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  1. 1. FAU-Proseminar: Die Copernicanische Wende – Ein Motiv zur Entstehung derneuzeitlichen Naturwissenschaft, 1. Sitzung, Do 20.10.11, Pierre Leich_________________________________________________________________„Copernicanische Wende“Mit dem Schlagwort ‘Copernicanische Wende’ verbanden alle Generationen einerevolutionäre Veränderung der Denkart. Die prominenteste Stelle findet sich 1787 beiImmanuel Kant. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas über Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.1Eine entsprechende Passage bei Copernicus findet sich im Anschluss an dasArgument, dass der Beobachterstandort nicht ohne Einfluss darauf ist, wie uns eineBewegung erscheint: Aus diesem Grund halte ich es vor allem für notwendig, sorgfältig das Augenmerk darauf zu lenken, welches die Lage der Erde zum Himmel ist, damit wir nicht, indem wir das Höchste erforschen wollen, was uns am nächsten ist, übersehen und auf dem Weg des gleichen Irrtums, was zur Erde gehört, den Himmelserscheinungen beilegen.2Worten Lichtenbergs eine zweitausendjährige Geschichte des Irrtums siegreich„Mit Vernunft und Geometrie bewaffnet“ hat der Frauenburger Domherr nach denbeendet.3 Eigentlich sagt aber alles dieses nur so viel: jene Lebensbeschreibungen enthalten keine Zeichnungen für das Auge. Aber auch keine mit Worten für Phantasie und Verstand? Dieses wäre unmöglich gewesen, zumal in dem Leben des Copernicus, dessen Hauptverdienst gerade darin bestund, daß er, mit Vernunft und Geometrie bewaffnet, in dem großen Kampfe, den der Irrtum von aller Macht des sinnlichen Scheins unterstützt, gegen zweitausend Jahre mit der Wahrheit glücklich bestanden hatte, endlich durch einen entscheidenden Schlag den Sieg auf die Seite der letztern lenkte.4Der Aufsatz »Nicolaus Copernicus« erschien erst 1800, nach Lichtenbergs Tod, imPantheon der Deutschen, III, abgedruckt in Vermischte Schriften (1844), V, 151-243. 21 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Aufl. B XVI, (1781) 1787.2 Nicolaus Copernicus, Über die Umläufe der Himmelskreise, 1. Buch, Kap. 4; zitiert nach der Ausgabe von Hans Günter Zekl, Nicolaus Copernicus: Das neue Weltbild, Hamburg 1990, S. 97f.3 Nicolaus Copernicus, in: Pantheon der Deutschen, I-III, Chemnitz 1794-1800, III, S. 7 (separate Paginierung) (z.B.: Leipzig, Friedr. Gotthold Jacobäer 1800) (= G. Chr. Lichtenberg, Gesammelte Werke, I-II, ed. W. Grenzmann, Baden-Baden 1956, II, S. 447).4 Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe, Dritter Band, Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts - Kapitel 12, hg. v. Wolfgang Promies, München (Carl Hanser Verlag) 1972, S. 140f.
  2. 2. Auch Goethe hat die Lehre des Copernicus beeindruckt und er bemerkt um 1810: Doch unter allen Entdeckungen und Überzeugungen möchte nichts eine größere Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht haben, als die Lehre des Kopernikus.5 Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht haben, als die Lehre des „Doch unter allen Entdeckungen und Überzeugungen möchte nichts eine größere Copernicus. Kaum war die Welt als rund anerkannt und in sich selbst abgeschlossen, so sollte sie auf das ungeheure Vorrecht Verzicht tun, der Mittelpunkt des Weltalls zu sein. Vielleicht ist noch nie eine größere Forderung an die Menschheit geschehen, denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die Überzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens, kein Wunder, daß man dies alles nicht wollte fahren lassen, daß man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahnten Denkfreiheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte.“6Goethe ist offenbar der irrigen Annahme, die Kugelgestalt der Erde habe sich erstkurz vor Copernicus durchgesetzt.Bei Nietzsche finden wir:„Ist nicht gerade die Selbstverkleinerung des Menschen, sein Wille zur Selbstver-kleinerung seit Kopernikus in einem unaufhaltsamen Fortschritte? Ach, der Glaubean seine Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangfolge der Wesen ist dahin –er ist Thier geworden, Thier, ohne Gleichnis, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinemfrüheren Glauben beinahe Gott („Kind Gottes“, „Gottmensch“) war. … Seit Koperni-kus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene gerathen – er rollt immer schnellernunmehr aus dem Mittelpunkte weg – wohin? in’s Nichts? in’s ’durchbohrende Gefühlseines Nichts’?“7Bei Freud schließlich heißt es: im Weltall und schien in guter Übereinstimmung mit seiner Neigung, sich als den Herrn „Die zentrale Stellung der Erde war ihm aber eine Gewähr für ihre herrschende Rolle dieser Welt zu fühlen. Die Zerstörung dieser narzistischen [sic] Illusion knüpft sich für uns an den Namen und das Werk des Nik. Copernicus.“8Unter der Begriffsprägung der drei „Kränkungen der Menschheit“ stellt sich Freud mitCopernicus und Darwin in eine Reihe. In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit derPsychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 sieht er den Widerstand gegen diese Ansichtendarin begründet, dass durch den „Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheitverletzt worden sind.“ Die erste Kränkung beschreibt er wie folgt:5 Johann Wolfgang von Goethe, Die Schriften zur Naturwissenschaft, Bd. 6: Zur Farbenlehre. Historischer Teil, Vierte Abteilung (Sechzehntes Jahrhundert), bearbeitet von Dorothea Kuhn, Weimar 1957, S. 133; auch in: Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, Werke XL, S. 185.6 Johann Wolfgang von Goethe, Zur Farbenlehre, Historischer Theil I, IV. Abtlg., Sechzehntes Jh., 2. Zwischenbemerkung, WA II,3, 213f. (1810) (= Rupprecht Mathaei u.a. (Hrsg.): Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft. Hermann Böhlaus Nachf., Weimar 1951, Vollständige mit Erläuterungen versehene Ausgabe herausgegeben im Auftrage der Deutschen Akademie der Naturforscher, Sechster Band: Zur Farbenlehre, Historischer Teil, Ergänzungen und Erläuterungen, 1959).7 Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, Leipzig 1887; auch: III, 25, KSA (= Kritische Studienausgabe) 5, 404.8 Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1899), hg. v. Alexander Mitscherlich u.a., Bd.1, Frankfurt/M. 1969; auch in: Gesammelte Werke, Band XI, Frankfurt a.M.
  3. 3. Der Mensch glaubte zuerst in den Anfängen seiner Forschung, daß sich sein Wohnsitz, die Erde, ruhend im Mittelpunkt des Weltalls befinde, während Sonne, Mond und Planeten sich in kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen. Er folgte dabei in naiver Weise dem Eindruck seiner Sinneswahrnehmungen, denn eine Bewegung der Erde verspürt er nicht, und wo immer er frei um sich blicken kann, findet er sich im Mittelpunkt eines Kreises, der die 4 äußere Welt umschließt. Die zentrale Stellung der Erde war ihm aber eine Gewähr für ihre herrschende Rolle im Weltall und schien in guter Übereinstimmung mit seiner Neigung, sich als den Herrn dieser Welt zu fühlen. Die Zerstörung dieser narzißtischen Illusion knüpft sich für uns an den Namen und das Werk des Nik. K o p e r n i k u s im sechzehnten Jahrhundert. Lange vor ihm hatten die Pythagoräer an der bevorzugten Stellung der Erde gezweifelt, und A r i s t a r c h von Samos hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert ausgesprochen, daß die Erde viel kleiner sei als die Sonne und sich um diesen Himmelskörper bewege. Auch die große Entdeckung des K o p e r n i k u s war also schon vor ihm gemacht worden. Als sie aber allgemeine Anerkennung fand, hatte die menschliche Eigenliebe ihre erste, die k o s m o l o g i s c h e , Kränkung erfahren.9Nach der „b i o l o g i s c h e n Kränkung des menschlichen Narzissmus“ führt ihn seinGedankengang schließlich zur Behauptung „daß d a s I c h n i c h t H e r r s e i i ns e i n e m e i g e n e n H a u s . Sie [zwei vorher genannte beiden Aufklärungen zumTriebleben der Sexualität und seelischen Vorgängen] stellen miteinander die dritteKränkung der Eigenliebe dar, die ich die p s y c h o l o g i s c h e nennen möchte.10„Kaum ein anderes historisches Individuum spielt im propagandistisch artikuliertenSelbstverständnis des neuzeitlichen Denkens eine derart entscheidende Rolle wieKopernikus.“ Sein Name hat sich mit einem vernünftigen, zuverlässigen undungeheuer erfolgreichen Neubeginn des Denkens verbunden zu haben. „Und dochtäuschen derartige Bemerkungen über den wahren Charakter der Kopernikanischen‘Revolution’ nur hinweg; wie so oft folgt auch hier die Bewußtseinsgeschichte, dieGeschichte der deutenden Inanspruchnahme historischer Daten, anderen Wegen alsdie sehr viel schlichtere Wissenschaftsgeschichte, in die Kopernikus zunächst einmalgehört.“119 Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V (1917). S. 1-7; hier 3f. Zuerst in ungarischer Sprache abgedruckt in der Zeitschrift »Nyugat«, herausgegeben von H. Ignotus, Budapest 1917.10 Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V (1917), S. 7.11 Jürgen Mittelstraß, Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie, Berlin/New York 1970, S. 136.

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