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Tereus und die Danaiden bei Aischylos
Author(s): Karl August Neuhausen
Source: Hermes, Vol. 97, No. 2 (1969), pp. 167-186
Published by: Franz Steiner Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/4475583 .
Accessed: 05/05/2011 16:21

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TEREUS UND DIE DANAIDEN                         BEI AISCHYLOS

    Die durch verschiedene Schwierigkeiten belasteten Verse Aesch. Supp.
58-67 sind nach H. J. ROSE' sehr eingehend von E. W. WHITTLE2 behandelt
worden; das Ergebnis seiner griindlichen textkritischen Untersuchungen bildet
im wesentlichen eine Bestatigung des von J. VtRTHEIM3 hergestellten Wort-
lautes. Neue M6glichkeiten der inhaltlichen Interpretation eroffnet die von
WHITTLE in einem weiteren Aufsatz4 vorgeschlagene Lesart vO LoZ statt
voQioCLL (68/69). Die paldographischbestechende Konjektur muB - unabhangig
davon, ob ihre Begriindung ausreicht oder nicht - als Beitrag zur L6sung des
bisher kaum beachteten5, aber entscheidenden Problems gewiirdigt werden:
Warum vergleicht Aischylos die Lage der Hiketiden ausgerechnet mit den
tragischen Ereignissen, die mit dem Namen des Tereus verknulpftsind? Worin
ist das tertiumcomparationiszu erkennen, das die Wahl gerade dieses Beispiels
und damit Analogieschluisserechtfertigt? Die Aufgabe, die Gemeinsamkeiten
der beiden mythologischen Exempla nachzuweisen, bildet eine notwendige
Konsequenz der Gleichsetzung rw'qxOCl   eyx (o63UP'rO     ... 8O'c  t&v . 7Op-
                                                                       .V.
     ... (68-72) und stellt sich vor allem deshalb als dringlich dar, weil dem
Paradeigma offenbareine wichtige Funktion zuerkannt ist. Tc'q XoaL impli-
                                                                      eyco
ziert die fur das Selbstverstandnis der Danaiden ausschlaggebenden tber-
einstimmungen und Ahnlichkeiten, die Aischylos voraussetzt und dement-
sprechend verstanden wissen will.
    Zur Klarung dieses Sachverhalts ist es deshalb unerheblich zu ermitteln,
an welche der von den Interpreten in Erwagung gezogenen Gattinnen des
Tereus6 Aischylos an dieser Stelle denkt; als v6llig gesichert kann lediglich der
Name des Tereus gelten: 0"orCXTXpetocg . . . &XO6ou      (60f.). Der relativische
AnschluB &M'' beweist, daB nur eine einzige koXoZo
               (63)                                       gemeint sein kann, wie
vor allem von VURTHEIM7 einleuchtend begrundet worden ist. Das Schicksal
   1    A Commentary on the Surviving Plays of Aeschylus, Amsterdam I957, 20f.
   2    Notes on the Text of Aeschylus, Supplices 58-67:          ripao. Studies Presented to
G. THOMSON (= Acta Univ. Car. Philos. et Hist. I), Prag I963, 245-255.
      3 Aischylos' Schutzflehende (mit Text und Kommentar), Amsterdam 1928.

      4 Two Notes on Aeschylus, Supplices: ClQu I4, I964,  24-31.
      5 Ansatze zu Erwagungen im hier verstandenen Sinne lassen neben WHITTLE (I964,
30f.) kurze Bemerkungen in den Kommentaren von C. KRUSE (Stralsund i86i, I45) und
J. OBERDICK (Berlin I869, 95f.) erkennen; aktuell erscheint eine Deutung des Vergleichs
Supp. 57 ff. auch in Anbetracht der kritischen Feststellungen von A. F. GARVIE, Aeschylus'
Supplices: Play and Trilogy, Cambridge I969, 64.
      6 Vgl. neben dem RE-Art. 'Tereus' von A. LESKY folgende Art.: 'Aedon' (I I, 467 -

474), 'Itys' (IX 2, 238I), 'Philomela' (XIX 2, 25I5-25I9)     und 'Prokne' (XXIII I, 247-
252);    uber Metis als Gattin des Tereus s. U. v. WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Aischylos
Interpretationen, Berlin I914, 28.
    7 VURTHEIMs   Argumentation (I66) richtet sich offenbar auch in diesem Fall gegen
WILAMOWITZ (Aisch. Int. 28), dessen Qbersetzung (*Sie klagt und trauert. . . ) vollig
i68                             KARL AUGUSTNEUHAUSEN

der Tip?oc 6    -XoZ       wie immer sie geheiBen haben mag            -   muB insgesamt
dem Los der Danaiden sehr verwandte Merkmale aufweisen'. Dank dieser aus
dem Wortlaut bei Aischylos sich notwendig ergebenden Erkenntnis ist zugleich
die Methode der folgenden Vberlegungen festgelegt. Das Handeln und Verhalten
der Danaiden soll zuerst soweit als m6glich dem gesamten Erfahrungskomplex,
der allein durch die Erinnerung an Tereus fir die Danaiden ebenso wie fur das
Publikum im Theater offenbar hinreichend gekennzeichnet ist, vergleichend
gegenubergestellt werden; die spater vor allem von Sophokles und Ovid ent-
wickelten Kernmotive der Tereus-Sage werden logischerweise, auch wenn es
keine direkten Zeugnisse gibt, schon von Aischylos als allgemein bekannt vor-
ausgesetzt und dienen deshalb ganz der textimmanenten Interpretation 2.
Wenn die subjektiven Empfindungen der Danaiden zum Zeitpunkt der Parodos
und ihre Auswirkungen bis in die letzten Einzelheiten geklart sind, ist die
Basis geschaffen, im Hinblick auf die gesamte Trilogie objektiv zu prufen: Wo
liegen die Grenzen des Vergleichs ? Sind die Danaiden berechtigt, das Tereus-
Modell fur sich voll zu beanspruchen?
    Zunachst teilen die Danaiden mit der Tjpe[ &oXoZoq auBeresGeschick,
                                                         ein
das Los der Vertreibung aus den angestammten Wohnsitzen ('15cm    64). Die An-
gabe 6"&' x?w
        &7rt6 p         -uTC v
                         o               (63) enthalt dieselbe inhaltliche Aus-
                                   T' epyo6vxv
sage wie die Mitteilung der Danaiden gleich zu Anfang der Parodos: ALcuv     8?
xurro5aU6t74vocV 6UyZOpTOVEUpbLa cpeyopv  (4f.). ?Syo?Lvv' wird nicht dadurch
                                            f
eingeschrankt, daB die Danaiden ihrem Vater dankend bescheinigen: . ..
7reGQVOt.LCOV
           XuVat'T      a?ZEV    e'7rxpLVEV   CqeuyeLV &lv6V       xC'
                                                                 &LX       aXLoV (I2-I4);

yp&yevbestatigt ausdrucklichdas V. 4 verkundete Faktum, und ebenso lBt die
vielberufene yuivoptoc (8) das Motiv der Flucht erkennen3. Auch die Erklarung

offen IaBt, auf welche der vorher genannten beiden Personen sich dieser Satz bezieht (W.
ebd.: i.. . er horte die Stimme der Metis, der klagenden Gattin des Tereus, und die der
Aedone, die der Falke verfolgt. #). Gerade dieser Widerspruch zeigt, daB die Leiden der
beiden Schwestern kausal aufs engste miteinander verknuipft sind, und bestatigt so zugleich
die Zulassigkeit des in diesem Aufsatz angewandten Verfahrens.
    1 Da die Namen der Prokne und Philomela, die man herkommlicherweise mit
Tereus in Verbindung bringt, vor Sophokles nicht belegt sind, kaime es in einer Aischylos-
interpretation einer petitio principii gleich, sich auf bestimmte Personen festzulegen. Alles,
was die Gattin des Tereus und ihre Schwester von Tereus erlitten haben und was sie getan
haben, muB als einheitliches Geschehen betrachtet werden.
    2 Eine quellenkritische Untersuchung       - z. B. im Sinne von J. DIETZE, Komposition
und Quellenbenutzung in Ovids Metamorphosen, Hamburg 1905 (wo uXbrigens           der Tereus-
Mythos nicht erortert wird) - erscheint infolgedessen nicht geboten; Aufschluisse hinsicht-
lich der Frage, welche Funktion das Paradeigma innerhalb der Tetralogie erfuillt, WaBt     ein
solches Verfahren nicht erhoffen.
    3 Selbst wenn man die weitgehend akzeptierte Emendation BAMBERGERS (OciuToy1veL
9uiocvopioc als verbindlich voraussetzt und mit WILAMOWITZ (Aisch. Int. I5) dem Chor die
           8)
Behauptung unterstellt, der Ehe mit den Agyptern *>aus        angeborener Mannerfeindschaftt
entflohen zu sein, bleibt logischerweise die Tatsache bestehen, dal3 die Danaiden tatsachlich
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                           [r69

des Scholiasten -              im Sinne von 8tCOX ?I - trifft auf die Danaiden
                    ?pyo[u'vx
zu und wird z. B. I045f. bestatigt (&LoYLOZq; I48); denn die Flucht aus
                                                 vgl.
der L'ocyfh'v (4f.) setzt die Verfolgung seitens der Agypter ebenso voraus wie
die bereits V. 27 (3Kcxc,' 'xh?v) bundig formulierte Bitte um Aufnahme als
Schutzsuchende. Diese prinzipiellen Vbereinstimmungen lassen die Konjektur
von MARTIN- XCO)PO)v  TpO'pv) statt Z. 7QorapC&v - und andere Emenda-
                                                t'
tionen (s. WHITTLEI963, 25I-253) entbehrlich erscheinen, zumal da 7ro-octwv
die Erinnerung an den Nil wachruft; denn die Danaiden bekundeten bereits
gleich im Er6ffnungssatz des anapastischen Teiles (NLMou4) ihre Herkunft,
und gerade die von allen codd.iuberlieferte Form NctoXspi 7rapa&V(7I) unmit-
telbar im AnschluB an den Vergleich mit der Tereus-Sage macht es wahrschein-
lich, daB Aischylos auch in dieser Hinsicht eine ParallelisierungbewuBt erstrebt.
Deshalb verrat der Vorschlag von MARTIN grundsatzlich richtige Einsicht,
                                             eine
wie auch VtURTHEIM I67 einraumt:             #..   .   zugunsten dieser Anderung Martins
kann gesagt werden, daB der Vergleichungspunkt mit dem Schicksal der
Danaiden eben in der Vertreibung &not -(Cov auv&ov ronwv liegt ((. Da
aber der durch die Konjektur erreichte Gewinn nicht grdBerist, als die Inter-
pretation des iuberliefertenTextes zulaBt', bleibt die entscheidende Erkenntnis
in jedem Fall gesichert.
vor der Verwirklichung des ya,uos ALyU ToYeV75die Flucht ergriffen haben; cpuE,avoptm
impliziert in jedem Fall die cpu K. v. FRITZ (Die Danaidentrilogie des Aischylos, in:
Antike und moderne Trag6die, Berlin I962, I6I) hat nun aber gezeigt, daf man ai'Toyevet
im Sinne von 'aus sich selbst entstanden' auffassen muB3;auf diese Weise stellt sich ein
einleuchtender Gegensatz heraus: )>nicht durch VolksbeschluB verbannt . . ., sondern aus
einem allein der eigenen Brust entsprungenen EntschluB3 zur Flucht vor diesen Mdnnern (.
Diese Erklarung widerlegt zugleich Vermutungen, die z. B. H. SPIER, The Motive for the
Suppliants' Flight, Class. Journ. 57, I96I/2,    3I5-3I7,    fur zulassig halt. Allerdings muB
trotz der Vorbehalte bei v. FRITZ (4791) anerkannt werden, daB auch die Lesart aiutoyevq,
die jetzt wieder M. L. ROSENKRANZ, Nota eschilea, Philologus io8, I964, 293-295,            ver-
teidigt, zumindest vor dem irrefiihrenden Postulat einer angeborenen Mannerfeindschaft
schutzt; man kann sich dabei auBerdem (gegen die Einwande von 0. HILTBRUNNER,
Wiederholungs- und Motivtechnik bei Aischylos, Bern I950, 8ff.) z. B. auf folgende Argu-
mentationen berufen: 0. KOENNECKE, Rez. v. F. HELMREICH, Der Chor im Drama des
Aschylus, Kempten I915, in: Wochenschr. f. Klass. Philol. 33, I9I6, 387f.; K. KUNST, Die
Frauengestalten im attischen Drama, Wien und Leipzig 1922, 3f.; A. ELISEI, Le Danaidi
nelle 'Supplici' di Eschilo, StudIt 6, 1928, 204f.; M. UNTERSTEINER, Note alle Supplici di
Eschilo, Athenaeum I3, I935, 300. Vgl. D. KAUFMANN-BuHLER,            Begriff und Funktion der
Dike in den Tragodien des Aischylos, Diss. Heidelberg 195I, 49, und GARVIE 2I8 ff.
    1 Das gleiche gilt fur die Anderung XpCcPcvZrOTICPUV (S. WHITTLE I963, 252 f.). Der Ver-
zicht auf xZcp&cov die Aufgabe einer wichtigen Parallele zur Folge, da als einzige vergleich-
                  hat
bare Gemeinsamkeit die FluBnahe bestehen bleibt. Gerade dieser Vergleichspunkt er-
scheint weniger geeignet, auch wenn man berucksichtigt, daB i?6v zugleich x6pov voraus-
setzt; aber selbst in diesem Fall ist der Zusatz Xc?)pCow notwendig, da Tf#?cov sich nicht allein
auf 7o-ro,u beziehen kann. Auch die Danaiden berufen sich ja auf ihre Heimat, das Land
am Nil (A/c Z,'v 4f.), und ihre 7r'X,t (7), die sie verlassen muBten; Zxpc,v bzw. '45tov
(63 f.) entspricht diesen Angaben genau. So leiden die verfolgten Danaiden unter ihrer gegen-
170                                      KARL AUGUSTNEUHAUSEN

    Das Motiv der Trennung bzw. der Flucht schafft die Grundlage fur eine
weitere Gemeinsamkeit; die notwendige Folge bildet die Klage uiber dieses
schwere Geschick. Die Analogie zur Trauer der omxrpokT-ptx &`1oyBoq  (60f.)-
sr~vtZ ,v oLx-rov  acv   (64) - wird ein oovo7r6?Xoqox-rov Cxov(gemaB58 f.)
logischerweise folgendermaBen rechtfertigen k6nnen: Auch die Danaiden er-
kennen, wie ihre Selbstdarstellung in der Parodos beweist, ihre bedrohte Lage
und empfinden ihre Not in kaum zu ubertreffendemMaBe. Denn obwohl sie
Danaos       (ihrem   7rcarrp   xocx 3oi'Xocpxoq xocx a-caxcpxoq    ii f.) Dank schulden,   bleibt
das Faktum bestehen, daB sie &xae(I3) zu ertragen haben. Das BewuBtsein zu
leiden tritt dann ja auch eindringlich und iiberwaltigend hervor im Klagelied
(II2-II6):       toLG(rLc       7&a5za [tcXeoc &peoYL6va ?e&yco    I?LycOC POap&a    xpuoMtU0rZ      |

  C       4 Z11OLCrvpUf17r=    j iCOaOCyOoc0 lie -qi6.                  ax?a, naa,
                                                                   Die Leitworte
C>eto. und y6oro    erklarenden verzweifelten Wehruf x 3ua&yxpvTOr        7rs6voL
                                                                                (I26)
ebenso wie die auf sich selbst bezogene Mahnungder Danaiden (385f.) ,u for.
Z-9VO LX-TCCOU I uanapa 'Xwou4Tcoc,&6vroq
                 XOTo4                                          Bezeichnenderweise
                                                        o'L'x-oLq.
ist die Ursache fuir die a`roc, -no'Ci5und n6vot plotzlich eingetreten; diesen
RiickschluBerlaubt das Adjektiv &    r.p6IxpuX       (72): -x X        cpr.?g6OupTO4
                                                                                   ...

  (xZ7rm TV ... 7.ap?.C&V a7trep60c%xpuv Ir xcp Xocv.   Auch hierin gleichen sich die
Erfahrungen der Danaiden und der Tnpzx oc&OOoZoq,deren Leid auf der
                                                             da
pl6tzlich erregten Leidenschaft des Tereus beruht; auf einen gliicklichen, jeden-
falls ungetriibten Zustand folgt jah der Umschlag ins Ungliick. Nicht nur
das augenblickliche Leid, sondern auch die Form der Entstehung dieses Leides
und ihre unmittelbaren Folgen verbinden so das Schicksal der Danaiden mit
dem Los der TNpzc               0oXoq.
    Aus diesem Grunde ist es einleuchtend, daB die Klagen fiber solche r,zaoc
in neuen 'Weisen' (v6lo,auo) bekundet werden. WHITTLES      Anderung (vo90ozor)
zeichnet sich durch den Versuch aus, auch die Parallele zur Leidensgeschichte
der Io (Supp. 50ff.) sichtbar zu machen. Nun liegt aber der Schwerpunkt des
Vergleiches der V. 57 ff. - wie T-r xodt 'y6 (69) beweist - auf den Gemeinsam-
keiten mit der Tereus-Sage. Deshalb kann das traditionelle Verstandnis des
Ausdrucks 'Ixovaor.ar  vo4totar-'in  hellenischen Weisen' (WILAMOWITZ,  Aisch.
Int. 29), 'auf hellenische Weise' (VUYRTHEIM) noch hohere Wahrscheinlich-
                                                -

keit beanspruchen; denn i. veranschaulichen die Danaiden so die Verwandt-
schaft ihrer Wehklagen (vgl. IIz -ii6!)      mit den Klageliedern der in eine
Nachtigall verwandelten T-npe &ooZoq,und 2. gleichen sie sich als o4,uoq
&veX-~VO6aro?oq bewuBtden griechischempfundeneny6oro T1p'a !oyoq
                 (234)                                        der

wartigen Lage ebenso sehr wie die Tlp1ac &Xoxoy,die als Xtp%YXxToq &-v       zwar auch auf
die einer Nachtigall vertrauten Gebiete verzichten mul3, vor allem aber den Gegensatz zu
dem Zustand vor der Verwandlung empfindet (N. WECKLEIN, Aschylos: Die Schutzflehen-
den, Leipzig 1902, 3I): ))Sie klagt um das verlorene Heim in Attika, nach welchem sie auch
als Gattin des Tereus sich sehnte. # Damit ist wiederum eine einleuchtende Gemeinsamkeit
des Schicksals der T-%pet &Xoxo6    mit dem der Danaiden gewonnen.
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                       17I

ebenso wie der einem Griechen uberhaupt vertrauten Form eines jXeYoq(II5)
anl.Diesem Bestreben wird die Berufung auf die 'Ih6vLoL
                                                      VoL0osicherlich gerech-
ter. In beiden Fallen handelt es sich nur um die Hervorhebung von Klage-
weisen, deren Formen sich in einer wesentlichen Hinsicht gleichen; die Tnpeta
&Xoxoo  verwendet infolge ihrer Verwandlung eine neue 'Weise' wie die agypti-
schen Danaiden1, die sich einer neuen, eben der griechischen Sprache be-
dienen miissen. So gilt die Erklarung von WHITTLEselbst (I963, 254) auch fur
den emendierten Text (plv statt veov 64): )>Tereus'wife mourns in bird-
language instead of in Greek, while the Danaids lament in Greek (69 'IovLoLar
v6pooLa)instead of in their native tongue. <
    Trotz der bisher nachgewiesenen charakteristischen Gemeinsamkeiten,
die eine Beobachtung der auBeren Notlage der Danaiden deutlich nahelegt
(vgl. aokazL6o), ist die eingangs gestellte Frage noch nicht voll beantwortet.
In der Tat reichen die Motive der Flucht, der Verfolgung und der Trauer nicht
ganz aus, um gerade den Vergleich mit Tereus begreiflich zu machen; aus der
Mythologie sind viele Schilderungen bekannt, die wenigstens teilweise ahn-
lichen Situationen gelten. Die Umstande, die schlieBlich jeweils zu dem
schrecklichen 7rvho; (7rzvlZv 64) fuhrten, mulssen deshalb eine noch tiefere
Ursache erkennen lassen. Worauf zielt Aischylos besonders ab? LaBt sich
neben dem auBeren auch ein inneres Geschick geltend machen, das die Be-
rufung auf Tereus nahelegt ?
    Die Losung dieser Fragen kann durch die Auswertung einiger Fragmente
des sophokleischen Tereus (Fr. 523 -538 N. 2) vorbereitet werden. Worauf be-
zieht sich die lapidare Feststellung c?yeLv&, f1p6xvn,8TXov(Soph. Fr. 526) und
7- prv    (Fr. 533) ? Aus den bisherigenBeobachtungen folgt zunachst, daBbeide
Angaben grundsatzlich denselben Sachverhalt voraussetzen wie 7a5a, a&r&v
und 7rovoL Aischylos (Supp. II2, I3, I26). Die Gnome des Fr. 533 laBt in Ver-
           bei
bindung mit Fr. 532 weitere Schlusse zu. lJOLxtLXoCUL8ct &-aocL (Soph. Fr. 533)
erinnert an die Charakteristik der Agypter bei Aesch. Supp. 750 (8O?o.dTL?)
ebenso wie an Supp. iiof. (aCr ... a&7rocov p?ocyvou'); umgekehrt verrat der
Wunsch der Danaiden      ,q yeVc4aL apc,A AlyiXTrou yC'? (Aesch. Supp. 335)
                          G
das Bestreben, das wahrscheinlich von Prokne oder Philomela selbst beklagte
Verhangnis abzuwenden: rovg a? aouvAa         . . . Cuy6v x &vayxac. Da kein
Zweifel daruiberbestehen kann, daB die Sentenzen bei Sophokles auf das Ver-
halten des Tereus abgestellt sind, legen die sprachlichen und sachlichen Uber-

   1  Die Gleichsetzung der beiden Verhaltensweisen kann man auBerdem mit dem Hin-
weis auf Ag. 1140ff. rechtfertigen. Wenn der Chor Kassandra vorhalt &acpl8' aiars IpoeZq
vVO6wv xvozov und sich zu demselben Vergleich veranla3t sieht, den die Danaiden fur sich
selbst in Anspruch nehmen (ot&     'xLt iou&& &x6peroq poiq, 9e5, yGkOxTOLq cppea'v"ITruV
"Ihuv caivouo' 'Cap~LyckX   xocxotc &i180v 'Lov), so ist damit fur die Tkpelo aoXoZo wie
Supp. 7 ff. (69: v4LOLa) einm vo6 im Sinne eines Klageliedes vorausgesetzt. Die Konjektur
von WHITTLE    lIat sich so auch im Hinblick auf Ag. I I40 ff. schwerlich aufrechterhalten.
I72                              KARL   AUGUST   NEUHAUSEN


einstimmungen bei Sophokles und Aischylos die Vermutung nahe, daB zwi-
schen Tereus und den Agyptern in bezug auf Prokne bzw. Philomela einerseits
und die Danaiden andererseits eine bestimmte Beziehung besteht. Die Sorge
der Danaiden, die Supp. 335 eine so ausgepragte Form gefunden hat, muB durch
die vollige Unsicherheit der zukuinftigen Ereignisse erklart werden. Diese
Unsicherheit wird bei Aischylos wie bei Sophokles auf die Unwagbarkeit des
Ratschlusses des Zeus zurtickgefiihrt; x     6a'4ragi oix ?a'rtV 7rX VAl6O OV'
-(lV p6?XX0vTcv tylIao ... (Soph.   Fr. 53I) entspricht xoc&ZV `(pparoL (Supp.
95) innerhalb des Gebetes an Zeus (86-iii).        Das Leitwort Tt)v ptzX;k6VT@wV
IaBt sich auch bei Aischylos wortlich nachweisen; am SchluB des ersten Teiles
der Trilogie ist das Schicksal der Danaiden noch immer so unbestimmt wie zum
Zeitpunkt der Parodos, so daB die Magde den Danaiden nach ihrer dringenden
Bitte an Zeus (o peyax Zei) cbrocXeL,y4ov A'YU zOYZv9 I053 f.) mit Recht
                                                           toL,
entgegenhalten: a' 86 y' oV'x01Ga450 ['XXOv (Io56). Warum sind die Danaiden
                                     T0
von Angst erftillt, wenn sie an die Zukunft (TO6   p6?COv)denken ? Diese Frage
ist aufs engste verkniipft mit dem Tereus-Paradeigma: Wie wirkt sich die
Erinnerung an das Leid der TynppLocx auf die Vorstellungskraft der Danai-
                                     &oXoo
den aus? Welche Beftirchtungen sind mit dem Namen des Tereus fur die Zu-
kunft unvermeidlich verbunden?
    Betrachtet man die verschiedenen Versionen der Sagen um Aedon, Prokne
und Philomela', so lassen sich trotz der zahlreichen Variationen wesentliche
Ubereinstimmungen nachweisen. Gemeinsam ist fast samtlichen Fassungen
das Motiv der Gewaltsamkeit. Diese Konstante verbindet die megarische,
kleinasiatische und attische Uberlieferung der Aedon-Sage mit der von Prokne
und Philomela. Vor allem bei Sophokles, der die Sage in der weitgehend maB-
geblichen, auch von Ovid ulbernommenenForm gepragt hat, erscheint Tereus,
wie schon aus den oben vorgelegten Fragmenten erschlossen werden kann, als
bppt-5.    Konsequenterweise schildert auch Ovid (Met. 6, 424ff.) den Vorgang
der Gewalttat 2. Besonders dieses Motiv unterscheidet den Tereus des Sophokles
von der spateren Fassung im gleichnamigen Drama des Philokles (RE s. v.
Prokne, 249, 53-55). Gerade diese erstmalige Abweichung von der Norm bei
Philokles beweist, daB das Prinzip der Gewaltsamkeit zuvor allgemein als das
hervorragende Merkmal der Sage angesehen wurde. Nur unter einer solchen
Voraussetzung ist es verstandlich, daB der Name des Tereus eine bestimmte
Gedankenverbindungbewirkt, die 0. SCHROEDER in seinem Aufsatz IIPOKNH,
Hermes 6i, I926, 43I, gestuAtzt    auf ein Scholion zu Ar. Av. I02, in folgende
Worte kleidet: ))DaB hier bereits die Schwesternsage vorliegt, kundigt sich


    1 Vgl. die S. I67 Anm. 6 genannten RE-Art. Aedon (469, igf. und 50f.; 471, 21f.;
473, 47f.), Philomela (25i6, 22f.) und Prokne (248, 34f.; 249, 53-55).
    2 Met. 6, 524 f.... fassusque nefas et viyginem et unam Ivi superat; die Bestatigung dieses
nefas versucht Philomela selbst zu geben: . . . per vim sibi dedecus illud I illatum (6o8f.).
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                               173

schon an in dem Namen des Unholdes Tereus, der die Gattin verriet, um die
Schwagerin zu schanden, ein echter           pU', 7t(p& t6 r-p%ev... <. Auch die
Erklarer, die wie WELCKER       und WILAMOWITz Metis als Gattin des Tereus
                                                   eine
postulieren, berufen sich auf das Leitmotiv. So unterstellt z. B. WILAMOWITZ,
obwohl er sich im Hinblick auf die Personen von der traditionellen Version
distanziert1, dem Tereus ohne weiteres die aus den Sagenkreisen um Aedon,
Prokne und Philomela vertraute Einstellung (ebd. 283). Ebenso gelangt
K. KUNST2 Bestatigung des Motivs der Gewalt.
             zur
    Wenn dem Vergleich der Lage der Danaiden und des Geschickes der
TYp%La   &oo
         aoxo Berechtigung zuerkannt werden soll, ist ein analoges Verfahren
der Interpretation erforderlich. GewiB3, Unterschied zwischen Tereus und
                                            der
den Agyptern ist unverkennbar; der verheiratete Tereus tut der Schwester
seiner &c?XoZo,   also einer Verwandten, Gewalt an. Aber gerade auf dieses
Prinzip der Gewaltsamkeit kommt es hier allein an. AuBerdemsind die Danai-
den sogar blutsverwandt mit ihren Verfolgern. Wenn also der Name des Tereus
eine bestimmte Assoziation hervorruft, wirkt sich die Ubertragung auf das
Verhaltnis der Danaiden zu den Agyptern so aus: Tereus und die Agypter
erfillen im Hinblick auf ihre Verwandten dieselbe Funktion. Daraus folgt:
was Tereus tatsachlich veriibt hat, beftirchten die Danaiden ihrerseits als
mogliche Tat; sie haben Sorge, daB die Freier - ahnlich wie Tereus - gegen
ihren Willen und widerrechtlich das erklare Ziel - den y&aJ.o- mit Gewalt
erreichen werden.
    Die Angst der Hiketiden muB3      sich in dem Grade steigern, in dem sie sich
vergegenwartigen, wozu der Thraker Tereus in seinem egrenus amor fahig war;
Ovid hat die innata libido, cupiditas und crudelitasdes als barbarus verstandenen
Tereus so eindrucksvoll geschildert, daB es nicht schwerfallt, die Gedanken der
Danaiden nachzuvollziehen3. Dabei ist es gar nicht notwendig, eine vollige
Ubereinstimmung mit dem Tereus-Modell zu erwarten, wie es z. B. die Uber-
setzung von Supp. 8i -85 bei WILAMOWITZ          (Aisch. Int. 29) nahelegt: #. . . so
haBt wenigstens ganz und gar die Vergewaltigung ... Es ist aber auch fur die,
welche fliehen, . . . der Altar eine Zuflucht vor der Vergewaltigung<i. Ausschlag-

     1 Aisch. Int. 283: )>Hierdarf nicht der Vorwitz kommen und sagen, die Geschichte wei3
ich besser; sie steht ja im Ovid. Wir lernen, daf3 sie auch ganz anders erzahlt ward und mit
anderen Namen als Prokne und Philomele. ((Selbst wenn diese Vermutung GewiBheit ware,
ist der Wert der Erzahlung Ovids fur die Interpretation des Aischylos nicht gemindert;
es lassen sich entscheidende Vbereinstimmungen zwischen den Motiven, die Ovid ent-
wickelt, und der Version, der Aischylos folgt, nachweisen.
     2 Textkritische Bemerkungen zu den Hiketiden des Aischylos, PhW 43, I923,               500.
     3 Vgl. Met. 455 -460   (Non secus exarsit conspecta virgine Tereus, I quam si quis canis
ignem supponat aristis ... .; sed et hunc innata libido I exstimulat, pronumque genus regionibus
illis I in Venerem est . . ), 465f. (Et nihil est quod non effreno captus amore I ausit), 467
(cupidoque revertitur ore), 533 f. (0 diris barbarefactis ! o crudelis !), 56I f. (fertur I saepe sua
lacerum repetisse libidine corpus).
174                             KARL AUGUSTNEUHAUSEN


gebend fur die Auswertung des Paradeigma des Tereus ist nur das Prinzip, das
die Handlung des Tereus voraussetzt.
    Bereits aus dem Teil der Parodos, der den Versen 57ff. unmittelbar vorauf-
geht, darf mit groBererBestimmtheit, als man vielfach gewagt hat, auf das
eigentliche Motiv der Flucht und der Sorge der Danaiden geschlossen werden.
                                      des
In Verbindung derCharakteristik 6co 'pLa-r- Alyu-ntToyZv7 zwingt
                mit
der Wunsch . . .6OXoLvto 7pLv rOTr exrpwv,    JV $0L4
                                                    V   ?eLpy?a,SrTpLiVOL

n0cpaMkYep0v  vT6V' &x6vrwv   't7ivat (36 -39) zu der Folgerung: Die Danaiden
empfinden eine tiefe Abneigung (&x6v-rwv!)   gegenuiber dem von den Vettern
erstrebten yok[o4und sehen in der Zielsetzung der Agypter eine i,XpG.Bezeich-
nenderweise sind die Hiketiden von der Richtigkeit ihrer Beurteilung so sehr
uberzeugt, daB sie die Zustimmung des Zeus (86ff.) erhoffen und mit der Be-
strafung der i,Zpt der Vettern rechnen; Aischylos hat die AaLvoLoc    bzw. UPppl
der Agypter nicht weniger eindringlich vorgestellt als Ovid die des Tereus:
      Cr6&Cd et4pLV
          8L4           |   pT LOV, olv va'OL,     I   7rUtLV     L &4L6v yac4ov -re0         |

                ypeaV,
89UGapCxpO06xLOGt     xxa aLavoLaV               p.LXVO?LV      X6vrpov `zcv
                                                                        '     (XTOV,    a-_
TO 8' &r&ToCV       (Supp. I04-III).
            VeTryVOUq
    Diese {'3ptgkann sich, wie aus V. 38 und 39 (ar zrpLt&VJ.voL ax6vroov)
                                                                 und
gleichfalls folgt, grundsatzlich in jeder Form von Gewalt aufBern,d. h. sie
beruht auf dem Prinzip, daB der Starkere dem Schwacheren seinen Willen
aufzwingt. Mit Recht betont deshalb NESTLE1, daB nicht )>dasBegehren der
Agypter an sich, sondern die Form, in der sie es durchzusetzen versuchen, die
Form der Gewalt, Vergewaltigung<( Wesen ihres Handelns ausmache; denn
                                     das
UPpplist nicht ))der Eros selbst, sondern seine Auswirkungen, etwa das was wir
mit Vergewaltigung bezeichnen<(.Folgerichtig bestimmt die Antithese von
Gewalt und Ohnmacht wahrend des ganzen Dramas das Verhaltnis der Danai-
den zu den Freiern2. Der Konflikt wird deshalb erst dann beendet sein, wenn
die Danaiden ihre Ablehnung (*x6vrtv 39) aufgeben und sich freiwillig
(exoi5amL)zum yo&,o4bereit erklaren. Pelasgos macht den Herold auf diesen
entscheidenden Kern des Konflikts aufmerksam (940f.):
                      TOU      SX0UaC4 0?SV XOC' ?UV0VhVCg~G)VV
                      CyOtqXV, ereLp euGepf          0o'yo
                                                 7rLOL          .

Freilich geben sich die Agypter keinen Illusionen uber die Einstellung der Um-
worbenen hin, sondern sie setzen sich im Gegenteil kraft ihrer Gewalt bewuBt
tuberdie Einwilligung der Danaiden hinweg (86i -863): a' a' V vad vodx &aI
                                                                        P
    1 W. NESTLE, Menschliche Existenz und politische Erziehung in der Trag6die des
Aischylos, Stuttgart I934 (= Tub. Beitr. z. Altertumswiss. 23), I5.
    2 Zum Eo-Motiv s. die Liste bei 0. HILTBRUNNER      38; die zentrale Bedeutung dieses
Motivs hat sehr klar N. WECKLEIN in seiner Rez. von F. FOCKE, Aeschylus' Hiketiden
(NGG, Philol.-hist. Kl. I922) hervorgehoben: #.>.. fehlt das Hauptmotiv, das des Zwan-
ges. (PhW 43, I923, 505). Vgl. auch B. SNELL, Aischylos und das Handeln im Drama,
Leipzig I928 (= Philol. SuppI. 20, I), 52.
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                       I75

T&ax 6Xe0o4&Xe0q, -X La TCo?0x ypo5k. Der Hinweis auf die Not-
wendigkeit des e9arr3 Xoyo4 (94I) bestatigt die schon in V. gf. festgelegte
Bewertung: yc4Lov Alyu6t'ou TOCLacov  &aepr 7' 0oco4tevou  (8L&voLoxv).Selbst-
verstandlich hat eine aLaXvoLao O&Garpeinen y4toq &ar5e zur Folge; die 'u'pp
der Aygpter verletzt die &4uq (37). Wesentlich ist deshalb die Erkenntnis,
daB die Danaiden zum Zeitpunkt der Besinnung auf das Leid der TIpLxC
&?CXoZoqzugleich die Konsequenzen eines yckSot mit den S6hnen des Aigyptos
klar vor Augen haben. Die Analogie zu Tereus und seinem y&Fo4 uaayvoq
ist folglich unschwer erkennbar; das Verhalten der Agypter unterscheidet
sich zumindest potentiell nicht von dem des Tereus und verdient insofern die
gleiche Beurteilung, da jeweils dieselbe Handlungsweise zugrunde liegt.
    Diese Folgerung impliziert vor allem auch die der (v3pq der Agypter
gewidmete Antistrophe r (IO4-III),       deren Inhalt WILAMOWITZ seiner
                                                                    in
Editio maior des Aischylos (Berlin I9I4) 339 durch Begriffe erklart, die dem
Kenner der Tereus-Sage vertraut sind:      #..   .   cum re vera effloruerit in animis
obstinatis {j3pts, et haec incitetur furore cupiditatis et ad scelera pelliciatur((.
Der furor cupiditatis, den WILAMOWITz Agyptern nachsagt, kennzeichnet
                                              den
in gleichem MaBe         -   wie am anschaulichsten Ovid darstellt - den Thraker
Tereus, und auch die Auswirkungen der cupiditas sind jeweils gleich: scelera,
zu denen sich die Agypter offenbar hinreiBen lassen, hat Tereus langst be-
gangen; vgl. Ov. Met. 6, 473 (sceleris molimine), 578 (indicium sceleris), 539,
56i (facinuts),524 (ne/as), 474 (crimen). Alle diese Urteile treffen prinzipiell
zugleich auch auf die x&p5xvoL (Supp. 9I4) aus Agypten zu, da die Charak-
teristik des barbarus(Ov. Met. 6, 5I5 und 533) aus Thrakien bzw. seiner vis
(vgl. 0. S. 172 Anm. 2) auf ihr Verhalten tibertragen werden kann. Denn Aischy-
los verwendet analog dasselbe Kriterium wie Ovid (vitium Met. 6, 460); Danaos
begreift die Einstellung und die Taten der Agypter wie seine T6chter im Sinne
von &         xN,uara, deren Bestrafung im Hades GewiBheit sei (Supp. 228-
23I). Auch Pelasgos und die Argiver erkennen die a&7axo arIo und 0oiptp-
,pam, zu denen die Agypter fahig sind; der entscheidende VolksbeschluB
      ,uVOT' xA05a            a-r6?ovYuvlX^v (Supp. 943 f.)
                           PLcz                                zielt auf den Kern
der Auseinandersetzungen (,3acx       - vis) ab und enthalt deshalb die eigentliche
Begriindung der These des Pelasgos (xalt t6?XV                    v
                                                    atmp'rv oJ3= CpX6oaoc     cpevL
9I5) ebenso wie die Widerlegung der Selbstrechtfertigung der Agypter (rL 3'
rxpytoxra.     -wr6)v8' ipot &XY oSrp 9I6). Die Terminologie und Argumentation
bei Aischylos stellt also sicher, daB fur die Bewertung der Agypter dieselben
Grundsatze gelten wie fur das scelus (facinus, ne/as, crimen) des Tereus.
       Die Danaiden nehmen so bereits in der Parodos die Verurteilung vorweg,
die Philomela bei Ovid Tereus gegenuiberpost facinus (Met. 6, 56i) - im Sinne
von per vim sibi dedecus illud illatum (Met. 6, 6o8f.) - zu spat ausspricht.
Wenn man auBerdembedenkt, daB Ovid Philomela getreu dem herkommlichen
Motiv sich auf ihre virginitas (536) berufen laBt, wird zugleich verstandlich,
I76                                 KARL AUGUST NEUHAUSEN


warum die Danaiden als TopOvoL gerade bei Artemis ihre Zuflucht nehmen:
... 7rcOCVL.. 6a7veL &oypoZq O'Cayaoe6 &P'Avn A8         6a oc yeve'a& (Supp.
I44 -I50,  Text nach WILAMOWITZ). Da sie Schutz vor ihren Verfolgern suchen,
ist ihre Bitte an Artemis nicht etwa als Beweis fur ihre angebliche angeborene
Mannerfeindschaft (vgl. S. i683; I77; I83) zu werten, sondern als Konsequenz
ihrer Einschatzung der U(3pL4 Agypter zu verstehen. Artemis als 'A.d"r,
                               der
vermag in der Tat den Danaiden als MBVTregdie Hilfe zu gewahrleisten, die
Philomela als virgo nicht mehr erflehen konnte. Die Danaiden versuchen des-
halb durch die Anrufung der Artemis lediglich zu erreichen, daB ihnen von
seiten ihrer barbarischen Verwandten das erspart bleibt, was Tereus, der
barbarus,seiner Verwandten zufuigte; ihre ausgepragteste Form findet dieses
Bestreben SUPP. I030-I034:                e7dmOL     A        &yv& aTO?ov OC tCOp?vo,
                                                                           L            8
V7'   v&yx               Kuvkpaxq atyL0v rXoL T63' cROV.
                   o t oc ??koL
   Das unheilvolle 'Vorbild' des Tereus wirkt sich so bestimmend auf das
Selbstverstandnis der Danaiden aus. AufschluBreich ftir das AusmaB des
Krifteverhaltnisses zwischen den Sohnen des Aigyptos und den T6chtern des
Danaos sind die Implikationen des Adjektivs xLpx'Xcx-oq(62). Dieses Ver-
haltnis kann durch zwei grdBereTextzusammenhange naher erlautert werden:
                                                                       in
   a) Die Stelle Prom. 853ff. unterstutzt nicht nur die Lesart ocuToyevn
V. 8 der Supp., sondern erhellt vor allem die Beziehung der Danaiden zu
ihren Verfolgern, den Agyptern:

                     7repLT'nfl   O'C7r    (XU5        7rV
                                                   YeVVO       XOVTCL4

                     7XLv   7rp6q "Apyo4 ou ?U
                                            'xo5a'            XeV6'aeL
             855               qpryouroc
                     &XvG70opoO,          auyyev! yOCLOv
                         7J0L O o ?T0,UV0  lp VOC4,
                          7ex?L(oVOUpaxpOv
                     XLPXOL             b                    LCLCULVOL,
                          OV)
                     yL06G O-%Z.VOVTre
                           .POCCE11o)


Motiv und Verlauf der Flucht der Tochter des Danaos finden demnach in der
Prophezeiung des Prometheus eine sehr eindrucksvolle Veranschaulichung;
Aischylos setzt die Agypter xLpxoL, Danaiden entsprechend ?xeLL gleich
                                    die
und erzielt damit eine besondere Wirkung der bereits vertrauten Charakteristik
der Hiketiden. Ubertragt man das von Prometheus gewahlte Bild auf Supp. 62,
so ergibt sich von selbst, daB die Agypter ebenso wie Tereus als X6pXOLvor-
gestellt werden und ihre Opfer somit als xtpx'XcXroLVogel, als Schwalben bzw.
als Tauben. Auf diese Weise rucken     die Agypter und Tereus, obwohl sich
dessen Situation verschoben hat, in eine Linie; sie verbindet als ausschlag-
gebende Gemeinsamkeit ein Prinzip, das durch den Vergleich mit den x'pxorL
sinnvoll nachempfunden wird.
    b) Eine nicht weniger uberzeugende Bestatigung der bisherigen Interpre-
tation enthalt innerhalb der Supp. der Passus 223-229:
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                          I77

                      . ..   Lv   ayv           LaZ6,O4 (t)4 7XrS?loc6&V

                      'L4ra?& XL,pXCVTWV 0pO77rep(O                 06x
              225     ez,pcv        6'LoxctLv        [LcLVOV' yevoq.
                                                  xOCa     vOV
                      OpVL,Oq OpVL4 7t&)4          av &yv .oL ypoycov;
                         O a'Oav y,Ocv            &xou6av    &xovroc,      TOpC
                      &yvoc, y6VOLV av;
Aischylos legt so in deln Supplices dem Verhaltnis zwischen Danaiden und
Agyptern dasselbe Bild zugrunde wie im Prometheus; auch Danaos versteht
die Lage seiner Tochter im Sinne einer Gegeniuberstellungvon 7xLa'Xer. und
xLpxoL.Tereus und die Agypter erfillen also nach der Vorstellung des Danaos
ebenso wie nach dem Empfinden der T6chter selbst die gleiche Funktion.
Bedeutsam sind weitere ltbereinstimmungen zwischen Supp. 223 ff. und Prom.
853ff. Die Anktindigung o'U ixo03' Xeuar.T (Prom. 854) weist zumindest
formal auf Supp. 227 (&xouaocv) 39 (&x6vTcov) bezeichnet auch inhalt-
                               und               und
lich denselben Sachverhalt, da die entsclieidende Begriindung - peuyouam
auyyzvn       yakov    Mv'.L&v          -   unmittelbar       folgt. Gerade dieses Motiv        tragt
zugleich wesentlich dazu bei, die Hypothese einer angeborenen Mannerfeind-
schaft derDanaiden zu widerlegen (vgl. S. i683 mit S. I76 und I83 bzw. i83'). Die
Flucht der Hiketiden (s. yLu&you6ac) die Folge ihrer Abneigung gegentiber
                                    ist
ganz bestimmten Mannern (s. auyycvn yckov &vLcveJLCv);der gesamte Satzteil
- von peuyouJaobis OV?L4)L)V erklart den pragnanten Ausdruck yuiavopta
                               -
(Supp. 8). Andererseits deutet auch die Charakteristik der Agypter-
pLUOVtLe o0  ppafoU4    ya.ou-      darauf hin, daB ihre Zielsetzung          der
yGPoq     -    durchaus nicht jedes Mittel rechtfertigt;                   wenigstens die Form ihres
Werbens (DIipeV?ew)
                  -                 im Kern sogar die RechtmaBigkeit ihres Anspruches
(oUr0p-aOCGL,ou y0pouq              und E
                                        c'-o%teVOLcppvocq) -               ist so im Prometheus wie
in den Supplices (s. u.) in Frage gestellt. Dank der wirkungsvollen asyndeti-
schen Junktur &xouaocvaxovTo4     7rapo wird in den Supplices sowohl die Ein-
stellung des Danaos als auch die seiner Tochter voll verstandlich. "Axouacav
bestatigt die Selbstdarstellung in V. 39 (&xOvtowv),wahrend "XOvTo0      McXpO
nachtraglich die Funktion rechtfertigt, die die Danaiden in V. iiff. dem Vater
zuschrieben. Aus diesem Grundekann man in der Verbindung 6axouaocv &xovToq
7&poc eine gelungene Zusammenfassung der schon aus den Anapasten der
Parodos vertrauten Argumente erkennen. Ebenso verhalt es sich grundsatzlich
mit den iibrigen charakteristischen Angaben.
    Das von Aischylos gewahlte Beispiel der Abhangigkeit der tsLr.XL4aeq  von
den xLpxoList in seinen Konsequenzen voll ausgesch6pft und laBt einige
wesentliche Analogieschlulsse zu. Zunachst haben die Beziehungen zwischen
den Danaiden und den Agyptern einerseits und zwischen Tereus und seiner
zk?o?q andererseits das Verwandtschaftsverhaltnis (0Op07r1epCOv   bzw. PocLa.tcov
224 f.) gemeinsam und werden jeweils in derselben Form vorgestellt; diese
Form findet in der Gegentiberstellung Opvu,oqopvLq (226) ihre allgemeine
Hermes
     97,2                                                                                  12
I78                                KARL AUGUST NEUHAUSEN


Pragung. Den Danaiden droht so auch nach diesem Vergleich von ihren feind-
lichen Verwandten dasselbe Schicksal wie den Opfern des Tereus und der
xtpxoL. Dabei ist die Wirkung des Vergleiches drastisch erh6ht durch die
Provokation einer bestimmten Vorstellung. (Iocycwv      wird entscheidend vor-
bereitet durch EXAPFv ... pLaLO'V'TCOV     yevoq;  uLOuvLvund cpaysZvkenn-
zeichnen dasselbe Geschehen. Das Verhalten der xLpxorberuht demnach ein-
deutig auf dem Prinzip der Gewalt. Allein dieses Prinzip wird auf die Bezie-
hungen zwischen Danaiden und Agyptern - entsprechend yoqtCv axouaov
   XoV-o4Wpcx (227) -ibertragen.        Abwegig ware es deshalb, wollte man
 ,uLo.v6vtovv y6vo4 von ypayov isolieren; denn auf diese Weise mtiBte eine
Analogie zu VtatVO6V6'vov verbindlich anerkannt werden. Eine solche Inter-
                           als
pretation verbietet sich schon deshalb, weil die Heirat unter Verwandten
weder in Griechenland noch in Agypten als pAaa galt, sondern sogar als
natiirlich empfunden wurdel; im Einklang mit dieser Auffassung billigt
 Pelasgos den Agyptern gemaB der aytaTLeoc(Supp. 387-39I)2 prinzipiell ihr
 Recht zu. Sehr zutreffend folgert darum WECKLEIN a. 0. 429, daB der eigent-
                                                     a.
liche Grund des Vergleiches )#mita&xouav&aovtoq s&pocangegeben< sei, d. h.,
 daB die Erbt6chter mnicht Sklavinnen herabgewtirdigt und nicht wider ihren
                             zu
 Willen von dem nachsten Anverwandten zur Ehe gezwungen werden<sollen.
     Da also in dem Motiv der Gewalt und des Zwanges der Kern der Ausein-
 andersetzungen in den Hiketiden des Aischylos zu erkennen ist, werden auch
 die tibrigen Auswirkungen des Paradeigma Supp. 223 ff. voll verstandlich; die
 Leitworte p6fpo4  und Mayve'Lv setzen entscheidende Gemeinsamkeiten zwischen
 dem xLpxXaroq e6p04 und den Danaiden voraus. 4Io6roo        (224) kennzeichnet
 die Einstellung der Danaiden wahrend der Parodos ebensosehr wie wahrend
 des ganzen Dramas; Angst ist die selbstverstandliche Folge des Zustandes, der
 die Danaiden mit der xLpx?Xao4oq TNpetcx&oXoZo und den xLpx?0c?oL
  treXex allgemein verbindet. Ebenso wesentlich fur die Schltissigkeit der
 Parallelisierung ist die Bewertung eines moglichen y4o'C zwischen Danaiden
 und Agyptem. Seit der Charakteristik der aL&voLoc       &a6f3c der Aigyptos-
 sohne steht fest, daB die Danaiden einen y&[oq mit den Vettern als Gakr3p'
 verwerfen. Danaos unterstutzt diese Einschatzung ausdrticklich; die beiden
 Satze irsc av &yve6otcpoayLXv und 7r6q &v yoq.3v &xouGav axovroq 7t&p%
 &yvo6 yevoL' ocventhalten mit dem Anspruch auf allgemeine Anerkennung
 eimeindeutiges moralisches Kriterium, das auf der Ablehnung jeder Form von
 Gewalt beruht. Danaos bestatigt so, daB auf Grund des von den Agyptern
verkbrperten Handlungsprinzips in einem mit Gewalt erzwungenen yo'4oq der
Tatbestand eines y&'oq &vayvoqbzw. &Car5es als erfiillt zu betrachten ist.
Folglich gilt fur den von dem :6a04 A.yu oyev- erstrebten yao' wieder-
      1 Die richtige Begriundungschon bei C. KRUSE 14I f.
    Zur Sache vgl. besonders N. WECKLEIN, Studien zu den Hiketiden des Aeschylos,
      2

SB Muinchen, Philos.-philol. u. hist. Cl. Jg. I893, Bd. 2, 424 und 429.
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                                  I79

um derselbe Grundsatz wie fuirdas scelus des Tereus; daB die Handlungsweise
des Tereus, wenn man von Philokles absieht, Gemeingut darstellt, beweist die
Qbereinstimmung der Terminologie (MavMyVo4impius) bei Aischylos und
Ovid, der dem facinus des Tereus noch eine besondere Nuance beizugeben
versteht (Met. 6, 473 f.: ipso scelerismolimine Tereus I credituressepius laudem-
que a crimine sumit; vgl. 482: neque enim minus impius esset). Danaos gibt
also den Tochtern recht, weninsie ihr Los wie in V. 57ff. mit den verhangnis-
vollen Ereignissen um Tereus vergleichen. Die potentielle Gefahr eines yo4Fo
avayvoc wird durch die Argumentation des Danaos auf jeden Fall noch
deutlicher beschworen und fur die Danaiden selber immer bedrohlicher; das
unheilvolle Beispiel des Tereus weist in eine bestimmte, auch von Danaos
vorausgesehene Zukunft. Die Analogie der V. 223 ff. ist folglich ebenso klar
wie die der Kernstelle V. 57ff., deren Verstandnis auch ohne die Hilfe eines
OLCOV0t6?X0ogesichert ist.
    Nach der Bestatigung, die die oben vorgelegte Interpretation der V. Supp.
57ff. durch Prom. 853ff. und Supp. 223 ff. erfahren hat', ergibt sich bei einem
konsequent durchgefuihrten Vergleich der beiden Sagenkreise eine letzte
Gemeinsamkeit. Vom Schicksal des Sohnes der Tjpeta &C?XoZq              (0uvrL'5ncn
  N
    7toLgq ,u6pov65) heiBt es: 'iq aopro6ovwq     C'4XV07tp64 XsLP6O eaV aUG-
ucQTOpo4 -Ou <v (65-67). Der Akt der Gewalt fuihrtin allen Versionen
        x6qou
der Tereussage zu einem Mord; die Ermordung des Knaben ist die charak-
    1 Das Prinzip der Abhangigkeit und Verfolgung lkft sich
                                                             natiurlich auch durch ahn-
liche Beispiele veranschaulichen; bezeichnenderweise setzen auch alle uibrigen 'similes'
(GARVIE64), die die Hiketiden wahlen, Supp. 57-72 sachlich voraus. Pelasgos gegen-
uiber vergleichen sic sich mit dem vom Wolf verfolgten (?uxo&wx'Toq) Kalb: IL' [Le TaV
LX6LM
    Vpuy&aOc    7?PL=pPOI1QV, I ?OUXOL)XTO0V C) 8X4LUXLV i4L 7r&Tp0CLI | W&ToL,q 'lV' &?xa 7tiauvO

IL -U- I x? ?pp&CouaO POT-PrL [x&ou; (Supp.35o -353). I)ie Situation entspricht genau der Not
der Danaiden; die einzelnen Begriffe sind lediglich Variationen derselben Lage. Pelasgos
schwebt gleichf alls die von den Danaiden in der Parodos beschworene Analogie vor, wenn
er ihnen zusichert: O5TOL 7tTePC0YV &p7tuyutz (a'> &xcaOaVV (5IO) - ein Bild, das in den
Danaiden die Erinnerung an die Worte ihres Vaters (223f.) ebenso wie an das Los der
xLpxmaToq Tp%tLaoiXoZo;     wachruft und ihre Angst noch steigert, da sie die Apxot in ihrer
Phantasie      die Gestalt   von   ap&xovxwq   annehmen   lassen:   ?X' eL apox6vTov                  &xtLLOMLV
                                                                                       8aqppovcov
(5II). Verstandlicherweise werden die Verfolger deshalb in der h6chsten Stufe der Furcht
als &pxXvot  bzw. kXLMVOL empfunden (vgl. 886f. und 895f.). Sehr ahnlich schildert wiederum
Ovid die Angst der von Tereus bedrohten Philomela (Met. 6, 527-530): Illa tremit, velut
agna pavens, quae saucia cani ore excussa lupi nondum sibi tuta videtur; I utque columba suo
madefactis sanguine plumis       horyet adhuc, avidosque timet, quibus haeserat, ungues. Das
Bild der furchtsamen columba ist vollig gleich dem der als 7rete?Laeq vorgestellten Danaiden;
ein Raubvogel wie xLpxoi ist bei Ovid notwendigerweise vorausgesetzt. Ovid bestatigt
folglich die Analogieschliisse, die die Vergleiche bei Aischylos gestatten; Philomela und die
Danaiden werden als 7XetCBeq bzw. columbae verstanden, die ihren Verfolgern - Tereus und
den Agyptern - wehrlos ausgeliefert sind. Das gleiche gilt im Prinzip auch fuir das von
Ovid gewahlte Verhaltnis der agna zum lupus; agna entspricht 0oc'4axt (35I), und lupus
ist sogar w6rtlich in XuxoaLcoxro;(ebenfalls 35I) enthalten. Die Schilderung Ovids erganzt
somit sehr eindrucksvoll die einheitliche Selbstdarstellung der Danaiden.

                                                                                                    12*
i8o                               KARL AUGUST NEUHAUSEN


teristische Folge der Freveltat des Tereus. Reduziert man diesen Vorgang auf
das allgemeine Prinzip, das in der Angabe wXvro ebenso wie in Ci5-'ocp6vwq
enthalten ist, so ist das tertium comparationis zur Danaidensage gesichert.
Bereits in den Anapasten der Parodos (33-36) - also fast unmittelbar vor
dem Tereus-Paradeigma - hatten die Hiketiden den Tod ihrer Verfolger
einem yokpoq &ae43 eindeutig vorgezogen: ... XotLVTo. Dieser Wunsch
weist in eine verhangnisvolle Richtung: OXOLVTo         impliziert bereits die M6g-
lichkeit eines gewaltsamen Untergangs der Agypter; offen bleibt lediglich noch
die Form der Verwirklichung dieses radikalen Endzieles. DaB die Danaiden,
obwohl sie keineswegs grundsatzlich als Amazonen verstanden werden diurfen
(vgl. K. v. FRITZ S. I833), zu Extremen neigen, beweist schon innerhalb der
                    und
Parodos ihr EntschluB, den Selbstmord fur den Fall zu wahlen, daB ihre
?LvraxL nicht erhort werden; an die wiederholte Bitte aTzpppto
        (I74)                                                               agev&
pxyoc [aupo,      EUvocq &vapxv ? ?, ocya,uov &oc    Cqtov expUyeV (I4 1I43
I5I -I53)     schlieBt sich die scharf formulierte Drohung an: 8? p , . . . Znvx
'r6,v xL)6[XLTcV x60ac          a6Uv%X(BoLq bavUo5ao, pL TUXo0UaL
                                               Opr(aOVaL4                      k62V
'O?U?GLcV (I54-i6i).         Diese Ankiindigung ist, wie die V. 455-467          be-
weisen, sehr ernst gemeint. Nimmt man die Aussagen XOWLVTO und xp-    (36)
TIVcOLc avoi6at      (I60) zusammen, wird auf jeden Fall verstandlich, wie es zu
der schrecklichen Mordnacht kommen konnte, die Jo (Aesch. Prom. 859ff.) so
drastisch geschildert hat; wer anderen offen und ernsthaft den Tod wiinschen
kann und aus demselben Grund vor Selbstmord nicht zuruckschreckt, ist auch
selbst zum Mord fahig. Der Zorn der Danaiden steht folglich dem X6TO5 der
T-p%oc&o?xoZo       (Supp. 67) bzw. der ira der Prokne bei Ovid' faktisch nicht
nach; in beiden Fallen fiuhrt derselbe Vorgang zu denselben Reaktionen, d. h.
zu Cpovot   gemaB oc&pop6voq     (Supp. 65) 2. Dabei entsprechen der Tat der Prokne
bei Ovid3 bei Aischylos die Ausdriicke 4Xux6oV         "Ap?L aupIv-rv  vuxwT-
ypoupnTcpaplc     (Prom. 86of.), xTeZvat (866) und ~tLp6Vo0q (868) ebenso wie
die biindige Aussage yuvw yo&p"v8p' `x1artov oCvo0 Gepe, I fah'xtoXrv      ?v
           PcXaoc
cypocymaLcyt          iLcpo   (862f.) 4.
    1 Met. 6, 6o9f.: ... Ardet et iram non capit ipsa suam Procne; 623: ... tacitaque exaestuat

ira; 627: . . . infractaque constitit ira.
    2 Wollte man deshalb etwa die Zahlen i und 49 gegeneinander abwagen und infolge-

dessen einen wesentlichen Unterschied geltend machen, wuirde man den Kern der Sache
verfehlen; die Ermordung des 7rcxa (Supp. 65) beruht ebenso wie die der Agypter prinzi-
piell auf nur einer Entscheidung. Vor allem das Verhalten der Hypermestra (s. u.) beweist,
daB ihre Einstellung die ihrer 49 Schwestern voll aufwiegt.
    3 Met. 6, 6I3 (... in omne nefas ego me ... paravi) - ein EntschluB, dem die Tat un-
mittelbar folgt: . . . nec plura locuta I triste parat facinus (622 f.).
    4 Noch wirkungsvoller ist die Schilderung bei Horaz: Quae velut nactae vitulos leaenae
singulos eheu lacerant (c. 3, II, 41 f.); denn die verschiedenen Vergleiche aus dem Tierbe-
reich, die das Verhaltnis des Tereus und der Agypter zu Prokne, Philomela und den Dana-
iden betreffen, sind jetzt in genau umgekehrtem Sinne zu verstehen: Die Danaiden werden
als reiBende Tiere vorgestellt, ihre Opfer sind ihre einstigen Verfolger.
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                           I8I

    Diese konsequente Haltung der Danaiden muB bis zu einem gewissen Grade
tiberraschen; denn im Gegensatz zu Tereus und den Agyptern werden sowohl
die Danaiden als auch die beiden Schwestern - ganz im Sinne Hypermestras
bei Aischylos (Prom. 868: 6wvoXxL)und bei Ovid' - als hilflose Geschopfe,
zumindest als unkriegerisch und also Ares feindlich dargestellt2, wie ja auch
besonders die zahlreichen Vergleiche zeigen, die ihre Furcht und Angst be-
treffen. Im Segenslied auf Argos werden gerade Ares und seine verheerenden
Schaden nachdrucklich abgewehrt (Supp. 637, 665, 682). Die Wuinsche der
Danaiden sind eindeutig auf das abschreckendeBeispiel der Agypter abgestellt,
die ja ein ausgepragtes martialisches Gebarenkennzeichnet. Diese Beobachtung
ergibt sich nicht nur aus der einheitlichen Schilderung der izipcg und 3oc der
Agypter wahrend des gesamten Dramas. Die Sorge der Danaiden (74I f.) ist
mit Recht    -   vgl. z. B. WILAMOWITZ,
                                     Aisch. Int. I5            -   als Hinweis auf fruihere
Gewalttaten der Agypter verstanden worden; die Danaiden setzen die kriege-
rische Haltung der Vettern als bestimmenden, unveranderlichen und allgemein
anerkannten Charakterzug voraus (s. auch 750f.). Wesentlich fur die Gleich-
setzung der Agypter und des Tereus muB es sein, daB gerade Tereus als Sohn
des Ares galt (Belege bei ROSCHER v. T.). Abstammung und Verhalten des
                                     s.
Tereus stimmen    - so muB sich die Lage fur die Danaiden darstellen - vollig

mit dem uiberein,was die Agypter entweder bereits getan haben oder durch-
zusetzen drohen.
    Blickt man auf die nachgewiesenen grundsatzlichen Gemeinsamkeiten der
Sagenkreise um Tereus und die Danaiden zuruick, erkennt man, daB dem
Paradeigma des Tereus eine dramatische Funktion zuerkannt ist, die weit uiber
die Parodos der Hiketiden hinausweist: Das Tereus-Modell beherrscht die
Selbstvorstellung der Danaiden bis zur Katastrophe und nimmt so fur den
Gesamtaufbau der Trilogie eine Schltisselstellung ein. Das Verhalten der Dana-
iden vereinigt die charakteristischen Motive, die das Schicksal der Prokne und
Philomela bestimmen; auf die Erfahrung des Leides der Philomela folgt die
Reaktion im Sinne der Prokne. Da innerhalb des Vergleiches Supp. 57ff. die
Handlungsweise des Tereus allein als Ursache der tragischen Entwicklung
anzusehen ist, ist es logisch, wenn Aischylos sich auf die Erinnerung an Tereus
beschrankt und auf andere Namen verzichtet. Im Rulckblickauf Tereus ist fur
      Femina sum et virgo, natura mitis et annis (Her. I4, 55); vgl. 56 und 65f.!
   2  Die Sentenz yuv? VvveOta' oU8,v' oUx vea'r' "Ap- (Supp. 749) ist naturlich als
Selbstaussage zu verstehen und gewinnt dadurch entscheidend an Wirkung, daB die sehr
treffende Charakteristik der Agypter (749-5I)    direkt gegenuibergestellt ist. Bezeichnender-
weise ist die Selbstaussage der Danaiden von Sophokles in seinem Tereus (Fr. 524, I -3)
sogar formal uibernommen worden; yuv-r ... oiu8av ist ersetzt durch 7 yuvocLxeLoc         cpuaLq
o'8a', und ZxcpL entspricht genau tovcoftTa'. Folglich trifft weder auf die Danaiden noch
auf Prokne oder Philomela die Anschauung des Orest (Soph. El. 1243f.: .. . xciv yUvoLc'v
 ct "Ap |vearwv), sondern die der Elektra zu, die sich genau wie die Danaiden (Supp.
           I
I49f.) auf Artemis als oduv &c.d-ro beruft (Soph. El. I239).
I82                              KARL AUGUST NEUHAUSEN


die Danaiden ihr vergangenes, gegenwartiges und zukiinftiges Schicksal bei-
spielhaft einbeschlossen.
    Dieses Ergebnis ermoglicht - unabhangig vom Selbstverstandnis der
Danaiden - Einsichten in die tragischen Zusammenhange des aschyleischen
Dramas. Denn die Einmultigkeit und Geschlossenheit, die die Einstellung der
Hiketiden unter dem EinfluB des Tereus-Paradeigma kennzeichnet, ist letzten
Endes durch das Verhalten der Hypermestra entscheidend zerstort worden:
,LVocv 7=od%v '4IZpoq %
     a?                             E 76 ty J XtLVaL          vuvov,
                                                           &?XX'
                                                            CUvObrXuvUVn-
CrToaL| y'v6[LY~ auOLV 8? aMT?pov 3OU?aL,          j XXV?LV vacxXL pa&xov
  Vtocptvoq (Prom. 865 -868); die gleiche Haltung zeichnet wiederum Hyper-
mestra bei Ovid aus'. Ihre Entscheidung enthalt eine grundsatzliche Kritik
der Schwestern; die Ermordung der Agypter ist fur Hypermestra, wie auch
die Reflexion bei Ovid beweist2, ein ne/as und so dem lacinus (bzw. scelus) der
Prokne3 ebenso gleichzusetzen wie der von den Danaiden so scharf verurteilten
Einstellung der Aigyptoss6hne (O&    Xx&Mc); diese Gleichsetzung ist so auch
formal durch die tVbereinstimmungder negativen Werturteile sichergestellt.
Da Hypermestra die Einheit der Danaiden erst in der Mordnacht bricht, ist
der Ausgangspunkt fur die entscheidende Frage gegeben: haben die Danaiden
recht, wenn sie das Tereus-Modellso weit anwenden, wie es ihr Mord erkennen
laBt, oder ist Hypermestra im Recht, die vor diesem Extrem zurtickschreckt?
    Die Beantwortung dieser Fragen setzt eine Prufung der Rechtsverhaltnisse
des Tereus und der Agypter voraus. Tereus, ein verheirateter Mann, kann sich
gegenuber der Schwester seiner Frau nur auf das Prinzip der Gewalt berufen.
Gewaltsamkeit ist zwar auch das charakteristische Merkmal der Agypter; aber
sie k6nnen sich auBerdem - wie bereits angedeutet4 - auf andere, uiber-
zeugendere Argumente sttitzen , zumal da sie als Unverheiratete im Gegensatz

    1 Vgl. den gesamten Brief Hypermestras an Lynkeus (Her. I4), besonders 49f. (Et

timor et pietas crudelibus obstitit ausis, castaque mandatum dextra refugit opus) und 5f-
(Quod manus extimuit iugulo demittereferrum, I sum rea); esse ream praestat quam sic placu-
isse parenti (7) gibt sogar formal die Alternative bei Aischylos (Prom. 867 f.) wieder.
    2 Hypermestra versteht ihr Verhalten, fir das sie eine harte Kerkerstrafe erleiden
mul3 (Ov. Her. I4, 3ff. und Hor. C. 3, II, 46: ... quod viro clemens misero peperci), bewuBt
als Gegensatz zu den facta nefanda (Ov. a. a. 0. I6) ihrer saevae sorores (15) bzw. ihres
saevus pater (53): sie beruft sich auf pietas (49, 84, I29; pius: 4, I4, 64, I23) und wertet
folgerichtig die grausame Ermordung der gerade vermahlten Agypter (nex: I2; caedes:
8, I9, 59; crudelis: 49) als crimen (2, 8o), scelus (6, 15; ebenso Hor. a. a. 0. 25 und Prop.
4, 7, 68) und nefas (I6: facta nefanda), da die der pietas genau entgegengesetzte Haltung
(impius  26; ebenso Hor. a. a. 0. 30f.) zugrundeliegt. Nichts kann die kontraren Positionen
besser beleuchten als das bittere Urteil: ... laudarer, si scelus ausa forem (6).
    3 Aesch. Supp. 65-67 entspricht Ov. Met. 6, 60gff.
    4 Vgl. S. I78 mit Anm. I und 2. Vor allem auch die Unschliussigkeit des Pelasgos von
Beginn an (s. besonders Supp. 344) bis zur endgfiltigen Entscheidung zeigt, daB das Recht
nicht so vbllig einseitig verteilt ist, wie die Danaiden wahrhaben wollen; s. auch GARVIE 212 ff.
    5 Das gewalttatige Auftreten des Herolds (872ff.), durch das die Agypter wiederum
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                          I83

zu Tereus prinzipiell ein Recht auf Werbung und damit auf den y4toq haben.
Folglich ist das, was das Wesentliche der Tat des Tereus ausmacht, - objektiv
betrachtet - nicht ohne weiteres dem von den Agyptern (wenn auch mit
Gewalt) erstrebten Ziel gleichzusetzen; daB es schlieBlich zu einem wenigstens
vertraglich gesicherten y&ciosgekommen ist, zeigt dann ja auch, wo selbst auf
seiten der Agypter die Grenzen der Gewaltsamkeit liegen. Diese Unterschiede
werden von den Danaiden ganzlich ignoriert oder verworfen. In ihrer Vorstel-
lung ist fur die Beurteilung der Agypter allein die Verhaltensweise maBgebend,
die durch das Tereus-Paradeigma verdeutlicht wird. Diese Einseitigkeit birgt,
obgleich sie subjektiv wohl verstandlich ist, eine groBe Gefahr. Zwar ist es
verfehlt, von einem angeborenen MannerhaBder Danaiden zu sprechen (vgl.
S. i683; 176; I77); die eindringlicheMahnung des Danaos an seine T6chter, ihm
in der fremden Stadt keine Schande zu machen (Supp. 996-IOO9), hat nur
Sinn unter der Voraussetzung, daB die Danaiden eines solchen vou-&&ruoc     auch
wirklich bediirfen und deshalb keineswegs prinzipiell mannerfeindlich einge-
stellt sind . AuBerdemsind die Danaiden, wie mit Sicherheit anzunehmen ist 2,
nach der Ermordung der Agypter entsuhnt und doch noch verheiratet worden.
Aber bevor es zu diesem vers6hnlichen Ende der Tragodie - ahnlich wie in der
Orestie - kommen konnte, muBten die Danaiden verschiedene Lehren hin-
nehmen.
    Innerhalb des Hiketidendramas weisen nicht nur Pelasgos3, sondern vor
allem auch die Dienerinnen auf die Bedeutung des y4toq hin. Sie erinnern an
die Erfahrungen in der Vergangenheit - ptr& 7roUCv a yo'pwv ae rsu-rc I
-itpo-rp0V yevo
           1tX0L       xiv (Supp. -050f.) und empfehlen deshalb sogar den
von den Danaiden nochmals mit Nachdruck verschmahten y4uo4 AMyu7nto-
yevs (Io52f.) als die beste Losung des Problems: ro ~e,V a v
                                                           u         -otov
                                                                        Zso   L
(I054). Dieser Rat wird sehr wirkungsvoll untersttitzt durch den Preis der
Hera fast gleichgestellten Aphrodite und ihres Gefolges (Supp. I034-I042);

von vornherein ins Unrecht gesetzt werden, darf nicht daruiber hinwegtauschen, daB3
wenigstens vom Standpunkt des menschlichen Rechts (vgl. v64)t n6X6co und xocc'rv6opou4
TOUqO'LxO?v Supp. 388 -390) ein Besitzrecht der Agypter iuber die Danaiden vorliegt (s.
dazu KAUFMANN-BtHLER        45 f.). Fur freundliche Hinweise danke ich H. DILLER.
    1 Ein weitverbreitetes, folgenschweres Vorurteil enthalt das Referat von W. KRAUS, Ai-
schylos: Die Schutzsuchenden, Frankfurt/M. I948, 152: ))Wie kommt der Vater, so hat man
sich gefragt, der doch das grundsatzlich sprode Wesen dieser Jungfrauen kennt, zu so un-
angebrachten Mahnungen ? . Die durch das Verhalten der Agypter bestimmte Einstellung
der Danaiden darf man nicht im Sinne einer Typologie deuten; eine solche Betrachtungs-
weise wird der Kom6die des Hellenismus gerechter als der Tragodie des Aischylos. Die
Danaiden stellen nicht einen 'Typ' dar wie etwa die Amazonen, sondern entwickeln ihren
Charakter von ihrer puE,xvoptoc  (Supp. 8 im Sinne von Prom. 855 f.) bis zu ihrer von Aphrodite
selbst vorbereiteten Wiedervermahlung (s. u.).
    2 Vgl. neben K. v. FRITZ (passim) auch A. LESKY, Die griechische Tragodie, Stuttgart
I9643, 98, und Geschichte der griechischen Literatur, Bern-Muinchen i9632, 282.
    3 Vgl. SuPP. 338: olftivoq tv oU'Zo5(txov au%?l pporoZl.
I84                              KARL AUGUST NEUHAUSEN


der Hinweis auf die Sphare der gbttlichen Ordnungen muB sich entscheidend
auf die Beurteilung der Danaiden auswirken. Ganz im Dienste der eindring-
lichen Mahnungendes SchluBteilesder Supplices steht das Satyrspiel Amymone,
in dem - wie K. v. FRITZ einleuchtend entwickelt hat (igif.) - das tragische
Geschehen der Trilogie 'komisch variiert' wird. Die tiefe Abneigung der Amy-
mone gegenilber dem zudringlichen Satyrn, der ihr Gewalt antun will, ent-
spricht genau der durch das Tereus-Modell bestimmten Einschatzung der
Agypter seitens der Danaiden. Die Losung des Konfliktes im Satyrspiel ge-
wahrleistet das Verhalten Poseidons, das sich grundsatzlich von dem des
Satyrn, des Tereus und der Agypter unterscheidet; Poseidon richtet sich nach
dem Gesetz Aphrodites - Supp. I038- IO40: tu2oc&XOLVoL yp&SOC      Z           atocpi
7CapevV      j
             fl|o&Oq    Out'0?rV onapVoV | T
                        r,                              HseoL
                                                       6XXTOPL           -      und
handelt folglich so, wie Pelasgos es von den Agyptern vergeblich fordert (Supp.
940f.: . . e. 7rsp           rLOL X6yoq); auf der anderenSeite ist genau die
                                 m
Haltung vorausgesetzt, die Hypermestra kennzeichnet (Prom. 865: ... 4?upog
$gi?L).     Da also - ganz im Sinne von Supp. 940f. (..x.          Ouaq  . . . xT

R)VOLOCV qppCVWV &yoL4 av) -7cet&X      und 'tsUppo; bzw. 7r6o'? den Erfolg der
Werbung sichern1, kann Poseidon dem Satyrn (Fr. I5 N.: &pcu6xOV aBo&oc) xv
seine Bestimmung ebenso zuweisen wie Amymone, der Tochter des Danaos:
  cOL ,U?V yapezaG= [lop6LV,    yoqizZv [to' (Fr. I3 N.).
                                        8'
      Gerade dieses Gebot konnen die Danaiden, obwohl ihre Natur #>im     Grunde
 eine weibliche, dem E'pcog  offen stehende, zur Ehe bestimmte ist(( (K. v. FRITZ
 I9I), infolge ihrer einseitigen Bewertung des Anspruches der Agypter nicht
 mehr anerkennen und haben so die Warnung ihres Vaters (Supp. 996ff.), die
 einer tibertriebenen Huldigung an Aphrodite galt, ins gerade Gegenteil ver-
 kehrt2. lhre extreme Haltung geht so weit, daB sie sich nicht mehr umstimmen
 lassen: ru 's$&?XyOLq &k)?X-Tov
                         "v           (Io5). Diese radikaleEinstellungschliel3t
 die M6glichkeit einer maBvollen Besinnung aus; die Pflicht, die Grenzen des
 von den Danaiden geltend gemachten Rechtes zu bedenken, bleibt den Diene-
 rinnen vorbehalten; ,te'rpLovvi3v?`Co e'Uxou  (I059) weist in dieselbe Richtung
 wie -a' kCov p.iv &yok4v (Io6I). ))Den Gottern gegentiber das MaB nicht
 zu verlieren, d. h. keiner Gottheit die ihr gebuihrendeAnerkennung zu ver-

      1 Bemerkenswerterweise   entsprechen Jd&OL (Supp. 941) und ll19oZ (IO40), ?>XxOpL
(I040) und 9XArL (Prom. 865), 'Wepoq (Prom. 865), ll64*oq (Supp. I039) und xar' rSuvotocv
cpPv7w (940) einander inhaltlich und formal.
    2 Ausgenommcn bleibt natuirlich Hypermestra, deren positive Einstellung zum yasuoq

sie wenigstens zu diesem Zeitpunkt von den uibrigen Danaostochtern unterscheidet: Una
de multis face nuptiali digna . . . (Hor. a. a. 0. 33 f.); sie ist so der sprbden Lyde, die an die
von Poseidon umworbene Amymone im Satyrspiel der Danaidentrilogie erinnert, ebenso
wie ihren Sohwestern als Koatrastfigur gegenubergestellt. Zur Entlastung der Danaiden
tragt der Umstand bei, daB ihrer Einstellung zu den Agyptern offenbar das fehlt, was das
Leitwort Venus bei Horaz (50) fur Hypermestra beweist; diesen RuckschluB erlaubt auch
Supp. 337: '4q a' &v(90,05a' 6VOLTO    T06o XEXrWLVOVu;
Tereus und die Danaiden bei Aischylos                        I85

sagen#< (KRAUS 153), ist zweifellos das, was Aischylos als Tragiker lehren will.
Im konkreten Sinne besteht die Verletzung der gottlichen Ordnungen darin,
daB die Danaiden sich entgegen der Mahnung Supp. I034ff. gegen Hera und
Aphrodite auflehnen; die )>Verletzung   ihrer zarten Weiblichkeit durch die rohe
Art ... der Aigyptoss6hne hat sie herausgeworfenaus der natuirlichenOrdnung
des Weiblichen ... <(und sie ))mit Abscheu erftillt gegen jede Ehe und gegen
jede Verbindung mit dem Mann# (K. v. FRITZ I83 bzw. I85). Der Preis des
ep&o als kosmisches Gesetz in dem bertihmten Aphroditefragment (44 N.)
dient ganz der Wiederherstellung der gbttlichen Ordnungen, wie sie durch die
Wiedervermahlung der Danaiden sichtbar zum Ausdruck kommt.
    Die Schuld der Danaiden liegt folglich nicht so sehr darin, daB sie das
Tereus-Modellauf ihr Verhaltnis zu den Agyptern iibertragen; dieses Verfahren
ist vielmehr vom subjektiven Standpunkt aus sehr einleuchtend und auch
objektiv insofernzulassig,als die vpq und &a'PeLao der Agypter tatsachlich
auf ihrer Gewaltsamkeit beruht1, also auf das Verhalten zurtickzuftihrenist,
das die Agypter vor allem mit Tereus gemeinsam haben. Die Grenzen des
Tereus-Paradeigma offenbaren sich erst, wenn man das AusmaB des An-
spruches, den die Danaiden ableiten, in Rechnung stellt. MaBlosigkeitbestimmt
ihr Verhalten von ihrer ))wehleidigenSelbstschilderung<#     (KRAUSI24) in der
Parodos bis zu ihrer starren Ablehnung einer versohnlicheren, einsichtsvolleren
Haltung, die den Mord hatte verhindern k6nnen. Gerade jene pathetische
Form der Klagen, die dem Leid der Philomela und Prokne bei Ovid in jeder
Weise angemessen erscheint, gibt zwar ebenso treffend auch das subjektive
Empfinden der Danaiden bei Aischylos wieder. Da sie aber faktisch den wesent-
lichen Unterschied zwischen Tereus und den Agyptern auBer acht lassen, ihren
Rechtsanspruch so extrem ubersteigern und infolgedessen schlieBlich gegen
ein gottliches Gebot verstoBen, kann gleichzeitig die objektive Berechtigung
des Tereus-Modellsnicht mehr voll anerkannt werden; selbst wenn die Agypter
auf Grund ihres Tereus so sehr verwandten Charaktersden Tod verdient haben
sollten, trifft die Danaiden eine ebenso groBe Schuld, da ihre Mordtat derselben
Verurteilung sicher ist 2. Mit Notwendigkeit - ahnlich wie in anderen Dramen
des Aischylos3 - ftihrt das Selbstverstandnis der Danaiden zum tragischen
   1  Zu diesem Ergebnis gelangt auch KAUFMANN-BtHLER                    vom Dike-Problem
                                                                (47-49)
her; den dort ausgewerteten Stellen sind vor allem Supp. 104 ff. und 749 -751 hinzuzufuigen
(vgl. auch K. v. FRITZ i87f.). In der Tat besteht die objektive Schuld der Agypter darin,
daB sie ihren menschlichen Rechtsanspruch dem gottlichen Recht nicht unterordnen,
sondern dieses bewuBt verletzen.
    2 DaB die Freveltat der Danaiden obj ektiv nicht gunstiger bewertet werden kann als

das Verhalten der Agypter, gibt auch Hypermestra bei Ovid zu verstehen: finge viros
meruisse moyi: quidfecimus ipsae? (Her. I4, 63); im selben Sinne GARVIE213 -5.
    3 *Notwendigkeit und Frevel zugleich ( (A. LESKY,  Die griech. Trag....,  III) war auch
der Muttermord des Orest. Allerdings kann sich Orest auf einen g6ttlichen - Apollons -
Befehl berufen, die Danaiden nicht; auf3erdem kennzeichnet Orest vor allem im Gegensatz
I86          KARL AUGUST NEUHAUSEN, Tereus und die Danaiden bei Aischylos


Verhangnis; der Gattenmord ist die letzte Konsequenz, die die Berufung auf
die Tlpeaod&oxoy impliziert. So kommt dem Tereus-Paradeigmaeine doppelte
Funktion zu; es tragt wesentlich bei zum Verstandnis der subjektiven Vor-
stellungen der Danaiden, die ihr Handeln bis zum frevelhaften Freiermord
bestimmen, und laBt so zugleich objektiv jene Grenzen erkennen, deren Ver-
letzung zwangslaufig schwere Schuld nach sich zieht. Bedenkt man, daB sich
das Leitbild des Tereus von der Parodos der Supplices an auf die gesamte
Tetralogie auswirkt, wird eine kuinstlerische Gestaltung sichtbar, die nicht
geringer einzuschatzen ist als die Entwicklung bestimmender Motive in den
ubrigen erhaltenen Dramen des Aischylos .

      Bonn                                             KARL AUGUST NEUHAUSEN


zu allen anderen Gestalten der aschyleischen Trag6die die Erkenntnis der beiden kontraren
Rechtsspharen (vgl. Cho. 46I) und die Einsicht in die Widerrechtlichkeit seiner eigenen Tat.
DaB *dieselbe Tat Notwendigkeit ... und zur selben Zeit doch schwerste Schuld e (A. LES-
KY, Gesch. d. griech. Lit....,     277) bedeuten kann, zeigen auch die tragischen Voraus-
setzungen, die zum Brudermord in den Septem fuhren. Der Hauptvorwurf, den Eteokles
gegen Polyneikes richtet, ist derselbe, den die Danaiden gegen die Agypter erheben: Asebie
und Hybris (vgl. KAUFMANN-BtHLER 52). Eteokles hat - wie die Danaiden - insofern
recht, als Polyneikes - wie die Agypter (und auch wie Agamemnon und Klytaimnestra)
 - gegen g6ttliches Recht verstoBt. Wenn H. DILLER(im Hinblick auf die nachgewiesene
entscheidende Tatsache, daB sich die Danaiden auf Grund ihrer Gleichsetzung der Ver-
haltensweisen des Tereus und der Agypter fuirberechtigt halten, ihre Vettern umzubringen)
- brieflich - bemerkt, daB )#indem guten Gewissen, in dem der Mensch an seine Taten
herangeht, der tragische Irrtum liegt#, so rechtfertigt diese Bestatigung der vorgelegten
Interpretationen zugleich den Versuch, die Kerngedanken der Danaidentrilogie in grol3erem
Maf3e, als es die Friuhdatierung zulassen konnte, mit den Leitmotiven der ubrigen Trag6dien
zu vergleichen (s. auch S. i861). Eine solche systematische Betrachtungsweise wuirde
sicherlich - ganz im Sinne von W. NESTLE (Gnomon Io, I934, 4II) ebenso wie von A.
LESKY (Gesch. d. gr. Lit., 272; Die gr. Trag., 86) - wenigstens zeigen lassen, daB den
Motivationen in den Supplices keine 'archaische Komposition' zugrunde liegt, und so zu-
gleich einiges zu den grundlegend neuen Erkenntnissen beitragen helfen, die seit der
Publikation des Ox. Pap. 20 (I952), 2256, fr. 3 und dem bahnbrechenden Aufsatz von
A. LESKY (Hermes 82, 1954, I -I 3; vgl. Die tragische Dichtung der Hellenen, G6ttingen
2I964, 59-7I, 230) im Hinblick auf die Tragodie des Aischylos und die attische Trag6die
uberhaupt gewonnen worden sind (s. auch H. LLOYD-JONEs, Ant. Class. 33, I964, 356-
374, und A. F. GARVIE 88-I40).
    1 Eine vergleichende Untersuchung der Parodoi laBt deshalb wichtige Aufschltlsse hin-
sichtlich der dramatischen Kunst des Aischylos erwarten. Da das Tereus-Modell die wesent-
lichen Motive der Parodos der Supplices enthalt, ist zugleich die Beantwortung der grund-
legenden Frage, welche Funktion die Parodos innerhalb des Hiketidendramas erfuillt,
entscheidend vorbereitet. Wer mit GARVIE (123) zu dem Ergebnis gelangt )>Aeschylus
... seems to have tried in various ways to integrate his prologues in the dramatic structure
of his plays((, kann sich gerade auf Supp. 57-72 berufen, da dieser Vergleich nicht nur in
das Drama integriert ist, sondern als einziger alle Formen der Selbstdarstellung der
Danaiden erklart und deshalb nicht etwa als Exkurs aus dem Gesamtzusammenhang
gelost werden darf.

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Tereus 2

  • 1. Tereus und die Danaiden bei Aischylos Author(s): Karl August Neuhausen Source: Hermes, Vol. 97, No. 2 (1969), pp. 167-186 Published by: Franz Steiner Verlag Stable URL: http://www.jstor.org/stable/4475583 . Accessed: 05/05/2011 16:21 Your use of the JSTOR archive indicates your acceptance of JSTOR's Terms and Conditions of Use, available at . http://www.jstor.org/page/info/about/policies/terms.jsp. JSTOR's Terms and Conditions of Use provides, in part, that unless you have obtained prior permission, you may not download an entire issue of a journal or multiple copies of articles, and you may use content in the JSTOR archive only for your personal, non-commercial use. Please contact the publisher regarding any further use of this work. Publisher contact information may be obtained at . http://www.jstor.org/action/showPublisher?publisherCode=fsv. . Each copy of any part of a JSTOR transmission must contain the same copyright notice that appears on the screen or printed page of such transmission. JSTOR is a not-for-profit service that helps scholars, researchers, and students discover, use, and build upon a wide range of content in a trusted digital archive. We use information technology and tools to increase productivity and facilitate new forms of scholarship. For more information about JSTOR, please contact support@jstor.org. Franz Steiner Verlag is collaborating with JSTOR to digitize, preserve and extend access to Hermes. http://www.jstor.org
  • 2. TEREUS UND DIE DANAIDEN BEI AISCHYLOS Die durch verschiedene Schwierigkeiten belasteten Verse Aesch. Supp. 58-67 sind nach H. J. ROSE' sehr eingehend von E. W. WHITTLE2 behandelt worden; das Ergebnis seiner griindlichen textkritischen Untersuchungen bildet im wesentlichen eine Bestatigung des von J. VtRTHEIM3 hergestellten Wort- lautes. Neue M6glichkeiten der inhaltlichen Interpretation eroffnet die von WHITTLE in einem weiteren Aufsatz4 vorgeschlagene Lesart vO LoZ statt voQioCLL (68/69). Die paldographischbestechende Konjektur muB - unabhangig davon, ob ihre Begriindung ausreicht oder nicht - als Beitrag zur L6sung des bisher kaum beachteten5, aber entscheidenden Problems gewiirdigt werden: Warum vergleicht Aischylos die Lage der Hiketiden ausgerechnet mit den tragischen Ereignissen, die mit dem Namen des Tereus verknulpftsind? Worin ist das tertiumcomparationiszu erkennen, das die Wahl gerade dieses Beispiels und damit Analogieschluisserechtfertigt? Die Aufgabe, die Gemeinsamkeiten der beiden mythologischen Exempla nachzuweisen, bildet eine notwendige Konsequenz der Gleichsetzung rw'qxOCl eyx (o63UP'rO ... 8O'c t&v . 7Op- .V. ... (68-72) und stellt sich vor allem deshalb als dringlich dar, weil dem Paradeigma offenbareine wichtige Funktion zuerkannt ist. Tc'q XoaL impli- eyco ziert die fur das Selbstverstandnis der Danaiden ausschlaggebenden tber- einstimmungen und Ahnlichkeiten, die Aischylos voraussetzt und dement- sprechend verstanden wissen will. Zur Klarung dieses Sachverhalts ist es deshalb unerheblich zu ermitteln, an welche der von den Interpreten in Erwagung gezogenen Gattinnen des Tereus6 Aischylos an dieser Stelle denkt; als v6llig gesichert kann lediglich der Name des Tereus gelten: 0"orCXTXpetocg . . . &XO6ou (60f.). Der relativische AnschluB &M'' beweist, daB nur eine einzige koXoZo (63) gemeint sein kann, wie vor allem von VURTHEIM7 einleuchtend begrundet worden ist. Das Schicksal 1 A Commentary on the Surviving Plays of Aeschylus, Amsterdam I957, 20f. 2 Notes on the Text of Aeschylus, Supplices 58-67: ripao. Studies Presented to G. THOMSON (= Acta Univ. Car. Philos. et Hist. I), Prag I963, 245-255. 3 Aischylos' Schutzflehende (mit Text und Kommentar), Amsterdam 1928. 4 Two Notes on Aeschylus, Supplices: ClQu I4, I964, 24-31. 5 Ansatze zu Erwagungen im hier verstandenen Sinne lassen neben WHITTLE (I964, 30f.) kurze Bemerkungen in den Kommentaren von C. KRUSE (Stralsund i86i, I45) und J. OBERDICK (Berlin I869, 95f.) erkennen; aktuell erscheint eine Deutung des Vergleichs Supp. 57 ff. auch in Anbetracht der kritischen Feststellungen von A. F. GARVIE, Aeschylus' Supplices: Play and Trilogy, Cambridge I969, 64. 6 Vgl. neben dem RE-Art. 'Tereus' von A. LESKY folgende Art.: 'Aedon' (I I, 467 - 474), 'Itys' (IX 2, 238I), 'Philomela' (XIX 2, 25I5-25I9) und 'Prokne' (XXIII I, 247- 252); uber Metis als Gattin des Tereus s. U. v. WILAMOWITZ-MOELLENDORFF, Aischylos Interpretationen, Berlin I914, 28. 7 VURTHEIMs Argumentation (I66) richtet sich offenbar auch in diesem Fall gegen WILAMOWITZ (Aisch. Int. 28), dessen Qbersetzung (*Sie klagt und trauert. . . ) vollig
  • 3. i68 KARL AUGUSTNEUHAUSEN der Tip?oc 6 -XoZ wie immer sie geheiBen haben mag - muB insgesamt dem Los der Danaiden sehr verwandte Merkmale aufweisen'. Dank dieser aus dem Wortlaut bei Aischylos sich notwendig ergebenden Erkenntnis ist zugleich die Methode der folgenden Vberlegungen festgelegt. Das Handeln und Verhalten der Danaiden soll zuerst soweit als m6glich dem gesamten Erfahrungskomplex, der allein durch die Erinnerung an Tereus fir die Danaiden ebenso wie fur das Publikum im Theater offenbar hinreichend gekennzeichnet ist, vergleichend gegenubergestellt werden; die spater vor allem von Sophokles und Ovid ent- wickelten Kernmotive der Tereus-Sage werden logischerweise, auch wenn es keine direkten Zeugnisse gibt, schon von Aischylos als allgemein bekannt vor- ausgesetzt und dienen deshalb ganz der textimmanenten Interpretation 2. Wenn die subjektiven Empfindungen der Danaiden zum Zeitpunkt der Parodos und ihre Auswirkungen bis in die letzten Einzelheiten geklart sind, ist die Basis geschaffen, im Hinblick auf die gesamte Trilogie objektiv zu prufen: Wo liegen die Grenzen des Vergleichs ? Sind die Danaiden berechtigt, das Tereus- Modell fur sich voll zu beanspruchen? Zunachst teilen die Danaiden mit der Tjpe[ &oXoZoq auBeresGeschick, ein das Los der Vertreibung aus den angestammten Wohnsitzen ('15cm 64). Die An- gabe 6"&' x?w &7rt6 p -uTC v o (63) enthalt dieselbe inhaltliche Aus- T' epyo6vxv sage wie die Mitteilung der Danaiden gleich zu Anfang der Parodos: ALcuv 8? xurro5aU6t74vocV 6UyZOpTOVEUpbLa cpeyopv (4f.). ?Syo?Lvv' wird nicht dadurch f eingeschrankt, daB die Danaiden ihrem Vater dankend bescheinigen: . .. 7reGQVOt.LCOV XuVat'T a?ZEV e'7rxpLVEV CqeuyeLV &lv6V xC' &LX aXLoV (I2-I4); yp&yevbestatigt ausdrucklichdas V. 4 verkundete Faktum, und ebenso lBt die vielberufene yuivoptoc (8) das Motiv der Flucht erkennen3. Auch die Erklarung offen IaBt, auf welche der vorher genannten beiden Personen sich dieser Satz bezieht (W. ebd.: i.. . er horte die Stimme der Metis, der klagenden Gattin des Tereus, und die der Aedone, die der Falke verfolgt. #). Gerade dieser Widerspruch zeigt, daB die Leiden der beiden Schwestern kausal aufs engste miteinander verknuipft sind, und bestatigt so zugleich die Zulassigkeit des in diesem Aufsatz angewandten Verfahrens. 1 Da die Namen der Prokne und Philomela, die man herkommlicherweise mit Tereus in Verbindung bringt, vor Sophokles nicht belegt sind, kaime es in einer Aischylos- interpretation einer petitio principii gleich, sich auf bestimmte Personen festzulegen. Alles, was die Gattin des Tereus und ihre Schwester von Tereus erlitten haben und was sie getan haben, muB als einheitliches Geschehen betrachtet werden. 2 Eine quellenkritische Untersuchung - z. B. im Sinne von J. DIETZE, Komposition und Quellenbenutzung in Ovids Metamorphosen, Hamburg 1905 (wo uXbrigens der Tereus- Mythos nicht erortert wird) - erscheint infolgedessen nicht geboten; Aufschluisse hinsicht- lich der Frage, welche Funktion das Paradeigma innerhalb der Tetralogie erfuillt, WaBt ein solches Verfahren nicht erhoffen. 3 Selbst wenn man die weitgehend akzeptierte Emendation BAMBERGERS (OciuToy1veL 9uiocvopioc als verbindlich voraussetzt und mit WILAMOWITZ (Aisch. Int. I5) dem Chor die 8) Behauptung unterstellt, der Ehe mit den Agyptern *>aus angeborener Mannerfeindschaftt entflohen zu sein, bleibt logischerweise die Tatsache bestehen, dal3 die Danaiden tatsachlich
  • 4. Tereus und die Danaiden bei Aischylos [r69 des Scholiasten - im Sinne von 8tCOX ?I - trifft auf die Danaiden ?pyo[u'vx zu und wird z. B. I045f. bestatigt (&LoYLOZq; I48); denn die Flucht aus vgl. der L'ocyfh'v (4f.) setzt die Verfolgung seitens der Agypter ebenso voraus wie die bereits V. 27 (3Kcxc,' 'xh?v) bundig formulierte Bitte um Aufnahme als Schutzsuchende. Diese prinzipiellen Vbereinstimmungen lassen die Konjektur von MARTIN- XCO)PO)v TpO'pv) statt Z. 7QorapC&v - und andere Emenda- t' tionen (s. WHITTLEI963, 25I-253) entbehrlich erscheinen, zumal da 7ro-octwv die Erinnerung an den Nil wachruft; denn die Danaiden bekundeten bereits gleich im Er6ffnungssatz des anapastischen Teiles (NLMou4) ihre Herkunft, und gerade die von allen codd.iuberlieferte Form NctoXspi 7rapa&V(7I) unmit- telbar im AnschluB an den Vergleich mit der Tereus-Sage macht es wahrschein- lich, daB Aischylos auch in dieser Hinsicht eine ParallelisierungbewuBt erstrebt. Deshalb verrat der Vorschlag von MARTIN grundsatzlich richtige Einsicht, eine wie auch VtURTHEIM I67 einraumt: #.. . zugunsten dieser Anderung Martins kann gesagt werden, daB der Vergleichungspunkt mit dem Schicksal der Danaiden eben in der Vertreibung &not -(Cov auv&ov ronwv liegt ((. Da aber der durch die Konjektur erreichte Gewinn nicht grdBerist, als die Inter- pretation des iuberliefertenTextes zulaBt', bleibt die entscheidende Erkenntnis in jedem Fall gesichert. vor der Verwirklichung des ya,uos ALyU ToYeV75die Flucht ergriffen haben; cpuE,avoptm impliziert in jedem Fall die cpu K. v. FRITZ (Die Danaidentrilogie des Aischylos, in: Antike und moderne Trag6die, Berlin I962, I6I) hat nun aber gezeigt, daf man ai'Toyevet im Sinne von 'aus sich selbst entstanden' auffassen muB3;auf diese Weise stellt sich ein einleuchtender Gegensatz heraus: )>nicht durch VolksbeschluB verbannt . . ., sondern aus einem allein der eigenen Brust entsprungenen EntschluB3 zur Flucht vor diesen Mdnnern (. Diese Erklarung widerlegt zugleich Vermutungen, die z. B. H. SPIER, The Motive for the Suppliants' Flight, Class. Journ. 57, I96I/2, 3I5-3I7, fur zulassig halt. Allerdings muB trotz der Vorbehalte bei v. FRITZ (4791) anerkannt werden, daB auch die Lesart aiutoyevq, die jetzt wieder M. L. ROSENKRANZ, Nota eschilea, Philologus io8, I964, 293-295, ver- teidigt, zumindest vor dem irrefiihrenden Postulat einer angeborenen Mannerfeindschaft schutzt; man kann sich dabei auBerdem (gegen die Einwande von 0. HILTBRUNNER, Wiederholungs- und Motivtechnik bei Aischylos, Bern I950, 8ff.) z. B. auf folgende Argu- mentationen berufen: 0. KOENNECKE, Rez. v. F. HELMREICH, Der Chor im Drama des Aschylus, Kempten I915, in: Wochenschr. f. Klass. Philol. 33, I9I6, 387f.; K. KUNST, Die Frauengestalten im attischen Drama, Wien und Leipzig 1922, 3f.; A. ELISEI, Le Danaidi nelle 'Supplici' di Eschilo, StudIt 6, 1928, 204f.; M. UNTERSTEINER, Note alle Supplici di Eschilo, Athenaeum I3, I935, 300. Vgl. D. KAUFMANN-BuHLER, Begriff und Funktion der Dike in den Tragodien des Aischylos, Diss. Heidelberg 195I, 49, und GARVIE 2I8 ff. 1 Das gleiche gilt fur die Anderung XpCcPcvZrOTICPUV (S. WHITTLE I963, 252 f.). Der Ver- zicht auf xZcp&cov die Aufgabe einer wichtigen Parallele zur Folge, da als einzige vergleich- hat bare Gemeinsamkeit die FluBnahe bestehen bleibt. Gerade dieser Vergleichspunkt er- scheint weniger geeignet, auch wenn man berucksichtigt, daB i?6v zugleich x6pov voraus- setzt; aber selbst in diesem Fall ist der Zusatz Xc?)pCow notwendig, da Tf#?cov sich nicht allein auf 7o-ro,u beziehen kann. Auch die Danaiden berufen sich ja auf ihre Heimat, das Land am Nil (A/c Z,'v 4f.), und ihre 7r'X,t (7), die sie verlassen muBten; Zxpc,v bzw. '45tov (63 f.) entspricht diesen Angaben genau. So leiden die verfolgten Danaiden unter ihrer gegen-
  • 5. 170 KARL AUGUSTNEUHAUSEN Das Motiv der Trennung bzw. der Flucht schafft die Grundlage fur eine weitere Gemeinsamkeit; die notwendige Folge bildet die Klage uiber dieses schwere Geschick. Die Analogie zur Trauer der omxrpokT-ptx &`1oyBoq (60f.)- sr~vtZ ,v oLx-rov acv (64) - wird ein oovo7r6?Xoqox-rov Cxov(gemaB58 f.) logischerweise folgendermaBen rechtfertigen k6nnen: Auch die Danaiden er- kennen, wie ihre Selbstdarstellung in der Parodos beweist, ihre bedrohte Lage und empfinden ihre Not in kaum zu ubertreffendemMaBe. Denn obwohl sie Danaos (ihrem 7rcarrp xocx 3oi'Xocpxoq xocx a-caxcpxoq ii f.) Dank schulden, bleibt das Faktum bestehen, daB sie &xae(I3) zu ertragen haben. Das BewuBtsein zu leiden tritt dann ja auch eindringlich und iiberwaltigend hervor im Klagelied (II2-II6): toLG(rLc 7&a5za [tcXeoc &peoYL6va ?e&yco I?LycOC POap&a xpuoMtU0rZ | C 4 Z11OLCrvpUf17r= j iCOaOCyOoc0 lie -qi6. ax?a, naa, Die Leitworte C>eto. und y6oro erklarenden verzweifelten Wehruf x 3ua&yxpvTOr 7rs6voL (I26) ebenso wie die auf sich selbst bezogene Mahnungder Danaiden (385f.) ,u for. Z-9VO LX-TCCOU I uanapa 'Xwou4Tcoc,&6vroq XOTo4 Bezeichnenderweise o'L'x-oLq. ist die Ursache fuir die a`roc, -no'Ci5und n6vot plotzlich eingetreten; diesen RiickschluBerlaubt das Adjektiv & r.p6IxpuX (72): -x X cpr.?g6OupTO4 ... (xZ7rm TV ... 7.ap?.C&V a7trep60c%xpuv Ir xcp Xocv. Auch hierin gleichen sich die Erfahrungen der Danaiden und der Tnpzx oc&OOoZoq,deren Leid auf der da pl6tzlich erregten Leidenschaft des Tereus beruht; auf einen gliicklichen, jeden- falls ungetriibten Zustand folgt jah der Umschlag ins Ungliick. Nicht nur das augenblickliche Leid, sondern auch die Form der Entstehung dieses Leides und ihre unmittelbaren Folgen verbinden so das Schicksal der Danaiden mit dem Los der TNpzc 0oXoq. Aus diesem Grunde ist es einleuchtend, daB die Klagen fiber solche r,zaoc in neuen 'Weisen' (v6lo,auo) bekundet werden. WHITTLES Anderung (vo90ozor) zeichnet sich durch den Versuch aus, auch die Parallele zur Leidensgeschichte der Io (Supp. 50ff.) sichtbar zu machen. Nun liegt aber der Schwerpunkt des Vergleiches der V. 57 ff. - wie T-r xodt 'y6 (69) beweist - auf den Gemeinsam- keiten mit der Tereus-Sage. Deshalb kann das traditionelle Verstandnis des Ausdrucks 'Ixovaor.ar vo4totar-'in hellenischen Weisen' (WILAMOWITZ, Aisch. Int. 29), 'auf hellenische Weise' (VUYRTHEIM) noch hohere Wahrscheinlich- - keit beanspruchen; denn i. veranschaulichen die Danaiden so die Verwandt- schaft ihrer Wehklagen (vgl. IIz -ii6!) mit den Klageliedern der in eine Nachtigall verwandelten T-npe &ooZoq,und 2. gleichen sie sich als o4,uoq &veX-~VO6aro?oq bewuBtden griechischempfundeneny6oro T1p'a !oyoq (234) der wartigen Lage ebenso sehr wie die Tlp1ac &Xoxoy,die als Xtp%YXxToq &-v zwar auch auf die einer Nachtigall vertrauten Gebiete verzichten mul3, vor allem aber den Gegensatz zu dem Zustand vor der Verwandlung empfindet (N. WECKLEIN, Aschylos: Die Schutzflehen- den, Leipzig 1902, 3I): ))Sie klagt um das verlorene Heim in Attika, nach welchem sie auch als Gattin des Tereus sich sehnte. # Damit ist wiederum eine einleuchtende Gemeinsamkeit des Schicksals der T-%pet &Xoxo6 mit dem der Danaiden gewonnen.
  • 6. Tereus und die Danaiden bei Aischylos 17I ebenso wie der einem Griechen uberhaupt vertrauten Form eines jXeYoq(II5) anl.Diesem Bestreben wird die Berufung auf die 'Ih6vLoL VoL0osicherlich gerech- ter. In beiden Fallen handelt es sich nur um die Hervorhebung von Klage- weisen, deren Formen sich in einer wesentlichen Hinsicht gleichen; die Tnpeta &Xoxoo verwendet infolge ihrer Verwandlung eine neue 'Weise' wie die agypti- schen Danaiden1, die sich einer neuen, eben der griechischen Sprache be- dienen miissen. So gilt die Erklarung von WHITTLEselbst (I963, 254) auch fur den emendierten Text (plv statt veov 64): )>Tereus'wife mourns in bird- language instead of in Greek, while the Danaids lament in Greek (69 'IovLoLar v6pooLa)instead of in their native tongue. < Trotz der bisher nachgewiesenen charakteristischen Gemeinsamkeiten, die eine Beobachtung der auBeren Notlage der Danaiden deutlich nahelegt (vgl. aokazL6o), ist die eingangs gestellte Frage noch nicht voll beantwortet. In der Tat reichen die Motive der Flucht, der Verfolgung und der Trauer nicht ganz aus, um gerade den Vergleich mit Tereus begreiflich zu machen; aus der Mythologie sind viele Schilderungen bekannt, die wenigstens teilweise ahn- lichen Situationen gelten. Die Umstande, die schlieBlich jeweils zu dem schrecklichen 7rvho; (7rzvlZv 64) fuhrten, mulssen deshalb eine noch tiefere Ursache erkennen lassen. Worauf zielt Aischylos besonders ab? LaBt sich neben dem auBeren auch ein inneres Geschick geltend machen, das die Be- rufung auf Tereus nahelegt ? Die Losung dieser Fragen kann durch die Auswertung einiger Fragmente des sophokleischen Tereus (Fr. 523 -538 N. 2) vorbereitet werden. Worauf be- zieht sich die lapidare Feststellung c?yeLv&, f1p6xvn,8TXov(Soph. Fr. 526) und 7- prv (Fr. 533) ? Aus den bisherigenBeobachtungen folgt zunachst, daBbeide Angaben grundsatzlich denselben Sachverhalt voraussetzen wie 7a5a, a&r&v und 7rovoL Aischylos (Supp. II2, I3, I26). Die Gnome des Fr. 533 laBt in Ver- bei bindung mit Fr. 532 weitere Schlusse zu. lJOLxtLXoCUL8ct &-aocL (Soph. Fr. 533) erinnert an die Charakteristik der Agypter bei Aesch. Supp. 750 (8O?o.dTL?) ebenso wie an Supp. iiof. (aCr ... a&7rocov p?ocyvou'); umgekehrt verrat der Wunsch der Danaiden ,q yeVc4aL apc,A AlyiXTrou yC'? (Aesch. Supp. 335) G das Bestreben, das wahrscheinlich von Prokne oder Philomela selbst beklagte Verhangnis abzuwenden: rovg a? aouvAa . . . Cuy6v x &vayxac. Da kein Zweifel daruiberbestehen kann, daB die Sentenzen bei Sophokles auf das Ver- halten des Tereus abgestellt sind, legen die sprachlichen und sachlichen Uber- 1 Die Gleichsetzung der beiden Verhaltensweisen kann man auBerdem mit dem Hin- weis auf Ag. 1140ff. rechtfertigen. Wenn der Chor Kassandra vorhalt &acpl8' aiars IpoeZq vVO6wv xvozov und sich zu demselben Vergleich veranla3t sieht, den die Danaiden fur sich selbst in Anspruch nehmen (ot& 'xLt iou&& &x6peroq poiq, 9e5, yGkOxTOLq cppea'v"ITruV "Ihuv caivouo' 'Cap~LyckX xocxotc &i180v 'Lov), so ist damit fur die Tkpelo aoXoZo wie Supp. 7 ff. (69: v4LOLa) einm vo6 im Sinne eines Klageliedes vorausgesetzt. Die Konjektur von WHITTLE lIat sich so auch im Hinblick auf Ag. I I40 ff. schwerlich aufrechterhalten.
  • 7. I72 KARL AUGUST NEUHAUSEN einstimmungen bei Sophokles und Aischylos die Vermutung nahe, daB zwi- schen Tereus und den Agyptern in bezug auf Prokne bzw. Philomela einerseits und die Danaiden andererseits eine bestimmte Beziehung besteht. Die Sorge der Danaiden, die Supp. 335 eine so ausgepragte Form gefunden hat, muB durch die vollige Unsicherheit der zukuinftigen Ereignisse erklart werden. Diese Unsicherheit wird bei Aischylos wie bei Sophokles auf die Unwagbarkeit des Ratschlusses des Zeus zurtickgefiihrt; x 6a'4ragi oix ?a'rtV 7rX VAl6O OV' -(lV p6?XX0vTcv tylIao ... (Soph. Fr. 53I) entspricht xoc&ZV `(pparoL (Supp. 95) innerhalb des Gebetes an Zeus (86-iii). Das Leitwort Tt)v ptzX;k6VT@wV IaBt sich auch bei Aischylos wortlich nachweisen; am SchluB des ersten Teiles der Trilogie ist das Schicksal der Danaiden noch immer so unbestimmt wie zum Zeitpunkt der Parodos, so daB die Magde den Danaiden nach ihrer dringenden Bitte an Zeus (o peyax Zei) cbrocXeL,y4ov A'YU zOYZv9 I053 f.) mit Recht toL, entgegenhalten: a' 86 y' oV'x01Ga450 ['XXOv (Io56). Warum sind die Danaiden T0 von Angst erftillt, wenn sie an die Zukunft (TO6 p6?COv)denken ? Diese Frage ist aufs engste verkniipft mit dem Tereus-Paradeigma: Wie wirkt sich die Erinnerung an das Leid der TynppLocx auf die Vorstellungskraft der Danai- &oXoo den aus? Welche Beftirchtungen sind mit dem Namen des Tereus fur die Zu- kunft unvermeidlich verbunden? Betrachtet man die verschiedenen Versionen der Sagen um Aedon, Prokne und Philomela', so lassen sich trotz der zahlreichen Variationen wesentliche Ubereinstimmungen nachweisen. Gemeinsam ist fast samtlichen Fassungen das Motiv der Gewaltsamkeit. Diese Konstante verbindet die megarische, kleinasiatische und attische Uberlieferung der Aedon-Sage mit der von Prokne und Philomela. Vor allem bei Sophokles, der die Sage in der weitgehend maB- geblichen, auch von Ovid ulbernommenenForm gepragt hat, erscheint Tereus, wie schon aus den oben vorgelegten Fragmenten erschlossen werden kann, als bppt-5. Konsequenterweise schildert auch Ovid (Met. 6, 424ff.) den Vorgang der Gewalttat 2. Besonders dieses Motiv unterscheidet den Tereus des Sophokles von der spateren Fassung im gleichnamigen Drama des Philokles (RE s. v. Prokne, 249, 53-55). Gerade diese erstmalige Abweichung von der Norm bei Philokles beweist, daB das Prinzip der Gewaltsamkeit zuvor allgemein als das hervorragende Merkmal der Sage angesehen wurde. Nur unter einer solchen Voraussetzung ist es verstandlich, daB der Name des Tereus eine bestimmte Gedankenverbindungbewirkt, die 0. SCHROEDER in seinem Aufsatz IIPOKNH, Hermes 6i, I926, 43I, gestuAtzt auf ein Scholion zu Ar. Av. I02, in folgende Worte kleidet: ))DaB hier bereits die Schwesternsage vorliegt, kundigt sich 1 Vgl. die S. I67 Anm. 6 genannten RE-Art. Aedon (469, igf. und 50f.; 471, 21f.; 473, 47f.), Philomela (25i6, 22f.) und Prokne (248, 34f.; 249, 53-55). 2 Met. 6, 524 f.... fassusque nefas et viyginem et unam Ivi superat; die Bestatigung dieses nefas versucht Philomela selbst zu geben: . . . per vim sibi dedecus illud I illatum (6o8f.).
  • 8. Tereus und die Danaiden bei Aischylos 173 schon an in dem Namen des Unholdes Tereus, der die Gattin verriet, um die Schwagerin zu schanden, ein echter pU', 7t(p& t6 r-p%ev... <. Auch die Erklarer, die wie WELCKER und WILAMOWITz Metis als Gattin des Tereus eine postulieren, berufen sich auf das Leitmotiv. So unterstellt z. B. WILAMOWITZ, obwohl er sich im Hinblick auf die Personen von der traditionellen Version distanziert1, dem Tereus ohne weiteres die aus den Sagenkreisen um Aedon, Prokne und Philomela vertraute Einstellung (ebd. 283). Ebenso gelangt K. KUNST2 Bestatigung des Motivs der Gewalt. zur Wenn dem Vergleich der Lage der Danaiden und des Geschickes der TYp%La &oo aoxo Berechtigung zuerkannt werden soll, ist ein analoges Verfahren der Interpretation erforderlich. GewiB3, Unterschied zwischen Tereus und der den Agyptern ist unverkennbar; der verheiratete Tereus tut der Schwester seiner &c?XoZo, also einer Verwandten, Gewalt an. Aber gerade auf dieses Prinzip der Gewaltsamkeit kommt es hier allein an. AuBerdemsind die Danai- den sogar blutsverwandt mit ihren Verfolgern. Wenn also der Name des Tereus eine bestimmte Assoziation hervorruft, wirkt sich die Ubertragung auf das Verhaltnis der Danaiden zu den Agyptern so aus: Tereus und die Agypter erfillen im Hinblick auf ihre Verwandten dieselbe Funktion. Daraus folgt: was Tereus tatsachlich veriibt hat, beftirchten die Danaiden ihrerseits als mogliche Tat; sie haben Sorge, daB die Freier - ahnlich wie Tereus - gegen ihren Willen und widerrechtlich das erklare Ziel - den y&aJ.o- mit Gewalt erreichen werden. Die Angst der Hiketiden muB3 sich in dem Grade steigern, in dem sie sich vergegenwartigen, wozu der Thraker Tereus in seinem egrenus amor fahig war; Ovid hat die innata libido, cupiditas und crudelitasdes als barbarus verstandenen Tereus so eindrucksvoll geschildert, daB es nicht schwerfallt, die Gedanken der Danaiden nachzuvollziehen3. Dabei ist es gar nicht notwendig, eine vollige Ubereinstimmung mit dem Tereus-Modell zu erwarten, wie es z. B. die Uber- setzung von Supp. 8i -85 bei WILAMOWITZ (Aisch. Int. 29) nahelegt: #. . . so haBt wenigstens ganz und gar die Vergewaltigung ... Es ist aber auch fur die, welche fliehen, . . . der Altar eine Zuflucht vor der Vergewaltigung<i. Ausschlag- 1 Aisch. Int. 283: )>Hierdarf nicht der Vorwitz kommen und sagen, die Geschichte wei3 ich besser; sie steht ja im Ovid. Wir lernen, daf3 sie auch ganz anders erzahlt ward und mit anderen Namen als Prokne und Philomele. ((Selbst wenn diese Vermutung GewiBheit ware, ist der Wert der Erzahlung Ovids fur die Interpretation des Aischylos nicht gemindert; es lassen sich entscheidende Vbereinstimmungen zwischen den Motiven, die Ovid ent- wickelt, und der Version, der Aischylos folgt, nachweisen. 2 Textkritische Bemerkungen zu den Hiketiden des Aischylos, PhW 43, I923, 500. 3 Vgl. Met. 455 -460 (Non secus exarsit conspecta virgine Tereus, I quam si quis canis ignem supponat aristis ... .; sed et hunc innata libido I exstimulat, pronumque genus regionibus illis I in Venerem est . . ), 465f. (Et nihil est quod non effreno captus amore I ausit), 467 (cupidoque revertitur ore), 533 f. (0 diris barbarefactis ! o crudelis !), 56I f. (fertur I saepe sua lacerum repetisse libidine corpus).
  • 9. 174 KARL AUGUSTNEUHAUSEN gebend fur die Auswertung des Paradeigma des Tereus ist nur das Prinzip, das die Handlung des Tereus voraussetzt. Bereits aus dem Teil der Parodos, der den Versen 57ff. unmittelbar vorauf- geht, darf mit groBererBestimmtheit, als man vielfach gewagt hat, auf das eigentliche Motiv der Flucht und der Sorge der Danaiden geschlossen werden. des In Verbindung derCharakteristik 6co 'pLa-r- Alyu-ntToyZv7 zwingt mit der Wunsch . . .6OXoLvto 7pLv rOTr exrpwv, JV $0L4 V ?eLpy?a,SrTpLiVOL n0cpaMkYep0v vT6V' &x6vrwv 't7ivat (36 -39) zu der Folgerung: Die Danaiden empfinden eine tiefe Abneigung (&x6v-rwv!) gegenuiber dem von den Vettern erstrebten yok[o4und sehen in der Zielsetzung der Agypter eine i,XpG.Bezeich- nenderweise sind die Hiketiden von der Richtigkeit ihrer Beurteilung so sehr uberzeugt, daB sie die Zustimmung des Zeus (86ff.) erhoffen und mit der Be- strafung der i,Zpt der Vettern rechnen; Aischylos hat die AaLvoLoc bzw. UPppl der Agypter nicht weniger eindringlich vorgestellt als Ovid die des Tereus: Cr6&Cd et4pLV 8L4 | pT LOV, olv va'OL, I 7rUtLV L &4L6v yac4ov -re0 | ypeaV, 89UGapCxpO06xLOGt xxa aLavoLaV p.LXVO?LV X6vrpov `zcv ' (XTOV, a-_ TO 8' &r&ToCV (Supp. I04-III). VeTryVOUq Diese {'3ptgkann sich, wie aus V. 38 und 39 (ar zrpLt&VJ.voL ax6vroov) und gleichfalls folgt, grundsatzlich in jeder Form von Gewalt aufBern,d. h. sie beruht auf dem Prinzip, daB der Starkere dem Schwacheren seinen Willen aufzwingt. Mit Recht betont deshalb NESTLE1, daB nicht )>dasBegehren der Agypter an sich, sondern die Form, in der sie es durchzusetzen versuchen, die Form der Gewalt, Vergewaltigung<( Wesen ihres Handelns ausmache; denn das UPpplist nicht ))der Eros selbst, sondern seine Auswirkungen, etwa das was wir mit Vergewaltigung bezeichnen<(.Folgerichtig bestimmt die Antithese von Gewalt und Ohnmacht wahrend des ganzen Dramas das Verhaltnis der Danai- den zu den Freiern2. Der Konflikt wird deshalb erst dann beendet sein, wenn die Danaiden ihre Ablehnung (*x6vrtv 39) aufgeben und sich freiwillig (exoi5amL)zum yo&,o4bereit erklaren. Pelasgos macht den Herold auf diesen entscheidenden Kern des Konflikts aufmerksam (940f.): TOU SX0UaC4 0?SV XOC' ?UV0VhVCg~G)VV CyOtqXV, ereLp euGepf 0o'yo 7rLOL . Freilich geben sich die Agypter keinen Illusionen uber die Einstellung der Um- worbenen hin, sondern sie setzen sich im Gegenteil kraft ihrer Gewalt bewuBt tuberdie Einwilligung der Danaiden hinweg (86i -863): a' a' V vad vodx &aI P 1 W. NESTLE, Menschliche Existenz und politische Erziehung in der Trag6die des Aischylos, Stuttgart I934 (= Tub. Beitr. z. Altertumswiss. 23), I5. 2 Zum Eo-Motiv s. die Liste bei 0. HILTBRUNNER 38; die zentrale Bedeutung dieses Motivs hat sehr klar N. WECKLEIN in seiner Rez. von F. FOCKE, Aeschylus' Hiketiden (NGG, Philol.-hist. Kl. I922) hervorgehoben: #.>.. fehlt das Hauptmotiv, das des Zwan- ges. (PhW 43, I923, 505). Vgl. auch B. SNELL, Aischylos und das Handeln im Drama, Leipzig I928 (= Philol. SuppI. 20, I), 52.
  • 10. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I75 T&ax 6Xe0o4&Xe0q, -X La TCo?0x ypo5k. Der Hinweis auf die Not- wendigkeit des e9arr3 Xoyo4 (94I) bestatigt die schon in V. gf. festgelegte Bewertung: yc4Lov Alyu6t'ou TOCLacov &aepr 7' 0oco4tevou (8L&voLoxv).Selbst- verstandlich hat eine aLaXvoLao O&Garpeinen y4toq &ar5e zur Folge; die 'u'pp der Aygpter verletzt die &4uq (37). Wesentlich ist deshalb die Erkenntnis, daB die Danaiden zum Zeitpunkt der Besinnung auf das Leid der TIpLxC &?CXoZoqzugleich die Konsequenzen eines yckSot mit den S6hnen des Aigyptos klar vor Augen haben. Die Analogie zu Tereus und seinem y&Fo4 uaayvoq ist folglich unschwer erkennbar; das Verhalten der Agypter unterscheidet sich zumindest potentiell nicht von dem des Tereus und verdient insofern die gleiche Beurteilung, da jeweils dieselbe Handlungsweise zugrunde liegt. Diese Folgerung impliziert vor allem auch die der (v3pq der Agypter gewidmete Antistrophe r (IO4-III), deren Inhalt WILAMOWITZ seiner in Editio maior des Aischylos (Berlin I9I4) 339 durch Begriffe erklart, die dem Kenner der Tereus-Sage vertraut sind: #.. . cum re vera effloruerit in animis obstinatis {j3pts, et haec incitetur furore cupiditatis et ad scelera pelliciatur((. Der furor cupiditatis, den WILAMOWITz Agyptern nachsagt, kennzeichnet den in gleichem MaBe - wie am anschaulichsten Ovid darstellt - den Thraker Tereus, und auch die Auswirkungen der cupiditas sind jeweils gleich: scelera, zu denen sich die Agypter offenbar hinreiBen lassen, hat Tereus langst be- gangen; vgl. Ov. Met. 6, 473 (sceleris molimine), 578 (indicium sceleris), 539, 56i (facinuts),524 (ne/as), 474 (crimen). Alle diese Urteile treffen prinzipiell zugleich auch auf die x&p5xvoL (Supp. 9I4) aus Agypten zu, da die Charak- teristik des barbarus(Ov. Met. 6, 5I5 und 533) aus Thrakien bzw. seiner vis (vgl. 0. S. 172 Anm. 2) auf ihr Verhalten tibertragen werden kann. Denn Aischy- los verwendet analog dasselbe Kriterium wie Ovid (vitium Met. 6, 460); Danaos begreift die Einstellung und die Taten der Agypter wie seine T6chter im Sinne von & xN,uara, deren Bestrafung im Hades GewiBheit sei (Supp. 228- 23I). Auch Pelasgos und die Argiver erkennen die a&7axo arIo und 0oiptp- ,pam, zu denen die Agypter fahig sind; der entscheidende VolksbeschluB ,uVOT' xA05a a-r6?ovYuvlX^v (Supp. 943 f.) PLcz zielt auf den Kern der Auseinandersetzungen (,3acx - vis) ab und enthalt deshalb die eigentliche Begriindung der These des Pelasgos (xalt t6?XV v atmp'rv oJ3= CpX6oaoc cpevL 9I5) ebenso wie die Widerlegung der Selbstrechtfertigung der Agypter (rL 3' rxpytoxra. -wr6)v8' ipot &XY oSrp 9I6). Die Terminologie und Argumentation bei Aischylos stellt also sicher, daB fur die Bewertung der Agypter dieselben Grundsatze gelten wie fur das scelus (facinus, ne/as, crimen) des Tereus. Die Danaiden nehmen so bereits in der Parodos die Verurteilung vorweg, die Philomela bei Ovid Tereus gegenuiberpost facinus (Met. 6, 56i) - im Sinne von per vim sibi dedecus illud illatum (Met. 6, 6o8f.) - zu spat ausspricht. Wenn man auBerdembedenkt, daB Ovid Philomela getreu dem herkommlichen Motiv sich auf ihre virginitas (536) berufen laBt, wird zugleich verstandlich,
  • 11. I76 KARL AUGUST NEUHAUSEN warum die Danaiden als TopOvoL gerade bei Artemis ihre Zuflucht nehmen: ... 7rcOCVL.. 6a7veL &oypoZq O'Cayaoe6 &P'Avn A8 6a oc yeve'a& (Supp. I44 -I50, Text nach WILAMOWITZ). Da sie Schutz vor ihren Verfolgern suchen, ist ihre Bitte an Artemis nicht etwa als Beweis fur ihre angebliche angeborene Mannerfeindschaft (vgl. S. i683; I77; I83) zu werten, sondern als Konsequenz ihrer Einschatzung der U(3pL4 Agypter zu verstehen. Artemis als 'A.d"r, der vermag in der Tat den Danaiden als MBVTregdie Hilfe zu gewahrleisten, die Philomela als virgo nicht mehr erflehen konnte. Die Danaiden versuchen des- halb durch die Anrufung der Artemis lediglich zu erreichen, daB ihnen von seiten ihrer barbarischen Verwandten das erspart bleibt, was Tereus, der barbarus,seiner Verwandten zufuigte; ihre ausgepragteste Form findet dieses Bestreben SUPP. I030-I034: e7dmOL A &yv& aTO?ov OC tCOp?vo, L 8 V7' v&yx Kuvkpaxq atyL0v rXoL T63' cROV. o t oc ??koL Das unheilvolle 'Vorbild' des Tereus wirkt sich so bestimmend auf das Selbstverstandnis der Danaiden aus. AufschluBreich ftir das AusmaB des Krifteverhaltnisses zwischen den Sohnen des Aigyptos und den T6chtern des Danaos sind die Implikationen des Adjektivs xLpx'Xcx-oq(62). Dieses Ver- haltnis kann durch zwei grdBereTextzusammenhange naher erlautert werden: in a) Die Stelle Prom. 853ff. unterstutzt nicht nur die Lesart ocuToyevn V. 8 der Supp., sondern erhellt vor allem die Beziehung der Danaiden zu ihren Verfolgern, den Agyptern: 7repLT'nfl O'C7r (XU5 7rV YeVVO XOVTCL4 7XLv 7rp6q "Apyo4 ou ?U 'xo5a' XeV6'aeL 855 qpryouroc &XvG70opoO, auyyev! yOCLOv 7J0L O o ?T0,UV0 lp VOC4, 7ex?L(oVOUpaxpOv XLPXOL b LCLCULVOL, OV) yL06G O-%Z.VOVTre .POCCE11o) Motiv und Verlauf der Flucht der Tochter des Danaos finden demnach in der Prophezeiung des Prometheus eine sehr eindrucksvolle Veranschaulichung; Aischylos setzt die Agypter xLpxoL, Danaiden entsprechend ?xeLL gleich die und erzielt damit eine besondere Wirkung der bereits vertrauten Charakteristik der Hiketiden. Ubertragt man das von Prometheus gewahlte Bild auf Supp. 62, so ergibt sich von selbst, daB die Agypter ebenso wie Tereus als X6pXOLvor- gestellt werden und ihre Opfer somit als xtpx'XcXroLVogel, als Schwalben bzw. als Tauben. Auf diese Weise rucken die Agypter und Tereus, obwohl sich dessen Situation verschoben hat, in eine Linie; sie verbindet als ausschlag- gebende Gemeinsamkeit ein Prinzip, das durch den Vergleich mit den x'pxorL sinnvoll nachempfunden wird. b) Eine nicht weniger uberzeugende Bestatigung der bisherigen Interpre- tation enthalt innerhalb der Supp. der Passus 223-229:
  • 12. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I77 . .. Lv ayv LaZ6,O4 (t)4 7XrS?loc6&V 'L4ra?& XL,pXCVTWV 0pO77rep(O 06x 225 ez,pcv 6'LoxctLv [LcLVOV' yevoq. xOCa vOV OpVL,Oq OpVL4 7t&)4 av &yv .oL ypoycov; O a'Oav y,Ocv &xou6av &xovroc, TOpC &yvoc, y6VOLV av; Aischylos legt so in deln Supplices dem Verhaltnis zwischen Danaiden und Agyptern dasselbe Bild zugrunde wie im Prometheus; auch Danaos versteht die Lage seiner Tochter im Sinne einer Gegeniuberstellungvon 7xLa'Xer. und xLpxoL.Tereus und die Agypter erfillen also nach der Vorstellung des Danaos ebenso wie nach dem Empfinden der T6chter selbst die gleiche Funktion. Bedeutsam sind weitere ltbereinstimmungen zwischen Supp. 223 ff. und Prom. 853ff. Die Anktindigung o'U ixo03' Xeuar.T (Prom. 854) weist zumindest formal auf Supp. 227 (&xouaocv) 39 (&x6vTcov) bezeichnet auch inhalt- und und lich denselben Sachverhalt, da die entsclieidende Begriindung - peuyouam auyyzvn yakov Mv'.L&v - unmittelbar folgt. Gerade dieses Motiv tragt zugleich wesentlich dazu bei, die Hypothese einer angeborenen Mannerfeind- schaft derDanaiden zu widerlegen (vgl. S. i683 mit S. I76 und I83 bzw. i83'). Die Flucht der Hiketiden (s. yLu&you6ac) die Folge ihrer Abneigung gegentiber ist ganz bestimmten Mannern (s. auyycvn yckov &vLcveJLCv);der gesamte Satzteil - von peuyouJaobis OV?L4)L)V erklart den pragnanten Ausdruck yuiavopta - (Supp. 8). Andererseits deutet auch die Charakteristik der Agypter- pLUOVtLe o0 ppafoU4 ya.ou- darauf hin, daB ihre Zielsetzung der yGPoq - durchaus nicht jedes Mittel rechtfertigt; wenigstens die Form ihres Werbens (DIipeV?ew) - im Kern sogar die RechtmaBigkeit ihres Anspruches (oUr0p-aOCGL,ou y0pouq und E c'-o%teVOLcppvocq) - ist so im Prometheus wie in den Supplices (s. u.) in Frage gestellt. Dank der wirkungsvollen asyndeti- schen Junktur &xouaocvaxovTo4 7rapo wird in den Supplices sowohl die Ein- stellung des Danaos als auch die seiner Tochter voll verstandlich. "Axouacav bestatigt die Selbstdarstellung in V. 39 (&xOvtowv),wahrend "XOvTo0 McXpO nachtraglich die Funktion rechtfertigt, die die Danaiden in V. iiff. dem Vater zuschrieben. Aus diesem Grundekann man in der Verbindung 6axouaocv &xovToq 7&poc eine gelungene Zusammenfassung der schon aus den Anapasten der Parodos vertrauten Argumente erkennen. Ebenso verhalt es sich grundsatzlich mit den iibrigen charakteristischen Angaben. Das von Aischylos gewahlte Beispiel der Abhangigkeit der tsLr.XL4aeq von den xLpxoList in seinen Konsequenzen voll ausgesch6pft und laBt einige wesentliche Analogieschlulsse zu. Zunachst haben die Beziehungen zwischen den Danaiden und den Agyptern einerseits und zwischen Tereus und seiner zk?o?q andererseits das Verwandtschaftsverhaltnis (0Op07r1epCOv bzw. PocLa.tcov 224 f.) gemeinsam und werden jeweils in derselben Form vorgestellt; diese Form findet in der Gegentiberstellung Opvu,oqopvLq (226) ihre allgemeine Hermes 97,2 12
  • 13. I78 KARL AUGUST NEUHAUSEN Pragung. Den Danaiden droht so auch nach diesem Vergleich von ihren feind- lichen Verwandten dasselbe Schicksal wie den Opfern des Tereus und der xtpxoL. Dabei ist die Wirkung des Vergleiches drastisch erh6ht durch die Provokation einer bestimmten Vorstellung. (Iocycwv wird entscheidend vor- bereitet durch EXAPFv ... pLaLO'V'TCOV yevoq; uLOuvLvund cpaysZvkenn- zeichnen dasselbe Geschehen. Das Verhalten der xLpxorberuht demnach ein- deutig auf dem Prinzip der Gewalt. Allein dieses Prinzip wird auf die Bezie- hungen zwischen Danaiden und Agyptern - entsprechend yoqtCv axouaov XoV-o4Wpcx (227) -ibertragen. Abwegig ware es deshalb, wollte man ,uLo.v6vtovv y6vo4 von ypayov isolieren; denn auf diese Weise mtiBte eine Analogie zu VtatVO6V6'vov verbindlich anerkannt werden. Eine solche Inter- als pretation verbietet sich schon deshalb, weil die Heirat unter Verwandten weder in Griechenland noch in Agypten als pAaa galt, sondern sogar als natiirlich empfunden wurdel; im Einklang mit dieser Auffassung billigt Pelasgos den Agyptern gemaB der aytaTLeoc(Supp. 387-39I)2 prinzipiell ihr Recht zu. Sehr zutreffend folgert darum WECKLEIN a. 0. 429, daB der eigent- a. liche Grund des Vergleiches )#mita&xouav&aovtoq s&pocangegeben< sei, d. h., daB die Erbt6chter mnicht Sklavinnen herabgewtirdigt und nicht wider ihren zu Willen von dem nachsten Anverwandten zur Ehe gezwungen werden<sollen. Da also in dem Motiv der Gewalt und des Zwanges der Kern der Ausein- andersetzungen in den Hiketiden des Aischylos zu erkennen ist, werden auch die tibrigen Auswirkungen des Paradeigma Supp. 223 ff. voll verstandlich; die Leitworte p6fpo4 und Mayve'Lv setzen entscheidende Gemeinsamkeiten zwischen dem xLpxXaroq e6p04 und den Danaiden voraus. 4Io6roo (224) kennzeichnet die Einstellung der Danaiden wahrend der Parodos ebensosehr wie wahrend des ganzen Dramas; Angst ist die selbstverstandliche Folge des Zustandes, der die Danaiden mit der xLpx?Xao4oq TNpetcx&oXoZo und den xLpx?0c?oL treXex allgemein verbindet. Ebenso wesentlich fur die Schltissigkeit der Parallelisierung ist die Bewertung eines moglichen y4o'C zwischen Danaiden und Agyptem. Seit der Charakteristik der aL&voLoc &a6f3c der Aigyptos- sohne steht fest, daB die Danaiden einen y&[oq mit den Vettern als Gakr3p' verwerfen. Danaos unterstutzt diese Einschatzung ausdrticklich; die beiden Satze irsc av &yve6otcpoayLXv und 7r6q &v yoq.3v &xouGav axovroq 7t&p% &yvo6 yevoL' ocventhalten mit dem Anspruch auf allgemeine Anerkennung eimeindeutiges moralisches Kriterium, das auf der Ablehnung jeder Form von Gewalt beruht. Danaos bestatigt so, daB auf Grund des von den Agyptern verkbrperten Handlungsprinzips in einem mit Gewalt erzwungenen yo'4oq der Tatbestand eines y&'oq &vayvoqbzw. &Car5es als erfiillt zu betrachten ist. Folglich gilt fur den von dem :6a04 A.yu oyev- erstrebten yao' wieder- 1 Die richtige Begriundungschon bei C. KRUSE 14I f. Zur Sache vgl. besonders N. WECKLEIN, Studien zu den Hiketiden des Aeschylos, 2 SB Muinchen, Philos.-philol. u. hist. Cl. Jg. I893, Bd. 2, 424 und 429.
  • 14. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I79 um derselbe Grundsatz wie fuirdas scelus des Tereus; daB die Handlungsweise des Tereus, wenn man von Philokles absieht, Gemeingut darstellt, beweist die Qbereinstimmung der Terminologie (MavMyVo4impius) bei Aischylos und Ovid, der dem facinus des Tereus noch eine besondere Nuance beizugeben versteht (Met. 6, 473 f.: ipso scelerismolimine Tereus I credituressepius laudem- que a crimine sumit; vgl. 482: neque enim minus impius esset). Danaos gibt also den Tochtern recht, weninsie ihr Los wie in V. 57ff. mit den verhangnis- vollen Ereignissen um Tereus vergleichen. Die potentielle Gefahr eines yo4Fo avayvoc wird durch die Argumentation des Danaos auf jeden Fall noch deutlicher beschworen und fur die Danaiden selber immer bedrohlicher; das unheilvolle Beispiel des Tereus weist in eine bestimmte, auch von Danaos vorausgesehene Zukunft. Die Analogie der V. 223 ff. ist folglich ebenso klar wie die der Kernstelle V. 57ff., deren Verstandnis auch ohne die Hilfe eines OLCOV0t6?X0ogesichert ist. Nach der Bestatigung, die die oben vorgelegte Interpretation der V. Supp. 57ff. durch Prom. 853ff. und Supp. 223 ff. erfahren hat', ergibt sich bei einem konsequent durchgefuihrten Vergleich der beiden Sagenkreise eine letzte Gemeinsamkeit. Vom Schicksal des Sohnes der Tjpeta &C?XoZq (0uvrL'5ncn N 7toLgq ,u6pov65) heiBt es: 'iq aopro6ovwq C'4XV07tp64 XsLP6O eaV aUG- ucQTOpo4 -Ou <v (65-67). Der Akt der Gewalt fuihrtin allen Versionen x6qou der Tereussage zu einem Mord; die Ermordung des Knaben ist die charak- 1 Das Prinzip der Abhangigkeit und Verfolgung lkft sich natiurlich auch durch ahn- liche Beispiele veranschaulichen; bezeichnenderweise setzen auch alle uibrigen 'similes' (GARVIE64), die die Hiketiden wahlen, Supp. 57-72 sachlich voraus. Pelasgos gegen- uiber vergleichen sic sich mit dem vom Wolf verfolgten (?uxo&wx'Toq) Kalb: IL' [Le TaV LX6LM Vpuy&aOc 7?PL=pPOI1QV, I ?OUXOL)XTO0V C) 8X4LUXLV i4L 7r&Tp0CLI | W&ToL,q 'lV' &?xa 7tiauvO IL -U- I x? ?pp&CouaO POT-PrL [x&ou; (Supp.35o -353). I)ie Situation entspricht genau der Not der Danaiden; die einzelnen Begriffe sind lediglich Variationen derselben Lage. Pelasgos schwebt gleichf alls die von den Danaiden in der Parodos beschworene Analogie vor, wenn er ihnen zusichert: O5TOL 7tTePC0YV &p7tuyutz (a'> &xcaOaVV (5IO) - ein Bild, das in den Danaiden die Erinnerung an die Worte ihres Vaters (223f.) ebenso wie an das Los der xLpxmaToq Tp%tLaoiXoZo; wachruft und ihre Angst noch steigert, da sie die Apxot in ihrer Phantasie die Gestalt von ap&xovxwq annehmen lassen: ?X' eL apox6vTov &xtLLOMLV 8aqppovcov (5II). Verstandlicherweise werden die Verfolger deshalb in der h6chsten Stufe der Furcht als &pxXvot bzw. kXLMVOL empfunden (vgl. 886f. und 895f.). Sehr ahnlich schildert wiederum Ovid die Angst der von Tereus bedrohten Philomela (Met. 6, 527-530): Illa tremit, velut agna pavens, quae saucia cani ore excussa lupi nondum sibi tuta videtur; I utque columba suo madefactis sanguine plumis horyet adhuc, avidosque timet, quibus haeserat, ungues. Das Bild der furchtsamen columba ist vollig gleich dem der als 7rete?Laeq vorgestellten Danaiden; ein Raubvogel wie xLpxoi ist bei Ovid notwendigerweise vorausgesetzt. Ovid bestatigt folglich die Analogieschliisse, die die Vergleiche bei Aischylos gestatten; Philomela und die Danaiden werden als 7XetCBeq bzw. columbae verstanden, die ihren Verfolgern - Tereus und den Agyptern - wehrlos ausgeliefert sind. Das gleiche gilt im Prinzip auch fuir das von Ovid gewahlte Verhaltnis der agna zum lupus; agna entspricht 0oc'4axt (35I), und lupus ist sogar w6rtlich in XuxoaLcoxro;(ebenfalls 35I) enthalten. Die Schilderung Ovids erganzt somit sehr eindrucksvoll die einheitliche Selbstdarstellung der Danaiden. 12*
  • 15. i8o KARL AUGUST NEUHAUSEN teristische Folge der Freveltat des Tereus. Reduziert man diesen Vorgang auf das allgemeine Prinzip, das in der Angabe wXvro ebenso wie in Ci5-'ocp6vwq enthalten ist, so ist das tertium comparationis zur Danaidensage gesichert. Bereits in den Anapasten der Parodos (33-36) - also fast unmittelbar vor dem Tereus-Paradeigma - hatten die Hiketiden den Tod ihrer Verfolger einem yokpoq &ae43 eindeutig vorgezogen: ... XotLVTo. Dieser Wunsch weist in eine verhangnisvolle Richtung: OXOLVTo impliziert bereits die M6g- lichkeit eines gewaltsamen Untergangs der Agypter; offen bleibt lediglich noch die Form der Verwirklichung dieses radikalen Endzieles. DaB die Danaiden, obwohl sie keineswegs grundsatzlich als Amazonen verstanden werden diurfen (vgl. K. v. FRITZ S. I833), zu Extremen neigen, beweist schon innerhalb der und Parodos ihr EntschluB, den Selbstmord fur den Fall zu wahlen, daB ihre ?LvraxL nicht erhort werden; an die wiederholte Bitte aTzpppto (I74) agev& pxyoc [aupo, EUvocq &vapxv ? ?, ocya,uov &oc Cqtov expUyeV (I4 1I43 I5I -I53) schlieBt sich die scharf formulierte Drohung an: 8? p , . . . Znvx 'r6,v xL)6[XLTcV x60ac a6Uv%X(BoLq bavUo5ao, pL TUXo0UaL Opr(aOVaL4 k62V 'O?U?GLcV (I54-i6i). Diese Ankiindigung ist, wie die V. 455-467 be- weisen, sehr ernst gemeint. Nimmt man die Aussagen XOWLVTO und xp- (36) TIVcOLc avoi6at (I60) zusammen, wird auf jeden Fall verstandlich, wie es zu der schrecklichen Mordnacht kommen konnte, die Jo (Aesch. Prom. 859ff.) so drastisch geschildert hat; wer anderen offen und ernsthaft den Tod wiinschen kann und aus demselben Grund vor Selbstmord nicht zuruckschreckt, ist auch selbst zum Mord fahig. Der Zorn der Danaiden steht folglich dem X6TO5 der T-p%oc&o?xoZo (Supp. 67) bzw. der ira der Prokne bei Ovid' faktisch nicht nach; in beiden Fallen fiuhrt derselbe Vorgang zu denselben Reaktionen, d. h. zu Cpovot gemaB oc&pop6voq (Supp. 65) 2. Dabei entsprechen der Tat der Prokne bei Ovid3 bei Aischylos die Ausdriicke 4Xux6oV "Ap?L aupIv-rv vuxwT- ypoupnTcpaplc (Prom. 86of.), xTeZvat (866) und ~tLp6Vo0q (868) ebenso wie die biindige Aussage yuvw yo&p"v8p' `x1artov oCvo0 Gepe, I fah'xtoXrv ?v PcXaoc cypocymaLcyt iLcpo (862f.) 4. 1 Met. 6, 6o9f.: ... Ardet et iram non capit ipsa suam Procne; 623: ... tacitaque exaestuat ira; 627: . . . infractaque constitit ira. 2 Wollte man deshalb etwa die Zahlen i und 49 gegeneinander abwagen und infolge- dessen einen wesentlichen Unterschied geltend machen, wuirde man den Kern der Sache verfehlen; die Ermordung des 7rcxa (Supp. 65) beruht ebenso wie die der Agypter prinzi- piell auf nur einer Entscheidung. Vor allem das Verhalten der Hypermestra (s. u.) beweist, daB ihre Einstellung die ihrer 49 Schwestern voll aufwiegt. 3 Met. 6, 6I3 (... in omne nefas ego me ... paravi) - ein EntschluB, dem die Tat un- mittelbar folgt: . . . nec plura locuta I triste parat facinus (622 f.). 4 Noch wirkungsvoller ist die Schilderung bei Horaz: Quae velut nactae vitulos leaenae singulos eheu lacerant (c. 3, II, 41 f.); denn die verschiedenen Vergleiche aus dem Tierbe- reich, die das Verhaltnis des Tereus und der Agypter zu Prokne, Philomela und den Dana- iden betreffen, sind jetzt in genau umgekehrtem Sinne zu verstehen: Die Danaiden werden als reiBende Tiere vorgestellt, ihre Opfer sind ihre einstigen Verfolger.
  • 16. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I8I Diese konsequente Haltung der Danaiden muB bis zu einem gewissen Grade tiberraschen; denn im Gegensatz zu Tereus und den Agyptern werden sowohl die Danaiden als auch die beiden Schwestern - ganz im Sinne Hypermestras bei Aischylos (Prom. 868: 6wvoXxL)und bei Ovid' - als hilflose Geschopfe, zumindest als unkriegerisch und also Ares feindlich dargestellt2, wie ja auch besonders die zahlreichen Vergleiche zeigen, die ihre Furcht und Angst be- treffen. Im Segenslied auf Argos werden gerade Ares und seine verheerenden Schaden nachdrucklich abgewehrt (Supp. 637, 665, 682). Die Wuinsche der Danaiden sind eindeutig auf das abschreckendeBeispiel der Agypter abgestellt, die ja ein ausgepragtes martialisches Gebarenkennzeichnet. Diese Beobachtung ergibt sich nicht nur aus der einheitlichen Schilderung der izipcg und 3oc der Agypter wahrend des gesamten Dramas. Die Sorge der Danaiden (74I f.) ist mit Recht - vgl. z. B. WILAMOWITZ, Aisch. Int. I5 - als Hinweis auf fruihere Gewalttaten der Agypter verstanden worden; die Danaiden setzen die kriege- rische Haltung der Vettern als bestimmenden, unveranderlichen und allgemein anerkannten Charakterzug voraus (s. auch 750f.). Wesentlich fur die Gleich- setzung der Agypter und des Tereus muB es sein, daB gerade Tereus als Sohn des Ares galt (Belege bei ROSCHER v. T.). Abstammung und Verhalten des s. Tereus stimmen - so muB sich die Lage fur die Danaiden darstellen - vollig mit dem uiberein,was die Agypter entweder bereits getan haben oder durch- zusetzen drohen. Blickt man auf die nachgewiesenen grundsatzlichen Gemeinsamkeiten der Sagenkreise um Tereus und die Danaiden zuruick, erkennt man, daB dem Paradeigma des Tereus eine dramatische Funktion zuerkannt ist, die weit uiber die Parodos der Hiketiden hinausweist: Das Tereus-Modell beherrscht die Selbstvorstellung der Danaiden bis zur Katastrophe und nimmt so fur den Gesamtaufbau der Trilogie eine Schltisselstellung ein. Das Verhalten der Dana- iden vereinigt die charakteristischen Motive, die das Schicksal der Prokne und Philomela bestimmen; auf die Erfahrung des Leides der Philomela folgt die Reaktion im Sinne der Prokne. Da innerhalb des Vergleiches Supp. 57ff. die Handlungsweise des Tereus allein als Ursache der tragischen Entwicklung anzusehen ist, ist es logisch, wenn Aischylos sich auf die Erinnerung an Tereus beschrankt und auf andere Namen verzichtet. Im Rulckblickauf Tereus ist fur Femina sum et virgo, natura mitis et annis (Her. I4, 55); vgl. 56 und 65f.! 2 Die Sentenz yuv? VvveOta' oU8,v' oUx vea'r' "Ap- (Supp. 749) ist naturlich als Selbstaussage zu verstehen und gewinnt dadurch entscheidend an Wirkung, daB die sehr treffende Charakteristik der Agypter (749-5I) direkt gegenuibergestellt ist. Bezeichnender- weise ist die Selbstaussage der Danaiden von Sophokles in seinem Tereus (Fr. 524, I -3) sogar formal uibernommen worden; yuv-r ... oiu8av ist ersetzt durch 7 yuvocLxeLoc cpuaLq o'8a', und ZxcpL entspricht genau tovcoftTa'. Folglich trifft weder auf die Danaiden noch auf Prokne oder Philomela die Anschauung des Orest (Soph. El. 1243f.: .. . xciv yUvoLc'v ct "Ap |vearwv), sondern die der Elektra zu, die sich genau wie die Danaiden (Supp. I I49f.) auf Artemis als oduv &c.d-ro beruft (Soph. El. I239).
  • 17. I82 KARL AUGUST NEUHAUSEN die Danaiden ihr vergangenes, gegenwartiges und zukiinftiges Schicksal bei- spielhaft einbeschlossen. Dieses Ergebnis ermoglicht - unabhangig vom Selbstverstandnis der Danaiden - Einsichten in die tragischen Zusammenhange des aschyleischen Dramas. Denn die Einmultigkeit und Geschlossenheit, die die Einstellung der Hiketiden unter dem EinfluB des Tereus-Paradeigma kennzeichnet, ist letzten Endes durch das Verhalten der Hypermestra entscheidend zerstort worden: ,LVocv 7=od%v '4IZpoq % a? E 76 ty J XtLVaL vuvov, &?XX' CUvObrXuvUVn- CrToaL| y'v6[LY~ auOLV 8? aMT?pov 3OU?aL, j XXV?LV vacxXL pa&xov Vtocptvoq (Prom. 865 -868); die gleiche Haltung zeichnet wiederum Hyper- mestra bei Ovid aus'. Ihre Entscheidung enthalt eine grundsatzliche Kritik der Schwestern; die Ermordung der Agypter ist fur Hypermestra, wie auch die Reflexion bei Ovid beweist2, ein ne/as und so dem lacinus (bzw. scelus) der Prokne3 ebenso gleichzusetzen wie der von den Danaiden so scharf verurteilten Einstellung der Aigyptoss6hne (O& Xx&Mc); diese Gleichsetzung ist so auch formal durch die tVbereinstimmungder negativen Werturteile sichergestellt. Da Hypermestra die Einheit der Danaiden erst in der Mordnacht bricht, ist der Ausgangspunkt fur die entscheidende Frage gegeben: haben die Danaiden recht, wenn sie das Tereus-Modellso weit anwenden, wie es ihr Mord erkennen laBt, oder ist Hypermestra im Recht, die vor diesem Extrem zurtickschreckt? Die Beantwortung dieser Fragen setzt eine Prufung der Rechtsverhaltnisse des Tereus und der Agypter voraus. Tereus, ein verheirateter Mann, kann sich gegenuber der Schwester seiner Frau nur auf das Prinzip der Gewalt berufen. Gewaltsamkeit ist zwar auch das charakteristische Merkmal der Agypter; aber sie k6nnen sich auBerdem - wie bereits angedeutet4 - auf andere, uiber- zeugendere Argumente sttitzen , zumal da sie als Unverheiratete im Gegensatz 1 Vgl. den gesamten Brief Hypermestras an Lynkeus (Her. I4), besonders 49f. (Et timor et pietas crudelibus obstitit ausis, castaque mandatum dextra refugit opus) und 5f- (Quod manus extimuit iugulo demittereferrum, I sum rea); esse ream praestat quam sic placu- isse parenti (7) gibt sogar formal die Alternative bei Aischylos (Prom. 867 f.) wieder. 2 Hypermestra versteht ihr Verhalten, fir das sie eine harte Kerkerstrafe erleiden mul3 (Ov. Her. I4, 3ff. und Hor. C. 3, II, 46: ... quod viro clemens misero peperci), bewuBt als Gegensatz zu den facta nefanda (Ov. a. a. 0. I6) ihrer saevae sorores (15) bzw. ihres saevus pater (53): sie beruft sich auf pietas (49, 84, I29; pius: 4, I4, 64, I23) und wertet folgerichtig die grausame Ermordung der gerade vermahlten Agypter (nex: I2; caedes: 8, I9, 59; crudelis: 49) als crimen (2, 8o), scelus (6, 15; ebenso Hor. a. a. 0. 25 und Prop. 4, 7, 68) und nefas (I6: facta nefanda), da die der pietas genau entgegengesetzte Haltung (impius 26; ebenso Hor. a. a. 0. 30f.) zugrundeliegt. Nichts kann die kontraren Positionen besser beleuchten als das bittere Urteil: ... laudarer, si scelus ausa forem (6). 3 Aesch. Supp. 65-67 entspricht Ov. Met. 6, 60gff. 4 Vgl. S. I78 mit Anm. I und 2. Vor allem auch die Unschliussigkeit des Pelasgos von Beginn an (s. besonders Supp. 344) bis zur endgfiltigen Entscheidung zeigt, daB das Recht nicht so vbllig einseitig verteilt ist, wie die Danaiden wahrhaben wollen; s. auch GARVIE 212 ff. 5 Das gewalttatige Auftreten des Herolds (872ff.), durch das die Agypter wiederum
  • 18. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I83 zu Tereus prinzipiell ein Recht auf Werbung und damit auf den y4toq haben. Folglich ist das, was das Wesentliche der Tat des Tereus ausmacht, - objektiv betrachtet - nicht ohne weiteres dem von den Agyptern (wenn auch mit Gewalt) erstrebten Ziel gleichzusetzen; daB es schlieBlich zu einem wenigstens vertraglich gesicherten y&ciosgekommen ist, zeigt dann ja auch, wo selbst auf seiten der Agypter die Grenzen der Gewaltsamkeit liegen. Diese Unterschiede werden von den Danaiden ganzlich ignoriert oder verworfen. In ihrer Vorstel- lung ist fur die Beurteilung der Agypter allein die Verhaltensweise maBgebend, die durch das Tereus-Paradeigma verdeutlicht wird. Diese Einseitigkeit birgt, obgleich sie subjektiv wohl verstandlich ist, eine groBe Gefahr. Zwar ist es verfehlt, von einem angeborenen MannerhaBder Danaiden zu sprechen (vgl. S. i683; 176; I77); die eindringlicheMahnung des Danaos an seine T6chter, ihm in der fremden Stadt keine Schande zu machen (Supp. 996-IOO9), hat nur Sinn unter der Voraussetzung, daB die Danaiden eines solchen vou-&&ruoc auch wirklich bediirfen und deshalb keineswegs prinzipiell mannerfeindlich einge- stellt sind . AuBerdemsind die Danaiden, wie mit Sicherheit anzunehmen ist 2, nach der Ermordung der Agypter entsuhnt und doch noch verheiratet worden. Aber bevor es zu diesem vers6hnlichen Ende der Tragodie - ahnlich wie in der Orestie - kommen konnte, muBten die Danaiden verschiedene Lehren hin- nehmen. Innerhalb des Hiketidendramas weisen nicht nur Pelasgos3, sondern vor allem auch die Dienerinnen auf die Bedeutung des y4toq hin. Sie erinnern an die Erfahrungen in der Vergangenheit - ptr& 7roUCv a yo'pwv ae rsu-rc I -itpo-rp0V yevo 1tX0L xiv (Supp. -050f.) und empfehlen deshalb sogar den von den Danaiden nochmals mit Nachdruck verschmahten y4uo4 AMyu7nto- yevs (Io52f.) als die beste Losung des Problems: ro ~e,V a v u -otov Zso L (I054). Dieser Rat wird sehr wirkungsvoll untersttitzt durch den Preis der Hera fast gleichgestellten Aphrodite und ihres Gefolges (Supp. I034-I042); von vornherein ins Unrecht gesetzt werden, darf nicht daruiber hinwegtauschen, daB3 wenigstens vom Standpunkt des menschlichen Rechts (vgl. v64)t n6X6co und xocc'rv6opou4 TOUqO'LxO?v Supp. 388 -390) ein Besitzrecht der Agypter iuber die Danaiden vorliegt (s. dazu KAUFMANN-BtHLER 45 f.). Fur freundliche Hinweise danke ich H. DILLER. 1 Ein weitverbreitetes, folgenschweres Vorurteil enthalt das Referat von W. KRAUS, Ai- schylos: Die Schutzsuchenden, Frankfurt/M. I948, 152: ))Wie kommt der Vater, so hat man sich gefragt, der doch das grundsatzlich sprode Wesen dieser Jungfrauen kennt, zu so un- angebrachten Mahnungen ? . Die durch das Verhalten der Agypter bestimmte Einstellung der Danaiden darf man nicht im Sinne einer Typologie deuten; eine solche Betrachtungs- weise wird der Kom6die des Hellenismus gerechter als der Tragodie des Aischylos. Die Danaiden stellen nicht einen 'Typ' dar wie etwa die Amazonen, sondern entwickeln ihren Charakter von ihrer puE,xvoptoc (Supp. 8 im Sinne von Prom. 855 f.) bis zu ihrer von Aphrodite selbst vorbereiteten Wiedervermahlung (s. u.). 2 Vgl. neben K. v. FRITZ (passim) auch A. LESKY, Die griechische Tragodie, Stuttgart I9643, 98, und Geschichte der griechischen Literatur, Bern-Muinchen i9632, 282. 3 Vgl. SuPP. 338: olftivoq tv oU'Zo5(txov au%?l pporoZl.
  • 19. I84 KARL AUGUST NEUHAUSEN der Hinweis auf die Sphare der gbttlichen Ordnungen muB sich entscheidend auf die Beurteilung der Danaiden auswirken. Ganz im Dienste der eindring- lichen Mahnungendes SchluBteilesder Supplices steht das Satyrspiel Amymone, in dem - wie K. v. FRITZ einleuchtend entwickelt hat (igif.) - das tragische Geschehen der Trilogie 'komisch variiert' wird. Die tiefe Abneigung der Amy- mone gegenilber dem zudringlichen Satyrn, der ihr Gewalt antun will, ent- spricht genau der durch das Tereus-Modell bestimmten Einschatzung der Agypter seitens der Danaiden. Die Losung des Konfliktes im Satyrspiel ge- wahrleistet das Verhalten Poseidons, das sich grundsatzlich von dem des Satyrn, des Tereus und der Agypter unterscheidet; Poseidon richtet sich nach dem Gesetz Aphrodites - Supp. I038- IO40: tu2oc&XOLVoL yp&SOC Z atocpi 7CapevV j fl|o&Oq Out'0?rV onapVoV | T r, HseoL 6XXTOPL - und handelt folglich so, wie Pelasgos es von den Agyptern vergeblich fordert (Supp. 940f.: . . e. 7rsp rLOL X6yoq); auf der anderenSeite ist genau die m Haltung vorausgesetzt, die Hypermestra kennzeichnet (Prom. 865: ... 4?upog $gi?L). Da also - ganz im Sinne von Supp. 940f. (..x. Ouaq . . . xT R)VOLOCV qppCVWV &yoL4 av) -7cet&X und 'tsUppo; bzw. 7r6o'? den Erfolg der Werbung sichern1, kann Poseidon dem Satyrn (Fr. I5 N.: &pcu6xOV aBo&oc) xv seine Bestimmung ebenso zuweisen wie Amymone, der Tochter des Danaos: cOL ,U?V yapezaG= [lop6LV, yoqizZv [to' (Fr. I3 N.). 8' Gerade dieses Gebot konnen die Danaiden, obwohl ihre Natur #>im Grunde eine weibliche, dem E'pcog offen stehende, zur Ehe bestimmte ist(( (K. v. FRITZ I9I), infolge ihrer einseitigen Bewertung des Anspruches der Agypter nicht mehr anerkennen und haben so die Warnung ihres Vaters (Supp. 996ff.), die einer tibertriebenen Huldigung an Aphrodite galt, ins gerade Gegenteil ver- kehrt2. lhre extreme Haltung geht so weit, daB sie sich nicht mehr umstimmen lassen: ru 's$&?XyOLq &k)?X-Tov "v (Io5). Diese radikaleEinstellungschliel3t die M6glichkeit einer maBvollen Besinnung aus; die Pflicht, die Grenzen des von den Danaiden geltend gemachten Rechtes zu bedenken, bleibt den Diene- rinnen vorbehalten; ,te'rpLovvi3v?`Co e'Uxou (I059) weist in dieselbe Richtung wie -a' kCov p.iv &yok4v (Io6I). ))Den Gottern gegentiber das MaB nicht zu verlieren, d. h. keiner Gottheit die ihr gebuihrendeAnerkennung zu ver- 1 Bemerkenswerterweise entsprechen Jd&OL (Supp. 941) und ll19oZ (IO40), ?>XxOpL (I040) und 9XArL (Prom. 865), 'Wepoq (Prom. 865), ll64*oq (Supp. I039) und xar' rSuvotocv cpPv7w (940) einander inhaltlich und formal. 2 Ausgenommcn bleibt natuirlich Hypermestra, deren positive Einstellung zum yasuoq sie wenigstens zu diesem Zeitpunkt von den uibrigen Danaostochtern unterscheidet: Una de multis face nuptiali digna . . . (Hor. a. a. 0. 33 f.); sie ist so der sprbden Lyde, die an die von Poseidon umworbene Amymone im Satyrspiel der Danaidentrilogie erinnert, ebenso wie ihren Sohwestern als Koatrastfigur gegenubergestellt. Zur Entlastung der Danaiden tragt der Umstand bei, daB ihrer Einstellung zu den Agyptern offenbar das fehlt, was das Leitwort Venus bei Horaz (50) fur Hypermestra beweist; diesen RuckschluB erlaubt auch Supp. 337: '4q a' &v(90,05a' 6VOLTO T06o XEXrWLVOVu;
  • 20. Tereus und die Danaiden bei Aischylos I85 sagen#< (KRAUS 153), ist zweifellos das, was Aischylos als Tragiker lehren will. Im konkreten Sinne besteht die Verletzung der gottlichen Ordnungen darin, daB die Danaiden sich entgegen der Mahnung Supp. I034ff. gegen Hera und Aphrodite auflehnen; die )>Verletzung ihrer zarten Weiblichkeit durch die rohe Art ... der Aigyptoss6hne hat sie herausgeworfenaus der natuirlichenOrdnung des Weiblichen ... <(und sie ))mit Abscheu erftillt gegen jede Ehe und gegen jede Verbindung mit dem Mann# (K. v. FRITZ I83 bzw. I85). Der Preis des ep&o als kosmisches Gesetz in dem bertihmten Aphroditefragment (44 N.) dient ganz der Wiederherstellung der gbttlichen Ordnungen, wie sie durch die Wiedervermahlung der Danaiden sichtbar zum Ausdruck kommt. Die Schuld der Danaiden liegt folglich nicht so sehr darin, daB sie das Tereus-Modellauf ihr Verhaltnis zu den Agyptern iibertragen; dieses Verfahren ist vielmehr vom subjektiven Standpunkt aus sehr einleuchtend und auch objektiv insofernzulassig,als die vpq und &a'PeLao der Agypter tatsachlich auf ihrer Gewaltsamkeit beruht1, also auf das Verhalten zurtickzuftihrenist, das die Agypter vor allem mit Tereus gemeinsam haben. Die Grenzen des Tereus-Paradeigma offenbaren sich erst, wenn man das AusmaB des An- spruches, den die Danaiden ableiten, in Rechnung stellt. MaBlosigkeitbestimmt ihr Verhalten von ihrer ))wehleidigenSelbstschilderung<# (KRAUSI24) in der Parodos bis zu ihrer starren Ablehnung einer versohnlicheren, einsichtsvolleren Haltung, die den Mord hatte verhindern k6nnen. Gerade jene pathetische Form der Klagen, die dem Leid der Philomela und Prokne bei Ovid in jeder Weise angemessen erscheint, gibt zwar ebenso treffend auch das subjektive Empfinden der Danaiden bei Aischylos wieder. Da sie aber faktisch den wesent- lichen Unterschied zwischen Tereus und den Agyptern auBer acht lassen, ihren Rechtsanspruch so extrem ubersteigern und infolgedessen schlieBlich gegen ein gottliches Gebot verstoBen, kann gleichzeitig die objektive Berechtigung des Tereus-Modellsnicht mehr voll anerkannt werden; selbst wenn die Agypter auf Grund ihres Tereus so sehr verwandten Charaktersden Tod verdient haben sollten, trifft die Danaiden eine ebenso groBe Schuld, da ihre Mordtat derselben Verurteilung sicher ist 2. Mit Notwendigkeit - ahnlich wie in anderen Dramen des Aischylos3 - ftihrt das Selbstverstandnis der Danaiden zum tragischen 1 Zu diesem Ergebnis gelangt auch KAUFMANN-BtHLER vom Dike-Problem (47-49) her; den dort ausgewerteten Stellen sind vor allem Supp. 104 ff. und 749 -751 hinzuzufuigen (vgl. auch K. v. FRITZ i87f.). In der Tat besteht die objektive Schuld der Agypter darin, daB sie ihren menschlichen Rechtsanspruch dem gottlichen Recht nicht unterordnen, sondern dieses bewuBt verletzen. 2 DaB die Freveltat der Danaiden obj ektiv nicht gunstiger bewertet werden kann als das Verhalten der Agypter, gibt auch Hypermestra bei Ovid zu verstehen: finge viros meruisse moyi: quidfecimus ipsae? (Her. I4, 63); im selben Sinne GARVIE213 -5. 3 *Notwendigkeit und Frevel zugleich ( (A. LESKY, Die griech. Trag...., III) war auch der Muttermord des Orest. Allerdings kann sich Orest auf einen g6ttlichen - Apollons - Befehl berufen, die Danaiden nicht; auf3erdem kennzeichnet Orest vor allem im Gegensatz
  • 21. I86 KARL AUGUST NEUHAUSEN, Tereus und die Danaiden bei Aischylos Verhangnis; der Gattenmord ist die letzte Konsequenz, die die Berufung auf die Tlpeaod&oxoy impliziert. So kommt dem Tereus-Paradeigmaeine doppelte Funktion zu; es tragt wesentlich bei zum Verstandnis der subjektiven Vor- stellungen der Danaiden, die ihr Handeln bis zum frevelhaften Freiermord bestimmen, und laBt so zugleich objektiv jene Grenzen erkennen, deren Ver- letzung zwangslaufig schwere Schuld nach sich zieht. Bedenkt man, daB sich das Leitbild des Tereus von der Parodos der Supplices an auf die gesamte Tetralogie auswirkt, wird eine kuinstlerische Gestaltung sichtbar, die nicht geringer einzuschatzen ist als die Entwicklung bestimmender Motive in den ubrigen erhaltenen Dramen des Aischylos . Bonn KARL AUGUST NEUHAUSEN zu allen anderen Gestalten der aschyleischen Trag6die die Erkenntnis der beiden kontraren Rechtsspharen (vgl. Cho. 46I) und die Einsicht in die Widerrechtlichkeit seiner eigenen Tat. DaB *dieselbe Tat Notwendigkeit ... und zur selben Zeit doch schwerste Schuld e (A. LES- KY, Gesch. d. griech. Lit...., 277) bedeuten kann, zeigen auch die tragischen Voraus- setzungen, die zum Brudermord in den Septem fuhren. Der Hauptvorwurf, den Eteokles gegen Polyneikes richtet, ist derselbe, den die Danaiden gegen die Agypter erheben: Asebie und Hybris (vgl. KAUFMANN-BtHLER 52). Eteokles hat - wie die Danaiden - insofern recht, als Polyneikes - wie die Agypter (und auch wie Agamemnon und Klytaimnestra) - gegen g6ttliches Recht verstoBt. Wenn H. DILLER(im Hinblick auf die nachgewiesene entscheidende Tatsache, daB sich die Danaiden auf Grund ihrer Gleichsetzung der Ver- haltensweisen des Tereus und der Agypter fuirberechtigt halten, ihre Vettern umzubringen) - brieflich - bemerkt, daB )#indem guten Gewissen, in dem der Mensch an seine Taten herangeht, der tragische Irrtum liegt#, so rechtfertigt diese Bestatigung der vorgelegten Interpretationen zugleich den Versuch, die Kerngedanken der Danaidentrilogie in grol3erem Maf3e, als es die Friuhdatierung zulassen konnte, mit den Leitmotiven der ubrigen Trag6dien zu vergleichen (s. auch S. i861). Eine solche systematische Betrachtungsweise wuirde sicherlich - ganz im Sinne von W. NESTLE (Gnomon Io, I934, 4II) ebenso wie von A. LESKY (Gesch. d. gr. Lit., 272; Die gr. Trag., 86) - wenigstens zeigen lassen, daB den Motivationen in den Supplices keine 'archaische Komposition' zugrunde liegt, und so zu- gleich einiges zu den grundlegend neuen Erkenntnissen beitragen helfen, die seit der Publikation des Ox. Pap. 20 (I952), 2256, fr. 3 und dem bahnbrechenden Aufsatz von A. LESKY (Hermes 82, 1954, I -I 3; vgl. Die tragische Dichtung der Hellenen, G6ttingen 2I964, 59-7I, 230) im Hinblick auf die Tragodie des Aischylos und die attische Trag6die uberhaupt gewonnen worden sind (s. auch H. LLOYD-JONEs, Ant. Class. 33, I964, 356- 374, und A. F. GARVIE 88-I40). 1 Eine vergleichende Untersuchung der Parodoi laBt deshalb wichtige Aufschltlsse hin- sichtlich der dramatischen Kunst des Aischylos erwarten. Da das Tereus-Modell die wesent- lichen Motive der Parodos der Supplices enthalt, ist zugleich die Beantwortung der grund- legenden Frage, welche Funktion die Parodos innerhalb des Hiketidendramas erfuillt, entscheidend vorbereitet. Wer mit GARVIE (123) zu dem Ergebnis gelangt )>Aeschylus ... seems to have tried in various ways to integrate his prologues in the dramatic structure of his plays((, kann sich gerade auf Supp. 57-72 berufen, da dieser Vergleich nicht nur in das Drama integriert ist, sondern als einziger alle Formen der Selbstdarstellung der Danaiden erklart und deshalb nicht etwa als Exkurs aus dem Gesamtzusammenhang gelost werden darf.