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Carl R. Rogers und John K. Wood
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,,Gern würde ich alle Worte dieses Manuskript...
Gesprächstherapie), der ersten umfassenderen Formulierung
der Theorie, die der klientenzentrierten Auffassung von
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zen. Ich glaube tatsächlich, daß sich mit der Erweiterung
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Klientenzentrierte Lebensauffassung
Nach Jahren therapeutischer Erfahrung bin ich tastend zu der
Überzeugung gelangt, daß ...
Als Therapeut richte ich mein Verhalten nach diesem
Glauben an die natürlichen Prozesse aus, indem ich das Recht
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in einer Weise strukturiert ist, die »inkongruent« (im Wider­
spruch) mit seinem Gesamterleben ist.
Wie kommt so etwas zus...
sich Widersprüche bemerkt, verliert es offenbar die Kontrolle
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fortwährend wechselndenAspekten - dieser Gestalten besser
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damit von sich abrückt. Nicht er war deprimiert. Es war
einfach ein Symptom. Er ist von seinem gegenwärtigen
Erleben so ab...
5. Veränderung in der Beziehung zu Problemen. Am unterer.
Ende dieses Stranges erkennt der Klient Probleme gar nich:
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und ihn bedingungsfrei akzeptierend wahrnimmt, des...
eigenen Erlebensprozeß (HART, 1970) näherzubringen - ihm
zu ermöglichen, daß er seine Gefühle erkennt, akzeptiert und
in B...
Prozeß einer völlig fremden Person bezogen zu sein - id:
fühlte mich einfach verloren.Jetzt fühle ich mich nicht mehr
verl...
verbunden ist mit einem starken und wachsenden Gefül:.
gegenseitiger Zuneigung und Achtung zwischen Klient un.:
Therapeut....
gab. Als ich ihr diese Collage zeigte, brach sie in Tränen unc
heftiges Schluchzen aus, das nur ab und zu in Lacher:
umzus...
Mitglied: »Glaubst du, daß es durch einen Mangel an
Stabilität zu diesem Bruch gekommen ist?«
(Doug wird unruhig und runze...
und zog sich immer mehr in sich zurück. Unbemerkt beob­
achtete der Therapeut das Kind, während es für sich allein ir.
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rung. Er kehrt auf wissende Weise zu seinem ursprünglicher:
sinnenhaften und leibhaften Erleben zurück. Psychotherapie
ist...
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  1. 1. 130 Carl R. Rogers und John K. Wood 3. Kapitel: Klientenzentrierte Theorie1: ,,Gern würde ich alle Worte dieses Manuskriptes for: wenn es mir auf irgendeineWeise gelänge, unmittelba Geschehen hinzuzeigen, was Therapie ist. Therap:, Prozeß, ein Ding an sich, ein Erlebnis, eine Bezieh-..: wirkende Kraft. Was dieses Buch davon sagt, das is: wenig die Therapie selbst, wie die Beschreibung c, nikers oder die Begeisterung des Dichters die Blume:, dieses Buch als ein Wegweiser dient, der hinzeig� Erfahrung, die offensteht für unser Hören und Sehe:-: unser emotionales Erlebnisvermögen, und wenn es .:. esse von einigen anregt und sie veranlaßt, die Sa,:� tiefer zu erfassen, dann hat es seinen Zweck erfi.::: dieses Buch statt dessen nur zu dem schwindele:-:­ Stapel von Worten über Worte beiträgt, wenn der L ihm den Eindruck gewinnt, daß die Wahrheit in de:-. :äge und daß das Gedruckte das Eigentliche sei, da:­ auf traurige Weise sein Ziel verfehlt. Und wen:-: iußerste Erniedrigung erlitte, »Schulwissen« zu we:-.: die toten Worte eines Autors seziert undin die Köpre Studenten gegossen werden, so daß lebendige :1ens,: :oten, zerstückelten Fragmente einst lebendiger G, und Erfahrungen herumtragen und nicht einma: werden, daß diese einst lebendig waren - dann war, ::,esser, daß dieses Buch nie geschrieben worden wi Diese Sätze standen in der Einleitung zu dem Buc� Centered Therapy (ROGERS, deutsch: Die kllen=-;: . Aus: Operational Theories of Personality. Hrsg.: A. BCR".':''­ !azel, New York 1974. Dieser Beitrag wurde von beiden Autoren gemeinsam veria::,. cesten Person singular geschrieben. »Ich« repräsentiert mal diesec ·:erfasser. Der Gebrauch der ersten Person schien ihnen angeze.:· :as Material auf diese Weise menschlicher darstellen läßt. D:e, :eschlossene Theorie. Es sind die persönlichen Schlußfolge:-_c_, '.!änner, die über reiche therapeutische Erfahrung verfügen 11c� ."rbeitsweise und den vorsichtigen Formulierungen, die sie ac:s ,6leiten, kongenial sind.
  2. 2. Gesprächstherapie), der ersten umfassenderen Formulierung der Theorie, die der klientenzentrierten Auffassung von zwischenmenschlichen Beziehungen zugrunde liegt. Seitdem hat die klientenzentrierte Therapie weit über das von uns erwartete Maß hinaus an Bedeutung gewonnen. Von ihren Anfängen, in denen sie einen radikal neuen Zugang zur Psychotherapie eröffnete, bis heute ist ihr Einfluß so gewach­ sen, daß ihre Prinzipien auch im Erziehungswesen, im Geschäftsleben und allgemein in zwischenmenschlichen Beziehungen Anwendung finden, ja sogar in so außer­ gewöhnlichen Situationen wie beispielsweise einer lntensiv­ gruppe, die eigens zu dem Zweck gebildet wurde, um die Kommunikation zwischen verfeindeten nordirischen Partei­ gängern zu verbessern. Ich fürchte jetzt tatsächlich, daß die klientenzentrierte Theorie allzu schnell und allzu leicht zu einem abgeschlosse­ nen Lehrgebäude geworden ist, obwohl ich immer davor gewarnt habe. Sie ist zergliedert, analysiert und memoriert worden, bis sie tatsächlich zu bloßem »Schulwissen« herab­ gewürdigt wurde, zu einer Art Dogma. _ Im psy�hotherapeutischen Bereichgehören ihre Prinzipien mittlerweile zu den Grundvoraussetzungen der psychologi­ schen Beratung - und wahrscheinlich jeder wirksamenThera­ pie. Dies beruht zumTeil auf derTatsache, daß vieleverschie­ deneTherapeuten mit vielen Arten von Klienten seit mehr als drei Jahrzehnten gearbeitet und dabei die nachweisliche Erfahrung gemacht haben, daß in einem klientenzentrierten therapeutischen Klima häufig schon nach relativ kurzer Zeit signifikante positive Veränderungen im Verhalten, in den Einstellungen, den Gefühlen und der Gesamtpersönlichkeit des Klienten einzutreten pflegen. Diese auf Erfahrung beru­ hende professionelleAnerkennung istan sich begrüßenswert. Doch da die klientenzentrierten Grundsätze unterschiedslos auf alle möglichen Arten von zwischenmenschlichen Bezie­ hungen in unserer Gesellschaft angewendet wurden -und das ist an sich eine gesunde Tendenz -, ist die Theorie entspre­ chend oft oberflächlich vermittelt und ebenso oberflächlich verstanden worden. Und das ist es, wogegen ich etwas einzuwenden habe. Da Therapeuten, angehende Therapeuten und andere Per­ sonen diese Grundsätze häufig nur oberflächlich verstanden 132 haben, wurden ihre tieferenImplikationen oftübersehen. Die Präzision der klientenzentrierten Therapie findet wenig .nerkennung. Dabei sind ihre theoretischen Grundlagen wahrscheinlich exakter formuliert worden als die aller ande­ :-en therapeutischen Theorien (ROGERS, 1959). Ebensowenig .nerkennung haben ihre radikalen und revolutionären philo­ sophischen Folgerungen gefunden. Tatsächlich läßt sich die klientenzentrierte Philosophie :1icht bequem in eine technologisch orientierte Gesellschaft einpassen. Sogar in der Psychotherapie wird immer mehr auf ,Effektivität« Wert gelegt. Eine ordentliche Diagnose, Theo­ ;ien, die auf einem unmittelbaren Ursache-Wirkung-Zusam­ :nenhang basieren, und andere lineare Konstrukte werden als 3ie Mittel betrachtet, mit deren Hilfe sich rasch »feststellen Jnd kurieren läßt, was nicht stimmt«. Daran gemessen erscheint die klientenzentrierte Therapie, die über keine so Jlendenden Methoden und Techniken verfügt, die auf die 1obilisierung der Kräfte des Klienten vertraut und den :(lienten dasTempo der Entwicklung bestimmen läßt, vielen als naiv und uneffektiv. Sie fügt sich nicht in eine Kultur, die schnelle Reparaturen verlangt. Ich hoffe, mit diesem Kapitel einen Beitrag zum besseren 'erständnis der klientenzentriertenTheorieleistenzukönnen. Ich möchte »hinzeigen« auf das Geschehen, welches die ,klientenzentrierteTherapie« ist. Ich will deshalb über einige Jer Kämpfe berichten, die ich durchgemacht habe, umzu den ·.-orläufigen Schlüssen zu gelangen, welche die gegenwärtige Theorie ausmachen. Ichhoffe, Siedadurchzuermutigen, Ihre eigene, aufIhrenpersönlichenErfahrungen beruhendeThera­ ::,ieauffassung hiermitzuintegrieren-aufdiegleicheWeise,auf �ie diese Theorie entstanden ist. Außerdem hoffe ich, daß :hnen dieser Beitrag helfen wird, eineAntwortaufdieFragezu ;inden: »Was hat die klientenzentrierteTherapie - in der Flut .::erTherapien - mir zu bieten, wennichmeinem Klientenoder :-:-ieinem problembeladenen Freund gegenüberstehe?« 5pezifische Merkmale :Jie klientenzentrierte Theorie ist noch immer im Wachsen ::,egriffen, und zwar nicht als »Schule« oder als Dogma, ;ondern als vorläufige Aufstellung einer Reihevon Grundsät- 133
  3. 3. zen. Ich glaube tatsächlich, daß sich mit der Erweiterung unseres Wissens über den therapeutischen Prozeß die soge­ nannten psychotherapeutischen Schulen auflösen und ver­ schmelzen werden zu einer einheitlichen Methode des Hei­ lens. Dies sind einige der Merkmale, die die klientenzentrierte Orientierung gegenwärtig von anderen Auffassungen unter­ scheiden: 1. Die fortdauernde Überzeugung, daß der Klient selbst verantwortlich und fähig ist, herauszufinden, welche Schritte ihn zu einer wirksamen Begegnung mit seiner Realität führen werden. Der Klient ist der einzige, dem es möglich ist, voll die Dynamik seinesVerhaltens und seiner Realitätswahrnehmung zu erkennen und folglich für sich selbst geeignete Verhaltensweisen zu finden. Es ist nicht das Ziel dieserTherapie, einer Person zurAnpassung an die »Gesellschaft« zu verhelfen. Tatsächlich läßt sich die Methode dazu nicht einmal benutzen, wie mir ein ange­ hender Berater vor kurzem versichert hat. »Während meines Praktikums in einem Rehabilitationszentrum habe ich die klientenzentrierte Methode angewandt«, berichtete er, »und meine Klienten haben sich nicht geändert; also ging ich auf Verhaltensmodifikation über, und sie fingen an, den Erwartungen der Behörde zu entsprechen.« Die klientenzentrierte Therapie, deren Schwerpunkt auf der Förderung der Ziele des Klienten liegt, befand sich hier im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Behörde, die diese Klienten mit bestimmten Erwartungen in bezug auf das Behandlungsziel zur Therapie geschickt hatte. 2. Die phänomenale Welt des Klienten steht fortwährend im Mittelpunkt - der Therapeut bemüht sich, die Welt des Klienten mit dessen Augen zu sehen. 3. Die Hypothese, daß die gleichen psychotherapeutischen Prinzipien für alle Personen gelten, ob sie nun mit dem Etikett »normal«, »neurotisch« oder »psychotisch« verse­ hen sind. 4. Die Auffassung, daß die Psychotherapie ein Sonderfall aller konstruktiven zwischenmenschlichen Beziehungen ist. Im Rahmen dieser Beziehung - in der eine andere Person dem Klienten dabei hilft, das zu tun, was ihm allein 134 nicht gelingt - erfährt der Klient psychotherapeutisches Wachstum. S. Die in Entwicklung befindliche Hypothese, daß bestimmte Einstellungen der als »Therapeut« bezeichneten Person die notwendigen und ausreichenden Bedingungen dafür sind, daß sich bei der als »Klient« bezeichneten Person in Form von Veränderungen ein therapeutischer Erfolg einstellt. 6. Das unfertige Konzept, wonach die Funktion des Thera­ peuten darin besteht, für seinen Klienten unmittelbar gegenwärtig und zugänglich zu sein und den therapeu­ tischen Prozeß zu fördern, indem er sich auf das Erleben stützt, das in der Beziehung von Augenblick zu Augen­ blick abläuft. �. Eine sich entwickelnde Theorie, die den therapeutischen Prozeß begreift als eine fortwährende Veränderung in der Erlebensweise des Klienten - wobei seine Fähigkeit wächst, voller im unmittelbaren Augenblick zu leben. S. Größeres Interesse am »Wie« des Prozesses der Persön­ lichkeitsveränderung als am »Warum« der Persönlichkeits­ struktur. 9. Die Betonung der Notwendigkeit, fortgesetzt Forschung zu betreiben, um wesentliche psychotherapeutische Erkenntnisse zu erlangen, und die Entschlossenheit, alle theoretischen Formulierungen aus der Erfahrung abzulei­ ten statt die Erfahrungen in ein vorgeformtes theoretisches Schema zu pressen. Die klientenzentrierte Therapie läßt sich am besten charakte­ �isieren als eine Einstellung, eine Haltung, eine Seinsweise, :1icht als eine Technik - mag sie nun »nicht-direktiv«, »reflek­ :ierend« oder wie auch immer heißen. Die wichtigsteVoraus­ setzung für die therapeutische Betätigung ist nicht eine Theorie oder ein Dogma, sondern eine Weise mit anderen 1enschen zu sein, die für diese förderlich ist. Die Theorie entwickelt sich aus den Erfahrungen, die in Tausenden von Beratungs- und Beobachtungsstunden gesammelt werden, Jnd verändert sich, wenn neue Forschungen neues Licht auf Jnsere Formulierungen werfen. 135
  4. 4. Klientenzentrierte Lebensauffassung Nach Jahren therapeutischer Erfahrung bin ich tastend zu der Überzeugung gelangt, daß dem Menschen eine Tendenz zur Entwicklung aller seiner Fähigkeiten innewohnt, die der Erhaltung oder Förderung seines Organismus - seiner Geist und Körper umfassenden Gesamtperson dienen. Dies ist das einzige grundlegende Postulat der klientenzentrierten The­ rapie. In meinen Augen ist dies eine zuverlässige Tendenz, die, wenn sie nicht behindert wird, das Individuum zu Reife, Wachstum und einer Bereicherung seines Lebens führt. Die­ ses eine Konzept schließt auch Bedürfnisreduktion, Span­ nungslösung, Triebbefriedigung und Wachstumsmotivation in sich. Im Gegensatz zu der Auffassung, daß die tiefsten Instinkte des Menschen destruktiv sind, bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß Menschen, denen (wie beispielsweise im sicheren therapeutischen Klima) die Möglichkeit gegeben wird, wahr­ haft zu werden, was sie zutiefst sind, wenn sie die Freiheit haben, ihre eigentliche Natur zu entfalten, immer eine deut­ liche Entwicklung auf Ganzheit und Integration hin durch­ machen. Sohabeich an anderer Stelle gesagt (ROGERS, l961a): »Wenn er (der Mensch) aber am vollständigsten Mensch ist, wenn ersein ganzer Organismus ist, wenn die Bewußtheit des Erlebens, diesespezifi­ sche menschliche Eigenschaft, voll wirksam wird, dann kann man ihm vertrauen, dann ist sein Verhalten konstruktiv: nicht immer konventio­ nell und konform, sondern individualisiert, aber immer auch soziali- s1ert.« »Sozialisiert« bedeutet in diesem Zusammenhang »in Zusam­ menwirken mit anderen und sich selbst«, nicht unbedingt »in Übereinstimmung mit der Gesellschaft«. In einer stark repressiven Gesellschaft kann eine lebensbejahende Person sehr leicht als Außenseiter eingestuft werden. Es ist Verlaß darauf, daß das Verhalten einer Person in Richtung auf Selbsterhaltung, Selbststeigerung und Selbstre­ produktion hin zielt - hin zu Autonomie und fort von einer Kontrolle durch äußere Einflüsse. Das trifft in jedem Fall zu, ob der Anreiz nun von innen oder von außen kommt, ob die Umwelt diese Tendenz nun begünstigt oder nicht. Dies ist das eigentliche Wesen des Prozesses, den wir Leben nennen. 136 Ein biologisches Experiment mit Seeigeln gibt eine anschauliche Vorstellung meines Konzepts von dieser Wachs­ tumstendenz. Die Wissenschaftler haben eine Methode, die beiden Zellen, die nach der ersten Teilung des befruchteten Seeigeleis entstehen, auseinanderzutrennen. Wenn man diese beiden Zellen sich normal entwickeln läßt, wächst jede von ihnen zu einem Teil einer Seeigellarve heran - und beide zusammen bilden dann ein Ganzes. Man könnte nun anneh­ men daß die beiden Zellen, nachdem sie behutsam getrennt worden sind, jeweils wieder zu einem Teil eines Seeigels heranreifen. Diese Überlegung läßt jedoch die richtungswei­ sende oder »aktualisierende Tendenz« außer acht, die für alles organische Wachstum kennzeichnend ist. Tatsächlich entwik­ kelt sich jede der beiden Zellen, falls sie am Leben bleibt, zu einer ganzen Seeigellarve - die zwar kleiner als gewöhnlich, aber normal und vollständig ausgebildet ist. Diese Tendenz zur Ganzheit äußert sich bei Menschen durch ein breites Spektrum von Bedürfnissen. Die Tendenz kann den Organismus beispielsweise in einem Augenblick veranlassen, Nahrung oder sexuelle Befriedigung zu suchen. Doch solange diese Bedürfnisse nicht überwältigend stark sind, wird ihre Befriedigung auf eine Weise angestrebt, die z.B. das Verlangen nach Selbstachtung mehr steigert als es zu vermindern. Andere Möglichkeiten der Erfüllung - wie etwa das Bedürfnis zu explorieren, zu schaffen, zu verändern oder zu spielen - sind ursprünglich ebenfalls durch die Aktualisie­ rungstendenz »motiviert«. Die Aktualisierungstendenz, die sich im Gesamterleben der Einzelperson ausdrückt, bildet einen zuverlässigen Bezugspunkt für das Verhalten. Ich glaube, daß der Mensch klüger ist als sein Verstand allein und daß voll zur Entfaltung kommende Personen es lernen, ihrem Erleben als dem befrie­ digendsten und klügsten Maßstab für geeignetes Verhalten zu vertrauen. Wenn das Bewußtsein dieser Aktualisierungsten­ denz nicht in rivalisierender, sondern in koordinierter Form zugeordnet ist, gestaltet sich die Begegnung der Person mit dem Leben und seinen Herausforderungen als eine aufre­ gende, adaptive und wechselvolle Erfahrung. Eine solche Person macht zwar Fehler, aber ihr stehen auch die bestmög­ lichen Mittel zur Verfügung, diese Fehler wieder zu berich­ ngen. 137
  5. 5. Als Therapeut richte ich mein Verhalten nach diesem Glauben an die natürlichen Prozesse aus, indem ich das Recht und die Fähigkeit meines Klienten, sich selbst zu lenken und zu wachsen, respektiere. Ich vertraue auf sein Vermögen, mit seiner psychologischen Situation und sich selbst zurechtzu­ kommen. Eine Therapeutin mit langjähriger Praxis berichtet zum Beispiel, daß sie ihr Vertrauen in ihre Klienten als einen fortwährenden Lernprozeß erlebt. Wenn sie bei einem Klien­ ten nicht mehr weiß, welche Richtung sie einschlagen oder welche Methode sie anwenden soll, »wartet« sie auf ihn. »Immer, wenn ich auf meinen Klienten warten kann und nicht glaube, ich müsse ihn sofort kurieren oder sein Wachs­ tum vorantreiben, wenn ich seiner Person selbst die Lenkung überlasse, dann beginnt er unausweichlich zu wachsen und Fortschritte zu machen.« Der Anfang einer Theorie: Der Prozeß im Klienten Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer? HERMANN HESSE (Demian Wenn jedes Individuum die Fähigkeit besitzt, selbstdarauf zu kommen, durch welche Schritte es zu einer reiferen und kraftvolleren Beziehung zu seiner Realität gelangen kann, stellt sich die Frage, weshalb die Wirksamkeit und Qualität des Lebens bei manchen Menschen so herabgemindert ist. Warum suchen einige die Hilfe eines Therapeuten, und was kann er tun, um zu helfen? Aus meiner unmittelbaren Erfahrung, aus den therapeu­ tischen Beziehungen mit meinen Klienten heraus, habe ich angefangen, eine Erklärung für den Prozeß der Therapie zu erarbeiten. (Eine Persönlichkeitstheorie wurde ebenfalls ent­ wickelt, aber sie war immer von zweitrangigem Interesse.. Bei einer Theorie des therapeutischen Prozesses ging es mir vor allem um eine Beschreibung des »Wie« von Veränderun­ gen und weniger des »Warum«. Eine Theorie wird erst dann nötig, wenn beobachtbare Phänomene, Veränderungen, ein­ getreten sind, die nach einer Erklärung verlangen. Zuerst kommt die Erfahrung, dann bildet sich eine Theorie. Wenn wir uns auf diese Weise darum bemühen, das, was geschehen 138 ist, zu verstehen und zu erklären und überprüfbare Hypo­ thesen hinsichtlich künftiger Erfahrungen aufzustellen, ge­ winnt unsere therapeutische Arbeit an Wirksamkeit. Eine einfache Form der Theorie Drei wesentliche Formulierungen desTherapieprozesses sind bis heute nacheinander entwickelt worden. In der frühesten Darstellung der klientenzentrierten Therapie wurde der therapeutische Prozeß als im wesentlichen aus drei Schritten bestehend beschrieben. Als erstes findet der Klient in der Außerung seiner persönlichen Gefühle Erleichterung. Nach dieser emotionellen Katharsis entwickelt er gewöhnlich Ein­ sicht in bezug auf die Ursache und Beschaffenheit seiner persönlichen Schwierigkeiten. Dieses Sich-bewußt-Werden befähigt ihn dazu, positive Wahlen und Entscheidungen hinsichtlich der verschiedenen Probleme in seinem Leben zu treffen. Dadurch wächst seinVermögen, sich selbstzulenken. Diese Beschreibung des therapeutischen Prozesses wurde durch Forschungsstudien (SNYDER, H45; SEEMAN, 1949) bestätigt und ist noch immer ein möglicher Weg der Interpre­ tauon. Eine Theorie des Selbst Wenn diese erste Beschreibung zwar einigermaßen angemes­ sen erscheint, wurde ich doch durch meine Klienten zu einer andersartigen Sicht gezwungen. Sie haben ihre Probleme und ihren Fortschritt häufig in Form ihrer Beziehung zu ihrem Selbst zum Ausdruck gebracht. »Ich habe das Gefühl, nicht mein wahres Selbst zu sein.« - »Es war eine Erleichterung, mich hier gehenzulassen und einfach ich selbst sein zu können.« Bei der Untersuchung des durch Tonbandaufnahmen von therapeutischen Sitzungen gewonnenen Materials ist mir aufgefallen, daß die Klienten im Lauf der Therapie eine Veränderung in der Wahrnehmung ihres Selbst durchgemacht haben. Es begann sich eine Theorie dieses Prozesses heraus­ zubilden, die sich auf das Verhältnis zwischen Selbstkonzept und Aktualisierungstendenz bei einer Person bezog. Ich gelangte zu der Einsicht, daß das Selbstkonzept des Klienten 139
  6. 6. in einer Weise strukturiert ist, die »inkongruent« (im Wider­ spruch) mit seinem Gesamterleben ist. Wie kommt so etwas zustande? Das Kleinkind lebt in einem phänomenalen Feld - seinem Lebensraum-, das alles umfaßt, was sein Organismus bewußt oder unbewußt erlebt. (Selbst als Erwachsene nehmen wir nur einen Teil unserer vielfältigen sensorischen und viszeralen Reaktionen bewußt wahr oder fassen sie in Gedanken und Worte.) Unter all den Vorgängen innerhalb seines Lebensraums unterscheidet das Kleinkind allmählich Erfahrungen, die sein »Mich« betreffen. Langsam bildet sich eine zusammenhängende, strukturierte Vorstellungsgestalt heraus. Die Wahrnehmungen dieses »Mich« oder »Ich« sind die Figur, und die Wahrnehmungen der Beziehung dieses »Ich« zur Außenwelt und zu andern sind der Grund. Diese Wahrnehmungen des »Ich« sind mit Wertvorstellun­ gen verbunden, die aber zum Teil von anderen übernommen wurden. Liebe seitens der Eltern oder einer anderen wich­ tigen Bezugsperson ist an Bedingungen geknüpft. Um diesen Personen zu gefallen und ihre Liebe zu erlangen, muß das Kleinkind einige ihrerWertvorsteilungen introjizieren und zu seinen eigenen machen. Da diese introjizierten Wertvorstel­ lungen zu einemTeil seines Selbstkonzepts werden, der nicht auf dem normalen Weg der Auswertung von Erfahrungen gewonnen wurde, haben die darausentstehenden Konstrukte rigiden und statischen Charakter - sie werden häufig in Form eines »Sollte« oder »Müßte« erfahren. Das Individuum neigt dazu, seinen eigenen Erfahrungsprozeß zu ignorieren, sobald er mit diesen Konstrukten in Konflikt gerät. Es versucht, anders gesagt, das Selbst zu sein, das andere von ihm erwar­ ten, anstelle des Selbst, das es eigentlich ist. Aus diesem Grund scheinen die Familie und andere institutionalisierte Beziehungen in unserer Kultur häufig die Brutstätte für psychische »Krankheit« zu sein. Das Selbstkonzept ist nun ein Zusammenschluß vonWahr­ nehmungsmustern, die zur Begegnung mit dem Leben benutzt werden. Es kann zur Befriedigung der Bedürfnisse einer Person wirksam beitragen oder auch nicht. Die Person reagiert auf ihre Realität so, wie sie diese aufgrund ihres Selbstkonzepts wahrnimmt und definiert. Eine Person kann sich als stark oder schwach, als intelligent oder dumm, als 140 schön oder reizlos sehen. Die Art, wie sie sich selbst sieht, beeinflußt wiederum ihre Wahrnehmung von der Realität und damit ihr Verhalten. So kann der zuversichtliche, erfolg­ reiche Student in einer Prüfung eine Gelegenheit sehen, seine Beherrschung des Stoffs unter Beweis zu stellen. Einunsiche­ rer Student mag der gleichen Erfahrung mitAngst gegenüber­ stehen - als einem Beweis seiner Unzulänglichkeit. Alles Erleben dringt zwar nicht immer ins Bewußtsein vor, aber es manifestiert sich auf der leiblichen Ebene und beein­ flußt das Verhalten. Gefühlsmäßig »wissen« wir oft Dinge, die wir erkenntnismäßig nicht wissen. Der Student, der sich vor einer Prüfung fürchtet, wird sich seiner Angst vielleicht gar nicht bewußt, sondern bekommt plötzlich Kopfschmer­ zen, so daß er nicht in der Lage ist, an der Prüfung teilzuneh­ men. Wenn er von seinen Gefühlen noch mehr abgetrennt ist oder sie nicht ins Bewußtsein treten läßt, kann er die Prüfung unter Umständen völlig »vergessen« und an dem bestimmten Tag einfach vom Unterricht fernbleiben. Jeder Aspekt des Erlebens findet die Aufnahme, die seiner Beziehung zum Selbst entspricht. Einige Phänomene werden ignoriert, da sie für das Selbst ohne Bedeutung sind. Andere Phänomene werden bewußt wahrgenommen und in die Selbststruktur eingegliedert. Noch andere drängen sich offenbar von selbst ins Bewußtsein. Zum Beispiel hat sich ein Freund von mir ein ziemlich selten anzutreffendes auslän­ disches Auto gekauft. Bevor er selbst Besitzer eines solchen Wagens wurde, hatte er nie einen gesehen. Jetzt kommenihm diese Wagen andauernd zu Gesicht - sie springen anscheinend von selbst in den Blickpunkt. Sie sind für ihn von Bedeutung. Noch andere Phänomene werden geleugnet oder verzerrt wahrgenommen, weil sie eine Bedrohung für die festgefügte Wahrnehmung vom Selbst darstellen - um sie zu akzeptieren, müßte eine Person ihre Vorstellung von sich selbst verändern. Solange die Selbstgestalt fest organisiert ist und im phäno­ mentalen Feld kein zu ihr imWiderspruch stehendes Material wahrgenommen wird, können positive Selbstgefühle beste­ hen, kann das Selbst als wertvoll und akzeptabel betrachtet werden und ist die bewußte Spannung minimal. Die Person nimmt sich als angemessen funktionierend wahr. Wenn die organisierte Selbststruktur den Bedürfnissen des Individuums nicht mehr gerecht wird oder wenn dieses in 141
  7. 7. sich Widersprüche bemerkt, verliert es offenbar die Kontrolle über sein Verhalten. »Ich fühl' mich einfach nicht wie ich selbst«, ist eine oft geäußerte Klage. Als einfaches Beispiel könnte man eine Mutter anführen, die sich als freundliche und liebevolle Bezugsperson betrachtet, zugleich aber auch ablehnende Gefühle gegenüber ihrem Kind hat. Ihr Konzept von sich selbst als einer liebevollen Mutter ist inkongruent mit ihrem Erleben. Sie ist einfach nicht »sie selbst«, wenn sie sich als ablehnend erlebt. Bei starker Inkongruenz nimmt die Aktualisierungsten­ denz einen wirren oder zwiespältigen Charakter an. Auf der einen Seite unterstützt diese Tendenz das Selbstkonzept der Person und deren Bemühen um eine Steigerung ihres Selbst­ bildes. Andererseits strebt der Organismus nach einer Befrie­ digung seiner Bedürfnisse, die den bewußten Wünschen der Person ganz entgegengesetzt sein können. Was gewöhnlich als neurotisches Verhalten bezeichnet wird, ist die Folge dieser Spaltung in der Aktualisierungsten­ denz. Die Person bemüht sich um ein Verhalten, das mit ihrem Selbstkonzept übereinstimmt. Aber ihr neurotisches Verhalten - in welchem das gesamte Sein der Person nach Erfüllung strebt - ist sogar für sie selbst unbegreiflich, da es im Widerspruch steht zu dem, wassiebewußttun »möchte« - nämlich ein Selbst verwirklichen, das mitihrem Erleben nicht mehr übereinstimmt. »Was ich tun sollte oder tun möchte. das tue ich nicht.« So wurde beispielsweise ein junger Bur­ sche, der sich in der Pubertät befand und den starken organischen Bedürfnissen seiner sich entwickelnden Sexuali­ tät und Neugierde ausgesetzt war, festgenommen, weil er zwei kleinen Mädchen unter den Rock geschaut hatte. Durch seine Erziehung war ihm beigebracht worden, die ursprüng­ lichen sexuellen Impulse als Teil seines Selbstkonzepts zu verleugnen, und als man ihn über sein Verhalten befragte. bestand er hartnäckig darauf, daß er so etwas nie getan haben könne. Als man ihn Zeugen gegenüberstellte, war er sich ganz sicher: »Ich war nicht ich selbst.« SeinVerhalten wurde weder als seinem Selbst zugehörig wahrgenommen, noch war es das. Unter geeigneten Bedingungen, beispielsweise im sicheren therapeutischen Klima, kann eine Person diese Inkongruenz verringern, indem sie lernt, stärker auf ihr erlebendes Selbst zu vertrauen. Wenn sie sich nicht bedroht fühlt und ihr 142 Selbstkonzept nicht unbedingt verteidigen muß, kann sie die rigiden Konstrukte, aus denen sich ihre Selbststruktur zusammensetzt, lockern. Indem sie derart »ihre Gefühle in Besitz nimmt« - und eine ganze Reihe von vormals verleug­ neten Erfahrungen in ihre Selbstgestalt eingliedert -, bildet sich eine neue Gestalt, ein revidiertes Selbst heraus. Diese neue Struktur ist nicht so rigide und unflexibel, sondern wandelt sich öfter, wenn Gefühle im Bewußtsein Raum finden. Die Therapie ist eine Erfahrung unmittelbar des Selbst und nicht über das Selbst. Intellektuelle Einsicht allein reicht nicht aus. Änderungen imVerhalten stellen sichfast von selbst ein, wenn eine Reorganisation der Wahrnehmungsstruktur erlebt wird. Die neue Selbstgestalt ist eine fließende, veränderliche Struktur, wobei das eigene Erleben immer mehr zur Grund­ lage der Selbstbewertung wird. Am Endpunkt der Therapie was nicht das Ende von Wachstum oderVeränderung bedeu­ tet) erscheint die Wahrnehmung des Selbst radikalgewandelt. Sie ist fließender, nicht mehr so starr und statisch, das »Ich« hat sich fast im Wahrnehmungsfeld verloren. In mancherlei Hinsicht gleicht das Erleben der Person jetzt dem eines Kindes, nur daß die fließenden Erlebnisprozesse weitere Bereiche umfassen. Das reife Individuum vertraut wie das Kind auf die Weisheit seines Gesamtorganismus, aber auf wissende, auf bewußte Weise. Es gebraucht alle seine Fähig­ keiten. Die Theorie des Selbst bietet ebenso wie die vorangegan­ gene Theorie in ihrem Rahmen eine angemessene Beschrei­ ::,ung. Durch ihren heuristischen Charakter hat sie zu frucht­ ::iarer Forschungsarbeit angeregt. Man kann diese Beschrei­ :rnng des Therapieprozesses noch immer als gültig be­ :rachten. Das Prozeßkontinuum 1it dem Wandel der Selbstgestalt wurde ein einzelner Aspekt der therapeutischen Veränderung beschrieben, und zwar wie :nit Schnappschüssen, die vor und nach dem Ereignis erfol­ ,::en. Was ich nun brauchte, war gleichsam eine fortlaufende �ilmaufnahme der zahlreichen Dimensionen. Es ging mir um eine Beschreibung, die der BROWNSchen Bewegung - den 143
  8. 8. fortwährend wechselndenAspekten - dieser Gestalten besser gerecht wurde und die auch andere, in Zusammenhang mit der therapeutischen Veränderung auftretende Phänomene detailliert erfaßte. Aufgrund der Untersuchung einer großen Zahl von Ton­ bandaufnahmen bin ich zu einer neuen Sichtweise des Verän­ derungsprozesses in der Psychotherapie gelangt. Nach die­ sem neuen Bild findet dieser Prozeß auf einer Reihe von Kontinuen statt. Ein Klient beginnt die Therapie an irgend­ einem Punkt des umfassenden Prozeßkontinuums, das der Handlichkeit halber in sieben Stufen unterteilt ist, und macht Veränderungen in Richtung auf den Endpunkt der Skala hin durch (ROGERS, 1961a; 1961b). Während die Therapie ein Prozeß ist, läßt sich die Skala, unser Bild von diesem Prozeß. mit sieben Ausschnitten aus einem Film vergleichen, die die Bewegung an diesen Punkten festhalten. Kein Klient verän­ dert sich von Stufe eins bis Stufe sieben, außer vielleicht irr. Laufe vieler Jahre, aber die Skala ist dennoch ein sehr nützliches Mittel, um den Prozeß, der sich in der Therapie vollzieht, zu beschreiben und zu untersuchen. Die Skala beginnt am einen Ende mit der Beschreibuns eines rigiden, statischen, undifferenzierten, gefühllosen. oberflächlichen Typs der psychischen Funktion. Sie schreite: stufenweise voran bis zum andern Ende, wo die psychischer. Funktionen gekennzeichnet sind durch Veränderlichkeit. fließen, äußerst differenzierte Reaktionen, durch unmittel­ bares Erleben persönlicher Gefühle, die tief empfunden, al, zugehörig erkannt und akzeptiert werden. Ich wage zc behaupten, daß sich bei jeder erfolgreichen Therapie irr. Verhalten des Klienten Fortschritte in dieser Richtung ein­ stellen, gleich, auf welcher Stufe er anfängt. Bei meinem Bemühen, dieses Prozeßkontinuum zu verste­ hen, konnte ich eine Anzahl von mehr oder weniger geson­ derten Strängen herauslösen, die allerdingsim oberen Bereicl-. der Skala konvergieren. Hier eine Beschreibung von ihnen 1. Veränderung in der Beziehung zu den Gefühlen. Ar.. unteren Ende des Kontinuums sind dem Klienten seint Gefühle nicht bewußt oder sie werden von ihm nicht al, zugehörig erkannt. Eine Anstaltspatientin erklärt beispiels­ weise: »Ich werde dauernd von Stimmen belästigt, d:: 144 schmutzige Sachen sagen, und ich kann sienichtzum Schwei­ gen bringen.« Sie erkennt die Beziehung zwischen sich und ihren Gefühlen nicht an. Wenn sie wenigstens in der Lage wäre, zu sagen: »Meinesexuellen Gefühlequälen mich«, wäre sie innerhalb des Kontinuums ein ganzes Stück weiter. Auf einer fortgeschritteneren Stufe beschreibt der Klient Gefühle vielleicht als Objekte, die in der Vergangenheit liegen, er intellektualisiert diese Gefühle, aber er vermag sie noch immer nicht in Besitz zu nehmen. Im mittleren Bereich der Skala, wo sich ein Großteil des therapeutischen Geschehens abspielt, beschreibt der Klient seine Gefühle als Objekte in der Gegenwart. Gelegentlich drückt er seine Gefühle sogar in der Gegenwart aus, wenn sie gegen seinen Willen durchbrechen. Er fürchtet sich davor, Gefühle in unmittelbarer Gegenwart zu erleben. Auf den obersten Stufen der Skala kommt es dann zu .ußerungen wie: »Ich habe die Empfindung, als ob ich- ich weiß nicht. Ich habe ein Gefühl von Stärke und zugleich auch ein Gefühl von- es ist irgendwie furchtbar, das wahrzuneh­ men - von Angst.« Diese Klientin äußert ihre Gefühle im .-ugenblick, sie kann sie gleichzeitig erleben, empfinden, differenzieren, in Besitz nehmen und ausdrücken. ]. Veränderung in der Art des Erlebens. Der therapeutische Prozeß läßt sich auch anders, nämlich unter Bezugnahme auf die Erlebnisweise des Klienten formulieren - ein Konzept, das vor allem von GENDLIN entwickelt wurde (GENDLIN, 1961; 1962; 1963). Der Klient bewegt sich auf eine Stufe zu, wo er seinem Erleben nahesteht, ihm vertraut und es als Bezugspunkt betrachtet, an dem er sein Verhalten ausrichten kann. Er ist nicht mehr gekennzeichnet durch Entferntheit des Erlebens und entdeckt dessen Sinn nicht erst aus großer zeitlicher Distanz. Bezeichnend für einen niedrigen Punkt innerhalb des Kontinuums ist die Art, wie ein Klient ein Problem zu beschreiben versucht, aufgrund dessen er therapeutische Behandlung gesucht hatte: »Das Symptom war - war einfach eine tiefe Depression.« Er hatte offenbar irgendwann eine tiefe Depression erlebt, aber er kommt diesem Erlebnis nicht näher, als daß er es begrifflich in derVergangenheitfaßt-und 145
  9. 9. damit von sich abrückt. Nicht er war deprimiert. Es war einfach ein Symptom. Er ist von seinem gegenwärtigen Erleben so abgetrennt, daß er es nicht wahrnimmt. Mit wachsenden Fortschritten in der Therapie kommen Klienten immer näher an ihr eigenes Erleben heran. Ihr Erleben ist für sie keine so große Bedrohung mehr, und sie merken, daß es vielleicht als Bezugspunkt und Grundlage für ihre persönliche Sinngebung dienen könnte. So sagt beispiels­ weise ein Klient in bezug auf das, was in ihm vorgeht: »Ich hab' es noch nicht so richtig erfaßt, ich kann es nur irgendwie beschreiben.« Er weiß, daß er nicht ganz im Fluß seines Erlebens steht, aber er möchte es gern. Auf einer noch höheren Ebene innerhalb des Kontinuums werden persönliche Bedeutungen (oder Gefühle), dievonder Gewahrwerdung ausgeschlossen waren, nahezu voll erlebt - zuweilen allerdings mit Angst, Mißtrauen oder Verwunde­ rung. Der Klient möchte nicht nur seine eigenen Gefühle in Besitz nehmen, sondern auch sein »wahres Ich« sein. Er wird sich in wachsendem Maß der Diskrepanzen zwischen seinem aufgebauten Selbst und seinem aktuellen Erleben bewußt und stellt sich ihnen. Wie ein Klient es ausdrückt: »Man muß sich von seinem Erleben dessen eigene Bedeutung sagen lassen; in dem Moment, wo ich ihmdie Bedeutung gebe, bin ich mit mir selbst zerstritten.« Diese Art von Reaktion ist charakteri­ stisch für jemanden, der sehr weit bis zum oberen Ende der Skala vorgedrungen ist. 3. Veränderung in denpersönlichenKonstrukten. Einweiterer Strang innerhalb des Prozeßkontinuums ist eineVeränderung in der Art und Weise, wie der Klient sein Erleben deutet. Am unteren Ende der Skala sind seine persönlichen Konstrukte in bezug auf sich selbst und seine Welt starr und werden als objektive Tatsachen betrachtet und nicht als Konstrukte erkannt. So sagt ein Klient beispielsweise: »Ich mache niE etwas richtig - bring' nichts zu Ende.« Das scheint für ihr. eine Tatsache zu sein - die Art und Weise, wie die Dinge nun einmal beschaffen sind. Im sicheren Klima der Therapie fängt er dann vielleicht an, dieses Konstrukt in Frage zu stellen. In der Mitte der Prozeßskala wird das Erleben nicht mehr so rigide gedeutet, und die Gültigkeit solcher Konstrukte überhaupt wird angezweifelt. Es ist verständlich, daß sie!-: 146 Klienten auf dieser Stufe von ihren Verankerungen losgeris­ sen fühlen. Am oberen Ende des Kontinuums wird das Erleben nur noch versuchsweise strukturiert. Die Konstrukte, an denen das Individuum sein Leben ausgerichtet hat, lösen sich in einer Unmittelbarkeit des Erlebens auf. Deutungen werden als eigene Schöpfungen der Person betrachtet, nicht als die einer Situation innewohnende Qualität. Konstrukte werden ebenso leicht aufgestellt wie fallengelassen. Bedeutung ist etwas, das einer Erfahrung zugemessen wird, und nicht etwas, das unausweichlich mit dieser Erfahrung verknüpft !St. -+. Veränderung in der Mitteilung desSelbst.Am unteren Ende dieses Stranges besteht eine starke Abneigung dagegen, das Selbst mitzuteilen. Klienten geben häufig Äußerungen von sich wie: »Wissen Sie, mir kommt es immer ein bißchen albern vor, über sein Selbst zu sprechen, außer wenn es einem sehr schlecht geht.« Aufdieser Stufe werden nur Mitteilungen über äußere Vorgänge und nicht zum Selbst gehöriges Mate­ rial gemacht. Allmählich lernt der Klient, daß es ungefährlich und sogar befriedigend ist, wenn er von sich als einem Objektberichtet. Er kann sich freier über sein Selbst und über dinghaft gesehene Erfahrungen äußern, die dieses Selbst betreffen. Dann lernt er, seine Selbstgefühle in Besitz zu nehmen und auszudrücken. Am oberen Ende des Kontinuums wird das Selbst nicht mehr als Objekt wahrgenommen. Das Selbst istdas Erleben, dieser fortschreitende Prozeß, der vonAugenblickzuAugen­ :ilick wechselt. Die Person verliert ihr Bewußtsein vom Selbst. Das »Ich« geht im Wahrnehmungsfeld auf. Die Person :indet Befriedigung darin, ihre komplexen augenblicklichen Gefühle zu sein und auszudrücken. Sie ist enger verbunden mit ihrem organischen, viszeralen Erleben, das ständig in :::inem Prozeß begriffen ist. Sie ist sich ihrer selbst viel stärker ::iewußt und beginnt zu spüren, daß sie die Stimmigkeit ihres :1ach außenhin sichtbar werdenden Selbst am Fluß des organi­ ;chen Erlebens in ihr messen kann. 147
  10. 10. 5. Veränderung in der Beziehung zu Problemen. Am unterer. Ende dieses Stranges erkennt der Klient Probleme gar nich: oder nimmt sie als völlig außerhalb seiner selbst liegend wahr. Ein Patient einer psychiatrischen Anstalt äußert: »Ich schlafe ein bißchen zuviel. Ich habe einen schlimmen Zahn und nod: einige ähnliche Probleme.« Er ist sich des Problems, dasseine Funktionsfähigkeit beeinträchtigt, nicht bewußt und fühl: sich daran auch nicht beteiligt. Wenn der Klient in derTherapie zunehmend lockerer wird. nimmt er mehr Probleme wahr undgewinnt ein Gefühl seine� eigenen Verantwortlichkeit. Er kann allmählich der Tatsache ins Auge sehen, daß seine Gefühle in Beziehungen zu anderer. das Hauptproblem darstellen. Zunehmend hat er das Bedüri­ nis, die inneren Reaktionen zu untersuchen, welche diese Schwierigkeit verursachen könnten. Er lernt diese problema­ tischen Gefühle in der Beziehung mit dem Therapeuter. auszuleben, und indem er sie akzeptiert, erlangt er die Fähigkeit, sie auf konstruktivere Weise einzusetzen. 6. Veränderung in zwischenmenschlichen Beziehunger. Schließlich läßt sich aus dem Kontinuum noch der Strani: herauslösen, der die Beziehungen zu anderen betrifft. A,; unteren Ende des Kontinuums scheut sich der Klient vo� einem engen persönlichen Kontakt und weiß ihn mit vielerle: Mitteln zu umgehen, unter anderem durch Intellektualisie­ rung. Er stellt dem Therapeuten Fragen. Er möchte seine Rolle einwandfrei spielen, ein guter Klient sein. Er vermeide: es, sich als Person in das gefährliche und unbekannte Gebie: der zwischenmenschlichen Beziehung zu wagen. Allmählid: lernt er es, seine Gefühle als eine sichere Basis zu betrachten. auf der er sich vorantrauen kann. So wagt beispielsweise eir. Klient, zu seiner Therapeutin zu sagen: »Also gut, ich traue Ihnen nicht.« In wachsendem Maß wagt er es, in der thera­ peutischen Beziehung als ein ständig wechselnder, aber inte­ grierter Fluß von Gefühlen offen in Erscheinungzu treten. E� kann seine Gefühle gegenüber dem Therapeuten frei äußern Er erkennt, daß er fähig ist, eine Beziehung auf der Basis des Fühlens zu leben. 7. Das obere Ende des Kontinuums. Am oberen Ende de� Skala werden diese Stränge eins. Die siebte oder letzte Stuit 148 der Skala ist eher eine Richtung oder ein Ziel als etwas, das vollständig erreicht wird. Es ist eine Beschreibung des »voll sich entfaltenden Menschen« (ROGERS, 1961a). Auf dieser Stufe fürchtet die Person sich nicht mehr davor, Gefühle unmittelbar und reich differenziert zu erleben, und zwar sowohl in der Therapie als auch in anderen zwischen­ menschlichen Beziehungen. Dieses Aufwallen von augen­ blicklichem Erleben stellt einen Bezugspunkt dar, dem die Person entnehmen kann, wer sie ist, was sie will und welche positive oder negative Einstellungen sie hat. Sie akzeptiert sich selbst und vertraut auf ihren organismischen Prozeß, der weiser ist als ihr Verstand allein (oder ihr Körper allein). Jedes Erlebnis trägt seine eigene Bedeutung und wird nicht wie ein vergangenes Konstrukt interpretiert. Das Selbst der Person ist ihr subjektives Bewußtsein von dem, was sie im Augen­ blick erfährt. Sie ist kongruent geworden, kann ihr Erlebenin ihrem Bewußtsein angemessen symbolisieren und vermag diese Einheit mitzuteilen. Damit ist das Prozeßkontinuum kurz umrissen, das sich aus der Beobachtung an Klienten entwickelt hat, welche die Veränderung von einem starren zu einem fließenden Zustand erlebten. Es ist eine Beschreibung der Transformationen, die sowohl beobachtet wie erlebt werden können, wenn eine Person sich in einer förderlichen und therapeutischen Bezie­ hung zur psychischen Reife hin entwickelt. Therapeutisches Klima: Der Prozeß im Therapeuten Welches sind nun die Bedingungen für ein solches therapeu­ :isches Klima? Wie kann der Therapeut eine Entwicklung im Prozeßkontinuum am besten fördern? Forschungsarbeiten über die klientenzentrierte Psycho­ :herapie legen die Annahme nahe, daß eine Persönlichkeits­ ·:eränderung - ein Voranschreiten auf der Prozeßskala- mehr 3urch bestimmte Einstellungen des Therapeuten als durch sein Wissen, seine Theorien oder seine Techniken gefördert -;,:ird (RIOCH, 1960; TRUAX U. MITCHELL, 1971). Der zentrale Lehrsatz der klientenzentrierten Psycho­ :herapie, der als »Prozeßgleichung« (ROGERS, 1961b) formu­ :,ert wurde, lautet: 149
  11. 11. »Je mehr der Klient den Therapeuten als real oder echt, als empathiscC. und ihn bedingungsfrei akzeptierend wahrnimmt, desto mehr wird sicC. der Klient von einem statischen, gefühlsarmen, fixierten, unpersönliches Zustand psychischer Funktionen auf einen Zustand zu bewegen, de, durch ein fließendes, veränderliches, akzeptierendes Erleben differec­ zierter persönlicher Gefühle gekennzeichnet ist.« In einer Reihe von Forschungsarbeiten wurde die Beziehuns: zwischen den Einstellungen des Therapeuten und der Wirk� samkeit der Therapie untersucht. HALKIDES (1958) ließ Ton­ bandprotokolle von Therapiegesprächen durch objekti: Beurteiler einschätzen, um die Gültigkeit der »notwendige� und ausreichenden Bedingungen« (ROGERS, 1957) für eine therapeutische Veränderung zu überprüfen. Ihre Untersu­ chung stützt die oben vorgetragene Hypothese. BARRETT-LENNARD (1959) kam aufgrund eines Papier-unc:­ Bleistift-Tests, den er an Klienten eines Beratungszentrum, durchführte, zu dem Ergebnis, daß das Vorhandensein de, genannten drei Einstellungen auf seiten des Therapeute:-: Vorhersagen über den Erfolg einer Therapie erlaubt. VAN DER VEEN (1970) fand heraus, daß schizophrer.: Anstaltspatienten, deren Therapeuten nach objektiver Eir.­ schätzung diese drei Bedingungen in stärkerem Maß erfüL­ ten, auf der Prozeßskala größere Fortschritte machten a_, Patienten, deren Therapeuten diese Bedingungen in geringe­ rem Maße erfüllten. Das Ausmaß an Veränderung in de: Therapie stand in direktem Zusammenhang sowohl mit de� wahrgenommenen als auch mit den tatsächlich vorhandene� therapeutischen Bedingungen. TRUAX und MITCHELL (1971) kommen aufgrund eine, Untersuchung des veröffentlichten Materials über die Wirk­ samkeit von Psychotherapie zu dem Schluß, daß die ther"­ peutischen Bemühungen im Durchschnitt zwar ziemlic fruchtlos bleiben, daß aber Therapeuten, die die drei obc erwähnten Eigenschaften mitbringen, tatsächlich Erfok: erzielen. Sie berichten über eine an der Universität v;� Wisconsin durchgeführte, einen Zeitraum von vier Jahre� umfassende Untersuchung über die psychotherapeutisd:: Behandlung von sechzehn schizophrenen Ansta!tspatiente:-: Der Befund dieser Untersuchung war, daß Patienten, dere:-: Therapeuten in hohem Maß nichtpossissive Wärme, Echthe:: und präzises einfühlendes Verstehen besaßen, anhand de: 150 verschiedensten Messungen signifikante positive Persönlich­ keits- und Verhaltensänderungen aufwiesen, während bei Patienten, deren Therapeuten relativ wenig von diesen Eigen­ schaften in die Therapie einbrachten, eine Persönlichkeits­ und Verhaltensänderung zum Schlechteren hin eintrat. Diese Einstellungen, die dem Klienten (verbal oder nicht­ -erbal, aber nicht erklärend) mitgeteilt und von ihm auch wahrgenommen werden müssen, sind offenbar die entschei­ denden Voraussetzungen für einen therapeutischen Fort­ schritt und konstruktive Persönlichkeitsveränderungen. Wegen der ausschlaggebenden Bedeutung der Einstellun­ gen des Therapeuten für die Wirksamkeit der Psychotherapie möchte ich ihre Merkmale hier genauer definieren. Echtheit oder Kongruenz - reales Zugegensein Ein therapeutischer Erfolg stelltsich mitgrößterWahrschein­ lichkeit dann ein, wenn ich in der Beziehung zu meinem Klienten ohne Maske oder Abwehr ich selbst bin. Was ich zu meinem Klienten sage, steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich ihm gegenüber fühle. Ich speise ihn nicht mit bewährten Phrasen, ausgeklügelten Wendungen oder einer professionellen Haltung ab. Mein Mangel an Abwehr, meine Echtheit tragen wesentlich dazu bei, daß zwischen uns ein -enrauensvolles Verhältnis entsteht und aufrechterhalten wird. Mein echtes Zugegensein wirkt sich in meinen therapeuti­ schen Beziehungen auf vielerlei Weise aus. Es dient mir als Richtlinie für meine Reaktionen oder Eingriffe. (In diesem Zusammenhang soll an die von GENDLIN [1970] aufgestellte :ormulierung erinnert werden, der zufolge »reagieren« sowohl »verstehen« wie auch »hinweisen« oder sogar „Genaueres darüber wissen wollen« bedeuten kann.) Ich ::iemerke, daß mein Klient häufig Erleichterung spürt, wenn :eh auf den von ihm »gefühlten Bedeutungsgehalt« reagiere. 'enn er sein viszerales Erleben mit einem zutreffenden :'amen oder Etikett verbinden kann, fühlt er sich körperlich erleichtert. Und wenn ich wiederum sein Gefühl, voranzu­ :-:ommen, seinem eigenen Erleben näherzukommen, mitemp­ :inde, dann weiß ich, daß ich auf der richtigen Spur bin. Mir geht es vor allem darum, meinen Klienten seinem 151
  12. 12. eigenen Erlebensprozeß (HART, 1970) näherzubringen - ihm zu ermöglichen, daß er seine Gefühle erkennt, akzeptiert und in Besitz nimmt und ihnen die für ihn gültige Bedeutung beimißt. Wenn meine Reaktionen also wirksam sind, unter­ stützen sie ihn bei seinem Bemühen, in seinem Erlebenspro­ zeß über seine »Blockierungen« hinwegzukommen. Sein Kampf auf der Suche nach immer neuen gefühlten Bedeu­ tungsgehalten soll durch meine Reaktionen gefördert wer­ den. Ich empfinde es als natürlich und nützlich, wenn ich in diesem Prozeß meine Gefühle zum Ausdruck bringe, Fragen beantworte, falls ich ein Bedürfnis danach habe, und unver­ nünftige Gedanken oder Phantasien in bezug auf meinen Klienten oder unsere Beziehung mitteile, falls solche bei mir anhaltend bestehen. Wenn meine Reaktionen keine Veränderung und keinen Anstoß bewirken - wenn sie für den Kampf meines Klienten keine Bedeutung haben -, beziehe ich mich sofort wieder zurück auf seinen Erlebensfluß. Wenn ich beispielsweise zu einer Äußerung von ihm meinen Eindruck wiedergebe oder die Grenze dessen, was ihm bewußt ist, überschreite, und er erwidert darauf etwas in der Art wie:»Ja, das klingt so, als ob es stimmen würde«, kann ich meine ihn ablenkende Bemer­ kung korrigieren, indem ich zum Beispiel sage:»Esklingt, als ob es stimmen würde, aber es trifft nicht ganz Ihre Gefühle. Sie haben gerade davon gesprochen ...« und ihn dadurd: wieder zum Fluß seiner Gefühle - seines Erlebens zurück­ führe. Dieser Prozeß ist vergleichbar mit dem Versuch, am einem Labyrinth herauszufinden. Ich gehe einen Gang ent­ lang, und wenn sich dieser als Sackgasse erweist, gehe id: zurück bis zur Kreuzung und probiere einen anderen Wef aus. In der therapeutischen Beziehung nichtecht oder nicht rea: zu sein bringt dagegen überhaupt keinen Nutzen.Unnatürli­ che Ausdrucksformen - beispielsweise die Benutzung des Verhaltensstils oder der Technik einer anderen Person - können für die therapeutische Beziehung und für die persön­ liche Entwicklung des Therapeuten schlimme Folgen haben. Ein Berater berichtete mir von einem Erlebnis aus seine:­ Ausbildungszeit. Er behandelte unter Aufsicht eine sehr schweigsame Klientin. Seine Ausbilder erklärten ihm, er würde zuviel reden (als er sich natürlich gab), und so wandte 152 warten, bis seine Klientin von sich aus zu sprechen begann. Er wartete, und die junge Damewarteteebenfalls. Er quälte sich, sie quälte sich, beiden war äußerst unbehaglich zumute, und schließlich begannen sich gegen Ende der Sitzung auf ihrem >J"acken große rote Flecken zu bilden.Er hatte seine echten Gefühle zurückgehalten, und ihrUnbehagen brach buchstäb­ lich durch die Haut. In dem Zeitraum zwischen dieser ersten, sehr unbehag­ lichen Sitzung und der nächsten nahm der Therapeut zum erstenmal an einer Encounter-Gruppe teil. Im Klima einer Gruppe von Personen, die ihre Gefühle in einer Beziehung auszuleben versuchten, entdeckte er, daß er ungefährdet realen persönlichen Kontakt aufnehmen - anderen Menschen gegenüber echt sein konnte.Dies war für ihn ein tiefgreifen­ des Erlebnis, und als er wieder in die Ausbildung zurück­ kehrte, hatte er eine vollkommen veränderte Auffassung von einer Beziehung zu einer anderen Person. Ihm lag stärker daran, real zu sein, er war akzeptierender, natürlicher und zufrieden damit, sich selbst in die Beziehung einbringen zu können und der natürlichen Wachstumstendenz des Indivi­ duums die Heilung zu überlassen. Bei der nächsten Sitzung mit der schweigsamen jungen Frau hatte er das Gefühl, wirklich »da« zu sein, und die Veränderung in ihrer Bezie­ hung und die Fortschritte, die sie machte, waren bemerkens­ wert. Er brauchte sich nicht mehr direktiv zu verhalten und natte es ebenfalls nicht mehr nötig, eine nicht-direktive Rolle zu spielen.Er wareinfach er selbst.Seine Klientin konnte sich ,hrem eigenen Erleben annähern, als er, der Therapeut, auf sein Erleben vertraute - als er real war. Der Bericht eines jungen angehenden Beraters über seine ersten unbeholfenen Therapieversuche gibt ebenfalls die Erfahrung wieder, welcher Wert dem Realsein zukommt: Das erstemal, als eine Klientin mit einem schwierigen per­ ,cinlichen Problem zu mir kam, mein erster »Fall<, traf mich 3ie Frage: ,Wer bin ich, daß ich dieser Patientin helfen ;;,önnte?< Alle Theorien, die ich mir angeeignet hatte, zerbrök­ :-;.elten einfach, und ich hatte nichts Greifbares in der Hand. :eh fühlte, wie ich in einem Meer versank, das ich selbst c:eschaffen hatte. Ich hatte zahlreiche Therapieverläufe von 3ekannten und von mir selbst studiert, aber jetzt in den 153
  13. 13. Prozeß einer völlig fremden Person bezogen zu sein - id: fühlte mich einfach verloren.Jetzt fühle ich mich nicht mehr verloren. Ich bin über dieses Gefühl sogar schon in jene� ersten Sitzung hinweggekommen ... Sobald ich eingestieger: war, damals in dieser ersten Sitzung, war meine Beratungs­ theorie weg, und ich fiel zurück auf ein Wertsystem, da, sozusagen automatisch da war. Das war nicht geplant gewe­ sen. Ich betrachtete mich nicht einmal als ,nicht-direkti oder ,reflektierend<, aber als ich Schwierigkeiten hatte. begann ich meiner Klientin einfach zuzuhören, versuchteid:. ihre Gefühle zu verstehen und ihr dabei zu helfen, sie zc: klären. Das waren Werte, die ich in meiner Kindheit erwor­ ben hatte. In den ersten paar Minuten, als ich mich verlore,. fühlte, dachte ich nur an mich - wie ich mich verhalten sollte. was ich tun sollte. Des einen war ich mirjedenfalls sicher, da:; es nicht das sein würde, was ich zu tun beabsichtigt hatte. Icr: begann mich auf das einzustellen, was meine Klientin sagte Das gelang mir zuerst nicht allzu gut, aber ich versicherte ihr. daß ich mein Bestes tun wolle.AmSchluß der Sitzungfühlte,. wir uns beide behaglicher, und jeder von uns hatte einige Dinge, die ihn betrafen, richtiggestellt.« Er lernt, in eine: Beziehung real - er selbst - zu sein und darauf zu vertrauer:. daß diese Haltung der Veränderung, die er und sein Klier.: anstreben, förderlich ist. Echt sein bedeutet, in einer Beziehung ich selbst zu seir:. die Person, die ich bin, ohne Fassade, undderanderen Perso;. meine gefühlsmäßigen Wahrnehmungen mitzuteilen, au, meinem eigenen Erlebensprozeß heraus zu reagieren, ur:-. meinem Klienten die Suche nach gefühlten Bedeutungen L erleichtern. Wertschätzung oder bedingungsfreies Akzeptieren AlsTherapeut ermutige ich meinen Klienten nicht zu »Selbs:­ mitleid« oder »Vertrauen«, und ich »verstärke« bei ihm auci­ nicht irgendwelche bestimmten Gefühle oder Verhaltenswei­ sen. Ich ermutige und akzeptiere den freien Ausdruck alle� Gefühle. Meine Haltung ist weder patriarchalisch noc:... gefühlvoll noch oberflächlich freundschaftlich oder liebens­ würdig - ich schlüpfe nicht in eine Rolle.Meine Haltung is: entgegenkommend, positiv, warm, aber nicht besitzergrei- 154 fend, nicht einschränkend und nicht wertend. Ich akzeptiere das, was ist. Wenn ich in dieser Weise erlebe - dieses Klima schaffe -, höre ich von meinen Klienten, daß sie in der Lage seien, über das zu sprechen, was ihnen wirklich Probleme :iereitet. Sie können die »schrecklichen Orte« in sich erkun­ den, nicht nur die an ihr Alltagserleben angrenzenden siche­ �en Territorien. Es fällt schwer, nicht zu urteilen. Die Einstellung, die ich :neine, umfaßt in gleicher Weise die Annahme defensiver, :eindseliger, negativer und schmerzlicher Gefühlsäußerun­ ,:;en des Klienten wie seiner liebevollen, reifen oder positiven Gefühlsäußerungen.Für vieleTherapeuten ist es schwieriger, 3ie positiven, freudigen Gefühle zu akzeptieren, denn Thera­ :.ieuten neigen dazu, diese mißtrauisch als Abwehr zu be­ :rachten. Ich bin in vielerlei Hinsicht leichtgläubig und akzeptiere :neinen Klienten als den, der er zu sein behauptet, ohne ·.rntergründig zu argwöhnen, daß er vielleicht anders sein �önnte. Ich akzeptiere das, was in meinem Klienten ist, nicht Jas, was in ihm sein sollte. Einer hat es einmal soausgedrückt: ,Hier bei Ihnen kann ich immer einfach ich selbst sein.Ich :nache mir nie Gedanken darüber, ob ich mich richtig ver­ :1alte.Und wenn ich von hier fortgehe, fühle ich mich immer ;ehr viel kreativer - und dieses Gefühl dauert hinterher an.« Wenn ich eine Person auf der Stufe, wo sie zu sein meint, 1kzeptiere, gebe ich ihr offenbar die Möglichkeit, sich selbst :iefer zu erforschen. Ein Klient wollte beispielsweise über ,eine Schuldgefühle in bezug auf seine Kinder sprechen. Doch zuerst hatte er das Bedürfnis, mir mitzuteilen, daß er ,ein Leben als erfolgreich betrachte und dieses Problem ihn :1icht besondersberühre.Ichakzeptiertedie Gefühle, dieer in diesem Augenblick empfand. Kurze Zeit später, nachdem .:-im erlaubt worden war, anderen Gefühlen nachzugeben ohne sich durch meinen Argwohn oder mein Mißtrauen ::,edroht zu fühlen), war er imstande, seine komplexen Gefühle von Traurigkeit und Groll in bezug auf seine Kinder ::,ewußt wahrzunehmen und anzuerkennen. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang häufig auftaucht, ,t folgende: »Angenommen, ich empfinde als Therapeut "egenüber meinem Klienten starke Ablehnung?« SEEMAN .1954) hat festgestellt, daß der Erfolg einer Therapie eng 155
  14. 14. verbunden ist mit einem starken und wachsenden Gefül:. gegenseitiger Zuneigung und Achtung zwischen Klient un.: Therapeut. Eine andere, von DITTES (1957) durchgeführte Untersuchung zeigt, daß es sich hierbei um eine äußers: feinfühlige Beziehung handelt. DITTES wies anhand der ps·­ chogalvanischen Hautreaktion, mit derAngst, ein Gefühl vo:-. Bedrohung oder erhöhteWachsamkeitbeim Klienten gemes­ sen werden können, nach, daß die Anzahl abrupter galvani­ scher Hautreaktionen signifikant anstieg, sobald die Einstel­ lung desTherapeuten auch nurgeringfügigeSchwankungen 1:-: Richtungauf einewenigerakzeptierendeHaltunghinaufwies Wenn die therapeutische Beziehung als weniger akzeptieren.: erlebt wird, stellt sich der Organismussogar aufderphysiolo­ gischen Ebene auf eine Bedrohung ein. Dies weist darauf hir.. daß in einer solchen Beziehung nicht nur eine akzeptierende Haltung, sondern auch die Kongruenz des Therapeute:-:. wichtig ist. Da der Klient diese weniger akzeptierende:­ Gefühle spürt, sollten sie in der Beziehung offen zur Sprache kommen. WennderTherapeut nicht dazu in der Lageist, den Kliente:-. zu akzeptieren, ist die therapeutische Behandlung bedroh: Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu bewältiger:. besteht darin, daß er dem Klienten seine Reaktionen mitteil: Indem er diese wertenden Gefühle (die der Klient vermut!ic�. spürt) zugibt, können beide gemeinsam an dem Probier. arbeiten und den therapeutischen Prozeß unter Umstände:-. wieder wirksam werden lassen und vielleicht sogar steigern Bei allzu häufig auftretenden urteilenden Reaktionen de, Therapeuten kann die Wirksamkeit des therapeutischen Pro­ zesses verlorengehen. In seinem Bericht über die vorerwähnt: Untersuchung über schizophrene Klienten kam TRUAX (1971 zu dem Schluß: »Wenn Therapeuten besitzergreifend sind i:­ dem Sinn, daß sie häufig wertende Äußerungen treffen, übe:­ sie auf ihre Klienten eine destruktive Wirkung aus.« Ei:: Therapeut, der entdeckt, daß er oft Urteile fällt, muß seir:: Gefühle vielleicht zusammen mit einem Kollegen exploriere:­ oder selbst in therapeutischeBehandlunggehen. DieFähigke:: des Therapeuten, seinem Klienten warme und akzeptierenc: Gefühle entgegenzubringen, istwahrscheinlich davon abhär.- gig, inwieweit er sich selbst akzeptierend und warm geger:- übersteht. 156 Eine weitere Dimension dieser Einstellung akzeptierender Zuwendung zum Klienten beinhaltet offenbar eine Bereit­ ,,haft auf seiten des Therapeuten, seinen Klienten in die -=-iefen seiner Angst hinabzubegleiten und darauf zu ver­ :�auen, daß sie beide zurückkehren werden. Ich wage die 3egegnung mit dem Unbekannten in meinem Klienten und :-:-iir selbst ohne die Gewißheit, aber doch im Vertrauen .:arauf, daß es zu einem guten Ende kommen wird. Hier ein Beispiel für eine ungewöhnliche Art, einer ande­ �en Person emotionale Zuwendung zu zeigen. Eine Freundin ·. on mir, die durch eine schleichende Krankheit, durchwelche ,,e ans Bett gefesselt wurde, zermürbt war und das Gefühl :-:atte, niemand könnte ihre Verzweiflung verstehen oder "�zeptieren, »gab schließlich auf«. Sie lag zwei Tage lang �ewegungslos im Bett, sagte kein Wort, aß nichts und schlief öJch nicht; sie war wie im Koma. Ich sagte ihr, daß ich ;:aubte, ihre Gefühle nachempfinden zu können, daß mir an �r liege und daß mich ihr Entschluß, nicht mehr weiterleben =J wollen traurig mache. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ,:e sich in dem Augenblick fühlte, und gab versuchsweise ::npathische Reaktionen. MeineWorte übten auf siekeinerlei ·x-irkung aus. Sie hörte mir nicht zu. Ich dachte nicht einmal .:1rüber nach, was ich tun könnte, sondern war ganz bei :::einer Freundin. Ich wußte, daß ich ihr meine Gefühle :-:-:itteilen wollte. Ob sielebte oder starb, war mirganzund gar :-...:ht gleichgültig, aber zugleich achtete ich ihre Gefühle und �:!ligte ihr die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu. Ich cgte ihre Lieblingsplatte auf und pflückte draußen in ihrem ::;arten eine Blume, die ich in eine Schale mit Wasser legte. ·:(·onlos stellte ich die Schale unmittelbar neben ihren Kopf. ZJm erstenmal lockerte sich ihr starrer Blick. Ihre Augen -:-,·urden feucht, als sie die Blume erblickte. Meine Freundin -.at an sich Freude am Essen, und wir hatten oft miteinander :::1e einfache Knäckebrotmahlzeit eingenommen. Ich holte .:eshalb ihr Vitamin-C-Fläschen, ein Stück Knäckebrot und :::1s ihrer Lieblingsplätzchen herbei. Sie bewegte sich ein -:: enig und brach in leises Schluchzen aus. Daraufhin nahm ::i die Morgenzeitung, schnitt daraus Bilder von spielenden :.indem, jungen Mädchen, kleinen Tieren - das heißt: von :..eben - aus undgestaltete eine Collage, die meineVorstellung .:1·on, wie sie das Leben normalerweise betrachtete, wieder- 157
  15. 15. gab. Als ich ihr diese Collage zeigte, brach sie in Tränen unc heftiges Schluchzen aus, das nur ab und zu in Lacher: umzuschlagen schien. Inzwischen weinte ich ebenfalls, uns: zehn bis fünfzehn Minuten lang vergossen wir gemeinsar.: unsere Tränen. Nachdem wir insgesamt fast zwei Stunde:-. ohne verbale Kommunikation miteinander verbrachthatter.. konnte sie über ihr Erlebnis sprechen, und wir konnte:-. gemeinsam ihren Gefühlen nachgehen. Wochen späte äußerte meine Freundin: »Mich hat eine Person buchstäblicl­ vor dem Sterben bewahrt, indem sie sich um mich sorgte unc sich nicht scheute, mich in die Tiefen meiner Angst unc Verzweiflung hinab zu begleiten.« Ich hoffe hierdurch niemanden zu der Schlußfolgerung z-_: verleiten, daß das allerneueste Selbstmordverhütungsmitte: für eklektische Therapeuten aus einer Blume, einem Stüc� Knäckebrot und einer Collage auf Filzpapier besteht. Ic}­ hoffe vielmehr, daß dies als ein Sonderbeispiel der unend­ lichen Vielfalt von Möglichkeiten aufgefaßt wird, wie ma:-. einer anderen Person seine Zuwendung mitteilen kann. Diese nichtbesitzergreifende Zuwendung - bei der ich e, nicht nötig habe, meinem Klienten zu sagen, was für ihn da, beste ist, oder ihn zu kontrollieren, bei der ich all seine gemischten Gefühle akzeptieren kann, ihn so akzeptiere:-. kann, wie er gerade ist, diese Art von Zuwendungschafft ei:-. sicheres Klima, in dem er die »schrecklichen« Gefühle, die e:­ erlebt, die verborgensten Elemente von sich explorieren, :;. überhaupt erst zulassen kann. Präzises einfühlendes Verstehen Wenn ich die phänomenale Welt meines Klienten versteher: will, muß ich mehr als nur den einfachen Sinn seiner Worte verstehen. Ich muß eintauchen in die Welt komplexer Sinnge­ halte, die mein Klient durch seinen Tonfall und ebenso durc�. seine Gesten zum Ausdruck bringt. Ein solches Versteher: äußert sich im besten Fall durch Bemerkungen, die nicht nu:­ spiegeln, was dem Klienten voll bewußt ist, sondern auch die möglichen Zonen erfassen, die am Rande seiner Gewahrwer­ dung auftauchen. Bei diesem Versuch, den Klienten seinerr: eigenen Erleben näherzubringen, hilft es mir, wennich voll ir: meinem eigenen Erleben drinstehe - wenn ich mit meiner: 158 Gefühlen in Berührung bin. Indem ich in das Universum :-:-ieines Klienten eintauche und mein eigenes Erleben sensibel cvahrnehme und mitteile, kann ich ihm zuweilen den gefühl­ :cn Sinngehalt vermitteln, dessen mein Klient sich nur vage :cewußt ist. Er ist in wachsendem Maß in der Lage, mehr von -einem aktuellen organischen Erleben, das in ihm leibhaft :::iläuft, ins Bewußtsein zuzulassen. Ein solches sondierendes Abtasten des Randes der Ge­ -:-ahrwerdung erfordert sehr vielFeingefühl. Ein allzugewag­ :cr Vorstoß seitens des Therapeuten, mit dem er zu weit über .::en Rand dessen, was dem Klienten bewußt ist, vordringt, -:-,ird von diesem häufig als Bewertung oder Urteil empfun­ .::en. Bei seiner Selbstexploration ist der Klient wie ein Kind, .::as sich zum erstenmal hinaus in die Dunkelheit wagt. Er ::igstigt sich und schreckt leicht zurück, bis er mit dieser :-.cuen Welt vertraut wird. Andeutungen desTherapeuten, daß ::- über diese Welt mehr wisse als der Klient, können diesen ::'edrohen in seinem zaghaften, gleichsam kindlichen Bestre­ :en, gefährliche Bereiche seiner selbst zu erforschen. Das folgende Beispiel aus einer Encountergruppeillustriert :: anschaulicher Weise den grundlegenden Unterschied zwi­ <nen einem klinisch sondierenden Verfahren und einer ::-:-ipathischen Reaktionsweise, die das befreiende Erlebnis -:-.it sich bringt, endlich verstanden zu werden. Doug, ein achtunddreißigjähriger Kaufmann, hat der ::-uppe gerade davon erzählt, wie er sein Geschäft, seine :':-au, seine Familie und seine Kreditwürdigkeit innerhalbder :emeinschaft, in der er lebte, verloren hatte und wie er sich .:::in in jahrelangen mühseligen Kämpfen allmählich sein :cSchäft wieder aufgebaut und seine Kreditwürdigkeit = �:-ückgewonnen hatte. Gruppenmitglied: »Du hast von deiner Scheidung gespro­ ::-.en und davon, daß es dich traurig macht, von deinen ::..::idern getrennt zu sein. Es scheint so, als ob du Probleme - ::test, von denen du uns nichts erzählst.« Doug: »Nun, das war ein sehr schmerzliches Erlebnis in -.emem Leben, und ich habe eben versucht, euch das mitzu­ ::::en. Für mich war es sehr traurig, und das wird es auch -:-:'.Tler bleiben, aber ich hab' das Gefühl, daß ich diese ::.:-iahrung durchstehen konnte und dadurch gewonnen - .:.:,e.« 159
  16. 16. Mitglied: »Glaubst du, daß es durch einen Mangel an Stabilität zu diesem Bruch gekommen ist?« (Doug wird unruhig und runzelt die Stirn.) Mitglied: »Ich hab' das Gefühl, daß du eine Last mit dir herumschleppst, die mit diesem Ereignis zusammenhängt und dich behindert. Als ob du damit irgendwie nicht fertif geworden wärst - eine Wunde, die nicht aufhört zu schmer­ zen.Mir scheint, unter der Oberfläche bist zu sehr verletzt.,, (Doug kreuzt die Beine, verschränkt die Arme über de� Brust und zündet sich dann eine Zigarette an.Er trägt dabe: eine gleichgültige, abwesende Miene zur Schau.) Doug: »In gewisser Weise hast du wahrscheinlich recht.Icl-. bin ein ziemlich unbeständiger Charakter.« (Mit sehr leise Stimme.) »Ich komme aus einer puritanischen Familie, unc wegen meiner Kinder habe ich noch immer große Schuld­ gefühle.« Mitglied: »Ich frage mich, inwieweit du dir erlaubt hast. deinen Schmerz zu fühlen ... ihn einfach voll zu fühlen?« (Die Gruppenmitglieder versuchen ihn mit sondierende: Bemerkungen dazu zu bringen, daß er seinen »offenkun­ digen« Schmerz oder seine Gefühle äußert.Doug steht seiner. gefühlten Bedeutungsgehalten zu diesem Zeitpunkt nich: sehr nahe.Er schließt sich infolgedessen immer mehr ab unc verbirgt seine innersten Gefühle vor der Gruppe.) Mitglied: »Hat deine Frau dich verlassen? Ist sie di� davongelaufen?« Mitglied: »Wie hast du das empfunden?« Doug: (Unbeteiligt.) »Nun, es gab Probleme.« Mitglied: »Warum hat sie dich verlassen?« Doug: »Ich hatte finanziell Ruin gemacht, und sie wollte nicht länger in der Gemeinde bleiben und ständig Gläubiger:-. von mir gegenübertreten müssen, und so ging sie weg...Ic� blieb und bemühte mich darum, unsere Schulden zurückzu­ zahlen - einen Neuanfang zu machen. Sie hatte bestimmte Vorstellungen in bezug auf unsern Lebensstil. Gesellschaft­ liche Anerkennung war für sie sehr wichtig - wichtiger, als e, mir war.« Mitglied: »Du empfindest offenbar noch immer große:-. Schmerz. Es scheint dir sehr nahezugehen. Du hast die� davon noch nicht gelöst.« Mitglied: »Wann ist das passiert?« 160 Doug: »Vor vier Jahren.« .ifitglied: »Eine lange Zeit, wenn man so etwas (den �:hmerz) mit sich herumschleppt.« .ifitglied: »Hast du andere Beziehungen aufgenommen?« Doug: »Ja.« .tfitglied: »Wie lassen die sich an?« Doug: »Gut.« (Sehr abwehrend.) »Ich glaube, die Gruppe :1t recht mit dem, was sie über meine Wut und meinen �:hmerz sagt.Aber ich fühl' mich gut. Ich habe mit meiner '::x-Frau und mit meiner Wut abgeschlossen.Ich glaube nicht, .:111 es mir so schlecht geht, wie ihr zu glauben meint.« _-n dieser Stelle führt der Therapeut den Erlebensfluß = Jrück zu dem Punkt, wo Doug offenbar den Bezug zu -einen gefühlten Bedeutungsgehalten verlorenhatte,indemer :::1ige dieser Gefühle empathisch erfaßt und bemerkt: »Es -:--.uß unheimlich viel Mut und Kraft gekostet haben, den Weg :..:rück zu finden und nach einem so niederschmetternden ::�lebnis noch einmal von vorn anzufangen.« Doug: »Nun, weißt du, eswar verdammthart (seineAugen -:-, erden feucht), der psychische und der physische Schmerz. '.eine ganze Welt brach zusammen ...aus der Gemeinschaft :...:sgeschlossen ... nachdem sie mich verlassen hatte. Ver­ .::.mmt harte Jahre, während ich mich wieder aufgerappelt �.abe ... (schluchzt jetzt und berichtet noch einmal seine �eschichte...). Erst seit einem Jahr bin ich wieder in der �1ge, zu lachen und mir finanziell keine Sorgen mehr zu -:--.achen. (Mit Zorn in der Stimme.) Und für meine Kinder -:.6e ich die ganze Zeit gesorgt und tue es auch jetzt noch.« Einfaches Verständnis für Dougs Gefühle brachte ihm die ::�'.eichterung, die die Gruppe trotz all ihrer wohlmeinenden '.:>sichten ihm nicht hatte geben können. Ich möchte diesen Abschnitt mit einem Beispiel abschlie­ :.::1, das anschaulich zeigt, welche Überraschung ein Thera­ :tut erleben kann, der die private Welt eines anderen aus .:essen Perspektive betrachtet.In New Directions in Client­ �entered Therapy (1970) berichtet JOHN SHLIEN die �eschichte eines Psychologen, der auf den Wunsch der :tsorgten Eltern hin einen »schwierigen« Jungen zu beob­ :.�:1ten hatte. Der Junge war still, sensibel, einsam, nervös, �.:.tte Angst vor anderen Kindern und wurde durch sie sehr :...:igeregt. Das Kind stotterte, wenn es mit Fremden sprach, 161
  17. 17. und zog sich immer mehr in sich zurück. Unbemerkt beob­ achtete der Therapeut das Kind, während es für sich allein ir. elterlichen Garten spielte. Es saß versonnen da und lauschte dem Gebrüll der Nachbarskinder. Der Junge runzelte d:c Stirn, rollte sich auf den Bauch und hämmerte mit seine weißbeschuhten Füßen auf den Rasen. Er setzte sich wiedc auf und betrachtete seine schmutzigen Schuhe. Dar.� erblickte er einen Regenwurm. Er legte ihn auf eine Steir.­ platte, suchte sich einen scharfkantigen Kieselstein un.: begann den Wurm in der Mitte durchzutrennen. An diese� Punkt machte sich der Psychologe im Geist vorsichtige Notizen des Inhalts: »Scheint isoliert und zornig zu sein, is: vielleicht übermäßig aggressiv oder sadistisch, sollte beob­ achtet werden, wenn er mit anderen Kindern spielt, ma�. sollte ihm kein Messer in die Hand geben und ihm keir.c Haustiere anvertrauen.« Dann bemerkte er, daß der Junge mit sich selbst sprach. Er beugte sich näher heran und spitz:c die Ohren, um zu verstehen, was der Junge sagte, als er de�. Wurm durchtrennt hatte. Er sagte, wobei sich seine Sri:-� glättete: »Da, jetzt hast du einen Freund.« Der Unterschie.: zwischen dem, was man von außen beobachtet, und de� inneren Welt ist manchmal verblüffend. Rangfolge der therapeutischen Einstellungen In bezug auf die Priorität der therapeutischen Einstellungc von Echtheit, Zuwendung und Empathie sind die Autorc unterschiedlicher Ansicht. Carl: Im Augenblick bin ich der Meinung, daß von den dre Einstellungen, die der Therapeut besitzen sollte, Echthc oder Kongruenz die grundlegende ist. AlsTherapeut muß ic::­ sehr starkes Einfühlungsvermögen erwerben, um die ther;.­ peutische »Arbeit« erfüllen zu können. Ein solches Gesp;.:� für das augenblickliche »Sein« eineranderen Person setzt abe� voraus, daß ich diese andere Person akzeptiere und ihr einige Hochschätzung entgegenbringe. Diese Haltungen sir..: jedoch nur dann von Bedeutung, wenn sie wirklich sind, ur.: deshalb muß ich in der therapeutischen Begegnung zualle�­ erst integriert und echt sein. John: Aus der Perspektive des Klienten gesehen ist meine� Ansicht nach die wichtigste therapeutische Einstellur.: 162 etwas, das ich in Freundschaften und anderen Beziehungen �eistens nicht bekommen kann, das bedingungsfreie Akzep­ :ieren. Diese Art von nichturteilender Zuwendung erlaubt �ir, meine tiefsten und am meisten behüteten Gefühle zu erforschen. Die drei therapeutischen Einstellungen sind �achgewiesenermaßen eng miteinander verbunden. Es sind ·:ielleicht drei Dimensionen eines elementaren Faktors. Ich :,abe die Vermutung, daß dieser grundlegende Faktor darin ::iesteht, daß der klientenzentrierte Therapeut sein Vertrauen :1 die natürliche Selbstverwirklichungs- und Selbstbestim­ �ungstendenz des Klienten setzt und sie respektiert. Alle unsere spekulativen Vorstellungen bedürfen noch eines empirischen Nachweises. Gesichert ist bis jetzt nur, daß eine Therapie offenbar dann optimal wirksam ist, wenn der :-herapeut alle drei Einstellungen - Echtheit, Akzeptieren .:nd präzises einfühlendes Verstehen - in hohem Maß ver­ wirklicht. Um diesen Abschnitt zusammenzufassen: Indem der ::;.!ient jemanden findet, der ihm mit gleichbleibend akzeptie­ �ender Haltung zuhört, während er seine Gedanken und Gefühle äußert, wird er nach und nach immer mehr fähig, !itteilungen aus seinem Innern aufzunehmen; er nimmt ::iewußt wahr, daß er wütend ist; oder daß er verängstigt ist; ]der daß er liebevolle Gefühle erlebt. Allmählich kommt er in :ie Lage, auf Gefühle in seinem Innern zu horchen, die ihm :�üher so absonderlich, so schrecklich und so bedrohlich erschienen waren, daß sie völlig von der Gewahrwerdung o.usgeschlossen waren. Während er diese verborgenen und schrecklichen« Aspekte von sich enthüllt, merkt er, daß die Zuwendung des Therapeuten ihm gegenüber nicht nachläßt. :._-nd allmählich übernimmt er die gleiche Einstellung gegen­ .:ber sich selbst, er beginnt sich so, wie er ist, anzunehmen .:nd bereitet seinen weiteren Werdeprozeß vor. Wenn der :S:.lient schließlich so weit ist, daß ergrößere Bereiche von sich ,:ahrnehmen kann, entwickelt er immer mehr Kongruenz .:nd nähert sich dem freien, offenen Ausdruck seiner selbst o.n. Er ist zuletzt frei, sich zuverändern undin die Richtungen =u wachsen, die dem reifenden menschlichen Organismus .on Natur eigen sind. Psychotherapie ist ein Prozeß, durch den der Mensch eins -xird mit seinem Erleben, ohne Selbsttäuschung, ohneVerzer- 163
  18. 18. rung. Er kehrt auf wissende Weise zu seinem ursprünglicher: sinnenhaften und leibhaften Erleben zurück. Psychotherapie ist ein Prozeß der Erkundung der eigenen Person, den T. s. ELIOT in die Worte einfängt: »Und am Ende all unsere, Suchens werden wir dorthin gelangen, von wo wir ausgegan­ gen sind, und wir werden den Ort zum erstenmal kennen." Literatur: BARRETT-LENNARD, G. T., »Dimensions of perceived therapist respom, related to therapeutic change«, unveröffentlichte Dissertation, Un:­ versity of Chicago, 1959. DITTES, J. E., ,,Galvanic skin response as a measure of patient'sreaction :: therapist's permissiveness«, in:]. abnorm. soc. Psychol., 1957, 55. GENDLIN, E. T., »Experiencing: A variable in the process of therapeut:: change«, in Amer.]. Psychol., 1961, 15. GENDLIN, E. T., »Experiencing and the nature of concepts«, in: Ti:,­ Christian Schalar, 1963, 46. GENDLIN, E. T., »A short summary and some long predictions«, in:Xe:. Directions in Client-Centered Therapy, Hrsg.: J. T. HART u. T. '. TOMLINSON, Houghton Mifflin, Boston 1970. HALKIDES, G., »An experimental study of four conditions necessary fo: therapeutic change«, unveröffentlichte Dissertation, University c: Chicago, 1958. HART, J. T., »The development of client-centered therapy«, in: Xe:. Directions in Client-Centered Therapy, Hrsg.: J. T. HART u. T. '. TOMLINSON Houghton Mifflin, Boston 1970. RIOCH, M. u., »NIMH Pilot Project in Training Mental Hea!th Counse­ lors: Summary of first year's work 1960---61«. Mimeographisch aufge­ zeichneter Bericht. Bethesda, Maryland: National Institute ofMem;. Hea!th Adult Psychiatry Branch, undatiert. ROGERS, c. R. »The necessary and sufficient conditions of therapeut:: personality change«, in:]. consu!t. Psychol., 1957, 21,95. ROGERS, c. R., »A theory of therapy, personality and interperson�. relationships as developed in the client-centered framework«, ir. Psychology: A Study ofScience, Bd. III, Formulations ofthe Person a,:; the Social Context, Hrsg.: s. KOCH, McGraw Hili, New York 1959 ROGERS, c. R., On Becoming a Person. Houghton Mifflin, Boston 196'. Dt. Ausg.: Entwicklung der Persönlichkeit. Klett, Stuttgart 1973. ROGERS, c. R., »The process equation of psychotherapy«, in: Amer. Psychotherapy, 1961, 15, 27. SEEMAN, J., »A study of thc proccss of nondirective therapy«, in: consult Psvchol., 1949, 13. SEEMAN, J., 0 »Counselor judgements of therapeutic process and ot::­ come«, in:Psychotherapy and Personality Change, Hrsg : c. R. ROGEE' u. R.F. DYMOND University of Chicago Press, Chicago 1954. 164 ',YDER, w. c., »An investigationofthenatureofnondirective psychothe­ :apy«, in:]. genet. Psychol, 1945, 33. -��-AX, c. B. u. MITCHELL, K. M., »Research on certain therapist interper­ sonal skills in relation to process and outcome«, in: Handbook of Psychotherapy and Behavior Changes, Hrsg.: A. E. BERGIN u. s. L. GARFIELD John Wiley NewYork 1971. '·" DER VEEN, F., »Client perception of therapist conditions as a factor in ?sychotherapy«, in: Neu: Directions in Client-Centered Therapy, :---lrsg.:J. T. HART u. T. M. TOMLINSON, Houghton Mifflin, Boston 1970. 165

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