Eine kurze Einführung in die Antipädagogik Stirners mit einem Hinweis auf die Antipädagogik von Ekkehard von Braunmühl.Von...
vom Einzigen rückt damit in ein neues Gesichtsfeld: er muß aus einem tiefenpsychologischenAspekt her betrachtet werden. Da...
Gegenwart."(11) Würden die primär autonomen Ich-Energien des Kindes nicht blockiert sein, wennalso ihre "Spontanautonomie"...
"Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen undkein Mitgefühl für all die Torhe...
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H. ibrahim türkdogan max stirner und die antipädagogik

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H. ibrahim türkdogan max stirner und die antipädagogik

  1. 1. Eine kurze Einführung in die Antipädagogik Stirners mit einem Hinweis auf die Antipädagogik von Ekkehard von Braunmühl.Von H. Ibrahim TürkdoganIm Vorfeld möchte ich darauf hinweisen, daß dieser kurze Artikel sich lediglich mit Stirners Werk"Der Einzige und sein Eigentum" auseinandersetzt. Seine andere Schriften, z. B. "Das UnwahrePrinzip unserer Erziehung" und "Über Schulgesetze", enthalten teilweise antipädagogischeElemente, auf die ich hier nicht eingehen werde. Diese Elemente sind im Grunde genommen eine"Vorstufe" zum "Einzigen".Der Einzige und sein Eigentum – ein antipädagogisches Poem?In den 1970er Jahren schrieb der Autor Ekkehard von Braunmühl eine Schrift, die er"Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung" genannt hat. Es gibt kaum ein anderesBuch, daß die Formen und den Kern der Erziehung mit aller Konsequenz analysiert und gleichzeitigdas Tor zu einer speziellen Philosophie eröffnete: zur Stirnerschen Philosophie des Nichts. Dieserradikalen und zugleich psychologisch starken und mutigen Schrift liegt "Der Einzige und seinEigentum" von Max Stirner zugrunde. Was Braunmühl in dem antipädagogischen Kontext über dasIch zum Ausdruck bringt, beschreibt Stirner im Zusammenhang des Sein und des Nichts und desvergänglichen Ich.Mit Sicherheit war der Autor des "Einzigen" kein Pädagoge, sowenig er ein Anarchist war. Wirwerden uns im Folgenden das Thema etwas genauer anschauen.Die Etikettierung seiner Philosophie ist wohl einer der großen Irrtümer der philosophischenGeschichte. Und sie ist gleichzeitig ein Zeichen eines psychologischen Defizits der nichtautonomen Ich-Persönlichkeit von Stirners Gegnern- und leider auch manch seiner Anhänger.Im "Einzigen" wird uns ein selbstschaffender, eigenständiger, autonomer, selbstbestimmter und aufnichts reduzierbarer Menschentyp vorgestellt. Ein Urbild des menschlichen Geschlechts, einUrselbst, ja, um es vielleicht verständlicher auszudrücken, ein Urselbst mit voller Bewußtheit tritthier zum Vorschein. Ein Urselbst, das ich hier als den Antipädagogen benennen möchte, sofern mandie Antipädagogik nicht nur als auf die Menschen im Kindes- und Jugendalter eingeschränkteNichterziehung versteht, trifft diese Bezeichnung exakt zu. Daß die Erziehung nicht nur imKindesalter stattfindet, muß nicht besonders erwähnt werden. So ist auch die Antipädagogik einLebensstil, das sich ständig verwirklicht.Die Pädagogik, sagt Braunmühl hat den Anspruch "andere Menschen in ihren Grundstrukturen zuformen, ihnen Ziele der Lebensgestaltung, den Kurs fürs Leben zu setzen, darüber zu bestimmen,was sie als lebenswert betrachten, sie zur Verinnerlichung gleichbleibend dominanterMotivationen zu zwingen, dieser Anspruch ist es, der mit dem Begriff Erziehung gekennzeichnetwird." (1) Stirner formuliert die Erziehung mit konkreteren Beispielen: "Auf eure Pfaffen, Elternund guten Menschen könnt Ihr Euch nicht berufen, denn die werden eben als eure Verführer vonjenen bezeichnet, als die wahren Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut derSelbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und diejungen Köpfe verdummen". (2)Demnach hat die Pädagogik einen seelisch, geistig und sozial versklavten Menschen zur Folge:Einen Menschentyp, der entfernt von seinem Selbst in seinem Schatten lebt. Diesem Menschentyptreten beide Autoren, der Antipädagoge und der Einzige mit dem Urselbst entgegen. Der Begriff
  2. 2. vom Einzigen rückt damit in ein neues Gesichtsfeld: er muß aus einem tiefenpsychologischenAspekt her betrachtet werden. Dann können wir den Grund der Entstehung der fixen Ideen beimMenschen besser erkennen, was uns wiederum erleichtert, das Urselbst zu verstehen. Während diePädagogik eine Fremdbestimmung, eine pädagogisierte Wirklichkeit, ein Scheinselbst, einGeschöpf zur Folge hat, "fordern" der Antipädagoge und der Einzige den pädagogisiertenMenschen zurück zu seiner Person als wirkliches Selbst, als Urselbst. Weder das Urselbst noch derEinzige können mit bloßen Worten beschrieben werden. Doch im folgenden Satz steckt dasGeheimnis: "Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchemer geboren wird". (3) Was ist das schöpferische Nichts, aus dem der Einzige geboren wird?Zunächst einmal zu dem Begriff Urselbst. Das Urselbst ist das Selbst des Säuglings. Und seineSeele "gleicht nicht einem leeren Bauch, in dem alles mögliche einfließen muß, sondern sie istzentrales Organisationsprinzip, Orientierungszentrum und Aktionsquelle, die von Anfang an überprimär autonome Ich-Energien verfügt". (4)Diese Urenergien, auch Vor-Ich genannt, werden durch die Erziehung geformt, gelenkt, unterdrückt,zivilisiert, asozialisiert. Erst durch die Verinnerlichung der aufgezwungenen Lebenswerte, alsoNormen, Projektionen usw. bekommen die Menschen ihre Pflichten und Berufung und schließlichverlieren sie ihre Echtheit ganz oder teilweise und werden zu Bürgern, zu frustrierten Vollstreckerihrer eigenen Energien. Sie stecken nur noch in ihren menschlichen Ideen und Ideologien. Ob sie"Anarchisten" oder "Polizisten" werden, "macht tiefenpsychologisch gesehen keinen bedeutsamenUnterschied." (5) Stirner, der auch einst in Ideen bzw. Ideologien sein Selbst gesucht, aber nichtgefunden hat, wollte durch die Eigenheit sein Urselbst zurückerobern. Peter Sloterdijk hat imfolgenden Zitat mit einer einfachen und klaren Formulierung vom Einzigen unsere Fragebeantwortet, auch wenn er selbst zu einem anderen Ergebnis kommt. Er sagt: "Der Einzige lernt inseinem Mannesalter, sich von seinen inneren Fremdprogrammierungen abzustoßen, so daß er siezugleich hat und nicht hat, sie also als ihr freier Herr und Besitzer behält".(6) Einst mit autonomerIch-Energien verfügtes Urselbst ohne Bewußtheit durchlebt eine Selbstfremdung durch dieErziehung und erst im Mannesalter gewinnt es sein Urselbst mit Bewußtsein und ohneFremdprogrammierungen wieder. Das ist der Sinn des Einzigen.Der Einzige geht davon aus, daß der Mensch von sich aus frei, autonom und spontan ist, deshalbbedarf er keiner Normen, Gesetze, durch die er sich "sozialisieren" sollte, um eventuell ein guteroder ein wahrer Mensch zu werden. Er bedarf also keiner Erziehung, durch die er zu einem Ziel (z.B. ein guter Bürger oder Anarchist) kommen muß. Braunmühl sagt sogar, "nimmt man desMenschen soziale Natur, sein Angelegtsein auf menschliche Gemeinschaft, ernst, ergibt sich geradeaus dieser anthropologischen Prämisse die Möglichkeit, Erziehung zu negieren."(7) Hierzu sollteman folgende zwei Zitate vergleichen. Zunächst Braunmühl: "... Erziehung zur Autonomie, zurSpontaneität. Diese Erziehungsziele sind allgemein anerkannt und überall festgelegt ... Seispontan! - und Sei autonom! -Paradoxien bilden den (keinen nicht-krankhaften Ausweg mehrzulassenden) Kern moderner Pädagogik. Die Entselbstung wird perfektioniert. Kinder werden nichtmehr einfach naiv-autoritär herumkommandiert, sie werden pädagogisch gefördert."(8) DieseParadoxie beschreibt Stirner folgendermaßen: "Nun könnte man dem Menschen zurufen: gebraucheDeine Kraft. Doch in diesem Imperativ würde der Sinn gelegt werden, es sei des Menschenaufgabe,seine Kraft zu gebrauchen. So ist es nicht."(9) Man sieht, wie weit Braunmühl von StirnersPhilosophie Gebrauch macht. Und weiter heißt es bei Stirner: "Darum nun, weil Kräfte sich stetsvon selbst werktätig erweisen, wäre das Gebot, sie zu gebrauchen, überflüssig und sinnlos."(10)Der Antipädagoge und der Einzige sind sich einig, daß der Mensch zu nichts berufen ist und wederden Gesetzen noch Geboten gegenüber zum Gehorsam verpflichtet ist. Um ein "wahrer Mensch" zuwerden, muß er erst gar nicht erzogen werden. "... Ich bin von Haus "wahrer Mensch". Mein erstesLallen ist das Lebenszeichen eines "wahren Menschen" ... "Nicht in der Zukunft, ein Gegenstandder Sehnsucht, liegt der wahre Mensch, sondern daseiend und wirklich liegt er in der
  3. 3. Gegenwart."(11) Würden die primär autonomen Ich-Energien des Kindes nicht blockiert sein, wennalso ihre "Spontanautonomie" nicht verhindert, sondern respektiert werden sollten, und würde mandas Kind nicht zu irgend welchen Zielen erziehen, "kann man durch die Anerkennung des primärenAutonomieanspruchs von vornherein mit Kindern auf menschlich solidarischer Basis leben (stattsich ein Lernziel Solidarität zumuten zu lassen)."(12) Die Spontaneität und die Autonomie werdenvon Braunmühl sowie von Stirner als zwei wichtige, ja sogar Grundelemente des menschlichenZusammenseins gesehen im Hinblick auf die Entwicklung bzw. Bewußtwerdung des eigenen Ich.Eine spontanautonome Existenzform kann also nur realisiert werden, wenn die Autonomie nicht alssekundäre Eigenschaft, die erst durch Erziehung erzielt werden muß, sondern als Eigenschaft vonAnfang an akzeptiert wird. Diese Akzeptanz erfordert folglich eine Nichterziehung, Nichtmoral undNichteinmischung in das Leben anderer Menschen. In diesem Zusammenhang spricht dieBraunmühlsche Antipädagogik im Umgang mit Kindern und Erwachsenen von einem Nicht-Handeln. "Das positive Nicht-Handeln im Sinne der Nichteinmischung in die innerenAngelegenheiten von Kindern, das andere Menschen in Ruhe lassen und ihnen und uns eineChance geben ist nun definitiv schon die zentrale Aussage der Antipädagogik".(13)Dieses Nicht-Handeln erinnert uns an die Aussage von Lao Tse, der durch Nicht-Tun das Selbstbzw. das Sein zu definieren pflegte. Nicht-Tun heißt nicht, nichts tun, sondern die Dinge (das Sein)so zu lassen, wie sie sind und handeln, ohne handeln zu müssen. Folgende zwei Weisheiten von LaoTse geben uns das wieder, was Stirner weiter unten sagen wird: "Der Weg bleibt immer im Zustanddes Nicht-Tuns, und doch gibt es nichts, das ungetan bliebe." Oder "Ist man beim Nicht-Tunangekommen, bleibt nichts ungetan."(14) Lesen wir hierzu die oben angegebenen zwei Zitate (9und 10) von Stirner und ergänzen dieses noch: "Die Blume folgt nicht dem Berufe, sich zuvollenden, aber sie wendet alle ihre Kräfte auf, die Welt, so gut sie kann, zu genießen und zuverzehren, d.h. sie saugt so viel Säfte der Erde, so viel Luft des Äthers, so viel Licht der Sonne ein,als sie bekommen und beherbergen kann."(15)Und nun, noch ein letzter Blick auf die Problematik der Autonomie und der Spontaneität, der unsalsbald zum Schlusse dieses Artikels führen soll. Um diese beiden Grundelemente desmenschlichen Existierens wieder zu beleben, ins Leben zu rufen, ihnen ihre ursprüngliche Inhaltezu geben, kann die Antipädagogik diesen Entwicklungsprozeß erleichtern und fördern. "Der Einzigeund sein Eigentum" beginnt mit einer Entwicklungspsychologie des Menschen, studiert undanalysiert ihn in all seinen komplizierten psychischen Gegebenheiten, Gewohnheiten undEigenschaften und bietet eine Art radikale Psychoanalyse, um es in Braunmühlscher Spracheauszudrücken, eine Antipsychopädagogik. Diese kann die Überwindung der Gespenster, der fixenIdeen, des inneren Polizisten, des inneren Pfaffen im Jugend- und Erwachsenenalter beschleunigen.Sie bedeutet jedoch nicht die Heranbildung eines Menschen nach einem bestimmten Muster oderHinführung des Menschen zu Idealen, die den Menschen zu "seiner Berufung", zu einem "wahrenMenschen" führen soll. Nein. Anstatt den Menschen zu spalten in Ich und fixe Ideen oder ihn zuentselbsten, wie die Pädagogik es geschickt tut, kann die Antipsychopädagogik ihm seineindividuelle, persönliche, eigene Einheit ermöglichen, wodurch er sein eigenes Urselbstgefühl,seinen Instinkt oder auch seine Intelligenz ausschöpfen kann. Hier sei ein letzter Punkt erwähnt, indem den Antipädagogen vorgeworfen wird, die Entwicklung und das Heranwachsen des Kindes seiihnen völlig gleichgültig, da sie sich in die Angelegenheiten des Kindes nicht einmischen. Stirner,der von Anfang bis Ende seines Buches immer wieder die Wichtigkeit der Antipädagogik zumAusdruck bringt, greift den moralischen Einfluß der Erwachsenen vernichtend an. Beenden wirdiese kurze Einführung mit Stirners Worten, die den angesprochenen Vorwurf entlarven: "Wenn ichjemanden zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe ich keinenmoralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Dunicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirstbeten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren usw. ..., so ist der moralische Einfluß fertig; einMensch soll da ... demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden ..."(16)
  4. 4. "Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen undkein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt undfaselt; ... Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft derGespenster zu Ende."(17)Fußnoten:(1) Ekkehard von Braunmühl: Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung, BeltzVerlag, Weinheim und Basel, 3., korrigierte Auflage 1980, S. 78.(2) Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Reclam, Stuttgart 1981, S. 179.(3) ebenda, S. 412. – (4) Braunmühl, a. a. O., S. 157.(5) ebenda, S. 159.(6) Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp 1983, Band 1, S. 194.(7) Braunmühl, a. a. O., S. 167.(8) Braunmühl, a. a. O., S. 153.(9) Stirner, a. a. O., S. 366.(10) ebenda, S. 367. – (11) ebenda, S. 367.(12) Braunmühl, a. a. O., S. 167.(13) ebenda, S. 104.(14) Lao Tse: Tao-Te-King, Diogenes 1990, S. 37 und 48.(15) Stirner, a. a. O., S. 366.(16) Ebenda, S. 88.(17) Ebenda, S. 89.Dieser Artikel erschien erstmals in: DER EINZIGE. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-ArchivsLeipzig. Nr. 1/2000.

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