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Publikationsbias und
unausgewogene Berichterstattung in der Forschung und
deren Auswirkung auf wissenschaftliche Publikationen




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Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung




                    “  In einem Wüstengefängnis befreundet sich ein alter Gefangerner mit
                       einem Neuling. Der neue Insasse spricht unerlässlich von der Flucht und
                       schmiedet einen Plan nach dem anderen. Nach ein paar Monaten ist er
                       verschwunden. Nach einer Woche Abwesenheit bringen ihn die
                       Gefängniswärter halbtot und fast verdurstet zurück. Er beklagt sich bei
                       dem alten Gefangenen, wie schlimm es draußen war: endloser Sand, kein
                       Wasser, keine Oase, Fehlschlag um Fehlschlag. Der alte Gefangene hört
                       eine Weile zu und antwortet dann: „Ja, ich weiß. Ich habe dieselben
                       Fluchtversuche vor 20 Jahren probiert.“ Der neue Insasse ist erstaunt:
                       „Wirklich? Warum hast du mir nichts davon erzählt?“ Achselzuckend
                       entgengnet der alte Gefangene: „Wer publiziert schon negative Resultate?


                                                                                                  ”
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung


                       Diese Anekdote illustriert in hervorragender Weise eines der
                       großen Probleme mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen –
                       Publikationsbias oder die Bevorzugung von positiven
                       Ergebnissen.1

                       Publikationsbias bedeutet , dass in wissenschaftlichen
                       Veröffentlichungen Studien mit “positiven” Ergebnissen
                       (hypothesenstützend) bevorzugt werden als “negative”
                       Ergebnisse, welche die Nullhypothese stützen oder im
                       Widerspruch zur aufgestellten Hypothese stehen.2

                       Dies hat zur Folge, dass einige negative – aber dennoch
                       wichtige – Resultate (bspw. Studien über die Unwirksamkeit
                       einer Therapie) nicht veröffentlicht und nicht weitgehend
                       kommuniziert werden.3
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung


                       Die verzerrte bevorzugte Veröffentlichung “positiver”
                       Resultate ist nur ein Beispiel von mehreren (publikations-
                       bezogenen) Verzerrungen. Da diese jedoch die Entscheidung
                       über die Publikation beeinflussen können, ist es wichtig, sie
                       zu verstehen:

                          Was sind die Ursachen für diese Verzerrungen?
                          Welche Verzerrungsarten gibt es, wie können sie die
                           Publikationsentscheidung beeinflussen und wie können diese
                           angesprochen werden?
                          Die Notwendigkeit, solchen Verzerrungen entgegen zu wirken.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung


   Gründe für Bias und Verzerrungen

   Publikationsbias kann mehrere Gründe haben. Wir haben hier einige Hauptursachen
   aufgelistet:

   1. Viele Studien werden nicht veröffentlicht, weil diese von den Forschern erst gar
      nicht eingereicht werden, da sie der Ansicht sind, dass negative Resultate nicht von
      Journals akzeptiert werden. Dieses Phänomen der Nicht-Einreichung wird “File
      Drawer Problem” (“der Schublade verbleibend”) genannt.4
   2. Journals können einen Bias zugunsten von positiven Resultaten haben, da
      angenommen wird, dass negative Ergebnisse weniger häufig zitiert werden und
      somit den Impact Factor eines Journals mindern könnten.
   3. Sponsoren und andere Unterstützer einer Studie können einen Bias aufweisen, der
      Ergebnisse in ihrem eigenen Interesse bevorzugt. Es ist durchaus vorgekommen,
      dass Sponsoren Publikationen mit aus ihrer Sicht ungünstigen Ergebnissen nicht
      veröffentlichen lassen. Auch scheinen industriegesponsorte Studien häufiger
      positive Ergebnisse zu kommunizieren als unabhängig finanzierte.5,6
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung


                       Wie mit unterschiedlichen Bias-Arten umgegangen
                       werden kann

                       Die Tabelle auf den nächsten Seiten listet unterschiedliche
                       Bias-Arten auf, wie sie in wissenschaftlicher Literatur
                       vorkommen können.1,7-11

                       Ebenfalls werden einige Vorschläge unterbreitet, wie diesen
                       entgegnet werden kann. Am besten ist es, den Bias direkt
                       anzusprechen, bspw. in der Sektion in der Sie über die
                       Relevanz Ihrer Studie berichten, oder im Anschreiben an das
                       Journal.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung

Bias-Typ            Was bedeutet dies?                       Wie kann dem entgegnet werden?
Publikationsbias    Studien mit positiven                    Beschreiben Sie das spezifische Problem, welches Ihre
                    Forschungsergeb-nissen                   Studie angesprochen hat. Zeigen Sie, dass Ihre
                    (hypothesenstützend) haben höhere        “negativen” Resultate einem Publikationsbias
                    Publikationschancen als                  entgegen wirken können12 (es gibt inzwischen sogar
                    Publikationen mit negativen              Journals, die ausschliesslich negative Resultate
                    Befunden (Widesprüche zur                publizieren13) und erwähnen Sie, welche Ansichten
                    aufgestellten Hypothese).                oder Praktiken Ihre Befunde verändern könnten.
Zeitverzögerungs-   Studien mit positiven Befunden           Teilen Sie klar mit, weshalb es wichtig ist, dass Ihre
bias                haben eine größere                       Studie ohne Zeitverzögerung veröffentlicht werden
                    Wahrscheinlichkeit früher publiziert     sollte (bspw. dass hierdurch weitere Experimente
                    zu werden als solche mit negativen       eingestellt werden können oder herkömmliche
                    Befunden.                                Praktiken schneller geändert werden können).

Mehrfachpubli-      Es ist wahrscheinlicher, dass positive   Wenn Sie ein Paper mit positiven Resultaten
kationsbias         Resultate einer einzigen Studie eher     veröffent-licht haben, sollten Sie diese nicht nochmals
                    zu Mehrfachpublikationen führen          in einem weiteren Paper veröffentlichen (es sei denn,
                    können als negative Resultate einer      dies geschieht aus einer gänzlich anderen Perspektive
                    einzigen Studie.                         heraus).
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung

Bias-Typ        Was bedeutet dies?                     Wie kann dem entgegnet werden?
Location-Bias   Studien mit positiven Ergebnissen      Scheuen Sie sich nicht, Ihr Paper mit “negativen”
                werden eher in Journals mit höherem    Befunden an ein High-Impact Journal zu senden.
                Impact Factor und größerer             Forschungen haben ergeben, dass einer der
                Reichweite publiziert als solche mit   Hauptgründe für solche Verzerrungen daring liegt,
                negativen Befunden.                    dass Autoren eher dazu tendieren, ihre negativen
                                                       Ergebnisse an Low-Impact Journals zu senden. Darum
                                                       bedeutet der Location Bias nicht unbedingt, dass die
                                                       Ursache heirfür in der Reaktion des Journals liegt.14,15

                                                       Wenn Sie Ihr Paper bei einem High Impact Journal
                                                       einreichen, machen Sie deutlich, weshalb Ihre
                                                       “negativen” Resultate bedeutend sind, wie diese in
                                                       den Kontext existierenden Wissens passen und
                                                       warum es wichtig ist, dass diese eine weite
                                                       Leserschaft erreichen.
Zitationbias    Positive Resultate werden              Wenn Sie auf negative Resultate stoßen, die
                wahrscheinlich häufiger zitiert als    bedeutend für Ihr Forschungsgebiet sind, stellen Sie
                negative.                              sicher, dass Sie diese in Ihrem Paper zitieren. Zitieren
                                                       Sie nicht nur Studien, die Ihre eigene Forschung
                                                       stützen, da dies auch Peer-Reviewer skeptisch
                                                       stimmen kann.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung

Bias-Typ            Was bedeutet dies?                       Wie kann dem entgegnet werden?
Sprach-Bias         Die Publikationssprache steht auch       Beschreiben Sie wie Ihre Resultate für ein globales
                    im Zusammenhang mit dem                  Publikum von Bedeutung sein können und deshalb in
                    Vorliegen von positiven oder             einem englischsprachigen internationalen Journal
                    negativen Resultaten. Studien mit        veröffentlicht werden sollten.
                    positiven Resultaten haben höhere
                    Chancen, in englischsprachigen
                    Journals veröffentlicht zu werden.

Bias im             Forscher, die an einer Studie            Berichten Sie über alle Ergebnisse Ihrer Studie, egal
Ergebnisbericht     arbeiten, die mehrere Ergebnisse         ob positiv oder negativ.
                    liefert, tendieren dazu, eher über die
                    positiven als die negativen Resultate
                    zu berichten.

Bestätigungs-Bias   Ergebnisse, die mit den Hypothesen       Zeigen Sie die Verbindung Ihrer Studie zu vorherigen
                    und Ansichten eines Peer-Reviewers,      Veröffentlichungen im Journal auf. Erklären Sie,
                    Journal-Redakteurs etc. übereinstim-     weshalb Ihre Ergebnisse derzeitig verbreiteten
                    men, werden mit höherer                  Ansichten widersprechen könnten. Betonen Sie, dass
                    Wahrschein-lichkeit zur Publikation      Ihre Studie zur Überdenkung und Überarbeitung
                    vorgeschlagen.                           existierender Ansichten und Perspektiven beitragen
                                                             kann.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung

Bias-Typ        Was bedeutet dies?                    Wie kann dem entgegnet werden?
Bias bei der    Studienergebnisse können einen Bias   Stellen Sie sicher, dass Ihre Sponsoren keinen Einfluss
finanziellen    zugunsten der Sponsoren, Geldgeber,   auf die Entscheidungen und Ergebnisse Ihrer Studie
Unterstützung   Unterstützer etc. aufweisen.          haben. Die Forscher sollten den Zugang zu den
                Ergebnisse, die den Interessen der    Studien und Ergebnissen haben und in unabhängiger
                Sponsoren widersprechen werden        Weise die Daten analysieren und die Methoden der
                evtl. niemals veröffentlicht.         Studie auswählen. Auch sollten die Forscher die finale
                                                      Entscheidung über die Publikation treffen können.16

                                                      Legen Sie immer alle Informationen über Sponsoren
                                                      und finanzielle Unterstützer offen und kommunizieren
                                                      Sie mögliche Interessenskonflikte. Manuskripte, die
                                                      Informationen über die Sponsoren und
                                                      Finanzierungsquellen enthalten, haben eine höhere
                                                      Wahrscheinlichkeit, veröffentlicht zu werden, also
                                                      solche ohne diese Angaben.11
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung


   Warum sollte einem Bias proaktiv entgegnet werden?
   Biases widersprechen den Grundprinzipien der wissenschaftlichen Forschung. Wenn positive
   Resultate bevorzugt publiziert werden, hat dies zur Folge, dass wissenschaftliche Publikationen
   eine inhärente und systematische Verzerrung aufweisen17. Somit wird die Integrität der
   Wissenschaft kompromittiert.18

   Dies kann gravierende Konsequenzen haben, wie bspw. die Fortführung schädlicher oder
   unwirksamer Therapien, unnötiges Leiden von Patienten und Ressourcenverschwendung.

   Wenn Sie einem Bias entgegnen, helfen Sie der Integrität der Wissenschaft und Forschungs-
   literatur. Sie können Ihren Beitrag leisten: indem Sie methodologisch einwandfreie Studien
   einreichen, deren Ergebnisse entgegen Ihren Erwartungen verliefen; betonen, dass Sie sowohl
   positive als auch negative Befunde darstellen; ein neutrales und objektives Peer Review
   durchführen; und es nicht zulassen, dass Geldgeber und Sponsoren Ihre Methodologie,
   Ergebnisdarstellung und Publikationsentscheidungen beeinflussen.

   Kollektive Bemühungen helfen dabei, dass die publizierte Wissenschaftsliteratur Forschungser-
   gebisse in repräsentativer Weise und ohne Bias darstellt. Dies trägt zur Förderung der Integrität
   von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation bei.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung

                             Die Auswirkungen des Publikationsbias
 …auf die wissenschaftliche Literatur
 •   Studien mit positiven Befunden dominieren die publizierte Wissenschaftsliteratur. 17
 •   Da weniger negative Resultate publiziert werden, kann dies zur Überschätzung der Wirksamkeit von
     Therapen, politischen Entscheidungen, neuen Technologien etc. führen und zur Unterschätzung Ihrer
     Probleme.3,11,19
 •   Studien, die aufzeigen, dass bestimmte Therapien, Aktivitäten etc. schädlich sind, werden u.U. niemals
     veröffentlicht.7

 …Publikationsbias auf das Gesundheitswesen
 • Im Jahr 1980 haben Wissenschaftler eine erhöhte Sterberate bei Herzpatienten festgestellt, die mit
    einem Klasse-I Antiarrhythmikum behandelt wurden. Da die Forscher meinten, dass es sich um ein
    Zufallsergebnis handelt, haben sie Ihre Befunde nicht veröffentlicht. Später hat sich jedoch herausge-
    stellt, dass diese Medikamete tatsächlich zu einer erhöhten Sterblichkeit bei Herzpatienten führen.
    1993 haben die Forscher bestätigt, dass es sich bei Ihrer Entscheidung zur Nicht-Publikation um einen
    Publikationsbias handelte20 und dass eine Publikation vor 13 Jahren Menschenleben hätte retten
    können.7,20
 • Eine Review-Studie über experimentelle Forschungen zur Evaluierung negativer gesundheitlicher Effekte
    von Mobiltelefonen hat ergeben, dass die Publikationsrate von positiven Befunden bei industrieinan-
    zierten Studien am geringsten war. 21
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung
Quellen:

1.  Sterne JAC, Egger M, Moher D. (Editors) (2008). Chapter 10: Addressing reporting biases in Cochrane Handbook
    for Systematic Reviews of Interventions (eds. JPT Higgins and S Green). Version 5.0.1 [updated September 2008].
    The Cochrane Collaboration.
2. Dickersin K (1990). The existence of publication bias and risk factors for its occurrence. Journal of the American
    Medical Association, 263: 1385–1389.
3. McGauran N, et al. (2010). Reporting bias in medical research—a narrative review. Trials, 11: 37.
4. Rosenthal R (1979). The "file drawer problem" and tolerance for null results. Psychological Bulletin, 86(3): 638–
    641. doi: 10.1037/0033-2909.86.3.638.
5. Bodenheimer T (2000). Uneasy alliance—clinical investigators and the pharmaceutical industry. New England
    Journal of Medicine, 342: 1539–1544.
6. Bekelman JE, Li Y, Gross CP (2003). Scope and impact of financial conflicts of interest in biomedical
    research. Journal of the American Medical Association, 289(4): 454–465.
7. Song F, Parekh S, Hooper L, Loke YK, Ryder J, Sutton AJ, et al (2010). Dissemination and publication of research
    findings: An updated review of related biases. Health Technology Assessment, 14(8): iii,ix–xi.
8. Mahoney MJ (1977). Publication prejudices: An experimental study of confirmatory bias in the peer review
    system. Cognitive Therapy and Research, 1(2): 161–175. doi: 10.1007/BF01173636.
9. Chopra SS (2003). Industry funding of clinical trials: Benefit or bias? Journal of the American Medical Association,
    290(1): 113–114.
10. Lesser LI, Ebbeling CB, Goozner M, Wypij D, Ludwig DS (2007). Relationship between funding source and
    conclusion among nutrition-related scientific articles. PLoS Medicine, 4(1): e5.
11. Lee KP, Boyd EA, Holroyd-Leduc JM, Bacchetti P, Bero LA (2006). Predictors of publication: Characteristics of
    submitted manuscripts associated with acceptance at major biomedical journals. Medical Journal of Australia,
    184: 621–626.
Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung
Quellen:

12. Sridharan L & Greenland P (2009). Editorial policies and publication bias: The importance of negative studies
    (editorial commentary). Archives of Internal Medicine, 169: 1022–1023.
13. Kotze JD, Johnson CA, O’Hara RB, Vepsäläinen K, Fowler MS (2004). Editorial. Journal of Negative Results—
    Ecology & Evolutionary Biology, 1: 1–5.
14. Koricheva J (2003). Non-significant results in ecology: A burden or a blessing in disguise? Oikos, 102: 397–401.
15. Leimu R & Koricheva J (2004). Cumulative meta-analysis: A new tool for detection of temporal trends and
    publication bias in ecology. Proceedings of the Royal Society of London, B271: 1961–1966.
16. International Committee of Medical Journal Editors. Uniform requirements for manuscripts submitted to
    biomedical journals: Writing and editing for biomedical publication [Accessed: June 14, 2011] Available
    from: http://www.ICMJE.org.
17. Rothstein HR, Sutton AJ, Borenstein M. (Editors) (2005). Chapter 1: Publication Bias in Meta-Analysis in
    Publication Bias in Meta-Analysis: Prevention, Assessment and Adjustments (eds. HR Rothstein, AJ Sutton, and M
    Borenstein). John Wiley & Sons Ltd.: Chichester, UK.
18. Editorial. The whole truth. New Scientist. May 1, 2004. Magazine issue 2445.
19. Scholey JM & Harrison JE (2003). Publication bias: Raising awareness of a potential problem in dental
    research. British Dental Journal, 194: 235–237.
20. Editorial: Dealing with biased reporting of the available evidence. The James Lind Library. [Accessed: June 14,
    2011] Available from: www.jameslindlibrary.org.
21. Huss A, Egger M, Hug K, Huwiler-Müntener K, Röösli M (2007). Source of funding and results of studies of health
    effects of mobile phone use: Systematic review of experimental studies. Environmental Health Perspectives, 115:
    1–4.
Vielen Dank für Ihr Interesse
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Publikationsbias

  • 1. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung und deren Auswirkung auf wissenschaftliche Publikationen Helping you get published
  • 2. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung “ In einem Wüstengefängnis befreundet sich ein alter Gefangerner mit einem Neuling. Der neue Insasse spricht unerlässlich von der Flucht und schmiedet einen Plan nach dem anderen. Nach ein paar Monaten ist er verschwunden. Nach einer Woche Abwesenheit bringen ihn die Gefängniswärter halbtot und fast verdurstet zurück. Er beklagt sich bei dem alten Gefangenen, wie schlimm es draußen war: endloser Sand, kein Wasser, keine Oase, Fehlschlag um Fehlschlag. Der alte Gefangene hört eine Weile zu und antwortet dann: „Ja, ich weiß. Ich habe dieselben Fluchtversuche vor 20 Jahren probiert.“ Der neue Insasse ist erstaunt: „Wirklich? Warum hast du mir nichts davon erzählt?“ Achselzuckend entgengnet der alte Gefangene: „Wer publiziert schon negative Resultate? ”
  • 3. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Diese Anekdote illustriert in hervorragender Weise eines der großen Probleme mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen – Publikationsbias oder die Bevorzugung von positiven Ergebnissen.1 Publikationsbias bedeutet , dass in wissenschaftlichen Veröffentlichungen Studien mit “positiven” Ergebnissen (hypothesenstützend) bevorzugt werden als “negative” Ergebnisse, welche die Nullhypothese stützen oder im Widerspruch zur aufgestellten Hypothese stehen.2 Dies hat zur Folge, dass einige negative – aber dennoch wichtige – Resultate (bspw. Studien über die Unwirksamkeit einer Therapie) nicht veröffentlicht und nicht weitgehend kommuniziert werden.3
  • 4. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Die verzerrte bevorzugte Veröffentlichung “positiver” Resultate ist nur ein Beispiel von mehreren (publikations- bezogenen) Verzerrungen. Da diese jedoch die Entscheidung über die Publikation beeinflussen können, ist es wichtig, sie zu verstehen:  Was sind die Ursachen für diese Verzerrungen?  Welche Verzerrungsarten gibt es, wie können sie die Publikationsentscheidung beeinflussen und wie können diese angesprochen werden?  Die Notwendigkeit, solchen Verzerrungen entgegen zu wirken.
  • 5. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Gründe für Bias und Verzerrungen Publikationsbias kann mehrere Gründe haben. Wir haben hier einige Hauptursachen aufgelistet: 1. Viele Studien werden nicht veröffentlicht, weil diese von den Forschern erst gar nicht eingereicht werden, da sie der Ansicht sind, dass negative Resultate nicht von Journals akzeptiert werden. Dieses Phänomen der Nicht-Einreichung wird “File Drawer Problem” (“der Schublade verbleibend”) genannt.4 2. Journals können einen Bias zugunsten von positiven Resultaten haben, da angenommen wird, dass negative Ergebnisse weniger häufig zitiert werden und somit den Impact Factor eines Journals mindern könnten. 3. Sponsoren und andere Unterstützer einer Studie können einen Bias aufweisen, der Ergebnisse in ihrem eigenen Interesse bevorzugt. Es ist durchaus vorgekommen, dass Sponsoren Publikationen mit aus ihrer Sicht ungünstigen Ergebnissen nicht veröffentlichen lassen. Auch scheinen industriegesponsorte Studien häufiger positive Ergebnisse zu kommunizieren als unabhängig finanzierte.5,6
  • 6. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Wie mit unterschiedlichen Bias-Arten umgegangen werden kann Die Tabelle auf den nächsten Seiten listet unterschiedliche Bias-Arten auf, wie sie in wissenschaftlicher Literatur vorkommen können.1,7-11 Ebenfalls werden einige Vorschläge unterbreitet, wie diesen entgegnet werden kann. Am besten ist es, den Bias direkt anzusprechen, bspw. in der Sektion in der Sie über die Relevanz Ihrer Studie berichten, oder im Anschreiben an das Journal.
  • 7. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Bias-Typ Was bedeutet dies? Wie kann dem entgegnet werden? Publikationsbias Studien mit positiven Beschreiben Sie das spezifische Problem, welches Ihre Forschungsergeb-nissen Studie angesprochen hat. Zeigen Sie, dass Ihre (hypothesenstützend) haben höhere “negativen” Resultate einem Publikationsbias Publikationschancen als entgegen wirken können12 (es gibt inzwischen sogar Publikationen mit negativen Journals, die ausschliesslich negative Resultate Befunden (Widesprüche zur publizieren13) und erwähnen Sie, welche Ansichten aufgestellten Hypothese). oder Praktiken Ihre Befunde verändern könnten. Zeitverzögerungs- Studien mit positiven Befunden Teilen Sie klar mit, weshalb es wichtig ist, dass Ihre bias haben eine größere Studie ohne Zeitverzögerung veröffentlicht werden Wahrscheinlichkeit früher publiziert sollte (bspw. dass hierdurch weitere Experimente zu werden als solche mit negativen eingestellt werden können oder herkömmliche Befunden. Praktiken schneller geändert werden können). Mehrfachpubli- Es ist wahrscheinlicher, dass positive Wenn Sie ein Paper mit positiven Resultaten kationsbias Resultate einer einzigen Studie eher veröffent-licht haben, sollten Sie diese nicht nochmals zu Mehrfachpublikationen führen in einem weiteren Paper veröffentlichen (es sei denn, können als negative Resultate einer dies geschieht aus einer gänzlich anderen Perspektive einzigen Studie. heraus).
  • 8. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Bias-Typ Was bedeutet dies? Wie kann dem entgegnet werden? Location-Bias Studien mit positiven Ergebnissen Scheuen Sie sich nicht, Ihr Paper mit “negativen” werden eher in Journals mit höherem Befunden an ein High-Impact Journal zu senden. Impact Factor und größerer Forschungen haben ergeben, dass einer der Reichweite publiziert als solche mit Hauptgründe für solche Verzerrungen daring liegt, negativen Befunden. dass Autoren eher dazu tendieren, ihre negativen Ergebnisse an Low-Impact Journals zu senden. Darum bedeutet der Location Bias nicht unbedingt, dass die Ursache heirfür in der Reaktion des Journals liegt.14,15 Wenn Sie Ihr Paper bei einem High Impact Journal einreichen, machen Sie deutlich, weshalb Ihre “negativen” Resultate bedeutend sind, wie diese in den Kontext existierenden Wissens passen und warum es wichtig ist, dass diese eine weite Leserschaft erreichen. Zitationbias Positive Resultate werden Wenn Sie auf negative Resultate stoßen, die wahrscheinlich häufiger zitiert als bedeutend für Ihr Forschungsgebiet sind, stellen Sie negative. sicher, dass Sie diese in Ihrem Paper zitieren. Zitieren Sie nicht nur Studien, die Ihre eigene Forschung stützen, da dies auch Peer-Reviewer skeptisch stimmen kann.
  • 9. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Bias-Typ Was bedeutet dies? Wie kann dem entgegnet werden? Sprach-Bias Die Publikationssprache steht auch Beschreiben Sie wie Ihre Resultate für ein globales im Zusammenhang mit dem Publikum von Bedeutung sein können und deshalb in Vorliegen von positiven oder einem englischsprachigen internationalen Journal negativen Resultaten. Studien mit veröffentlicht werden sollten. positiven Resultaten haben höhere Chancen, in englischsprachigen Journals veröffentlicht zu werden. Bias im Forscher, die an einer Studie Berichten Sie über alle Ergebnisse Ihrer Studie, egal Ergebnisbericht arbeiten, die mehrere Ergebnisse ob positiv oder negativ. liefert, tendieren dazu, eher über die positiven als die negativen Resultate zu berichten. Bestätigungs-Bias Ergebnisse, die mit den Hypothesen Zeigen Sie die Verbindung Ihrer Studie zu vorherigen und Ansichten eines Peer-Reviewers, Veröffentlichungen im Journal auf. Erklären Sie, Journal-Redakteurs etc. übereinstim- weshalb Ihre Ergebnisse derzeitig verbreiteten men, werden mit höherer Ansichten widersprechen könnten. Betonen Sie, dass Wahrschein-lichkeit zur Publikation Ihre Studie zur Überdenkung und Überarbeitung vorgeschlagen. existierender Ansichten und Perspektiven beitragen kann.
  • 10. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Bias-Typ Was bedeutet dies? Wie kann dem entgegnet werden? Bias bei der Studienergebnisse können einen Bias Stellen Sie sicher, dass Ihre Sponsoren keinen Einfluss finanziellen zugunsten der Sponsoren, Geldgeber, auf die Entscheidungen und Ergebnisse Ihrer Studie Unterstützung Unterstützer etc. aufweisen. haben. Die Forscher sollten den Zugang zu den Ergebnisse, die den Interessen der Studien und Ergebnissen haben und in unabhängiger Sponsoren widersprechen werden Weise die Daten analysieren und die Methoden der evtl. niemals veröffentlicht. Studie auswählen. Auch sollten die Forscher die finale Entscheidung über die Publikation treffen können.16 Legen Sie immer alle Informationen über Sponsoren und finanzielle Unterstützer offen und kommunizieren Sie mögliche Interessenskonflikte. Manuskripte, die Informationen über die Sponsoren und Finanzierungsquellen enthalten, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, veröffentlicht zu werden, also solche ohne diese Angaben.11
  • 11. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Warum sollte einem Bias proaktiv entgegnet werden? Biases widersprechen den Grundprinzipien der wissenschaftlichen Forschung. Wenn positive Resultate bevorzugt publiziert werden, hat dies zur Folge, dass wissenschaftliche Publikationen eine inhärente und systematische Verzerrung aufweisen17. Somit wird die Integrität der Wissenschaft kompromittiert.18 Dies kann gravierende Konsequenzen haben, wie bspw. die Fortführung schädlicher oder unwirksamer Therapien, unnötiges Leiden von Patienten und Ressourcenverschwendung. Wenn Sie einem Bias entgegnen, helfen Sie der Integrität der Wissenschaft und Forschungs- literatur. Sie können Ihren Beitrag leisten: indem Sie methodologisch einwandfreie Studien einreichen, deren Ergebnisse entgegen Ihren Erwartungen verliefen; betonen, dass Sie sowohl positive als auch negative Befunde darstellen; ein neutrales und objektives Peer Review durchführen; und es nicht zulassen, dass Geldgeber und Sponsoren Ihre Methodologie, Ergebnisdarstellung und Publikationsentscheidungen beeinflussen. Kollektive Bemühungen helfen dabei, dass die publizierte Wissenschaftsliteratur Forschungser- gebisse in repräsentativer Weise und ohne Bias darstellt. Dies trägt zur Förderung der Integrität von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation bei.
  • 12. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Die Auswirkungen des Publikationsbias …auf die wissenschaftliche Literatur • Studien mit positiven Befunden dominieren die publizierte Wissenschaftsliteratur. 17 • Da weniger negative Resultate publiziert werden, kann dies zur Überschätzung der Wirksamkeit von Therapen, politischen Entscheidungen, neuen Technologien etc. führen und zur Unterschätzung Ihrer Probleme.3,11,19 • Studien, die aufzeigen, dass bestimmte Therapien, Aktivitäten etc. schädlich sind, werden u.U. niemals veröffentlicht.7 …Publikationsbias auf das Gesundheitswesen • Im Jahr 1980 haben Wissenschaftler eine erhöhte Sterberate bei Herzpatienten festgestellt, die mit einem Klasse-I Antiarrhythmikum behandelt wurden. Da die Forscher meinten, dass es sich um ein Zufallsergebnis handelt, haben sie Ihre Befunde nicht veröffentlicht. Später hat sich jedoch herausge- stellt, dass diese Medikamete tatsächlich zu einer erhöhten Sterblichkeit bei Herzpatienten führen. 1993 haben die Forscher bestätigt, dass es sich bei Ihrer Entscheidung zur Nicht-Publikation um einen Publikationsbias handelte20 und dass eine Publikation vor 13 Jahren Menschenleben hätte retten können.7,20 • Eine Review-Studie über experimentelle Forschungen zur Evaluierung negativer gesundheitlicher Effekte von Mobiltelefonen hat ergeben, dass die Publikationsrate von positiven Befunden bei industrieinan- zierten Studien am geringsten war. 21
  • 13. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Quellen: 1. Sterne JAC, Egger M, Moher D. (Editors) (2008). Chapter 10: Addressing reporting biases in Cochrane Handbook for Systematic Reviews of Interventions (eds. JPT Higgins and S Green). Version 5.0.1 [updated September 2008]. The Cochrane Collaboration. 2. Dickersin K (1990). The existence of publication bias and risk factors for its occurrence. Journal of the American Medical Association, 263: 1385–1389. 3. McGauran N, et al. (2010). Reporting bias in medical research—a narrative review. Trials, 11: 37. 4. Rosenthal R (1979). The "file drawer problem" and tolerance for null results. Psychological Bulletin, 86(3): 638– 641. doi: 10.1037/0033-2909.86.3.638. 5. Bodenheimer T (2000). Uneasy alliance—clinical investigators and the pharmaceutical industry. New England Journal of Medicine, 342: 1539–1544. 6. Bekelman JE, Li Y, Gross CP (2003). Scope and impact of financial conflicts of interest in biomedical research. Journal of the American Medical Association, 289(4): 454–465. 7. Song F, Parekh S, Hooper L, Loke YK, Ryder J, Sutton AJ, et al (2010). Dissemination and publication of research findings: An updated review of related biases. Health Technology Assessment, 14(8): iii,ix–xi. 8. Mahoney MJ (1977). Publication prejudices: An experimental study of confirmatory bias in the peer review system. Cognitive Therapy and Research, 1(2): 161–175. doi: 10.1007/BF01173636. 9. Chopra SS (2003). Industry funding of clinical trials: Benefit or bias? Journal of the American Medical Association, 290(1): 113–114. 10. Lesser LI, Ebbeling CB, Goozner M, Wypij D, Ludwig DS (2007). Relationship between funding source and conclusion among nutrition-related scientific articles. PLoS Medicine, 4(1): e5. 11. Lee KP, Boyd EA, Holroyd-Leduc JM, Bacchetti P, Bero LA (2006). Predictors of publication: Characteristics of submitted manuscripts associated with acceptance at major biomedical journals. Medical Journal of Australia, 184: 621–626.
  • 14. Publikationsbias und unausgewogene Berichterstattung in der Forschung Quellen: 12. Sridharan L & Greenland P (2009). Editorial policies and publication bias: The importance of negative studies (editorial commentary). Archives of Internal Medicine, 169: 1022–1023. 13. Kotze JD, Johnson CA, O’Hara RB, Vepsäläinen K, Fowler MS (2004). Editorial. Journal of Negative Results— Ecology & Evolutionary Biology, 1: 1–5. 14. Koricheva J (2003). Non-significant results in ecology: A burden or a blessing in disguise? Oikos, 102: 397–401. 15. Leimu R & Koricheva J (2004). Cumulative meta-analysis: A new tool for detection of temporal trends and publication bias in ecology. Proceedings of the Royal Society of London, B271: 1961–1966. 16. International Committee of Medical Journal Editors. Uniform requirements for manuscripts submitted to biomedical journals: Writing and editing for biomedical publication [Accessed: June 14, 2011] Available from: http://www.ICMJE.org. 17. Rothstein HR, Sutton AJ, Borenstein M. (Editors) (2005). Chapter 1: Publication Bias in Meta-Analysis in Publication Bias in Meta-Analysis: Prevention, Assessment and Adjustments (eds. HR Rothstein, AJ Sutton, and M Borenstein). John Wiley & Sons Ltd.: Chichester, UK. 18. Editorial. The whole truth. New Scientist. May 1, 2004. Magazine issue 2445. 19. Scholey JM & Harrison JE (2003). Publication bias: Raising awareness of a potential problem in dental research. British Dental Journal, 194: 235–237. 20. Editorial: Dealing with biased reporting of the available evidence. The James Lind Library. [Accessed: June 14, 2011] Available from: www.jameslindlibrary.org. 21. Huss A, Egger M, Hug K, Huwiler-Müntener K, Röösli M (2007). Source of funding and results of studies of health effects of mobile phone use: Systematic review of experimental studies. Environmental Health Perspectives, 115: 1–4.
  • 15. Vielen Dank für Ihr Interesse www.editage.de https://twitter.com/EditageGermany http://www.linkedin.com/company/cactus- communications