5 Sechs Vignetten
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brauche im Augenblick etwas, das mir hilft, mich selbst zu
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aber meine Familie zeigte mir, daß ich meinen eigenen Gefühlen
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scheinlich entdecken, daß sich ein Teil ihrer Wut gegen ihre
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Rogers1980a

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Rogers1980a

  1. 1. 5 Sechs Vignetten Am meisten lerne ich gewöhn­ lich aus kleinen, aber intensiven Erlebnissen, die Licht auf bestimmteAspekte meinesTuns werfen. Sieveranschaulichenin lebendiger Weise manche der abstrakteren Konzepte des perso­ nenzentrierten Ansatzes. Häufig schreibe ich sie nieder, um sie als Erinnerung aufzubewahren oder um sie den Mitbeteiligten zur Verfügung zu stellen. Sechs solche Erlebnisse habe ich hier aufgezeichnet, diezwaruntereinander sehrverschiedensind, von denen aberjedeseinebestimmteIdee oderIdeenveranschaulicht. Es sind lauter wahre Geschichten, dennoch haben sie auch märchenhafte Elemente an sich. Jede war und ist für mein eigenesWachstum bzw. für mein Vertrauen in mein eigenes Tun überaus wertvoll. Im Mittelpunkt der ersten Geschichte, »Ich begann, mich zu verlieren«, steht der Brief einerjungen Frau, die ihre Erfahrun­ gen in der Therapie beschreibt. Ich kenne weder diejunge Frau noch ihren Therapeuten. Aber ihr Bericht enthält in einem einzigen Brief eine ganze Fundgrube vonErkenntnissenüber die Einzeltherapie. »Die Höhle« ist ein ungemein persönlicher Bericht darüber, wie sich das Erlebnis der inneren Leere zu einem bereichernden und beglückenden Erlebnis wandeln kann, wenn es angenom­ men wird. Dieser ebenfalls in Briefform gehaltene Bericht bezieht sich auch auf eine therapeutische Einzelbeziehung. »Nancy trauert« berichtet über einen Vorfall, der in meinem Gedächtnis immer lebendig bleiben wird und in den meine Tochter undNancy und mehrere andereTeilnehmer einesgroßen personenzentrierten Workshops verwickelt waren, der derFörde­ rung persönlichen Wachstums und dem Aufbau einer Gemein­ schaft dienen sollte. »Zusammen sein« ist ein besonders gut dokumentierter Bericht über die langfristigen Wirkungen einer Encounter­ Gruppe. Ich habe kürzlich mit Kollegen über die vielfältigen Belege gesprochen, die wir in Form von persönlichen Briefen und Kontakten besitzen und die ein Licht auf die oft sehr nachhalti- 108 gen Wirkungen selbst von Wochenendgruppen werfen. Hier handelt es sich um einen Fall, bei dem diese Wirkungen anhand einer Reihe von »Schnappschüssen« vorgeführt werden können, beginnend mit der ursprünglichen Erfahrung einer Workshop­ Teilnehmerin bis hin zu einem Brief, den ich neun Jahre später von ihr erhielt. »Der Wachmann« ist eines von mehreren faszinierenden Bei­ spielen für die Energien, die beim Aufbau einer Gemeinschaft erzeugt werden. Wir beeinflussen Menschen, die gar nicht in unmittelbarem Kontakt zu dem Workshop stehen, in uns noch unbekannter Weise. Die Geschichte »Der Wachmann« ist ein eindeutiges Beispiel dieses Einflusses. »Ein Workshop für Kinder« führt uns in die harte Realität zurück. Abgesehen von dem aufschlußreichen Bericht, wie Kin­ der auf ein personenzentriertes Klima reagieren, kommt darin klar der erschreckende Widerstand zum Ausdruck, der sichjeder Lebensform in den Weg stellt, welche die Konventionen und insbesondere die etablierten Machtstrukturen bedroht. Für mich ist dieses Kapitel wie ein frischer Blumenstrauß in verschiedenen Farben und Aromen. Er setzt sich aus all den verschiedenen Bereichen zusammen, die wir in diesem Buch berühren: die Merkmale einer persönlichen Beziehung, das innereErlebnisderVeränderung, dieAuswirkungeneinerinten­ siven Gruppenerfahrung, die therapeutische Funktion der Gemeinschaft, die Lichtstrahlen, die von einem Workshopausge­ hen und die Dinge auf unerwartete Weise erhellen. Beim Pflük­ ken dieses Straußes bin ich durch den ganzen Gartengewandert. Diesen im Laufe vieler Jahre gepflückten Strauß, der mir viel Freude bereitet hat, überreiche ich Ihnenjetzt. 1. »Ich begann, mich zu verlieren« Lieber Herr Dr. Rogers, ich weiß nicht, wie ich Ihnen erklären soll, wer ich bin, oder warum ich Ihnen schreibe. Lassen Sie mich so viel sagen, daßich gerade Ihr BuchDieEntwicklung derPersönlichkeitgelesenhabe und daß es einen großen Eindruck auf mich machte. Ich habe es eines Tages zufällig in die Hand bekommen und begonnen, es zu lesen. Dies ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, denn ich 109
  2. 2. brauche im Augenblick etwas, das mir hilft, mich selbst zu finden. Ich habe das Gefühl, daß ich nicht viel für andere tun kann, solange ich mich nicht gefunden habe. Ich glaube, daß ich mich zu verlierenbegann, alsichnoch inder High Schoolwar. Ichwollte immer einenBeruf ergreifen, der mir Gelegenheit geben würde, Menschen zu helfen, aber meine Familie sträubte sich dagegen und ich dachte, sie müßten wohl recht haben. Vier oder fünfJahre lang ging allesglatt, zumindest für die anderen, bis vor etwa zweiJahren. Ich lernte einenjungen Mann kennen, der mir ideal erschien. Aber vor etwa einemJahr sah ich mir unsere Beziehung etwas genauer an und erkannte, daß ich genau so war, wie er mich haben wollte und nicht so, wie ich eigentlich bin. Ich bin immer temperamentvoll gewesen und hatte starke Gefühle. Ich konnte sie nie auseinanderhalten und identifizieren. Mein Verlobter sagte immer zu mir, ich sei eben einfach verrückt oder einfach glücklich, und ich stimmte ihm zu und beließ es dabei. Dann, als ich mir unsere Beziehung einmal näheranschaute, wurde mirbewußt, daß ich wütend war, weilich nicht meinen wahren Gefühlen folgte. Ich zog mich vorsichtig aus dieser Beziehung zurück und versuchte herauszufinden, wo all die Stücke geblieben waren, die ich verloren hatte. Nach einigen Monaten des Suchens wurde mir klar, daß da viele Stücke waren, mit denen ich nichts anzufangen wußte und die ich nicht einordnen konnte. Ich begab mich zu einem Psychologen in Behandlung und gehe auch jetzt noch dorthin. Er hat mir geholfen, Teile von mir zu entdecken, von denen ich nichts gewußt hatte. Manche Teile sind nach den Maßstäben unserer Gesellschaft schlecht, aberichhabeentdeckt, daßsie für mich sehr gut sind. Seitich bei ihminBehandlungbin, fühle ich mich einerseits bedrohter und verwirrter, andererseits aber auch erleichtert und selbstsicherer. Ich erinnere mich insbesondere an einen bestimmten Abend. Ich hatte an diesem Tag wie üblich meine Sitzung bei dem Psychologen gehabt und war mit einem Gefühl der Verärgerung nach Hause gekommen. Ich war ärgerlich, weil ich über etwas hatte reden wollen, aber nicht daraufkam, was es war. Gegen acht Uhr abends war ich so erregt, daß ich Angst bekam. Ich rief ihn an, und er sagte, ich solle so bald wie möglich zu ihm in die Praxis kommen. Als ich bei ihm war, weinte ich mindestens eine 110 Stunde lang, und dann kamen die Worte. Ich weiß immer noch nicht, was ichallessagte. Daseinzige, wasichweiß, ist, daß so viel Schmerz undZorn aus mir herausbrachen, von derenExistenz ich gar nichts gewußt hatte. Ich ging nach Hause und es schien mir, als ob ein Fremder von mir Besitz ergriffen hätte und als ob ich halluzinierte, wie die Patienten, die ich im psychiatrischen Krankenhaus gesehen habe. Ich fühlte mich auch weiterhin so, bis mir eines Abends, als ich so dasaß und nachdachte, klar wurde, daß dieser Fremde jenes Ich war, nach dem ich gesucht hatte. Ich habe bemerkt, daß mir die Menschen seit jenem Abend nichtmehr so fremd erscheinen. Es kommt mir sovor, alsbeginne das Leben eben erst für mich. Ich bin im Augenblick allein, aber ich habe keine Angst, und ich muß auch nicht immer etwas tun. Es gefällt mir, mich kennenzulernen und mich mit meinen Gedanken und Gefühlen anzufreunden. Und darum habe ich auch gelernt, mich über andere Menschen zu freuen. Insbeson­ dere ein älterer Mann, der sehr krank ist, gibt mir das Gefühl, sehr lebendig zu sein. Er akzeptiert jeden. Vor einigen Tagen sagte er zu mir, ich hätte mich sehr verändert. Er findet, ichhätte begonnen, mich zu öffnen und zu lieben. Ich glaube, daß ich die Menschen immergeliebt habe, und ich sagte ihm das. Erantwor­ tete: »Haben sie das gemerkt?« Ich glaube, ich habe meine Liebe ebensowenig gezeigt wie meinen Zorn und meinen Schmerz. Unter anderem wird mir jetzt bewußt, daß ich nie allzuviel Selbstachtung hatte. Und jetzt, da ich lerne, mich wirklich zu mögen, finde ich endlich Frieden in mir selbst. Ich danke Ihnen für den Anteil, den Sie daran haben. Lassen Sie mich em1ge der zentralen Sätze paraphrasieren, welche die in diesem Brief geäußerten Gefühle und Einstellun­ gen besonders gut zusammenfassen. Anhand dieser Aussagen werde ich versuchen, eine allgemeine Erklärung des Persönlich­ keitswachstums und psychischer Veränderung zu geben. Ich habe mich verloren. Diejunge Frau leugnete ihre eigenen Erlebnisse und deren Bedeutung, und sie entwickelte ein Selbst, das sich von ihrem wahren, erlebten Selbst unterschied; dieses wurde ihr immer unbekannter. Meine Erfahrung sagte mir, welchenBeruf ich ergreifen wollte, 111
  3. 3. aber meine Familie zeigte mir, daß ich meinen eigenen Gefühlen nicht vertrauen konnte. Dieser Satz macht deutlich, wie ein falsches Selbstkonzeptaufgebaut wurde. Weil sie die Deutungen ihrer Eltern als ihre eigene Erfahrung akzeptierte, begann sie schließlich, ihrem eigenen organismischen Erleben zu miß­ trauen. Siewäre kaumimstandegewesen, dieWertvorstellungen ihrerEltern in diesem Bereich zu introjizieren, wenn sie nichtauf eine lange Erfahrung des Introjizierens der elterlichen Werte hättezurückgreifenkönnen. Je mehr sie ihren eigenenErfahrun­ gen mißtraute, desto mehr nahm ihr Selbstwertgefühl ab, bis sie schließlich mit ihrem eigenen Erleben wie auch mit sich selbst kaum mehr etwas anfangen konnte. Alles ging glatt, zumindest für die anderen. Was für eine enthüllende Aussage! Natürlich war für diejenigen, die sie zu erfreuen suchte, alles in bester Ordnung. Dieses Pseudo-Selbst war genau das, was sie wollten. Nur in ihrem eigenen Inneren, in einer tiefen und unbekannten Schicht, blieb ein vages Mißbe­ hagen. Ich war genau so, wie er mich haben wollte. Auch hier ließ sie ihr ganzes eigenes Erleben nicht ins Bewußtsein dringen - bis zu dem Punkt, an dem sie kein eigenes Selbst mehr hatte, sondern ein Selbst zu sein versuchte, das ein anderer sich wünschte. Schließlich rebellierte mein Organismus, und ich versuchte, mich wiederzufinden, aber ohneHilfe schaffte ich es nicht. Warum rebellierte sie schließlich und schaute sich die Beziehung zu ihrem Verlobten näher an? Man kann diese Rebellion nur der Selbstverwirklichungstendenz zuschreiben, die so lange unter­ drückt gewesen war, sich aberschließlich doch durchsetzte. Weil sie ihrem eigenen Erleben jedoch so lange Zeit mißtraut hatte und weil das Selbst, nach dem sie lebte, in so krassem Gegensatz zu den Erfahrungen ihres Organismus stand, konnte sie ihr wahres Selbst nicht ohne fremde Hilfe rekonstruieren. In Fällen, woeinesogroßeDiskrepanz besteht, istoft Hilfe von außennötig. Jetzt entdecke ich meine Erfahrungen - von denen manche in den Augen der Gesellschaft, meiner Eltern und meinesFreundes schlechtsind, während ich sie für mich alle gut finde. Den Ort der Bewertung, der früher in ihren Eltern, ihrem Freund und ande­ ren gelegen hatte, verlegt sie jetzt wieder in sich zurück. Sie ist jetzt die Instanz, die über den Wert ihrer Erfahrungen entschei- 112 det. Sie ist das Zentrum des Bewertungsprozesses, und das Beweismaterial wird von ihren eigenen Sinnen geliefert. Die Gesellschaft mag eine bestimmte Erfahrung als schlecht bezeich­ nen, aber wenn sie ihrer eigenen Bewertung vertraut, stellt sie fest, daß sie für sie selbst lohnend und bedeutsam ist. Ein entscheidender Wendepunkt trat ein, als eine Flut von Erfahrungen, die ich aus dem Bewußtsein verbannt hatte, an die Oberfläche drängten. Ichwar verwirrt undhatteAngst. Wennsich verleugnete Erlebnisse und Empfindungen der Bewußtseins­ schwelle nähern, löst dies immer Angst aus, weil diese bisher uneingestandenen Erfahrungen Bedeutungen haben, die die Struktur des Selbst verändern, nach dem man gelebt hat. Jede drastische Veränderung des Selbstkonzepts ist ein bedrohliches und erschreckendes Erlebnis. Dieser Bedrohung war sich die junge Frau vage bewußt, obwohl sie noch nicht wußte, was dabei herauskommen würde. Als die verleugnetenErlebnisse und Gefühle denDammdurch­ brachen, entpuppten sie sich als Verletzungen undAggressionen, die mir überhaupt nicht bewußt gewesen waren. Für die meisten Menschen ist es völlig unvorstellbar, wie total ein Erlebnis aus dem Bewußtsein verdrängt werden kann, bis es schließlich ins Bewußtsein durchbricht. Jeder Mensch ist imstande, diejenigen Erlebnisse und Gefühle zu verdrängen und zu leugnen, die sein Selbstkonzept gefährden würden. Ich dachte, ich sei wahnsinnig geworden, weil eine fremde Person von mir Besitz ergriffen hatte. Wenn sich das Selbstkon­ zept so drastisch verändert, daß Teile davon völlig zerstört werden, dann ist dies eine sehr erschreckende Erfahrung; die Beschreibung des Gefühls, daß eine Fremde die Führung über­ nommen hätte, ist deshalb überaus zutreffend. Nur allmählich erkannte ich, daß diese Fremde mein wahres Ich ist. Was die junge Frau entdeckte, war, daß das unterwürfige, fügsame Selbst, nach dem sie gelebt hatte, das Selbst, das sich von den Äußerungen, Einstellungen und Erwartungen anderer lenken ließ, nicht mehr das ihre war. Ihr neues Selbst, das ihr zunächst so fremd erschien, war ein Selbst, das Kränkungenund Wut erlebte und das Gefühle empfand, die die Gesellschaft als schlecht verteufelt, das wilde Halluzinationen erlebte - und Liebe. Wenn sie ihre Selbsterforschung fortsetzt, wird sie wahr- 113
  4. 4. scheinlich entdecken, daß sich ein Teil ihrer Wut gegen ihre Eltern richtet. Die Verletzungen werden verschiedene Ursprün­ ge haben; manche der Gefühle und Erlebnisse, welche die Gesell­ schaft als schlecht abtut, die sie aber als gut und befriedigend empfindet, haben vermutlich mit Sexualität zu tun. Auf jeden Fall wurzelt ihr Selbst jetzt tiefer in Erfahrungen auf der Körperebene. Jemand hat folgende Formulierung dafür gefun­ den: »Ich fange an, mir von meinem Erleben sagen zu lassen, was es bedeutet, statt wie bisher zu versuchen, ihm eine Bedeutung aufzupfropfen.« Je fester das Selbstkonzept des Individuums in denspontanempfundenen Bedeutungen seinesErlebensverwur­ zelt ist, um so integrierter ist es als Person. Es gefällt mir, mich kennenzulernen und mich mit meinen Gedanken und Gefühlen anzufreunden. Jetzt erwacht die Selbst­ achtung der jungen Frau, und sie kann sich selbst annehmen, etwas, das ihr so lange versagt geblieben war. Sie empfindet sogar Zuneigung für sich selbst. Eine der kuriosen aber häufig zu beobachtenden Nebenwirkungen einer solchen Veränderung ist, daßsienunmehr fähig seinwird, anderen mehrvonsichzugeben, sich mehr über andere zu freuen und echtes Interesse für sie zu entwickeln. Ich habe begonnen, mich zu öffnen und zu lieben. Sie wird feststellen, daß sie, je offener sie ihre Liebe zeigt, um so offener auch ihre Wut und ihre Verletzungen, ihre Vorlieben, ihre Abneigungen und ihre »wilden« Gedanken und Gefühle (die sich als schöpferische Impulse erweisen werden) äußern kann. Sie befindet sich in einem Prozeß der Veränderung von einem Zustand psychischer Fehlanpassung in eine viel gesündere Beziehung zu anderen und zur Realität überhaupt. Endlich finde ich Frieden in mir selbst. Es gibt einem ein Gefühl friedlicher Harmonie, ein ganzer Mensch zu sein, aber es wäre ein Irrtum anzunehmen, daß diese Reaktion unverändert fortdauern wird. Statt dessen wird die junge Frau, wenn sie für ihr Erleben wirklich offen ist, noch andere verborgene Aspekte ihres Selbst entdecken, die sie bisher aus dem Bewußtsein verdrängt hat, undjede solche Entdeckung wird ihr Augenblicke oder Tage des Mißbehagens und der Angst bescheren, bis sie sie einem revidierten und sich wandelnden Bild von sich selbst assimiliert hat. Sie wird entdecken, daß der Wachstumsprozeß, 114 der zu immer größerer Kongruenz zwischen ihrem erlebenden Organismus und ihrem Selbstkonzept führt, ein erregendes, manchmal verstörendes, aber niemals endendes Abenteuer ist. 2. Die Höhle. Eine therapeutische Erfahrung Lieber Herr Dr. Rogers, als ichdiesen Briefentwurf vor dem Abtippen nochmals durchlas, wurde mir bewußt, daß ich eine Art Monographie verfaßt habe, deren Ton darauf hindeutet, daß ich zu einem Freund spreche. Während ich zunächst über meine Kühnheit staunte, wird mir bei einigem Nachdenken klar, daß es dafür gute Gründe gibt. Was in den vergangenen drei Jahren und insbesondere imletzten Monat mit mir passierte, ist in vieler Hinsicht Ihnen zuzuschrei­ ben. Kein Wunder, daß ich in Ihnen einen Freund sehe-und so oft sie meine Geschichte auch schon gehört haben mögen, Sie werden wissen, daß sie für mich etwas Einmaliges ist. Mir ist auch klar, daß ich Ihnen eigentlich nicht viel über mich selbst gesagt habe - über mein äußeres Selbst, sollte ich vielleicht sagen. Das hat Zeit. Wichtig ist nur das Ereignis. Vor etwa einem Monat, in einer Periode ziemlich starker Feindseligkeit gegenüber meinemTherapeuten (Joe M., er hat in Chicago bei Ihnen studiert), suchte ich mir einige Ihrer Schriften zusammen. Ich wollte Munition für eine Breitseite gegen Joe sammeln- nach dem Motto: »Aha! Schauen Sie her, was Ihr Rogers sagt-wie können Sie das erklären bei meinem Zustand, Doktor! Ihr mit eurer großartigen Normalität solltet einmal eine Zeitlang das Leben auf der anderen Seite ausprobieren.« Es war so etwas wie eine letzte Hoffnung in einem verlorenen Kampf- ich fühlte, wenn ich Joe nicht durch Sie zu Fall bringen oder bloßstellen konnte, da Sie doch sein Ausgangspunkt für alles sind, dann könnte ich gleich aufgeben-jede andere Form des Angriffs war an ihm abgeprallt. Das also war meine Absicht. Aber in meinem generell ziemlich verworrenen Lebenistnie etwas sovöllig gegen meineErwartun­ gen verlaufen, Dr. Rogers. Was ich damals empfand und immer nochempfinde,je mehr ich von Ihrer Philosophie aufnehme, muß jenem Erlebnis nahekommen, das man gemeinhin als Offenba­ rung bezeichnet. Statt Munition zu finden, die sich gegen Joe 115

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