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Emergent Barcamp Nord, 12.03.2011 in Bremen                                       Tobias Ennulat

    Biblisch-Exegetische Beobachtungen zum Verhältnis von Reden und
             Tun bei Petrus, dargestellt anhand von 1Petr 3,15.1
Einstimmung: Welche Bedeutung haben Sprache, Reden und mündliche Äußerungen in unserer
Kultur? Wie sieht das Verhältnis von Evangelisation und Diakonie bei uns aus? Kann man angesichts
des Misstrauens in die Tauglichkeit von Begriffen und Worten die Wirklichkeit zu bezeichnen,
überhaupt positiv von „Evangelisation“ im Sinne einer mündlichen Verkündigung sprechen?

     1) Theologische Grundlage: Sein und Handeln
        Das Selbstverständnis der Gemeinde ist für Petrus die Priesterschaft für alle Völker: 1Petr
        1,9. Diese Priester-Identität der Gemeinschaft von Christen in der Gesellschaft beschreibt ihr
        Sein und Handeln: Vgl. Ex 19,5-6; Offb 1,6; 5,10; 20,6; 1Petr 2,5). Aus dieser
        Wesensbeschreibung heraus ergibt sich das Primat der „                    (2,12) im Verhältnis
         zur Bereitschaft „Antwort zu geben über die Hoffnung, die in euch ist“ (1Petr 3,15). Die
         Vorordnung der „guten Taten“ als Bezeugung der „großen Taten Gottes“ vor dem Reden (2,9).
         Das Volk Gottes wird in Ex 19 als „königliches Priestervolk“ bezeichnet. Petrus sieht die NT-
         Gemeinde (nicht den Einzelnen!) als Verlängerung dieser Priesterfunktion Israels. Sie
         beinhaltete vier Hauptaufgaben als Volk in dieser Welt zu dienen:
             Segensmittler und generell Mittler zu sein (Gen 12; Num 6)
             Vermittlung von Gotteserkenntnis an Nichtisraeliten (damit alle Welt erkenne, dass ich
             der Herr bin)
             Königliches Priestervolk, Verantwortung übernehmen und Zugehörigkeit zum König (hier:
             Diener des einbrechenden Reiches Gottes zu sein)
             Gastgebervolk für Fremde (AT-Gesetze die Fremden zu achten)

         Der Zusammenhang in 2,5 betont besonders die Aufgabe, „geistliche Opfer“ darzubringen
         (vgl. Rö 15,16). Die Opfer bestehen bei Petrus aus einem positiven Lebensstil und praktischen
         Taten für andere (1,13-2,3; 2,12.15). Konkret konnte das bedeuten, gute Gastgeber zu sein
         (4,9), Mitgefühl zu zeigen (3,8), zu segnen (3,9), Frieden zu fördern in der Umgebung (3,11),
         Ehen- und Familienbeziehungen respektvoll zu gestalten (3,1-7) und die Unterstützung des
         Staates in der Erhaltung des Guten und Heilung des Schadhaften (2,13-17). Das Ziel dieses
         Seins und Tuns ist, „Gottes große Taten zu verkünden“ (V.9), so dass andere das sehen und
         dadurch Gott preisen (2,12). Auch die Israeliten verkündeten durch ihr Sein und Handeln die
         Herrlichkeit Gottes (Dtn 4,6-7. 34ff.). Nah dran an Gott und nah bei den Menschen, ihnen
         dienend: So sah die Vermittlerfunktion der Priesterschaft im AT vor allem aus. Petrus
         animiert seine Leser dazu, dieses Sein und Handeln als Mittler zwischen Gott und seinen
         Menschen auch dann zu pflegen, wenn es Widerstand und Schwierigkeiten gibt (3,13-14).

         „Es ist das priesterliche Volk, das für andere eintritt und der Welt die befreiende
         Stellvertretung Christi bezeugt. … Die Präsenz Christi in seiner Gemeinde geht sachlich seiner
         Präsenz in besonderen Aufträgen voraus.“2


1
 Peter H. Davids, The First Epistle of Peter (Eerdmans, Grand Rapids: 1990). Bauer-Aland, Wörterbuch
zum Neuen Testament, 6. Aufl. (de Gruyter: Berlin, 1988).
Insgesamt bricht sich im 1. Petrusbrief das Bestreben Bahn, als Priesterschaft ein gutes
         Verhältnis zum „Gemeinwesen“ zu pflegen, Diener des Ganzen zu sein, Opfer im Sinne von
         praktischen Taten und einem angenehmen Lebensstil zu erbringen, sowie gute Taten für die
         Allgemeinheit zu tun. Die Vorordnung des Seins und Tuns vor dem Reden scheint bei Petrus
         im Vergleich mit dem dann folgenden Vers 3,15 deutlich zu Tage zu treten.

    2) Reden: 1Petr 3,15

                 Ehrt vielmehr Christus, den Herrn,
                 indem ihr ihm von ganzem Herzen vertraut.
                 Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen,
                 der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.

         Petrus versteht „Evangelisation“ als Antwort-geben. Das heißt, dass erst einmal Fragen
         entstanden sein müssen. Diese Fragen, ob offen gestellt, oder indirekt erkannt, wollen
         beantwortet werden, und zwar mit Worten, mündlichen Erläuterungen. So scheint etwas
         Wahres dran zu sein an dem alten Satz „Bezeuge Jesus immer und überall und wenn nötig,
         gebrauche Worte“. Nur darf das nicht individuell missverstanden werden im Sinne einer
         persönlichen Evangelisation. Dieses Verständnis würde Petrus‘ Wesensbeschreibung von
         Gemeinde als Priesterschaft widersprechen. Evangelisation geschieht in Form von
         praktischen Taten für das Ganze und der Bereitschaft als Gemeinschaft / Gruppe bei Fragen
         darauf ohne Auszuweichen zu antworten („über die Hoffnung, die euch erfüllt“).

    3)   Praktische Konsequenzen
    -    Mit unermüdlichem Eifer das tun, was gut, sinnvoll und richtig ist
    -    Mit Widerstand rechnen, keine Angst vor Ärger (trotzdem das tun, was gut und richtig ist)
    -    Das gute Tun nicht unter- oder abbrechen bei Einschüchterungen
    -    Im Primat des Seins und Tuns (Diakonie, Lebensstil) bereit sein Auskunft zu erteilen
             o „Berufsbezeichnung“: Eine praktisch handelnde Priesterschaft für alle (Kulturen) mit
                 Auskunftsbereitschaft!
             o Im Verhältnis von Diakonie und Evangelisation bei Petrus hat die „Diakonie“ das
                 Primat, denn Evangelisation hat hier eine antwortende Form. Das setzt Fragen
                 voraus, die zunächst durch das Sein und Tun aufgeworfen werden müssen.
    -    Der Inhalt der Antwort ist nicht ein Versuch andere von etwas zu überzeugen, das sie nicht
         wollen, sondern die eigene Hoffnung mitzuteilen, die einen erfüllt.
    -    Wesentlich ist jedoch nicht nur der Inhalt, sondern die Art und Weise, wie wir antworten:
         Freundlich und mit Hochachtung, nicht als Belehrende oder Ratgeber o.ä. (3,16).

Fragen: Was ist das gute und richtige Tun – Diakonie damals und heute?

Welche Widerstände waren / sind zu erwarten?

Welche Hoffnung erfüllt uns?

Wie können wir freundlich und mit Respekt über unsere Hoffnung sprechen?



2
 Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes: Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie (Kaiser:
München, 1975), S.328f.

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Tobias Ennulat: Verhältnis von Reden und Tun bei Petrus

  • 1. Emergent Barcamp Nord, 12.03.2011 in Bremen Tobias Ennulat Biblisch-Exegetische Beobachtungen zum Verhältnis von Reden und Tun bei Petrus, dargestellt anhand von 1Petr 3,15.1 Einstimmung: Welche Bedeutung haben Sprache, Reden und mündliche Äußerungen in unserer Kultur? Wie sieht das Verhältnis von Evangelisation und Diakonie bei uns aus? Kann man angesichts des Misstrauens in die Tauglichkeit von Begriffen und Worten die Wirklichkeit zu bezeichnen, überhaupt positiv von „Evangelisation“ im Sinne einer mündlichen Verkündigung sprechen? 1) Theologische Grundlage: Sein und Handeln Das Selbstverständnis der Gemeinde ist für Petrus die Priesterschaft für alle Völker: 1Petr 1,9. Diese Priester-Identität der Gemeinschaft von Christen in der Gesellschaft beschreibt ihr Sein und Handeln: Vgl. Ex 19,5-6; Offb 1,6; 5,10; 20,6; 1Petr 2,5). Aus dieser Wesensbeschreibung heraus ergibt sich das Primat der „ (2,12) im Verhältnis zur Bereitschaft „Antwort zu geben über die Hoffnung, die in euch ist“ (1Petr 3,15). Die Vorordnung der „guten Taten“ als Bezeugung der „großen Taten Gottes“ vor dem Reden (2,9). Das Volk Gottes wird in Ex 19 als „königliches Priestervolk“ bezeichnet. Petrus sieht die NT- Gemeinde (nicht den Einzelnen!) als Verlängerung dieser Priesterfunktion Israels. Sie beinhaltete vier Hauptaufgaben als Volk in dieser Welt zu dienen: Segensmittler und generell Mittler zu sein (Gen 12; Num 6) Vermittlung von Gotteserkenntnis an Nichtisraeliten (damit alle Welt erkenne, dass ich der Herr bin) Königliches Priestervolk, Verantwortung übernehmen und Zugehörigkeit zum König (hier: Diener des einbrechenden Reiches Gottes zu sein) Gastgebervolk für Fremde (AT-Gesetze die Fremden zu achten) Der Zusammenhang in 2,5 betont besonders die Aufgabe, „geistliche Opfer“ darzubringen (vgl. Rö 15,16). Die Opfer bestehen bei Petrus aus einem positiven Lebensstil und praktischen Taten für andere (1,13-2,3; 2,12.15). Konkret konnte das bedeuten, gute Gastgeber zu sein (4,9), Mitgefühl zu zeigen (3,8), zu segnen (3,9), Frieden zu fördern in der Umgebung (3,11), Ehen- und Familienbeziehungen respektvoll zu gestalten (3,1-7) und die Unterstützung des Staates in der Erhaltung des Guten und Heilung des Schadhaften (2,13-17). Das Ziel dieses Seins und Tuns ist, „Gottes große Taten zu verkünden“ (V.9), so dass andere das sehen und dadurch Gott preisen (2,12). Auch die Israeliten verkündeten durch ihr Sein und Handeln die Herrlichkeit Gottes (Dtn 4,6-7. 34ff.). Nah dran an Gott und nah bei den Menschen, ihnen dienend: So sah die Vermittlerfunktion der Priesterschaft im AT vor allem aus. Petrus animiert seine Leser dazu, dieses Sein und Handeln als Mittler zwischen Gott und seinen Menschen auch dann zu pflegen, wenn es Widerstand und Schwierigkeiten gibt (3,13-14). „Es ist das priesterliche Volk, das für andere eintritt und der Welt die befreiende Stellvertretung Christi bezeugt. … Die Präsenz Christi in seiner Gemeinde geht sachlich seiner Präsenz in besonderen Aufträgen voraus.“2 1 Peter H. Davids, The First Epistle of Peter (Eerdmans, Grand Rapids: 1990). Bauer-Aland, Wörterbuch zum Neuen Testament, 6. Aufl. (de Gruyter: Berlin, 1988).
  • 2. Insgesamt bricht sich im 1. Petrusbrief das Bestreben Bahn, als Priesterschaft ein gutes Verhältnis zum „Gemeinwesen“ zu pflegen, Diener des Ganzen zu sein, Opfer im Sinne von praktischen Taten und einem angenehmen Lebensstil zu erbringen, sowie gute Taten für die Allgemeinheit zu tun. Die Vorordnung des Seins und Tuns vor dem Reden scheint bei Petrus im Vergleich mit dem dann folgenden Vers 3,15 deutlich zu Tage zu treten. 2) Reden: 1Petr 3,15 Ehrt vielmehr Christus, den Herrn, indem ihr ihm von ganzem Herzen vertraut. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt. Petrus versteht „Evangelisation“ als Antwort-geben. Das heißt, dass erst einmal Fragen entstanden sein müssen. Diese Fragen, ob offen gestellt, oder indirekt erkannt, wollen beantwortet werden, und zwar mit Worten, mündlichen Erläuterungen. So scheint etwas Wahres dran zu sein an dem alten Satz „Bezeuge Jesus immer und überall und wenn nötig, gebrauche Worte“. Nur darf das nicht individuell missverstanden werden im Sinne einer persönlichen Evangelisation. Dieses Verständnis würde Petrus‘ Wesensbeschreibung von Gemeinde als Priesterschaft widersprechen. Evangelisation geschieht in Form von praktischen Taten für das Ganze und der Bereitschaft als Gemeinschaft / Gruppe bei Fragen darauf ohne Auszuweichen zu antworten („über die Hoffnung, die euch erfüllt“). 3) Praktische Konsequenzen - Mit unermüdlichem Eifer das tun, was gut, sinnvoll und richtig ist - Mit Widerstand rechnen, keine Angst vor Ärger (trotzdem das tun, was gut und richtig ist) - Das gute Tun nicht unter- oder abbrechen bei Einschüchterungen - Im Primat des Seins und Tuns (Diakonie, Lebensstil) bereit sein Auskunft zu erteilen o „Berufsbezeichnung“: Eine praktisch handelnde Priesterschaft für alle (Kulturen) mit Auskunftsbereitschaft! o Im Verhältnis von Diakonie und Evangelisation bei Petrus hat die „Diakonie“ das Primat, denn Evangelisation hat hier eine antwortende Form. Das setzt Fragen voraus, die zunächst durch das Sein und Tun aufgeworfen werden müssen. - Der Inhalt der Antwort ist nicht ein Versuch andere von etwas zu überzeugen, das sie nicht wollen, sondern die eigene Hoffnung mitzuteilen, die einen erfüllt. - Wesentlich ist jedoch nicht nur der Inhalt, sondern die Art und Weise, wie wir antworten: Freundlich und mit Hochachtung, nicht als Belehrende oder Ratgeber o.ä. (3,16). Fragen: Was ist das gute und richtige Tun – Diakonie damals und heute? Welche Widerstände waren / sind zu erwarten? Welche Hoffnung erfüllt uns? Wie können wir freundlich und mit Respekt über unsere Hoffnung sprechen? 2 Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes: Ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie (Kaiser: München, 1975), S.328f.