Universität Salzburg         Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie    Lehrveranstaltung: SE „Vom Naschmarkt zur E...
InhaltsverzeichnisAbbildungsverzeichnis .....................................................................................
Teilnehmende Beobachtung ....................................................................................................
AbbildungsverzeichnisAbbildung 1: Verschwendung von Lebensmitteln ..................................................... 14...
1. EinleitungErnährungsgewohnheiten haben wichtige identitätsstiftenden Elemente. In derKonsum- und Wegwerfgesellschaft si...
1.1. ForschungsinteresseDie Verschwendung von Lebensmitteln wurde im Zuge des größeren Diskurses rundum       Nachhaltigke...
1.3. Methodisches VorgehenDiese     Bachelorarbeit   ist   als    explorative    Untersuchung    angelegt.   Für   dentheo...
2. Theoretischer Rahmen – Frische als Ideologie modernenErnährungsverhaltens2.1. Historische und soziale Konstruktion von ...
aber völlig geschmacklosen Tomate oder der von innen verfaulte Apfel verdeutlichen.Die fortschreitende Ästhetisierung von ...
belegt, dass die aktuelle Definition von Frische und Qualität aus der Interaktion einerVielzahl von Akteuren, wie Produzen...
beispielsweise, dass beim Einkauf von Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch aussieben vorgegebenen Qualitätsindikatoren die F...
Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität für BodenkulturWien, welche im staatlichen Auftrag i...
den Industrieländern noch ca. 40 % des Einkommens für die Ernährung aufgewandtwurde, sind es mittlerweile nur mehr um die ...
zur Verfügung gestellten Daten des United States Department of Agriculture (USDA).Ohne Miteinbeziehung von Kochverlusten u...
häufige   Ursachen       für   die    Entsorgung.     Nicht     verkaufte   Saisonartikel,Lagerüberschüsse oder Produkte n...
Frischekonzepten weggeworfen werden und zu wenig Wissen über und Bereitschaftzur Verwertung von Resten besteht. (vgl. WRAP...
Wagenhofer, „Food, Inc.“ von Nikolaus Geyrhalter (2008) oder „Taste the waste“(2011) von Valentin Thurn erregten großes me...
Wegwerfen     auf     Seiten    des     Einzelhandels     führt,    um       Haftungsproblemeauszuschließen.Auch zivilgese...
welche die nicht verkaufte Ware kostenlos wieder zurück nehmen müssen. Sowandern 10-15 % der produzierten Produkte in noch...
durch     die     Thematisierung    der      überindividuellen    Risiken   und    negativenKonsequenzen, die sich für die...
wandert ein Lebensmittel im Durchschnitt durch 33 Hände, bis es im Supermarkt zumVerkauf bereitsteht. (vgl. Kantor et al. ...
Standardisierungen,     die    sich      durch    Verpackung,      Marke,      Etikettierung,Datumsangaben und Zertifizier...
Lebensmittelkennzeichnungsverordnung BGBl 1993/72 idF BGBl 1995/555, § 4; §10)Außerdem verbietet das Lebensmittelgesetz BG...
So werden in Salzburg jährlich im Durchschnitt 18 kg noch verzehrfähigeLebensmittel pro Person weggeworfen. Ca. 20 % davon...
Konsumenten      ergeben.   Ältere    Menschen    schmeißen     tendenziell   wenigerLebensmittel weg. Dieser Zusammenhang...
4.2. Die Frische und der Müll – eine ambivalente BeziehungWenn Frische nicht nur mit gutem Geschmack, sondern auch mit Qua...
Abbildung 2: Karikatur Essen und MüllQuelle: © Thomas Wizany, auf:http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/leben...
Lebensstil, indem sie versuchen, so wenig natürliche Ressourcen wie möglich zuverbrauchen und so wenig wie möglich am kapi...
marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die Waste Diving aus materieller Notpraktizieren. Hier passt das Sprichwort, dass fa...
Freeganer zur politischen Positionierung übersteigen. 1 Dokumentationen, Berichteund Reportagen zum Waste Diving sind währ...
einem persönlichen Freund, der beruflich als Koch tätig ist und als solcher aucheinen Rezepte-Blog betreibt, um. (vgl. Int...
sich umständlicher als normales Kochen, da spontan aus den gefundenenNahrungsmittel Rezepte kreiert und die Lebensmittel a...
können. Damit wird darauf verwiesen, dass Waste Diven und Waste Cooking anGemeinschaft gebunden ist: Lebensmittel und Esse...
6.1.3. Waste Cooking – ein Erlebnis für alle SinneJedes Waste Cooking Event ist anders. Fixe Bestandteile jeder Episode si...
6.1.4. Das Format: „Kochshow“„Kochsendungen, insbesondere Shows, dokumentieren keine Arbeitsvorgänge,sondern suggerieren s...
Die unterschiedlichen Episoden zeigen eine inhaltliche Veränderung, die den Fokusvom Privaten ins Öffentliche verlagert un...
Die letzte bis dato durchgeführte Aktion, für die zum Zeitpunkt des Abschlusses derArbeit jedoch noch keine Episode veröff...
Wortes „matter out of place“, nicht weil sie schmutzig wären, sondern weil sie sich aneinem Abfallort befinden:  „In den C...
(…)“. „Frisch getaucht“ wird in dieser Beschreibung ähnlich wie „frisch gekauft“verwendet – ob aus der Tonne oder aus dem ...
sie den Geruch der Biotonnen wahrnehmen, da der Inhalt aufgrund der großen Hitzewährend der letzten Tage zu gären begonnen...
Waste Divings eingeschoben, wodurch ein Bezug zwischen den beiden Orten undden dort stattfindenden Handlungen entsteht.Am ...
Experten konkurrierend zum MHD anders bewertet. Gleichzeitig gibt dieser einendeutlichen Verweis darauf, dass es keiner be...
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner
Nächste SlideShare
Wird geladen in …5
×

wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner

12.788 Aufrufe

Veröffentlicht am

0 Kommentare
0 Gefällt mir
Statistik
Notizen
  • Als Erste(r) kommentieren

  • Gehören Sie zu den Ersten, denen das gefällt!

Keine Downloads
Aufrufe
Aufrufe insgesamt
12.788
Auf SlideShare
0
Aus Einbettungen
0
Anzahl an Einbettungen
3
Aktionen
Geteilt
0
Downloads
23
Kommentare
0
Gefällt mir
0
Einbettungen 0
Keine Einbettungen

Keine Notizen für die Folie

wastecooking - Bachelorarbeit von Elisabeth Buchner

  1. 1. Universität Salzburg Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie Lehrveranstaltung: SE „Vom Naschmarkt zur Erlebnisgastronomie“ SS 2012 Lehrveranstaltungsleiterin: Univ.-Prof. Dr. Kornelia Hahn Bachelor-Arbeit zum Thema: Die Frische und der MüllEine explorative Untersuchung der Waste-Cooking Initiative in Salzburg eingereicht von: Elisabeth Buchner Matrikelnummer: 0620820 Salzburg, August 2012 1
  2. 2. InhaltsverzeichnisAbbildungsverzeichnis ............................................................................................................ 4Abkürzungsverzeichnis ........................................................................................................... 41. Einleitung .............................................................................................................................. 5 1.1. Forschungsinteresse ....................................................................................................... 6 1.2. Zentrale Fragestellung und Hypothese ........................................................................... 6 1.3. Methodisches Vorgehen.................................................................................................. 7 1.4. Aufbau der Arbeit............................................................................................................. 72. Theoretischer Rahmen – Frische als Ideologie modernen Ernährungsverhaltens ..... 8 2.1. Historische und soziale Konstruktion von Frische .......................................................... 8 2.2. Das Konzept „Frische“ aus der Sicht moderner Konsumenten .................................... 103. Verschwendung von Lebensmittel – ein Nebenprodukt der Konsumgesellschaft ... 12 3.1. Die Vernichtung von Lebensmittel: food loss und food waste ...................................... 13 3.1.1. Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel ....................................................... 14 3.1.2. Lebensmittelverschwendung durch die Konsumenten .......................................... 15 3.2. Problematisierung der Verschwendung von Lebensmitteln ......................................... 164. Der Faktor „Risiko“ im modernen Ernährungsverhalten .............................................. 19 4.1. Standardisierung von Frische: Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdatum ............... 21 4.1.1. Rechtliche Rahmenbedingungen ........................................................................... 22 4.1.2. Praktische Implikationen der Standardisierung von Frische .................................. 23 4.2. Die Frische und der Müll – eine ambivalente Beziehung ............................................. 265. Waste Diving, Dumpstern oder Containern .................................................................... 276. Empirischer Teil: Waste Cooking – Eine innovative Weiterentwicklung .................... 30 6.1. Waste Cooking – die „kritische Kochshow“ als Erlebnis .............................................. 31 6.1.1. Die Rezepte der Waste Cooker .............................................................................. 32 6.1.2. Raum- und Zeitbezug beim Waste Cooking .......................................................... 33 6.1.3. Waste Cooking – ein Erlebnis für alle Sinne .......................................................... 34 6.1.4. Das Format: „Kochshow“ ........................................................................................ 35 6.2. Die Frische und der Müll beim Waste Cooking............................................................. 37 6.2.2. Standardisierung und Expertise – do it yourself beim Frischetest ........................ 417. Fazit...................................................................................................................................... 43Literaturverzeichnis ............................................................................................................... 46Übersicht Interviewpartner ................................................................................................... 51 2
  3. 3. Teilnehmende Beobachtung ................................................................................................. 51Plagiatserklärung ................................................................................................................... 52 3
  4. 4. AbbildungsverzeichnisAbbildung 1: Verschwendung von Lebensmitteln ..................................................... 14Abbildung 2: Karikatur Essen und Müll ..................................................................... 27AbkürzungsverzeichnisEG Europäische GemeinschaftEU Europäische UnionFAO Food and Agriculture Organization of the United NationsMHD MindesthaltbarkeitsdatumUSA United States of AmericaUSDA United States Department of AgricultureWTO World Trade OrganizationAnmerkungUm eine gute Lesbarkeit der Arbeit zu garantieren, wurde in der Regel die männlicheSchreibweise ohne Binnenminuskel verwendet. Diese Ausdrücke beziehen sichjedoch, wenn nicht anders vermerkt, immer auf beide Geschlechter. 4
  5. 5. 1. EinleitungErnährungsgewohnheiten haben wichtige identitätsstiftenden Elemente. In derKonsum- und Wegwerfgesellschaft sind sie außerdem zu einem wichtigen Feld fürAbgrenzung von eben dieser und für gesellschaftskritischen Aktivismus geworden.Politisch motivierte Ernährungsbewegungen finden oft Einlass in den Mainstream,indem sie die individuellen Vorteile gegenüber der gesellschaftlichen Dimension inden Vordergrund rücken. So zeigen beispielsweise Studien zum Einkaufsverhalten,dass beim Kauf von Bioprodukten der Faktor, die individuelle Gesundheit zu erhaltenmeist wichtiger ist als der Nutzen für die Umwelt oder das Klima. (vgl.Pellegrini/Farinello. 2009, 948-49) Es muss also ein individuelles Erlebnis mit einembestimmten Verhalten verbunden sein, um es attraktiv zu machen.Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem „Waste Diving“ als einer schon etabliertenkonsumkritischen Aktions- und Handlungsform, welche durch die Initiative „WasteCooking“ in Salzburg in ein Erlebnis verwandelt wird, das auch Personen miterlebenkönnen, die selbst keine Sachen aus dem Müll holen möchten. Beim Waste Cookingwird scheinbarer Müll in genussbringende Mahlzeiten verwandelt. Waste Diven,kochen und essen werden zum Erlebnis für die Sinne. Beim Waste Cooking wirddurch den Erlebnischarakter und das Format der Kochshow das Konzept der„Frische“ als Ideologie modernen Ernährungsverhaltens auf den Kopf gestellt.Verkocht wird alles, was „frisch“ aus der Tonne kommt.Diese Arbeit geht davon aus, dass bei der Initiative „Waste Cooking“ ein neuesErlebnis geschaffen wird. Die schon ältere Bewegung des Waste Diving wird neuinterpretiert, um in Anknüpfung an die Diskussion der letzten Jahre dieVerschwendung von Lebensmitteln, nicht das konsumorientierte Wirtschaftssystemzu kritisieren. In Frage gestellt wird die Definition von dem, was frisch ist, was gut istund was nicht, indem der scheinbare Müll ins etablierte Format einer Kochshoweingefügt wird.Damit handelt es sich um eine wesentliche Abkehr von der bisherigen Ausrichtungdes Waste Divings.Aus Müll wird Kultur, aus Müll wird ein genussvolles Erlebnis für alle Sinne. 5
  6. 6. 1.1. ForschungsinteresseDie Verschwendung von Lebensmitteln wurde im Zuge des größeren Diskurses rundum Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit unseres Lebensstils verstärktproblematisiert. Neue zivilgesellschaftliche Initiativen treten durch unkonventionelleAktionen in die mediale und politische Öffentlichkeit und sind damit an der Prägungdes Diskurses zum Thema Lebensmittelverschwendung maßgeblich beteiligt. Zieldieser Arbeit ist es, nach der Skizzierung der schon bestehenden Literatur zumThema Lebensmittelverschwendung explorativ zu ergründen, wie die Waste Cookerihr Tun interpretieren und welche Rolle der „Frische“, ein zentraler Parameter fürhochwertige Lebensmittel in der Moderne, beim Waste Cooking zukommt.1.2. Zentrale Fragestellung und HypotheseZentrale Fragestellung:Welche Rolle spielt die Erlebnisorientierung für die Waste Cooking-Initiative?Unterfragen: - Wie wird Frische in Anlehnung oder Abgrenzung zur gängigen modernen Interpretation definiert? - Was bedeutet das Format der Kochshow?Hypothese:Die Hypothese dieser Arbeit ist, dass die Initiative „Waste Cooking“ ein neuartigesErlebnis schafft, das sich vom klassischen Waste Diving-Erlebnis unterscheidet.Waste Cooking stellt die Trennung von „frisch“ und „nicht frisch“ in Frage, indem nichtder Zusammenhang zwischen Frische und Genuss aufgelöst oder abgelehnt wird,sondern indem Frische neu definiert, als etwas, dass man nicht überStandardisierungen festlegen kann, sondern selbst sinnlich erforschen kann undmuss. Es geht auch darum, nicht nur an der Oberfläche zu bleiben, sondern auch inden Apfel hinein zu schauen, nicht nur auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zuschauen, sondern am Schlagobers auch zu riechen. So entstehen neue sinnlicheErfahrungen, wobei Frische trotzdem eine zentrale Rolle beibehält. Es ist dieherkömmliche Definition von Frische, die auf den Kopf gestellt wird. 6
  7. 7. 1.3. Methodisches VorgehenDiese Bachelorarbeit ist als explorative Untersuchung angelegt. Für dentheoretischen Teil werden einschlägige Primärdaten sowie Sekundärliteratur zumThemenfeld Frischeideologie und Wegwerfverhalten herangezogen. Diekonsumkritische Bewegung des Waste Divings wird auf Basis schon bestehenderForschungsergebnisse skizziert, um den Kontext der untersuchten Initiative zuklären. Im empirischen Teil der Arbeit wird versucht, die Forschungsfragen durch dieAnalyse der von der Waste Cooking Initiative produzierten Dokumente sowie durchteilnehmende Beobachtung zu beantworten. Die untersuchten Dokumente umfassendie Website, Auszüge aus den produzierten Kochshows, die umgesetzten Rezeptesowie Interviews mit den Initiatoren. Außerdem wird eine teilnehmende Beobachtungbei einem Waste Cooking Event durchgeführt.1.4. Aufbau der ArbeitIm ersten Teil der Arbeit wird Frische als Ideologie modernen Ernährungsverhaltenanhand schon bestehender Forschungsergebnisse diskutiert. Die so gewonnenenErkenntnisse werden im empirischen Teil als Analyseraster herangezogen, um zuklären, wie Frische durch die Waste Cooker definiert wird und welche Rolle sie für siespielt.Zuvor wird jedoch noch die Lebensmittelverschwendung als Produkt modernerKonsumgesellschaften thematisiert, mit einem besonderen Schwerpunkt auf denZusammenhang zwischen dem Faktor „Risiko“ in der modernenNahrungsmittelproduktion und der Standardisierung von Frische. Anschließend wirddie Waste Diving Bewegung anhand von Sekundärliteratur skizziert.Im empirischen Teil der Arbeit erfolgt die Analyse der Waste Cooking Initiative inschon dargelegter Form. 7
  8. 8. 2. Theoretischer Rahmen – Frische als Ideologie modernenErnährungsverhaltens2.1. Historische und soziale Konstruktion von FrischeIn der gehobenen Gastronomie, die durch zahlreiche Kochshows massenmedialpräsentiert wird, ist Frische ein zentrales Kriterium für Qualität. Die Entzeitlichung alswichtiges Charakteristikum moderner Zubereitungs- und Konsumptionsformen vonNahrung (vgl. Prahl/Setzwein. 1999, 11) durch Techniken der Haltbarmachung undVorfertigung wird partiell ausgesetzt, indem alles so frisch und unverarbeitet wiemöglich gekauft und zubereitet wird. Auch der in der modernen Ernährung eigentlichaufgeweichte Raumbezug von Nahrungszubereitung und Aufnahme wird in derSpitzengastronomie oft wiederbetont, indem genau festgelegt, von welchenLieferanten oder auf welchen Märkten diese und jene Lebensmittel bezogen werden.Damit findet eine Abgrenzung von der industrialisierten Nahrungsproduktion statt,indem die überwiegende Mehrheit der Lebensmittel technisch weiterverarbeitet unddamit die Grundzutaten stark verändert werden, bevor der Konsument sie zu Gesichtbekommt. Da selbst Restaurants vielfach auf Convenience-Produkte zurückgreifen,um die Effizienz zu steigern und Kosten zu sparen, ist „frisch zubereitet“ mittlerweileein Distinktionskriterium geworden. (vgl. dies., 185)Ernährung in der Moderne bringt neben Verwissenschaftlichung undStandardisierung auch Verunsicherung und „Informationsoverload“ für dieVerbraucher mit sich, wie im Kapitel über den „Faktor Risiko“ noch näher erläutertwird. Frische ist eines der wenigen unumstritten anerkannten Kriterien für Qualitätvon Lebensmitteln und vor allem eines der wenigen, bei denen die Verbraucherzumindest partiell das Gefühl haben, diese objektiv feststellen zu können. Dies kannzum einen über den Einsatz der eigenen Sinne geschehen – so vermittelt pralles,leuchtendes Obst und Gemüse, das auch noch duftet, die Illusion von Frische. Zumanderen kann Frische über die Standardisierung in Form von Mindesthaltbarkeits-und Verbrauchsdatum vermeintlich festgestellt werden. Während claims von„gesund“, „kalorienarm“ oder ähnliches mittlerweile im Verdacht von Werbelügen undMarketingstrategien stehen, ist Frische und damit eine bestimmte Qualität desProdukts ein noch relativ wenig in Frage gestellter Begriff. Das, obwohl Frischevielfach nicht äußerlich überprüfbar ist, wie typische Beispiele der knallroten, prallen, 8
  9. 9. aber völlig geschmacklosen Tomate oder der von innen verfaulte Apfel verdeutlichen.Die fortschreitende Ästhetisierung von Nahrungsmitteln, Nahrungszubereitung undEssgewohnheiten hat dazu geführt, dass das Nahrungsmitteldesign so weitfortgeschritten ist, dass eine nicht gesetzlich sondern ästhetisch vorgeschriebeneStandardisierung Einzug gehalten hat, die nun als Maßstab für Frische gilt. „Äpfeloder Tomaten weisen kaum noch Zeichen von Vergänglichkeit auf, sonderndemonstrieren immerwährende Frische.“ (Prahl/Setzwein. 1999, 12)Außerdem ist Frische ein multidimensionaler Begriff, der unterschiedlicheAssoziationen umfassen kann, wie beispielsweise Haltbarkeit, Nahrhaftigkeit,Sicherheit und bestimmte sinnlich erfassbare Eigenschaften. (vgl. Péneau et al.2009, 244)Sennett weist auf die Bedeutungsveränderung von „Frische“ im historischen Verlaufhin. So war frisch im Sinne von unverarbeitet in vorindustriellen Zeiten ohneKühlschrank und ausgeklügelte Logistik oft gleichbedeutend mit nicht haltbar.Lebensmittel mussten sofort verkauft und verzehrt oder durchKonservierungsmethoden haltbar und damit sicher gemacht werden. (vgl. Sennett.16.06.2007)In der Moderne hat Frische sowohl in der Gastronomie wie auch imLebensmittel(einzel)handel eine weit über sich selbst hinausreichende Bedeutungbekommen, indem frisch mit gesund, sauber, nährstoffreich, qualitativ hochwertig,geschmacklich gut und risikoarm gleichgesetzt wird. Die Komplexität und teilweiseInkommensurabilität dieser Kriterien wird dabei ausgeblendet. So wird in derSpitzengastronomie, medial vermittelt über zahlreiche Kochshows, Frische mit„gerade erst geerntet“, „gerade erst gefangen“, „gerade erst geschlachtet“gleichgesetzt. Ein Beispiel hierfür sind die berühmten japanischen Sushiköche, diejeden Morgen am Fischmarkt in Tokyo persönlich die frischesten Fische aussuchenund die Ware auf Leib und Nieren prüfen. Tatsächlich kann Frische im Sinne von„frisch vom Feld“ aber auch ein Weniger an Nährstoffen und Geschmack imVergleich zu einem Tielkühlprodukt bedeuten, wenn ersteres stunden- oder tagelangtransportiert und zweiteres sofort nach der Ernte schockgefrorern wurde. (vgl.Sennett. 16.06.2007)Außerdem ist Frische natürlich auch ein soziales Konstrukt, deren Bedeutung sich imLauf der Geschichte immer wieder gewandelt hat, wie Susanne Freidberg in ihremWerk „Fresh – A perishable history“ aus dem Jahr 2009 nachzeichnet. Die Autorin 9
  10. 10. belegt, dass die aktuelle Definition von Frische und Qualität aus der Interaktion einerVielzahl von Akteuren, wie Produzenten, Händler, Konsumenten und Politikernhervorgegangen ist und insofern das Ergebnis von Verhandlungen, Konflikten undstrategischem Handeln ist. Daraus resultiert, wie die Rezensentin Hatanaka (2011,139) feststellt: “Exploration of such processes exemplifies the ironic reality that while‘‘freshness’’ is often linked with notions of being ‘‘natural‘‘, “pristine,’’ and ‘‘novel,’’ it isoften quite the opposite.”“Frische” wird also idealisiert und als Stellvertreterin für die erwähnten anderenQualitäten von Lebensmittel gesetzt. Das Resultat ist oft, dass diese vernachlässigtwerden zugunsten der Impression der Frische. Freidberg illustriert dies unteranderem am Beispiel der Eier, welche unter den industriellen Bedingungen derMassentierhaltung zwar rund ums Jahr “frisch” produziert werden können, jedoch nurdank der massiven Zuhilfenahme von Antibiotika, künstlich nährstoffangereichertemFutter, künstlichem Licht und Käfighaltung. (vgl. Hatanaka. 2011, 140)In der Ernährungssoziologie wird hervorgehoben, dass die Entnaturalisierung derErnährung und Nahrung in der Moderne in den letzten JahrzehntenGegenbewegungen hervorgebracht haben, die Künstlichkeit und Simulationablehnen. (vgl. Prahl/Setzwein. 1999, 18) „Daß (sic!) das, was gesund aussieht nicht zwangsläufig auch gesund sein muß (sic!), ist zwar hinreichend bekannt, doch wird beim Einkauf von Lebensmitteln diese Gleichung noch immer aufgemacht: eine unreif-grünliche Banane wirkt frischer und ergo gesünder als ihr (aromatischeres und bekömmlicheres) reifes, braungeflecktes Pendant, ein Dutzend schrumpeliger Bioäpfel hat gegen das Dutzend gleich(wohl)geformter, glänzender „Granny Smith“ kaum eine Chance – es sei denn, es würde ausdrücklich als „Bio“ deklariert.“ (Prahl/Setzwein. 1999, 204)2.2. Das Konzept „Frische“ aus der Sicht moderner KonsumentenZentral für die Kaufentscheidung ist also meist die Impression von Frische, diewortwörtlich an der Oberfläche festgemacht wird. Dies ist es, was auch die WasteDiver bloßlegen.Eine vergleichende Untersuchung in sechs EU-Staaten aus dem Jahr 1997 über dieWahrnehmung von Qualität und Sicherheit beim Fleischeinkauf und –verzehr ergab 10
  11. 11. beispielsweise, dass beim Einkauf von Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch aussieben vorgegebenen Qualitätsindikatoren die Farbe die größte Rolle für dieKaufentscheidung spielt. Während die Qualitätswahrnehmung also maßgeblich durcheine ansprechende Optik beeinflusst wird, gaben die Befragten als wichtigstesKriterium für die Bestimmung der Sicherheit von Fleisch „Frische“ eindeutig alswichtigsten Indikator bei allen drei Fleischsorten an. (vgl. Glitsch. 2000, 185-186;190) Im Rahmen der Studie wurde jedoch nicht erhoben, wie die KonsumentenFrische konkret definieren.Eine Schweizer Studie, die die individuelle Definition von Frische für Konsumentendurch einen offenen Fragebogen erhoben hat, kam zu dem wenig überraschendenErgebnis, dass Frische von über 80 % der Befragten mit Lebensmitteln assoziiertwird und davon hauptsächlich mit Obst und Gemüse. Weiters stellen die Forscherfest, dass Frische mit Qualität und Integrität im Sinne der größtmöglichen Nähe zumOriginalprodukt hinsichtlich sinnlich wahrnehmbarer Eigenschaften, Verarbeitung,Zeit und Distanz verbunden wird. (vgl. Péneau et al. 2009, 253) Spannend ist jedoch,dass natürlich nicht jeder Konsument über das nötige Wissen verfügt, um dieseKriterien auch zu überprüfen. Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher, die ihreLebensmittel in Supermärkten kaufen, verlassen sich auf sinnlich wahrnehmbareCharakteristika wie Aussehen, Geruch, Geschmack oder Konsistenz, wobei dasAussehen das wichtigste Kriterium ist. Über nicht sensorische Eigenschaften wieAnbaugebiet, Zeit seit der Ernte, Saisonalität, Transport oder Behandlung derProdukte bekommen Kunden der modernen Nahrungsmittelindustrie meist gar keineInformationen, weshalb sie sich auf sinnlich Wahrnehmbares beziehen. DasEndprodukt wird beurteilt und nicht so sehr seine Entstehung, wenn es um Frischegeht. Die Studie zeigt auf, dass jene Konsumenten, die mehr Kontakt und damit auchmehr Wissen über die Produktion von Obst und Gemüse haben, stärker nichtsensorische Kriterien für Frische nennen und umgekehrt. (vgl. dies. 254-55)Sicherlich spielen Werbung und Marketing eine entscheidende Rolle für dieVermittlung des nicht immer unmittelbar sinnlich erfassbaren Faktors „Frische“. Sostellte beispielsweise eine Verbraucherstudie in Großbritannien über die Präferenzenbeim Kauf von Eiern fest, dass Konsumenten nicht völlig im Klaren darüber sind,dass die alleinige Bezeichnung „frische Eier“ ohne Zusatz wie „Bodenhaltung“ oder„Freilandhaltung“ de facto Legebatteriehaltung bedeutet. (vgl. Ness/Gerhard. 1994,33) 11
  12. 12. Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität für BodenkulturWien, welche im staatlichen Auftrag intensiv im Bereich Lebensmittelverschwendungforscht, bemerkte hierzu: „Die Verbrauchererwartung betrifft beispielsweise absolute Frische, weswegen Lebensmittel nahe dem Mindesthaltbarkeitsdatum oftmals schon frühzeitig aus dem Verkauf entfernt oder Brot vom Vortag sowie Obst und Gemüse mit leichten Druckstellen aussortiert werden.“ (2011, 8)Diese Verbrauchererwartung ergibt sich auch daraus, dass viel praktisches undtraditionelles Wissen über Lebensmittel und Ernährung in modernen Gesellschaftenverloren gegangen ist, weshalb die Konsumenten sich auf standardisierte Angabenund oberflächliche sensorische Eindrücke verlassen oder versuchen müssen, sichselbstständig aus einer Fülle teilweise widersprüchlicher Informationen das nötigeWissen anzueignen.3. Verschwendung von Lebensmittel – ein Nebenprodukt derKonsumgesellschaftDie Ursachen für die Verschwendung von Lebensmitteln sind vielfältig und dasaktuelle Wegwerfverhalten wird durch viele Einflussfaktoren bestimmt.Einige Faktoren auf gesellschaftlicher und individueller Ebene stechen jedochbesonders hervor:Auf Ebene des Individuums sind Veränderungen der Lebensstile besondersbedeutsam für das Wegwerfverhalten. Die Modernisierung der Lebensstile durchVeränderung der Arbeitswelt, des Essverhaltens, der Familienstrukturen sowieUrbanisierung und Erhöhung des frei disponiblen Einkommens führen tendenziell zueinem Mehr an Lebensmittelabfällen. So zeigen Studien, dass jüngere, besserausgebildete Menschen mit Vollzeitbeschäftigung, die in der Stadt wohnen, mehrNahrungsmittel wegwerfen. (vgl. Wassermann/Schneider. 2005, zit. in: Schneider.2009, 9-10) Gründe dafür sind neben einer veränderten Wertehaltung auchorganisatorische Aspekte. So erschwert die veränderte Arbeits- und Familienwelteine sorgfältige Planung und Nutzung von Lebensmitteleinkäufen, da seltener und fürweniger Personen gekocht und daheim gegessen wird. (vgl. Lebersorger. 2004, zit.in: Schneider. 2009, 10) Auch sind die Kosten für Lebensmittel trotz aktuellsteigender Preise heute im Vergleich relativ gering. Während in den 60er Jahren in 12
  13. 13. den Industrieländern noch ca. 40 % des Einkommens für die Ernährung aufgewandtwurde, sind es mittlerweile nur mehr um die 10 %. (vgl. Kreutzberger/Thurn. 2011,11-12)3.1. Die Vernichtung von Lebensmittel: food loss und food wasteNahrungsmittel gehen während der gesamten Beschaffungskette, angefangen beiErnte und Produktion über Transport und Lagerung, Weiterverarbeitung bis zuDistribution und Konsumption verloren. Laut einer Studie der FAO (2011, 4) betrifftdies circa ein Drittel aller für den menschlichen Konsum produzierten Lebensmittelweltweit. Parfitt et. al. (2010) unterscheiden zwischen food loss, welcher sich aufVerluste während der Produktion, Transport/Lagerung und Weiterverarbeitungbezieht und food waste, welcher am Ende der Kette durch Einzelhandel undKonsumenten auftritt. Ersteres bezieht sich auf den Prozess der Herstellung einesbestimmten Lebensmittels als Endprodukt, zweiteres auf den Umgang mit demselbenin Verkauf und Konsumption. Diese Unterscheidung ist hilfreich, um die primärenGründe für das Phänomen der Lebensmittelvernichtung bei den einzelnen Gliedernder Produktionskette zu benennen. In wirtschaftlich armen Ländern gehenLebensmittel im Verhältnis zumeist während der ersten Phasen verloren, währendnur wenige Lebensmittel im Weiterverkauf und Endverbrauch verschwendet werden.In Ländern mit hohen und mittleren Durchschnittseinkommen stellt dagegen dieVerschwendung von noch genießbaren Lebensmitteln durch Wiederverkäufer undKonsumenten einen weit größeren Faktor dar. Ein zentraler Unterschied bestehtdarin, dass in diesen Ländern Lebensmittel in der Regel im Überfluss und zu einemim Verhältnis zum Durchschnittseinkommen sehr niedrigen Preis zur Verfügungstehen. Laut Falk (1994, zit. in: Griffin/Sobal/Lyson. 2009, 67) ist aus diesem Grunddas Wegwerfen alternativ zur Wieder- beziehungsweise Weiterverwendung auch beiLebensmittel zur Norm geworden.In absoluten Zahlen werden in den industrialisierten Ländern allein auf der Ebene derKonsumenten fast so viele Lebensmittel verschwendet (222 Mio. Tonnen), wie inganz Subsahara-Afrika produziert werden (230 Mio. Tonnen). (vgl. FAO. 2011, 2; 4-5)Die folgende Übersicht zeigt die Lebensmittelverschwendung durch Einzelhandelund Konsumenten für die wichtigsten Produktgruppen in den USA, kalkuliert aus den 13
  14. 14. zur Verfügung gestellten Daten des United States Department of Agriculture (USDA).Ohne Miteinbeziehung von Kochverlusten und nicht essbaren Bestandteilen vonLebensmitteln, wie beispielsweise den Schalen bestimmter Früchte, betragen dievermeidbaren Verluste bei einzelnen Produktgruppen zwischen 30 und 40 % derProduktion. Die Grafik illustriert außerdem, dass die prozentuell höchsteVerschwendung durch die Konsumenten geschieht, wobei auch der Handelerheblichen Anteil hat.Abbildung 1: Verschwendung von LebensmittelnQuelle: Venkat. 2011, 4383.1.1. Lebensmittelverschwendung im EinzelhandelEs gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Nahrungsmittel, die für den menschlichenKonsum geeignet sind, als „nicht marktgängig“ aus dem Verkehr genommen werden.Die meisten Ursachen lassen sich in zwei Gruppen einordnen: Verbraucherwartungund Marktstabilisierung. Konkret sind beispielsweise die Nichterfüllung von vomLebensmittelhandel geforderten Standards hinsichtlich Form, Farbe oder Größe oderauch die Nichterfüllung unternehmensinterner Qualitätskriterien Gründe für dieAussortierung. Fehletikettierungen, kosmetische Fehler des Produkts oder seinerVerpackung oder Nähe zum Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum sind ebenso 14
  15. 15. häufige Ursachen für die Entsorgung. Nicht verkaufte Saisonartikel,Lagerüberschüsse oder Produkte nach einer Sortimentsbereinigung landen ebenfallshäufig im Müll. Schließlich werden Lebensmittel auch entsorgt, um den Marktpreisstabil zu halten, wenn ein im Vergleich zur Nachfrage höheres Angebot besteht. (vgl.Schneider. 2011, 8-9)3.1.2. Lebensmittelverschwendung durch die KonsumentenDie Gründe für die Verschwendung von Lebensmitteln auf Ebene der Konsumentensind noch vielfältiger als auf Ebene des Handels, da die Pluralisierung derLebensstile zu einer Heterogenisierung von Einkauf-, Koch- und Essverhalten geführthat.Für Großbritannien hat das Waste and Ressources Action Programme diewichtigsten Gründe für das Wegwerfen noch verzehrfähiger Lebensmittel erhoben.Diese sind, gereiht nach Menge und Verkaufswert (vgl. WRAP. 2008, 6): 1. Speisereste, die nach der Mahlzeit auf dem Teller zurückbleiben 2. Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum oder Verbrauchsdatum überschritten sind 3. Lebensmittel, die unansehnlich aussehen, riechen oder schmecken 4. Lebensmittel, die aufgrund zu langer/falscher Lagerung verdorben sind 5. KochresteFür Deutschland ermittelte eine Studie, dass 59 % der von Privathaushaltenweggeworfenen Nahrungsmittel aufgrund falscher Einkaufsplanung und Lagerung inden Müll wandern. Besonders viel weggeworfen werden Produkte, die aufgrund vonSonderangeboten oder Mengenrabatten in zu großer Menge eingekauft werden.Insgesamt werden in Deutschland 21 % der von Privathaushalten gekauftenLebensmittel weggeworfen. Dies entspricht sogar 27 % der Lebensmittelausgabenpro Haushalt. Von diesen vermeidbaren Nahrungsmittelabfällen werden 21 % nochungeöffnet beziehungsweise völlig unberührt weggeworfen. Obst und Gemüse ist mitfast der Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel am stärksten betroffen. (vgl.Cofresco. 2011, 6-11)Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in Wohlstandsgesellschaftentendenziell mengenmäßig zu viel und zu wenig geplant eingekauft und gekocht wird,Lebensmittel häufig aufgrund der Messung an standardisierten oder ästhetischen 15
  16. 16. Frischekonzepten weggeworfen werden und zu wenig Wissen über und Bereitschaftzur Verwertung von Resten besteht. (vgl. WRAP. 2007)3.2. Problematisierung der Verschwendung von LebensmittelnDie Verschwendung von Lebensmitteln wurde während der letzten Jahre vermehrtaus sozialer, ernährungswissenschaftlicher, ökonomischer, klimatischer undumwelttechnischer Perspektive problematisiert. (vgl. z.B. Sobal/Nelson. 2003)Die Produktion von Nahrungsmitteln verbraucht große Mengen an Energie undandere natürliche Ressourcen bei der Erzeugung, Weiterverarbeitung, Transport undDistribution. Lebensmittel zählen im Vergleich mit anderen Produktgruppen zu denressourcenintensivsten Gütern. Rund ein Drittel aller klimaschädlichen Emissionenentsteht im Zuge der weltweiten Nahrungsmittelerzeugung, -verteilung und-entsorgung. (vgl. Kreutzberger/Thurn. 2011, 14; 147) Werden die Lebensmittel nichtder Ernährung zugeführt, gehen einerseits die schon investierten Ressourcenverloren, andererseits muss wiederum Energie für die Entsorgung aufgewandtwerden. So wird ein Viertel des gesamten weltweiten Wasserverbrauchs für dieProduktion von Lebensmitteln aufgewandt, die unverzehrt im Müll landen. (vgl. dies.)Neben diesen Negativeffekten für Klima und Umwelt ergeben sich daraus erheblicheKosten für Produzenten, Händler und Konsumenten. Der ökonomische Wert, der sichallein aus den von Konsumenten im Jahr 2009 verschwendeten Lebensmitteln in denUSA ergibt, beläuft sich pro Kopf auf ca. 650 US-Dollar. (vgl. Venkat. 2011, 441)Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass teilweise staatliche oderüberstaatliche Steuerungsmechanismen bestehen, die Überproduktion undLebensmittelvernichtung betriebswirtschaftlich rentabel machen. (vgl.Griffin/Sobal/Lyson. 2009, 68) Auch aus ethischer und ernährungswissenschaftlicherSicht ist die Verschwendung von Lebensmitteln problematisch, da Unternährung undHunger weltweit weiterhin weit verbreitet sind. Aktuell sind laut Welthungerindex circaeine Milliarde Menschen weltweit unterernährt und 11 % aller Erkrankungen weltweitsind durch Unterernährung bedingt. (vgl. Black et al. 2008, zit. in: Welthungerindex2010, 26)Die Verschwendung von Lebensmitteln wurde deshalb während der letzten Jahreverstärkt zu einem Thema der medialen und politischen Öffentlichkeit.Dokumentationsfilme wie beispielsweise „We feed the world“ (2005) von Erwin 16
  17. 17. Wagenhofer, „Food, Inc.“ von Nikolaus Geyrhalter (2008) oder „Taste the waste“(2011) von Valentin Thurn erregten großes mediales Interesse. Mittlerweile habenauch Politik, Verwaltung und Forschung in vielen westlichen Staaten reagiert undversuchen durch Studien, Informationskampagnen und Serviceleistungen dasWegwerfverhalten bei Lebensmitteln zu beeinflussen. So bietet beispielsweise dasLand Salzburg auf seiner Website Fakten zum Thema Lebensmittelverschwendung,gibt Tipps zur Abfallvermeidung und produziert Kurzvideos, die das Themaproblematisieren und Lösungen für die Verbraucher aufzeigen. (vgl. Website LandSalzburg: http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/lebensmittel_abfall-2.htm)Auch die deutsche Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner startete im Jahr 2012eine Aufklärungskampagne um die Verschwendung von Lebensmittelneinzudämmen. In Großbritannien laufen schon seit dem Jahr 2007 vomUmweltministerium finanzierte Kampagnen um Mülltrennung zu forcieren undLebensmittelverschwendung sowie Verpackungsmüll durch zielgruppenspezifischeAufklärung einzudämmen. (vgl. Dohogne. o.J., 111-23) Dies ist vor allem vor demHintergrund zu betrachten, dass sich die (ernährungswissenschaftliche) Forschungzu diesem Themenkomplex zuvor vor allem auf die andere Seite der Medaille,nämlich die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit konzentriert hat. So finden sichim angesehenen British Food Journal zahlreiche Studien und Beiträge zum Thema„food safety“ jedoch kaum Forschungsergebnisse zum ThemaLebensmittelverschwendung. Das primäre Anliegen von Forschung und Staat war,wie auch aus der Geschichte des Lebensmittelrechts ersichtlich, die Vermeidung vonGesundheitsrisiken und Epidemien durch nicht sichere Lebensmittel, Lager- oderZubereitungstechniken. Es wurde also mehr Wert darauf gelegt, den Bürgern zusagen, was sie entsorgen beziehungsweise auf keinen Fall mehr essen sollen, als ihrWegwerfverhalten im Sinne einer Reduktion zu beeinflussen.Um die Lebensmittelverschwendung auf Ebene des Einzelhandels einzudämmen,wurde beispielsweise vom österreichischen Bundesministerium für Land- undForstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft im Rahmen der Initiative „Lebensmittelsind kostbar“ eine Broschüre erstellt, die die rechtlichen Rahmenbedingungen für dieWeitergabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen erklärt. (vgl. Schneider.2011) Damit soll Unsicherheiten entgegengewirkt werden, die oft zu vorsorglichem 17
  18. 18. Wegwerfen auf Seiten des Einzelhandels führt, um Haftungsproblemeauszuschließen.Auch zivilgesellschaftliche Initiativen nehmen zu, ebenso wie Kochbücher, dieAnleitungen zur Resteverwertung liefern. Dies ist insofern interessant, als sie demTrend zu Themenkochbüchern mit immer spezifischeren Rezepten und Ingredienzenentgegenlaufen und die Verwertung von typischen Lebensmittelresten als kreativeund genussvolle Aktivität präsentieren. Beispiele sind „Nur der Idiot wirft´s weg“(2011) von Haubenkoch Thomas Riederer, „Das Nichts Wegwerfen Kochbuch“(2007) von Patrik Jaros und Günter Beer oder „Meine spontane Küche“ (2006) vonDonna Hay.Allerdings deutet aktuell wenig auf eine Trendumkehr hin. Experten sind sich zwareinig, dass ein Gutteil der verlorenen und insbesondere der verschwendetenNahrungsmittel durch angemessene Strategien und Verhaltensänderungenvermeidbar wären. In der Praxis erweisen sich jedoch die etabliertenBeurteilungsmaßstäbe für Qualität und Frische zu einem in einer globalisierten,konkurrenzorientierten Wirtschaft schwer zu verändernden Parameter für dasHandeln von Händlern und Konsumenten. Schneider verweist in ihrer Studie aufLebersorger (2004, zit. in: Schneider. 2009, 12), wonach gewohnheitsmäßigesHandeln ca. 80 % des Ernährungs- und Umwelthandelns ausmacht. Diese Musterlassen sich durch Information allein nur schwer verändern.In der Praxis würde dies beispielsweise bedeuten, die Milchpackung mit dem naheliegendsten MHD aus dem Regal zu nehmen, anstatt hinten im Regal dasvermeintlich „frischeste“ weil kürzlich eingeräumte Produkt zu ergreifen. Oder eswürde bedeuten, die Packung Pfirsiche zu wählen, in der sich ein schon etwasweniger ansehnliches Exemplar befindet, statt die ganze Palette nach denknackigsten abzusuchen. Dem steht jedoch entgegen, dass die Supermarktfilialen inder Regel von der Konzernzentrale aus nicht die Erlaubnis haben, in so einem Fallspontan einen Rabatt auf das Produkt zu gewähren. Die Verantwortung wird oftzwischen den beteiligten Akteuren hin und hergeschoben, insbesondere seit dieLebensmittelverschwendung verstärkt problematisiert wird. So erhöhen sich dieMengen an weggeworfenem Brot und Gebäck nachvollziehbarer Weise dadurch,dass fast alle Supermarktketten inklusive Diskonter mittlerweile damit werben, dassman ganztägig frisch Gebackenes in großer Auswahl bei ihnen beziehen könne.Viele Supermarktketten übernehmen Backwaren nur auf Kommission von Bäckern, 18
  19. 19. welche die nicht verkaufte Ware kostenlos wieder zurück nehmen müssen. Sowandern 10-15 % der produzierten Produkte in noch genießbarem Zustand in denMüll. Die Supermärkte wiederum verweisen darauf, dass sie den Kundenwünschenentsprechen, die eben auch noch um sieben Uhr abends eine breite Auswahl anfrischen Backwaren verlangen. (vgl. Schneider. 2009, 6; 13)Andererseits zeigen die verfügbaren Studien auch, dass vielfach einInformationsdefizit auf Seiten der Verbraucher besteht. Beispielsweise unterschätzendiese die Menge und die Kosten der Lebensmittel die sie wegwerfen, erheblich. Sogingen die Befragten in der Cofresco-Studie in Deutschland im Durchschnitt von 6 %anstatt der tatsächlich 21 % verschwendeter Lebensmittel aus. (vgl. Cofresco. 2011,8)4. Der Faktor „Risiko“ im modernen ErnährungsverhaltenDie Industrialisierung der Lebensmittelproduktion und –verarbeitung hat zweigegensätzliche, zeitlich versetzt einsetzende Entwicklungen befördert.Einerseits hat die Ablöse traditioneller Praktiken durch industrielle Massenproduktionanfangs sowohl zur Überwindung von Nahrungsmittelengpässen wie auch zurErhöhung der vergleichsweise geringen Hygiene- und Qualitätsstandardsbeigetragen. Die Angst der Konsumenten vor anonym produzierten Nahrungsmittelnim Gegensatz zur traditionellen Organisation wurde durch das zeitgleich steigendeVertrauen und die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft im Leben derEinzelnen ausgeglichen. Indem sich die Nahrungsmittelindustrie aufwissenschaftliche Erkenntnisse stützte, konnte sie Vertrauen in ihre Methodengenerieren, obgleich der Einzelne diese nicht im Detail prüfen konnte. Beispielsweisekonnten bakterielle Infektionen durch Milchprodukte durch die industrielleVerarbeitungsmethode der Pasteurisierung fast völlig eliminiert werden. (vgl.Bildtgard. 2008, 122)Andererseits wurden die Massenrisiken, die sich durch Massenproduktion ergeben,besonders während der letzten Jahrzehnte deutlicher. In Verbindung mit dermassenmedialen Verbreitung entstand durch prominente Fälle wie BSE-Skandal undandere Seuchen, Analogkäse und Schadstoffbelastungen in Lebensmitteln ein neuerNarrativ der industriellen Massenproduktion von Lebensmitteln, der die Risiken fürden Einzelnen in den Fokus rückt. Bestärkt und erweitert wird diese Perspektive 19
  20. 20. durch die Thematisierung der überindividuellen Risiken und negativenKonsequenzen, die sich für die Umwelt, die Welternährung oder das Klima durchindustrialisierte, globalisierte, rein gewinnmaximierende Massenproduktion ergeben.Studien und Marktdaten zeigen, dass Verbraucher stark negativ aufwahrgenommene Risiken in Nahrungsmitteln reagieren. So kam es beispielsweise inFolge der Vogelgrippe und BSE zu massiven Verkaufsrückgängen bei denbetroffenen Produktgruppen. (vgl. Yeung/Yee. 2012, 40)Aus diesem Grund wurde die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion und –verarbeitung von Anfang von der Schaffung neuer Normen begleitet, welche dietraditionell geltenden Gemeinschaftsnormen ersetzen sollten. Die wichtigste Instanzbildete der Nationalstaat, welcher durch immer detailliertere Gesetze, Verordnungen,Standards sowie durch die Schaffung zuständiger Kontrollbehörden, die durchExperten besetzt wurden, reagierte. (vgl. Bildtgard. 2008, 122-123) Mittlerweile ist inEU-Mitgliedsstaaten die europäische Union eine weitere wichtigeRegulierungsinstanz geworden.Allerdings setzt die fortschreitende Globalisierung der Nahrungsproduktion derstaatlichen oder supranationalen Regulierung und Kontrolle mehr und mehr Grenzen: “The globalisation of the agrifood system and the growing variety of food products and technologies have made it increasingly difficult for nation states to regulate food safety and quality practices, giving rise to a shift from public to private governance, essentially in the form of private standards and third-party certification.” (Sodano/Hingley/Lindgreen. 2008, 508)Der Staatsgewalt sind also angesichts der Komplexität globaler Produktionskettensowie der Verpflichtungen aus internationalen Verträgen, wie beispielsweise derWTO oder der EG mehr und mehr Grenzen gesetzt, was die Regulierung betrifft. Sosind beispielsweise die erlaubten Beschränkungen des freien Warenverkehrs im EU-Binnenraum im Bereich Lebensmittel weitgehend auf Maßnahmen zur Verhinderungvon Krankheiten und Gesundheitsrisiken beschränkt. (vgl Bildtgard. 2008, 124-25)Als Folge werden nichtstaatliche, entterritorialisierte Interessensgemeinschaften, diedurch Lobbying oder private Zertifizierungen eine neue Übersichtlichkeit imLebensmittelsektor herstellen wollen, wichtiger.Daraus ergibt sich wiederum eine größere Unübersichtlichkeit für die Konsumenten,die ebenfalls gewissermaßen selbstverantwortlich sind für ihre Wahl. DieseUnüberschaubarkeit ist jedoch nicht nur gefühlt, sondern auch praktisch gegeben. So 20
  21. 21. wandert ein Lebensmittel im Durchschnitt durch 33 Hände, bis es im Supermarkt zumVerkauf bereitsteht. (vgl. Kantor et al. 1997, zit. in: Schneider. 2009, 1)Die Fülle an nicht staatlichen Zertifizierungen, Siegeln und Standards machtrisikobewusstes Einkaufen zu einer herausfordernden Aufgabe: „The production of food in modern society involves an almost infinite number of actors, individuals and companies. The very complexity of this system means that the consumer has very little knowledge of the end product, not primarily because knowledge is lacking but because it is too rich and too complex for the consumer to decode. Consequently the consumer is marginalized when it comes to decisions concerning the production of his/her food.” (Bildtgard. 2008, 114)Wie wichtig das Thema Risikovermeidung für Konsumenten von Lebensmitteln ist,zeigen beispielsweise Studien zu den Kaufgründen für biologische Nahrungsmittel,wonach Gesundheit und Sicherheit die wichtigsten Beweggründe für den Kauf dieserProdukte darstellen, vor anderen Faktoren wie Umwelt- oder Tierschutz. (vgl.Pellegrini/Farinello. 2009, 949)4.1. Standardisierung von Frische: Verbrauchs- und MindesthaltbarkeitsdatumDie im 19. und 20. Jahrhundert einsetzende Verwissenschaftlichung der Ernährungdurch die verstärkte Untermauerung von Ernährungsempfehlungen mitwissenschaftlichen Erkenntnissen (vgl. Prahl/Setzwein. 1999, 48) ging einher mit derSchaffung einer systematischen Qualitätskontrolle in den entstehenden Verwaltungs-und Nationalstaaten. Auch die Verrechtlichung, Normierung und Standardisierung imNamen der Volksgesundheit setzte ein und löste so die vorher zentraleSelbstkontrolle von Zünften und Gilden im Mittelalter sowie die Kontrolle aufkommunaler Ebene ab. Die Regulierung wurde im Zuge der Liberalisierung derWirtschaft auf immer höhere Ebenen verlagert, vom Nationalstaat auf supranationaleInstanzen. Standardisierung entstand auch als Notwendigkeit einer sichglobalisierenden Wirtschaft, nicht nur aufgrund staatlicher Vorgaben. Wurde zuBeginn des 20. Jahrhunderts Bier noch in einem Krug aus dem nächstgelegenenGasthaus geholt, so kann man eine bestimmte Marke mittlerweile in standardisierterVerpackung fast weltweit erstehen. (vgl. dies. 51-54) 21
  22. 22. Standardisierungen, die sich durch Verpackung, Marke, Etikettierung,Datumsangaben und Zertifizierungen manifestieren, wirken laut Bildtgard (2008, 117)als „symbolic token“ im Sinne von Anthony Giddens (vgl. 1990, 83ff.) Ähnlich wie beider Institution Geld, das als Tauschmedium fungiert, da alle Vertrauen in seinen Wertsetzen, wirken diese Standardisierungen, die den einzigen Kontakt zwischenProduzenten und Konsumenten darstellen und somit Raum und Zeit transzendieren,vertrauensgenerierend, auch weil man davon ausgeht, dass zwischengeschaltetestaatliche und private Akteure die Validität überprüfen. (vgl. Bildtgard. 2008, 117)4.1.1. Rechtliche RahmenbedingungenDas Mindesthaltbarkeitsdatum wurde auf europäischer Ebene im Rahmen derRichtlinie 2000/13 einheitlich eingeführt, um eine Orientierung zu bieten. GenerellesZiel der Richtlinie war eine Harmonisierung der Etikettierung von Lebensmitteln umden freien Warenverkehr auf dem EU-Binnenmarkt zu gewährleisten. Bis dahinherrschte eine große Heterogenität im Punkto Lebensmittelkennzeichnung. (vgl. Eur-Lex. o.J.) Es handelt sich also beim MHD um eine Gütegarantie des Herstellers,welche von ihm selbst festgelegt wird und als Orientierungshilfe für die Verbraucherdienen soll. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist für verpackte Lebensmittelvorgeschrieben und garantiert bestimmte Qualitätseigenschaften wie Konsistenz,Farbe, Geschmack oder Geruch des Lebensmittels bei angemessenerAufbewahrung. (vgl. Land Salzburg,http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/lebensmittel_abfall-2/tipps_lebensmittel.htm)Nach Ablauf dieser Frist können sich beispielsweise Geschmack und Konsistenzverändern, jedoch lässt sich daraus keine Schlussfolgerung über die Sicherheit desLebensmittels ableiten. Das MHD endet daher so gut wie immer vor Beginn desVerderbs eines Produkts. (vgl. Schneider. 2011, 14) Es handelt sich lediglich um einevom Hersteller festgelegte Information zur Orientierung. Konkret bedeutet dies, dassder Hersteller zwar verpflichtet ist, ein Mindesthaltbarkeitsdatum anzugeben, für denHandel ergibt sich daraus jedoch keine Verpflichtung, das Produkt nach Ablauf desMHD aus dem Verkehr zu ziehen. Theoretisch dürfte ein solches Produkt weiterverkauft werden, wobei jedoch über das MHD hinaus in Österreich deutlichgekennzeichnet werden müsste, dass dieses bereits überschritten ist. (vgl. 22
  23. 23. Lebensmittelkennzeichnungsverordnung BGBl 1993/72 idF BGBl 1995/555, § 4; §10)Außerdem verbietet das Lebensmittelgesetz BGBl 1975/86 idF BGBl I 1998/63 laut §7 das in Verkehr bringen von gesundheitsschädlichen, verdorbenen, unreifen Waren.Produkte mit überschrittenem MHD dürften also nur weiterhin verkauft werden, wenndie Lebensmittel noch in Ordnung sind.Davon zu unterscheiden ist das Verbrauchsdatum, auf Englisch „use by“, welches fürmikrobiologisch leicht verderbliche Produkte wie Fisch, Fertigsalate oder faschiertesFleisch vorgeschrieben ist. Dieses Verbrauchsdatum bedeutet, dass Lebensmittelnach dessen Überschreitung nicht mehr verkauft werden dürfen und auch nicht mehrverzehrt werden sollen, da ein gesundheitliches Risiko bestehen könnte. (vgl. LandSalzburg, http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/lebensmittel_abfall-2/tipps_lebensmittel.htm)Auf rohen Eiern findet sich aufgrund der Salmonellengefahr manchmal neben demMHD noch ein Verkaufsdatum, das die maximal zulässige Frist zwischen dem Legender Eier und dem Verkauf angibt. Nach Ablauf dieses Datums dürfen die Eier nurnicht mehr roh an Konsumenten abgegeben werden, jedoch von diesen weiterverwendet werden. (vgl. Schneider. 2011, 14-15)Lebensmittel, die durch Lebensmittelunternehmen an Konsumenten abgegebenwerden, müssen also sicher sein, unabhängig davon, ob ein MHD, Verbrauchdatumoder auch keines von beiden auf den Produkten zu finden ist.4.1.2. Praktische Implikationen der Standardisierung von FrischeDie beiden beschriebenen Formen der Standardisierung von Lebensmitteln nehmensomit auf zwei unterschiedliche Bedeutungen von „Frische“ Bezug. DasMindesthaltbarkeitsdatum verweist auf Frische als ästhetisches Kriterium, währenddas Verbrauchsdatum sich auf Frische in der Bedeutung von „gesundheitlichunbedenklich“ oder „sicher“ bezieht.Allerdings ist diese Unterscheidung nicht allen Konsumenten geläufig. DieStandardisierung schafft also eine gewisse Unsicherheit auf Seiten der Verbraucher,die dazu führt, dass im Zweifelsfall eher entsorgt wird. In der englischenTageszeitung „The Guardian“ zitiert ein Journalist Studien, wonach 50 bis 80 % derKonsumenten sich nicht über diese unterschiedlichen Bedeutungen im Klaren sind.(vgl. Daoust. 9.12.2010) 23
  24. 24. So werden in Salzburg jährlich im Durchschnitt 18 kg noch verzehrfähigeLebensmittel pro Person weggeworfen. Ca. 20 % davon wandern aufgrund einesüberschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll. (vgl. Land Salzburg,http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/lebensmittel_abfall-2.htm)Bei überschrittenem MHD ist der Konsument angehalten, durch Überprüfung vonAussehen, Geruch und Farbe festzustellen, ob das Lebensmittel noch genießbar ist.(vgl. Schneider. 2011, 14) In der Praxis ist es nämlich so, dass die Haltbarkeit beiden allermeisten Lebensmitteln nicht primär durch das Alter, sondern durch die Artder Lagerung bestimmt wird. (vgl. Severson. 10.01.2001) So kann sich dieHaltbarkeit von Milch je nachdem, ob sie durchgehend kühl gelagert wird oderstundenlang am Küchentisch steht, sehr unterschiedlich entwickeln. Entfremdungvon und fehlendes Wissen über Lebensmitteln führen dazu, dass demstandardisierten, jedoch wenig aussagekräftigen MHD eine zu große Bedeutungzugeschrieben wird.Am meisten weggeworfen werden jedoch Sachen, für die gar keinMindesthaltbarkeitsdatum vorgeschrieben ist. Dazu zählen unter anderem Frischobstund –gemüse sowie nicht abgepackte Backwaren. (vgl.Lebensmittelkennzeichnungsverordnung BGBl 1993/72 idF BGBl 1995/555, § 7)Hier ist also nicht die Standardisierung von Frische durch ein festgelegtes Datumausschlaggebend, sondern der optische Eindruck der Frische. So ergab eineUntersuchung der entsorgten Waren von zwei Testfilialen über zehn Wochen durchUniversität für Bodenkultur in Österreich aus dem Jahr 2004, dass Gemüse und Obstüber 70% der weggeworfenen, aber noch genießbaren Lebensmitteln ausmachten.(vgl. Schneider/Wassermann. 2004, zit. in: Schneider. 2009, 5)Allerdings gibt es auch hier einen Trend zur Standardisierung. Obwohl gesetzlichnicht gefordert, finden sich immer öfter auf portioniertem Obst oder Gemüse(beispielsweise einer 6-er Schale Äpfel) ein MHD, um die Frische der Lebensmittelnoch zusätzlich zu betonen. Das Resultat ist, dass auch Obst und Gemüse lediglichaufgrund eines überschrittenen MHD im Abfall landen. So berichtet ein Mitarbeiterdes britischen, staatlich gestützten Waste & Ressources Action Programme: "Iveseen unopened 15kg bags of potatoes thrown away just because theyve gone pastthe best-before date," (Andrew Parry, zit. in: Daoust. 2010)Studien aus Österreich haben einen signifikanten negativen Zusammenhangzwischen dem Alter und der Menge der weggeworfenen Lebensmittel bei 24
  25. 25. Konsumenten ergeben. Ältere Menschen schmeißen tendenziell wenigerLebensmittel weg. Dieser Zusammenhang war bei original verpackten Lebensmittelnbesonders deutlich. (vgl. Wassermann/Schneider. 2005, zit. in: Schneider. 2009, 9-10) Jüngere Menschen orientieren sich also tendenziell stärker an standardisiertenAngaben für Frische und tendieren eher dazu, noch verzehrfähige Lebensmittel zuentsorgen.Dem entsprechen auch Studienergebnisse aus Großbritannien zur Haltung vonVerbrauchern gegenüber Lebensmittelstandards, wonach die Altersgruppe der 16 bis34-Jährigen am Häufigsten angab, Nahrungsmittel nach Ablauf desMindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatums nicht mehr zu verzehren. Je älter dieBefragten, desto weniger strikt wurden die standardisierten Qualitäts- undHaltbarkeitsdaten zum Maßstab genommen. Was jene Lebensmittel betrifft, die keinVerbrauchsdatum, sondern nur ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufweisen, wie Brotund Frühstücksflocken, so gab immerhin ein Viertel aller Befragten an, dass siesolche Produkte niemals nach Ablauf des MHD verwenden würden. Bei Eiern, dieebenfalls nur durch ein MHD gekennzeichnet sind, ist dieser Anteil sogar höher als40 %. (vgl. Food Standards Agency. 2009, 32-35)Interessant ist auch eine andere Frage aus derselben Studie, in der den Befragtenverschiedene typische Datumsangaben vorgelegt wurden und sie wählen mussten,welche davon der beste Indikator für die Sicherheit des Lebensmittels sei. Die Hälfteidentifizierte das Verbrauchsdatum (use by date) korrekt als den besten Indikator, ca.ein Drittel der Befragten wählte jedoch das MHD, obwohl dieses, wie schon erläutert,sich rein auf die Qualität und nicht auf die Sicherheit bezieht. Auch hier ist einZusammenhang mit dem Alter der Befragten gegeben. Je älter die interviewtenPersonen waren, desto häufiger gaben sie an, nicht zu wissen, welcher Indikator derbeste für die Sicherheit eines Lebensmittels ist. (vgl. dies., 31) Jüngere Menschenorientieren sich also tendenziell stärker an Standardisierungen, wobei jedochmehrheitlich keine Klarheit bezüglich der unterschiedlichen Bedeutungen besteht.Bringt man diese Erkenntnisse nun mit den schon dargelegten Zahlen und Faktenüber die Verschwendung von Lebensmitteln auf Konsumentenebene inZusammenhang, hat man schon einen zentralen Erklärungsfaktor ausgelotet. 25
  26. 26. 4.2. Die Frische und der Müll – eine ambivalente BeziehungWenn Frische nicht nur mit gutem Geschmack, sondern auch mit Qualitität,Gesundheitsförderung und –erhaltung sowie Risikoarmut assoziiert wird, ist es rechteinleuchtend, warum ihr diese große Bedeutung für die Konsumenten zukommt.Gleichzeitig hat im Zeitalter der „reflexiven Modernisierung“ (vgl. Giddens. 1990)auch eine verstärkte Infragestellung des gängigen Wissens und der westlichenLebensweise stattgefunden. Die sozialen und ökologischen Kosten derindustrialisierten, globalisierten Nahrungsmittelproduktion werden deutlicher.Bildtgard (2008, 24) spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Krise dermodernen Wissenschaft und Politik. Der Glaube in die Fähigkeit der Wissenschaft,universell gültige Erkenntnisse über die beste Nahrungsmittelproduktion undErnährungsweise zu gewinnen, schwindet auch angesichts der sich verbreitendenAnsicht, dass Ernährung nicht nur der Befriedigung eines menschlichenGrundbedürfnisses dient, sondern auch Teil von Lebens- und Konsumstilen sowieIdentität ist. Die Maßstäbe sind ebenso vielfältig geworden, wie die dazu passendenAngebote. Es gibt nicht mehr gesunde Ernährung, sondern für eine bestimmteGruppe geeignete Nahrungsmittel, es gibt nicht mehr qualitative Lebensmittel,sondern verschiedene Qualitäten für unterschiedliche Bedürfnisse oder Ansprüche.(vgl. ders.) Gleichzeitig ist eine abnehmende Regulierungs- und Kontrollfähigkeitender globalen Nahrungsmittelindustrie durch öffentliche Instanzen feststellbar.Als Folge sind Nahrung und Müll für die Konsumenten zu Kategorien mit fließendenÜbergängen, ohne klar erkennbare Grenzen geworden. Reflexivität ist auch insoferngegeben, dass den Verbrauchern zumindest teilweise bewusst ist, dass wederStandardisierungen noch die eigene Urteilskraft vollständige Sicherheit garantierenkönnen. Lieber zu viel als zu wenig wegzuwerfen, erscheint vor diesem Hintergrundals nachvollziehbare Handlungsweise. Die folgende Karikatur unterstreicht dies: 26
  27. 27. Abbildung 2: Karikatur Essen und MüllQuelle: © Thomas Wizany, auf:http://www.salzburg.gv.at/themen/nuw/umwelt/abfall/lebensmittel_abfall-2.htm(10.07.2012)5. Waste Diving, Dumpstern oder ContainernWaste Diving, Dumpstern oder zu Deutsch Containern hat sich seit den 80er Jahrendes vorigen Jahrhunderts zu einer verbreiteten Praxis vor allem in westlichenWohlstandsgesellschaften entwickelt. Die Wurzeln lassen sich zum Teil auf die Arbeitder amerikanischen Nonprofit Bewegung „Food not Bombs“ zurückführen, die seit1980 von Boston ausgehend begonnen hat Lebensmittel von Produzenten undHändlern, die nicht mehr markttauglich waren, zu übernehmen und darausvegetarisches Essen zuzubereiten, das dann kostenlos an Bedürftige, Obdachloseoder Passanten ausgegeben wird. „Food not Bombs“ ist mittlerweile in vielen Staatendurch Einzelgruppen aktiv. (vgl. Temkar. 2011) Der breitere Trend zur Suche nachalternativen, nicht konsumorientierten Lebensweisen lässt sich jedoch weiterzurückführen auf die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts und auf anarchistischeStrömungen der frühen 70er Jahre. (vgl. Coyne. 2009)Mittlerweile wird Waste Diving als zentraler Bestandteil eines „freeganen“ Lebensstilsbegriffen. Freeganer gibt es mittlerweile vor allem in urbanen und semi-urbanenZentren westlicher Wohlstandsgesellschaften. Sie verbinden Aktivismus und 27
  28. 28. Lebensstil, indem sie versuchen, so wenig natürliche Ressourcen wie möglich zuverbrauchen und so wenig wie möglich am kapitalistischen Wirtschaftssystemteilzunehmen. Die Kritik der Freeganer reicht also deutlich über die im Systeminhärente Verschwendung hinaus, wie anhand der Selbstbeschreibung der US-amerikanischen Freeganer-Vereinigung deutlich wird: „After years of trying to boycott products from unethical corporations responsible for human rights violations, environmental destruction, and animal abuse, many of us found that no matter what we bought we ended up supporting something deplorable. We came to realize that the problem isn’t just a few bad corporations but the entire system itself. Freeganism is a total boycott of an economic system where the profit motive has eclipsed ethical considerations (…).” (freegan.info)Waste Diving, um an aussortierte, aber noch brauchbare Produkte derWegwerfgesellschaft, insbesondere Lebensmittel zu gelangen, stellt eine derwichtigsten und weitverbreitetsten Praktiken der Freeganer dar. Zu den zentralenWerten der Freeganer zählen Gemeinschaft, Teilen und Kooperation, weswegen diedurch Waste Diving erlangten Güter immer mit anderen, egal ob selbst Waste Diveroder nicht, geteilt werden. Zu einem freeganen Lebensstil werden jedoch auchMüllvermeidung und –minimierung, ökologisch vertretbare Fortbewegung,Selbstversorgung durch Urban Gardening oder Community Gardens, Minimierungvon Lohnarbeit und mietfreies Wohnen durch Hausbesetzungen oder die Einrichtungvon Gemeinschaftszentren in verlassenen Häusern gezählt. (vgl. freegan.info)Entgegen dieser kohärenten Selbstbeschreibung kann man die Freeganer in derPraxis nicht als homogene Bewegung verstehen, da die konkrete Motivation und dasAusmaß der praktizierten Aktivitäten stark variieren. Bei manchen steht dieProtestorientierung und der politische Aktivismus im Vordergrund, bei manchen diegenerelle Ablehnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, bei wiederum anderenist es die fehlende Nachhaltigkeit der Wegwerf-Gesellschaft, die sie zum WasteDiven inspiriert. Schließlich finden sich auch einige, bei denen die Motivation Geld zusparen, um weniger abhängig von Lohnarbeit zu sein, ein zentraler Faktor ist. (vgl.Skidelsky. 2009) Während manche Freeganer einen fast vollständig von derMainstream-Kultur separierten Lebensstil betreiben, sind andere in die Arbeitsweltund politische Gemeinschaft aktiv involviert. Der Großteil der Freeganerunterscheidet sich dennoch soziodemographisch und motivationsmäßig deutlich von 28
  29. 29. marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die Waste Diving aus materieller Notpraktizieren. Hier passt das Sprichwort, dass fasten nicht das gleiche sei, wiehungern. Freeganer sind überwiegend jung, männlich, aus der bildungsnahenMittelschicht stammend und zeichnen sich durch starke ideologische Überzeugungenaus, die ihren Lebensstil prägen. (vgl. Edwards/Mercer. 2007, 282-87)Das Waste Diving als Herzstück der Freeganer-Bewegung wird explizit unterBezugnahme auf die dominierenden Vorstellungen von essbar und nicht essbar,sicher und gefährlich, frisch und verdorben interpretiert: “Despite our society’s sterotypes about garbage, the goods recovered by freegans are safe, useable, clean, and in perfect or near-perfect condition, a symptom of a throwaway culture that encourages us to constantly replace our older goods with newer ones” (freegan.info)„Müll“ zu essen, ist schließlich ein Gesellschaften übergreifendes Tabu, welchestraditionell von marginalisierten Gruppen aufgrund schierer Not praktiziert wurde.Waste Diving verlagert den Fokus weg von denen, die die weggeworfenenLebensmittel konsumieren, hin zum System der Verschwendung, die diesenÜberfluss an aus rein physiologischer Sicht essbaren Nahrungsmitteln produziert. „Itchallenges the observer to ask, not why one might dumpster dive, but rather why onewould not.” (Shantz. 2005) Die gängigen Normen für Konsumption und Abfallwerden, indem dem sogenannten Müll eine neue Bedeutung gegeben wird, mit demZiel eine gesellschaftliche Neudefinition zu etablieren. Dem liegt die von Appadurai(1986, zit. in: Partridge. 2011, 37) festgestellte Erkenntnis zugrunde, dass diegesellschaftliche Bedeutung von Produkten sich als Resultat des sozialen undkulturellen Kontexts im Lauf der Geschichte immer wieder gewandelt hat unddementsprechend manchmal als Müll, manchmal als erstrebenswerte Güterinterpretiert wurden. Die soziale Bedeutung von Gütern muss demnach beständigreproduziert werden, um bestehen zu bleiben.Dennoch steht beim Waste Diving in der Praxis nicht die Öffentlichkeitswirksamkeitim Vordergrund. Ein interviewter Freeganer drückte dies so aus: “there is somethingabout freeganism that is silent, doesn’t make a point, doesn’t show anything toanyone, it just is something that’s more sustainable than going to the shops” (zit. in:Partridge. 2011, 30)Unabhängig von der Intention der Waste Diver ist das mediale Interesse mittlerweileenorm, sodass die Interview- und Reportageanfragen die Bereitschaft vieler 29
  30. 30. Freeganer zur politischen Positionierung übersteigen. 1 Dokumentationen, Berichteund Reportagen zum Waste Diving sind während der letzten Jahre vermehrtpubliziert worden, ohne dass wirklich eine konzertierte Anstrengung auf Seiten derAktivisten erfolgt wäre. Das Thema schaffte es sogar bis in die US-amerikanischeTalkshow von Oprah Winfrey. Es stellt sich die Frage, woher diese offensichtlicheFaszination mit speziell dieser Aktivismusform kommt. Coyne (2009) bietet hierfür dieErklärung an, dass es der Bruch mit dem dominanten Klassifikationssystem ist, derdas Waste Diving so faszinierend für die mediale Öffentlichkeit macht: “Dirt then, is never a unique, isolated event. Where there is dirt there is system. Dirt is the by-product of a systemic ordering and classification of matter, in so far as ordering involves rejecting inappropriate elements. This idea of dirt takes us straight into the field of symbolism and promises a link-up with more obviously symbolic systems of purity.” (Douglas. 2002, 36)Was Müll ist und was nicht wird also durch ein Klassifikationssystem bestimmt,welches im Grunde willkürlich rein von unrein trennt und so auch unser Einkaufs- undEssverhalten strukturiert. Essen im Müll ist unabhängig von seinen konkretenCharakteristika unrein, weil es sich am falschen Ort befindet. (vgl. Coyne. 2009)Douglas bezeichnet dies als „matter out of place“ (2002, 36), wie beispielsweise dasHaar, das erst als ekelerregend empfunden wird, wenn es sich nicht mehr am Kopf,sondern beispielsweise in der Suppe befindet.Waste Diver verstehen ihr Tun nicht als „Müll essen“, da sie ihre Praxis daraufaufbauen, dass sich in den Containern jede Menge reines, gesundes, sicheres undgenussvolles Essen befindet. (vgl. Moré. 2011, 49)6. Empirischer Teil: Waste Cooking – Eine innovative WeiterentwicklungWaste Cooking wurde Einzelpersonen ins Leben gerufen, die auf unkonventionelleWeise auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen wollten.Der Regisseur von Waste Cooking war bei seiner ersten persönlichen Erfahrung vomWaste Diving fasziniert und entwickelte die Idee zu einer Kochshow der anderen Art,als Verbindung von Waste Diven und kochen. Diese Idee setzte er gemeinsam mit1 Siehe hierzu beispielsweise die Diskussionen in den Foren der deutschen Themenseitehttp://www.containern.de/ (14.07.2011) 30
  31. 31. einem persönlichen Freund, der beruflich als Koch tätig ist und als solcher aucheinen Rezepte-Blog betreibt, um. (vgl. Interview auf: studentenkueche.com)Unterstützt wird die Initiative von offizieller Seite insofern, als sowohl die Abteilung fürkulturelle Sonderprojekte des Landes Salzburg wie auch die Kulturabteilung derStadt Salzburg finanzielle Förderung bereitstellen. Dies ist insofern bemerkenswert,als sich die Teilnehmer beim Waste Diven in einer juristischen Grauzone bewegen.So ist zwar der Müll im Gegensatz zur gesetzlichen Regelung in anderen Staatennicht mehr im Eigentum der Supermärkte, sondern „herrenloses Gut“, die Containerbefinden sich jedoch immer auf ihren Privatgrundstücken, weswegen der Zutrittprinzipiell strafbar ist. (vgl. http://www.wastecooking.com/thema/waste-diving/)6.1. Waste Cooking – die „kritische Kochshow“ als Erlebnis(vgl. im Folgenden, wenn nicht anders vermerkt die Website der Waste-CookingInitiative: www.wastecooking.com)Die Waste Cooking-Initiative definiert sich selbst als kritische Kochshow nach demMotto: „Food is culture …. don´t waste it, cook it!“In Abgrenzung zu herkömmlichen Kochshows, die die Zuseher bloß als (visuelle)Konsumenten einbinden, kann man beim Waste Cooking die Metamorphose von Müllzu Essen mitvollziehen. Demgemäß werben die Waste Cooker auf dem Flyer zueiner ihrer Aktionen auch mit dem Spruch: „Vorsicht! Das Essen von Müll kann Euer(sic!) Denken verändern!“Beim Waste Cooking wird im Gegensatz zum Waste Diving kommuniziert, wasessbar ist und was nicht, sondern auch, was frisch, sauber und genussvoll ist.Während die Waste Diver durch den Akt der Aneignung weggeworfener Lebensmittelderen Essbarkeit demonstrieren, geht die Waste Cooking-Initiative einen Schrittweiter, indem es den Erlebnis- und Genusswert des Waste Diving und WasteCooking nachvollziehbar zu kommunizieren versucht. Nicht nur wer aktiv dabei ist,kann es miterleben. Man kann auch über das Ansehen der Kochshows online undüber Community-Fernsehsender oder das Nachkochen der Rezepte mit dabei sein.Der Erlebnischarakter des Waste Diving und Waste Cooking wird in denRepräsentationen in Form von Website und Kochshow in den Mittelpunkt gestellt.Hier muss berücksichtigt werden, dass das Waste Diven an sich eine relativzeitaufwändige Art der Lebensmittelbeschaffung ist. Auch das Waste Cooking ist an 31
  32. 32. sich umständlicher als normales Kochen, da spontan aus den gefundenenNahrungsmittel Rezepte kreiert und die Lebensmittel auch manchmal extra gereinigtund meist gleich verkocht werden müssen. Der Anspruch, alles was man aus derTonne mitnimmt, auch zu verwenden, führt dazu, dass oft große Mengen bestimmterLebensmittel vor dem endgültigen Verderb verzehrt oder konserviert werden müssen.Beim Waste Cooking, wo das gemeinsame Kochen und Essen in Form von Eventsstattfindet, ist das wichtigste Kriterium, optisch und geschmacklich ansprechendeGerichte aus dem Gefundenen zu kreieren: „Wir bringen Waste Diver (Mülltaucher)und Köche zusammen, und verwandeln „Abfall“ in kreative Gerichte.“Die Protestorientierung wird nicht ausgeklammert, aber in ein Erlebnis für dieTeilnehmer integriert: „Protest kann lecker sein!“. Die Teilnehmer sollen nicht primärprotestieren, sondern aus dem Erleben selbst neue Erfahrungen sammeln und ihreSchlüsse ziehen. „Der erste Blick in die Tonne“ ist demnach ein Erlebnis, das für sichselbst spricht. Das andere Erleben der Teilnehmer wird an sich schon als subversivdargestellt, ohne dass jedoch versucht wird, eine abgegrenzte Gruppenidentität zuschaffen oder moralischen Zeigefinger. So gibt es beispielsweise ein Waste Cooking-Manifest, das die Zielsetzungen und die Regeln fürs Waste Cooking festlegt. DieseRegeln sind jedoch überwiegend prozedural, beziehen sich also auf den Akt desMülltauchens und Kochens. Die kommunizierten Werte sind diskursiv und offenangelegte – die Waste Cooker laden ein zum kochen, essen, diskutieren überLebensmittelverschwendung und prangern Konkurrenzdenken und Egoismus an.6.1.1. Die Rezepte der Waste CookerDie Rezepte sind als Menüs angelegt und umfassen Vorspeisen, Hauptspeisen undDesserts. Sie sind vegetarisch, aber ansonsten durchaus „mainstream-tauglich“.Trotz relativ simpler Zutaten und Zubereitungsformen wirken sie durchNamensgebung und optische Darstellung außeralltäglich. „Karotten-Dip mitkaramelisierten Zwiebeln und Kreuzkümmel“, „Fenchel in Sahne-WeißweinReduktion“, „gebratene Polenta mit Ratatouille“ oder der „Linsen-Apfel Salat mit FetaKäse“ erinnern vom Wording her an raffinierte, aber doch nachkochbare Kreationenaus den bekannten Fernseh-Kochshows. Dem Anrichten und der kulinarischenFotografie wird viel Mühe gewidmet.Einzig die Zubereitungsanleitungen weichen von herkömmlichen Rezeptsammlungenab. Zum einen durch die Portionsgrößen die von vier bis fünzig Personen reichen 32
  33. 33. können. Damit wird darauf verwiesen, dass Waste Diven und Waste Cooking anGemeinschaft gebunden ist: Lebensmittel und Essen werden gemäß den Werten derFreeganer wenn möglich immer geteilt. Die Zubereitungsanleitungen sind außerdemspeziell auf Waste Cooker ausgerichtet und auf die typischen Lebensmittel, die manhäufig in großen Mengen findet.6.1.2. Raum- und Zeitbezug beim Waste CookingDas Waste Diven ist, wie schon erwähnt, eine zeitintensive Beschäftigung. Esmüssen passende Plätze gefunden werden, wo ein Zugang zu den Containernmöglich ist, ohne sich gewaltsam Zutritt verschaffen zu müssen, denn eine der WasteCooking-Regeln lautet: „Wir knacken keine Schlösser“. Dann muss eruiert werden,wann die besten Nächte zum Waste Diven sind, da die Supermärkte beispielsweisebevorzugt an den Vortagen der Müllentleerung aussortieren. Langjährige WasteDiver haben zumeist ihre Stammplätze, die sie gut kennen. Beim Waste Cookingwerden bei den Events Neulinge in die Geheimnisse der besten Diving-Plätzeeingeführt. Andererseits gibt es auch Situationen, wie in St. Pölten beim FrequencyFestival, wo die Waste Cooker ohne lokale Unterstützung auf die Suche gehen. DasMülltauchen hat so den Charakter einer Schatzsuche, bei der man außerdem auchdie eigene Stadt von einer neuen Seite kennenlernt. „(…) jeder hat seine lieblings-spots- und das sind dann oft geheim-tipps- fast wie lieblings-restaurants … (sic!)“(Interview auf: www.studentenkueche.com)Das „Sortiment“ in den Tonnen variiert außerdem je nach Ort, Tag und Jahreszeit. ImSommer verderben besonders die Lebensmittel in der Biotonne und Milchprodukteschneller, im Frühling und Herbst bleiben sie länger frisch.Für raffiniertere Gerichte werden die Leser außerdem vorgewarnt, dass es durchausmehrere Containergänge braucht, um alle Zutaten für das Rezeptzusammenzubekommen: „Suche dir einen Supermarkt deines Vertrauens, warte bisder Laden geschlossen hat und dive die benötigten Zutaten. Lass dir dazu ruhig einpaar Dives Zeit, denn diven macht Spaß.“ Mülltauchen ist also mehr als nur anderseinkaufen, es ist eine Tätigkeit mit Erlebnischarakter. Das „Schmutzige“ oderBefremdliche daran wird umgedeutet, indem Waste Diving als „Subkultur“beschrieben wird, die „salonfähig“ geworden ist. 33
  34. 34. 6.1.3. Waste Cooking – ein Erlebnis für alle SinneJedes Waste Cooking Event ist anders. Fixe Bestandteile jeder Episode sind jedochdas Mülltauchen, Kochen und Essen, meist auch begleitet von musikalischer Live-Untermalung durch die „Waste Queen“, eine Musikerin, die einen passendenSoundtrack für das Waste Cooking produziert hat, mit dem Titel: “That waste isgood”. Bei den gefundenen Lebensmitteln wird in den Episoden neben der optischenPräsentation immer auch über die Menge und den monetären Wert informiert.Die Waste Cooking-Episoden sind durchchoreografierte Erlebnisse, die sich anunterschiedliche gängige Formate von Kochshows anlehnen, wie der nächste Punktgenauer zeigt. Was aber kann der Teilnehmer oder Zuschauer genau erleben, waswird ihm von den Waste Cookern versprochen? „Bei uns seht ihr, wie Müllfachgerecht getaucht, gereinigt, gekocht und stilecht serviert wird.“ Dieseprovozierende Beschreibung weckt ambivalente Assoziationen durch die Verbindungvon Müll im selben Satz mit typischem Vokabular der professionellenNahrungszubereitung. Die Waste Cooker selbst sprachen im Interview diesengesellschaftlich präsenten Widerspruch zwischen Essen auf der einen Seite und Müllauf der anderen Seite an und erklärten, dass sie bewusst diese widersprüchlichenElemente in Verbindung setzen wollten, indem Bekanntes neu interpretiert wurde.Jeder ist mit Lebensmittel in Kontakt, jeder kennt Kochshows. Die Perspektive, die imWaste Cooking gezeigt wird, soll aufrütteln und das intensive Erlebnis, das die WasteCooker selbst beim Blick in die Tonne und beim Zubereiten des Gefundenen haben.Dieses Erlebnis und die damit verbundene Erfahrung wird von den Waste Cookernals erschreckend und begeisternd zugleich beschrieben. Die Tonne öffnet sich undman kann gar nicht glauben, was sich darin alles an einwandfreien Lebensmittelnfindet. Durch die Kochshow kann auch der nicht kopräsente Zuschauer indirekt selbstin die Tonne schauen und die Verwandlung ihres Inhalts in ein verlockendes Menümit nachvollziehen. Das Erlebnisskript, das von den Waste Cookern für die Zuseherder Pilotfolge gegeben wird, lautet deshalb auch: „Lasst Euch diesen “Abfall” auf derZunge zergehen (…)“ Der Teilnehmer an einem Event kann den „Müll“ sogar riechen,anfassen und kosten und so mit seinen eigenen Sinnen deren Frische oderVerdorbenheit überprüfen. Die Waste Cooker erklärten, dass es allen, die bis jetzt mitihnen diese Erfahrung gemacht haben, gleich ergangen sei: die Absurdität derÜberproduktion und Wegwerfgesellschaft wurde beim tatsächlichen Blick in dieTonne plötzlich konkret und praktisch erlebbar. 34
  35. 35. 6.1.4. Das Format: „Kochshow“„Kochsendungen, insbesondere Shows, dokumentieren keine Arbeitsvorgänge,sondern suggerieren schnelle, einfache und kreative Aktivitäten.“ (Bender, 2009, 8)Die Waste Cooking-Episoden entsprechen dem insofern, als die Zeitaufwändigkeitdes Mülltauchens nicht medial vermittelt wird. Tatsächlich erscheint es dem Zusehereher so, als müsste man nur eine beliebige Tonne öffnen um den Überfluss anfrischem Essen mit eigenen Augen sehen zu können. Praktisch ist es so, dass sichoft große Mengen ähnlicher Lebensmittel finden und die Qualität und Quantität starkvariiert. Auch die Schwierigkeit passende Rezepte zu finden, die sich beim WasteDiven durch die oft große Menge ähnlicher Lebensmittel ergibt, wird nicht direktgezeigt. Im Gegenteil, gerade diese fehlende Vorhersehbarkeit wird alserlebnisgenerierend interpretiert: man überlegt nicht, was man kochen möchte undkauft danach ein, sondern man „taucht“ und kocht mit dem, was man findet. Dieherkömmliche Art des Kochens sowohl privat als auch beruflich wird also umgedreht,wie Waste Cooking-Koch Tobias im Interview darlegte. So wies er auch darauf hin,dass sich im Müll oft Lebensmittel finden, die er selbst noch nie eingekauft hatte undes auch nicht tun würde. Beim Waste Cooking lernt man also auch neue Produktekennen und wertschätzen. Für Waste Diver ist Kochen demnach eine kreativeTätigkeit, die Improvisationsvermögen und Eigenaktivität verlangt und geradedadurch auch ihren Erlebnischarakter bekommt. Für die Waste Cooker gilt dies umsomehr, da sie sich in ihren Regeln noch dazu verpflichtet haben, alle Lebensmittel, diesie aus der Tonne mitnehmen, auch zu verwenden. Abgesehen von einigen wenigenZutaten wie Gewürzen oder Öl werden keine anderen Produkte verwendet.In den Episoden zögert der Fernsehkoch nicht, wenn ihm die Waste Diver ihre Fundepräsentieren, sondern liefert unverzüglich einen kulinarisch ansprechendenVorschlag für die Verarbeitung. Auch das Kochen für teilweise sehr viele Personen –beim Secret Waste Cooking Club waren es 60 – wird in der Show von den zeitlichenVorgaben gelöst. So werden die Gerichte teilweise schon vorbereitet, damit derzeitliche Rahmen des Events ohne lange Pausen von statten gehen kann. In derFernsehversion ist dies nicht ersichtlich, das Kochen erscheint als mühelose, Spaßmachende Gemeinschaftsaufgabe, obgleich die Gäste eigentlich kaum mehr machenals Gemüse schneiden und Brote schmieren und das tatsächliche Kochen von einemKernteam erledigt wird. 35
  36. 36. Die unterschiedlichen Episoden zeigen eine inhaltliche Veränderung, die den Fokusvom Privaten ins Öffentliche verlagert und die Trennung zwischen Zuschauer undMitwirkenden immer mehr aufhebt.Die Pilotfolge, zeigt die Initiatoren von Waste Cooking mit schon erfahrenen WasteDivern auf Mülltauch-Tour und anschließend bei einer Kochsession in einerPrivatwohnung und einem gemeinsamen Essen mit Freunden. Dieses Format ähneltKochsendungen wie beispielsweise „Das perfekte Dinner“, die einen einseitigen Blickin eine eigentliche private Situation suggerieren. Der Zuschauer bleibt derunbeteiligte Dritte, der nicht direkt angesprochen wird.In der Episode 1 erfolgt eine Verlagerung in den öffentlichen Raum. Die erste„öffentliche Aktion“ wird durch öffentliches Kochen am Alten Markt in der SalzburgerInnenstadt umgesetzt. Die Zutaten stammen aus Salzburger Mülltonnen und wurdenin der Nacht zu vor „getaucht“. Die fertigen Gerichte wurden Passanten undTouristen zum Verkosten angeboten. Diese Rahmung erinnert an Variationen des„Showkochens“ unter den gängigen Fersehkochshows, wo die Zuschauer oderExperten die Kreationen der Köche verkosten und bewerten. Die Verschwendungwird sinnlich erfahrbar gemacht, indem man Außenstehende dazu einlädt, Essen ausder Tonne zu probieren, das dann auch wirklich geschmacklich gut ist.Die Episode 2 begleitet die Ereignisse während des „Secret Waste Cooking Clubs“,einer scheinbar privaten Party, bei der jedoch jeder, der eine Anfrage über dasWebformular schickt, eine Einladung mit der „geheimen“ Adresse bekommt. Aus inder Nacht zuvor aus den Mülltonnen geholten Lebensmitteln wird beim Secret WasteCooking Club in einem Veranstaltungsraum mit offener Küche im Raum gemeinsammit den circa 60 Gästen ein Menü zubereitet und gemeinsam gegessen. Untermaltwird der Abend von der musikalischen Begleitung durch die „Waste Queen“.In der dritten Episode wird die „alternative Stadttour“, die nachts in Anschluss an denSecret Waste Cooking Club durchgeführte Mülltauch-Aktion an verschiedenenStandorten in Salzburg mit vierzig Gästen gezeigt. Der bekannte Raum der StadtSalzburg wird hier neu gerahmt und die „Gäste“ werden selbst zu Akteuren, die dasWaste Diving praktizieren.In der vierten und bis dato letzten Episode geht es um den „Waste Cooking Brunch“,der zeitlich am Morgen nach der „alternativen Stadttour“ durchgeführt wurde. Ausden ca. 90 kg gefundenen Lebensmitteln wurde neben einem Mitternachtssnack einBrunch für die Teilnehmer zubereitet. Personen zubereitet. 36
  37. 37. Die letzte bis dato durchgeführte Aktion, für die zum Zeitpunkt des Abschlusses derArbeit jedoch noch keine Episode veröffentlicht wurde, fand am 17. August 2012 imRahmen des FM4-Frequency-Festivals in St. Pölten/Niederösterreich statt. DieWaste Cooker kochten vor Ort und luden dann innerhalb einer circa 1,5 Stundendauernden Informationsshow die Festival-Besucher zum Probieren ein. AmVorabend wurden die verwendeten Lebensmittel in St. Pölten aus den Tonnengeholt. Diese Aktion war erstmals vollkommen öffentlich, insofern als sie zuvor mitTreffpunkt und genauer Uhrzeit auf der Website angekündigt wurde und alleInteressierten eingeladen wurden, sich zu beteiligen. Es gab also keine, auch reinformale, Zugangsschranken von Seiten der Initiatoren.Waste Cooking lehnt sich also bewusst an das beliebte Format der klassischenFernseh-Kochshows an, wobei den Teilnehmern mehr Möglichkeiten gebotenwerden, eigene (sinnliche) Erfahrungen zu machen. „Mit dem Müll in Kontakt zukommen“ wird so zur bewusstseinsverändernden Erfahrung.6.2. Die Frische und der Müll beim Waste Cooking6.2.1. Ambivalenz und KontrastierungDie ambivalente Beziehung von Frische und Müll, Sauberkeit und Schmutz, Reinheitund Unreinheit wird von der Waste Cooking Initiative anerkannt und gleichzeitig neudefiniert. Das Spielen mit diesen Gegensatzpaaren zieht sich durch gesamteTextierung und wird auch in Interviews und Selbstbeschreibungen umfassendeingesetzt. Die Begriffe von Frische und Dreck werden aus der reinen Bewertung vonLebensmitteln herausgelöst und auf das System der Lebensmittelverschwendungangewandt: „Der eigentliche Mist ist das System der Verschwendung, dasbuchstäblich zum Himmel stinkt.“ (Hervorhebung durch die Urheber)Das Mülltauchen wird dabei nicht als völlig saubere Angelegenheit dargestellt. Sobleiben die Waste Cooker einerseits bei der gängigen Interpretation von Müll alsetwas „Schmutzigem“, stellen die Thematik jedoch in einen neuen Zusammenhang:„Wir machen uns die Hände gerne schmutzig, weil der eigentliche Dreck der Kauf-und Wegwerf-Wahn ist.“Auch die gängige Differenzierung zwischen reinen und schmutzigen Orten wirdfraglich gemacht, indem auf den nicht passenden Inhalt verwiesen wird. DieLebensmittel in der Mülltonne sind für die Waste Cooker im wahrsten Sinne des 37
  38. 38. Wortes „matter out of place“, nicht weil sie schmutzig wären, sondern weil sie sich aneinem Abfallort befinden: „In den Containern eines Bio-Supermarktes haben wir rund 30 Kilo frische Bio- Lebensmittel gefunden, im Wert von rund 300 Euro. Die Freude über unseren Fund, ist schnell einer großen Ernüchterung gewichen. Die Gesichter sind immer länger geworden, Fassungslosigkeit hat sich breit gemacht. Wer es einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wer selbst einmal Köstlichkeiten aus den Tonnen geborgen hat, der kann nicht mehr wegschauen.“ (Hervorhebung durch die Urheber)Dass es sich ausgerechnet um einen Bio-Supermarkt handelt, wird als weitererKontrast betont, da Bio-Produkte generell als nachhaltig und qualitativ hochwertigeingeschätzt werden.Die Stadt Salzburg wurde bewusst als Drehort gewählt, da dieses laut denInitiatoren ein perfektes Sinnbild für Überfluss, Reichtum und Dekadenz sei. Andiesem so sauberen Ort in die Tonnen zu schauen und das, was verdrängt wird,ans Tageslicht zu befördern, stellt eine weitere Kontrastierung dar, die einenstarken Eindruck hinterlässt, wie mir die Waste Cooker im Interview beschriebenhaben.Frisch und verdorben wird auch über den Zeitbezug dekonstruiert. Immer wieder wirddarauf verwiesen, dass die „frischen“ Produkte, die man kurz vor Ladenschluss imSupermarkt kaufen könnte, sich kurz nach Ladenschluss in der Tonne wiederfindenkönnen, wo sie dann plötzlich Abfall zu sein scheinen: „(…) wir gehen einkaufen, daswird aber surreal mit der zeit, weil die dinge ja 10 minuten später schon im containerliegen können (…)“ (sic!) (Interview auf: www.studentenkueche.com) Waste Cooking-Koch Tobias bemerkt dazu im Interview, dass die Frische der Lebensmittel aus denTonnen in der Praxis gar kein Thema ist. Vieles was sich im eigenen Kühlschrankfindet, ist demnach weniger frisch als die Produkte, die von Supermärkten am Endedes Tages entsorgt werden. Ein Waste Diver erklärt vor der Kamera und denversammelten Teilnehmern des „Secret Waste Cooking Clubs“: „Eine Stunde vorherhätten wir es wahrscheinlich noch ganz normal eingekauft (…) und wir waren halteine Stunde zu spät dran und haben es uns aus dem Müll geholt.“Eine Waste Cooking Episode wird von den Proponenten folgendermaßenbeschrieben: „Die 18 Stunden-Aktion findet ihren krönenden Abschluss. Und zwar imgemeinsamen Zubereiten des frisch getauchten Abfalls, zu einem feinen Brunch 38
  39. 39. (…)“. „Frisch getaucht“ wird in dieser Beschreibung ähnlich wie „frisch gekauft“verwendet – ob aus der Tonne oder aus dem Regal ist gleichgültig.Die Perspektivität von Frische wird betont, wobei gleichzeitig versucht wird, diese„verschobene Perspektive“ gerade zu rücken, indem den Lebensmitteln der ihnen zustehende Wert zurückgegeben wird. „wastecooking ist überall dort, wo der Müll derEinen zum leckeren Essen der Anderen wird.“ (sic!) (Hervorhebung durch dieUrheber) Müll und Essen ist demnach eine Sache der Definition und der Akteure. DerBezug zum Ort, von dem die Produkte stammen, wird jedoch nicht negiert, wie ander Waste Cooking Regel zum Thema Hygiene deutlich wird: „Wir waschen uns nichtnur gründlich die Hände, wir säubern auch unsere „Schätze“, bevor wir sie kochen.“(Hervorhebung durch die Urheber) Dreck, Unsauberkeit und Risiko werden als demOrt und nicht dem Produkt anhaftend vermittelt. So bemerkt ein Teilnehmer des„Secret Waste Cooking Clubs“, nachdem er an einem Stück Brot gerochen hat undabgebissen hat: „Und es riecht sogar gut!“Wie werden die Lebensmittel bei den Waste Cooking Episoden nun optisch undverbal dargestellt und gezeigt? Wird auf deren Frische oder Verdorbenheit verwiesenund wie?Spannend ist der 51 Sekunden lange Teaser, der Lust auf die vollen Episodenmachen soll. Er beginnt mit zwei dunklen Gestalten, die nachts die Straße entlanggehen. Ein Kontrast wird in der nächsten Sequenz gesetzt, in der jemand sich eineblütenweiße Kochschürze umbindet. Die Mülltauch-Szenen werden beim Licht derTaschenlampen gefilmt, ein Käfer kriecht über den Boden und man sieht, wieschwarze Müllsäcke geöffnet und Handschuhe übergezogen werden. Die gezeigtenLebensmittel, die aus den Tonnen geholt werden – volle knackig-roteTomatenpackungen, grüner Feldsalat, der gewaschen wird, schöne große Zwiebel,die geschält werden – sind jedoch einwandfrei. Einige kurze Kochsequenzen späterendet der Teaser mit der Präsentation einer optisch perfekt präsentierten Mahlzeit.Diese Szenen werden in nochmal gekürzter Form zu Beginn jeder Folge gezeigt. DasCharakteristische ist der Kontrast zwischen dunkel – hell, schmutzig – sauber,abstoßend – anregend, Spannung – Genuß.In der Pilotfolge gehen die Waste Cooker mit einem schon erfahrenen Waste Diverauf die erste Tour. Im dunklen Lagerraum der Abfall-Container sieht man nur, wasvom Licht der Taschenlampe erhellt wird. Der Waste Diver fragt seine Begleiter, ob 39
  40. 40. sie den Geruch der Biotonnen wahrnehmen, da der Inhalt aufgrund der großen Hitzewährend der letzten Tage zu gären begonnen habe. Die geläufige Assoziation, dassAbfall stinkt, wird nicht negiert, jedoch relativiert, da er hinzufügt, dass das, was amselben Tag erst in die Tonne gekommen ist, in der Regel frisch ist. Daraufhin holt ereinen schönen Bund goldgelber Bananen mit nur winzigen braunen Stellen hervorund bemerkt: „(…) die Bananen, ich finde das sind genau die Bananen, die eigentlichgut sind …. also vorher möchte ich sie gar nicht essen (lacht)“Die Neudefinition von frisch und nicht frisch wird fortgesetzt, indem das Gute vomVerdorbenen getrennt wird. So wird die verschimmelte Zitrone aus dem Netzgenommen und die restlichen wandern in den Einkaufskarton. Produkte, die Zeichendes Verfalls zeigen, werden jedoch aussortiert, auch wenn theoretisch ein Teil davonnoch genießbar sein könnte. Die Kamera zeigt den Zuschauern vor allem denKontrast zwischen dem „schmutzigen“ Ort und den „frischen“ Lebensmitteln. So wirdwenig in die Tonne hinein gefilmt und bis auf den einen Käfer, der als Stilmittel zuBeginn jeder Folge in einer Szene gezeigt wird, sieht man kein Ungeziefer. Auch derunangenehme Geruch wird bis auf die eine Anmerkung zu Beginn, nicht an denZuschauer vermittelt. Für diesen stellt sich das Mülltauchen als keineswegs„schmutzige“ Tätigkeit dar. Die Bananen werden auch gleich nach dem Waste Divennoch verkostet – der Reifegrad wird als „ideal“ bezeichnet und als „frisch vom Müll“kommentiert. In der Episode 1 holt eine Waste Diverin, nach dem sie schon viele„Schätze“ geborgen haben, ein Stück verschimmeltes Obst hervor und kommentiertdies mit den Worten: „Das ist ja schon fast eine Sensation in dieser Tonne, etwasdas wirklich schlecht ist gibt es auch noch.“Bei der Episode 3, die die große alternative Stadttour zu den besten Waste DivingPlätzen dokumentiert, breiten die Teilnehmer das gefundene Obst und Gemüsesortiert auf dem Boden aus. Die optische Präsentation erinnert an einen Marktstand.In der Küche werden die Produkte dann wie „normale“ Lebensmittel behandelt – eswird jedoch gezeigt, dass sie gründlich gewaschen werden. Die Waste Cookerwerden nicht nur beim gemeinsamen Essen sondern auch beim Verkosten währenddem Kochen gezeigt.Die Umgebung, in der das Waste Cooking stattfindet, bildet ebenfalls einen Kontrastzum Ort des „Einkaufs“. Es handelt sich um helle, moderne, gut ausgestatteteKüchen, beim öffentlichen Kochen am Alten Markt in Salzburg sogar open air.Während der Kochszenen werden immer wieder kurze Sequenzen des nächtlichen 40
  41. 41. Waste Divings eingeschoben, wodurch ein Bezug zwischen den beiden Orten undden dort stattfindenden Handlungen entsteht.Am Alten Markt wurde das frisch gekochte Essen den Passanten angeboten, wobeidiese zum Teil probierten und erst nachdem sie bestätigt hatten, dass es sehr leckerschmecke, aufgeklärt wurden, dass alle Zutaten dafür in der Nacht zuvor aus denMülltonnen geholt wurde. Für den Zuschauer der Kochshow entsteht hier ein weitererKontrast, da gezeigt wird, wie einigen der Esser buchstäblich fast das Essen im Halsstecken bleibt bei dieser Nachricht. So wird die Absurdität der gängigen Trennung infrisch und nicht frisch verdeutlicht.6.2.2. Standardisierung und Expertise – do it yourself beim Frischetest“The Freegan movement seeks to directly counter this system of categorization byinterchanging the meaning of waste and food through both practice and the use ofexpert recommendations.” (Coyne. 2009)Wie auch die Freeganer stellen die Waste Cooker die Standardisierung der Frischedurch Datumsangaben in Frage und auf die Probe. In den Waste Cooking-Regelnheißt es dazu: „Wir kennen den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum(best before) und Verfallsdatum (sell by). Auch wir nehmen nur das Frische, undlassen das Alte liegen.“ (Hervorhebung durch die Urheber) Während dasVerfallsdatum also als Frischeindikator akzeptiert wird, wird die Bedeutung des MHDjener des sinnlichen Urteilsvermögens untergeordnet. Dazu gibt es eine eigeneKurzvideo-Reihe die den Fernsehkoch Tobias beim Produkttest von Lebensmittelnmit überschrittenem MHD zeigt.Als Fernsehkoch nimmt er so die Rolle eines Experten ein, welcher vor neun Tagenabgelaufene Erdbeerjoghurts testet, um zu sehen, ob sie noch genießbar sind. Dazunutzt er seine eigenen Sinne, um die Frische zu überprüfen. So bemerkt er: „Esriecht normal, sieht normal aus, die Konsistenz ist einwandfrei, wie man sich so einJoghurt vorstellt.“ Dann kostet er es und bemerkt, dass es auch geschmacklicheinwandfrei sei. Es folgt eine kulinarisch anregende Beschreibung, die die Früchteals „schön verteilt im Joghurt“ und die Konsistenz als „schön cremig“ beschreibt. Dieserinnert an die ästhetisch überhöhten Beschreibungen von Lebensmittel durchangesehene Sterneköche im Fernsehen. Seine abschließende Bewertungbezeichnet das Erdbeerjoghurt als „Top-Produkt, ein hervorragendes Bioprodukt ausÖsterreich“, auch wenn es abgelaufen ist. Die Frische wurde also durch einen 41
  42. 42. Experten konkurrierend zum MHD anders bewertet. Gleichzeitig gibt dieser einendeutlichen Verweis darauf, dass es keiner besonderen Expertise bedarf, sondernlediglich des Einsatzes der eigenen Sinne, um die Frische bei Produkten mit MHDselbstständig bewerten zu können.Diese Position wiederholt er auch öffentlich, beispielsweise beim Waste Cooking amFM4 Frequency Festival, wo er den Besuchern rät, die eigenen Sinne einzusetzen,um die Frische von Lebensmitteln zu bewerten. Jeder könne demnach durch riechenoder kosten die Unverdorbenheit feststellen und solle sich auf das eigene Urteilverlassen statt sich von Verpackungen täuschen zu lassen.In den Waste Cooking Episoden wird bei verpackten Lebensmitteln wiederholt aufdas MHD hingewiesen, teils um zu demonstrieren, dass die Produkte trotzabgelaufenem MHD noch frisch sind, teils um zu zeigen, dass viele Lebensmittel imContainer landen, die nicht einmal ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. 42

×