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Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig
Marschall Josef Pilsudski - Held und Objekt
nationalsozialistischer Ostpolitik
Neuerdings wird in Polen aber auch in Deutschland wieder über Pilsudski geschrieben.
Zweifellos spielen dabei die neueren Entwicklungen in Polen, die Ausdehnung der NATO
weit nach dem Osten und alte sowie neue Feindbilder eine Rolle.
Schon früher zeigten sich, dass eine Teil der Herrschenden in Deutschland auf
Konfrontation mit Russland setzte, während andere Russland als festen Bestandteil Europas
sowie als Bündnispartner in Wirtschaft und Politik sahen. Kanzler Bismarck stand bereits
vor Ausbruch des 1. Weltkrieges unter dem Druck dieser gegensätzlichen Auffassungen.
Das Verhältnis zu Polen belasteten oft diese Gegensätze in der Ostpolitik.
In der Außenpolitik Deutschlands spielte ab 1933 das Auswärtige Amt eine wichtige Rolle.
Aber die politische Propaganda, der geistige Krieg, die politischen Aktivitäten der NSDAP
und ihrer Gliederungen sowie die Diversion von NS-Diensten erhielten in den
internationalen Beziehungen einen größeren Stellenwert.
So ernannte der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, den erfahrenen Ostexperten, Prof.
Dr. Theodor Oberländer, 1934 zum Leiter des Bundes Deutscher Osten. Ab Oktober 1934
gab dieser Bund in Königsberg richtungsweisende „Schulungsbriefe des Bundes Deutscher
Osten“ heraus, die für die Ostpolitik der der NSDAP orientierend waren.
Während der Schulungsbrief Nr. 1. Okt. 1934, von einer „Neuergründung unserer
Außenpolitik...einer bedrohlichen Schwäche des Deutschtums ...von Schutzmaßnahmen
gegen Unterwanderung“ berichtete und der Hitler zitiert wurde, beschäftigte sich die Nr. 2,
von Oktober 1934, ausschließlich mit einem Thema: „Polen - der Staat und das Volk.“
Dr. Peter-Heinz Seraphim, später Professor, Spezialist für Antisemitismus in Osteuropa
sowie engster Vertrauter Alfred Rosenbergs, arbeitete Gegensätze zu nationalsozialistischen
Auffassungen, aber auch Ansätze im Osten für ein möglichen gemeinsamen Kampf gegen
die Sowjetunion heraus. Er schrieb von einer Auseinandersetzung zwischen Germanen und
Slawentum, aber auch von einer Christianisierung von bestimmten Slawen, vom Einfluss
germanischer Kultur und bestimmten eigenen Wegen der Slawen, wie zeitweilige
Verständigung mit Russland. Seraphim hob zudem Gegensätze zwischen Litauen und Polen
sowie Polen und der Ukraine bei der Expansion Polens mit Hilfe des Militärs in den Jahren
nach 1918 hervor.
Zugleich stellte Seraphim, mit vielen Worten, Josef Pilsudski als einen „erbitterten“ und
„fanatischen“ Kämpfer gegen Russland vor. Schließlich sprach er sogar von der
Möglichkeit, den „Oberschlesischen Reichtum“ mit der polnischen Wirtschaft auszusöhnen
und Polen als Wall gegen den Osten zu nutzen.
Prof. Dr. Theodor Oberländer, der Leiter des Bundes, konzentriert sich dagegen auf über
sechs Seiten des Schulungsbriefes Nr. 5, vom Januar 1935, auf ein Thema: Die
Machtergreifung des Nationalsozialismus und den gemeinsamen Einsatz von
Reichsdeutschen als dem „Kernvolk“ sowie des „erneuerten Auslandsdeutschtums“ bei der
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„Neuordnung des osteuropäischen Raumes“.
Oberländer stellte sich gegen eine Zusammenarbeit der deutschen Volksgruppen mit den
„Führungsschichten im Osten“. Volksdeutsche hätten überall den nationalsozialistischen
Geist zu verbreiten. „Und so denken wir uns einmal das Deutschtum Osteuropas: ständisch
gegliedert, auf Selbsthilfe aufgebaut, bereit als Träger dieser neuen Idee zu kämpfen, bis die
letzten Reste überalterten Gedankengutes im Ostraum vernichtet sind“ (S. 4). Die
sogenannte Volkstumsarbeit, die sich auf Baltendeutsche, Sudetendeutsche,
Russlanddeutsche, Volksdeutsche in verschiedenen Regionen orientierte, müsse sich nun auf
eine „große Volksgemeinschaft“ konzentrieren und von deren Aufgabe erfüllt sein. „Und
keine deutsche Volksgruppe, die sich zur deutschen Volksgemeinschaft rechnet, hat das
Recht, sich dem großen sozialen Erneuerungsprozess zu entziehen.“ (S. 7 ).
Der spätere Spezialagent, Mitglied der CDU und Minister in Bonn, wieder verantwortlich
für Volksdeutsche, liefert 1935 die Grundlage für die nationalsozialistische Volkstumspolitk
und den Einsatz der Volksdeutsche für die Expansions- und Vernichtungspolitik des
deutschen Faschismus.
Als ab 1936/37 die gesamte „Volkstumsarbeit“ in die Hände der SS überging, konzentrierte
sich Oberländer, neben seiner Propagandatätigkeit und seinen antisemitischen Ausfällen,
immer mehr auf die Diversion im Osten. Die SS vergaß seine Vorarbeit für die NS-Politik
nicht. Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef der Sicherheitspolizei und des SD,
ließ als Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Ende 1940, den a. o. Professor Dr.
Theodor Oberländer zum o. Professor für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaft an die
Prager Deutsche Karls-Universität „bestellen“. Nur wenige Tage danach wurde Oberländer
„mit Wirkung vom 15. 1. 1941“ zum Dekan an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät
„bestimmt“. (Prager Hochschulblätter, H.1/2, Dezember 1940, S. 12 und H. 3/4, Dezember
1942 / Januar 1943, S 12).
Die schrittweise Machterweiterung der SS über alle Deutsche im Ausland, seit der
Gründung der Volksdeutschen Mittelstelle im Januar 1937 unter SS-Obergruppenführer
Werner Lorenz sowie durch den Erlass Hitlers vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung des
deutschen Volkstums“, leitete, abgesehen von minimalen Ausnahmen, des Ende des
Auslandsdeutschtums in Ost- und Südosteuropa ein.
Nach einer Geheimrede Himmlers, im Oktober in Posen 1943, sollen allein 130 000
Volksdeutsch aus der Slowakei, Serbien, Kroatien und Rumänien in der Waffen SS gedient
haben. (Heinrich Himmler, Geheimreden.., Hrsg. v. Bradley, Frankfurt a. Main 1973). Heinz
Höhne nennt in seiner Untersuchung zum „Orden unter dem Totenkopf“, erschienen
Augsburg 1967, auf Seite 6 dann sogar 310 000 Volksdeutsche, die in der SS gekämpft
hätten.
Zu dem hatte die SS außerhalb der „Reiches“, im Osten und Südosten Europas, in allen
verbündeten Ländern und besetzten Gebieten, „FS Einheiten“, sogenannte Freiwillige
Selbstschutzeinheiten aus Volksdeutschen, geführt von SS-Einsatzkommandos, gründet,
ausgebildet, bewaffnet und eingesetzt. Was an Volksdeutschen noch übrig war, „führte“ die
SS, von 1942 beginnend bis Ende 1944, organisiert ins Reich, in den Grenzen von 1939,
„zurück“. Damit endete vorerst das Konzept Oberländers für das „Deutschtum im Ausland
Osteuropas.“ (Politischer Dienst für SS und Polizei, 4. Folge 1944, Informationsdienst,
Rückkehr ins Reich. Nur für den Dienstgebrauch, S. 1 - 2. u. Unterredung der Stabsführerin
des Deutschen Roten Kreuzes, Der Freiheitskampf, Dresden, 27. 7. 1944.)
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Um 1935 tauchten auf dem streng kontrollierten Buchmarkt in Deutschland zahlreiche
Schriften über und von Pilsudski auf. So zum Beispiel:
Josef Pilsudski, Gesetz und Ehre, Eugen Diederichs Verlag, Jena ( Übersetzung).
Waclaw Lipinski, Josef Pilsudski, der große Marschall, Essener Verlagsanstalt, Essen
(Übersetzung).
Anton Loser, Joseph Pilsudski, Eine Lebensbeschreibung auf der Grundlage seiner eigenen
Schriften, Hirzel, Leipzig.
Karl Anton, Vogt, Noch ist Polen nicht verloren, Paulus Verlag, Kaiserslautern.
Karl Riedl, Werner von Blomberg, Josef Pilsudski, Erinnerungen und Dokumente,
Ausgewählte Schriften, Essener Verlagsanstalt, Essen.
Hinzu kamen eine ganze Reihe von Artikel in ausgewählten Zeitschriften und NS-Führungs-
und Informationsmaterial zu diesem Thema. All das offenbarte eine zentral gesteuerte
Kampagne.
Schon einmal stützten sich in Krisenzeiten für Deutschland die Heeresführung, Teile der
Regierung und konservative Vereinigungen auf Pilsudski, um ihn zur Rettung ihrer
Herrschaft auszunutzen.
Pilsudski hatte sich mit seiner feindlichen Haltung zu Russland, Aktionen gegen den Zaren
sowie der Führung einer militärischen Kampfgruppe (Kampforganisation), die gegen
russische Truppen im zweiten Weltkrieg vom Gebieten Österreichs aus im Osten kämpfte,
auch beim deutschen Adel und deutschen Militärs Ansehen erworben. Da er sich aber nicht
im Verlauf des Krieges für Deutschland verpflichtete, inhaftierte die deutsche Polizei
Pilsudski und hielt ihn in Magdeburg in Haft.
Im Zugsamenhang mit der Revolution in Russland, den Zusammenbruch der deutschen
Front und der Angst des Militärs und des deutschen Adels vor der Revolution, holten „zwei
deutsche Offiziere in Zivil“ Pilsudski November 1918 aus der Haft und brachten ihn sofort
nach Berlin. (Josef Pilsudski, Gesetz und Ehre, Jena 1935, S. 61 – 63). In Berlin erhoben
Diplomaten und Offiziere Pilsudski zum General und kleideten ihn ein. Harry Graf Keßler,
ehemals Jurist im preußischem Staatsdienst, Offizier, nun Gesandter in außerordentlicher
Mission in Polen, begleitete Pilsudski in einem Sonderzug nach Warschau. Damit wurde
Pilsudskis Weg zum Marschall von Polen geebnet.
Schon am 11. Oktober 1918 erhielt Pilsudski den Oberbefehl über die polnischen Truppen.
Die deutsche Seite spekulierte damit, dass Pilsudski den Vormarsch der revolutionären
Truppen, die Revolution vom Osten stoppte und den angeschlagen deutschen Truppen einen
Rückzug durch Polen, mit nur geringen Verlusten, gewährte.
Pilsudski stoppte nicht nur den Vormarsch der Roten Truppen, sondern erweiterte Polen
durch militärische Aktionen gegen Russland. Er gliederte auch einige umstrittene sowie
ehemals zu Österreich gehörende Gebiete in Polen ein. Im Mai 1926 festigte er seine Macht
durch einen Militärputsch. Das autoritäre System imponierte der NS-Führung.
Pilsudski taktierte mit den Großmächten, besonders England, dass ein Polen gegen die
Sowjetunion aber auch gegen Deutschland wollte. Deutschland unter Hitler schloss
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Verträge mit Polen (Nichtangriffspakt). Zwischen Goebbels und besonders Göring sollen
persönliche Beziehungen zum Marschall Pilsudski bestanden haben.
Den zeitweiligen Stellenwert von Pilsudski für die faschistischen Herrscher in Deutschland
spiegelte eine längerfristig vorbereitete Herausgabe einer von „Josef Pilsudski, dem Ersten
Marschall von Polen, persönlich autorisierte deutsche Ausgabe“ von vier Bänden „Josef
Pilsudski Erinnerungen und Dokumente“ ab 1936 wider. Das Militärhistorische Büro in
Warschau wählte den Inhalt dieser deutschen Fassung aus und redigierte sie auch selbst.
Diese vier Bände erschienen in der Essener Verlagsanstalt der NSDAP, Band I u. II, 1935 u.
Band III u. IV, 1936. Eine extra Ausgabe der vier Bände war in rotem Leder gebunden und
mit einem goldenen Wappen Polens verziert.
Das Geleitwort zum Band I, „Meine ersten Kämpfe“, schrieb Ministerpräsident General
Hermann Göring im August 1935 unter der Überschrift „Männer machen Geschichte“.
Göring hob das Schicksal des Nachbarvolkes hervor, lobte Pilsudskis Größe, verkündete
Hitlers Trauer über den Tod von Pilsudski und sprach sich indirekt für ein weiteres
Zusammengehen mit Polen aus. Durch Görings Vorwort war die Prachtausgabe von der
Spitze des NS-Staates autorisiert.
Vor dem ersten Abschnitt im Band I, „Meine ersten Kämpfe“, hatte (Major) Dr. Waclaw
Lipinski, vom Militärhistorischen Büro in Warschau, eine biographischen Einleitung „Der
Große Marschall“ eingefügt. Ein Nachwort zum Band I lieferte Prof. Dr. Achim von Arnim,
Rektor der Technischen Hochschule Berlin, Professor für Wehrwissenschaft und
SA-Gruppenführer.
Der Band II, „Das Jahr 1920“, war mit einem Vorwort des Kriegsministers und
Oberbefehlshabers der Wehrmacht, Generaloberst von Werner von Blomberg versehen. Auf
den Seiten XV und XVI schrieb er: „Polen hat in schweren Kämpfen den Bolschewismus in
den Räumen seines Ursprungs zurückgeworfen und vor ihm einen festen Damm gegen den
Westen errichtet. Es hat damit Europa und besonders Deutschland vor dem Zusammenbruch
bewahrt und zur Erhaltung der gesamten abendlichen Kultur in entscheidender Weise
beigetragen. Das nationalsozialistische Deutschland Adolf Hitlers weiß diese Leistung zu
schätzen.“
Für den Band III schrieb Generalmajor Dr. Friedrich von Rabenau, ehemals Kommandant
von Breslau, nun Chef der Heeresarchivs, das Vorwort.
Den Band IV, „Reden und Armeebefehle“, eröffnete der Pole Dr. Waclaw Lipinski mit
einem umfangreichen Beitrag zu diesem Thema.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum haben Hitler und seine
Führungsriege sich zu diesem Zeitpunkt demonstrativ auf Pilsudski und das Polen
Pilsudskis orientiert ?
Zweifellos suchte der Deutsche Faschismus nach einem erfahrenen und fanatischen Partner,
um gegen Sowjetrussland vorzugehen. Das spiegelte sich auch in den Schulungs- und
Informationsschriften der Gauleitungen der NSDAP wider. „Der Vorposten, Mitteilungsblatt
der Gauleitung Sachsen der NSDAP, Gauschulungsblatt“, Nr. 5, vom Mai 1935 begrüßte
die „Wiederannahme der friedlichen Beziehungen zwischen Polen und dem deutschen
Reich“, weil sie als verwandte Völker berufen wären, Wesentliches für die Erhaltung der
europäischen Kultur beizutragen. Beziehungen Polens zu Russland würde Polen und der
„deutschen Seele“ entgegenstehen.
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Die NS-Propaganda erwähnte nicht, dass Polen einst auch von anderen Ländern, auch von
Deutschland und Österreich, unterdrückt wurde. Die religiösen Gegensätze zwischen den
slawischen Völkern klammernden die deutschen Faschisten aus. Nur ganz intern
registrierten sie das schnelle Wachstum der Bevölkerungszahl von Polen als ein Problem für
die Politik des Landes und eine Ursache für den aufkommenden Nationalismus. So
registrierten sie 1935 für Polen 34 Millionen Einwohner, davon 69 Prozent Polen. Die
31 Prozent „Fremdstämmigen“ in Polen galten bei den deutschen Faschisten als eine
Schwäche des aufstrebenden Staates.
Die hohe Zahl von über 14 bis 15 Millionen Polen im Ausland, als politischer Faktor, wurde
in den Medien ausgeklammert. So waren 1930 etwas über 3,7 Millionen Polen allein im
Ruhrgebiet Deutschlands gemeldet, davon die meisten als deutsche Staatsbürger.
Frankreich und besonders England hatten als Siegermächte von 1918, Europa so aufgeteilt,
dass nicht nur Deutschland, Österreich und Ungarn geschwächt wurden, sondern die
Auflagen neu, schwächende Konfliktstoffe für Europa in sich trugen. So wurde Tirol
gespalten, Südtirol mit seiner alten deutschsprachigen Bevölkerung Italien zugesprochen.
Der einst verbündete Faschist, Mussolini, ließ nicht nur durch seine Abenteuer in
Mittelmeerraum bei Hitler und seinen Unterführer Zweifel über seinen Nutzen als
Bündnispartner aufkommen, sondern vor allem durch seine brutale Unterdrückungspolitik
gegen die deutsche Bevölkerung in Südtirol offene Konflikte entstehen. Schriften in
deutscher Sprach, der Gebrauch der deutschen Sprache in den Schulen und öffentlichen
Einrichtungen wurden verboten. Italienische Faschisten gingen sogar mit Gewalt gegen die
deutsche Minderheit vor.
Die deutschen Faschisten protestierten dagegen und begannen, einen geistigen Krieg gegen
ihren ehemaligen verbündeten Faschisten wegen Ablehnung der Rassentheorie und einer
angeblich völlig anderen Herrschaftsordnung zu führen.
So veröffentlichte das „Neue Volk, Blätter des Aufklärungsamtes für Bevölkerungspolitik
und Rassenpflege vom 1. Juli 1937 auf den Seiten 12 bis 30 einen umfangreichen Artikel
vom Rassentheoretiker Prof. Erich Jaensch. Er erklärte, dass die „Ordnung des Römischen
Reiches“, der Faschismus, mit der Ordnung des deutschen Reiches unverträglich sei. Das
Wesen der Völker wäre ebenso unterschiedlich. Der Faschismus stehe an einer
Wegkreuzung. Deutschland sehe sich dem „Bluterbe verpflichtet“, nur eine Annäherung
zum Rassengedanke würde eine „Gemeinschaft begünstigen“. Das „Neue Volk“ galt ab
1937 als offizielles Organ des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP.
Goebbels drückte durch, dass in deutschen Schriften in Deutschland nicht mehr der Begriff
Faschismus, sondern nur noch Nationalsozialismus verwandt werden durfte, obwohl er
selbst wenige Jahre vorher dazu publiziert hatte.
Am 1. August wies dann der Stellvertreter des Führers in einem „Rundschreiben 127/39 an,
dass der Begriff „Drittes Reich“ auch nicht mehr verwendet werden soll und nun Sorge
getragen werden müsse, dass dieser Begriff „aus dem Sprachgebrauch verschwindet“. Aus
dem Sprachgebrauch verbannen später Goebbels und auch die Wehrmacht die Begriffe
Österreich, Ostmark, Ostmärker.
Bemerkenswert ist, dass kurz vorher, vom 30. April 1936 bis 27. Mai 1936, eine Erklärung
des Reichsministerium des Inneren, des Propagandaministeriums, des Auswärtigen Amtes,
des Rassenpolitischen Amtes und des Stellvertreter des Führers an alle Dienststellen des
Staates, der Partei und Gremien der Wirtschaft verschickt wurde. In ihr betonten sie, dass
jetzt „zwischen Personen deutschen und artverwandten Blutes einerseits, und zwischen
5
Juden und sonstigen Artfremden anderseits unterschieden“ werde. Das gelte auch für die
„in Europa siedelten Völker“.
Zugleich erklärte Reichsminister Wilhelm Frick, auf der Tagung der Nordischen
Gesellschaft im Juni 1936, dass der Gedanke, vom „nordisch bestimmten Volk“, vom
nordischen Germanentum in der Gesetzgebung des „Dritten Reiches“ einen festen Platz
hätte und besonders von der SS verkörpert würde. (Rasse. Monatszeitschrift der Nordischen
Bewegung, Hrsg. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, H. 6. 1936, S. 257 ff.) Damit begannen
Hitler, seine Unterführer und Theoretiker die Rassentheorie zu nutzten, um sich zu diesem
Zeitpunkt vom Faschismus Italiens abzugrenzen.
Die Rassentheorie war eine Scheinbegründung für die Herrschaftssicherung, den
Massenmord, die Unterwerfung Europas und die Beherrschung des Ostens durch die
deutsche, angebliche nordische Rasse. Sie sollte die Deutschen und und ihre Verbündeten zu
willigen Gefolgsleuten mit einer scheinbaren Überlegenheit formieren sowie ihre
Aggressionsbereitschaft fördern.
Die Rassentheorie, besonders der Antisemitismus, durchdrangen alle Bereiche der
Gesellschaft. Selbst der Evangelische Preßverband gab 1935 in seiner Schriftenreihe „Das
Rüstzeug“ eine besondere „Handreichung zum Weltanschauungskampf der Gegenwart“
heraus. Die Handreichung trug den Titel „Rasse und Rassenseele“. Der Thüringer
Landesbischof Martin Sasse gab extra anlässlich des Pogroms gegen die Juden in
Deutschland ein Schrift mit dem Titele „Martin Luther: Weg mit ihnen!“ heraus, die in
Freiburg im Breisgau verlegt wurde. Im Vorwort dazu, geschrieben er am 23. November
1938 in der „Wartburgstadt Eisenach“. Dort schrieb er, das in Deutschland, am 10.
November zu Luthers Geburtstag die Macht der Juden in Deutschland „endgültig gebrochen
und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung ...gekrönt“ sei.
Aber auch „Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD“ eröffnete die nur für den inneren
Gebrauch bestimmte Schriften für die „Politische und Weltanschauliche Erziehung“ mit
dem Heft 1 „Der Rassengedanke und seine Gesetzliche Gestaltung“. Einerseits erhobt er
die SS zum Vorbild „einer rassischen Erneuerung“, zum „nordischen Mensch“, andererseits
verpflichtete er sie, gegen alle „Artfremden“ vorzugehen. Dieser aggressive Stimmung und
ihr Antisemitismus wütete wenige Monate später in besetzten Polen.
Nur im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Berlin, im August 1936, wurde die
extreme und totale Rassenpropaganda sowie Verfolgung von Juden etwas zurückgefahren.
Hitler bereitet in der zweiten Hälfte des Jahres 1937 den Einmarsch in Österreich und in das
Sudetenland vor. Damit schobt sich Hitlers Machtbereich bis an die Grenzen Italiens.
Deshalb wolle er die Spannungen mit Mussolini mindern und ihn sogar wieder als
Bündnispartner gewinnen. So verschwand der hochgespielte Gegensatz zum Faschismus
Mussolinis plötzlich wieder in der Tagespropaganda. Hitler lud den italienischen Diktator
sogar ein und bereitete Mussolini, Ende September 1937 in Deutschland, einen
„triumphalen Empfang“.
Am 12. März 1938 marschierte Hitler in Österreich ein. Drei Monate darauf, am 21. 6. 1938
„untersagt der Stellvertreter des Führers, Heß, jede „Propaganda für eine Rückkehr von
Südtirol ins Reich.“ (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Gau Tirol – Vorarlberg,
Sammelrundschreiben, 17. Juni 1938). Im gleichen Rundschreiben verbreitete der
„Gaupropaganda-Leiter des Gaues“, der Führer habe nun endgültig die Grenzen zu Italien
anerkannt, damit bestehe nun Freundschaft zu Italien und es müsse alles Unterbleiben, was
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diese Freundschaft schaden könnte. Der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer ließ sogar, auf
Anweisung des Reichsstatthalters Baldur von Schirach in Wien, in allen Verlagen und
Buchhandlungen die Literatur über Südtirol von der Gestapo und dem SD überprüfen.
(Sicherheitsdienst des RFSS, SD Donau, Unterabschnitt Tirol, Lagebericht II 224, Juni
1939, S. 4).
Diese Erklärungen richteten sich besonders gegen österreichische nationalsozialistische und
konservative Gruppen, die bis 1937 in ihrem Kampf um Südtirol von der NSDAP
unterstützt wurden, sogar militärische Ausbildung erhielten, nun aber von der Anerkennung
der Teilung Tirols enttäuscht waren.
Erst ab 21. Oktober 1939 kam es zu konkrete Vereinbarungen zwischen Deutschland und
Italien über die „Rück- und Auswanderer der Deutschen aus Südtirol“. Der Reichsführer SS
handelte die einzelnen Maßnahmen dafür aus, die die SS umsetzte. Viel Deutsche in
Südtirol folgten jedoch der „Rücksiedlung“ nicht. (Handausgabe der Umsiedlungs-
Bestimmungen für deutsche Opanten, Oktober 1940). Damit hatte Hitler sein Versprechen
gegenüber den Deutschen in Südtirol gebrochen.
Pilsudski starb am 12. Mai 1935 kurz bevor der erste Band seiner Erinnerungen und
Dokumente in Deutschland erschien.
Schon ab Ende 1936 zeigten sich Signale, dass sich das Verhältnis Hitlerdeutschlands zu
Polen und zum Teil auch zu Pilsudski wandelte. Sowohl in der überregionalen
Massenpresse, als auch in der der Gaue, war kaum noch etwas über Pilsudski und seiner
Armee zu finden. Dagegen nahmen die antibolschewistische Hetze, die Polemik gegen den
liberale Westen und der Ruf zur Osterweitung zu. Dabei traten nicht nur führende
Faschisten, SS-Führer und Ostexperten, Publizisten, wie Kurt Ziesel, Werner von Lojewski,
sondern auch immer mehr nationalsozialistische Schriftsteller, wie Werner Beumelburg,
Edwin Erich Dwinger, Franz Schauwecker und Heinz Steguweit in der NS-Propaganda in
Erscheinung. Die Massenmanipulation erreichte in Deutschland zu dieser Zeit noch nie
gekanntes Ausmaße.
In der im März 1938 neugegründeten Zeitschrift für Ostpolitik der NSDAP „Der Deutsche
im Osten“, die in Danzig erschien, schreib im Heft 3, vom Mai 1938, Karl Hans Fuchs
einen abgesegneten Beitrag unter der Überschrift: „Pilsudski - Größe, Tragik und Grenzen
seiner Persönlichkeit“.
Fuchs wiederholte nochmals die deutsche Hilfe für Pilsudski 1918 und lobte die von der
NSDAP herausgegebenen vier Bände von Pilsudski sowie seine ehemaligen „antirussischen
Tendenzen“. Neu in diesem Beitrag war, dass Pilsudski als Feldherr und Staatsmann
gewürdigt wurde, der „völkisches Denken“ und „Autoritäre Staatslenkung“ betrieben hätte.
Er galt deshalb als „politischer Soldat“, der „nach Hitler und Mussolini den Stempel der
Zeit“ auch Polen einst aufgedrückt habe.
Aber schon im Heft im Juliheft von 1938 stand die Rede von Goebbels, auf einer
Gaukulturtagung in Danzig, unter dem Motto, „Danzig – Breslau – Königsberg, das Dreieck
deutschen Willens“, im Mittelpunkt. Diese Städte erklärte er zu „Vororten des deutschen
Ostens“. Anschließend erhob die NSDAP sogar Schlesien zum „Grenzhüter der deutschen
Kultur“ und „Volkstumsarbeit“ im Osten und Südosten Europas.
Zugleich wurde „Das ukrainische Problem“ im Zusammenhang mit Pilsudski behandelt.
Die Ukraine hätte unter dem Einfluss bolschewistischer Nationalitätenpolitik und den
Versuchen Pilsudskis gestanden, eine „Großmacht im Osten“ zu errichten. Pilsudski habe
auf „seine Großmachtpläne verzichtet“, da es schon mit dem erweiterten Großpolen
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Probleme gegeben habe, vor allem weil diesem Staat schon zur Zeit „40% Fremdstämmige“
angehören würden und die „Polonisierung“, in einer möglichen größeren Macht, noch mehr
Probleme mit sich gebracht hätte.
Schließlich wurde der Nichtangriffspakt Deutschlands mit Polen und die Beziehungen zum
Westen behandelt. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob Polen überhaupt noch an der
„Neugestaltung Europas“ mitwirke.
Im August 1938 gaben Reichsamtsleiter der NSDAP Hans Hagemeyer und
Reichshauptstellenleiter der NSDAP, Dr. Georg Leibbrandt, nach 1941 Mitglied von
Rosenbergs Ostregierung und Teilnehmer an der Wannseekonferenz, später Vertrauten
Globkes und Adenauers, die Schrift „Europas Schicksal im Osten“ heraus.
NSDAP Reichsleiter Alfred Rosenberg betonte darin die besondere Verantwortung der
„200 000 Schriftsteller“ in Deutschland, der Bücher, Zeitungen und 900 Zeitschriften für die
Propaganda der Ost- und Rassenpolitik. Deutschland habe die „Sendung, Schildwache der
europäischen Kultur zu sein.“ Der Kampf des Nationalsozialismus sei heute ein „Weltkampf
geworden“. In rund 12 Beiträgen wurde dieser angebliche notwendige „Schicksalskampf“
gegen den Osten, oft mit Elementen der faschistischen Rassentheorie vermengt, stets
hervorgehoben. Damit stellten Rosenberg und seine Gefolgsleute Hitlerdeutschland breites
ab 1938 auf die Unterwerfung des Ostens Europas und die Vernichtung von „Artfremden“
ein.
Alfred Rosenberg, der sich als ehemaliger Baltendeutscher in dieser Region nicht
wohlfühlte, wie aus Notizen von 1935 zu seinem „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“
hervorgeht, in die Kunst und Architektur sowie den Antisemitismus, wie Hitler, flüchtete,
studierte auch zeitweise an der Moskauer Universität. In Moskau und auf der russischen
Krim erlebte er die Anfänge der Revolution von Russen, die er als „feindselige“ Geschöpfe
empfand. Seinen Weg sah er in einem germanischen Deutschland, in Schriften von Houston
Stewart Chamberlain und anderen Rassisten sowie in Hitler und dessen Bewegung. Durch
seine spätere Einmischung in die verschiedenste Bereich der Nationalsozialisten und der
Überbetonung der Rassentheorie entstanden Rivalitäten. Aber wegen seiner Vergangenheit,
seiner „Kenntnisse“ über das Baltikum und Russland, seinem Hass gegen Juden und
Slawen, ernannte ihn Hitler 1941 zum Ostminister. Rosenberg berief dann auch in seine
Ostregierung viele seiner willigen Untergebenen aus den Rassenpolitischen Ämtern der
NSDAP.
Am 10. November 1938, einen Tag nach dem unmenschlichen Pogrom gegen die Juden in
Deutschland, versammelte Hitler 400 „namhafte Verleger und Journalisten“ zu einer
Geheimtagung in München. Dort erklärte er, dass er nur aus taktischen Gründen den
„Friedenswillen“ Deutschlands propagiert habe. Diese „Illusion in den Gehirnen“ müsse auf
„militärische Lösungen“, auf „Endsieg“ einer „Geschworenen Gemeinschaft“, auf Krieg
umgestellt werden.
Im Heft 9 , 1939 der ostpolitischen Zeitschrift ließ man dann den Professor und Direktor des
Ostlandinstitutes Danzig und Leiter einer NS-Gauhauptstelle, Walter Recke zu Wort
kommen. Die Überschrift zeigte den nun offenen Konfrontationskurs zu Polen an: „Der
Zusammenbruch von Warschau“, mit dem Untertitel „Die Rolle Pilsudskis“.
Auf wenigen Zeilen schildert er nochmals den „Befehl aus Berlin“, Pilsudski zu helfen.
Dann kritisiert er die Rolle Polens nach Pilsudski und die in der letzten Zeit angebliche
Zersetzungsarbeit vor allem mit Großbritannien gegen Deutschland. Pilsudski hätte in
manchen Fragen taktiert. Jetzt hätte sich Polen zum unzuverlässigen „Taktierer“ entwickelt.
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In der Sonntagsausgabe der „National Zeitung“ vom 28. Januar 1939, einem zentralen
Sprachrohr der NSDAP, ließ der deutsche Außenminister Ribbentrop aus taktischen
Gründen erklären, dass er angeblich kein Problem in den deutsch-polnischen Beziehungen
sehe, was nicht gelöst werden könne.
In der gleichen Zeitung wurde kurz darauf der Selbstmord eines Vertrauten Pilsudski, Oberst
Slaweks und der „Anschlag“ gegen eine anderen Vertrauten Pilsudskis, als ein Anschlag
gegen die deutsch-polnischen Beziehungen hochgespielt. Schließlich veröffentlichte das
gleiche Sprachrohr der NSDAP am 7. April 1939 einen Leitartikel mit der Überschrift:
„Abkehr von Pilsudski?“. In ihm wird ein Abkehr Polens vom deutsch-polnischen
Freundschaftsabkommen angedeutet und eine offene Zunahme des englischen Einflusses
auf das Land hervorgehoben.
Später sprechen Informationsmaterialien der SS sogar vom „englischen Versuch“, Polen als
Rammbock gegen die UdSSR und gegen Deutschland zu benutzen.
Aber schon viele Monaten vorher hatte Hitler und seine Führungsriege ein Zusammengehen
mit Polen aufgegeben und eine Neuordnung des Ostens unter der Führung Deutschlands
geplant. So begann ab März 1939 der nationalsozialistische Propagandaapparat mit einer
sich maßlos steigernden geistigen Vorbereitung des Überfalls auf Polen. Bereits am 9. Mai
1939 meldete Gauamtsleiter Dr. Fritz Arlt in der „Schlesischen Tageszeitung“, dass die
„rassischen Kräfte Schlesiens als Stoßkraft“ bereitstehen würden. Schlesien sei nun das
„Ausfalltor des nordischen Menschen“. Andere spielten den Nationalismus in Polen als eine
drohende Gefahr hoch.
Neben den politischen und militärischen Kriegsvorbereitungen, bemühten sich deutsche
Diplomaten, um Verträge mit der UdSSR, die den Überfall auf Polen absichern sollten.
Am 24. August 1939 verbreiteten die Massenmedien in Deutschland, dass nach einer
mehrstündigen Konferenz, des Ministers Ribbentrop und Graf von Schulenburgs mit Stalin
und Molotow in Moskau, der Wortlaut des „Nichtangriffspakten zwischen Deutschland und
der UdSSR“ vom 23. August 1939 veröffentlicht worden sei.
Wichtiger als der Nichtangriffspakt war das am gleichen Tag unterzeichnete „Geheimes
Zusatzprotokoll“, in dem die „beiderseitigen Interessensphären“ festgeschrieben wurden.
Im Abschnitt 1 überließ Deutschland die baltischen Staaten mit Finnland, dem Einfluss der
UdSSR und nannten die Grenze dieses sowjetischen Einflussgebietes als Grenze des
anschließenden deutschen Einflussgebietes.
Der 2. Abschnitt beschäftigte sich mit der „Umgestaltung des polnischen Staates“ und mit
den Grenzen des Einflussgebietes auf dem Territorium des ehemaligen polnischen Staates.
Anschließend wurde betont, dass alle Fragen freundschaftlich geklärt werden, was auch auf
Südosteuropa zuträfe.
Polen war schon aufgeteilt, bevor die deutschen Faschisten dieses Land am 1. September
1939 überfielen. Erst am 18. September 1939 gab die UdSSR den Befehl zum Einmarsch in
ihre Interessengebiete. In diesem Zusammenhang übergab die Wehrmacht der Roten Armee,
oft feierlich, viele Regionen Polens, die sie vorher besetzt hatte.
Schon am 28. September 1939 schlossen Deutschland und die UdSSR einen „Grenz- und
Freundschaftsvertrag“ in Moskau ab, in dem sie die Aufteilung Polens nochmals festhielten.
Dabei wurde noch ein „Geheimes Zusatzprotokoll“ unterzeichnet, in dem Deutschland der
UdSSR Litauen als Interessensphäre zusprach, die UdSSR dagegen Deutschland Gebiet um
Lublin und Warschau überließ.
Schließlich unterzeichneten die Deutsche Regierung und die Regierung der UdSSR dabei
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noch ein weiteres „Geheimes Zusatzprotokoll“. Beide Seite erklärten, dass sie keine
polnische Agitation dulden werden, die in ihrer Gebiete hineinwirke.
Deutschland eröffnete die Besetzung und Zerstückelung Polens mit dem Erlass des
Generalgouverneurs, Dr. Hans Frank, für den Teil Polens, der als von der NSDAP besiegtes
und verwaltetes Gebiet (Generalgouvernement) galt, mit der Verordnung vom 14.
November 1929 über die Todesstrafe für Polen, die Gewalt gegen Deutsche, das deutsche
Reich, deutsche Behörden, und deutsche Vollzugsbeamte ausüben würden.
Noch menschenfeindlicher drückte sich der SS-Gruppenführer und Befehlshabender der
Ordnungspolizei im Generalgouvernement, Herbert Becker, am 17. November 1939 in der
„Krakauer Zeitung“ aus: „Es wird mit eisernem Besen ausgekehrt. Diejenigen..., die es noch
versuchen sollten, die Ordnung und Ruhe im Lande zu stören, werden bald verschwunden
sein... Wem wir mit der Waffe in der Hand antreffen...der erlebt den Abend nicht mehr.“
Andere Verordnungen gaben Polen, wie Juden, der Vernichtung frei.
Für die politische Taktik und Heuchelei des deutschen Faschismus in der Öffentlichkeit war
der Tagesbefehl des deutschen Kriegsministers, Generalfeldmarschall Walter von
Brauchitsch, vom 7. September 1939 interessant. Er befahl der Wehrmacht, am Grabe von
Pilsudski, im überfallenen Polen, eine Ehrenwache aufzustellen.
Pilsudski war Pole, der einst gegen die Unterdrückung seines Landes durch das zaristische
Russland mit der Waffe kämpfte. Mit einer Militärregierung und Kriege erweiterte er Polen
in einer Zeit, als der Osten und der Teile des Westens Europas völlig geschwächt waren.
Die westlichen Großmächte förderten oder duldeten dagegen jeden Krieg gegen die UdSSR.
Marschall Pilsudski selbst bleib keine Zeit, Polen in ein verändertes Europa zu Beginn der
dreißiger Jahre zu führen und sich zwischen möglichen Bündnisangeboten zu entscheiden.
Deutschland unter Hitler überfielen Polen, ihren angeblichen ehemaligen Bündnispartner,
um ihn „als Staat in Europa“ zu vernichten. Sie nutzen Polen als Aufmarschraum zum
Überfall der UdSSR, der sie kurz vorher Bündnistreue sowie heimliche „Sicherung von
Interessengebieten“ zugesichert hatten.
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Marschall Josef Pilsudski - Held und Objekt nationalsozialistischer Ostpolitik

  • 1. Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig Marschall Josef Pilsudski - Held und Objekt nationalsozialistischer Ostpolitik Neuerdings wird in Polen aber auch in Deutschland wieder über Pilsudski geschrieben. Zweifellos spielen dabei die neueren Entwicklungen in Polen, die Ausdehnung der NATO weit nach dem Osten und alte sowie neue Feindbilder eine Rolle. Schon früher zeigten sich, dass eine Teil der Herrschenden in Deutschland auf Konfrontation mit Russland setzte, während andere Russland als festen Bestandteil Europas sowie als Bündnispartner in Wirtschaft und Politik sahen. Kanzler Bismarck stand bereits vor Ausbruch des 1. Weltkrieges unter dem Druck dieser gegensätzlichen Auffassungen. Das Verhältnis zu Polen belasteten oft diese Gegensätze in der Ostpolitik. In der Außenpolitik Deutschlands spielte ab 1933 das Auswärtige Amt eine wichtige Rolle. Aber die politische Propaganda, der geistige Krieg, die politischen Aktivitäten der NSDAP und ihrer Gliederungen sowie die Diversion von NS-Diensten erhielten in den internationalen Beziehungen einen größeren Stellenwert. So ernannte der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, den erfahrenen Ostexperten, Prof. Dr. Theodor Oberländer, 1934 zum Leiter des Bundes Deutscher Osten. Ab Oktober 1934 gab dieser Bund in Königsberg richtungsweisende „Schulungsbriefe des Bundes Deutscher Osten“ heraus, die für die Ostpolitik der der NSDAP orientierend waren. Während der Schulungsbrief Nr. 1. Okt. 1934, von einer „Neuergründung unserer Außenpolitik...einer bedrohlichen Schwäche des Deutschtums ...von Schutzmaßnahmen gegen Unterwanderung“ berichtete und der Hitler zitiert wurde, beschäftigte sich die Nr. 2, von Oktober 1934, ausschließlich mit einem Thema: „Polen - der Staat und das Volk.“ Dr. Peter-Heinz Seraphim, später Professor, Spezialist für Antisemitismus in Osteuropa sowie engster Vertrauter Alfred Rosenbergs, arbeitete Gegensätze zu nationalsozialistischen Auffassungen, aber auch Ansätze im Osten für ein möglichen gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion heraus. Er schrieb von einer Auseinandersetzung zwischen Germanen und Slawentum, aber auch von einer Christianisierung von bestimmten Slawen, vom Einfluss germanischer Kultur und bestimmten eigenen Wegen der Slawen, wie zeitweilige Verständigung mit Russland. Seraphim hob zudem Gegensätze zwischen Litauen und Polen sowie Polen und der Ukraine bei der Expansion Polens mit Hilfe des Militärs in den Jahren nach 1918 hervor. Zugleich stellte Seraphim, mit vielen Worten, Josef Pilsudski als einen „erbitterten“ und „fanatischen“ Kämpfer gegen Russland vor. Schließlich sprach er sogar von der Möglichkeit, den „Oberschlesischen Reichtum“ mit der polnischen Wirtschaft auszusöhnen und Polen als Wall gegen den Osten zu nutzen. Prof. Dr. Theodor Oberländer, der Leiter des Bundes, konzentriert sich dagegen auf über sechs Seiten des Schulungsbriefes Nr. 5, vom Januar 1935, auf ein Thema: Die Machtergreifung des Nationalsozialismus und den gemeinsamen Einsatz von Reichsdeutschen als dem „Kernvolk“ sowie des „erneuerten Auslandsdeutschtums“ bei der 1
  • 2. „Neuordnung des osteuropäischen Raumes“. Oberländer stellte sich gegen eine Zusammenarbeit der deutschen Volksgruppen mit den „Führungsschichten im Osten“. Volksdeutsche hätten überall den nationalsozialistischen Geist zu verbreiten. „Und so denken wir uns einmal das Deutschtum Osteuropas: ständisch gegliedert, auf Selbsthilfe aufgebaut, bereit als Träger dieser neuen Idee zu kämpfen, bis die letzten Reste überalterten Gedankengutes im Ostraum vernichtet sind“ (S. 4). Die sogenannte Volkstumsarbeit, die sich auf Baltendeutsche, Sudetendeutsche, Russlanddeutsche, Volksdeutsche in verschiedenen Regionen orientierte, müsse sich nun auf eine „große Volksgemeinschaft“ konzentrieren und von deren Aufgabe erfüllt sein. „Und keine deutsche Volksgruppe, die sich zur deutschen Volksgemeinschaft rechnet, hat das Recht, sich dem großen sozialen Erneuerungsprozess zu entziehen.“ (S. 7 ). Der spätere Spezialagent, Mitglied der CDU und Minister in Bonn, wieder verantwortlich für Volksdeutsche, liefert 1935 die Grundlage für die nationalsozialistische Volkstumspolitk und den Einsatz der Volksdeutsche für die Expansions- und Vernichtungspolitik des deutschen Faschismus. Als ab 1936/37 die gesamte „Volkstumsarbeit“ in die Hände der SS überging, konzentrierte sich Oberländer, neben seiner Propagandatätigkeit und seinen antisemitischen Ausfällen, immer mehr auf die Diversion im Osten. Die SS vergaß seine Vorarbeit für die NS-Politik nicht. Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, ließ als Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Ende 1940, den a. o. Professor Dr. Theodor Oberländer zum o. Professor für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaft an die Prager Deutsche Karls-Universität „bestellen“. Nur wenige Tage danach wurde Oberländer „mit Wirkung vom 15. 1. 1941“ zum Dekan an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät „bestimmt“. (Prager Hochschulblätter, H.1/2, Dezember 1940, S. 12 und H. 3/4, Dezember 1942 / Januar 1943, S 12). Die schrittweise Machterweiterung der SS über alle Deutsche im Ausland, seit der Gründung der Volksdeutschen Mittelstelle im Januar 1937 unter SS-Obergruppenführer Werner Lorenz sowie durch den Erlass Hitlers vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung des deutschen Volkstums“, leitete, abgesehen von minimalen Ausnahmen, des Ende des Auslandsdeutschtums in Ost- und Südosteuropa ein. Nach einer Geheimrede Himmlers, im Oktober in Posen 1943, sollen allein 130 000 Volksdeutsch aus der Slowakei, Serbien, Kroatien und Rumänien in der Waffen SS gedient haben. (Heinrich Himmler, Geheimreden.., Hrsg. v. Bradley, Frankfurt a. Main 1973). Heinz Höhne nennt in seiner Untersuchung zum „Orden unter dem Totenkopf“, erschienen Augsburg 1967, auf Seite 6 dann sogar 310 000 Volksdeutsche, die in der SS gekämpft hätten. Zu dem hatte die SS außerhalb der „Reiches“, im Osten und Südosten Europas, in allen verbündeten Ländern und besetzten Gebieten, „FS Einheiten“, sogenannte Freiwillige Selbstschutzeinheiten aus Volksdeutschen, geführt von SS-Einsatzkommandos, gründet, ausgebildet, bewaffnet und eingesetzt. Was an Volksdeutschen noch übrig war, „führte“ die SS, von 1942 beginnend bis Ende 1944, organisiert ins Reich, in den Grenzen von 1939, „zurück“. Damit endete vorerst das Konzept Oberländers für das „Deutschtum im Ausland Osteuropas.“ (Politischer Dienst für SS und Polizei, 4. Folge 1944, Informationsdienst, Rückkehr ins Reich. Nur für den Dienstgebrauch, S. 1 - 2. u. Unterredung der Stabsführerin des Deutschen Roten Kreuzes, Der Freiheitskampf, Dresden, 27. 7. 1944.) 2
  • 3. Um 1935 tauchten auf dem streng kontrollierten Buchmarkt in Deutschland zahlreiche Schriften über und von Pilsudski auf. So zum Beispiel: Josef Pilsudski, Gesetz und Ehre, Eugen Diederichs Verlag, Jena ( Übersetzung). Waclaw Lipinski, Josef Pilsudski, der große Marschall, Essener Verlagsanstalt, Essen (Übersetzung). Anton Loser, Joseph Pilsudski, Eine Lebensbeschreibung auf der Grundlage seiner eigenen Schriften, Hirzel, Leipzig. Karl Anton, Vogt, Noch ist Polen nicht verloren, Paulus Verlag, Kaiserslautern. Karl Riedl, Werner von Blomberg, Josef Pilsudski, Erinnerungen und Dokumente, Ausgewählte Schriften, Essener Verlagsanstalt, Essen. Hinzu kamen eine ganze Reihe von Artikel in ausgewählten Zeitschriften und NS-Führungs- und Informationsmaterial zu diesem Thema. All das offenbarte eine zentral gesteuerte Kampagne. Schon einmal stützten sich in Krisenzeiten für Deutschland die Heeresführung, Teile der Regierung und konservative Vereinigungen auf Pilsudski, um ihn zur Rettung ihrer Herrschaft auszunutzen. Pilsudski hatte sich mit seiner feindlichen Haltung zu Russland, Aktionen gegen den Zaren sowie der Führung einer militärischen Kampfgruppe (Kampforganisation), die gegen russische Truppen im zweiten Weltkrieg vom Gebieten Österreichs aus im Osten kämpfte, auch beim deutschen Adel und deutschen Militärs Ansehen erworben. Da er sich aber nicht im Verlauf des Krieges für Deutschland verpflichtete, inhaftierte die deutsche Polizei Pilsudski und hielt ihn in Magdeburg in Haft. Im Zugsamenhang mit der Revolution in Russland, den Zusammenbruch der deutschen Front und der Angst des Militärs und des deutschen Adels vor der Revolution, holten „zwei deutsche Offiziere in Zivil“ Pilsudski November 1918 aus der Haft und brachten ihn sofort nach Berlin. (Josef Pilsudski, Gesetz und Ehre, Jena 1935, S. 61 – 63). In Berlin erhoben Diplomaten und Offiziere Pilsudski zum General und kleideten ihn ein. Harry Graf Keßler, ehemals Jurist im preußischem Staatsdienst, Offizier, nun Gesandter in außerordentlicher Mission in Polen, begleitete Pilsudski in einem Sonderzug nach Warschau. Damit wurde Pilsudskis Weg zum Marschall von Polen geebnet. Schon am 11. Oktober 1918 erhielt Pilsudski den Oberbefehl über die polnischen Truppen. Die deutsche Seite spekulierte damit, dass Pilsudski den Vormarsch der revolutionären Truppen, die Revolution vom Osten stoppte und den angeschlagen deutschen Truppen einen Rückzug durch Polen, mit nur geringen Verlusten, gewährte. Pilsudski stoppte nicht nur den Vormarsch der Roten Truppen, sondern erweiterte Polen durch militärische Aktionen gegen Russland. Er gliederte auch einige umstrittene sowie ehemals zu Österreich gehörende Gebiete in Polen ein. Im Mai 1926 festigte er seine Macht durch einen Militärputsch. Das autoritäre System imponierte der NS-Führung. Pilsudski taktierte mit den Großmächten, besonders England, dass ein Polen gegen die Sowjetunion aber auch gegen Deutschland wollte. Deutschland unter Hitler schloss 3
  • 4. Verträge mit Polen (Nichtangriffspakt). Zwischen Goebbels und besonders Göring sollen persönliche Beziehungen zum Marschall Pilsudski bestanden haben. Den zeitweiligen Stellenwert von Pilsudski für die faschistischen Herrscher in Deutschland spiegelte eine längerfristig vorbereitete Herausgabe einer von „Josef Pilsudski, dem Ersten Marschall von Polen, persönlich autorisierte deutsche Ausgabe“ von vier Bänden „Josef Pilsudski Erinnerungen und Dokumente“ ab 1936 wider. Das Militärhistorische Büro in Warschau wählte den Inhalt dieser deutschen Fassung aus und redigierte sie auch selbst. Diese vier Bände erschienen in der Essener Verlagsanstalt der NSDAP, Band I u. II, 1935 u. Band III u. IV, 1936. Eine extra Ausgabe der vier Bände war in rotem Leder gebunden und mit einem goldenen Wappen Polens verziert. Das Geleitwort zum Band I, „Meine ersten Kämpfe“, schrieb Ministerpräsident General Hermann Göring im August 1935 unter der Überschrift „Männer machen Geschichte“. Göring hob das Schicksal des Nachbarvolkes hervor, lobte Pilsudskis Größe, verkündete Hitlers Trauer über den Tod von Pilsudski und sprach sich indirekt für ein weiteres Zusammengehen mit Polen aus. Durch Görings Vorwort war die Prachtausgabe von der Spitze des NS-Staates autorisiert. Vor dem ersten Abschnitt im Band I, „Meine ersten Kämpfe“, hatte (Major) Dr. Waclaw Lipinski, vom Militärhistorischen Büro in Warschau, eine biographischen Einleitung „Der Große Marschall“ eingefügt. Ein Nachwort zum Band I lieferte Prof. Dr. Achim von Arnim, Rektor der Technischen Hochschule Berlin, Professor für Wehrwissenschaft und SA-Gruppenführer. Der Band II, „Das Jahr 1920“, war mit einem Vorwort des Kriegsministers und Oberbefehlshabers der Wehrmacht, Generaloberst von Werner von Blomberg versehen. Auf den Seiten XV und XVI schrieb er: „Polen hat in schweren Kämpfen den Bolschewismus in den Räumen seines Ursprungs zurückgeworfen und vor ihm einen festen Damm gegen den Westen errichtet. Es hat damit Europa und besonders Deutschland vor dem Zusammenbruch bewahrt und zur Erhaltung der gesamten abendlichen Kultur in entscheidender Weise beigetragen. Das nationalsozialistische Deutschland Adolf Hitlers weiß diese Leistung zu schätzen.“ Für den Band III schrieb Generalmajor Dr. Friedrich von Rabenau, ehemals Kommandant von Breslau, nun Chef der Heeresarchivs, das Vorwort. Den Band IV, „Reden und Armeebefehle“, eröffnete der Pole Dr. Waclaw Lipinski mit einem umfangreichen Beitrag zu diesem Thema. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum haben Hitler und seine Führungsriege sich zu diesem Zeitpunkt demonstrativ auf Pilsudski und das Polen Pilsudskis orientiert ? Zweifellos suchte der Deutsche Faschismus nach einem erfahrenen und fanatischen Partner, um gegen Sowjetrussland vorzugehen. Das spiegelte sich auch in den Schulungs- und Informationsschriften der Gauleitungen der NSDAP wider. „Der Vorposten, Mitteilungsblatt der Gauleitung Sachsen der NSDAP, Gauschulungsblatt“, Nr. 5, vom Mai 1935 begrüßte die „Wiederannahme der friedlichen Beziehungen zwischen Polen und dem deutschen Reich“, weil sie als verwandte Völker berufen wären, Wesentliches für die Erhaltung der europäischen Kultur beizutragen. Beziehungen Polens zu Russland würde Polen und der „deutschen Seele“ entgegenstehen. 4
  • 5. Die NS-Propaganda erwähnte nicht, dass Polen einst auch von anderen Ländern, auch von Deutschland und Österreich, unterdrückt wurde. Die religiösen Gegensätze zwischen den slawischen Völkern klammernden die deutschen Faschisten aus. Nur ganz intern registrierten sie das schnelle Wachstum der Bevölkerungszahl von Polen als ein Problem für die Politik des Landes und eine Ursache für den aufkommenden Nationalismus. So registrierten sie 1935 für Polen 34 Millionen Einwohner, davon 69 Prozent Polen. Die 31 Prozent „Fremdstämmigen“ in Polen galten bei den deutschen Faschisten als eine Schwäche des aufstrebenden Staates. Die hohe Zahl von über 14 bis 15 Millionen Polen im Ausland, als politischer Faktor, wurde in den Medien ausgeklammert. So waren 1930 etwas über 3,7 Millionen Polen allein im Ruhrgebiet Deutschlands gemeldet, davon die meisten als deutsche Staatsbürger. Frankreich und besonders England hatten als Siegermächte von 1918, Europa so aufgeteilt, dass nicht nur Deutschland, Österreich und Ungarn geschwächt wurden, sondern die Auflagen neu, schwächende Konfliktstoffe für Europa in sich trugen. So wurde Tirol gespalten, Südtirol mit seiner alten deutschsprachigen Bevölkerung Italien zugesprochen. Der einst verbündete Faschist, Mussolini, ließ nicht nur durch seine Abenteuer in Mittelmeerraum bei Hitler und seinen Unterführer Zweifel über seinen Nutzen als Bündnispartner aufkommen, sondern vor allem durch seine brutale Unterdrückungspolitik gegen die deutsche Bevölkerung in Südtirol offene Konflikte entstehen. Schriften in deutscher Sprach, der Gebrauch der deutschen Sprache in den Schulen und öffentlichen Einrichtungen wurden verboten. Italienische Faschisten gingen sogar mit Gewalt gegen die deutsche Minderheit vor. Die deutschen Faschisten protestierten dagegen und begannen, einen geistigen Krieg gegen ihren ehemaligen verbündeten Faschisten wegen Ablehnung der Rassentheorie und einer angeblich völlig anderen Herrschaftsordnung zu führen. So veröffentlichte das „Neue Volk, Blätter des Aufklärungsamtes für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege vom 1. Juli 1937 auf den Seiten 12 bis 30 einen umfangreichen Artikel vom Rassentheoretiker Prof. Erich Jaensch. Er erklärte, dass die „Ordnung des Römischen Reiches“, der Faschismus, mit der Ordnung des deutschen Reiches unverträglich sei. Das Wesen der Völker wäre ebenso unterschiedlich. Der Faschismus stehe an einer Wegkreuzung. Deutschland sehe sich dem „Bluterbe verpflichtet“, nur eine Annäherung zum Rassengedanke würde eine „Gemeinschaft begünstigen“. Das „Neue Volk“ galt ab 1937 als offizielles Organ des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. Goebbels drückte durch, dass in deutschen Schriften in Deutschland nicht mehr der Begriff Faschismus, sondern nur noch Nationalsozialismus verwandt werden durfte, obwohl er selbst wenige Jahre vorher dazu publiziert hatte. Am 1. August wies dann der Stellvertreter des Führers in einem „Rundschreiben 127/39 an, dass der Begriff „Drittes Reich“ auch nicht mehr verwendet werden soll und nun Sorge getragen werden müsse, dass dieser Begriff „aus dem Sprachgebrauch verschwindet“. Aus dem Sprachgebrauch verbannen später Goebbels und auch die Wehrmacht die Begriffe Österreich, Ostmark, Ostmärker. Bemerkenswert ist, dass kurz vorher, vom 30. April 1936 bis 27. Mai 1936, eine Erklärung des Reichsministerium des Inneren, des Propagandaministeriums, des Auswärtigen Amtes, des Rassenpolitischen Amtes und des Stellvertreter des Führers an alle Dienststellen des Staates, der Partei und Gremien der Wirtschaft verschickt wurde. In ihr betonten sie, dass jetzt „zwischen Personen deutschen und artverwandten Blutes einerseits, und zwischen 5
  • 6. Juden und sonstigen Artfremden anderseits unterschieden“ werde. Das gelte auch für die „in Europa siedelten Völker“. Zugleich erklärte Reichsminister Wilhelm Frick, auf der Tagung der Nordischen Gesellschaft im Juni 1936, dass der Gedanke, vom „nordisch bestimmten Volk“, vom nordischen Germanentum in der Gesetzgebung des „Dritten Reiches“ einen festen Platz hätte und besonders von der SS verkörpert würde. (Rasse. Monatszeitschrift der Nordischen Bewegung, Hrsg. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, H. 6. 1936, S. 257 ff.) Damit begannen Hitler, seine Unterführer und Theoretiker die Rassentheorie zu nutzten, um sich zu diesem Zeitpunkt vom Faschismus Italiens abzugrenzen. Die Rassentheorie war eine Scheinbegründung für die Herrschaftssicherung, den Massenmord, die Unterwerfung Europas und die Beherrschung des Ostens durch die deutsche, angebliche nordische Rasse. Sie sollte die Deutschen und und ihre Verbündeten zu willigen Gefolgsleuten mit einer scheinbaren Überlegenheit formieren sowie ihre Aggressionsbereitschaft fördern. Die Rassentheorie, besonders der Antisemitismus, durchdrangen alle Bereiche der Gesellschaft. Selbst der Evangelische Preßverband gab 1935 in seiner Schriftenreihe „Das Rüstzeug“ eine besondere „Handreichung zum Weltanschauungskampf der Gegenwart“ heraus. Die Handreichung trug den Titel „Rasse und Rassenseele“. Der Thüringer Landesbischof Martin Sasse gab extra anlässlich des Pogroms gegen die Juden in Deutschland ein Schrift mit dem Titele „Martin Luther: Weg mit ihnen!“ heraus, die in Freiburg im Breisgau verlegt wurde. Im Vorwort dazu, geschrieben er am 23. November 1938 in der „Wartburgstadt Eisenach“. Dort schrieb er, das in Deutschland, am 10. November zu Luthers Geburtstag die Macht der Juden in Deutschland „endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung ...gekrönt“ sei. Aber auch „Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD“ eröffnete die nur für den inneren Gebrauch bestimmte Schriften für die „Politische und Weltanschauliche Erziehung“ mit dem Heft 1 „Der Rassengedanke und seine Gesetzliche Gestaltung“. Einerseits erhobt er die SS zum Vorbild „einer rassischen Erneuerung“, zum „nordischen Mensch“, andererseits verpflichtete er sie, gegen alle „Artfremden“ vorzugehen. Dieser aggressive Stimmung und ihr Antisemitismus wütete wenige Monate später in besetzten Polen. Nur im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Berlin, im August 1936, wurde die extreme und totale Rassenpropaganda sowie Verfolgung von Juden etwas zurückgefahren. Hitler bereitet in der zweiten Hälfte des Jahres 1937 den Einmarsch in Österreich und in das Sudetenland vor. Damit schobt sich Hitlers Machtbereich bis an die Grenzen Italiens. Deshalb wolle er die Spannungen mit Mussolini mindern und ihn sogar wieder als Bündnispartner gewinnen. So verschwand der hochgespielte Gegensatz zum Faschismus Mussolinis plötzlich wieder in der Tagespropaganda. Hitler lud den italienischen Diktator sogar ein und bereitete Mussolini, Ende September 1937 in Deutschland, einen „triumphalen Empfang“. Am 12. März 1938 marschierte Hitler in Österreich ein. Drei Monate darauf, am 21. 6. 1938 „untersagt der Stellvertreter des Führers, Heß, jede „Propaganda für eine Rückkehr von Südtirol ins Reich.“ (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Gau Tirol – Vorarlberg, Sammelrundschreiben, 17. Juni 1938). Im gleichen Rundschreiben verbreitete der „Gaupropaganda-Leiter des Gaues“, der Führer habe nun endgültig die Grenzen zu Italien anerkannt, damit bestehe nun Freundschaft zu Italien und es müsse alles Unterbleiben, was 6
  • 7. diese Freundschaft schaden könnte. Der Gauleiter von Tirol, Franz Hofer ließ sogar, auf Anweisung des Reichsstatthalters Baldur von Schirach in Wien, in allen Verlagen und Buchhandlungen die Literatur über Südtirol von der Gestapo und dem SD überprüfen. (Sicherheitsdienst des RFSS, SD Donau, Unterabschnitt Tirol, Lagebericht II 224, Juni 1939, S. 4). Diese Erklärungen richteten sich besonders gegen österreichische nationalsozialistische und konservative Gruppen, die bis 1937 in ihrem Kampf um Südtirol von der NSDAP unterstützt wurden, sogar militärische Ausbildung erhielten, nun aber von der Anerkennung der Teilung Tirols enttäuscht waren. Erst ab 21. Oktober 1939 kam es zu konkrete Vereinbarungen zwischen Deutschland und Italien über die „Rück- und Auswanderer der Deutschen aus Südtirol“. Der Reichsführer SS handelte die einzelnen Maßnahmen dafür aus, die die SS umsetzte. Viel Deutsche in Südtirol folgten jedoch der „Rücksiedlung“ nicht. (Handausgabe der Umsiedlungs- Bestimmungen für deutsche Opanten, Oktober 1940). Damit hatte Hitler sein Versprechen gegenüber den Deutschen in Südtirol gebrochen. Pilsudski starb am 12. Mai 1935 kurz bevor der erste Band seiner Erinnerungen und Dokumente in Deutschland erschien. Schon ab Ende 1936 zeigten sich Signale, dass sich das Verhältnis Hitlerdeutschlands zu Polen und zum Teil auch zu Pilsudski wandelte. Sowohl in der überregionalen Massenpresse, als auch in der der Gaue, war kaum noch etwas über Pilsudski und seiner Armee zu finden. Dagegen nahmen die antibolschewistische Hetze, die Polemik gegen den liberale Westen und der Ruf zur Osterweitung zu. Dabei traten nicht nur führende Faschisten, SS-Führer und Ostexperten, Publizisten, wie Kurt Ziesel, Werner von Lojewski, sondern auch immer mehr nationalsozialistische Schriftsteller, wie Werner Beumelburg, Edwin Erich Dwinger, Franz Schauwecker und Heinz Steguweit in der NS-Propaganda in Erscheinung. Die Massenmanipulation erreichte in Deutschland zu dieser Zeit noch nie gekanntes Ausmaße. In der im März 1938 neugegründeten Zeitschrift für Ostpolitik der NSDAP „Der Deutsche im Osten“, die in Danzig erschien, schreib im Heft 3, vom Mai 1938, Karl Hans Fuchs einen abgesegneten Beitrag unter der Überschrift: „Pilsudski - Größe, Tragik und Grenzen seiner Persönlichkeit“. Fuchs wiederholte nochmals die deutsche Hilfe für Pilsudski 1918 und lobte die von der NSDAP herausgegebenen vier Bände von Pilsudski sowie seine ehemaligen „antirussischen Tendenzen“. Neu in diesem Beitrag war, dass Pilsudski als Feldherr und Staatsmann gewürdigt wurde, der „völkisches Denken“ und „Autoritäre Staatslenkung“ betrieben hätte. Er galt deshalb als „politischer Soldat“, der „nach Hitler und Mussolini den Stempel der Zeit“ auch Polen einst aufgedrückt habe. Aber schon im Heft im Juliheft von 1938 stand die Rede von Goebbels, auf einer Gaukulturtagung in Danzig, unter dem Motto, „Danzig – Breslau – Königsberg, das Dreieck deutschen Willens“, im Mittelpunkt. Diese Städte erklärte er zu „Vororten des deutschen Ostens“. Anschließend erhob die NSDAP sogar Schlesien zum „Grenzhüter der deutschen Kultur“ und „Volkstumsarbeit“ im Osten und Südosten Europas. Zugleich wurde „Das ukrainische Problem“ im Zusammenhang mit Pilsudski behandelt. Die Ukraine hätte unter dem Einfluss bolschewistischer Nationalitätenpolitik und den Versuchen Pilsudskis gestanden, eine „Großmacht im Osten“ zu errichten. Pilsudski habe auf „seine Großmachtpläne verzichtet“, da es schon mit dem erweiterten Großpolen 7
  • 8. Probleme gegeben habe, vor allem weil diesem Staat schon zur Zeit „40% Fremdstämmige“ angehören würden und die „Polonisierung“, in einer möglichen größeren Macht, noch mehr Probleme mit sich gebracht hätte. Schließlich wurde der Nichtangriffspakt Deutschlands mit Polen und die Beziehungen zum Westen behandelt. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob Polen überhaupt noch an der „Neugestaltung Europas“ mitwirke. Im August 1938 gaben Reichsamtsleiter der NSDAP Hans Hagemeyer und Reichshauptstellenleiter der NSDAP, Dr. Georg Leibbrandt, nach 1941 Mitglied von Rosenbergs Ostregierung und Teilnehmer an der Wannseekonferenz, später Vertrauten Globkes und Adenauers, die Schrift „Europas Schicksal im Osten“ heraus. NSDAP Reichsleiter Alfred Rosenberg betonte darin die besondere Verantwortung der „200 000 Schriftsteller“ in Deutschland, der Bücher, Zeitungen und 900 Zeitschriften für die Propaganda der Ost- und Rassenpolitik. Deutschland habe die „Sendung, Schildwache der europäischen Kultur zu sein.“ Der Kampf des Nationalsozialismus sei heute ein „Weltkampf geworden“. In rund 12 Beiträgen wurde dieser angebliche notwendige „Schicksalskampf“ gegen den Osten, oft mit Elementen der faschistischen Rassentheorie vermengt, stets hervorgehoben. Damit stellten Rosenberg und seine Gefolgsleute Hitlerdeutschland breites ab 1938 auf die Unterwerfung des Ostens Europas und die Vernichtung von „Artfremden“ ein. Alfred Rosenberg, der sich als ehemaliger Baltendeutscher in dieser Region nicht wohlfühlte, wie aus Notizen von 1935 zu seinem „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ hervorgeht, in die Kunst und Architektur sowie den Antisemitismus, wie Hitler, flüchtete, studierte auch zeitweise an der Moskauer Universität. In Moskau und auf der russischen Krim erlebte er die Anfänge der Revolution von Russen, die er als „feindselige“ Geschöpfe empfand. Seinen Weg sah er in einem germanischen Deutschland, in Schriften von Houston Stewart Chamberlain und anderen Rassisten sowie in Hitler und dessen Bewegung. Durch seine spätere Einmischung in die verschiedenste Bereich der Nationalsozialisten und der Überbetonung der Rassentheorie entstanden Rivalitäten. Aber wegen seiner Vergangenheit, seiner „Kenntnisse“ über das Baltikum und Russland, seinem Hass gegen Juden und Slawen, ernannte ihn Hitler 1941 zum Ostminister. Rosenberg berief dann auch in seine Ostregierung viele seiner willigen Untergebenen aus den Rassenpolitischen Ämtern der NSDAP. Am 10. November 1938, einen Tag nach dem unmenschlichen Pogrom gegen die Juden in Deutschland, versammelte Hitler 400 „namhafte Verleger und Journalisten“ zu einer Geheimtagung in München. Dort erklärte er, dass er nur aus taktischen Gründen den „Friedenswillen“ Deutschlands propagiert habe. Diese „Illusion in den Gehirnen“ müsse auf „militärische Lösungen“, auf „Endsieg“ einer „Geschworenen Gemeinschaft“, auf Krieg umgestellt werden. Im Heft 9 , 1939 der ostpolitischen Zeitschrift ließ man dann den Professor und Direktor des Ostlandinstitutes Danzig und Leiter einer NS-Gauhauptstelle, Walter Recke zu Wort kommen. Die Überschrift zeigte den nun offenen Konfrontationskurs zu Polen an: „Der Zusammenbruch von Warschau“, mit dem Untertitel „Die Rolle Pilsudskis“. Auf wenigen Zeilen schildert er nochmals den „Befehl aus Berlin“, Pilsudski zu helfen. Dann kritisiert er die Rolle Polens nach Pilsudski und die in der letzten Zeit angebliche Zersetzungsarbeit vor allem mit Großbritannien gegen Deutschland. Pilsudski hätte in manchen Fragen taktiert. Jetzt hätte sich Polen zum unzuverlässigen „Taktierer“ entwickelt. 8
  • 9. In der Sonntagsausgabe der „National Zeitung“ vom 28. Januar 1939, einem zentralen Sprachrohr der NSDAP, ließ der deutsche Außenminister Ribbentrop aus taktischen Gründen erklären, dass er angeblich kein Problem in den deutsch-polnischen Beziehungen sehe, was nicht gelöst werden könne. In der gleichen Zeitung wurde kurz darauf der Selbstmord eines Vertrauten Pilsudski, Oberst Slaweks und der „Anschlag“ gegen eine anderen Vertrauten Pilsudskis, als ein Anschlag gegen die deutsch-polnischen Beziehungen hochgespielt. Schließlich veröffentlichte das gleiche Sprachrohr der NSDAP am 7. April 1939 einen Leitartikel mit der Überschrift: „Abkehr von Pilsudski?“. In ihm wird ein Abkehr Polens vom deutsch-polnischen Freundschaftsabkommen angedeutet und eine offene Zunahme des englischen Einflusses auf das Land hervorgehoben. Später sprechen Informationsmaterialien der SS sogar vom „englischen Versuch“, Polen als Rammbock gegen die UdSSR und gegen Deutschland zu benutzen. Aber schon viele Monaten vorher hatte Hitler und seine Führungsriege ein Zusammengehen mit Polen aufgegeben und eine Neuordnung des Ostens unter der Führung Deutschlands geplant. So begann ab März 1939 der nationalsozialistische Propagandaapparat mit einer sich maßlos steigernden geistigen Vorbereitung des Überfalls auf Polen. Bereits am 9. Mai 1939 meldete Gauamtsleiter Dr. Fritz Arlt in der „Schlesischen Tageszeitung“, dass die „rassischen Kräfte Schlesiens als Stoßkraft“ bereitstehen würden. Schlesien sei nun das „Ausfalltor des nordischen Menschen“. Andere spielten den Nationalismus in Polen als eine drohende Gefahr hoch. Neben den politischen und militärischen Kriegsvorbereitungen, bemühten sich deutsche Diplomaten, um Verträge mit der UdSSR, die den Überfall auf Polen absichern sollten. Am 24. August 1939 verbreiteten die Massenmedien in Deutschland, dass nach einer mehrstündigen Konferenz, des Ministers Ribbentrop und Graf von Schulenburgs mit Stalin und Molotow in Moskau, der Wortlaut des „Nichtangriffspakten zwischen Deutschland und der UdSSR“ vom 23. August 1939 veröffentlicht worden sei. Wichtiger als der Nichtangriffspakt war das am gleichen Tag unterzeichnete „Geheimes Zusatzprotokoll“, in dem die „beiderseitigen Interessensphären“ festgeschrieben wurden. Im Abschnitt 1 überließ Deutschland die baltischen Staaten mit Finnland, dem Einfluss der UdSSR und nannten die Grenze dieses sowjetischen Einflussgebietes als Grenze des anschließenden deutschen Einflussgebietes. Der 2. Abschnitt beschäftigte sich mit der „Umgestaltung des polnischen Staates“ und mit den Grenzen des Einflussgebietes auf dem Territorium des ehemaligen polnischen Staates. Anschließend wurde betont, dass alle Fragen freundschaftlich geklärt werden, was auch auf Südosteuropa zuträfe. Polen war schon aufgeteilt, bevor die deutschen Faschisten dieses Land am 1. September 1939 überfielen. Erst am 18. September 1939 gab die UdSSR den Befehl zum Einmarsch in ihre Interessengebiete. In diesem Zusammenhang übergab die Wehrmacht der Roten Armee, oft feierlich, viele Regionen Polens, die sie vorher besetzt hatte. Schon am 28. September 1939 schlossen Deutschland und die UdSSR einen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ in Moskau ab, in dem sie die Aufteilung Polens nochmals festhielten. Dabei wurde noch ein „Geheimes Zusatzprotokoll“ unterzeichnet, in dem Deutschland der UdSSR Litauen als Interessensphäre zusprach, die UdSSR dagegen Deutschland Gebiet um Lublin und Warschau überließ. Schließlich unterzeichneten die Deutsche Regierung und die Regierung der UdSSR dabei 9
  • 10. noch ein weiteres „Geheimes Zusatzprotokoll“. Beide Seite erklärten, dass sie keine polnische Agitation dulden werden, die in ihrer Gebiete hineinwirke. Deutschland eröffnete die Besetzung und Zerstückelung Polens mit dem Erlass des Generalgouverneurs, Dr. Hans Frank, für den Teil Polens, der als von der NSDAP besiegtes und verwaltetes Gebiet (Generalgouvernement) galt, mit der Verordnung vom 14. November 1929 über die Todesstrafe für Polen, die Gewalt gegen Deutsche, das deutsche Reich, deutsche Behörden, und deutsche Vollzugsbeamte ausüben würden. Noch menschenfeindlicher drückte sich der SS-Gruppenführer und Befehlshabender der Ordnungspolizei im Generalgouvernement, Herbert Becker, am 17. November 1939 in der „Krakauer Zeitung“ aus: „Es wird mit eisernem Besen ausgekehrt. Diejenigen..., die es noch versuchen sollten, die Ordnung und Ruhe im Lande zu stören, werden bald verschwunden sein... Wem wir mit der Waffe in der Hand antreffen...der erlebt den Abend nicht mehr.“ Andere Verordnungen gaben Polen, wie Juden, der Vernichtung frei. Für die politische Taktik und Heuchelei des deutschen Faschismus in der Öffentlichkeit war der Tagesbefehl des deutschen Kriegsministers, Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch, vom 7. September 1939 interessant. Er befahl der Wehrmacht, am Grabe von Pilsudski, im überfallenen Polen, eine Ehrenwache aufzustellen. Pilsudski war Pole, der einst gegen die Unterdrückung seines Landes durch das zaristische Russland mit der Waffe kämpfte. Mit einer Militärregierung und Kriege erweiterte er Polen in einer Zeit, als der Osten und der Teile des Westens Europas völlig geschwächt waren. Die westlichen Großmächte förderten oder duldeten dagegen jeden Krieg gegen die UdSSR. Marschall Pilsudski selbst bleib keine Zeit, Polen in ein verändertes Europa zu Beginn der dreißiger Jahre zu führen und sich zwischen möglichen Bündnisangeboten zu entscheiden. Deutschland unter Hitler überfielen Polen, ihren angeblichen ehemaligen Bündnispartner, um ihn „als Staat in Europa“ zu vernichten. Sie nutzen Polen als Aufmarschraum zum Überfall der UdSSR, der sie kurz vorher Bündnistreue sowie heimliche „Sicherung von Interessengebieten“ zugesichert hatten. 10
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