins symbolisiert. Das Prinzip der Liebe ist der zweite Teil dieser magischen Formel, deren erster Teil der Wille ist. Liebe unter der Kontrolle des Willens oder bewußte Liebe ist hier gemeint. Liebe ist die älteste Urkraft der Welt, die Vereinigung der Gegensätze von Mann und Frau. Der Hexenkessel ist der menschliche Körper selbst, nicht mehr ein Gegenstand im Laboratorium, wie es früher bei Alchimisten der Fall war. Der ,Stein der Weisen' entsteht keineswegs aus dem Zusammenmischen materieller Substanzen. Liebe unter Willen verlangt die Vereinigung der Dualitäten. Einerseits die Aufhebung des Widerspruchs von Körper und Geist, andererseits die Aufhebung des Widerspruchs von Mann und Frau. Diese Form der Erleuchtung setzt im Menschen eine Kraft frei, der nichts auf dieser und nichts jenseits dieser Welt einen Widerstand entgegensetzen kann. Aber um diese Kraft zu lenken, braucht er einen Willen, sonst zerstört sich der Mensch selbst.
  42. 42. 42 Ist dieses verwirklicht, ist der Mensch der enthüllte Gott, Deus est Homo. Das Getrenntsein ist überwunden, alles ist ein Teil von ihm, und er ist ein Teil von allem. Wie es die ägyptischen Mysterien ausdrücken: "Es ist kein Teil an mir, der nicht von den Göttern ist." oder ,,Der Mensch ist Gott." Das Liber AI vel Legis verkündet ein neues Äon oder Zeitalter. Dieses ist ein Prozeß, innerhalb dessen das universale Bewußtsein die bisherige Stufe seiner Ausprägung, welche durch die letzten 2000 Jahre bestimmt ist, zerstört, um eine neue schaffen zu können. Dem alten, abendländischen Dogma des ,Sterbenden Gottes Jesus Christus' setzt das Liber Al die Formel des ,Verborgenen Gottes' des Menschen - entgegen. Der Weg, den dieses Buch lehrt, umfaßt die Ablehnung aller überkommenen Gesetze und Moralvorstellungen des alten Äons. Dies mißfällt natürlich der Gesellschaft, die alle übertretenen Gesetze verfolgt, deshalb wurde Crowley auch folgerichtig als ,der verderbteste Mensch dieses Jahrhunderts' bezeichnet (Nach M.D. Eschner, Liber Al vel Legis und Kommentare im gleichen Verlag). 1904 aber war Crowley die Bedeutung des Liber Al vel Legis und die darin enthaltenen Aufgaben, die seine Person als Prophet des neuen Äons anbetrafen, noch überhaupt nicht bewußt. Er schrieb nur: „Das erste wichtige Ergebnis der neuen Offenbarung war die Mitteilung von den geheimen Chefs, daß das neue Äon das Aufbrechen der zu dieser Zeit existierenden Zivilisation bedeutete. Das Wesen von Horus, ,Gewalt und Feuer', bedeutete, daß sein Aeon vom Kollaps der falschen Menschenfreundlichkeit gezeichnet sein sollte.“ Crowley nahm nach der Offenbarung von Aiwass den Grad des Adeptus Major 6°= 5 mit dem Motto O.S. V. (Ol Sonuf Vaoresagi, ich werde herrschen) an. Er ließ sich noch in Kairo die Inschrift der Stele übersetzen und ein Faksimile davon anfertigen. Darauf kehrten Prinz und Prinzessin Chioa Khan nach Europa zurück. Crowley schrieb noch einen formalen Brief an Mathers, in dem er ihm mitteilte, daß er von den geheimen Chefs zum Oberhaupt des Ordens ernannt sei, und verkündete Mathers das Wort des Gesetzes ,Thelema'. Das griechische Wort Thelema bedeutet Wille und symbolisiert somit die Formel ,Tue, was du willst!'. Zwar erwartete Crowley keine Antwort, aber er erklärte dennoch Mathers offen den Krieg. Das Manuskript des Liber Al vel Legis verschwand zunächst für ein paar Jahre unbeachtet in der Versenkung.

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