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Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben?
        Dieter Wunderlich (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
              5. Juni 2002, Mainzer Universitätsgespräche
1. Evolution und Sprache
Der moderne Mensch, der homo sapiens sapiens, entstand wahrscheinlich vor
mehr als 100.000 Jahren in Ostafrika. Er entwickelte sich aus Vorläufern, die
ihm ähnlich waren, Werkzeuge herstellten und wahrscheinlich auch schon spre-
chen konnten und deren Verwandte lange vor ihm bereits bis nach Java ge-
kommen waren (als homo erectus) und ebenso nach Europa (als Neandertaler).
Damals, vor gut 100.000 Jahren, muß aber ein Sprung in der Entwicklung statt-
gefunden haben, wir wissen nicht genau welcher. Er könnte etwas mit der Spra-
che zu tun haben, mit der Einführung distinktiver Kategorien. Einerseits im
Lautsystem: eine feine Unterscheidung von sprachrelevanten (d.h. bedeutungs-
unterscheidenden) Einzellauten (den Phonemen) erlaubte ein sprunghaftes An-
wachsen des Lexikons (man konnte rate-kate-pate oder rate-rote-rite als eigene
Wörter unterscheiden). Andererseits im Lexikon selbst: die Unterscheidung der
Wörter durch lexikalische Kategorien wie Verb und Nomen erlaubte den Innen-
ausbau einer Aussage als Satzstruktur.
   Das Geheimnis der Menschwerdung ist mit dem Geheimnis der Sprach-
entstehung verknüpft. Alles was uns erlaubt, die Sprachentstehung besser zu
verstehen, ist auch ein Beitrag zum Verständnis der Menschwerdung. Einzelne
Gruppen des modernen Menschen haben nach und nach die Küsten Südasiens
besiedelt, sind vor 70.000 Jahren bis ins heutige China gekommen, vor 50.000
Jahren waren sie schon in Australien und vor 40.000 Jahren (nach neueren
Schätzungen) vielleicht auch bis nach Amerika und Europa vorgedrungen. In
Asien haben sie noch lange mit den Nachfolgern des homo erectus und in Eu-
ropa und Vorderasien mit den Neandertalern zusammengelebt. Sie waren wahr-
scheinlich kulturell und sprachlich ihren entfernten Vettern überlegen.
   Nach der Abtrennung voneinander haben die einzelnen Menschengruppen
(deren Größe wir uns auf jeweils 100 oder maximal 500 Personen vorstellen
müssen) ihre eigenen Kulturen und Sprachen weiterentwickelt. Die ersten Bele-
ge für Sprache, also schriftliche Dokumente, sind nicht älter als 6.000 Jahre, die
meisten sind viel jünger. Wir können bestenfalls etwas über die letzten 10 Pro-
zent der menschlichen Sprachgeschichte sagen. Die Ereignisse, die schließlich
zur Schrift führten, und zu denen ich gleich komme, liegen vielleicht 10.000
Jahre zurück.
   Damals hatten sich wahrscheinlich viele der heute bekannten großen Sprach-
familien (vielleicht 40) bereits entwickelt, andere – wie die indogermanische,
die altaische (zu der Türkisch und Mongolisch gehören) und die austronesische
2
(zu der viele der pazifischen Sprachen gehören) sind erst später hinzugekom-
men. Manche Forscher vermuten, daß es vor 10.000 Jahren vielleicht 6 Millio-
nen Menschen gegeben hat, die bereits 3.000 verschiedene Sprachen gespro-
chen haben. Der Turmbau zu Babel lag für die Menschheit schon lange zurück.
   Vor 10.000 Jahren und später wurden an mehreren Orten der Welt unabhän-
gig voneinander Techniken des Landbaus erfunden – eine eigenartige Koinzi-
denz: Weizen und Gerste in Mesopotamien, Reis und Hirse in Südostasien,
Zuckerrohr in Neuguinea, Sorghum und die Yam-Wurzel in Afrika, Mais und
Bohnen in Zentralamerika, Maniok in Südamerika. Diese kulturellen Revolu-
tionen schufen neue Nahrungsquellen und ermöglichten so ein Anwachsen der
Bevölkerung, es entstanden die späteren Hochkulturen (außer in Neuguinea und
vielleicht Afrika), in denen bald auch Schriftsysteme für Verwaltungszwecke
erfunden wurden. Teile der Bevölkerungen wanderten aus, verbreiteten die kul-
turellen Erfindungen, große historische Völkerwanderungen begannen.
   Die Landkarte der Kulturen und Sprachen wurde ganz neu geschrieben.
Sprachen verschwanden (von denen wir oft nicht einmal den Namen kennen),
neue Sprachen entstanden durch Abtrennung, Kontakt und Kreolisierung. Bis
weit in die Neuzeit blieb ein Gleichgewicht in der Zahl der Sprachen, trotz
sprunghafter Bevölkerungszunahme in einigen Regionen.
2. Große und kleine Sprachen
Gegenwärtig hat sich diese Situation dramatisch verändert. Sprachen sterben
mit einer Schnelligkeit und in einem Ausmaße aus, wie es das noch nie gegeben
hat. Optimistische Schätzungen sagen, daß es in 100 Jahren nur noch 1/3 der
gegenwärtigen Sprachen geben wird, pessimistische Schätzungen sprechen von
nur noch 10%. Die Tabelle verdeutlicht die Situation.
   Vor 10.000 Jahren                Heute                 In 100 Jahren
        sprachen                  sprechen                   werden
       6 Millionen             6.000 Millionen          12.000 Millionen
        Menschen                  Menschen                  Menschen
   3.000 verschiedene        6.000 verschiedene         600 verschiedene
        Sprachen                  Sprachen             Sprachen sprechen
20% der Sprachen sind schon so gut wie tot – es gibt nur noch zwischen 5 und
20 erwachsene Sprecher. Weitere 20% sind sterbende Sprachen – die Kinder
lernen die Sprache nicht mehr. Und ungefähr 50% der Sprachen sind bedroht
wegen der kleinen Zahl von Sprechern.
   Der Motor für diese sprachbedrohende Entwicklung ist politische und öko-
nomische Globalisierung, hinzu kommen die Medien Fernsehen und Film. Der
stärkere gewinnt. Um dies auf Sprachen zu beziehen, sollten wir uns kurz ver-
gegenwärtigen, daß sich die Menschen sehr ungleichmäßig auf einzelne Spra-
3
chen konzentrieren und daß sich die Sprachen sehr ungleichmäßig auf die Kon-
tinente und die Staaten verteilen.
   Einige Sprachen haben viele Sprecher, die meisten Sprachen haben wenige
Sprecher. 2% der Sprachen haben jeweils über 7 Millionen Sprecher, aber 90%
der Sprachen haben weniger als 5000 Sprecher, oft viel weniger.
   Betrachten wir kurz die Top 10 Sprachen. Mandarin-Chinesisch hat bei wei-
tem die meisten Sprecher, fast 900 Millionen, das sind 15 % der Weltbevölke-
rung. Dann folgen lauter indoeuropäische Sprachen: Spanisch (330 Mill.), Eng-
lisch (320 Mill.), Bengali (190 Mill.), Hindi (180 Mill.), Portugiesisch (170
Mill.) und Russisch (170 Mill.), schließlich Japanisch (125 Mill.), Deutsch (98
Mill.) und Wu-Chinesisch (77 Mill.). Die 10 größten Sprachen werden von 42,5
% der Weltbevölkerung gesprochen.
   Die indoeuropäische Sprachfamilie mit ihren Untergruppen liegt an der Spit-
ze der Sprachfamilien. 1,2 Milliarden Menschen sprechen chinesische Spra-
chen, aber mehr als 2,3 Milliarden sprechen indoeuropäisch. Zu den Top 100
Sprachen gehören allein 40 indoeuropäische Sprachen, eingeteilt in Indische,
Romanische, Germanische, Slavische, Iranische Sprachen und Griechisch. An-
dere große Sprachen bzw. Sprachfamilien sind Dravidisch, Arabisch, Indone-
sisch, Altaisch, Japanisch-Koreanisch, auch Philippinisch. Wir finden einige
große Sprachen auch in Afrika (Hausa, Yoruba, Igbo), aber keine unter den in-
digenen Sprachen von Amerika, Australien und Neuguinea.
  In Europa      In Amerika     In Afrika spre-    In Asien       Im Pazifik
   sprechen       sprechen           chen          sprechen        sprechen
  12,3 % der     13,5 % der       12,9 % der      60,8 % der      0,5 % der
  Menschen        Menschen        Menschen        Menschen        Menschen
    3 % der       16 % der         30 % der        32 % der        19 % der
   Sprachen       Sprachen         Sprachen        Sprachen        Sprachen
Die Verteilung auf die Kontinente zeigt uns: Asien hat fast 5 mal so viel Be-
wohner wie Afrika, aber nur wenig mehr Sprachen. Amerika und Europa haben
ungefähr gleich viele Bewohner, aber Amerika hat 5 mal so viele Sprachen.
0,5% der Menschen wohnen im pazifischen Raum und sprechen 19% der Spra-
chen. Allein in Papua-Neuguinea sprechen nur 3,5 Millionen Menschen insge-
samt 850 verschiedene Sprachen, rein rechnerisch kommen hier nur 4.000
Sprecher auf eine Sprache.
   Ähnlich ungleich ist die Verteilung in den Staaten. In fast 90% der Staaten
werden jeweils weniger als 5 verschiedene Sprachen gesprochen, alles zusam-
men sind das 15% der Sprachen. Dagegen werden 60% der Sprachen in nur 5%
der Staaten gesprochen. Neben Papua Neuguinea gehören dazu Indonesien, Ni-
geria, Indien, Kamerun und Mexiko. In diesen Ländern, aber auch in vielen an-
deren Regionen der Welt, ist Mehrsprachigkeit die Regel: wenn sich Leute auf
4
dem Markt oder bei Geschäften begegnen, wechseln sie oft von der einen in die
andere Sprache. Mehrsprachigkeit ist auch ein Postulat in fortgeschrittenen
Schulsystemen. So gilt für das indische Schulsystem die Dreisprachen-Regel:
Jedes Kind lernt neben der Muttersprache zwei weitere, eine aus dem jeweili-
gen Bundesstaat und eine andere landesweite Sprache (Hindi oder Englisch).
   Die extremen Unterschiede in der Sprachengröße und Sprachenverteilung
zeigen uns, daß sich die Sprachenproblematik für die Staaten und Regionen der
Welt ganz unterschiedlich darstellt. Wir in Europa sind am wenigsten davon
betroffen, obwohl es auch hier Beispiele für das Sprachensterben gibt. Von der
reinen Bevölkerungszahl her wären alle Sprachen mit weniger als 5.000 Spre-
chern gefährdet; wir müssen uns ja fragen: kann sich eine so kleine ethnische
Gruppe überhaupt eigene Schulen leisten? Tatsächlich gibt es aber große Unter-
schiede.
   Sprachgemeinschaften in abgelegenen Regionen mit autarker Wirtschaft und
starkem Identitätsbewußtsein, am Polarkreis, in Wüsten- oder Urwaldgebieten,
in Gebirgstälern und auf kleinen Inseln, haben Standortvorteile. Auch die vielen
kleinen Sprachen Neuguineas sind im ganzen weniger gefährdet, weil es keine
konkurrierenden großen Sprachen gibt.
   Sprachen in der Nachbarschaft und im Wirtschaftsraum anderer großer
Sprachgemeinschaften sind am meisten gefährdet, besonders dann, wenn die
Sprachminderheiten räumlich verteilt leben. Die Menschen ziehen aus isolierten
Dörfern zu Städten, in denen eine andere dominierende Sprache gebraucht wird.
   Der gegenwärtige Sprachenatlas ist das Produkt einer langen Geschichte.
Menschen, die voneinander entfernt leben, entwickeln eine eigene Sprache.
Sprachgemeinschaften, die in Kontakt miteinander leben, nehmen Wörter und
grammatische Konstruktionen voneinander an. Dieses Gleichgewicht wird dann
gestört, wenn die eine Kultur zu herrschen beginnt. Der stärkere gewinnt. In
Europa wurde diese Herrschaft durch den Nationalgedanken manifest: eine Na-
tion – eine Sprache; vor allem deshalb ist Europa der sprachlich homogenste
Kontinent.
   Das Zeitalter der Kolonisierung hatte seine Auswirkungen auf Amerika, Au-
stralien und Sibirien. Im 20. Jahrhundert haben die Sowjetunion, Australien,
auch die USA, die Minderheitensprachen durch den Zwang zur Internatsschule
unterdrückt. Gegenwärtig sind die wirtschaftliche Globalisierung, der durch sie
ausgelöste Schub zur Vergrößerung der Städte und die Allgegenwärtigkeit des
Fernsehens die Faktoren, die die Minderheitensprachen am meisten gefährden.
3. Sprachen sterben aus
Sprachen sterben aus, wenn eine Sprachgemeinschaft aufhört, ihre Mutterspra-
che für ihre öffentlichen Zwecke zu verwenden, zugunsten einer anderen Spra-
che der Umgebung mit dominierender Kultur. Die Muttersprache wird schließ-
lich nur noch gelegentlich in Unterhaltungen in der Familie und zwischen
5
Freunden benutzt. Die Menschen entwickeln eine negative Einstellung zu ihrer
eigenen Sprache und vermitteln sie nicht mehr an ihre Kinder, und die Kinder
selbst suchen ihre Chance bei einer Sprache mit Prestige, wenn sie denn über-
haupt eine Option haben. Oft erzwingt schon das Schulsystem die Verwendung
der nationalen Sprache und stigmatisiert die Minderheitensprachen. Gefährdet
sind auch Sprachen mit großer räumlicher Verteilung.
   Bei einer zahlenmäßig kleinen Sprachgemeinschaft kann der Sprachverfall
im Laufe weniger Generationen erfolgen, typischerweise drei. Die 2. Generati-
on benutzt die Sprache nur noch selten und entwickelt eine negative Einstel-
lung. Ihre Kinder lernen die Sprache dann nur noch als Anzahl von Idiomen
und lexikalischen Elementen, die sie bei Gelegenheit verwenden. Sie achten
nicht mehr auf die besonderen morphologischen Kategorien. Wenn es darum
geht, die Grammatik der Sprache herauszufiltern, haben sie zu wenige Vorbil-
der. Sie übergeneralisieren und untergeneralisieren, die Regeln der Sprache
werden optional oder willkürlich. Die Sprecher der 3. Generation sind unsicher,
wie man es sagen soll. Für die 4. Generation gibt es die Sprache nur noch dem
Namen nach. Wenn durch Internatszwang eine ganze Generation ausfällt, hat
schon die 3. Generation kaum eine Chance, sprachliche Vorbilder zu hören, es
sei denn über die Großeltern.
   Die Sprachgemeinschaften erleben den Verlust ihrer Sprache höchst unter-
schiedlich: manche betrachten ihre familiäre Sprache gar nicht als richtige
Sprache, andernorts bemühen sich besonders die Älteren, sprachliche Traditio-
nen wach zu halten. Eine Sprachgemeinschaft, die sich dem Zerfall entgegen-
stellen will, braucht verläßliche Vorbilder, ein sicheres Wissen über die Sprache
und Hilfen. Wissen über Sprache ist eine kulturelle Leistung, vollbracht von
Experten, die die Sprache analysieren. Linguisten, die bedrohte Sprachen unter-
suchen, können ihre Dokumentationen als Hilfe anbieten. Falls die Sprachge-
meinschaft ein Bewußtsein ihrer Identität erlangt, wird sie die Sprache schrei-
ben und kodifizieren wollen, Schulprogramme entwickeln und sprachbasierte
Traditionen pflegen.
   Es gibt einige beispielhafte Programme bedrohter Minderheiten, die ihre
Sprache neubeleben und den Kindern ein Selbstwertgefühl in ihrer Sprache ge-
ben wollen. Eines dieser Programme sind die kohanga reo, wörtlich ‘Sprachne-
ster’, der Maoris in Neuseeland, das sind Vorschulen für Kinder, an denen sich
die Erwachsenen beteiligen. Die Eltern sind gehalten, selbst wieder Maori zu
lernen und mit den Kindern zu sprechen. Ähnliche Programme finden wir in
Nordamerika, z.B. bei den Hualapais in Arizona am Nordwestrand des Grand
Canyon: Vom Kindergarten bis zum 8. Schuljahr wird der gesamte Stoff in
Hualapai und Englisch angeboten, also bilingual.
6
Auch die neuen Medien können die Chancen verbessern: das Dorfradio für
kompakte Siedlungsgebiete, das Internet für geographisch verteilte Siedlungs-
gebiete.
4. Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben?
Auf diese Frage gibt es zwei oft zu hörende naive Reaktionen. Die einen sagen:
Laßt doch die primitiven Sprachen untergehen. Was nützlich ist, bleibt beste-
hen. Die anderen sagen: Wir brauchen gar nicht so viele Sprachen. Mit weniger
Sprachen ist weltweite Kommunikation viel einfacher.
   Zur ersten Antwort: Wir kennen keine primitiven Sprachen. Alle gegenwär-
tigen Sprachen sind vollwertige und hochflexible Kommunikationssysteme. Sie
können Lehnwörter aufnehmen, beliebige neue Wörter prägen und ihre Kon-
struktionen ausbauen. In der Indianersprache Cayuga heißt das ‘Pferd’ das was
Baumstämme schleppt - nicht viel anders als wie Europäer vom Korkenzieher
(wörtlich: ‘das was Korken zieht’) oder Scheibenwischer sprechen. Die Vorstel-
lung, daß die Sprachen der Völker, die noch steinzeitlich leben wie bis vor kur-
zem viele Stämme Neu Guineas, deshalb primitiv wären, ist völlig falsch. Im
Gegenteil: Diese Sprachen weisen höchste Differenzierungen in Wortschatz,
Morphologie und Grammatik auf, sie erlauben feinste Nuancierungen. Die Kul-
tur dieser Menschen ist vor allem eine Kultur der Sprache: Sprache ist das Ge-
fäß, in dem sie ihre Erfahrungen sammeln; Sprache ist das Instrument, mit dem
sie ihre sozialen Beziehungen regeln und Riten veranstalten. Jede Einzelsprache
repräsentiert eine mögliche menschliche Identität, eine mögliche menschliche
Kultur.
   Wenn steinzeitliche Wirtschaftsformen überwunden werden, sich die Wirt-
schaftsbeziehungen räumlich ausweiten und schließlich technische Kommuni-
kationsmedien hinzutreten, wird die Sprache eher einfacher, weil mehr Men-
schen erreicht werden müssen. Geben nun die Menschen eines solchen Stam-
mes ihre Sprache auf, verlieren wir nichts Primitives, an dessen Stelle etwas
mehr Entwickeltes treten würde. Wir verlieren eine ganz spezielle, meistens
unvergleichliche Form von kultureller Identität. Die sterbenden Sprachen sind
eher komplizierter als die überlebenden.
   Zur zweiten Antwort: Globalisierung bringt Chancen und Gefahren, wie jede
Kulturentwicklung. Die Freiheit des Menschen besteht nicht darin, alle gleich
zu machen. Menschen brauchen eine Identität in Heimat, Abstammung, Familie
und Freundeskreis, in einer überschaubaren Gruppe. Selbst wenn wir alle die-
selbe Sprache sprechen würden, bestände das Bedürfnis zur Unterscheidung:
wer gehört zu uns und wer nicht? Jugendgruppen, Händler, Seeleute formen
Subsprachen, um sich abzugrenzen, um nur von Eingeweihten verstanden zu
werden, oder als überregionalen Kode. Auf der anderen Seite: Was uns faszi-
niert und inspiriert, ist das Fremde und Andersartige. Wenn wir reisten und nur
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noch dasselbe fänden wie bei uns, wären wir enttäuscht. Wir erwarten doch, uns
durch die Kontakte zu entwickeln.
   Kontakt zwischen Sprachen hat es immer gegeben. Selbst die kleinsten und
entferntesten Menschengruppen treiben Handel mit anderen benachbarten
Gruppen. Schon die steinzeitlichen Handelswege waren ausgedehnt und kom-
plex; vermutlich haben auch die Neandertaler Handel betrieben. Viele ethnische
Gruppen erlauben Heirat nur zwischen den Stämmen; die Kinder lernen somit
immer auch eine zweite Sprache, eine Quelle für Sprachinnovation. Mehrspra-
chigkeit ist dem Menschen also nichts Fremdes, im Gegenteil, eher ein Natur-
zustand. Laßt uns eine globale und viele lokale Sprachen sprechen.
   Die sterbenden Sprachen sind eher komplizierter als die überlebenden. Die-
sem Aspekt sollten wir uns noch einmal zuwenden. Eine komplexe Sprache ge-
gen eine weniger komplexe Sprache einzutauschen wäre doch ein Vorteil.
   Die kleinen Sprachen haben mehr Morphologie und mehr lexikalische Irre-
gularitäten als die großen. In einer kleinen Gruppe gibt es viele gemeinsame
Voraussetzungen, man kann sich oft auf idiomatische Wendungen verlassen
und braucht nicht so explizit zu sein; das hat Vorteile – man kann schneller
kommunizieren. Die großen Sprachen haben weniger Irregularitäten in Lexikon
und Morphologie, dafür in der Regel eine ausgefeiltere Syntax. Sie dient dazu,
den Gegenstand der Aussage einzuführen (Topik), den Schwerpunkt der Aussa-
ge hervorzuheben (Fokus), die Referenzen klar zu machen (auf welche Perso-
nen oder Objekte bezieht sich die Aussage?) und die möglichen Interpretationen
einzuschränken. Viele der sprachlichen Verfahren sind stärker generalisiert.
Das hat Vorteile, wenn die Gesprächspartner häufig wechseln.
   Die großen Sprachen sind möglicherweise nicht nur deshalb überlegen, weil
sie von mehr Menschen gesprochen werden, sondern weil sie auf die größere
Bevölkerungsgruppe besser angepaßt sind. Insofern gibt es zwar keine Entwick-
lung von primitiven zu weniger primitiven Sprachen, aber eine Entwicklung
von lokalen, komplizierten, häufig idiomatisch-irregulären Sprachen zu globa-
len, einfacheren und weniger idiomatischen, dafür mehr regulären Sprachen.
5. Kommen wir also ernsthaft und nicht naiv zurück zu der Frage: Was
verlieren wir, wenn Sprachen sterben?
Ein erster Aspekt: Die Nachkommen einer Ethnie, deren Sprache verschwun-
den ist, verlieren die Kultur ihrer Ahnen. Die Menschheit verliert einen Teil ih-
rer kulturellen Vielfalt.
   Viele Ausfaltungen von Kultur sind an Sprache gebunden: Riten, Poesie, Ge-
rechtigkeit herstellen, Erinnerungen wachhalten. Sprachenvielfalt stellt ein Re-
servoir für intellektuelle Fähigkeiten des Menschen dar: Gestaltung sozialer Ri-
ten, Formen der Poesie, taxonomische Systeme zur gliedernden Benennung der
Natur, besondere Formen, um kleine Differenzen auszudrücken und wahrzu-
nehmen, um interessante logische Beziehungen herzustellen, um feine soziale
8
und emotionale Stimmungen auszudrücken. Daher rührt ja auch die Faszination
der Europäer an ‘exotischen’ Sprachen: die intellektuellen Möglichkeiten, die in
diesen Sprachen kodiert sind, sind uns einerseits fremd, andererseits spiegeln
sie etwas, zu dem wir prinzipiell auch Zugang haben. Der Verlust von Spra-
chenvielfalt bedeutet Verlust an intellektuellen Möglichkeiten. Insofern kann
man sagen: Sprachenvielfalt ist eine ökologische Ressource des Menschen auf
dem Gebiet des Intellekts, des menschlichen Geistes.
Ein zweiter Aspekt: Die Menschen verlieren Anregungen zur Sprachentwick-
lung durch den Wegfall des Kontrasts mit anderen Sprachen. Die Linguisten
verlieren eine Anschauung von der Vielfalt der Sprachen.
   Wie kommen sprachliche Innovationen zustande? Kinder spielen mit der
Sprache und erfinden Möglichkeiten, die dem Erwachsenen zwar fremd sind,
aber einleuchten. Der mehrsprachige Mensch hat eine noch bessere Spielwiese,
er kann aus der einen Sprache in die andere Sprache übertragen. Viele Sprachen
haben durch Sprachkontakt auch neue grammatische Möglichkeiten gewonnen,
wahrscheinlich zuerst durch Jugendliche. Um nur ein Beispiel zu nennen: In-
dianersprachen wie Quechua in Peru und Maya in Mexiko haben sich durch
spanische Vorbilder rasant weiter entwickelt, sie haben dadurch gewonnen,
nichts verloren, von ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit nichts aufgegeben.
Wenn alle Sprachen globalisiert sind, fehlen die Vorbilder für Innovation. Spra-
chenvielfalt stellt also ein Reservoir zur Weiterentwicklung der Sprachen dar,
im Prinzip nicht viel anders als biologische Vielfalt ein Reservoir für die Wei-
terentwicklung der Arten ist.
   Sprachenvielfalt stellt auch ein Reservoir zur Erforschung der Sprache dar.
Wenn ganze Sprachtypen aussterben, verändern sich die Annahmen über das
Sprachmögliche. Viele aussterbende Sprachen sind noch fast gänzlich unbe-
kannt, und nur wenig Überlieferungswertes wird bleiben. Fast jede neu entdeck-
te Sprache hat den Forschern große Überraschungen gebracht. Sie sind ständig
dabei, ihre Annahmen über das Sprachmögliche zu revidieren. Was für die eine
Sprache eine entfaltete morphologische oder grammatische Form ist, das wor-
auf sie sich spezialisiert hat, kann für andere Sprachen ganz unwesentlich sein.
Vom Deutschen, Englischen oder Latein her (und selbst dann, wenn wir noch
100 Sprachen hinzunehmen) können wir einfach nicht erkennen, worauf sich
andere Sprachen spezialisiert haben könnten. Die Linguisten glauben, daß sie
ganz wesentliches von der Natur der menschlichen Sprache verpassen, wenn
nur noch 10% der Sprachen als mögliches Untersuchungsobjekt verbleiben.
   Ich will Beispiele für Grammatikalisierungen nennen, die nicht erwartbar
wären, wenn wir nur die häufigsten 10% der Sprachen untersuchen würden.
   In der nordwestkaukasischen Sprache Ubykh konnte man etwa 80 verschie-
dene Konsonanten unterscheiden, das sind vier mal so viele wie das Deutsche
hat - aber das letzte, was man von dieser Sprache noch weiß, stammt von einem
9
80jährigen; diese Sprache ist inzwischen ausgestorben. Auch die kleinen nord-
ostkaukasischen Sprachen sind berühmt durch die Vielzahl ihrer Konsonanten:
70 in Archi, mehr als 60 in Rutul, ein paar weniger in Khinalug.
   Die Khoi (Hottentotten) in der südafrikanischen Kalahari-Wüste kennen vie-
le seltene Konsonanten, wie z.B. clicks, das sind Schnalztöne, die man durch
Herstellen eines Unterdrucks im Mund erzeugt. In der Kalahari leben noch
150.000 Menschen mit etwa 10 verschiedenen Sprachen aus der Khoisan-
Familie, die manche Linguisten für die älteste Sprachfamilie überhaupt halten.
Khoisanspecher haben früher vielleicht ganz Afrika südlich der Sahara besie-
delt, bevor sie von Bantus zurückgedrängt wurden. Die wenigen verbliebenen
leben heute unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen, mit Bantu und
Englisch als Konkurrenzsprachen.
   Ein anderer Bereich erstaunlicher Vielfalt bezieht sich auf den Ausdruck
räumlicher Beziehungen. Viele Sprachen kennen keine Präpositionen wie vor,
neben, hinter. Will man in Guugu Yimidhir, einer australischen Sprache aus
North Queensland, sagen, daß der Tisch neben dem Bett steht oder daß jemand
hinter das Haus geht, so muß man eine der vier Himmelsrichtungen wählen - es
gibt keine andere Möglichkeit, und jeder Sprecher und Hörer muß sozusagen
kontinuierlich in den vier Himmelsrichtungen navigieren; von dieser Sprache
gibt es nur noch ältere Sprecher. Die Himmelsrichtungen spielen natürlich auch
in anderen Sprachen eine Rolle, aber niemals so ausschließlich. In der in Chia-
pas (Mexico) gesprochenen Mayasprache Tzeltal gibt es stattdessen nur ‘auf-
wärts’, ‘abwärts’ und ‘quer dazu’, außerdem aber einen riesigen Reichtum an
Ausdrücken, um zu sagen, wie sich ein Gegenstand am anderen befindet. Will
man sagen, daß die Lampe auf dem Tisch steht, muß man etwa formulieren, daß
‘die Lampe im Rücken des Tisches fußt’.
   Ähnlich sind auch die Klassifikatorsysteme, die man in Burma und manchen
Indianersprachen findet: man kann niemals von Gegenständen wie Apfel, Korb,
Tisch als solchen sprechen, sondern immer nur zusammen mit Ausdrücken, die
nach der jeweiligen Form des Gegenstandes differenzieren: wie ‘kleines run-
des’, ‘bauchiger Behälter’, ‘etwas mehrfüßiges’.
   Besonders vielfältig sind die Kongruenz- und Referenzsysteme. Wir sagen,
daß das Verb mit dem Subjekt oder auch dem Objekt kongruiert, und das kann
sich auf die Anzahl beziehen, darauf, ob es Menschen oder Tiere sind, darauf,
ob Personen derselben oder verschiedener Generationen beteiligt sind. Kongru-
enzsysteme können extrem kompliziert sein.
   Ebenso auch die Referenzsysteme. Wir können sagen Peter hofft nicht be-
trogen zu werden. Zum Betrügen gehören zwei, in diesem Satz ist aber direkt
nur die Rede von einem, der etwas hofft. Alle Sprachen können Personen weg-
lassen oder nur mit einem Personalpronomen benennen. Das ist viel effizienter
als die Personen immer und immer wieder zu benennen. Peter hofft, daß Peter
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(also er selbst) von ihm nicht betrogen wird. Das ist doch reichlich umständlich.
Die Personalpronomen stehen für eine Person, aber welche? Er betrog ihn: wer
betrog hier wen? Hier haben nun einige amerikanische Sprachen die Option,
neben einer dritten Person eine vierte, besonders wichtige, oder umgekehrt eine
gegenüberstehende, also weniger wichtige Person grammatisch zu benennen.
Die Möglichkeiten, auf diese Personen in einem komplexen Satz wieder bezug
zu nehmen, sind sehr reichhaltig. Anders als die Gebärdensprache hat die Laut-
sprache ja keine Möglichkeit, die Personen einer Geschichte in virtuellen
Raumsegmenten zu lokalisieren und dann darauf zu verweisen.
    Ich will ein Beispiel für unerwartete grammatische Verfahren etwas näher
ausführen. Am Unterlauf des Amur und an den Küsten von Sachalin leben weit-
verstreut die Nivkh (auch Gilyaks genannt), deren Sprache von russischen Lin-
guisten beschrieben wurde. 1989 ordneten sich den ethnischen Nivkh noch
4.000 Personen zu, aber höchstens 1/4 davon konnten die Sprache sprechen.
Diese Sprache ist einzigartig: das einzige Verfahren, um die Argumentrolle ei-
nes nominalen Ausdrucks zu kennzeichnen (ist es das Subjekt oder Objekt?)
besteht darin, diesen Ausdruck in das Verb zu inkorporieren. Es ist immer das
Objekt, das inkorporiert wird, und wenn es zwei Objekte gibt, das sog. indirek-
te. Es heißt also Mutter Stift Kind-geben für ‘Die Mutter gab ihrem Kind den
Stift’, und ich Zucker Tasse-schütten für ‘Ich schüttete Zucker in die Tasse’.
Objektinkorporation gibt es auch im Grönländischen und vielen Indianerspra-
chen Nordamerikas, aber dort nur neben anderen Optionen wie Kasus und Kon-
gruenz. Kein Linguist hätte angenommen, daß man, wenn man es geschickt an-
fängt, mit diesem Verfahren etwas Gleichwertiges zum Kasus erhalten kann.
    Alle diese Klassifikator-, Aspekt-, Kongruenz- und Referenz-Systeme haben,
wenn man sie einmal erkannt hat, eine inhärente Logik. Wären wir als Kind mit
diesen Sprachen konfrontiert gewesen, hätten wir sie gelernt. Es ist uns aber un-
möglich, sie durch bloßes Nachdenken zu erfinden, erst die Untersuchung von
Sprachen macht uns auf sie aufmerksam. Wenn es diese Sprachen einmal nicht
mehr gibt, sind diese logischen Möglichkeiten ein für alle Mal aus dem Blick-
feld verschwunden. Wir verlieren nicht einfach eine Sammlung faszinierender
Tatsachen, sondern ein vollgültiges System menschlicher Kognition und Identi-
tät. Die Linguisten meinen, dieser Reichtum an Sprachen darf nicht einfach ver-
loren gehen. Das was sprachmöglich ist, sagt uns etwas über die kognitiv-
biologische Ausstattung des Menschen.
    Um die archäologische Vorgeschichte der Menschheit zu rekonstruieren,
wird viel Geld und Anstrengung in das Vorhaben gesteckt, Millionen Jahre alte
Kiefer- und Armknochen den verschiedenen Arten des Vor- und Frühmenschen
zuzuordnen, wie etwa Kenyanthropus rudolfensis oder Homo habilis. Ebenso
wichtig ist es, den Reichtum zu studieren, der in den bald nicht mehr vorhande-
11
nen Sprachen ruht. Auch Sprachen sind, wenn man sie richtig versteht, eine ar-
chäologische Quelle. Das leitet uns zum
dritten Aspekt: Die Menschheit verliert Daten zur Rekonstruktion ihrer Ge-
schichte.
Die uns verbliebenen kleinen Sprachen sind wichtige Spuren zum Verständnis
der prähistorischen Geschichte des Menschen, jener Geschichte, die vor den
großen Erfindungen, den Ackerkulturen, Stadtgründungen und Schriftentwick-
lungen stattgefunden hat. Aus der Verteilung dieser Spuren, aus den möglichen
Konstruktionsähnlichkeiten der kleinen Sprachen, gekoppelt mit anderen Daten
aus der Untersuchung von Blutgruppen, Chromosom- und Genverteilungen,
können wir auf frühere Menschenbewegungen zurückschließen und mit einiger
Spekulation sogar auch auf sehr große umfassende Sprachfamilien wie die eu-
roasiatische oder die amerindische Familie.
   Ich will an einem Beispiel illustrieren, was wir verlieren, wenn die histori-
schen Angelpunkte verschwinden. Sie wissen vermutlich, daß das Baskische
eine kleine isolierte Sprache ist, die nur noch in einigen Pyrenäentälern gespro-
chen wird, eine Sprache mit rätselhaftem Ursprung, die die Linguisten seit jeher
fasziniert hat und zum Glück nicht unmittelbar bedroht ist. Nehmen wir aber
einmal an, die Basken, eingeklemmt zwischen Franzosen und Spaniern, hätten
ihre Sprache schon vor längerer Zeit aufgegeben. Dann wären die Entdeckun-
gen, die vor kurzem im Spektrum der Wissenschaft mitgeteilt wurden, nicht
möglich gewesen. Genetiker haben herausgefunden, daß die nächsten geneti-
schen Verwandten der Basken andere Europäer sind. Zugleich haben Linguisten
festgestellt (wenn auch nicht unbestritten), daß es überall in Europa Fluß-,
Berg- und Ortsnamen gibt, die von baskischen Wörtern abstammen. Was kön-
nen wir daraus schließen? Erstens, daß die Basken früher große Teile Europas
besiedelt haben, und zwar bevor die Indogermanen vom Osten her hinzukamen.
Zweitens, daß nicht große Scharen von Indogermanen einströmten und das
Volk der Basken bis auf wenige Reste ausrotteten. Es genügten kleinere Grup-
pen von West-Indogermanen, um die Basken kulturell zu beeindrucken und zu
beherrschen, so wie die Hethiter die Bevölkerung Kleinasiens und die Indoarier
die Bevölkerung des indischen Subkontinents dominierten. Die Mehrzahl der
Basken haben ihre alte Sprache aufgegeben, ohne als Bevölkerung zu ver-
schwinden. Wir Europäer sind eigentlich alle Basken, so die Quintessenz dieser
Entdeckungen, unsere prähistorische Geschichte reicht länger zurück als man
bisher glaubte.
   Die wissenschaftlich begründete Spekulation läßt sich weiter ausdehnen.
Mithilfe der typologischen Vergleichung können wir begründete Mutmaßungen
anstellen, wie die Protosprache, mit der homo sapiens sapiens vor 100.000 Jah-
ren einmal angefangen hat, beschaffen sein konnte und wie sie wahrscheinlich
nicht beschaffen war. Wahrscheinlich geben Chinesisch, Englisch und all die
12
Top 100 Sprachen ein viel schlechteres Modell für die Protosprache ab als die
morphologiereichen aber sehr kleinen Sprachen, z.B. die polysynthetischen
Sprachen, in denen das, was bei uns ein komplexer Satz ist, eher ein komplexes
Wort ist. Erst die Existenz dieser ganz anderen Sprachen läßt uns erahnen, was
die zentralen sprachlichen Neuerungen gewesen sein konnten, mit denen der
Mensch angefangen hat.
6. Zusammenfassung
Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben? Sofern es uns nicht gelingt, die ster-
benden Sprachen zu dokumentieren, werden wir niemals wieder irgendetwas
über diese Sprachen wissen. Sprachen existieren nur als Software: in den leben-
digen Gehirnen von Menschen und den lebendigen Gesprächen zwischen Men-
schen. Soweit es keine Schrift gibt, bleiben keinerlei Spuren, es gibt keine
Hardware. Wir verlieren keine primitiven Vorstufen von Sprache, auf die wir
vielleicht verzichten könnten. Jede Einzelsprache ist eine für sich vollent-
wickelte Identität, eine eigenständige meistens jahrhundertealte menschliche
Kultur dessen, wie Menschen miteinander und mit der Natur umgehen. Wir ver-
lieren mehr als nur Kuriositäten. Jede Einzelsprache ist ein vollgültiger Entwurf
des Menschseins, mit eigenen intellektuellen Spezialitäten, eine eigene histo-
risch tradierte Anpassung an menschliche Bedürfnisse der Kommunikation. Un-
sere Vorstellungen zum Ausdrucksreichtum der Sprachen sind ziemlich
schwach ausgeprägt, weil wir die eigene Sprache per Instinkt als Zentrum aller
Dinge erworben haben. Uns gehen Alternativen des Menschseins verloren, die
wir uns aus eigener Kraft kaum wieder vorstellen können. Wir brauchen diese
Alternativen, um Sprachen durch Kontakt weiter entwickeln zu können, um
Theorien des Sprachmöglichen zu entwerfen und um prähistorische Stadien der
Menschwerdung besser verstehen zu können.

wdl@phil-fak.uni-duesseldorf.de      http://web.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~wdl/

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Wunderlich

  • 1. Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben? Dieter Wunderlich (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) 5. Juni 2002, Mainzer Universitätsgespräche 1. Evolution und Sprache Der moderne Mensch, der homo sapiens sapiens, entstand wahrscheinlich vor mehr als 100.000 Jahren in Ostafrika. Er entwickelte sich aus Vorläufern, die ihm ähnlich waren, Werkzeuge herstellten und wahrscheinlich auch schon spre- chen konnten und deren Verwandte lange vor ihm bereits bis nach Java ge- kommen waren (als homo erectus) und ebenso nach Europa (als Neandertaler). Damals, vor gut 100.000 Jahren, muß aber ein Sprung in der Entwicklung statt- gefunden haben, wir wissen nicht genau welcher. Er könnte etwas mit der Spra- che zu tun haben, mit der Einführung distinktiver Kategorien. Einerseits im Lautsystem: eine feine Unterscheidung von sprachrelevanten (d.h. bedeutungs- unterscheidenden) Einzellauten (den Phonemen) erlaubte ein sprunghaftes An- wachsen des Lexikons (man konnte rate-kate-pate oder rate-rote-rite als eigene Wörter unterscheiden). Andererseits im Lexikon selbst: die Unterscheidung der Wörter durch lexikalische Kategorien wie Verb und Nomen erlaubte den Innen- ausbau einer Aussage als Satzstruktur. Das Geheimnis der Menschwerdung ist mit dem Geheimnis der Sprach- entstehung verknüpft. Alles was uns erlaubt, die Sprachentstehung besser zu verstehen, ist auch ein Beitrag zum Verständnis der Menschwerdung. Einzelne Gruppen des modernen Menschen haben nach und nach die Küsten Südasiens besiedelt, sind vor 70.000 Jahren bis ins heutige China gekommen, vor 50.000 Jahren waren sie schon in Australien und vor 40.000 Jahren (nach neueren Schätzungen) vielleicht auch bis nach Amerika und Europa vorgedrungen. In Asien haben sie noch lange mit den Nachfolgern des homo erectus und in Eu- ropa und Vorderasien mit den Neandertalern zusammengelebt. Sie waren wahr- scheinlich kulturell und sprachlich ihren entfernten Vettern überlegen. Nach der Abtrennung voneinander haben die einzelnen Menschengruppen (deren Größe wir uns auf jeweils 100 oder maximal 500 Personen vorstellen müssen) ihre eigenen Kulturen und Sprachen weiterentwickelt. Die ersten Bele- ge für Sprache, also schriftliche Dokumente, sind nicht älter als 6.000 Jahre, die meisten sind viel jünger. Wir können bestenfalls etwas über die letzten 10 Pro- zent der menschlichen Sprachgeschichte sagen. Die Ereignisse, die schließlich zur Schrift führten, und zu denen ich gleich komme, liegen vielleicht 10.000 Jahre zurück. Damals hatten sich wahrscheinlich viele der heute bekannten großen Sprach- familien (vielleicht 40) bereits entwickelt, andere – wie die indogermanische, die altaische (zu der Türkisch und Mongolisch gehören) und die austronesische
  • 2. 2 (zu der viele der pazifischen Sprachen gehören) sind erst später hinzugekom- men. Manche Forscher vermuten, daß es vor 10.000 Jahren vielleicht 6 Millio- nen Menschen gegeben hat, die bereits 3.000 verschiedene Sprachen gespro- chen haben. Der Turmbau zu Babel lag für die Menschheit schon lange zurück. Vor 10.000 Jahren und später wurden an mehreren Orten der Welt unabhän- gig voneinander Techniken des Landbaus erfunden – eine eigenartige Koinzi- denz: Weizen und Gerste in Mesopotamien, Reis und Hirse in Südostasien, Zuckerrohr in Neuguinea, Sorghum und die Yam-Wurzel in Afrika, Mais und Bohnen in Zentralamerika, Maniok in Südamerika. Diese kulturellen Revolu- tionen schufen neue Nahrungsquellen und ermöglichten so ein Anwachsen der Bevölkerung, es entstanden die späteren Hochkulturen (außer in Neuguinea und vielleicht Afrika), in denen bald auch Schriftsysteme für Verwaltungszwecke erfunden wurden. Teile der Bevölkerungen wanderten aus, verbreiteten die kul- turellen Erfindungen, große historische Völkerwanderungen begannen. Die Landkarte der Kulturen und Sprachen wurde ganz neu geschrieben. Sprachen verschwanden (von denen wir oft nicht einmal den Namen kennen), neue Sprachen entstanden durch Abtrennung, Kontakt und Kreolisierung. Bis weit in die Neuzeit blieb ein Gleichgewicht in der Zahl der Sprachen, trotz sprunghafter Bevölkerungszunahme in einigen Regionen. 2. Große und kleine Sprachen Gegenwärtig hat sich diese Situation dramatisch verändert. Sprachen sterben mit einer Schnelligkeit und in einem Ausmaße aus, wie es das noch nie gegeben hat. Optimistische Schätzungen sagen, daß es in 100 Jahren nur noch 1/3 der gegenwärtigen Sprachen geben wird, pessimistische Schätzungen sprechen von nur noch 10%. Die Tabelle verdeutlicht die Situation. Vor 10.000 Jahren Heute In 100 Jahren sprachen sprechen werden 6 Millionen 6.000 Millionen 12.000 Millionen Menschen Menschen Menschen 3.000 verschiedene 6.000 verschiedene 600 verschiedene Sprachen Sprachen Sprachen sprechen 20% der Sprachen sind schon so gut wie tot – es gibt nur noch zwischen 5 und 20 erwachsene Sprecher. Weitere 20% sind sterbende Sprachen – die Kinder lernen die Sprache nicht mehr. Und ungefähr 50% der Sprachen sind bedroht wegen der kleinen Zahl von Sprechern. Der Motor für diese sprachbedrohende Entwicklung ist politische und öko- nomische Globalisierung, hinzu kommen die Medien Fernsehen und Film. Der stärkere gewinnt. Um dies auf Sprachen zu beziehen, sollten wir uns kurz ver- gegenwärtigen, daß sich die Menschen sehr ungleichmäßig auf einzelne Spra-
  • 3. 3 chen konzentrieren und daß sich die Sprachen sehr ungleichmäßig auf die Kon- tinente und die Staaten verteilen. Einige Sprachen haben viele Sprecher, die meisten Sprachen haben wenige Sprecher. 2% der Sprachen haben jeweils über 7 Millionen Sprecher, aber 90% der Sprachen haben weniger als 5000 Sprecher, oft viel weniger. Betrachten wir kurz die Top 10 Sprachen. Mandarin-Chinesisch hat bei wei- tem die meisten Sprecher, fast 900 Millionen, das sind 15 % der Weltbevölke- rung. Dann folgen lauter indoeuropäische Sprachen: Spanisch (330 Mill.), Eng- lisch (320 Mill.), Bengali (190 Mill.), Hindi (180 Mill.), Portugiesisch (170 Mill.) und Russisch (170 Mill.), schließlich Japanisch (125 Mill.), Deutsch (98 Mill.) und Wu-Chinesisch (77 Mill.). Die 10 größten Sprachen werden von 42,5 % der Weltbevölkerung gesprochen. Die indoeuropäische Sprachfamilie mit ihren Untergruppen liegt an der Spit- ze der Sprachfamilien. 1,2 Milliarden Menschen sprechen chinesische Spra- chen, aber mehr als 2,3 Milliarden sprechen indoeuropäisch. Zu den Top 100 Sprachen gehören allein 40 indoeuropäische Sprachen, eingeteilt in Indische, Romanische, Germanische, Slavische, Iranische Sprachen und Griechisch. An- dere große Sprachen bzw. Sprachfamilien sind Dravidisch, Arabisch, Indone- sisch, Altaisch, Japanisch-Koreanisch, auch Philippinisch. Wir finden einige große Sprachen auch in Afrika (Hausa, Yoruba, Igbo), aber keine unter den in- digenen Sprachen von Amerika, Australien und Neuguinea. In Europa In Amerika In Afrika spre- In Asien Im Pazifik sprechen sprechen chen sprechen sprechen 12,3 % der 13,5 % der 12,9 % der 60,8 % der 0,5 % der Menschen Menschen Menschen Menschen Menschen 3 % der 16 % der 30 % der 32 % der 19 % der Sprachen Sprachen Sprachen Sprachen Sprachen Die Verteilung auf die Kontinente zeigt uns: Asien hat fast 5 mal so viel Be- wohner wie Afrika, aber nur wenig mehr Sprachen. Amerika und Europa haben ungefähr gleich viele Bewohner, aber Amerika hat 5 mal so viele Sprachen. 0,5% der Menschen wohnen im pazifischen Raum und sprechen 19% der Spra- chen. Allein in Papua-Neuguinea sprechen nur 3,5 Millionen Menschen insge- samt 850 verschiedene Sprachen, rein rechnerisch kommen hier nur 4.000 Sprecher auf eine Sprache. Ähnlich ungleich ist die Verteilung in den Staaten. In fast 90% der Staaten werden jeweils weniger als 5 verschiedene Sprachen gesprochen, alles zusam- men sind das 15% der Sprachen. Dagegen werden 60% der Sprachen in nur 5% der Staaten gesprochen. Neben Papua Neuguinea gehören dazu Indonesien, Ni- geria, Indien, Kamerun und Mexiko. In diesen Ländern, aber auch in vielen an- deren Regionen der Welt, ist Mehrsprachigkeit die Regel: wenn sich Leute auf
  • 4. 4 dem Markt oder bei Geschäften begegnen, wechseln sie oft von der einen in die andere Sprache. Mehrsprachigkeit ist auch ein Postulat in fortgeschrittenen Schulsystemen. So gilt für das indische Schulsystem die Dreisprachen-Regel: Jedes Kind lernt neben der Muttersprache zwei weitere, eine aus dem jeweili- gen Bundesstaat und eine andere landesweite Sprache (Hindi oder Englisch). Die extremen Unterschiede in der Sprachengröße und Sprachenverteilung zeigen uns, daß sich die Sprachenproblematik für die Staaten und Regionen der Welt ganz unterschiedlich darstellt. Wir in Europa sind am wenigsten davon betroffen, obwohl es auch hier Beispiele für das Sprachensterben gibt. Von der reinen Bevölkerungszahl her wären alle Sprachen mit weniger als 5.000 Spre- chern gefährdet; wir müssen uns ja fragen: kann sich eine so kleine ethnische Gruppe überhaupt eigene Schulen leisten? Tatsächlich gibt es aber große Unter- schiede. Sprachgemeinschaften in abgelegenen Regionen mit autarker Wirtschaft und starkem Identitätsbewußtsein, am Polarkreis, in Wüsten- oder Urwaldgebieten, in Gebirgstälern und auf kleinen Inseln, haben Standortvorteile. Auch die vielen kleinen Sprachen Neuguineas sind im ganzen weniger gefährdet, weil es keine konkurrierenden großen Sprachen gibt. Sprachen in der Nachbarschaft und im Wirtschaftsraum anderer großer Sprachgemeinschaften sind am meisten gefährdet, besonders dann, wenn die Sprachminderheiten räumlich verteilt leben. Die Menschen ziehen aus isolierten Dörfern zu Städten, in denen eine andere dominierende Sprache gebraucht wird. Der gegenwärtige Sprachenatlas ist das Produkt einer langen Geschichte. Menschen, die voneinander entfernt leben, entwickeln eine eigene Sprache. Sprachgemeinschaften, die in Kontakt miteinander leben, nehmen Wörter und grammatische Konstruktionen voneinander an. Dieses Gleichgewicht wird dann gestört, wenn die eine Kultur zu herrschen beginnt. Der stärkere gewinnt. In Europa wurde diese Herrschaft durch den Nationalgedanken manifest: eine Na- tion – eine Sprache; vor allem deshalb ist Europa der sprachlich homogenste Kontinent. Das Zeitalter der Kolonisierung hatte seine Auswirkungen auf Amerika, Au- stralien und Sibirien. Im 20. Jahrhundert haben die Sowjetunion, Australien, auch die USA, die Minderheitensprachen durch den Zwang zur Internatsschule unterdrückt. Gegenwärtig sind die wirtschaftliche Globalisierung, der durch sie ausgelöste Schub zur Vergrößerung der Städte und die Allgegenwärtigkeit des Fernsehens die Faktoren, die die Minderheitensprachen am meisten gefährden. 3. Sprachen sterben aus Sprachen sterben aus, wenn eine Sprachgemeinschaft aufhört, ihre Mutterspra- che für ihre öffentlichen Zwecke zu verwenden, zugunsten einer anderen Spra- che der Umgebung mit dominierender Kultur. Die Muttersprache wird schließ- lich nur noch gelegentlich in Unterhaltungen in der Familie und zwischen
  • 5. 5 Freunden benutzt. Die Menschen entwickeln eine negative Einstellung zu ihrer eigenen Sprache und vermitteln sie nicht mehr an ihre Kinder, und die Kinder selbst suchen ihre Chance bei einer Sprache mit Prestige, wenn sie denn über- haupt eine Option haben. Oft erzwingt schon das Schulsystem die Verwendung der nationalen Sprache und stigmatisiert die Minderheitensprachen. Gefährdet sind auch Sprachen mit großer räumlicher Verteilung. Bei einer zahlenmäßig kleinen Sprachgemeinschaft kann der Sprachverfall im Laufe weniger Generationen erfolgen, typischerweise drei. Die 2. Generati- on benutzt die Sprache nur noch selten und entwickelt eine negative Einstel- lung. Ihre Kinder lernen die Sprache dann nur noch als Anzahl von Idiomen und lexikalischen Elementen, die sie bei Gelegenheit verwenden. Sie achten nicht mehr auf die besonderen morphologischen Kategorien. Wenn es darum geht, die Grammatik der Sprache herauszufiltern, haben sie zu wenige Vorbil- der. Sie übergeneralisieren und untergeneralisieren, die Regeln der Sprache werden optional oder willkürlich. Die Sprecher der 3. Generation sind unsicher, wie man es sagen soll. Für die 4. Generation gibt es die Sprache nur noch dem Namen nach. Wenn durch Internatszwang eine ganze Generation ausfällt, hat schon die 3. Generation kaum eine Chance, sprachliche Vorbilder zu hören, es sei denn über die Großeltern. Die Sprachgemeinschaften erleben den Verlust ihrer Sprache höchst unter- schiedlich: manche betrachten ihre familiäre Sprache gar nicht als richtige Sprache, andernorts bemühen sich besonders die Älteren, sprachliche Traditio- nen wach zu halten. Eine Sprachgemeinschaft, die sich dem Zerfall entgegen- stellen will, braucht verläßliche Vorbilder, ein sicheres Wissen über die Sprache und Hilfen. Wissen über Sprache ist eine kulturelle Leistung, vollbracht von Experten, die die Sprache analysieren. Linguisten, die bedrohte Sprachen unter- suchen, können ihre Dokumentationen als Hilfe anbieten. Falls die Sprachge- meinschaft ein Bewußtsein ihrer Identität erlangt, wird sie die Sprache schrei- ben und kodifizieren wollen, Schulprogramme entwickeln und sprachbasierte Traditionen pflegen. Es gibt einige beispielhafte Programme bedrohter Minderheiten, die ihre Sprache neubeleben und den Kindern ein Selbstwertgefühl in ihrer Sprache ge- ben wollen. Eines dieser Programme sind die kohanga reo, wörtlich ‘Sprachne- ster’, der Maoris in Neuseeland, das sind Vorschulen für Kinder, an denen sich die Erwachsenen beteiligen. Die Eltern sind gehalten, selbst wieder Maori zu lernen und mit den Kindern zu sprechen. Ähnliche Programme finden wir in Nordamerika, z.B. bei den Hualapais in Arizona am Nordwestrand des Grand Canyon: Vom Kindergarten bis zum 8. Schuljahr wird der gesamte Stoff in Hualapai und Englisch angeboten, also bilingual.
  • 6. 6 Auch die neuen Medien können die Chancen verbessern: das Dorfradio für kompakte Siedlungsgebiete, das Internet für geographisch verteilte Siedlungs- gebiete. 4. Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben? Auf diese Frage gibt es zwei oft zu hörende naive Reaktionen. Die einen sagen: Laßt doch die primitiven Sprachen untergehen. Was nützlich ist, bleibt beste- hen. Die anderen sagen: Wir brauchen gar nicht so viele Sprachen. Mit weniger Sprachen ist weltweite Kommunikation viel einfacher. Zur ersten Antwort: Wir kennen keine primitiven Sprachen. Alle gegenwär- tigen Sprachen sind vollwertige und hochflexible Kommunikationssysteme. Sie können Lehnwörter aufnehmen, beliebige neue Wörter prägen und ihre Kon- struktionen ausbauen. In der Indianersprache Cayuga heißt das ‘Pferd’ das was Baumstämme schleppt - nicht viel anders als wie Europäer vom Korkenzieher (wörtlich: ‘das was Korken zieht’) oder Scheibenwischer sprechen. Die Vorstel- lung, daß die Sprachen der Völker, die noch steinzeitlich leben wie bis vor kur- zem viele Stämme Neu Guineas, deshalb primitiv wären, ist völlig falsch. Im Gegenteil: Diese Sprachen weisen höchste Differenzierungen in Wortschatz, Morphologie und Grammatik auf, sie erlauben feinste Nuancierungen. Die Kul- tur dieser Menschen ist vor allem eine Kultur der Sprache: Sprache ist das Ge- fäß, in dem sie ihre Erfahrungen sammeln; Sprache ist das Instrument, mit dem sie ihre sozialen Beziehungen regeln und Riten veranstalten. Jede Einzelsprache repräsentiert eine mögliche menschliche Identität, eine mögliche menschliche Kultur. Wenn steinzeitliche Wirtschaftsformen überwunden werden, sich die Wirt- schaftsbeziehungen räumlich ausweiten und schließlich technische Kommuni- kationsmedien hinzutreten, wird die Sprache eher einfacher, weil mehr Men- schen erreicht werden müssen. Geben nun die Menschen eines solchen Stam- mes ihre Sprache auf, verlieren wir nichts Primitives, an dessen Stelle etwas mehr Entwickeltes treten würde. Wir verlieren eine ganz spezielle, meistens unvergleichliche Form von kultureller Identität. Die sterbenden Sprachen sind eher komplizierter als die überlebenden. Zur zweiten Antwort: Globalisierung bringt Chancen und Gefahren, wie jede Kulturentwicklung. Die Freiheit des Menschen besteht nicht darin, alle gleich zu machen. Menschen brauchen eine Identität in Heimat, Abstammung, Familie und Freundeskreis, in einer überschaubaren Gruppe. Selbst wenn wir alle die- selbe Sprache sprechen würden, bestände das Bedürfnis zur Unterscheidung: wer gehört zu uns und wer nicht? Jugendgruppen, Händler, Seeleute formen Subsprachen, um sich abzugrenzen, um nur von Eingeweihten verstanden zu werden, oder als überregionalen Kode. Auf der anderen Seite: Was uns faszi- niert und inspiriert, ist das Fremde und Andersartige. Wenn wir reisten und nur
  • 7. 7 noch dasselbe fänden wie bei uns, wären wir enttäuscht. Wir erwarten doch, uns durch die Kontakte zu entwickeln. Kontakt zwischen Sprachen hat es immer gegeben. Selbst die kleinsten und entferntesten Menschengruppen treiben Handel mit anderen benachbarten Gruppen. Schon die steinzeitlichen Handelswege waren ausgedehnt und kom- plex; vermutlich haben auch die Neandertaler Handel betrieben. Viele ethnische Gruppen erlauben Heirat nur zwischen den Stämmen; die Kinder lernen somit immer auch eine zweite Sprache, eine Quelle für Sprachinnovation. Mehrspra- chigkeit ist dem Menschen also nichts Fremdes, im Gegenteil, eher ein Natur- zustand. Laßt uns eine globale und viele lokale Sprachen sprechen. Die sterbenden Sprachen sind eher komplizierter als die überlebenden. Die- sem Aspekt sollten wir uns noch einmal zuwenden. Eine komplexe Sprache ge- gen eine weniger komplexe Sprache einzutauschen wäre doch ein Vorteil. Die kleinen Sprachen haben mehr Morphologie und mehr lexikalische Irre- gularitäten als die großen. In einer kleinen Gruppe gibt es viele gemeinsame Voraussetzungen, man kann sich oft auf idiomatische Wendungen verlassen und braucht nicht so explizit zu sein; das hat Vorteile – man kann schneller kommunizieren. Die großen Sprachen haben weniger Irregularitäten in Lexikon und Morphologie, dafür in der Regel eine ausgefeiltere Syntax. Sie dient dazu, den Gegenstand der Aussage einzuführen (Topik), den Schwerpunkt der Aussa- ge hervorzuheben (Fokus), die Referenzen klar zu machen (auf welche Perso- nen oder Objekte bezieht sich die Aussage?) und die möglichen Interpretationen einzuschränken. Viele der sprachlichen Verfahren sind stärker generalisiert. Das hat Vorteile, wenn die Gesprächspartner häufig wechseln. Die großen Sprachen sind möglicherweise nicht nur deshalb überlegen, weil sie von mehr Menschen gesprochen werden, sondern weil sie auf die größere Bevölkerungsgruppe besser angepaßt sind. Insofern gibt es zwar keine Entwick- lung von primitiven zu weniger primitiven Sprachen, aber eine Entwicklung von lokalen, komplizierten, häufig idiomatisch-irregulären Sprachen zu globa- len, einfacheren und weniger idiomatischen, dafür mehr regulären Sprachen. 5. Kommen wir also ernsthaft und nicht naiv zurück zu der Frage: Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben? Ein erster Aspekt: Die Nachkommen einer Ethnie, deren Sprache verschwun- den ist, verlieren die Kultur ihrer Ahnen. Die Menschheit verliert einen Teil ih- rer kulturellen Vielfalt. Viele Ausfaltungen von Kultur sind an Sprache gebunden: Riten, Poesie, Ge- rechtigkeit herstellen, Erinnerungen wachhalten. Sprachenvielfalt stellt ein Re- servoir für intellektuelle Fähigkeiten des Menschen dar: Gestaltung sozialer Ri- ten, Formen der Poesie, taxonomische Systeme zur gliedernden Benennung der Natur, besondere Formen, um kleine Differenzen auszudrücken und wahrzu- nehmen, um interessante logische Beziehungen herzustellen, um feine soziale
  • 8. 8 und emotionale Stimmungen auszudrücken. Daher rührt ja auch die Faszination der Europäer an ‘exotischen’ Sprachen: die intellektuellen Möglichkeiten, die in diesen Sprachen kodiert sind, sind uns einerseits fremd, andererseits spiegeln sie etwas, zu dem wir prinzipiell auch Zugang haben. Der Verlust von Spra- chenvielfalt bedeutet Verlust an intellektuellen Möglichkeiten. Insofern kann man sagen: Sprachenvielfalt ist eine ökologische Ressource des Menschen auf dem Gebiet des Intellekts, des menschlichen Geistes. Ein zweiter Aspekt: Die Menschen verlieren Anregungen zur Sprachentwick- lung durch den Wegfall des Kontrasts mit anderen Sprachen. Die Linguisten verlieren eine Anschauung von der Vielfalt der Sprachen. Wie kommen sprachliche Innovationen zustande? Kinder spielen mit der Sprache und erfinden Möglichkeiten, die dem Erwachsenen zwar fremd sind, aber einleuchten. Der mehrsprachige Mensch hat eine noch bessere Spielwiese, er kann aus der einen Sprache in die andere Sprache übertragen. Viele Sprachen haben durch Sprachkontakt auch neue grammatische Möglichkeiten gewonnen, wahrscheinlich zuerst durch Jugendliche. Um nur ein Beispiel zu nennen: In- dianersprachen wie Quechua in Peru und Maya in Mexiko haben sich durch spanische Vorbilder rasant weiter entwickelt, sie haben dadurch gewonnen, nichts verloren, von ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit nichts aufgegeben. Wenn alle Sprachen globalisiert sind, fehlen die Vorbilder für Innovation. Spra- chenvielfalt stellt also ein Reservoir zur Weiterentwicklung der Sprachen dar, im Prinzip nicht viel anders als biologische Vielfalt ein Reservoir für die Wei- terentwicklung der Arten ist. Sprachenvielfalt stellt auch ein Reservoir zur Erforschung der Sprache dar. Wenn ganze Sprachtypen aussterben, verändern sich die Annahmen über das Sprachmögliche. Viele aussterbende Sprachen sind noch fast gänzlich unbe- kannt, und nur wenig Überlieferungswertes wird bleiben. Fast jede neu entdeck- te Sprache hat den Forschern große Überraschungen gebracht. Sie sind ständig dabei, ihre Annahmen über das Sprachmögliche zu revidieren. Was für die eine Sprache eine entfaltete morphologische oder grammatische Form ist, das wor- auf sie sich spezialisiert hat, kann für andere Sprachen ganz unwesentlich sein. Vom Deutschen, Englischen oder Latein her (und selbst dann, wenn wir noch 100 Sprachen hinzunehmen) können wir einfach nicht erkennen, worauf sich andere Sprachen spezialisiert haben könnten. Die Linguisten glauben, daß sie ganz wesentliches von der Natur der menschlichen Sprache verpassen, wenn nur noch 10% der Sprachen als mögliches Untersuchungsobjekt verbleiben. Ich will Beispiele für Grammatikalisierungen nennen, die nicht erwartbar wären, wenn wir nur die häufigsten 10% der Sprachen untersuchen würden. In der nordwestkaukasischen Sprache Ubykh konnte man etwa 80 verschie- dene Konsonanten unterscheiden, das sind vier mal so viele wie das Deutsche hat - aber das letzte, was man von dieser Sprache noch weiß, stammt von einem
  • 9. 9 80jährigen; diese Sprache ist inzwischen ausgestorben. Auch die kleinen nord- ostkaukasischen Sprachen sind berühmt durch die Vielzahl ihrer Konsonanten: 70 in Archi, mehr als 60 in Rutul, ein paar weniger in Khinalug. Die Khoi (Hottentotten) in der südafrikanischen Kalahari-Wüste kennen vie- le seltene Konsonanten, wie z.B. clicks, das sind Schnalztöne, die man durch Herstellen eines Unterdrucks im Mund erzeugt. In der Kalahari leben noch 150.000 Menschen mit etwa 10 verschiedenen Sprachen aus der Khoisan- Familie, die manche Linguisten für die älteste Sprachfamilie überhaupt halten. Khoisanspecher haben früher vielleicht ganz Afrika südlich der Sahara besie- delt, bevor sie von Bantus zurückgedrängt wurden. Die wenigen verbliebenen leben heute unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen, mit Bantu und Englisch als Konkurrenzsprachen. Ein anderer Bereich erstaunlicher Vielfalt bezieht sich auf den Ausdruck räumlicher Beziehungen. Viele Sprachen kennen keine Präpositionen wie vor, neben, hinter. Will man in Guugu Yimidhir, einer australischen Sprache aus North Queensland, sagen, daß der Tisch neben dem Bett steht oder daß jemand hinter das Haus geht, so muß man eine der vier Himmelsrichtungen wählen - es gibt keine andere Möglichkeit, und jeder Sprecher und Hörer muß sozusagen kontinuierlich in den vier Himmelsrichtungen navigieren; von dieser Sprache gibt es nur noch ältere Sprecher. Die Himmelsrichtungen spielen natürlich auch in anderen Sprachen eine Rolle, aber niemals so ausschließlich. In der in Chia- pas (Mexico) gesprochenen Mayasprache Tzeltal gibt es stattdessen nur ‘auf- wärts’, ‘abwärts’ und ‘quer dazu’, außerdem aber einen riesigen Reichtum an Ausdrücken, um zu sagen, wie sich ein Gegenstand am anderen befindet. Will man sagen, daß die Lampe auf dem Tisch steht, muß man etwa formulieren, daß ‘die Lampe im Rücken des Tisches fußt’. Ähnlich sind auch die Klassifikatorsysteme, die man in Burma und manchen Indianersprachen findet: man kann niemals von Gegenständen wie Apfel, Korb, Tisch als solchen sprechen, sondern immer nur zusammen mit Ausdrücken, die nach der jeweiligen Form des Gegenstandes differenzieren: wie ‘kleines run- des’, ‘bauchiger Behälter’, ‘etwas mehrfüßiges’. Besonders vielfältig sind die Kongruenz- und Referenzsysteme. Wir sagen, daß das Verb mit dem Subjekt oder auch dem Objekt kongruiert, und das kann sich auf die Anzahl beziehen, darauf, ob es Menschen oder Tiere sind, darauf, ob Personen derselben oder verschiedener Generationen beteiligt sind. Kongru- enzsysteme können extrem kompliziert sein. Ebenso auch die Referenzsysteme. Wir können sagen Peter hofft nicht be- trogen zu werden. Zum Betrügen gehören zwei, in diesem Satz ist aber direkt nur die Rede von einem, der etwas hofft. Alle Sprachen können Personen weg- lassen oder nur mit einem Personalpronomen benennen. Das ist viel effizienter als die Personen immer und immer wieder zu benennen. Peter hofft, daß Peter
  • 10. 10 (also er selbst) von ihm nicht betrogen wird. Das ist doch reichlich umständlich. Die Personalpronomen stehen für eine Person, aber welche? Er betrog ihn: wer betrog hier wen? Hier haben nun einige amerikanische Sprachen die Option, neben einer dritten Person eine vierte, besonders wichtige, oder umgekehrt eine gegenüberstehende, also weniger wichtige Person grammatisch zu benennen. Die Möglichkeiten, auf diese Personen in einem komplexen Satz wieder bezug zu nehmen, sind sehr reichhaltig. Anders als die Gebärdensprache hat die Laut- sprache ja keine Möglichkeit, die Personen einer Geschichte in virtuellen Raumsegmenten zu lokalisieren und dann darauf zu verweisen. Ich will ein Beispiel für unerwartete grammatische Verfahren etwas näher ausführen. Am Unterlauf des Amur und an den Küsten von Sachalin leben weit- verstreut die Nivkh (auch Gilyaks genannt), deren Sprache von russischen Lin- guisten beschrieben wurde. 1989 ordneten sich den ethnischen Nivkh noch 4.000 Personen zu, aber höchstens 1/4 davon konnten die Sprache sprechen. Diese Sprache ist einzigartig: das einzige Verfahren, um die Argumentrolle ei- nes nominalen Ausdrucks zu kennzeichnen (ist es das Subjekt oder Objekt?) besteht darin, diesen Ausdruck in das Verb zu inkorporieren. Es ist immer das Objekt, das inkorporiert wird, und wenn es zwei Objekte gibt, das sog. indirek- te. Es heißt also Mutter Stift Kind-geben für ‘Die Mutter gab ihrem Kind den Stift’, und ich Zucker Tasse-schütten für ‘Ich schüttete Zucker in die Tasse’. Objektinkorporation gibt es auch im Grönländischen und vielen Indianerspra- chen Nordamerikas, aber dort nur neben anderen Optionen wie Kasus und Kon- gruenz. Kein Linguist hätte angenommen, daß man, wenn man es geschickt an- fängt, mit diesem Verfahren etwas Gleichwertiges zum Kasus erhalten kann. Alle diese Klassifikator-, Aspekt-, Kongruenz- und Referenz-Systeme haben, wenn man sie einmal erkannt hat, eine inhärente Logik. Wären wir als Kind mit diesen Sprachen konfrontiert gewesen, hätten wir sie gelernt. Es ist uns aber un- möglich, sie durch bloßes Nachdenken zu erfinden, erst die Untersuchung von Sprachen macht uns auf sie aufmerksam. Wenn es diese Sprachen einmal nicht mehr gibt, sind diese logischen Möglichkeiten ein für alle Mal aus dem Blick- feld verschwunden. Wir verlieren nicht einfach eine Sammlung faszinierender Tatsachen, sondern ein vollgültiges System menschlicher Kognition und Identi- tät. Die Linguisten meinen, dieser Reichtum an Sprachen darf nicht einfach ver- loren gehen. Das was sprachmöglich ist, sagt uns etwas über die kognitiv- biologische Ausstattung des Menschen. Um die archäologische Vorgeschichte der Menschheit zu rekonstruieren, wird viel Geld und Anstrengung in das Vorhaben gesteckt, Millionen Jahre alte Kiefer- und Armknochen den verschiedenen Arten des Vor- und Frühmenschen zuzuordnen, wie etwa Kenyanthropus rudolfensis oder Homo habilis. Ebenso wichtig ist es, den Reichtum zu studieren, der in den bald nicht mehr vorhande-
  • 11. 11 nen Sprachen ruht. Auch Sprachen sind, wenn man sie richtig versteht, eine ar- chäologische Quelle. Das leitet uns zum dritten Aspekt: Die Menschheit verliert Daten zur Rekonstruktion ihrer Ge- schichte. Die uns verbliebenen kleinen Sprachen sind wichtige Spuren zum Verständnis der prähistorischen Geschichte des Menschen, jener Geschichte, die vor den großen Erfindungen, den Ackerkulturen, Stadtgründungen und Schriftentwick- lungen stattgefunden hat. Aus der Verteilung dieser Spuren, aus den möglichen Konstruktionsähnlichkeiten der kleinen Sprachen, gekoppelt mit anderen Daten aus der Untersuchung von Blutgruppen, Chromosom- und Genverteilungen, können wir auf frühere Menschenbewegungen zurückschließen und mit einiger Spekulation sogar auch auf sehr große umfassende Sprachfamilien wie die eu- roasiatische oder die amerindische Familie. Ich will an einem Beispiel illustrieren, was wir verlieren, wenn die histori- schen Angelpunkte verschwinden. Sie wissen vermutlich, daß das Baskische eine kleine isolierte Sprache ist, die nur noch in einigen Pyrenäentälern gespro- chen wird, eine Sprache mit rätselhaftem Ursprung, die die Linguisten seit jeher fasziniert hat und zum Glück nicht unmittelbar bedroht ist. Nehmen wir aber einmal an, die Basken, eingeklemmt zwischen Franzosen und Spaniern, hätten ihre Sprache schon vor längerer Zeit aufgegeben. Dann wären die Entdeckun- gen, die vor kurzem im Spektrum der Wissenschaft mitgeteilt wurden, nicht möglich gewesen. Genetiker haben herausgefunden, daß die nächsten geneti- schen Verwandten der Basken andere Europäer sind. Zugleich haben Linguisten festgestellt (wenn auch nicht unbestritten), daß es überall in Europa Fluß-, Berg- und Ortsnamen gibt, die von baskischen Wörtern abstammen. Was kön- nen wir daraus schließen? Erstens, daß die Basken früher große Teile Europas besiedelt haben, und zwar bevor die Indogermanen vom Osten her hinzukamen. Zweitens, daß nicht große Scharen von Indogermanen einströmten und das Volk der Basken bis auf wenige Reste ausrotteten. Es genügten kleinere Grup- pen von West-Indogermanen, um die Basken kulturell zu beeindrucken und zu beherrschen, so wie die Hethiter die Bevölkerung Kleinasiens und die Indoarier die Bevölkerung des indischen Subkontinents dominierten. Die Mehrzahl der Basken haben ihre alte Sprache aufgegeben, ohne als Bevölkerung zu ver- schwinden. Wir Europäer sind eigentlich alle Basken, so die Quintessenz dieser Entdeckungen, unsere prähistorische Geschichte reicht länger zurück als man bisher glaubte. Die wissenschaftlich begründete Spekulation läßt sich weiter ausdehnen. Mithilfe der typologischen Vergleichung können wir begründete Mutmaßungen anstellen, wie die Protosprache, mit der homo sapiens sapiens vor 100.000 Jah- ren einmal angefangen hat, beschaffen sein konnte und wie sie wahrscheinlich nicht beschaffen war. Wahrscheinlich geben Chinesisch, Englisch und all die
  • 12. 12 Top 100 Sprachen ein viel schlechteres Modell für die Protosprache ab als die morphologiereichen aber sehr kleinen Sprachen, z.B. die polysynthetischen Sprachen, in denen das, was bei uns ein komplexer Satz ist, eher ein komplexes Wort ist. Erst die Existenz dieser ganz anderen Sprachen läßt uns erahnen, was die zentralen sprachlichen Neuerungen gewesen sein konnten, mit denen der Mensch angefangen hat. 6. Zusammenfassung Was verlieren wir, wenn Sprachen sterben? Sofern es uns nicht gelingt, die ster- benden Sprachen zu dokumentieren, werden wir niemals wieder irgendetwas über diese Sprachen wissen. Sprachen existieren nur als Software: in den leben- digen Gehirnen von Menschen und den lebendigen Gesprächen zwischen Men- schen. Soweit es keine Schrift gibt, bleiben keinerlei Spuren, es gibt keine Hardware. Wir verlieren keine primitiven Vorstufen von Sprache, auf die wir vielleicht verzichten könnten. Jede Einzelsprache ist eine für sich vollent- wickelte Identität, eine eigenständige meistens jahrhundertealte menschliche Kultur dessen, wie Menschen miteinander und mit der Natur umgehen. Wir ver- lieren mehr als nur Kuriositäten. Jede Einzelsprache ist ein vollgültiger Entwurf des Menschseins, mit eigenen intellektuellen Spezialitäten, eine eigene histo- risch tradierte Anpassung an menschliche Bedürfnisse der Kommunikation. Un- sere Vorstellungen zum Ausdrucksreichtum der Sprachen sind ziemlich schwach ausgeprägt, weil wir die eigene Sprache per Instinkt als Zentrum aller Dinge erworben haben. Uns gehen Alternativen des Menschseins verloren, die wir uns aus eigener Kraft kaum wieder vorstellen können. Wir brauchen diese Alternativen, um Sprachen durch Kontakt weiter entwickeln zu können, um Theorien des Sprachmöglichen zu entwerfen und um prähistorische Stadien der Menschwerdung besser verstehen zu können. wdl@phil-fak.uni-duesseldorf.de http://web.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~wdl/