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Vorgelegt von: Roland Bruggmann, Maturand Kurs 35
Eingereicht bei: Peter Kehrli, Betreuer und Lehrperson im Fach Deutsch
Datum: Oktober 2004
Maturit¨atsschule f¨ur Erwachsene MSE, Reussb¨uhl
Sprechen als Handeln
Analyse eines Gespr¨achs unter Gesichtspunkten der Pragmatik
Maturaarbeit in Linguistik
Versionen
Version Datum Status Bemerkungen
1.0 Oktober 2004 Reinfassung
2.0 Dezember 2016 Neuauflage Satz mit LATEX
Geschrieben steht: ”Im Anfang war das Wort!”
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unm¨oglich sch¨atzen,
Ich muss es anders ¨ubersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht ¨ubereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Goethe, Faust I: 1224 bis 1237
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik i
Vorwort
Was geschieht bei einem Gespr¨ach? Ist ein Gespr¨ach bloss Ausdruck von Gedachtem, das artikuliert
wird? Ist Sprechen nur Informationsaustausch? Bereits nach kurzem reflektieren zeigte sich mir die
naheliegende Folgerung: Sprechen ist mehr.
Die Frage, was Sprechen sein kann, f¨uhrte mich zur Pragmalinguistik. Dort fand ich eine n¨uchterne,
intellektuelle Antwort und Rechtfertigung auf die rural anmutende, mit Vorw¨urfen der Unprodukti-
vit¨at durch verbale Aktivit¨at behaftete Aufforderung ”Taten statt Worte!”: Die gesprochene Sprache
ist eine M¨oglichkeit, unserem Wesen Ausdruck zu verleihen und tr¨agt zur Ver¨anderung und Pr¨a-
gung unserer Umwelt bei – Sprechen als sozialer Akt ist Handeln. Dabei ist die Unmittelbarkeit
des Sprechens f¨ur die Gestaltung unseres Alltags weder wegzudenken noch durch eine Alternative
zu ersetzen. Dem Sprechen kommt f¨ur das Mensch-Sein deshalb eine relevante Rolle zu – auch in
einer von elektronischen Medien gepr¨agten Epoche.
An dieser Stelle m¨ochte ich mich bei Herrn Peter Kehrli f¨ur seine Betreuerarbeit bedanken. Ein
weiterer Dank geht an Jonas St¨ockli f¨ur das Liefern der am Institut f¨ur Germanistik der Universit¨at
Bern bestellten Unterlagen sowie an L´eonie Gr¨uter f¨ur das Korrekturlesen.
Das Manuskript wurde nach Richtlinien der neuen Deutschen Rechtschreibung und unter Ber¨uck-
sichtigung der sprachlichen Gleichberechtigung verfasst.
Luzern, im Oktober 2004
Roland Bruggmann
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik ii
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1. Thema und Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2. Korpus und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.3. Quellen und ihre Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
2. Grundlagen 3
2.1. Die vier Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2.2. Proposition und Illokution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2.2.1. Propositionaler Akt: Referenz und Pr¨adikation . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.2.2. Die illokution¨aren Rollen der ¨Ausserungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.3. Typisierung der Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
3. Bemerkungen zur Analyse 7
3.1. Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.1.1. Herkunft und formaler Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.1.2. Wahl des Gespr¨achausschnittes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.2. Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3.2.1. Vereinfachung des Transkripts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3.2.2. Bestimmung der Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
4. Resultate¨ubersicht 9
4.1. Die Gespr¨achssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
4.2. Vereinfachung des Transkriptes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
4.3. Die Analyse des Gespr¨achs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
5. Zusammenfassung 13
Literaturverzeichnis 14
Tabellenverzeichnis 14
A. Materialien 16
A.1. Dokumentation der Interaktion FR030 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik iii
1. Einleitung
1.1. Thema und Ziel
Die Pragmalinguistik ist Teil der Soziolinguistik und befasst sich mit der Beziehung zwischen Zei-
chen und Zeichenben¨utzerIn. Wie der Titel zeigt, wird nur ein Teil der uns zur Verf¨ugung stehenden
Zeichen fokussiert: die gesprochene Sprache, das Sprechen. Was aber bedeutet Handeln? Wilpert
[Wil01, S. 325] umschreibt den Begriff der Handlung kurz als ”Umsetzung innerseelischer Willen-
s¨ausserungen in die Tat”. Skirbekk und Gilje [SG87, S. 135] bezieht sich auf den aristotelischen
Begriff der Handlung als ”ein soziales Ph¨anomen, [das] eine Person mit Intentionen1
[voraussetzt],
also jemanden, der sich auf die eine oder andere Weise dessen bewusst ist, was er tut.”Der Hand-
lungsbegriff ist also charakterisiert durch das Vorhandensein einer Person, ihrer Intention und ihrer
Tat. Zwischen den zwei Begriffen steht verbindend die Konjunktion ’als’, welche zusammen mit
dem Wort ’Handeln’ eine Konjunktionalgruppe bildet und als Satzteilkonjunktion zum Ausdruck
eines Vergleichs verwendet wird: Es soll Aspekte von Sprechen geben, die der Bedeutung von Han-
deln gleich kommen. Es ist das bewusste Gestalten der Umwelt durch Personen, welches beide
Begriffe als Grundgehalt gemeinsam haben und in der Pragmalinguistik thematisiert wird.
Unser soziales Umfeld k¨onnen wir also durch Kommunikation gestalten. Mit dieser Arbeit will ich
das Sprechen als regelgeleitete Form des Verhaltens zum vollziehen von Sprechhandlungen nach
J. R. Searle genauer kennen lernen. Die leitende Frage dabei soll sein: Wie werden Sprechakte
vollzogen?
1.2. Korpus und Methoden
Als Gegenstand der Untersuchung w¨ahlte ich aus dem Freiburger Korpus eine Diskussion zum
Thema Ehe. Neben einem Gespr¨ach w¨are als Korpus auch ein Dialog in Frage gekommen, also eine
fiktive literarische Form des Gespr¨achs. Ich bevorzugte aber eine wirklich gef¨uhrte Unterredung, da
ich mir durch die Authentizit¨at praktikablere Resultate versprach – die Metaebene“Sprechhandlung
des Autors/ der Autorin zur Leserschaft“ bleibt aussen vor. Die Suche nach Transkripten zeigte
sich als relativ schwierig. In der Datenbank des Spracharchivs des Institutes f¨ur Deutsche Sprache
(IDS-DSAv) in Mannheim wurde ich jedoch f¨undig (siehe [IDS03]).
Zur Analyse der Diskussion kommt die Sprechakttheorie von John R. Searle zur Anwendung. Der
Ablauf der einzelnen Analyseschritte und die Vereinfachung des Transkriptes folgt einer Vorlage
von K. Ehlich.
1
Intention, die; -, -en <lat.>: Absicht, Vorhaben, Anspannung geistiger Kr¨afte auf ein bestimmtes Ziel.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 1
1.3. Quellen und ihre Inhalte
Zum Einlesen in die Thematik dienten mir die B¨ande 1 und 2 ’Grundbegriffe der Sprachwissen-
schaft’ von Andrea Grigoleit und Jilline Bornand (siehe [GB03a] und [GB03b]) sowie das ’Studien-
buch Linguistik’ von Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (siehe [LNR96]).
Diese Unterlagen erwiesen sich als ¨ubersichtlich und waren hilfreich bei der Wahl der Analyseme-
thoden. Neben den ’Untersuchungen zur Sprechakttheorie’ von John R. Searle diente auch sein
sprachphilosophischer Essay ’Sprechakte’ als Grundlage f¨ur die Arbeit (siehe [Sea69] und [Sea79]).
Zur Kl¨arung von sprachwissenschaftlichen Begriffen diente mir Ludger Hoffmanns ’Sprachwissen-
schaft, ein Reader’. Dort fand ich auch Anleitungen zur Sprechhandlungsanalyse von K. Ehlich
(siehe [Ehl84]). In ’Pragmatik der deutschen Sprache’ von Klaus R. Wagner ist ein ¨ubersichtliches
Lexikon der illokutiven Typen enthalten, das ich f¨ur die Zuteilung der Sprechakte zu Hilfe nahm
(siehe [Wag01]). Auch die Klassen der illokutiven Typen sind ausf¨uhrlich beschrieben.
Im folgenden Literaturteil zur Gespr¨achsanalyse werden die ben¨otigten Grundlagen erl¨autert. Darin
gehe ich vor allem auf die Theorien John R. Searles ein. Die Bemerkungen zur Analyse beinhalten
begleitende Informationen zum Korpus, den Methoden und der Vorgehensweise bei der Analyse.
In der Resultate¨ubersicht werden die Ergebnisse zusammengestellt und interpretiert. Mit der Zu-
sammenfassung werden anschliessend die Relevanten Aussagen ¨uber Resultate und Methoden der
Analyse zusammengestellt.
Wie sich herausstellte, k¨onnen mit Searles Theorie zwar Sprechakte bestimmt und einige Strukturen
der Kommunikation beleuchtet werden. Gespr¨ache sind jedoch komplexe Vernetzungen, denen die
Sprechakttheorie nicht in gen¨ugendem Masse zur Analyse gereicht.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 2
2. Grundlagen
2.1. Die vier Sprechakte
Das Ziel der Analyse ist es, die Bedeutung der ¨Ausserungen zu ergr¨unden. Die Methode dazu
entwickelte John R. Searle, der nach Grigoleit und Bornand [GB03b, S. 46] als eigentlicher Be-
gr¨under der Sprechakttheorie gilt. Zur Analyse des Gespr¨achs nach Searles Methode werden die
¨Ausserungen der SprecherInnen aufgeschl¨usselt in vier Sprechakte: Der ¨Ausserungsakt (der loku-
tion¨are Akt), der propositionale Akt, der illokution¨are Akt und der perlokution¨are Akt. Folgende
Beschreibung der Teilakte st¨utzt sich auf Grigoleit und Bornand [GB03b, 46f]:
Lokution Der lokution¨are Akt ist der physische Aspekt des Sprechens: Das Luftholen, das Schwin-
gen der Stimmb¨ander, die Bewegung der Zunge und der Lippen. Auch das Ben¨utzen des
Zeichensystems ’Deutsche Sprache’ geh¨ort dazu.
Proposition Die Aussage einer Person wird propositionaler Akt genannt: Der/die SprecherIn
nimmt mit der ¨Ausserung Bezug zur Umwelt und macht eine bestimmte Aussage dar¨uber.
Die charakteristische Eigenschaft einer Proposition: Die Aussage kann wahr oder falsch sein.
Illokution Die Funktion der ¨Ausserung wird Illokution genannt. Mit dem illokution¨aren Akt ver¨aus-
sert eine sprechende Person, was sie mit der Aussage beabsichtigt. Hier wird unterschieden,
ob die Illokution gl¨uckt oder nicht: Wird die Absicht von der angesprochenen Person erkannt,
ist der illokution¨are Akt gegl¨uckt.
Perlokution Erzielt die sprechenden Person bei der angesprochenen Person eine Reaktion im
Sinne ihrer Absicht, so ist die Perlokution erfolgreich. Hier entscheidet also die Wirkung
im Bezug zur Absicht dar¨uber, ob der perlokution¨are Akt erfolgreich oder nicht erfolgreich
verlief.
2.2. Proposition und Illokution
Nach Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 188] geh¨ort f¨ur Searle ”die Illokution einer ¨Ausserung
mit zu ihrer Bedeutung, neben dem propositionalen Gehalt”. F¨ur die Sprechakttheorie steht deshalb
die Illokution im Zentrum des Interesses.
Nach Searle [Sea69, S. 42] sind propositionale und illokution¨are Akte eng mit bestimmten Arten
von Ausdr¨ucken verbunden. Der propositionale Akt wird durch Teile von S¨atzen, der illokution¨are
Akt durch die grammatische Form des vollst¨andigen Satzes angezeigt.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 3
2.2.1. Propositionaler Akt: Referenz und Pr¨adikation
Nach Searle [Sea69, S. 39] verweist der/die SprecherIn bei jeder ¨Ausserung mit einer Referenz auf
ein bestimmtes Objekt, und das Objekt wird pr¨adiziert.
Referenz
Searle [Sea69, S. 44] bezeichnet ”jede[n] Ausdruck, der dazu dient, ein ’Objekt’ [. . . ] als abgesondert
von anderen Objekten herauszugreifen und zu identifizieren”als hinweisenden Ausdruck. Dieser wird
als Referenz von einer sprechenden Person verwendet, um auf etwas hinzuwiesen. Searle [Sea69,
46f] betont, dass Referenz ein Sprechakt ist. Verwendet werden Eigennamen, Nominalausdr¨ucke
und Pronomina (ebda.).
Pr¨adikation
Die charakteristische Form der Pr¨adikation bilden nach Searles Ausf¨uhrungen grammatische Pr¨a-
dikate (vgl. [Sea69, S. 42]). Sie sind auf das Subjekt oder Objekt bezogene Teile der Satzaussage.
Dabei werden nach Searle [Sea69, S. 44] auch die Flexionsformen eines normalen pr¨adikativen
Ausdrucks verwendet – in Abgrenzung zum traditionellen philosophischen Begriff der Pr¨adikation,
die nur in Behauptungen vorkommen kann. Damit schliesst er neben behaupten eine Vielfalt von
Sprechakten mit ein.
2.2.2. Die illokution¨aren Rollen der ¨Ausserungen
Die kommunikative Funktion einer ¨Ausserung ist sprachlichen Ausdr¨ucken nicht fest zugeordnet,
wie Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 190] betont. Erst im Kontext wird klar, welche Illokution
mit einer ¨Ausserung ausgedr¨uckt wird. Searle [Sea69, 49f] bezeichnet u.a. Intonation, den Modus
des Verbs und die performativen Verben als Indikatoren daf¨ur, wie die Proposition aufzufassen
ist bzw. welche illokution¨are Rolle der ¨Ausserung zukommt. Linke, Nussbaumer und R. [LNR96,
191f] z¨ahlt weiter Partikeln wie ’bitte, hoffentlich, gef¨alligst’ etc. und paraverbale Faktoren, v.a.
die Prosodie1
zu den Indikatoren und bezeichnet auch Faktoren der Situation als relevant. Searle
[Sea69, 41f] sieht illokution¨are und propositionale Akte ”dadurch charakterisiert, dass W¨orter im
Satzzusammenhang in bestimmten Kontexten, unter bestimmten Bedingungen und mit bestimm-
ten Intentionen ge¨aussert werden.”Dazu Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 190]: ”Erst in der
konkreten Situation sind Aspekte der ¨Ausserung [. . . ] eindeutig ausdeutbar.”
2.3. Typisierung der Sprechakte
Die illokution¨are Rolle dient als Kriterium zur Benennung der Sprechakte. Die Sprechakte werden
benannt (Typen) und in Klassen eingeteilt. Die Anpassungsrichtung beleuchtet das Verh¨altnis von
1
Prosodie; von griech.: pros und ode = eigentlich das Hinzugesungene, Zugesang, besser ¨ubersetzt mit Wortakzent,
Silbenbetonung oder Satzmelodie.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 4
Wort und Welt (siehe [Wag01, 109f]). Dabei gibt es vier M¨oglichkeiten, die beiden Begriffe in
Relation zu stellen (ebda.):
ˆ Wort-bestimmt-Welt
ˆ Welt-bestimmt-Wort
ˆ Wort-bestimmt-Welt und Welt-bestimmt-Wort
ˆ Ohne Anpassungsrichtung
Davon sind nach Wagner [Wag01, S. 111] in der Sprache nur die ersten zwei M¨oglichkeiten ver-
wirklicht, und er erw¨ahnt weiter die Rolle ’Wort-schafft-Welt’. Nach Linke, Nussbaumer und R.
[LNR96, S. 194] unterscheidet Searle f¨unf Klassen von illokutiven Typen (dargestellt in einer Tabelle
von Wagner [Wag01, S. 112]):
Tabelle 2.1.: Illokutive Typen nach Searle
Wort-bestimmt-Welt Wort-schafft-Welt Welt-bestimmt-Wort
fremdbestimmt Direktive Deklarative Assertive
selbstbestimmt Kommissive Deklarative Expressive
Wagner [Wag01, S. 167] nennt zwei weitere Klassen von illokutiven Typen: Die Emotive und die
Akkompagnemente, wobei letztere Klasse nur drei Typen einschliesst. Die Typen beider Klassen
sind als semi-illokutiv einzustufen, weil sie nach Wagner [Wag01, S. 158] ¨Ausserungen ohne Mit-
teilungsabsicht an eine/n H¨ohrerIn sind.
Deklarative sind In-Kraft-Setzungs-Handlungen. Sie sind die Sprechakte an sich, ”sch¨opferische
Sprechhandlungen”(siehe [Wag01, S. 150]). Dies kommt zum Ausdruck, wenn Wagner (eb-
da.) schreibt: ”In ihnen und mit ihnen und durch sie werden ’Dinge mit W¨ortern gemacht’
(Austin 1972). Wenn der Gott der Bibel sagt: ’Es werde Licht!’ (1 Mose (Genesis 1,3)), dann
realisiert er seine Sch¨opfung [. . . ].” Der Punkt der Illokution besteht nach Wagner (ebda.)
darin, die Welt (Gemeinschaften, Gesellschaften, Institutionen) durch Worte zu schaffen und
zu erhalten.
Beispiele: anzeigen, beschw¨oren, bestrafen, nominieren.
Direktive sind Aufforderungshandlungen mit Fremdverpflichtung. ”Der direktive illokutive Punkt
besteht darin, den/die H¨orer dazu zu bringen, dass sie etwas tun”, so Wagner [Wag01, S. 148].
Das Wort dominiert die Anpassungsrichtung, dominiert sein Verh¨altnis zur Aussenwelt, die
vom direktiven Sprechakt ver¨andert werden soll. Die sprechende Person muss aufrichtig
wollen, was sie von der H¨orerin, vom H¨orer verlangt (ebda.)
Beispiele: aufrufen, drohen, fordern, verlangen.
Kommissive sind Aufforderungshandlungen mit Selbstverpflichtung. Wagner [Wag01, S. 157]
charakterisiert die Kommissive als Sprechakte, bei denen sich der/die SprecherIn verpflich-
tet, etwas zu tun. Das Wort dominiert die Anpassungsrichtung, dominiert sein Verh¨altnis
zur Aussenwelt. Die sprechende Person muss nach Wagner (ebda.) die Absicht haben, die
Selbstverpflichtung auch einzul¨osen, um aufrichtig zu sein. Die Kommissive sind der Klas-
se der Direktive verwandt. Dies wird ersichtlich, wenn Wagner (ebda.) bemerkt: ”Der enge
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 5
Zusammenhang zu den Direktiven zeigt sich darin, dass viele Kommissive Antworten auf
Direktive sind.”
Beispiele: anbieten, geloben, verabreden, zusagen.
Assertive sind Darstellungshandlungen. Searle nennt sie repr¨asentative Sprechakte [LNR96, S. 195].
Mit Assertiven Sprechakten wird gesagt, wie die Dinge sind. Die Aussenwelt dominiert die
Anpassungsrichtung, dominiert das Verh¨altnis zur Aussage (vgl. [Wag01, S. 154]).
Beispiele: behaupten, beweisen, glauben, deuten.
Expressive sind Gef¨uhlsausdruckshandlungen. Ihre Funktion ist es, Gef¨uhle und Einstellungen
auszudr¨ucken. Hier gilt nach Wagner [Wag01, S. 161]: (Innen-) Welt-bestimmt-Wort.
Beispiele: abkanzeln, danken, loben, tr¨osten.
Emotive sind Gef¨uhls¨ausserungen. Unter diesem Begriff werden Typen zusammengefasst, die nach
Wagner [Wag01, S. 158] ”Gef¨uhls¨ausserungen ohne Mitteilungsabsicht an einen H¨orer”sind.
Ihnen fehlt die kommunikative Funktion, die Expressive zu den voll-illokutiven Klassen z¨ah-
len l¨asst (ebda.). Als Weiterentwicklungen von Emotiven lassen sich Expressive begreifen
(vgl. [Wag01, S. 161]).
Beispiele: fluchen, jubeln, sich-aufregen, trauern.
Akkompagnemente sind Handlungs-begleitende Sprechakte. Diese Klasse umfasst nur drei Ty-
pen von Illokutionen. Zur Erl¨auterung das Beispiel sprechen (handlungs-begleitend) aus dem
Lexikon der illokutiven Typen (vgl. [Wag01, S. 276]):
Der Sprecher hat Koordinationsprobleme. Er versucht durch Verbalisieren parallel zum Han-
deln, die bedr¨angende und verunsichernde F¨ulle der M¨oglichkeiten in eine praktikable, hand-
habbare Reihenfolge zu bringen.
Weitere Typen: fragen (¨uberlegend), selbstgespr¨ache-f¨uhren.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 6
3. Bemerkungen zur Analyse
3.1. Korpus
3.1.1. Herkunft und formaler Inhalt
Die Diskussion ist dem Freiburger Korpus FR entnommen, das im Rahmen des Projektes ’Grund-
strukturen der deutschen Sprache’ angelegt wurde. Die Forschungsstelle Freiburg des IDS hatte
die Aufgabe, grammatische und stilistische Besonderheiten der gesprochenen Standardsprache zu
beschreiben. Als Grundlage dienten Tonaufnahmen, die meisten wurden von Rundfunk- oder Fern-
sehanstalten beschafft. Ein Teil des Tonarchivs ist transkribiert. Dies erfolgte nach Transkripti-
onskonventionen des IDS-DSAv1
. Die Interaktionen enthalten Intonationsnotationen und Zeichen
zur Textsegmentierung. Paraverbale vokale Zeichen wie Intonation und Akzentuierung sind erfasst
worden und stehen neben verbalen Zeichen Analysen zur Verf¨ugung. Nonvokale Zeichen wie Mimik
und Gestik bleiben ausgeklammert, da sie nicht als Sprechakte einzustufen sind.
Beim gew¨ahlten Korpus handelt es sich um einen Ausschnitt von etwa 48 Sekunden. Ein Tondoku-
ment des gesamten Gespr¨achs konnte ich nicht ausfindig machen. Das Transkript verf¨ugt jedoch
Online ¨uber Synchronanker. Sie dienen als Links zu Tondateien im Umfang von je zehn Sekunden
Sprechzeit. Damit hatte ich trotzdem Zugang zu akustischen Quellen und konnte einiges ¨uber die
Gespr¨achssituation erfahren, wie der Beschreibung der Gespr¨achssituation in der Resultate¨ubersicht
zu entnehmen ist.
3.1.2. Wahl des Gespr¨achausschnittes
Mit dem Ziel, einen m¨oglichst abgeschlossenen Wechsel von Aussagen isolieren zu k¨onnen, habe
ich die Diskussion nach inhaltlichen Themenbl¨ocken eingeteilt. Daraufhin w¨ahlte ich einen The-
menblock zur weiteren Verarbeitung: Der Einstieg schien mir zur Analyse geeignet, da hier der
Kontext klar ersichtlich ist.
1
Transkriptionskonventionen zum Freiburger Korpus FR, Deutsches Spracharchiv DSAv des Institutes f¨ur Deutsche
Sprache IDS, Mannheim.
URL: http://dsav-oeff.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR_KONV.HTM. Stand: 20. Oktober 2004.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 7
3.2. Methode
3.2.1. Vereinfachung des Transkripts
Zur Analyse muss das Transkript bearbeitet und in eine ¨ubersichtliche Form gebracht werden. Das
Vereinfachte Transkript weist eine andere Anordnung auf, als das Original aus der Datenbank des
Deutschen Spracharchivs. Wie Ehlich [Ehl84, S. 216] bemerkt, erh¨alt das Gespr¨ach durch die Ver-
einfachung sch¨arfere Konturen und die Struktur des Gespr¨achs erscheint deutlicher. Gleichzeitig
bedeutet ein Vereinfachen aber auch ein Verlust von Informationen (ebda.), so sind z.B. Turnap-
parate aus Wortfragmenten und die Intonationszeichen nicht mehr enthalten. Bei Bedarf griff ich
auf das zu Grunde liegende, komplette Korpus zur¨uck.
Zur Vereinfachung habe ich Syntaktische Einheiten von der Gr¨osse Satz gebildet. Diese Erg¨an-
zungen m¨ussen aber erkennbar bleiben, sie dienen nur zur Bestimmung der Perlokutionen. Die
Illokutionen d¨urfen nicht von den Erg¨anzungen beeinflusst bestimmt werden, da sonst eine Sinn-
verschiebung stattfinden w¨urde. Anschliessend habe ich die Aussagen nummeriert. Bei simultan
gesprochene Textstrecken habe ich die Bezeichnung aus dem Originaltranskript beibehalten und
sie derart formatiert, dass sie untereinander zu liegen kommen. Die Sprecheinheiten sind mit einem
Rahmen versehen, die drei Sequenzen ergeben zusammen eine inhaltlich sinnvolle Einheit.
3.2.2. Bestimmung der Sprechakte
Zur Bestimmung der Akte m¨ussen die Referenzen und die Pr¨adikationen bestimmt werden. Diese
zeigen den propositionalen Gehalt der Illokutionen auf und charakterisiert die Illokution. Deshalb
sind die syntaktischen Einheiten Pr¨adikate, Subjekte (Referenzen) und Pr¨adikationen im Korpus
eingef¨arbt. Die Illokutionen sind meist nicht eindeutig ersichtlich. Sie zu eruieren bedarf weiterer
Schritte. Die Intonationsnotation und das Anh¨oren der Tondokumente sind dabei hilfreiche St¨ut-
zen. Die Zuteilung der analysierten Sprechakte erfolgte hier mit Hilfe von Wagners Lexikon der
illokutiven Typen in ’Pragmatik der deutschen Sprache’.
Die Analyse beginnt mit einer Beschreibung der Gespr¨achssituation, darauf folgt die Vereinfachung
des Transkripts, in einem dritten Schritt werden die Aussagen auf propositionale und illokutive
Akte unter Anwendung der Sprechakttheorie von Searle untersucht. Dabei sollen die verschie-
denen Sprechhandlungen erl¨autert werden. In einem weiteren Schritt wollte ich mit der Theorie
der konversationellen Implikatur von H. Paul Grice auch die H¨orerIn-Seite beleuchten – Grice be-
r¨ucksichtigt in seiner Theorie beide am Gespr¨ach beteiligten Personen. Wie ich jedoch feststellen
musste, w¨urde dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 8
4. Resultate¨ubersicht
4.1. Die Gespr¨achssituation
Zeitliche Faktoren: Die Diskussion hat im Jahr 1966 in G¨ottingen im Deutschland des westlichen
Mitteleuropa stattgefunden (politische und gesellschaftliche Epoche). Wie lange die gesamte
Diskussion gedauert hat, ist leider nicht ersichtlich. Die Aussage von Sprecher 1 zu Beginn
l¨asst darauf schliessen, dass der Ausschnitt inmitten der Diskussion beginnt. Es ist also schon
einiges besprochen worden.
R¨aumliche Faktoren: Das Gespr¨ach ist in Deutschland, genauer in G¨ottingen gef¨uhrt worden.
Die R¨aumlichkeit scheint, den Aufnahmen zu entnehmen, relativ gross gewesen zu sein. Die
SprecherInnen sind aber sehr wahrscheinlich ¨uber Monitore im Raum gut h¨orbar gewesen ?
es musste nicht ¨uberm¨assig laut und deutlich gesprochen werden, um einander zu verstehen.
Formale Faktoren: Eine Talksendung ist formalen Regeln unterstellt. So muss sich z.B. der Dis-
kussionsleiter relativ wenig stark um das Rederecht bem¨uhen, gleichzeitig hat er ziemlich
grosse Kompetenz, das Rederecht zu vergeben.
Publikum: Die Diskussion ist f¨ur Besucher ¨offentlich zug¨anglich, die Teilnahme am Gespr¨ach
jedoch auf wenige Personen beschr¨ankt gewesen. Des weiteren ist sie zur Ausstrahlung von
einer Sendestation aufgenommen worden, also f¨ur ein breites Publikum vorgesehen gewesen.
Bekanntheitsgrad: Da es sich um eine ¨offentliche Diskussion gehandelt hat, darf davon ausge-
gangen werden, dass den SprecherInnen im Voraus das Thema des Gespr¨achs und einige
Informationen ¨uber die DiskussionsteilnehmerInnen zur Vorbereitung auf das Gespr¨ach mit-
geteilt worden waren.
Rollen: Die Gespr¨achsmoderation unterliegt einem Mann: Sprecher 1 (S1). S2 steht f¨ur Spre-
cherin 2, also eine Frau. Sie diskutiert mit einem weiteren Mann: Sprecher 3 (S3). ¨Uber
SprecherIn 4 liegen keine Informationen vor. Die Person hat sich innerhalb des verf¨ugbaren
Transkriptausschnittes nicht zu Wort gemeldet.
4.2. Vereinfachung des Transkriptes
Die folgende Sequenz stammt aus dem IDS-DSAv-Transkript der Interaktion FR030 [IDS03, S. 1].
Die Vereinfachung der Sequenz erfolgte nach K. Ehlich [Ehl84, 215f], die hinwiesenden Referenzen
sind rot, die Pr¨adikate blau und die Pr¨adikationen gr¨un eingef¨arbt:
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 9
Tabelle 4.1.: Ausschnitt aus Transkript ”¨Uber die Ehe”
S2:/+g+27 die Ehe ist27 ,+ +g+ wie man so sagen kann7 +, doch27 oder4 meiner5 meinem
Wissen nach36 eine christliche Einrichtung19 oder nicht09 ? .
S3:/( nein48 ) die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung28
S2: k+ ( ja27 ) +k
S3: k+ nicht +k christlich08 .
S2:/ hat sie nicht57 +g+ hat sie nicht +g+27 ne tiefe Wurzel auch im Christentum06 ? .
S3: +g+17 das Christentum38 oder vor allen Dingen die Bibel48 nimmt Stellung zu der Ehe28 ./
und sie nimmt4 Stellung27 zu +g+47 zu den Problemen der Ehe08
S2: ( ja08 ) ./k+ aber7 +k
S3: k+ aber +k die Ehe selbst26 ist27 meiner Ansicht nach7 also das Nat¨urlichste und4 das
Urspr¨unglichste26 k+ einer27 +k Gesellschaft09
S2: k+ ( oh7 ) +k
S3: k+ denn aus der Ehe27 ist7 +k
S2: k+ das27 ( oh nein28 ) ./ das das m¨ocht ich noch37 +k m¨ochte +g+5 w¨urdest du das
wirklich sagen7 das Urspr¨unglichste das Nat¨urlichste26 ?
S3: k+ ( ja06 ) +k .
Tabelle 4.2.: Das vereinfachte Transkript
S2: Die Ehe ist meinem Wissen nach eine christliche Einrichtung.
[,] wie man so sagen kann,
Oder [ist sie es] nicht?
S3: Nein.
Die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung.
[Die Einrichtung ist] nicht christlich.
S2: Ja.
S2: Hat sie nicht [ei]ne tiefe Wurzel auch im Christentum?
S3: Das Christentum [-] oder vor allen Dingen die Bibel [-] nimmt Stellung zu der Ehe.
Und sie nimmt Stellung zu den Problemen der Ehe.
S2: Ja.
S3: Die Ehe selbst ist meiner Ansicht nach also
das Nat¨urlichste und das Urspr¨unglichste einer Gesellschaft.
S2: W¨urdest du das wirklich sagen[:]
[Die Ehe ist] das Urspr¨unglichste[;]
[Die Ehe ist] das Nat¨urlichste?
S3: Ja.
4.3. Die Analyse des Gespr¨achs
Es wurden nur Darstellungshandlungen (Assertive) und Aufforderungshandlungen mit Fremdver-
pflichtung (Direktive) vollzogen. Das waren vor allem Behauptungen und Feststellungen, wenige
Fragen (siehe Tabelle 4.2). Auffallend ist, dass Sprecher 3 nur Assertive vollzog. Die Sprecherin 2
gestaltet das Gespr¨ach in diesem Ausschnitt abwechslungsreicher (siehe Tabelle 4.6).
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 10
Tabelle 4.3.: Gespr¨achsanalyse – Propositionen
Nr. Referenz Pr¨adikat Pr¨adikation
1) die Ehe ist eine christliche Einrichtung
2) man kann sagen so
3) sie (die Ehe) ist es nicht (eine christliche Einrichtung)
4) - - -
5) die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung
6) (die Einrichtung) (ist) nicht christlich
7) - - -
8) sie (die Ehe) hat (ei)ne tiefe Wurzel auch im Christentum
9) die Bibel nimmt Stellung zu der Ehe
10) sie (die Bibel) nimmt Stellung zu den Problemen der Ehe
11) - - -
12) die Ehe ist das Nat¨urlichste und
das Urspr¨unglichste einer Gesellschaft
13) du w¨urdest sagen, wirklich das
14) (die Ehe) (ist) das Urspr¨unglichste
15) (die Ehe) (ist) das Nat¨urlichste
16) - - -
Tabelle 4.4.: Gespr¨achsanalyse – Illokutionen
Nr. Welt/Wort x-bestimmt Klasse Typ
1) → fremd Assertive behaupten
2) → fremd Assertive feststellen
3) → fremd Assertive fragen (rhetorisch) = behaupten
4) → fremd Assertive widersprechen
5) → fremd Assertive behaupten
6) → fremd Assertive betonen
7) → fremd Assertive feststellen, (bejahen)
8) ← fremd Direktive fragen (nach)
9) → fremd Assertive behaupten
10) → fremd Assertive behaupten, pr¨azisieren
11) → fremd Assertive zustimmen , bejahen
12) → fremd Assertive behaupten
13) ← fremd Direktive fragen
14) → fremd Assertive behaupten
15) → fremd Assertive behaupten
16) → fremd Assertive bejahen (Ja-sagen)
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 11
Tabelle 4.5.: Verwendete Illokutionen
Klasse Anzahl Typen
0 Deklarative 0 -
2 Direktive 1 fragen
1 (nach-) fragen
0 Kommissive 0 -
14 Assertive 9 behaupten
1 bejahen
1 betonen
2 feststellen
1 widersprechen
0 Expressive 0 -
0 Emotive 0 -
0 Akkompagnemente 0 -
Tabelle 4.6.: Abfolge der Illokutionen
S2 S3
behaupten
feststellen
fragen (rhetorisch)
= behaupten
widersprechen
behaupten
betonen
feststellen, bejahen
(nach-) fragen
behaupten
behaupten, pr¨azisieren
zustimmen , bejahen
behaupten
fragen
behaupten
behaupten
bejahen (Ja-sagen)
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 12
5. Zusammenfassung
Die Sprechakttheorie nach Searle beleuchtet etwas einseitig die Sprechhandlung der jeweiligen
SprecherInnen. Die Theorie geht meist vom Vollzug eines Sprechaktes im Umfang eines Satzes
aus. Da in einem Gespr¨ach oft nicht klar ausformulierte und abgeschlossene S¨atze vorliegen, bringt
die Analyse einige Schwierigkeiten mit sich. Zur Bestimmung der Illokutionen muss der Kontext und
die Intonation zu Hilfe genommen werden. L¨angere ¨Ausserungen sind mit dieser Theorie schwer auf
ihre kommunikative Funktion zu untersuchen. Zwar kann aus dem Gesprochenen die Intention des
Sprechers/ der Sprecherin eruiert werden, der komplexe Vorgang im kommunikativen Wechselspiel
des Gespr¨aches kann die Theorie jedoch nicht beschreiben.
Und doch ist die Methode auch ein Spiegel auch f¨ur die Sprachkompetenz der Gespr¨achsteilneh-
merInnen: Da die Theorie auf der Einheit Satz basiert, f¨allt sofort auf, wenn Einheiten formuliert
werden, die nur Teile von S¨atzen sind.
Die Verwendeten Illokutionen scheinen mir typisch f¨ur eine Diskussion: Im Gespr¨ach wurden Sach-
verhalte behauptet, Feststellungen gemacht, es wurde widersprochen und betont, Fragen wurden
gestellt und bejaht. So kann also durch die Analyse der Charakter des Gespr¨achs durchaus erl¨autert
werden. Spannend w¨are es, weitere Analysen zu den Rollen und dem Sprechverhalten durchzuf¨uhren
mit der Frage, ob und wie sich dies in den Sprechakten manifestiert.
Abschliessend m¨ochte ich erw¨ahnen, dass mich die Auseinandersetzung mit dem Thema Sprechen
sensibilisiert hat: Ich ertappe mich dabei, wie ich den ¨Ausserungen von Mitmenschen und mir
spezielle Aufmerksamkeit schenke. Die Arbeit hat mich also nebst den Erfahrungen durch den
Arbeitsprozess pers¨onlich bereichert.
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 13
Literaturverzeichnis
[Ehl84] K. Ehlich.
”
Sprechhandlungsanalyse. in Hoffmann, Ludger 1996: Sprachwissenschaft.
Ein Reader“. In: Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1984.
[GB03a] Andrea Grigoleit und Jilline Bornand. Deutsche Sprache. Grundbegriffe der Sprachwis-
senschaft 1/2. Semiotik, Semantik, Pragmatik. Z¨urich: Compendio Bildungsmedien AG,
2003.
[GB03b] Andrea Grigoleit und Jilline Bornand. Deutsche Sprache. Grundbegriffe der Sprachwis-
senschaft 2/2. Angewandte Gebiete der Sprachwissenschaft. Z¨urich: Compendio Bil-
dungsmedien AG, 2003.
[IDS03] IDS-DSAv. Transkript der Interaktion FR030: ¨Uber die Ehe. Mannheim: Deutsches
Spracharchiv des Institutes f¨ur Deutsche Sprache, 7. Mai 2003. URL: http://dsav-
oeff.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR0/FR030/FR030DTW.ZIP (besucht
am 20. 10. 2004).
[LNR96] Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Portmann Paul R. Studienbuch Linguistik.
T¨ubingen: Niemeyer, 1996.
[Sea69] John R. Searle. Sprechakte: ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt a.M.: Suhrkamp,
1990, 1969.
[Sea79] John R. Searle. Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie. Frank-
furt a.M.: Suhrkamp, 1998, 1979.
[SG87] Gunnar Skirbekk und Nils Gilje. Geschichte der Philosophie. Eine Einf¨uhrung in die
europ¨aische Philosophiegeschichte mit Blick auf die Geschichte der Wissenschaften und
die politische Philosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993, 1987.
[Wag01] Klaus R. Wagner. Pragmatik der Deutschen Sprache. Frankfurt a.M., Berlin, Bern,
Bruxelles, New York,Oxford, Wien: Peter Lang, 2001.
[Wil01] Gero von Wilpert. Sachw¨orterbuch der Literatur. Stuttgart: Alfred Kr¨oner, 2001.
Tabellenverzeichnis
2.1. Illokutive Typen nach Searle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
4.1. Ausschnitt aus Transkript ”¨Uber die Ehe” . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
4.2. Das vereinfachte Transkript . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 14
4.3. Gespr¨achsanalyse – Propositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.4. Gespr¨achsanalyse – Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
4.5. Verwendete Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
4.6. Abfolge der Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 15
A. Materialien
A.1. Dokumentation der Interaktion FR030
Dokumentation der Interaktion FR030: ¨Uber die Ehe, generiert am 7. Mai 2003
Deutsches Spracharchiv des Institutes f¨ur Deutsche Sprache IDS-DSAv, Mannheim.
IDS-DSAv-Dokumentation der Interaktion FR030 Seite 1/1
IDS-DSAv-Dokumentation der Interaktion FR030
Korpus: FR, Grundstrukturen: Freiburger Korpus
alte Bezeichnung(en): XBF
Datum: 1966, Ort: -, Aufnahmeherkunft: Göttingen
Inhalt: Über die Ehe
Gesprächstyp: Diskussion
Anzahl der Sprecher: 4
Aufnahme
Status: freigegeben, digitalisiert, Zugriff per Internet
Dauer der Aufnahme: 23m 13s
Transkript
Status: vorhanden, freigegeben, digitalisiert, Zugriff per Internet,
mit der Tonaufnahme synchronisiert
------------------------- Ende der Dokumentation -------------------------
generiert am 2003-05-07
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 16
Deklaration
Ich erkl¨are hiermit,
ˆ dass ich die vorliegende Arbeit selbst¨andig und nur unter Benutzung der angegebenen Quellen
verfasst habe.
ˆ dass ich auf eine eventuelle Mithilfe Dritter in der Arbeit ausdr¨ucklich hinweise.
ˆ dass ich vorg¨angig die Schulleitung und die betreuende Lehrperson informiere, wenn ich
– diese Maturaarbeit bzw. Teile oder Zusammenfassungen davon ver¨offentlichen werde.
– Kopien dieser Arbeit zur weiteren Verbreitung an Dritte aush¨andigen werde.
Ort, Datum:
Unterschrift:
Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 17

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Sprechen als Handeln

  • 1. Vorgelegt von: Roland Bruggmann, Maturand Kurs 35 Eingereicht bei: Peter Kehrli, Betreuer und Lehrperson im Fach Deutsch Datum: Oktober 2004 Maturit¨atsschule f¨ur Erwachsene MSE, Reussb¨uhl Sprechen als Handeln Analyse eines Gespr¨achs unter Gesichtspunkten der Pragmatik Maturaarbeit in Linguistik
  • 2. Versionen Version Datum Status Bemerkungen 1.0 Oktober 2004 Reinfassung 2.0 Dezember 2016 Neuauflage Satz mit LATEX Geschrieben steht: ”Im Anfang war das Wort!” Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unm¨oglich sch¨atzen, Ich muss es anders ¨ubersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erste Zeile, Dass deine Feder sich nicht ¨ubereile! Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat! Goethe, Faust I: 1224 bis 1237 Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik i
  • 3. Vorwort Was geschieht bei einem Gespr¨ach? Ist ein Gespr¨ach bloss Ausdruck von Gedachtem, das artikuliert wird? Ist Sprechen nur Informationsaustausch? Bereits nach kurzem reflektieren zeigte sich mir die naheliegende Folgerung: Sprechen ist mehr. Die Frage, was Sprechen sein kann, f¨uhrte mich zur Pragmalinguistik. Dort fand ich eine n¨uchterne, intellektuelle Antwort und Rechtfertigung auf die rural anmutende, mit Vorw¨urfen der Unprodukti- vit¨at durch verbale Aktivit¨at behaftete Aufforderung ”Taten statt Worte!”: Die gesprochene Sprache ist eine M¨oglichkeit, unserem Wesen Ausdruck zu verleihen und tr¨agt zur Ver¨anderung und Pr¨a- gung unserer Umwelt bei – Sprechen als sozialer Akt ist Handeln. Dabei ist die Unmittelbarkeit des Sprechens f¨ur die Gestaltung unseres Alltags weder wegzudenken noch durch eine Alternative zu ersetzen. Dem Sprechen kommt f¨ur das Mensch-Sein deshalb eine relevante Rolle zu – auch in einer von elektronischen Medien gepr¨agten Epoche. An dieser Stelle m¨ochte ich mich bei Herrn Peter Kehrli f¨ur seine Betreuerarbeit bedanken. Ein weiterer Dank geht an Jonas St¨ockli f¨ur das Liefern der am Institut f¨ur Germanistik der Universit¨at Bern bestellten Unterlagen sowie an L´eonie Gr¨uter f¨ur das Korrekturlesen. Das Manuskript wurde nach Richtlinien der neuen Deutschen Rechtschreibung und unter Ber¨uck- sichtigung der sprachlichen Gleichberechtigung verfasst. Luzern, im Oktober 2004 Roland Bruggmann Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik ii
  • 4. Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 1 1.1. Thema und Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.2. Korpus und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.3. Quellen und ihre Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 2. Grundlagen 3 2.1. Die vier Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2. Proposition und Illokution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2.1. Propositionaler Akt: Referenz und Pr¨adikation . . . . . . . . . . . . . . . 4 2.2.2. Die illokution¨aren Rollen der ¨Ausserungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 2.3. Typisierung der Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 3. Bemerkungen zur Analyse 7 3.1. Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.1.1. Herkunft und formaler Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.1.2. Wahl des Gespr¨achausschnittes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.2. Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2.1. Vereinfachung des Transkripts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2.2. Bestimmung der Sprechakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 4. Resultate¨ubersicht 9 4.1. Die Gespr¨achssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 4.2. Vereinfachung des Transkriptes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 4.3. Die Analyse des Gespr¨achs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 5. Zusammenfassung 13 Literaturverzeichnis 14 Tabellenverzeichnis 14 A. Materialien 16 A.1. Dokumentation der Interaktion FR030 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik iii
  • 5. 1. Einleitung 1.1. Thema und Ziel Die Pragmalinguistik ist Teil der Soziolinguistik und befasst sich mit der Beziehung zwischen Zei- chen und Zeichenben¨utzerIn. Wie der Titel zeigt, wird nur ein Teil der uns zur Verf¨ugung stehenden Zeichen fokussiert: die gesprochene Sprache, das Sprechen. Was aber bedeutet Handeln? Wilpert [Wil01, S. 325] umschreibt den Begriff der Handlung kurz als ”Umsetzung innerseelischer Willen- s¨ausserungen in die Tat”. Skirbekk und Gilje [SG87, S. 135] bezieht sich auf den aristotelischen Begriff der Handlung als ”ein soziales Ph¨anomen, [das] eine Person mit Intentionen1 [voraussetzt], also jemanden, der sich auf die eine oder andere Weise dessen bewusst ist, was er tut.”Der Hand- lungsbegriff ist also charakterisiert durch das Vorhandensein einer Person, ihrer Intention und ihrer Tat. Zwischen den zwei Begriffen steht verbindend die Konjunktion ’als’, welche zusammen mit dem Wort ’Handeln’ eine Konjunktionalgruppe bildet und als Satzteilkonjunktion zum Ausdruck eines Vergleichs verwendet wird: Es soll Aspekte von Sprechen geben, die der Bedeutung von Han- deln gleich kommen. Es ist das bewusste Gestalten der Umwelt durch Personen, welches beide Begriffe als Grundgehalt gemeinsam haben und in der Pragmalinguistik thematisiert wird. Unser soziales Umfeld k¨onnen wir also durch Kommunikation gestalten. Mit dieser Arbeit will ich das Sprechen als regelgeleitete Form des Verhaltens zum vollziehen von Sprechhandlungen nach J. R. Searle genauer kennen lernen. Die leitende Frage dabei soll sein: Wie werden Sprechakte vollzogen? 1.2. Korpus und Methoden Als Gegenstand der Untersuchung w¨ahlte ich aus dem Freiburger Korpus eine Diskussion zum Thema Ehe. Neben einem Gespr¨ach w¨are als Korpus auch ein Dialog in Frage gekommen, also eine fiktive literarische Form des Gespr¨achs. Ich bevorzugte aber eine wirklich gef¨uhrte Unterredung, da ich mir durch die Authentizit¨at praktikablere Resultate versprach – die Metaebene“Sprechhandlung des Autors/ der Autorin zur Leserschaft“ bleibt aussen vor. Die Suche nach Transkripten zeigte sich als relativ schwierig. In der Datenbank des Spracharchivs des Institutes f¨ur Deutsche Sprache (IDS-DSAv) in Mannheim wurde ich jedoch f¨undig (siehe [IDS03]). Zur Analyse der Diskussion kommt die Sprechakttheorie von John R. Searle zur Anwendung. Der Ablauf der einzelnen Analyseschritte und die Vereinfachung des Transkriptes folgt einer Vorlage von K. Ehlich. 1 Intention, die; -, -en <lat.>: Absicht, Vorhaben, Anspannung geistiger Kr¨afte auf ein bestimmtes Ziel. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 1
  • 6. 1.3. Quellen und ihre Inhalte Zum Einlesen in die Thematik dienten mir die B¨ande 1 und 2 ’Grundbegriffe der Sprachwissen- schaft’ von Andrea Grigoleit und Jilline Bornand (siehe [GB03a] und [GB03b]) sowie das ’Studien- buch Linguistik’ von Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (siehe [LNR96]). Diese Unterlagen erwiesen sich als ¨ubersichtlich und waren hilfreich bei der Wahl der Analyseme- thoden. Neben den ’Untersuchungen zur Sprechakttheorie’ von John R. Searle diente auch sein sprachphilosophischer Essay ’Sprechakte’ als Grundlage f¨ur die Arbeit (siehe [Sea69] und [Sea79]). Zur Kl¨arung von sprachwissenschaftlichen Begriffen diente mir Ludger Hoffmanns ’Sprachwissen- schaft, ein Reader’. Dort fand ich auch Anleitungen zur Sprechhandlungsanalyse von K. Ehlich (siehe [Ehl84]). In ’Pragmatik der deutschen Sprache’ von Klaus R. Wagner ist ein ¨ubersichtliches Lexikon der illokutiven Typen enthalten, das ich f¨ur die Zuteilung der Sprechakte zu Hilfe nahm (siehe [Wag01]). Auch die Klassen der illokutiven Typen sind ausf¨uhrlich beschrieben. Im folgenden Literaturteil zur Gespr¨achsanalyse werden die ben¨otigten Grundlagen erl¨autert. Darin gehe ich vor allem auf die Theorien John R. Searles ein. Die Bemerkungen zur Analyse beinhalten begleitende Informationen zum Korpus, den Methoden und der Vorgehensweise bei der Analyse. In der Resultate¨ubersicht werden die Ergebnisse zusammengestellt und interpretiert. Mit der Zu- sammenfassung werden anschliessend die Relevanten Aussagen ¨uber Resultate und Methoden der Analyse zusammengestellt. Wie sich herausstellte, k¨onnen mit Searles Theorie zwar Sprechakte bestimmt und einige Strukturen der Kommunikation beleuchtet werden. Gespr¨ache sind jedoch komplexe Vernetzungen, denen die Sprechakttheorie nicht in gen¨ugendem Masse zur Analyse gereicht. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 2
  • 7. 2. Grundlagen 2.1. Die vier Sprechakte Das Ziel der Analyse ist es, die Bedeutung der ¨Ausserungen zu ergr¨unden. Die Methode dazu entwickelte John R. Searle, der nach Grigoleit und Bornand [GB03b, S. 46] als eigentlicher Be- gr¨under der Sprechakttheorie gilt. Zur Analyse des Gespr¨achs nach Searles Methode werden die ¨Ausserungen der SprecherInnen aufgeschl¨usselt in vier Sprechakte: Der ¨Ausserungsakt (der loku- tion¨are Akt), der propositionale Akt, der illokution¨are Akt und der perlokution¨are Akt. Folgende Beschreibung der Teilakte st¨utzt sich auf Grigoleit und Bornand [GB03b, 46f]: Lokution Der lokution¨are Akt ist der physische Aspekt des Sprechens: Das Luftholen, das Schwin- gen der Stimmb¨ander, die Bewegung der Zunge und der Lippen. Auch das Ben¨utzen des Zeichensystems ’Deutsche Sprache’ geh¨ort dazu. Proposition Die Aussage einer Person wird propositionaler Akt genannt: Der/die SprecherIn nimmt mit der ¨Ausserung Bezug zur Umwelt und macht eine bestimmte Aussage dar¨uber. Die charakteristische Eigenschaft einer Proposition: Die Aussage kann wahr oder falsch sein. Illokution Die Funktion der ¨Ausserung wird Illokution genannt. Mit dem illokution¨aren Akt ver¨aus- sert eine sprechende Person, was sie mit der Aussage beabsichtigt. Hier wird unterschieden, ob die Illokution gl¨uckt oder nicht: Wird die Absicht von der angesprochenen Person erkannt, ist der illokution¨are Akt gegl¨uckt. Perlokution Erzielt die sprechenden Person bei der angesprochenen Person eine Reaktion im Sinne ihrer Absicht, so ist die Perlokution erfolgreich. Hier entscheidet also die Wirkung im Bezug zur Absicht dar¨uber, ob der perlokution¨are Akt erfolgreich oder nicht erfolgreich verlief. 2.2. Proposition und Illokution Nach Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 188] geh¨ort f¨ur Searle ”die Illokution einer ¨Ausserung mit zu ihrer Bedeutung, neben dem propositionalen Gehalt”. F¨ur die Sprechakttheorie steht deshalb die Illokution im Zentrum des Interesses. Nach Searle [Sea69, S. 42] sind propositionale und illokution¨are Akte eng mit bestimmten Arten von Ausdr¨ucken verbunden. Der propositionale Akt wird durch Teile von S¨atzen, der illokution¨are Akt durch die grammatische Form des vollst¨andigen Satzes angezeigt. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 3
  • 8. 2.2.1. Propositionaler Akt: Referenz und Pr¨adikation Nach Searle [Sea69, S. 39] verweist der/die SprecherIn bei jeder ¨Ausserung mit einer Referenz auf ein bestimmtes Objekt, und das Objekt wird pr¨adiziert. Referenz Searle [Sea69, S. 44] bezeichnet ”jede[n] Ausdruck, der dazu dient, ein ’Objekt’ [. . . ] als abgesondert von anderen Objekten herauszugreifen und zu identifizieren”als hinweisenden Ausdruck. Dieser wird als Referenz von einer sprechenden Person verwendet, um auf etwas hinzuwiesen. Searle [Sea69, 46f] betont, dass Referenz ein Sprechakt ist. Verwendet werden Eigennamen, Nominalausdr¨ucke und Pronomina (ebda.). Pr¨adikation Die charakteristische Form der Pr¨adikation bilden nach Searles Ausf¨uhrungen grammatische Pr¨a- dikate (vgl. [Sea69, S. 42]). Sie sind auf das Subjekt oder Objekt bezogene Teile der Satzaussage. Dabei werden nach Searle [Sea69, S. 44] auch die Flexionsformen eines normalen pr¨adikativen Ausdrucks verwendet – in Abgrenzung zum traditionellen philosophischen Begriff der Pr¨adikation, die nur in Behauptungen vorkommen kann. Damit schliesst er neben behaupten eine Vielfalt von Sprechakten mit ein. 2.2.2. Die illokution¨aren Rollen der ¨Ausserungen Die kommunikative Funktion einer ¨Ausserung ist sprachlichen Ausdr¨ucken nicht fest zugeordnet, wie Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 190] betont. Erst im Kontext wird klar, welche Illokution mit einer ¨Ausserung ausgedr¨uckt wird. Searle [Sea69, 49f] bezeichnet u.a. Intonation, den Modus des Verbs und die performativen Verben als Indikatoren daf¨ur, wie die Proposition aufzufassen ist bzw. welche illokution¨are Rolle der ¨Ausserung zukommt. Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, 191f] z¨ahlt weiter Partikeln wie ’bitte, hoffentlich, gef¨alligst’ etc. und paraverbale Faktoren, v.a. die Prosodie1 zu den Indikatoren und bezeichnet auch Faktoren der Situation als relevant. Searle [Sea69, 41f] sieht illokution¨are und propositionale Akte ”dadurch charakterisiert, dass W¨orter im Satzzusammenhang in bestimmten Kontexten, unter bestimmten Bedingungen und mit bestimm- ten Intentionen ge¨aussert werden.”Dazu Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 190]: ”Erst in der konkreten Situation sind Aspekte der ¨Ausserung [. . . ] eindeutig ausdeutbar.” 2.3. Typisierung der Sprechakte Die illokution¨are Rolle dient als Kriterium zur Benennung der Sprechakte. Die Sprechakte werden benannt (Typen) und in Klassen eingeteilt. Die Anpassungsrichtung beleuchtet das Verh¨altnis von 1 Prosodie; von griech.: pros und ode = eigentlich das Hinzugesungene, Zugesang, besser ¨ubersetzt mit Wortakzent, Silbenbetonung oder Satzmelodie. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 4
  • 9. Wort und Welt (siehe [Wag01, 109f]). Dabei gibt es vier M¨oglichkeiten, die beiden Begriffe in Relation zu stellen (ebda.): ˆ Wort-bestimmt-Welt ˆ Welt-bestimmt-Wort ˆ Wort-bestimmt-Welt und Welt-bestimmt-Wort ˆ Ohne Anpassungsrichtung Davon sind nach Wagner [Wag01, S. 111] in der Sprache nur die ersten zwei M¨oglichkeiten ver- wirklicht, und er erw¨ahnt weiter die Rolle ’Wort-schafft-Welt’. Nach Linke, Nussbaumer und R. [LNR96, S. 194] unterscheidet Searle f¨unf Klassen von illokutiven Typen (dargestellt in einer Tabelle von Wagner [Wag01, S. 112]): Tabelle 2.1.: Illokutive Typen nach Searle Wort-bestimmt-Welt Wort-schafft-Welt Welt-bestimmt-Wort fremdbestimmt Direktive Deklarative Assertive selbstbestimmt Kommissive Deklarative Expressive Wagner [Wag01, S. 167] nennt zwei weitere Klassen von illokutiven Typen: Die Emotive und die Akkompagnemente, wobei letztere Klasse nur drei Typen einschliesst. Die Typen beider Klassen sind als semi-illokutiv einzustufen, weil sie nach Wagner [Wag01, S. 158] ¨Ausserungen ohne Mit- teilungsabsicht an eine/n H¨ohrerIn sind. Deklarative sind In-Kraft-Setzungs-Handlungen. Sie sind die Sprechakte an sich, ”sch¨opferische Sprechhandlungen”(siehe [Wag01, S. 150]). Dies kommt zum Ausdruck, wenn Wagner (eb- da.) schreibt: ”In ihnen und mit ihnen und durch sie werden ’Dinge mit W¨ortern gemacht’ (Austin 1972). Wenn der Gott der Bibel sagt: ’Es werde Licht!’ (1 Mose (Genesis 1,3)), dann realisiert er seine Sch¨opfung [. . . ].” Der Punkt der Illokution besteht nach Wagner (ebda.) darin, die Welt (Gemeinschaften, Gesellschaften, Institutionen) durch Worte zu schaffen und zu erhalten. Beispiele: anzeigen, beschw¨oren, bestrafen, nominieren. Direktive sind Aufforderungshandlungen mit Fremdverpflichtung. ”Der direktive illokutive Punkt besteht darin, den/die H¨orer dazu zu bringen, dass sie etwas tun”, so Wagner [Wag01, S. 148]. Das Wort dominiert die Anpassungsrichtung, dominiert sein Verh¨altnis zur Aussenwelt, die vom direktiven Sprechakt ver¨andert werden soll. Die sprechende Person muss aufrichtig wollen, was sie von der H¨orerin, vom H¨orer verlangt (ebda.) Beispiele: aufrufen, drohen, fordern, verlangen. Kommissive sind Aufforderungshandlungen mit Selbstverpflichtung. Wagner [Wag01, S. 157] charakterisiert die Kommissive als Sprechakte, bei denen sich der/die SprecherIn verpflich- tet, etwas zu tun. Das Wort dominiert die Anpassungsrichtung, dominiert sein Verh¨altnis zur Aussenwelt. Die sprechende Person muss nach Wagner (ebda.) die Absicht haben, die Selbstverpflichtung auch einzul¨osen, um aufrichtig zu sein. Die Kommissive sind der Klas- se der Direktive verwandt. Dies wird ersichtlich, wenn Wagner (ebda.) bemerkt: ”Der enge Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 5
  • 10. Zusammenhang zu den Direktiven zeigt sich darin, dass viele Kommissive Antworten auf Direktive sind.” Beispiele: anbieten, geloben, verabreden, zusagen. Assertive sind Darstellungshandlungen. Searle nennt sie repr¨asentative Sprechakte [LNR96, S. 195]. Mit Assertiven Sprechakten wird gesagt, wie die Dinge sind. Die Aussenwelt dominiert die Anpassungsrichtung, dominiert das Verh¨altnis zur Aussage (vgl. [Wag01, S. 154]). Beispiele: behaupten, beweisen, glauben, deuten. Expressive sind Gef¨uhlsausdruckshandlungen. Ihre Funktion ist es, Gef¨uhle und Einstellungen auszudr¨ucken. Hier gilt nach Wagner [Wag01, S. 161]: (Innen-) Welt-bestimmt-Wort. Beispiele: abkanzeln, danken, loben, tr¨osten. Emotive sind Gef¨uhls¨ausserungen. Unter diesem Begriff werden Typen zusammengefasst, die nach Wagner [Wag01, S. 158] ”Gef¨uhls¨ausserungen ohne Mitteilungsabsicht an einen H¨orer”sind. Ihnen fehlt die kommunikative Funktion, die Expressive zu den voll-illokutiven Klassen z¨ah- len l¨asst (ebda.). Als Weiterentwicklungen von Emotiven lassen sich Expressive begreifen (vgl. [Wag01, S. 161]). Beispiele: fluchen, jubeln, sich-aufregen, trauern. Akkompagnemente sind Handlungs-begleitende Sprechakte. Diese Klasse umfasst nur drei Ty- pen von Illokutionen. Zur Erl¨auterung das Beispiel sprechen (handlungs-begleitend) aus dem Lexikon der illokutiven Typen (vgl. [Wag01, S. 276]): Der Sprecher hat Koordinationsprobleme. Er versucht durch Verbalisieren parallel zum Han- deln, die bedr¨angende und verunsichernde F¨ulle der M¨oglichkeiten in eine praktikable, hand- habbare Reihenfolge zu bringen. Weitere Typen: fragen (¨uberlegend), selbstgespr¨ache-f¨uhren. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 6
  • 11. 3. Bemerkungen zur Analyse 3.1. Korpus 3.1.1. Herkunft und formaler Inhalt Die Diskussion ist dem Freiburger Korpus FR entnommen, das im Rahmen des Projektes ’Grund- strukturen der deutschen Sprache’ angelegt wurde. Die Forschungsstelle Freiburg des IDS hatte die Aufgabe, grammatische und stilistische Besonderheiten der gesprochenen Standardsprache zu beschreiben. Als Grundlage dienten Tonaufnahmen, die meisten wurden von Rundfunk- oder Fern- sehanstalten beschafft. Ein Teil des Tonarchivs ist transkribiert. Dies erfolgte nach Transkripti- onskonventionen des IDS-DSAv1 . Die Interaktionen enthalten Intonationsnotationen und Zeichen zur Textsegmentierung. Paraverbale vokale Zeichen wie Intonation und Akzentuierung sind erfasst worden und stehen neben verbalen Zeichen Analysen zur Verf¨ugung. Nonvokale Zeichen wie Mimik und Gestik bleiben ausgeklammert, da sie nicht als Sprechakte einzustufen sind. Beim gew¨ahlten Korpus handelt es sich um einen Ausschnitt von etwa 48 Sekunden. Ein Tondoku- ment des gesamten Gespr¨achs konnte ich nicht ausfindig machen. Das Transkript verf¨ugt jedoch Online ¨uber Synchronanker. Sie dienen als Links zu Tondateien im Umfang von je zehn Sekunden Sprechzeit. Damit hatte ich trotzdem Zugang zu akustischen Quellen und konnte einiges ¨uber die Gespr¨achssituation erfahren, wie der Beschreibung der Gespr¨achssituation in der Resultate¨ubersicht zu entnehmen ist. 3.1.2. Wahl des Gespr¨achausschnittes Mit dem Ziel, einen m¨oglichst abgeschlossenen Wechsel von Aussagen isolieren zu k¨onnen, habe ich die Diskussion nach inhaltlichen Themenbl¨ocken eingeteilt. Daraufhin w¨ahlte ich einen The- menblock zur weiteren Verarbeitung: Der Einstieg schien mir zur Analyse geeignet, da hier der Kontext klar ersichtlich ist. 1 Transkriptionskonventionen zum Freiburger Korpus FR, Deutsches Spracharchiv DSAv des Institutes f¨ur Deutsche Sprache IDS, Mannheim. URL: http://dsav-oeff.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR_KONV.HTM. Stand: 20. Oktober 2004. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 7
  • 12. 3.2. Methode 3.2.1. Vereinfachung des Transkripts Zur Analyse muss das Transkript bearbeitet und in eine ¨ubersichtliche Form gebracht werden. Das Vereinfachte Transkript weist eine andere Anordnung auf, als das Original aus der Datenbank des Deutschen Spracharchivs. Wie Ehlich [Ehl84, S. 216] bemerkt, erh¨alt das Gespr¨ach durch die Ver- einfachung sch¨arfere Konturen und die Struktur des Gespr¨achs erscheint deutlicher. Gleichzeitig bedeutet ein Vereinfachen aber auch ein Verlust von Informationen (ebda.), so sind z.B. Turnap- parate aus Wortfragmenten und die Intonationszeichen nicht mehr enthalten. Bei Bedarf griff ich auf das zu Grunde liegende, komplette Korpus zur¨uck. Zur Vereinfachung habe ich Syntaktische Einheiten von der Gr¨osse Satz gebildet. Diese Erg¨an- zungen m¨ussen aber erkennbar bleiben, sie dienen nur zur Bestimmung der Perlokutionen. Die Illokutionen d¨urfen nicht von den Erg¨anzungen beeinflusst bestimmt werden, da sonst eine Sinn- verschiebung stattfinden w¨urde. Anschliessend habe ich die Aussagen nummeriert. Bei simultan gesprochene Textstrecken habe ich die Bezeichnung aus dem Originaltranskript beibehalten und sie derart formatiert, dass sie untereinander zu liegen kommen. Die Sprecheinheiten sind mit einem Rahmen versehen, die drei Sequenzen ergeben zusammen eine inhaltlich sinnvolle Einheit. 3.2.2. Bestimmung der Sprechakte Zur Bestimmung der Akte m¨ussen die Referenzen und die Pr¨adikationen bestimmt werden. Diese zeigen den propositionalen Gehalt der Illokutionen auf und charakterisiert die Illokution. Deshalb sind die syntaktischen Einheiten Pr¨adikate, Subjekte (Referenzen) und Pr¨adikationen im Korpus eingef¨arbt. Die Illokutionen sind meist nicht eindeutig ersichtlich. Sie zu eruieren bedarf weiterer Schritte. Die Intonationsnotation und das Anh¨oren der Tondokumente sind dabei hilfreiche St¨ut- zen. Die Zuteilung der analysierten Sprechakte erfolgte hier mit Hilfe von Wagners Lexikon der illokutiven Typen in ’Pragmatik der deutschen Sprache’. Die Analyse beginnt mit einer Beschreibung der Gespr¨achssituation, darauf folgt die Vereinfachung des Transkripts, in einem dritten Schritt werden die Aussagen auf propositionale und illokutive Akte unter Anwendung der Sprechakttheorie von Searle untersucht. Dabei sollen die verschie- denen Sprechhandlungen erl¨autert werden. In einem weiteren Schritt wollte ich mit der Theorie der konversationellen Implikatur von H. Paul Grice auch die H¨orerIn-Seite beleuchten – Grice be- r¨ucksichtigt in seiner Theorie beide am Gespr¨ach beteiligten Personen. Wie ich jedoch feststellen musste, w¨urde dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 8
  • 13. 4. Resultate¨ubersicht 4.1. Die Gespr¨achssituation Zeitliche Faktoren: Die Diskussion hat im Jahr 1966 in G¨ottingen im Deutschland des westlichen Mitteleuropa stattgefunden (politische und gesellschaftliche Epoche). Wie lange die gesamte Diskussion gedauert hat, ist leider nicht ersichtlich. Die Aussage von Sprecher 1 zu Beginn l¨asst darauf schliessen, dass der Ausschnitt inmitten der Diskussion beginnt. Es ist also schon einiges besprochen worden. R¨aumliche Faktoren: Das Gespr¨ach ist in Deutschland, genauer in G¨ottingen gef¨uhrt worden. Die R¨aumlichkeit scheint, den Aufnahmen zu entnehmen, relativ gross gewesen zu sein. Die SprecherInnen sind aber sehr wahrscheinlich ¨uber Monitore im Raum gut h¨orbar gewesen ? es musste nicht ¨uberm¨assig laut und deutlich gesprochen werden, um einander zu verstehen. Formale Faktoren: Eine Talksendung ist formalen Regeln unterstellt. So muss sich z.B. der Dis- kussionsleiter relativ wenig stark um das Rederecht bem¨uhen, gleichzeitig hat er ziemlich grosse Kompetenz, das Rederecht zu vergeben. Publikum: Die Diskussion ist f¨ur Besucher ¨offentlich zug¨anglich, die Teilnahme am Gespr¨ach jedoch auf wenige Personen beschr¨ankt gewesen. Des weiteren ist sie zur Ausstrahlung von einer Sendestation aufgenommen worden, also f¨ur ein breites Publikum vorgesehen gewesen. Bekanntheitsgrad: Da es sich um eine ¨offentliche Diskussion gehandelt hat, darf davon ausge- gangen werden, dass den SprecherInnen im Voraus das Thema des Gespr¨achs und einige Informationen ¨uber die DiskussionsteilnehmerInnen zur Vorbereitung auf das Gespr¨ach mit- geteilt worden waren. Rollen: Die Gespr¨achsmoderation unterliegt einem Mann: Sprecher 1 (S1). S2 steht f¨ur Spre- cherin 2, also eine Frau. Sie diskutiert mit einem weiteren Mann: Sprecher 3 (S3). ¨Uber SprecherIn 4 liegen keine Informationen vor. Die Person hat sich innerhalb des verf¨ugbaren Transkriptausschnittes nicht zu Wort gemeldet. 4.2. Vereinfachung des Transkriptes Die folgende Sequenz stammt aus dem IDS-DSAv-Transkript der Interaktion FR030 [IDS03, S. 1]. Die Vereinfachung der Sequenz erfolgte nach K. Ehlich [Ehl84, 215f], die hinwiesenden Referenzen sind rot, die Pr¨adikate blau und die Pr¨adikationen gr¨un eingef¨arbt: Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 9
  • 14. Tabelle 4.1.: Ausschnitt aus Transkript ”¨Uber die Ehe” S2:/+g+27 die Ehe ist27 ,+ +g+ wie man so sagen kann7 +, doch27 oder4 meiner5 meinem Wissen nach36 eine christliche Einrichtung19 oder nicht09 ? . S3:/( nein48 ) die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung28 S2: k+ ( ja27 ) +k S3: k+ nicht +k christlich08 . S2:/ hat sie nicht57 +g+ hat sie nicht +g+27 ne tiefe Wurzel auch im Christentum06 ? . S3: +g+17 das Christentum38 oder vor allen Dingen die Bibel48 nimmt Stellung zu der Ehe28 ./ und sie nimmt4 Stellung27 zu +g+47 zu den Problemen der Ehe08 S2: ( ja08 ) ./k+ aber7 +k S3: k+ aber +k die Ehe selbst26 ist27 meiner Ansicht nach7 also das Nat¨urlichste und4 das Urspr¨unglichste26 k+ einer27 +k Gesellschaft09 S2: k+ ( oh7 ) +k S3: k+ denn aus der Ehe27 ist7 +k S2: k+ das27 ( oh nein28 ) ./ das das m¨ocht ich noch37 +k m¨ochte +g+5 w¨urdest du das wirklich sagen7 das Urspr¨unglichste das Nat¨urlichste26 ? S3: k+ ( ja06 ) +k . Tabelle 4.2.: Das vereinfachte Transkript S2: Die Ehe ist meinem Wissen nach eine christliche Einrichtung. [,] wie man so sagen kann, Oder [ist sie es] nicht? S3: Nein. Die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung. [Die Einrichtung ist] nicht christlich. S2: Ja. S2: Hat sie nicht [ei]ne tiefe Wurzel auch im Christentum? S3: Das Christentum [-] oder vor allen Dingen die Bibel [-] nimmt Stellung zu der Ehe. Und sie nimmt Stellung zu den Problemen der Ehe. S2: Ja. S3: Die Ehe selbst ist meiner Ansicht nach also das Nat¨urlichste und das Urspr¨unglichste einer Gesellschaft. S2: W¨urdest du das wirklich sagen[:] [Die Ehe ist] das Urspr¨unglichste[;] [Die Ehe ist] das Nat¨urlichste? S3: Ja. 4.3. Die Analyse des Gespr¨achs Es wurden nur Darstellungshandlungen (Assertive) und Aufforderungshandlungen mit Fremdver- pflichtung (Direktive) vollzogen. Das waren vor allem Behauptungen und Feststellungen, wenige Fragen (siehe Tabelle 4.2). Auffallend ist, dass Sprecher 3 nur Assertive vollzog. Die Sprecherin 2 gestaltet das Gespr¨ach in diesem Ausschnitt abwechslungsreicher (siehe Tabelle 4.6). Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 10
  • 15. Tabelle 4.3.: Gespr¨achsanalyse – Propositionen Nr. Referenz Pr¨adikat Pr¨adikation 1) die Ehe ist eine christliche Einrichtung 2) man kann sagen so 3) sie (die Ehe) ist es nicht (eine christliche Einrichtung) 4) - - - 5) die Ehe ist eine gesellschaftliche Einrichtung 6) (die Einrichtung) (ist) nicht christlich 7) - - - 8) sie (die Ehe) hat (ei)ne tiefe Wurzel auch im Christentum 9) die Bibel nimmt Stellung zu der Ehe 10) sie (die Bibel) nimmt Stellung zu den Problemen der Ehe 11) - - - 12) die Ehe ist das Nat¨urlichste und das Urspr¨unglichste einer Gesellschaft 13) du w¨urdest sagen, wirklich das 14) (die Ehe) (ist) das Urspr¨unglichste 15) (die Ehe) (ist) das Nat¨urlichste 16) - - - Tabelle 4.4.: Gespr¨achsanalyse – Illokutionen Nr. Welt/Wort x-bestimmt Klasse Typ 1) → fremd Assertive behaupten 2) → fremd Assertive feststellen 3) → fremd Assertive fragen (rhetorisch) = behaupten 4) → fremd Assertive widersprechen 5) → fremd Assertive behaupten 6) → fremd Assertive betonen 7) → fremd Assertive feststellen, (bejahen) 8) ← fremd Direktive fragen (nach) 9) → fremd Assertive behaupten 10) → fremd Assertive behaupten, pr¨azisieren 11) → fremd Assertive zustimmen , bejahen 12) → fremd Assertive behaupten 13) ← fremd Direktive fragen 14) → fremd Assertive behaupten 15) → fremd Assertive behaupten 16) → fremd Assertive bejahen (Ja-sagen) Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 11
  • 16. Tabelle 4.5.: Verwendete Illokutionen Klasse Anzahl Typen 0 Deklarative 0 - 2 Direktive 1 fragen 1 (nach-) fragen 0 Kommissive 0 - 14 Assertive 9 behaupten 1 bejahen 1 betonen 2 feststellen 1 widersprechen 0 Expressive 0 - 0 Emotive 0 - 0 Akkompagnemente 0 - Tabelle 4.6.: Abfolge der Illokutionen S2 S3 behaupten feststellen fragen (rhetorisch) = behaupten widersprechen behaupten betonen feststellen, bejahen (nach-) fragen behaupten behaupten, pr¨azisieren zustimmen , bejahen behaupten fragen behaupten behaupten bejahen (Ja-sagen) Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 12
  • 17. 5. Zusammenfassung Die Sprechakttheorie nach Searle beleuchtet etwas einseitig die Sprechhandlung der jeweiligen SprecherInnen. Die Theorie geht meist vom Vollzug eines Sprechaktes im Umfang eines Satzes aus. Da in einem Gespr¨ach oft nicht klar ausformulierte und abgeschlossene S¨atze vorliegen, bringt die Analyse einige Schwierigkeiten mit sich. Zur Bestimmung der Illokutionen muss der Kontext und die Intonation zu Hilfe genommen werden. L¨angere ¨Ausserungen sind mit dieser Theorie schwer auf ihre kommunikative Funktion zu untersuchen. Zwar kann aus dem Gesprochenen die Intention des Sprechers/ der Sprecherin eruiert werden, der komplexe Vorgang im kommunikativen Wechselspiel des Gespr¨aches kann die Theorie jedoch nicht beschreiben. Und doch ist die Methode auch ein Spiegel auch f¨ur die Sprachkompetenz der Gespr¨achsteilneh- merInnen: Da die Theorie auf der Einheit Satz basiert, f¨allt sofort auf, wenn Einheiten formuliert werden, die nur Teile von S¨atzen sind. Die Verwendeten Illokutionen scheinen mir typisch f¨ur eine Diskussion: Im Gespr¨ach wurden Sach- verhalte behauptet, Feststellungen gemacht, es wurde widersprochen und betont, Fragen wurden gestellt und bejaht. So kann also durch die Analyse der Charakter des Gespr¨achs durchaus erl¨autert werden. Spannend w¨are es, weitere Analysen zu den Rollen und dem Sprechverhalten durchzuf¨uhren mit der Frage, ob und wie sich dies in den Sprechakten manifestiert. Abschliessend m¨ochte ich erw¨ahnen, dass mich die Auseinandersetzung mit dem Thema Sprechen sensibilisiert hat: Ich ertappe mich dabei, wie ich den ¨Ausserungen von Mitmenschen und mir spezielle Aufmerksamkeit schenke. Die Arbeit hat mich also nebst den Erfahrungen durch den Arbeitsprozess pers¨onlich bereichert. Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 13
  • 18. Literaturverzeichnis [Ehl84] K. Ehlich. ” Sprechhandlungsanalyse. in Hoffmann, Ludger 1996: Sprachwissenschaft. Ein Reader“. In: Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1984. [GB03a] Andrea Grigoleit und Jilline Bornand. Deutsche Sprache. Grundbegriffe der Sprachwis- senschaft 1/2. Semiotik, Semantik, Pragmatik. Z¨urich: Compendio Bildungsmedien AG, 2003. [GB03b] Andrea Grigoleit und Jilline Bornand. Deutsche Sprache. Grundbegriffe der Sprachwis- senschaft 2/2. Angewandte Gebiete der Sprachwissenschaft. Z¨urich: Compendio Bil- dungsmedien AG, 2003. [IDS03] IDS-DSAv. Transkript der Interaktion FR030: ¨Uber die Ehe. Mannheim: Deutsches Spracharchiv des Institutes f¨ur Deutsche Sprache, 7. Mai 2003. URL: http://dsav- oeff.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR0/FR030/FR030DTW.ZIP (besucht am 20. 10. 2004). [LNR96] Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Portmann Paul R. Studienbuch Linguistik. T¨ubingen: Niemeyer, 1996. [Sea69] John R. Searle. Sprechakte: ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1990, 1969. [Sea79] John R. Searle. Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie. Frank- furt a.M.: Suhrkamp, 1998, 1979. [SG87] Gunnar Skirbekk und Nils Gilje. Geschichte der Philosophie. Eine Einf¨uhrung in die europ¨aische Philosophiegeschichte mit Blick auf die Geschichte der Wissenschaften und die politische Philosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993, 1987. [Wag01] Klaus R. Wagner. Pragmatik der Deutschen Sprache. Frankfurt a.M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York,Oxford, Wien: Peter Lang, 2001. [Wil01] Gero von Wilpert. Sachw¨orterbuch der Literatur. Stuttgart: Alfred Kr¨oner, 2001. Tabellenverzeichnis 2.1. Illokutive Typen nach Searle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 4.1. Ausschnitt aus Transkript ”¨Uber die Ehe” . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 4.2. Das vereinfachte Transkript . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 14
  • 19. 4.3. Gespr¨achsanalyse – Propositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.4. Gespr¨achsanalyse – Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.5. Verwendete Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 4.6. Abfolge der Illokutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 15
  • 20. A. Materialien A.1. Dokumentation der Interaktion FR030 Dokumentation der Interaktion FR030: ¨Uber die Ehe, generiert am 7. Mai 2003 Deutsches Spracharchiv des Institutes f¨ur Deutsche Sprache IDS-DSAv, Mannheim. IDS-DSAv-Dokumentation der Interaktion FR030 Seite 1/1 IDS-DSAv-Dokumentation der Interaktion FR030 Korpus: FR, Grundstrukturen: Freiburger Korpus alte Bezeichnung(en): XBF Datum: 1966, Ort: -, Aufnahmeherkunft: Göttingen Inhalt: Über die Ehe Gesprächstyp: Diskussion Anzahl der Sprecher: 4 Aufnahme Status: freigegeben, digitalisiert, Zugriff per Internet Dauer der Aufnahme: 23m 13s Transkript Status: vorhanden, freigegeben, digitalisiert, Zugriff per Internet, mit der Tonaufnahme synchronisiert ------------------------- Ende der Dokumentation ------------------------- generiert am 2003-05-07 Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 16
  • 21. Deklaration Ich erkl¨are hiermit, ˆ dass ich die vorliegende Arbeit selbst¨andig und nur unter Benutzung der angegebenen Quellen verfasst habe. ˆ dass ich auf eine eventuelle Mithilfe Dritter in der Arbeit ausdr¨ucklich hinweise. ˆ dass ich vorg¨angig die Schulleitung und die betreuende Lehrperson informiere, wenn ich – diese Maturaarbeit bzw. Teile oder Zusammenfassungen davon ver¨offentlichen werde. – Kopien dieser Arbeit zur weiteren Verbreitung an Dritte aush¨andigen werde. Ort, Datum: Unterschrift: Sprechen als Handeln, Maturaarbeit in Linguistik 17