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Niccolò Riccardi erteilt am                                                                 3.2.1623 Approbation          ...
Annotation vom 25.2.1616                                       Protokoll vom 26.2.1616                       Protokoll vom...
G 3 und der AtomismusPietro Redondi veröffentlichte 1983 eine völlig neue Einschätzung des Galilei-Prozesses, nach der ihn...
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  1. 1. FAU-Proseminar: Die Copernicanische Wende – Ein Motiv zur Entstehung derneuzeitlichen Naturwissenschaft, 11. Sitzung, Fr 13.01.12, Pierre LeichChronologie der Konfrontation von Galileo Galilei und derkatholische Kirche anhand von Dokumenten Audienz 1611 bei Papst Sidereus Nuncius (Sternenbotschaft), Paul V. sowie Feierlichkei- Venedig 1610 ten des römischen Jesuitenkollegiums Anfrage Kardinal Bellarmins vom 19.4.1611 an das römi- schen Kollegium über die Wesenheit „der neuen astronomi- schen Entdeckungen eines vortrefflichen Mathematikers“ Gutachten von Christoph Clavius, Christoph Grienberger, P. Malcotio und P. Lembo attestiert am 24.4.1611 Galilei – ohne seinen Namen zu nennen – die Wahrheit seiner astro- nomischen Entdeckungen. Christoph Scheiner, TresBrief vom 21.12.1613 an Epistolae De MaculisCastelli, dass die Heilige Istoria e Dimostrazioni intorno alle Macchie Solari (Geschichte und Erklärung der Sonnenflecken), Solaribus, 1612Schrift nicht wörtlich aus-gelegt werden dürfe und Rom 1613ihr in mathematischen Dis-kussionen der letzte Platzeinzuräumen sei. Predigt von Tommaso Aufgrund einer Abschrift des Briefes an Castelli macht der Caccini vom 4. Advent Dominikanerpater Niccolò Lorini am 7.2.1615 den Präsiden-In einem Sendschreiben ten der Indexkongregation, Kardinal Sfondrati „mit der Sach- 1614 in Florenz überan die toskanische Groß- lage bekannt“.herzogin-Witwe Christina „galileische Männer".di Lorena aus dem Jahr1615 befasst sich Galilei Schreiben von Bellarmin an Foscarini vom 12. April 1615, in dem die hypothetische Annahmeerneut mit der Abgrenzung der Erdbewegung für unbedenklich erklärt wird. Apodiktische Rede widerspreche jedoch dervon Theologie und Natur- Schrift. Gäbe es einen Beweis für den Heliozentrismus, müssten wir bei Auslegung der Schriftwissenschaft. lieber sagen, wir verständen einzelne Stellen nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde, aber im Zweifelsfall soll man die Schrift nicht verlassen.Galilei schickt Kardinal Sachverständige prüfen Bericht vom 25.2.1616 überOrsini unterm8.1.1616 die aufgrund eines Dekrets päpstliche Anweisung, GalileiAusarbeitung eines Vor- vom 19.2.1616 die Schrift zu ermahnen, die Meinung auf-trags über seine Gezeiten- zugeben, dass die Sonne dastheorie, aus der der ‘vierte über die Sonnenflecken und erklären am 24.2.1616 Zentrum der Welt, aber die ErdeTag’ des Dialogo hervor- einzelne Passagen für töricht sich bewege; falls er sichging. Eine Abschrift erhält und absurd in der Philoso- weigere, solle ihm befohlenim Mai 1618 Erzherzog phie und formell ketzerisch werden, dass er ganz undLeopold von Österreich. (Sonne als Zentrum) bzw. gar sich enthalte, eine solche irrig im Glauben (Erde ist in Meinung zu lehren, zu vertei- doppelter Bewegung). digen oder zu besprechen.Protokoll vom 26.2.1616, Protokoll der Kongregation Eine Bescheinigung vonGalilei sei befohlen wor- vom 3. März 1616 über den Kardinal Bellarmin vom 26.den, die Meinung, daß die Bericht von Bellarmin, dass Mai 1616 bestätigt, GalileiSonne das Zentrum der Galilei ermahnt wurde, die Das Dekret der Indexkon- habe weder abgeschwo-Welt und unbeweglich sei, Meinung, die Sonne sei das gregation vom 5. März ren, noch sei er bestraftdie Erde hingegen sich be- Zentrum der Himmelskugel 1616 suspendiert De Re- worden; ihm sei lediglichwege, aufzugeben und und unbeweglich, die Erde volutionibus von Coperni- das Indexdekret bekannt-dieselbe fernerhin weder hingegen beweglich, auf- cus und verbietet alle gemacht worden.in irgendeiner Weise fest- zugeben und dass er sich Schriften, die Heliozen-zuhalten, noch zu lehren dabei beruhigt habe; wei- trismus als wahr und nichtoder zu verteidigen durch terhin wurde ihm das mit der heiligen Schrift wi-Wort oder Schrift. Indexdekret mitgeteilt. dersprechend darstellen. Das Monitium vom 15. Mai 1620 regelt die Verbesse- rungen der Schrift De Revolutionibus.Orazio Grassi, Libra Discorso delle comete di Mario Guiducci fato da lui nella Accademiaastronomica ac philo- Fiorentina nel suo medesimo consolato, Firenze 1619sophica, Florenz 1619
  2. 2. Niccolò Riccardi erteilt am 3.2.1623 Approbation Gunstbezeugungen von nach einer lobenden Er- Urban VIII. für Galilei in klärung vom 2.2.1623. sechs Audienzen 1624; lobendes Attest vom 8.6.1624 an Ferdinando II. Il Saggiatore (Der Goldwäger), Rom 1623 de’ Medici.Offener Brief an Fran-cesco Ingoli, Rom 1624 Anonyme Anzeige wegen Gutachten von Pater Urban VIII. erlaubt Galilei Widerspruch des Atomis- Giovanni de Guevaras bei einer Audienz am 18. mus mit Sessio XIII, Kan. 2, Mai 1630 hypothetischeChristoph Scheiner, Rosa des Konzils von Trient. Diskussion des Coperni- canischen Systems (Brief Galileis vom 18.5.1630).Ursina sive Sol,Bracciano 1626-30. Mitte 1630 erfolgt eine be- Imprimatur vom 11.9.1630 dingte Freigabe durch Übertragung der Verant- wortung für Approbation in Florenz durch den Ge- Niccolò Riccardi. durch Riccardi an den Flo- neralvikar des Erzbi- rentiner Inquisitor vom 21. schofs, Pietro Nicolino, Mai 1631; Mitteilung päpst- und den GeneralinquisitorBriefwechsel mit Elia licher Bedingungen. Clemente Egidio. Am 12.9.Diodati, Geri Bocchineri, folgt die Zustimmung desBenedetto Castelli, großherzoglichen Zen-Federico Cesi u.a. Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo, sors Niccolò dell’ Altella. Tolemaico e Copernicano (Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme), Florenz 1632 Eine Denkschrift der Vorbereitungs- Am 23. September 1632 ordnet der kommission formuliert die Belastungs- Papst die Vorladung an, die am 1. Okto- momente, insbesondere die Übertretung ber 1632 durch den Inquisitor in Florenz des Befehls vom 26.2.1616. Galilei mitgeteilt wird.Beim 1. Verhör am 12.4. Im 2. Verhör am 30. April Zum 3. Verhör am 10. Mai Beim 4. Verhör am 21. Juni1633 kann sich Galilei an gesteht Galilei Mehrdeutig- legt Galilei eine Verteidi- 1633 erklärte Galilei, erkein Sonderverbot von keiten des Dialogo ein und gungsschrift vor, in der er habe nach der Entschei-1616 erinnern; daher gab schlägt vor, zwei weitere das bisher Gesagte wie- dung der Oberen die ver-er der Zensur keine Kennt- Tage hinzufügen, um die derholt; er glaubt sich er- dammte Lehre nie wiedernis davon; er könne aller- zugunsten der falschen neut nur dem Dekret unter- für wahr gehalten. "Imdings nicht mit Bestimmtheit und verurteilten Lehre worfen. Zu seiner Entlas- tung legt er das Zeugnis übrigen bin ich in Ihrensagen, dass die Worte „auf vorgebrachten Gründe mit Händen, tun Sie, wie Ih-irgendeine Weise“ nicht ge- der äußersten Kraft zu wi- von Kardinal Bellarmins im nen beliebt."fallen seien. derlegen. Original vor.Am 17.4.1633 bestätigten Am 16. Juni ordnet derInquisitionsräte, Galilei Papst an, Galilei sei überhabe die Meinung von der seine Motive für den Dia-Bewegung der Erde und logo unter Androhung derdem Stillstehen der Sonne Tortur zu befragen, underörtert bzw. festgehalten wenn er standhaft bliebe,und verteidigt bzw. gelehrt. sei er aufzufordern, vor der Kongregation des HeiligenRegelmäßige Depeschen Offiziums zu schwören undvon Francesco Niccolini zu Gefängnis nach Gutdün-an Bali Andrea Cioli vom ken zu verurteilen.15.8.1632 bis 3.12.1633.Am 22. Juni 1633 wird Galilei vom Inquisitionstribunal we- In der Abschwörungsformel verflucht Galilei die im Urteilgen Übertretung des als erfolgt betrachteten Sonderverbots genannten Irrtümer und Ketzereien. “Ich Galileo Galilei habezu förmlichen Kerker verurteilt. Er habe sich darüberhinaus abgeschworen und eigenhändig unterzeichnet.”der Ketzerei schwer verdächtig gemacht, da er im Dialogoeine Meinung als probabel hinstellt, von welcher erklärt wor- Abschriften des Urteils und der Abschwörformel werdenden war, sie widerspreche der Hl. Schrift. Die Druckerlaub- an alle apostolischen Nuntien und Inquisituren gesandt mitnis sei erschlichen worden. Der Dialogo wird verboten. der Aufforderung, beides in öffentlicher Versammlung in An- wesenheit von Gelehrten zu verlesen. Am 23.6.1633 wandelt der Ein Dekret vom 30.6.1633 Papst die Gefängnisstrafe ordnet die Verlegung nach in eine Verbannung in die Siena an. Villa des Großherzogs von Toskana auf Trinita de Niccolini benachrichtigt Monti bei Rom um. Galilei am 3.12.1633 über päpstliche Erlaubnis, sich sofort nach Arcetri bege- ben zu dürfen. Am 9. März 1638 erlaubt Discorsi e dimostrazioni mathematiche intorno à due Generalinquisitor, Pater nuove scienze attenenti alla mechanica e i movimenti locali (Unterredungen und mathematische Demonstratio- Fanano, die Verlegung nen über zwei neue Wissenszweige), Leiden 1638 nach Florenz.
  3. 3. Annotation vom 25.2.1616 Protokoll vom 26.2.1616 Protokoll vom 3.3.1616 Attest von Kardinal Bellarmin über päpstliche Anweisung über die Ermahnung über Kongregationssitzung vom 26.5.1616 Bellarmin solle Galilei vor sich Bellarmin habe Galilei vor sich Bellarmin habe Galilei ermahnt rufen und ermahnen („moneat“) gerufen und ermahnt („monuit“) („monitus“) die Meinung aufzugeben, die irrtümliche Meinung seine Meinung aufzugeben dass die Sonne das Zentrum der aufzugeben („deserat“) („deserendam opinionem“), Welt und unbeweglich und die dass die Sonne das Zentrum Erde in jährlicher und täglicher der Sphären und unbeweglich, Bewegung sei die Erde aber beweglich sei („ad deserendas dam oponem“) „et  successive“ Galilei sei lediglich das Index- und vorgeschrieben, die Mei- dekret bekanntgemacht wordennein falls er sich weigern würde nung, dass die Sonne das („publicata“), demzufolge die dem („si recusaverit parere“), Zentrum der Welt und unbeweg- Copernicus zugeschriebene ja lich sei, die Erde hingegen sich Lehre, dass die Erde sich um die  bewege, völlig aufzugeben Sonne bewege und diese im solle ihm befohlen werden, dass („omnino relinquat“) Mittelpunkt der Welt stillstehe, im er sich völlig enthalte, eine und dieselbe weiterhin weder in Widerspruch zur Schrift stehe solche Meinung irgendeiner Weise („qovis mõ“) („sia contraria alle Sacre … zu lehren („docere“), … zu lehren („doceat“), Scritture“) und weder … zu verteidigen („defendere“) oder … zu verteidigen („defendat“) … verteidigt („difendere“) … zu behandeln („tractare“) oder … noch festgehalten („tenere“) … festzuhalten („teneat“) werden kanndoch sofern er sich nicht anschicke ansonsten genau   solle er eingekerkert werden werde das heilige Offizium gegen („carceretur“) ihn vorgehen Galilei beruhigte sich und Galilei habe sich beruhigt versprach zu gehorchen weiterhin wurde ihm das Dekret der Indexkongregation mitgeteilt S. 304f. S. 305 S. 198 S. 200
  4. 4. G 3 und der AtomismusPietro Redondi veröffentlichte 1983 eine völlig neue Einschätzung des Galilei-Prozesses, nach der ihn gerade die Anklage wegen Copernicus-Sympathie vor demKetzerei-Vorwurf bewahren sollte.Redondi fand ein G 3 genanntes Dokument, in dem vermutlich ein Pater anfragt, wiesich einige Aussagen im Saggiatore zu Festlegungen des Konzils von Trient verhalten. DasSchreiben zitiert ausführlich und geschickt aus Aristoteles’ De anima 428b-429a undaus dem Saggiatore und legt nahe, dass die Substanz-Akzidenz-Lehre desSaggiatore nicht vereinbar ist mit der Verwandlung der Substanz von Brot und Weinin die Substanz des Leibes und Blutes Christi „vere, realiter et substantialiter“ (Dekret883 des Tridentinums). Da ich in den vergangenen Tagen das Buch des Herrn Galileo Galilei mit dem Titel Saggiatore gelesen habe, bin ich dazu gelangt, eine Lehre zu erwägen, die schon von den Alten gelehrt und von Aristoteles höchst wirksam widerlegt wurde und die nun von selbigem Herrn Galilei erneuert wird; und da ich sie vergleichen wollte mit der wahren und unanzweifelbaren Regel der offenbaren Glaubenslehren, so fand ich heraus, daß selbige Lehre im Lichte jener Erleuchtung […] falsch erscheint oder auch – was mir nicht zu entscheiden ansteht – sehr schwierig und gefährlich derart, daß derjenige, welcher sie für wahr annimmt, später nicht zögern und unsicher sein möge in viel schwierigeren Fragen. […] Der vorgen. Autor will in dem zitierten Buch auf Bl. 196 Z. 29 jene Aussage erklären, die Aristoteles vielmals machte, daß die Bewegung die Ursache der Wärme sei; und er will sie weiter für seinen Vorsatz zurechtbiegen, und so unternimmt er es, zu beweisen, daß die Akzidentien, die man gemeinhin Wärme, Geruch, Geschmack etc. nennt, nichts anderes als reine Vokabeln sind und nur im empfindenden Körper des Lebewesens sind, das sie verspürt. […] So behauptet er, die Akzidentien, die unsere Sinne wahrnehmen und die Geschmack, Geruch, Farben etc. heißen, seien weder Subjekte noch das, wofür man sie gemeinhin hält, sondern einzig in unseren wahrnehmenden Sinnen, so wie der Kitzel nicht in der Hand, der Feder ist, die zum Beispiel über die Fußsohle streicht, sondern einzig im wahrnehmenden Sinnesorgan des Lebewesens. […] Der Autor fährt fort, seine Doktrin zu erklären und verwendet viel Geschick darauf, zu beweisen, daß diese Akzidentien im Gegensatz stehen zum Objekt und Gegenstand unserer Wahrnehmung. Und wie man auf Bl. 198, Z. 12 sieht, erklärt er es mit den Atomen des Anaxagoras oder des Demokrit, die er Teilchen oder kleinste Partikeln nennt, und darin, so behauptet er fortgesetzt, lassen sich auch die Körper auflösen; im Verhältnis zu unseren Sinnen aber durchdringen sie unsere Substanz, und ganz nach den unterschiedlichen Arten der Berührung und der unterschiedlichen Formen jener Teilchen, ob sie nun glatt oder rauh, hart oder nachgiebig sind, und danach, ob es viele oder wenige sind, stechen sie uns in unterschiedlicher Weise und gehen in größerer oder kleinerer Teilung durch uns hindurch, und zwar entweder zu unserem Leidwesen oder zu unserem Gefallen. Dem taktilen Empfinden als dem gegenständlichsten und körperlichsten Sinn entsprechen, so behauptet er, Erdteilchen, dem Geschmack diejenigen des Wassers – und sie werden von ihm flüssig genannt –, dem Geruch entsprechen die kleinsten Teilchen aus Feuer – und er nennt sie Feuerteilchen –, dem Gehör entsprechen die der Luft; dem Gesicht ordnet er das Licht zu, von dem er vorgibt, nur sehr wenig zu wissen. Und auf Bl. 199, Z. 25 faßt er zusammen, daß es nichts anderes in den gemeinhin als mit Geschmack, Geruch usw. versehenen Körpern bedarf, welche in uns die Gerüche und den Geschmack erwecken, als Größe und verschiedene Formen; und daß Gerüche, Geschmack und Farben nirgends sonst sind als in unseren Augen, Nasen und auf unseren Zungen, so daß, nähme man diese Organe fort, sich die Akzidentien allein nach dem Namen von den Atomen unterscheiden.
  5. 5. Wenn man nun annimmt, diese Philosophie sei wahr, dann dünkt mich, können die Akzidentien, die im Hlg. Sakrament von der Substanz getrennt sind, wohl schwerlich existieren. Denn dort kommen die Begriffe und Gegenstände des taktilen Empfindens, des Gesichtssinns, des Geschmackssinns usw. vor; nach jener Theorie wird man sagen, daß hier die kleinsten Teilchen der ursprünglichen Substanz, die unsere Sinne aktivierte, verbleiben, die, wie das Anaxagoras sagte und wie es auch unser Autor auf Bl. 200, Z. 28 zu behaupten scheint, substantiell sein soll, dann folgt daraus, daß im Sakrament substantielle Teile von Brot und Wein sind, und das ist ein Irrglaube, den das Heilige Konzil von Trient in der Sessio XIII, Kanon 2 verurteilt hat.1Da beim Saggiatore nicht zu leugnen ist, dass eine anti-aristotelische Korpuskellehremit Konsequenzen für die Auffassung von Substanz und Akzidens vertreten wird,macht dieser atomistische Materialismus nach Redondi auch den eigentlichen Kernder Anzeige gegen den Saggiatore aus. Nach der Materielehre des Saggiatoreberuhen aber die Wahrnehmungen auf kleinsten Partikeln der Substanz, und auchnach der Wandlung sind es diese Substanzpartikel der Hostie, die die gleichgebliebene Wahrnehmung auslösen – eine vom Tridentinum mit dem Bann belegteAussage.Einen „vielversprechenden Ansatz zur Skizzierung eines veränderten Galilei-Bildes“sieht Christian Thiel, da eine Reihe unverstandener Umstände im neuen Lichtplausibel erscheinen:Galilei war immer noch der offizielle Wissenschaftler des Papstes, er wird nach derAnzeige nicht wie andere dem Heiligen Officium überstellt, sondern direkt dem Papstund seiner von Kardinal Francesco Barberini geleiteten Kommission. Nicht wegender Gewogenheit des Papstes, aber auch nicht wegen dessen besondererGekränktheit – die Person war in den Hintergrund getreten. Man hatte einst gegenGalilei erhobene schwere Anklagen wegen Häresie auf fragwürdige Weiseversanden lassen, nun lag erneut eine Anklage wegen Häresie vor. Wäre der Fall vordas Heilige Offizium gekommen, hätte dort Kardinal Borgia als Gegner des Papstesseine Chance zur Entfachung eines Skandals sicher wahrgenommen. Der Fall warkeine Affäre der Person Galilei, sondern eine Staatsaffäre. „Hätte es sich gezeigt,dass der offizielle Wissenschaftler des Papstes ein verdächtiger Ketzer gegen denrechten Glauben war, dann wäre das ein Skandal gewesen“2. Der Fall durftekeinesfalls vor das Heilige Officium kommen, daher die Einsetzung einerSonderkommission des Papstes. Diese sollte den Fall schnellstens aus der Weltschaffen: Anklage nicht wegen irgendeiner Häresie, sondern wegen Verletzung einesGebots (nämlich des Verbots der Erörterung des Copernicanischen Weltbildes); wohlzum Nutzen Galileis, aber keineswegs aus besonderer Rücksicht auf ihn, sondernallein auf das Ansehen und den Einfluss des Heiligen Stuhles bedacht.1 Lat. Manuskript aus dem Archiv der Heiligen Kongregation für Glaubensfragen, Rom, Serie Acta et Documenta (AD), Vol. EE, ff. 292r u. v, 293r; Übersetzung nach Pietro Redondi, Galilei, der Ketzer, München 1991 (erstmals erschienen als Galileo Eretico, Torino 1983), S. 336-337.2 Pietro Redondi, Galilei, der Ketzer, München 1991, S. 260.

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