SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Daum-Interview: "Ich bin nicht a... http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,druck-2744...
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SPIEGEL ONLINE-Daum-Interview

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SPIEGEL ONLINE-Daum-Interview

  1. 1. SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Daum-Interview: "Ich bin nicht a... http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,druck-274415,00.html 1 von 3 03.01.2009 13:57 24. November 2003, 09:59 Uhr AP Christoph Daum: "Teilweise gut integriert" DAUM-INTERVIEW "Ich bin nicht als Besserwisser hier" Christoph Daum ist noch immer einer der bekanntesten Fußballtrainer, auch wenn er schon lange nicht mehr in der Bundesliga arbeitet. Fast hätte er sogar einmal das deutsche Nationalteam übernommen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Daum über seinen Job bei Fenerbahce Istanbul, Sünden der Vergangenheit und eine Rückkehr nach Deutschland. SPIEGEL ONLINE: Herr Daum, wie geht es Ihnen als Deutscher inmitten der türkischen Fußball-Kultur? Christoph Daum: Sehr gut, danke. Die Leute hier sind unheimlich freundlich und liebenswert. Die Begeisterung für den Fußball ist riesig. Ich fühle mich grundsätzlich sehr wohl. Die Stimmung in der Stadt ist nach den schlimmen Bombenanschlägen aber natürlich gedrückt. SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie sogar türkischer Staatsbürger werden wollen? Daum: Also ich möchte nicht in die Türkei auswandern, übersiedeln oder ähnliches, sondern lediglich zur deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft annehmen. Die wurde mir angeboten und ich dachte, warum sollte ich neben dem deutschen Pass nicht auch den türkischen haben? Ich möchte damit zu einem besseren Verständnis und Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland beitragen. Es wäre auch ein Dankeschön für die Gastfreundschaft, die mir in der Türkei entgegengebracht wird. Und es soll ein positives Zeichen für die EU-Mitgliedschaft der Türkei sein. SPIEGEL ONLINE: Die Aufnahme der Türkei wird kontrovers diskutiert. Trotz vieler politischer Veränderungen im Land zögert die EU immer noch. Ist das Land noch nicht soweit? Daum: Das ist der falsche Denkansatz. Die Voraussetzungen der Türkei sind besser als die in Bulgarien, Estland oder Lettland. Die Türken wollen in die EU und haben bereits viele ihrer Rahmenbedingungen geändert. Ich lebe lange genug hier, um sagen zu können, dass ich kaum Unterschiede feststelle, ob ich in Köln oder Istanbul bin. Ich sehe mich durchaus als Fürsprecher der Türkei. SPIEGEL ONLINE: Kann man bei Ihnen zwischen den Zeilen auch ein wenig Deutschland-Verdruss durchhören? Daum: Verdruss würde ich das nicht nennen. Aber die Frage muss erlaubt sein, wie toll die Situation in Deutschland derzeit ist. Mir als Bürger gefallen einige Dinge genauso wenig wie anderen auch. Politische Blockaden, fehlende Entscheidungen, der Arbeitsmarkt leidet - alles Dinge, die einen Bürger beschäftigen. Vielleicht wäre beispielsweise mal eine Große Koalition sinnvoll, damit wichtige Reformen endlich auf den Weg gebracht werden. SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie fühlen sich in Istanbul wohl. Wie leben Sie dort? Daum: Ich habe es vorgezogen, mich nicht in eine Ausländer-Siedlung einkasernieren zu lassen. Ich wohne in einem türkischen Viertel. Wir gehen gemeinsam mit türkischen Freunden aus. Ich habe mich auf das Land eingelassen und teilweise gut integriert. Das ist quasi das Gegenstück zu vielen Türken, die sich in Deutschland bewusst abschotten und unter sich bleiben wollen. Diese Haltung habe ich immer wieder kritisiert. SPIEGEL ONLINE: Finden sie Gehör? Daum: Ich bin einer der wenigen Deutschen, der einem Türken so etwas auch mal sagen darf. Bei einem "richtigen" Deutschen wäre so etwas undenkbar. Die Abgrenzung ist der völlig falsche Weg. Die Türken in Deutschland müssten viel mehr auf Ihre Nachbarn eingehen. Sonst bleibt es letztlich nur bei einem Nebeneinander, mir schwebt ein Miteinander vor. Ich bin multi-kulturell aufgewachsen und denke, man muss in dieser Sache aufeinander zugehen. SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie als Trainer zurecht? Stoßen Sie mit deutscher Gründlichkeit auf
  2. 2. SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Daum-Interview: "Ich bin nicht a... http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,druck-274415,00.html 2 von 3 03.01.2009 13:57 DPA Christoph Daum Ablehnung? Daum: Nein, die Türken respektieren das schon. Nur Bundesliga-Trainer zu sein, reicht aber sicherlich nicht. Es geht auch um die internationale Erfahrung, die man mitbringt. Bei entsprechendem Misserfolg spielt das allerdings auch keine Rolle mehr. Wenn man als deutscher Trainer hierher kommt, kann man nicht erwarten, dass etwa alle meine Sprache sprechen. Man muss sich anpassen. Wenn man das nicht macht, wird es sicherlich schwer. Die türkische Boulevardpresse gehört, neben der englischen sicherlich mit zum Härtesten, was es in diese Richtung gibt. SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich Ihre Arbeit bei Fenerbahce vorstellen? Bekommen Sie trotz der sprachlichen Barriere einen richtigen Zugang zu Ihrer Mannschaft? Daum: Das ist kein Problem. Ich bemühe mich, die türkische Sprache zu lernen. Die Kommunikation läuft derzeit in Deutsch und Englisch. Es ist nicht anders als in Deutschland. Man kann sich doch nicht auf einen Feldherrenhügel stellen und sagen: "So, alles hört jetzt auf mein Kommando". Ich bin nicht als Besserwisser hier. SPIEGEL ONLINE: Der türkische Fußball hat in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Was sind die Gründe für den Aufschwung in Liga und Nationalmannschaft? Daum: Das mache ich an mehreren Dingen fest. Vergleichbar ist die Menge an Leuten, die Fußball spielen wollen, vielleicht noch mit Brasilien. Es wurde viel für professionelle Infrastrukturen getan. Die Förderungsmaßnahmen wurden ausgeweitet, es entstehen überall Trainingszentren. Zudem gibt es hier noch echte Straßenfußballer. Dadurch, dass zuletzt viele türkische Spieler in internationalen Top-Teams auf höchstem Niveau spielten, wurde die Begeisterung noch größer. Die ausländischen Trainer haben sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen. SPIEGEL ONLINE: Der Fußball-Fanatismus in der Türkei ist legendär. Gewöhnt man sich schnell daran? Daum: Jeder wird in einen Fußballverein hinein geboren. Von den 60 Millionen Bewohnern sind fast alle irgendwie mit einem Club verbunden. In Istanbul ist es eben Fenerbahce, Besiktas oder Galatasaray. Wenn die Nationalmannschaft aufläuft, kommt noch ein Gefühl des Stolzes und der Verbundenheit hinzu. Dort sind dann alle hinter einem Team vereint. Der Fußball hat hier einen viel höheren Stellenwert als in anderen europäischen Ländern. SPIEGEL ONLINE: Man hört immer wieder von Gewalt in den Stadien. Daum: In Sachen Aggressionspotenzial sollte man aber sehr vorsichtig sein. Soweit ich weiß, waren es deutsche Hooligans, die den französischen Polizisten David Nivel beinahe totgeschlagen haben. Wir sollten nicht mit dem Finger auf die Türkei zeigen, um von eigenen Problemen abzulenken. Die Aggressionen in Ligaspielen halten sich hier absolut in Grenzen. Fanatismus ja, Aggressionen oder Ausschreitungen eher nein. SPIEGEL ONLINE: Das sah im Länderspiel gegen die deutsche U21-Nationalmannschaft aber nicht danach aus. Was sagen Sie zu den Vorkommnissen? Daum: Das verurteile ich. Das, was sich im Spiel gegen die deutsche U21 in Istanbul abgespielt hat, ging zu weit. Respekt gegenüber dem Gegner ist Pflicht. Ich möchte das alles nicht rechtfertigen oder verharmlosen. Spieler zu attackieren oder mit Gegenständen zu bewerfen, gehört nicht in ein Fußballstadion. SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung, warum die Fans ausrasten? Daum: Die Seele der türkischen Fußball-Fans kocht leider oftmals über. Der Nationalstolz ist in diesem Zusammenhang viel zu hoch. Ich habe bereits mehrfach vehement hier geäußert, dass die Fans in solchen Spielen auch mal sachlicher bleiben müssen. International gelten einfach andere Maßstäbe als bei einem Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce. Die Türkei ist daran interessiert, irgendwann eine Europameisterschaft auszurichten. Mit derart negativen Dingen wird das natürlich nur schwer zu realisieren sein. Vielen ist das offenbar nicht klar. SPIEGEL ONLINE: In deutschen Stadien geht es ruhiger zu. Würden Sie auch wieder in Ihrem Geburtsland arbeiten?
  3. 3. SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Daum-Interview: "Ich bin nicht a... http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,druck-274415,00.html 3 von 3 03.01.2009 13:57 © SPIEGEL ONLINE 2003 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH DDP Christoph Daum Daum: Das ist durchaus denkbar. SPIEGEL ONLINE: Warum so zurückhaltend? Schreckt Sie die deutsche Eigenschaft, lange zurückliegende Dinge wie etwa Ihr Prozess in Koblenz immer wieder herauszukramen? Daum: Nein, gar nicht. Damit gehe ich ganz offensiv um. Ich habe immer Kritiker gehabt. Wenn ich mit einer Mannschaft arbeite, sind das alles nur periphere Dinge, die kaum Einfluss auf meine Kernaufgaben als Fußball-Trainer haben. Das darf mich gar nicht interessieren. Wenn die Sachen für andere nicht erledigt sind, kann ich dagegen nichts tun. SPIEGEL ONLINE: Ihr größter Traum war es, Bundestrainer zu werden. Haben Sie die Enttäuschung darüber, dass Sie dieses Amt nicht bekleiden konnten und wohl auch niemals mehr werden, überwunden? Daum: Irgendwie hakt man das ab. Aber ob ich das jemals ganz verarbeiten kann, weiß ich nicht, denn das war meine schlimmste Niederlage. Im Kopf und auch emotional habe ich das aufgrund der langen Zeit, die vergangen ist, verarbeitet. Aber das wird unterschwellig immer präsent sein. Man kann das mit einer großen Liebe vergleichen. Die behält man ewig in sich, vergessen kann man so etwas nicht. Das Interview führte Kay Auster URL: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,274415,00.html ZUM THEMA AUF SPIEGEL ONLINE: Chronologie: Der Fall Daum (22.11.2003) http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,136880,00.html

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