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Wahlkampfrede zu dem Thema Europa und seine Probleme:
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
liebe Wählerinnen und Wähler
ich möchte Ihnen danken, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind.
Sie alle kennen sicher Martin Luther, den wohl bekanntesten Reformator der deutschen
Geschichte. Vor ziemlich genau 500 Jahren soll dieser seine 95 Thesen an das Tor der
Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben.
Nun… was brachte Luther dazu, sein Leben aufs Spiel zu setzen und seine Thesen zu
veröffentlichen?
Die Antwort liegt auf der Hand. Martin Luther wollte damals auf die Missstände in der
katholischen Kirche hinweisen, dem Herrschaftssystem seiner Zeit. Nein…, er wollte nicht nur
auf diese Missstände hinweisen, er wollte die gesamte katholische Kirche reformieren. Und
dies war auch dringend nötig, denn der Ablasshandel hatte mal wieder einen traurigen
Höhepunkt erreicht.
500 Jahre später im Jahr 2017, liebe Wählerinnen und Wähler, befinden wir uns in Europa in
einer ähnlichen Situation, welcher Luther damals ausgesetzt war.
Auch wir haben wieder einen traurigen Höhepunkt erreicht in Europa.
Auch wir müssen gegen Missstände ankämpfen.
Auch wir müssen unsere Thesen an die Türen Europas nageln.
Da gibt es beispielsweise die Tür vor Budapest. Hier müsste folgende These hängen: Der
Stärkere ist da, um den Schwächeren aufzubauen, nicht um ihn zu bekämpfen.
Denn dieses Bekämpfen von Minderheiten bzw. Schwächeren ist doch genau das, was Viktor
Orban macht. So kann ich mich kaum an eine Woche erinnern, in welcher man in der Zeitung
nicht einen neuen Bericht über die Unterdrückung von Minderheiten durch den ungarischen
Regierungschef Viktor Orban lesen konnte. Und ich bin mir sicher Ihnen geht es genau so.
Man muss sich beim Lesen dieser Artikel klar werden, dass Ungarn in Person Orbans die
Grundwerte, auf die in der EU jeder Mensch sogar einen Rechtsanspruch hat, immer wieder
aufs Neue verletzt.
Geht es Orban und seinen Gesellen überhaupt um die Minderheiten oder sucht er nicht
vielmehr Schuldige für eigene Versäumnisse?
Und lasst uns auch eine These an Brüssels Tür nageln: Schuld hat nicht nur der, der Unrecht
ausübt, sondern auch der, der es sieht und trotzdem nicht versucht, es zu verhindern.
Wofür hat die EU schließlich 2012 den Friedensnobelpreis erhalten?
Dafür, dass sie Minderheiten unterdrückt?
Dafür, dass sie nicht aktiv gegen diese Unterdrückung vorgeht?
Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich etwas gegen diese menschenverachtenden
Zustände zu unternehmen, auch wenn es schwierig ist und zu Auseinandersetzungen führen
wird.
Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich für die Menschen zu kämpfen.
Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich für das Richtige zu kämpfen.
Aber nicht nur in der Demokratiemaschine EU läuft momentan leider manches falsch. Nein,
auch in vielen einzelnen Nationalstaaten sind die Entwicklungen zum Teil furchteinflößend.
Deshalb müssen wir gemeinsam die nächste These an die Türen von Paris und Amsterdam
hämmern. Sie heißt: Angst muss zusammenschweißen und darf keinen Hass unter den
Menschen hervorrufen.
Genau dieser Hass anderen Menschen gegenüber ist nämlich das Futter(Waffe) der
Rechtspopulisten, ohne welches sie schon längst besiegt worden wären.
Denn was außer Hass verführt einen Menschen dazu, eine Marine Le Pen oder einen Gert
Wilders zu wählen?
Die Angst der Leute in Paris ist nach einem Terroranschlag wie er am 13.11.2015 stattfand
verständlich. Aber warum entsteht deswegen Hass auf den Dönerverkäufer
von nebenan oder den muslimischen Arbeitskollegen?
Diese können doch genauso wenig für diesen schrecklichen Anschlag wie wir alle?
Wie kann man Menschen hassen, die ohne böse Absichten in unser Land kommen, weil in
ihrem Not und Leid regiert?
Das Ziel der Terroristen und ihrer Hintermänner ist doch genau, durch diese Angst Hass
zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion zu entfachen.
Diese Angst vor dem Bösen, das in unserer heutigen Zeit den Namen IS trägt, sollte vielmehr
zu einem Zusammenhalt unter den Menschen beitragen. Denn nur wenn wir
religionsübergreifend eine Gemeinschaft mit Zuversicht erschaffen, zeigen wir dem Terror,
dass er seine Ziele nicht durch Leid und Angst erreichen kann.
Luther formulierte es damals so: Hölle, Fegfeuer, Himmel scheinen sich so zu unterscheiden
wie Verzweiflung, Fast-Verzweiflung und Gewissheit. Wir müssen der Angst mit Aufklärung
begegnen und mutig dem Ablass des Populismus entgegentreten.
Liebe Wählerinnen und Wähler die nächste These gehört an die Tür Londons. Die These
lautet: Nutzt euer Wahlrecht, denn es ist keine Selbstverständlichkeit. Denn anders als Sie es
hoffentlich werden, gingen zahlreiche junge Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens nicht zu
den Wahlurnen als über die wichtigste Frage ihres Landes entschieden wurde. Sie verspielten
damit die Chance gehört zu werden, die keinesfalls selbstverständlich ist. Zu Zeiten Martin
Luthers beispielsweise konnten Menschen hier in Deutschland nur davon träumen, ein
politisches Mitspracherecht zu haben. Menschen mussten kämpfen und viele von ihnen sogar
ihr Leben dafür geben, dass wir heute wählen dürfen. Und es ist tragisch, dass nur so wenige
Menschen es für nötig halten, ihren Fernseher auszuschalten und wählen zu gehen.
Doch die zahlreichen Studentinnen und Studenten, die sich in Großbritannien zu schade
waren wählen zu gehen, haben ihre Quittung bekommen. Dass war es dann wohl mit ihrem
Auslandsjahr an einer Uni innerhalb der EU oder zahlreichen anderen Möglichkeiten, die ihnen
die EU bietet. Durch ihr mangelndes Engagement ist es ihnen ganz hervorragend gelungen,
sich ihre Zukunft von patriotischen Rentnern wegnehmen zu lassen, die diese Zukunft
teilweise gar nicht mehr erleben werden.
Diese Tragödie sollte Ihnen allen eine Lehre sein und deswegen kann ich Ihnen immer nur
eines sagen:
Geht wählen!
Geht wählen!
Geht wählen!
Mischt Euch ein!
Überlassen Sie Ihre Zukunft nicht den Wahlzetteln anderer Leute.
Auch in Polen muss man eine unserer Thesen lesen können. In Polen heißt sie:
Die Presse muss das Recht besitzen unabhängig berichten zu können.
Auch diese These klingt wie eine Selbstverständlichkeit. In unserem Nachbarland ist aber
aufgrund eines umstrittenen Mediengesetzes genau diese Selbstverständlichkeit verloren
gegangen. Das Einschränken der Pressefreiheit ist einer von vielen Rückschlägen, die das
Land Polen unter ihrer rechtspopulistischen Regierung hinnehmen musste. Man kann die
Polen nur dazu auffordern, auf die Straßen zu gehen, um für ein Rechtzu kämpfen, dass ihnen
genau so zusteht wie allen anderen Menschen in der EU auch.
Was würden Sie denn sagen, wenn der Spiegel oder die Zeit auf einmal von der Regierung in
Berlin kontrolliert werden würden?
Die Pressefreiheit ist einer der wichtigsten Eckpfeiler eines Rechtstaates und einer Republik
und muss auch deshalb beschützt werden. Denn nur mithilfe seriöser und unabhängiger
Pressearbeit ist es den Leuten möglich, sich zu informieren und eine eigene Meinung von den
Dingen zu bilden. Aus diesem Grunde wurde die Bibel von Luther ins Deutsche übersetzt und
von Guttenberg gedruckt unters Volk gebracht.
Nun liebe Bürgerinnen und Bürger haben wir zahlreiche Thesen an die verschiedensten Türen
in Europa gehängt.
Eine letzte Tür fehlt jedoch noch. Es ist unsere eigene Haustür. Es ist die Tür Berlins.
Die These, die wir hier hineinhämmern müssen, heißt: „Reichtum muss gerecht unter dem
Volk verteilt werden.“
Die Zeit zu denken, nur weil Deutschland ein reiches Land ist, geht es allen finanziell gut, ist
vorbei, liebe Wählerinnen und Wähler.
Die Zeit zu denken, in Deutschland besitzt jeder die gleichen Chancen auf Bildung und einen
Job, ist ebenfalls vorbei.
Ich bitte Sie darum, sich vor Augen zu führen, dass die Top 10% in Deutschland 50% des
deutschen Nettovermögens besitzen.
Diese soziale Ungerechtigkeit gilt es nun, mit unseren Mitteln zu bekämpfen. Das sind die
+kommenden Wahlen und der Protest auf der Straße. Denn nur wenn Sie und ich zu einem
„wir gemeinsam“ werden, können wir einen Siegeszug fahren gegen diese Ungerechtigkeit,
die in Deutschland ihr Unwesen treibt. Und so ein Siegszug ist auch dringend nötig, denn mit
der sozialen Ungerechtigkeit kommen auch zahlreiche andere Probleme in unser eigentlich
so schönes und stolzes Land, das doch so viel Potential besitzt. So ist es sogar
wissenschaftlich bewiesen, dass ungleiche Gesellschaften wesentlich mehr soziale Probleme
haben als es in den Gerechten der Fall ist. Wir wollen nicht immermehrDrogenkonsum, immer
mehr Fettleibigkeit, immermehr Schwangerschaftenunter Teenagern, immermehrdepressive
Menschen, immer mehr Gewaltverbrechen und immer mehr Jugendliche ohne
Schulabschluss. Es darf nicht beim Ablass durch Sozialhilfeprogramme und Hartz4 bleiben.
Es ist die gleiche allgemeine Teilhabe im Hier und Jetzt gefordert.
Es ist nun die Zeit gekommen, aus dem „immer mehr Probleme“ endlich ein „ immer weniger
Probleme“ zu machen. Denn nur das kann und darf der Anspruch unseres Landes sein. Wir
dürfen uns unser Land nicht von den oberen 10% aus der Hand nehmen lassen.
Nun sind wir am Ende unserer heutigen Reise durch Europa angelangt und haben unsere
Botschaften an die Türen der verschiedensten Länder gehängt. Egal ob Westeuropa,
Mitteleuropa oder Osteuropa - jedes Land und auch die EU als Institution hat ihre Probleme.
Es ist wichtig, auf diese Missstände aufmerksam zu machen, für Aufklärung und Information
zu sorgen und Teilhabe zu fordern, so wie wir es heute gemacht haben und so wie Martin
Luther es vor 500 Jahren schon gemacht hat. Doch dafür, dass diese Probleme bekämpft
werden, reichte vor 500 Jahren nicht nur die Person Martin Luther. Nein, es war vielmehr die
Bevölkerung, es waren die Menschen auf den Straßen, die Reformen erzwungen haben.
Martin Luther war lediglich ihr Wortführer. So wie er erstmalig die Religion aus den
Gotteshäusern in den Staat und die Gesellschaft getragen hat, müssen wir heute unsere
Werte, Sehnsüchte, Hoffnungen und Überzeugungen wieder in unseren Alltag zurück
einbringen. Es reichen nicht einzelne Personen, um Europas Defizite zu bekämpfen. Es
reichen keine einzelnen Politiker. Und es reichen auch keine einzelnen
Menschenrechtsschützer.
Nur darauf zu vertrauen, zu spenden und unter Gleichgesinnten still zu übereinstimmen, käme
einem überheblichem Ablasshandel gleich. Wir selbst sind Europa und müssen handeln, auch
um nicht schuldig sondern gerecht zu werden.
Um Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Hass zu bekämpfen, braucht es jeden,… jeden
einzelnen von euch,… verbunden zu einer großen Gemeinschaft, die sich Gehör verschafft.
Denn wie Sie sicher alle wissen: Zusammen können wir alles erreichen, denn wir sind nicht
alleine!
Und überlassen Sie die öffentliche Rede und die notwendigen Reform(ation)en nicht mehr
den Falschen.
Vielen Dank
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Müller

  • 1. Wahlkampfrede zu dem Thema Europa und seine Probleme: Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Wählerinnen und Wähler ich möchte Ihnen danken, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind. Sie alle kennen sicher Martin Luther, den wohl bekanntesten Reformator der deutschen Geschichte. Vor ziemlich genau 500 Jahren soll dieser seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Nun… was brachte Luther dazu, sein Leben aufs Spiel zu setzen und seine Thesen zu veröffentlichen? Die Antwort liegt auf der Hand. Martin Luther wollte damals auf die Missstände in der katholischen Kirche hinweisen, dem Herrschaftssystem seiner Zeit. Nein…, er wollte nicht nur auf diese Missstände hinweisen, er wollte die gesamte katholische Kirche reformieren. Und dies war auch dringend nötig, denn der Ablasshandel hatte mal wieder einen traurigen Höhepunkt erreicht. 500 Jahre später im Jahr 2017, liebe Wählerinnen und Wähler, befinden wir uns in Europa in einer ähnlichen Situation, welcher Luther damals ausgesetzt war. Auch wir haben wieder einen traurigen Höhepunkt erreicht in Europa. Auch wir müssen gegen Missstände ankämpfen. Auch wir müssen unsere Thesen an die Türen Europas nageln. Da gibt es beispielsweise die Tür vor Budapest. Hier müsste folgende These hängen: Der Stärkere ist da, um den Schwächeren aufzubauen, nicht um ihn zu bekämpfen. Denn dieses Bekämpfen von Minderheiten bzw. Schwächeren ist doch genau das, was Viktor Orban macht. So kann ich mich kaum an eine Woche erinnern, in welcher man in der Zeitung nicht einen neuen Bericht über die Unterdrückung von Minderheiten durch den ungarischen Regierungschef Viktor Orban lesen konnte. Und ich bin mir sicher Ihnen geht es genau so. Man muss sich beim Lesen dieser Artikel klar werden, dass Ungarn in Person Orbans die Grundwerte, auf die in der EU jeder Mensch sogar einen Rechtsanspruch hat, immer wieder aufs Neue verletzt. Geht es Orban und seinen Gesellen überhaupt um die Minderheiten oder sucht er nicht vielmehr Schuldige für eigene Versäumnisse? Und lasst uns auch eine These an Brüssels Tür nageln: Schuld hat nicht nur der, der Unrecht ausübt, sondern auch der, der es sieht und trotzdem nicht versucht, es zu verhindern. Wofür hat die EU schließlich 2012 den Friedensnobelpreis erhalten? Dafür, dass sie Minderheiten unterdrückt? Dafür, dass sie nicht aktiv gegen diese Unterdrückung vorgeht? Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich etwas gegen diese menschenverachtenden Zustände zu unternehmen, auch wenn es schwierig ist und zu Auseinandersetzungen führen wird. Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich für die Menschen zu kämpfen. Ich fordere hiermit die EU auf, nun endlich für das Richtige zu kämpfen. Aber nicht nur in der Demokratiemaschine EU läuft momentan leider manches falsch. Nein, auch in vielen einzelnen Nationalstaaten sind die Entwicklungen zum Teil furchteinflößend. Deshalb müssen wir gemeinsam die nächste These an die Türen von Paris und Amsterdam hämmern. Sie heißt: Angst muss zusammenschweißen und darf keinen Hass unter den Menschen hervorrufen. Genau dieser Hass anderen Menschen gegenüber ist nämlich das Futter(Waffe) der Rechtspopulisten, ohne welches sie schon längst besiegt worden wären. Denn was außer Hass verführt einen Menschen dazu, eine Marine Le Pen oder einen Gert Wilders zu wählen?
  • 2. Die Angst der Leute in Paris ist nach einem Terroranschlag wie er am 13.11.2015 stattfand verständlich. Aber warum entsteht deswegen Hass auf den Dönerverkäufer von nebenan oder den muslimischen Arbeitskollegen? Diese können doch genauso wenig für diesen schrecklichen Anschlag wie wir alle? Wie kann man Menschen hassen, die ohne böse Absichten in unser Land kommen, weil in ihrem Not und Leid regiert? Das Ziel der Terroristen und ihrer Hintermänner ist doch genau, durch diese Angst Hass zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religion zu entfachen. Diese Angst vor dem Bösen, das in unserer heutigen Zeit den Namen IS trägt, sollte vielmehr zu einem Zusammenhalt unter den Menschen beitragen. Denn nur wenn wir religionsübergreifend eine Gemeinschaft mit Zuversicht erschaffen, zeigen wir dem Terror, dass er seine Ziele nicht durch Leid und Angst erreichen kann. Luther formulierte es damals so: Hölle, Fegfeuer, Himmel scheinen sich so zu unterscheiden wie Verzweiflung, Fast-Verzweiflung und Gewissheit. Wir müssen der Angst mit Aufklärung begegnen und mutig dem Ablass des Populismus entgegentreten. Liebe Wählerinnen und Wähler die nächste These gehört an die Tür Londons. Die These lautet: Nutzt euer Wahlrecht, denn es ist keine Selbstverständlichkeit. Denn anders als Sie es hoffentlich werden, gingen zahlreiche junge Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens nicht zu den Wahlurnen als über die wichtigste Frage ihres Landes entschieden wurde. Sie verspielten damit die Chance gehört zu werden, die keinesfalls selbstverständlich ist. Zu Zeiten Martin Luthers beispielsweise konnten Menschen hier in Deutschland nur davon träumen, ein politisches Mitspracherecht zu haben. Menschen mussten kämpfen und viele von ihnen sogar ihr Leben dafür geben, dass wir heute wählen dürfen. Und es ist tragisch, dass nur so wenige Menschen es für nötig halten, ihren Fernseher auszuschalten und wählen zu gehen. Doch die zahlreichen Studentinnen und Studenten, die sich in Großbritannien zu schade waren wählen zu gehen, haben ihre Quittung bekommen. Dass war es dann wohl mit ihrem Auslandsjahr an einer Uni innerhalb der EU oder zahlreichen anderen Möglichkeiten, die ihnen die EU bietet. Durch ihr mangelndes Engagement ist es ihnen ganz hervorragend gelungen, sich ihre Zukunft von patriotischen Rentnern wegnehmen zu lassen, die diese Zukunft teilweise gar nicht mehr erleben werden. Diese Tragödie sollte Ihnen allen eine Lehre sein und deswegen kann ich Ihnen immer nur eines sagen: Geht wählen! Geht wählen! Geht wählen! Mischt Euch ein! Überlassen Sie Ihre Zukunft nicht den Wahlzetteln anderer Leute. Auch in Polen muss man eine unserer Thesen lesen können. In Polen heißt sie: Die Presse muss das Recht besitzen unabhängig berichten zu können. Auch diese These klingt wie eine Selbstverständlichkeit. In unserem Nachbarland ist aber aufgrund eines umstrittenen Mediengesetzes genau diese Selbstverständlichkeit verloren gegangen. Das Einschränken der Pressefreiheit ist einer von vielen Rückschlägen, die das Land Polen unter ihrer rechtspopulistischen Regierung hinnehmen musste. Man kann die Polen nur dazu auffordern, auf die Straßen zu gehen, um für ein Rechtzu kämpfen, dass ihnen genau so zusteht wie allen anderen Menschen in der EU auch. Was würden Sie denn sagen, wenn der Spiegel oder die Zeit auf einmal von der Regierung in Berlin kontrolliert werden würden? Die Pressefreiheit ist einer der wichtigsten Eckpfeiler eines Rechtstaates und einer Republik und muss auch deshalb beschützt werden. Denn nur mithilfe seriöser und unabhängiger Pressearbeit ist es den Leuten möglich, sich zu informieren und eine eigene Meinung von den
  • 3. Dingen zu bilden. Aus diesem Grunde wurde die Bibel von Luther ins Deutsche übersetzt und von Guttenberg gedruckt unters Volk gebracht. Nun liebe Bürgerinnen und Bürger haben wir zahlreiche Thesen an die verschiedensten Türen in Europa gehängt. Eine letzte Tür fehlt jedoch noch. Es ist unsere eigene Haustür. Es ist die Tür Berlins. Die These, die wir hier hineinhämmern müssen, heißt: „Reichtum muss gerecht unter dem Volk verteilt werden.“ Die Zeit zu denken, nur weil Deutschland ein reiches Land ist, geht es allen finanziell gut, ist vorbei, liebe Wählerinnen und Wähler. Die Zeit zu denken, in Deutschland besitzt jeder die gleichen Chancen auf Bildung und einen Job, ist ebenfalls vorbei. Ich bitte Sie darum, sich vor Augen zu führen, dass die Top 10% in Deutschland 50% des deutschen Nettovermögens besitzen. Diese soziale Ungerechtigkeit gilt es nun, mit unseren Mitteln zu bekämpfen. Das sind die +kommenden Wahlen und der Protest auf der Straße. Denn nur wenn Sie und ich zu einem „wir gemeinsam“ werden, können wir einen Siegeszug fahren gegen diese Ungerechtigkeit, die in Deutschland ihr Unwesen treibt. Und so ein Siegszug ist auch dringend nötig, denn mit der sozialen Ungerechtigkeit kommen auch zahlreiche andere Probleme in unser eigentlich so schönes und stolzes Land, das doch so viel Potential besitzt. So ist es sogar wissenschaftlich bewiesen, dass ungleiche Gesellschaften wesentlich mehr soziale Probleme haben als es in den Gerechten der Fall ist. Wir wollen nicht immermehrDrogenkonsum, immer mehr Fettleibigkeit, immermehr Schwangerschaftenunter Teenagern, immermehrdepressive Menschen, immer mehr Gewaltverbrechen und immer mehr Jugendliche ohne Schulabschluss. Es darf nicht beim Ablass durch Sozialhilfeprogramme und Hartz4 bleiben. Es ist die gleiche allgemeine Teilhabe im Hier und Jetzt gefordert. Es ist nun die Zeit gekommen, aus dem „immer mehr Probleme“ endlich ein „ immer weniger Probleme“ zu machen. Denn nur das kann und darf der Anspruch unseres Landes sein. Wir dürfen uns unser Land nicht von den oberen 10% aus der Hand nehmen lassen. Nun sind wir am Ende unserer heutigen Reise durch Europa angelangt und haben unsere Botschaften an die Türen der verschiedensten Länder gehängt. Egal ob Westeuropa, Mitteleuropa oder Osteuropa - jedes Land und auch die EU als Institution hat ihre Probleme. Es ist wichtig, auf diese Missstände aufmerksam zu machen, für Aufklärung und Information zu sorgen und Teilhabe zu fordern, so wie wir es heute gemacht haben und so wie Martin Luther es vor 500 Jahren schon gemacht hat. Doch dafür, dass diese Probleme bekämpft werden, reichte vor 500 Jahren nicht nur die Person Martin Luther. Nein, es war vielmehr die Bevölkerung, es waren die Menschen auf den Straßen, die Reformen erzwungen haben. Martin Luther war lediglich ihr Wortführer. So wie er erstmalig die Religion aus den Gotteshäusern in den Staat und die Gesellschaft getragen hat, müssen wir heute unsere Werte, Sehnsüchte, Hoffnungen und Überzeugungen wieder in unseren Alltag zurück einbringen. Es reichen nicht einzelne Personen, um Europas Defizite zu bekämpfen. Es reichen keine einzelnen Politiker. Und es reichen auch keine einzelnen Menschenrechtsschützer. Nur darauf zu vertrauen, zu spenden und unter Gleichgesinnten still zu übereinstimmen, käme einem überheblichem Ablasshandel gleich. Wir selbst sind Europa und müssen handeln, auch um nicht schuldig sondern gerecht zu werden. Um Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Hass zu bekämpfen, braucht es jeden,… jeden einzelnen von euch,… verbunden zu einer großen Gemeinschaft, die sich Gehör verschafft. Denn wie Sie sicher alle wissen: Zusammen können wir alles erreichen, denn wir sind nicht alleine! Und überlassen Sie die öffentliche Rede und die notwendigen Reform(ation)en nicht mehr den Falschen. Vielen Dank