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Handelt wie Gott. Gepredigte Auslegung von Mt 5,38–48

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Handelt wie Gott. Gepredigte Auslegung von Mt 5,38–48

  1. 1. Mt 5,38–48 Andreas Janke
  2. 2. Universitat Hamburg ¨ Fachbereich Evangelische Theologie Institute f¨r Neues Testament und f¨r Praktische Theologie u u Sedanstaße 19, D-20146 Hamburg Handelt wie Gott Gepredigte Auslegung von Mt 5,38–48 Stud. theol. Andreas Janke Markt 6, D-37581 Bad Gandersheim Email: j-andreas@gmx.de Exegetisches und homiletisches Seminar zur Bergpredigt Prof. Dr. Wolfgang Grunberg ¨ Prof. Dr. Jens Schr¨ter o
  3. 3. Die hier vorliegende Schrift entstand als exegetische Hauptseminararbeit und Großer homiletischer Entwurf zum Exegetischen und homiletischen Seminar zur ” Bergpredigt“, das die Professoren Dr. Wolfgang Gr¨nberg (PT) und Dr. Jens Schr¨ter u o (NT) im Sommersemester 2000 am Fachbereich Evangelische Theologie der Univer- sit¨t Hamburg anboten. Abgegeben habe ich die urspr¨ngliche Schrift am 1. August a u 2002. Abgesehen vom Titelblatt und wenigen Korrekturen habe ich an der Arbeit nur das Layout ver¨ndert, um die Blattzahl einschl. Einband von 168 Blatt/Seiten auf a das postg¨ngigere Maß von 66 Blatt/112 Seiten zu verringern. a Bad Gandersheim, Oktober 2002
  4. 4. Inhaltsverzeichnis 1. Predigt 1 2. Hermeneutik 3 2.1. Der Ausgangspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2. Der texttheoretische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 2.3. Konsequenzen aus dem texttheoretischen Ansatz . . . . . . . . . . . . 7 3. Exegese 9 3.1. Meine exegetische Situation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 3.2. Textkritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 ¨ 3.3. Ubersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 3.4. Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 3.4.1. Vorgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 3.4.2. Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.4.3. Abgrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 3.4.4. Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3.5.1. Mt 5,38-42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.5.1.1. Wortartenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.5.1.2. Verbanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.5.1.3. Nomenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 3.5.1.4. Satzanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 3.5.1.5. Sprachliche Auff¨lligkeiten a . . . . . . . . . . . . . . . 20 3.5.2. Mt 5,43-48 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 3.5.2.1. Wortartenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 3.5.2.2. Verbanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 3.5.2.3. Nomenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 3.5.2.4. Satzanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 3.5.2.5. Sprachliche Auff¨lligkeiten a . . . . . . . . . . . . . . . 26 3.6. Semantische Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 3.6.1. Mt 5,38-42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3.6.1.1. Wortsemantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3.6.1.2. Textsemantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 3.6.1.3. Grammatische Semantik . . . . . . . . . . . . . . . . 40 3.6.2. Mt 5,43-48 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 iii
  5. 5. Inhaltsverzeichnis 3.6.2.1. Wortsemantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 3.6.2.2. Textsemantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.6.2.3. Grammatische Semantik . . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.7. Handlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3.7.1. Mt 5,38-42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.7.1.1. Handlungsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.7.1.2. Sprechaktanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.7.2. Mt 5, 43-48 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.7.2.1. Handlungsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.7.2.2. Sprechaktanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 3.8. Intertextualit¨t . . . . . . . . . . . . . . . a . . . . . . . . . . . . . . . . 70 3.8.1. Mt 5,38-42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 3.8.2. Mt 5,43-48 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.9. Pragmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 3.9.1. Mt 5,38-42 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 3.9.2. Mt 5,43-48 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 4. Systematik 79 4.1. Dogmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 4.1.1. Der Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 4.1.1.1. Im evangelisch-lutherischen Verst¨ndnis a . . . . . . . . 80 4.1.1.2. Im Matth¨usevangelium . . a . . . . . . . . . . . . . . . 82 4.1.2. Die Erl¨sung . . . . . . . . . . . . . o . . . . . . . . . . . . . . . 83 4.1.3. Problematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 4.2. Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 5. Homiletik 87 5.1. Die Zielgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 5.2. Die Predigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 5.2.1. Die Predigtm¨glichkeiten . . . o . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 5.2.2. Verarbeitung des Predigttextes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 5.2.3. Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 5.2.4. Predigtaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 5.2.5. Korrigierende Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 A. Zusammenfassung der Exegese I B. Phrasenschema Mt 5,1–6,18 III C. Literaturverzeichnis V Matth¨us 5,38–48 a XI iv
  6. 6. 1. Predigt I. Eure Gerechtigkeit soll besser sein, als die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten! Schriftgelehrte bohren Ihren Verstand in die Schrift. Sie verstehen die Schrift genau. Sie verstehen den Wortlaut bis ins Detail. Sie verstehen, wie man einen Wortlaut umsetzen soll. Doch Eure Gerechtigkeit soll besser sein, damit Ihr das Reich Gottes erkennen k¨nnt. o II. Ihr habt schon vier Beispiele f¨r diese bessere Gerechtigkeit geh¨rt: Ihr sollt u o nicht t¨ten, nicht einmal in Eurem Denken. Stattdessen sollt Ihr Euch mit je- o dem vers¨hnen, bevor Ihr mit Gott redet, wenn Ihr in Euch Hass und Abnei- o gung findet. Weder sollt Ihr die Ehe anderer gef¨hrden, noch sollt Ihr Eure Ehe a aufl¨sen. Stattdessen sollt Ihr die Ehe unter allen Umst¨nden sch¨tzen. Ihr sollt o a u nicht schw¨ren, denn Ihr habt keine Macht, Euren Worten mehr Gewicht zu o verleihen. Stattdessen sollt Ihr jederzeit aufrichtig sein und Ja“ meinen, wenn ” Ihr Ja“ sagt, und Nein“ sagen, wenn Ihr Nein“ meint. Denn auch Gott meint ” ” ” Ja“, wenn er Ja“ sagt und Nein“, wenn er Nein“ sagt. ” ” ” ” III. Zwei weitere Beispiele will Euch jetzt noch geben: IV. Ihr wisst: Ein Grundzug menschlicher Gerechtigkeit ist, dass Gleiches mit Glei- chem vergolten wird. Daran hat sich seit Jahrtausenden nichts ge¨ndert. a V. Ich sage Euch dazu: Selbst vom Verbrecher gilt: Gott schuf den Menschen nach ” seinem Bilde.“ Das sollt Ihr in jedem Menschen sehen und ihn behandeln, wie Gott sein Ebenbild behandelt. VI. Wenn Ihr also Opfer eines Verbrechens werdet, vergeltet dem Verbrecher nicht Gleiches mit Gleichem. Gott zahlt Euch nicht mehr mit gleicher M¨nze heim, u selbst wenn Ihr Euch gegen Ihn wendet. Mit welchem Recht wollt Ihr dann einem Verbrecher mit gleicher M¨nze heimzahlen? u ¨ VII. Wenn Ihr aufs Ubelste beleidigt werdet, lasst es ruhig uber Euch ergehen oh- ¨ ne selbst zu beleidigen. P¨belt Gott etwa zur¨ck, wenn Ihr ihn anp¨belt? Mit o u o welchem Recht wollt Ihr auf eine Beleidigung beleidigend reagieren? VIII. Und wenn Ihr vor Gericht gezogen werdet, gebt dem Kl¨ger mehr als er fordert. a Selbst wenn er Eure Unterw¨sche pf¨nden lassen wollte, gebt ihm Eure ganze a a Kleidung. Denn denkt daran: Selbst wenn Ihr Gott anklagt, bekommt Ihr von Ihm mehr als Ihr fordern k¨nnt. Mit welchem Recht wollt Ihr jemanden, der o Euch anklagt, anders behandeln, als Gott Euch behandelt? 1
  7. 7. 1. Predigt IX. Wenn Euch jemand um etwas bittet, gebt es ihm, denn Gott gibt Euch auch, wenn Ihr ihn bittet. Und wendet Euch nicht ab, wenn jemand Geld von Euch leihen will, sondern seid freiz¨gig. Erwartet nicht, dass Ihr es zur¨ckerhaltet, u u schon gar nicht mit Zinsen, oder fordert Gott von Euch zur¨ck, was er Euch u gibt? Nimmt er etwa Zinsen f¨r seine Gaben? Mit welchem Recht wolltet Ihr so u etwas tun. X. Ihr wisst: Menschen nehmen gerne die in ihre Gemeinschaft auf, die ihnen na- hestehen, aber sie verabscheuen ihre Gegner. Daran hat sich seit Jahrtausenden nichts ge¨ndert. a XI. Ich sage Euch dazu: Selbst von Eurem Gegner gilt: Gott schuf den Menschen ” nach seinem Bilde.“ Das sollt Ihr in jedem Menschen sehen und ihn behandeln, wie Gott sein Ebenbild behandelt. XII. Nehmt alle Menschen in Eure Gemeinschaft auf, selbst Eure Gegner. Denn Gott macht keinen Unterschied zwischen seinen Ebenbildern. Er empf¨ngt sie alle a gerne in seinem Hause. Mit welchem Recht wollt Ihr jemanden verabscheuen, den Gott aufnimmt? ¨ XIII. Legt meine Worte nicht auf die Goldwaage. Uberlegt nicht, welches Wort was genau bedeutet und welche F¨lle dann wie zu behandeln sind. Das ist die Ge- a rechtigkeit der Schriftgelehrten. Ich weiß, dass Euch diese Gerechtigkeit nahe liegt. XIV. Eure Gerechtigkeit soll besser sein. Eure Gerechtigkeit soll die Gerechtigkeit sein, die kein jemals von Gott geschaffenes Gesetz ubertreten kann. Eure Gerechtigkeit ¨ soll die Gerechtigkeit sein, die diese Gesetze geschaffen hat. Eure Gerechtigkeit soll die Gerechtigkeit Gottes sein. XV. Gottes Gerechtigkeit f¨r Gott, menschliche Gerechtigkeit f¨r Menschen, nicht u u wahr? Menschen sollen sich aus der Gerechtigkeit Gottes heraushalten; das ist Gottes Spielfeld, oder? Es stimmt, wenn ein Mensch ein Mensch bleiben will. Aber ein Mensch mit menschlicher Gerechtigkeit kann nur die menschliche Welt verstehen und erkennen. Euer Urteil soll jedoch so sein, wie das Urteil Gottes, damit Ihr Euch zu Kindern Gottes entwickeln werdet. Dann k¨nnt Ihr das Reich o Gottes erkennen und hineintreten. XVI. Meine Beispiele geben Euch eine erste Orientierung. W¨re es nicht m¨glich ans a o Ziel zu kommen, ich h¨tte Euch dies alles nicht gesagt. Aber von Euch ist uber- a ¨ liefert: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.“ Ihr werdet ganz sicher ” vollkommen sein, so wie Gott vollkommen ist. XVII. Damit Ihr Euch auf dem Weg nicht verzettelt, soll Euch das alte, uberlieferte ¨ Gebet begleiten: XVIII. Vaterunser: . . . 2
  8. 8. 2. Hermeneutik Die gesamte, vorliegende Arbeit ist Frucht eines exegetisch-homiletischen Hauptsemi- nars zur Bergpredigt. Sie ist quasi das provozierte Resultat des Versuchs der Profes- soren Dr. Wolfgang Gr¨nberg (Praktische Theologie) und Dr. Jens Schr¨ter (Neues u o Testament), beide Universit¨t Hamburg, Exegese und Homiletik wieder aufeinander a zu beziehen. Die wesentliche Aufgabe des Seminars war es, die Verkn¨pfung zwischen den bei- u den theologischen Disziplinen Exegese und Homiletik zu schaffen. Dabei wurde von Seiten der Exegese starkes Gewicht auf die ¨sthetische Interpretation von Texten a gelegt, auf Seiten der Homiletik wurde nach der ¨sthetischen Umsetzung der Inter- a pretation in die Predigt gesucht, bzw. die Predigt konnte als integraler Bestandteil der Exegese gedacht werden. Dazu mussten sich beide Disziplinen weit aus dem Fens- ter lehnen. W¨hrend des ersten Seminarteils war es im exegetischen Bereich n¨tig, a o zuallererst eine texttheoretische Grundlage f¨r die ¨sthetische Interpretation zu erar- u a beiten. Im Gegenzug musste die Homiletik mehr dazu gebracht werden, die Ergebnisse der Exegese nicht als nebens¨chlich abzutun, sondern aufzunehmen. Weiterhin ist es a innerhalb der Homiletik notwendig, eine texttheoretische Grundlage f¨r ihr ansonsten u weithin emotionales, spontanes und manchmal k¨nstlerisches Vorgehen zu schaffen. u Den homiletischen Fragestellungen war der zweite Teil des Seminars gewidmet. Die Zusammenf¨hrung beider Disziplinen sollte m.E. im dritten Teil des Seminars statt- u finden, in dem Predigten erarbeitet und zum kleinen Teil gehalten und besprochen wurden. Das exegetisch-homiletische Projekt Dr. Gr¨nbergs und Dr. Schr¨ters erfordert u o konsequenter Weise eine Arbeit, die Exegese und Homiletik vollwertig miteinander kombiniert und aufeinander bezieht. 2.1. Der Ausgangspunkt Homiletik und Exegese haben sich schon vor vielen Jahrzenten auseinandergelebt und sind gerade im Umgang mit biblischen Texten sehr unterschiedliche Wege gegangen. Betrieb die Exegese in erster Linie Textarch¨ologie und war immer auf der Suche a nach den urspr¨nglichen Texten,1 fragte die Homiletik eher nach der aktualisierenden u 1 Zum Einwand In sum, historical criticism (interpreted rather one-sidedly and unfairly, because ” it was seldom merely historical in interest as now often alleged) is given only a preliminary rˆle o in interpretation.“ [13, S. 2] ist zu sagen, dass das Interesse der historisch-kritischen Exegeten tats¨chlich nicht nur die Konstruktion historischer (Pseudo-) Fakten ist und sie in methodisch- a theoretischen Ausarbeitungen immer wieder betonen, Sinn der Texte den Texten entsprechend herausarbeiten zu wollen. Jedoch besagt ihr Interesse nicht, dass ihm ihre Arbeitweise entspricht. 3
  9. 9. 2. Hermeneutik Umsetzung eines biblischen Textes in seiner vorliegenden Fassung. Weder hatte die historisch-kritische Exegese die Predigt als Endpunkt ihrer Arbeit im Blick, noch konnte oder wollte die Homiletik die Ergebnisse der Exegese in Anspruch nehmen. Texttheoretisch liegt der historisch-kritischen Exegese die Idee zu Grunde, mit dem urspr¨nglichen Text auch seinen Sinn zu erhalten oder zumindest seinen Stellenwert u herauszuarbeiten. Der Sinn eines Textes liegt im Text selbst, so dass die Bedeutung leserunabhh¨ngig eindeutig erhoben werden kann. Die Homiletik scheint dagegen kein a klares, texttheoretisches Bild zu haben. Das exegetische System der Suche nach den Urspr¨ngen des Textes geh¨rt zur u o genossenen Elementarausbildung aller Seminarteilnehmer. Es hat (noch) eine deutli- che Vormachtstellung. Durch die Erkenntnis, dass die Urspr¨nge erstens kaum mehr u aufdeckbar sind, sie zweitens auch nicht dem Sinn eines Textes gleichgesetzt wer- den k¨nnen und dass drittens die historische Arbeit durch die historische Fantasie o des Exegeten pr¨destiniert ist, ger¨t dieses exegetische System samt seinen Ergeb- a a nissen zunehmend unter Druck. Dadurch wird die selbstverst¨ndlich angenommene a Vormachtstellung der historisch-kritischen Exegese ersch¨ttert. Dessen ungeachtet ist u die historische Kritik nach wie vor das System, das zumindest an den evangelisch- theologischen Fakult¨ten Deutschlands vorwiegend gelehrt und in Examina abgepr¨ft a u wird. 2.2. Der texttheoretische Ansatz Im Seminar wurde der Annahme der historischen Kritik, ein Text entwickle einen ein- deutigen Sinn, indem er methodisch korrekt auf seine historischen Vorstufen zur¨ck- u gef¨hrt wird, ein anderes Textverst¨ndnis entgegengestellt, das auch ein anderes ex- u a egetisches System erfordert. Ein Text an sich ist sinnlos. Erst der Leser entwickelt in Wechselwirkung mit dem Text eine Welt, worin er Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln kann, die uber die ¨ allt¨glichen Erfahrungen hinaus gehen.2 Der Text ist von seinem Autor und bis zu a einem gewissen Grad auch von der Zeit emanzipiert.3 Der Leser ist aber nicht frei, Sie verhalten sich wie Menschen, die einen Nagel mit einem Spaten in die Wand schlagen oder ihren Garten mit einem Hammer umgraben. Sie setzen f¨ r ihr Interesse unpassendes Werkzeug ein. Es u kann deshalb auch in fast allen historisch-kritischen Kommentaren beobachtet werden, dass ihre historische Arbeit nicht zum Sinn sondern zu (Pseudo-) Fakten f¨ hrt, Sinnbeschreibungen dagegen u fast durchweg auf Basis unvermittelter Behauptungen oder doch noch eingesetzter, literarischer oder ¨sthetischer Methoden stehen. a 2 Ein Text ist zu interpretieren als ein Entwurf von Welt, die ich bewohnen kann, um eine meiner ” wesenhaften M¨glichkeiten darin zu entwerfen.“ [40, S. 32]. o 3 Vgl. Ricoeur: Zun¨chst macht die Schrift den Text gegen¨ ber der Intention des Autors autonom. a u ” Was der Text bedeutet f¨llt nicht mehr mit dem zusammen, was der Autor sagen wollte. [. . . ]“ a [40, S. 28f]. 4
  10. 10. 2.2. Der texttheoretische Ansatz dem Text irgendeine Bedeutung beizumessen.4 Erstens reizt der Text mit dem, was er bietet, den Leser zum Verstehen; er enth¨lt jedoch nur eine eingrenzbare Spannbreite a an Reizen.5 Zweitens ist der Leser aufgrund seines begrenzten Erfahrungshorizonts nicht in der Lage, alle vom Text m¨glicherweise angeregten Bedeutungen zu erken- o nen. Kulturelle, soziale und psychologische Unterschiede, zu denen letztendlich auch die durch fortlaufende Zeit bedingten Unterschiede z¨hlen, f¨hren zu einer Vielzahl a u realisierbarer Bedeutungen. Da ein Leser aber in seiner Kultur, seinem sozialen Um- feld und seiner psychologischen Verfassung verhaftet ist, kann er nur die ihm aktuell m¨glichen Bedeutungen erfassen.6 o Der wirklich urspr¨ngliche Leser eines Textes ist eine Vorstellung im Kopf des Au- u tors.7 Um diesen urpsr¨nglichen Leser von den Menschen zu trennen, die zuerst den u Text gelesen haben, schlage ich die begriffliche Unterscheidung zwischen zeitgen¨ssi-o sche Leser und urspr¨nglichem Leser vor. Urspr¨ngliche Leser k¨nnen wir nur von u u o Texten sein, die wir selbst schreiben. Alle anderen Leser, selbst die zeitgen¨ssischen, o k¨nnen in eine Reihe verschiedener Kulturen und Subkulturen zerfallen. Werden schon o allein dadurch eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen eines Textes m¨glich, o so produzieren auch innerhalb kulturell homogener Gruppen die Leser je f¨r sich ihren u ureigenen Textsinn. Es ist unm¨glich zu sagen, der zeitgen¨ssische Leser uberhaupt o o ¨ verstehe Dies oder Das. Ein Exeget kann sich den zeitgen¨ssischen Lesern historischer o Texte nur durch seine historische Fantasie n¨hern, indem er aus sich heraus, an vor- a handenen Quellen orientiert, zeitgen¨ssische, kulturell unterschiedliche Lesergruppen o konstruiert. Die Frage nach den zeitgen¨ssischen Lesern dient in erster Linie dazu, o m¨gliche, sprachliche Codes eines historischen Textes zu erfassen. o Wie die Wechselwirkung zwischen Text und Leser funktioniert, ist schwer zu fassen. Ich schlage als Arbeitsthese vor, dass Textverst¨ndnis auf Analogieschl¨ssen basiert. a u Ein Leser verst¨nde dann die Textwelt, weil er in der Lage ist, in seiner Welt, die er u aus seinen Erfahrungen ableitet, Analogien zur Textwelt zu finden.8 Das kann insofern auch theoretisch gerechtfertigt sein, als Menschen auf immer wieder gleiche Lebens- 4 Es [Sich-Verstehen vor dem Text] heißt nicht, dem Text die eigene begrenzte F¨higkeit des Ver- a ” stehens aufzuzwingen, sondern sich dem Text auszusetzen und von ihm ein erweitertes Selbst zu gewinnen, einen Existenzentwurf als wirklich angeeignete Entsprechung des Weltentwurfs.“ [40, S. 33]. 5 Vgl. Iser: Gleichzeitig aber ist der Text selbst eine ‘Rezeptionsvorgabe’ und damit ein Wirkungs- ” potential, dessen Strukturen Verarbeitungen in Gang setzen und bis zu einem gewissen Grade kontrollieren.“ [26, S. I]. 6 Vgl. Iser: Diese [Sinnbildungsprozesse des Textes/ Aktualisierungsm¨glichkeiten] sind im je kon- o ” kreten Falle durch die individuellen Dispositionen des Lesers und den von ihm geteilten sozio- kulturellen Code bedingt.“ [26, S. VI]. 7 Nicht mit dem im Text manifestierten, impliziten Leser zu verwechseln. Das Bild im Kopf des Autors muss sich nicht vollst¨ndig in die Textstrategie des impliziten Lesers umsetzen. Es ist nicht a einmal sicher zu sagen, ob jeder Autor eine Strategie einsetzt, die seinem Leserbild entspricht. Schon im Bereich von Ironie und Zynismus mag ein Autor bewusst einen anderen, impliziten Leser als seinen urspr¨ nglichen Leser niederschreiben. Das heißt wiederum, dass mit Hilfe des impliziten u Lesers nicht in den Kopf des Autors geschaut werden kann. 8 Eine ahnliche Voraussetzung schafft sich Iser wohl mit dem Begriff Sinnkonstanz“: Die basale ¨ ” ” Erwartung von Sinnkonstanz bildet die Voraussetzung f¨ r die Verarbeitung der Ereignishaftigkeit u des literarischen Textes.“ [26, S. VI]. 5
  11. 11. 2. Hermeneutik fragen nur eine begrenzte Vielfalt an Antworten und Strategien entwickeln k¨nnen, o solange der Mensch nicht grunds¨tzlich ver¨ndert wird. Technische Differenzen be- a a deuten keine grunds¨tzliche Ver¨nderung des Menschen. Ihm stehen allenfalls andere a a Mittel zur Verf¨gung, um in einer gleichen Situation zu einem gleichen Ergebnis zu u kommen. ¨ 9 Im Ubrigen sind Analogieschlussverfahren im Rahmen der Grammatik na- hezu selbstverst¨ndlich. In dem Moment, in dem wir eine Grammatik irgendeiner a Sprache, die nicht Latein ist, mit lateinischen Begriffen beschreiben, verstehen wir ihre Grammatik durch die Analogie zur lateinischen Grammatik. Wer immer eine Sprache grammatisch so begriffen hat, tr¨gt Analogieschl¨sse bei seiner elementaren a u ¨ Grundlage, der Ubersetzung, in sein Verst¨ndnis ein. a Text verstehe ich vorerst als aufgeschriebene Sprache, obwohl mir durchaus be- wusst ist, dass der Begriff Text mit Recht wesentlich weiter gefasst werden kann. Eine Diskussion dar¨ber zu f¨hren lohnt sich aber hier nicht, weil ich geschriebenes u u Wort auslege. Es gibt m.M. nach eine Reihe von Texten, die so in einer Wechselwirkung mit einer Gemeinschaft stehen, dass sie von einer Gemeinschaft zur Identifikation geschaffen bzw. zusammengestellt werden und dann derselben Gemeinschaft fortan zur Identifi- kation dienen. Solche Texte k¨nnen nur auf breiter Basis der Gemeinschaft ge¨ndert o a werden. Zu ihnen geh¨ren u.a. Gesetze, kanonisierte Glaubenszeugnisse, und z.T. o festgeschriebene Auslegungen. Ein Abweichen von solchen Texten indiziert ggf. einen Austritt aus der Gemeinschaft dieses Textes, zumindest werden aber dadurch Fragen provoziert, ob man noch innerhalb der Gemeinschaft stehe. Unber¨hrt davon bleibt u das verschiedenartige Verst¨ndnis der Texte. Drei Beispiele seien hier genannt: Die a Gesetze eines Staates definieren diesen Staat und bestimmen damit die Gemeinschaft, f¨r die diese Gesetze gelten. Teilweise werden noch Untergruppen innerhalb dieser u Gemeinschaft geschaffen, indem nicht alle Gesetze gleichermaßen f¨r alle ihre Glie- u der gelten. Zu denken ist hierbei z.B. an die Ausl¨ndergesetzgebung. Im religi¨sen a o Kontext seien nur die verschiedenen christlichen Gruppen exemplarisch angef¨hrt.u Als Grundidentifikation von Christen ist der Bezug auf eine Bibel mit Altem und Neuen Testament zu nennen. Die erste Binnendifferenzierung setzt bei der Wahl der ¨ maßgebenden Sprache ein sowie bei der Wahl der Bestandteile der Uberlieferung und ihrer Anordnung. Als weitere Unterscheidungspunkte treten gesetzte Auslegun- gen oder Texte hinzu. Aus der Kategorie der zus¨tzlichen, festgesetzten Texte sei- a en die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche angef¨hrt, welche die u Untergruppe evangelisch-lutherische Christen innerhalb der Gemeinschaft aller Chris- ten identifizieren. Zuletzt sei auf die Entstehung des Kanons verwiesen. Zumindest ein wichtiger Faktor in diesem Prozess war der Identifikationszwang f¨r Christen in u Abgrenzung von H¨resien. Besonderen Druck ubte hier Marcion aus, der seinerseits a ¨ bereits einen Kanon geschaffen hatte und damit erfolgreich eine marcionitische Ge- meinschaft fundamentieren konnte. 9 Es ist gleichg¨ ltig, ob sich Menschen mit Schwertern zerhacken oder mit Kugeln durchsieben. Ihr u Grundkonflikt ist identisch und das Ergebnis auch. 6
  12. 12. 2.3. Konsequenzen aus dem texttheoretischen Ansatz 2.3. Konsequenzen aus dem texttheoretischen Ansatz Wenn ein Text weder seine Autorit¨t noch seinen Sinn vom Autor bezieht, dann be- a kommt die Bibel selbst dann keinen Punkt mehr Sinn oder Geltung, wenn Gott ihr Autor w¨re. Wollte man die Inspiration retten, so m¨sste man sagen, dass der Leser a u oder Ausleger inspiriert sein m¨sse. Auf meiner texttheoretischen Basis kann nur der u Autor selbst seinen Text exakt so verstehen, wie er ihn meint, aber auch nur zu der Zeit, in der er den Text verfasst. Sein Verst¨ndnis ist von seiner Lebenswirklichkeit a abh¨ngig. Meinte man also, Gott h¨tte die Bibel geschrieben, und wollte man sie a a so verstehen, wie er sie gemeint hat, dann m¨sste man selbst Gott sein, und zwar in u vollem Umfang. Es wird kaum anders, wenn man die Texte genau so verstehen wollte, wie ihre menschlichen Autoren sie meinten. Zum Beispiel das Matth¨usevangelium so a zu verstehen, wie Matth¨us es meinte, setzte voraus, ausschließlich und unbeeinflusst, a k¨rperlich und geistig Matth¨us zum Zeitpunkt der Abfassung des Evangeliums zu o a sein. Ein solcher, anachronisitscher Exeget w¨rde sp¨testens beim n¨chsten Versuch, u a a eine befahrene Straße zu uberqueren, aus der Welt der Lebenden gestoßen. Aber selbst ¨ wenn er auch nur ein wenig uberleben sollte – nicht zu lange, damit nicht etwa die ¨ aktuelle Welt seinen anachronistischen Zustand verzerre – k¨nnte er uns nur Sinn o vermitteln, der wie z.B. das Matth¨usevangelium selbst, aus einer anderen Kultur a stammt. Transponierte so ein Exeget den Text in unsere Kultur, m¨sste er mindes- u tens mit ihrer Sprache vertraut sein. Dann jedoch w¨re er nicht mehr unbeeinflusst a der Autor des historischen Textes und k¨nnte ihn deshalb nicht mehr unverzerrt ver- o stehen. Es ist deshalb theoretisch unm¨glich, einen Text ernsthaft von seinem Autor o her zu erfassen, schon gar nicht, wenn es sich um einen historischen Text handelt. Der Autor oder die Autoren der Heiligen Schrift verleihen ihr weder Bedeutung, noch Sinn noch Heiligkeit. Dennoch gilt sie mir als kaum ver¨nderbares Dokument a der Kirche, weil die Bibel ihr Identit¨t und Grundlage gibt. Die Bibel zu ¨ndern ist a a gleich einer Ver¨nderung der Kirche, f¨hrt unausweichlich in eine andere Glaubens- a u gemeinschaft. Mein Ansatz kann weiterhin die Frage wieder akut machen, welche Sprache maßge- bend ist, ob die Reihenfolge der Schriften im Kanon relevant ist und welche Texte im Kanon stehen. Reihenfolge und Bestandteile des Kanons markieren mindestens christ- liche Untergruppen. Bei der Wahl der Sprache muss ich aus technischen Gr¨nden u etwas lockerer sein. Sprache zeichnet schon innerhalb gleicher christlicher Str¨mun-o gen Subkulturen aus, seien es Christen gleicher Konfession in verschiedenen L¨ndern, a seien es verschiedene Generationen nominell gleicher Sprache, sei es der Unterschied zwischen Theologe und Laie. Aus der legitimierten Vielfalt der Auslegungen zu einem Text resultiert das Pro- blem, welche Interpretationen im Rahmen des M¨glichen liegen und welche dar¨ber o u hinaus gehen. Das Seminars, aus dem heraus diese Arbeit entstanden ist, konnte hierf¨r keine Kriterien erarbeiten, obwohl die Frage immer und immer wieder ver- u handelt wurde. Meine These zum Problem, zwischen m¨glichen und unm¨glichen In- o o terpretationen von Texten zu scheiden, ist: Sobald eine Interpretation auf dem Markt ist, ist sie eine m¨gliche Interpretation. W¨re sie unm¨glich, g¨be es sie nicht. Es kann o a o a 7
  13. 13. 2. Hermeneutik also nicht darum gehen, Kriterien zur Aussonderung von Interpretationen zu finden, sondern h¨chstens darum, Kriterien zu ihrer Klassifizierung zu entwickeln.10 o Die texttheoretische Basis erwartet, dass ein Leser mit seinem Text Sinn entwickelt. Deshalb muss sie auch davon ausgehen, dass der Leser etwas mit seinem Text machen wird. Spricht er mit seinem Text zu anderen Menschen, dann stellt er Theologie in den Raum. Aus diesem Grunde ist es vorprogrammiert, dass sich der sprechende Leser mit der Systematik auseinanderzusetzen haben wird. Das kann aber bedeuten, dass er m¨glicherweise mit den bislang festgelegten Glaubensgrunds¨tzen seiner Konfession o a oder sogar den allgemein g¨ltigen, außerbiblischen, christlichen Glaubensgrunds¨tzen u a in Konflikt ger¨t – zu denken w¨re z.B. an die Glaubensbekenntnisse –. Mein Text- a a verst¨ndnis mit ihm entsprechenden Methoden hat also das Potential, nicht nur mit a der Homiletik zu kommunizieren, sondern auch mit der Systematik zu diskutieren. Die theoretische Bedeutung dieser Diskussion f¨r die Praxis und die Lehrgeb¨ude u a heutiger Kirchen haben wir im Seminar nur gestriffen, aber nicht vertieft. Tats¨chlich a sehe ich die M¨glichkeit, alle theologischen Disziplinen von der Exegese her ineinan- o der zu arbeiten und vor das Problem zu kommen, rechtfertigen zu m¨ssen, ob wir u althergebrachte Glaubensgrunds¨tze zu revidieren haben oder ob wir den Status Quo a halten k¨nnen. Das ist jedoch ein gewaltiges Projekt. Ich werde in dieser Arbeit kein o komplettes, theologischer Lehrgeb¨ude vorlegen, zumal das auch die Zielsetzung des a Seminars uberstiege. Die Diskussion mit der Systematik beschr¨nke ich daher auf das ¨ a Notwendige. Diese Arbeit unterliegt den gleichen Bedingungen wie ihr Untersuchungsgegen- stand. Meine selektive Vereindeutigung“ der Mehrdeutigkeit des Textes“ [26, S. VI] ” ” wird dadurch zur¨ckgenommen, dass ich sie schriftlich fixiere und anderen Menschen u zum Lesen ubergebe. Erst Sie werden aus diesen Zeilen Sinn aufbauen und ich vermag ¨ Sie darin nur grob zu beeinflussen. Was Sie daraus machen, wird in erster Linie Ihre eigene Welt und Ihre eigene Geschichte sein. 10 Aber selbst Klassifizierungen sind nicht wertfrei – und es w¨re zu fragen, ob Wertfreiheit uber- a ¨ haupt erstrebenswert ist –. Wenn Kriterien zur Einordnung von Auslegungen an der Universit¨t a entwickelt werden, fallen sie selbstverst¨ndlich so aus, dass universit¨r-wissenschaftliche Interpre- a a tationen einem h¨heren Qualit¨tsniveau zugeh¨ren. Alles andere w¨re beruflicher Selbstmord. o a o a 8
  14. 14. 3. Exegese Wenn ein Text als vom Autor emanzipierte, selbst¨ndige Welt verstanden wird, worin a der Leser Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln kann, die uber die allt¨glichen Er- ¨ a fahrungen hinaus gehen, wenn der Sinn eines Textes in der Wechselwirkung zwischen Leser und Text entsteht und wenn Texte dar¨ber hinaus auch zu einem gewissen Grad u von der Zeit emanzipiert sind, dann bedarf es exegetischer Methoden, die nach der Wechselwirkung zwischen Text und Leser fragen. Es bedarf also Methoden, welche die Wahrnehmung und die Wahrnehmungsm¨glichkeiten eines Lesers untersuchen. Das o sind ¨sthetische Methoden. Historische Fragestellungen treten dann in erster Linie a dort auf, wo es den sprachlichen Code eines historischen Textes zu ubersetzen gilt, ¨ um ihn verstehen zu k¨nnen. Dabei wirkt freilich die historische Fantasie des Exege- o ten auf der Basis seiner Biographie und seiner aktuellen Lebensumst¨nde genauso, a wie bei allen historischen Untersuchungen. Aus dem historisch-kritischen Methodenwerk nutze ich die Textkritik, um den Text zu bestimmen, uber den ich schreiben will. Ansonsten setze ich die erprobten, ¨ linguistischen Methoden Sprachlich-Syntaktische Analyse“, Semantische Analyse“ ” ” und Pragmatik“ ein, wie es Egger vorschl¨gt [15]. Ich erg¨nze um die Analyse der a a ” Intertextualit¨t“ und der Handlungsanalyse“. Allen Methoden ist gemein, dass sie a ” ” den Text in seiner Endgestalt zum Ausgangspunkt haben. Mit diesen Werkzeugen kann man im Text allerdings erst einmal nur beobachten, welche Mittel er zur Sinn- steuerung einsetzt. Interpretieren muss sie jeder Exeget f¨r sich allein.1 Sie eignen u sich trotzdem sehr gut dazu herauszuarbeiten, aufgrund welches Reizangebots man welchen Sinn im Text produziert. Da die Sinnfindung nach wie vor vom Exegeten abh¨ngig ist, bleibe ich in den a Untersuchungen dieser Arbeit pr¨sent. Weiterhin mache ich mich transparent, indem a ich Meine exegetische Situation“ meinen Lesern zur Verf¨gung stelle.2 u ” Da kaum ein Teilnehmer des Seminars auch nur ann¨hernd mit ¨sthetischen Me- a a thoden vertraut war, bekam das Seminar im Versuch ihrer Anwendung h¨chst expe- o 1 Bei Egger fehlen z.B. konsequenter Weise Hinweise darauf, wie die Ergebnisse der linguistischen Arbeitsschritte interpretiert werden k¨nnen [15]. o 2 Ich bin gegen¨ ber Ricoeurs Arbeitsvorschlag pessimistisch: Man kann Hermeneutik und Ideologie- u ” kritik nicht mehr einander entgegensetzen; die Ideologiekritik ist der notwendige Umweg, den das Sich-Verstehen machen muß, wenn es sich durch die Sache des Textes, nicht durch die Vorurteile des Lesers bestimmen lassen will.“ [40, S. 34]. Die Ideologien und Vorurteile konstituieren den Leser. Sie zu kritisieren und sich von ihnen zu entfremden bedeutete, nicht mehr in der Lage zu sein, den Text zu verstehen. Meiner Meinung nach kann es weder um Kritik noch um Entfrem- dung gehen, sondern nur darum, die M¨glichkeiten des Verstehens f¨ r sich und f¨ r die Leser der o u u Interpretation transparent zu machen, um m¨gliche Weichen f¨ r andere Interpretationswege zu o u kennzeichnen. 9
  15. 15. 3. Exegese rimentellen Charakter, vorausgesetzt man ließ sich darauf ein und beharrte nicht auf dem alten, einge¨bten exegetischen System. Auch diese Arbeit ist ein Experiment, zu u welchen Ergebnissen das ver¨nderte Textverst¨ndnis mit ihm entsprechenden Metho- a a den f¨hren kann. u 3.1. Meine exegetische Situation Im Grunde wirkt mein gesamtes Leben auf diese Arbeit ein. Da ich aber keine Bio- graphie schreiben will, habe ich Schlaglichter ausgew¨hlt, die ich in Bezug auf die a vorliegende Arbeit f¨r besonders relevant halte. u Alter sch¨tzt vor Dummheit nicht!“ und Traue keinem Lehrer, bevor du dich u ” ” nicht selbst uberzeugt hast, dass er Recht haben k¨nnte!“ sind zwei Leits¨tze, die mich ¨ o a schon seit vielen Jahren begleiten. Der erste Satz verursacht eine gewisse respektlo- se Haltung alten Traditionen und, im Speziellen, theologischen Gr¨ßen gegen¨ber. o u Der zweite Satz l¨sst mich grunds¨tzlich misstrauisch gegen¨ber Lehrmeinungen und a a u B¨chern sein. Deshalb pflege ich mir erst ein eigenes Bild zu machen, bevor ich mich u auf eine Diskussion mit ihnen einlasse. Ich bin durchaus bereit, eine un¨bliche Mei- u nung zu vertreten, wenn sie sich mir als die verst¨ndlichste erweist. a Studieren bedeutet f¨r mich, nicht nur mein Wissen zu erweitern, sondern auch u Wissen zu schaffen. Wer Wissen schaffen m¨chte, muss auch in Ecken gucken, in die o sonst niemand schaut. Wer nur auf den bekannten Straßen geht, kann einen neuen Reisef¨hrer schreiben und ihn zu all den anderen Reisef¨hrern uber den gleichen Weg u u ¨ ins Regal stellen. Ich habe eher einen Hang dazu, nicht (nur) die bekannten Pfade abzuschreiten. Deshalb war es mir bislang immer ein Anliegen, einen echten, vielleicht sogar ver¨ffentlichbaren Diskussionsbeitrag zu dem theologischen Thema, mit dem ich o besch¨ftigt war, abzuliefern. Genauso verh¨lt es sich auch bei dieser Arbeit. a a Ich schreibe diese Arbeit auch als Vater, der seine Aufgaben als Erzieher sehr ernst nimmt. Seit nunmehr drei Jahren ubernehme ich den gr¨ßten Teil der Erziehung ¨ o meines Sohns. Die Auslegung wird zeigen, dass es nicht belanglos ist, dass ich als aktiver Vater schreibe. Selbstverst¨ndlich ist es f¨r mich relevant, in Deutschland deutschsprachig aufge- a u wachsen zu sein.3 Es hat sicherlich auch Bedeutung, dass ich evangelisch-lutherischer Christ bin. 3 Wenn man sich in Deutschland dazu bekennt, Deutscher zu sein, muss man sich immer gegen den Verdacht wehren, rechtsradikal zu sein. Ein Erbe unserer Vorfahren. Ich habe erst im Ausland, insbesondere in Japan, gelernt, dass ich Deutscher bin, indem vieles was mir selbstverst¨ndlich a war, sich nur f¨ r einen Menschen, der in Deutschland aufwuchs, als selbstverst¨ndlich erwies. u a Wenn ich also sage, dass ich Deutscher bin, meine ich das nicht als Qualifikation gegen¨ ber an- u deren Menschen in der Welt, sondern als kulturelle Grobeinordnung, die Verstehensm¨glichkeiten o bedingt. 10
  16. 16. 3.2. Textkritik 3.2. Textkritik Am Anfang stand ein Text. Der wurde immer weiter abgeschrieben und dabei ver- a ¨ndert. K¨nnte man den urspr¨nglichen Text rekonstruieren, dann . . . . Was dann? o u H¨tten wir dann den absolut maßgebenden Text? Die ultimative Grundlage f¨r jede a u Auslegung? Die Wahrheit? Selbst wenn wir den Urtext in den H¨nden hielten, w¨rden a u wir h¨chstens erkennen, dass dies der ¨lteste, gefundene Text w¨re, aber nicht, dass o a a es sich um den Urtext handelte. Im Laufe der Jahrhunderte haben eine Reihe von Textvarianten gewirkt. Deshalb ist es unabdingbar, sich vor der eigentlichen Textauslegung darauf zu einigen, uber ¨ ¨ welchen Text aus dem Strom der Uberlieferungen man spricht. Dies ist die eigentlich wichtige Aufgabe der Textkritik. Ich folge aus drei Gr¨nden dem vorgegebenen Text des Novum Testamentum Grae- u ce [1]. Erstens ist das Institut f¨r Neutestamentliche Textforschung in M¨nster [INTF] mit u u qualifiziertem Personal besetzt, das sich tagein, tagaus mit dem Vergleich von neutes- tamentlichen Texten und der Suche nach dem urspr¨nglichen Wortlaut besch¨ftigt. u a Die Mitarbeiter des INTF sind mir sowohl beim Zugriff auf die Quellen als auch in der Erfahrung bei ihrem Vergleich uberlegen. Deshalb bringe ich ihnen vorerst so viel ¨ Vertrauen entgegen, dass ich nicht mit ihren Ergebnissen streiten muss. Das ist aber sicherlich kein schlagendes Argument. Zweitens hat sich der Text des Novum Testamentum Graeces, berechtigt oder nicht, ¨ faktisch zum Standardtext unserer Zeit entwickelt. Im Strom der Uberlieferungen ist er ein neuer Text, der sich zur internationalen Kommunikationsbasis entwickelt und damit gruppenidentifizierende Funktion erhalten hat. Es m¨ssten schon sehr u zwingende Gr¨nde auf breiter, wissenschaftlicher Basis vorliegen, um gegen den Text u des Novum Testamentum Graeces zu lesen. Drittens sind die Zeugen f¨r die gebotene Lesart immer sehr viel st¨rker als f¨r u a u die alternativen Lesarten. Es liegen keine zwingenden Gr¨nde vor, einen anderen als u den im Novum Testamentum Graece gebotenen Text zu lesen. Hingewiesen sei jedoch auf eine Textunsicherheit in Mt 5,39. Das ×ÓÙ nach × Ò kann nicht eindeutig als urspr¨ngliche Lesart dargestellt werden. Immerhin steht auf der Seite des gebotenen u Textes der Codex Vaticanus (03). Außerdem entst¨nde kein elementarer Bedeutungs- u unterschied, wenn das ×ÓÙ wegfiele, so dass auch hier kein wirklich zwingender Grund vorliegt, anders als das Novum Testamentum Graece zu lesen. Im Lichte asthetischer ¨ Betrachtung kann es nat¨rlich durchaus einen Unterschied machen, ob ein Personal- u pronomen steht, oder nicht. ¨ 3.3. Ubersetzung 38 Ihrhabt geh¨rt, dass gesagt wurde: Ein Auge f¨r ein Auge“ und ein Zahn f¨r o u u ” ” einen Zahn“. 39 Ich sage euch dazu: Stellt euch nicht dem Verbrecher entgegen. Sondern wer auch 11
  17. 17. 3. Exegese immer dir auf die rechte Wange eindrischt, dem halte auch die andere hin. 40 Und dem, der dich vor Gericht ziehen und der deine Unterw¨sche nehmen will, dem uberlass a ¨ ¨ auch deine Uberkleidung. 41 Und wer auch immer dich zu einer Meile Tragedienst zwingen wird, mit dem mach dich zwei auf den Weg. 42 Dem, der von dir fordert, zahle! Und wende dich nicht ab von dem, der sich von dir Geld leihen will! 43 Ihr habt geh¨rt, dass gesagt wurde: Du wirst deinen Nahestehenden wertsch¨tzen“ o a ” und du wirst deinen Gegner verabscheuen.“ ” 44 Ich sage euch dazu: Sch¨tzt eure Gegner wert und betet f¨ r die, die euch jagen, a u 45 damit ihr S¨hne eures Vaters im Himmel werdet! Denn er l¨sst seine Sonne uber o a ¨ Verbrecher und Ehrenm¨nner aufgehen. Und er l¨sst es uber Rechtschaffene und a a ¨ Unrechtschaffene regnen. 46 Denn wenn ihr die wertsch¨tzt, die euch wertsch¨tzen, a a welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Steuerp¨chter dasselbe? a 47 Und wenn ihr nur eure Br¨der gern habt, was tut ihr Außergew¨hnliches? Tun nicht auch die u o Heiden dasselbe? 48 Gewiß, ihr werdet vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! 3.4. Kontext Matth¨us 5,38-48 ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Matth¨usevangelium. Wird a a das Evangelium kontinuierlich gelesen, hat der Leser im Text bereits Erfahrungen gesammelt. Sie beeinflussen sein fortschreitendes Verstehen des Textes. Deshalb gebe ¨ ich einen groben Uberblick uber die vorausgegangenen Ereignisse. ¨ Anschließend untersuche ich, in welchem direkten Bedeutungszusammenhang Mt 5,38-48 steht. Ich ordne den Text ein, um bewusst zu machen, welcher Sinnhori- zont auf die Perikope einwirkt. Dabei bediene ich mich m¨glichst formaler Kriterien, o weil diese am leichtesten von anderen Menschen wiederzuentdecken sind. Grunds¨tz-a lich nehme ich an, dass hervortretende, formale Zeichen absichtlich gesetzt sind und das sie beim Lesen Wirkung entfalten, selbst wenn sie nur unbewusst wahrgenommen werden. Die Perikope Mt 5,38-48 ist als Thema der Arbeit vorgegeben. Um meine Arbeit dar¨ber hinaus nicht ins Uferlose zu treiben, grenze ich die R¨nder meiner Textstelle u a gegen ihre Umgebung ab. F¨r einen ersten Eindruck und um die Perikope griffiger zu machen, gliedere ich u sie in Binnenabschnitte und zeige deren Struktur auf. 3.4.1. Vorgeschichte Von Mt 1,1 bis Mt 4,16 geht es vor allem darum, Jesu Autorit¨t zu fundamentieren. a Dies geschieht mehrstufig. In Mt 1,1-17 wird Jesus scheinbar geradlinig uber den m¨nnlichen Familienzweig ¨ a bis auf Abraham und damit auf den Ursprung der Israeliten zur¨ckgef¨hrt. Sofern er u u sich seiner Abstammung w¨rdig erweist, geh¨rt er zu ihren Gr¨ßten und besitzt per u o o se die Autorit¨t dieser Familie. a 12
  18. 18. 3.4. Kontext Die Szenen Mt 1,18-3,12 sind immer mit einem Schriftwort verkn¨pft. Damit wird u Jesu Geburt, die Deklaration zum K¨nig der Juden – ohne dass er dabei w¨re oder sein o a a ¨ Amt offiziell antr¨te – die Flucht nach Agypten, der Kindermord, die R¨ckkehr aus u ¨ Agypten und die Wirksamkeit Johannes des T¨ufers an die Heilige Schrift gekoppelt. a Das dient letztendlich dazu, Jesus durch die Schrift zu legitimieren. Ab Mt 3,13 verleiht Gott selbst Jesus Autorit¨t, indem er ihn nach der Taufe durch a Johannes zu seinem Sohn ausruft. In Mt 4,1-10 muss Jesus aus eigener Kraft beweisen, dass er verdient, Sohn Gottes genannt zu werden, indem er uber den Teufel die Oberhand beh¨lt. Der Erweis gelingt ¨ a ihm, so dass ihm anschließend als Zeichen, dass er endg¨ltig Hausrecht bei Gott hat, u die Engel zu Dienern werden. Bis zu diesem Zeitpunkt sind nur Jesu Eltern, zumindest Joseph, Johannes der T¨ufer, der Teufel, die Engel, Gott und die Leser eingeweiht. Im Text weiß aber noch a kein weiterer Mensch Bescheid. Das ver¨ndert sich nach der Verhaftung Johannes des a T¨ufers in Mt 4,12. Zuerst einmal verlegt Jesus seinen Wohnort, was eigentlich wieder a nur als Schrifterweis gedacht ist. Es ist der vorerst letzte. ¨ Mit Mt 4,17 tritt er in die Offentlichkeit. Dort lesen wir die erste Andeutung Jesu Predigt. In Mt 4,18-22 verschafft er sich seine ersten vier menschlichen Mitarbeiter: Simon, Andreas, Jakobus und Johannes. Damit wird die Sph¨re der Textmenschen4 a weiter betreten. In Mt 4,23-25 macht er seine erste Predigtreise mit Heilungen durch Galil¨a. Die Predigt wird wieder nicht genau ausgef¨hrt. Im Text hat er nun seinen a u Durchbruch geschafft und ist landauf landab unter den Menschen bekannt. An diesem Punkt setzt die Lehre auf dem Berg ein. Jesus entfaltet seine Lehre, nur nicht wie ein Lehrer oder Prophet, sondern wie Gott selbst. Das korrespondiert zu den vorherigen Notizen, insbesondere zur Aufnahme in Gottes Haushalt. Nur kennen die Textmen- schen diese Vorgeschichte nicht, sondern m¨ssen sie erst langsam in Erfahrung bringen u und verstehen. 3.4.2. Einordnung Die Perikope Mt 5,38-48 ist nicht selbst¨ndig, sondern dem Kontext der Lehre auf a dem Berg, Mt 5-7, der in Mt 5,1-2 eingef¨hrt wird, untergeordnet. Wir befinden uns u immer noch in der gleichen Szene, die einer Vorlesung gleicht: Der Dozent Jesus steht vor einer versammelten Zuh¨rerschaft und (be)lehrt sie. o Die Lehre auf dem Berg ist in mehrere Binnenabschnitte eingeteilt, die zumindest bis einschließlich Mt 6,18 formal durch Wiederholungen von Phrasen erkennbar sind.5 Zwischen diesen Abschnitten von Phrasenwiederholungen steht regelm¨ßig jeweils ein a Text, der aus diesem Schema f¨llt: Mt 5,11-12.17-20 ; 6,1. a Matth¨us 5,17-20 n¨hert sich jedoch dem genannten Schema stark an. In Mt 5,18 a a heißt es: ÑèÒ Ö Ð Û Ñ Ò “. Nahezu identisch beginnt Mt 5,20: Ð Û Ö Ñ Ò ” ” 4 Textmenschen seien die Menschen im Text. Bisweilen werden sie auch als Akteure bezeichnet. Dieser Ausdruck ist mir jedoch zu dynamisch. Textmensch halte ich f¨ r den neutraleren Ausdruck. u 5 Siehe dazu B auf Seite III. 13
  19. 19. 3. Exegese º º º “. Den Ankn¨pfungspunkt f¨r das u u Ö sehe ich jeweils in Mt 5,17, so dass der Zusammenhalt des Textabschnitts Mt 5,17-20 gegeben ist. Der Abschnitt Mt 5,21-48 zeichnet sich durch die Phrase ê Ó × Ø Ø ÖÖ ” ººº Ð Û Ñ Ò º º º “ mit einer Abwandlung in Mt 5,31 ÖÖ ººº ” Ð Û Ñ Ò º º º “ aus. Durch die Kombination von Ð Û und Ñ Ò besteht formal ein assoziativer Zu- sammenhang zwischen Mt 5,17-20 und Mt 5,21-48. Eine weitere, noch gewichtigere Verbindung besteht darin, dass in beiden Texten das Ich des Sprechers in den Vor- dergrund tritt. Zwar geht die gesamte Rede auf dem Berg von diesem Ich aus, aber es benennt sich außerhalb Mt 5,17-48 nie selbst. In den beiden genannten Abschnit- ten tritt jedoch die 1. Person Singular zutage. Wenn zwei Abschnitte auf diese Weise aufeinander bezogen sind, sollten sie trotz der Unterschiede gemeinsam betrachtet werden. Deshalb gehe ich von einer Zusammengeh¨rigkeit von Mt 5,17-48 aus. o Die Perikope Mt 5,38-48 ist dem dritten Phrasenzyklus Mt 5,21-48 untergeordnet, der mit Mt 5,17-20 verbunden ist. 3.4.3. Abgrenzung Sowohl in Mt 5,38-39 als auch in Mt 5,43-44 steht jeweils die Wendung ê Ó × Ø ” Ø ÖÖ ººº Ð Û Ñ Ò º º º “. Diese Phrase markiert jeweils den Beginn eines neuen Unterabschnitts innerhalb des dritten Phrasenzyklus. Weil sie zweimal steht, ist von zwei Unterabschnitten auszugehen: Mt 5,38-42 und Mt 5,43-48. Nach V. 48 kommt bereits Mt 6,1, der ein eigenst¨ndiger Teil außerhalb der Phrasen- a wiederholungen ist. Jedoch verbindet er sich locker mit dem n¨chsten Phrasenzyklus a Mt 6,2-18. Deshalb ist Mt 6,1 eher dorthin zu rechnen. Das bedeutet wiederum, dass mit Mt 5,48 der letzte Unterabschnitt des dritten Phrasenzyklus endet. In Mt 5,38-48 liegen also die letzten beiden Unterabschnitte des dritten Zyklus vor. 3.4.4. Gliederung Die Unterabschnitte Mt 5,38-42 und Mt 5,43-48 k¨nnen in sich noch weiter unterglie- o dert werden. Zur Feingliederung greife ich sp¨ter folgenden Analyseschritten voraus. a Einger¨ckte Verse beziehen sich jeweils auf die um eins weniger einger¨ckte Stufe. u u Verse auf gleicher Stufe sind einander gleichgeordnet. 14
  20. 20. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse Mt 5,38-426 38 : ê Ó × Ø Ø ÖÖ : Unpers¨nliches Gebot aus AT. o 39a : Ð Û ÑÒ : Unpers¨nliches Verbot in offener Situa- o tion. 39b : ×Ø × : Pers¨nliches Gebot in konkreter Situa- o ¨ tion mit Ubersteigerung. 40 : Ø ÐÛÒ : Pers¨nliches Gebot in konkreter Situa- o ¨ tion mit Ubersteigerung. 41 : ×Ø × : Pers¨nliches Gebot in konkreter Situa- o ¨ tion mit Ubersteigerung. 42a : ØüÒ : Pers¨nliches Gebot in offener Situation. o 42b : Ø ÐÛÒ : Pers¨nliches Verbot in konkreter Situa- o tion. Mt 5,43-48 43 : ê Ó × Ø Ø ÖÖ : Pers¨nliches Gebot aus AT mit Lehrer- o weiterung in offener Situation. 44 : Ð Û ÑÒ : 2 pers¨nliche Gebote. o 45a : ÔÛ : Zielbestimmung (Finalsatz). 45b : Ø : Begr¨ndung 1 (Kausalsatz). u 46-47 : Ò : Begr¨ndung 2 (4 Fragen);indirekte, u pers¨nliche Gebote. o 48 : Ñ : Verheißung (Indikativ Futur) oder abso- lutes Gebot (Ind. Fut. als absoluter Im- perativ). An dieser Gliederung ist bereits erkennbar, dass sich Mt 5,38-42 und Mt 5,43-48 abgesehen von der Phrase ê Ó × Ø Ø ÖÖ ººº Ð Û Ñ Ò º º º “ deutlich ” unterscheiden. Deshalb werde ich beide Texte in der folgenden Analyse getrennt von- einander behandeln. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse Mit der sprachlich-syntaktischen Analyse untersuche ich die Gestalt des Textes. Ich stelle sie in f¨nf Schritten dar: Zuerst halte ich fest, welche Wortarten uberhaupt u ¨ vorkommen, dann wende ich mich den i.d.R. sinntragenden Wortarten Verben und Nomen zu und beschreibe anschließend die Satzstruktur des Textes. Sofern noch Be- sonderheiten auffallen, stelle ich sie in einem weiteren Abschnitt dar. Die Artikel erw¨hne ich nicht. Die Interpretation dieser Gestalt erfolgt weitest gehend in der a semantischen Analyse. Wie diese Vorank¨ndigung erahnen l¨sst, konfrontiere ich meine Leser in diesem u a Abschnitt mit Statistiken. Sie bilden das notwendige Fundament der weiteren Ana- lysen, insbesondere der semantischen Analyse. 6 Unter anderer Interpretation des V. 42 kann er auch auf gleicher Ebene mit V. 38 verstanden werden. 15
  21. 21. 3. Exegese 3.5.1. Mt 5,38-42 3.5.1.1. Wortartenanalyse Wortart : Anzahl Pronomen : 15 Verben : 14 Substantive : 12 Konjunktionen : 9 Adverben : 5 Adjektive : 3 Die Adverbien verteilen sich auf zweimal Ñ ¸ Bestandteile verneinter Imperative, zwei- mal und einmal ÐÐ º Sie haben also sprachstrukturierende Funktionen.7 3.5.1.2. Verbanalyse Finite Verben Es liegen zehn finite Verben vor. Numerus Person Aspekt Diathese 1. 2. 3. Pr¨s Aor Fut a Akt Med Pass Indikative: 5 Sg. 1 3 2 1 1 3 1 Pl. 1 1 1 Imperative: 4 Sg. 4 1 3 4 Konjunktiv: 1 Sg. 1 1 1 Im Plural steht nur das zur einleitenden Phrase geh¨rende ê Ó × Ø . In dieser Form o ist es ihr regelm¨ßiger Bestandteil.8 a Wichtig ist, dass der verneinte Konjunktiv im Aorist Ñè ÔÓ×ØÖ (V. 42) und der verneinte Infinitiv Ñè ÒØ ×Ø Ò (V. 39) funktional verneinte Imperative sind. Deshalb ist es richtiger, von insgesamt sechs Imperativen zu sprechen. Infinite Verben Es liegen insgesamt sieben infinite Verben vor. 7 Adverbien k¨nnten auch eine ausmalende Funktion haben. o 8 Mt 5,31-32 ist formal keine selbst¨ndige Antithese, sondern bildet mit Mt 5,27-30 eine Doppelthese. a 16
  22. 22. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse Numerus Aspekt Diathese Kasus Genus Pr¨s Aor a Akt Med Pass Akk Dat m f n Infinitive: 4 4 2 1 1 Substantivierte Partizipien: 3 Sg. 3 3 1 2 3 Wie ich schon unter den finiten Verben schrieb, hat Ñè ÒØ ×Ø Ò (V. 39) die Funk- tion eines verneinten Imperativs. Die drei substantivierten Partizipien f¨hre ich hier nur der Vollst¨ndigkeit halber u a mit auf. Eigentlich geh¨ren sie jedoch zu den Substantiven. Sie stammen einmal von o Ø Û und zweimal von ´ µ ÐÛ. 3.5.1.3. Nomenanalyse Im Rahmen der Nomenanalyse halte ich mich an die Reihenfolge der Vorkommen der einzelnen nominalen Wortarten, wie ich es in der Wortartenanalyse dargestellt habe. Pronomen Insgesamt liegen 15 Pronomen vor. Numerus Kasus Genus Person AT Nom Akk Gen Dat m f m/f n 1. 2. 3. Personalpronomina: 12 Sg. 1 3 4 3 3 8 1 7 3 Pl. 1 1 1 Indefinite Relativpronomina: 2 Sg. 2 2 ÐÐÓ : 1 Sg. 1 1 Drei Beobachtungen sind auff¨llig: Erstens gibt es nur einen Plural unter allen a Pronomen. Es handelt sich um das Ñ Ò aus der einleitenden Phrase Ð Û Ñ Ò. Aus der gleichen Phrase kommt die zweite Besonderheit: ô. Es handelt sich um den eher selten gebrauchten Nominativ der 1. Person der Personalpronomen. Dadurch wird die 1. Person betont und ein starkes Textsignal ausgesendet. Innerhalb der Berg- lehre wird diese Form nur in Mt 5,22-44 als fester Bestandteil der einleitenden Phrase gebraucht. Sie steht damit immer an exponierter Stelle im Anfang jeder Antithese“. ¨ ” Im Ubrigen wird ô auch ansonsten im Matth¨usevangelium wie in den synoptischen a Evangelien uberhaupt eher sparsam eingesetzt. ¨ Drittens ist die Dopplung des indefiniten Relativpronomens ×Ø bemerkenswert, weil es sich jeweils um die gleiche Form im Nominativ handelt. Innerhalb Mt 5,38-43 sind das zusammen mit ô die einzigen Nominative. 17
  23. 23. 3. Exegese Substantive Insgesamt liegen zw¨lf Substantive vor. o Numerus Kasus Genus Aspekt Diathese AT Nom Akk Gen Dat m f n Pr¨s a Akt Regul¨re Substantive: 9 a Sg. 6 2 1 6 1 2 4 Substantivierte Partizipien: 3 Sg. 1 2 3 3 3 Vier der Substantive stehen im Zitat aus dem Alten Testament. Dadurch bekom- men sie eine Doppelfunktion: Einerseits liest sie der Leser im Matth¨usevangelium, so a dass sie darin Wirkung entfalten. Andererseits geh¨ren sie auch zum alttestamentli- o chen Textkorpus außerhalb des Matth¨usevangeliums, in dem sie je eigene Wirkungen a erzielen. Es liegt also quasi eine Textkreuzung vor. Die beiden Genitive sind jeweils von einem ÒØ abh¨ngig, so dass sie keine absoluten a Genitive bilden. In der Tabelle oben habe ich ÔÓÒ Ö zu den Maskulina gez¨hlt. Die Form ist jedoch a zweideutig: Es kann sich auch um ein Neutrum handeln. Meine Entscheidung zum Maskulinum h¨ngt von noch folgenden Analyseschritten ab. a Besonders auff¨llig ist die Dopplung von drei Substantiven: Ó ¸ a ÐÑ und ÐÛÒ. Die ersten beiden geh¨ren jeweils zum Zitat aus dem Alten Testament und o stehen gleich nach der einleitenden Phrase in V. 38. Ç ÐÛÒ ist das substantivierte Partizip von ´ µ ÐÛ. Es steht in den Versen 40 und 42. Adjektive Insgesamt liegen drei Adjektive vor. Numerus Kasus Genus AT Nom Akk Gen Dat m f n Numerale: 2 Sg. 1 1 Dual 1 ? ? ? Ortsangabe: 1 Sg. 1 1 Bei der Ortsangabe handelt es sich um ÜÓ , rechts (V. 39). 3.5.1.4. Satzanalyse Konjunktionen Insgesamt liegen neun Konjunktionen vor. 18
  24. 24. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse Konjunktion Funktion : Anzahl Positive: 7 Gleichrangige Beiordnung :5 Thematische Weiterf¨hrung u :1 Ø Ø -recitativum: Verweis auf anderen Text :1 Adversative: 2 ÒØ Substitution :2 Die gleichrangige Beiordnung uberwiegt bei weitem die Konjunktionen, die S¨tze ¨ a oder Satzteile aufeinander beziehen. Dadurch sind in Mt 5,38-42 viele Textelemente syntaktisch nicht aufeinader bezogen, sondern parallel zueinander. Das zeigt, dass der Text in sich syntaktisch locker gearbeitet ist. und das Ø -recitativum sind feste Bestandteile der einleitenden Phrase ê Ó × Ø Ø ÖÖ ººº Ð Û Ñ Ò.9 Adverbien Drei der f¨nf Adverbien strukturieren S¨tze. u a Adverb Funktion : Anzahl Positive: 2 Satzerweiterung durch erweiterte Handlung :2 Adversative: 1 ÐÐ Substitution einer Handlung durch eine andere Handlung :1 Struktur Matth¨us 5,38-42 beginnt mit der mehrfach genannten Wendung ê Ó × Ø Ø ÖÖ . a Sie bezieht sich nicht auf etwas gerade Gesagtes, sondern leitet das Zitat ÐÑ Ò ÒØ ÐÑÓ ÒØ ÒØ ÒØÓ 10 ein. Dies hat zur Folge, dass die Perikope keine syntaktische Verbindung zum vorherigen Text hat und somit isoliert beginnt. Die beiden durch verbundenen Zitatteile sind gleichrangige Nominals¨tze wie a ¨ sie im hebr¨ischen Alten Testament und auch in seiner griechischen Ubersetzung, der a Septuaginta, h¨ufig sind. Beide Nominals¨tze sind funktional Imperativs¨tze. Das a a a Zitat wird formal thematisch in V. 39a mit dem weitergef¨hrt. u Da es sich syntaktisch immer noch um ein Thema handelt, substituiert ÐÐ ab V. 39b die vom AT vorgegebene Handlungsweise ÐÑ Ò ÒØ ÐÑÓ ÒØ ÒØ ÒØÓ . Die Substitution ist jedoch logisch von der Weiterf¨hrung des Themas u abh¨ngig. a Das Zitat wird durch drei Textbl¨cke substituiert, die einander durch gleichge- o ordnet sind: V. 39b, V. 40 und V. 41. Alle drei Bl¨cke enden auf einen Imperativsatz o mit finitem Imperativ. In V. 40 h¨ngen vom substantivierten Partizip Ø a ÐÓÒØ zwei Infinitivkonstruk- tionen ab, die einander mit gleichgeordnet sind. 9 Siehe Fußnote 8 auf Seite 16. 10 LXX [39]: Ex 21,24 ; Lev 24,20 ; Dtn 19,21: ÐÑ Ò ÒØ ÐÑÓ ¸ ÒØ ÒØ ÒØÓ – ein Auge f¨ r ein Auge, ein Zahn f¨ r einen Zahn. u u 19
  25. 25. 3. Exegese Ohne syntaktische Anbindung folgt V. 42. Er gliedert sich in zwei Imperativs¨tze a mit finitem Imperativ, wobei der erste positiv und der zweite verneint ist. Beide Imperativs¨tze sind einander durch gleichgeordnet. Da ein syntaktisches Signal a fehlt, kann zumindest auf dieser Ebene nicht klar entschieden werden, in welchem Verh¨ltnis V. 42 zu Mt 5,38-41 steht. a Assoziative Verkn¨pfungen u Das alttestamentlich Zitat ÐÑ Ò ÒØ ÐÑÓ ÒØ ÒØ ÒØÓ enth¨lt a weder einen Nominativ noch ein Verb, so dass kein Handlungstr¨ger im Satz vorliegt. a Auch die Weiterf¨hrung V. 39a enth¨lt keinen Nominativ, aber ein infinites Verb, u a n¨mlich einen Infinitv. Dadurch liegt in V. 39a ebenfalls kein Handlungstr¨ger vor. a a Weiterhin sind die beiden Nominals¨tze in V. 38 funktional Imperative. Genauso liegt a in V. 39a kein direkter Imperativ vor, aber der verneinte Infinitiv ubernimmt die ¨ Funktion eines verneinten Imperativs. Damit bilden das alttestamentliche Zitat und seine syntaktische Weiterf¨hrung in V. 39a eine assoziative Einheit. u In V. 39b und V. 40 wird die vorgegebene Situation jeweils durch ein adverbiales erweitert. Beide Satzerweiterungen sind identisch konstruiert: 2. Pers. Sg. Imp. Aor. + Ø + Akk. Vers 39b und V. 41 beginnen jeweils mit ×Ø × + 3. Pers. Sg. Ind. Beide Verse haben einen Nominativ und ein finites Verb im Indikativ. Deshalb liegen einfache Aus- sages¨tze vor. An beiden h¨ngt jeweils ein grammatisch angebundener Imperativsatz. a a Da es sich bei dem Nominativ der Aussages¨tze jeweils um das gleiche, indefinite Re- a lativpronomen ×Ø handelt, bleibt der Handlungstr¨ger trotz Nominativ und finitem a Verb jeweils unklar. In V. 40 und V. 42b sind von einer Form des substantivierten Partizips ÐÛÒ Infi- nitive im Aorist abh¨ngig. Im Rahmen der Infinitivkonstruktionen stellt das substan- a tivierte Partizip jeweils den Handlungstr¨ger f¨r die in den Infinitiven ausgedr¨ckte a u u Handlung. Die Konstruktionen bilden jeweils die Ausgangssituation f¨r den folgenden u Imperativ. Es ist auch bemerkenswert, dass die einzigen beiden verneinten Imperative die Reaktion auf das alttestamentliche Zitat in V. 39a er¨ffnen und in V. 42b abschließen. o Wie die vorausgegangenen Abs¨tze zeigen, ist Mt 5,38-42 assoziativ dicht gewoben. a Dieses Ergebnis widerspricht den syntaktischen Signalen des Textes, die ihn eher locker gearbeitet erscheinen lassen. 3.5.1.5. Sprachliche Auff¨lligkeiten a Die hohe Zahl der Personalpronomen, die innerhalb Mt 5,38-42 keinen Bezugspunkt haben, setzt eine Vorgeschichte voraus und bindet den Textblock in seinen Kontext ein. Die Konzentration der 2. Person Singular in der Perikope ist auff¨llig hoch. a Ebenso augenf¨llig ist die hohe Konzentration der Imperative. a 20
  26. 26. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse 3.5.2. Mt 5,43-48 3.5.2.1. Wortartenanalyse Wortart : Anzahl Verben : 18 Substantive : 18 Pronomen : 14/16 11 Konjunktionen : 13 Adverben : 6 Adjektive : 4 Die Adverben haben bis auf eines sprachstrukturierende Funktionen. Nur Ñ ÒÓÒ schm¨ckt die Handlung aus. u 3.5.2.2. Verbanalyse Finite Verben Es liegen 18 finite Verben vor. Numerus Person Aspekt Diathese AT 1. 2. 3. Pr¨s Aor Fut a Akt Med Pass Indikative: 14 Sg. 1 2 4 4 1 2 6 1 1+1 Pl. 5 2 4 1 2 6 1 Imperative: 2 Pl. 2 2 2 Konjunktive: 2 Pl. 2 2 1 1 Die beiden Futura im Singular stammen aus Zitaten. Das erste Zitat Ô × Ø Ò ÔÐ ×ÓÒ ×ÓÙ12 stammt aus der Septuaginta (Lev 19,18). Das zweite ist zwar nicht biblisch, aber dem Septuagintazitat formal exakt nachgebildet. F¨r u Ô × und Ñ × × folgt daraus ein grammatisches Problem: Die Septuaginta ubersetzt die he- ¨ br¨ische Pr¨formativkonjugation einheitlich mit Futur. In vielen F¨llen l¨sst sich a a a a jedoch grammatisch nicht sicher entscheiden, ob mit der Pr¨formativkonjugation ein a Indikativ Futur, oder ein Imperativ gemeint ist, weil sehr oft Formgleichheit vorliegt. Deshalb stellt sich f¨r die beiden Worte die Frage, ob sie imperativisch oder futurisch u gemeint sind. Stilistisch sind die beiden Zitate außermatth¨isch von der Septuaginta a 11 F¨ r das Problem der Pronomenz¨hlung siehe die Nomenanalyse auf Seite 23. u a 12 LXX [39]: Lev 19,18: Ô × Ø Ò ÔÐ ×ÓÒ ×ÓÙ × ÙØ Ò – Du wirst deinen Nahestehenden wertsch¨tzen wie dich selbst. a 21
  27. 27. 3. Exegese gepr¨gt, werden vom Leser jedoch im Fluß des Matth¨usevangeliums wahrgenommen. a a Es liegt also wieder eine Textkreuzung vor. ×Ô × × (V. 47) und × × (V. 48) sind zwar grammatisch Media, werden je- doch aktivisch gebraucht, so dass sie funktional eigentlich zum Aktiv z¨hlen. Dann a gibt es neben den Aktivformen nur noch ein Passiv: ÖÖ (V. 43). Es ist regelm¨ßiger a Bestandteil der einleitenden Phrase ê Ó × Ø Ø ÖÖ . Das Pr¨sens tritt erst ab V. 44 auf. a Infinite Verben Es liegen insgesamt zwei infinite Verben vor. Numerus Aspekt Diathese Kasus Genus Pr¨s Aor Fut a Akt Med Pass Akk Gen m f n Substantivierte Partizipien: 2 Pl. 2 2 1 1 2 Ich erw¨hne die beiden substantivierten Partizipien hier der Vollst¨ndigkeit halber. a a Eigentlich geh¨ren sie jedoch zu den Substantiven. Sie stammen von den Verben ô Û o (V. 44) und Ô Û (V. 46). 3.5.2.3. Nomenanalyse Substantive Insgesamt liegen 18 Substantive vor. Numerus Kasus Genus Aspekt Diathese AT Nom Akk Gen Dat m Pr¨s a Akt Substantive: 16 Sg. 1 4 1 6 1+1 Pl. 3 6 1 10 Substantivierte Partizipien: 2 Pl. 1 1 2 2 2 Augenf¨llig sind die Dopplungen von Ô Ø Ö, Vater, und Õ Ö , Gegner. Dabei a steht Ô Ø Ö ausschließlich im Singular. Õ Ö ist im Zitat Singular aber im Folge- text Plural. Pronomen Insgesamt liegen 16 Pronomen vor. 22
  28. 28. 3.5. Sprachlich-Syntaktische Analyse Numerus Kasus Genus Person AT Nom Akk Gen Dat m f m/f n 1. 2. 3. Personalpronomina: 12 Sg. 1 3 1 3 1 2 1 1+1 Pl. 1 2 4 1 8 8 Ø : 2 Sg. 2 2 Interrogativpronomen: 2 Sg. 2 1 1 Zu ô siehe die Erl¨uterung zu Mt 5,38-42 auf Seite 17. a Der zweite Nominativ ist auch ein Nominativ der Personalpronomen: Ñ . Abge- sehen davon, dass schon allein durch die Form die 2. Person Plural betont wird, steht Ñ im letzten Vers der Perikope und damit an exponierter Stelle. Die beiden Interrogativpronomina sind beachtenswert, weil sie naturgem¨ß S¨tze a a strukturieren. Die beiden Ø in den V. 46.47 sind keine echten Pronomen, weil sie substantiviert sind. Sie ersetzen keine Nomen, sondern jeweils einen Satz, bzw. eine Handlung. Ø kommt zweimal in gleicher Form vor. Adjektive Insgesamt liegen vier Adjektive vor. Numerus Kasus Genus AT Nom Akk Gen Dat m f n Sg. 2 1 2 1 Pl. 1 1 Die vier Adjektive verteilen sich 1:3 auf die letzten beiden Verse der Perikope. In genau der gleichen Verteilung stehen sie im Akkusativ (V. 47) und Nominativ (V. 48). Ì Ð Ó kommt zweimal vor. In V. 48 ist es jeweils einmal im Singular und einmal im Plural. Unter den sowieso schon raren Adjektiven kommt also auch noch eins an hervorgehobener Stelle doppelt vor. 3.5.2.4. Satzanalyse Konjunktionen Insgesamt liegen 13 Konjunktionen vor. 23
  29. 29. 3. Exegese Konjunktion Funktion : Anzahl Gleichrangige Beiordnung : 6 ظ Ö Kausalkonjunktion : 2 Ò Konditionalkonjunktion : 2 ÔÛ Finalkonjunktion : 1 Thematische Weiterf¨hrung u : 1 Ø Ø -recitativum: Verweis auf anderen Text : 1 Die gleichwertige Aneinanderreihung von S¨tzen und Satzteilen ist sehr stark. a Trotzdem deuten die anderen Konjunktionen neben den Beiordnungen darauf hin, dass der Text dicht gewoben ist. Adverbien F¨nf der sechs Adverbien strukturieren S¨tze. u a Adverb Funktion : Anzahl Positive: 3 Satzerweiterung durch erweiterte Handlung :2 Vergleich :1 Negative: 2 Ó Õ Negation :2 Die beiden Ó Õ und verbinden sich jeweils zu einer negativ formulierten Einlei- tung einer rhetorischen Frage, welche sich auf die ihr jeweils vorausgehende Handlung bezieht. Struktur Wie bereits gesagt, beginnen die Abschnitte der sogenannten Antithesen i.d.R. mit ê Ó × Ø Ø ÖÖ , so auch Mt 5,43-48. Genau wie in Mt 5,38 wird auch in Mt 5,43 damit ein alttestamentliches Zitat eingeleitet: Ô × Ø Ò ÔÐ ×ÓÒ ×ÓÙ13 . Deshalb gibt es keine syntaktische Verbindung zum vorausgehenden Abschnitt Mt 5,38-42. Daraus folgt einerseits, dass mit Mt 5,43 eine selbst¨ndige, neue Antithese“ beginnt, a ” andererseits dass mit Mt 5,42 der vorausgegangene Antithese“ wirklich abschließt. ” Dieses Ergebnis unterstreicht noch einmal die vorgenommene Trennung zwischen den beiden in dieser Arbeit untersuchten Textabschnitten. Dem alttestamentlichen Zitat ist ein weiteres Zitat beigeordnet, das jedoch nicht unmittelbar aus dem Alten Testament stammt, zumindest nicht aus der Septuaginta. Da es dem alttestamentlichen Zitat jedoch durch beigeordnet ist, bezieht sich die Zitateinleitung auch darauf. Es muss also aufgrund der Syntax auch ein Zitat sein. Beide Zitate werden mit thematisch weitergef¨hrt. Die Fortf¨hrung der Zitate u u hat ebenfalls zwei mit gleichgeordnete Glieder. Auf die Weiterf¨hrung nimmt ein Finalsatz mit ÔÛ Bezug. u Nach dem Finalsatz kommt ein mit Ø gebildeter Kausalsatz, der in sich zwei gleichrangige, mit verbundene Glieder hat. Worauf sich dieser Kausalsatz jedoch 13 Siehe Fußnote 12 auf Seite 21. 24

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