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Selbstporträts und "Selfies" -
Narzissmus oder Identitätssuche?
Der Museumsguide zur europäischen Wanderaustellung
Ausarbeitung im Rahmen des 65. Europäischen Wettbewerbs: "Denk mal - worauf baute Europa -
Europäisches Kulturerbejahr 2018"
"Vom Hofmaler zum `Selfie´ - Die Selbstdarstellung, die nicht selten auch zur Selbstinszenierung
wird, hat sich in den vergangenen Jahrhunderten deutlich verändert. Untersuchen Sie inwiefern die
heutige Kultur der Selbstinszenierung die europäische Gesellschaft verändert hat und erkunden Sie
verschiedene Formen der Selbstdarstellung in Vergangenheit und Gegenwart."
vorgelegt von Mara Ebbers (Q2)
Einleitung
Wer bin ich eigentlich? Wie sehen andere mich, wie sehe ich mich und wie will ich gesehen
werden?
Bewusst oder unbewusst hat sich wohl schon jeder mit derartigen Fragen auseinandergesetzt: Es
sind die Fragen nach der eigenen Identität, die maßgeblich durch das Selbst- und Fremdbild
bestimmt zu sein scheinen. Der Duden versteht unter Identität die "Echtheit einer Person oder
Sache" beziehungsweise die "als `Selbst´ erlebte innere Einheit der Person". Doch worin diese
"Echtheit der Person", dieses "Selbst", besteht, kann der Duden nicht definieren, es liegt in der
Verantwortung jedes Individuums dies für sich selbst herauszufinden.
Gerade in einer Zeit der Unsicherheit, in der Globalisierung, Digitalisierung und sozialer Wandel an
bisherigen Selbstverständlichkeiten rütteln, wird die Suche nach der Identität zunehmend zu einer
Lebensaufgabe. Wenn Wertvorstellungen Gegenstand internationaler Vergleiche werden, wenn eine
virtuelle Sphäre mit Informationsfluten und nie gekannten Handlungsmöglichkeiten hinzukommt,
wenn jahrhundertelang tradierte Familienstrukturen, Rollenverständnisse und Arbeitswelten sich
radikal verändern, dann wird die Frage nach dem eigenen Sein, nach der eigenen Position in der
Welt, schwerer zu beantworten. Denn wenn die Handlungsmöglichkeiten wachsen, dann wächst
auch die Vielfalt der möglichen Lebensentwürfe, es gibt mehr Raum für Andersartigkeit und eine
größere Notwendigkeit, sich zu positionieren, zu sagen, wer man ist.
Auf der Suche nach der eigenen Identität sind Darstellungen seiner Selbst von entscheidender
Bedeutung - das jedenfalls legt die anhaltend hohe Zahl von Selfies nahe. Laut dem Duden wird ein
“Selfie” mit der Digitalkamera in der Regel spontan aufgenommen und bildet eine oder mehrere
Personen ab. Als moderne Form des Selbstporträts erreicht es eine beeindruckende Popularität:
Allein auf der Online-Plattform Instagram, die das Teilen von Bildern und Videos ermöglicht,
wurden innerhalb von drei Monaten 2,5 Millionen Bilder mit dem Hashtag "Selfie" gepostet.
Und doch ist das "Selfie" nichts Neuartiges, es handelt sich lediglich um eine moderne Form der
Selbstinszenierung. Den Drang, sich selbst darzustellen, besitzen Menschen - so scheint es - schon
seit jeher: Durch Kleidung und Luxusgüter versucht man damals wie heute seinen Status zu
betonen: So errichteten die alten Römer nach gewonnen Schlachten genauso wie Herrscher der
Neuzeit Triumphbögen oder veranstalteten Militärparaden. Und auch in der Kunst hat die
Selbstdarstellung eine mehrere Jahrhunderte lange Geschichte, angefangen bei ersten
(fotographischen) Selbstporträts und den Werken zahlreicher Hofmaler. Aber ist es wirklich nur die
Suche nach der eigenen Identität, die Menschen dazu bewegte und bewegt, sich selbst ein Abbild zu
schaffen, ihr Ich festzuhalten? Hat es nicht etwas Narzisstisches, sich selbst derartig wichtig zu
nehmen, sich in den Mittelpunkt seiner Bilder zu stellen?
Schon der Römer Publilius Syrus behauptete zu Zeiten Cäsars: „Der Schüchterne bezeichnet sich
als vorsichtig, der Geizige als sparsam“ und unterstellte dem Menschen damit die Neigung, sich
selbst inszenieren zu wollen. Sind wir nicht gut genug, so wie wir sind? Ist ein idealisiertes Bild von
uns mehr wert als ein authentisches? Was versprechen sich Menschen davon, sich selbst
darzustellen und zu inszenieren? Wie alt ist Selbstdarstellung schon? Und was macht sie mit unserer
europäischen Gesellschaft?
Auf genau diese und auf viele weitere Fragen will die Ausstellung "Selbstporträts und `Selfies´ -
Narzissmus oder Identitätssuche?" Antwortmöglichkeiten geben. Sie beschäftigt sich – gestützt auf
zahlreiche, im Anhang aufgeführte Quellen - mit einem Thema, das traditionsreicher und zugleich
moderner nicht sein könnte und nimmt dabei unseren Kontinent Europa als Kulturrraum besonders
in den Blick. Denn Europäer gehören zu den ersten Selsbtdarstellern der Geschichte und dominieren
auch heute gemeinsam mit US-Amerikanern und Asiaten die virtuelle Selbstinszenierung. Aus
diesem Grund ist es eine Ausstellung, die einmal quer durch Europa wandert. Es ist eine
Ausstellung, die Menschen in London, Paris, Rom, Athen und Berlin einen Spiegel vor Augen
halten soll. Eine Ausstellung, die ganz Europa zum Nachdenken anregen will, weil sie ganz Europa
tangiert. Es ist eine Ausstellung, die ein Stück europäische Kulturgeschichte und ein Stück der
kulturellen Gegenwart Europas darstellt. Es ist eine Ausstellung über die Menschen in Europa.
Raum I - Die Anfänge der Selbstdarstellung - Gab es "Selfies"
nicht schon immer?
Selbstdarstellung „umfasst alle Versuche, Bilder der eigenen Person zu vermitteln, um den Eindruck
zu kontrollieren und zu steuern, den sich ein Publikum bildet“, so lässt sich Selbstdarstellung
definieren. Konzentriert man sich auf den künstlerisch-graphischen Versuch in der europäischen
Geschichte, die eigene Person darzustellen oder darstellen zu lassen, kommen einem wohl als erstes
imposante Bauwerke und Statuen aus der griechischen und römischen Antike in den Sinn.
Beispielsweise fand man an öffentlichen Plätzen im antiken Römischen Reich Ehrenstauen vor.
Dem Römer Plinius zufolge, soll das Forum Romanum 158 v. Chr. sogar so viele Ehrenstatuen zur
Schau gestellt haben, dass nicht wegen eines offiziellen Beschlusses errichtete Statuen entfernt
werden mussten. Und auch erhalten gebliebende Kaiserporträts zeigen, dass schon in der Antike ein
Hang zur Selbstdarstellung bestand.
Stefan Lochner, “Die Heiligen Ambrosius, Cäcilia und Augustinus mit Stifter”, um 1445 – 1450
Triumphbogen, Forum Romanum Albrecht Dürer, “Selbstbildnis im Pelzrock”, 1500
Dieses Phänomen lässt sich auch im europäischen Mittelalter erkennen: Gegenstand von Bildnissen
waren in erster Linie biblische Figuren wie die Mutter Gottes, jedoch ließen sich auch die Stifter der
Bilder immer wieder selbst auf diesen darstellen. Dass diese und andere einfache Menschen kleiner
abgebildet wurden als ihre göttlichen Vorbilder, ist ein Zeugnis der Demut gegenüber den
dargestellten Heiligen - doch nichtsdestotrotz haben die Stifter sich ein Abbild für die Ewigkeit
schaffen lassen. Eine gewisse Eitelkeit und Selbsteingenommenheit darf hier sicherlich unterstellt
werden.
Einen großen Schritt weiter ging jedoch erst der Künstler Albrecht Dürer in der Renaissance: Er ist
es, der als der "erste wirkliche Selbstdarsteller in der Geschichte der Porträtmalerei" gilt. Im
Gegensatz zu seinen mittelalterlichen Kollegen bildetet er nicht den Stifter des Bildes in
bescheidener Kleinheit ab, sondern rückte sich selbst als Christus-Ikone in den Mittelpunkt des
Bildes. Mit seinem "Selbstbildnis im Pelzrock" stellt er sich nahezu auf eine Stufe mit dem Sohn
Gottes und demonstriert damit eindrucksvoll, dass ein Künstler in der Renaissance mehr ist als ein
Handwerker. Dürer scheint in Anbetracht seines Menschseins Stolz zu empfinden und für ihn ist er
selbst wichtig genug, um Gegenstand eines Bildes zu sein. Das neue Selbstbewusstsein des Bürgers,
des Menschen, in der Frühen Neuzeit spiegelt sich in der Kunst Dürers, dessen Selbstbildnis
provokant-narzisstisch anmutet.
Raum II - Machtdemonstration und Selbststudien -
Selbstdarstellung in der Frühen Neuzeit
Auch im Barock zeigen die Künstler, welche Bedeutung sie sich selbst beimessen: So stellte der
spanische Hofmaler Diego Velázquez sich selbst in seinem Gemälde „Las Meninas“ in den
Mittelpunkt der Hofgesellschaft, ganz so als sei er der Monarch.
Und auch der Barockmaler Rembrandt van Rijk hatte eine Vorliebe dafür, sich abzubilden: Immer
wieder malte er sich selbst, immer versucht, zu ergründen, wie seine Gemütszustände auf seine
Mimik und Haltung einwirken.
Das eigene Ich rückte also zunehmend in das Interessensfeld der Künstler. Die Suche nach der
eigenen Identität, Selbstüberschätzung und Narzissmus oder Interesse am eigenen Sein und
Faszination und Neugierde in Anbetracht der menschlichen Existenz, die es zu ergründen und zu
verstehen gilt, sind mögliche Motive für die Darstellung seiner Selbst im Barock.
Jedoch ist das Selbstporträt in der Frühen Neuzeit nicht die einzige Form der Selbstdarstellung: In
Frankreich herrscht Ludwig XIV. als Sonnenkönig absolutistisch - seine Herrschaft lebt von der
Inszenierung seiner Macht. Diese findet ihren Ausdruck in seinem Schloss Versailles, in der
Vielzahl seiner Bediensteten und in seinem ganzes pompöses Auftreten.
In anderen Teilen Europas ist man bemüht, dem Sonnenkönig, dem Inbegriff der Macht und des
Prunks, nachzueifern: So fühlt sich Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg-Preußen, zu Beginn
des 18. Jahrhunderts erniedrigt, als er bei einem Treffen mit dem englischen König Wilhelm II. auf
einem schlichten Stuhl Platz nehmen muss, während der König auf einem gepolsterten Sessel mit
Armlehnen sitzt. Er imitiert die Verhaltensweisen des Sonnenkönigs, sucht sich beispielsweise eine
Mätresse aus, mit der er lediglich spazieren geht, und strebt nach der Königskrone. Er möchte mehr
sein als er ist, er inszeniert sich prunkvoll an seinem Hof, lässt zum Teil bis zu 100 Gänge servieren,
während sein Volk kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.
Diego Velázquez, “Las Meninas”, 1656 Pieter Nason, “Kurfürst Friedrich Wilhelm und seine
Gemahlin Luise Henriette”, 1666
Wozu dient all der Prunk? Wozu dient all die Selbstinszenierung? Vielleicht ist es nur das
Machtstreben und der Geltungsdrang einiger barocker Herrscher - vielleicht offenbart es aber auch,
wie tief der Wunsch im Menschen verwurzelt ist, sich selber in möglichst günstigem Licht zu
präsentieren. Denn, um die Worte des Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche zu gebrauchen:
„Die Menschen drängen sich zum Lichte hin, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu
glänzen.“
Raum III - Der Weg zum modernen Selbstporträt - Kunst
und Photographie
Das Selbstporträt als Kunstgattung überlebte politische Krisen und den Wechsel künstlerischer
Epochen - bis in die Moderne hinein ist die Frage nach dem eigenen Sein scheinbar unbeantwortet
geblieben und beschäftigt noch immer verschiedene Künstler.
So malte Vincent van Gogh binnen drei Jahren 29 Selbstporträts - um in seinem Gesicht nach
Anzeichen von Wahnsinn zu suchen. Seine Auseinandersetzung mit der essentiellen Frage, wer er
ist und ob er gesund bleibt, spiegelte sich also in seiner Kunst wider.
Auch die Künstlerin Frida Kahlo benutzt zahlreiche Selbstporträts als Medium zur Darstellung ihres
Schmerzes. Sie benutzt die Kunst, um sich zu zeigen - und um abzubilden, was sie ist, um
darzustellen, wie sie sich selber sieht.
Selbtsbildnis von Vincent van Gogh, 1889 Francis Bacon, "Three Studies for a Selfportrait, 1979"
Max Beckmann, der mit insgesamt rund 100 Selbstbildnissen einen Rekord aufgestellt hat,
offenbart durch seine Selbstdarstellungen, eine Identitätssuche: „Ich habe mein Leben lang
versucht, ein Ich zu werden.“
Einen ganz modernen Ansatz des Selbstporträts wählt der Maler Francis Bacon im 20. Jahrhundert:
In seinen Selbstdarstellungen ist er selbst unkenntlich, eine Möglichkeit für den Künstler, sich von
seinem Äußeren und auch von gesellschaftlichen Normen zu lösen.
Deutlich wird also: Selbstdarstellung bewegt. Noch heute. Und das ist kaum verwunderlich, denn es
geht um ein essentielles Thema: das eigene Ich.
Allerdings hat die Malerei mittlerweile Konkurrenz bekommen: Wie in vielen Bereichen ersetzen
und erleichtern technische Fortschritte den Alltag. Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat die
(künstlerische) Darstellung des eigenen Ichs ganz neue Möglichkeiten: Die Fotographie.
Dass das Aufnehmen der eigenen Person fast so alt wie die Fotographie selbst ist, zeigt einmal mehr
die Neigung des Menschen zur Selbstdarstellung. So ist es auch kaum verwunderlich, dass Louis
Daguerre und Robert Cornelius schon 1839 unabhängig voneinander erste fotographische
Selbstporträts erstellten - ihr Ziel jedoch war keineswegs die eigene Eitelkeit zu befriedigen,
sondern viel mehr der Wunsch, zu zeigen, was technisch alles möglich ist. Denn sich selbst
aufzunehmen hieß damals noch, mehrere Minuten still zu halten - war die Belichtungszeit doch
deutlich länger, als wir es mittlerweile gewohnt sind.
Ein knappes Jahrhundert später entstand dann eines der ersten Teenager-Selfies: Die Tochter des
letzten russischen Zaren, Anastasia Nikolajewna Romanowa, machte am 13. Oktober 1914 ein Foto
von sich selbst. Später schrieb sie: „Ich schoss dieses Bild von mir, während ich in den Spiegel
schaute. Es war sehr hart, weil meine Hände zitterten.“
Robert Cornelius, 1839 Anastasia Nikolajewna Romanowa, 1914
Raum IV: Selbstdarstellung für jedermann - Der Siegeszug
des "Selfies"
Schon mit der Markteinführung der "Kodak Nr.1" 1888 war theoretisch jeder in der Lage, sich
selbst zu fotographieren. Allerdings wurde der Besitz einer Kamera schon bald zum Statussymbol,
zum Privileg der großbürgerlichen Elite - ganz ähnlich wie sich auch einen Hofmaler in früheren
Jahrhunderten nur wohlhabende Adelige hatten leisten können.
Das Fotographieren im Allgemeinen und das Festhalten des Ichs im Besonderen wurde erst in den
1970er-Jahren zu einem europäischen Massenphänomen: Die Digitalkamera wurde für viele
Menschen erschwinglich und die Fotographie eroberte den Alltag. Das fotographische Selbstporträt
entwickelte sich zu einer "der bedeutendsten Ausdrucksformen unserer Zeit".
Der Begriff des "Selfies" als Bezeichnung dafür entwickelte sich zwar erst im 21. Jahrhundert,
gleichwohl beschreibt es ein Phänomen, das schon Jahrhunderte alt ist, das Phänomen der
Selbstdarstellung. Doch obwohl das "Selfie" ein so altes, ein so lang tradiertes Phänomen
bezeichnet, könnte es moderner und aktueller nicht sein. So wurde die Bezeichnung "Selfie" zum
Oxford Dictionaries Word of the Year for 2013 gekürt.
Aus dem Alltag ist das "Selfie" mittlerweile kaum noch wegzudenken: Bei der deutschen
Bundestagswahl am 24. September 2017 stellte der Bundeswahlleiter beispielsweise 42
Strafanzeigen, weil Wähler sich verbotenerweise in der Wahlkabine selbst fotografiert und ihre
Stimmzettel anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlicht und so das Wahlgeheimnis verletzt
hatten. "Selfies" sind allgegenwärtig, Millionen von ihnen werden pro Tag geschossen. Laut einer
Auswertung einer Universität in Atlanta bilden 17. 52% aller geposteten "Selfies" dabei nur eine
einzige - meist gut gestylte oder bearbeitete - Person ab, bei 14% handelt es sich um
Gruppen-"Selfies". Währendessen entstehen 7% der geposteten "Selfies" im Urlaub mit
Sehenswürdigkeiten im Hintergrund und nur 0.06% der "Selfies" bei der Arbeit. Ebenfalls begehrt
sind "Selfies" mit Stars und anderen berühmten Persönlichkeiten - eine Grenze findet der "Selfie"-
Wahn lediglich in Mekka und einigen Museen New Yorks, wo ein Verbot Einhalt gebieten soll.
Angela Merkel und ein Schüler der Prälat-Diehl-Schule Ein Gruppen-”Selfie”
Raum V - Zwischen Selbstenfremdung und Identitätssuche -
Der Mensch und sein Abbild in der Gegenwart
Zwei entscheidende Unterschiede trennen das "Selfie" von früheren
“Selbstdarstellungswerkzeugen": Zum einen war Selbstdarstellung beziehungsweise -inszenierung
kein Massenphänomen, weil sich nur wenige Menschen die fotographische Ausrüstung oder einen
Hofmaler leisten konnten. Zum anderen wird die Popularität des "Selfies" von der Existenz einer
virtuellen Parallelwelt mitgetragen, die digitale Sphäre scheint eine Art Katalysator für die
Darstellung des Ichs zu sein: Im Dezember 2012 waren 25 Millionen Facebook-Nutzer aktiv, pro
Minute wurden über 60 Stunden Videomaterial auf der online-Plattform Youtube hochgeladen - das
sind technische Möglichkeiten, die frühere Selbstdarsteller sich nicht hätten träumen lassen. Es sind
technische Möglichkeiten, die neue Handlungsoptionen geben, die Selbstdarstellung und
-inszenierung in neuen Dimensionen möglich machen - Dimensionen, mit denen wir noch sehr
unerfahren sind.
Zwei Identitäten – eine reale und eine virtuelle? Zerreißt der Cyberspace unsere Identität?
Was früher privat war, dringt heute beispielsweise an die Öffentlichkeit: Statt Tagebuch schreiben
"Digital Natives" Blogs, statt Fotos in das Familienalbum zu kleben, werden sie bei Instagram
hochgeladen und einer kommentierenden, wertenden Öffentlichkeit zugänglich.
Unsere digitale zweite Lebenswelt hat sich mittlerweile zum Web 2.0 entwickelt, sie ist zum Social
Web geworden, in dem die Interaktion und die Partizipation von Nutzern allgegenwärtig ist. Unser
Internet ist kein einfaches Massenmedium mehr, in dem Informationen von Fachkräften
bereitgestellt werden, um von interessierten Nutzern aufgerufen zu werden - nein, unser Internet
besteht aus zahlreichen Plattformen, wo jeder seine Meinung äußern kann, wo unter anderem
"Selfies" hochgeladen, geteilt und kommentiert werden können.
Dies bringt den Menschen in eine Position, in der er mit andauerndem auf seine Identität
einwirkendem Feedback konfrontiert wird: Das Streben des Menschen nach Anerkennung, das sich
in vielen Lebensbereichen zeigt, verleitet im virtuellen Raum dazu, sich an der Anzahl von Likes
und Followern zu messen, sich unentwegt mit anderen zu vergleichen und das zu posten, was
anderen gefällt, nicht einem selbst. Das zumindest meint der Internetuser Sumbal Jawid, der auch
behauptet: „Wir sind Schauspieler und Instagram ist die Bühne, die Follower sind unsere
Zuschauer…“. Für ihn ist es eine Bühne, auf der wir uns selbst verstellen und uns schaden, weil die
positive oder negative Bewertung unseres zur Schau gestellten Ichs in der virtuellen Welt auf unser
Selbstbewusstsein, unsere Identität, in der analogen Wirklichkeit einwirkt.
Auch Jennifer Lopez twittert „Selfies“ - Vorbild oder Mainstream?
Zweifelsfrei gibt das Internet dem Individuum einen nie da gewesenen virtuellen Raum, der zur
Selbstinszenierung einlädt: Im World Wide Web hat jeder User die Möglichkeit, selbst zu
entscheiden, was er von sich preis gibt, in welchem Licht er sich präsentiert. Und so entstehen
idealisierte Abbilder, nicht authentische digitale Persönlichkeiten, die so perfekt an keinem Ort der
Realität bestehen könnten. Zunehmend schaut man mit den Augen anderer auf sein Profil, man
googelt sich selbst und vergisst allzu oft, wer man wirklich ist.
Gegenwärtige virtuelle Selbstinszenierung grenzt stellenweise an Selbstentfremdung. Auch baut die
Netzpräsenz Druck auf Individuen auf: Man muss sich präsentieren, sein Profil aktualisieren,
Zeit aufwenden. Und im Bestreben, ein eindrucksvolles "Selfie" aufzunehmen, starben in der ersten
Hälfte des Jahres 2015 mehr Menschen als bei einem Hai-Angriff: Zwölf Selbstdarsteller kamen bei
Stürzen, Zugunglücken oder ähnlichen Unfällen ums Leben, während acht von Haien tödlich
verletzt wurden.
Eitelkeit, Geltungsdrang, Angeberei, das Streben nach Anerkennung und ein Hang zum Narzissmus
- sind das die Motive moderner Selbstdarstellungskünstler? Hat Jawid Recht, wenn er verkündet
„Die sozialen Netzwerke fördern den fotografischen Narzissmus“? Und sollten wir vielleicht alle
weniger "Selfies" machen um nicht zu selsbstverliebten Egozentrikern zu werden?
Ein Mann mit aufgeblasenem Ego Ein Kind auf Identitätssuche
Mit Sicherheit ist das nicht ganz so einfach. Die neue Sphäre der Virtualität geht einher mit nie
gekannten Dimensionen der Identität und der Existenz, sie macht so viel möglich, was wir nicht
absehen können - aber in das wir langsam hineinwachsen. Diese Ausstellung will als Appel an jeden
einzelnen verstanden werden, dass die Verteufelung der digitalen Realität und des narzisstisch-
egozentrischen "Selfies" nicht die ganze Wahrheit ist. Selbstdarstellung hat den Menschen
jahrhundertelang beschäftigt, es repräsentiert einen Hang zum Narzissmus, aber auch die Suche
nach der eigenen Identität. Die Omnipräsenz des "Selfies" ist die Folge einer natürlichen
Entwicklung, es ist ein typisch menschliches Phänomen.
Wir müssen unser Auftreten in der virtuellen genauso wie unser Verhalten in der realen Welt
bewusst reflektieren und kritisch hinterfragen.
Wir sollten uns weniger idealisiert präsentieren, denn wir sind alle Menschen, die gerade durch ihre
Unperfektheit perfekt sind. Es sollte nicht um die Selbstinszenierung gehen, sondern um uns als
Menschen. Denn um zu zeigen, wer wir sind und was uns ausmacht, müssen wir uns darstellen, und
nicht inszenieren - denn wir sind alle liebenswert so wie wir sind!
Ein authentisches “Selfie”
Quellenverzeichnis
Textquellen:
http://www.bpb.de/apuz/157546/das-web-als-spiegel-und-buehne-selbstdarstellung-im-internet?
p=all
www.welt.de/wirtschaft/webwelt/video166275451/Die-Selbstdarstellung-1: boomt-nach-wie-vor-
aber.html
www.aphorismen.de/suche?f_thema=Selbstdarstellung
psychomentalis.de/glossar/definition/?id=Selbstdarstellung
viamus.uni-goettingen.de/fr/e/uni/d/06
viamus.uni-goettingen.de7fr/e/uni/d/03
Dokument der Staatlichen Museen zu Berlin, Besucher-Dienste
www.fernsehserien.de/das-selbstportraet-in-der-kunst/episodenguide/0/165514:
faz.net/aktuell/feuilleton/vom-17-jahrhundert-bis-heite-die-kunst-des-selfies-14951854.html
Geo Epoche, "Preußen- 1701-1871", Hamburg, 2006, S. 24-25 und S. 32
www.fernsehserien.de/das-selbstportraet-in-der-kunst/episodenguide/0/16551
spiegel.de/einestages/historische-selfies-selbstportraets- aus-der-fruehzeit-a-1037694.html
https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/videos/selfies-gabs-doch-schon-immer-100.html
n-tv.de/politik/Bundeswahlleiter-stellt-42-Strafanzeigen-article20096344.html
https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/videos/selfies-gabs-doch-schon-immer-100.html
www.welt.de/wirtschaft/webwelt/video166275451/Die-Selbstdarstellung-boomt-nach-wie-vor-
aber.html
https://www.prophoto-online.de/aufgegriffen/selfie-wird-zur-kunst-10010716
br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-campus/classics/selbstinszenierung-100.html
Dasmili.eu/art/selfie-hype-im-rausch-einer-selbstinszenierung
www.pcwelt.de/news/Mehr-Menschen-durch-Selfie-gestorben-als-durch-Hai-Angriffe-2015-
9806364.html
faz.net/aktuell/feuilleton/vom-17-jahrhundert-bis-heite-die-kunst-des-selfies-14951854.html
http://www.fr.de/kultur/kunst/ich-in-der-schirn-andere-wege-der-selbstdarstellung-a-367540
http://www.bpb.de/apuz/157546/das-web-als-spiegel-und-buehne-selbstdarstellung-im-internet?
p=all
gedankenwelt.de/selbstdarstellung-fuer-dich-selbst-nicht-fuer-andere
iq.intel.de/selbstdarstellung-im-netz-die-psychologie-hinter-der-inszenierung
Bildquellen:
https://gedankenwelt.de/selbstdarstellung-fuer-dich-selbst-und-nicht-fuer-andere
https://www.mebis.bayern.de/infoportal/welten/internet/selbstinszenierung-im-web-2-0/
http://www.huffingtonpost.de/2016/12/01/so-gelingt-das-perfekte-selfie_n_13346936.html
https://www.google.de/url?
sa=i&rct=j&q=&esrc=s&source=images&cd=&ved=0ahUKEwjKocftqKfXAhXIPBQKHR0gCxY
QjxwIAw&url=http%3A%2F%2Fwww.huisgenoot.com%2FNuus%2Fis-10-te-jonk-vir-selfies-
neem-20170528&psig=AOvVaw3NdgojdvEg2i0gZ3jFRGgv&ust=1509967286760569
http://klick-kind.de/fotografieren-mit-spiegelungen/
https://www.langweiledich.net/kreative-selbstportraits-melania-brescia/
https://kwerfeldein.de/2013/07/01/die-einfachen-dinge/
http://www.art-magazin.de/kunst/kinder-erklaeren-kunst/19247-rtkl-kinder-erklaeren-kunst-helena-
ueber-diego-velazquez-las
http://www.wallraf.museum/sammlungen/mittelalter/rundgang/raum-6/
http://www.fashop.at/shop/bildbeschreibungen/frida-kahlo
http://www.spiegel.de/fotostrecke/historische-selfies-fruehe-fotografische-selbstportraets-
fotostrecke-127315-4.html
http://www.spiegel.de/fotostrecke/historische-selfies-fruehe-fotografische-selbstportraets-
fotostrecke-127315-6.html
https://twitter.com/johnjlover/status/574180413356273664
https://ckstadtspaziergaenge.files.wordpress.com/2017/03/dscf0263_compressed-2.jpg
http://www.boisseree.com/de/artists/Bacon/Bacon_Exhibition.html
https://www.4teachers.de/?action=show&id=672845
http://www.fr.de/rhein-main/angela-merkel-selfie-mit-angie-a-550208
https://www.gogh.ch/selbstbildnisse5.html
https://www.bildung-
lsa.de/unterricht/faecher/geschichte/die_zeit_der_renaissance/meisterwerke_der_malerei___arbeitsb
laetter__raetsel/bildbeschreibungen.html?INH_ID=12249
https://www.wikipedia.de
https://www.spsg.de/index.php?id=10785

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  • 1. Selbstporträts und "Selfies" - Narzissmus oder Identitätssuche? Der Museumsguide zur europäischen Wanderaustellung Ausarbeitung im Rahmen des 65. Europäischen Wettbewerbs: "Denk mal - worauf baute Europa - Europäisches Kulturerbejahr 2018" "Vom Hofmaler zum `Selfie´ - Die Selbstdarstellung, die nicht selten auch zur Selbstinszenierung wird, hat sich in den vergangenen Jahrhunderten deutlich verändert. Untersuchen Sie inwiefern die heutige Kultur der Selbstinszenierung die europäische Gesellschaft verändert hat und erkunden Sie verschiedene Formen der Selbstdarstellung in Vergangenheit und Gegenwart." vorgelegt von Mara Ebbers (Q2)
  • 2. Einleitung Wer bin ich eigentlich? Wie sehen andere mich, wie sehe ich mich und wie will ich gesehen werden? Bewusst oder unbewusst hat sich wohl schon jeder mit derartigen Fragen auseinandergesetzt: Es sind die Fragen nach der eigenen Identität, die maßgeblich durch das Selbst- und Fremdbild bestimmt zu sein scheinen. Der Duden versteht unter Identität die "Echtheit einer Person oder Sache" beziehungsweise die "als `Selbst´ erlebte innere Einheit der Person". Doch worin diese "Echtheit der Person", dieses "Selbst", besteht, kann der Duden nicht definieren, es liegt in der Verantwortung jedes Individuums dies für sich selbst herauszufinden. Gerade in einer Zeit der Unsicherheit, in der Globalisierung, Digitalisierung und sozialer Wandel an bisherigen Selbstverständlichkeiten rütteln, wird die Suche nach der Identität zunehmend zu einer Lebensaufgabe. Wenn Wertvorstellungen Gegenstand internationaler Vergleiche werden, wenn eine virtuelle Sphäre mit Informationsfluten und nie gekannten Handlungsmöglichkeiten hinzukommt, wenn jahrhundertelang tradierte Familienstrukturen, Rollenverständnisse und Arbeitswelten sich radikal verändern, dann wird die Frage nach dem eigenen Sein, nach der eigenen Position in der Welt, schwerer zu beantworten. Denn wenn die Handlungsmöglichkeiten wachsen, dann wächst auch die Vielfalt der möglichen Lebensentwürfe, es gibt mehr Raum für Andersartigkeit und eine größere Notwendigkeit, sich zu positionieren, zu sagen, wer man ist. Auf der Suche nach der eigenen Identität sind Darstellungen seiner Selbst von entscheidender Bedeutung - das jedenfalls legt die anhaltend hohe Zahl von Selfies nahe. Laut dem Duden wird ein “Selfie” mit der Digitalkamera in der Regel spontan aufgenommen und bildet eine oder mehrere Personen ab. Als moderne Form des Selbstporträts erreicht es eine beeindruckende Popularität: Allein auf der Online-Plattform Instagram, die das Teilen von Bildern und Videos ermöglicht, wurden innerhalb von drei Monaten 2,5 Millionen Bilder mit dem Hashtag "Selfie" gepostet. Und doch ist das "Selfie" nichts Neuartiges, es handelt sich lediglich um eine moderne Form der Selbstinszenierung. Den Drang, sich selbst darzustellen, besitzen Menschen - so scheint es - schon seit jeher: Durch Kleidung und Luxusgüter versucht man damals wie heute seinen Status zu betonen: So errichteten die alten Römer nach gewonnen Schlachten genauso wie Herrscher der Neuzeit Triumphbögen oder veranstalteten Militärparaden. Und auch in der Kunst hat die
  • 3. Selbstdarstellung eine mehrere Jahrhunderte lange Geschichte, angefangen bei ersten (fotographischen) Selbstporträts und den Werken zahlreicher Hofmaler. Aber ist es wirklich nur die Suche nach der eigenen Identität, die Menschen dazu bewegte und bewegt, sich selbst ein Abbild zu schaffen, ihr Ich festzuhalten? Hat es nicht etwas Narzisstisches, sich selbst derartig wichtig zu nehmen, sich in den Mittelpunkt seiner Bilder zu stellen? Schon der Römer Publilius Syrus behauptete zu Zeiten Cäsars: „Der Schüchterne bezeichnet sich als vorsichtig, der Geizige als sparsam“ und unterstellte dem Menschen damit die Neigung, sich selbst inszenieren zu wollen. Sind wir nicht gut genug, so wie wir sind? Ist ein idealisiertes Bild von uns mehr wert als ein authentisches? Was versprechen sich Menschen davon, sich selbst darzustellen und zu inszenieren? Wie alt ist Selbstdarstellung schon? Und was macht sie mit unserer europäischen Gesellschaft? Auf genau diese und auf viele weitere Fragen will die Ausstellung "Selbstporträts und `Selfies´ - Narzissmus oder Identitätssuche?" Antwortmöglichkeiten geben. Sie beschäftigt sich – gestützt auf zahlreiche, im Anhang aufgeführte Quellen - mit einem Thema, das traditionsreicher und zugleich moderner nicht sein könnte und nimmt dabei unseren Kontinent Europa als Kulturrraum besonders in den Blick. Denn Europäer gehören zu den ersten Selsbtdarstellern der Geschichte und dominieren auch heute gemeinsam mit US-Amerikanern und Asiaten die virtuelle Selbstinszenierung. Aus diesem Grund ist es eine Ausstellung, die einmal quer durch Europa wandert. Es ist eine Ausstellung, die Menschen in London, Paris, Rom, Athen und Berlin einen Spiegel vor Augen halten soll. Eine Ausstellung, die ganz Europa zum Nachdenken anregen will, weil sie ganz Europa tangiert. Es ist eine Ausstellung, die ein Stück europäische Kulturgeschichte und ein Stück der kulturellen Gegenwart Europas darstellt. Es ist eine Ausstellung über die Menschen in Europa. Raum I - Die Anfänge der Selbstdarstellung - Gab es "Selfies" nicht schon immer? Selbstdarstellung „umfasst alle Versuche, Bilder der eigenen Person zu vermitteln, um den Eindruck zu kontrollieren und zu steuern, den sich ein Publikum bildet“, so lässt sich Selbstdarstellung definieren. Konzentriert man sich auf den künstlerisch-graphischen Versuch in der europäischen Geschichte, die eigene Person darzustellen oder darstellen zu lassen, kommen einem wohl als erstes imposante Bauwerke und Statuen aus der griechischen und römischen Antike in den Sinn. Beispielsweise fand man an öffentlichen Plätzen im antiken Römischen Reich Ehrenstauen vor. Dem Römer Plinius zufolge, soll das Forum Romanum 158 v. Chr. sogar so viele Ehrenstatuen zur Schau gestellt haben, dass nicht wegen eines offiziellen Beschlusses errichtete Statuen entfernt werden mussten. Und auch erhalten gebliebende Kaiserporträts zeigen, dass schon in der Antike ein
  • 4. Hang zur Selbstdarstellung bestand. Stefan Lochner, “Die Heiligen Ambrosius, Cäcilia und Augustinus mit Stifter”, um 1445 – 1450 Triumphbogen, Forum Romanum Albrecht Dürer, “Selbstbildnis im Pelzrock”, 1500 Dieses Phänomen lässt sich auch im europäischen Mittelalter erkennen: Gegenstand von Bildnissen waren in erster Linie biblische Figuren wie die Mutter Gottes, jedoch ließen sich auch die Stifter der Bilder immer wieder selbst auf diesen darstellen. Dass diese und andere einfache Menschen kleiner abgebildet wurden als ihre göttlichen Vorbilder, ist ein Zeugnis der Demut gegenüber den dargestellten Heiligen - doch nichtsdestotrotz haben die Stifter sich ein Abbild für die Ewigkeit schaffen lassen. Eine gewisse Eitelkeit und Selbsteingenommenheit darf hier sicherlich unterstellt werden. Einen großen Schritt weiter ging jedoch erst der Künstler Albrecht Dürer in der Renaissance: Er ist es, der als der "erste wirkliche Selbstdarsteller in der Geschichte der Porträtmalerei" gilt. Im Gegensatz zu seinen mittelalterlichen Kollegen bildetet er nicht den Stifter des Bildes in bescheidener Kleinheit ab, sondern rückte sich selbst als Christus-Ikone in den Mittelpunkt des Bildes. Mit seinem "Selbstbildnis im Pelzrock" stellt er sich nahezu auf eine Stufe mit dem Sohn Gottes und demonstriert damit eindrucksvoll, dass ein Künstler in der Renaissance mehr ist als ein Handwerker. Dürer scheint in Anbetracht seines Menschseins Stolz zu empfinden und für ihn ist er selbst wichtig genug, um Gegenstand eines Bildes zu sein. Das neue Selbstbewusstsein des Bürgers, des Menschen, in der Frühen Neuzeit spiegelt sich in der Kunst Dürers, dessen Selbstbildnis provokant-narzisstisch anmutet. Raum II - Machtdemonstration und Selbststudien - Selbstdarstellung in der Frühen Neuzeit Auch im Barock zeigen die Künstler, welche Bedeutung sie sich selbst beimessen: So stellte der spanische Hofmaler Diego Velázquez sich selbst in seinem Gemälde „Las Meninas“ in den Mittelpunkt der Hofgesellschaft, ganz so als sei er der Monarch. Und auch der Barockmaler Rembrandt van Rijk hatte eine Vorliebe dafür, sich abzubilden: Immer
  • 5. wieder malte er sich selbst, immer versucht, zu ergründen, wie seine Gemütszustände auf seine Mimik und Haltung einwirken. Das eigene Ich rückte also zunehmend in das Interessensfeld der Künstler. Die Suche nach der eigenen Identität, Selbstüberschätzung und Narzissmus oder Interesse am eigenen Sein und Faszination und Neugierde in Anbetracht der menschlichen Existenz, die es zu ergründen und zu verstehen gilt, sind mögliche Motive für die Darstellung seiner Selbst im Barock. Jedoch ist das Selbstporträt in der Frühen Neuzeit nicht die einzige Form der Selbstdarstellung: In Frankreich herrscht Ludwig XIV. als Sonnenkönig absolutistisch - seine Herrschaft lebt von der Inszenierung seiner Macht. Diese findet ihren Ausdruck in seinem Schloss Versailles, in der Vielzahl seiner Bediensteten und in seinem ganzes pompöses Auftreten. In anderen Teilen Europas ist man bemüht, dem Sonnenkönig, dem Inbegriff der Macht und des Prunks, nachzueifern: So fühlt sich Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg-Preußen, zu Beginn des 18. Jahrhunderts erniedrigt, als er bei einem Treffen mit dem englischen König Wilhelm II. auf einem schlichten Stuhl Platz nehmen muss, während der König auf einem gepolsterten Sessel mit Armlehnen sitzt. Er imitiert die Verhaltensweisen des Sonnenkönigs, sucht sich beispielsweise eine Mätresse aus, mit der er lediglich spazieren geht, und strebt nach der Königskrone. Er möchte mehr sein als er ist, er inszeniert sich prunkvoll an seinem Hof, lässt zum Teil bis zu 100 Gänge servieren, während sein Volk kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Diego Velázquez, “Las Meninas”, 1656 Pieter Nason, “Kurfürst Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Luise Henriette”, 1666 Wozu dient all der Prunk? Wozu dient all die Selbstinszenierung? Vielleicht ist es nur das Machtstreben und der Geltungsdrang einiger barocker Herrscher - vielleicht offenbart es aber auch, wie tief der Wunsch im Menschen verwurzelt ist, sich selber in möglichst günstigem Licht zu präsentieren. Denn, um die Worte des Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche zu gebrauchen: „Die Menschen drängen sich zum Lichte hin, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen.“ Raum III - Der Weg zum modernen Selbstporträt - Kunst und Photographie Das Selbstporträt als Kunstgattung überlebte politische Krisen und den Wechsel künstlerischer
  • 6. Epochen - bis in die Moderne hinein ist die Frage nach dem eigenen Sein scheinbar unbeantwortet geblieben und beschäftigt noch immer verschiedene Künstler. So malte Vincent van Gogh binnen drei Jahren 29 Selbstporträts - um in seinem Gesicht nach Anzeichen von Wahnsinn zu suchen. Seine Auseinandersetzung mit der essentiellen Frage, wer er ist und ob er gesund bleibt, spiegelte sich also in seiner Kunst wider. Auch die Künstlerin Frida Kahlo benutzt zahlreiche Selbstporträts als Medium zur Darstellung ihres Schmerzes. Sie benutzt die Kunst, um sich zu zeigen - und um abzubilden, was sie ist, um darzustellen, wie sie sich selber sieht. Selbtsbildnis von Vincent van Gogh, 1889 Francis Bacon, "Three Studies for a Selfportrait, 1979" Max Beckmann, der mit insgesamt rund 100 Selbstbildnissen einen Rekord aufgestellt hat, offenbart durch seine Selbstdarstellungen, eine Identitätssuche: „Ich habe mein Leben lang versucht, ein Ich zu werden.“ Einen ganz modernen Ansatz des Selbstporträts wählt der Maler Francis Bacon im 20. Jahrhundert: In seinen Selbstdarstellungen ist er selbst unkenntlich, eine Möglichkeit für den Künstler, sich von seinem Äußeren und auch von gesellschaftlichen Normen zu lösen. Deutlich wird also: Selbstdarstellung bewegt. Noch heute. Und das ist kaum verwunderlich, denn es geht um ein essentielles Thema: das eigene Ich. Allerdings hat die Malerei mittlerweile Konkurrenz bekommen: Wie in vielen Bereichen ersetzen und erleichtern technische Fortschritte den Alltag. Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat die (künstlerische) Darstellung des eigenen Ichs ganz neue Möglichkeiten: Die Fotographie. Dass das Aufnehmen der eigenen Person fast so alt wie die Fotographie selbst ist, zeigt einmal mehr die Neigung des Menschen zur Selbstdarstellung. So ist es auch kaum verwunderlich, dass Louis Daguerre und Robert Cornelius schon 1839 unabhängig voneinander erste fotographische Selbstporträts erstellten - ihr Ziel jedoch war keineswegs die eigene Eitelkeit zu befriedigen, sondern viel mehr der Wunsch, zu zeigen, was technisch alles möglich ist. Denn sich selbst aufzunehmen hieß damals noch, mehrere Minuten still zu halten - war die Belichtungszeit doch deutlich länger, als wir es mittlerweile gewohnt sind. Ein knappes Jahrhundert später entstand dann eines der ersten Teenager-Selfies: Die Tochter des
  • 7. letzten russischen Zaren, Anastasia Nikolajewna Romanowa, machte am 13. Oktober 1914 ein Foto von sich selbst. Später schrieb sie: „Ich schoss dieses Bild von mir, während ich in den Spiegel schaute. Es war sehr hart, weil meine Hände zitterten.“ Robert Cornelius, 1839 Anastasia Nikolajewna Romanowa, 1914 Raum IV: Selbstdarstellung für jedermann - Der Siegeszug des "Selfies" Schon mit der Markteinführung der "Kodak Nr.1" 1888 war theoretisch jeder in der Lage, sich selbst zu fotographieren. Allerdings wurde der Besitz einer Kamera schon bald zum Statussymbol, zum Privileg der großbürgerlichen Elite - ganz ähnlich wie sich auch einen Hofmaler in früheren Jahrhunderten nur wohlhabende Adelige hatten leisten können. Das Fotographieren im Allgemeinen und das Festhalten des Ichs im Besonderen wurde erst in den 1970er-Jahren zu einem europäischen Massenphänomen: Die Digitalkamera wurde für viele Menschen erschwinglich und die Fotographie eroberte den Alltag. Das fotographische Selbstporträt entwickelte sich zu einer "der bedeutendsten Ausdrucksformen unserer Zeit". Der Begriff des "Selfies" als Bezeichnung dafür entwickelte sich zwar erst im 21. Jahrhundert, gleichwohl beschreibt es ein Phänomen, das schon Jahrhunderte alt ist, das Phänomen der Selbstdarstellung. Doch obwohl das "Selfie" ein so altes, ein so lang tradiertes Phänomen bezeichnet, könnte es moderner und aktueller nicht sein. So wurde die Bezeichnung "Selfie" zum Oxford Dictionaries Word of the Year for 2013 gekürt. Aus dem Alltag ist das "Selfie" mittlerweile kaum noch wegzudenken: Bei der deutschen Bundestagswahl am 24. September 2017 stellte der Bundeswahlleiter beispielsweise 42 Strafanzeigen, weil Wähler sich verbotenerweise in der Wahlkabine selbst fotografiert und ihre Stimmzettel anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlicht und so das Wahlgeheimnis verletzt hatten. "Selfies" sind allgegenwärtig, Millionen von ihnen werden pro Tag geschossen. Laut einer Auswertung einer Universität in Atlanta bilden 17. 52% aller geposteten "Selfies" dabei nur eine
  • 8. einzige - meist gut gestylte oder bearbeitete - Person ab, bei 14% handelt es sich um Gruppen-"Selfies". Währendessen entstehen 7% der geposteten "Selfies" im Urlaub mit Sehenswürdigkeiten im Hintergrund und nur 0.06% der "Selfies" bei der Arbeit. Ebenfalls begehrt sind "Selfies" mit Stars und anderen berühmten Persönlichkeiten - eine Grenze findet der "Selfie"- Wahn lediglich in Mekka und einigen Museen New Yorks, wo ein Verbot Einhalt gebieten soll. Angela Merkel und ein Schüler der Prälat-Diehl-Schule Ein Gruppen-”Selfie” Raum V - Zwischen Selbstenfremdung und Identitätssuche - Der Mensch und sein Abbild in der Gegenwart Zwei entscheidende Unterschiede trennen das "Selfie" von früheren “Selbstdarstellungswerkzeugen": Zum einen war Selbstdarstellung beziehungsweise -inszenierung kein Massenphänomen, weil sich nur wenige Menschen die fotographische Ausrüstung oder einen Hofmaler leisten konnten. Zum anderen wird die Popularität des "Selfies" von der Existenz einer virtuellen Parallelwelt mitgetragen, die digitale Sphäre scheint eine Art Katalysator für die Darstellung des Ichs zu sein: Im Dezember 2012 waren 25 Millionen Facebook-Nutzer aktiv, pro Minute wurden über 60 Stunden Videomaterial auf der online-Plattform Youtube hochgeladen - das sind technische Möglichkeiten, die frühere Selbstdarsteller sich nicht hätten träumen lassen. Es sind technische Möglichkeiten, die neue Handlungsoptionen geben, die Selbstdarstellung und -inszenierung in neuen Dimensionen möglich machen - Dimensionen, mit denen wir noch sehr unerfahren sind. Zwei Identitäten – eine reale und eine virtuelle? Zerreißt der Cyberspace unsere Identität?
  • 9. Was früher privat war, dringt heute beispielsweise an die Öffentlichkeit: Statt Tagebuch schreiben "Digital Natives" Blogs, statt Fotos in das Familienalbum zu kleben, werden sie bei Instagram hochgeladen und einer kommentierenden, wertenden Öffentlichkeit zugänglich. Unsere digitale zweite Lebenswelt hat sich mittlerweile zum Web 2.0 entwickelt, sie ist zum Social Web geworden, in dem die Interaktion und die Partizipation von Nutzern allgegenwärtig ist. Unser Internet ist kein einfaches Massenmedium mehr, in dem Informationen von Fachkräften bereitgestellt werden, um von interessierten Nutzern aufgerufen zu werden - nein, unser Internet besteht aus zahlreichen Plattformen, wo jeder seine Meinung äußern kann, wo unter anderem "Selfies" hochgeladen, geteilt und kommentiert werden können. Dies bringt den Menschen in eine Position, in der er mit andauerndem auf seine Identität einwirkendem Feedback konfrontiert wird: Das Streben des Menschen nach Anerkennung, das sich in vielen Lebensbereichen zeigt, verleitet im virtuellen Raum dazu, sich an der Anzahl von Likes und Followern zu messen, sich unentwegt mit anderen zu vergleichen und das zu posten, was anderen gefällt, nicht einem selbst. Das zumindest meint der Internetuser Sumbal Jawid, der auch behauptet: „Wir sind Schauspieler und Instagram ist die Bühne, die Follower sind unsere Zuschauer…“. Für ihn ist es eine Bühne, auf der wir uns selbst verstellen und uns schaden, weil die positive oder negative Bewertung unseres zur Schau gestellten Ichs in der virtuellen Welt auf unser Selbstbewusstsein, unsere Identität, in der analogen Wirklichkeit einwirkt. Auch Jennifer Lopez twittert „Selfies“ - Vorbild oder Mainstream? Zweifelsfrei gibt das Internet dem Individuum einen nie da gewesenen virtuellen Raum, der zur Selbstinszenierung einlädt: Im World Wide Web hat jeder User die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was er von sich preis gibt, in welchem Licht er sich präsentiert. Und so entstehen idealisierte Abbilder, nicht authentische digitale Persönlichkeiten, die so perfekt an keinem Ort der Realität bestehen könnten. Zunehmend schaut man mit den Augen anderer auf sein Profil, man googelt sich selbst und vergisst allzu oft, wer man wirklich ist. Gegenwärtige virtuelle Selbstinszenierung grenzt stellenweise an Selbstentfremdung. Auch baut die Netzpräsenz Druck auf Individuen auf: Man muss sich präsentieren, sein Profil aktualisieren,
  • 10. Zeit aufwenden. Und im Bestreben, ein eindrucksvolles "Selfie" aufzunehmen, starben in der ersten Hälfte des Jahres 2015 mehr Menschen als bei einem Hai-Angriff: Zwölf Selbstdarsteller kamen bei Stürzen, Zugunglücken oder ähnlichen Unfällen ums Leben, während acht von Haien tödlich verletzt wurden. Eitelkeit, Geltungsdrang, Angeberei, das Streben nach Anerkennung und ein Hang zum Narzissmus - sind das die Motive moderner Selbstdarstellungskünstler? Hat Jawid Recht, wenn er verkündet „Die sozialen Netzwerke fördern den fotografischen Narzissmus“? Und sollten wir vielleicht alle weniger "Selfies" machen um nicht zu selsbstverliebten Egozentrikern zu werden? Ein Mann mit aufgeblasenem Ego Ein Kind auf Identitätssuche Mit Sicherheit ist das nicht ganz so einfach. Die neue Sphäre der Virtualität geht einher mit nie gekannten Dimensionen der Identität und der Existenz, sie macht so viel möglich, was wir nicht absehen können - aber in das wir langsam hineinwachsen. Diese Ausstellung will als Appel an jeden einzelnen verstanden werden, dass die Verteufelung der digitalen Realität und des narzisstisch- egozentrischen "Selfies" nicht die ganze Wahrheit ist. Selbstdarstellung hat den Menschen jahrhundertelang beschäftigt, es repräsentiert einen Hang zum Narzissmus, aber auch die Suche nach der eigenen Identität. Die Omnipräsenz des "Selfies" ist die Folge einer natürlichen Entwicklung, es ist ein typisch menschliches Phänomen. Wir müssen unser Auftreten in der virtuellen genauso wie unser Verhalten in der realen Welt bewusst reflektieren und kritisch hinterfragen. Wir sollten uns weniger idealisiert präsentieren, denn wir sind alle Menschen, die gerade durch ihre Unperfektheit perfekt sind. Es sollte nicht um die Selbstinszenierung gehen, sondern um uns als Menschen. Denn um zu zeigen, wer wir sind und was uns ausmacht, müssen wir uns darstellen, und nicht inszenieren - denn wir sind alle liebenswert so wie wir sind! Ein authentisches “Selfie”
  • 11. Quellenverzeichnis Textquellen: http://www.bpb.de/apuz/157546/das-web-als-spiegel-und-buehne-selbstdarstellung-im-internet? p=all www.welt.de/wirtschaft/webwelt/video166275451/Die-Selbstdarstellung-1: boomt-nach-wie-vor- aber.html www.aphorismen.de/suche?f_thema=Selbstdarstellung psychomentalis.de/glossar/definition/?id=Selbstdarstellung viamus.uni-goettingen.de/fr/e/uni/d/06 viamus.uni-goettingen.de7fr/e/uni/d/03 Dokument der Staatlichen Museen zu Berlin, Besucher-Dienste www.fernsehserien.de/das-selbstportraet-in-der-kunst/episodenguide/0/165514: faz.net/aktuell/feuilleton/vom-17-jahrhundert-bis-heite-die-kunst-des-selfies-14951854.html Geo Epoche, "Preußen- 1701-1871", Hamburg, 2006, S. 24-25 und S. 32 www.fernsehserien.de/das-selbstportraet-in-der-kunst/episodenguide/0/16551 spiegel.de/einestages/historische-selfies-selbstportraets- aus-der-fruehzeit-a-1037694.html https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/videos/selfies-gabs-doch-schon-immer-100.html n-tv.de/politik/Bundeswahlleiter-stellt-42-Strafanzeigen-article20096344.html https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/videos/selfies-gabs-doch-schon-immer-100.html www.welt.de/wirtschaft/webwelt/video166275451/Die-Selbstdarstellung-boomt-nach-wie-vor- aber.html https://www.prophoto-online.de/aufgegriffen/selfie-wird-zur-kunst-10010716 br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-campus/classics/selbstinszenierung-100.html Dasmili.eu/art/selfie-hype-im-rausch-einer-selbstinszenierung www.pcwelt.de/news/Mehr-Menschen-durch-Selfie-gestorben-als-durch-Hai-Angriffe-2015- 9806364.html faz.net/aktuell/feuilleton/vom-17-jahrhundert-bis-heite-die-kunst-des-selfies-14951854.html http://www.fr.de/kultur/kunst/ich-in-der-schirn-andere-wege-der-selbstdarstellung-a-367540 http://www.bpb.de/apuz/157546/das-web-als-spiegel-und-buehne-selbstdarstellung-im-internet? p=all gedankenwelt.de/selbstdarstellung-fuer-dich-selbst-nicht-fuer-andere
  • 12. iq.intel.de/selbstdarstellung-im-netz-die-psychologie-hinter-der-inszenierung Bildquellen: https://gedankenwelt.de/selbstdarstellung-fuer-dich-selbst-und-nicht-fuer-andere https://www.mebis.bayern.de/infoportal/welten/internet/selbstinszenierung-im-web-2-0/ http://www.huffingtonpost.de/2016/12/01/so-gelingt-das-perfekte-selfie_n_13346936.html https://www.google.de/url? sa=i&rct=j&q=&esrc=s&source=images&cd=&ved=0ahUKEwjKocftqKfXAhXIPBQKHR0gCxY QjxwIAw&url=http%3A%2F%2Fwww.huisgenoot.com%2FNuus%2Fis-10-te-jonk-vir-selfies- neem-20170528&psig=AOvVaw3NdgojdvEg2i0gZ3jFRGgv&ust=1509967286760569 http://klick-kind.de/fotografieren-mit-spiegelungen/ https://www.langweiledich.net/kreative-selbstportraits-melania-brescia/ https://kwerfeldein.de/2013/07/01/die-einfachen-dinge/ http://www.art-magazin.de/kunst/kinder-erklaeren-kunst/19247-rtkl-kinder-erklaeren-kunst-helena- ueber-diego-velazquez-las http://www.wallraf.museum/sammlungen/mittelalter/rundgang/raum-6/ http://www.fashop.at/shop/bildbeschreibungen/frida-kahlo http://www.spiegel.de/fotostrecke/historische-selfies-fruehe-fotografische-selbstportraets- fotostrecke-127315-4.html http://www.spiegel.de/fotostrecke/historische-selfies-fruehe-fotografische-selbstportraets- fotostrecke-127315-6.html https://twitter.com/johnjlover/status/574180413356273664 https://ckstadtspaziergaenge.files.wordpress.com/2017/03/dscf0263_compressed-2.jpg http://www.boisseree.com/de/artists/Bacon/Bacon_Exhibition.html https://www.4teachers.de/?action=show&id=672845 http://www.fr.de/rhein-main/angela-merkel-selfie-mit-angie-a-550208 https://www.gogh.ch/selbstbildnisse5.html https://www.bildung- lsa.de/unterricht/faecher/geschichte/die_zeit_der_renaissance/meisterwerke_der_malerei___arbeitsb laetter__raetsel/bildbeschreibungen.html?INH_ID=12249 https://www.wikipedia.de https://www.spsg.de/index.php?id=10785