Neue Zuercher Zeitung                                       28. Juni 2011       Das grosse Geld haben die wenigsten gemach...
Telefonbuch stammen: Flückiger, Minder, Muster, Schär, Schedler, Schweri,Weidmann, Zimmermann usw. In den Häusern wird imm...
Provinz. Weiter nach Norden in das vorgesehene Siedlungsgebiet gab es damals nochkeinen brauchbaren Transportweg über Land...
der Entwicklung von Kunstharzen auch wieder ein. Das erhoffte Paradies im fernenSüdamerika fanden deshalb nur die wenigste...
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  1. 1. Neue Zuercher Zeitung 28. Juni 2011 Das grosse Geld haben die wenigsten gemacht Schweizer Auswanderer in der argentinischen Provinz MisionesHunderte von arbeitslosen Schweizern sind ab 1936 in die argentinischeUrwaldprovinz Misiones ausgewandert. Die Kolonien bestehen bis heute fort.Wirklich reich geworden sind jedoch die wenigsten.Werner Marti, Ruiz de MontoyaIn den Jahren 1936 bis 1938 sind gut 900 Familien oder Einzelpersonen mit finanziellerUnterstützung des Bundes aus der Schweiz ausgewandert, um in der Ferne in derLandwirtschaft ein neues Auskommen zu finden. Sie alle waren durch die schwereWirtschaftskrise arbeitslos geworden. Die Eidgenossenschaft wollte sie auf diese Weisevon der Liste der Bedürftigen streichen. Das entsprechende Gesetz wurde am 20. Juni1936 vom Parlament verabschiedet. Es sah vor, dass als geeignet betrachtete Bewerberein zinsloses Darlehen von maximal 10 000 Franken erhielten, das die Kosten für dieReise, den Kauf von Land, Haus und Geräten sowie die übrigen anfallenden Ausgabenbis zur ersten Ernte decken sollte. Fehlende ErfahrungDie Auswanderer sollten sich in der Fremde eine neue Existenz aufbauen undanschliessend das Darlehen, dessen Laufzeit nicht begrenzt war, zurückzahlen. Siewurden unter den Bewerbern aufgrund ihrer psychischen und physischen Belastbarkeitsowie der Fähigkeit zur Eigenverantwortung ausgewählt. Fast die Hälfte von ihnen -rund 400 - wählte die Urwaldprovinz Misiones im Nordosten Argentiniens alsDestination.Die Schweizer Auswanderer waren weder von ihrer Herkunft noch vom Klima her aufdas neue Leben in Misiones vorbereitet. Sie stammten aus dem Arbeitermilieu oder auskleingewerblichen Betrieben, die wegen der Wirtschaftskrise schliessen mussten. Mitder Bodenbewirtschaftung hatten sie in den allermeisten Fällen keine Erfahrung,abgesehen von einem kurzen landwirtschaftlichen Ausbildungskurs im Tessin, den sieals Bedingung für die Unterstützung durch den Bund absolvieren mussten. Die harteund ungewohnte Arbeit auf dem Lande wurde zudem durch das feuchtheisse,subtropische Klima erschwert.Einer der Orte, in denen sich besonders viele Schweizer niederliessen, ist die damaligeKolonie Línea Cuchilla, die heute den Namen Ruiz de Montoya trägt. Der Ort ist bisheute eine Streusiedlung geblieben. Er wird definiert durch die Landparzellen, diedamals dem Urwald abgerungen worden waren und auf denen die Familien auch ihreHäuser errichteten. Der Ortskern besteht nur aus wenigen Gebäuden, unter anderemdem Schweizer-Klub. Wie eine Fahrt durch das Siedlungsgebiet der damaligenSchweizer Einwanderer zeigt, wird dieses bis heute hauptsächlich von derenNachfahren bewohnt. Die Namen der Anwohner könnten gut aus einem Schweizer
  2. 2. Telefonbuch stammen: Flückiger, Minder, Muster, Schär, Schedler, Schweri,Weidmann, Zimmermann usw. In den Häusern wird immer noch Schweizerdeutschgesprochen, auch wenn bei der jüngeren Generation Spanisch dominiert. Neue Zuercher Zeitung 28. Juni 2011Historische Aufnahme von Schweizer Siedlern in Oberá in der argentinischen ProvinzMisiones. CAMARA DE COMERCIO SUIZO, BUENOS AIRES 52-tägige ReiseEine der letzten Überlebenden der Gründergeneration ist Ruth Keller-Lienhard, die1937 als Zehnjährige nach Línea Cuchilla gekommen war. Sie kann sich noch lebhaft andie damalige Überfahrt und den schwierigen Anfang erinnern. Ihre Familie lebte inBuchs bei Aarau, so erzählt sie auf der Terrasse ihres Hauses. Ihr Vater, der als Wagnerarbeitete, wurde schwer von der Wirtschaftskrise getroffen. Er musste die Werkstattverkaufen und beschloss, mit einem Darlehen des Bundes das Glück in Argentinien zuversuchen. Am Abend des 1. August 1937 traf man sich mit einer weiterenauswanderungswilligen Familie am Bahnhof Olten und bestieg den Zug Richtung LeHavre. «Sozusagen zum Abschied konnten wir von unserem Abteil aus das Feuerwerkzum Nationalfeiertag mitverfolgen», erzählt Ruth Keller. Das Billett für die Eltern,ihren Bruder und sie habe 2500 Franken gekostet, erinnert sie sich, damals ein sehrstolzer Betrag. Inbegriffen waren rund 100 Kilogramm Gepäck pro Person.Von Le Havre ging es mit dem Schiff dann weiter nach Buenos Aires und von dortwieder mit dem Zug nach Posadas, der Hauptstadt von Misiones, am südlichen Ende der
  3. 3. Provinz. Weiter nach Norden in das vorgesehene Siedlungsgebiet gab es damals nochkeinen brauchbaren Transportweg über Land durch den Urwald. Die Auswandererwurden deshalb per Schiff den Río Paraná hinauf zum Hafen Puerto Rico gebracht, wosie am 21. September um Mitternacht schliesslich ihr gelobtes Land erreichten.Während der ersten zwei Wochen hätten sie dort wie die meisten SchweizerEinwanderer im noch heute existierenden Hotel Suizo gelebt, erzählt Ruth Keller.Während dieser Zeit kaufte ihr Vater von einer deutschen Kolonisationsgesellschaft eineUrwaldparzelle von rund 20 Hektaren und bereitete das neue Heim vor.Der Anfang war schwierig. Der Urwald musste von Hand gerodet werden - zu Beginnzwei Hektaren, eine schwere Arbeit, umso mehr als man dies aus der Schweiz nichtgewohnt war. Für solche Arbeiten taten sich in der Regel mehrere Einwandererfamilienzusammen; man half sich gegenseitig aus. Wer über mehr Mittel verfügte, konnte lokaleArbeitskräfte anstellen. Auch das feuchtheisse Klima machte zu schaffen, die tropischenKrankheiten, die Stechmücken und sonstige Insekten, die giftigen Schlangen und andereTiere. Ruth Kellers Vater entwickelte eine Allergie gegen die starke Sonne. Er musstedarauf die Feldarbeit aufgeben und als Schreiner arbeiten. Für die Kinder gab es erstnach zwei Jahren wieder eine Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Doch das Lebenblieb noch lange einfach. Erst 1972 erreichte die Elektrizitätsversorgung das Gebiet, bisdahin hatte man sich mit Generatoren behelfen müssen. Wegzugehen aus der Schweiz,habe ihr nicht viel ausgemacht, meint Ruth Keller, sie sei schon immer abenteuerlustiggewesen. Wenn sie später Heimweh verspürt habe, dann sei sie auf den Dachgiebelgestiegen und habe die sogenannten blauen Berge am Horizont angeschaut, eineHügelkette, die von weitem dem Jura in der alten Heimat gleicht. Sie ist als Einzigeihrer vierköpfigen Familie wieder für einen Besuch in die Schweiz zurückgekehrt. Siemeint, heute könnte sie nicht mehr dort leben. Die Schweiz sei für sie zu wildgeworden. Bei ihrer Ausreise 1937 habe es nur ein einziges Auto im Dorf gegeben. Mit eigenen MittelnVor der Ankunft der sogenannt subventionierten Einwanderer hatte es in Misioneszwischen 1918 und 1930 bereits eine erste Welle schweizerischer Immigration gegeben.Im Gegensatz zur zweiten stammten deren Protagonisten aber hauptsächlich aus derOberschicht und dem Bürgertum. Sie kamen mit eigenen finanziellen Mitteln nachMisiones, teilweise um hier angesichts der unsicheren Zeiten in Europa grössereBeträge in der Landwirtschaft anzulegen. Einige von ihnen waren in Zürich oderLausanne an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ausgebildeteAgraringenieure. Misiones erschien damals besonders attraktiv als Anbaugebiet fürYerba Mate, die Blätter des Mate-Baumes, die für ein im südlichen Südamerikaweitverbreitetes Aufgussgetränk verwendet werden. Der Anbau warf so hohen Gewinnab, dass Yerba Mate auch als grünes Gold bezeichnet wurde. In den dreissiger Jahrenbrachen die Preise wegen Überproduktion ein. 1935 erliess die argentinische Regierungdeswegen ein Verbot von neuen Yerba-Pflanzungen.Die subventionierten Einwanderer, die in den darauffolgenden Jahren unter anderemwegen der Verheissung des grünen Goldes nach Misiones kamen, erfuhren vomAnbauverbot allerdings erst nach ihrer Ankunft. Sie mussten sich neu orientieren undlebten hauptsächlich vom traditionellen Anbau von Maniok, Süsskartoffeln und Maissowie von etwas Viehzucht. Etwas bessere Renditen konnten zeitweise mit Tabak undmit dem Tungölbaum erwirtschaftet werden, doch brach der Markt bei Letzterem nach
  4. 4. der Entwicklung von Kunstharzen auch wieder ein. Das erhoffte Paradies im fernenSüdamerika fanden deshalb nur die wenigsten Einwanderer. Generell gesagt, meintHansruedi Würgler, der langjährige frühere Schweizer Konsul in Misiones, habe amehesten eine Chance zum Aufsteigen gehabt, wer mit eigenen Mitteln nach Argentiniengekommen sei. Aber selbst dann war der Erfolg keineswegs garantiert. Oft machtenUnfälle und Krankheiten einen Strich durch die Rechnung. Von den subventioniertenEinwanderern kamen die wenigsten zu Reichtum. Besonders schwierig hatten esArbeiter und Angestellte. Wer in der Schweiz einen eigenen Betrieb besessen habe,habe eher noch Chancen gehabt zu reüssieren, so Würgler. Nur ein kleiner Teil derstaatlichen Darlehen wurde zurückbezahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden denAuswanderern die verbliebenen Schulden schliesslich ganz erlassen.In den sechziger Jahren eröffnete sich mit der Hochkonjunktur in Europa eine neueVerdienstmöglichkeit für die Schweizer Einwanderer in Misiones. Im Gegensatz zuälteren Schweizer Kolonien verfügten hier auch die Nachkommen der Immigranten inder Regel noch über den Schweizer Pass. Dies machte sie interessant auf demhelvetischen Arbeitsmarkt, wo Arbeitskräfte fehlten und Bewilligungen für Ausländerbegrenzt waren. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zogen zwei Misiones-Schweizer durch Vermittlung einer Kontaktperson nach Rapperswil, um in einemdortigen Industriebetrieb eine Stelle anzutreten. Ihnen folgten weitere nach, und baldwaren Arbeitskräfte aus Misiones in der Region so gesucht, dass sich in der Kleinstadtam oberen Zürichsee ein Argentinier-Klub von mehr als hundert Mitgliedern bildenkonnte. Platz zum AuftankenEin Teil der Misiones-Schweizer entschied sich, definitiv in der alten Heimat zubleiben, andere kehren nach vielen Jahren wieder nach Argentinien zurück, wiederandere arbeiten ein- oder mehrmals temporär in der Schweiz, um nachher das Erspartein Misiones zu investieren. Für die Letztgenannten ist die Schweiz so etwas wie einPlatz zum Auftanken geworden, wo sie ihr oftmals vergleichsweise spärlichesEinkommen aus Misiones aufbessern können. Die Arbeitsbeziehungen zur Schweizhaben dazu geführt, dass ein lebhaftes Beziehungsnetz zur alten Heimat weiterbesteht.Heute leben noch rund 2800 Personen mit dem Schweizer Pass in Misiones. Über dieJahre musste die Eidgenossenschaft eine grössere Anzahl von ihnen, die in soziale Notgeraten waren, finanziell unterstützen. Laut Hansruedi Würgler gibt es heute aber nurnoch fünf Fälle, die Direktunterstützung aus Bern erhalten. Wegen des Spardrucksmusste diese Hilfe stark zurückgefahren werden. Zudem haben die in Misionesgeborenen Schweizer auch den argentinischen Pass, und Doppelbürger werden von derSchweiz nicht unterstützt. Diesen Artikel finden Sie im NZZ E-Paper unter: http://epaper.nzz.ch NZZ Online: http://www.nzz.ch Copyright (c) Neue Zürcher Zeitung AG

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