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  1. 1. 01 02 03 04 05 06 07 08 Identifikation Solidarität Vertrauen Akzeptanz von Diversität soziale Netze ZugehörigkeitTeilhabe Gerechtigkeitsempfinden Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt messen was verbindet
  2. 2. Autoren Georgi Dragolov Zsófia Ignácz Jan Lorenz Jan Delhey Klaus Boehnke Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt messen was verbindet
  3. 3. 4 Inhalt
  4. 4. 5 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Inhalt Vorwort 6 Einleitung 8 1. Zusammenhalt – eine gesellschaftliche Qualität in neun Dimensionen 12 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen 18 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich 28 4. Ursachen und Wirkungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts 44 5. Zusammenfassung und Fazit 54 6. Literaturverzeichnis 58 7. Anhang 64 Die Autoren 76 Impressum 77
  5. 5. 6 Vorwort Vorwort Liz Mohn stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Bertelsmann Stiftung Die westlichen Gesellschaften haben in den letzten Jahrzehnten große Veränderungen er- lebt und stehen vor entscheidenden Heraus- forderungen für die Zukunft: demografischer Wandel und Umbau der Wohlfahrtssysteme, Einwanderung und Integration, Globali- sierung und internationaler Wettbewerb, Wertewandel und Technologiesprünge in Ar- beitswelt und Privatleben. Hinzu kommt: Die Staaten Europas und Nordamerikas befinden sich immer noch in der größten Wirtschafts- und Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Spannungen in den Krisenländern nehmen zu. In Südeuropa grassiert die Sorge vor einer Zunahme der Arbeitslosigkeit – be- sonders unter den Jugendlichen – und dem sozialen Abstieg. So demonstrieren junge Menschen in Spanien für mehr Teilhabe und eine Zukunftsperspektive. Viele verlassen in der Zwischenzeit ihre Heimat, zum Beispiel nach Deutschland, auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft. Wie kann es Gesellschaften gelingen, in Zeiten von Krisen und raschen gesellschaftlichen Veränderun- gen das notwendige Maß an Zusammenhalt sicherzustellen? Die Bertelsmann Stiftung will dazu beitra- gen, ein zukunftsfähiges und lebenswertes Gemeinwesen zu fördern. Ein Gemeinwesen, das stabile und vertrauensvolle Beziehungen ermöglicht, dem die Menschen sich ver- bunden fühlen und in dem sie dazu bereit sind, sich für andere und das Gemeinwohl einzusetzen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es wichtig ist, niemanden außen vor zu lassen. Der Ausschluss von Schwachen und scheinbar Andersartigen ist eine der größten Gefahren, denen wir uns als Gesellschaft gegenübersehen. Ein lebenswertes Gemein- wesen ist eines, das alle Menschen mit einschließt und ihnen eine gerechte Chance auf ein gelingendes Leben ermöglicht. Die Bertelsmann Stiftung steht daher für einen „inklusiven“ gesellschaftlichen Zusam- menhalt, der Vielfalt nicht nur ermöglicht, sondern als Chance begreift. Einwanderung ist in fast allen Ländern ein bewegendes Thema, nicht zuletzt in Deutsch- land. Betrachtet man die Bevölkerungs- zusammensetzung verschiedener Länder, so zeigt sich deutlich, wie vielfältig und facettenreich die Gesellschaften geworden sind – beispielsweise was ethnische Her- kunft, kulturelle Bräuche oder religiöse Überzeugungen angeht. Umso mehr interes- siert uns die Frage, wie es unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Werten und Lebensentwürfen gelingt, zusammenzuleben
  6. 6. 7 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich und gemeinsam die Gesellschaft zu gestal- ten. Es gilt, Brücken der Verständigung zwi- schen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen zu bauen. Viele Menschen befürchten, dass im Prozess der Modernisierung und durch die Zunah- me gesellschaftlicher Vielfalt der Sinn für Zusammenhalt in der Gesellschaft abnimmt. Sie sind auf der Suche nach Orientierung und Heimat. Manche sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der das gemeinschaftliche Miteinander scheinbar stabiler, menschlicher und moralischer gewesen sein soll. Wie steht es jedoch tatsächlich um den gesellschaft- lichen Zusammenhalt in Deutschland und anderen vergleichbaren Ländern? Mit dem Radar gesellschaftlicher Zusammen- halt richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Entwicklungsverläufe des gesellschaftli- chen Zusammenhalts in 34 Staaten im letz- ten Vierteljahrhundert bis heute. Mit diesem ambitionierten Instrument lässt sich zeigen, welchen Gesellschaften es gelingt, auch in schweren Zeiten Zusammenhalt herzustellen, und welche Gesellschaften an Zusammenhalt verloren haben. Dieser Vergleich soll uns helfen, über Grenzen hinweg voneinander zu lernen und gemeinsam die anstehenden großen Herausforderungen zu bewältigen. In der vorliegenden Studie ist es gelungen, Zusammenhalt zu messen und transparent darzustellen. Wir erkennen damit, dass es ganz unterschiedliche Wege gibt, Zusam- menhalt herzustellen, und dass alle Länder bestimmte Stärken und Schwächen haben. Dadurch, dass wir Länder zu unterschiedli- chen Zeitpunkten miteinander vergleichen, wird sichtbar, welche Faktoren den Zusam- menhalt verringern oder zunehmen lassen. Wenn wir die Zusammenhänge und Verläufe besser verstehen, dann ist dies ein wichtiger Schritt, um den gesellschaftlichen Zusam- menhalt auch zukünftig zu stärken. Denn eines zeigt die hier vorliegende Studie ganz deutlich: Wenn Menschen in einem Gemein- wesen leben, dem sie sich verbunden fühlen und in dem sie miteinander verbunden sind und sich für das Gemeinwohl einsetzen, dann haben sie auch eher die Chance, ein zufriedenes und erfülltes Leben zu führen.
  7. 7. 8 Einleitung Einleitung Umfragen zeigen, dass in der Bevölkerung mehrheitlich die Wahrnehmung existiert, der Zusammenhalt würde schwinden oder sei gefährdet. So stimmten beispielsweise 2011 in einer repräsentativen Erhebung 74 Prozent der Befragten der Aussage zu „Die Gesellschaft fällt eigentlich immer mehr aus- einander“ und mehr als die Hälfte waren der Meinung „Der Zusammenhalt in Deutschland ist gefährdet“ (Zick & Küpper 2012). Manche haben dabei Individualisten vor Augen, die nur an sich denken und jede Iden- tifikation mit dem Gemeinwesen verloren haben, andere das Entstehen von Parallel- gesellschaften ohne Bezug zur Gesamtge- sellschaft. Wertewandel, Globalisierung, Einwanderung, soziale Polarisierung und technologischer Wandel, so wird vermutet, treiben die Menschen auseinander. Stimmt dieser Eindruck? Was ist überhaupt gesell- schaftlicher Zusammenhalt, und wie stellt er sich empirisch dar? Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird gemeinhin als Wert an sich gesehen: als Aus- druck eines intakten und solidarischen Ge- meinwesens, in dem die Menschen einander helfen und einen gewissen Teamgeist entwi- ckeln. In diesem Sinn gilt gesellschaftlicher Zusammenhalt als normativ wünschenswerte Qualität, die dazu beiträgt, eine Gesellschaft lebenswert und zukunftsfähig zu machen. Zudem wird gesellschaftlicher Zusammen- halt oft auch als Ressource betrachtet, als eine Voraussetzung für volkswirtschaftlichen Erfolg und das Funktionieren der Demokra- tie. Und schließlich ist gesellschaftlicher Zusammenhalt die Grundlage des individuel- len Sozialkapitals: Damit ist die Summe aller Vorteile gemeint, die einem Menschen durch die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft zu- wachsen. Falls die These vom schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt stimmen sollte, wären also vielfältige negative Auswir- kungen etwa auf die Lebenszufriedenheit, den sozialen Frieden und die Wirtschafts- kraft zu befürchten. Tatsächlich stehen moderne westliche Gesellschaften vor einer Reihe von Heraus- forderungen, die als Bedrohung für den ge- sellschaftlichen Zusammenhalt erscheinen: Zur Wirtschafts- und Finanzkrise kommen längerfristige Trends wie Globalisierung, wachsende Ungleichheit, Einwanderung und eine wachsende kulturelle Diversität. Umso wichtiger ist es, Veränderungen des Zusammenhalts und ihre Ursachen und Auswirkungen zu verstehen, um „gute“, den Zusammenhalt fördernde gesellschaftspoliti- sche Entscheidungen treffen zu können.
  8. 8. 9 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Dieser zentralen Bedeutung gesellschaftli- chen Zusammenhalts stehen ausgesprochen dürftige empirische Erkenntnisse gegenüber: Zwar bekommen „harte“ wirtschaftliche Größen wie das Bruttoinlandsprodukt in der Sozialberichterstattung zunehmend Konkur- renz in Form umfassenderer Kennzahlen, die auch „weichere“ Indikatoren wie Bildung und Gesundheit erfassen. Aspekte gesell- schaftlichen Zusammenhalts spielen dabei aber nur eine randständige Rolle. Eine auf gesellschaftlichen Zusammenhalt speziali- sierte, international vergleichende Berichter- stattung hat sich bislang noch nicht etabliert – und damit finden sich auch kaum empi- rische Antworten auf wichtige Fragen, zum Beispiel ob der Zusammenhalt tatsächlich schwindet und wie Deutschland in Bezug auf den Zusammenhalt im internationalen Vergleich abschneidet. Um die gesellschaftliche Debatte, aber auch die Forschung auf diesem Feld zu stärken, hat die Bertelsmann Stiftung die vorliegende Studie in Auftrag gegeben. Darin entwickeln die Autoren Georgi Dragolov, Zsófia Ignácz, Jan Lorenz, Jan Delhey und Klaus Boehnke ein Instrument, das den Zustand des gesell- schaftlichen Zusammenhalts zu verschiede- nen Zeitpunkten misst, also empirisch und quantitativ erfasst. Grundlage dafür ist die in einer Vorstudie (Bertelsmann Stiftung 2012) erarbeitete Definition. Danach ist gesellschaftlicher Zusammenhalt die Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwe- sen und setzt sich aus belastbaren sozialen Beziehungen, einer positiven emotionalen Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und einer ausgeprägten Gemeinwohlorientierung zusammen. Aus dieser Definition ergeben sich insgesamt neun Dimensionen des ge- sellschaftlichen Zusammenhalts, die sich zu einem messbaren Konstrukt verbinden. Auf diese Weise ist es möglich, den gesellschaft- lichen Zusammenhalt in verschiedenen Ländern zu vergleichen und Tendenzen in der zeitlichen Entwicklung sowohl in seinen einzelnen Dimensionen als auch anhand eines zusammenfassenden Gesamtindex zu beschreiben. Diese Messung – eine Analyse von Daten, die in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten erhoben wurden – ist methodisch komplex und stellt hohe wissenschaftliche Ansprüche. Die Auswahl von Indikatoren bei schwieri- ger Datenlage ist notwendigerweise häufig ein Kompromiss: Entweder ist ein Indikator für einzelne Länder oder Zeitpunkte nicht verfügbar oder der in allen Ländern und zu allen Zeitpunkten verfügbare Indikator hat
  9. 9. 10 Einleitung inhaltliche Schwächen. Die Autoren wollen daher ihr Ergebnis auch eher als „diagnos- tisches Werkzeug“ denn als abschließendes Urteil verstanden wissen. Dennoch liefert diese Studie eine geeignete Faktengrundlage, um die Diskussion über gesellschaftlichen Zusammenhalt zu präzisieren und weiterzu- entwickeln. Wir meinen, damit den Quali- tätsanforderungen an soziale Indikatoren weitestgehend zu entsprechen, wie sie vom britischen Ökonomen Anthony Atkinson (2005) formuliert wurden. Ihnen zufolge soll- te ein Indikator, der gesellschaftspolitische Wirkung entfalten will, a) den Kern der Fragestellung treffen und klare Werturteile ermöglichen, b) robust und statistisch validiert sein, c) internationale Vergleichbarkeit sicherstellen, d) auf verfügbaren aktuellen Daten beruhen und empfänglich für Veränderungen sein und e) auf zielgerichtete politische Maßnahmen reagieren, aber nicht manipulierbar sein. Unser Dank gilt zuvorderst den Autoren, die eine ausgesprochen innovative und spannende Arbeit geleistet haben. Darüber hinaus danken wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Expertenworkshops „Measuring Social Cohesion: A New Sys- tem of Indicators“ am 20. Januar 2013 in Gütersloh: Eldad Davidov, Tadas Leoncˇikas, Heinz-Herbert Noll, Jost Reinecke, Peter Schmidt, Jürgen Schupp, Claire Wallace und Sabine Walper gaben wertvolle Hinweise und Anregungen. Ebenso danken wir Oscar Gabriel und Roland Habich für ihre kritische Kommentierung. Wir danken ferner der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Euro- found) für den Vorabzugang zu den EQLS- Daten von 2011. Dass dieses Instrument den Namen Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt trägt, kommt nicht von ungefähr. Ein Radar macht Dinge sichtbar, die vor einem liegen, aber mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Sinnbildlich blicken wir mit diesem Radar also auf Zustand und Entwicklung des gesell- schaftlichen Zusammenhalts und sind so – im besten Falle – in der Lage, zukünf- tige Risiken frühzeitig zu erkennen. Der vorliegende erste Bericht des Radars gesell- schaftlicher Zusammenhalt liefert einen internationalen und zeitlichen Überblick. In den kommenden Untersuchungen werden wir uns einer detaillierteren Analyse der Situation in Deutschland zuwenden sowie die in dieser Studie bereits angedeuteten Ursache- und Wirkungszusammenhänge intensiver analysieren, bevor wir 2014 einen Ausblick auf mögliche gesellschaftliche Ent- wicklungsszenarien und kommende Heraus- forderungen geben werden. Im Laufe dieses Arbeitsprozesses soll das Radar gesellschaft- licher Zusammenhalt kontinuierlich weiter- entwickelt und verbessert werden. Stephan Vopel Director Programm Lebendige Werte Kai Unzicker Project Manager Programm Lebendige Werte
  10. 10. 11 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich
  11. 11. 12 1. Zusammenhalt – eine gesellschaftliche Qualität in neun Dimensionen Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein neu- eres, in den 1990er-Jahren aufgekommenes Wohlfahrtskonzept (vgl. etwa Noll 2000; Pahl 1991) mit Wurzeln in klassischen Arbeiten von Emile Durkheim (1897) und Ferdinand Tönnies (1887). Es soll einen spezifischen Aspekt der kollektiven Lebensqualität zum Ausdruck bringen: die Qualität des solidari- schen Miteinanders in einer Gesellschaft. Die Frage nach dem gesellschaftlichen Zu- sammenhalt ist, anders formuliert, die Frage nach der Gemeinschaft in der Gesellschaft. In internationalen Vergleichen zu Wohlstand und Lebensqualität von Gesellschaften spie- gelt sich dieses Konzept bislang allerdings trotz der Hinwendung der Sozialberichter- stattung zu breiter angelegten, nicht mehr rein ökonomischen Kennzahlen kaum wider: Der Human Development Index (UNDP 2010; UNDP 2013a; UNDP 2013b) etwa misst seit 30 Jahren die menschliche Entwicklung in Lebenserwartung, Bildungsstand und Pro- Kopf-Einkommen; der Zusammenhalt von Gesellschaften wird nicht einbezogen. Der Social Progress Index (Porter, Stern & Loría 2013) misst sozialen Fortschritt in den drei Hauptdimensionen „Grundbedürfnisse“, „Grundlagen für Zufriedenheit“ und „Grund- lagen für Lebenschancen“, wobei die Qualität der sozialen Beziehungen erneut unberück- sichtigt bleibt. Im OECD Better Life Index tauchen Aspekte des gesellschaftlichen Zu- sammenhalts unter den Rubriken „Gemein- schaft“ und „bürgerschaftliches Engagement“ zwar auf, angesichts von insgesamt zehn Rubriken ist das Thema Zusammenhalt allerdings nicht zentral (siehe http://www. oecdbetterlifeindex.org). Der Legatum Pros- perity Index (Legatum Institute 2012) misst Prosperität im Sinne von materiellem und immateriellem Wohlstand in acht Dimensi- onen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird als „soziales Kapital“ mit einer Dimension berücksichtigt. Die OECD stellt neben dem Better Life Index noch eine weitere Studie mit sozialen Indikatoren bereit (OECD 2011b). Darin informiert sie kurz über fünf Indikatoren des gesellschaftlichen Zusam- menhalts, die sich in ähnlicher Form auch in der hier vorgelegten Studie finden. Die Indikatoren werden allerdings nur für den Zeitpunkt 2011 berichtet. Die vorhandenen Studien ermöglichen also bestenfalls punktuelle Vergleiche, aber keine Gesamtschau des gesellschaftlichen Zusam- menhalts. Um den Boden für eine solche umfassende empirische Messung zu berei- ten, untersuchte eine Vorstudie zur vorlie- genden Arbeit (Bertelsmann Stiftung 2012) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung anhand 1. Zusammenhalt – eine gesellschaftliche Qualität in neun Dimensionen „Die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt ist die Frage nach der Gemeinschaft in der Gesellschaft.“
  12. 12. 13 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich der einschlägigen Literatur die theoretischen Grundlagen des Konzeptes. Wie dort gezeigt wurde, gibt es einen akademischen Konsens darüber, dass Zusammenhalt ein Merkmal der Gesellschaft ist: Individuelle Werte und Verhaltensweisen beeinflussen den gesell- schaftlichen Zusammenhalt und werden von ihm beeinflusst; Zusammenhalt ist aber kein Merkmal einzelner Bürgerinnen und Bürger. Es gibt weiterhin Übereinstimmung darin, dass Zusammenhalt ein graduelles Phäno- men ist, das heißt, Gesellschaften können mehr oder weniger kohäsiv sein. Der Grad des Zusammenhalts kommt in Einstellungen und im Verhalten der Gesellschaftsmitglieder und von gesellschaftlichen Gruppen zum Ausdruck. Schließlich wird gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Literatur übereinstim- mend als mehrdimensionales Konstrukt aufgefasst. Unsere Definition von gesellschaftli- chem Zusammenhalt Gesellschaftlicher Zusammenhalt – syno- nyme Begriffe sind sozialer Zusammenhalt oder Kohäsion – ist die Qualität des gemein- schaftlichen Miteinanders in einem territori- al abgegrenzten Gemeinwesen. Eine kohä- sive Gesellschaft ist gekennzeichnet durch belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung. Soziale Beziehun- gen repräsentieren hierbei das horizontale Netz, das zwischen einzelnen Personen und Gruppen innerhalb der Gesellschaft existiert. Verbundenheit wiederum steht für die positive Bindung der Menschen an das Gemeinwesen als solches und seine Institu- tionen. Gemeinwohlorientierung schließlich beschreibt die Handlungen und Haltungen der Gesellschaftsmitglieder, in denen sich Verantwortung für andere und für das Gemeinwesen ausdrückt. Diese drei Bereiche verstehen wir als die drei Kernbereiche von Zusammenhalt. Die drei Bereiche gliedern sich wiederum in jeweils drei Dimensionen, die separat erfasst werden. Die sozialen Beziehungen werden dabei als Stärke von sozialen Netzen, Ausmaß des Vertrauens in die Mitmenschen und Akzeptanz von Diversität gemessen. Die Verbundenheit wird über die Stärke der Identifikation mit dem Gemeinwesen, das Ausmaß des Vertrauens in Institutionen und das Maß an Gerechtigkeitsempfinden erfasst. Die Gemeinwohlorientierung wird schließ- lich in das Ausmaß von Solidarität und „Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist die Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen.“
  13. 13. 14 Hilfsbereitschaft, die Stärke der Bereitschaft zur Anerkennung sozialer Regeln und das Ausmaß der gesellschaftlichen Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger untergliedert. Diese allem Folgenden zugrunde liegende Definition beruht auf der genannten Vorstu- die sowie auf Konsultationen mit einer von der Bertelsmann Stiftung für die hier vorge- legte Studie versammelte Expertengruppe. Abbildung 1 veranschaulicht noch einmal die Bereiche und Dimensionen. Ein bewusst schlankes Konzept Unser Konzept repräsentiert insofern einen Konsens, als es Dimensionen beinhaltet, die in vielen Definitionen aus der Wissenschaft und von Thinktanks als zentral angesehen werden. Es betont den ideellen und den rela- tionalen Charakter von Zusammenhalt. Ideell meint hier die kognitiven und affektiven Facetten, zum Beispiel das Gefühl, „dazuzu- gehören“, während relational die sozialen Beziehungen zwischen Gesellschaftsmitglie- dern bzw. den die Gesellschaft konstituieren- den Gruppen beschreibt. Damit schließen wir bewusst materiel- len Wohlstand, soziale Ungleichheit und Wohlbefinden aus unserer Definition aus, obwohl sie in einigen anderen Definitionen von gesellschaftlichem Zusammenhalt eine Rolle spielen (vgl. z. B. Berger-Schmitt 2002). Wir schließen diese Aspekte aus, um eine konzeptionelle Überdehnung zu vermeiden: Maße des Zusammenhalts sollten eine be- stimmte gesellschaftliche Qualität erfassen, nicht gute Lebensbedingungen schlechthin. Fast noch wichtiger: Der Ausschluss von materiellen Ressourcen und deren Verteilung aus unserer Definition von Zusammenhalt ermöglicht auch eine Analyse, inwiefern materieller Wohlstand und Ungleichheit den 1. Zusammenhalt – eine gesellschaftliche Qualität in neun Dimensionen Gesellschaftlicher Zusammenhalt Merkmal eines Kollektivs Multidimensional Erfassung auf Mikro-, Meso- und Makroebene Abbildung 1 Die drei Bereiche gesellschaftlichen Zusammenhalts mit ihren Dimensionen Quelle: Eigene Darstellung. 2.1 Identifikation 2.2 Vertrauen in Institutionen 2.3 Gerechtigkeitsempfinden 3.1 Solidarität und Hilfsbereitschaft 3.2 Anerkennung sozialer Regeln 3.3 gesellschaftliche Teilhabe 1. soziale Beziehungen 2. Verbunden- heit 3. Gemeinwohl- orientierung 1.1 soziale Netze 1.2 Vertrauen in die Mitmenschen 1.3 Akzeptanz von Diversität
  14. 14. 15 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinflus- sen, und gerade dies ist ja eine der gesell- schaftspolitisch drängendsten Fragen. Mit der Vorlage eines solchen „schlanken“ Konzepts von Zusammenhalt soll generell die Unterscheidung zwischen Bedingungen, Bestandteilen und Folgen von Zusammenhalt verbessert werden. Auch insofern unterschei- det sich der hier für das Radar gesellschaft- licher Zusammenhalt erarbeitete Index von vielen anderen aggregierten Lebensqualitäts- maßen wie dem Human Development Index und dem Social Progress Index, die versu- chen, Wohlfahrt allumfassend abzubilden, und sich daher nicht wirklich für vertiefte Ursache-Wirkungs-Analysen eignen. Die Rolle von Gerechtigkeit und Diversität Hervorgehoben werden sollte, dass das Gerechtigkeitsempfinden Teil unserer Defi- nition ist und nicht etwa objektiv abbildbare (Un-)Gleichheit oder (Un-)Gerechtigkeit. Die objektive Ungleichverteilung von Ressourcen stellt aus unserer Sicht eine mögliche Ursa- che geringen gesellschaftlichen Zusammen- halts dar, während ein verbreitetes Ungerech- tigkeitsempfinden als Ausdruck schwachen Zusammenhalts interpretiert werden kann. Mit dem gleichen Argument ist kulturelle, ethnische oder religiöse Diversität in der Ge- sellschaft nicht Teil der Definition, wohl aber die Akzeptanz von Diversität: Gesellschaft- lichen Zusammenhalt kann es in heutigen Gesellschaften nur dann geben, wenn es gelingt, mit Diversität umzugehen. Diese Fähigkeit mag durch das Ausmaß kultureller, ethnischer oder religiöser Diversität in einer Gesellschaft beeinflusst sein, aber Diversität selbst ist kein Maß für (womöglich geringen) gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern nur der konstruktive Umgang mit ihr signali- siert Zusammenhalt. Noch in einem weiteren Punkt weicht das hier vorgelegte Konzept vom Mainstream der Forschung ab: Wir räumen dem Wertekon- sens oder der Wertehomogenität (Stichwort: Leitkulturdebatte) keine zentrale Position ein. Erstens ist unklar, welche Werte mög- lichst von allen geteilt werden müssten, um Zusammenhalt zu gewährleisten; zweitens stellt sich die Frage, ob Zusammenhalt in modernen Gesellschaften überhaupt noch der Wertehomogenität innerhalb der Bevöl- kerung bedarf. Der Ausschluss von Werten und Wertekonsens aus der Definition von gesellschaftlichem Zusammenhalt ermöglicht es auch hier, zu einem späteren Zeitpunkt zu analysieren, welche Wertepräferenzen und welches Ausmaß von Wertekonsens Zusam- menhalt am stärksten beeinflussen. Insgesamt legen wir einen Ansatz vor, der Zusammenhalt gerade nicht mit Homogenität gleichsetzt – sei es mit Blick auf Wohlstands- verteilung, religiös-ethnische Zusammen- setzung der Bevölkerung oder Werte. Einen solchen Homogenitätsansatz halten wir für ein veraltetes Konzept, das der Lebenswirk- lichkeit differenzierter und komplexer Gesell- schaften nicht gerecht wird. Um mit einem der Gründerväter der Soziologie, Emile Durk- heim, zu sprechen: Moderne Gesellschaften beruhen nicht auf „mechanischer Solidarität“ (Solidarität, die aus Ähnlichkeit erwächst), sondern auf „organischer Solidarität“ (die auf Verschiedenheit und gegenseitiger Ab- hängigkeit fußt). „Moderne Gesellschaften beruhen nicht auf Solidarität, die aus Ähnlichkeit erwächst, sondern auf Solidarität, die auf Verschiedenheit und gegenseitiger Abhängigkeit fußt.“ „Maße des Zusammenhalts sollten eine bestimmte gesellschaftliche Qualität erfassen, nicht gute Lebensbedingungen schlechthin.“
  15. 15. 16 Inklusion statt Ausgrenzung Dieses Heterogenität zulassende Konzept be- inhaltet gleichzeitig, dass der Zusammenhalt der Mehrheit nicht auf Kosten der Ausgren- zung von Minderheiten erzielt werden darf. So ließe sich ein hypothetischer Konsens darüber, dass die einheimische Bevölkerung bei der Arbeitsplatzvergabe den Vorzug vor Immigranten erhalten solle, durchaus als Ausdruck starken Zusammenhalts werten, jedoch eben nur eines partikularistischen Zusammenhalts, der Immigrantinnen und Immigranten ausschließt. Dass eine derartige Ausgrenzung den Zusammenhalt der Mehr- heitsgesellschaft zu fördern vermag und genau zu diesem Zweck eingesetzt wird, zei- gen zahlreiche Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart. Allerdings machen diese auch deutlich – man denke nur an den Natio- nalsozialismus –, dass daraus zumindest für die betroffenen Minderheiten verheerende Konsequenzen erwachsen. Im scharfen Gegensatz dazu orientiert sich unsere Trias von sozialen Beziehungen, emo- tionaler Verbundenheit und Gemeinwohl- orientierung mit ihren neun Dimensionen am Leitbild eines inklusiven gesellschaftli- chen Zusammenhalts, der die Pluralität der Lebensentwürfe und Identitäten nicht nur als gegeben hinnimmt, sondern als Stärke zu begreifen sucht. Tabelle 1 gibt weitere Erläuterungen und fasst jede Dimension in einem Leitsatz zu- sammen, der für die Auswahl von Einzelindi- katoren (siehe Kapitel 2.5) maßgeblich ist. 1. Zusammenhalt – eine gesellschaftliche Qualität in neun Dimensionen „Der Zusammenhalt der Mehrheit darf nicht auf Kosten der Ausgrenzung von Minderheiten erzielt werden.“
  16. 16. 17 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Tabelle 1 Die Dimensionen gesellschaftlichen Zusammenhalts und ihre Leitsätze Bereich 1. soziale Beziehungen erzeugen Zusammenhalt durch ein Netz von horizontalen Beziehungen zwischen Personen und gesellschaft- lichen Gruppen aller Art, das von Vertrauen geprägt ist und Diversität zulässt. 2. Verbundenheit erzeugt Zusammenhalt durch eine positive Identifikation der Menschen mit dem Gemeinwesen, großes Vertrauen in dessen Institutionen und dem Empfinden, dass die gesell- schaftlichen Umstände gerecht sind. 3. Gemeinwohlorientierung erzeugt Zusammenhalt durch Handlungen und Haltungen, die Schwache unterstützen, sich an sozialen Regeln orientieren und die gemeinschaftliche Organisation des Gemeinwesens ermöglichen. Dimension 1.1 soziale Netze 1.2 Vertrauen in die Mitmenschen 1.3 Akzeptanz von Diversität 2.1 Identifikation 2.2 Vertrauen in Institutionen 2.3 Gerechtigkeits- empfinden 3.1 Solidarität und Hilfsbereitschaft 3.2 Anerkennung sozialer Regeln 3.3 gesellschaftliche Teilhabe Leitsatz Die Menschen haben starke und belastbare soziale Netze. Die Menschen haben großes Vertrauen in ihre Mitmen- schen. Die Menschen akzeptieren Personen mit anderen Wert- vorstellungen und Lebens- weisen als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich mit ihrem Gemeinwesen stark verbunden und identifizieren sich als Teil davon. Die Menschen haben großes Vertrauen in gesellschaftliche und politische Institutionen. Die Menschen sehen die Verteilung der Güter in der Gesellschaft als gerecht an und fühlen sich gerecht behandelt. Die Menschen fühlen sich verantwortlich für ihre Mit- menschen und helfen ihnen. Die Menschen halten sich an grundlegende soziale Regeln. Die Menschen nehmen am ge- sellschaftlichen und politischen Leben teil und beteiligen sich an öffentlichen Debatten.
  17. 17. 18 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen Zusammenhalt ist kein dinglicher Zustand, der sich so einfach erfassen ließe wie etwa die menschliche Körpertemperatur. Deshalb ist das für diese Studie entwickelte Messins- trument notgedrungen komplex, und es sind mehrere Schritte nötig, um am Ende den Grad des Zusammenhalts – annäherungswei- se – als Wert eines Gesamtindex berichten zu können. Im Folgenden geben wir eine Übersicht über den Weg dorthin: über die Auswahl der betrachteten Zeiträume und Länder, die verwendeten Datensätze, die Auswahl von Einzelindikatoren und über die Grundzüge der Berechnungsmethode. Der Länderdaten- satz mit dem Gesamtindex Zusammenhalt sowie den Werten in den verschiedenen Dimensionen und den Einzelindikatoren wird zukünftig zum Download bereitgestellt. Einzelheiten darüber, wie wir aus den Roh- daten die Dimensionswerte und den Ge- samtindex Zusammenhalt berechnet haben, werden in einem separaten Methodenbericht dokumentiert. 2.1 Untersuchte Länder Unsere Studie berichtet das Ausmaß gesell- schaftlichen Zusammenhalts in 34 Ländern. Dabei handelt es sich um die 27 Mitglieds- staaten der Europäischen Union (EU) und um sieben weitere westliche Länder aus der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Austra- lien, Israel, Kanada, Neuseeland, Norwegen, die Schweiz und die USA. Die Länderaus- wahl folgt sowohl konzeptionellen als auch pragmatischen Erwägungen. Zum einen stehen diese Länder an einer hinreichend ähnlichen Stelle ihrer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung, was eine notwendige Voraussetzung für einen sinnvollen Vergleich darstellt. Zum anderen liegen für diese Länder ausreichend Daten vor. Tabelle 2 zeigt die untersuchten Länder im Überblick. 2.2 Zeiträume Wir messen den gesellschaftlichen Zusam- menhalt über einen Zeitraum von knapp 25 Jahren, von 1989 bis 2012. Dies ist ein Zeitraum großer globaler Umwälzungen: Beispielsweise fallen politisch der Zusam- menbruch des real existierenden Sozialismus und die folgende EU-Erweiterung in diese Periode. Das tägliche Leben wurde durch die 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen „Das Messinstrument ist notgedrungen komplex, und es sind mehrere Schritte nötig, um den Grad des Zusammenhalts als Wert eines Gesamtindex berichten zu können.“
  18. 18. 19 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich neuen Kommunikationstechnologien und den Übergang zur Wissensgesellschaft revoluti- oniert. In sozialstruktureller Hinsicht sind es Zeiten von massiver Einwanderung – für viele westliche Länder in diesem Ausmaß neu – und Umbauten des Wohlfahrtsstaats. Die westlichen Gesellschaften sind heute al- lesamt global vernetzter und einem größeren Veränderungsdruck ausgesetzt als noch im „Goldenen Zeitalter“ der Wohlfahrtsstaaten, das in den 1980er-Jahren endete. Da sich der Zusammenhalt einer Gesellschaft auch in historisch turbulenten Zeiten nicht von heute auf morgen drastisch ändern dürf- te, ist eine Analyse des zeitlichen Verlaufs in eher größeren Zeitabschnitten interessant. Wir nehmen deshalb vier Zeitabschnitte Tabelle 2 Untersuchte Länder EU und OECD Nur EU Nur OECD Belgien (BE) Polen (PL) Estland (EE) Dänemark (DK) Finnland (FI) Schweden (SE) Norwegen (NO) Neuseeland (NZ)Australien (AU) Kanada (CA) Niederlande (NL) Irland (IE) Schweiz (CH) Luxemburg (LU) USA (US) Deutschland (DE) Großbritannien (GB) Spanien (ES) Österreich (AT)Frankreich (FR) Tschechische Republik (CZ) Slowenien (SI) Litauen (LT) Portugal (PT) Ungarn (HU) Italien (IT) Malta (MT) Slowakische Republik (SK) Bulgarien (BG) Lettland (LV) Rumänien (RO) Israel (IL) Griechenland (GR) Zypern (CY)
  19. 19. 20 in den Blick (Tabelle 3). Auch hier folgen wir wieder konzeptionellen und pragmati- schen Überlegungen: Einerseits bemühen wir uns um eine sozialhistorisch sinnvolle Abgrenzung, andererseits müssen wir uns am Vorhandensein geeigneter Datensätze orientieren. Aus zeitgeschichtlicher Perspektive umfasst der erste Zeitraum die Jahre zwischen dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Regierungszeit der ersten demokratisch gewählten Regierungen in den Staaten des vormaligen Ostblocks. Der zweite Abschnitt bezieht sich auf die Jahre der intensiven Vor- bereitung der Erweiterung der Europäischen Union um neue – vorwiegend postsozialisti- sche – Länder. Der dritte Abschnitt beginnt mit dem Jahr der großen EU-Osterweiterung und endet mit dem Eintritt in die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Der vierte und letzte Abschnitt beginnt mit dem Krisenjahr 2009 und endet 2012, dem letzten Jahr, für das verwertbare Daten vor- liegen. Die Zuordnung der Krisenjahre 2008 und 2009 zu unterschiedlichen Erhebungs- zeiträumen ist vorwiegend pragmatisch begründet: Die Datenlage allein für die Jahre 2010 bis 2012 wäre zu dürftig gewesen. Diese Situation verbessert sich erheblich, wenn wir 2009 dem jüngsten Zeitabschnitt zuschlagen. 2.3 Sekundärdatenanalyse Diese Studie ist eine Sekundärdatenanalyse. Sie beruht auf existierenden Daten, die mit anderen und zum Teil sehr unterschiedli- chen Forschungszielen erhoben wurden. Wir greifen dabei auf repräsentative internatio- nale Befragungsstudien zurück, ferner auf Experteneinschätzungen und auf Informati- onen, die von internationalen Institutionen bereitgestellt werden. Eine Sekundärdatenanalyse hat viele Vortei- le. Sie ermöglicht es uns, valide und verläss- liche Einzelindikatoren für die Messung von gesellschaftlichem Zusammenhalt zusam- menzutragen. Für einen Zeitvergleich ist die Sekundärdatenanalyse ohnehin der einzig sinnvolle methodische Zugang, wenn man nicht zu retrospektiven Befragungen greifen will („Wie war es vor 20 Jahren?“), die dann weniger die tatsächliche Situation zu dem damaligen Zeitpunkt wiedergeben als den heutigen Blick darauf. „Die Sekundärdatenanalyse ermöglicht es, valide und verlässliche Einzelindikatoren für die Messung von gesellschaftlichem Zusammenhalt zusammenzutragen.“ „Da sich der Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht von heute auf morgen ändern dürfte, ist eine Analyse eher in größeren Zeitabschnitten interessant.“ 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen Tabelle 3 Die vier Erhebungszeiträume 1. 1989 bis 1995 2. 1996 bis 2003 3. 2004 bis 2008 4. 2009 bis 2012
  20. 20. 21 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Natürlich haben Sekundärdatenanalysen auch Nachteile, die aber in unserem Fall die skizzierten Vorteile in keiner Weise aufwiegen. Der erste Nachteil entspringt der Tatsache, dass Sekundärdaten typischerweise Forschungsprojekten entstammen, die eine andere Stoßrichtung hatten. Man wird also nicht immer Einzelindikatoren finden, die – weil der gleichen konzeptionellen Sichtweise verhaftet – exakt das messen, was wir auf der Grundlage unserer Definition von Zusammen- halt messen möchten. Der zweite Nachteil entsteht insbesondere dann, wenn eine Stu- die wie im vorliegenden Fall einen längeren Zeitraum abdecken soll. Dann kommt es nämlich häufiger vor, dass die nutzbaren Da- ten verschiedenen Quellen entstammen und nur bedingt vergleichbar sind. Und schließ- lich: Für manche Länder gibt es Datenlücken, wenn – aus welchem Grund auch immer – bestimmte Studien zu einem gegebenen Zeit- punkt nicht durchgeführt wurden. Glücklicherweise haben sich die Methoden der quantitativen Sozialforschung in den letzten zwei Jahrzehnten beachtlich weiter- entwickelt. Statistische Verfahren, wie die Faktorenanalyse (siehe Glossar im Anhang) erlauben es, nur denjenigen Teil eines Einzelindikators zu berücksichtigen, der für die Messung einer Dimension einschlägig ist. Zudem gibt es Algorithmen, die einzelne fehlende Datenpunkte anhand des Gesamt- datensatzes so balanciert zu schätzen vermö- gen, dass sie eine brauchbare Näherung für tatsächlich erhobene Daten darstellen. Die Validität dieser Methode kann dadurch belegt werden, dass man versuchsweise vorhandene Daten in einem Datensatz weglässt, diese auf der Basis der übrigen Daten schätzt und dann die geschätzten mit den tatsächlichen Daten vergleicht. Neuere Statistikprogramme – in unserem Kontext vor allem das Programm Mplus (Muthén & Muthén 1998–2011) – bie- ten hierfür nahezu perfekte Schätzoptionen an. Eine genaue Darstellung der Probleme und Lösungen findet sich im Methodenbericht (www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de). 2.4 Auswahl der Daten Verwendete Datenquellen Folgende Datensätze haben wir in unsere Auswertung einbezogen: 1. World Values Survey (WVS bzw. WEVS) 2. European Values Study (EVS bzw. WEVS) 3. Gallup World Poll (GWP) 4. European Social Survey (ESS) 5. European Quality of Life Survey (EQLS) 6. International Social Survey Programme (ISSP) 7. International Social Justice Project (ISJP) 8. Eurobarometer (EB) 9. International Crime Victims Survey (ICVS) 10. International Country Risk Guide (ICRG) 11. Shadow Economies in Highly Developed OECD Countries (Schneider & Buehn, 2012, kurz: S&B) 12.Measures of Democracy 1810-2010 (Vanhanen, 2011, kurz: VAN) Genauere Erläuterungen zu den einzelnen Datensätzen sowie eine Tabelle, welche Datensätze für einen bestimmten Erhebungs- zeitraum und ein bestimmtes Land verwen- det wurden, finden sich im Anhang. Zur Unvermeidlichkeit normativer Setzungen Eine Studie zum gesellschaftlichen Zusam- menhalt ist kein wertfreies Unterfangen. Allein eine solche Studie durchzuführen, heißt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt als etwas normativ Positives bewertet wird. „Eine solche Studie durchzuführen, heißt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt als etwas normativ Positives bewertet wird.“
  21. 21. 22 Auch unsere Definition von Zusammenhalt und deren Ausformulierung in Form von Bereichen und Dimensionen basiert auf wertenden Entscheidungen und nicht auf einer völlig neutralen Zusammenfassung der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur (die ihrerseits auch nicht wertneutral ist). So ist die Festlegung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt die Akzeptanz von Diversität mit umfasst, eine normative Setzung. Ebenso wenig ist die im folgenden Abschnitt 2.5 geschilderte Auswahl der Einzelindika- toren wertfrei, auch wenn sie zuvorderst von den Grundsätzen guten Messens geleitet wird, wie sie in Psychologie und Sozialwis- senschaften erarbeitet wurden: Zumindest die Anfangsentscheidung, welche Indikato- ren wir in eine umfassende Prüfung ihrer Messqualität aufnehmen, bleibt immer auch eine normative Entscheidung. Die anschlie- ßende quantitativ-statistische Prüfung der Indikatoren soll helfen, deren Eignung zu plausibilisieren, führt aber nicht zu wert- freien Maßen. Schließlich ist auch im Hinblick auf die Einzelindikatoren zwischen normativ- bewertenden und neutral-beschreibenden Indikatoren zu unterscheiden. Zum Beispiel können Teilnehmer in einem Survey gefragt werden, ob sie es für richtig halten, wenn Lesben und Schwule (Stichwort: Akzeptanz von Diversität) ihr Leben gemäß ihrer eige- nen Vorstellungen führen dürfen. Man kann die Befragten aber auch um ihre Einschät- zung bitten, ob zum Beispiel eine bestimmte Wohngegend, eine Region oder ein bestimm- tes Land Lesben und Schwulen ein gutes Leben ermöglicht. Auf einem Kontinuum von normativ-bewertenden zu neutral- beschreibenden Aussagen ist die erste Frage näher am normativ-bewertenden, die zweite Frage eher am neutral-beschreibenden Pol des Kontinuums zu verorten. Wir haben uns bemüht, stets beide Arten von Indikatoren einzubeziehen; wenn aber statistisch gleich gut geeignete Indikatoren zur Auswahl standen und eine Entscheidung erforderlich war, weil zum Beispiel zu viele Indikatoren für eine Dimension vorlagen, haben wir der neutral-beschreibenden Variante den Vorzug gegeben. 2.5 Das Vorgehen Schritt für Schritt Indikatorenauswahl nach Plausibilitätskriterien Unsere Definition von Zusammenhalt haben wir in Kapitel 1 vorgestellt. Auf dieser Basis sichtete unser Forschungsteam alle in Betracht kommenden Datensätze und wählte nach dem Kriterium der Plausibilität alle infrage kommenden Einzelindikatoren aus. Wenn alle fünf Teammitglieder unabhängig voneinander in der Einschätzung überein- stimmten, dass ein Indikator eine bestimmte Dimension gesellschaftlichen Zusammen- halts angemessen inhaltlich erfassen würde, wurde dieser in den folgenden Schritten berücksichtigt. Von Individualdaten zu Maßzahlen für Länder Die meisten der von uns einbezogenen Daten lagen zunächst als Befragungsdaten von durchschnittlich etwa 1000 Personen pro Land vor. Durch Bildung von Mittelwerten wandelten wir diese in Maßzahlen für Länder um: Gesellschaftlichen Zusammenhalt haben wir oben als Qualität eines Gemeinwesens (hier eines Landes) und nicht als Merkmal von Individuen definiert. Hieraus folgt auch, dass sich alle empirischen Analysen auf die Ebene der Länder und nicht auf die Ebene der Individuen beziehen. Auch beim Gallup World Poll handelt es sich vom Grundsatz her um Individualdaten, doch standen uns Indikatoren aus dieser Quelle nur in bereits aggregierter Form, also bereits 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen
  22. 22. 23 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich zu Ländermaßzahlen zusammengefasst, zur Verfügung. Indikatoren aus anderen Quel- len, etwa Expertenratings zu ethnischen Konflikten oder Schwarzarbeit, liegen in der Regel bereits auf Länderebene vor. In der Literatur werden solche Daten gelegentlich als objektive Indikatoren bezeichnet, weil sie nicht (oder zumindest nicht direkt) auf Befragungen von Individuen zurückgehen. Wir halten diese Bezeichnung für irre- führend und sprechen lieber von neutral- beschreibenden Indikatoren, wobei wir oben bereits deutlich gemacht haben, dass wir alle denkbaren Indikatoren auf einem Kontinu- um von normativ-bewertend und neutral- beschreibend angeordnet sehen und nicht als zwei unterschiedliche Typen (etwa subjektiv versus objektiv). Von Jahren zu Erhebungszeiträumen Wie oben beschrieben, messen wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt in vier Zeiträumen. Sehr selten kam es vor, dass zu demselben Indikator Daten aus demselben Datensatz für zwei verschiedene Jahre vor- lagen, die aber in denselben Erhebungszeit- raum fallen. In diesen Fällen haben wir die entsprechenden Indikatoren gemittelt. Indikatorenreduktion In einem nächsten Schritt waren viele Indi- katoren gleich wieder auszuschließen, weil sie entweder nur für einen einzigen Zeit- raum oder nur für wenige Länder vorlagen. Weiterhin galt es, aus ähnlich bis identisch formulierten Indikatoren denjenigen mit der größten Länder- und Zeitabdeckung auszu- wählen. Statistisch betrachtet stellen die 34 ausge- wählten Länder eine relativ kleine Stichprobe dar, für die nach einer klassischen Faustregel maximal elf Indikatoren für die Abbildung einer Dimension je Zeitraum genutzt werden sollten (Cattell 1966). Deshalb bedurfte es ei- ner weiteren Auswahlstufe. Als Richtschnur galt: Damit ein Indikator für die Messung einer Dimension infrage kam, sollten Daten aus mindestens zwei Erhebungszeiträumen und aus mindestens zehn Ländern vorlie- gen. Keine Regel jedoch ohne Ausnahme: Indikatoren, die in einem Datensatz nur aus einem Zeitraum vorlagen, konnten dennoch in die Endauswahl kommen, wenn aus einem anderen Datensatz zu einem hinreichend formulierungsgleichen Indikator Daten aus einem anderen Zeitraum vorlagen. Eine wei- tere Ausnahme ließen wir für Indikatoren zu, die in der Literatur als paradigmatisch für die Erfassung einer bestimmten Dimension gesellschaftlichen Zusammenhalts verhan- delt werden und einen neutral-beschreiben- den Charakter haben. Diese Zusatzannahme ermöglicht es, zu einem späteren Zeitpunkt unsere Forschungsergebnisse mit denen aus anderen Zusammenhängen sinnvoll in Beziehung zu setzen. Mit der Festlegung auf die beschriebenen Auswahlregeln verfolgen wir einen Ansatz der Sozialberichterstattung, der als Narrow- Choice-Approach charakterisiert wird, also die Erfassung einer theoretisch hergeleiteten Variablen über wenige Indikatoren favori- siert. Prominentes Beispiel für diesen Ansatz ist der bereits erwähnte Human Development Index, der die durchschnittliche Lebenser- wartung, den Bildungsstand der Bevölkerung (in insgesamt drei Teilindikatoren) und das Pro-Kopf-Einkommen in einem Land über das sogenannte geometrische Mittel (dies entspricht der n-ten Wurzel aus dem Produkt „Wir verfolgen einen Ansatz der Sozialberichterstattung, der als Narrow- Choice-Approach charakterisiert wird und die Erfassung einer theoretisch hergeleiteten Variablen über wenige Indikatoren favorisiert.“
  23. 23. 24 von n Indikatoren) in einem Index zusam- menfasst, der den Entwicklungsstand von Ländern abbilden soll. Statistische Sichtung der Datenqualität mittels explorativer Faktorenanalysen Um sicherzustellen, dass die nach den beschriebenen Auswahlregeln verbliebenen Indikatoren auch jeweils die avisierte Dimen- sion des gesellschaftlichen Zusammenhalts messen, bestand der nächste Schritt in explorativen Faktorenanalysen auf Länder- ebene. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass es sich um reflektive Indikatoren handelt (siehe Glossar im Anhang). Mithilfe der explorativen Faktorenanalysen wurde nun geprüft, ob die jeweilige Auswahl von Indikatoren tatsächlich ausreichend stark miteinander korreliert ist, sodass man davon ausgehen kann, dass sie alle tatsächlich – zumindest partiell – dieselbe Dimension gesellschaftlichen Zusammenhalts messen. Indikatoren, deren Korrelation zu schwach ausfiel, wurden nicht weiter berücksichtigt. Als Schwellenwert haben wir im Einklang mit einschlägigen Überblicksartikeln (vgl. Peterson 2000) einen Wert der sogenannten Faktorladung (Zusammenhang zwischen Indikator und Dimension) von 0,25 gewählt. Tabelle 5 im Anhang zeigt die Liste aller 58 Indikatoren, mit denen schließlich Maße für die neun Dimensionen des Zusammenhalts berechnet wurden. Messung der neun Dimensionen Wie bereits mehrfach angesprochen, sind nicht alle Indikatoren lückenlos für alle Zeiträume verfügbar. Die Annahme reflekti- ver Indikatoren bedeutet jedoch, dass man jede Dimension alternativ mit verschiedenen Einzelindikatoren erfassen kann. Vereinfacht ausgedrückt dienen letztere als Stellvertre- tervariablen für den uns eigentlich interes- sierenden Dimensionswert – und wenn ein Stellvertreter (Indikator) ausfällt, kann ein anderer in die Lücke springen. Unsere Daten erfüllen die dafür notwendi- gen statistischen Voraussetzungen: Unsere konfirmatorischen Faktorenanalysen belegen entsprechende Korrelationsmuster zwischen den Indikatoren, die für alle Zeiträume verfügbar sind, und denjenigen, die nur für einen Teil der Messzeitpunkte vorliegen. Schließlich gehen aus diesen konfirmato- rischen Analysen auch die gewünschten Maßzahlen des gesellschaftlichen Zusam- menhalts für die 34 Länder in neun Dimen- sionen hervor. Diese Vorgehensweise bringt eine Einschrän- kung mit sich: Es kann nicht immer eindeu- tig geklärt werden, ob zeitliche Verände- rungen der Ergebnisse auf soziale Prozesse zurückgehen, also reale Veränderungen widerspiegeln, oder dem Austausch von Indikatoren geschuldet sind. Kontrollanaly- sen zur zeitübergreifenden Bedeutungsäqui- valenz machen uns allerdings hinreichend sicher, dass es sich bei den weiter unten dargestellten Prozessen des Wandels im gesellschaftlichen Zusammenhalt einzelner Länder zuvorderst um echte Veränderungen handelt. Ein weiteres Merkmal unseres reflektiven Messkonzepts ist, dass immer nur relative Aussagen zum Stand des gesellschaftlichen Zusammenhalts in einem Land zulässig sind: Ein Land ist, je Erhebungszeitraum, gut oder schlecht im Vergleich zu den 33 anderen Ländern. Über die absolute Stärke des gesellschaftlichen Zusammenhalts las- sen sich keine Aussagen machen, ebenso wenig darüber, ob der Zusammenhalt über die Zeit absolut betrachtet stärker oder schwächer geworden ist. Solche Aussagen treffen zu können wäre wünschenswert, erscheint unter den gegebenen Vorausset- zungen aber als nicht machbar. INFO Beispiel für reflektive Indikatoren Zur Plausibilisierung mag ein Beispiel aus einem anderen Bereich dienen: In vielen Ländern wird Studienplatz- bewerbern die Teilnahme am SAT-Test abverlangt. Dieser Test umfasst Aufgaben aus den Bereichen Mathematik und Englisch. Von Jahr zu Jahr wechseln die Aufgaben (= Einzelindikatoren), weil man ausschließen will, dass sich die gestellten Aufgaben unter Studienbewerbern her- umsprechen. Dennoch nimmt der Test für sich in Anspruch, dass die Testresultate über die Jahre hinweg vergleichbar bleiben und ein verlässliches Maß für die Mathematik- und Englischfähigkeiten (= zu- grunde liegendes Phänomen) darstellen. 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen
  24. 24. 25 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Berechnung von Dimensionswerten Es gibt, wie gesagt, Lücken in der Daten- grundlage, die einzelne Dimensionen in einzelnen Ländern zu einzelnen Zeitpunk- ten betreffen. Mittels des sogenannten Full Information Maximum Likelihood, eines verlässlichen statistischen Schätzverfahrens, ist die Schließung der Lücken in der Daten- grundlage ein leicht zu beherrschendes Pro- blem: Fehlende Dimensionswerte in einem Zeitraum werden anhand von verfügbaren Werten aus anderen Zeiträumen geschätzt. Diese Vorgehensweise ist präziser als alle Alternativen, etwa das einfache Kopieren von Werten aus anderen Zeitpunkten. Natürlich sind im Ergebnisteil die auf solche Weise geschätzten Dimensionswerte besonders gekennzeichnet; sie sollten trotz der Solidi- tät der Schätzverfahren mit mehr Vorsicht interpretiert werden. Wenn alle Dimensionswerte für sämtliche Länder und Erhebungszeiträume zur Ver- fügung stehen, werden die berechneten Di- mensionswerte auf der Basis ihrer je eigenen Streuung standardisiert, damit die Länder- werte für alle neun Dimensionen gleich stark um den Wert Null variieren. Nach diesem Schritt kann dann auch der Gesamtindex des gesellschaftlichen Zusammenhalts berechnet werden. Gesamtindex des gesellschaftlichen Zusammenhalts Zentrales Resultat unserer Berechnungen sind die Werte für die neun Dimensionen gesellschaftlichen Zusammenhalts, die wir für alle Länder ermittelt haben. Allerdings ist es auch sinnvoll, die Ergebnisse stärker zu verdichten. Dafür haben wir einen Gesamt- index Zusammenhalt als Mittelwert aller neun Dimensionswerte berechnet. Weiterhin haben wir Teilindizes für die drei Bereiche soziale Beziehungen, Verbundenheit und Ge- meinwohlorientierung als Mittelwerte ihrer jeweils drei Dimensionen berechnet. Da die Werte der Dimensionen standardisiert sind, gehen alle Dimensionen gleich stark in die Berechnung des Gesamtindex ein. Generell folgen wir bei der Indexberechnung dem Ansatz der formativen Indexbildung. Dabei werden ohne eine weitere Prüfung der Korrelation die jeweiligen Dimensionen als Bausteine des betreffenden Index aufgefasst. Dieses Vorgehen ist sowohl in der Sozialbe- richterstattung als auch in der ökonomischen Forschung üblich. So wird auch der Human Development Index nach dieser Logik gebildet. Dass dies gerechtfertigt ist, ergibt sich aus der Vorstudie (Bertelsmann Stiftung 2012): Wir bilden Indizes aus Dimensionen, die im Einklang mit der wissenschaftlichen Literatur als zusammengehörig definiert wurden. Abbildung 2 fasst unsere analytischen Schrit- te noch einmal zusammen. Gruppierung der Länder Auf Basis der Werte für die einzelnen Dimen- sionen wurden die Länder jeweils in fünf Gruppen eingeteilt. Diese Einteilung erfolgte für jede Dimension getrennt: die Spitzen- gruppe (dunkelblau), das obere Mittelfeld (blau), die Mittelgruppe (hellblau), das unte- re Mittelfeld (gelb) sowie die Schlussgruppe (orange). Zu verweisen ist noch einmal darauf, dass ein zeitlicher Vergleich der Gruppenzuge- hörigkeit nur eine relative Veränderung im Vergleich zu den anderen Ländern wider- spiegelt. Steigt ein Land beispielsweise vom dritten zum vierten Erhebungszeitraum vom Mittelfeld ins obere Mittelfeld auf, dann muss dies nicht bedeuten, dass der Zusam- menhalt in dem betreffenden Land in einem absoluten Sinne stärker geworden ist – eben- so könnten sich die anderen Länder absolut betrachtet verschlechtert haben. Allerdings INFO Schwellenwerte für die Bildung der fünf Gruppen Die Abgrenzung zwischen den Gruppen erfolgt nach einheitlichen Schwellenwer- ten für alle Dimensionen. Alle Dimensionswerte gehen dabei standardisiert, das heißt mit einem Mittelwert von null und einer Standard- abweichung von eins, in die Gruppenbildung ein. Nun werden die Schwellenwerte so gewählt, dass für eine Normalverteilung (glocken- förmige Verteilung) etwa 20 Prozent der Länder in jeder Gruppe vertreten wären. Für unsere Stichprobe aus 34 Ländern hieße das: In der Mittelgruppe finden sich ty- pischerweise sechs Länder, in den anderen Gruppen sieben. Für den Gesamtindex, der ja der Mittelwert aller Dimen- sionswerte ist, haben wir für die Gruppenabgrenzung das- selbe Verfahren verwendet. Die empirischen Werte in den Dimensionen sind jedoch nicht normalverteilt. Dies führt dazu, dass die tatsächli- che Anzahl der Länder in den Gruppen in den einzelnen Dimensionen und dem Ge- samtindex variieren kann.
  25. 25. 26 lassen sich absolute Trends hilfsweise anhand einzelner Indikatoren nachzeichnen, sofern diese gleichlautend in mehreren Erhe- bungszeiträumen erhoben wurden. Wir verzichten in diesem Bericht darauf, die – im Datensatz selbstverständlich zugänglichen – genauen Dimensionswerte anzugeben, um einer Überinterpretation der Ergebnisse vorzubeugen: Die scheinba- re Präzision der Zahlen könnte sonst dazu verleiten, Vergleiche nach dem Muster „Der Zusammenhalt in Land X ist doppelt so stark wie in Land Y“ vorzunehmen. Solche Aussa- gen sind aber aufgrund der Datenbasis und der Messmethode nicht sinnvoll. Zu beachten ist weiterhin, dass durch die Definition ein- heitlicher Schwellenwerte für die Zuordnung von Ländern zu Gruppen zwei Länder, die unter Umständen sehr nahe beieinanderlie- gen, dennoch in unterschiedlichen Gruppen zu finden sind. 2. Die Messmethode: vorhandene Datenquellen nutzen Abbildung 2 Arbeitsschritte zur Ermittlung von Maßzahlen gesellschaftlichen Zusammenhalts Auswahl von Indikatoren nach Plausibilität Aggregation von Individualebene auf Länderebene Zusammenfassung von Jahren zu Zeiträumen Reduktion der Indikatorenzahl mit dem Ziel ... maximaler zeitlicher optimaler höchstmöglicher externer Kontinuität Länderrepräsentanz Vergleichbarkeit Weitere Reduktion der Indikatoren auf Basis explorativer Faktorenanalysen mit dem Ziel ... maximaler Austauschbarkeit von Indikatoren über die Zeit Reflektive Messung von neun Dimensionen sozialen Zusammenhalts ... und Ermittlung von Länderwerten für jede Dimension für alle Erhebungswellen Vorbereitung der Dimensionswerte Schätzung fehlender Länderwerte Standardisierung Formative Bildung von Indizes ... für gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt und für die drei Bereiche von Zusammenhalt
  26. 26. 27 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich
  27. 27. 28 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich 3.1 Die Rangfolge im Überblick Welche Länder haben nun einen eher star- ken, welche einen schwachen Zusammen- halt? Abbildung 3 zeigt die aktuelle Rangliste der 34 Länder und deren Zuordnung zu den fünf Gruppen. Die Länder sind nach dem Wert des Gesamtindex Zusammenhalt absteigend geordnet. Daneben wird die Grup- penzugehörigkeit eines Landes in den neun Dimensionen dargestellt (im Anhang sind die Ranglisten für die drei früheren Erhebungs- zeiträume dokumentiert: Abbildung 16–18). Abbildung 4 zeigt den zeitlichen Trend (re- lative Veränderungen) für den Gesamtindex Zusammenhalt von 1989 bis 2012 über alle Länder hinweg. Demnach ist der gesellschaftliche Zusam- menhalt in Dänemark am stärksten, es folgen Norwegen, Finnland und Schweden. Auf den Plätzen fünf bis acht schließen sich die angelsächsisch geprägten außereuropä- ischen Länder an. Weiter geht es mit eher kleineren und wohlhabenden westeuropäi- schen Ländern sowie, noch eben im oberen Mittelfeld, Deutschland. In der mittleren Gruppe finden sich mit Großbritannien, Frankreich und Spanien drei der großen EU-Länder. Das untere Mittelfeld reicht von Estland bis Zypern und setzt sich aus ostmitteleuropäischen Ländern und Mittel- meeranrainern zusammen. Die Schlussgrup- pe besteht aus den zwei baltischen Staaten Litauen und Lettland sowie den südosteuro- päischen Ländern Bulgarien, Griechenland und Rumänien. Insgesamt ergibt sich ein überraschend klares geografisches Muster mit folgender vereinfachter Abstufung: Nord- europa; Nordamerika-Ozeanien; Westeuropa; Südeuropa und Ostmitteleuropa gleichauf; Baltikum; Südosteuropa. Dies ist ein Muster, das aus anderen internationalen Vergleichen etwa zur Lebensqualität oder zum subjekti- ven Wohlbefinden bekannt ist. Typische und untypische Dimensionen Der Blick auf die neun Dimensionen zeigt, dass in einem Land nicht notwendigerweise alle Aspekte von Zusammenhalt gleicher- maßen ausgeprägt sein müssen. So liegen Norwegen und Schweden zwar fast in allen Dimensionen in der Spitzengruppe, haben aber bei der Identifikation ihrer Bürgerinnen und Bürger mit dem Gemeinwesen nur mitt- lere Werte. Auch die Niederlande, Deutsch- land und Großbritannien liegen bei vielen Dimensionen im (oberen) Mittelfeld, fallen 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im inter- nationalen Vergleich „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist in Dänemark am stärksten, es folgen Norwegen, Finnland und Schweden.“
  28. 28. 29 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich aber durch eine vergleichsweise niedrige Identifikation auf; tatsächlich bilden sie hier die Schlussgruppe. Umgekehrt sind in den Ländern, deren Zusammenhalt insgesamt eher schwach ist, auch positive Aspekte zu entdecken: So schneiden Portugal und Rumä- nien bei der Akzeptanz von Diversität deut- lich besser ab als in den meisten anderen Dimensionen – und besser als viele westeu- ropäische Nationen. Und in Zypern, Bulgari- en und Griechenland identifizieren sich die Menschen sehr stark mit dem Gemeinwesen, sodass diese Länder trotz ihres allgemein geringen Grades von Zusammenhalt in dieser Dimension in der Spitzengruppe zu finden sind. Insgesamt aber ergibt sich in der Zusammenschau der Dimensionen doch ein recht konsistentes Bild. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Syndrom, das sich in verschiedenen Facetten in ähnlicher Weise widerspiegelt. Am ehesten stellen noch die Identifikation mit dem Gemeinwesen und die Akzeptanz von Diversität eigenständige Facetten dar, die dem Syndromcharakter des gesellschaft- lichen Zusammenhalts etwas weniger als die anderen Dimensionen entsprechen. Nicht zufällig haben sich die Beispiele im vorhergehenden Absatz auf diese beiden Dimensionen bezogen. Man kann also sagen: Auch wenn man weiß, wie stark sich die Bür- gerinnen und Bürger mit ihrem Land identifi- zieren, kann man daraus nicht unbedingt schließen, wie stark der gesellschaftliche Zu- sammenhalt insgesamt ausgeprägt ist. Weiß man dagegen, wie belastbar die sozialen Netze sind oder wie gerecht oder ungerecht die Menschen ihre Gesellschaft erleben, so kann man auf dieser Basis recht gut abschät- zen, wie es um den Zusammenhalt insge- samt bestellt ist. Diese Überlegungen werden durch eine empirische Korrelations- und Ähnlichkeitsanalyse der Dimensionsprofile gestützt: Ihr zufolge fallen Identifikation und Akzeptanz von Diversität etwas aus dem Rahmen, sind also eher untypisch, während die übrigen Dimensionen eng verwoben sind. Besonders eng ist die Verzahnung zwischen sozialen Netzen, Vertrauen in die Mitmen- schen und dem Gerechtigkeitsempfinden. Die empirische Prüfung erfolgte durch Analysen der Korrelationsmatrix der Dimensionen sowie deren Distanzmatrix und ihrer Darstel- lung mittels multidimensionaler Skalierung. Inhaltlich kann das bedeuten, dass die Identifikation mit dem Land zu einem Gutteil eine „mechanische Solidarität“ ist, die in postindustriellen Gesellschaften als soziomoralische Ressource für andere Aspekte des Zusammenhalts nicht mehr „Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein Syndrom, das sich in verschiedenen Facetten in ähnlicher Weise widerspiegelt.“
  29. 29. 30 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich INFO Lesehilfe zu den Abbildungen 3 und 4 Die Abbildung 3 führt untereinander die 34 untersuchten Länder auf, geordnet nach dem Gesamtindex Zusammenhalt – dem Zahlenwert ihres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Da der absolute Zahlenwert aufgrund der komple- xen Berechnungsmethode nur eingeschränkt interpretierbar ist, wird er hier nicht numerisch angegeben. Stattdessen werden die Länder auf Basis der Zahlenwerte in fünf Gruppen einge- teilt, die anhand der Farben erkennbar sind: Die Länder mit einem dunkelblauen Punkt in der linken Spalte (Dänemark bis Australien) gehören zur Spitzengruppe bezüglich ihres Zusammen- halts. Danach folgen oberes Mittelfeld (blauer Punkt), Mittelgruppe (hellblauer Punkt), unteres Mittelfeld (gelber Punkt) und Schlussgruppe (oranger Punkt). Deutschland ist also eben noch dem oberen Mittelfeld zuzuordnen; Rumänien ist insgesamt Schlusslicht. Die Gruppeneinteilung und Farbzuordnung anhand der berechneten Zahlenwerte wiederholt sich in den neun Dimensionen. Dänemark liegt also in fast allen Dimensionen in der Spitzengrup- pe, lediglich bei Solidarität und Hilfsbereitschaft sowie bei Anerkennung sozialer Regeln rangiert es „nur“ im oberen Mittelfeld. In diesen beiden Dimensionen platzieren sich dafür die USA und die Niederlande in der Spitzengruppe. Deutsch- land wiederum ist ebenso wie in der Gesamt- wertung auch in den meisten Dimensionen im oberen Mittelfeld platziert – etwas schlechter schneidet es bei der Akzeptanz von Diversität ab (Mittelgruppe), deutlich schlechter bei der Iden- tifikation (Schlussgruppe). Überdurchschnittlich stark ist in Deutschland dagegen die Anerken- nung sozialer Regeln: Hier liegt Deutschland mit den USA, den Niederlanden und einigen anderen Ländern in der Spitzengruppe. Während sich alles bisher Gesagte auf den vierten Erhebungszeitraum (2009 bis 2012) bezieht, gibt Abbildung 4 die zeitliche Entwicklung seit 1989, also über alle vier Erhebungszeiträume, wieder. Angegeben ist hier nur die Gesamtplatzierung anhand des zusammenfassenden Index, wie er auch der Spalte ganz links zugrunde liegt. Dänemark, Norwegen und Schweden befanden sich demnach kontinuierlich in der Spitzengruppe (viermal dunkelblau), Finnland dagegen gelang erst ab dem zweiten Erhebungszeitraum der Sprung vom oberen Mittelfeld in die Spitzen- gruppe. Deutschland wiederum hat erst in jüngster Vergangenheit zum oberen Mittelfeld aufgeschlossen: In den drei davor liegenden Erhebungszeiträumen landete es jeweils in der Mittelgruppe, zu der auch Spanien, Belgien, Frankreich und Malta gehörten. zwangsläufig gebraucht wird. Die Hebelwir- kung von Identifikation auf andere Dimensi- onen ist vermutlich gering, da die Verknüp- fung locker ist. Das dürfte beispielsweise beim Vertrauen in die Mitmenschen anders sein – hier sind positive Ausstrahlungs- effekte auf andere Dimensionen wahr- scheinlich, was wachsendes Vertrauen zum wertvollen Hebel macht, wollte man den Zu- sammenhalt stärken. Die zweite Dimension, die öfter vom Gesamtbild abweicht, ist die Akzeptanz von Diversität. Das rührt vermut- lich daher, dass es bei dieser Dimension eine spezifische Gemengelage von grundlegender Solidarität, aktuellem Problemdruck (zum Beispiel durch starke Einwanderung) und politischen Handlungsstrategien (Assimilati- on versus multikulturelle Gesellschaft) gibt. Treten noch situationelle Faktoren wie der Mord an Theo van Gogh in den Niederlan- den mit entsprechenden Umschwüngen des öffentlichen Meinungsklimas hinzu, so führt auch das zu einer eher lockeren Anbindung an die anderen Dimensionen von Zusammenhalt. Zeitliche Entwicklung Eine wichtige Information aus Abbildung 4 ist der zeitliche Wandel. Man sieht unmittel- bar, dass viele Länder über alle vier Zeiträu- me ihre Farbe behalten. Die nordischen Län- der haben, mit Ausnahme Finnlands, über die gesamten fast 25 Jahre hinweg einen
  30. 30. 31 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Abbildung 3 Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich (2009 – 2012) Dargestellt sind die Mittelwerte der neun Dimensionen für die EU- und westlichen OECD-Länder. Die fünf Farben markieren die Spitzengruppe (dunkelblau = ), das obere Mittelfeld (blau = ), die Mittelgruppe (hellblau = ), das untere Mittelfeld (gelb = ) und die Schlussgruppe (orange = ). Punkte mit weißer Füllung ( ) stehen für Dimensionswerte, die mithilfe anderer Zeiträume geschätzt wurden. Belgien Polen Estland Dänemark Finnland Schweden Norwegen Neuseeland Australien Kanada Niederlande Irland Schweiz Luxemburg USA Deutschland Großbritannien Spanien Österreich Frankreich Tschechische Republik Slowenien Litauen Portugal Ungarn Italien Malta Slowakische Republik Bulgarien Lettland Rumänien Israel Griechenland Zypern Gesam tindexZusam m enhalt 1. soziale Beziehungen 1.1 sozialeNetze 1.2 Vertrauen in dieM itm enschen 1.3 Akzeptanzvon Diversität 2. Verbunden- heit 2.1 Identifikation 2.2 Vertrauen in Institutionen 2.3 Gerechtigkeitsem pfinden 3. Gemeinwohl- orientierung 3.1 Solidaritätund Hilfsbereitschaft 3.2 Anerkennung sozialerRegeln 3.3 gesellschaftlicheTeilhabe Zeitraum 2009 – 2012
  31. 31. 32 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich sehr starken Zusammenhalt und nehmen die Spitzenplätze ein. Ebenso konstant – auf ihrem jeweiligen Niveau – halten sich die Niederlande, Österreich, Spanien, Polen, Italien und Zypern, um nur einige Beispiele für Stabilität zu nennen. Das Ausmaß des gesellschaftlichen Zusam- menhalts ist, das belegen unsere Ergebnisse deutlich, ein sehr beständiges Merkmal von Gesellschaften, das sich in der Regel über kürzere Zeiträume nicht dramatisch verändert (einer genaueren Beobachtung bedürfen freilich in den nächsten Jahren die südeuropäischen Länder, die unter der Finanz- und Wirtschaftskrise leiden). Wo es relative Veränderungen gibt, sind es in der Regel Aufstiege in die nächstbessere Gruppe oder Abstiege in die nächstschlechtere. Nur „Das Ausmaß des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist ein sehr beständiges Merkmal von Gesellschaften.“ IL MT BE EE CZ SI LT PT HU IT SK BG LV RO GR CY DK FI SE NO NZ AU NL IE CH LU DE ES AT GB FR Dargestellt ist der Verlauf des Gesamtindex Zusammenhalt über die vier Erhebungszeiträume. Die fünf Farben markieren die Spitzengruppe (dunkelblau = ), das obere Mittelfeld (blau = ), die Mittelgruppe (hellblau = ), das untere Mittelfeld (gelb = ) und die Schlussgruppe (orange = ). Abbildung 4 Gesellschaftlicher Zusammenhalt im zeitlichen Verlauf 1989 – 1995 1989 – 1995 1996 – 2003 1996 – 2003 2004 – 2008 2004 – 2008 2009 – 2012 2009 – 2012 PL US CA
  32. 32. 33 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Malta verändert sich über zwei Gruppen- grenzen hinweg. Über die Zeit verbessert haben ihre Position zum Beispiel Finnland, Neuseeland, Australien, Deutschland und die Slowakische Republik; verschlechtert haben sich beispielsweise die USA, Großbritanni- en, Frankreich, Lettland, Bulgarien sowie, wie bereits erwähnt, Malta; Kanada pen- delt hingegen zwischen den zwei obersten Gruppen. Eine intensivere Betrachtung der spezifischen Gründe für diese Auf- und Ab- wärtsbewegungen muss späteren Analysen überlassen bleiben. 3.2 Deutschland im oberen Mittelfeld Blickt man zunächst auf den Gesamtindex Zusammenhalt, so findet sich Deutschland im oberen Mittelfeld der Rangliste. Dieser Platzierung entsprechen auch eine Reihe von Dimensionen: Soziale Netze, Vertrauen in die Mitmenschen, Vertrauen in Instituti- onen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, gesellschaftliche Teilhabe – überall ist Deutschland im oberen Mittelfeld positioniert. Allerdings schneidet Deutschland keineswegs überall gleich ab. Positiv fällt die Anerkennung sozialer Regeln auf, bei der Deutschland unter den besten Nationen liegt. Dies entspricht auch dem stereotypen Bild der Deutschen als einem ordentlichen und gesetzestreuen Volk. Bei zwei Dimensionen schneidet Deutsch- land weniger gut ab: Am stärksten sticht heraus, dass sich die Deutschen nur wenig mit ihrer Nation identifizieren – was sich wohl weiterhin auf die Erfahrungen mit den Verbrechen und Katastrophen des National- sozialismus zurückführen lässt. Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt, dass Deutschland hier in den ersten drei Zeiträumen Rang 33 der 34 Länder belegt. Die historische Erklärung durch Nationalsozialismus und Kriegsschuld wird auch durch die Tatsache gestützt, dass die nationale Identifikation über den gesamten Erhebungszeitraum schwach ist; auch das „Sommermärchen“ der Fußballweltmeisterschaft 2006 konnte das nicht grundlegend ändern (es führte nur dazu, dass Deutschland auf Rang 30 von 34 landete, aber weiterhin in der Schlussgruppe verblieb). Allerdings scheint eine – vielleicht ja sogar wünschenswerte – Distanz zur eigenen Nation ein in Mitteleuropa durchaus verbreitetes Phänomen zu sein: Die zwei anderen Länder, die ähnlich konstant in der Schlussgruppe liegen, sind Belgien und die Niederlande. Bedenkliche Entwicklung der Akzep- tanz von Diversität Bei der Akzeptanz von Diversität gehört Deutschland nur zur Mittelgruppe, mit vergleichbaren Werten wie die Niederlande. Diese Dimension erscheint in ihrer zeitli- chen Entwicklung (siehe Abbildung 5) als die problematischste, hat Deutschland hier doch nach der Jahrhundertwende deutlich an Boden verloren. Da dieser bedenkliche Trend über einen längeren Zeitraum hinweg zu beobachten ist, lässt er sich nicht auf die Wirtschaftskrise in den letzten Jahren zu- rückführen, die Deutschland ohnehin besser gemeistert hat als viele andere europäische Länder. „Integration – nicht nur von Zuwanderern, sondern ganz allgemein von „Andersartigen“ – tut not.“ „Die Deutschen identifizieren sich nur wenig mit ihrer Nation – was sich wohl weiterhin auf die Erfahrungen mit den Verbrechen und Katastrophen des Nationalsozialismus zurückführen lässt.“
  33. 33. 34 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Es besteht also Handlungsbedarf dahin- gehend, die in Deutschland vergleichsweise intakten sozialen Netze auch für Menschen zu öffnen, die einen Migrationshintergrund haben oder deren Lebensweise vom landläu- figen Mainstream abweicht: Integration – nicht nur von Zuwanderern, sondern ganz allgemein von „Andersartigen“ – tut not, wenn Deutschland in Zukunft positiven Nutzen aus der Unterschiedlichkeit seiner Bürgerinnen und Bürger ziehen will. Noch einmal sei darauf verwiesen, dass wir einen relativen Abstieg Deutschlands in der Akzeptanz von Diversität im Vergleich zu anderen Ländern konstatieren, nicht eine absolute Verschlechterung. Weitere Tendenzen Wie Abbildung 5 ebenfalls zeigt, war der gesellschaftliche Zusammenhalt insgesamt in Deutschland im internationalen Vergleich seit der deutschen Vereinigung eher stabil, weist aber eine aufsteigende Tendenz ab 2008 auf. Von den 1990er-Jahren bis zur ersten Dekade des neuen Jahrhunderts gehörte Deutschland „Seit 2008 hat der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland im internationalen Vergleich eine aufsteigende Tendenz.“ Abbildung 5 Trends des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland Deutschland Gesamtindex Zusammenhalt 1. soziale Beziehungen 1.1 soziale Netze 1.2 Vertrauen in die Mitmenschen 1.3 Akzeptanz von Diversität 2. Verbunden- heit 2.1 Identifikation 2.2 Vertrauen in Institutionen 2.3 Gerechtigkeitsempfinden 3. Gemeinwohl- orientierung 3.1 Solidarität und Hilfsbereitschaft 3.2 Anerkennung sozialer Regeln 3.3 gesellschaftliche Teilhabe 1989 – 1995 1996 – 2003 2004 – 2008 2009 – 2012 Dargestellt sind die Werte für den Gesamtindex Zusammenhalt und die neun Dimensionen im Zeitverlauf. Punkte mit weißer Füllung stehen für Dimensionswerte, die mithilfe anderer Zeiträume geschätzt wurden.
  34. 34. 35 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich noch zum Mittelfeld, mittlerweile ist es, wenn auch knapp, ins obere Mittelfeld aufge- rückt. Der Abstand zur Spitzengruppe bleibt indes weiter groß. Besonders positiv entwickelt – wohlgemerkt immer relativ zu anderen Ländern gesehen – haben sich vor allem die sozialen Netze, die heute enger geknüpft sind, als dies noch in den 1990er-Jahren der Fall war. Leichte Rang- verbesserungen gab es beim Vertrauen in die Mitmenschen, beim Vertrauen in Institutio- nen und beim Gerechtigkeitsempfinden. In den beiden letztgenannten Dimensionen gibt es aber keinen linearen Trend. Beim Gerech- tigkeitsempfinden rangierte Deutschland in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre im obe- ren Mittelfeld, rutschte dann zu Zeiten der Hartz-Reformen von Arbeitslosen- und Sozi- alhilfe 2003 ins untere Mittelfeld, um heute mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und wieder steigenden Löhnen auf einen Platz im oberen Mittelfeld zurückzufinden. Parallel dazu hat sich Deutschland beim Vertrauen in Institutionen deutlich verbessert, was vermutlich ebenfalls darauf zurückzuführen ist, dass Deutschland weit besser durch die Eurokrise gekommen ist als befürchtet. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Belastungen durch Euro- und Schuldenkrise zukünftig auf das Gerechtigkeitsempfinden und das Vertrauen in Institutionen auswirken. Eine weitere Tendenz nach oben hat Deutsch- land auch bei der Anerkennung sozialer Regeln zu verzeichnen. Ein leichter Abwärts- trend ist in der Dimension Solidarität und Hilfsbereitschaft zu konstatieren, bei der Deutschland aber immer noch einen Platz im oberen Mittelfeld einnimmt. 3.3 Drei Muster starken Zusam- menhalts: nordische, angelsächsi- sche und alpenländische Variante Bisher haben wir uns in der Diskussion von der Stärke des Gesamtindex leiten lassen. Eine andere Herangehensweise ist es, die Dimensionen zu betrachten und ähnliche Länder zu Gruppen zusammenzufassen, um dann das typische Muster gesellschaftlichen Zusammenhalts für diese Ländergruppen zu bestimmen. Genau dies haben wir mit einer Ähnlichkeitsanalyse (multidimensionale Skalierung) unternommen. Durch unsere Gruppierung werden also Länder zusammen- gefasst, deren Profile nahe beieinanderliegen. Die sozialwissenschaftliche Statistik hält für Gruppierungsanalysen eine ganze Reihe von Verfahren bereit. Die von uns durchge- führte Ähnlichkeitsanalyse versteht sich als Option für einen ersten Einblick, die weitere, vertiefende Analysen anregen soll. Abbildung 6 zeigt die Ländergruppen und ihre typi- schen Profile. Die Gruppen sind dabei den Ländergruppen recht ähnlich, die wir anhand der Stärke des Gesamtindex Zusammenhalt ausgemacht haben. Die drei bestplatzierten Ländergruppen repräsentieren unterschiedli- che erfolgreiche Varianten, die starken gesell- schaftlichen Zusammenhalt in je eigener Prä- gung aufweisen: gemäß einer „nordischen“ Variante, einer „angelsächsischen“ (aus dem Großbritannien selbst allerdings nach unten herausfällt) und einer „alpenländischen“ (zu der auch Luxemburg zählt – natürlich ohne Alpenlage). Den durchgängig weit vorn platzierten nordischen Ländern Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden ist ein universa- listischer Wohlfahrtsstaat gemein, der stark umverteilend wirkt und Chancengleichheit schafft; zudem ist die Institutionenqualität außergewöhnlich hoch. Dies scheinen die „Erfolgsfaktoren“ hinter dem starken Zusam- menhalt nordischer Prägung zu sein. Eine zweite Variante bilden die angelsäch- sischen Länder Australien, Kanada, Neusee- land und die USA sowie Irland. Sie belegen in der Regel die Plätze gleich hinter den skandinavischen Nationen. Beim Gerechtig- keitsempfinden liegen sie gleichauf mit den nordischen Ländern, bei Solidarität und Hilfs- bereitschaft vor ihnen. Interessant ist, dass
  35. 35. 36 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich diese Länder in vielerlei Hinsicht ganz ande- re Rahmenbedingungen als die nordischen Länder haben, zum Beispiel einen eher libe- ralen Wohlfahrtsstaat, der weniger umverteilt und durch eine größere Einkommenskluft zwischen Arm und Reich gekennzeichnet ist. Zugleich sind vor allem die Überseeländer als Einwanderungsgesellschaften ethnisch und religiös sehr heterogen und handhaben diese Heterogenität durch multikulturelle Politi- ken. Auch Irland – historisch ein klassisches Auswanderungsland – ist in den vergange- nen zehn Jahren zum Einwanderungsland geworden. Mit Irland und den USA befinden sich zwei vergleichsweise religiöse Länder in dieser Gruppe. Offenbar gelingt es diesen Ländern, unter ganz anderen Voraussetzun- gen einen ähnlich starken gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erzeugen wie die eher religionsfernen nordischen Nationen. Die dritte Ländergruppe mit einem ähnlichen und überdurchschnittlich starken Zusam- menhaltsprofil bilden Luxemburg, Österreich und die Schweiz. Ihre besonderen Stärken liegen im Institutionenvertrauen und in der Anerkennung sozialer Regeln. Ein relativer Schwachpunkt, insbesondere in der Schweiz und Österreich, ist die Akzeptanz von Di- versität, die dort unterdurchschnittlich ist. Für Österreich und die Schweiz ist dies auch die Dimension, in der sie sich über die Zeit verschlechtert haben. Populistische Parteien und das berühmte Anti-Minarett-Referendum passen zu dieser Diagnose. Was die gesell- schaftlichen Charakteristika anbelangt, sind die Länder dieser Gruppe vor allem klein und wohlhabend. Ein ähnliches Profil des Zusammenhalts haben Deutschland, Großbritannien, die Niederlande und Belgien. Obwohl sie in vielen Dimensionen im oberen Mittelfeld zu finden sind, liegen sie bei der Identifikation in der Schlussgruppe und bei der Akzeptanz von Diversität üblicherweise im unteren Mittelfeld. Die im Vergleich zu anderen Ländern sinkende Akzeptanz von Diversität ist in dieser Gruppe eine Entwicklung der letzten zehn Jahre, nicht etwa ein ganz neues Phänomen. Frankreich und Spanien zeigen sich etwas schlechter positioniert als die Ländergruppe um Deutschland, allerdings ist bei ihnen die Identifikation nicht ganz so niedrig ausgeprägt wie in Deutschland. Die mittel-, ost- und südeuropäischen Länder sowie Israel aus der unteren Hälfte teilen sich in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe hat in fast allen Dimensionen typischerweise Platzie- rungen im unteren Mittelfeld, aber eine höhere Platzierung bei der Identifikation. Die Länder aus der anderen Gruppe haben eine niedrigere Identifikation und liegen auch in einigen anderen Dimensionen in der Schlussgruppe, weisen aber bei der Akzep- tanz von Diversität häufig bessere Werte als die gerade genannten Länder auf, obwohl sie auch im Durchschnitt im unteren Mittelfeld liegen. Bulgarien, Griechenland und Zypern zeichnen sich durch Spitzenplatzierungen bei der Identifikation aus, liegen aber in allen anderen Dimensionen in der Schlussgruppe. Die drei Ländergruppen mit hohem Zusam- menhalt zeigen sich auch im zeitlichen Ver- lauf seit 1989 recht stabil. Das gilt hingegen nicht für die anderen Gruppen, für die sich einige Entwicklungslinien aufzeigen lassen. In den 1990er-Jahren liegen zum Beispiel Irland und Großbritannien noch eng beiei- nander, bevor sich ihr Weg trennt und sich die Ähnlichkeiten zu den jetzigen Gruppen herausbilden. Ebenso lassen sich in den 1990er-Jahren die Gruppe aus Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden sowie die Gruppe aus Österreich, der Schweiz und Luxemburg kaum voneinander abgren- zen; seitdem haben sich erkennbare Unter- „Offenbar gelingt es den angelsächsischen Ländern einen ähnlich starken gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erzeugen wie die nordischen Nationen.“
  36. 36. 37 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich schiede im Profil des Zusammenhalts her- ausgebildet. An der Spitze des Feldes sieht es genau umgekehrt aus und die Zeichen stehen auf Konvergenz: Die Länder, die die oben beschriebenen drei erfolgreichen Varianten repräsentieren, liegen in ihrem Zusammen- haltsprofil aktuell enger beieinander als vor 20 Jahren. 3.4 Gesellschaftlicher Zusammen- halt von 1989 bis 2012 Welche auffälligen Veränderungen gibt es in den einzelnen neun Dimensionen über das von uns untersuchte knappe Vierteljahr- hundert? Im Folgenden zeigen wir wichtige Trends nacheinander für die drei Bereiche soziale Beziehungen, Verbundenheit und Ge- meinwohlorientierung auf. Wie im gesamten Bericht stehen dabei relative Veränderungen im Mittelpunkt; schlaglichtartig werden wir für einzelne Indikatoren aber auch auf abso- lute Veränderungen eingehen. Soziale Beziehungen Abbildung 7 zeigt die Länder in der Rang- folge, die sich nach dem Teilindex soziale Beziehungen im vierten Erhebungszeitraum ergibt. In den weiteren Spalten sind die zeitliche Entwicklung der drei Dimensionen soziale Netze, Vertrauen in die Mitmen- Abbildung 6 Typische Profile ähnlicher Länder (2009 – 2012) Ländergruppen mit hohem Zusammenhalt DK FI NO SE AU CA IE NZ US AT CH LU Andere Gruppen BE DE GB NL FR ES EE HU IL IT MT PL PT SI CZ LT LV RO SK BG CY GR Zeitraum 2009 – 2012 1. soziale Beziehungen 2. Verbunden- heit 3. Gemeinwohl- orientierung Gesam tindexZusam m enhalt1.1 sozialeNetze 2.1 Identifikation 3.1 Solidaritätund Hilfsbereitschaft 1.2 Vertrauen in dieM itm enschen 2.2 Vertrauen in Institutionen3.2 Anerkennung sozialerRegeln 1.3 Akzeptanzvon Diversität2.3 Gerechtigkeitsem pfinden 3.3 gesellschaftlicheTeilhabe
  37. 37. 38 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich schen und Akzeptanz von Diversität sowie der aktuelle Gesamtindex zum Vergleich dargestellt. Das Länderranking des Vertrauens in die Mitmenschen ist im zeitlichen Verlauf am stabilsten, gefolgt von den sozialen Netzen. Das Ranking der Akzeptanz von Diversität verändert sich am stärksten über die Zeit, was wohl primär mit den veränderten Wan- derungsströmen seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammenhängt. Die Niederlande und Deutschland – beides Länder mit starker Zunahme von Einwanderung – rutschen beispielsweise von der Spitzengruppe in die Mittelgruppe, die Schweiz sogar vom oberen ins untere Mittelfeld, während Polen und Rumänien – beides Auswanderungslän- der – von schlechten Platzierungen in die Mittelgruppe oder sogar ins obere Mittelfeld aufsteigen. Für Polen dürfte auch eine gewis- se Säkularisierung die Akzeptanz „bunterer“ Lebensentwürfe (Stichwort: Homosexua- lität) gefördert haben. Das Ranking in der Akzeptanz von Diversität, die man vielleicht auch als Weltoffenheit interpretieren könnte, unterscheidet sich – im Gegensatz zu den anderen beiden Dimensionen – deutlich vom Gesamtranking. Bei den sozialen Netzen liegen Irland und Australien mit an der Spit- ze. Die USA platzieren sich hier nur in der Mittelgruppe, was einem absteigenden Trend geschuldet ist. Vertrauen in die Mitmenschen ist in Estland über die Zeit gestiegen, in Itali- en und Polen gefallen. Analysiert man die absolute Entwicklung des Vertrauens in die Mitmenschen im Durch- schnitt aller Länder anhand der Einzelin- dikatoren, so zeigt sich in den letzten 20 Jahren ein leichter Aufwärtstrend. Dieser Trend gilt auch für Deutschland. Bei den anderen beiden Dimensionen gibt es je nach Indikator uneinheitliche Trends. Während die Akzeptanz von Schwulen und Lesben eher zunimmt, ist die Anzahl der Menschen, die Immigrantinnen und Immigranten als Bereicherung empfinden, rückläufig; auch religiöse und ethnische Spannungen nehmen tendenziell zu. Bei den sozialen Netzen, der privatesten Dimension des gesellschaftli- chen Zusammenhalts, gibt es dagegen viel Stabilität. Aktuell geben im Durchschnitt über alle Länder 91 Prozent (Deutschland 93 Prozent) der Menschen an, Freunde oder Verwandte zu haben, die ihnen bei Schwie- rigkeiten helfen. Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts waren es 92 Prozent (Deutschland 94 Prozent). Die Wichtigkeit von Freundschaft im Leben nimmt leicht zu. Verbundenheit Abbildung 8 zeigt die Rangfolge des aktuel- len Teilindex Verbundenheit, den zeitlichen Verlauf der Positionen der Länder in den drei Dimensionen Identifikation, Vertrauen in Institutionen und Gerechtigkeitsempfin- den sowie den aktuellen Gesamtindex zum Vergleich. Die Identifikation ist, wie bereits ausgeführt, eine untypische Dimension gesellschaft- lichen Zusammenhalts: Hohe Werte hier garantieren in keiner Weise einen hohen Gesamtwert gesellschaftlichen Zusam- menhalts. Einige skandinavische Länder (Norwegen und Schweden) befinden sich nur in der Mittelgruppe. In der Spitzengruppe befinden sich neben Australien, Kanada und Dänemark auch Zypern, Griechenland und Bulgarien, letzteres nach einem rasanten Anstieg. Die untere Hälfte wird von west- und mitteleuropäischen Ländern um Deutschland und Frankreich gebildet. Im Hinblick auf die Eurokrise 2010 und 2011 fällt auf, dass es unterschiedliche Verän- derungen bei der Identifikation mit dem Gemeinwesen in den Ländern gab, die in Schwierigkeiten waren. Während die Identi- fikation in Irland, Portugal und Spanien „Bei den sozialen Netzen liegen Irland, Australien und Großbritannien mit an der Spitze.“
  38. 38. 39 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Großbritannien Abbildung 7 Teilindex soziale Beziehungen (Erhebungszeitraum 2009 – 2012) Dänemark Teilindex soziale Beziehungen 2009 – 2012 1.1 soziale Netze 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1.2 Vertrauen in die Mitmenschen 1.3 Akzeptanz von Diversität Zum Vergleich Gesamtindex 2009 – 2012 Finnland Schweden Norwegen Neuseeland Australien Kanada Luxemburg USA Deutschland Spanien Österreich Belgien Polen Estland Slowenien Ungarn Italien Malta Slowakische Republik Bulgarien Lettland Rumänien Israel Griechenland Zypern Niederlande Irland Schweiz Frankreich Tschechische Republik Litauen Portugal Die Abbildung zeigt die Rangliste aller Länder, sortiert nach dem Teilindex soziale Beziehungen im aktuellen Erhebungszeitraum, sowie die zeitliche Entwicklung der drei zugehörigen Dimensionen. Zum Vergleich ist der Gesamtindex Zusammenhalt für den aktuellen Erhebungszeitraum rechts ausgewiesen.
  39. 39. 40 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Abbildung 8 Teilindex Verbundenheit (Erhebungszeitraum 2009 – 2012) Teilindex Verbundenheit 2009 – 2012 2.1 Identifikation 2.2 Vertrauen in Institutionen 2.3 Gerechtigkeits- empfinden Zum Vergleich Gesamtindex 2009 – 2012 Dänemark Finnland Schweden Norwegen Neuseeland Australien Kanada Niederlande Irland Schweiz Luxemburg USA Deutschland Großbritannien Spanien Österreich Belgien Polen Estland Frankreich Tschechische Republik Slowenien Litauen Portugal Ungarn Italien Malta Slowakische Republik Bulgarien Lettland Rumänien Israel Griechenland Zypern Die Abbildung zeigt die Rangliste aller Länder, sortiert nach dem Teilindex Verbundenheit im aktuellen Erhebungszeitraum, sowie die zeitliche Entwicklung der drei zugehörigen Dimensionen. Zum Vergleich ist der Gesamtindex Zusammenhalt für den aktuellen Erhebungszeitraum rechts ausgewiesen. 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012
  40. 40. 41 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich zurückgeht, ist sie in Griechenland, Italien und Zypern ansteigend oder stabil hoch. Was das absolute Niveau der Identifikation im Schnitt aller Länder angeht, zeigt die Entwicklung einzelner Indikatoren keine deutlichen Veränderungen in der Zeit von 1989 bis 2012. Das Vertrauen in die Institutionen ist eine Dimension, in der die Rangplatzierungen häufig schwanken. Sucht man nach Trends in den absoluten Werten einzelner Indika- toren, zeigt sich über alle Länder gemittelt eine leichte Aufwärtsentwicklung beim Vertrauen in Polizei und Gesundheitssystem und ein leichter Abwärtstrend beim Vertrau- en in Parlament und Justiz. Das Vertrauen in Finanzinstitutionen fällt stark ab: Noch Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts vertrauten im Durchschnitt 64 Prozent der Menschen den Finanzinstitutionen, jetzt sind es nur noch 49 Prozent (in Deutschland Rückgang von 53 Prozent auf 41 Prozent). Hier lassen sich vermutlich die Spuren der Wirtschafts- und Finanzkrise erkennen, die maßgeblich vom Bankensektor heraufbe- schworen wurde. Das Gerechtigkeitsempfinden schwankt unter anderem in Deutschland und Frank- reich stark. In vielen anderen Ländern ist es allerdings eine eher stabile Dimension. Bulgarien, Rumänien und die Slowakische Republik liegen zum Beispiel konstant in der Schlussgruppe; Dänemark, die Niederlande und Neuseeland befinden sich konstant in der Spitzengruppe. Auch im mittleren Bereich gibt es recht stabile Platzierungen über die Zeit, etwa in den USA oder Großbri- tannien. Die absolute Entwicklung einzelner Indikatoren zeigt einen leichten Anstieg bei der Frage, ob man sich als gerecht entlohnt empfindet, gleichzeitig gibt es den steigen- den Wunsch, dass die Regierung die Ein- kommensunterschiede angleichen solle – eine Reaktion auf die in vielen Ländern ge- wachsene Einkommensungleichheit (OECD 2011a). Diese Tendenzen gelten im Durch- schnitt aller Länder; Deutschland folgt dem generellen Trend. Gemeinwohlorientierung Die Rangfolge gemäß dem Teilindex Ge- meinwohlorientierung (2009–2012) geht aus Abbildung 9 hervor, ebenso die Entwicklung der Länder in den drei zugehörigen Dimen- sionen Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesell- schaftliche Teilhabe sowie zum Vergleich der aktuelle Gesamtindex. Dänemark – sonst Spitzenreiter in vielen Bereichen, auch innerhalb Skandinaviens – zeigt sich im Teilindex Gemeinwohlorien- tierung nur im oberen Mittelfeld, sogar hinter Deutschland. Stattdessen gehören die Niederlande, Österreich und die USA zur Spitzengruppe. Was Solidarität und Hilfsbereitschaft anbe- langt, fallen in der relativen Entwicklung besonders der starke Rückgang in Schweden und Frankreich sowie der rasante Aufstieg Großbritanniens ins Auge. Die absolute Entwicklung der Indikatoren zeigt in den vergangenen zehn Jahren zwei eher schwa- che Trends: Der Anteil derer, die für das Gemeinwohl spenden, geht leicht zurück (im Gesamtdurchschnitt aller Länder von 45 Prozent auf 44 Prozent, in Deutschland von 55 Prozent auf 47 Prozent), während der Anteil derer, die berichten, einer unbekann- ten Person geholfen zu haben, leicht steigt (im Gesamtdurchschnitt aller Länder von 44 Prozent auf 47 Prozent, in Deutschland von 52 Prozent auf 54 Prozent). „Das Gerechtigkeits- empfinden schwankt unter anderem in Deutschland und Frankreich stark. In vielen anderen Ländern ist es allerdings eine eher stabile Dimension.“
  41. 41. 42 3. Befunde: gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Die Anerkennung sozialer Regeln ist im relativen Vergleich eine konstante Stärke westeuropäischer Länder wie der Schweiz, der Niederlande und Österreichs, aber auch der USA. Deutschland ist zur Spitzengruppe gestoßen und hat sich dort behauptet. Einige ehemalige Ostblockstaaten zeigen deutliche Aufwärtstrends, allen voran die Tschechi- sche Republik, die Slowakische Republik und Ungarn; ein Zeichen der Konsolidierung des neuen Gesellschaftssystems in diesen Ländern. Den stärksten Abfall gibt es in Portugal. Betrachtet man die absoluten Werte der Einzelindikatoren, entwickelt sich die Anerkennung sozialer Regeln eher nach oben: Der Anteil der Schattenwirtschaft an der Wirtschaftsleistung geht zurück. Das Si- cherheitsgefühl auf den Straßen steigt leicht. Auch Deutschland folgt diesen Trends. Die Rangliste der gesellschaftlichen Teilhabe ändert sich von den ersten beiden Zeiträu- men im Vergleich zu 2012 in einigen Län- dern deutlich, mit Finnland, Irland und Bel- gien als Aufsteigern und Bulgarien, Lettland und Litauen als Absteigern. In absoluten Werten entwickelt sich die gesellschaftliche Teilhabe eher leicht zurück. Beispielsweise sinken Wahlbeteiligung und Interesse für Politik, und die freiwillige Arbeit in Organi- sationen stagniert. Deutschland konnte sich allerdings von diesem Negativtrend abkop- peln, hier gab es einen leichten Aufwärts- trend. „Die Anerkennung sozialer Regeln ist eine konstante Stärke westeuropäischer Länder, aber auch der USA.“
  42. 42. 43 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Abbildung 9 Teilindex Gemeinwohlorientierung (Erhebungszeitraum 2009 – 2012) Teilindex Gemeinwohl- orientierung 2009 – 2012 3.1 Solidarität und Hilfsbereitschaft 3.2 Anerkennung sozialer Regeln 3.3 gesellschaft- liche Teilhabe Zum Vergleich Gesamtindex 2009 – 2012 Die Abbildung zeigt die Rangliste aller Länder, sortiert nach dem Teilindex Gemeinwohlorientierung im aktuellen Erhebungszeitraum, sowie die zeitliche Entwicklung der drei zugehörigen Dimensionen. Zum Vergleich ist der Gesamtindex Zusammenhalt für den aktuellen Erhebungszeitraum rechts ausgewiesen. Dänemark Finnland Schweden Norwegen Neuseeland Australien Kanada Niederlande Irland Schweiz Luxemburg USA Deutschland Großbritannien Spanien Österreich Belgien Polen Estland Frankreich Tschechische Republik Slowenien Litauen Portugal Ungarn Italien Malta Slowakische Republik Bulgarien Lettland Rumänien Israel Griechenland Zypern 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012 1989– 1995 1996– 2003 2004– 2008 2009– 2012
  43. 43. 44 4. Ursachen und Wirkungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts 4.1 Sozioökonomische Faktoren beeinflussen den Zusammenhalt – Migration nicht Einer der Ausgangspunkte unserer Studie war die häufig verbreitete Meinung, dass die deutsche Gesellschaft – wie die modernen Gesellschaften überhaupt – auseinander- drifte: Jeder sei nur noch mit sich selbst beschäftigt, die Menschen seien nicht mehr solidarisch mit ihren Mitmenschen. Diese Be- fürchtungen werden im öffentlichen Diskurs immer wieder mit Verweis auf Entwicklun- gen wie Globalisierung, Einwanderung, den wirtschaftlichen Strukturwandel und jüngst die Wirtschafts- und Finanzkrise diskutiert. Im Folgenden wollen wir prüfen, inwieweit diese Verbindungen tatsächlich bestehen: Wir wollen erkunden, welche Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenhalt befördern und welche ihm entgegenstehen. Dazu betrachten wir Korrelationen (siehe Glossar im Anhang) zwischen dem Gesamtin- dex Zusammenhalt und möglichen Einfluss- größen. Maßzahlen für letztere entstammen dabei dem Zeitraum 2004–2008, während der Gesamtindex den aktuellen Grad an gesellschaftlichem Zusammenhalt abbildet (2009–2012). Diese zeitliche Versetzung erlaubt zwar nicht unmittelbar, aus der Kor- relation auf einen ursächlichen Zusammen- hang zu schließen, erhöht aber zumindest die Plausibilität einer solchen Interpretation. Wir haben Einflussgrößen aus fünf Themen- feldern untersucht. Nachfolgend dokumen- tieren wir einfache und partielle Korrelati- onen. Bei letzteren ist der Zusammenhang zwischen der jeweiligen Einflussgröße und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt um das Bruttoinlandsprodukt bereinigt, die gängige Messgröße für das Wohlstandsniveau der Länder (das vermutlich seinerseits viele Einflussgrößen beeinflusst). Weiterhin visu- alisieren wir einige hervorstechende Zusam- menhänge mit Streudiagrammen. Ursachenkomplex Wohlstandsniveau und Wirtschaftslage Zu diesem Ursachenkomplex besteht die Erwartung, dass es wohlhabenden Gesell- schaften mit florierender Wirtschaft besser gelingt, Zusammenhalt zu erzeugen, weil sie über mehr Ressourcen verfügen. 4. Ursachen und Wirkungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts „Wir wollen erkunden, welche Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenhalt befördern und welche ihm entgegenstehen.“ „Je höher das Bruttoinlands- produkt, desto stärker ist der gesellschaftliche Zusammenhalt.“
  44. 44. 45 Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt | Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich Wir finden eine sehr hohe positive Korrela- tion (r = 0,77) zwischen dem Bruttoinlands- produkt (BIP, Worldbank 2012b) und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt: Je höher das BIP, desto stärker ist der gesellschaftliche Zusammenhalt. Geld hilft also, ist aber, wie wir später sehen werden, nur ein Aspekt. So haben etwa Dänemark und Neuseeland einen INFO Diese Länderkürzel werden in den folgenden Abbildun- gen verwendet: AT Österreich AU Australien BE Belgien BG Bulgarien CA Kanada CH Schweiz CY Zypern CZ Tschechische Republik DE Deutschland DK Dänemark EE Estland ES Spanien FI Finnland FR Frankreich GB Großbritannien GR Griechenland HU Ungarn IE Irland IL Israel IT Italien LT Litauen LU Luxemburg LV Lettland MT Malta NL Niederlande NO Norwegen NZ Neuseeland PL Polen PT Portugal RO Rumänien SE Schweden SI Slowenien SK Slowakische Republik US USA Abbildung 10 Zusammenhalt (2009 – 2012) in Abhängigkeit vom Bruttoinlandsprodukt (2004 – 2008) Einfache Korrelation = 0.77, signifikant GesamtindexZusammenhalt(2009–2012) 1.23 .73 .23 -.27 -.77 -1.27 $10,000 $20,000 $40,000 $70,000 (In) Bruttoinlandsprodukt (2004 – 2008) hochniedrig niedrig hoch Das Bruttoinlandsprodukt ist hier pro Kopf angegeben, in Kaufkraftparität in internationalem Dollar von 2005 bei fixem Wechselkurs. Es wird hier als natürlicher Logarithmus (ln) der Rohwerte dargestellt, um die Streuung für lineare Analysen anzupassen (Weltbank, 2012b). Farben stehen für Gruppenzugehörigkeit gemäß Gesamtindex Zusammenhalt im genannten Zeitraum. Näherungsweiser linearer Zusammenhang DK SE IE SI CA NZ CZ US AT LT CH LU HU DE GB BG FR BE EE IL MT LV PT RO NO GR SK FI CY ES AU IT NL PL

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