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Erschließung als Teilaspekt
von Archivmanagement
17. Brandenburgischer Archivtag, 9. Mai 2014 in Potsdam
Dr. Stefan Schröder (Stadtarchiv Greven) – www.greven.net/stadtarchiv - archiv@stadt-
greven.de
Einführung
 Greven: 36.000 Einwohner, hoch verschuldete Kommune
 Stadtarchiv: 1,45 Stellen
 Ziel: Stadtarchiv fit halten/machen für die Zukunft
 Vortrag: praktische Erfahrungen aus dem Stadtarchiv
Greven kombiniert mit Literaturauswertung zum
Archivmanagement
 Perspektive von Archivmanagement: kommunal/kleine
Archive
 Archivwesen: Erschließung war als „Kernaufgabe“ schon
immer wichtig
 Internet: nicht erschlossenes und präsentiertes Archivgut ist
quasi nicht existent (W. Reininghaus)
Archivmanagement I
 Ziel: eigene Institution im Rahmen der äußeren lokalen und
globalen Umstände möglichst sicher in die Zukunft zu
bringen
 Schwierig! Aber jeder Versuch ist besser, als nicht auf die
Herausforderungen zu reagieren und die Alltagsarbeit ohne
kritische Überprüfung fortzuführen
 Prämisse: kleine Archive mit ihren begrenzten personellen
Kapazitäten sollten zunächst das Wichtigste in Angriff
nehmen: Entwicklung von Strategien für die Zukunft
 Meine Definition von Archivmanagement: eng angelehnt an
das aus der Betriebswirtschaft stammende Strategische
Management
 wird inzwischen längst auch in Non-Profit-Organisationen
Meine Definition von „Archivmanagement“
 „Archivmanagement besteht aus Vision/Mission/Leitbild,
 (mehrjähriger) strategischer und (üblicherweise jährlicher)
operativer Planung.
 Zum Archivmanagement gehören alle konzeptionellen
Überlegungen, die für einen längeren oder kürzeren
Zeitraum die tägliche archivische Arbeit
 priorisieren,
 strukturieren und organisieren
 sowie in einen übergeordneten Zusammenhang stellen.“
Archivmanagement II
 Müssen Archive eigene Visionen oder Leitbilder
entwickeln?
 Man kann auch direkt mit der Strategieentwicklung
beginnen
 Verwaltungskultur des Archivträgers ist zu
berücksichtigen
 Vorhandenes kommunales Leitbild oder
Selbstdarstellung kann genutzt werden
 Beispiel aus dem Leitbild der Stadt Greven (1996):
 „Dieses Leitbild versucht unter Rückgriff auf die
Grevener Geschichte das Zusammenwirken von
Einwohnerinnen, Einwohnern, politischer Vertretung
und Verwaltung den Anfordernissen des 21.
Fiktive Vision für das Stadtarchiv Greven
 „Wesentliche Informationen für alle Bestände sollten im
Internet zu finden sein.“
 Erschließungsstrategie könnte so formulieren:
 „In 5 Jahren sind die Erschließungsrückstände
aufgearbeitet. Informationen zu allen Beständen werden
in einem anerkannten archivischen Internetportal
präsentiert.“
 Das dockt an die Mission an, die den Organisationszweck
von Archiven beinhaltet
 Der Organisationszweck ergibt sich bei öffentlichen Archiven
in der Regel zu großen Teilen aus entsprechenden
Archivgesetzen
Strategisches Management
 plant für Zeitraum von 3-5 Jahren
 kleine Archive: mindestens 5 Jahre ist realistischer,
Evaluierung zwischendurch und ggfls. Anpassung ist
nötig
 Erschließung als Teilstrategie: es gibt noch weitere, z.B. zur
Überlieferungsbildung, Bestandserhaltung,
Öffentlichkeitsarbeit …
 Zeitmanagement ist wichtig: Was ist realistisch zu schaffen?
 Ist nicht für mehrere Jahre planbar
 Operative Planung für ein Jahr
 Schätzung des Arbeitsaufwandes für
Erschließungsmaßnahmen durch Testläufe im eigenen
Archiv
Grevener Beispiele
 Haushaltsjahr als Zeiteinheit in Verwaltungen
 Konkrete Ziele sind zu nennen, u.a. jährlich neu erstellte
Verzeichnungseinheiten
 Gegenüber der Politik wird gezeigt, dass erschlossen wird
 Jährliche Erschließungsvorgabe kann für die Umsetzung der
skizzierten Vision und des strategischen Ziels genutzt
werden, in einigen Jahren einen Gesamtüberblick über die
Bestände im Internet liefern zu können
 Persönliche Zielvereinbarungen (nach TVöD) sollten darauf
ebenfalls ausgerichtet werden
 Planung von Erschließungsmaßnahmen als
Projektmanagement
Erschließung
 Voraussetzung für fiktive Strategie: Archivverwaltungs- und
Verzeichnungssoftware, Internetanschluss
 Ggfls. ist Anschaffung und Fortbildung zu planen
 Archivsoftware ist nur die archivinterne Seite,
Datenaufbereitung für Internet ist nötig
 Heutiger Stand: Nutzung von Archivportalen: regional oder
ab Sept. 2014 Archivportal D innerhalb der Deutschen
Digitalen Bibliothek
 Informationen müssen in Formaten wie EAD-DDB vorliegen.
Archivverzeichnungsprogramme sind i.d.R. auf EAD schon
eingestellt, Erarbeitung weiterer Kompetenzen ist ggfls.
nötig
 Start- und Zielpunkt: von der leeren Archivdatenbank zur
Analyse des Ist-Standes
 Welchen Erschließungsstand gibt es und in welcher Form
liegen Erschließungsinformationen vor?
 erschlossene und unerschlossene Bestände,
 klassifiziert und unklassifiziert verzeichnete Bestände,
 Erschließung in Form von Karteien, Findbüchern oder
Abgabelisten (in Papierform oder als Datei)
 Bestenfalls existieren schon Datenbankeinträge in einer
Archivsoftware
 Dann: Zusammenführung der Daten für einen einheitlichen
archivinternen Zugang
 Vorrang für den Aufbau eines elektronischen
Informationssystems vor der Perfektionierung einzelner
Tektonik
 Falls noch nicht vorhanden: Tektonik in der Archivsoftware
erstellen und Bestände einpflegen
 Erstellung der Informationen top-down, vom Allgemeinen
zum Besonderen, nach ISAD(G)
 zuerst der Überblick, dann Prioritäten festlegen
 Welche Bestände sollten zuerst verzeichnet werden und wie
tief ist das nötig im Hinblick auf
 Nutzungsinteresse und
 Nutzungshäufigkeit
Verzeichnungsrückstände
 Mit dem Gesamtüberblick über die Archivbestände in der
Tektonik ermitteln, welche Bestände unverzeichnet sind
 Abbau der Verzeichnungsrückstände ist unbedingt nötig
 Wichtig ist, elektronische Dokumentvorlagen für die
Verwaltung als Abgabelisten zu nutzen, i.d.R. Excel-Listen
 Einspielung von Excel-Listen in Archivsoftware i.d.R.
unkompliziert
 Abgabelisten sind als einfache Form der Erschließung
akzeptabel und können für längere Zeit ohne weitere
Bearbeitung genutzt werden
 Verwaltung der Excel-Listen durch Nummerierung und
entsprechende zusammenfassende Kurzinfos in der
Archivsoftware
Verzeichnungsrückstände II
 Verzeichnungsrückstände entstehen auch, wenn die ins
Archiv gelangenden Dauerleihgaben, Schenkungen und
sonstigen Sammlungen unbearbeitet bleiben
 Greven: Deposital- oder Schenkungsverträge
 enthalten Auflistung der Archivalien
 so abgefasst, dass die Daten in Archivsoftware kopiert
werden können
 Kleinere Bestände werden damit häufig direkt komplett
verzeichnet
 Erstellung der Auflistung teils auch durch Depositalgeber
oder Vermittler, üblicherweise in elektronischer Form
 Alternativ: nur Kurzbeschreibung des Bestandes in der
Stadtarchiv Greven
 Erstellung der Beständeübersicht 2004
 Laufende interne Aktualisierung und Ergänzung
 Im Internet wurde 2007 eine vollständige Übersicht im NRW-
Archivportal eingespielt, seitdem aber noch nicht wieder
aktualisiert
 Genau deshalb ist es wichtig, dies mit Hilfe des
strategischen Managements zu planen und nicht nur die
interne Aktualität zu gewährleisten
Umwandlung existierender herkömmlicher
Findmittel
 Erschließung sollte vom Archivpersonal erledigt werden,
aber:
 Abschreiben bereits vorhandener Findmittel in
konventionellen Formaten durch Dritte
 anschließende Kontrolle durch Fachpersonal ist nötig
 geeigneter Zeitpunkt, um Erschließungsrichtlinien zu
erstellen
 Entlastung ist damit direkt erreichbar: selbstständigeres
Mitarbeiten von Dritten wird gewährleistet
 Ausformulierung zwingt dazu, sich die eigene
Erschließungspraxis bewusst zu machen
 Alternativ: Retrokonversion archivischer Findmittel (früher
Archivschule Marburg, jetzt direkt bei der DFG)
Verzeichnung und Priorisierung I
 Beständeübersicht ist ein wichtiges Hilfsmittel für die
Recherche, archivintern und im Internet
 Reicht das langfristig aus? NEIN!
 Rechercheverhalten orientiert sich an der Volltextsuche à la
Google
 Viele Bestände würden unbeachtet bleiben, wenn nur
Basisinformationen online vorliegen
 Auch Kontextinformationen aus Beständetektonik und
Bestandsklassifikation sind online zu präsentieren (P.
Müller)
 Prozesscharakter: stetige Verbesserung der
Erschließungsinformationen ist anzustreben
Verzeichnung und Priorisierung II
 Prioritäten bei der Erschließung unterhalb der
Tektonikebene lassen sich nur setzen, wenn
 vorhandene analoge Erschließungsinformationen,
 das zu erwartende Nutzungsinteresse und
 die vorhandenen Ressourcen für
Erschließungsmaßnahmen aufeinander abgestimmt
werden
 Es geht nicht mehr nur um die Frage der Verzeichnungstiefe
einzelner Bestände
 Ergänzung des Grundsatzes „Quantität vor Qualität“ (B.
Kappelhoff)
 Es kann auch innerhalb von Beständen sinnvoll sein,
unterschiedliche Erschließungstiefen zuzulassen bzw. aktiv
Verzeichnung und Priorisierung III
 Unterschiedliche Erschließungstiefe innerhalb eines
Bestandes kann für die nötige Benutzerorientierung sorgen
 bei Protokollbüchern, deren Titel den Inhalt verschleiern,
indem die Tagesordnungspunkte verzeichnet werden
 bei wichtigen Beständegruppen: bei Kommunalarchiven
z.B. das Hauptamt
 Erschließung als Prozess, auch weil es gerade in kleinen
Archiven dauert, die als richtig und wichtig erkannte
Erschließungsstrategie in der Praxis umzusetzen
 Um so wichtiger ist es, dies durch strategische Steuerung
auch über einen längeren Zeitraum im Fokus zu behalten
Fazit
 Es gibt inzwischen für jede Entscheidung über flache und
tiefere Erschließung gute Gründe
 Wir können diese Entscheidungen in unserem eigenen
Archiv am sinnvollsten als Teil einer strategischen Planung
treffen
 Abschied von Entscheidungen nach dem Schema „Alles
oder Nichts“, weil es nicht hilfreich ist, nach Perfektion zu
streben
 Pareto-Regel, nach der mit 20% des Einsatzes 80% des
Ergebnisses zu erzielen ist, sollte gerade kleineren Archiven
Mut machen
 Erschließung als Teilstrategie muss für realistische
Zeitplanung mit anderen Teilstrategien koordiniert werden
Fiktiver Arbeitsplan I
 Jahr 1 könnte als operative Ziele umfassen:
 die Anschaffung einer Archivsoftware incl. der nötigen
Fortbildungsmaßnahmen,
 die komplette Erstellung einer Beständeübersicht
 Jahr 2 könnte umfassen:
 die Retrokonversion vorhandener analoger Findmittel
(ggfls. nur teilweise),
 die Erschließung eines nutzungsintensiven Bestandes
auf der Ebene der Verzeichnungseinheiten (bei tieferer
Erschließung von Protokollserien oder zentralen
Aktengruppen),
 die Erschließung neuer Bestände teils in der
Beständeübersicht, teils flach auf der Ebene der
Fiktiver Arbeitsplan II
 Jahr 3 könnte umfassen:
 die Retrokonversion weiterer vorhandener analoger
Findmittel,
 die Erschließung weiterer nutzungsintensiver Bestände,
 die Anmeldung für ein Archivportal, entsprechende
Fortbildung und das Einpflegen der Beständeübersicht,
 das Hochladen eines Testbestandes als EAD-Findbuch
im Archivportal für die Aufwandsabschätzung
 Jahre 4 und 5 könnten umfassen:
 die Erschließung weiterer Bestände,
 das Hochladen weiterer Findbücher im Archivportal
Literaturauswahl
 Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell - standardisiert. Aktuelle Anforderungen an
archivische Erschließung und Findmittel. Beiträge zum 11. Archivwissenschaftlichen Kolloquium der
Archivschule Marburg, Marburg 2007,
http://archivschule.de/DE/publikation/veroeffentlichungsreihe/voe46-online.html
 Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Praxisleitfaden Projektmanagement für die öffentliche
Verwaltung (Stand Dezember 2012), Berlin 2013,
http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2013/praxisleitfaden_projektmanagement.pdf?_
 Sächsisches Staatsarchiv, Erschließungsrichtlinie, Stand 20. Mai 2010,
http://www.archiv.sachsen.de/download/Erschliessungsrichtlinie.pdf
 Thüringische Staatsarchive, Richtlinie für die Erschließung von Akten und Urkunden in den
Thüringischen Staatsarchiven, in Kraft gesetzt 20.8.2011,
http://www.thueringen.de/imperia/md/content/staatsarchive/verzeichnung.pdf
 Christine M. Gigler, Erschließungsstrategien: Das Beispiel des Archivs der Erzdiözese Salzburg, in:
Scrinium 67 (2013), S. 73-83.
 Hans-Christian Hermann, Benutzerorientierte Erschließung von DDR-Beständen und erweiterte
Erschließung als Teil einer differenzierten Erschließungsstrategie, in: Frank M. Bischoff (Hrsg.):
Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 65-102,
http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_5_Herrmann.pdf
 ISAD(G): http://www.ica.org/10207/standards/isadg-general-international-standard-archival-description-
second-edition.html
 Michael Klein, Zielführend und nachhaltig: Vision, Strategische Ziele und Maßnahmen im modernen
Archivmanagement, in: Rainer Hering (Hrsg.), 5. Norddeutscher Archivtag 12. und 13. Juni 2012 in
Lübeck, Nordhausen 2013, S. 163-177.
Literaturauswahl (Forts.)
 Peter Müller, Schnell zum Ziel, Erschließungspraxis und Benutzererwartungen im Internetzeitalter, in:
Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 37-63,
http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_4_Mueller.pdf
 Peter Müller, Vollregest, Findbuch oder Informationssystem, Anmerkungen zur Geschichte und
Perspektiven archivischer Erschließung, in: Der Archivar 58 (2005), Heft 1, S. 6-15,
http://www.archive.nrw.de/archivar/hefte/2005/Archivar_2005-1.pdf
 Wilfried Reininghaus, Archivisches Erschließen in der Wissensgesellschaft, in: Frank M. Bischoff
(Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 17-36,
http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_3_Reininghaus.pdf
 Gudrun Sander/Elisabeth Bauer, Strategieentwicklung kurz und klar, Das Handbuch für Non-Profit-
Organisationen, 2. Aufl., Bern/Stuttgart/Wien 2011.
 Ireen Schulz, Wie können Erschließungsrückstände aufgearbeitet werden? Oder ist es ein Kampf
gegen Windmühlen?, in: Brandenburgische Archive 29 (2012), S. 59-62,
http://www.blha.de/filepool/brbgarchive_29_web.pdf
 Marcus Stumpf, Archiventwicklungsplanung als strategisches Instrument, Vortrag auf dem 66.
Westfälischen Archivtag in Bielefeld, 11./12.3.2014, http://www.lwl.org/waa-
download/tagungen/WAT2014/Stumpf.pdf
 Martina Wiech, Strategisches Management für Archive, in: Mario Glauert/Hartwig Walberg (Hrsg.),
Archivmangement in der Praxis, Potsdam 2011, S. 13-35.
 pworm [Peter Worm], Praxisbericht Retrokonversion maschinenschriftlicher Findbücher, in:
archivamtblog, 13.5.2014, http://archivamt.hypotheses.org/691

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  • 2. Einführung  Greven: 36.000 Einwohner, hoch verschuldete Kommune  Stadtarchiv: 1,45 Stellen  Ziel: Stadtarchiv fit halten/machen für die Zukunft  Vortrag: praktische Erfahrungen aus dem Stadtarchiv Greven kombiniert mit Literaturauswertung zum Archivmanagement  Perspektive von Archivmanagement: kommunal/kleine Archive  Archivwesen: Erschließung war als „Kernaufgabe“ schon immer wichtig  Internet: nicht erschlossenes und präsentiertes Archivgut ist quasi nicht existent (W. Reininghaus)
  • 3. Archivmanagement I  Ziel: eigene Institution im Rahmen der äußeren lokalen und globalen Umstände möglichst sicher in die Zukunft zu bringen  Schwierig! Aber jeder Versuch ist besser, als nicht auf die Herausforderungen zu reagieren und die Alltagsarbeit ohne kritische Überprüfung fortzuführen  Prämisse: kleine Archive mit ihren begrenzten personellen Kapazitäten sollten zunächst das Wichtigste in Angriff nehmen: Entwicklung von Strategien für die Zukunft  Meine Definition von Archivmanagement: eng angelehnt an das aus der Betriebswirtschaft stammende Strategische Management  wird inzwischen längst auch in Non-Profit-Organisationen
  • 4. Meine Definition von „Archivmanagement“  „Archivmanagement besteht aus Vision/Mission/Leitbild,  (mehrjähriger) strategischer und (üblicherweise jährlicher) operativer Planung.  Zum Archivmanagement gehören alle konzeptionellen Überlegungen, die für einen längeren oder kürzeren Zeitraum die tägliche archivische Arbeit  priorisieren,  strukturieren und organisieren  sowie in einen übergeordneten Zusammenhang stellen.“
  • 5. Archivmanagement II  Müssen Archive eigene Visionen oder Leitbilder entwickeln?  Man kann auch direkt mit der Strategieentwicklung beginnen  Verwaltungskultur des Archivträgers ist zu berücksichtigen  Vorhandenes kommunales Leitbild oder Selbstdarstellung kann genutzt werden  Beispiel aus dem Leitbild der Stadt Greven (1996):  „Dieses Leitbild versucht unter Rückgriff auf die Grevener Geschichte das Zusammenwirken von Einwohnerinnen, Einwohnern, politischer Vertretung und Verwaltung den Anfordernissen des 21.
  • 6. Fiktive Vision für das Stadtarchiv Greven  „Wesentliche Informationen für alle Bestände sollten im Internet zu finden sein.“  Erschließungsstrategie könnte so formulieren:  „In 5 Jahren sind die Erschließungsrückstände aufgearbeitet. Informationen zu allen Beständen werden in einem anerkannten archivischen Internetportal präsentiert.“  Das dockt an die Mission an, die den Organisationszweck von Archiven beinhaltet  Der Organisationszweck ergibt sich bei öffentlichen Archiven in der Regel zu großen Teilen aus entsprechenden Archivgesetzen
  • 7. Strategisches Management  plant für Zeitraum von 3-5 Jahren  kleine Archive: mindestens 5 Jahre ist realistischer, Evaluierung zwischendurch und ggfls. Anpassung ist nötig  Erschließung als Teilstrategie: es gibt noch weitere, z.B. zur Überlieferungsbildung, Bestandserhaltung, Öffentlichkeitsarbeit …  Zeitmanagement ist wichtig: Was ist realistisch zu schaffen?  Ist nicht für mehrere Jahre planbar  Operative Planung für ein Jahr  Schätzung des Arbeitsaufwandes für Erschließungsmaßnahmen durch Testläufe im eigenen Archiv
  • 8. Grevener Beispiele  Haushaltsjahr als Zeiteinheit in Verwaltungen  Konkrete Ziele sind zu nennen, u.a. jährlich neu erstellte Verzeichnungseinheiten  Gegenüber der Politik wird gezeigt, dass erschlossen wird  Jährliche Erschließungsvorgabe kann für die Umsetzung der skizzierten Vision und des strategischen Ziels genutzt werden, in einigen Jahren einen Gesamtüberblick über die Bestände im Internet liefern zu können  Persönliche Zielvereinbarungen (nach TVöD) sollten darauf ebenfalls ausgerichtet werden  Planung von Erschließungsmaßnahmen als Projektmanagement
  • 9. Erschließung  Voraussetzung für fiktive Strategie: Archivverwaltungs- und Verzeichnungssoftware, Internetanschluss  Ggfls. ist Anschaffung und Fortbildung zu planen  Archivsoftware ist nur die archivinterne Seite, Datenaufbereitung für Internet ist nötig  Heutiger Stand: Nutzung von Archivportalen: regional oder ab Sept. 2014 Archivportal D innerhalb der Deutschen Digitalen Bibliothek  Informationen müssen in Formaten wie EAD-DDB vorliegen. Archivverzeichnungsprogramme sind i.d.R. auf EAD schon eingestellt, Erarbeitung weiterer Kompetenzen ist ggfls. nötig  Start- und Zielpunkt: von der leeren Archivdatenbank zur
  • 10. Analyse des Ist-Standes  Welchen Erschließungsstand gibt es und in welcher Form liegen Erschließungsinformationen vor?  erschlossene und unerschlossene Bestände,  klassifiziert und unklassifiziert verzeichnete Bestände,  Erschließung in Form von Karteien, Findbüchern oder Abgabelisten (in Papierform oder als Datei)  Bestenfalls existieren schon Datenbankeinträge in einer Archivsoftware  Dann: Zusammenführung der Daten für einen einheitlichen archivinternen Zugang  Vorrang für den Aufbau eines elektronischen Informationssystems vor der Perfektionierung einzelner
  • 11. Tektonik  Falls noch nicht vorhanden: Tektonik in der Archivsoftware erstellen und Bestände einpflegen  Erstellung der Informationen top-down, vom Allgemeinen zum Besonderen, nach ISAD(G)  zuerst der Überblick, dann Prioritäten festlegen  Welche Bestände sollten zuerst verzeichnet werden und wie tief ist das nötig im Hinblick auf  Nutzungsinteresse und  Nutzungshäufigkeit
  • 12. Verzeichnungsrückstände  Mit dem Gesamtüberblick über die Archivbestände in der Tektonik ermitteln, welche Bestände unverzeichnet sind  Abbau der Verzeichnungsrückstände ist unbedingt nötig  Wichtig ist, elektronische Dokumentvorlagen für die Verwaltung als Abgabelisten zu nutzen, i.d.R. Excel-Listen  Einspielung von Excel-Listen in Archivsoftware i.d.R. unkompliziert  Abgabelisten sind als einfache Form der Erschließung akzeptabel und können für längere Zeit ohne weitere Bearbeitung genutzt werden  Verwaltung der Excel-Listen durch Nummerierung und entsprechende zusammenfassende Kurzinfos in der Archivsoftware
  • 13. Verzeichnungsrückstände II  Verzeichnungsrückstände entstehen auch, wenn die ins Archiv gelangenden Dauerleihgaben, Schenkungen und sonstigen Sammlungen unbearbeitet bleiben  Greven: Deposital- oder Schenkungsverträge  enthalten Auflistung der Archivalien  so abgefasst, dass die Daten in Archivsoftware kopiert werden können  Kleinere Bestände werden damit häufig direkt komplett verzeichnet  Erstellung der Auflistung teils auch durch Depositalgeber oder Vermittler, üblicherweise in elektronischer Form  Alternativ: nur Kurzbeschreibung des Bestandes in der
  • 14. Stadtarchiv Greven  Erstellung der Beständeübersicht 2004  Laufende interne Aktualisierung und Ergänzung  Im Internet wurde 2007 eine vollständige Übersicht im NRW- Archivportal eingespielt, seitdem aber noch nicht wieder aktualisiert  Genau deshalb ist es wichtig, dies mit Hilfe des strategischen Managements zu planen und nicht nur die interne Aktualität zu gewährleisten
  • 15. Umwandlung existierender herkömmlicher Findmittel  Erschließung sollte vom Archivpersonal erledigt werden, aber:  Abschreiben bereits vorhandener Findmittel in konventionellen Formaten durch Dritte  anschließende Kontrolle durch Fachpersonal ist nötig  geeigneter Zeitpunkt, um Erschließungsrichtlinien zu erstellen  Entlastung ist damit direkt erreichbar: selbstständigeres Mitarbeiten von Dritten wird gewährleistet  Ausformulierung zwingt dazu, sich die eigene Erschließungspraxis bewusst zu machen  Alternativ: Retrokonversion archivischer Findmittel (früher Archivschule Marburg, jetzt direkt bei der DFG)
  • 16. Verzeichnung und Priorisierung I  Beständeübersicht ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Recherche, archivintern und im Internet  Reicht das langfristig aus? NEIN!  Rechercheverhalten orientiert sich an der Volltextsuche à la Google  Viele Bestände würden unbeachtet bleiben, wenn nur Basisinformationen online vorliegen  Auch Kontextinformationen aus Beständetektonik und Bestandsklassifikation sind online zu präsentieren (P. Müller)  Prozesscharakter: stetige Verbesserung der Erschließungsinformationen ist anzustreben
  • 17. Verzeichnung und Priorisierung II  Prioritäten bei der Erschließung unterhalb der Tektonikebene lassen sich nur setzen, wenn  vorhandene analoge Erschließungsinformationen,  das zu erwartende Nutzungsinteresse und  die vorhandenen Ressourcen für Erschließungsmaßnahmen aufeinander abgestimmt werden  Es geht nicht mehr nur um die Frage der Verzeichnungstiefe einzelner Bestände  Ergänzung des Grundsatzes „Quantität vor Qualität“ (B. Kappelhoff)  Es kann auch innerhalb von Beständen sinnvoll sein, unterschiedliche Erschließungstiefen zuzulassen bzw. aktiv
  • 18. Verzeichnung und Priorisierung III  Unterschiedliche Erschließungstiefe innerhalb eines Bestandes kann für die nötige Benutzerorientierung sorgen  bei Protokollbüchern, deren Titel den Inhalt verschleiern, indem die Tagesordnungspunkte verzeichnet werden  bei wichtigen Beständegruppen: bei Kommunalarchiven z.B. das Hauptamt  Erschließung als Prozess, auch weil es gerade in kleinen Archiven dauert, die als richtig und wichtig erkannte Erschließungsstrategie in der Praxis umzusetzen  Um so wichtiger ist es, dies durch strategische Steuerung auch über einen längeren Zeitraum im Fokus zu behalten
  • 19. Fazit  Es gibt inzwischen für jede Entscheidung über flache und tiefere Erschließung gute Gründe  Wir können diese Entscheidungen in unserem eigenen Archiv am sinnvollsten als Teil einer strategischen Planung treffen  Abschied von Entscheidungen nach dem Schema „Alles oder Nichts“, weil es nicht hilfreich ist, nach Perfektion zu streben  Pareto-Regel, nach der mit 20% des Einsatzes 80% des Ergebnisses zu erzielen ist, sollte gerade kleineren Archiven Mut machen  Erschließung als Teilstrategie muss für realistische Zeitplanung mit anderen Teilstrategien koordiniert werden
  • 20. Fiktiver Arbeitsplan I  Jahr 1 könnte als operative Ziele umfassen:  die Anschaffung einer Archivsoftware incl. der nötigen Fortbildungsmaßnahmen,  die komplette Erstellung einer Beständeübersicht  Jahr 2 könnte umfassen:  die Retrokonversion vorhandener analoger Findmittel (ggfls. nur teilweise),  die Erschließung eines nutzungsintensiven Bestandes auf der Ebene der Verzeichnungseinheiten (bei tieferer Erschließung von Protokollserien oder zentralen Aktengruppen),  die Erschließung neuer Bestände teils in der Beständeübersicht, teils flach auf der Ebene der
  • 21. Fiktiver Arbeitsplan II  Jahr 3 könnte umfassen:  die Retrokonversion weiterer vorhandener analoger Findmittel,  die Erschließung weiterer nutzungsintensiver Bestände,  die Anmeldung für ein Archivportal, entsprechende Fortbildung und das Einpflegen der Beständeübersicht,  das Hochladen eines Testbestandes als EAD-Findbuch im Archivportal für die Aufwandsabschätzung  Jahre 4 und 5 könnten umfassen:  die Erschließung weiterer Bestände,  das Hochladen weiterer Findbücher im Archivportal
  • 22. Literaturauswahl  Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell - standardisiert. Aktuelle Anforderungen an archivische Erschließung und Findmittel. Beiträge zum 11. Archivwissenschaftlichen Kolloquium der Archivschule Marburg, Marburg 2007, http://archivschule.de/DE/publikation/veroeffentlichungsreihe/voe46-online.html  Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Praxisleitfaden Projektmanagement für die öffentliche Verwaltung (Stand Dezember 2012), Berlin 2013, http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2013/praxisleitfaden_projektmanagement.pdf?_  Sächsisches Staatsarchiv, Erschließungsrichtlinie, Stand 20. Mai 2010, http://www.archiv.sachsen.de/download/Erschliessungsrichtlinie.pdf  Thüringische Staatsarchive, Richtlinie für die Erschließung von Akten und Urkunden in den Thüringischen Staatsarchiven, in Kraft gesetzt 20.8.2011, http://www.thueringen.de/imperia/md/content/staatsarchive/verzeichnung.pdf  Christine M. Gigler, Erschließungsstrategien: Das Beispiel des Archivs der Erzdiözese Salzburg, in: Scrinium 67 (2013), S. 73-83.  Hans-Christian Hermann, Benutzerorientierte Erschließung von DDR-Beständen und erweiterte Erschließung als Teil einer differenzierten Erschließungsstrategie, in: Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 65-102, http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_5_Herrmann.pdf  ISAD(G): http://www.ica.org/10207/standards/isadg-general-international-standard-archival-description- second-edition.html  Michael Klein, Zielführend und nachhaltig: Vision, Strategische Ziele und Maßnahmen im modernen Archivmanagement, in: Rainer Hering (Hrsg.), 5. Norddeutscher Archivtag 12. und 13. Juni 2012 in Lübeck, Nordhausen 2013, S. 163-177.
  • 23. Literaturauswahl (Forts.)  Peter Müller, Schnell zum Ziel, Erschließungspraxis und Benutzererwartungen im Internetzeitalter, in: Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 37-63, http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_4_Mueller.pdf  Peter Müller, Vollregest, Findbuch oder Informationssystem, Anmerkungen zur Geschichte und Perspektiven archivischer Erschließung, in: Der Archivar 58 (2005), Heft 1, S. 6-15, http://www.archive.nrw.de/archivar/hefte/2005/Archivar_2005-1.pdf  Wilfried Reininghaus, Archivisches Erschließen in der Wissensgesellschaft, in: Frank M. Bischoff (Hrsg.): Benutzerfreundlich - rationell – standardisiert, Marburg 2007, S. 17-36, http://archivschule.de/uploads/Publikation/VOE46/Voe_46_3_Reininghaus.pdf  Gudrun Sander/Elisabeth Bauer, Strategieentwicklung kurz und klar, Das Handbuch für Non-Profit- Organisationen, 2. Aufl., Bern/Stuttgart/Wien 2011.  Ireen Schulz, Wie können Erschließungsrückstände aufgearbeitet werden? Oder ist es ein Kampf gegen Windmühlen?, in: Brandenburgische Archive 29 (2012), S. 59-62, http://www.blha.de/filepool/brbgarchive_29_web.pdf  Marcus Stumpf, Archiventwicklungsplanung als strategisches Instrument, Vortrag auf dem 66. Westfälischen Archivtag in Bielefeld, 11./12.3.2014, http://www.lwl.org/waa- download/tagungen/WAT2014/Stumpf.pdf  Martina Wiech, Strategisches Management für Archive, in: Mario Glauert/Hartwig Walberg (Hrsg.), Archivmangement in der Praxis, Potsdam 2011, S. 13-35.  pworm [Peter Worm], Praxisbericht Retrokonversion maschinenschriftlicher Findbücher, in: archivamtblog, 13.5.2014, http://archivamt.hypotheses.org/691