Krimi                                                   Olaf KolbrückIn einem beschaulichen Kleingarten amStadtrand der Fi...
– Krimi
Dies ist ein Roman. Die Geschichte sowie alle handelnden Figurenund Unternehmen sind frei erfunden. Viele der Schauplätze ...
Olaf KolbrückKeine feine Gesellschaft           Verlag
ISBN 978-3-942829-24-3                1. Auflage 2012        © 2012 by fhl Verlag Leipzig UG           Alle Rechte vorbeha...
Für Annic
1. KapitelNein. Sitzen wollte sie nicht. Auch wenn sie Stehen in denvergangenen Wochen immer häufiger anstrengend fand.Abe...
Im vergangenen Jahr hatte der Baum hoffnungsvoll be­gonnen, aber nach einem plötzlichen Kälteeinbruch nur einekümmerliche ...
Rest«, hörte sie Wim Voss sagen, der sorgfältig die Stroh­matten zusammenfaltete. »Apropos gute Pflege. Was sageneigentlic...
Knapp ein Jahr hatte sie benötigt, um Voss einzukreisen,der mit Urkundenfälschung und windigen Immobilienver­trägen ein kl...
Inzwischen war Wim für sie so etwas wie der gute Onkelgeworden, an den man sich anlehnen konnte. Eine buddhis­tische Ruhe ...
immer noch aus wie kurz nach der Haftentlassung. Derbunte Farb- und Stilmix – zu einer olivgrünen Hose trug erein zitronen...
Es folgte ein langgezogenes »Eva«.   Eva stand schneller neben Wim als sie sich selbst zuge­traut hätte. Schweigend starrt...
dem hier den Rücken gekehrt. Trotzdem registrierte ein Pro­gramm in ihr alle Einzelheiten.   Der Kopf des Toten war in den...
nicht mehr fit genug für den Außendienst. Doch bevor mansie mitleidig ins Archiv oder in die deprimierende Innen­revision ...
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»Mein Gott, sehen Mordopfer immer so aus? So tot? Sozugerichtet? Es war doch Mord? Ich muss was trinken. Willstdu auch was...
»Ich hab da noch ein wenig Haschisch im Häuschen.«Wim sah Eva ein wenig schuldbewusst an.   »Wie viel?«   »Ausreichend.«  ...
Krimi                                                   Olaf KolbrückIn einem beschaulichen Kleingarten amStadtrand der Fi...
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Der Krimi von Olaf Kolbrück. Eine Leseprobe

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Keine feine gesellschaft

  1. 1. Krimi Olaf KolbrückIn einem beschaulichen Kleingarten amStadtrand der Finanzmetropole Frankfurt findetEx-Kommissarin Eva Ritter die Leiche einesInvestment-Bankers. Als eine weiteresMordopfer entdeckt wird, deutet alles auf ein Olaf KolbrückLiebesdrama in besseren Kreisen hin. Während die gesundheitlich angeschlageneErmittlerin besorgt auf die Diagnose ihrermysteriösen Erkrankung wartet, riskiert sie K EINE FEINE G ESELLSCHAFTeinen Blick hinter die Fassade der High Societyim Taunus. Ihrem ehemaligen Kollegen bei der G ESELLSCHAFTKripo Frankfurt gefällt das gar nicht. Denn ihre Recherchen führen Eva Ritter in einNetz aus Filz und Korruption. Während sich derprivate Kummer und die dunklenMachenschaften in der feinen Gesellschaft imTaunus häufen, muss Eva Ritter feststellen,dass sie mit dem Mörder womöglich mehrgemein hat, als sie je dachte. FEINE K EINE ISBN 978-3-942829-24-3 9 783942 829243 € 12,00 [D] € 12,40 [A] www.fhl-verlag.de
  2. 2. – Krimi
  3. 3. Dies ist ein Roman. Die Geschichte sowie alle handelnden Figurenund Unternehmen sind frei erfunden. Viele der Schauplätze indem Buch gibt es wirklich. Nur einmal musste der Wirklichkeitnachgeholfen werden, um zur Geschichte zur passen.Olaf Kolbrück wurde 1 in Wanne-Eickel geboren. Bereits wäh-rend des Studiums von Politik, Philosophie und Pädagogik an derUniversität Köln arbeitete er als Journalist für Tageszeitungen so-wie andere Printmedien und später als Lokalredakteur in Hildenbei Düsseldorf. Für den Kölner Handelskonzern Rewe war er meh-rere Jahre in der Unternehmenskommunikation tätig. Er verließdas Unternehmen Ende 2000, um bei Horizont in Frankfurt, eineder führenden Wirtschaftszeitschriften für Marketing, Werbungund Medien, wieder stärker journalistisch arbeiten zu können. AlsReporter schreibt er dort über Business-Themen und das Internet.Daneben betreut er den renommierten Marketing­Blog Off­the­Re­cord.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Wer­bung. Olaf Kolbrück lebt mit Frau und Katze in Eschborn beiFrankfurt. Im Taunus spielt auch sein erster Kriminalroman, derim fhl Verlag erscheint.
  4. 4. Olaf KolbrückKeine feine Gesellschaft Verlag
  5. 5. ISBN 978-3-942829-24-3 1. Auflage 2012 © 2012 by fhl Verlag Leipzig UG Alle Rechte vorbehalten. Lektorat: Anne Geißler Titelbild: zabalotta/photocases.com Satz: fhl Verlag Leipzig UG Druck Bindung: Standartu spaustuve, EUEin Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern zu: fhl Verlag Leipzig UG Gerichtsweg 28 04103 Leipzig www.fhl-verlag.de kontakt@fhl-verlag.de
  6. 6. Für Annic
  7. 7. 1. KapitelNein. Sitzen wollte sie nicht. Auch wenn sie Stehen in denvergangenen Wochen immer häufiger anstrengend fand.Aber von dieser niedrigen Bank, die aussah, als sei sie vonZwergen aus alten Bonsai-Stämmen zusammengenageltworden, wollte sie sich nicht hoch quälen. Lieber lehnte sichEva Ritter an der Ecke des Kleingartenhäuschens an, stopftedie Hände in die Taschen ihrer Jeans und sah Wim Voss da­bei zu, wie er den Stamm seines Quittenbaums aus derStrohmatte schälte. Eva Ritter fand die Einpackerei immeretwas übertrieben. Aber Wim Voss war übervorsichtig, wasdiese Quitte anging, weil er das Bäumchen aus einem Kerngezogen hatte, den ihm ein griechischer Knastkumpel ge­schenkt hatte. Wim Voss schüttelte die Matte aus. Staubkör­ner schwebten im Sonnenlicht glitzernd zu Boden und ver­schwanden im feuchten Gras wie Schneeflocken, die im Flugschmelzen. Wim räusperte sich, dann verzog sich sein buschigerSchnäuzer zu einer langen Bürste. Er lächelte. »Sie hat überlebt«, sagte er. Sein Zeigefinger deutete auf einen jungen Trieb an seinerQuitte. Wie ein stolzer Vater blickte er zu Eva hinüber. Siekam näher und sah sich das Bäumchen aus der Nähe an. »Was sagst du dazu?« »Ich sage, Quittenmarmelade passt sehr gut zum Kartof­felkuchen. Ich kann sie dir einkochen, wenn dein Baum esdiesmal tatsächlich schaffen sollte, Früchte zu tragen.«
  8. 8. Im vergangenen Jahr hatte der Baum hoffnungsvoll be­gonnen, aber nach einem plötzlichen Kälteeinbruch nur einekümmerliche Ernte eingebracht. »Quittenmus ist gut für die Verdauung und hilft gegenGicht«, sagte Wim, ohne die Bemerkung weiter zu beach­ten. »Na, Danke für den Hinweis und die charmante Andeu­tung. Da bin ich aber froh, dass du kein Ginko gepflanzthast. Das würde ich dann doch sehr persönlich nehmen.« Sie stieß ihn sanft in die Seite, um zu zeigen, dass sie ihnnur aufziehen wollte. »Ich hoffe nur, du hast ihn nicht zu früh aus seinem Win­terschutz geholt. Diese Ecke von Eschborn liegt in der Frisch­luftschneise für Frankfurt. Wenn das kalte Wetter aus demTaunus kommt, wird es auch um diese Zeit hier im Gartennoch eisig.« So kalt wie die Bilanzen der Banker in Frankfurt, dachtesie kurz, vergaß den Gedanken aber sofort wieder, als siezum Feldberg hinüber sah. Das Licht der Frühlingssonnefunkelte über dem Wald wie gespritzter Apfelwein. Zweikleine Regenwolken der letzten Nacht schoben sich wie fre­che Kinder, die heimlich einen Streich gespielt hatten, überden Platz an der Kuppe in Richtung Hintertaunus davon.Eva Ritter öffnete die braune Wildlederjacke. Auch wenn siebereits die besten Tage hinter sich hatte, war es immer nochein Fest, sie aus dem Schrank zu holen. Weg mit der Dau­nenjacke. Der Winter hing am Kleiderhaken. Frühling, neueChancen, neue Hoffnungen, dachte sie. Vielleicht, fügte siehinzu. Hauptsache kein Schnee mehr. Glätte konnte sie inihrem Zustand gar nicht mehr gebrauchen. Mit ihren ko­mischen Muskeln, die aufweichten wie Camembert in derSonne, hielt sie sich so schon mühselig genug auf den Bei­nen. Was immer der Grund dafür sein mochte. »Gutes Material und gute Pflege. Dann klappt auch der
  9. 9. Rest«, hörte sie Wim Voss sagen, der sorgfältig die Stroh­matten zusammenfaltete. »Apropos gute Pflege. Was sageneigentlich deine Ärzte? Weißt du schon Genaueres?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ärzte«, schnaubte sie. »Siehaben mir ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel geschnit­ten. Groß wie ein Fingernagel. Damit wollen sie jetzt einenGen-Test machen.« »Klingt unangenehm.« »Die Warterei im Krankenhaus ist schlimmer.« »Wie im Knast?« »Schlimmer, du weißt ja nicht, wie lange du absitzenmusst.« »Immerhin musstest du nicht zum Essen bleiben. Kran­kenhauskost dürfte in etwa auf dem Niveau der Küche imKnast sein.« »Sie hätten mich allerdings gerne dort behalten. Sie fin­den mich ungeheuer interessant – als medizinischen Fall na­türlich, weil diese Krankheit kein Mensch zu kennen scheint.Erst müssen sie sich ganz schön zusammenreißen, um nichtvor Freude in die Hände zu klatschen, aber kurz darauf trittbei ihnen eine geistige Lähmung ein und sie stottern nurherum, als sei ich eine Außerirdische.« Sie lachten. Manchmal fühlte sie sich wirklich, als kommesie von einem anderen Planeten. Einem mit weniger Schwer­kraft. In diesen Momenten schaute sie bei Wim Voss vorbei.Vielleicht um sich Mut zu machen, weil er sich von ganzunten wieder hochgekrabbelt hatte. Vor beinahe 10 Jahrenhatte sie ihn verhaftet. Es war ein Aufsehen erregender Fallgewesen. Er hatte ihr karrieretechnisch einige Punkte einge­bracht, weil der Polizeipräsident nach der Verhaftung eineZeit lang eine mächtig gute Presse bekam. Dafür hattenschon einige Verleger in der Region gesorgt, die allesamt aufVoss hereingefallen waren. Also feierten sie den Polizeiprä­sidenten in ihren Blättern als den standesgemäßen Rächer.
  10. 10. Knapp ein Jahr hatte sie benötigt, um Voss einzukreisen,der mit Urkundenfälschung und windigen Immobilienver­trägen ein kleines Vermögen zusammenergaunert hatte unddann mit wilden Partys im Frankfurter Westend das Geldschneller ausgab, als er Verträge für abbruchreife Immobili­en unterschreiben konnte, die er dann mit Hilfe gefälschterGutachten weiterschob und dafür auch noch satte Subventi­onen kassierte, weil es ihm regelmäßig gelang, einen förde­rungswürdigen Sanierungszweck zu konstruieren. Voss wardamals bekannt wie ein bunter Hund und tauchte regelmä­ßig in den Klatschspalten im Lokalteil auf. Nur fand sich nieein Fetzen Papier, mit dem seine Machenschaften nachge­wiesen werden konnten. Stets war es ein Subunternehmenoder eine Briefkastenfirma in Liechtenstein, an der die Spurendete. Als Eva Ritter ihn schließlich doch schnappte, aus­gerech­net über den Umweg eines EU-Subventionsbetrugs,den man in Brüssel als Randnotiz abheftete, schien er ihrfast dankbar zu sein. Wie ein müder Zwerg Alberich hattesich der korpulente kleine Mann mit dem Schnäuzer nachdem Urteil von ihr verabschiedet und mit hängenden Schul­tern lediglich um Blumensamen und einen Topf Erde fürseine Zelle gebeten. Damals hatte er sich noch in der Haft um einen Platz inder Kleingartenkolonie beworben. Er konnte ja warten. Ewig her, das alles. Beim Metzger an der Hauptstraße hatten sie sich Jahrespäter wiedergetroffen. Sie hatten sich sofort verstanden.Wim Voss hatte Unmengen Fleisch eingekauft. Sie fand dassehr sympathisch. Er hatte sie zum Grillen in seinem Klein­garten eingeladen. Sie war gekommen. Teils aus Neugier,teils weil er so verändert wirkte. Keine Spur vom einstigenSchlawiner und Partylöwen. Kein Rachegefühl. Stattdessengelöst, als sei er froh, dass ihm das Leben eine neue Chancegegeben hatte. 10
  11. 11. Inzwischen war Wim für sie so etwas wie der gute Onkelgeworden, an den man sich anlehnen konnte. Eine buddhis­tische Ruhe ging von ihm aus. Er hatte mit seiner abgeklär­ten, lächelnden Art eher etwas Mönchisches. Bis auf dasFleisch natürlich. Nur seine listigen Augen erinnerten daran, dass er auchetwas von einem Gauner hatte. Ein alter Seebär, der alleWinde kannte, mitten auf hoher See den Kurs gewechselthatte und nun mit dem Wind im Rücken segelte. In diesemBild war sie die Mannschaft, die ihm voller Vertrauen folgte.»Zeit, die Ausrüstung klar zu machen«, sagte er. Beinahe federnd, so sehr das sein Übergewicht zuließ,ging er an Eva vorbei zur Gartenbox, die in einer Ecke desGrundstücks von zwei Apfelbäumen eingerahmt wurde. Wim Voss zog einen hölzernen Stab aus der Sicherheits­verankerung, die verhindern sollte, dass der Deckel vomWind hochgehoben wurde. »Wann kaufst du endlich mal ein Schloss dafür? DerPlunder darin muss doch hunderte Euro wert sein«, warf sieihm hinterher. »Ach, Eva, immer so misstrauisch. Kleingärtner sind ehr­liche Menschen. Wer soll denn da was klauen? Sie habenSchippen und Scheren doch selbst. Und einen Rasenmäherschleppt so schnell keiner weg.« Was so nicht ganz stimmte, wusste Eva. Die Kleinkrimi­nalität im Speckgürtel rund um Frankfurt wurde zuneh­mend zu einem Problem. Wenn auch vor allem für dieGrundstücksspekulanten. Die Autodiebstähle und Woh­nungseinbrüche drückten auf die Preise. Die stiegen zwarimmer noch. Aber nicht so schnell, wie sich das manch einerwohl erhoffte. Wim dürfte indes von den Kleinkriminellenunbehelligt bleiben. Er sah nicht aus wie jemand, bei demetwas zu holen war. In seiner Kleidung, die selbst bei derAltkleidersammlung noch aussortiert worden wäre, sah er 11
  12. 12. immer noch aus wie kurz nach der Haftentlassung. Derbunte Farb- und Stilmix – zu einer olivgrünen Hose trug erein zitronengelbes Hemd mit grünen Querstreifen – ließ ihnzusammen mit seiner vorgeschobenen Wampe aussehenwie ein Clown im Varieté. Ein zu kurz geratener Clown.Voss war einen Kopf kleiner als Eva. »Ich habe mich lange genug mit solchen Oberflächlich­keiten abgegeben, die einem nur Zeit stehlen«, hielt er gernejenen vor, die ihn deshalb schräg ansahen. Sein altes Lebensei Teil seiner Karma-Prüfung gewesen. Das habe er hintersich gelassen. Nun sei er hier, um sein Karma zu reinigen. Soredete er jedoch nur im Kleingarten, was aber auch daranliegen konnte, dass er überall in den Beeten und jeder denk­baren Ecke und Nische seines Refugiums Buddha-Figurenaufgestellt hatte, die nun wie fernöstliche Gartenzwerge vorsich hin meditierten. Sie hatten zudem für Verdruss gesorgt,weil eines Tages der Kleingartenvorstand bei ihm am Zaunstand und seine Buddha-Figuren als unpassend für eineKleingartenanlage deklarierte, weil sie zu sehr nach reli­giösem Veranstaltungsort aussahen. Wim Voss war derSchreck in die Glieder gefahren. Der Vorstand galt als klein­lich. Sein Glück war, dass die Herren trotz aller Mühen kei­ne Stelle in der Kleingartensatzung finden konnten, die sichgegen Buddhas im Beet und andere Figurendarstellungenwandte. Die Buddhas konnten bleiben. Er sammelte aber keine Karmapunkte, wenn es um seineGartengerätschaften ging. Da war er ein Snob. Nur vomFeinsten. Einige Zangen hatte er sich für seine Zwergenhän­de sogar eigens anfertigen lassen. Wahrscheinlich war esalso eher eine Abneigung gegen Schlösser. Was nicht so ganzunverständlich wäre, dachte Eva. Sie hörte, wie er schwungvoll den Deckel der Holzbox an­hob. Es gab ein langes, seufzendes Knarren, als sei der Win­ter soeben aus seinem letzten Versteck vertrieben wor­den. 12
  13. 13. Es folgte ein langgezogenes »Eva«. Eva stand schneller neben Wim als sie sich selbst zuge­traut hätte. Schweigend starrten sie in die Box. Die Gerät­schaften waren durcheinander gefallen wie ein morscherHaufen Mikado-Stäbe. Darauf lag mit verrenkten Gliederneine Leiche, die in Anzug und Krawatte selbst unter ande­renUmständen einen eigenartigen Kontrast zur Umgebung desKleingartens geboten hätte. Der Körper des Mannes, Eva schätzte ihn auf Mitte 30, lagdort wie ein zusammengekauertes Kätzchen, das jemandauf den Sperrmüll geworfen hatte. Ein Schuh war offenbarverloren gegangen. Am linken Fuß sah Eva nur eine schwar­ze Socke. Zwischen den angewinkelten Beinen ragte ein Re­chen heraus. Die Aufschläge des Sakkos, offensichtlich einegute Qualität, hingen schlaff zu Seite. Ein Knopf fehlte. DieArme waren seltsam hinter dem Kopf verwinkelt. Die Lagehatte selbst im Tod noch etwas Unbequemes. Voss drehte sich angeekelt zur Seite und brummte etwasUnverständliches. Er ging hustend ein paar Schritte zurück.»Und so was kannst du dir in aller Ruhe ansehen?« Natürlich. Dieses alberne Klischee, dass Kommissare im­mer wieder Probleme beim Anblick von Mordopfern hätten.Solche Kommissare gab es nur in Vorabendserien. Leichenwaren für sie und ihre Kollegen genauso Routine wie Ak­tenordner für einen Buchhalter. Solange der Tote nicht seitMonaten in einer Wohnung ausdünstete, war das eigent­liche Grauen eher der Blick auf die Banalität des Bösen. DerBlick in die Seelen der Mörder, deren Tat manchmal eingequälter Ausbruchsversuch war, ein Hilferuf, für den EvaRitter zuweilen sogar so etwas wie Verständnis aufbrachte. Sie sagte nichts und scannte die Leiche weiter mit einemroutinierten Blick, stets auf der Suche nach verräterischenDetails. Sie machte das automatisch, wie sie sich mit wach­sender schlechter Laune eingestand. Schließlich hatte sie all 13
  14. 14. dem hier den Rücken gekehrt. Trotzdem registrierte ein Pro­gramm in ihr alle Einzelheiten. Der Kopf des Toten war in den Nacken gefallen undschien ein an den Rand gelehntes Stück Kaninchendraht an­zustarren. Die Gesichtsfarbe erinnerte Eva an vertrocknetenFisch. Das Gesicht war blutverschmiert. Dem Aussehen nachzu urteilen lag der Mann noch nicht lange da. Sie starrteweiter in die Box hinein. Das Blut wirkte leicht klebrig. DieZüge des Gesichts kamen ihr bekannt vor. »Ich kommeschon noch darauf.« Neben ihr verlor Wim für einen Mo­ment seinen Gleichmut und keifte wie eine Amsel, die manvor einen Katzenkorb gebunden hatte. »Scheiße. Scheiße.Scheiße.« Eva war bereit, ihm Recht zu geben. Auch wenn sie derAnblick nicht ekelte. Sie wollte einfach keine Leichen mehrsehen. Mordopfer hatten immer etwas Unwürdiges. Der ge­waltsame Tod war unwürdig. Der Ermordete war aus derBewegung herausgerissen und der letzte Gedanke in einemMoment der Überraschung eingefroren, die flüchtende See­le hinterließ stets einen Fußtritt auf dem Gesicht, wenn siesich aus dem Körper herauswand. »Ich hab da nichts mit zu tun. Wer hat mir den bloß darein gelegt? So was kann man doch nicht machen.« »Mörder sind da nie sehr wählerisch. Nicht, wenn sie eseilig haben. Rücksichtsvoll sind sie auch nicht. Sie nehmenkeine Rücksicht auf unsere Pläne. Das haben sie mit demSchicksal gemeinsam.« Vor drei Monaten hatte sie den Dienst als Kriminalober­kommissarin quittiert. Ihr war schon das ganze Jahr klar ge­wesen, dass ihre Muskeln nicht mehr so richtig mitspielten.Sie war langsam geworden. Das Training schwänzte sie,weil sie dabei eine immer erbärmlichere Figur machte. Auchwenn sie vor möglichen Ursachen die Augen verschloss,waren ihr dennoch die Konsequenzen klar gewesen. Sie war 14
  15. 15. nicht mehr fit genug für den Außendienst. Doch bevor mansie mitleidig ins Archiv oder in die deprimierende Innen­revision steckte, weil sie eines Tages selbst für einen flüch­tigen Rentner an Krücken zu langsam sein würde, hatte sielieber frühzeitig die Konsequenzen gezogen. Sie hatte sich auf halbwegs geregelte Arbeitszeiten in ih­rem neuen Job bei der Wirtschaftsberatung Roger Bergerals Risk Management Consulter gefreut und darauf, niewieder prüfend vor einer Leiche zu kauern. Obwohl es auchbei Roger Berger und deren Kunden Leichen gab. Kartei­leichen, Leichen im Keller, und Geschäftspartner von Ge­schäftspartnern, die so leblos waren, dass sie wahrscheinlichschon tot geboren worden waren. Und wenn sie ein Lebens­zeichen von sich gaben, war ihr Lächeln so frisch, wie drei­mal chemisch gereinigte Kochwäsche. Aber dafür waren diese Manager auch immer wiederüberrascht wie kleine Kinder, wenn sie ihnen klar machte,dass es neben den üblichen Foulspielen auch den immerweiter wachsenden Risikofaktor Wirtschaftskriminalitätund Wirtschaftsspionage gab. Neben der Überprüfung derLebensläufe wichtiger künftiger Mitarbeiter und der Sicher­heitsmaßnahmen war es vor allem ihr Job, dem Manage­ment klar zu machen, wie sich das Unternehmen präventivgegen Spionage und Sicherheitsrisiken wappnen konnteund wie der Vorstand bei der Ermittlung strafbarer Hand­lungen vorgehen musste. Und es machte sogar Spaß, weilalle an Ergebnissen interessiert waren und nicht bürokra­tisch nach Kosten oder Formularen fragten. Mit solchen Leuten konnte man umgehen. Auch wenn ihrdiese Manager sonst häufig vorkamen, wie mit der Schablo­ne gepresst. Blasse Gestalten, die funktionierten wie pro­grammiert. Aber der Umgang mit ihnen war ihr inzwischenlieber, als fragend in die kalten Augen einer Leiche zu star­ren, die ihr immer wie umgedrehte Fragezeichen erschie­ 15
  16. 16. nen. Sie hatte gehofft, dass sie nie wieder versuchen müsste,aus diesem letzten Ausdruck die Erinnerung an den Mörderherauszulesen. Das Schicksal hatte es offenbar anders ge­meint. Sie würde dem Schicksal nicht aus dem Weg gehen.Das tat sie nie. »Jemand muss die Polizei rufen. Zu blöd, dass du nichtmehr im Dienst bist. Ich war das nicht. Ich hab damit nichtszu tun!« Voss wurde immer aufgeregter. »Ganz ruhig. Und nichts mehr anfassen.« »Ich bewege mich doch schon gar nicht mehr.« Was sachlich nicht völlig korrekt war, wie sie bemerkte.Er zitterte. Eva seufzte kurz Richtung Feldberg, vor dem ge­rade zwei Krähen vorüberzogen, um sich auf dem Feld ne­ben der Kleingartenanlage niederzulassen. Sie wusste, wenn sie länger über die Situation nachdachte,würde sie richtig sauer werden. Falsch. Sie war es schon.Natürlich sollte sie diese Leiche nicht persönlich nehmen.Zufall. Niemand hatte die Leiche dort deponiert, damit ge­nau sie sie fand. Trotzdem. Sie nahm es persönlich. Sie warhier. Die Leiche lag dort in der Box und sie würde den Mör­der finden. Das würde sie sich nicht gefallen lassen. ImKleingarten ihrer Freunde und in ihrer Nachbarschaft, ge­wissermaßen vor der Haustür, legte niemand eine Leicheab. Jedenfalls niemand, dem sie nun nicht lebenslänglichZeit dafür verschaffen würde, über seinen Fehler nachzu­denken. Sie hakte eine Hand unter den Ellbogen von Wim undzog ihn mit kleinen Schritten rückwärts langsam von derBox und der Leiche weg. Als sie die Steinterrasse vor derLaube unter den Schuhen spürte, hielt sie an und ließ ihnlos. Neben ihr atmete Voss tief durch. Für jemanden mit seiner Vergangenheit, stellte er sich ih­rer Meinung nach extrem wehleidig an. Männer. Weiterdachte sie den Gedanken nicht. 16
  17. 17. »Mein Gott, sehen Mordopfer immer so aus? So tot? Sozugerichtet? Es war doch Mord? Ich muss was trinken. Willstdu auch was trinken?« Die Fragen stolperten Wim Voss regelrecht über die Lip­pen. »Freiwillig ist er bestimmt nicht da hinein geklettert.« Sie sah wie Wim zusammenzuckte, während er in dieHütte schlurfte, um sich etwas zu trinken zu holen. »Und dieser Tote sieht sogar noch passabel und vorzeig­bar aus«, rief sie ihm hinterher. »Jedenfalls bis er die Obduk­tion hinter sich hat«, fügte sie mehr zu sich selbst hinzu. »Was sagtest du?« Voss reichte ihr eine Cola. »Nicht wichtig. Schnapp dir dein Handy. Du musst meineEx-Kollegen anrufen.« Sein Dackelblick sagte: »Kannst du?« Eva nickte, kramte nach dem Handy in ihrer Jackentascheund sah hinüber zu den Krähen auf dem Feld. »Bin ich denn jetzt verdächtig? Ich war es nicht. Ich habihn nicht umgebracht und auch nicht da hineingelegt. Ichkenne den Knaben nicht einmal.« »Ich kenne ihn aber. Und ich wundere mich, wie derMensch hier her kommt und was er in dieser Anlage wollte.Mit Tulpenzwiebeln hatte er nichts am Hut.« Das Telefonat war kaum beendet, da spürte Eva, dassWim ein wenig herumdruckste. »Da wäre noch was«, sagte er. »Erzähl schon«. »Deine Kollegen werden doch sicher so etwas wie eineHausdurchsuchung in der Bude hier machen. Womöglichnehmen sie mich auch für ein Protokoll auf die Wache?« »Man nennt das Routine«. Es sollte ein Witz sein, dochVoss lachte nicht. »Wo ist das Problem?« 17
  18. 18. »Ich hab da noch ein wenig Haschisch im Häuschen.«Wim sah Eva ein wenig schuldbewusst an. »Wie viel?« »Ausreichend.« »Wofür?« »Ein Jahr mindestens.« »Ein Jahr Knast?« »Das weiß ich nicht. Die Menge reicht bis Ende des Jah­res. Ich kaufe immer in einem Schwung. Alles andere ist mirzu lästig. Aber natürlich nur für den Eigenbedarf.« SeinBlick war eine Mischung aus Schalk und ehrlichem Flehen. Eva war nun klar, worauf er hinaus wollte. »Du hast Angst, dass dein kleines Hasch-Depot auffliegt.Und du meinst, ich solle dein Haschisch an mich nehmen,weil die Kollegen mich wohl kaum filzen werden.« Wim nickte eifrig und sein Schnäuzer wippte dabei syn­chron mit dem vorgeschobenen Bauch und gab ihm eine ge­wisse Ähnlichkeit mit einer Robbe, die mit aufforderndemKopfwackeln auf Fisch hofft. »Ich dachte immer, deine buddhistische Ruhe hat alleinnatürliche Ursachen.« »Hat sie auch. Aber auch der Dalai Lama hat bestimmt soseine kleinen Schwächen. Außerdem trinke ich keinen Alko­hol, wie du weißt. So gleicht sich alles wieder aus.« »Bring schon her. Ich stecke es ein. Die Kollegen würdenam Ende nur Haschkekse daraus machen, wenn sie die lau­sigen konfiszierten paar Tütchen mal wieder an der Vernich­tung vorbeischleusen.« Sie spürte, wie Wim sie zweifelnd anschaute. »Ja, was dachtest du denn? Da arbeiten doch keine Chor­knaben. Wenn sie ein paar harmlose Gramm ohne Aufsehenabzweigen können, wird damit die nächste Feierabendsausegesponsert.« 18
  19. 19. Krimi Olaf KolbrückIn einem beschaulichen Kleingarten amStadtrand der Finanzmetropole Frankfurt findetEx-Kommissarin Eva Ritter die Leiche einesInvestment-Bankers. Als eine weiteresMordopfer entdeckt wird, deutet alles auf ein Olaf KolbrückLiebesdrama in besseren Kreisen hin. Während die gesundheitlich angeschlageneErmittlerin besorgt auf die Diagnose ihrermysteriösen Erkrankung wartet, riskiert sie K EINE FEINE G ESELLSCHAFTeinen Blick hinter die Fassade der High Societyim Taunus. Ihrem ehemaligen Kollegen bei der G ESELLSCHAFTKripo Frankfurt gefällt das gar nicht. Denn ihre Recherchen führen Eva Ritter in einNetz aus Filz und Korruption. Während sich derprivate Kummer und die dunklenMachenschaften in der feinen Gesellschaft imTaunus häufen, muss Eva Ritter feststellen,dass sie mit dem Mörder womöglich mehrgemein hat, als sie je dachte. FEINE K EINE ISBN 978-3-942829-24-3 9 783942 829243 € 12,00 [D] € 12,40 [A] www.fhl-verlag.de

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