Die Türkei, Europa und die Philosophie – Versuch                 einer Näherung7.5.12
    Gibt es historisch ein Interesse der europäischen bzw. deutschen    Philosophiehistorie an philosophischen Diskursen ...
Türkische Philosophie in europäischen Darstellungen    Türkische oder osmanische Philosophie kommt in allgemeinen deutsch...
Türkische Philosophie in Darstellungen aus Deutschland I    Johann Heinrich Samuel Formey: Histoire abrégée de la philoso...
Türkische Philosophie in Darstellungen aus Deutschland II    Jakob Philipp Fallmerayer: Fragmente aus dem Orient (1845, 1...
Türken und Völkerbild I    „Völkertafel“ (1725)              „Philosophie“ kommt nur einmal – als „Welt weis“ vor und wi...
Türken und Völkerbild II    „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798)              Etwa 70 Jahre nach der Völkert...
Türken und Völkerbild III„Orient und Okzident - sechs Gedanken“ (2011)    Der deutsche Philosophieprofessor Harald Seuber...
Osmanische Philosophie in europäischen Darstellungen?Philosophisch ist das Reich der Osmanen für europäische Autoren so gu...
Philosophie in der Türkei in europäischen Darstellungen?Auch die neue, nunmehr dem eigenen Anspruch nach tatsächlich türki...
Westliche Philosophie in türkischen Darstellungen?Allgemeine Darstellungen der Philosophie in türkischer Sprache, ein ents...
Westliche Philosophie in türkischen Darstellungen?„Sagen wir es offen: Die europäische Zivilisation ist eine christliche Z...
Osmanische Philosophie in türkischen Darstellungen?Beispiel I:Bayram Kaya: Türk Felsefe Tarihi. 2005    Thema: eine Geschi...
Osmanische Philosophie in türkischen Darstellungen?Beispiel II:Remzi Demir: Philosophia Ottomanica: Osmanlı İmparatorluğu ...
Entwurf eines philosophiehistorischen WunschzettelsZumindest zu vier Themen würde ich gerne mehr erfahren:    Warum und wi...
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Franz Martin Wimmer:
Die Türkei, Europa und die Philosophie - Versuch einer Näherung
Vortrag gehalten am 7.Mai 2012 am Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK), organisiert von der Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philsophie (WiGiP)

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  • Gelegentlich berichtete Anekdoten wie diejenige (bei Buhle, 1800) über Bajezid II. (Sultan 1481-1512), der einem Gesandten der Medici “Schutz und Freyheit” zum Ankauf von Werken griechischer Philosophen gewährte, weil er “selbst literarische Cultur hatte”, betreffen doch lediglich die Entwicklung des philosophischen Denkens in Italien bzw. Europa, nicht diejenige im osmanischen Reich. Dieses Thema kommt natürlich regelmäßig vor, es betrifft den Transfer griechischer Philosophie nach Italien nach der Eroberung von Konstantinopel 1453. Auch in allgemeinen Darstellungen islamischer Philosophie spielt die osmanische oder türkische Denkgeschichte eine sehr marginale Rolle. So wird das Thema etwa in einem repräsentativen Sammelband zur Philosophie im Islam auf ca. zwei Seiten behandelt (der Rest sind Literaturhinweise) und dabei lediglich auf das Erbe al-Ghazalis hingewiesen, vgl.: Mehmet Aydin: "Turkey." In History of Islamic Philosophy , Hg.: Seyyed Hossein Nasr und Oliver Leaman. (= Routledge History of World Philosophies , 2). S. 1129-33. London: Routledge, 2001. .
  • Vgl. B. Harun Küçuk (unveröff. Vortrag): Enlightened visions of Turkish Philosophy from Samuel Schelwig to Jakob Brucker bei: Graduiertenworkshop „The Well-Connected Domains: Ottoman History in a Transcultural Perspective“. 19. und 20. Dezember 2009 im Sakıp Sabancı Museum, Istanbul. vgl.: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=29753 Im Vergleich zu Schelwig sei Adam Ebert (Pseudonym Aulus Apronius 1656-1735) "a bit better, because he has the benefit of Barthelemy d'Herbelot's book, but naturally, that book is simply a rehashing of Hajji Khalifa's Kashf al-Zunun. Like Schelwig, Ebert is also focusing on the canonical Arabic authors with little knowledge of what is happening in Turkey at the time.” (Küçük, e-mail November 2011)" Herbelot: Barthélemy d’Herbelot de Molainville: Orientalische Bibliothek oder Universalwörterbuch, welches alles enthält, was zur Kenntniß des Orients nothwendig ist. Vol. 2. Halle: Johann Jacob Gebauer, 1787. (frz. EA 1697)
  • MS, 8
  • Die Notizen zur Anmerkung zeigen, dass Kant sich selbst als diesen reisenden Türken sah: ... ich will es auf diese Gefahr doch wohl wagen, die Alten nachzuahmen, welche die Lander nicht nach hergebrachten Nahmen, sondern nach Characteren benannten.**Ich will also (g Nach dieser Art würde ich ) Frankreich das Modenland (g Feindschaft aller Grundsätze ), Deutschland Titelland***, Italien das Land der Ränke Ränkeland (Land der Schlauen ( g Verschlagenen )) † , Spanien Ahnenland nennen †† , Engelland das Launenland nennen. Die Titelsucht zeigt eine Nebenbuhlerey, sich zu unterscheiden, aber zugleich eine Neigung an, die Grentzen von allem, den Rang zu bestimmen, mithin eine Neigung zu Abtheilungen, Methode, Regeln und Ordnung, Abgemessenheit, was steifes und gebundenes. Ahnenland: Nationalstoltz. Alter Gebräuche Ehrwürdigkeit. Aberglaube an alte observanzen. Anhanglichkeit an alten Mährchen. Hoher Geist. (s Düster. Religionspomp und politic. ) (s Wahn; orientalischer Schwulst gegen Nordische Starrköpfe. )
  • Harald Seubert: "Orient und Okzident - sechs Gedanken." In: Sezession , Nr. 40 (2011): 14-17. Vgl. z.B. İlber Ortaylı: Avrupa ve Biz. ( Seçme Eserleri Bd. I). İstanbul: Türkiye İş Bankası Kültür Yayınları, 2007, S. 183f: „ Nimmt man sowohl die Form der Sprachen wie der Provinzen von Westeuropa, so ist sein Eintreten in die Kultur und die Geschichte mit der Invasion Roms und somit direkt mit Italien verbunden. Für den Orient hingegen ist das gar kein Thema. Denn Rom ist in den Orient als Eroberer gekommen. Es ist als Verwalter gekommen und war eigentlich ein bedeutender Friedensstifter, aber zu keiner Zeit zivilisatorisch überlegen, ist also nicht mit einer zivilisatorischen Mission gekommen. Als Rom ankam, gab es hierzulande Schriftkulturen, es gab Zivilisationen, es gab Archive, es gab Götterkulte, die Rom selbst beeinflussten, diese Gesellschaften besaßen eine Identität und Organisation.“
  • vgl. Onur Bilge Kula: Batı Felsefesinde Oryantalizm ve Türk İmgesi. 2. Aufl. İstanbul: İş Bankası, 2010. Johann Gottfried Herder: Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit. Bd. 2, (in: Digitale Bibliothek Bd. 2). Berlin: Directmedia Berlin, 2004. Abschnitt 5: Fremde Völker in Europa, S. 285 (2970): Die Türken, ein Volk aus Turkestan, ist trotz seines mehr als dreihundertjährigen Aufenthalts in Europa diesem Weltteil noch immer fremde. Sie haben das morgenländische |Reich, das über tausend Jahre sich selbst und der Erde zur Last war, geendet und ohne Wissen und Willen die Künste dadurch westwärts nach Europa getrieben. Durch ihre Anfälle auf die europäischen Mächte haben sie dieselbe jahrhundertelang in Tapferkeit wachend erhalten und jeder fremden Alleinherrschaft in ihren Gegenden vorgebeuget: ein geringes Gute gegen das ungleich größere übel, daß sie die schönsten Länder Europas zu einer Wüste und die einst sinnreichsten griechischen Völker zu treulosen Sklaven, zu liederlichen Barbaren gemacht haben. Wie viele Werke der Kunst sind durch diese Unwissenden zerstört worden! Wie vieles ist durch sie untergegangen, das nie wiederhergestellt werden kann. Ihr Reich ist ein großes Gefängnis für alle Europäer, die darin leben; es wird untergehen, wenn seine Zeit kommt. Denn was sollen Fremdlinge, die noch nach Jahrtausenden asiatische Barbaren sein wollen, was sollen sie in Europa?
  • Vgl. Kemal Bozay: Exil Türkei--: ein Forschungsbeitrag zur deutschsprachigen Emigration in die Türkei (1933-1945). Münster: LIT Verlag, 2001. Unter den wenigen Philosophen ist wohl Hans Reichenbach (Istanbul 1934-38) am einflussreichsten gewesen. Über ihn schreibt Bozay S. 47: „ Reichenbachs Aufenthalt in Istanbul dauerte vier Jahre und hatte eine große Bedeutung für die Entwicklung der Philosophie in der Türkei.” Im Vergleich dazu ist Helmuth Plessners Aufenthalt (1933-34) kurz. Die Aufnahme von emigrierten Professoren zwischen 1933 und 1945 ist nach Bozays Untersuchungen keineswegs als Distanzierung der Türkei unter Atatürk und Inönü gegenüber Hitlerdeutschland zu verstehen, sondern als kemalistisch-technokratische Maßnahme im Rahmen der Moderniserung des Landes. Sie wird nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ weitergeführt. Nach 1945 lehren z.B. Arnold Gehlen, Joachim Ritter oder Heinz Heimsoeth, die in Nachkriegsdeutschland zeitweise Lehrverbot haben, zu unterschiedlichen Zeiten an Universitäten der Türkei, vor allem in Istanbul. Die Unterscheidung von Hitler-Gegnern und Hitler-Gefolgsleuten unter den deutschen Professoren, die in die Türkei emigrierten, scheint nicht immer besonders wichtig genommen zu werden. So schreibt z.B. Kaya 200 5, S. 25: „1933'den sonra Hitler faşizminin baskılarından kaçarak Türkiye'ye gelen Reichenbach, Ernst von Aster, W. Krozz, Heimsoeth, J. Ritter, Kessler, Newmark, Ropke, Rustow ve İssac …“ Es dürfte jedoch schwer fallen, aus den Biografien von Heinz Heimsoeth und Joachim Ritter eine Unterdrückung durch den Faschismus herauszulesen.
  • ad 1) Sehen wir z.B. probeweise in den Lehrbetrieb der „theologischen“ Fakultät der Selçuk Universität in Konya, die nicht als besonders westlich orientiert einzuschätzen ist, so gibt es eben auch dort Kurse zu Hegels und Russells Religionsphilosophie. vgl. http://www.ilahiyat.selcuk.edu.tr/?anahtar=felsefe&kategori=3 ad 2) Vgl. z.B. die Kursbeschreibungen im Fach Philosophie an der Bosporus Universität (Istanbul): http://www.boun.edu.tr/Default.aspx?SectionID=537 Hier deutet lediglich der Hinweis auf anonyme „eastern philosophers“ nach einer ganzen Reihe von namentlich Genannten zwischen Platon und Nietzsche im Kurs „Philosophy as a Way of Life“ außer einem Kurs über „History of Islamic Thought“ auf nicht-okzidentale Themen hin. ad 3) Vgl. z.B. die Kursbeschreibungen der Fatih Universität im Erasmus-Programm, ebenfalls in Istanbul: http://erasmus.fatih.edu.tr/?structure,129 Dieses Bild vermittelt auch ein Vorbereitungsbuch zur Aufnahmeprüfung für das Philosophiestudium: Bayram Akbaş, Seyit M. Akyar und Abdullah Yorulmaz: Felsefe. Konu Anlatımlı. İstanbul: Güvender Yayınları, 2009.
  • - Yavu z, Alafrangalığın Tarihi, 215: „Açıkca belirteyim: Avrupa medeniyeti bir Hıristiyan medeniyetidir. … Hıristiyan Avrupalının gözünde Müslüman, 'bizden olmayan'dır, ötekidir...“. Vgl. auch 214: „Avrupa Birliği, bir medeniyet projesidir ve bu projeyi inşa eden temelkoyucu unsurlar vardır. Avrupa medeniyetinin 'öz'ünü oluşturan temelkoyucu ögeler Antik Yunan, Roma ve Hıristiyanlıktır.“ Als säkularer Europäer ist man leicht versucht, einer derartigen Außenbeschreibung zu widersprechen, sollte sich aber vor Augen halten, dass sie weder aus Unkenntnis noch nur vereinzelt getroffen wird, sondern sich offenbar aufdrängt. Ein sehr scharfsinniger Beobachter aus einer ganz anderen Weltgegend hat sich wörtlich gleich geäußert: das Christentum sei die "hartnäckigste Formel Europas …" schreibt Masao Maruyama: Denken in Japan. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988. S. 33. - Cemil Meriç: Umrandan Uygarlığa (“Von der Kultur zur Zivilisation”, zuerst 1974) . Hg.: Mahmut Ali Meriç. 15. Aufl. ( Bütün Eserleri Bd. 7). İstanbul: İletişim, 2002, S. 9: “Bütün Kur'an 'ları yaksak, bütün camileri yıksak, Avrupalının gözünde Osmanlıyız; Osmanlı, yani İslam. Karanlık, tehlikeli, düşman bir yığın!” (dt. von FMW) - Tuncar Tuğcu: Batı Felsefesi Tarihi. Ankara: Alesta, 2000. Zuerst erschien gesondert der Teil über antike Philosophie. Dann ein Buch über Christentum und mittelalterliche sowie Renaissancephilosophie (jetzt Teil 2)Zuletzt zusammen mit Neuzeit (bis Kant) diese Ausgabe. Zentrale These: Die heutige europäische Kultur beruht gänzlich auf dem mittelalterlichen Christentum. Dieses wiederum geht auf die reichskirchliche Konstruktion von Nicaea (Iznit) zurück, wobei alle frühchristlichen "Evangelien" bis auf die vier paulinisch redigierten eliminiert wurden.
  • Ich übergehe hier das erste Kapitel, das unter dem Titel „Tarihsel Perspektif“ 19 geschichtsphilosophische Positionen zwischen Ibn Khaldun und der These vom „Ende der Geschichte“ referiert, die der eigentlich historiographischen Darstellung als Matrix dienen sollen. Das zweite Kapitel („Asyatik Düşünce Biçimi“) behandelt die Frühgeschichte türkischen Denkens in Asien, wobei etwa solche Themen wie die Sprüche von Ergenekon , die Sage der Oghusen oder das Lied von Alp Er Tunga behandelt werden. Im dritten Kapitel („Felsefeleşmiş Düşünce Biçimi“ wird der Weg von der Mythologie zur Philosophie („Mitolojiden Felsefeye“) seit den ersten Schriftzeugnissen („Orhun Yazıtları ve Felsefe“) bis zur Islamisierung beschrieben. Erst mit dem vierten Kapitel („Klasik Felsefî Düşünce Dönemi“) treten türkische Denker von Hacı Bektaş Veli über Yunus Emre bis zum Şeyh Bedreddin auf den Plan. Das fünfte Kapitel („Klasik Dönem sonrası Felsefî Düşünce“) schildert Denker des 16. bis zum 18. Jahrhunderts wie İbni Kemal, Katip Çelebi oder Erzurumlu İbrahim Hakkı. Abschließend beschreibt das sechste Kapitel („Modern Dönem“) Entwicklungen vor allem des 19. Jahrhunderts mit Autoren wie Ziya Paşa, Namık Kemal, Ahmet Cevdet, Ahmet Mithat (Efendi) bis zu Ziya Gökalp und dem Prinzen Sabahattin. Tendenzen:Materialismus durchgehend Abschnitt über "Orhun Yazıtları ve Felsefe" 133: Hatta Yunus Emre mayasında hava ve ateş olanların kötü, toprak ve su olanların iyi olduğunu açımlayarak ilk başlangıçtaki karşıtlığı geliştirip derinleştirir: "Herkes mayasına göredir" der.
  • Demir 2008: In ihrer ersten Phase stand die osmanische Philosophie hauptsächlich unter dem Einfluss der islamisch-arabischen Philosophie (d.h. der Falsafa), in der dritten Phase hingegen vornehmlich unter jenem der westlichen Philosophie. … Jedoch ist es der osmanischen Philosophie mittels des Verfahrens eines stellenweise summarischen oder detaillierten Zitierens, sowie durch Kritik und Forschung gelungen, in die Stufe des Hervorbringens eigenständiger Ansichten überzugehen und die vorliegenden Lehren hinsichtlich der gesellschaftlichen Besonderheiten in eine neue Ordnung zu bringen. Aus diesem Blickwinkel ist hervorzuheben, dass es notwendig sein wird, insbesondere die Werke der Ethik und der Sozialphilosophie ausführlich zu untersuchen. Jene zweite Epoche in welcher das Gedankengut von östlichem und westlichem Denken in einer intensiven Weise im osmanischen Reich aufeinander prallte, ist die „Epoche des Schwankens“. Am Ende dieser Epoche sind die Tore des Modernismus etwas geöffnet, die Grundlehren der Philosophie [und der Wissenschaft] der westlichen Denkweise des 19. Jahrhunderts drangen ein und beherrschten das Denken. Dennoch gelang es sogar in denjenigen Phasen, in welchen die Verwestlichung am intensivsten gelebt wurde [nach dem Prinzip von Reiz und Reaktion], das traditionelle Gedankengut existenziell fortzuführen.
  • a) In der europäischen Philosophiehistorie wurde diese Kontroverse zwischen Hocazade (Mehmets Lehrer, pro Ghazali, und Tusi, Perser, pro Ruschd) nicht zur Kenntnis genommen. 400 Jahre nach Ibn Ruschds „Widerlegung der Widerlegung“ stellt sie einen Meilenstein zur Frage des Verhältnisses von (religiösem) Glauben und Wissenschaft in der Phase der Reichsbildung dar. b) Die türkische Literatur zu Ibn Khaldun, auch über seine osmanischen Kommentatoren, ist umfangreich. Wie weit seine Theorien praktisch-ideologisch wirksam waren, scheint in europäischer Literatur nicht untersucht zu sein. c) Der fehlende Index hängt wohl mit dem fehlenden „Lehramt“ zusammen. Jedoch gab es in Europa auch von Potentaten erlassene Indices. Vgl. zu Österreich: Jean-Pierre Lavandier: Les lois de censure du livre emises par Vienne pour les pays Austro-Bohemiens et les catalogues de livres prohibés, de 1740 à 1792. Vol. I-II, Bordeaux: Université de Bordeaux III, 1983. Der maria-theresianische Index wurde 1777 selbst verboten, vgl. Grete Klingenstein: Staatsverwaltung und kirchliche Autorität im 18. Jahrhundert: Das Problem der Zensur in der Theresianischen Reform. Wien: Verlag für Geschichte und Politik, 1970, S.200ff Demir 2008: „ In den bislang durchgeführten Untersuchungen sind keine ernst zu nehmenden Verbote der Philosophie, ein Verbot der Lektüre oder Lehre von bestimmten philosophischen Thesen oder gar ein „Index verbotener Bücher“ gefunden worden, die von Seiten einer politisch-religiösen Autorität wie dem „Sultan-Kalif“ oder von der Seite des „Scheichülislam”, der höchsten Autorität der Ulema, erlassen worden wären.“ d) In einer Weltgeschichte der Toleranzidee müsste ein solcher Text jedenfalls eine Rolle spielen; m.W. gibt es keine Übersetzung in eine europäische Sprache, vgl. Demir II, 33ff
  • Wimmer tuerkei philosophie europa

    1. 1. Die Türkei, Europa und die Philosophie – Versuch einer Näherung7.5.12
    2. 2.  Gibt es historisch ein Interesse der europäischen bzw. deutschen Philosophiehistorie an philosophischen Diskursen in osmanischer oder türkischer Sprache? Wenn nicht: Wie sehen neuzeitliche deutsche Philosophen osmanische bzw. türkische Verhältnisse generell? Gibt es Besonderheiten in osmanischen oder türkischen Darstellungen westlicher Philosophie im Vergleich zu okzidentalen Darstellungen und/oder zu Darstellungen aus anderen Regionen? Spielt dieses Thema insbesondere in Diskussionen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Europäischen Union eine Rolle? Welches Bild von Philosophie vermitteln neuere Studien über die Geschichte des Denkens im osmanischen Reich bzw. in türkischer Sprache? Wie wird darin der Status dieser Regionalgeschichte der Weltphilosophie im Verhältnis zu anderen Regionalgeschichten, insbesondere zur europäischen, gesehen?7.5.12
    3. 3. Türkische Philosophie in europäischen Darstellungen Türkische oder osmanische Philosophie kommt in allgemeinen deutschsprachigen Darstellungen von Philosophie und von deren Geschichte im 20. Jahrhundert nicht einmal als mögliches Thema vor.  Das war nicht immer so.  Aus dem Schweigen der Philosophiehistorie über das osmanische Reich und die Türkei muss nicht gefolgert werden, dass darüber nichts Wissenswertes zu berichten wäre.7.5.12
    4. 4. Türkische Philosophie in Darstellungen aus Deutschland I Johann Heinrich Samuel Formey: Histoire abrégée de la philosophie (1760)  Le vaste Empire des Turcs paroit navoir encore aucune position à ramener la lumiere dans ce grand nombre de contrées qui lui sont soumises, & où elle brilloit autrefois de léclat le plus vif. Le génie même de leur Religion sy oppose; & la forme du Gouvernement ny est pas plus favorable. Cependant, après la révolution dont la Russie a donné lexemple dans ce siècle, il ne faut désespérer de rien. Samuel Schelwig (1643-1715)  ein im damaligen Polen lebender protestantischer Theologe, beschreibt auf Anregung von Jan Sobieski die Auffassungen türkischer Philosophen, um sie einen nach dem andern zu widerlegen und so den Sieg des Königs vor Wien auch auf diesem Feld zu sichern. (Küçük 2009) Adam Ebert (Pseudonym Aulus Apronius 1656-1735)  Stützt sich auf Barthelemy dHerbelot, behandelt jedoch v.a. islamisch-arabische Philosophen. (Küçük 2009) Tenor: (Fatalistische) Religion und (despotische) Regierungsform hindern freies Denken.7.5.12
    5. 5. Türkische Philosophie in Darstellungen aus Deutschland II Jakob Philipp Fallmerayer: Fragmente aus dem Orient (1845, 1877)  In seiner Beschreibung der Verhältnisse in „Trabezon“ (1845) spricht F. gelegentlich von „türkischen Philosophen - denn auch in der Türkei findet man Leute, die denken und räsonieren ...“; aber wenig Inhaltliches.  Eine interessante Episode findet sich zu Saloniki, wo F. von einem „levantinischen, in Stambul gebornen und des Deutschen gänzlich unkundigen Wechsler“ nach dem Unterschied von Schellings und Hegels System gefragt wird und einem „Kadi aus Janina … der sich mit Metaphysik beschäftigte und wissen wollte, ob man im Lande der Nemtsche auch Ilmi Mantek (Logik) und überhaupt Ilmi Hikmet (Philosophie) treibe“, Auskunft gibt; − ihm habe er Abschnitte aus einem Buch des Hegelianers Michelet übersetzt, wobei der Satz „So hat der Geist, als denkend, die Natur im Rücken und entwindet sich derselben. Das ist aber nur eine einseitige und schiefe Stellung des Geistes zur Natur" dem Kadi besonders wenig eingeleuchtet habe, was F. sarkastisch kommentiert: − „... saget selbst, ob ein Reich bestehen könne, wo man nicht einmal weiss, dass der Geist als denkend die Natur im Rücken habe?“7.5.12
    6. 6. Türken und Völkerbild I „Völkertafel“ (1725)  „Philosophie“ kommt nur einmal – als „Welt weis“ vor und wird als Leistung der Wissenschaft den Engländern zugeschrieben  Beim „Türck oder Griech“ steht an dieser Stelle: „ein falscher Politicus“, beim Deutschen „weltl. Recht“7.5.12
    7. 7. Türken und Völkerbild II „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798)  Etwa 70 Jahre nach der Völkertafel (1798) veröffentlicht Kant seine "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" und skizziert seinerseits Eigenschaften bemerkenswerter Völker. Es sind allerdings weniger: Franzosen, Engländer, Spanier, Italiener, Deutsche. Im Vergleich zur Völkertafel werden von Kant die Schweden und Ungarn nicht genannt, zu Polen, Russen und Türken merkt Kant an: „Da Rußland das noch nicht ist, was zu einem bestimmten Begriff der natürlichen Anlagen, welche sich zu entwickeln bereit wird, Polen aber es nicht mehr ist, die Nationalen der europäischen Türkei aber das nie gewesen sind noch sein werden, was zur Aneignung eines bestimmten Volkscharakters erforderlich ist: so kann die Zeichnung derselben hier füglich übergangen werden.“  Er macht allerdings eine interessante Anmerkung zu dieser Stelle, wie Europa etwa von außen gesehen werden könnte – von einem „reisenden Türken“ (der in den handschriftlichen Entwürfen noch er selbst, Kant ist): „Die Türken, welche das christliche Europa Frankestan nennen, wenn sie auf Reisen gingen, um Menschen und ihren Volkscharakter kennen zu lernen (welches kein Volk außer dem europäischen thut und die Eingeschränktheit aller übrigen an Geist beweiset), würden die Eintheilung desselben, nach dem Fehlerhaften in ihrem Charakter gezeichnet, vielleicht auf folgende Art machen: 1. Das Modenland (Frankreich). - 2. Das Land der Launen (England). - 3. Ahnenland (Spanien). - 4. Prachtland (Italien). - 5. Das Titelland (Deutschland sammt Dänmark und Schweden, als germanischen Völkern). - 6. Herrenland (Polen), wo ein jeder Staatsbürger Herr, keiner dieser Herren aber außer dem, der nicht Staatsbürger ist, Unterthan sein will.“7.5.12
    8. 8. Türken und Völkerbild III„Orient und Okzident - sechs Gedanken“ (2011) Der deutsche Philosophieprofessor Harald Seubert hat 2011 "sechs Gedanken" über das Verhältnis von "Orient und Okzident" veröffentlicht und den Text mit zwei Bildern illustriert, wobei das erste eine "Aktion" darstellt, den Einzug Mehmets II. in Konstantinopel, nach einem französischen Bild des 19. Jahrhunderts Das zweite Bild stellt die „Reaktion“ dar: den Degen des Don Juan bei der Seeschlacht von Lepanto7.5.12
    9. 9. Osmanische Philosophie in europäischen Darstellungen?Philosophisch ist das Reich der Osmanen für europäische Autoren so gut wie ganz eine terra incognita geblieben und auch abgesehen von dieser speziellen Frage sind Aussagen von neuzeitlichen europäischen Philosophen merkwürdig undifferenziert: die „Türken“ bei Leibniz, Voltaire, Rousseau, Herder, Fichte, Hegel, sind ein Typus, keine Individuen; sie sind fanatisch und fatalistisch, wollüstig und grausam, dann aber auch wieder tolerant und feinsinnig. Wenn von ihren Denkleistungen die Rede ist, so kommt außer eigentümlichen Argumenten für einen Schicksalsglauben oder für die Wahrheit ihrer Religion nichts zur Sprache. Außer großen Verwüstungen haben sie für die Europäer zweifach Positives bewirkt, indem sie die griechischen Philosophen nach Italien vertrieben und indem sie durch ihre ständigen Angriffe die Europäer gezwungen haben, sich militärisch zu entwickeln (Herder).Ist also über das Bild westlicher – oder deutscher – Philosophen, das sie sich von einer möglichen Philosophie im osmanischen Reich gemacht haben mögen, vielleicht weiter nichts zu sagen, als dass sich auf Grund von Schweigsamkeit wenig darüber ausmachen lässt?7.5.12
    10. 10. Philosophie in der Türkei in europäischen Darstellungen?Auch die neue, nunmehr dem eigenen Anspruch nach tatsächlich türkische Republik scheint kein besonderes Interesse europäischer Philosophen zu rechtfertigen. Dies auch dann nicht, als nach der Universitätsreform von 1933 unter Atatürk und später Inönü zunächst Emigranten aus Nazideutschland als Professoren kamen und nach 1945, teilweise wieder als Emigranten, aus Nachkriegsdeutschland. Diese Migration ist als Maßnahme innerhalb der Modernisierungspolitik zu sehen. Sie blieben unterschiedlich lang, wirkten teilweise durchaus schulbildend, begründeten Institute und Forschungstraditionen, die bis heute wirksam sind. So wurde deutsche und später auch angelsächsische Philosophie im intellektuellen Leben der Türkei einflussreich, nachdem bereits seit der Zeit der Tanzimat- Reformen französische Philosophie eine große Rolle gespielt hatte.7.5.12
    11. 11. Westliche Philosophie in türkischen Darstellungen?Allgemeine Darstellungen der Philosophie in türkischer Sprache, ein entsprechendes universitäres Curriculum oder Ähnliches in der heutigen Türkei, worin von europäischer Philosophie überhaupt nicht die Rede wäre, dürfte es nicht geben und nie gegeben haben.Umgekehrt gibt es selbstverständlich Curricula der Philosophie, in denen so gut wie ausschließlich okzidentale Philosophie vorgesehen ist.An vielen Universitäten werden neben westlicher Philosophie auch Kurse in arabisch- islamischer bzw. osmanischer Philosophie angeboten. Im Großen und Ganzen dürfte jedoch die weitgehende Gleichsetzung von felsefe mit okzidentaler Philosophie durchaus selbstverständlich sein.Darin unterscheidet sich die Situation in der Türkei kaum von derjenigen im deutschen Sprachraum bzw. in den meisten Regionen der Welt.7.5.12
    12. 12. Westliche Philosophie in türkischen Darstellungen?„Sagen wir es offen: Die europäische Zivilisation ist eine christliche Zivilisation.“ (Hilmi Yavuz, 2009) • Und wenn wir jeden Koran verbrennen, wenn wir jede Moschee abreißen, in der Sicht des Europäers sind wir Osmanen. Osmanisch, also islamisch. Ein finsterer, gefährlicher, feindlicher Haufen. (Cemil Meriç, 1974) • Die heutige europäische Kultur beruht gänzlich auf dem mittelalterlichen Christentum. Dieses wiederum geht auf die reichskirchliche Konstruktion von Nicaea (Iznit) zurück, wobei alle frühchristlichen "Evangelien" bis auf die vier paulinisch redigierten eliminiert wurden. (Tuncar Tuğcu, 2000)7.5.12
    13. 13. Osmanische Philosophie in türkischen Darstellungen?Beispiel I:Bayram Kaya: Türk Felsefe Tarihi. 2005 Thema: eine Geschichte des philosophischen Denkens von SprecherInnen einer Turksprache. Perioden: Die erste Periode umfasst den Zeitraum von ca 1000 vAZ bis um 1000 AZ. Die zweite, klassische Phase, in der islamische, jüdische und antik-griechische Philosophie eine große Rolle spielen, endet mit dem 16. Jahrhundert. Seitdem ist, in der dritten Periode, der Einfluss der westlichen Philosophie zunehmend von Bedeutung. Grundtendenz: materialistisches Denken (vier Elemente, Yunus Emre, Ibn Khaldun) ist durchgehend.7.5.12
    14. 14. Osmanische Philosophie in türkischen Darstellungen?Beispiel II:Remzi Demir: Philosophia Ottomanica: Osmanlı İmparatorluğu Döneminde Türk Felsefesi I-III. 2005-07 Thema: Geschichte des philosophischen Denkens von türkischen Denkern im Osmanischen Reich. Perioden: „Alte (eski) Philosophie“ bis 15. Jh.; „Epoche des Schwankens“ (Bocalama Çagı) oder „Zwischenepoche“ (Ara Dönem) 16.-17. Jh.; „Neue (yeni) Philosophie“ bis 20. Jh. Grundtendenzen: Vorherrschend sind in der ersten Periode metaphysische und logische Fragen (falsafa), in der zweiten Fragen der Staatstheorie und Ethik (mit starkem Einfluss von Ibn Khaldun), in der dritten die Aneignung französischer, englischer und deutscher Philosophie.7.5.12
    15. 15. Entwurf eines philosophiehistorischen WunschzettelsZumindest zu vier Themen würde ich gerne mehr erfahren: Warum und wie wurde die Ghazzali-Ruschd-Kontroverse auf Anregung von Sultan Mehmet II. neuerlich verhandelt? Wie hat Ibn Khaldun gewirkt? Wie hat sich die Tatsache ausgewirkt, dass im Osmanischen Reich kein „Index verbotener Bücher“ existierte und welche anderen Techniken der ideologischen Lenkung gab es? Wie hat Katip Çelebi „33 Jahre vor Lockes Letter Concerning Toleration“ ein allgemeines Toleranzgebot aus der menschlichen Natur begründet und welche Toleranzformen gibt es im osmanischen Reich?7.5.12

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